Beiträge

Ein Jahr Corona: Katharina Fegebank im Interview

Ein Jahr Corona gleich ein Jahr Ausnahmezustand im Senat. Katharina Fegebank, Hamburgs Zweite Bürgermeisterin, spricht über politische Maßnahmen, Erfolge und womöglich verpasste Chancen

Interview: Hedda Bültmann & Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Katharina Fegebank, es ist ein trauriger Geburtstag: Corona wird ein Jahr alt. Erinnern Sie sich an den genauen Zeitpunkt, wann Sie aufgrund des Virus zum ersten Mal die politischen Alarmglocken haben läuten hören?

Katharina Fegebank: Der Tag, an dem wir Corona im politischen Raum in Hamburg zum ersten Mal so richtig gespürt haben, war als der erste positive Fall am UKE Ende Februar 2020 bekannt wurde. In den Tagen danach wurde mir bewusst, dass sich unsere Politik, wie wir sie bis dahin schwerpunktmäßig gemacht haben, dramatisch verändern würde. Am 13. März 2020 haben wir dann auf einer Sondersenatssitzung beschlossen, Kitas, Schulen und Geschäfte zu schließen.

Wer waren zu diesem Zeitpunkt Ihre wichtigsten Ansprechpartner?

Alle im Senat. Dort haben wir zusammen die Dinge sehr offen miteinander erörtert. Für uns war es eine noch nie dagewesene Situation. Wir wussten noch so wenig über das Virus.

In den Monaten März, April und Mai hatte man auch noch ganz andere Annahmen zur Übertragbarkeit als jetzt. Es ging darum, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Die schweren ökonomischen Verwerfungen, die dramatischen Auswirkungen auf die Haushaltslage, auch die Frage, wie sich das alles auf Familien, Kinder und Jugendliche auswirkt, haben wir dabei stets mit einbezogen.

Wir haben uns Rat von den hiesigen Wissenschaftlern gesucht, zum Beispiel am UKE, wo es eine ausgezeichnete Expertise gibt. Und wir haben uns mit Psychologen, Sozialwissenschaftlern und Ökonomen ausgetauscht. Darüber hinaus gab es den Austausch im Bund-Länder-Kontext.

 

Mehr Entschlossenheit

 

Würden Sie aus heutiger Sicht die seit Pandemiebeginn beschlossenen Maßnahmen als vollends sinnvoll beschreiben?

Aus heutiger Sicht kann man immer sagen, dass wir entschiedener und beherzter hätten agieren müssen. Zum Beispiel, was den Lockdown light im Herbst 2020 angeht. Ich glaube, mehr Entschlossenheit und strengere Maßnahmen hätten die Infektionen schneller sinken lassen und uns möglicherweise die Ermüdungserscheinungen und den Frust ersparen können. Aber, zu dem Zeitpunkt hielten wir die Strategie für richtig.

Was waren denn in Ihren Augen die größten Erfolge des Senats?

Wir sind immer sehr konsequent mit den Beschlüssen der Ministerpräsidentenkonferenz umgegangen und haben für Hamburg keine großen Ausnahme-Tatbestände definiert. Das hat zu einer stringenten Argumentation beigetragen.

Außerdem ist es uns aufgrund des Maßnahmen-Mix im Frühjahr gelungen, relativ schnell wieder niedrige Zahlen zu haben – was allerdings die negative Begleiterscheinung hatte, dass sich viele in Sicherheit wähnten. Im Spätsommer, Herbst und Winter letzten Jahres gab es aus meiner Beobachtung heraus eine gewisse Sorglosigkeit, die zu rapide ansteigenden Zahlen ihren Beitrag geleistet hat.

 

 

Schien Ihnen in den Sommermonaten eine krasse zweite Welle, wie es sie ab Herbst gab, realistisch?

Nach den schnellen Erfolgen des ersten Lockdowns hatten wir im Sommer zunächst alles relativ gut im Griff. Im Hinterkopf waren die Hinweise aus der Wissenschaft, aus dem Erleben und den Zahlen heraus hat sich die zweite Welle aber zunächst nicht angedeutet. Unterm Strich sehen wir jetzt, wie schnell das Virus sich wieder ausbreiten kann, wenn man zu schnell lockert.

