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Anahit Vardanyan: Orientalische Techno-Sets aus Hamburg

Anahit Vardanyan ist Pianistin, Produzentin und Techno-DJ. Vor vier Jahren zog sie von Armenien nach Deutschland. In SZENE HAMBURG spricht sie über den aktuellen Konflikt in ihrer Heimat, unterschiedliche Musikszenen und ihren künstlerischen Werdegang

Interview: Ole Masch

 

SZENE HAMBURG: Anahit, wie kam es dazu, dass du nach Hamburg gezogen bist?

Anahit Vardanyan: Nachdem ich mein Musik-Bachelorstudium in Jerewan erfolgreich abgeschlossen hatte, wollte ich neue Wege für meine Zukunft finden. Ich bin Pianistin und in Deutschland habe ich die Möglichkeit, mich als Musikerin weiterzuentwickeln.

Leider ist es in Armenien schwieriger als Künstlerin international Fuß zu fassen. Für niemanden ist es einfach, seine Heimat zu verlassen, weit weg von Familie und Freunden. Die größte Hürde war und ist die Sehnsucht nach meinem vergangenen Leben.

Hast du noch engen Kontakt in deine alte Heimat?

Obwohl ich in Hamburg wohne, ist meine Verbindung nach Armenien noch stärker geworden. Meine Familie und mein enger Freundeskreis leben dort. Ich besuche sie so oft wie möglich und freue mich jedes Mal da zu sein. Diese kurze, aber intensive Zeit gibt mir Kraft und ist sehr wertvoll für mich.

 

Ehrlich und geradeaus

 

Seit wann legst du auf?

Seit ungefähr zweieinhalb Jahren. In Hamburg hatte ich mein Masterstudium Multimediale Komposition begonnen und anschließend kam die Leidenschaft, aufzulegen. Ich habe dort auch erste Erfahrungen mit dem Produzieren von elektronischen Klängen gemacht, entwickle mich ständig weiter und versuche, meinen einzigartigen Sound zu finden. Dadurch, dass die elektronische Musik sehr vielfältig ist, kann ich meiner Kreativität freien Lauf lassen.

Wie würdest du deinen Sound beschreiben?

Mit einem starken Drang zur Dramatik, aber immer ehrlich und geradeaus. Gefüllt mit akustischem Klavierklang, melodischen und orientalischen Elementen.

Hast du schon in Armenien aufgelegt?

Mein letzter Gig war im März 2020 in Jerewan bei der Kitchen Label Night. Ein paar Tage vor dem Lockdown. Dies war auch mein erster Auftritt in Armenien. Es war so eine besondere Atmosphäre, die mir bis heute Gänsehaut bereitet. Das armenische Publikum schenkte mir so viel Liebe und positive Energie.

Kannst du die Technoszene dort in ein paar Sätzen beschreiben?

Die elektronische Musik in Armenien entwickelt sich in großen Schritten weiter. Immer mehr DJs und Producer legen international auf und gründen eigene Labels. Ich bin sehr stolz, wenn ich deren Arbeit sehe und habe die Hoffnung, dass unsere Techno-Community wächst.

Was sind die größten Unterschiede zur deutschen Community?

Berlin als Techno-Hauptstadt prägt das ganze Land und international. Wirtschaftlich ist Deutschland mit den großen Festivals sehr weit vorne. Auch die Hamburger Szene ist eine ganz besondere. Ich hatte schon viele Gigs in den großen Clubs wie Uebel & Gefährlich, Fundbureau, Waagenbau oder Docks.

 

„Ich glaube an die Kraft und den Mut meines Landes“

 

Dass Armenien in letzter Zeit vermehrt in den Schlagzeilen stand, hatte einen ernsten Hintergrund. Kannst du die aktuelle Situation beschreiben?

Letztes Jahr erlebten wir einen Krieg um die Region Berg-Karabach. Die Nachkriegszeit ist sehr schwierig für meine Nation und es ist schmerzhaft zu sehen, wie die Bevölkerung mit den Konsequenzen umgehen muss. Aber ich glaube an die Kraft und den Mut meines Landes. Wir haben schon sehr viele schwierige Zeiten erlebt und werden auch diese Situation meistern.

Welche Auswirkungen hat der Krieg auf dich und dein Umfeld?

Natürlich ist es sehr schmerzhaft, einen Teil deines Landes zu verlieren. Einen Ort, den ich selbst sehr oft besucht habe. Das ist unsere Geschichte und ein Teil unserer Kultur. Sich davon zu verabschieden, ist nicht einfach und die Hoffnung bleibt bestehen.

Findest du die Berichterstattung in Deutschland hierzu angemessen?

Meine ehrliche Meinung dazu ist, dass Deutschland eine zu neutrale Position eingenommen hat. Insgesamt war für mich die Menge an Berichterstattung leider zu wenig. Trotzdem bin ich dankbar für Politiker, Journalisten und Künstler, die darauf aufmerksam geworden sind und ihre internationale Reichweite genutzt haben, um zu polarisieren.

Wie könnte man von Deutschland aus helfen?

Die größte Organisation, die ich empfehle, ist The Armenia Fund. 1994 in Los Angeles gegründet, steuerbefreit, nichtstaatlich und nichtpolitisch. Deren Vision ist ein globales armenisches Netzwerk aufzubauen und Entwicklung zu fördern. Und jeder Mensch, der sich mit diesem Thema auseinandersetzt und die Geschichte von Armenien versteht, ist wertvoll für unsere Zukunft.

Corona ist auch in Armenien ein Thema. Wie geht das Land damit um?

Die Maßnahmen und Beschränkungen sind ähnlich wie in Deutschland. Impfungen werden aktuell noch nicht durchgeführt. Aktuell sinkt aber die Zahl an neuen Fällen und das öffentliche Leben entwickelt sich zur Normalität.

 

Techno zu Corona

 

Du bist als Künstlerin in Deutschland besonders von den Maßnahmen betroffen. Wie hat Corona dein Leben verändert?

Es hat meinen Beruf sehr stark eingeschränkt. Von heute auf morgen wurden alle Auftritte abgesagt und es gab keine Möglichkeit, vor Publikum aufzutreten. Für eine Musikerin ist es sehr wichtig, die Verbindung mit den Menschen aufzubauen und die Musik zu teilen. Auch finanziell sind alle Einnahmen weggebrochen und ich habe lediglich ein paar Hilfen vom Staat erhalten, die von Monat zu Monat weniger wurden.

Hast du Alternativen gesucht?

