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Tash Sultana beim MS Dockville Festival 2022

Das MS Dockville Festival 2022 hat 18 neue Künstler:innen bestätigt. Darunter neben Tash Sultana auch Leoniden und Die Orsons

Text: Felix Willeke

Vom 19. bis 21. August 2022 findet das MS Dockville Festival zum 14. Mal statt. Jetzt hat das Festival 18 neue Künstler:innen bestätigt. Und mit der Australierin „Tash Sultana“ kommt damit genreübergreifender und internationaler Glanz zum Dockville. Spielte die 26-jährige Multiinstrumentalistin vor ein paar Jahren noch auf den Straßen Melbournes, füllt sie mittlerweile die großen Arenen und vor Kurzem wurde ihr sogar die Ehre eines eigenen MTV Unplugged zu Teil – das Album zum Konzert erscheint am 3. Juni 2022. Jetzt kommt die Künstlerin, die sich als non-binär bezeichnet, also auch zum Dockville. Doch damit nicht genug. Neben Tash Sulatana geben sie mit „Leoniden“ auch echte Lokalmatadoren die Ehre. Erst im letzten Sommer hat die Kieler Indie-Rock-Band mit „Complex Happenings Reduced to a Simple Design“ ihr aktuelles Album veröffentlicht, dass sogar zeitweise auf Platz 1 der Albumcharts kletterte.

Tash Sultana bei ihrem MTV Unplugged in Melbourne

Ein würdiges Line-up

Neben Tash Sultana und Leoniden kommt mit „Die Orsons“ und „01099“ auch feinster Hip Hop & Rap zum MS Dockville 2022. Schon länger bekannt sind zudem die Auftritte des Schweizer Sängers „Faber“ und der Hamburgerin „Ali Neumann“. Aber wie immer gilt: There‘s still more to come – weiter Künstler:innen werden in nächster Zeit bekannt gegeben und damit steigt die Vorfreude auf das MS Dockville Festival 2022.

„New 68“ von Leoniden

Das MS Dockville Festival 2022 findet vom 19. bis 21. August in Hamburg-Wilhelmsburg statt, es gibt noch Tickets.


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Marc Martel: „Ich wollte keinen falschen Schnurrbart”

Mit One Vision of Queen feat. Marc Martel kehrt eine Tribute-Show der Extraklasse zurück. Im Zentrum steht die stimmliche Reinkarnation Freddie Mercurys: Marc Martel. Ein Gespräch mit ihm über Queen, die Kunst Freddie zu sein und eigene künstlerische Ambitionen

Interview: Noemi Smethurst

 

SZENE HAMBURG: Marc Martel, seit 30 Jahren weilt Freddie Mercury nicht mehr unter uns. Wir beide gehören leider nicht zu der Generation, die ihn noch erleben durfte.

Marc Martel: Ja, ich habe es knapp verpasst.

Aber waren deine Eltern Fans von Queen?

Nein, ganz und gar nicht. Ich weiß nicht einmal, ob meine Eltern wussten, dass es Queen gab. Ich hatte vor meiner Arbeit mit ihnen ehrlich gesagt auch noch nie von Queen gehört. Als ich den Song „Bohemian Rhapsody“ zum ersten Mal hörte, war mir bewusst, dass der Song toll war, aber erst in den späten 90er Jahren wusste ich, wer Queen wirklich waren. Ich weiß noch, dass ich dachte: „Das ist ein komischer Name für eine Band, die nur aus Jungs besteht.“

Deine Eltern haben Queen also erst durch dich kennengelernt?

Ja, als ich 1999 meine erste Band hatte, sagten mir die Leute, dass ich wie Freddie Mercury klänge. Und Anfang der 2000er Jahre habe ich angefangen, Queen zu suchen und zu hören. Und ich glaube, da wurden auch meine Eltern zu Fans.

Wie haben sie reagiert, als du den Auftrag als Sänger im Film „Bohemien Rhapsody“ bekommen und Rami Malek deine Stimme geliehen hast?

Meine Eltern haben mich als Musiker immer super unterstützt. Sie sind der Grund, warum ich zur Musik gekommen bin. Meine Mutter ist die Pianistin und Chorleiterin in der Kirche, in der mein Vater Pastor ist. Ich bin mit dem Singen in der Kirche aufgewachsen. Schon mit fünf oder sechs Jahren habe ich angefangen, dank meiner Mutter, Klavier zu spielen. Und da mein Vater Pastor war, hatte ich immer eine Bühne, wenn ich sie brauchte. Ich mag es also, wenn die Leute auf mich aufmerksam werden (lacht).

 

Ein Weg für die Zukunft

 

Marc Martel als Sänger von „One Vision of Queen feat. Marc Martel“ (Foto: Semmel Concerts)

Marc Martel als Sänger von „One Vision of Queen feat. Marc Martel“ (Foto: Semmel Concerts)

Schon vor deiner Zeit mit Queen und der Tribute-Band kamen viele Leute auf dich zu und haben dir gesagt, dass du wie Freddie Mercury klingst. Gab es einen bestimmten Punkt, an dem auch du diese Erkenntnis hattest und dachtest, du könntest damit etwas anfangen?

Das kam erst, als Roger Taylor (Schlagzeuger von Queen; Anm. d. Red.) beschloss, seine eigene Tribute-Band zu gründen. Davor dachte ich: „Oh, es ist schön, mit einem der größten Sänger aller Zeiten verglichen zu werden.“ Natürlich ist das ein großes Kompliment. Aber ich hätte ehrlich gesagt nie gedacht, dass daraus etwas werden würde. Ich dachte, das Einzige, was ich tun muss, ist, mich mit der Tatsache abzufinden, dass, egal was ich singe, die Leute immer jemand anderen hören. Denn selbst wenn ich versuchte, nicht wie Freddie zu klingen, machte das keinen Unterschied.

Ich erinnere mich an einige Momente, in denen ich, bevor meine Band und ich auf die Bühne gingen, um unsere eigene Musik zu spielen, sagte: „Okay, Leute, heute Abend werde ich wie Marc Martel klingen. Mein Ziel ist es, heute Abend keine Vergleiche mit Freddie Mercury zu bekommen“, aber das hat nie funktioniert. Also bin ich einfach so, wie ich bin. Es kommt ganz natürlich, und als ich dann in Roger Taylors Band kam, wurde mir klar: „Oh, weißt du, das könnte dein Weg für die Zukunft sein.“

Du klingst also von Natur aus wie Freddie. Gibt es irgendetwas, was dir Gesangslehrer gesagt haben, das dir helfen könnte, noch mehr wie er zu klingen?

Auf jeden Fall. Jeder Künstler ist anders, auch wenn zwei Menschen mit genau der gleichen Stimme geboren werden, werden sie unterschiedliche künstlerische Entscheidungen treffen. Wenn ich also die Songs von Queen singe, treffe ich die Entscheidungen, die Freddie künstlerisch getroffen hat. Wenn man mir hingegen die Musik zu einem Queen-Song geben würde und ich den Song noch nie gehört hätte und nur die Noten ablesen würde, würde ich ihn auf meine eigene Art singen. Aber das Singen dieser Musik hat mich definitiv zu einem viel besseren Sänger gemacht. Ich habe hier und da ein paar Gesangstunden genommen, und vor allem letztes Jahr, als wir in Deutschland waren, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben meine Stimme verloren.