Der Frust und die Erschöpfung waren in dieser zweiten Welle größer als in der ersten Welle. Nicht nur, weil es sich durch den Lockdown light so lange hingezogen hat, sondern auch, weil viele Menschen sich gefragt haben, warum wir weiterhin im Lockdown sind, obwohl die Zahlen bundesweit zunächst zurückgegangen sind. Die Antwort ist: Die Mutation hat sich rasend schnell ausgebreitet und ist deutlich ansteckender.

 

Schulen und Kitas

 

Mit dem zweiten Lockdown wurde im Dezember die Präsenzpflicht an den Schulen aufgehoben. War es zu dem Zeitpunkt richtig, den Eltern die Entscheidung, ob sie ihr Kind in die Schule schicken, zu überlassen?

Die Alternative wäre gewesen, die Schulen und Kitas komplett dicht zu machen. Und das hätte ich als sehr problematisch empfunden. Zum einen können nicht alle Eltern ihre Kinder selber betreuen, zum anderen sind nicht in allen Familien die gleichen Voraussetzungen da, um von zu Hause aus zu lernen.

Es gibt familiäre Situationen, in denen es für Kinder sehr schwierig ist, zu Hause zu sein, aufgrund von fehlender digitaler Ausstattung, räumlichen Engpässen oder aufgrund einer schwierigen Familienkonstellation. Diesen Kindern müssen wir die Möglichkeit geben, in die Schule zu kommen, wo sie sich besser entwickeln können. In den Kitas bieten wir eine Notbetreuung an und ich halte das für richtig. Ich kenne das aus der eigenen Situation und es ist wahnsinnig schwer beziehungsweise fast unmöglich – gerade mit kleinen Kindern – Homeoffice zu machen und sich parallel um die Kinder zu kümmern.

Also liegt der Fokus vermehrt auf den Kindern und Familien?

Das ist ja im ersten Lockdown ein Vorwurf gewesen, dass wir uns viel zu wenig mit Familiensituationen und -sorgen auseinandergesetzt haben. Wir haben in der Folge versucht, immer wieder im Sinne der Kinder und Jugendlichen und der Familien den richtigen Weg zu finden.

Das ist die eine Seite. Auf der anderen fühlen sich Lehrer überhört, weil im Januar noch 20 Prozent der Hamburger Schüler in die Schule gegangen sind und die Notbetreuung nicht entsprechend aufgestellt sei. Wie sehen Sie die Situation?

Das muss man differenzierter betrachten, bei den Kitas sind es 25 bis 30 Prozent der Eltern, die die Notbetreuung in Anspruch nehmen. Bei den Grundschulen sind es aktuell 20 und bei den weiterführenden Schulen zwischen zwei und acht Prozent. Die Stadt hat viel für die Sicherheit der Lehrer getan. FFP2-Masken ausgegeben, kostenlose Tests ermöglicht.

Aber ja, natürlich gibt es hier unterschiedliche Sichtweisen. Es gibt Eltern, die fordern, dass die Schulen komplett geschlossen werden, andere wiederum verstehen überhaupt nicht, dass kein Regelbetrieb stattfindet. Dann gibt es Lehrer, die es unverantwortlich finden, dass Kinder zu Hause beschult werden, weil sie in ihrer Entwicklung zurückfallen. All das ist eine komplizierte Gemengelage.

Wir haben eine klare Linie, die die verschiedenen Interessen berücksichtigt und nicht nur für eine Seite Partei ergreift. Der erste Lockdown hat gezeigt, dass Kinder und Jugendliche stärker im Fokus stehen müssen und daran orientieren wir uns.

 

 

Homeoffice muss vom Arbeitgeber ermöglicht werden, aber es ist nach wie vor keine Pflicht. Die Dringlichkeit und die Verordnung sind erst mit dem zweiten Lockdown gekommen. Wieso erst dann und warum nicht restriktiver?