Durch engagierte Eventmanager wurden großartige Projekte im Live-Stream umgesetzt. Dadurch ist die Branche weiterhin lebendig geblieben, es wurde sehr viel Herz und Fleiß investiert und durch kleine Spendenaktionen gezeigt, wie stark sie zusammengewachsen ist. Ich habe ein paar Live-Stream-Sets in Berlin, Hamburg und Jerewan gespielt.

Du kannst der Pandemie also auch Positives abgewinnen?

Ja, ich habe viel mehr Zeit gehabt, mich ins Studio einzuschließen, zu musizieren und viele Projekte für die Zukunft geplant. Aber ich kann für alle Künstler sprechen, dass es das Wichtigste ist, vor einem Live-Publikum zu stehen und dessen Reaktion und Liebe aufzusaugen.

Reaktionen erhältst du auch auf Instagram. Dein Account hat über 30.000 Follower. Wie wichtig sind soziale Netzwerke für dich?

Allgemein ist es als Künstlerin wichtig, eine große Reichweite aufzubauen. Ich erreiche Menschen aus verschiedenen Ländern, die Teil der Community sind.

Techno ist nicht nur eine Musikrichtung, sondern auch eine Philosophie, die Menschen zusammenbringt, die eine gleiche Weltanschauung teilt und friedlich kommuniziert. Meine Community gibt in der schwierigen Zeit so viel positives Feedback, was mich immer wieder aufs Neue motiviert.

Welche musikalischen Projekte verfolgst du zurzeit?

Ich habe kürzlich meine EP „Tatev“ auf dem Label Hydrozoa aus Los Angeles releast. Ein Freund und talentierter Produzent, André Winter, hat einen Remix für den Track beigesteuert. Dazu habe ich auch ein künstlerisches Musikvideo herausgebracht. Gebt mir gerne Feedback und schreibt mich an. Ich würde mich freuen.

 

 

Wo können wir im Februar mehr von dir hören?

Ich werde einen Live-Stream mit Oliver Huntemann im Uebel & Gefährlich spielen und ein einstündiges Set bei dem Label Octopus auflegen. Meine Musik ist auf allen Plattformen wie Spotify, Beatport, Apple Music oder Soundcloud zu hören.

 

 

Was planst du für 2021?

Pläne sind schwer zu verwirklichen, wenn es um Auftritte geht. Es gibt einige Booking-Anfragen, nur muss auch der Veranstalter die Situation mit Corona abschätzen. Deshalb nutze ich die Zeit für ein Projekt, welches ich ab Februar in Armenien verwirkliche. Hoffentlich wird es wieder möglich sein, vor einem Live-Publikum zu spielen, denn dies ist meine Leidenschaft und werde ich auch in Zukunft verfolgen.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Meet the Resident – Jagu

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Residents vor, diesmal: Jagu von Kaetana Records– präsentiert von hamburg elektronisch

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman 

 

SZENE HAMBURG: Wie würdest du deinen Sound beschreiben?

Techno, Deep, und hypnotisch. Teilweise von Trance beeinflusst.

Wann ist deine Lieblingsplaytime?

Ich spiele gerne immer ab 4:00 Uhr.

Wann war dein letzter Gig vor Live-Publikum?

Das war im KitKat Club in Berlin. Eine Woche danach mussten sie schließen wegen Corona. Ich muss immer noch weinen, wenn ich daran denke.

Hast du einen Stream des Monats?

Inhalt der Nacht @ Altes Kraftwerk Rummelsburg, Berlin.

Und eine Platte des Monats?

ANO V-I von Cadency und Hector Oaks

Was war dein größter Moment als DJ?

Das war im Room II vom PAL und ich habe spontan mit DJ Tennis B2B gespielt. Er war, als ich jünger war, einer meiner Idole.

Wochenendtipp im Club-Lockdown?

Alleine schöne Musik hören, gute Drinks genießen und hoffen, dass die Clubs bald wieder aufmachen.

Ein aktuelles Set von Jagu hört ihr hier:

 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Meet the Resident – Crew Ombrelle

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Residents vor, diesmal: Crew Ombrelle – präsentiert von hamburg elektronisch

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman 

 

SZENE HAMBURG: Wie beschreibt ihr euren Sound?

Elektronische Viervierteltakte bei 124 bpm, die Euphorie lostreten. Genregrenzen durchbrechen – von flauschigen Klängen bis technoider Abfahrt. Raum zum Freisein.

 Was war die bisher schrecklichste Gastfrage, die ihr erlebt habt?

„Spielt mal was von Fettes Brot! Oder habt ihr auch ‚I will survive‘?“

Was war euer größter Moment als DJ?

Da gibt es zwei Momente, die uns immer noch flashen. Wir wurden nach einem spontanen Fusion-Set 2019 von Caterina Panesi aka Baud eingeladen, im Januar 2020 zwei Gigs in Italien zu spielen – in Livorno und Pisa. Die Einblicke in die italienische Feier- und Kulturszene und die Gastfreundschaft waren umwerfend.

Baud setzt sich dafür ein, die elektronische Subkultur in ihrer Region zu stärken und die Italiener/innen für die Arbeit von FLINT-DJs – lokal und international – zu sensibilisieren.

Ein weiterer Höhepunkt war das Habitat Festival 2019, bei dem wir mit unserem FLINT-Kollektiv Kosmos&Krawall in Form von DJ-Sets, Performances und einer Sekt-Bar mitgewirkt haben. Wir zwei haben bei steilen 32 Grad die Hauptbühne eröffnet. Das war der Shit!

 

Diversität

 

Welche ist eure Platte des Monats?

Die Save-The-Night-Compilation von unserem Kieler Herzensclub Luna. Die Bande hat zu ihrer Rettung ein Musiklabel gegründet und jede einzelne EP schockt. Lokale und international renommierte Acts solidarisieren sich und steuern Tracks bei.

Auf wen sollte man momentan ein Auge haben?

Auf alle Künstler/innen, für die es momentan besonders hart ist. Wir wünschen uns, dass nach der Krise alle wieder an die Decks kommen, die auch vor der Krise für musikalische Vielfalt und Individualität gesorgt haben, und zudem die Gender-Diversität in der Musikbranche nicht in den Hintergrund gerät. Wir brauchen mehr Bewegung in der Szene, mehr FLINT-DJs in den Line-ups und mehr Safe Spaces, um sich auszuprobieren!

Was sind Hamburgs Stärken?

Hamburgs Räume der elektronischen Subkultur, die auch politisch Stellung beziehen, wie zum Beispiel die Rote Flora, der Südpol oder das Gängeviertel, wo unser Kollektiv im Rahmen von female:pressure zusammengefunden hat und wo wir einen Proberaum nutzen können, den wir – wenn nicht gerade Kontaktbeschränkungen gelten – für FLINT-DJs öffnen.