Das muss schrecklich gewesen sein…

… ja, das war es. Was auch immer es war, ich konnte etwa zwei Wochen lang überhaupt nicht singen. Also mussten wir fünf Shows der Tournee verschieben, die wir jetzt 2022 nachholen werden. Während dieser Zeit, in der ich tagelang nur im Hotel saß, habe ich eine fantastische Gesangslehrerin in Nashville kontaktiert, eine Freundin von mir, und sie gab mir ein paar Tipps, wie ich meine Stimme so einsetzen kann, dass ich nicht so müde werde. Ich glaube, dass ich dadurch sogar noch mehr wie Freddie Mercury klinge (lacht). Das zeigt mir, dass er einfach ein Händchen und einen Instinkt dafür hatte, seine Stimme richtig einzusetzen. Mir wurde im Laufe der Jahre von vielen Gesangslehrern gesagt, dass ich meine Stimme richtig einsetze. Ich mache das schon seit 20 Jahren, aber gerade im letzten Jahr haben mich die Dinge, die ich in meine Technik eingebaut habe, besser gemacht, und ich hoffe, dass ich auch weiterhin immer besser werde.

 

„Freddie Mercury hatte eine tolle Arbeitsmoral“

 

Gesangslehrer können Sängern schon sehr viel helfen, indem sie einem nur sagen, wie man die Luft auf eine bestimmte Art und Weise spürt.

Vieles davon ist mental. Ich erinnere mich, als ich in Roger Taylors Band „The Queen Extravaganza“ anfing, zu singen, habe ich nicht einmal das ganze Konzert gesungen. Ich habe vielleicht 30 Prozent des Konzerts gesungen, weil wir mehrere Leadsänger hatten. Jetzt singe ich die ganze Show, und es fällt mir leichter als damals. Das ist sehr ermutigend.

Gibt es eine Sache, die Freddie mit seiner Stimme gemacht haben könnte, die dir besonders auffällt?

Nun, Freddie Mercury war berüchtigt dafür, dass er mit seiner Stimme nicht vorsichtig war. Wenn man auf YouTube geht, findet man Aufnahmen von ihm, bei denen man hört, dass seine Stimme einfach nicht funktioniert, aber er ist trotzdem da und macht seinen Job. Er hatte eine tolle Arbeitsmoral. Seine Stimme hat etwas leicht Raspelndes. Um das zu erreichen, muss man daran denken, viel Luft durch die Stimmbänder zu pressen. Beim Singen geht es darum, den Atem zu kontrollieren. Ich hatte instinktiv immer eine ziemlich gute Atemkontrolle. Aber wenn ich die Musik von Freddie Mercury singe, kann ich meinen Atem noch besser kontrollieren, eine Sache, die ich immer im Hinterkopf behalte.

 

„An mir wird jetzt ein anderer Maßstab angelegt“

 

Es muss auch sehr schwer sein, in den Registern zu singen, in denen er gesungen hat. Schätzungsweise gibt es nicht viele Menschen auf der Welt, die diese Register überhaupt singen können, geschweige denn jede einzelne Nacht über mehrere Wochen hinweg. Hattest du schon immer einen großen Tonumfang?

Ja, aber ich habe meinen Tonumfang auf jeden Fall ausgeweitet. Ich bin jetzt über 40 und ich erinnere mich, dass ich als Teenager nicht so hoch singen konnte wie jetzt. Die menschliche Stimme ist wie ein Muskel. Wenn man an ihr arbeitet, wird sie stärker. Singen hat viel mit dem Körper zu tun. Es ist aber auch mental anspruchsvoll. Ich hatte schon immer eine höhere Stimme und als ich das erste Mal „Bohemian Rhapsody“ hörte, dachte ich: „Ist der Sänger ein Mann oder eine Frau?“ Denn am Anfang hat er so eine leichte, luftige, hohe Stimme. Ich habe erst im Laufe des Liedes gemerkt, dass es ein Mann war. Das hat mir als junger Sänger das Selbstvertrauen gegeben, mich auf meine höhere Stimme zu stützen. Ich musste nicht so tun, als wäre ich ein Macho. Denn zu der Zeit stand ich total auf Pearl Jam mit dieser knurrigen, tiefen Stimme. Aber das ist einfach nicht das, wofür ich von Natur aus gemacht bin.

Auch Freddie hatte eine höhere Stimme, aber er schrieb auch Songs, die selbst für ihn eine Herausforderung waren. Da gab es Töne, die er nicht unbedingt live singen konnte. Er hat sie im Studio gesungen und kam dann auf die Bühne und sagte: „Ich singe diese hohe Note nicht. Ich werde einfach eine tiefere Version davon singen.“ Das war völlig in Ordnung, denn er hat diese Musik geschrieben. An mir wird jetzt ein anderer Maßstab angelegt, weil ich diese Musik nicht geschrieben habe. Die Leute kommen zu meiner Show und erwarten, dass ich sie so singe, wie sie sie von den Aufnahmen kennen. Ich muss also wirklich darauf achten, dass ich gut drauf bin, genug schlafe und genug Wasser trinke.

Wenn du in der Zeit zurückreisen könntest und einen Queen-Moment erleben dürftest, welcher Moment wäre das? 

Ich wäre gerne dabei gewesen, als sie „Bohemian Rhapsody“ zum ersten Mal live aufgeführt haben, also, bevor es ein Hit wurde. Diesen Song zu erleben und zu sagen: „Was ist das für ein Ding? Es ist so seltsam, aber es funktioniert irgendwie.“ Das hätte ich gerne erlebt.

Am 16. Februar 2022 kommt „One Vision of Queen“ auch nach Hamburg (Foto: Semmel Concerts)

Am 16. Februar 2022 kommt „One Vision of Queen“ auch nach Hamburg (Foto: Semmel Concerts)

 

Der erste Auftritt

 

Hast du jemals mit allen Queen-Bandmitgliedern, bis auf Freddie natürlich, gemeinsam gespielt?

Ich habe leider nie mit John Deacon (Bassist von Queen; Anm. d. Red.) gespielt, aber ich habe die Bühne mit Roger Taylor und Brian May (Gitarrist von Queen; Anm. d. Red.) teilen dürfen. Mein erster Live-Auftritt mit Queen war 2012 bei „American Idol“, Roger und Brian haben uns bei „Somebody to Love“ begleitet.

Wie ist es, mit diesen Legenden zu spielen?

Es ist verrückt. Das einzige andere Mal, dass ich mit Roger aufgetreten bin, war bei einem Festival in England vor fünf oder sechs Jahren. Wir haben zusammen „Under Pressure“ gespielt. Roger war mein Chef und ich wollte es für ihn gut machen, denn er hat viel von seiner Zeit, seinem Geld und seiner Kreativität in diese Band investiert. Und dann, gleich nachdem ich „Under Pressure“ mit Roger gesungen hatte, ging ich von der Bühne, doch Roger folgte mir nicht. Er ging hinter das Schlagzeug und fing an, auf das Schlagzeug zu klettern. Ich hatte ungefähr fünf Sekunden, in denen ich mir dachte: „Was zum Teufel macht Roger? Wieso klettert er auf das Schlagzeug? Oh, ja, er ist ein legendärer Schlagzeuger! Er ist nicht nur mein Boss!“ (lacht) Es war ein stiller Moment im Sinne von „Oh, ich komme mir so dumm vor“. Ich kenne ihn mehr als meinen Chef, aber viel weniger als das, wofür er wirklich bekannt ist.

 

„Die Sahne steigt eben immer nach oben“

 

Was glaubst du, warum die Musik von Queen auch heute noch so viel Anklang bei den Menschen findet – auch bei jüngeren?

