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1 Frage, 1 Antwort – mit Nikolas Migut

Nikolas Migut ist Filmemacher beim NDR und der ARD. Aus einer seiner Reportagen ist der gemeinnützige Obdachlosen-­Verein StrassenBLUES e.V. entstanden, der auf kreative Weise Menschen mit und ohne Zuhause verbindet. Dafür gab es den „Alternativen Medienpreis“ und eine Nominierung für den SMART Hero Award. Nikolas Migut weiß, was wirklich zählt. Darum freuen wir uns, dass er Teil unserer Kolumne ist.

SZENE HAMBURG: Wofür würdest du Karmapunkte vergeben?
Nikolas Migut: Meine höchste Anerkennung haben jene, die anderen Menschen helfen. In meiner Familie hat gerade die fast 90-jährige Großmutter ihren Mann verloren. Sie kann sich alleine nicht mehr um sich selbst kümmern. Es ist die Familie meiner polnischen Frau. In Polen ist es in der Gesellschaft fest verankert, dass sich die Nächsten um ältere Menschen kümmern und nicht in ein Pflegeheim geben. Ich habe gro­ßen Res­pekt vor meiner Schwieger­mutter, die jetzt ihre Mutter bei sich auf­genommen hat und bis zum Lebensende pflegen möchte. Ebenso bin ich tief beeindruckt, was Pfleger in Pflegeheimen leisten, wenn sie sich angemessen und würdevoll um ältere Menschen kümmern. In unserer Wirtschaft finde ich es höchst ehrenwert, wenn Sozial­unternehmer ein gesellschaftliches Problem lösen wollen und dabei nicht primär den Gewinn vor Augen haben, sondern einen positiven Wandel in unserer Gesellschaft ­erreichen möchten. Es gibt einen Sozialunternehmer, Josh Littlejohn, der in Schottland die ­Obdachlosigkeit lösen will. Im Kern betreibt er die hochwertigen Restaurants „Social Bite“, die sowohl Obdachlose als auch Gäste versorgen. Dabei hat ­einer von vier Mitarbeitern mit Obdachlosigkeit zu kämpfen. Beide Hilfen für Mitmenschen verdienen für mich massig Karmapunkte.

www.strassenblues.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2018. Das Magazin ist seit dem 29. Juni 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Mobile Bullysuppenküche – Jede Socke zählt

Mit ihrem knallroten Transporter fährt Julia Radojkovic seit drei Jahren ehrenamtlich durch die Stadt und versorgt Obdachlose mit Essen und Klamotten. Im Interview erzählt sie, wie sich aus spontaner Hilfsbereitschaft eine feste Institution mit vielen Helfern entwickelte.

SZENE HAMBURG: Julia, wie bist du auf die Idee gekommen, dich für Obdachlose zu engagieren?

Julia Radojkovic: In Hamburg ist die Präsenz von Menschen, die auf der Straße leben,in den letzten Jahren größer geworden. Ich kann da schwer dran vorbeigehen und das ignorieren. Ich bin in Kroatien aufgewachsen. Wenn da jemand Hunger hatte, hat man ihm einen Teller Suppe gegeben. Das ist ein ganz einfacher uralter Brauch. Auch als Betreuerin in der Familienhilfe war soziale Ungleichheit immer ein zentrales Thema für mich.

Warum gibt es so viele Obdachlose?

Es gibt immer mehr Menschen, die die elementaren Kosten wie Wohnraum und Lebensmittel nicht decken können. Zunehmend werden nicht nur Obdachlose von den Tafeln versorgt, alle SGB-II-Empfänger sind berechtigt, dorthin zu gehen. Es gibt immer mehr Arbeitslose und arme Rentner, die ihre Wohnungen nicht mehr bezahlen können.

Wie ist die Bullysuppenküche entstanden?

Ich habe im März 2014 begonnen, mit einem ehemaligen Klassenkameraden auf der Straße Kleidung und Essen an Obdachlose zu verteilen. In meinem Bully haben wir das Essen transportiert und auf einem kleinen Herd warmgemacht. Ende Februar 2016 wollte ich eigentlich aufhören und nicht mehr mit der entstandenen festen Gruppe verteilen. Allein weiterzumachen, konnte ich mir nicht vorstellen. Ich habe mich auf Facebook verabschiedet und am nächsten Tag hatte ich ganz viele Nachrichten: „Du kannst nicht aufhören“, und „jeder kennt deinen Bully, mach bitte weiter, wir helfen dir.“ Nachbarn, Familie und Freunde haben mir kleine Geldbeträge gespendet und wir haben Klamotten und Schlafsäcke gesammelt. Das hat dann schnell eine Dynamik bekommen, da ich über unsere Arbeit auch immer auf Facebook berichtet habe.

