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Kino: Japan-Filmfest Hamburg

Zum 22. Mal findet 2021 das Japan-Filmfest Hamburg statt. Vom 18. August bis 1. September gibt es über 80 Filme zu sehen, in diesem Jahr allerdings nur online

Text: Marco Arellano Gomes

 

Zum 22. Mal bietet das Japan-Filmfest Hamburg Einblicke in die japanische Filmkultur. Das diesjährige Festivalmotto ist ein altes japanisches Sprichwort: „Die Augen sind der Spiegel der Seele“. Zwar wird das Filmfest ausschließlich online stattfinden, dafür läuft es in diesem Jahr länger als sonst: Satte 14 Tage – vom 18. August bis zum 1. September – sind die über 80 Filme über leihkarte.de abrufbar. Sie reichen vom farbenfrohen Anime über anregende Kurzfilme bis zu Arthouse-Perlen und Genrekracher. Zahlreiche Premieren sind darunter. 2021 feiern Deutschland und Japan 160 Jahre diplomatische Beziehungen. Das Japan-Filmfest ist ein wichtiger Beitrag. „Über die audiovisuelle Sprache des Films lassen sich Einblicke in das Seelenleben einer Gesellschaft gewinnen“, lässt das Festival wissen. Man muss nur die Augen öffnen und hinschauen.

Das Japan-Filmfest Hamburg, online vom 18. August bis 1. September

Zum Reinschnuppern gibts hier den Trailer zum Quasi-Eröffnungsfilm „All Aboard!“ von Regisseur Seiichi Hishikawa:


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Kurzes Vergnügen: Kurzfilm Festival Hamburg startet

Nachdem im vergangenen Jahr das Kurzfilm Festival zunächst verschoben und dann abgesagt werden musste, gibt es in diesem Jahr eine digitale – und teilweise analoge – Veranstaltung mit vielen spannenden Einsichten

Text: Marco Arellano Gomes

 

Die gute Nachricht: Das 37. Kurzfilm Festival (1.–7. Juni) findet wieder statt, wenn auch vorwiegend digital. Nachdem es im vergangenen Jahr erst verschoben und dann ausfallen musste, ist es ein Lichtblick in der Welt der Hamburger Filmfeste. „I am because we are“ („Ich bin, weil wir sind“) lautet das Motto. Es ist eine Anlehnung an Ubuntu, jener südafrikanischen Philosophie der Verbundenheit, Menschlichkeit, Nächstenliebe – und dies erscheint nach der langen Zeit des Social Distancing mehr als passend.

 

Drei Wettbewerbe – 92 Kurzfilme

 

„Kultur ist einer der entscheidenden Motoren, der die Gesellschaft zusammenhält, heißt es auf der Festival-Website. Und dazu gehören eben auch Kurzfilme, die in kürzester Zeit Verständnis schaffen, Perspektiven eröffnen und Gedanken provozieren. Digital? Analog? Hauptsache gemeinsam! Die insgesamt 92 Kurzfilme treten wie bekannt in den drei Wettbewerben an: dem Internationalen, dem Deutschen und Dreifachen Axel (Filme mit maximal drei Minuten). Die Preisverleihung hat einen Gesamtwert von 19.000 Euro.

Besonders ins Auge fällt ein optisch an den Film „Mad Max“ angelehnter Animationsfilm mit dem Titel „Mad Mask: Fury Roll“, in dem eine Klorolle in einer Wüste vor einer Horde Menschen mit Einkaufswagen und auf Motorrädern fahrenden Corona-Kugeln davonläuft. Das ist nicht nur visuell brillant, sondern auch zum Totlachen komisch. So langsam beginnt sie also, die Verarbeitung der vergangenen Monate. Auch die Filmemacher kommen in Online-Videos ausführlich zu Wort.

 

Ein buntes Programm

 

Die Sektion „Labor der Gegenwart“ bietet drei Schwerpunkte: „Gestimmtheiten – Das Kino und die Gesten“, „Afrotopia – In the Sense“ und die „Hamburger Positionen“, die sich den Kulturräumen und der Stadtentwicklung zwischen Utopie und Wirklichkeit widmen. Welche Möglichkeiten und Grenzen haben Kunst und Kultur, aktiv Einfluss auf die Stadtentwicklung zu nehmen? Dieser Frage wird – exemplarisch an den Stadtteilen Diebsteich und Grasbrook – nachgegangen.

Highlight ist eine Diskussion, an der unter anderem Oberbaudirektor Franz-Josef Höing teilnimmt, moderiert von Christoph Twickel („Die Zeit“). Das „Archiv der Gegenwart“ wiederum gewährt Einblick in die kritischen Perspektiven kanadischer Filmschaffender und den Schwerpunkt auf dem Werk der Avantgardekünstlerin Joyce Wieland. Zudem bietet das „Open Space“ die Installation „Dance to the End of Love“ von Akram Zaatari. Je nach Infektionsgeschehen, wird die Ausstellung „Open Space“ im ehemaligen Heizkraftwerk auf dem Postgelände am Kaltenkircher Platz für Besucher und Besucherinnen geöffnet sein. Für den Besuch wäre eine Anmeldung erforderlich.

 

 

Das Kurzfilm Festival Hamburg gehört zu den renommiertesten und wichtigsten Kurzfilmfestivals Europas und findet seit 1986 statt. Auch das Mo&Friese Kinder Kurzfilm Festival (30. Mai–7. Juni) findet in diesem Jahr als Teil des Kurzfilm Festival Hamburg online statt und richtet sich an ein junges Publikum von 4–18 Jahren. In den drei Wettbewerben des jungen Programms Neon (ab 14 und 16 Jahren) erleben Zuschauer und Zuschauerinnen Energie, Raserei, Mut, Toleranz, Rückzug, Party, Protest, Aktion, Freundschaft, Provokation und Utopie. Das Ganze ist selbstredend äußerst kurzweilig.

festival.shortfilm.com | moundfriese. shortfilm.com


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2021. Das Magazin ist seit dem 29. Mai 2021 im

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Corona in Hamburg: Kultur im Käfig

Seit fast einem Jahr leiden die Kulturbetriebe unter den Coronabeschränkungen. Nach den Lockerungen im Sommer wurden sie im Herbst wieder geschlossen – doch der künstlerische Betrieb läuft vielerorts eingeschränkt weiter

Text: Sören Ingwersen

 

Die Welt werden nicht gleich untergehen, wenn die Theater mal ein paar Monate geschlossen sind, ließ Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard jüngst verlauten. Die Schauspiel-, Opern- und Konzerthäuser stehen derzeit zwar vor ihrer größten Herausforderung der Nachkriegszeit. Aber kann die Kunst an Herausforderungen nicht auch wachsen? Keine attraktive These in einer Zeit, in der der direkte Faden zwischen Schauspielern und Publikum radikal durchtrennt ist, in der die kulturellen Räume, in denen gesellschaftliche Debatten unter künstlerischen Vorzeichen öffentlich geführt werden, schmerzlich fehlen und in denen nicht zuletzt viele Kreativschaffende in eine existenzbedrohende finanzielle Schieflage geraten.

 

Menschenleere Säle

 

Ein gruseliges Panorama – wie jene menschenleeren Säle, Räume, Gänge und Treppenhäuser des Deutschen Schauspielhauses, die derzeit als Filmkulisse für die Online-Streaming-Serie „Haus der Geister“ dienen: In kurzen Episoden entfesseln einzelne Ensemblemitglieder einen Spuk, von dem nach altem Aberglauben vorzugsweise verlassene Theatergebäude heimgesucht werden. Wie auf den Internetseiten des Thalia Theaters, der Staatsoper oder Kampnagel sind auch abendfüllende Aufführungen als Stream abrufbar, im November gab es sogar eine Online- Premiere: Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“. Hier ließ Regisseurin Heike M. Goetze vermummte Menschen auftreten, die ihre sozialen Distanzen nicht überwinden können. Kommt einem irgendwie bekannt vor.

