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Konsequent auf Kurs

Seit 2009 gibt es mit Hamburg Energie wieder einen städtischen Versorger. Ziel war und ist eine nachhaltige Versorgung. Der Weg ist weit, doch es gibt Projekte, die den Weg ebnen. Wir schauen sie uns an

Text: Andreas Daebeler

Hamburg lebt. Die Stadt ist laut, wuselig, kreativ und mobil. Eine pulsierende Metropole, in der gefahren, gebaut und entwickelt wird. Dafür braucht es Energie. Viel. An der Elbe sorgt seit 2009 wieder ein städtischer Versorger für Power: Hamburg Energie.

Das Unternehmen spielt eine tragende Rolle bei der angestrebten Klimawende. Zusammen mit Podcaster Frits vom Deep Dive Club aus Eimsbüttel und Hamburg-Energie-Kollegen Oliver begeben wir uns auf einen Streifzug quer durch Hamburg. Auf der Suche nach grünen Technologien. Unser Trip beginnt nicht von ungefähr am Elbstrand.

Windenergie hat sich bewährt

Denn direkt an Hamburgs Lebensader hat man nicht nur einen schönen Blick auf den Hafen, sondern kann sich auch von dem überzeugen, worauf Hamburg Energie in Sachen Nachhaltigkeit unter anderem setzt. In Sichtweite auf der anderen Uferseite drehen sich jede Menge Windräder, deren Anzahl in den vergangenen Jahren gewachsen ist. „Wir machen Ökostrom aus der steifen Brise, die uns im Norden ja häufig um die Nase weht“, sagt Olli. „In mehr als 20 Anlagen wird der größte Teil unseres regionalen Ökostroms erzeugt.“

Die Nutzung von Wind sei eine der ältesten Formen der Energiegewinnung. Schon seit Jahrtausenden nutze der Mensch diese ursprüngliche Kraft der Natur, um seine Arbeit zu erleichtern. Das Grundprinzip der Stromerzeugung in einem modernen Windrad sieht heute wie folgt aus: Der Wind setzt die Rotorblätter in Bewegung. Die Drehung erzeugt mechanisch Energie, die von einem Generator im Windrad in Strom umgewandelt wird.

Innovative Biogas-Produktion

Hamburg Energie nehme die Herausforderungen des globalen Klimawandels ernst, so Olli. Das zeigten auch die vielen Solaranlagen auf den Dächern der Stadt, zum Beispiel auf dem Schuppen 52 oder dem Energieberg Georgswerder.

Wenn es ums Gas geht, ist auf unserer Tour ebenfalls einiges zu entdecken. Etwa auf dem Gelände des Klärwerks von Hamburg Wasser. Dort entsteht das städtische Biogas. Bakterien produzieren in großen, weithin sichtbaren Faultürmen aus dem Klärschlamm das Biogas, um es aufbereitet ins Hamburger Gasnetz einzuspeisen. „Dass wir besonders in Städten mit unseren Ressourcen sparsam umgehen sollten, hat einen einfachen Grund: Metropolregionen wachsen, und das nicht zu knapp“, erklärt Olli seinem Podcaster-Kollegen Frits. Hamburg bilde da keine Ausnahme. Und der Trend bringe viele Herausforderungen mit sich: „Vor allem für die Umwelt, denn natürlich haben sich unsere Ressourcen diesen Wachstumstrends nicht auf wundersame Weise angepasst. Umso wichtiger ist es uns, die Energiewende im Norden voranzutreiben und vor Ort neue kreative und innovative Wege zu beschreiten.“

E-Mobilität mit Ökostrom

Wir verlassen den Fluss, denn nicht nur dort ist Energiewende sichtbar. Überall in der Stadt verteilt stehen mehr als 500 Ladesäulen, an denen zwei Elektrofahrzeuge gleichzeitig Strom tanken können – macht mehr als 1.000 Ladepunkte. Hamburg Energie speist sie alle mit 100 Prozent Ökostrom – ganz unabhängig davon, über welches System oder welchen Anbieter der Fahrzeugbesitzer tankt und bezahlt. Ziel sei es, so Olli, sicherzustellen, dass Elektromobilität in der Hansestadt wirklich emissionsfrei funktioniere und die Elektroautos einen echten Umweltnutzen böten.

Vom Schutzbunker zum Wärmekraftwerk

Unsere Reise durch Hamburg endet in Wilhelmsburg am Energiebunker. Der Bau in der Neuhöfer Straße hat nicht nur eine lange Geschichte als Mahnmal des Zweiten Weltkrieges. Der ehemalige Flakturm ist heute ein ökologisches Wärmekraftwerk für nahe Wohnquartiere. Wo die Menschen einst Schutz vor dem Krieg gesucht haben, steht heute ein riesiger Wassertank, der als Pufferspeicher dient. Verschiedene regenerative Energiequellen speisen den ganzen Tag über ihre Wärme in den Speicher ein. Über das Nahwärmenetz gelangt diese dann in die umliegenden Haushalte. Das macht die Öl-, Gas- und Stromheizungen in den einzelnen Wohnungen und Häusern überflüssig und spart so CO2.


SZENE HAMBURG Nachhaltigkeit 1/2021

“So weit ist Hamburg!”

  • Klimaziele
  • Solarenergie
  • Umweltschulen
  • Holzhäuser
  • Solidarität
  • Mobilitätswende
  • Luftqualität
  • E-Mobilität
  • Bildung
  • Gerechtigkeit
  • Protest
  • Regionalität

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Solartechnik, Windräder, Biogas – nachhaltige Ansätze gibt es genug, wenn es um Energie geht. Dass es trotzdem in Hamburg noch viel zu tun gibt, wenn Klimaneutralität erreicht werden soll, zeigt ein Blick auf Zahlen von 2019. Von den 9,1 Megawattstunden Strom, die in dem Jahr vor Corona insgesamt erzeugt wurden, stammten mit 8,4 Millionen Megawattstunden immer noch mehr als 90 Prozent aus fossilen Energieträgern. Gerade mal 0,6 Millionen Megawattstunden wurden laut Statistikamt Nord aus erneuerbaren Energien gewonnen. Die gute Nachricht ist, dass das gut vier Prozent mehr waren als noch ein Jahr zuvor. Es geht also voran.

Podcaster Frits vom Deep Dive Club (r.) und Oliver Marcus Hollwedel von Hamburg Energie (Foto: Hamburg Energie)

Der Frits.Boxx Podcast

Wie einfach Klimaschutz sein kann, was Verbraucher selbst für mehr Umweltschutz tun können und alle Details zur Energiewende locker und unterhaltsam aufbereitet, gibt es in der neuesten Folge des Podcasts Frits.Boxx. Wer sich zusammen mit Frits und seinen Gästen auf den Streifzug quer durch Hamburg begeben möchte, findet ihn ganz einfach online:

hamburgenergie.de/fritsboxx


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„Es geht um das Verantwortungsbewusstsein“

Mittlerweile setzen etliche Hamburger Firmen, Start-ups und Solo-Selbstständige auf nachhaltige Arbeit. SZENE HAMBURG porträtiert noch bis Ende März 2022 Menschen, deren Jobs besonders zukunftsorientiert sind. Heute: Nadine Herbrich von recyclehero

Text: Sarah Seitz

Nadine Herbrich ist Geschäftsführerin von recyclehero, Deutschlands erstem Recycling-Abholservice. Mit ihrem Impact Start-up will sie nicht nur etwas für die Umwelt tun, sondern die Gesellschaft verändern.

Die 16-jährige Nadine Herbrich hätte gut in die heutige Fridaysfor-Future-Generation gepasst. Veganismus, Tier- und Umweltschutz sind schon seit ihren Teenager-Tagen wichtige Themen für die gebürtige Braunschweigerin. Heute, 20 Jahre später, sind ihr Hund Viko und ihr Impact Start-up recyclehero die besten Beweise, dass sich daran nichts geändert hat. Viko rettete sie aus Griechenland. recyclehero gründete sie in der WG-Küche.

Abholservice für recyclebare Wertstoffe

Seit 2020 bieten sie und Mitgründer Alessandro Cocco mit recyclehero Deutschlands ersten nachhaltigen und sozialen Abholservice für recyclebare Wertstoffe an. Die Heroes entsorgen Altglas, Papiermüll, Pfand und Altkleider von Privathaushalten, Restaurants, Büros und Shops in Hamburg. „Wir wollen es den Menschen, egal ob privat oder im Gewerbe, erleichtern ihre Wertstoffe dahin zu bringen, wo sie hingehören – nämlich in den Recycling-Kreislauf “, erklärt Nadine. Statt ein Geschäftsmodell aufzubauen und es danach grün anzustreichen, ist der hohe nachhaltige Anspruch des Gründer-Teams von Beginn an fest im Unternehmenszweck verankert. Das bedeutet: nachhaltig handeln, wo es nur geht – über das Recyclen hinaus.