Im ersten Lockdown hatten wir eine hohe Homeoffice-Quote. Viele Unternehmen haben sehr vorbildlich gehandelt und haben von einem Tag auf den anderen auf Homeoffice oder mobiles Arbeiten umgestellt. Viele Arbeitgeber haben das im zweiten Lockdown nicht mehr so konsequent umgesetzt. Das war auch an der zunächst hohen Auslastung des ÖPNV ablesbar.

Es gibt jetzt die Verpflichtung der Arbeitgeber, Homeoffice anzubieten, aber nicht die Verpflichtung der Arbeitnehmer, dass in Anspruch nehmen zu müssen. Denn besondere familiäre, private oder berufliche Umstände können dazu führen, dass man den Tag doch im Büro verbringen muss. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, wenn ich meine beiden zweijährigen Kinder zu Hause habe, fällt es mir schwer, solche Interviews wie dieses zu führen oder Sitzungen zu leiten.

Nicht jeder hat ein Zuhause. Wie obdachlose Menschen im Winter und gerade in der Pandemiezeit geschützt werden können, ist ein Thema, das die Stadt sehr umtreibt. In diesem Zuge wird auch das Winternotprogramm kritisiert. Es heißt unter anderem, dass zu viele Menschen in einem Raum untergebracht werden.

Wir haben keine vollständige Auslastung des Winternotprogramms. Und es gibt Hygiene- und Schutzkonzepte, die das Ansteckungsrisiko minimieren sollen. Außerdem gibt es das Angebot, dass Obdachlose mit schweren physischen oder psychischen Erkrankungen in einem Einzelzimmer untergebracht werden können.

Zudem findet ein enger Austausch statt, mit Trägern in der Obdachlosenhilfe und mit Ehrenamtlichen, die sich, Gott sei Dank, in diesem Bereich sehr stark machen. Obdachlosigkeit in unserer Stadt ist durchaus ein zentrales Thema, das uns politisch sehr bewegt. Wir haben gute Unterbringung, Beratung und Betreuung im Rahmen des Winternotprogramms. Ich habe viele Jahre ehrenamtlich den Mitternachtsbus begleitet. Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass viele Menschen das Thema Obdachlosigkeit in den Wintermonaten und der Pandemiesituation sehr beschäftigt hat und sie das Problem der Politik immer wieder gespiegelt haben.

Apropos Winter: Wie haben Sie Weihnachten gefeiert?

Im familiären Kreis. Sehr viel kleiner als sonst, aber gemütlich und so normal, wie es möglich war.

Während der Feiertage hat Sie sicher auch das große Thema Impfen beschäftigt. Am 11. Januar twitterten Sie dann: „Beim Thema Impfen sind wir uns in Senat und Bürgerschaft (fast) einig.“ Mit wem waren Sie sich am wenigsten einig?

Mit „fast“ meinte ich die AfD, die sich zu dem Thema ja entweder nicht geäußert oder sich gegen Impfungen ausgesprochen hat.

 

„Ich halte das Impfen für einen sozialen Vertrag“

 

Und auf einer Skala von 0 bis 10: Wie sehr sind Sie aktuell mit den Impf-Vorbereitungen, -Bürger-Services, -Stoff-Lieferungen und -Durchführungen zufrieden?

Ich möchte hier vorwegschicken, dass es eine wissenschaftliche Höchst- und Meisterleistung ist, innerhalb eines Jahres mehrere sichere und wirksame Impfstoffe zu entwickeln. Man kann gar nicht oft genug sagen, dass das einfach sensationell ist. Und natürlich haben wir uns alle gewünscht, dass wir schneller an mehr Impfstoff kommen und die zugesagten Impfstofflieferungen auch tatsächlich so erfolgt wären, wie geplant.

In der Organisation haben wir uns schließlich darauf verlassen und zum Beispiel sehr früh damit angefangen, unser Impfzentrum aufzubauen. Wir sind bereit, täglich bis zu 7.500 Impfungen durchzuführen. Und die Lieferungen des AstraZeneca Impfstoffs werden jetzt in den kommenden Wochen kontinuierlich erhöht, sodass die Anzahl der Impfungen im Zentrum stetig steigen.