 Und die Schwächen?

Die zunehmende Gentrifizierung und Baumaßnahmen (siehe Sternbrücke), die eine vielfältige Clublandschaft einschränken, wenn nicht sogar unmöglich machen. Lärmbeschwerden neuer Anwohner/innen machen es selbst eingesessenen Clubs schwer.

 

Ein aktuelles Set von Crew Ombrelle hört ihr hier: 

 


Cover_SZ0121 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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mat.projects: Konzerte und Festivals während Corona

Jean-Pierre Rullmann und Slaven Zubak sind die Geschäftsführer der Hamburger Veranstaltungsfirma – und zertifizierte Hygieneberater für Events. Ein Gespräch über mögliche Konzerte und Festivals während Corona

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Jean-Pierre und Slaven als „absolut anders“ und „immer am Puls der Zeit“ beschreibt ihr mat. projects auf der eigenen Website. Was macht eure Hygienekonzepte denn so anders und zeitgemäß, speziell in Zeiten von Corona?

Jean-Pierre Rullmann: mat.projects arbeitet immer mit den aktuellen Vorgaben der Behörden und mit allen aktuellen Fortbildungen. Was uns von anderen Firmen unterscheidet, ist, dass wir auch als Veranstalter auftreten und somit eine besondere Perspektive, nicht nur auf das Erstellen von Konzepten, sondern auch auf die Ganzheitlichkeit der Konzepte haben. Das ermöglicht uns, die Konzepte immer aktuell, individuell und umsetzbar zu gestalten.

Zudem sind wir als Fachberater auf das Thema Notfallmanagement spezialisiert. Durch unsere Erfahrung im Veranstaltungsbereich können wir schon weit im Voraus planen und flexibel auf kurzfristige Änderungen der rechtlichen Vorgaben eingehen.

Wir planen zum Beispiel für kommenden Sommer das „Damage Done Fest“, ein Punkrock/Hardcore-Open-Air, das wir selber veranstalten. Das Ganze soll im Uferpark in Wilhelmsburg stattfinden. Dafür erstellen wir jetzt ein Hygienekonzept, das laufend an alle geltenden Regelungen angepasst wird.

 

„Wichtig ist eine Perspektive“

 

Aktuell sind Festivals und Konzerte noch in der Zwangspause. Für euch voll verständlich – oder seht ihr eure Konzepte als so sicher an, dass Verbote in der Musikbranche teils gar nicht nötig wären?

Slaven Zubak: Einerseits geht es nicht nur ums Verbieten von Veranstaltungen, sondern vor allem darum, das öffentliche Leben so weit wie möglich herunterzufahren, um Menschen gar nicht erst dazu anzuregen, sich mit anderen zu treffen. Auf der anderen Seite hatten viele Clubs und Bars im Sommer geöffnet, sehr gut funktionierende Hygienekonzepte entwickelt und umgesetzt.

Clubbetreiber befassen sich ja sowieso täglich mit der Sicherheit für ihre Veranstaltungen. Hygiene ist jetzt nur ein weiterer Aspekt, der besonders bedacht werden muss. Letzten Endes liegt die Entscheidung über Schließungen in den Händen der Behörden und Politiker, die sich mit einem Gesamtkonzept für ihre Städte oder Länder befassen.

Was jetzt wichtig ist, ist eine Perspektive, ab wann Veranstaltungen unter welchen Bedingungen wieder möglich sind. Schließlich benötigen Konzerte, Festivals und Tourneen eine lange Vorlaufzeit und Planungssicherheit.

 

Blick in die Zukunft

 

Nehmen wir doch mal einen Musikclub mit einer Kapazität von 300 Konzertbesuchern. Wie stattet ihr ihn hygienetechnisch aus, um trotz Corona ein möglichst volles Haus garantieren zu können?

Jean-Pierre: Das lässt sich pauschal gar nicht sagen, jeder Club ist anders und hat andere Voraussetzungen. Es gibt ein paar Sachen, die sich überall umsetzen lassen, wie das Bereitstellen von Handdesinfektionsmitteln für das Publikum und das Erhöhen der Reinigungsintervalle von Sanitäranlagen. Alles andere muss individuell an die örtlichen Gegebenheiten angepasst werden.

Auch bauliche Maßnahmen werden sicherlich zukünftig eine Rolle spielen. Allerdings ergibt sich aus den derzeit geltenden Abstandsregeln kaum eine Möglichkeit, eine Kapazität zu erreichen, die Konzerte wirtschaftlich durchführbar machen.

Und noch ein Blick in die nahe Festivalzukunft: Wie genau sehen spezielle mat.projects-Konzepte für zum Beispiel mittelgroße Festivals mit bis zu 25.000 Besuchern aus?

Slaven: Auch das lässt sich nicht pauschalisieren. Viel hängt davon ab, ob das Festival auf einer freien Fläche stattfindet und die komplette Infrastruktur erst aufgebaut wird, oder ob es bestehende Gebäude und Infrastrukturen gibt. Je nachdem gibt es mehr Freiheiten für die Geländegestaltung und -einteilung.

mat.projects-Konzepte sehen das Festival immer als Ganzes. Natürlich müssen Zuschauer- und Künstlerbereiche, Personal und vieles mehr detailliert geplant werden. Letztlich muss aber ein Konzept stehen, dass alle Bereiche vereint. Unsere Erfahrung ermöglicht uns gesamtheitliche Konzepte für Veranstaltungen zu erstellen, ob als Veranstalter oder beratend für die Veranstalter.

mat-projects.gmbh


Cover_SZ0121 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Open Air: In Hamburg City herrscht Tanzverbot

Veranstaltungen unter freiem Himmel sind unter strengen Auflagen erlaubt. Doch was bedeuten diese Einschränkungen für die Technoszene und wie ergeht es freien Veranstaltern ohne festen Club? SZENE HAMBURG sprach mit Jörn Behrens, der seit 2011 mit Tekkno ist Grün elektronische Freiluft-Partys verantwortet

Interview: Ole Masch

 

SZENE HAMBURG: Jörn, vom kleinen Rave zum großen Techno-Festival. Im nächsten Jahr feiert ihr Zehnjähriges. Wie hat sich Tekkno ist Grün seit der Gründung entwickelt?

Jörn Behrens: Unser erstes Open Air war Tanzen & Pflanzen gegenüber der alten Schule Neuhof in Wilhelmsburg. Heute ist der Bolzplatz dort leider abgesperrt, weil danach zu viele unangemeldete Partys stattgefunden haben. Ab 2012 gab es das Hafengrün Festival auf dem ehemaligen Werftgelände am Neuhöfer Damm 98. Seitdem haben wir mit der Oster Air, dem Liebe Bass Freiheit Festival oder Tekkno am Teich weitere Veranstaltungen auf die Beine gestellt. Und es gab es zahlreiche Gastproduktionen wie die Stil vor Talent, Katermukke oder Senso Sound Festivals.