Wie ist das Team zusammengesetzt?

Ein großer Teil des Teams besteht aus Menschen, die inzwischen nicht mehr obdachlos sind. Es geht nicht nur um das Essen, es geht auch um Beratung und Kontakte für die Obdachlosen und um die Gemeinschaft. Die Männer achten aufeinander. Es gibt feste Treffen und es wird sich ausgetauscht. Wenn es einem schlechtgeht, ist man nicht mehr allein. Es ist ein Vertrauen entstanden, weil die gemeinsame Zusammenarbeit verbindet.

Ihr arbeitet mittlerweile auch mit anderen Organisationen zusammen.

Wir arbeiten gern mit dem CaFeé mit Herz und dem Jakob-Junker-Haus zusammen. Das ist ein ganz toller Ansprechpartner, wenn es um Unterbringung geht. Hanseatic Help hat uns von Anfang an mit Sachspenden unterstützt. Der Verein hatte zuerst den Schwerpunkt Flüchtlingshilfe und hat im Laufe der Zeit auch viele soziale Organisationen mit Sachspenden versorgt.

„Bei uns gibt es für die Obdachlosen immer eine Umarmung.“ Foto: Michael Kohls

Dir liegt besonders auch an einer persönlichen Begegnung.

Es geht immer auch um menschlichen Kontakt. Viele Menschen haben Berührungsängste, auf Obdachlose zuzugehen. Auch, wenn sie gern helfen würden. Einige kommen zu uns zu Besuch und sehen, die Obdachlosen sind Menschen wie du und ich. Jeder bei uns ist, wie er ist, und so wird er auch genommen. Bei uns gibt es für die Obdachlosen immer eine Umarmung. In vier Jahren ist ein Vertrauen entstanden, weil die Menschen wissen, dass wir kommen. Inzwischen haben wir bessere finanzielle Mittel, seit letztem November werden wir von der Reimund C. Reich Stiftung gefördert. Dadurch verfügen wir über Geld, dass wir beispielsweise für fehlende Personalausweise und andere Soforthilfen einsetzen können. Teilweise können wir helfen, dass die Menschen wieder Leistungen beziehen können. Wir gehen auch mit ihnen zur Behörde oder zum Arzt. Es kann nicht sein, dass Menschen kaputtgehen, weil sie irgendwelche Dokumente nicht haben. Darum geht es uns, es geht um die Zwischenversorgung von Lücken.

Am Anfang wart ihr nur fünf, sechs Personen. Wie viel seid ihr inzwischen?

So um die 20 Leute ist unsere Basis. Es gibt aber auch Menschen im Hintergrund. Eine Helferin hat zum Beispiel Kontakt hergestellt zu Hund & Katze in Winterhude, die spenden jetzt regelmäßig Futter für die Hunde unserer Gäste. Von der Hofküche bekommen wir hochwertiges Essen geliefert sowie von einer Vollwertküche und einem Fleischlieferanten. Auch um solche wichtigen Unterstützer kümmern sich einzelne Netzwerker.

Wo findet eure Verteilung statt?

Wir sind schwerpunktmäßig sonntags alle zwei Wochen tagsüber unterwegs. Wir starten zurzeit um 13 Uhr bei der St. Trinitatis Kirche in der Königstraße. Da haben wir viel Platz. Wir fahren im Winter auch Standorte ab, wo sich Obdachlose sammeln. Dies wird dann individuell entschieden auf dem Weg zu unserem zweiten Standort bei der Altmannbrücke/ Ecke Münzstraße. Zusätzlich verteilen wir warmes Essen zwischen den Feiertagen vom 25. Dezember bis 1. Januar, denn da haben die meisten Tageseinrichtungen für Obdachlose zu. Wir sind immer unterwegs zwischen Altona und Innenstadt.

Was könnt ihr jetzt im Winter besonders gut gebrauchen?

Ein großes Manko sind immer Winterstiefel, Rucksäcke und Winterschlafsäcke. Wir brauchen auch Hygieneartikel und Geldspenden. Immer willkommen sind aktive Helfer– wir brauchen kräftige Menschen zum Tragen – und weitere Fahrer mit Autos. Wir freuen uns auch über Menschen, die frischen Kuchen backen und auf einen Kaffee vorbeikommen. Jede rkann etwas beitragen – jede Socke zählt.

Interview: Angela Kalenbach

www.mobilebullysuppenkueche.de