Eine wirklich gute Nachricht ist, dass wir allen Bewohnern von Pflegeheimen, die über 80 Jahre alt sind, ein Impfangebot machen konnten. Die mobilen Teams sind jetzt in den Residenzen und Wohnanlagen unterwegs. Also, wenn Sie mich nach der Skala fragen, würde ich differenzieren. Dass es so schnell Impfstoffe gibt: eine glatte 10. Terminvergabe: da müssen wir deutlich besser werden.

Ihre Message an alle, die eine Impf-Möglichkeit nicht wahrnehmen möchten?

Die Zahl der Hardcore-Impfgegner ist sehr klein. Darüber hinaus gibt es Menschen, die sich um die Nebenwirkungen einer solchen Impfung sorgen. Und grundsätzlich sehe ich, dass die Impfbereitschaft der Bürger größer wird, weil alle sehen, dass die Impfung der Weg aus der Pandemie ist.

Ich bin gegen eine Impfpflicht, aber ich halte das Impfen für einen sozialen Vertrag, den wir miteinander abschließen: Wer sich impfen lässt, schützt sich und andere. Impfen ist ein Akt der Sicherheit und Solidarität. Wenn dieser Gedanke in der Gesellschaft reift, bin ich optimistisch, dass wir die Schwelle zur Herdenimmunität überschreiten werden – wenn denn ausreichend Impfstoff da ist.

 

„Wir sagen ungern, dass wir Dinge nicht wissen“

 

Mit dieser Hoffnung und den Erfahrungswerten aus dem vergangenen Jahr, können Sie trotz der Mutationen einen kleinen Ausblick geben, wie der Sommer werden wird?

Ich hoffe, der Sommer wird schöner (lacht). Nicht nur wettermäßig, sondern auch mit deutlich mehr Möglichkeiten. Es hat ja noch nie eine Zeit gegeben, in der wir alle in Hamburg und auch weltweit – mit extremen Einschränkungen, auch Grundrechtseinschränkungen, über einen sehr langen Zeitraum leben mussten. Es ist beeindruckend, dass es trotzdem klappt, zusammenzuhalten.

Aber wir spüren bei uns selbst, in unserem Umfeld und auch in den Umfragen zur Akzeptanz der Maßnahmen eine gewisse Unruhe und Genervtheit, Angst um die eigene Existenz. Dennoch ist aktuell nicht die Zeit, über Lockerungen zu sprechen, sondern wir müssen in den nächsten drei, vier Wochen noch mal all unsere Kräfte bündeln, um die Anzahl der Menschen in den Intensivstationen zu verringern, den R-Wert und den Inzidenzwert so zu drücken, dass wir die Pandemie gut im Griff haben.

Wir wissen von Tag zu Tag mehr über die Mutante, und die fortschreitenden Impfungen bringen Entspannung, sodass sich hoffentlich die Situation im Spätsommer wieder ein bisschen wie Normalität anfühlt. Aber auch, wenn es Lockerungen gibt und man das Gefühl hat, es geht schon wieder alles, werden uns Maßnahmen wie das Abstandhalten noch länger, wenn nicht bis Ende des Jahres, begleiten.

Vielen macht vor allem zu schaffen, dass sie nicht wissen, wie lange sie noch durchhalten müssen.

Das ist auch für uns in der Politik ein Problem. Wir sagen ungern, dass wir Dinge nicht wissen. Aber hier ist es die ehrlichste Antwort. Und falsche Erwartungen zu schüren und Hoffnun- gen, die nicht erfüllt werden können, frustriert die Leute noch mehr.

Jetzt ist nicht der Zeitpunkt für Lockerungen und wir werden noch sehr lange mit Corona leben müssen. Deshalb ist es wichtig, dass wir gemeinsam die Perspektiven debattieren. Für uns ist klar: Wir brauchen eine gute Schnellteststrategie für Hamburg und müssen noch mehr positive Proben auf Mutationen untersuchen. Und uns in Deutschland verabreden, wie wir mit ähnlichen Maßnahmen die nächsten Monate gestalten, bis die Pandemie endgültig im Griff ist.


