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Neuanfang: Alles auf Hamburg

Ein Umzug ist auch immer ein Neuanfang – verbunden mit Träumen, aber auch Ängsten. Vier Wahlhamburger erzählen

Protokolle: Erik Brandt-Höge

 

 

Martin – Unabhängigkeit auf vier Rädern

 

Immer unabhängig und in Hamburg angekommen: Martin (Foto: Erik Brandt-Höge)

Immer unabhängig und in Hamburg angekommen: Martin (Foto: Erik Brandt-Höge)

Berlin und Leipzig waren meine bisherigen Stationen. In Leipzig habe ich meinen Master gemacht, dann ging es nach Hamburg. Hier habe ich einen Job in der Mobilitäts- branche angenommen. Seit Mai 2019 bin ich in der Stadt. Dass ich meine ganzen Sachen immer auf vier Rädern in meinem Bulli zur Verfügung habe, macht mich einerseits sehr unabhängig und hat zudem den Vorteil, dass ich mich schnell zur Nord- oder Ostsee aufmachen kann, um der Sportart nachzugehen, die mir schon lange am Herzen liegt: das Kitesurfen. Ich kite selbst unheimlich gerne, gebe aber auch regelmäßig Unterricht. Meine Lieblings-Spots dafür sind zum Beispiel St. Peter-Ording und Fehmarn.

Was Hamburg und die Hamburger angeht: Ich kannte die Stadt zuvor nur von klassischen Touristenausflügen. Den Hafen, die Speicherstadt – solche Orte. Zu Beginn meiner Hamburg-Zeit merkte ich, dass ich auf GoogleMaps und andere Apps angewiesen war. Nach und nach kannte ich meine Wege immer besser, und nun genieße ich es, mit dem Fahrrad durch die Stadt zu rollen. Und die Leute lerne ich zwar immer noch kennen, muss aber sagen, dass ich alle, die ich bisher getroffen habe, als ziemlich offen für Neu-Hamburger empfunden habe. Ich fühle mich wohl und weiß schon jetzt, dass ich so schnell nicht weg möchte aus Hamburg.

 

Maria – Die Kosmopolitin ist angekommen

 

Neu in Hamburg und in der Welt zu Hause: Maria (Foto: Erik Brandt-Höge)

Neu in Hamburg und in der Welt zu Hause: Maria (Foto: Erik Brandt-Höge)

Eines Tages, das wusste ich schon immer, würde ich in Hamburg leben. Ich bin im Kreis Steinburg geboren, in München aufgewachsen und über Stationen in Ägypten, auf den Kanaren, in Amerika, Ravensburg und zuletzt Berlin dann auch hier gelandet. Das Unternehmen, für das ich arbeite, nämlich Marriott International, hat mir ein tolles Pilotprojekt angeboten: Für das Hamburg Marriott Hotel, das Renaissance Hamburg Hotel und das The Westin Hamburg in der Elbphilharmonie, wo ich auch mein Büro habe, suche ich neue Talente. Ich bin Headhunter, Coach, Mentor, Recruiter, Influencer, Vertriebler und Consultant in einer Person, arbeite vor allem durch Netzwerken. Quasi als Schnittstelle zwischen Talenten und Arbeitgeber. Und ich hoffe sehr, dass ich viele Persönlichkeiten für die Hotellerie begeistern und spannende Karrieren langfristig betreuen kann. Ich selbst bastele mir mein Leben gerade neu zusammen, in einer neuen Stadt, einem neuen Umfeld, einem neuen Job. Und ich freue mich riesig auf Hamburg und die Hamburger, die ich in den ersten Wochen schon als extrem freundlich, ehrlich und auch greifbar erlebt habe.