Und zwischen den beiden Lockdowns? „Ab Anfang Mai hatte ich Proben für die Saisoneröffnung ,Reich des Todes‘, und ab da lief es für mich fast wieder normal“, berichtet Ensemblemitglied Markus John. „Nach der Sommerpause hatte ich dann in kurzer Zeit mit den Wiederaufnahmen schon wieder sieben, acht Stücke laufen, nur dass eben sehr viel weniger Zuschauer im Saal sitzen durften und dass die Vorsichtsmaßnahmen auf und hinter der Bühne eine große Rolle spielten.“

 

„Nicht frei und normal-menschlich“

 

Noch stärker – aufgrund der kleineren Räumlichkeiten – schlugen die Sicherheitsvorkehrungen in den Privat- und Off-Theatern zu Buche. „Man spürte, dass man in eine Art Käfig gestellt wurde, und dadurch nicht frei und normal-menschlich auf der Bühne agieren konnte“, erinnert sich Mezzosopranistin Feline Knabe an ihre Proben zu „Carmen“ am Allee Theater. Auf der engen Bühne blieb den Liebenden nichts anderes übrig, als sich „wie Tiger auf Abstand“ zu umkreisen, wobei die Sängerinnen und Sänger auch dem mit nur drei Musikern besetzten Orchestergraben nicht zu nahekommen durften.

In Händels Barockoper „Alcina“ verzichtete man ganz auf eine Inszenierung, ließ die drei Sänger einzeln mit ausgewählten Arien auftreten, während Lutz Hoffmann als Erzähler durch die Handlung führte. In der Vorweihnachtszeit wollte man dann Humperdincks „Hänsel und Gretel“ auf die Bühne bringen: „Als der Lockdown losging, waren wir gerade mit den Proben fertig. Wir waren voller Enthusiasmus, endlich loszulegen. Dann wurde der Premierentermin gestrichen.“ Für Knabe, die hier als Hexe im Einsatz war, eine doppelte Enttäuschung: „Meine sechsjährige Tochter spielte den Engel. Sie war so aufgeregt und wollte so gerne vor Publikum auftreten. Dass es dann keine Aufführung gab, war für sie ganz schwer zu akzeptieren.“

Schwer umzusetzen waren die Hygienevorschriften auch von den räumlich noch begrenzteren Off-Theatern. Umso mehr zeugt es von künstlerischer Leidenschaft, wenn etwa das Theater das Zimmer als kleinstes Theater der Stadt seinen Spielbetrieb im September mit vier Inszenierungen wieder aufnahm, wobei die regulären 40 Sitzplätze auf 12 reduziert wurden und auf der winzigen Spielfläche bis zu drei Darsteller den Mindestabstand einhalten mussten.

 

Digitaler Raum

 

Das Lichthof Theater konnte dagegen während der Pandemie seinen Zuschauerkreis sogar erweitern. „Wir haben schon den ersten Lockdown genutzt, um mit dem #lichthof_lab Schritte in den digitalen Raum zu machen und Projekte entwickelt, die speziell für dieses Format entstanden sind“, erzählt Matthias Schulze-Kraft, der künstlerische Leiter des Hauses. Mit dem Hilfsprogramm des Bundes „Neustart Kultur“ habe man die nötige Streaming-Technologie angeschafft, sodass auch für die Zeit der Corona-bedingten Theaterschließungen Projekte ausgeschrieben und realisiert werden konnten.

Als virtuelle Bühne und digitaler Experimentierraum bietet das #lichthof_lab Streams und Live-Streams von Veranstaltungen und Gesprächsrunden mit Künstlern etwa zum Thema „Theater, Digitales und Präsenz“. Das Lichthof Theater möchte mit seinem digitalen Angebot nicht bloß einen medialen Ersatz für das Live-Erlebnis im Theatersaal schaffen, sondern die ästhetisch-theatralen Möglichkeiten des Digitalen selbst ins Blickfeld rücken. Mit Erfolg: Die Online-Aufführung von Jane Austens Klassiker „Stolz und Vorurteil“ wurde von Zuschauenden aus ganz Deutschland und weltweit sogar bis nach Kanada begleitet: „Nur noch 30 Prozent der Tickets wurden in Hamburg verkauft. Das heißt, unser kleines Haus erweitert sich gerade enorm, und wir haben die Möglichkeit, unsere Produktionen einer viel größeren Öffentlichkeit zu zeigen.“

Auch bei der vorübergehenden Wiedereröffnung der Theater im Herbst wurde das Streaming-Angebot des Lichthof Theaters genutzt. Während bis zu 30 Leute im Zuschauerraum saßen, haben zeitgleich bis zu 120 Zuschauerinnen und Zuschauer das Bühnengeschehen online verfolgt. Das neue virtuelle Foyer soll zudem eine Plattform bieten, auf der Zuschauende sich austauschen und im Anschluss an den Live-Stream die beteiligten Künstler treffen können.

Das parallele Angebot von Präsenztheater und Online-Übertragung möchte Schulze-Kraft über Corona hinaus beibehalten, wobei die Digitalisierung auch neue Möglichkeiten der Theatervermittlung biete. Vielleicht kann man tatsächlich sagen, das Lichthof Theater sei an der Krise gewachsen. Trotzdem erwartet man auch hier sehnlich den Moment, an dem der Corona-Spuk ein Ende hat und sich die realen Theatertüren wieder öffnen. Schließlich ist und bleibt Theater vor allem eines: ein Ort der körperlichen Nähe und Begegnung.


SZENE-März-2021 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Februar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Lessingtage 2021: „Es ist ein großes Experiment“

Die vom Thalia Theater und dem Königlichen Dramatischen Theater in Stockholm initiierten Lessingtage 2021 werden per Internet-Stream präsentiert. Kuratorin Nora Hertlein und Intendant Joachim Lux wünschen sich eine „paneuropäische Theatercouch“

Interview: Sören Ingwersen

 

SZENE HAMBURG: Herr Lux, wie schnell und leicht haben Sie die Entscheidung getroffen, die Lessingtage aufgrund des erneuten Corona-Lockdowns digital stattfinden zu lassen?

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Intendant des Thalia Theaters: Joachim Lux (Foto: Armin Smailovic)

Joachim Lux: Wir hatten uns bis November noch der Illusion hingegeben, die Lessingtage würden das erste Festival sein, bei dem europäische Kultur sich nach Corona wieder treffen kann. Dafür haben wir aus unserer Sicht eines der spannendsten Programme zusammengestellt, die wir je hatten.

Danach fällt es einem natürlich wahnsinnig schwer, das zu streichen. Im Rahmen von „mitos21“, einem Netzwerk europäischer Theatermacher, dem auch wir angehören, haben wir dann beschlossen, alles zu ändern und ein nicht kuratiertes Festival auf die Beine zu stellen, für das die Theater selbst entscheiden, welche Aufführungen sie zeigen möchten.

Frau Hertlein, als Kuratorin des internationalen Programms am Thalia Theater haben Sie im letzten Jahr zum ersten Mal die Lessingtage kuratiert. Wie hat sich Ihre organisatorische Arbeit für das Festival durch Corona verändert?

Nora Hertlein: Durch die Reiseeinschränkungen ist der Anteil von Theateraufführungen, die ich mir per Video Nora-Hertlein-Foto-Armin-Smailovic1angeschaut habe, massiv in die Höhe geschnellt. Wir haben unsere Kolleginnen und Kollegen in den unterschiedlichen Ländern gebeten, uns Aufnahmen von Inszenierungen zu schicken, von denen sie glauben, dass sie ihr jeweiliges Theater am besten repräsentieren.

Von den meisten Häusern haben wir, zwei bis drei Stücke zur Auswahl bekommen, wodurch ich die Möglichkeit hatte, noch einen kleinen kuratorischen Bogen zu spannen. Dabei kam es mir diesmal besonders auf die Herstellung von Kontexten und die dramaturgisch-inhaltliche Aufbereitung der Inszenierungen an. Auf unserer Homepage findet man Hintergrundmaterialien, Making-of-Videos, Interviews mit Regieführenden und kommentierende Texte.

 

Welten der Fantasie, der Freiheit und der Schönheit erschaffen

 

Wie gehen Theatermacher mit der gesellschaftlichen Fokussierung auf das Corona-Thema um? Muss das Theater in diesem Strom mitschwimmen, um interessant zu bleiben? Oder kommt es gerade jetzt darauf an, die Themenvielfalt zu wahren?