SZENE-März-2021 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Februar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Karsten Schölermann: „Konzerte können immer stattfinden“

Das Forum Veranstaltungswirtschaft will Konzerte auch während Corona möglich machen. Sechs Risikostufen sollen dabei helfen. Kurze Nachfrage bei Mit-Initiator Karsten Schölermann, Geschäftsführer des Knust

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Karsten, sechs Risikostufen sieht das „Manifest Restart“ vor, die abhängig vom Inzidenzwert bestehen. Bedeutet das: Jedes Konzert könnte stattfinden?

Karsten Schölermann: Richtig. Konzerte können immer stattfinden. Wir können sie mit Schnelltests ganz normal ausverkauft mit Publikum durchführen oder ganz und gar ohne Publikum als Stream. Dazwischen haben wir auch Lösungsvorschläge. Es geht um die richtigen Einschränkungen zur richtigen Zeit.

Im „Manifest Restart“ findet man auf die jeweilige Situation angemessene Einschränkungen. Wer viele Maßnahmen ergreift oder vorhält, darf auch mehr machen. Kurz: Förderung von Maßnahmen, statt Förderung von Stillstand. Und: Testen, testen, testen. Deutschland liegt weltweit nur im Mittelfeld bezüglich der Anzahl von Tests. Auch hier können wir mit einem sogenannten „Test & Rock“, also Schnelltests vor dem Konzertbesuch, helfen.

Welches Feedback bekommt ihr derzeit von Seiten des Senats für „Manifest Restart“?

Wir als LiveKomm (Bundes-Clubverband; Anm. d. Red.) haben das Konzept unseren Landesverbänden gegeben – und setzen nun darauf, dass diese es in ihren Bundesländern in die politische Debatte einspeisen. Hier in Hamburg gelingt das mit dem Clubkombinat Hamburg ganz gut.

 

Teil der Lösung

 

Mit den Senatoren Carsten Brosda und Andreas Dressel haben wir Empathie-begabte und gleichwohl schlaue Ansprechpartner. Ich habe den Eindruck, dass unsere Vorschläge es mühsam, aber stetig in die regionalen Verwaltungen schaffen werden.

Wir sind nicht das Problem – wir sind Teil der Lösung. Das haben wir schon letzten Sommer bewiesen, als wir in der ganzen Stadt Corona-gerechte Sitzkonzerte unter anderem auf dem Knust Lattenplatz veranstaltet haben. Es gab keine einzige nachgewiesene Infektion. Und das ist das Maß, um das es am Ende geht. Wir sind kein Treiber der Pandemie. Wir müssen die Gesellschaft wieder zurück ins Licht bekommen.


SZENE-März-2021 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Februar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Corona-Hilferuf: 600 Gastronomen geben den Löffel ab

Auf der Kundgebung am Rathausmarkt haben Gastronomen ihrer Forderung nach mehr finanzieller Unterstützung und einem Rettungsschirm für von Kurzarbeit betroffenen Arbeitnehmern Nachdruck verliehen

Text: Isabel Rauhut

 

Angesichts der sich abzeichnenden Verlängerung und möglicher Verschärfung der Lockdown-Maßnahmen, werden Hilfen für Gastronomie-Beschäftigte immer dringlicher. „Die Maßnahmen müssen sozial abgefedert werden, damit die Menschen, die jetzt die finanziellen Einbußen zu tragen haben, nicht im Zuge der Corona-Pandemie in Armut und Verelendung abdriften“, sagte Silke Kettner, Geschäftsführerin der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten Hamburg-Elmshorn (NGG) auf der Kundgebung am Rathausmarkt.

Unter dem Motto „Wir müssen unseren Löffel abgeben“ versammelten sich knapp 30 Köche und Kellner sowie Hotelangestellte auf dem Rathausmarkt, um symbolisch 600 Löffel abzugeben und vor Bürgermeister Peter Tschentschers Tür zu legen.