Hamburger sind vor allem sehr direkt, sagen einem sofort, wenn ihnen etwas gefällt und wenn nicht – was wiederum mir sehr gefällt. Meine bisherigen Hotspots in der Stadt: Ich liebe es, am Abend mit den öffentlichen Fähren die Elbe entlangzufahren oder im Haus 73 den Tag ausklingen zu lassen. Auch ein Spiel im Millerntor-Stadion oder ein Tapas-Abend im Portugiesenviertel haben viel für sich. Und manchmal bleibe ich nach der Arbeit auch einfach noch ein bisschen auf der Plaza und genieße den Ausblick auf das Treiben der Schiffe und den Hafen. Anfänglich habe ich auch im Hotel gewohnt, mittlerweile habe ich eine Personalwohnung außerhalb des Hauses und bin auf der Suche nach einer schönen eigenen Wohnung, bestenfalls typisch hamburgisch mit einer Backsteinziegelwand. Da bin ich ein riesiger Fan von! Mein aktuelles Lieblingsviertel ist Eimsbüttel, wo es noch relativ viele privat geführte Geschäfte gibt, und das wie ein Dorf mitten in der Stadt erscheint. Ach, Hamburg hat einfach so viel zu bieten, so viele Facetten. Es gibt noch unheimlich viel kennenzulernen. Ich war vor meiner Ankunft zudem überzeugt davon, dass man sich aufgrund des Hafens, der Schiffe und des nahe liegenden Meers ein Stück weit freier und weltoffener als anderswo fühlen würde. Und ja: Das hat sich schon bewahrheitet.

 

Hannah und Bilal – Von Kapstadt nach Hamburg

 

Von Süden in den Norden Deutschlands: Hannah und Bilal Neu in der Großstadt Hamburg: Sarah (Foto: Erik Brandt-Höge)

Von Süden in den Norden Deutschlands: Hannah und Bilal Neu in der Großstadt Hamburg: Sarah (Foto: Erik Brandt-Höge)

Bilal: Ich war zehn Jahre alt, als ich von Belgien nach Südafrika zog. Meine Eltern hatten sich getrennt, und meine Mutter, meine Schwester, mein Bruder und ich wollten ein neues Leben beginnen. 17 Jahre ist das jetzt her, die ich in und um Kapstadt verbracht habe.

Hanna: Und ich kam vor acht Jahren nach Kapstadt für ein Praktikum, direkt nach dem Abitur im hessischen Hanau. Für ein Religionsstudium bin ich dann länger geblieben, weil ich mich sehr in die Stadt verliebt habe – und vor rund drei Jahren auch in Bilal.

Als ich meinen Abschluss in Kapstadt hatte, wollte ich zurück nach Deutschland. Die Wirtschaft in Süd- afrika ist in keiner aussichtsreichen Lage für Leute, die nach der Uni in die Zukunft starten wollen. Außerdem sind die Uni-Kosten ziemlich hoch, sodass ich dort einen Master nicht hätte machen wollen. Also zogen Bilal und ich in eine deut- sche Stadt, die für uns total passend erschien: Hamburg. Hier mache ich jetzt mein Masterstudium.

Bilal: Meine Mutter ist Hamburgerin, ich hatte also schon einen kleinen Bezug. Und die Musikszene in Hamburg ist riesig – ganz anders als die von Kapstadt und Südafrika ge- nerell. Also dachte ich: Warum nicht?! Ich probiere es einfach mal. Zuerst mache ich einen Deutschkurs, arbeite nebenher und studiere vielleicht auch noch. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich irgendwann als Musiktherapeut in Hamburg arbeite.

Hanna: Uns hat man vor unserem Umzug gesagt, dass Hamburger sehr reserviert und kühl wären. Auch dass es hier sehr viele Snobs geben würde. Aber: Wir wurden positiv überrascht und sind bisher vor allem in offene Arme gelaufen. Die Menschen waren und sind uns gegenüber sehr aufgeschlossen, herzlich und entspannt. Es läuft wirklich gut.

Bilal: Und mit unserer Wohnung in Lokstedt hatten wir auch sehr viel Glück. Wir haben eine gemütliche Dachgeschosswohnung gefunden und eine tolle Vermieterin. Und: Wir können den Garten hinter dem Haus mitbenutzen, der wunderschön ist, sehr natürlich gehalten – und es gibt ganze acht Apfelbäume. Wir haben schon ordentlich geerntet und werden demnächst unseren eigenen Apfelsaft machen können.