Nun, die Sahne steigt eben immer nach oben. Ich meine, die Musik, die wir aus der Zeit vor der Geburt unserer Eltern kennen, ist die beste Musik der damaligen Zeit. Wir kennen die besten Kompositionen von Beethoven, Bach und Mozart, weil sie die besten waren. Ich glaube, was Rock betrifft, hat es niemand besser gemacht als Queen. Meiner Meinung nach ist die Musik von Queen interessanter als die der Beatles, aber die Beatles haben Queen beeinflusst, also ist es schwer, die beiden zu trennen. Freddie selbst war so rätselhaft, er war das genaue Gegenteil von John Lennon und Paul McCartney. Er hatte keine Berührungsängste auf der Bühne und war mit sich selbst völlig im Reinen. Jedes Mal, wenn man bei einem Video von Freddie auf Pause drückt, macht er immer eine Art Superhelden-Pose mit der Faust in der Luft oder mit gespreiztem Adler. Er hat seinen ganzen Körper eingesetzt. Er war ein echter Künstler, zu 100 Prozent. Ich denke, das inspiriert die Leute. Freddie war das Gesamtpaket und das ist so selten. Es ist mittlerweile 30 Jahre her, dass er gestorben ist, und ich kann mir niemanden vorstellen, der je wieder so war.

Wie viel von deiner Performance ist Freddie Mercury und wie viel davon ist Marc Martel?

Ich versuche, auf der Bühne auf einem sehr schmalen Grat zu wandeln. Der Grund, warum ich 2011 in Roger Taylors Band, The Queen Extravaganza, eingestiegen bin, war, dass wir nicht vorgeben sollten, jemand anderes zu sein. Sie baten uns nicht, uns zu verkleiden. Ich wollte keinen falschen Schnurrbart oder eine gelbe Jacke tragen, ich wollte ich selbst sein, der die Musik von Queen spielt. In den letzten 10 Jahren habe ich so viele coole Sachen gemach: Ich durfte in „Bohemian Rhapsody“ singen, bin um die ganze Welt gereist und habe so viele verschiedene Leute getroffen. Das Ganze habe ich dem zu verdanken, dass mir schon als Teenager Leute gesagt haben, dass ich wie Freddie klinge. Diese Geschichte kann ich jeden Abend auf der Bühne erzählen.

„Die Welt dürstet nach jemandem, der wie Freddie klingt“ (Foto: Semmel Concerts)

„Die Welt dürstet nach jemandem, der wie Freddie klingt“ (Foto: Semmel Concerts)

Jeder Queen-Fan hat eine andere Beziehung zu dieser Musik und ich kann hoffentlich in gewisser Weise nachvollziehen, wie die Musik von Queen ihr Leben beeinflusst oder sogar verändert hat. Es macht eine Menge Spaß und es ist eine wirklich coole Art, einer Band Tribut zu zollen. Ich mag es, dass ich dabei ich selbst sein kann. Diese Musik braucht niemanden, der sie am Leben erhält. Sie lebt von selbst, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass Queen immer noch auf Tournee sind. Aber die Welt dürstet nach jemandem, der wie Freddie klingt und Freddies Musik singt, und es macht mir Spaß, das zu tun.

Arbeitest du immer noch an deiner eigenen Musik?

Das ist auf jeden Fall immer noch ein Teil meines Lebens. Aber ich habe schon seit ein paar Jahren keine eigene Musik mehr veröffentlicht. Ich mache jedes Jahr eine Pause von Queen. Im November habe ich ein neues Weihnachtsalbum rausgebracht. Darauf singe ich sogar ein Duett mit Arnel Pineda, der seit 2007 Frontmann der Band Journey ist. Der Typ, der wie Steve Perry klingt, und der Typ, der wie Freddie Mercury klingt, singen zusammen „Last Christmas“ von Wham!.

 

„Ein Künstler wächst nicht mit der Hoffnung auf, die Musik eines anderen zu singen“

 

Siehst du diese Ähnlichkeit mit Freddies Stimme eigentlich als Segen oder als Fluch?

Ein Künstler, insbesondere ein Songwriter, wächst nicht mit der Hoffnung auf, die Musik eines anderen zu singen. Und wie es der Zufall so will, hat Freddie Mercury das als erster getan. Er kam vor mir und er hat mit den Gaben, die er hatte, einen großartigen Job gemacht. Es ist ein guter Lebensunterhalt für mich und meine Familie. Ich bin sehr dankbar dafür. Wenn man schon die Musik eines anderen aufführt, dann sollte es auch Musik sein, die einen auf Trab hält, die anspruchsvoll und schwierig ist. Wir dürfen als Band nicht faul werden, wir müssen ständig der Musik gerecht werden. Ich habe wirklich das Gefühl, dass ich mich damit zurechtgefunden habe.

Also wird es für euch nie langweilig, diese Hits zu spielen?

Wir versuchen, es frisch zu halten. Bei der nächsten Tour werden wir zum Beispiel drei oder vier Songs mitbringen, die beim letzten Mal noch nicht dabei waren, einfach, um Abwechslung zu schaffen. Ich versuche wirklich, mich in die Lage der Leute zu versetzen, die sich die Show ansehen wollen. Sie kommen, um etwas zu erleben. Ich mache das nicht für mich selbst, das würde sehr schnell langweilig werden. So versuche ich mir vor Augen zu führen, dass ich den Leuten, die für unsere Shows Geld bezahlen, jeden Abend aufs Neue eine unvergessliche Zeit biete.

„One Vision of Queen feat. Marc Martel“, 16 Februar 2022, 20:00 Uhr in der Barclays Arena

 Wir verlosen 2×2 Tickets!


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Swutscher: Von mystischen Nächten

Pop, Rock, Honky Tonk, Country – alles drauf auf dem neuen Album von Swutscher, das schlicht nach der Band benannt ist. Textlich fallen zwei Themen auf: Rauchen und Trinken. Wieso, weshalb, warum? Erzählen Swutscher im Interview

Interview: Erik Brandt-Höge

SZENE HAMBURG: Sascha, Martin, Velvet, Mike und Seb, gerade sitzt ihr alle zusammen, um allerhand Exemplare eures neuen Albums zu signieren. Wie oft finden denn generell Swutscher-Treffen während der Pandemie statt?

Sascha: Wenn nicht gerade eine Tour ansteht, kommt es schon mal vor, dass wir uns einen Monat lang nicht sehen. Aber Gott sei Dank geht es ja bald wieder mit Konzerten los, und dann proben wir alle zwei Wochen.

Euer Proberaum befindet sich in Hamm. Vermutlich ein Raucher-Proberaum …

Mike: (lacht) Na ja, so halb, wir können vor der Tür rauchen. Aber ich werde eh erst nach dem fünften Bier zum Raucher.

Ein prominenter Fan

Rauchen und Trinken – das sind die beiden großen Themen zweier Single-Auskopplungen im Vorfeld der Album-Veröffentlichung, nämlich „Tabak“ und „Palm Royal“. Zwei Oden, die einfach mal geschrieben werden mussten?

Sascha: Bei „Tabak“ ging es anfangs gar nicht ums Rauchen, sondern um das Parfüm. Um diesen alten Herrenduft, den mein Großvater schon trug, und den ich auch ab und zu getragen habe. Als ich diesen Duft dann auch noch bei einigen anderen von Swutscher bemerkte, dachte ich: Da sollten wir vielleicht mal einen Text drüber schreiben. Die Zweideutigkeit, also der Bezug auch zum Rauchen, entwickelte sich erst mit der Zeit.

Ein prominenter Swutscher-Fan ist Jan Müller von Tocotronic, der über „Tabak“ schrieb, er, der seit 2005 Nichtraucher wäre, würde sich nach dem Hören am liebsten eine anstecken. Jan hat zudem eine sehr wohlwollende Presse-Info zum Album geschrieben. Wie kam es zur Verbindung Swutscher und Jan Müller?

Martin: Jan ist irgendwie auf uns aufmerksam geworden und hat uns nach einem Interview gefragt. Später hat er uns auch bei einem Konzert in 68 (Mike von Swutscher) Berlin besucht. Mit der Zeit ergab es sich, dass wir öfter mal geschnackt und uns gut verstanden haben.