 

40 Prozent Einkommensverlust

 

Die gut 55.000 Beschäftigten der Hamburger Gastronomie hätten knapp 40 Prozent Einkommensverlust seit März gehabt, erklärte Kettner. Die Gewerkschaft fordert daher die Aufstockung des Kurzarbeitergeldes auf 100 Prozent. Zudem soll es Maßnahmen gegen Überschuldung geben, ein Schutz des Wohnraums und Ausbildungen in den gastronomischen Betrieben sichergestellt werden. Die Pandemie-Situation mache die Branche unattraktiv und so wachse der Fachkräftemangel weiter, sagte Silke Kettner.

Zwei Kisten mit den insgesamt knapp 600 Löffeln und viel Hoffnung auf Besserung wurden zum Abschluss der Kundgebung ins Rathaus getragen.


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Hamburg lockert Corona-Beschränkungen

Hamburg öffnet sich stückweise. Ab Mittwoch, den 13. Mai 2020 werden einige der bisherigen Corona-Beschränkungen gelockert. Das gab der Hamburger Senat im Rahmen einer Pressekonferenz am 12. Mai 2020 bekannt. Hier sind die Neuerungen im Überblick:

 

  • Restaurants und Cafés können wieder öffnen. Voraussetzung ist, dass in den Gaststätten ein Mindestabstand von 1,50 Metern zwischen den Tischen eingehalten wird. Außerdem müssen sich Gäste beim Restaurantbesuch mit ihren Kontaktdaten registrieren.
  • Mitglieder zweier Haushalte (zum Beispiel zwei Familien) dürfen sich wieder gegenseitig besuchen und auch z.B. zusammen ein Restaurant besuchen oder sich an öffentlichen Plätzen aufhalten. Die Obergrenze von zehn Personen sollte dabei nicht überschritten werden.
  • Auch Hotels können wieder öffnen: 60 Prozent der Zimmer dürfen wieder an Gäste vermietet werden. Schwimmbad und Sauna bleiben aber vorerst geschlossen.
  • Besuche in Pflegeeinrichtungen sind ab dem 18. Mai wieder gestattet. Pro Woche dürfen Bewohner eine Stunde lang Besuch von einer anderen Person bekommen. Der Besuch sollte – wenn möglich – im Freien stattfinden.
  • Kosmetik und Nagelstudios können wieder öffnen. Kunden müssen beim Besuch einen Mund-Nasen-Schutz tragen und müssen sich wie auch beim Restaurantbesuch registrieren.
  • Ab dem 25. Mai 2020 ist zudem geplant, dass Schüler aller Klassen für einen Tag pro Woche wieder an Präsenzunterricht teilnehmen. Daneben soll weiterhin der digitale Unterricht stattfinden. Bis zu den Sommerferien soll es keinen Vollunterricht geben.

 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Hamburger Menetekel – Zukunft aus der Spraydose

Schüler von sieben Schulen haben die Graffitis ihrer Stadtteile analysiert – und daraus mit dem Projekt „Hamburger Menetekel“ unheilvolle Prognosen für die Zukunft formuliert.

Text: Sophia Herzog
Foto (o.): Jérome Gerull

Sie sind überall: Auf Hauswänden und Brückenpfeilern, Stromkästen, S-Bahnen und Mülltonnen – Graffitis. Für die einen sind sie die Schandflecken Hamburgs, für die anderen Kunst. Insgesamt 2.401 Graffitis wurden zwischen Januar und September 2018 offiziell erfasst, Spitzenreiter sind die Bezirke Altona und Mitte mit jeweils über 500. Das geht aus einer „kleinen Anfrage“ des CSU-Politikers Michael Westenberger an den Senat von Mitte Januar dieses Jahres hervor. Stadt, Unternehmen und Privatleute lassen die Farbe für ein Vermögen von den Wänden schrubben – nur um bald das nachfolgende Kunstwerk entfernen zu müssen.

Dabei gab es Graffitis schon lange vor der Erfindung der Spraydose: In den Ruinen von Pompeji wurden an die 10.000 Wandzeichnungen freigelegt, die vor über 2.000 Jahren in den Stein geritzt wurden. Beliebteste Themen: Sex und Gladiatorenkämpfe. Fundorte von prähistorischen Wandmalereien wie in den Lascaux oder Chauvet-Höhlen in Frankreich zählen zu den bedeutendsten archäologischen Fundorten der Welt. Sind die heutigen Graffitis also die Wandmalereien unserer Zeit?