Lux: Ganz klar Letzteres. Das gilt auch für die zukünftige Arbeit. Es herrscht ja ein fast terroristischer Gestus dieses Virus vor, dem die Medien aus ökonomischen Interessen folgen, indem sie tägliche neue Überbietungsnachrichten präsentieren.

Ich glaube, die große Sehnsucht der Menschen zielt darauf, eine Gegenwelt zu erfahren. Welten der Fantasie, der Freiheit und der Schönheit zu erschaffen, das ist unsere Aufgabe. Das Theater wäre sehr schwach, wenn es nur versuchen würde, die aktuelle Situation zu spiegeln.

Hertlein: Wobei viele wichtige politische Themen durch die Pandemie an den Rand gedrängt werden. Es geht also nicht nur darum, eskapistisch andere Geschichten anzubieten, sondern um viele andere Probleme in der Welt, um die wir uns als künstlerische Institution kümmern wollen. Was passiert derzeit in Ungarn und Polen? Wie kann man den politischen Druck dort künstlerisch ins Blickfeld holen?

Lux: Wir hatten auch kurz überlegt, Live-Streamings der einzelnen Aufführungen anzubieten. Das war aber organisatorisch in der kurzen Zeit nicht möglich, was zugleich bedeutet, dass die meisten der gezeigten Aufführungen vor Corona entstanden sind. Nur unser eigener Beitrag ist in der Zeit der Pandemie entstanden: Christopher Rüpings „Paradies fluten / hungern / spielen“ möchten wir als Live-Stream anbieten.

Wie stark verändert sich der Charakter des Festivals dadurch, dass die Theater ihre Beiträge diesmal selbst ausgewählt haben?

Lux: Sehr stark. Wenn wir etwas aussuchen – wie es normalerweise geschieht –, fließt unser persönlicher Geschmack in die Auswahl ein. Diesmal wird sich aber möglicherweise herausstellen, dass man in anderen Ländern ganz andere ästhetische Wege geht als bei uns, die wir so stolz sind auf unsere großartige, avantgardistische Theaternationen – das sage ich jetzt mit Ironie. Europa ist sehr vielfältig und unterschiedlich. Gott sei Dank.

Hertlein: Gerade in dieser Zeit, in der die Grenzen geschlossen und wie physisch so immobil sind, wie schon lange nicht mehr, ist die Konfrontation mit ganz anderen Ästhetiken und Theatersprachen eine bereichernde Erfahrung und ein wichtiges Zeichen.

 

Identische Erfahrungen

 

Der Grundgedanke der Lessingtage ist die Verständigung von Kulturen und Religionen. Hat in Ihren Augen die Pandemie diese Verständigung eher vorangetrieben oder geschadet?

Lux: Was jetzt gerade passiert, hat es in der Geschichte der Menschheit überhaupt noch nie gegeben: dass ungefähr 10 Milliarden Menschen vollkommen identische Erfahrung durchmachen müssen. Das ist zugleich etwas Verbindendes, aber auch etwas Trennendes, weil viele Debatten gerade nicht geführt werden: Wie kommen privilegierte Nationen wie Deutschland durch die Krise mit einem ökonomischen Polster für jeden Einzelnen? Und wie stößt die Pandemie in anderen Teilen der Welt wie Südamerika oder Afrika die Menschen wirklich komplett in den Abgrund?

Während sich im Moment nur jeder um sich selber kümmert, wird sich die Frage der Solidarität wahrscheinlich bald noch sehr viel massiver stellen als ohnehin schon.

Das Motto der diesjährigen Lessingtage lautet „Stories from Europe“. Welche Geschichten werden da erzählt? Sie haben zum Beispiel zwei unterschiedliche Inszenierungen von Dostojewskis „Der Idiot“ im Programm …

Hertlein: Ursprünglich wollten wir nicht zwei gleiche Stücke zeigen, doch der starke Unterschied der Inszenierungen hat uns begeistert. Die Inszenierung von Mattis Andersson für das Königliche Dramatische Theater in Stockholm, unserem Koproduktionspartner, ist eine moderne Lesart, in der sich sehr zeitgenössische Figuren den Text aneignen.

Der russische Beitrag vom Theater der Nationen in Moskau ist komplett anders und orientiert sich an der Ästhetik des Cirque Noir. Hier konzentriert sich alles auf die Gesichter, die Körper und eine holzschnittartige Bildlichkeit in den Farben Schwarz, Weiß und Rot. Dadurch erzählt der junge Regisseur Maxim Didenko, ein absoluter Shooting-Star der russischen Szene, eine komplett andere Geschichte.

Und ihr persönlicher Favorit?

Hertlein: … kommt aus Antwerpen. Es handelt sich um eine Doppelvorstellung mit zwei zeitgenössischen Bearbeitungen antiker Stoffe: „Antigone in Molenbeek“ von Stefan Hertmans und „Tiresias“ von Kate Tempest.

Antigones Bruder, der aus Gründen der Staatsräson nicht bestattet werden darf, ein bei Hertmans, der die Handlung im Brüsseler Stadtteil Molenbeek ansiedelt, ein radikalisierter Islamist.

Lux: Wir erinnern uns, dass Molenbeek 2015 der Hotspot war, von dem die Pariser Anschläge unter anderem auf das Bataclan-Theater ausgingen.

Hertlein: Guy Cassiers hat das Stück als Monolog für eine Frau mit einem virtuellen Kammermusikensemble inszeniert, sodass die Schauspielerin mit der Musik von Schostakowitsch kommuniziert. „Teresias“ greift eine andere zeitgenössische Debatte auf: die Gender-Fluidität des Protagonisten, der zugleich Mann und Frau ist.

Sie haben auch ein Stück von Luigi Pirandello im Programm, ein italienischer Klassiker, der hierzulande nur selten inszeniert wird …

Hertlein: Spannend ist, dass „So ist es (wenn es Ihnen so scheint)“ in der Regie von Filippo Dini derzeit das erfolgreichste italienische Tourneestück im Ausland ist, das selbst in China Begeisterungsstürme ausgelöst hat, aber noch nie in Deutschland zu sehen war. Hier sieht man, wie ein junger Regisseur ein Stück, das eher eine Schmonzette ist, in einer grotesken Interpretation verwandelt.

 

Das Zeremoniell zu Hause

 

Herr Lux, in der Ankündigung der Lessingtage sprechen Sie von einer „paneuropäischen Theatercouch“. Was meinen Sie damit?

Lux: Mich fasziniert die Idee, dass sich Freunde und Bekannte aus Amsterdam, Moskau, Barcelona oder Stockholm miteinander verabreden und sozusagen „gemeinsam“ an einem bestimmten Tag eine Aufführung angucken, sich hinterher dazu austauschen, chatten oder per Zoom mit einem Glas Wein anstoßen und sich die Köpfe darüber heißreden, ob das jetzt eine gute Aufführung war. In einer Zeit, in der Kontakte nicht mehr möglich sind, kann das die Menschen auf eine schöne Weise miteinander verbinden.

Bieten Sie dafür auch eine digitale Plattform an?

Hertlein: Wir werden die Kommunikation mit dem Publikum über unsere sozialen Medien betreiben und wahrscheinlich auch einige Mitmach-Aktionen anbieten.

Lux: Man erlebt ja auch ganz lustige Szenen im Bereich des Streamings. Mir haben Freunde aus Amsterdam erzählt, wo Live-Streamings grundsätzlich entgeltpflichtig sind, dass ein Ehepaar sich zwei Karten anstelle von einer gekauft und sich auch etwas Anständiges angezogen hat – wie bei einem traditionellen Theaterbesuch.

Ist doch schön, wenn man auch zu Hause das Zeremoniell pflegt …

Hertlein: Aus diesem Grund haben wir uns auch entschlossen, die Stücke jeweils nur einen Abend zwischen 19 und 24 Uhr online zu stellen, damit das Gefühl des Einmaligen und Besonderen erhalten bleibt und der Wert dieser Aufführungen geschätzt wird.