Für den klimafreundlichen Transport der Wertstoffe sorgen E-Lastenräder. Um gegen soziale Ungleichheiten anzugehen, stecken die Heroes einen Teil der Pfandeinnahmen in soziale Projekte für Obdachlose oder bieten Geflüchteten und Langzeitarbeitslosen einen niedrigschwelligen Zugang zum Arbeitsmarkt. „Es geht um das Verantwortungsbewusstsein als Unternehmen zu sagen: Wir haben damit eine gewisse Wirkung, eine gewisse Strahlkraft. Und in diesem Rahmen sollte jeder versuchen, einen Beitrag zu leisten, um die Gesellschaft zu verändern und einen positiven Effekt auf die Umwelt zu haben“, sagt Nadine.

„Ich bringe Sachen gerne voran“

Heute steht hinter recyclehero ein 20-köpfiges Team (und Bürohund Viko). Bei Nadine läuft als Geschäftsführerin alles zusammen – von Marketing über Social Media bis hin zu HR. Ihre tägliche Motivation: „Ich bringe Sachen gerne voran. Ich arbeite gern mit meinem Team zusammen und freue mich, das Ganze wachsen zu sehen und vielleicht auch andere Leute zu motivieren, selbst etwas zu bewegen.“ Nadine brennt für ihren Job. Das war nicht immer so. Nach der Schule wollte sie etwas Vernünftiges, etwas Sicheres machen. Sie studierte Immobilienwirtschaft. Eine passionierte Immobilienwirtschaftlerin sei sie allerdings nie gewesen.

„Das ist nur der Anfang“

Die folgenden sieben Jahre in der Unternehmensberatung glichen einer Art Doppelleben. „Unter der Woche, bei der Arbeit, war ich früher im Business-Outfit und am Wochenende oft auf Demos unterwegs“, erzählt sie. Die radikale Entscheidung ihr altes Leben hinter sich zu lassen, Festanstellung gegen Selbstständigkeit und Sicherheit gegen Risiko einzutauschen, verlangte ihr einiges ab. „Wenn man einmal das ,Seil‘ durchgeschnitten hat, lässt man los. Aber wenn man sowieso nicht so hundertprozentig dort hingehört hat, fügt sich der weitere Weg“, kann sie rückblickend sagen.

Ihre Entscheidung bereut sie nicht: „Verglichen mit den letzten Jahren verdiene ich jetzt definitiv weniger. Aber dafür ist mein Leben um Erfahrungen bereichert, die man mit Geld auch nicht ausgleichen kann.“ Trotz der existenziellen Unsicherheit bleibt Nadine positiv und schmiedet bereits die nächsten Pläne für recyclehero. Für die Zukunft wünscht sie sich, „dass wir als Unternehmen, als Community, auch als Recycling Family das Ganze noch weiter voran pushen und nicht nur hier in Hamburg zum Recycling Rockstar werden. Das ist nur der Anfang.“

recyclehero.de


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Nachhaltige Weihnachtsbäume

Tim Laumanns, Revierförster in Bergedorf, kümmert sich um den Anbau und den Verkauf sogenannter ökolo­gischer Weihnachtsbäume. Ein Gespräch über die umweltfreundliche Alternative, die Missstände in der Weihnachtsbaumproduktion und die Symbolkraft des Tannenbaums

Interview: Rosa Krohn

 

SZENE HAMBURG: Tim Laumanns, wann denken Sie im Jahresverlauf erstmals an Weihnachten?

Tim Laumanns: Weihnachten beginnt für diejenigen, die sich beruflich mit Weihnachtsbäumen beschäftigen, im Juni. Das ist die Zeit, in der man sich zu fragen beginnt, wie viele Weihnachtsbäume benötigt werden. Im Verlauf des Jahres müssen die Weihnachtsbäume von Menschen ausgesucht werden und entsprechend zur Ernte markiert werden. Ab August beginnt die Kreuzspinnenzeit, da möchten Sie nicht mehr durch Weihnachtsbaumkulturen schlendern. Ende August, Anfang September kommt dann in den Weihnachtsbaumkulturen außerdem extreme Feuchtigkeit hinzu. Auf den Nadeln sammelt sich sehr viel Wasser und man kann erst mittags bei gutem Wetter rein – ärgert sich dann aber auch noch über Tausende von Kreuzspinnen. Das ist unangenehm, auch für jemanden, der keine Probleme mit Spinnen hat (lacht). Insofern muss man Anfang Juni planen und bis Mitte August seine Auslese in den Kulturen getroffen haben. Verkauft wird dann im Dezember, in diesem Jahr ab dem 10.

 

Öko bedeutet viel Aufwand

 

Sie arbeiten mit Öko-Weihnachtsbäumen. Wofür genau steht bei Ihnen das „öko“?

Das „öko“ steht für verschiedene Aspekte im Anbau der Bäume. Zuerst einmal gibt es keine „Roundup“-Behandlung. Insbesondere bei den jungen Bäumen, aber auch bei älteren muss die Graskonkurrenz weg. Die jungen Bäume wachsen andernfalls nicht und bei den Älteren führt sie dazu, dass das Gras in den untersten Kranz des Baumes hineinwächst und für unschönes Nadelwachstum sorgt. Also: Das Gras muss weg. Ein Problem, das im klassischen Anbau mit Glyphosat gelöst wird.

Im ökologischen Anbau hingegen, wird das Gras entweder manuell oder durch Schafbeweidung entfernt. Ein weiterer Punkt ist die Düngung. Normalerweise wird mit Kunstdünger gearbeitet, der energieaufwendig erzeugt wird. Im biologischen Anbau wird mit Biodünger gearbeitet, wie zum Beispiel Hühnerkot. Der stammt seinerseits von biologisch gehaltenen Tieren. Eine weitere Hürde beim Anbau: Jedes Jahr bildet der Baum einen neuen, sogenannten Jahrestrieb. Wenn dieser aufgrund guter Witterungsbedingungen stark wächst, muss er im Verlauf kurzgehalten werden. Ansonsten entstehen im Laufe seines Wachstums Löcher im Baum, weil die Abstände der Astquirle zu groß werden und oben auf dem Baum eine zu lange Spitze entsteht. Also muss eine sogenannte Wuchsreduzierung vorgenommen werden. Im klassischen Anbau wird die Spitze dafür mit einem kleinen Chemikalienschwämmchen behandelt.

Und bei Ihnen ohne Chemikalien …

… genau, bei uns wird dem Baum manuell mit einer Zange eine kleine Verletzung zugefügt, damit er vorerst seine Kraft darauf verwendet, diese zu heilen und so stufig und dicht bleibt. Was uns schließlich zusätzlich vom konventionellen Weihnachtsbaumhandel unterscheidet, ist, dass wir nicht nur eine Tannenart anbieten: Neben der klassischen Nordmanntanne bieten wir die Nobilistanne, die Rotfichte, die Blaufichte und die Kiefer an. Diese „altgedienten“, schönen Weihnachtsbaumarten dürfen nicht in Vergessenheit geraten.

 

Weihnachtsbäume sind ein landwirtschaftliches Produkt

 

Tim Laumanns setzt bei Weihnachtsbäumen auf Nachhaltigkeit (Foto: privat)

Tim Laumanns setzt bei Weihnachtsbäumen auf Nachhaltigkeit (Foto: privat)

Was bedeutet dieser Anbau im Vergleich zum konventionellen Weihnachtsbaumanbau in Bezug auf Arbeitsaufwand und Kosten?

Das Aufwendige ist, die oben beschriebene Kette an ökologischen Arbeitsschritten zu gewährleisten. Angefangen bei den ökologisch gehaltenen Tieren, deren Kot wir als Dünger verwenden, bis hin zur Wuchsreduzierung, die durch entsprechendes geschultes Personal, das die Bäume kennen muss, durchgeführt werden muss. Natürlich bedeutet das erheblichen Mehraufwand und auch Mehrkosten.

Findet der gesamte Prozess in der Revierförsterei Bergedorf selbst statt?

Nein. Es gibt eine gemeinsame Försterei, in der die Weihnachtsbäume angebaut werden. Die Herkunft des Weihnachtsbaums wird aus emotionalem Grund im Wald verortet. Aber Sie müssen verstehen: Jedes Jahr werden allein in Deutschland an die 25 Millionen Bäume innerhalb von sechs Wochen benötigt. Es handelt sich also um ein hoch professionalisiertes, landwirtschaftliches Produkt. Mittlerweile ist die Nachfrage nach ökologischen Weihnachtsbäumen sogar so hoch, dass wir allein den Bedarf nicht mehr decken können. Deshalb beziehen wir den Restbedarf von einem Produzenten, der nach unseren Standards produziert.