Welche Highlights fallen dir spontan ein?

Die Oster Air 2016 und 2019 waren die besucherstärksten mit vielen Tausenden Menschen. Für mich persönlich war das Liebe Bass Freiheit Festival 2018 unsere schönste und aufwendigste Produktion, an denen über 200 Menschen mitgewirkt haben.

Unser Konzept war es immer, eine gesunde Mischung aus angesagten und etablierten Künstlern zu präsentieren, aber auch recht frische Locals, und ein paar interessante, auch internationale, Gast-Acts einzuladen. Durch die Gastproduktionen haben in den letzten Jahren sehr hochkarätige Künstler auf unserer leider nun ehemaligen Location performt.

Wieso ehemalig?

Die Hamburg Port Authority (HPA) hat sehr plötzlich und unerwartet im letzten Winter das Gelände gekauft. Dahinter stecken kurz-, mittel-, und langfristige Planungen. Die kurzfristige Absage kam unerwartet und hat uns überrumpelt. Wir sind von längerfristigen Planungen ausgegangen, welche mit dem Abriss der Köhlbrandbrücke und der Neuentwicklung des gesamten Quartiers zusammenhängen.

Nun ist aber ein konkreter Flächenbedarf für ein bestimmtes Hafenunternehmen entstanden. Alles etwas kompliziert, und die Tatsache, dass wir uns im Hafengebiet befinden, macht es rechtlich unmöglich, Einspruch einzulegen.

 

Dann kam Corona

 

Dass es an dieser Stelle irgendwann nicht weitergeht, war aber keine Überraschung, oder?

Wir wussten, dass es ein Ende auf der Location geben wird, aber nicht so plötzlich. Wir waren immerhin acht Jahre vor Ort, hatten mit drei bis fünf weiteren Jahren gerechnet. Ironischerweise ist uns ein sehr netter Mensch aus der Bauprüfabteilung der HPA in all den Jahren viel entgegengekommen. Und nun ist es auch die HPA, eine andere Abteilung, die es beendet, ohne Chance auf weitere Verhandlungen.

Und dann kam die Pandemie … Welche eurer Veranstaltungen sind durch Corona ausgefallen?

Im Grunde ist uns die Möglichkeit genommen worden, unser Finale auf dem Neuhöfer Damm zu zelebrieren. Das ist wirklich schade. Wir haben den ganzen Winter lang mit der Kulturbehörde und der HPA verhandelt und hatten einen letzten Deal für eine Nutzung der Fläche bis zum 30. Juni. Insgesamt ist die Oster Air 2020 ausgefallen, das neun Jahre alte Tekkno ist Grün Festival und drei Gastproduktionen.

Konntet ihr eure laufenden Kosten überbrücken?

Zum größten Teil sind dies Gelände- und Lagerkosten. Feste Mitarbeiter gab es in Form von 450-Euro-Jobs über den Sommer. Wir arbeiten viel mit Freiberuflern und privaten Freunden. Daher trifft es uns nicht ganz so hart, da keine weiteren Verpflichtungen bestehen. Die Mietkosten und ein paar weitere Kosten für die Saisonvorbereitung konnten durch die Soforthilfe gedeckt werden. Wie es finanziell weitergeht ist noch nicht ganz klar, aber wir nutzen die Zeit, um uns auf die Zukunft vorzubereiten.

Habt ihr weitere Hilfen in Anspruch genommen? In der Clubszene gab es ja zahlreiche Spendenaktionen.

Nein, daran hatten wir kein Interesse. Wir schätzen das Engagement dahinter, auch die Streaming-Aktionen, richten unseren Fokus aber lieber darauf, wie es draußen weitergehen kann. Das würden wir uns im Clubkontext auch mehr wünschen: Vorhandene Kapazitäten mehr in diese Richtung bündeln.

Für Tekkno am Teich in Harburg hattet ihr ein umfangreiches Corona-Konzept ausgearbeitet. Wie sähen Technopartys im Sommer 2020 aus?

Getrennte Platzbereiche für jeweils mehrere Menschen, ähnlich eines Bestuhlungsplans mit Mindestabstand und allen geforderten Hygieneanforderungen. Inklusive Besucherführung im Einbahnwegesystem, ausreichend Wartezonen, Kontaktdatenaufnahme, viel Sicherheitspersonal, durchgehende Desinfektion von sanitären Einrichtungen und Bereitstellung von Desinfektionsspendern.

Für die Tanzfläche haben wir uns an einem Konzept aus Münster orientiert, was dort vor ein paar Wochen stattfinden konnte. Es basiert auf kreisförmigen Bodenmarkierungen für jeweils eine Person als Tanzbereich und ebenfalls mit Mindestabstand. So hätten abwechselnd über 70 Personen tanzen können. Die gesamte Flächenkapazität war für maximal 550 Gäste ausgelegt, entsprechend der maximalen Kapazität der Platzbereiche.

 

„Wir müssen uns alle gemeinsam trauen wieder etwas zu wagen“

 

Warum habt ihr euch am Ende dagegen entschieden?

Wegen des allgemeinen Tanzverbots, welches auch nach den Lockerungen am 1. Juli seine Gültigkeit hat. An sich hätte die Veranstaltung stattfinden können. Man darf auf seiner Decke sitzen oder mit mehreren Personen stehen – aber nicht tanzen. Nicht unbedingt logisch, aber es ist nun mal im Moment noch so.

Wir hatten dann eine Umfrage auf Facebook gemacht. Das Ergebnis war sehr konstruktiv und zahlreich, aber klar mit der Tendenz, dass es keinem Menschen wirklich Spaß machen würde. Dann lieber abwarten und auf den September hoffen. Wir haben noch eine Terminreservierung für den 12. September auf der Freilichtbühne im Harburger Stadtpark.

Was müsste passieren, damit eine nächste Veranstaltung stattfindet?

Ganz klar: Aufhebung des Tanzverbotes mit der neuen Corona-Verordnung ab September. Die aktuelle Formulierung ist einfach zu allgemein ausgeführt. Man hätte in jeden Bereich genauer reingehen und differenzierte Lösungen finden müssen.

Was wünscht ihr euch von den Behörden?

Mehr Flexibilität und die Bereitschaft, ebenfalls Verantwortung zu übernehmen. Wir müssen uns alle gemeinsam trauen wieder etwas zu wagen. Wir bedauern sehr, dass unsere Veranstaltung im Juli nicht stattfinden konnte. Alle anderen Punkte des Konzepts wurden ohne Beanstandung durch das Gesundheitsamt freigegeben.