Lux: Mit dieser Zeitspanne tragen wir auch den europäischen Zeitzonen für unsere Zuschauer von Moskau bis Paris Rechnung, die die Videos mit englischen Untertiteln präsentiert bekommen. Es ist ein großes Experiment, von dem wir nicht wissen, ob es funktionieren wird.

Und wer teilnehmen möchte, kauft sich ein Online-Ticket und meldet sich damit an?

Lux: Nur für unseren eigenen Live-Stream von „Paradies“ muss online eine Karte erworben werden, alles andere wird kostenfrei angeboten.

Lessingtage 2021
20.1.-31.1.2021, täglich 19-24 Uhr


Cover_SZ0121 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Weihnachtsmannwerk: Ein Santa via Zoom

Thilo Tamme ist der Gründer vom Weihnachtsmannwerk. Dort arbeiten Studenten, die als Weihnachtsmänner gebucht werden können. In diesem Jahr zögern viele jedoch mit einer Bestellung – weshalb Tamme alternativ einen Online-Weihnachtsmann anbietet

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Thilo, wie ist die aktuelle Auftragslage für Vor-Ort-Weihnachtsmänner in Hamburg?

Thilo Tamme: Schlecht. Sehr schlecht sogar. Seit Anfang November, wenn es normalerweise richtig losgeht mit den Aufträgen, haben wir kaum Bestellungen reinbekommen.

Was bedeutet das in Zahlen?

Dass wir ungefähr 60 Prozent weniger Buchungen haben als in den Vorjahren – und das trotz eines guten Hygienekonzepts.

Was beinhaltet das Konzept?

Natürlich den nötigen Abstand, auch Handschuhe, die regelmäßig gewechselt werden. Und jeder Weihnachtsmann muss die Corona-Warn-App installiert haben und 14 Tage ein niedriges Risiko nachweisen können.

Ich kann das Zögern der Familien aber natürlich verstehen. Sie wollen erst mal schauen, wie sich die Situation entwickelt. Sie können ja noch bis zum 20. Dezember buchen. Und wenn sie sich aus bestimmten Gründen dagegen entscheiden, einen Weihnachtsmann einzuladen, bieten wir erstmals auch einen Online-Weihnachtsmann an.

 

„Zeig mal den Nordpol!“

 

Der ist laut Firmen-Homepage vergleichsweise günstig. Während der Vor-Ort-Weihnachtsmann ab 99 Euro zu haben ist, kriegt man den Online-Weihnachtsmann bereits ab 29 Euro.

Genau. Und wie beim normalen Weihnachtsmann gibt es auch für den Online-Weihnachtsmann drei Buchungsoptionen. Es gibt den Zoom-Weihnachtsmann, der 69 Euro kostet. Er kann mit den Kindern direkt interagieren. Der Video-Weihnachtsmann, der in einer umfassenden Botschaft direkt auf die Kinder eingeht, kostet 49 Euro. Und das günstigste Paket, ein Online-Weihnachtsmann mit einer kurzen Grußbotschaft, ist für 29 Euro erhältlich.

Sind die Online-Weihnachtsmänner eigentlich auf alle Eventualitäten vorbereitet? Zum Beispiel, wenn Kinder fordern: „Zeig mal den Nordpol!“

Ja. Grundsätzlich sind alle unsere Weihnachtsmänner geschult. Ich kenne auch alle persönlich, es werden also keine komplett Fremden losgeschickt. Und wenn Kinder den Nordpol oder Rentiere sehen wollen, haben wir verschiedene Hintergründe, die wir einfügen können.

Wird die Pandemie vom Online-Weihnachtsmann auch angesprochen?

Ja. Er wird dann so etwas sagen wie: „Ihr habt bestimmt mitbekommen, was da draußen los ist und warum ich in diesem Jahr nicht persönlich vorbeischauen kann.“

Abschließend auch bezüglich des Online-Weihnachtsmanns die Frage: Wie wird das Angebot angenommen?

Wir haben Buchungen für alle Online-Weihnachtsmann-Optionen. Zudem ist der Online-Weihnachtsmann ein Back-up für uns. Angenommen, es kommt ein kompletter Lockdown, können wir den Familien, die einen Vor-Ort-Weihnachtsmann gebucht haben, diese Alternative anbieten.


Cover_Szene_Hamburg_Dezember_2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2020. Das Magazin ist seit dem 28. November 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Medienstadt: Journalismus studieren in Hamburg

Die Hansestadt hat eine Palette an Universitäten und Hochschulen, die das Handwerk von Journalisten und Medienexperten lehren – ein Überblick

Texte: Michelle Kastrop

 

Hochschule Fresenius

Die private Hochschule Fresenius liegt nur einige Meter vom Alsterufer entfernt. Die Studiengänge Medien und Kommunikation sowie Medienmanagement und Digitales Marketing sind der Türöffner in die hart umkämpfte Medienwelt. Hier lernt man alles über Medienrecht, Online-Marketing und E-Commerce. Durch die Spezialisierung in Kommunikations- und Agenturmanagement entwickelt man crossmediale Konzepte für digitale und analoge Kanäle.

Oder wie wäre es mit einer Ausbildung in Film- und Videoproduktion? Denn: Bewegtbild ist das wichtigste Mittel unserer Kommunikation. Wer einen Trip ins Ausland während des Studiums nicht missen will, der hat die Möglichkeit ein Auslandssemester in New York oder Shanghai zu integrieren. Das 1848 gegründete chemische Laboratorium Fresenius umfasst heute die Fachbereiche Chemie und Biologie, Gesundheit und Soziales, Wirtschaft und Medien und Design. Zudem bietet die Hochschule auch Fern- und Online-Studiengänge an.

Hochschule Fresenius: Alte Rabenstraße 1 (Rotherbaum)

 

HAW Hamburg

Die drei Departments Design, Medientechnik und Information umfassen alle Kernkompetenzen und den professionellen Umgang mit Information in der Medienbranche. Für ein besseres Verständnis wendet man in Laboren wie dem Medienkompetenzzentrum, dem Search Lab oder dem Usability Labor, das Erlernte dann direkt praktisch an.

Zusätzlich verfügt die HAW Hamburg über ein Forschungszentrum namens Competence Center Communication (COMCC) für Medien und Kommunikation in der Netzwerkgesellschaft. Hier wird der Nachwuchs aus dem Masterprogramm Digitale Kommunikation auf Forschung und Praxis vorbereitet.

Insgesamt bildet die Hochschule für Angewandte Wissenschaften vier Fakultäten: Technik und Informatik, Life Sciences sowie Design, Medien und Kommunikation wie auch Wirtschaft und Soziales. Durch die Corona-Pandemie gibt es keine einheitlichen Bewerbungsfristen für das Wintersemester 2020. Ein Blick auf die einzelnen Studiengänge auf der Internetseite lohnt sich also.

HAW Hamburg: Berliner Tor 5 (St. Georg)

 

University of Applied Sciences Europe

Direkt am Bahnhof Altona ist die private Hochschule University of Applied Sciences Europe zu Hause. Alle drei Fakultäten Art und Design; Sport, Medien und Events sowie Wirtschaft haben dort ihren Platz. In den Bereichen Sport, Medien und Events und Wirtschaft sind Praktika und ein Auslandssemester nicht nur erwünscht, sondern ein Muss. Passend dazu werden auch die Lerninhalte der Studiengänge praxisnah und international ausgerichtet.

In dem Bachelorstudiengang Kommunikations- und Medienmanagement eignet man sich ein grundlegendes wirtschaftliches Wissen und Kompetenzen in Unternehmensführung sowie strategische Planung, Projektmanagement und Krisenkommunikation an.

Während des Vertiefungskurses Moderation in Radio und TV befindet man sich im hauseigenen Radio- und TV-Studio – eben ganz wie in der Praxis. Die Bewerbungsfrist für das Wintersemester ist der 15. August, für das Sommersemester der 28. Februar.

University of Applied Sciences Europe: Museumstraße 39 (Altona)

 

Hamburg Media School

Hier ist der Name Programm! Die Hamburg Media School ist ein Schmelztiegel für medienaffine Hochschüler. Insgesamt umfasst die Hochschule fünf unterschiedliche Bachelor- und Masterstudiengänge: Digital Journalism, Digital und Medienmanagement, Film, Werteorientierter Werbefilm und Digital Media.