 

Eine Tanne kostet zwischen 40 und 60 Euro

 

Sie erleben also eine steigende Nachfrage, was Öko-Weihnachtsbäume angeht. Demnach auch mehr Bewusstsein für den Klimawandel?

Ja, das glaube ich schon. Die Leute, die bei uns einen Weihnachtsbaum einkaufen, tun dies auch aus einem Nachhaltigkeitsbewusstsein heraus. Aber es spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Für viele ist das Erlebnis des Kaufs wichtig und Teil des Weihnachtszaubers. So sind sie bereit, zwischen 40 und 60 Euro für eine Tanne auszugeben. Denn der Verkauf unserer Weihnachtsbäume hat einen richtigen Eventcharakter.

Wie läuft denn der Verkauf ab?

Andere Forstwirte und ich stehen als Ansprechpartner für diverse Fragen rund um den Forst zur Verfügung. Außerdem gibt es unter normalen Bedingungen auch noch einen Weihnachtsmarkt. Da gibt es unsere regionale Wildbratwurst, dänische Waffeln, leckeren Glühwein und sogar ein großes Lagerfeuer, um das sich Klein und Groß versammeln. Dieses Jahr geht das natürlich aufgrund der Corona-Situation nicht. Der Verkauf findet zwar statt, aber die Leute müssen sich mit uns zufriedengeben. Sie können kommen und sich ihren Baum aussuchen, und wir stehen für Fragen oder einen netten Schnack zur Verfügung.

 

„Land- und Forstwirte sind die Leidtragenden“

 

Was läuft im konventionellen Weihnachtsbaumgeschäft schief?

Es läuft nichts schief. Wie beim Schweinefleisch läuft es schlicht nach Angebot und Nachfrage. Solange es Menschen gibt, die Weihnachtsbäume bedingungslos zu kleinen Preisen kaufen, wird sich immer jemand finden, der sie produziert. Den Anbietern kann man keinen Vorwurf machen, genau so wenig den Käufern, die sich vielleicht den teureren, ökologischen Baum nicht leisten können. Das Problem ist ein systematisches: Primärproduzenten wie Land- und Forstwirte können Mehrkosten, höhere Ansprüche oder Ähnliches an niemanden mehr abwälzen. Sie sind die Leidtragenden, denn sie sind vor die Tatsache gestellt, zu Dumpingpreisen ihre Ware zu produzieren.

Ich würde behaupten, keiner der konventionellen Weihnachtsbaumproduzenten möchte der Umwelt schaden. Sie sind zu der gegebenen Wirtschaftsart gezwungen und können auch nicht einfach auf einen ökologischen, deutlich teureren Anbau umsatteln, denn sie müssen sich als Unternehmer dem Markt anpassen und in der Lage sein, die nötigen Kosten zu tragen. Insofern möchte ich hier ungern die konventionellen Weihnachtsbaumproduzenten an den Pranger stellen.

 

„Der Weihnachtsbaum ist eine wichtige Tradition“

 

Halten Sie in Anbetracht der Gesamtsituation die jährliche Anschaffung eines Baumes für absurd?

Der Weihnachtsbaum gehört zu Weihnachten und ist eine ganz wichtige, alte Tradition. Er ist für mich ein Symbol des familiären Zusammenkommens. Wenn der Weihnachtsbaum fehlt, fehlt etwas in der Atmosphäre und ein Stück der Heimeligkeit. Ich gelte bei uns als der größte Weihnachtself im Haus (lacht). Mir ist es von daher total wichtig, dass die Familie zusammenkommt, die Bude voll ist und wir lecker essen und trinken und tagelang in dieser Blase gemeinsam verbringen.

Dabei spielt der Weihnachtsbaum – obgleich man damit einen Baum tötet – für uns als Gesellschaft eine essenzielle Rolle. Das Zusammenkommen an Weihnachten wird verloren gehen, wird sich nicht bewusst um den Baum versammelt. Auch deshalb will ich hier nicht die Käufer konventioneller Weihnachtsbäume verurteilen. Jeder verdient ein schönes Weihnachtsfest, und zwar mit Weihnachtsbaum. Menschen mit weniger Geld sollen ein genauso schönes, traditionsreiches Fest feiern können wie solche, die sich – zugespitzt – einen teuren Baum in ihre Villa tragen lassen können.

Was für ein Baum wird bei Ihnen zu Hause über Weihnachten stehen?

Ich habe natürlich die volle Auswahl (lacht). Wir haben schon viel ausprobiert, letztes Jahr hatten wir eine Rotfichte. Dieses Jahr wird es, glaube ich, die Nobilistanne. Sie hat genau so weiche und lang haltende Nadeln wie die Nordmanntanne. Ihre Nadeln haben eine besondere, stahlblaue Färbung und sie duftet. Die Nobilistanne wächst nicht so rund und harmonisch wie die Nordmanntanne, sie ist zackiger, robuster, ursprünglicher und in ihrer Gesamtheit wunderschön.

Revierförsterei Bergedorf


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2021. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Grüner Bauen: Nachhaltig in die Zukunft

Für eine zukunftsfähige Stadtentwicklung gewinnt ökologisches Bauen zunehmend an Bedeutung. Jan Frank Dühlmeyer hat sich genau darauf spezialisiert. Der Architekt über Chancen und Vorbehalte

Interview: Ilona Lütje

 

SZENE HAMBURG: Herr Dühlmeyer, warum haben Sie sich auf „Grünes Bauen“ spezialisiert?

Jan Frank Dühlmeyer und Marrett Rebecca Dubbels sind das Team von Grünwärts Bauen; Foto: Grünwärts

Jan Frank Dühlmeyer und Marrett Rebecca Dubbels sind das Team von Grünwärts Bauen; Foto: Grünwärts

Jan Frank Dühlmeyer: Der Weg konventionell zu bauen, wäre für uns sicherlich der deutlich einfachere und zunächst auch wirtschaftlichere gewesen. Wir lieben unseren Beruf und uns ist es sehr wichtig, dass wir in unserer Arbeit einen Sinn sehen und nachhaltige, gesunde und gute Gebäude für die Menschen und unsere Umwelt bauen. Durch unser Studium und unsere Kindheit haben wir gelernt, wie wichtig der nachhaltige Umgang mit unseren Ressourcen und unserer Umwelt ist. Wir sind überzeugt, dass der Weg des nachhaltigen und ökologischen Bauens der Weg der Zukunft ist.

Welche Rolle spielt das Thema denn überhaupt aktuell in der Baubranche?

Zunehmend eine bedeutendere Rolle. Dabei geht es in erster Linie um Gebäude mit einem sehr niedrigen Energiebedarf. Doch auch die Verwendung nachwachsender Rohstoffe sollte deutlich mehr gefordert und gefördert werden. Hamburg hat hier durch die Einführung der Holzbauförderung bereits einen sehr guten Anreiz geschaffen. Zum Thema Nachhaltigkeit gehört darüber hinaus außerdem auch die langfristige Nutzbarkeit von Gebäuden. Ein Gebäude sollte zeitlos gestaltet und entweder so klein sein, dass es von seinen Bewohnern lange genutzt werden kann oder teilbar sein, wenn sich beispielsweise die Familienkonstellation verändert, also wenn Kinder das Haus verlassen.

 

Grün bauen, wie geht das?

 

Wie lässt sich grün bauen?

Grün zu bauen, ist heute mit zahlreichen ökologischen Baustoffen, die industriell hergestellt werden, eine echte Alternative zum konventionellen Bauen. Unsere Gebäude bestehen zum Beispiel aus 30 Zentimeter starken leimfreien Massivholzwänden, einer außen liegenden Holzfaserdämmung und einer Holzfassade, Holzfenster und Holztüren sowie Massivholzdecken, die von unten sichtbar gelassen wurden. Als Trittschall­ dämmung verwenden wir Holzfaserdämmung auf den Decken und Massivholzdielen als Bodenbelag. Unsere Dächer dämmen wir mit Zellulosefasern, die aus alten Zeitungen hergestellt werden. Auf unseren Dächern befindet sich eine PV­-Anlage, die Strom für das eigene Gebäude produziert, im Gebäude speichert und verbraucht. Überschüssiger Strom wird ins öffentliche Netz eingespeist. Dadurch, dass unsere Gebäude als KfW­-40 PLUS­-Gebäude gebaut sind, benötigen sie so gut wie keine Wärmeenergie, sodass wir die wenige Wärme über Infrarotheizkörper zuführen.

Bedeutet grüner bauen auch teurer bauen?

Grüner bauen ist in der Tat etwas teurer als konventionelles Bauen. Mit unseren Gebäuden können wir jedoch, insbesondere durch sehr effiziente Grundrisse (sehr wenig Flurfläche und den Verzicht auf die Aufstellfläche einer Heizungsanalage), als echte Alternative gegenüber den Mitbewerbern bestehen. Wenn man bedenkt, dass ein Quadratmeter Wohn­fläche in Hamburg zwischen 4.500 und 8.000 Euro liegt, kann man durch diese Einsparung sehr viel erreichen.