Gescheitert sind wir an der für Deutschland leider so üblichen verhärteten Bürokratie, da Tanzen gerade grundsätzlich verboten ist. Auch dann, wenn man sich die Mühen gemacht hat, ein absolut sicheres Konzept auszuarbeiten. Das ist ein sehr starres und hinderliches Verhalten für den gesamten Entwicklungsprozess.

Gibt es trotzdem weitere Pläne für den Sommer?

Das ist ein spannendes Thema. Bisher sind die Aussichten, einen gleichwertigen Platz innerhalb Hamburgs zu finden, mehr als schlecht. Es gibt einfach keine freien Flächen. Das hat der Senat leider verschlafen und die Situation immer noch nicht erkannt. Letzte verbleibende Freiflächen werden der Kultur ersatzlos entzogen. Gerade in jetziger Hinsicht absolut unverständlich, da Open-Air-Flächen wegen Corona nun einen besonderen Stellenwert bekommen, um erste kulturelle Öffnungskonzepte zu ermöglichen.

Wir möchten unsere Projektaktivitäten innerhalb Hamburgs gerne weiterhin halten und versuchen, die Oster Airs in den nächsten Jahren auf einer anderen Location fortzuführen, sowie auch weiterhin die Tekkno am Teich in Harburg. Aber das alles hat uns dazu gebracht, den Blick etwas weiter zu werfen. Tatsächlich haben wir nun etwas gefunden. Etwas abseits von Hamburg, Richtung Osten. Der Plan ist es, auf dem Grundstück langfristig zu wohnen, zu arbeiten und auch Veranstaltungen und Projekte durchzuführen. Wir haben noch kein finales Go, aber bereits ein gutes Stück geschafft und sind optimistisch.

 

 

facebook.com/tekknofanpage


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Meet The Resident – Stromschienen Syndikat

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Resident-DJs vor, diesmal: Stromschienen Syndikat (Ok 21 records) – präsentiert von Hamburg Elektronisch.

 Interview: Louis Kreye & Jean Djaman

 

SZENE HAMBURG: Wie würdet ihr euren Sound beschreiben?

Stromschienen Syndikat: Miami Bass vs. Detroit Elektro.

Was war die bisher schrecklichste Gastfrage?

„Habt ihr auch Goa?“

Welcher war euer größter Moment als DJ?

Wahrscheinlich ein Rave in einer stillgelegten Panzergarage: 600 Leute, 14 Kilowatt-Anlage und die Honks vom Ordnungsamt haben sogar die Miete gezahlt, ohne dass sie es wussten (lachen).

Welche ist für euch die Platte des Monats?

Scheissegal (von uns).

Auf wen sollte man momentan ein Auge haben?

Ok 21 records, Erotic Toy, Raw Suppliers und Produzenten wie Lobi, En Rie und Lord Sesshomaru. Es gibt viel, was gerade an die Oberfläche kommt!

Hamburgs Stärken?

Schöne U-Bahnen, tolle und atmosphärische Spots und viele ambitionierte Leute – in welcher Hinsicht auch immer.

Und Schwächen?

Überambitionierte und fehlorganisierte Hochbahnwache, die Nichts auf die Reihe bekommen. Das alles kann aber natürlich auch als Stärke gesehen werden – danke Hochbahn!

 

Hört hier ein aktuelles Set von Stromschienen Syndikat


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Meet The Resident – Wrangel

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Resident-DJs vor, diesmal: Wrangel, 25 (Symbiosis) – präsentiert von Hamburg Elektronisch.

 Interview: Louis Kreye & Jean Djaman

 

SZENE HAMBURG: Dein Sound?

Techno mit Trance-, Hypno-, EBM- und Acid-Einflüssen.

Wie lautet die schrecklichste Gastfrage, die du mal bekommen hast?

Dieses mit der Handynotiz vor den Decks rumfuchteln.

Was war dein bisher größter Moment als DJ?

Das war das PAL-Debüt Anfang des Jahres. Aliha und ich haben das Closing gespielt und es ist nochmal richtig voll geworden. Es waren viele Freunde da, die alle mit uns diesen Moment gefeiert haben.

Welche ist für dich die Platte des Monats?

„Body changes are natural“ auf Mama told ya und natürlich die OHNED001 (auch wenns keine Platte ist).

Auf wen sollte man momentan ein Auge haben?

Aliha, aitch, Lucinee, Lifka, Vuuduu, Obverso und blutrot.

Hamburgs Stärken?

Die Szene ist noch recht klein und man hat schnell die Möglichkeit aktiv daran mitzugestalten.

Und die Schwächen?

Es gibt kaum Auswahl was die Clubs angeht und dadurch oft wenig Platz für Neues.

 

Hört hier ein aktuelles Set von Linus


Szene_Juli_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Hamburgs Clubs gehen Live: Streamteam Dreamteams

Das Hamburger Nachtleben steht still. Clubs und ihre Mitarbeitenden kämpfen ums finanzielle Überleben. Für viele wurde die Umsetzung von Webstreams zur Hauptbeschäftigung. SZENE HAMBURG sprach mit ihnen über ihre aktuelle Situation und hat zwei Liveübertragungen begleitet

Text: Ole Masch
Fotos. Levke Marie Nielsen

 

Die Tauben reißen die Herrschaft an sich, bemerkt Bookerin Fenja Möller, als sie durch den Innenhof des Molotows läuft. Hier im Backyard, wo sonst Konzerte, Lesungen und DJ-Sets stattfinden, stehen an diesem Freitagabend nur ein paar verwaiste Stehtische. Fenja legt heute mit einer Kollegin beim Bad Ass Babes Club auf. Seit Corona sind sie die einzigen, die zwischen den Übergängen vor dem DJ-Pult tanzen. Die restlichen Partygäste sitzen vor dem Rechner.

Ob Punk-Auktion im Knust, Poetry Slam im Bunker, Konzert in der Astra Stube oder Live-Set im Golden Pudel. Weil Clubs in diesen Zeiten nicht öffnen dürfen, sind sie vermehrt dazu übergegangen, ihr Programm im Internet zu streamen. Einige haben sich United We Stream angeschlossen. Die Aktion in Kooperation mit Arte zeigt an mehreren Tagen der Woche Streams aus unterschiedlichen Clubs in ganz Deutschland. Während der Ausstrahlung kann über eine Plattform gespendet werden. In Hamburg geht dieses Geld in einen vom Clubkombinat verwalteten Rettungsfonds für notleidende Clubs. Acht Prozent fließen an die zivile Seenotrettung.