 

Sarah – Eine Großstadt ist gewöhnungsbedürftig

 

Neu in der Großstadt Hamburg: Sarah (Foto: Erik Brandt-Höge)

Neu in der Großstadt Hamburg: Sarah (Foto: Erik Brandt-Höge)

Ursprünglich komme ich aus dem Westerwald, so richtig vom Land. Nach der Schule habe ich in Kiel drei Jahre Öffentlichkeitsarbeit und Unternehmenskommunikation studiert und zog erst letztes Jahr für ein Volontariat bei einem Verlag nach Hamburg. Im Frühjahr 2019 war ich schon für ein Praktikum im selben Haus und war begeistert von der Redaktion, in der ich gelandet bin. Deshalb habe ich das Angebot, mich dort journalistisch weiterzuentwickeln, auch sofort angenommen. Vor dem Praktikum kannte ich Hamburg überhaupt nicht, und ich hätte es ehrlich gesagt auch nie für möglich gehalten, dass ich mal hierherziehen würde. Hamburg, das ist doch viel zu riesig, habe ich als Dorfkind immer gedacht.

Kiel war für mich schon eine absolute Großstadt, und noch größer – das konnte ich mir einfach nicht vorstellen. Vielleicht war es gut, dass ich mit Kiel eine Art Zwischenschritt hatte, um mich an die Größe zu gewöhnen. Jedenfalls: Auch wenn es sehr weitläufig ist und überall viele unterschiedliche Menschen sind, finde ich Hamburg wirklich total schön. Ich mag den Stadtpark genau- so wie die Speicherstadt. Auch die Schanze hat ihren ganz eigenen Charme. Super ist außerdem, dass ich in Hamburg jeden Abend weggehen kann, wenn ich denn möchte. Durch das große kulturelle Angebot habe ich zum Beispiel eine Leidenschaft für Poetry Slams entwickeln können. Anders als in Kiel, so ist zumindest mein Empfinden, gibt es den typischen Hamburger auf jeden Fall nicht. Einerseits ist Hamburg total links und alternativ geprägt. Aber es gibt eben auch die vielen Besserverdienenden und natürlich überall Touristen. Ich habe viel in meiner Wohnung getan, damit ich mich in meinen eigenen vier Wänden wohlfühle.


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John: „Manchmal gucke ich aus dem Fenster und sage mir: Du bist im Paradies“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir John begegnet.

Protokoll & Foto: Kevin Goonewardena

 

„Wenn ich jetzt die Menschen mit einem Lächeln auf der Straße sehe, die sich fast wieder normal bewegen können, dann ist das einfach schön. Jeder von uns war von diesem verdammten Ding betroffen und wenn ich Ding sage, meine ich Corona.

Jede:r hat seine eigene Idee, seine Philosophie entwickelt, wie er oder sie mit dieser verdammten Zeit umgeht. Meine war: Locker sein und abwarten. Ich habe nicht erwartet, dass das früher zu Ende geht, das hat mich beschützt. Anfangs glaubte ich noch, dass Corona schnell wieder vorübergehen würde. Nach drei Monaten habe ich mir gesagt: Mach dir keine Illusionen, das wird jetzt länger dauern, also stell dich darauf ein.

Meine Philosophie ist immer: Was ich entscheiden kann, ist kein Problem. Nur was andere für mich entscheiden – entscheiden können oder müssen – dass kann ein Problem sein. Ist das vermeintliche Problem wirklich ein Problem? Das muss man dann analysieren.

 

„Wir sind das Problem, nicht das Leben“

 

Das Leben ist doch schön. Die Menschen haben Probleme, die Menschen machen Probleme, aber das Leben an sich ist schön. Wir sind das Problem, nicht das Leben. Wenn man sagt, das Leben sei schwer, dann denkt man nur an den Menschen und ignoriert die anderen Lebewesen. Alles was atmet, sogar die Bäume, die gehören dazu. Alles was lebt, ist etwas sehr Einzigartiges.