Eines der wichtigsten Merkmale dieser Hochschule sind die kleinen Kursgrößen, die für einen engen Kontakt zwischen Studenten und Dozenten sorgen. Dadurch entsteht eine intensive Betreuung jedes Einzelnen. Wichtig für Berufstätige: Hier kann in Vollzeit oder auch berufsbegleitend studiert werden. Der Masterstudiengang Digital Journalism zeigt den Studierenden neue Arten des Medienkonsums und Storytelling-Formate. So bleibt man auf keinen Fall in der analogen Welt stehen.

Hamburg Media School: Finkenau 35 (Uhlenhorst)

 

Universität Hamburg

Die Universität Hamburg ist mit 180 Gebäuden und mit über 40.000 Absolventen die größte Universität Hamburgs. Insgesamt bietet die Universität, die bereits im 20. Jahrhundert gegründet wurde, über 170 Studiengänge an. So tummeln sich die verschiedensten Leute mit unterschiedlichen Interessen auf dem Campus.

Der Bachelorstudiengang Medien und Kommunikationswissenschaft und der Masterstudiengang Medienwissenschaft werden immer zum Wintersemester angeboten. Damit qualifiziert man sich unter anderen für die Planung, Konzeption und Produktion für Medieninhalte. Besser gesagt: So entwickeln sich die Medien-Talente von morgen!

Die Bewerbungsfrist für Studienanfänger ist dieses Jahr zwischen dem 1. Juli und dem 20. August. Und die Universität Hamburg kann noch mehr. Auch öffentliche Vorlesungen, Weiterbildung, Kultur, Sammlungen und Museen und eine Kinder-Uni bietet die Universität an.

Universität Hamburg: Mittelweg 177 (Rotherbaum)

 

Hochschule Macromedia

Mitten in der Innenstadt, nicht weit vom Jungfernstieg entfernt, liegt die Hochschule Macromedia. Hier heißt es „Brain statt Pain“, ganz nach dem Motto: Auswendiglernen kann jeder, was zählt ist kreatives Denken! Im Bachelorstudiengang Medien und Kommunikationsmanagement lernt man alles über das Planen und Durchführen von Events, Werbekampagnen zu starten und die Unternehmensvision auf Social Media zu verbreiten. Mit diesen und weiteren Kerneigenschaften kann man hinterher sein eigenes Start-up gründen oder im Gegensatz dazu ganz typisch Strategieberater werden.

Wem der normale Bachelor nicht genügt, der kann hier zusätzlich noch einen London-Bachelor abschließen. Das bedeutet, es geht im vierten und fünften Semester nach London zur University of Westminster. Der nächste Master-Info-Abend ist am 14. August und der nächste Bachelor-Info-Abend am 16. September.

Hochschule Macromedia: Gertrudenstraße 3 (Altstadt)

 

Akademie für Publizistik

Dieses Jahr wird die Akademie für Publizistik 50 Jahre alt. Sie wurde gegründet, um die Volontärausbildung für angehende Journalisten zu verbessern. Heute bietet die Akademie viele unterschiedliche Seminare und Lehrgänge an. Bei der berufsbegleitenden, überbetrieblichen Aus- und Fortbildung dreht sich alles um die Medienwelt.

In dem Online-Seminar „Schreiben unter Zeitdruck“ erlernt man Tricks, um zum Schnellschreiber zu werden, ohne dass es die Qualität der Texte beeinflusst. Photoshop-Anfänger? Nach dem Seminar „Bildbearbeitung mit Photoshop CC“ hat man alle wichtigen Grundlagen drauf und weiß, wie man Fotos für Print und Online sicher und schnell bearbeitet. Die Volontärkurse sind unterteilt in Print und Online, Fernsehen und Radio. Perfekt für den Einstieg in die Arbeit der Hamburger Verlagshäuser.

Akademie für Publizistik: Cremon 32 (Altstadt)


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Steckbriefe: Hamburger Medienmacher im Interview

Hamburger Medienmenschen über ihren Werdegang, ihre Stärken und ihre Vorstellung von gutem Journalismus

Steckbriefe: Erik Brandt-Höge

 

Maik Koltermann von der Hamburger Morgenpost

Maik Koltermann, 45, Journalist/ Chefredakteur Hamburger Morgenpost

Werdegang: Als Teenager dem Grunge verfallen. Auch weil Journalisten Frei­tickets und Rezensionsexemplare bekamen, bei Musikmagazin beworben. Spä­ter als Volontär die Pop­-Seite der MOPO betreut. Dann: Lokales, CvD, Ressort­leiter, Stellv. Chefredakteur. Nach neun­monatiger Auszeit jetzt zurück als Chef.

Mein Job in einem Satz: Täglich raus­finden, was Hamburg bewegt und bewe­gen sollte, manchmal Löwenbändiger sein und manchmal Küchenpsychologe.

Meine größte Stärke: Ich mache einen exzellenten Schweinebraten und habe hin und wieder eine gute Idee.

Außer unserem konsumiere ich regelmäßig folgende Medien: Ach. Abend­blatt, Spiegel, Süddeutsche, Facebook, Instagram, ARD, Arte, Netflix und vieles mehr … zu viel, zu lang.

Zuletzt fand ich diese Veröffentlichung herausragend: Herausragend ist ein großes Wort, aber “Er will’s wirklich wissen” von Peter Unfried in der taz habe ich sehr gern gelesen. Liegt vielleicht auch daran, dass ich kurz zuvor fest­gestellt hatte, dass mein bisheriges Urteil über Markus Lanz überar­beitungswürdig ist.

Ganz allgemein ist für mich guter Journalismus: Ein hartes Stück Arbeit, die beste aller Aufga­ben.

 

Lars Haider vom Hamburger Abendblatt (Bild: Mark Sandten)

Lars Haider, 50, Journalist/ Chefredakteur Hamburger Abendblatt

Werdegang: Ich wollte immer Re­dakteur beim Hamburger Abendblatt werden, weil ich diese Zeitung und diese Stadt so liebe.

Mein Job in einem Satz: Für gute Laune und sehr gute Geschichten sorgen.

Meine größte Stärke: Verrückte Ideen.

Außer unserem konsumiere ich regelmäßig folgende Medien: Zu vie­le, um sie hier aufzuzählen.

Zuletzt fand ich diese Veröffentlichung herausragend: Markus Felden­kirchen: “Die Schulz­-Story”.

Ganz allgemein ist für mich guter Journalismus: systemrelevant

 

Carla Rosorius von der GEO

Carla Rosorius, 32, Bildredakteurin GEO Wissen/ GEO kompakt/ Wohllebens Welt

Werdegang: Meine Begeisterung für Fotografie und letztendlich das Jahr an der Ostkreuzschule für Fotografie haben in mir die Entscheidung gefestigt, den Berufsweg der Bild­redakteurin einzuschla­gen. Es folgten Stationen beim Magazin der Süddeutschen Zeitung, dem Spiegel, der Zeit und mittler­weile bin ich seit gut fünf Jahren Teil der großen GEO­-Familie.

Mein Job in einem Satz: Ich verstehe mich als Bildredakteurin als Schnittstelle zwischen den Fotografen und Illustratoren draußen sowie der Textredaktion und der Grafik innerhalb der Redaktion – in der Bildredaktion läuft alles zusammen.

Meine größte Stärke: Ich kommuni­ziere gerne, habe ein gutes Gedächtnis und behalte auch bei parallel laufenden Projekten den Überblick.

Außer unserem konsumiere ich regelmäßig folgende Medien: Als Angestellte bei Gruner + Jahr landen zig Magazine auf meinem Tisch, meine Top 3 aus an­ deren Häusern: Spiegel, British Journal of Photography, Bon appétit.

Zuletzt fand ich diese Veröffentlichung herausragend: Ich kann mich nicht auf eine Veröffentlichung festlegen und diese als herausragend bezeichnen. Mich können unterschiedlichste Themen und Ansätze begeistern, wenn sie überraschen und mir eine Welt zeigen, die ich so bislang nicht kannte.