Ist die Lebensdauer eines grünen Hauses ver- gleichbar mit der eines konventionellen Hauses?

Die Lebensdauer eines grünen Gebäudes unter­ scheidet sich in keiner Wiese von der konventio­nell gebauter Gebäude. Grüne Gebäude bieten darüber hinaus ein sehr gesundes Wohnklima, was insbesondere für heranwachsende Kinder von großer Bedeutung ist. Wenn man an den Gesamtlebenszyklus der Gebäude denkt, so ist die Entsorgung grüner Gebäude (insbesondere Massivholzgebäude) zuletzt deutlich einfacher. Die einzelnen Bauteilschichten lassen sich sehr gut voneinander trennen und als Rohstoffe weites­ gehend sortenrein wiederverwenden.

 

Der ökologische Fußabdruck

 

Die Häuser werden in massiver Holzbauweise errichtet; Foto: Grünwärts

Die Häuser werden in massiver Holzbauweise errichtet; Foto: Grünwärts

Wie wirkt sich ein grünes Haus auf meinen ökologischen Fußabdruck aus?

Zunächst erzeugt jeder Bau eines neuen Gebäudes einen Fußabdruck. Doch Wohnraum wird gebraucht, also muss gebaut werden. Wir raten unseren Kunden stets so groß wie nötig und so klein wie möglich zu bauen – damit fängt der Gedanke an! In unserem zuletzt gebauten Gebäude lebt eine fünfköpfige Familie auf 107 Quadrat­meter Wohnfläche!

Das Bauen mit Holz ist eine wunderbare Möglich­keit, beim Bauen den ökologische Fußabdruck so klein wie möglich zu halten. Holz bindet CO2 und dieses gebundene CO2 im Holz über einen langen Zeitraum zu lagern, ist die ökologischste und nachhaltigste Nutzung des Rohstoffs Holz.

Wie haben sich die Ansprüche der Bauherren in den letzten Jahren geändert?

Gerade im städtischen Raum und in unserer Generation steigt das Interesse an grünem Bauen. Unser Ansatz zugunsten von mehr Baustoff­ und Wohnqualität auf Fläche zu verzichten, findet immer mehr Anklang, dennoch liegen die Vorstellungen bei der zu bewohnenden Fläche bei vielen unserer Bauherren erst mal sehr hoch.

Was tun Sie persönlich für Ihren CO2-Abdruck?

Einen wesentlichen Beitrag für unseren eigenen ökologischen Fußabdruck sehen wir zunächst einmal in unserer eigenen Arbeit. Darüber hinaus leben und arbeiten wir selbst in einem Holzhaus. Wir ernähren uns biologisch und bauen im Sommer Gemüse im eigenen Garten an. Unsere Urlaube verbringen wir immer auf unserem alten Segelboot auf Nord­ und Ostsee. Seit vielen Jahren verzichten wir bewusst auf Flugreisen und nutzen für lange Strecken die Bahn.


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Nachhaltige Bauprojekte: Die neue Holzklasse

Zwischen HafenCity und Elbbrücken entsteht ein Wolkenkratzer aus Holz. Nicht das einzige nachhaltige Bauprojekt in Hamburg, das sich Klimaneutralität bis 2050 verordnet hat. Der Nutzung von Solarenergie kommt eine Schlüsselrolle zu

Text: Andreas Daebeler

 

Ein Wolkenkratzer aus Holz Mitten in Hamburg. Das ist kein Traum eines Waldschrats. Das nennt sich „Roots“. Und ist womöglich die Zukunft des nachhaltigen Bauens. Sa- gen jedenfalls Architekten wie Jan Störmer, der das „Roots“ entworfen hat. Ein 18-stöckiges Holzhaus, das zwischen Elbbrücken und HafenCity hochgezogen wird. 140 Millionen Euro werden investiert. Nach der für 2023 geplanten Fertigstellung soll das Gebäude für Hunderte Menschen zum Zuhause werden und etlichen Unternehmen Platz bieten. Grandioser Ausblick inklusive.

Elbside: 2023 will Vattenfall die neue Zentrale in der HafenCity; Foto: EDGE

Elbside: 2023 will Vattenfall die neue Zentrale in der HafenCity; Foto: EDGE

„,Roots‘ steht für unsere Vision, die Stadt mit dem Baustoff Holz klimaneutral nachzuverdichten“, sagt Fabian von Köppen, Geschäftsführer der für das Projekt verantwortlichen Garbe Immobilien-Projekte GmbH.

Insgesamt werden für das 65 Meter hohe „Roots“ rund 5.500 Kubikmeter Nadelholz verbaut. Ein Weltrekord, wenn es um Häuser geht. Gearbeitet wird mit kompakten Fertigteilen. Damit trage diese Bauweise nicht nur zur Reduktion des CO2 -Fußabdrucks bei, sondern begrenze auch Lärmemissionen bei der Umsetzung, so von Köppen anlässlich des Baustarts Ende 2020. „Wir möchten mit der Holzhaus-Entwicklung für die Branche vorangehen und es in zehn Jahren gemeinsam geschafft haben, dass diese Art zu bauen kein Novum mehr ist.“

 

Holz speichert CO2, bei der Herstellung von Zement entsteht Treibhausgas

 

In Sachen Ökobilanz ist die Sache klar: Der nachwachsende Rohstoff Holz speichert CO2 . Bei der Herstellung von Zement hingegen entstehen rund acht Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emissionen. Außerdem wird dafür Sand im großen Stil benötigt. Dessen Abbau gefährdet vielerorts das Ökosystem. Die nahe liegende Vermutung, dass Holzhäuser gefährlicher sind, wenn es brennt, ist übrigens falsch. Vielmehr können dicke Holzbalken bei einem Brand sogar länger stabil bleiben als etwa Stahlträger. Als problematisch gilt eher mangelnder Schallschutz. Zudem ist es immer noch teurer, mit Holz zu bauen. Und es muss sehr genau geplant werden, Änderungen erst während der Bauphase sind schwierig.

„Technisch betrachtet gehört der Holzbau in diesen Dimensionen zur Königsklasse in der Projektentwicklung“, sagt „Roots“-Projektleiter Georg Nunnemann. Es gehe darum, der Natur wieder einen größeren Raum in unseren Städten zu geben. Das geschieht in Hamburg auch andernorts. Etwa an der Daimlerstraße in Bahrenfeld, wo in einem sechsgeschossigen Hybridbau ebenfalls viel Holz zum Einsatz kommt. Das Unternehmen Vattenfall baut in der HafenCity seine neue Konzernzentrale. Auf 21.800 Quadratmetern Nutzfläche werden ab spätestens 2023 so um die 1.200 Mitarbeiter arbeiten. Das 15-geschossige Gebäude entsteht ebenfalls in Holzhybridbauweise.

 

Preisverdächtige Module werden wie Legosteine aufeinandergestapelt

 

Aus Holzmodulen wie ein Legohaus gebaut: Dafür wurde das „Woodie“ mit dem Immobilien-Oscar ausgezeichnet; Foto: Jan Bitter

Aus Holzmodulen wie ein Legohaus gebaut: Dafür wurde das „Woodie“ mit dem Immobilien-Oscar ausgezeichnet; Foto: Jan Bitter

Das weitgehend aus Holz errichtete Studentenwohnheim „Woodie“ in Wilhelmsburg gewann 2019 den Mipim Award, der als „Immobilien-Oscar“ gilt. Das siebengeschossige Gebäude wurde aus 371 Holzmodulen errichtet, die wie Legosteine aufeinandergestapelt wurden. Auch bei den Planungen für einen neuen Stadtteil auf dem Grasbrook spielt der Baustoff aus den Nutzwäldern eine wichtige Rolle. Im Koalitionsvertrag haben SPD und Grüne nachhaltiges Bauen als Ziel festgeschrieben. Bei jedem Projekt wird hinterfragt, wie Klima und Ressourcen bestmöglich geschont werden können. Das ist auch ein Ansatz, der verfolgt wird, wenn es um neue Wohnviertel geht.

Die konnten früher so richtig öde sein, mit grauem Waschbeton, winzigen Grünflächen und vor jeder Tür drei Autos. Doch Hamburg steuert um. An viele Orten im Stadtgebiet entstehen Gegenentwürfe zu Bausünden früherer Jahrzehnte. Eine wichtige Grundlage bietet das Klimaschutzgesetz, das erst Ende 2020 vom Senat noch einmal nachgeschärft wurde. Etwa wenn es um Energiegewinnung geht. Beispiel: 2023 bereits müssen auf sämtlichen Neubauten Photovoltaikanlagen zur Stromproduktion installiert werden. Der Senat erhofft sich eine Einsparung von 60.000 Tonnen CO2 bis zum Jahr 2030.