„Diese Nächte kommen von selbst“

Zurück zu den beiden Singles, jetzt zu „Palm Royal“, benannt nach einem belgischen Bier. Der Songtext deutet an, dass du, Sascha, das Bier während eines Wanderurlaubs entdeckt hast – stimmt das?

Sascha: Ja – und danach wurde es natürlich schwieriger, es zu bekommen. Aber: Es gibt ja „Getränke Hoffmann“ – Grüße gehen raus! – der kriegt alles, und so kommen wir ab und an noch mal in den Genuss von „Palm Royal“, natürlich in Maßen (alle lachen).

Im Song „Rocker“ scheint der Genuss durchaus auch mal über ein, zwei „Palm Royal“ hinauszugehen („Meine Leber leidet leise“), in „Mystische Nächte“ dreht sich vieles rund um „Kräuter und Absinth“. Geht es in Letzterem um ganz bestimmte mystische Nächte, die erlebt wurden, oder verbringt ihr solche Nächte immer mal wieder und theoretisch überall?

Seb: Immer mal wieder und theoretisch überall. Wir brauchen da eigentlich keinen bestimmten Anlass. Diese Nächte kommen von selbst. Und wenn sie kommen, dann weiß man schon Bescheid (lacht).

„Wir sind große Freunde des Pub-Rock“

In „Tohuwabohu“ besingt ihr dann etwas ganz Anderes, Ernsteres, und zwar die Pandemie („Die Welt im Wandel“). Wie hart hat Corona denn Swutscher erwischt?

Velvet: Megahart, muss man schon sagen. Corona hat uns ausgebremst. 2020 haben wir eine EP veröffentlicht, wollten auf Tour gehen – aber das ging halt nicht. Vielleicht war das aber auch ganz gut, denn davor waren wir zwei Jahre dauerhaft unterwegs. Und mittlerweile fühlt es sich zumindest schon wieder wie ein kleiner Neustart an.

Geplant ist, dass ihr „Swutscher“ Ende April im Molotow präsentiert, quasi eurem Hamburger Stamm-Auftrittsort. Könntet ihr euch vorstellen, in Hamburg auf lange Sicht immer dort zu spielen, oder strebt ihr schon auch die größeren Läden der Stadt an?

Mike: Wir mögen das Molotow nach wie vor sehr, dort sind einfach wunderbare Leute. Wir haben aber auch nichts gegen größere Läden. Am allerliebsten spielen wir jedoch nach wie vor im Pub. Wir sind alle große Freunde des Pub-Rock.

„Swutscher“ von Swutscher ist am 25. Februar 2022 auf La Pochette Surprise/Membran/The Orchard erschienen; Live am 30. April 2022 um 20 Uhr im Molotow


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Tocotronic: „Liebe war uns ganz wichtig“

Die Rockband Tocotronic hat ihr 13. Album „Nie wieder Krieg“ veröffentlicht. Ein Gespräch mit Bassist Jan Müller über „Pandemie-Konzerte“, Politik per Musik und ein Gefühl, das die neuen Songs unbedingt transportieren sollen

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Jan, Live-Konzerte fielen und fallen immer wieder aus, was zahlreiche Musikerinnen und Musiker auf mehreren Ebenen belastet. Wie schwer hat Corona Tocotronic getroffen?

Jan Müller: Wir haben zwar noch GEMA- und Streaming-Einnahmen, aber unsere wesentlichen Einkünfte stammen aus dem Live-Geschäft, was ja gerade nicht möglich ist. Die Corona-Hilfen gleichen nicht aus, was uns weggefallen ist. Vereinfacht gesagt, haben wir ein Jahr verloren. „Nie wieder Krieg“ sollte ja eigentlich auch schon im Januar 2021 rauskommen.

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Das neue Album von Tocotronic „Nie wieder Krieg“ ist am 28. Januar 2022 erschienen

Alternativen zur gewohnten Live-Show, etwa Autokino-Konzerte, schienen euch nicht zu reizen …

Das kann man so sagen. Wir haben 2021 einige Pandemie-Konzerte gespielt, wie ich sie mal nennen will, an die wir mit sehr geringen Erwartungen gegangen sind. Bestuhlte Konzerte mit unserem alten Programm aus der Hamburger Zeit – das kam uns schon sehr dialektisch vor. Letztlich hat es aber toll funktioniert. Es war auch schön zu sehen, dass sich die Leute darauf einließen. Am 28. Januar werden wir im SO36 unser Release-Konzert als Streaming-Konzert spielen, was die nächste Herausforderung ist. Als Band verkapselt man sich ja lange im Studio und Proberaum, um etwas zu erschaffen, das man irgendwann mit seinem Publikum teilt. Wenn das Publikum dann aber nicht da ist, ist das schon ein Manko. Ich persönlich bin jetzt aber nicht der Typ, der für sein Leben die Bühne braucht. Bei einigen Kolleginnen und Kollegen haben sich fast Entzugserscheinungen eingestellt. So ging es mir und den anderen in der Band nicht.

 

Haltung

 

Gab es weitere Erkenntnisse während der Pandemie?

Ich kann da nur für mich sprechen und sagen, dass ich froh bin, dass sich in der Pandemie in der Musikszene von wenigen Ausnahmen abgesehen sehr wenig Nihilismus breit gemacht hat. Unter anderem gab es eine tolle, von der Band Die Ärzte initiierte Impfkampagne. Die konstruktive Haltung der Musikszene ist vielleicht auch dadurch zu erklären, dass Musikerinnen und Musiker oft in Gruppen arbeiten und dadurch antiaufklärerische Schwurbelei, die ja meist auch viel mit Vereinzelung und Narzissmus zu tun hat, zurückgedrängt wird.

Kommen wir zum angesprochenen „Nie wieder Krieg“, dem mittlerweile 13. Tocotronic-Album. Daraus wurden bereits Singles veröffentlicht, etwa „Jugend ohne Gott gegen Faschismus“. Sicher kein Zufall, dass dieser Song kurz vor der Bundestagswahl 2021 und der damit verbundenen Entscheidung, wie viel Macht die AfD bekommen würde, erschienen ist …

Genau. Wir sind keine Band, die sich parteipolitisch engagiert, auch wenn wir viele Anfragen bekommen. Das ist nicht unser Stil. Aber gerade, wenn man in unserem Alter ist und noch Parteien wie die Republikaner miterlebt hat, die nur eine kurzlebige Vorankündigung waren, so ist es schon sehr schockierend, zu erleben, wie sich nun eine rechtsextreme Partei dauerhaft im Parlament festsetzt und dort ihre Zersetzungsarbeit betreibt. Die Veröffentlichung von „Jugend ohne Gott gegen Faschismus“ zur Bundestagswahl war daher auch ein bescheidener Versuch, ein Statement zu setzen.

Du hast von vielen Anfragen gesprochen. Kam auch mal eine von der AfD?

Nein – wenn die uns überhaupt kennen. Diese Partei hat ja auch kulturell keine große Kompetenz. Und wenn sie von uns wissen, dann wissen sie auch, dass wir am anderen Ende der Skala stehen.

 

Die Sensorik von Dirk von Lowtzow

 

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Tocotronic haben Lust auf die Live-Bühne, aber keine Entzugserscheinungen (Foto: Gloria Endres de Oliveira)

Der weitere textliche Inhalt von „Nie wieder Krieg“ handelt von einer grundsätzlichen Verwundbarkeit, Einsamkeit, von Existenzängsten – und dann doch von Liebe. Klingt ein bisschen wie eine ungewollt geschriebene Corona-Bilanz, und das sogar vor den pandemischen Ereignissen.