Ganz allgemein ist für mich guter Journalismus: Journalismus ist für mich gut, wenn er sowohl optisch als auch textlich überrascht und ein mir bislang unbekanntes Thema von verschiedenen Seiten beleuchtet, erklärt und dabei gerne auch provokante Thesen aufstellt, die mich neugierig machen, mehr zu erfahren.

 

Jan Hildebrandt von den Eimsbütteler Nachrichten (Bild: Eimsbütteler Nachrichten)

Jan Hildebrandt, 40, Verleger Eimsbütteler Nachrichten

Werdegang: Ich habe während des Studiums abgeordnetenwatch.de gegründet. Anschlie­ßend habe ich an der TU Harburg in einem So­zionik­-Projekt ge­arbeitet und er­forscht, wie sich neue Kommunikations­medien auf gesell­schaftliche Strukturen auswirken. 2013 gründe­te ich die Eimsbütteler Nachrichten, um dabei ein tragfähiges Geschäftsmodell zur Finanzierung von unabhängigem lokalen Qualitätsjournalismus zu entwickeln.

Mein Job in einem Satz: Ich bin zu­ständig für die Geschäftsführung, Or­ganisationsentwicklung, Marketing, Kooperationen, Sales und Personal.

Meine größte Stärke: Eine gesunde Mischung aus Panik, Resilienz, Hek­tik und Geduld.

Außer unserem konsumiere ich regelmäßig folgende Medien: Über­medien, Die Zeit, Der Spiegel, Katapult, NDR, taz, Hamburger Morgenpost, Hamburger Abendblatt, Was­hington Post, New York Times, Horizont, MEEDIA, Der Postillon, Titanic.

Zuletzt fand ich diese Veröffentlichung herausragend: “Tausend Zeilen Lüge: Das System Relotius und der deutsche Journalismus”, Juan Moreno, Rowohlt Berlin. Für mich ist Moreno der Retter des deutschen Journalis­mus. Er hat persönlich Unglaubliches auf sich genommen und erduldet, um die Glaubwürdigkeit einer ganzen Branche wiederherzustellen.

Ganz allgemein ist für mich guter Journalismus: Guter Journalismus verliert nie den Bezug zu seinen Lesern. Eine Redaktion sollte sich im Dauerdiskurs mit ihren Lesern befinden.

 

Gabriele Fischer von brand eins (Bild: Andre Hemstedt & Tine Reimer)

Gabriele Fischer, 67, Journalistin/ Chefredakteurin brand eins

Werdegang: Studium: Politische Wis­senschaften, Soziologie und Germanistik, nach dem Magister zwei Jahre Autos vermietet, Einstieg in den Journalismus bei der Rotenburger Kreiszeitung, von dort zur G+J -Journalistenschule (hieß damals noch so, es war der erste Jahr­gang), von dort zurück in die Provinz, fünf Jahre Osterholzer Kreisblatt und Delmenhorster Kurier. Danach zehn Jahre Manager Magazin, Entwicklung des Tochtermagazins Econy, das nach zwei Ausgaben eingestellt wurde. Seit­ dem Unternehmerin zunächst mit Econy, nach dessen Verkauf Mitgründung von brand eins, das heute in der brand eins Medien AG erscheint.

Mein Job in einem Satz: Dafür zu sor­gen, dass die Kollegen dort gern und gut arbeiten können.

Meine größte Stärke: Weitgehend angstfrei, Menschen liebend und frustrationstolerant. Und ich erkenne ziemlich zielsicher, was eine Geschichte ist und was nicht.

Außer unserem konsumiere ich regelmäßig folgende Medien: Zeit, Spiegel, SZ und immer wieder Independents wie Zenith oder Katapult.

Zuletzt fand ich diese Veröffentlichung herausragend: Die Zeit: “Würden Sie diesen Mann entlassen?” von Noemi Harnickel und Anna­-Sophie Barbutev, Begründung: Weil man nach dem Foto schon alles zu wissen glaubt – und dann eine ganz andere Geschichte liest.

Ganz allgemein ist für mich guter Journalismus: Wenn Journalisten nach Antworten suchen, auch wenn sie ihnen nicht gefallen – und nicht nur eigene Vor­urteile bestätigen wollen.

 

Wolf-Hendrik Müllenberg vom NDR (Bild: NDR/ Christian Spielmann)

Wolf-Hendrik Müllenberg, 37, Cross-medialer Redakteur NDR Info

Werdegang: Nach dem Volo auf der Evangelischen Journalistenschule, Einsatz als trimedialer Reporter im NDR Studio Braunschweig. Danach Wechsel nach Hamburg als Autor im Aktuell­-Team von NDR.de sowie als Berater im Social Media Team des NDR. Heute: Redakteur für Online, Social Media, Hörfunk und Fernse­hen.

Mein Job in einem Satz: Was bewegt den Norden heute?

Meine größte Stärke: Gespür für Themen, crossmedial denken, Team­fähigkeit.

Außer unserem konsumiere ich regelmäßig folgende Medien: SZ, taz, FAS, Bild und Bildblog, Social Me­dia Watchblog, Dummy, „Tracks“ von Arte und die Podcasts „Hotel Matze“ sowie „ZEIT Verbrechen“.

Zuletzt fand ich diese Veröffentlichung herausragend: “Leonora – Wie ein Vater seine Tochter an den IS verlor” (Volkmar Kabisch, Britta von der Heide, Amir Musawy, ARD). Ein Film, der mit außergewöhnlicher Nähe er­zählt wird und zudem auch als spannen­der Podcast umgesetzt wurde.

Ganz allgemein ist für mich guter Journalismus: … der den Menschen auf Augenhöhe begegnet, an seinem Publikum orientiert und nicht von Eitelkeit getrieben ist.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Ein Plädoyer für die Presse

Ein Essay: Der Journalismus befindet sich in der Krise. Ob Spiegel, Stern, Abendblatt, Mopo oder SZENE HAMBURG – der Einfluss der einstigen Hamburger Flaggschiffe sinkt und das Vertrauen der Leser schwindet, während Social-Media-Plattformen wie Facebook und Twitter Milliardengewinne feiern. Was bedeutet das für die Stadt, das Land und die Welt? Und vor allem: Was ist zu tun?

Text: Marco Arellano Gomes

 

Jeder Enttäuschung geht notwendigerweise eine Täuschung voraus. Rückblickend lässt sich sagen, dass kaum ein Berufsstand mit so vielen Erwartungen und Ansprüchen überhäuft wird wie der des Journalisten. Vielleicht lag hierin bereits von Beginn an die Täuschung, die Selbsttäuschung wohlgemerkt. Auf den ersten Blick ist es kein Zufall, dass der Comic-Held Superman in seinem bürgerlichen Leben, unter dem Decknamen Clark Kent, den Beruf des Journalisten ausübt. Denn kein Beruf kommt der Ambition, die Welt zu verbessern, sie gar zu retten, wohl näher.

Dabei könnte die enttäuschende Wahrheit sein, dass Superman aus ganz pragmatischen Gründen diesen Beruf erwählt hat: Erstens, weil er dadurch am schnellsten mit den wichtigsten Nachrichten versorgt wird und zweitens, weil niemand wirklich davon ausgeht, dass ein Journalist ein Superheld sein könnte. In der Gegenwart jedenfalls wird in immer größeren Teilen der Bevölkerung zunehmend ein Urteil zum Journalismus gefällt, das nicht gerade gnädig ausfällt: „Lügenpresse“ und „Fake News“ sind die unschönen Kampfbegriffe, die den passiven Wortschatz vieler längst verlassen haben und nicht nur in Straßenaufmärschen und an Stammtischen skandiert werden, sondern in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind.

Laut einer Eurobarometer-Umfrage von 2019 glaubt mehr als die Hälfte der Befragten in Deutschland, dass sie verfälschten Nachrichten ausgesetzt werde. In Großbritannien sind es 75 Prozent, in Frankreich gar 80 Prozent. Irgendetwas ist schiefgelaufen im Verhältnis von Journalisten und Bürgern. Es ist eine Entfremdung eingetreten, deren Folgen noch nicht abschätzbar sind. Wie konnte das passieren? Und was kann getan werden, um dieser Entwicklung entgegenzusteuern?