Als Taxifahrer, ich sag dir, da fahre ich manchmal Leute, denen es sehr gut geht und andere, die haben nichts und sind dann auch noch schwer krank. Ich mache auch viele Krankentransporte. Wenn ich von da Geschichten höre, sage ich mir immer: Hey, du kannst noch laufen, du kannst noch klar denken, wo ist dein Problem?! Es geht dir gut. Ich freue mich immer wie ein Dummkopf über das Leben. Manchmal gucke ich aus dem Fenster und sage mir: Du bist im Paradies.“


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Kraftwerk Bille: Gemeinschaftlich kaufen, sanieren und betreiben 

Ein Gespräch mit Nina Manz und Julia Marie Englert vom HALLO: e.V. über Geschichte, Problematik und Lösungen für das Projekt Kraftwerk Bille

Text & Interview: Kevin Goonewardena
Fotos: Jérome Gerull

 

Mit dem Festival HALLO: Festspiele und dem experimentellen Stadtteilbüro Schaltzentrale hat sich das ehemalige Kohlekraftwerk an der Bille in den letzten Jahren zum wichtigen Kulturstandort im Osten Hammerbrooks entwickelt. Nun soll sich der für die Aufwertung des einst brach liegenden Industriekomplexes maßgeblich verantwortliche HALLO: e.V. den Interessen des neuen Eigentümers beugen. Der will das Areal zu Büros umbauen, die weitere sekundäre kulturelle Nutzung des Geländes müsste als Feigenblatt des Projekts herhalten. Die Künstler:innen sollen auch ihre Programmhoheit und zugesagte Fördermillionen abgeben – die jedoch wollen das Gelände lieber gemeinschaftlich kaufen und ihre gemeinwohlorientierte Arbeit fortsetzen. 

Kraftwerk_Bille_Kultursommer_Foto_Jerome_Gerull

SZENE HAMBURG: Die HALLO: Festspiele – ein mehrtägiges Festival für experimentelle Kunst unterschiedlicher Disziplinen – fand erstmals 2015 statt, der HALLO: e.V. gründete sich kurz zuvor. Worum ging es euch damals?

Nina Manz: Julia und ich waren damals noch gar nicht dabei, wir sind erst 2018 dazu gekommen. Als 2015 dieses Gelände hier vom HALLO: e.V entdeckt wurde, ging es erstmal vorrangig um die Umsetzung der HALLO: Festspiele, mit denen es hier angefangen hat und dem Hintergedanken, verschlossene Räume der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dass die Festspiele eine Vorhut für eine dauerhafte Nutzung sein sollen, war von Anfang an das Ziel. Relativ schnell hat sich dann durch die künstlerische Forschung vor Ort ein Verständnis für den Raum und die Besitzverhältnisse ergeben.

Die da waren?

Nina Manz: Damals gehörte der Komplex der MIB, genauer der MIB Kraftwerk Bille GmbH, einem Privatinvestor, dessen Entwicklungsgesellschaft MIB Colored Fields GmbH beispielsweise auch die Baumwollspinnerei in Leipzig entwickelt. Sie ist spezialisiert darauf, Industrieliegenschaften durch kulturelle Umnutzung wieder zu reaktivieren. 

Die Aufwertung ehemals brachliegender Gebäude durch kulturelle Pioniernutzer:innen gehört zum Geschäftsmodell der MIB. Auf einem so reaktivierten Gelände können mit anderen Nutzungen dann höhere Mieten erzielt werden – oder die Immobilie lässt sich wie in unserem Fall für ein Vielfaches des ursprünglichen Kaufpreises weiter verkaufen.

 Nach der ersten Ausgabe der HALLO: Festspiele seid ihr geblieben. Wie kam es dazu?

Nina Manz: Es gab nach den ersten HALLO: Festspielen 2015 das Bedürfnis nach einem dauerhaften Standort für die kulturellen Aktivitäten, die nicht nur einmal im Jahr zum Festival durchgeführt werden sollten. 

Von Beginn an haben Mitglieder des Vereins Konzepte für dauerhafte Nutzungen für die Hallen des Kraftwerks konzipiert und der Eigentümergesellschaft vorgeschlagen. Daraufhin wurde uns von MIB die Räumlichkeiten der Schaltzentrale zur Nutzung angeboten: Mit einem jährlich kündbaren Mietvertrag von Seiten der MIB, ohne Miete, gegen Zahlung der Nebenkosten und relativer inhaltlicher Freiheit für den Verein.