(lacht) Dirk hat ein Talent dafür, immer ein wenig früher Sachen zu kommentieren, als sie passieren. Ich denke da auch an das Album „Kapitulation“ (2007 erschienen; Anm. d. Red.), das mit seiner Kritik am neo-kapitalistischen System einen gewissen Zeitgeist schon vorweggenommen hat. Die Texte von „Nie wieder Krieg“ sind alle vor der Pandemie entstanden, insofern ist es wirklich eine Sensorik von Dirk, mit der er etwas erfasst hat, das so in der Luft schwebte. Wenn das Album denn eine Corona-Bilanz sein soll, wäre es natürlich schön, wenn Liebe das vorherrschende Gefühl beim Hören sein würde.

Liebe war uns auf diesem Album ganz wichtig. Es gibt so viel Hass in dieser Gesellschaft. „Freiburg“, das erste Stück auf unserem ersten Album, beginnt mit der Zeile: „Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse“ (erschienen 1995; Anm. d. Red.). Es war für uns damals sehr lustig, uns unserem Hass auf läppische Nervereien hinzugeben. Aber jetzt, wo der Hass vielerorts so dominant wütet, scheint es uns angebrachter, sanftere Saiten zum Schwingen zu bringen.

 

Es wird nicht mehr, wie es mal war

 

„Nie wieder Krieg“ wird hoffentlich schnellstmöglich auch vor Publikum live präsentiert werden. Entzugserscheinungen, hast du schon gesagt, gibt es nicht – aber womöglich bestimmte Tocotronic-Live-Szenarien, auf die deine Vorfreude besonders groß ist?

Ich freue mich auf Konzerte, wie wir sie immer gemacht haben – wenn es die Umstände denn zulassen: eng und schwitzig. Manche Sachen wird es aber nie wieder geben. Wir mögen es nicht, wenn es auf der Bühne zieht, also haben wir bisher immer die Lüftungsanlage im Saal ausstellen lassen. Deshalb war es bei unseren Konzerten auch immer besonders heiß. Es war toll, wenn dieses Körperliche, das die Rockmusik eh in sich hat, sich auch in der Raumtemperatur widerspiegelt. Wir haben nun mit Demut bilanziert, dass vermutlich nie wieder Konzerte mit deaktivierter Lüftungsanlage stattfinden werden.

„Nie wieder Krieg“ von Tocotronic ist am 28. Januar 2022 auf Vertigo Berlin/Universal Music erschienen

Live gibt es Tocotronic am 16. April 2022 in der Edel-Optics Arena zu sehen (es gibt noch Karten). Außerdem kommen sie am 19. August in den Hamburger Stadtpark (ausverkauft).

Das Release-Konzert im re-live gibt’s hier:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2022. Das Magazin ist ab dem 29. Januar 2022 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Waldinsel-Lasterkonzerte: Musik auf vier Oldtimer-Rädern

Musik von heute auf einem LKW von gestern

Text: Felix Willeke

 

Nach Kirchdorf-Süd, Allermöhe, in den Elbpark Entenwerder oder auf den Fähranleger Teufelsbrück – die Waldinsel-Lasterkonzerte bringen Musik in alle Ecken der Stadt. Der legendäre Laster von Kim Senger blickt auf eine lange Karriere zurück: als Möbeltransporter, Zirkuslastwagen, Zuhause für eine Familie, als Tourbus und Wohnmobil – und schließlich als mobile Bühne und rollendes Aushängeschild der Waldinselbühne.

Vom 20. Juli bis 15. August fährt die mobile Bühne auf dem ausgebauten Mercedes Benz LKW von 1970 im Rahmen des Kultursommer Hamburgs an die verschiedensten Orte der Hansestadt. Die Künstler:innen spielen vor dem Laster oder vom Dach des Fahrzeugs in circa 3,60 Meter Höhe, das Publikum versammelt sich um den Laster.

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Foto: Jérome Gerull

Bands wie Puder, das John Winston Berta Trio oder FRINK spielen dann luftige und einzigartige Gigs auf dem Dach des Lasters. Am 20. Juli sind Kraus aufgetreten und haben mit ihren Indie-Rock-Songs den Schulhof des Bildungs- und Gemeinschaftszentrums Süderelbe beschallt. Stark war das!

Der Eintritt ist bei jedem Konzert bis auf das Finale am 15. August auf der ehemaligen Wilhelmsburger Reichsstraße, frei, um eine Spende wird gebeten.

waldinsel.com


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Trixsi: Für den Glam-Faktor

Vor zwei Jahren formierte sich eine Band, die sich ebenso vom gängigen deutschsprachigen Indie-Kosmos abgrenzen wollte wie von substanzlosen Deutschrockern. Kürzlich veröffentlichten Trixsi ihr erstes Album „Frau Gott“

Interview: Erik Brandt-Höge

 

Es ist ein Supergroup-Projekt von Nicht-Superstars. Trixsi wurden im Herbst 2018 von Herrenmagazin- Gitarrist Torben Leske und Paul Konopacka gegründet, Bassist derselben Band. Dazu kamen bald Sänger Jörkk Mechenbier, bekannt aus den Gruppen Love A und Schreng Schreng & La La, sowie Ex-Jupiter-Jones-Basser Klaus Hoffmann und Kristian Kühl, ehemals Gitarrist bei Findus. Übergeordnetes Ziel dieses Fünfers: Spaß, und zwar bedingungslos. Lieber keinen kommerziellen Erfolg haben und stattdessen alles spielen und singen, worauf sie Lust haben.

Große Gesten sind jederzeit erlaubt, ebenso Kritik am schnöden Alltagsleben – aus dem es mit Trixsi schließlich zu entfliehen gilt. Das erste Produkt dieser, nun ja, Arbeit ist „Frau Gott“, ein rumpelndes Gitarrenrockalbum samt ungenierter Gesellschaftskritik. Torben Leske über die Alles-ist-erlaubt-Attitüde, einen Hang zum Glam und Exzess und „den letzten verdammten Rockstar“.

 

 

SZENE HAMBURG: Torben, in einer Pressemitteilung zum Trixsi-Debütalbum „Frau Gott“ hat Sänger Jörkk Mechenbier kürzlich erklärt, Deutschrock würde aktuell nur scheitern, weil „die Leute keinen gesellschaftskritischen Auftrag“ hätten. Wer sind denn „die Leute“?

Torben Leske: Keine Ahnung, wer die Leute sind – aber Jörkk ist einfach der letzte verdammte Rockstar, zumindest, wie ich Rockstars als Jugendlicher idealisiert habe. Ich rede nicht von Idioten wie Axl Rose oder so, sondern von glamourösen Persönlichkeiten mit einem kreativen Output, der auf eine gewisse Art und Weise der Gesellschaft einen Spiegel vorhält, ohne dabei penetrant politisch und fingerzeigend zu sein, aber das eigene Sein und Tun ständig in Frage stellt.

Rockmusik muss in meinen Augen stark sein, aufwühlen und gleichzeitig tief zerbrechlich sein. Aktuelle Deutschrock-Stars hingegen scheinen ziemlich austauschbar zu sein – das wiederum ist natürlich auch ein Spiegel der Gesellschaft.

Inwiefern?

Ich meine den hyperangepassten Menschen im Turbokapitalismus als letzte Form der Revolte. Spießigkeit als der neue Punk. Es wird Zeit für einen abgefuckten Star! Jörg wird es leider nicht. Er ist zu alt.

Habt ihr euch denn gezielt vorgenommen, Deutschrock Substanz zu verleihen?

Keiner meiner Bandkollegen mag das Wort Rock in den Mund nehmen. Das Deutschrock-Ding habe ich ins Leben gerufen, weil ich mich in diesen Indie- und Punk-Gefilden relativ fehl am Platz fühle. Ich vermisse da einfach den Glam-Faktor. Die Szenen sind oft etwas dogmatisch und in sich geschlossen – auch das ist spießig.