 

Sturmgeschütz der Demokratie

 

„Ich glaube, dass ein leidenschaftlicher Journalist kaum einen Artikel schreiben kann, ohne im Unterbewusstsein die Wirklichkeit ändern zu wollen“, hat Spiegel- Gründer Rudolf Augstein einst gesagt. Vielen galt die mit seinem Namen verbundene Spiegel-Affäre von 1962 als die Geburtsstunde des demokratischen Bewusstseins in Deutschland. Damals, als der Verteidigungsminister Franz Josef Strauß Teile der Spiegel-Redaktion mit dem Vorwurf des Landesverrats verhaften ließ, weil diese einen kritischen Artikel zur Rüstungspolitik der Bundesrepublik veröffentlicht hatte, stellte sich die Bevölkerung, im Namen der Pressefreiheit, auf die Seite der Journalisten.

Damals war etwas entstanden, was mittlerweile verloren gegangen ist: eine Bindung zwischen den Bürgern und Bürgerinnen und den Medien, die den Mächtigen in ihrem Auftrag auf die Finger schauen sollten. Augstein nannte sein Blatt nicht ohne Grund das „Sturmgeschütz der Demokratie“. Es galt, etwas zu verteidigen – gegen die Gefahren von rechts und links, von oben und unten.

 

Skandale made in Hamburg

 

Seither ist unzweifelhaft viel passiert. Die gefälschten Hitler-Tagebücher des Stern und die Relotius-Affäre des Spiegel sind die schillerndsten Beispiele dafür, wie sehr Sensation, Kommerz und Prestige dazu führen können, gravierende Fehler zu machen oder zu übersehen, nur um einen Scoop zu landen. Beide Skandale sind made in Hamburg. Zugleich wird hier die Elite des Journalismus ausgebildet. Die Henri-Nannen-Schule ist das Traumziel eines jeden angehenden Journalisten, der etwas auf sich hält. Der Einstellungstest ist legendär, das Programm in jeder Hinsicht eine Herausforderung. Spitzenjournalismus und journalistische Abgründe – nirgends liegen Schein und Sein so eng beieinander wie in Hamburg, dieser Stadt der Extreme, der Vielfalt, der Widersprüchlichkeit. Hier ist die Zeit ebenso zu Hause wie die Bauer Media Group.

Der Journalismus ist in eine massive Finanzierungs- und Misstrauenskrise geraten – und das mitten in einer historisch ungünstigen Situation der multiplen Transformationsprozesse: internationale Krisen, wirtschaftlicher Strukturwandel, Digitalisierung der Lebenswelt – um nur einige zu nennen.

 

Medien-Hamburg-kiosk

 

Medienevolution

 

Was den Journalismus wohl am stärksten verändert und herausfordert, ist der Siegeszug des Internets und die damit einhergehende Medienevolution. Texte, Bilder und Videos sind dank der Neuen Medien permanent und in Sekundenschnelle verfügbar. Nie war es leichter, an Wissen zu gelangen, Informationen zu teilen, mitzureden. Spätestens seit Auftauchen der sozialen Medien wie Facebook, Instagram, Twitter und Youtube ist jeder Nutzer zum Nachrichtenproduzenten geworden, ohne dafür ausgebildet zu sein.

 

„Es wird zunehmend geklickt, gewischt und geliked, statt gelesen, gesprochen und gedacht“

 

Die Kommunikation und Informationsbeschaffung der Menschen hat sich grundlegend verändert: Es wird zunehmend geklickt, gewischt und geliked, statt gelesen, gesprochen und gedacht. Follower ersetzen Freundschaften. Ein eigentümlicher Narzissmus und Exhibitionismus ist an die Stelle des Gemeinsinns und der Vernunft getreten. Das trifft nicht auf alle und jeden zu. Natürlich gibt es unzählige Ausnahmen. Die Tendenz ist aber da – und sie ist real. Die Welt droht eine zu werden, in der das Ich mehr zählt als das Wir. Statt Wissen werden Meinungen publiziert und konsumiert, die das eigene Denken bestätigen. Der Politaktivist Eli Pariser prägte hierfür den Begriff der Filterblasen.

 

Gesetz der Enantiodromie

 

Die unbestreitbaren Vorteile des Internets stellt niemand in Frage, aber nie war es so leicht, Lügen, Falschmeldungen und Propaganda in die Welt hinauszuposaunen und gehört zu werden. In der Welt des Digitalen, mit seinen unendlichen Möglichkeiten, haben Hass, Hetze, Gerüchte und Falschmeldungen einen perfekten Nährboden gefunden. Das wird schamlos ausgenutzt und geht so weit, dass Staatsoberhäupter parallele Wirklichkeiten schaffen und die Journalisten zu „Feinden des Volkes“ erklären. Den alten Leitmedien wird zunehmend misstraut, da es, wenn nur noch Meinungen zählen, zu einer Entkopplung von Realität und Wahrheit kommt. Das Problem dabei ist, dass dann nur noch eine Kategorie bleibt: Macht – und sei es die bloße Deutungsmacht. Nur so ist überhaupt erklärbar, wie ein als ungebildet, unfähig und für das Amt ungeeignet erscheinender Mann wie Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten werden konnte.

Es gibt diesen Moment der Überraschung, in dem das Gute und das eigentlich gut Gemeinte sich in das Gegenteil, die Lösung zum Problem, die Idee zur Ideologie verkehrt. Heraklit hat dies das Gesetz der Enantiodromie genannt: das Umschlagen der Dinge in ihr Gegenteil. Die Entwicklung der sozialen Medien ist von solch einem Wandel geprägt. Was so vermeintlich nett und unschuldig begann, als Möglichkeit, mit Freunden in Kontakt zu treten, zu bleiben und Erlebnisse miteinander zu teilen, wurde plötzlich zu einem Überwachungs-, Vermarktungs- und Manipulationssystem. Das Erschreckende daran ist, dass sich die Mehrheit der Nutzer daran nicht zu stören scheint.

 

Verlust der vierten Gewalt

 

Während also die sozialen Medien – vermeintlich kostenlos – die Aufmerksamkeit der Menschen absorbieren und einige der niederen Bedürfnisse erfolgreich penetrieren, verlieren die Presseerzeugnisse – insbesondere Zeitungen und Zeitschriften – an Lesern und Anzeigenkunden und somit an Einnahmen und Einfluss. Immer weniger Redakteure sind fest angestellt, während ehemalige Journalisten von Unternehmen angeheuert werden, um PR im journalistischen Stil zu betreiben. Content Marketing wird das dann genannt, da im Gegensatz zum klassischen Corporate Publishing mehrere Kanäle bedient und im Einklang mit der jeweiligen Markenweltund -vorstellung ausgespielt werden. Das alles ist nicht neu, aber es ist doch verblüffend, wie selten öffentlich thematisiert wird, welchen Einfluss auch diese Entwicklung letztlich auf den Verlust des Vertrauens in die Medien gehabt haben mag.

Das alles führt dazu, dass die Presse ihrer Aufgabe als vierte Gewalt im System der Gewaltenteilung nicht mehr in dem Maße nachkommen kann, wie es erforderlich wäre. Und genau das ist demokratietheoretisch höchst bedenklich. Denn ohne ein gemeinsames Werte- und Wahrheitsfundament zerfällt eine Gesellschaft, folgt Polarisierung und Destabilisierung. Wer hört überhaupt noch hin? Wer liest überhaupt noch diesen Text?

In der jüngsten Vergangenheit werden Zeitungen zudem von Investoren aufgekauft, die aus der Technologie-Branche kommen: Erst im vergangenen Jahr hat das Berliner Unternehmerpaar Silke und Holger Friedrich die Berliner Zeitung erworben, 2013 kaufte Jeff Bezos, Herrscher von Amazonien, die Washington Post. Seither prangt unter dem Titel-Schriftzug dieser ehrwürdigen Zeitung, die einst den Watergate-Skandal um US-Präsident Richard Nixon aufdeckte, der Zusatz „Democracy Dies in Darkness“, übersetzt: „Demokratie stirbt in der Dunkelheit“. Auf der einen Seite ist es erfreulich, dass sich jemand findet, der an die Presse glaubt und diese finanziert. Auf der anderen Seite stellt sich die berechtigte Frage, aus welcher Motivation heraus das geschieht.