 

Mangel an Räumen

 

Dass hinter dem Projekt Kraftwerk Bille eine Gmbh steht, habe ich vor Jahren bei einem offenen Treffen erfahren. In diesem Kontext wirkte das befremdlich, aber solange ein gemeinsames Ziel verfolgt wird, sollte eine solche Trägerschaft eigentlich kein Problem darstellen. Es muss ja auch nicht jeder Impuls zur Veränderung von unten kommen…

Julia Marie Englert: Die Entscheidung in einer privat besessenen Immobilie kulturelle Nutzungen zu initiieren, wurde notgedrungen akzeptiert – aus dem auch in Hamburg vorhandenen Mangel an Räumen für nicht-kommerzielle Tätigkeiten. Ebenso die prekären, temporären Konditionen der Nutzung. Darum war es uns auch so wichtig, die Aufwertung, die wir zwangsläufig mit in die Nachbar:innenschaft bringen, dauerhaft für diese zu sichern. 

Mit MIB sah es so aus, als ob dies gemeinsam möglich wäre, bis diese das Kraftwerk ohne unser Wissen verkauften, während wir zeitgleich eine Zusicherung von ihnen bekamen, im Rahmen der Förderung, einen Kraftwerksteil als Gemeingut zu sichern.

 Was ist da passiert?

Julia Marie Englert: Die MIB hatte jahrelang betont, dass Kraftwerk selbst entwickeln zu wollen. Warum es dann doch plötzlich zu einem Verkauf kam, wissen wir nicht. Bis heute bleibt das intransparent. Bisher wissen wir, dass die Anteile an der Gesellschaft Kraftwerk Bille Hamburg GmbH an neue Anteilseigner:innen verkauft wurden. Es wurde also nicht das Gebäude und der Grund verkauft, sondern die GmbH, die diese hält. 

Diese Art von Immobilientransaktionen werden häufig genutzt, um die Grunderwerbssteuer zu sparen. Die neuen Eigentümer:innen sind ein Immobilienunternehmer aus Berlin, sowie Arzt und ein weiterer Investor, die beide aus München kommen.

Und das passierte dann über Nacht?

Nina Manz: Über Nacht beziehungsweise parallel dazu, dass wir zusammen mit MIB und dem Bezirk Mitte eine Förderung für WERK beim Bund für ‘Nationale Projekte des Städtebaus’ beantragt haben. Die Förderzusage kam, als das Kraftwerk bereits neue Eigentümer hatte. 

Bei der Förderung geht es, mit einer Kofinanzierung der Stadt Hamburg, um neun Millionen Euro. Seitdem spitzt sich die Situation zu. Dadurch, dass der aktuelle Eigentümer nun nicht mehr verkaufen möchte, können wir das Geld der Förderung nicht annehmen, weil die Förderung an die gemeinwohlorientierte Eigentums- und Betriebsform unseres Konzeptes geknüpft ist. Unter diesen Umständen kommen wir natürlich unter wahnsinnigen Zugzwang: Wie können diese Bundesgelder A, nicht in die Taschen von profitorientierten Akteuren fließen und B, der Realisierung und Sicherung von bezahlbaren, dauerhaften Räumen für Kunst und Kultur, Produktion, Forschung und soziale Infrastruktur zugute kommen?

Häuser und Boden, in denen ihr arbeitet gehören jetzt also einer Firma, die das Gelände anders entwickeln möchte als der vorherige Eigentümer und ihr und das ohne euch?

Nina Manz: Hier sollen vor allem hochpreisige Büros entstehen. Wie sie an vielen Orten in Hammerbrook leer stehen. Die Gebäude des Areals – bei denen es Statik und Denkmalschutz zulassen – sollen aufgestockt und saniert werden, inklusive Teppichboden. Die Kesselhalle soll eine Art Kunst-Mall werden, so nennt es der Investor. Der neue Geschäftsführer kommt aus der klassischen Projektentwicklung und hat unter anderem Infrastrukturprojekte und Shopping Malls entwickelt. Also was sehr anderes als das Kraftwerk jetzt ist – und wofür es seit Jahren mit den erprobten Nutzungen steht. Es geht hier klar um ein Investment, was möglichst hohe Renditen erwirtschaften soll.