 

2026 ist für den Energieträger Heizöl Schluss

 

Und das Gesetz schreibt trotz anhaltender Proteste aus der Wohnungswirtschaft noch mehr vor. Wenn Heizungen ausgetauscht werden, müssen 15 Prozent des Energiebedarfs aus erneuerbaren Quellen stammen. Ölheizungen im Neubau sollen ab 2022 nicht mehr zulässig sein, beim Austausch bestehender Anlagen ist für den Energieträger Heizöl ab 2026 Schluss. Gebäude der öffentlichen Hand sollen in vorbildhafter Weise energieeffizient errichtet und saniert werden. „Bis spätestens 2050 soll Hamburg klimaneutral werden. Bis dahin ist es ein weiter Weg und die Herausforderungen sind groß. Aber wir gehen jetzt voran“, so Umweltsenator Jens Kerstan anlässlich der Fortschreibung des Klimaplans. Doch geht’s um Nachhaltigkeit, sind nicht nur ökologische Aspekte von Bedeutung. Vielmehr ist auch das soziale Miteinander einer der Pfeiler zukunftsorientierter Planung.

 

Soziale Nachhaltigkeit in Quartieren wird immer wichtiger

 

Zum Beispiel im Pergolenviertel, das in den vergangenen Jahren an der Grenze von Winterhude und Barmbek gewachsen ist. Dort gibt es Arkadengänge, lichtdurchflutete Innenhöfe und jede Menge Grün. Beteiligung der Bürger war von Anfang Kernthema. Sieben Hektar des Per- golenviertels hatten die Architekten für Parkflächen, Spiel- und Bolzplätze reserviert. Der Bestand an größeren Laubbäumen blieb weitgehend erhalten. Im Quartier gibt es Wohngruppen für Senioren und Menschen mit Behinderung. Sozialprojekte haben eine Heimat gefunden.

Arkadengänge, lichtdurchflutete Innenhöfe und viel Grün: Pergolenviertel; Foto: Bezirksamt Hamburg-Nord

Arkadengänge, lichtdurchflutete Innenhöfe und viel Grün: Pergolenviertel; Foto: Bezirksamt Hamburg-Nord

Die Planer verfolgten das Ziel, dass viele der 4.000 Bewohner auf ein Auto verzichten. Das Areal hat bundesweiten Modellcharakter für den Radverkehr. Vier Millionen Euro steuerte der Bund bei. „Klimaschutz durch Radverkehr“ nennt sich das Förderprogramm, das darauf setzt, in Stadtteilzentren die Lebensqualität zu verbessern und Luftverpestung einzudämmen. Auch Altonas Neue Mitte ist autoarm geplant worden. Öko-Standards haben beim Bau der Häuser eine wichtige Rolle gespielt. Allerdings gibt es auch Kritiker, die darauf hinweisen, dass der Baustoff Holz kaum eine Rolle gespielt hat. Und dass viel zu eng und lieblos geplant wurde.

Nachhaltige Stadtentwicklung muss neben den Baustoffen, die genutzt werden, viele weitere Faktoren berücksichtigen. Bezahlbarer Wohnraum ist ebenso von Bedeutung wie Diversität und Projekte, die ein Miteinander fördern. Grün und sozial soll es sein. Lärm soll vermieden werden, Teilhabe ermöglicht und ein Zusammenspiel von anspruchsvoller Architektur und energetischer Bauweise gewährleistet werden. Neue Projekte stehen bereits in den Startlöchern. Etwa im Stadtteil Groß Borstel. Dort soll auf einer Fläche von 60.000 Quadratmetern der sogenannte Petersen Park entstehen, ein Quartier mit 330 Wohnungen. Zwischen den Häusern sollen parkähnliche Grünzonen entstehen, auch die Dächer sollen begrünt werden.

Doch zurück zum gigantischen Holzhaus nahe der HafenCity. Ins „Roots“ werden nicht nur Mieter und Firmen einziehen. Sondern auch eine Ausstellung, die den ökologischen Anspruch des Projekts unterstreichen soll, wird dort eine Heimat finden. Die Deutsche Wildtier Stiftung wird Besuchern einen Einblick in die Themenfelder Natur und Artenschutz bieten. Ein Signal der Bauherren. Mehr sicher nicht. Aber vielleicht ist es ein nachhaltiges.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2021. Das Magazin ist seit dem 29. Juli 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Wie nachhaltig sind Hamburgs Kulturinstitutionen?

Statements: Was tun Hamburgs Kulturinstitutionen in Sachen Nachhaltigkeit?

Protokolle: Anna Meinke & Erik Brandt-Höge

 

Mike Keller, Markthalle Hamburg

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„Nachhaltigkeit ist für uns mehr als nur Umweltschutz. Es ist ein ganzheitlicher Ansatz – wir als Unternehmen zeigen im Spannungsfeld von Umwelt, Natur, Wirtschaft und Mensch Verantwortung. So achten wir beispielsweise auf eine nachhaltige Energieversorgung und verringern stets unsere Abfallproduktion.

Außerdem achten wir auf eine flexible Arbeitszeitgestaltung, führen regelmäßig Fortbildungen zu zukunftsrelevanten Themen mit unseren Mitarbeitenden durch und zeigen klare Haltung gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Damit können wir einen kleinen Teil zur gesellschaftlichen Transformation in Richtung Nachhaltigkeit beitragen.

Als Kulturbetrieb sind wir systemrelevant für Menschen, das sehen und spüren wir derzeit sehr deutlich. Von daher ist es nur logisch, dass wir uns als bedeutsamer Teil der Gesellschaft im Bereich Nachhaltigkeit engagieren. Kulturschaffende können mit ihrer Arbeit auf Fehlentwicklungen oder Herausforderungen in der Gesellschaft aufmerksam machen und mögliche Lösungen anregen oder begleiten.“

 

Matthias Elwardt, Zeise Kinos

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Foto: Heike Blenk

„Kino ist ein nachhaltiges Lebensmittel – und das Zeise Kino hat sich schon früh Gedanken über Nachhaltigkeit gemacht und lokale Partner gesucht. Für unseren Bio-Tee vom Hamburger Produzent Samova und unseren ‚Hey Dude‘-Biokaffee aus Ottensen nutzen wir Gläser mit Henkel. Für Wein und andere Getränke haben wir robuste 0,15-Liter-Gläser. So gibt es bei uns weder Strohhalme, noch Plastik- oder Pappbecher.

Unser Eis kommt von Luciella’s aus Hamburg, und neu ist unser Zeise-Bio-Bier mit eigenem Etikett vom Wildwuchs Brauwerk. Zudem ist unser Kino ein Ort für Filme zu sozialen und Umweltthemen, womit wir zum Nach- und Umdenken anregen wollen. Und wir kommen hier mit Filmemachern sowie lokalen Initiativen ins Gespräch.“

 

Marcel Kummerfeld, Barbarabar

„Alles, was man nachhaltig gestalten kann, ist in der Barbarabar auch nachhaltig. Und wir merken, dass das gar nicht so schwer ist: Auf der Getränkekarte steht das Bio-Bier ganz oben und schmeckt mindestens genauso gut wie ein herkömmliches Bier. Der alternativlose Bio-Wein ist nicht einmal teurer als der konventionelle Wein.

Putzmittel und Handseife ohne Mikroplastik gibt’s in jedem Supermarkt, man muss sich nur dafür entscheiden. Und die Kosten für die neu eingebauten Fenster haben wir durch eingesparte Heizkosten schon wieder rausbekommen. Eine Solaranlage auf dem Dach und Zeitschaltuhren an den Kühlschränken sorgen für ein nachhaltiges Energiemanagement.

Wir machen das aus Überzeugung. Und es zahlt sich aus: Aktuell bauen wir mit unserer neu gegründeten Firma hello sun Solarbau Photovoltaikanlagen zum Beispiel auch für umliegende Bars und andere Gewerbebetriebe – das hält uns während der Pandemie über Wasser, verbreitet den Nachhaltigkeitsgedanken und sorgt für günstige Strompreise in den Betrieben.“

 

AG Nachhaltigkeit des Thalia Theater

„Seit September 2019 widmet sich das Thalia Theater gezielt dem Thema Nachhaltigkeit. Warum? Weil gerade wir als namhafte Kulturinstitution mit mehr als 350 Festangestellten einen Beitrag leisten sollten, wollen und können! Im Rahmen von stets anfallenden Sanierungsfragen wird das Thema Nachhaltigkeit sukzessive brisanter.