 

„Ein Stück Molotow für zu Hause“

 

„Wir streamen fast jeden Freitag und Samstag Partys, haben unser Pubquiz und ein paar Konzerte“, erzählt Fenja. „Wir möchten weiter Musik und Kultur schaffen. Ein Stück Molotow für zu Hause.“ Ihre Streamingveranstaltungen haben sie hier fast alle selbst aufgenommen. In der Regel reicht ein Techniker für Licht und Sound, Smartphone, Laptop und jemand, der den Chat betreut. Über eine virtuelle Getränkekarte können Drinks gespendet werden. Wann die Clubs wieder öffnen dürfen, ist völlig unklar. Behördliche Vorgaben werden nur für die nächsten Wochen gemacht. Bis Redaktionsschluss galt ein Betriebsverbot bis mindestens 30. Juni.

Ein Problem mit dem auch der Südpol kämpft. Es ist Samstag, später Nachmittag. Hinter zahlreichen Monitoren stehen Menschen mit Masken und rufen Anweisungen in den Raum. Vor dem sogenannten Stream-Team steht ein DJ-Pult mit Lightshow, die an Fernsehproduktionen erinnert. „Noch eine Minute“, „Licht etwas heller“, „der DJ ein Stück nach rechts“, „Uuuuund – wir sind live“. Letzter Satz geht in den einsetzenden Bässen unter.

 

Interaktive Formate sind gefragt

 

„Unser Lichttechniker hat den Club komplett umgestaltet, alles rausgerissen und mit allem, was er hat, ein richtig krasses Bühnenbild gebaut“, erzählt Eve, Mitglied im kollektiven Geschäftsleitungsplenum. Heute Nachmittag soll es mehrere DJ-Sets, ein Konzert von Gladbeck City Bombing und eine Performance zur Reproduktionsarbeit geben. „Wir alle sind mittlerweile etwas gelangweilt von DJ-Streams“, erzählt David, der später selbst auflegen wird. „Es gilt, dieses Bild aufzubrechen und eher in Richtung interaktiver Formate zu denken. Zum großen Finale der eigenen Spendenkampagne hat man das bereits umgesetzt. Bei einer moderierten Live-Show, übertragen aus zig Kameraperspektiven, sendete man über mehrere Stunden, samt Kaffeekränzchen, Mitmach-Aerobic und Senfverkostung.

Der Aufwand hat sich gelohnt. Mit den Streams, bei denen auf die Kampagne aufmerksam gemacht wurde, hat der Südpol über 110.000 Euro eingesammelt. Und so sind die Fixkosten zumindest für die nächsten Monate gestemmt.

 

Molotow-Nadine-credit-Levke-Marie-Nielsen

Nadine (Molotow), vor Corona in der Produktion. Heute Streambetreuung und Grafik

„Früher haben wir morgens immer zusammen im Backstage gefrühstückt. Es ist schade und total komisch, dass wir alle im Homeoffice sind. Bis auf die Streams mache ich alles von zu Hause. Das normale Club-Sommerloch, gibt es sicher auch bei Streams. Mir fehlt der Kontakt mit den Bands und ich hoffe, dass wir weiterhin hierbleiben können, nicht schließen müssen und bald wieder Konzerte haben. Aber der Sommer ist sicher gelaufen.“

 

David (Südpol),Geschäftsleitungsplenum, Programmgestaltung und Regisseur für Streamformate

„Durch die Corona Krise sind die Karten neu gemischt, aber Strukturen werden wieder erschaffen und Leute spezialisieren sich auf andere Themengebiete. Die Stream-Teams die sich gebildet haben, hatten vorher gar nichts mit Video zu tun und plötzlich macht sich ein ganz neues Kreativfeld auf. Eigentlich ist hier Fotoverbot und jetzt streamen wir. Und natürlich wollen wir uns solidarisch zeigen und nicht nur für den Club sammeln, sondern allgemein für das S.O.S. Save Our Sounds Konzept.“

 

Molotow-Sören-credit-Levke-Marie-NielsenSören (Molotow), eigentlich Personalplanung und Einkauf. Jetzt Social Media und Handwerker

„Mein Joballtag hat sich zu 100 Prozent geändert. Ich fuchse mich aber gerade in neue Dinge. Und es gibt allerhand Handwerkliches zu tun, für das sonst die Zeit fehlt. Wir sind hier alle in Kurzarbeit und das merkt man finanziell. Aber momentan bin ich dankbar für diese Unterstützung. Ich hoffe, dass wir irgendwann alle Leute sehen, die für uns arbeiten. Darauf freue ich mich sehr und bin sicher, dass wir das irgendwie durchstehen werden. Es ist aber ganz klar, dass die Gesundheit unserer Mitarbeiter und unserer potenziellen Gäste ganz oben steht.“

 

 

Eve (Südpol), Personalplanung, Einkauf, Geschäftsleitungsplenum. Heute Stream-Lichttechnikerin

„Mein eigentlicher Job ist komplett weggefallen. Aber alle haben richtig Bock auf die Streaming-Sache, bei der es viele technische Herausforderungen gibt. Und so bin dazu gekommen, hier die Lichtshow zu bedienen. Natürlich würde ich mir wünschen, dass wir bald wieder aufmachen. Vielleicht bekommen wir zumindest eine Sondergenehmigung für unseren Innenhof.“

 

Molotow-Fenja-credit-Levke-Marie-NielsenFenja (Molotow), PR, Booking und DJ beim Bad Ass Babes Club:

„Mein Leben hat sich seit Corona dras­tisch geändert. Ich war immer auf vielen Konzerten und es ist sehr komisch, nicht mehr ausgehen zu können. Nur im Homeoffice zu sitzen und nicht mit Kollegen vor Ort Gespräche zu führen, ist viel arbeitsintensiver. Auch hätte ich nie gedacht, dass wir überhaupt mal Konzerte und Partys streamen. Natürlich wünsche ich mir, dass wir bald wieder aufmachen. Aber ich möchte vor allem, dass es sicher ist. Wir brauchen auf jeden Fall Förderungen von der Stadt, damit wir und auch die anderen Clubs überleben können. Zumindest macht ab sofort unser Backyard als Schankwirtschaft auf.“

 

Hark (Südpol), Finanzen, Eventplanung und Geschäftsleitungsplenum. Seit Corona PR- Kampagnen:

„Leider bin ich nur noch selten hier. Deswegen freue ich mich beim Streaming dabei zu sein. Aktuell sind andere Kompetenzen gefordert als vorher. Ich mache gerade Pressearbeit, was für den Südpol sehr ungewöhnlich ist. Da alle meine anderen selbstständigen Tätigkeiten weggefallen sind, suche ich mir gerade Projekte wie United We Stream Hamburg oder unsere Rettungskampagne. Wie es weitergeht ist unklar. Unser Kurzarbeitergeld wurde bereits bis März 2021 bewilligt.“

 

Nanna & Louise (Teil von Krav fra en pandemi), Künstlerinnen und Aktivistinnen. Performance im Südpol-Stream:

Südpol-Nanna-u.-Louisa--credit-Levke-Marie-NielsenLouise (r.): „Ich habe viele Jobs verloren, was meine finanzielle Situation sehr schwer macht. Aber die ganze Zeit jetzt gibt einem die Möglichkeit, über den Sinn des Lebens nachzudenken. Als Künstlerin ist man immer in Aktion und kümmert sich pausenlos darum, dass man von dem, was man macht, auch überleben kann. Jetzt hat man die Möglichkeit zu reflektieren, was wirklich wichtig ist.”