 

„Zeit, fair zu verkaufen“

 

Und wie sehen eure Pläne für die Entwicklung des Geländes aus?

Julia Maria Englert: Unser Konzept sieht vor das Grundstück mit Hilfe der Schweizer Stiftung Edith Maryon zu kaufen. Das ist eine gemeinwohlorientierte Stiftung, die Immobilien dem Markt entzieht und an gemeinnützige Organisationen wie z.B. eine Genossenschaft  verpachtet um deren Projekte zu ermöglichen. Sie ist auch ein Garant dafür, dass das Grundstück nicht weiter verkauft werden kann und zukünftiger Spekulation entzogen wird.  Über unsere  Genossenschaft WERK eG planen  wir dann den eigenständigen Kauf des Gebäudes, welches auf dem Grundstück steht.

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Eurem Konzept zufolge sollen die jetzigen Besitzer:innen das Grundstück der Stiftung und das Gebäude eurer Genossenschaft verkaufen. Nur zu einem geringeren Preis als dieser durch die Vermarktung als Bürostandort durch Mieteinnahmen erzielen könnte.

Julia Maria Englert: Genau. Mit den zugesagten Fördermittel in Höhe von rund neun Millionen Euro von Stadt und Land könnte das Gebäude dann saniert werden, ebenso wird die gemeinschaftliche Entwicklung finanziert – denn wir finden, dass alle mitbestimmen sollen, wie dieser einzigartige Ort zukünftig genutzt wird.

Diese Geldsumme braucht es auch, denn die Bausubstanz wird mit jedem Jahr schlechter. Die Fördermittel sind allerdings an unser Konzept geknüpft – ohne WERK gibt es demnach auch keine Förderung. Wir lassen uns aber nicht für die geplante kulturelle Zwischennutzung einspannen, um den Eigentümer:innen diese Fördermillionen zu ermöglichen.

 Was würde sich ändern?

Julia Maria Englert: Eigentum und Betrieb wäre durch die Genossenschaft anders organisiert: Jede:r könnte Teil davon sein und als aktives Mitglied die Zukunft des Kraftwerks mitbestimmen. Für WERK sehen wir eine Nutzungsmix zu je einem Drittel Kunst/Kultur, sozialem und produzierendem Gewerbe vor. Das garantiert die Vielfalt, die der Ort und der Stadtteil Hammerbrook brauchen. 

Wie ist die Position der Stadt Hamburg?

Nina Manz: Sehr positiv. Die Stadt hat mit uns den Förderantrag gestellt. Gleichzeitig zeigt sich hier, was wir bereits wissen: städtisches Grundeigentum sollte nicht verkauft werden, die Steuerungsinstrumente und Einflussnahmen auf gemeinwohlorientierte Nutzungen sind sehr gering, sobald sich die Immobilien in privater Hand befinden.

Mit der Kampagne „Zeit, fair zu verkaufen“ fordert ihr die Eigentümergesellschaft Kraftwerk Bille Hamburg GmbH nun zum Verkauf eines Gebäudeteils an die zu gründende Genossenschaft zu einem fairen Preis auf.

Julia Maria Englert: „Mit der Kampagne wollen wir auf die Situation aufmerksam machen und den Druck erhöhen, dazu finden auch im Rahmen des Kultursommers zahlreiche Veranstaltungen statt. Wie wichtig dieses und ähnliche Projekte für ihre Umgebung, aber auch die Stadt selbst sind, sieht man auch an unseren Erstunterzeichnerr:innen – darunter befinden sich sowohl Einzelpersonen und Organisationen aus Hamburg, Deutschland und darüber hinaus. Nicht nur Künstler:innen, sondern auch Wissenschaftler:innen, Forscher:innen, Menschen aus unterschiedlichen Bereichen, die an Stadtentwicklung beteiligt sind.