Nach einer abteilungsübergreifenden Umfrage zum Ist-Stand sowie den Wünschen und Zielen, die die einzelnen Abteilungen mittel- und langfristig verfolgen, wurde dann die AG Nachhaltigkeit gegründet. In regelmäßigen Abständen treffen sich die Vertreter und Vertreterinnen der Abteilungen und erarbeiten gemeinsam, welche Maßnahmen den Betrieb im Rahmen der ökologischen Nachhaltigkeit weiterbringen, beispielsweise zu den Bereichen Gastronomie, Verkehr, Mülltrennung, Sanierungs- und Baumaßnahmen, Ausstattung und Büroarbeitsplätzen.

Durch monatliche Kampagnen sollen die Mitarbeitenden durch kleine, aber wirkungsvolle Anregungen zur Nachhaltigkeit am eigenen Arbeitsplatz selbst in die Praxis kommen.“


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2021. Das Magazin ist seit dem 29. April 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Fünf Tipps: Nachhaltig durch Hamburg

24 Stunden nachhaltig leben. Ist das überhaupt möglich? Reicht es, sich die Zähne mit der Bambuszahnbürste zu putzen? Vom Start in den Tag bis tief in die Nacht haben wir ein paar Tipps parat

 

Drauf gesch…

Das soziale Klopapier

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Foto: Gunnar Dethlefsen

Nicht nur Marteria weiß: Dieses Klopapier schont nicht nur die Umwelt, sondern tut auch noch Gutes. Denn mit den Einnahmen werden die Sanitärprojekte der Welthungerhilfe und die Arbeit von Viva con Agua, zu dessen Kosmos das gemeinnützige Unternehmen Goldeimer gehört, unterstützt.

Die Vision: #allefürklos, #klosfüralle! Denn laut der Vereinten Nationen haben weltweit mehr als 673 Millionen Menschen keinen Zugang zu Toiletten. Und weil – wie wir alle aus Lockdown-Zeiten wissen – niemand so ganz genau weiß, wie viel Klopapier er eigentlich auf Vorrat braucht, lässt sich mit dem „Kackulator“ der Bedarf bestimmen.

goldeimer.de

 

Grün durch die Stadt

Hamburg CARD Green

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Foto: Hamburg Tourismus

Ein freier Tag. Perfekt, um zu shoppen, die Stadt zu erkunden, essen zu gehen – natürlich nachhaltig. Dass sich der Städtetrip für Touristen und Hamburger nachhaltiger gestalten lässt, beweist die „Hamburg CARD Green“: Für rund 10,90 Euro am Tag können Inhaber der CARD nicht nur mit Bus, Bahn und Fähre durch die Stadt düsen, sondern bekommen bis zu 30 Prozent Rabatt auf mehr als 40 ökologisch und sozial nachhaltige Angebote (ohne ÖPNV kostet die Karte 3,90 Euro).

Die Hamburg CARD Green gibt es nur papierfrei über die App „Hamburg – Erleben & Sparen“.

hamburg-tourism.de/buchen/hamburgcard/green

 

Coffee to go mit gutem Gewissen

Pfandbecher RECUP

Die Ökobilanz beim Coffee to go zeigt, dass die damit verbundenen Einwegbecher ein Problem für die Umwelt sind: Laut einer Studie des Bundesumweltamtes werden allein in Deutschland jährlich 2,8 Milliarden Coffee-to-go-Einwegbecher verbraucht – das sind 5.300 Becher pro Minute. Das bedeutet auch: 111.000 t CO􀈴-Ausstoß, 43.000 gefällte Bäume, 40.000 t Abfall, 1,5 Milliarden Liter Wasserverbrauch, 320 Millionen kWh Strom, 3.000 Tonnen Rohöl.

Um dieser Ressourcenverschwendung langfristig entgegenzuwirken, gibt es mit RECUP ein Mehrweg-Pfandsystem, das deutschlandweit Einwegbecher durch Pfandbecher ersetzt und damit einen nachhaltigeren Konsum von Heißgetränken to go ermöglicht. Die RECUPs sind in drei Größen erhältlich und können bei jedem beliebigen RECUP-Partner zurückgegeben werden.

recup.de

 

Nachhaltiger Fußabdruck

Upcycling-Schuhe von 8Beaufort

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Wer einen möglichst CO2-neutralen Fußabdruck hinterlassen möchte, ist mit den Sneakern der Hamburger Firma 8Beaufort genau richtig. Dort werden die Schuhe aus gebrauchten Segeln und ausgemusterten Rettungswesten hergestellt. Dazu kommen naturbelassene Materialien zum Einsatz: europäisches Leder, gewachste Baumwolle und pflanzliche Gerbstoffe. Ein Modell ist komplett vegan. Erstmals ist nun auch ein Winterschuh geplant. Dessen Sohle besteht übrigens aus Plastikabfällen aus den Ozeanen. So wird aus Re- und Upcycling wortwörtlich ein Schuh.

8beaufort.hamburg
Eulenstraße 81 (Ottensen)

 

Grünes Kino

Die Filmbranche setzt auf Nachhaltigkeit

Foto: Eike Blenk

Lokales Bier von der Wildwuchs-Brauerei, Briefumschläge aus alten Plakaten und ein hochmodernes Rotationswärmetauscher-Lüftungsgerät für eine kontrollierte Be- und Entlüftung im Foyer – nur ein paar Beispiele, mit denen das Abaton seinen Nachhaltigkeitskurs unterstreicht. Denn auch in der Kinobranche ist ein schonender Umgang mit Ressourcen zunehmend Thema, weiß man bei Green Film Shooting.

Das Europäische Zentrum für Nachhaltigkeit im Medienbereich ist in enger Kooperation mit der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein (FFHSH) entstanden. Nachhaltig arbeitende Kinos werden mit dem Green-Cinema-Siegel ausgezeichnet. Auch die Hamburger Programmkinos B-Movie, 3001 und Alabama setzen auf nachhaltige Maßnahmen. Genau wie die Zeise Kinos. Dort wird ‚Hey Dude‘-Biokaffee aus Ottensen in Gläsern ausgeschenkt, es gibt Fairtrade-Schokolade, mit deren Kauf die Initiative Plant For The Planet unterstützt wird, Bio-Wein aus Gläsern und das Zeise-Bio-Bier, das aus dem lokalen Wildwuchs Brauwerk stammt. „Zudem ist unser Kino ein Ort für Filme zu sozialen und Umweltthemen, womit wir zum Nach- und Umdenken anregen wollen. Und wir kommen hier mit Filmemachern sowie lokalen Initiativen ins Gespräch“, betont Kino-Chef Matthias Elwardt.

grüneskino.de


 Sondermagazin SZENE HAMBURG NACHHALTIGKEIT, 2021. Das Magazin ist seit dem 7. Mai 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburger Klimapolitik: Auf Betriebstemperatur

Hamburg präsentiert sich gern als moderne und klimafreundliche Stadt. Kürzlich wurde die Hafenmetropole sogar als „Green City of the Year“ aus­gezeichnet. Aber ist das gerechtfertigt? Wie grün ist Hamburg wirklich?

Text: Marco Arellano Gomes

 

Diesmal gab es keine Großdemo, keine Bühnen, keine 100.000 Menschen auf den Straßen, kein Fettes Brot – und auch keine Greta. Der siebte globale Klimastreik der Umweltbewegung Fridays for Future am 19. März war verhältnismäßig leblos, leise und leer. Doch dann, nur wenige Tage später, am 6. April, kam die Überraschung: Mitten auf der Mönckebergstraße malen einige der Anhänger mit umweltfreundlicher, weißer und grüner Markierungsfarbe eine überdimensionale, zuvor genehmigte und selbst für den schrägsten Vogel aus luftiger Höhe unübersehbare Botschaft auf den Asphalt: „WIR ALLE FÜR 1,5°C“. 60 Meter lang und etwa drei Meter breit ist der Schriftzug.

Die Presse war vor Ort, Fotografen ließen Drohnen steigen – und es dauerte nicht lang, bis sich auch der Erste Bürgermeister blicken ließ. Vom Rathaus sind es keine 400 Meter. Im schwarzen Mantel und mit weißer FFP2-Maske schaute Peter Tschentscher auf den Schriftzug, sprach mit den Schülern und Studenten, posierte für die Kameras, gab Interviews und zeigte sich solidarisch. Auch die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank war da, und ihre Parteikollegen, die Senatoren Tjarks und Kerstan. Nur wie der Senat das mit Farbe aufgetragene Ziel tatsächlich erreichen will, bleibt offen.

 

Das 1,5 Grad-Ziel

 

Das Pariser Abkommen, sieht vor, dass die globale Klimaerwärmung durch Einsparung der CO2-Emissionen auf 1,5 Grad begrenzt wird. Schon jetzt gibt es durch den Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) und die Erhöhung der Temperaturen um durchschnittlich etwa 1,2 Grad Celsius mehr Hitzewellen, Überschwemmungen, Stürme, Dürren, Luftverschmutzung sowie ein Verlust der Artenvielfalt – und zwar weltweit. Das Jahr 2020 war eines der drei wärmsten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die traurige Erkenntnis: Das alles ist unser Werk. Die Zeit drängt, doch Covid-19 hält die Welt in Atem. Dabei sprach UN-Generalsekretär António Guterres mit Blick auf das Klima unlängst von einer „Alarmstufe Rot“.