Christian Tschirner findet: Ja. Der Dramaturg vom Deutschen Schauspielhaus arbeitet seit letztem Herbst mit seinen Kollegen am Projekt „Hamburger Mentekel“, einer Kooperation des Theaters mit der Künstlergruppe Graffitimuseum. Zusammen mit Schülergruppen aus den sieben Hamburger Bezirken hat er Graffitis in Hamburg dokumentiert, gesammelt, analysiert und für alle Bezirke eine Zukunftsprognose aufgestellt. Die Ergebnisse der Arbeit präsentieren Schüler und Schauspielhaus an drei Kongresstagen im Mai.

 

Hamburger-Menetekel-c-Sinje-Hasheider

Auf einer Pressekonferenz stellen die Schüler ihre Prognosen vor. Foto: Sinje Hasheider

 

„Die meisten Graffitis bestehen aus Buchstaben, Kürzeln, Akronymen und Namen“, erklärt Tschirner. „Also aus Sprachspielereien.“ Die Lesart als „Menetekel“ liege auf der Hand, „nach der berühmten Bibel-Geschichte“, so Tschirner. Im Buch Daniel des Alten Testaments erscheint Belsazar, dem babylonischen Prinzen, eine Geisterhand, die den Schriftzug „Mene mene tekel u-parsin“ an die Wand zeichnet. Keiner von Belsazars Gelehrten kann die Schrift entziffern, nur der Weise Daniel schafft es schließlich, das Omen zu deuten – und prophezeit Belsazar seinen nahen Tod und den Untergang seines zReiches.

In der biblischen Überlieferung wird er noch in der gleichen Nacht ermordet, und das babylonische Königreich zwischen Persern und Medern geteilt. Der mysteriöse Schriftzug ist auch heute noch in unserem Sprachgebrauch verankert: Als „Menetekel“ werden unheilvolle Omen und Zukunftsprognosen bezeichnet. Im 21. Jahrhundert malen zwar keine Geisterhände Schriftzüge an die Wände, dafür aber Graffitikünstler. Für Tschirner und das Team der „Hamburger Menetekel“ ist die naheliegende Frage also: „Was ist, wenn die Graffitis an unseren Wänden Mentekel sind, und wenn man aus diesen Graffitis etwas über unsere Zukunft ablesen könnte?“

 

Keine rosige Zukunft – laut Graffitis

 

Rosig sieht die Zukunft nicht aus, die die Schüler und Schülerinnen für die Bezirke daraus vorhersagen. Auf den Wänden Altonas tauchen immer wieder die Worte „Ehek“, „Labor“, „Raus“ oder „Lüge“ auf. Das Fazit: Hier wird vor der drohenden Antibiotikaresistenz gewarnt. Aus „Chaos“ und „TEK DGR“ auf einer Wandsbeker Backsteinmauer wird „TechniK ist omnipräsent, DiGitale Realität“ – eine Zukunft, in der die Welt von Maschinen beherrscht wird? In Harburg ist der Klimawandel ein präsentes Thema, Hamburg-Nord beschäftigt die Rückkehr des Nationalismus.

„Die Schüler haben auch positive Zeichen gefunden, aber die standen immer in Verbindung mit einer Krise“, berichtet Tschirner. Das hätte aber auch an der Herangehensweise des Projekts gelegen. In Projektwochen haben sich die Schüler mit der biblischen Geschichte Belsazars und dem Untergang des babylonischen Reichs beschäftigt, und die Graffitis stark unter diesem Aspekt gelesen. „Das ist aber auch das Wesen des Menetekels“, führt Tschirner fort. „Sie werfen zunächst kein zu optimistisches Licht auf die Dinge.“

 

Hamburger-Menetekel-c-Hamburger-Menetekel

Graffiti in Altona: Kunst oder Sachbeschädigung? Foto: Hamburger Menetekel

 