Nanna: „Wir lernen gerade, wie es noch besser machbar ist, sich von unterschiedlichen Orten aus zu organisieren und zu vernetzen. In den letzten Monaten hat man gesehen, dass vieles, was unveränderbar schien, möglich wurde. Wenn in Portugal alle dort lebenden Geflüchteten Aufenthaltsrechte bekommen, sieht man, dass Staaten plötzlich sehr schnell reagieren können. Künstler und Aktivisten sollten daher den Druck erhöhen.“

 

Molotow-Kevin--credit-Levke-Marie-NielsenKevin (Molotow), früher freier Techniker für Konzerte, heute für Streams:

„Meine Auftragslage ist bis auf wenige Livestream­Veranstaltungen quasi bei null. Ich arbeite sonst auch für andere Clubs, Galas, Betriebsveranstaltungen oder Festivals und musste jetzt übergangsweise Hartz IV beantragen. Für Förderungen von der Stadt habe ich mich auch beworben, aber leider greifen die nicht für jeden und sind alles andere als unbürokratisch. Natürlich ist eine schnelle Öffnung von Konzerten und Partys schwierig, aber es würde zumindest psychisch schon mal helfen, wenn die Regierung uns mitdenkt und nicht links liegen lässt.“

 

Unterstütze die Hamburger Clubs mit einer Spende an S.O.S. Save our Sounds 

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Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Clubszene: „Der Wahnsinn ist noch lange nicht vorbei“

Fast jeder Lebensbereich ist von der aktuellen Corona-Krise betroffen. Wie Hamburgs Nachtleben mit der Situation umgeht, erklärt Terry Krug, einst Besitzerin der legendären Tanzhalle, Gründungsmitglied des Clubkombinats, Restaurantbetreiberin und Vorsitzende der Clubstiftung

Interview: Ole Masch

 

SZENE HAMBURG: Terry, was macht eine Clubstiftung?

Terry Krug: Die Stiftung zur Stärkung privater Musikbühnen Hamburg, wie sie richtig heißt, ist eine gemeinnützige Organisation, die laut Satzung den Auftrag hat, die musikalische Attraktivität der Hansestadt Hamburg zu sichern. Ziel der Stiftung ist es, mit Fördermodellen die erheblichen Kosten für die Hamburger Musikclubs abzumildern und eine stetige Kompetenzerweiterung der Betreiberinnen und Betreiber zu begleiten.

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Terry Krug, Gründungsmitglied des Clubkombinats (Foto: Lidija Delovska)

Und in der heutigen Zeit?

Wir haben in den letzten Jahren mit der Clubstiftung und dem Clubkombinat Organisationen aufgebaut, die ein großes Vertrauen in der Szene genießen. Das Netzwerk lebt von persönlichen Kontakten und einem solidarischen Netzwerk. Das hilft jetzt ungemein. Sichtbar wird das gerade bei all den verschiedenen Charity-Aktionen der Clubs, die zu kollektiven Spenden in den gemeinsamen S.O.S. – Save Our Sounds-Rettungsfonds aufrufen.

Wie funktioniert der Fond?

Mit unserer Kampagne sammeln wir Gelder, um ein Clubsterben von unbekanntem Ausmaß zu verhindern. Am bekanntesten ist sicherlich die Aktion „United We Stream“, gestreamte Konzerte und DJ-Sets. Wir haben aber auch einen Onlineshop, in dem wir zum Beispiel die hübschesten Bandanas der Welt verkaufen. Übrigens das Corona-Accessoire schlechthin, wunderbar als Maske zu nutzen.

Oder man gönnt sich zwischendurch mal ein Soli-Bier. Wir kooperieren auch mit vielen tollen Partnern: Weltbekannte DJs wie Solomun rufen ihre Fans zur Unterstützung der Hamburger Szene auf. Unendlich viele Künstler unterstützen das digitale Kulturprogramm unserer Clubs. Kleine Getränkeproduzenten und Lieferanten tun sich zusammen, um sich selbst zu helfen und uns dabei zu unterstützen. Wir erfahren durch viele Aktionen eine sehr breite Unterstützung. Das tut gut. An dieser Stelle ein großes Dankeschön.

Wie viel Geld ist bis jetzt zusammengekommen?

Wir konnten bis Ende März mehr als 120.000 Euro an Spendengeldern generieren. Die Zählung für den April läuft aktuell noch. Wir hoffen, dass wir die vorherige Summe am Ende des Monats toppen können.

 

Gestärkt in die Zukunft starten

 

Hat eine erste Auszahlung bereits stattgefunden?

Leider nein. Mit der Ausschüttung dieser Gelder hat die Stiftung, ähnlich wie viele andere gemeinnützige Organisationen gerade steuerliche Herausforderungen zu bewältigen, die wir im Vorfeld leider so nicht gesehen haben. Corona kommt ja nicht alle Tage.

Wir als Stiftungsvorstand arbeiten aber gerade auf Hochtouren – gemeinsam mit der Behörde für Kultur und Medien und der Finanzbehörde – an einer Lösung. Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir zeitnah ausschütten können, denn das Geld wird dringend benötigt.

Wie geht es danach mit der Kampagne weiter?

Unser Fokus liegt derzeit darauf, alles dafür zu tun, dass die staatlichen Hilfen die Live-Clubs über den anstehenden Sommer retten und dass die privaten S.O.S.-Hilfen insbesondere bestehende Förderlücken füllen können.

Ich persönlich glaube, dass die Clubs in dem zwangsverordneten Sabbatical aber auch alles dafür tun sollten, um sich für die Zeit nach Corona fit zu machen. Jede freie Minute sollte genutzt werden, um sich weiterzubilden und das Geschäft neu aufzustellen. Die Krise könnte dann auch eine Chance sein. Ich kämpfe dafür, dass wir als Stiftung auch dafür Gelder einsetzen, um nach Corona gestärkt in die Zukunft zu starten.