Im Hamburger Rathaus herrscht höchstens „Alarmstufe Rot-Grün“. Zwar stieg in Hamburg die durchschnittliche Temperatur nach Angaben des Hamburger Klimaberichts im Zeitraum 1881 bis 2013 um etwa 1,4 °C. Nur scheint dies nicht jeden im kühlen Norden zu stören. „Hamburg hat seit 2011 im Klimaschutz viel erreicht und leistet einen wichtigen Beitrag zur Einhaltung des Pariser Klimaschutzabkommens“, sagte Tschentscher bei der Vorstellung des Hamburger Klimaplans im Dezember 2019. Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) pflichtete ihm ebenso bei wie die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank.

 

Die Hamburger Klimapläne

 

Bereits 2007 hatte Hamburg ein erstes Klimaschutzkonzept beschlossen, 2013 folgte der „Masterplan Klimaschutz“, 2015 der Klimaplan, 2019 dessen Fortschreibung und Anpassung. Die Linke sprach von einem „Klimaplänchen“, die CDU von einer „grünen Luftpumpe“. Im 137-seitigen Klimaplan verpflichtet sich der Senat, die CO2-Emissionen Hamburgs bis 2030 gegenüber dem Basisjahr 1990 um 55 Prozent zu reduzieren und bis 2050 um mindestens 95 Prozent zu senken. Konkret bedeutet das eine Reduzierung des CO2-Ausstoßes von rund 20,7 Millionen Tonnen (1990) auf 9,3 Millionen Tonnen (2030).

Der Klimaplan führt fein säuberlich vier Sektoren auf, die bei der Reduzierung der CO2-Emissionen entscheidend sind: 1) Private Haushalte (Ziel: -66,9 %), 2) Gewerbe, Handel, Dienstleistungen (-67,4 %), 3) Industrie (-45,4 %), und 4) Verkehr (-44,6 %). Zum Erreichen der Ziele werden vier Transformationspfade skizziert: Wärmewende, Mobilitätswende, Wirtschaft und Klimaanpassung. Etwa 400 Maßnahmen werden einzeln aufgeführt. Rund zwei bis drei Milliarden Euro will die Stadt dem Koalitionsvertrag zufolge hierfür in die Hand nehmen. Weitere Mittel sollen von Bund und Unternehmen kommen. Zudem werden die Maßnahmen von einem gesetzlichen Rahmen flankiert (Klimaschutzgesetz). Klingt alles gut. Aber was heißt das konkret?

Die gute Nachricht: Die CO2-Emissionen in der Hansestadt sind seit 2012 rückläufig. Fast 400.000 Tonnen wurden bereits pro Jahr eingespart – und das, obwohl Hamburg eine wachsende Stadt sei, wie Tschentscher immer wieder gern betont. Die CO2-Emissionen pro Kopf konnten von 12,5 (1990) auf 8,9 Tonnen (2018) gesenkt werden. U- und S-Bahn fahren schon bald mit 100 Prozent grünem Strom. Die Busflotten werden bis 2030 auf emissionsfreie Antriebe umgestellt. Bei der Fernwärme will Hamburg bis 2028 aus der Kohle aussteigen, die Windenergie soll angekurbelt, die energetische Sanierung der öffentlichen und privaten Gebäude gefördert und neue U- und S-Bahn-Linien (U5, S4) sowie -Stationen gebaut werden. Ach ja: Hamburg soll auch Fahrradstadt werden, plastikfreie Stadt und Klimahauptstadt. Grüner wird’s nicht! Oder etwa doch?

 

Kritik vom BUND e. V.

 

Bürgermeister Tschentscher ist von den eigenen Klimaplänen überzeugt, aber damit „steht er ziemlich allein da“, sagt Dr. Wolfgang Lührsen, stellvertretender Vorsitzender beim Hamburger Landesverband des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), gelernter Physiker und Mitglied beim Zukunftsrat und Nachhaltigkeitsforum Hamburg. „Hamburg muss sich das Ziel setzen, bereits 2035 klimaneutral zu sein“, so Lührsen, „nicht erst 2050“. Schon jetzt hinke Hamburg den eigenen Plänen hinterher. Statt der erforderlichen sieben Millionen Tonnen CO2 hat Hamburg bis 2017 erst 4,3 Millionen Tonnen CO2“ eingespart, wie der BUND e. V. nachweist.

Lührsen fordert eine deutliche Überarbeitung des Klimaplans. Hamburg könnte Vorreiter sein, wenn die Stadt denn wirklich wollte, statt sich mit nichtwissenschaftlich untermauerten Titeln wie „Europäische Umwelthauptstadt“ oder „Green City of the Year 2021“ zu schmücken. „Alle Parameter bis hin zum ökologischen Fußabdruck sind tiefrot – und zwar seit langer Zeit. Wir verbrauchen dreimal so viel Ressourcen, wie die Erde verkraftet, aber das will keiner hören.“

 

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Bürgermeister Peter Tschentscher im Gespräch mit Sprecher Florian König und weiteren Fridays for Future­-Mitgliedern (Foto: Baumgartner / Fridays for Future)

 

Die bisherigen Erfolge entpuppen sich bei näherer Betrachtung auch nicht als das Werk Hamburgs: Der Großteil der CO2-Einsparungen in Hamburg geht auf den auf Bundesebene beschlossenen Energiemix zurück, also darauf, dass der Anteil der erneuerbaren Energien in ganz Deutschland beim Strommix laut Fraunhofer ISE schrittweise von 8,5 Prozent (2003) auf inzwischen 50,5 Prozent (2020) gesteigert wurde. Die beiden wichtigsten Bereiche – die Solarenergie und die Windenergie – wachsen zu langsam und werden durch bürokratische Hindernisse (auf Bundesebene) gebremst. Sie stellen „nur etwa sieben Prozent der Endenergie zur Verfügung. Im Ministerium von Herrn Altmaier sitzen einige Windkraft-Verhinderer“, erklärt Lührsen.

Hamburg als Stadtstaat kann sich ohnehin nicht allein mit Energie versorgen. Daher schmiedet es fleißig Bündnisse mit den benachbarten Bundesländern Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern. Norddeutsche Energie Wende (NEW 4.0) nennt sich das bislang größte Projekt, an dem 60 Partner aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik beteiligt sind. Es sieht vor, die Modellregion bis 2035 mit 100 Prozent regenerativem Strom zu versorgen. Bislang handelte es sich aber nur um „Studien und Absichtserklärungen“, so Lührsen, „doch mit dem nun gestarteten und vom Bund mit 52 Millionen geförderen ‚Nordddeutschen Reallabor‘ kann durchaus einiges gebaut werden.“

 

Verzicht, Verlust, Verbot

 

Unter den zehn größten Klimasündern Europas sind noch immer neun Kohlekraftwerke, sieben davon stehen in Deutschland. Auch Hamburg hatte ein solches Werk. Es stand in Moorburg an der Süderelbe. Im Dezember 2020 wurde es vom Netz genommen. Der Senat plant an gleicher Stelle einen Elektrolyseur, um aus Windkraft gewonnenen Strom in Wasserstoff umzuwandeln. Kein leichtes Unterfangen. Der Bau könnte sich als kostspielig und risikoreich entpuppen. Die Produktion und der Transport von Wasserstoff seien zudem relativ verlustreich, gibt Lührsen zu bedenken.

„Wir werden nicht umhinkommen, den Energiebedarf zu verkleinern, da wir in Deutschland höchstens die Hälfte bis ein Drittel des heutigen Verbrauchs allein mit erneuerbaren Energien bestreiten können“, sagt Lührsen. Ein Satz mit gesellschaftlichem Sprengstoff. Energieumsatz verkleinern? Das klingt nach Verzicht, Verlust, Verbot. Nichts, womit man Wählerstimmen gewinnen kann. Aber ist die Gleichung von immer mehr Wachstum, immer mehr Konsum nicht von vornherein eine Lüge gewesen, basierend auf den feuchten Laissez-faire-Träumen liberaler Ökonomen? Muss die soziale Marktwirtschaft nicht neu gedacht werden? In Zeiten einer Pandemie scheinen die Kräfte der Gesellschaft aufgebraucht zu sein. Klimakrise? Systemfrage? Nicht das auch noch!