Weltuntergangsstimmung, nur wegen ein paar bunten Graffitis? Tschirner zieht den Forscher Stephan M. Maul heran, der sich mit der Zeichendeutung im Orient beschäftigt hat. Damals wurden die Entscheidungen eines Herrschers durch die Deutung mit Tiereingeweiden abgesegnet. „Da stellt sich die Frage, warum ein System, das auf einer so obskuren Technik beruht, 8.000 Jahre stabil bleiben konnte?“, so Tschirner. „Wir können uns sehr viel wissenschaftlicheren Methoden bedienen, haben aber Probleme überhaupt die nächsten hundert Jahre zu überstehen.“

Beim Thema Klima oder der Antibiotikaresistenz stünden die Prognosen der Wissenschaft schon lange im Raum, ohne, dass die Gesellschaft adäquat darauf reagieren würde. Hier zieht Tschirner wieder Parallelen zwischen der biblischen Überlieferung von Belsazar und der Gegenwart. Denn der babylonische Prinz wusste, was die Zeichen bedeuten, ignorierte die Warnung trotzdem. Tschirner will die Deutung der Graffiti dabei aber keinesfalls wissenschaftlichen Forschungen gleich setzen. „Natürlich gibt es grundlegende Unterschiede, insbesondere zur Naturwissenschaft“, betont er. „Aber auch Naturwissenschaften sind nicht in der Lage, die Zukunft vorherzusagen.“

Sie könnten nur bestimmte Zusammenhänge darstellen, etwa zwischen CO2-Gehalt und Klimaerwärmung. „Wie wir, als Gesellschaft mit diesem Wissen umgehen, und wie wir unsere Zukunft gestalten, ist eine andere Frage.“

Ebendies soll auch zentrales Thema beim Kongress im Mai sein – hier wollen die Schüler nicht nur unheilvolle Zukunftsprognosen verkünden, sondern auch Lösungen entwickeln. In sieben Panels werden die Vorhersagen der jeweiligen Bezirke von den Schülern vorgestellt und anschließend mit Experten und Wissenschaftlern diskutiert. „Zu jeder Krise wollen wir dann gerne drei Handlungsoptionen für Hamburg formulieren“, so Tschirner.

 

„Hört auf die Zeichen!“

 

Bei einer anschließenden Abschlussgala werden die Ergebnisse zur „Zukunftsoper“: Ein Sprechchor der teilnehmenden Schüler verknüpft die verschiedenen Aspekte des Kongresses mit einer Neukomposition von Händels „Belshazzar“, aufgeführt von den Jungen Symphonikern. Die „Hamburger Menetekel“ wirken auf den ersten Blick zwar wie Kaffeesatzleserei, dahinter verbirgt sich aber eine viel eindringlichere Nachricht. „Hört auf die Zeichen!“ rufen nicht nur die Schüler aus Hamburg, sondern aus der ganzen Welt – ganz aktuell bei den „Fridays for Future“- Protesten gegen den Klimawandel.

Und was bedeutet das alles für die Graffitis an Hamburger Hauswänden? In einem offenen Brief fordert die Gruppe der „Hamburger Mentekel“ das Ende der Graffiti-Zerstörung. Denn in ihnen sieht die Gruppe die moderne Form der uralten Schätze, die weltweit an Höhlendecken und -wände gemalt wurden. „Graffiti stehen damit in einer 30.000 Jahre alten Tradition, den Zeitgeist auf Stein festzuhalten und Botschaft sowohl für die Gegenwart als auch für die Zukunft zu sein“, schreibt das Kollektiv.

„Für uns sind die Graffitis Offenbarungen“, fügt Tschirner hinzu. „Die Ängste und Hoffnungen, die wir in uns tragen, werden bei der Deutung des Graffitis gespiegelt.“ Gerade deshalb hätten die Wandmalereien einen Wert, „weil wir dadurch wichtige Erkenntnisse aus ihnen ziehen können“. Dass Graffitis nicht nur Kunst, sondern oft Sachbeschädigung sind, ist für Tschirner eine Werteabwägung: „Ist Privatbesitz wichtiger als unsere Zukunft?“

www.hamburgermenetekel.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2019. Das Magazin ist seit dem 28. März 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?