Gibt es Clubs die bereits ganz schließen mussten?

Bisher liegen uns glücklicherweise noch keine Informationen dazu vor. Wir gehen im Moment auch nicht davon aus. Die ersten Soforthilfen von staatlicher Seite konnten sicherlich den einen oder anderen Club vor diesem Schritt bewahren. Aber der Wahnsinn ist noch lange nicht vorbei.

Es wird eine verdammt harte und lange Zeit auf die Spielstätten zukommen. Die Clubs waren die ersten, die von den Schließungen betroffen waren und werden die letzten sein, die wieder aufmachen. Kulturbetriebe sind äußerst fragile Gebilde und einem Biotop gleichzusetzen: Wenn es einmal tot ist, geht es unwiederbringlich verloren.

Welche Soforthilfen vom Staat gab es?

Wir in Hamburg können uns bisher wirklich glücklich schätzen. Die Behörde für Kultur und Medien hat die Livemusik-Spielstätten unter ihren Schutzschirm genommen. Die Clubs werden seit dem Ausbruch der Corona-Krise mit einer Soforthilfe in Höhe von 1,5 Millionen Euro unterstützt.

Diese Förderung ermöglicht den Kulturbetrieben, trotz der anhaltenden Schließungen, die laufenden Kosten wie Miete, Strom und Auslagen für Kurzarbeitergeld bezahlen zu können und wirken ergänzend zu den weiteren Hilfen aus Bund und Land. Eine Überkompensation soll damit ausgeschlossen werden. Wir sind dem Senat sehr dankbar für diesen Support, aber trotzdem müssen wir über die S.O.S.-Kampagne weiter Unterstützungsgelder sammeln.

 

Vitale und vielfältige Clubkultur halten

 

Wie lange reicht das Geld?

Ab Mai brauchen wir dringend eine Verlängerung der Hilfen. Die Clubs, die bisher noch liquide Mittel hatten, wird es nicht mehr geben. Ich bin davon überzeugt, dass nun ausnahmslos alle Musikclubs die Hilfen beantragen müssen.

Außerdem erhoffe ich mir, dass wir uns zusätzliche vermehrt Gedanken über Programme für die Zeit nach Corona machen. Noch besser wären nachhaltige Maßnahmen, die die Spielstätten auf diese Zeit vorbereiten und ihnen die nötigen unternehmerischen Kompetenzen vermitteln, um gestärkt aus der Krise hervorzugehen.

Für Veranstalterinnen und Veranstalter ohne feste Spielstätte wird es auch täglich schwerer. Ebenso für Künstlerinnen und Künstler und die vielen Soloselbständigen im Veranstaltungswesen, die eine vitale und vielfältige Clubkultur ausmachen. Bisher gibt es für diese Gruppe keine wirkliche Lösung. Hier sollte die Politik dringend nachbessern.

Gibt es schon Hinweise wie lange die Schließung der Clubs dauern wird?

Der Kultursenator hat öffentlich die Schließung der Clubs bis zum 30. Juni angekündigt. Wir begrüßen zunächst einmal diese Planungssicherheit.

Aber was bedeutet das?

Im Juli startet für alle die Sommerpause. Das ist die Zeit der Festivals und Outdoorevents. Große Veranstaltungen mit über 1.000 Personen sollen aber bis zum 31.8. untersagt sein. Es ist derzeit nicht absehbar, wann und unter welchen Auflagen die Clubs wieder ihre Türen für Publikum öffnen dürfen. Wir rechnen frühestens Anfang September damit.

 

„Wir wollen mit guten Ideen überraschen“

 

Welche Lösungsansätze seht ihr für eine Lockerung der Maßnahmen?

Das wird nicht einfach. Natürlich könnte man bestuhlte Konzerte veranstalten und die vorgeschriebenen Abstände einhalten. Auch sind Clubs selbstverständlich in der Lage, die erforderlichen Hygienemaßnahmen umzusetzen. Aber! Dies würde bedeuten, dass die Clubs einen erheblichen Teil ihrer Kapazität verlieren und sich das direkt in den Umsätzen widerspiegelt. Die Betriebskosten wären so sicherlich nicht zu decken, von Gewinnen mal ganz abgesehen.

Es sei denn, die Besucher wären bereit höhere Ticketpreise zu zahlen. Oder der Staat hilft weiter mit: Konzertkarten müssten subventioniert werden wie zum Beispiel in der Oper. In der Hochkultur sind die Mehrkosten auch schon vor Corona aus der Staatskasse getragen worden. Dies könnte ein spannender Ansatz sein.

Sind weitere Soli-Aktionen geplant?

Wir wollen hier nicht zu viel erzählen, sondern lieber weiter mit guten Ideen überraschen. So viel sei verraten: Wir werden den Soli-Webshop mit noch mehr Produkten bestücken. Täglich erreichen uns neue Offerten für Soli-Aktionen. Wir hoffen, auf einen breiten Support durch möglichst viele Schichten der Gesellschaft. Denn nur gemeinsam können wir unserer kulturellen Räume erhalten und damit nicht nur die kulturelle Vielfalt Hamburgs retten, sondern auch eine starke Demokratie und eine lebenswerte Gesellschaft schützen.

stiftung­-private-­musik-buehnen­-hamburg.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Meet The Resident – Best Boy Electric

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Resident-DJs vor, diesmal: Best Boy Electric, 25 (POSSY & Headshell) – präsentiert von Hamburg Elektronisch.

Interview: Louis Kreye & Ole Masch
Foto: Sophie Allerding

 

SZENE HAMBURG: Dein Sound?

Best Boy Electric: Electro!

Wie lautet die schrecklichste Gastfrage, die du mal bekommen hast?

„Spielst du auch Sean Paul?“

Welcher war dein größter Moment als DJ?

Im Pudel gefragt zu werden, ob ich heute schon gespielt habe (so wie ich früher Cindy Looper und Ratkat gefragt habe). Und natürlich beim Krake Festival in der Griessmuehle vor Dopplereffekt zu spielen!

Platte des Monats?

To Eeyore von Nika Son

Auf wen sollte man momentan ein Auge haben?

Ganz klar DJ AOL von Headshell! Der kann alles von Ambient bis Trance.

Hamburgs Stärken?

Eine irgendwie familiäre Szene mit vielen Crews, die sich auch gegenseitig unterstützen.

Und die Schwächen?

Trotz der vielen Crews gibt es zu wenig Diversität und zu wenige bespielbare Räume.

 

Hört hier ein aktuelles Set von Best Boy Electric


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 28. März 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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