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Mehr Infos und zu den über 150 Erstunterzeichner:innen. Mit unter anderem Mundhalle, Hallo: Radio, Gängeviertel, Golden Pudel, Papiripar Galerie 21, Kampnagel – Internationales Zentrum für schönere Künste, Fux Genossenschaft, Elbphilharmonie, Recht auf Stadt Hamburg, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Kunstverein. Hier geht’s zur Petition.


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Ein Buch über Hamburgs Fußballgeschichte

Ralf Klee und Broder-Jürgen Trede setzen Hamburgs Fußballgeschichte ein Denkmal

Text: Matthias Greulich

 

Wissen Sie, warum dieses Schiff „Peter“ heißt?, fragt der Barkassenführer, um nach einer bedeutungsschweren Pause fortzufahren. Er habe damals beim berühmten FC St. Pauli im Tor gestanden, wo ihm seine Frau Erna bei den Heimspielen hinter dem eigenen Kasten stets die Daumen zu drücken pflegte. Die Verantwortlichen bei St. Pauli fanden das problematisch. So gerne sie Erna mochten, eine Frau als zwölfter Mann brächte dem Verein großes Unglück, befanden sie. Die Lösung: „Erna heißt ab jetzt Peter.“ Einmal dabei, benannten die Eheleute daraufhin ihre Barkasse ebenfalls um. Der St. Pauli-Torwart war Ludwig, genannt „Lutn“ Alm. Er starb 1976, aber die Anekdote wird sich rund ums Millerntor immer noch mit Begeisterung erzählt.

 

„Besser als Fernsehen“

 

Broder-Jürgen Trede kannte die Geschichte und beschloss, der Barkasse einen Besuch abzustatten. „Einen ganzen Nachmittag habe ich auf der ‚Peter‘ verbracht, um mir die Geschichten von Alms Familie anzuhören“, so der Fußball-Autor. Besser als Fernsehen sei das gewesen, und so taucht die Landungsbrücke 7 als 95. Ort der Erinnerung der „Fußballheimat Hamburg“ auf, das Trede gemeinsam mit Ralf Klee geschrieben hat. „Die Menschen, die wir besucht oder telefonisch befragt haben, hatten alle große Lust auf das Thema“, berichtet Trede. Uwe Seeler nahm sich Zeit, um über sein Elternhaus („Zu sechst auf 50 Quadratmetern, Ofenheizung, kein fließend warmes Wasser – aber ich fühlte mich total behütet“) in Eppendorf zu erzählen.

In der Pandemie waren die umtriebigen Autoren, die unter Hamburgs Sportjournalisten immerhin einen Ruf als große Spürnasen zu verteidigen haben, durch die halbe Stadt gewandert, um den Orten der Geschichte einen Besuch abzustatten. „Der Fußball ist ein Vehikel, um sich mit der Geschichte der Stadt zu beschäftigen“, bilanziert Trede.

Dem 46-Jährigen und dem ein Jahr älteren Klee gelang das Kunststück, ihren Anekdotenschatz nach Spaziergängen zwischen Volksdorf und Kirchwerder ebenso fundiert wie unterhaltsam aufzuschreiben. Da für jeden Ort nur zwei Seiten zur Verfügung stehen, musste das Material, das ansonsten ausgeufert wäre, stark verdichtet werden.

Selbst das „Phantom der deutschen Fußballschichte“ fehlt nicht: der Luftwaffen Sportverein Hamburg. Der Militärklub, bei dem unter anderem Nationalspieler Karl Miller (später FC St. Pauli) spielte, verlor 1944 das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft vor 70.000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion mit 0:4 gegen den Dresdner SC. „Während zu jedem mehr oder weniger erfolgreichen deutschen Verein heute inflationär Vereinschroniken erscheinen, scheint eine Soldatenmannschaft der Nazis ein zu heißes Eisen zu sein“, schrieb Klee. Er recherchierte daher auch auf dem Poloplatz unweit der S-Bahn Klein Flottbek, wo die Luftwaffensportler im Zweiten Weltkrieg geschützt von Bombenangriffen trainieren konnten.