Früher fand ich genau das saucool und spannend und habe mich für meine Jugendmucke geschämt. Jetzt höre ich wieder Aerosmith und merke, dass mich die großen Gesten einfach abholen.

 

„Trixsi sind frei, textlich wie musikalisch“

 

Tatsächlich wird beim Hören von „Frau Gott“ schnell klar: Trixsi, das steht nicht für Anbiederung gegenüber der breiten Masse, sondern für das Gegenteil – klanglich wie lyrisch. Gleich die ersten zehn Sekunden des Albums beinhalten die erste klare, unbequeme Ansage: „Es geht mir schlecht, jeden Tag, wenn ich sehe, was die Leute um mich herum so interessiert.“ Gab es anfänglich ganz bestimmte Botschaften, die ihr textlich unbedingt mit den Songs transportieren wolltet?

Wir haben uns wirklich überhaupt keine Gedanken gemacht, was wir transportieren wollen. Vor dem ersten Konzert haben wir nicht mal darüber nachgedacht, wie wir die Instrumente transportieren sollen (lacht).

Aber ich denke, unterbewusst weiß jeder von uns, was ihn erwartet, wenn wir Jörkk texten lassen. Wenn er nicht gezügelt wird, geht er bei ihm ab, der lyrische Durchfall. Ungehemmt bricht er dann bei den Proben heraus. Wir sind sehr oft einfach nur am Lachen und können nicht fassen, was Jörkk da singt. Zum Beispiel: „Alle wollen höher, schneller, weiter, leider frisst das Pferd dabei den Reiter.“ Großartig! Wir stellen seine Texte aber eh nie in Frage. Trixsi sind frei, textlich wie musikalisch.

Apropos musikalisch: Bei Trixsi ist klassischer Slacker Rock ebenso hörbar wie die zweite Welle des Britpop Mitte der Nullerjahre. Konntet ihr, die aus ganz unterschiedlichen Bands stammt und erst seit zwei Jahren zusammen Musik macht, euch fix auf einen Stil einigen?

Wir wollten der Musik einfach etwas zurückgeben, was unserer Ansicht nach in den letzten Jahren verloren gegangen ist, nämlich die Message: Musik machen muss keine harte Arbeit sein, sondern darf eben anders sein als – in Anführungszeichen – ein Job.

Darum ging es doch immer: Anders zu sein als die arbeitende, alltägliche Welt. Es ging um Exzentrik, Exzess und emotionale Achterbahnfahrten. Zumindest ist das die Rockwelt, die uns als Teenager verkauft wurde. Wir leben einfach unsere kleine Illusion bei Trixsi weiter, auch wenn wir mittlerweile zur klassischen deutschen Mittelschicht gehören. Wenn man nämlich mit Naivität und Spaß zur Sache geht, entsteht automatisch ein Soundgemisch aus allem, was einen beeinflusst hat.

Manchmal fängt Jörkk an, Pearl Jam-Texte über ein Gitarrenriff zu singen – aber es juckt eben niemanden. Und wenn es mal alberner Deutsch- punk ist: auch gut.

Wohin soll es denn noch gehen mit Trixsi? Oder anders gefragt: Wie sehr halten sich der Wunsch nach Spaß und der nach kommerziellem Erfolg die Waage?

Den Wunsch nach kommerziellem Erfolg hat keiner von uns. Wenn der Erfolg kommen sollte, dann nehmen wir ihn mit – wir sind aber realistisch genug, um zu wissen, dass das Quark ist. Ich kann nur für mich sprechen: Ich gehe lieber arbeiten – solange es mich ausfüllt – und bewahre mir dadurch die künstlerische Freiheit.

Ebenso halten wir es mit dem Spielen von Konzerten. Wir wollen in ausgewählten Herzensläden spielen, mit der Energie eines Stadionkonzerts (lacht). Trixsi-Konzerte sollen eine Party für uns sein, und es würde uns umso glücklicher machen, wenn viele mitfeiern. Bescheidenheit und Egozentrik: Das sind Trixsi. Ein Höllengemisch.

„Frau Gott“ ist am 26.6. auf Glitterhouse Records erschienen


Szene_Juli_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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„Lindenberg! Mach dein Ding!“: Biopic über Udo Lindenberg

Wer war eigentlich dieser Udo, bevor er seinen großen Durchbruch hatte? Hermine Huntgeburth erzählt in „Lindenberg! Mach dein Ding!“ die Geschichte des jungen Rockmusikers, der nach Hamburg kam

 Text und Interview: Patrick Heidmann

 

Eigentlich konnte niemand anderes dieses Biopic inszenieren als Hermine Huntgeburth, trägt die Regisseurin doch den gleichen Vornamen wie Udo Lindenbergs von ihm verehrte Mutter, nach der er 1988 sogar ein Album betitelte. Davon abgesehen natürlich, dass die Regisseurin seit mehr als 25 Jahren zu den erfolgreichsten und vielseitigsten Film- und Fernsehschaffenden des Landes gehört, ausgezeichnet mit dem Deutschen Filmpreis, dem Deutschen Fernsehpreis und mehreren Grimme-Preisen.

In „Lindenberg! Mach dein Ding!“ erzählen sie und Drehbuchautor Alexander Rümelin nun nicht das komplette Leben von Deutschlands wohl bekanntestem Rockstar nach, sondern widmen sich seinen musikalischen Anfängen im Hamburg der 70er Jahre, inklusive Rückblenden in seine Kindheit im westfälischen Gronau. Die Hauptrolle spielt der aufstrebende Newcomer Jan Bülow, außerdem standen unter anderem Max von der Groeben, Julia Jentsch, Detlev Buck und Charly Hübner vor Huntgeburths Kamera. Wir trafen die Wahlhamburgerin zum Interview.

 

 

SZENE HAMBURG: Hermine Huntgeburth, welchen Bezug hatten Sie zu Udo Lindenberg vor der Arbeit an diesem Film?

Hermine Huntgeburth: Mich hat er eigentlich schon begleitet, seit ich bewusst angefangen habe, Musik zu hören. Da war er immer irgendwie da. Und als ich dann 1977 nach Hamburg zog, war er dort sowieso ganz präsent. Das war die Zeit, als er mit Peter Zadek arbeitete und immer im Atlantic war. Aber persönlich gekannt habe ich ihn nicht.

Was war denn Ihr erster Gedanke, als man Sie fragte, ob Sie die Regie bei „Lindenberg! Mach dein Ding!“ übernehmen wollen?

Erst mal wunderte ich mich, wie der Produzent Michael Lehmann auf mich kam, denn ich hatte so etwas ja noch nicht wirklich gemacht. „Die weiße Massai“ war zwar auch die Geschichte einer lebenden Person, aber natürlich doch ein anderer Fall als dieser. Was mich dabei besonders reizte, war der Gedanke, einen Musikfilm zu drehen. Und ausschlaggebend war auch die Tatsache, dass die Handlung nur bis zu Udos erstem großen Konzert ging, also bevor er zu dem wurde, der er heute ist. Kaum jemand kennt ja noch den jungen Mann, der damals aus Nordrhein-Westfalen nach Hamburg kam.

Gab es trotz der Beschränkung auf den jungen Lindenberg ein paar Biopic-Fallstricke, die Sie umgehen mussten?

Ich durfte natürlich nicht in die Falle geraten, ein Udo-Lookalike-Ding aus der Sache zu machen. Natürlich habe ich mich ein paar Mal mit Udo getroffen, aber dabei war für mich vor allem wichtig, so eine Essenz herauszufinden und der Figur eine Wahrheit zu geben. Ich konnte und wollte ihn nicht einfach kopieren.

Hatte er ein Mitspracherecht?

Natürlich war uns wichtig, dass Udo der Film gefällt, aber es ging nie um Gefälligkeiten. Dass ich meinen eigenen Film mache, war immer klar. Wir haben ihn von Anfang an mit einbezogen und ihm das Drehbuch zu lesen gegeben.