 

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Florian König von Fridays for Future beim Auftragen der umwelt­freundlichen Aqualina Markierungsfarbe (Foto: Schneider / Fridays for Future)

 

Hamburg will Wachstum und fördert es auch: Knapp 10.000 Wohnungen werden Jahr für Jahr gebaut. Dem fallen auch Bäume und Grünstreifen zum Opfer. Dabei sind Bäume das beste Mittel der Natur, um CO2 zu binden und abzubauen. So gar nicht zu der ach so grünen Stadt passt auch, dass in vielen Wohnimmobilien – insbesondere in den beliebten Altbaugebäuden – Heiz-Ungetüme ihr Unwesen treiben: Nachtspeicher, Ölheizung und so manch alte Gasheizung vermiesen jede Umweltbilanz. Nicht viel besser sieht es bei der Sanierung von Bestandsgebäuden aus: „Die Sanierungsrate ist mit 0,6 Pro- zent pro Jahr viel zu niedrig“, so Lührsen. „Die Quote müsste bei zwei bis vier Prozent pro Jahr liegen.“

 

Was tun?

 

Die zwei wichtigsten Stellschrauben für Hamburg sind Lührsen zufolge der Verkehrs- und der Gebäudesektor. Doch beide Bereiche wurden bislang eher halbherzig angegangen. So steigt die Anzahl an angemeldeten Pkw in Hamburg kontinuierlich (Stand 1. Januar 2021: 799.434 Pkw). Die Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs stieg zwar, aber nur moderat von 18 Prozent (2008) auf 21 Prozent (2017). Große Verkehrsprojekte wie die neue U-Bahnlinie U5 seien begrüßenswert, der Effekt wird allerdings viel zu spät zu spüren sein. „Das Auto hat in Hamburg nach wie vor eine hohe Priorität“, erklärt Lührsen. In Oberbillwerder, dem großen Stadtentwicklungsprojekt der Zukunft, ist ein Stellplatzschlüssel von 0,6 vorgesehen. Ein modernes Anreizsystem für eine ernst gemeinte Mobilitätswende sieht anders aus. Es werde auch nicht reichen, von Verbrennern auf E-Autos zu wechseln. Das Ziel müsse lauten: weniger Autos.

 

Radeln für die Umwelt

 

Anjes Tjarks, Senator für Verkehr und Mobilitätswende, lässt sich zwar oft und gerne mit seinem Drahtesel abbilden, aber das ändert nichts daran, dass Hamburg im Vergleich zu anderen Städten in puncto Radverkehr hinterherhinkt. Der Anteil des Radverkehrs in Hamburg liegt mit nur 15 Prozent abgeschlagen hinter Städten wie Münster (29 %), Freiburg (26 %), Bremen (25 %), München (2 0%) – und Berlin (16 %) zurück. „Ich würde mich total freuen, wenn ich mit meinem Fahrrad nicht über löchrige Pisten fahren und in jeder zweiten Ecke die Angst haben müsste, von einer Autotür erschlagen zu werden“, sagt Florian König, einer der Sprecher von Fridays for Future in Hamburg. König studiert Physik an der Uni Hamburg und ist seit zwei Jahren bei der Umweltbewegung aktiv. Er war dabei, als Bürgermeister Tschentscher auf der Mönckebergstraße vorbeischaute, um den 1,5 Grad-Schriftzug zu betrachten.

 

Everyday For Future

 

Florian König ist froh, dass die Aktion trotz Pandemie so viel Aufmerksamkeit erlangen konnte, doch auch er zeigt sich enttäuscht vom Hamburger Klimaplan: „Die Zielsetzung des Senats ist mit den Zielen des Pariser Klimaabkommens nicht vereinbar. Es gilt, die Erwärmung auf maximal 1,5 Grad zu begrenzen – und zwar bis spätestens 2035. Hierzu müssen die CO2-Werte viel stärker reduziert werden.“ Der Klimaplan sei zu wenig ambitioniert. Noch könne man den Plan anpassen, bald sei es dafür zu spät.

Fridays for Future hat das anerkannte Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie damit beauftragt, eine Studie zu erarbeiten, um Wege aufzuzeigen, den notwendigen Wandel tatsächlich noch zu erreichen. Das Ziel, die Erderwärmung bis 2035 auf 1,5 Grad zu begrenzen, sei zwar hochgradig ambitioniert, aber durchaus noch erreichbar – wenn man direkt damit beginnen würde, so das Fazit der Studie. König macht sich keine Illusionen: „Die Klimakrise ist eine kommunikative Herausforderung, der wir als Gesellschaft vielleicht noch nicht ganz gewachsen sind. Es ist auch deutlich geworden, dass es in der Exekutive an Mut fehlt, um voranzugehen und dem Rat der Wissenschaft zu folgen.“

Wie schwer die Umsetzung ist, zeigt nicht zuletzt die Pandemie. Wie unter einem Brennglas wird das grundlegende Dilemma sichtbar: Wenn nicht einmal eine unmittelbare Gefahr, bei der die eigene Gesundheit und das eigene Leben bedroht sind, ohne Murren und Widerstand Verhaltensänderungen nach sich zieht, wie soll das dann bei einem Thema gelingen, dessen Konsequenzen erst Jahrzehnte später erfahrbar werden? Oder zugespitzter: Wenn nicht mal 1,5 Meter möglich sind, wie sollten es dann 1,5 Grad sein?

Der Schriftzug „Wir alle für 1,5 °C“ darf derweil weitere vier Monate die Mönckebergstraße zieren. Die berühmte Einkaufsmeile bleibt also noch einige Wochen grün. Im August muss die Klimabotschaft dann wieder weichen. Erst kommt das Green, dann das Washing.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2021. Das Magazin ist seit dem 29. April 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Shopping: 5 nachhaltige Adressen in der Sternschanze

Besonders in der Sternschanze gibt es einige Läden, die sich einem ökologisch-nachhaltigen Lebensstil verschrieben haben. Einen Mix aus fünf klimaschonenden Adressen hat SZENE HAMBURG hier gesammelt:

 

GLORE HAMBURG

 

Im bunten und vielfältigen Karoviertel findet sich seit Mai 2010 die Hamburger Filiale von Glore, einem Unternehmen, das sich auf Bio- und Fairtrade-Mode spezialisiert hat. Das Sortiment richtet sich sowohl an Frauen und Männer und wird nach hohen ethischen Ansprüchen ausgesucht.

Jedes Kleidungsstück wurde fair gehandelt und ökologisch nachhaltig produziert, einen Extrastempel gibt es noch für Stücke die vegan sind, also keinerlei tierische Bestandteile beinhalten.

Glore Hamburg
Marktstraße 31

 

LOCKENGELÖT

 

Schränke und Kommoden aus Ölfässern, Leuchten aus LPs, Eierbecher aus Skateboards und Kleiderleisten aus Büchern – Lockengelöt praktiziert Upcycling in seiner schönsten Form. Die Teile sehen nicht nur extrem stylish aus, sondern schenken Dingen, die sonst auf dem Müll gelandet wären, ein neues Leben.

Lockengelöt
Marktstraße 114

 

MERIJULA STORE

 

Merijula ist eine moderne und nachhaltige Lifestylemarke aus Hamburg. Kleidung und Accessories sind fair und nachhaltig produziert und leben von ihrem bunten und ungewöhnlichen Look.

Die einzelnen Buchstaben des Namens stehen für Werte, für die die beiden Founder Sarah und Julian einstehen: Magic, Education, Respect, Independence, Justice, Unity, Love, Art.

Merijula Store
Wohlwillstraße 24

 

GRÜNE FLORA

 

Das Team der grünen Flora macht sich regelmäßig auf die Suche nach neuen, ungewöhnlichen Pflanzen und verkauft nur regionale Blumen, die gerade Saison haben. Schön und nachhaltig!

Grüne Flora
Schulterblatt 79

 

MIMULUS NATURKOSMETIK

 

Eine besondere Auswahl an Naturkosmetik findet man in diesem stilvollen kleinen Laden mitten in der Schanzenstraße. Nicht nur die großen Marken, sondern auch kleine weniger bekannte Label und andere Schätze werden in das Sortiment aufgenommen, wie zum Beispiel plastikfreie Bio-Zopfgummis oder recycelbare Zahnbürsten für Kinder.

Nicht nur sind die Produkte biozertifiziert, aus nachhaltigem Handel und/oder vegan, man macht sich auch viele Gedanken um die Vermeidung von Plastikmüll und die Schonung von Tier und Umwelt. So ist unter einigen Produkten ein kleines Schild an das Regal geklebt, „No bad waste“, damit sofort ersichtlich ist, dass diese keinen oder nur recycelbaren Müll produzieren. Unbedingt mal reinschauen, sich beraten lassen oder einen Gutschein für eine besondere Person erstehen (die übrigens sehr niedlich bedruckt sind).

Mimulus Naturkosmetik
Schanzenstraße 39a


SZENE HAMBURG KAUFT EIN 2020 SZENE HAMBURG KAUFT EIN! 2020. Das Magazin ist seit dem 19. November 2020 im Handel und auch im Online Shop erhältlich! 

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