 

Utopie der redaktionellen Gesellschaft

 

Aber was heißt es für den Journalismus, wenn plötzlich jeder Blogger und jeder Twitter-, Facebook- und Messenger-Nutzer zum Journalisten wird? Der Begriff ist seit jeher nicht geschützt, weshalb jeder sich Journalist nennen darf, der etwas publiziert. Da das inzwischen jeder kann, ist in der Tat auch jeder irgendwie ein Journalist. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, der von 2002 bis 2008 an der Universität Hamburg gelehrt hat und nun an der Universität Tübingen forscht, behauptet in seinem Buch „Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung“ (2018) genau das.

Die Frage ist nur, ob die Gesellschaft als Ganze darauf vorbereitet war und ob sich jeder der Verantwortung bewusst ist, die damit einhergeht. Hier sind Zweifel durchaus angebracht. Was also ist zu tun? Pörksen hat in seinem Buch einige Vorschläge unterbreitet und fasst seine Ideen unter dem Stichwort „Utopie der redaktionellen Gesellschaft“ zusammen. Diese definiert er als eine „Gesellschaft, die die Normen und Prinzipien eines ideal gedachten Journalismus zum Bestandteil der Allgemeinbildung“ werden lässt. Und er schlägt zur Verwirklichung dieser vor, ein Schulfach einzuführen, in dem diese gelehrt werden. Inhalte eines solchen Schulfaches wären Pörksen zufolge die Entstehungsgeschichte der Medien, die Machtanalyse des Mediensystems, Quellenanalyse, die redaktionelle Arbeitsweise sowie eine grundsätzliche moralisch-ethische Wertevermittlung. Das Lehrangebot soll aber nicht nur Schülern vorbehalten sein, sondern allen zur Verfügung stehen, also auch Erwachsenen, beispielsweise über die Volkshochschulen.

Das Gute: Die Normen und Prinzipien gibt es bereits, nämlich in Form der handwerklichen Regeln und Maximen des journalistischen Arbeitens. Diese werden in Journalistenschulen wie der Hamburger Henri-Nannen-Schule oder der Akademie für Publizistik gelehrt. Sie sind in wesentlichen Teilen auch im Pressekodex festgehalten und darüber hinaus in Standardwerken wie dem „Handbuch für Journalismus“ (Wolf Schneider und Paul-Josef Raue) und „Einführung in den praktischen Journalismus“ (Walther von La Roche) kenntnisreich und lebensnah beschrieben.

 

Journalistisches Arbeiten

 

Die journalistischen Grundregeln sind eigentlich bekannt: So sollen sich Journalisten nicht von privaten und geschäftlichen Interessen Dritter beeinflussen lassen und derartige Versuche abwehren, die Trennung zwischen redaktionellen Texten und Veröffentlichungen zu werblichen Zwecken beherzigen, keine Geschenke annehmen, die über Getränke und Snacks hinausgehen, Beiträge nicht im Austausch gegen Anzeigenbuchungen lancieren, alle Seiten anhören und darstellen, nie nur einem Informanten glauben (Zwei-Quellen-Prinzip), gut und ausreichend recherchieren und sich möglichst selbst ein Bild machen – um nur die Wichtigsten zu nennen.

Was von Regelbrüchen zu halten ist, sagt Pörksen in seinem Buch mit aller Klarheit: das sei „ein korrupter und erbärmlicher Journalismus […], der Kritik und gesellschaftliche Ächtung verdient“. Pörksen ist sich darüber im Klaren, dass zu den Journalisten auch jene zählen, die lügen, bespitzeln, verurteilen, Biografien zerstören, „aber die Tatsache, dass es auch korrupte und schlechte Journalisten gibt, ist kein Einwand, weil ein Ideal nicht schon durch seine Verletzung wertlos wird“. Vielleicht sind die Medien aufgrund des wirtschaftlichen Drucks einfach an den Punkt angelangt, an dem diese vermeintlichen Selbstverständlichkeiten tatsächlich noch mal deutlich gemacht werden müssen.

 

Demokratischer Auftrag

 

„Wenn die demokratische Gesellschaft funktionieren soll, dann ist sie auf Journalisten angewiesen, die viel können, die viel wissen und ein waches und nobles Bewusstsein für ihre Verantwortung besitzen“, heißt es in Wolf Schneiders Journalismus-Bibel. Gilt dieser Satz in der redaktionellen Gesellschaft nun für alle Bürger? Das klingt dann doch etwas arg utopisch. Aber was wäre die Alternative? Ein bloßes „Weiter so“? Wird dann nur noch der Lauteste, der Aggressivste, der Skrupelloseste gewinnen, weil er in der heutigen Informationsflut, dieser Kakofonie des 21. Jahrhunderts, überhaupt noch wahrgenommen wird? Wenn es so wäre, dann hätte der Rapper Kanye West tatsächlich gute Chancen der kommende Präsident der USA zu werden. Aber wer will das ernsthaft? Bestimmen tatsächlich Klicks und Likes die Welt? Oder wird es irgendwann wieder ein Ringen um das beste Argument geben?

 

„Der Zugang zu verlässlichen Informationen ist ein Grundrecht“

Georg Mascolo

 

„Der Zugang zu verlässlichen Informationen ist ein Grundrecht“, schrieb der ehemalige Spiegel-Chefredakteur und heutige SZ-Redakteur Georg Mascolo in einer Selbstkritik im November 2018. Dieses Grundrecht sei „nicht weniger notwendig, als der Zugang zu einem Krankenhaus, einer guten Schule oder sauberem Wasser. […] Gäbe es keinen Journalismus, man müsste ihn für genau diese Zeiten erfinden.“ Vielleicht stirbt die Demokratie ja gar nicht in der Dunkelheit. Vielleicht stirbt sie in einem bunten, knalligen Durcheinander, voller Farben, wie in einem Rausch – und erst dann folgt die Dunkelheit.

 

Journalismus als gemeinsames Denken

 

Gewiss, Journalisten machen Fehler: inhaltliche, wenn nicht gut oder ausreichend recherchiert wurde, formale, wenn die eigenen Inhalte kostenlos im Netz verschleudert werden, übertrieben oder gelogen wird – wie in der skurrilen Sparte der Yellow Press üblich –, wenn schöngefärbt wird – wie in den unzähligen Unternehmenspublikationen –, oder wenn sie vermehrt auf Inhalte bei Facebook, Instagram und Twitter setzen, anstatt selbstbewusst gute Inhalte auf ihren eigenen Webseiten anzubieten und die Leser dort zu binden. Was kann der mit engem finanziellen Spielraum ausgestattete Journalismus in solchen Zeiten tun?

Von Bruce Wasserstein, dem 2009 verstorbenen Investor und zeitweiligen Verleger des New York Magazine, ist eine Anekdote überliefert, die vielleicht eine Antwort darauf gibt: Ein Manager soll ihn nach dem Kauf der Zeitschrift gefragt haben, was er denn nun damit vorhabe, worin der neue publizistische Kurs des Heftes denn bestünde. Wasserstein überlegte kurz und antwortete: „The only thing we do here is think a little bit.“ Frei übersetzt: „Das einzige, was wir hier machen, ist ein wenig denken.“ So einfach kann guter Journalismus sein.

Das Leben ist ein ständiger Lernprozess. Fehler, Rückschläge und Enttäuschungen bleiben da nicht aus. Wir Journalisten können uns ehrlicherweise der Wahrheit immer nur annähern – von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat. Journalismus ist, im besten Falle, die Suche nach Wahrheit durch gemeinsames Lernen und Nachdenken. Dazu braucht es keinen omnipotenten, alles könnenden, alles wissenden Superman. Es braucht lediglich einen neugierigen Clark Kent und eine mutige Lois Lane. Verantwortungsvolle Verleger, die Freiheit gewähren und nicht fürchten – und vor allem braucht es Leser, die das wertschätzen und bereit sind, dafür Geld zu zahlen. Auch das ist Teil der Wahrheit.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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