Er hat auch Jan Bülow kennengelernt, nachdem wir die Hauptrolle besetzt hatten. Und wenn es Kleinigkeiten gab, die ihm nicht behagt haben, sind wir auch darauf eingegangen. Aber Udo schenkte mir großes Vertrauen und war immer ausgesprochen positiv, was den Film angeht.

 

… eine Rampensau sein und das Rock’n’Roll-Gen haben

 

Wie viel Fiktion steckt denn eigentlich im Film?

Das lässt sich gar nicht so ohne Weiteres sagen. Denn auch viele seiner Songtexte, die ja sehr politisch sind, haben viel mit seinen Lebenserfahrungen zu tun. Wir haben zum Beispiel diese vier jungen Frauen im Drehbuch, die mir sehr wichtig waren, weil ich auch starke Frauenfiguren in der Geschichte haben wollte. Und die basieren teilweise auf realen Figuren, teilweise aber eben auch auf seinen Texten. Der Drehbuchautor Alexander Rümelin hat sehr kunstvoll versucht, das alles miteinander zu verweben.

Am Ende steht und fällt ein Film wie dieser natürlich mit dem richtigen Hauptdarsteller. Wie lange dauerte es, bis Sie Ihren Udo gefunden hatten?

Sehr lange! Die Casterin Simone Bär und ich haben uns eigentlich alle jungen Schauspieler angesehen, die es so gibt. Unser Protagonist musste natürlich viel mitbringen, denn man möchte ja keinen normalen Udo sehen. Wir brauchten jemanden, der nicht nur ein hervorragender Schauspieler ist, sondern er musste auch eine Rampensau sein und das Rock’n’Roll-Gen haben. Sensibel musste er sein und witzig, ein tolles Körpergefühl mitbringen und auch sexy sein.

Jan Bülow erfüllte alle diese Kriterien, und ist auch ein richtiger harter Arbeiter, der sich zum Beispiel Monate Zeit genommen hat, um Schlagzeugspielen zu lernen. Er musste den ganzen Film tragen, und das mit 21 Jahren, frisch von der Schauspielschule. Aber dass man ihn eigentlich noch gar nicht kennt, war auch von Vorteil.

Wer heute durch St. Pauli läuft, weiß, dass da kaum noch etwas an die 70er Jahre erinnert. Wie ist es Ihnen gelungen, diese Zeit wiederauferstehen zu lassen?

Das geht heutzutage nur mit VFX, also mit Computertricks. Dort zu drehen, ist ohnehin schwierig geworden. Kann man nur noch montags und dienstags, und alle Geschäfte müssen mitmachen. Am Ende versucht man dann, mit der Kamera alles nur bis zu einer gewissen Höhe einzufangen und alles, was zu modern aussieht, abzudecken. Der Rest wird dann später digital gemacht.

Das Schlimmste sind heutzutage eigentlich die Tags an den Wänden. In den Siebzigern gab es ja noch gar keine Sprayer, heute aber ist alles vollgeschmiert.

Eine Szene haben Sie auch im Alten Elbtunnel gedreht …

Ja, als Referenz an Roland Klicks Film „Supermarkt“ von 1974. Die Szene dort ist das Ende eines LSD-Trips von Udo und seinem Kumpel Steffi Stephan, der in der Gestaltung der Farben und der Stimmung wiederum an die Likörelle erinnert, die Udo heute malt, und entsprechend einen gewissen kindlichen Faktor haben sollte.

Regie: Hermine Huntgeburth. Mit Jan Bülow, Detlev Buck, Max von der Groeben. Ab 16.01.2020


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2019. Das Magazin ist seit dem 20. Dezember 2019 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Konzert des Monats – Granada im Nochtspeicher

Popmusik aus Österreich hat ihren jüngsten Hype überlebt – auch dank Granada aus Graz. Ein Gespräch mit Sänger Thomas Petritsch

Interview: Erik Brandt-Höge
Foto: Carina Antl

Etabliert ist er, der Rock aus Österreich. Wie unterschiedlich die Protagonisten jedoch sind, zeigt allein der Vergleich Granada (Graz) und Wanda (Wien). Während letztere fröhlich über Exzess und Tod singen, macht die Grazer Formation lieber Musik wie Pastelltöne. Auf dem aktuellen Granada-Album „Ge Bitte“ geht es musikalisch höchst harmonisch, textlich sehr versöhnlich zu.

Ein Gespräch mit Sänger Thomas Petritsch über Stadtrivalitäten, Verständnisprobleme außerhalb des eigenen Landes, eine Stimmung, die sich nirgendwo vermeiden lässt und einen Ort an der Elbe, der es ihm offensichtlich angetan hat.

SZENE HAMBURG: Thomas, setze doch mal folgenden Satz fort: Denk ich an Graz, denk ich an …

Thomas Petritsch: … den Lebensmittelpunkt. Und an den Uhrturm, das Wahrzeichen der Stadt.

Denkst du ausschließlich an Positives? Oder hat Graz auch Schattenseiten?

Graz ist vor allem eine sehr sichere, ungefährliche Stadt. Ich wohne in Lend, einem Viertel, das vielleicht nicht so gute Referenzen hat, aber die Kriminalitätsrate ist sehr niedrig. Klar, es gibt ein paar Drogendealer, aber die gibt’s anderswo auch.

Okay, nächste Satzforsetzung, bitte: Denk ich an Wien, denk ich an …

… eine sehr lebenswerte Stadt. Und an Freunde, die ich gerne besuche.

Ist irgendjemand aus der Band mal für kurz oder lang in Wien gelandet?

Nein, wir sind alle immer in Graz geblieben. Aber wir mögen alle Wien. Es ist immer wieder schön dort, vor allem am Gürtel, in der Mariahilferstraße, im 7. Bezirk. Hat sich alles a bissl gewandelt, ist aber immer noch super.

Irgendwelche speziellen Stadtrivalitäten zwischen Grazern und Wienern?

Klar, die Hauptstädter nennen alle anderen Bauern, und die anderen sagen auch was zu den Hauptstädtern. Aber ab einem bestimmten Alter gibt’s das alles nicht mehr.

Auch Bands dissen sich nicht untereinander?

In dem Bereich, in dem wir unterwegs sind, überhaupt nicht.

 

„Die Melancholie ist überall zu Hause“

 

Ein musikalischer Graz-Wien-Vergleich, der zumindest in Deutschland immer wieder bemüht wird, ist der zwischen euch und Wanda. Nervt’s langsam?

Ich glaube, dieser Vergleich ist der Sprachbarriere geschuldet, also der, die es ab dem Weißwurstäquator nordwärts gibt. Dabei ist es, als wenn man die Toten Hosen mit Von Wegen Liesbeth oder Isolation Berlin vergleicht. Aus der Perspektive von Österreichern besteht die Gemeinsamkeit nur darin, dass beide Deutsch-Pop-Rock machen.

Allein die textlichen Geschichten sind extrem unterschiedlich: Wanda spielen da mit Rock ’n’ Roll-Klischees, mit Suff, Sex und Tod. Und ihr lasst es durchweg ruhiger angehen, singt nicht über das wilde Leben, sondern über Saunagänge und den Mallorca-Urlaub. Außerdem, heißt es, würdet ihr lieber mal einen Gin Tonic trinken als ständig Bier. Wirkt alles, als würden die Pastelltöne auf dem Albumcover von „Ge Bitte“ einen generell recht hellen Gemütszustand widerspiegeln.

Ja, sicher. Wobei Pastelltöne ja immer auch etwas Verblassendes zeigen, fast schon herbstlich sind. Die Farben signalisieren also auch: Der Sommer geht zu Ende.

Allzu viel Melancholie möchte man mit euch aber nicht in Verbindung bringen.

Die Melancholie ist überall zu Hause, nur unterschiedlich ausgeprägt. Graz zum Beispiel liegt südlicher als Wien, wenn’s auch nur 200 Kilometer Entfernung sind. Es liegt also näher an Slowenien, Kroatien und Italien, hat südländische Einflüsse. Wien dagegen hat eher einen deutschen Einschlag.

 

„Hochdeutsch würde ich mir selbst nicht abkaufen“

 

Apropos Deutsch: Mundart im Gesang würdet ihr wahrscheinlich nicht gegen Hochdeutsch eintauschen, oder?

Die Authentizität würde vielleicht verloren gehen, wenn wir nicht mehr Mundart sängen. Das Ausleben der Emotionen über die Sprache würde auf Hochdeutsch nicht mehr so gut gehen, jedes Wort wäre anders und würde sich irgendwie falsch anhören. Hochdeutsch würde ich mir selbst nicht abkaufen – ich kann’s nicht einmal wirklich gut sprechen.

Könnte das Dritte Granada-Album denn ein englischsprachiges sein? Oder eins auf Italienisch?

Italienisch wäre schon toll!

Sprichst du Italienisch?

Un poco. Pizza bestellen könnte ich schon.

Zum Schluss noch mal vollenden, ein Hamburg-Konzert steht ja an: Denk ich an Hamburg, denk ich an …

die Schanze, den Hafen, den Fischmarkt, den Schellfischposten, „Inas Nacht“, das Dockville, Reeperbahn Festival, Uebel & Gefährlich – das ist alles supergeil! Außerdem denke ich an HipHop! Zum Beispiel an Dynamite Deluxe, die ich in meiner Jugend sehr oft gehört habe. Und Dendemann ist ja auch Hamburger. Ach, ich liebe Hamburg!

Granada: 28.11., Nochtspeicher, 20 Uhr


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2018. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

 


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Madsen – “Es begann mit einer Krise”

Frontmann Sebastian Madsen sah sich plötzlich mit Ängsten konfrontiert – und erzählt im Gespräch zum neuen Madsen-Album „Lichtjahre“ (VÖ 15.6.18), wie er sie überwinden konnte.

SZENE HAMBURG: Sebastian, hast du die diesjährige ECHO-Prozedur verfolgt?

Sebastian Madsen: Ja, zuerst die Show im Fernsehen, und dann war ich noch auf der Aftershow-Party. Allerdings nicht lange – die Stimmung war echt schlecht.

Grund dafür war der Eklat um Farid Bang und Kollegah. Hast du mit Branchenkollegen darüber sprechen können?

Auf der Party war das noch etwas schwer, die Leute waren wie paralysiert. Viele waren sich auch nicht sicher, was sie über die Geschehnisse denken sollten und fragten sich wahrscheinlich: Dürfen die das? Ich hingegen habe mich gefragt: Warum unterstützt denn da keiner Campino…

…der als einziger anwesender Künstler schon auf der Bühne das Werk der Rapper kritisiert hatte. Hättest du es genauso gemacht?

Ja. Ich hatte sofort eine klare Haltung zu all dem und fand es sehr mutig, was Campino gemacht hat, gerade in seiner Position als alter Punk, der vielen Jugendlichen wahrscheinlich wie ein Oberlehrer vorkommt.

“Alle in der Band haben eine politische Haltung”

Was politische Statements angeht, haltet ihr euch mit Madsen grundsätzlich nicht zurück, geht etwa gegen Nazis und Atomkraft offensiv vor. In euren Liedern hingegen geht es eher um das Innenleben des Individuums, politische Parolen werden ausgespart. Gab es denn etwas, das ihr auf eurem neuen Album „Lichtjahre“ textlich unbedingt behandeln wolltet?

Erst mal stimmt es, dass es sich bei Madsen songtextlich vor allem um das Du und das Ich dreht. Das liegt aber nicht daran, dass ich keine Lust hätte, etwas Politisches zu schreiben, heutzutage gibt es in dieser Hinsicht ja viel zu bereden. Aber ich kann das einfach nicht so gut. Feine Sahne Fisch Filet können das, haben da einen sehr direkten Bezug und sind zu Recht eine der derzeit wichtigsten Bands. Bei mir aber kommt Politisches immer komisch rüber, so liedermachermäßig.

Woran liegt das?

Vielleicht daran, dass ich Popmusik so sehr liebe. Ich und alle anderen in der Band haben eine klare politische Haltung, mögen auch grundsätzlich so eine Aufbruchstimmung. Aber textlich fühle ich mich in einem persönlichen Bereich eben wohler.

Wo fing dieser Bereich für „Lichtjahre“ an, wo hörte er auf ?

Er begann mit einer persönlichen Krise. Inwiefern? Bei mir kamen zum ersten Mal in meinem Leben Angststörungen und Panikattacken auf. Das war noch in der Zeit vom „Kompass“-Album (erschienen 2015). Ich weiß auch nicht, ob das alles einherging mit einer allgemeinen Erschöpfung – es war schließlich schon unser sechstes Album.

Wie haben sich Angst und Panik geäußert?

Ich hatte das Gefühl, nicht auf die Bühne gehen zu können. Es hat mich total überfordert, Konzerte zu spielen.

“Wir haben alle Zelte abgebrochen”

Und wie hast du und wie habt ihr als Band darauf reagiert?

Wir haben erst mal alle Zelte abgebrochen und einige Monate gefühlt gar nichts gemacht. Das ging soweit, dass ich im Bett lag und nicht mehr aufstehen konnte. Furchtbar. Irgendwann habe ich aber wieder Kontaktgesucht, vor allem zu anderen Musikern, und ich habe gemerkt, dass es ungefähr jedem zweiten schon so ging wie mir. Ich war also kein Außerirdischer, sondern hatte ein Problem, was in der Gesellschaft total angekommen war und ist. Ich habe mir dann sehr viele hilfreiche Tipps geholt.

Was waren das für Tipps?

Unter anderem wurde mir zum Sport machen geraten, also zu Bewegung allgemein. Fiel mir nicht immer leicht, aberes half. Außerdem bin ich mit meiner Freundin in den Urlaub gefahren, was mir gut tat – auch wenn ich plötzlich sogar Angst vorm Fliegen hatte. Und der Tipp, der am meisten geholfen hat und gleichzeitig am unangenehmsten in der Umsetzung war, war der, dass man in Phasen, in denen man viel zu tun hat, vielleicht nicht jeden Abend Bier trinken, sondern rausgehen und Sachen machen sollte, also Dinge anpacken sollte. Dazu zählte auch der Bühnengang. Und jedes Mal, wenn ich mit mir zu kämpfen hatte, raus und auf die Bühne zu gehen und es doch gemacht habe, es also geschafft habe, kam so ein Gefühl auf, gewonnen zu haben – gegen mich selbst.

Sicher auch nicht leicht, sich in den schwierigeren Phasen zu beruhigen und darauf zu vertrauen, dass schon alles gut werden wird. Wie ist dir das gelungen?

In solchen Situationen habe ich mich an eine Zeit erinnert, in der man noch keine Karriere und Termine hatte und alles cool war. Da hat man das Leben ja auch einfach genießen können. Dieser Gedanke war ein gutes Back-up für mich, wenn die Angst wieder aufkam.

Und heute? Wie ist dein Bühnengefühl?

Ich habe meine Probleme in den Griff gekriegt. Sie sind zwar textlich noch sehr präsent auf der neuen Platte, aber das ändert nichts daran, dass mir und allen anderen von Madsen die Konzerte wieder richtig Spaß machen.

Interview: Erik Brandt-Höge
Beitragsfoto: Dennis Dirksen

22.-24.6.18, Hurricane, Scheeßel


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 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!