 

Eine Mannschaftsleistung

 

Das Buch sei eine geschlossene Mannschaftsleistung betonen die Autoren. Dennoch konnte es passieren, dass sich die beiden Studienfreunde beim gegenseitigen Vorlesen der Texte batteleten. Die beiden HSV-Anhänger kennen sich seit Mitte der 1990er Jahre, als sie häufiger nach der Vorlesung am benachbarten Rothenbaum A-Jugend-Spiele der Rothosen besuchten. „Was für ein charmantes Stadion war das“, erinnert sich Trede an die Heimat des HSV, an die nach ihrem Abriss nicht mal eine Plakette erinnert.

Seinerzeit entstand die Idee, diesen Orten ein Denkmal zu setzen. „Jetzt sind wir froh, dass wir seit Unizeiten nicht immer nur gelabert, sondern es durchgezogen haben“, so Trede. Wer dieses, mit grandiosen historischen Fotos bebilderte Fußballbuch liest, kann diese Freude teilen.

Broder-Jürgen Trede, Ralf Klee: „Fußballheimat Hamburg. 100 Orte der Erinnerung. Ein Stadtreiseführer”, Arete Verlag, 216 Seiten, 18 Euro


Cover_SZ0121 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Yazan: „Es hat sich alles gelohnt”

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Yazan begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Ich danke Deutschland so sehr, dass ich hier sein darf. Sieh mal, das ist euer Land, wir haben keins mehr, es ist zerstört. In Syrien ist Krieg und hier ist der Segen. Und das findet auf demselben Planeten statt. Ich bin vor fünf Jahren nach Deutschland gekommen. Zusammen mit meinem Cousin und einem Freund sind wir mit 30 weiteren Menschen geflüchtet.

Zunächst zu Fuß in die Türkei, dort habe ich ein Jahr gelebt, dann mit dem Boot nach Griechenland, zu Fuß bin ich durch Mazedonien gelaufen und in Serbien in einen Zug gestiegen, der mich nach Budapest gebracht hat. Dort hat mich ein Auto dann nach München gefahren. Aber für mich war klar: Ich will nach Hamburg. Schon in der Türkei hatte ich das beschlossen, als ich Fotos gesehen und Geschichten über die Stadt gehört habe. Also bin ich mit dem Zug aus dem Süden weiter nach Hamburg gefahren.

Die ganze Reise aus Syrien hierher war gefährlich und schwierig, aber, wenn ich an der Alster sitze und auf das Wasser schaue, weiß ich wieder: Es hat sich alles gelohnt. Heute arbeite ich in Barmbek in einem Hotel an der Bar. Ich spare mein Geld und suche eine Wohnung für zwei Personen, denn wenn alles gut läuft, kann ich bald meine Mama nach Deutschland holen. Ich habe sie seit sechs Jahre nicht gesehen.“


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

7 Orte zum Spazieren und Radeln in Hamburg

Ein Spaziergang in der Stadt gleicht einem Slalomlauf, wobei Abstand halten nicht immer möglich ist. Sich breitmachen und durchatmen geht hervorragend an diesen sieben Orten. Zuletzt aktualisiert 10/2021

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Die Boberger Dünen bieten Platz, reichlich Sand und viel Erholung (Foto: Marco Gomes)

Klövensteen

Kürzer als viele denken: 36 Minuten braucht man mit der S1 vom Hauptbahnhof bis nach Rissen. Und für die, die nicht wissen, wo Rissen liegt: Es ist der letzte westliche Hamburger Stadtteil vor Schleswig-Holstein. Und liegt direkt am Klövensteen, der sich über 513 Hektar bis ins benachbarte Bundesland erstreckt. Ein Mischwald wie er im Buche steht. Wer hier spazieren geht, läuft auf Moos, Sand oder Mulch und kleine, dicht bewachsene Pfade schlängeln sich durch das Gehölz. Man kommt an Teichen vorbei und gelangt auf Lichtungen. Natürlich sind auch gut ausgebaute Wanderwege vorhanden und Hamburgs größtes zusammenhängendes Reitwegenetz.

Ein besonders schönes Fleckchen liegt im Südwesten: das Schnaakenmoor. Hier treffen Binnendünen auf Feuchtwiesen und Heidegräser, Kanäle ziehen sich durch das Hochmoor und in den unterschiedlichen Gräsern und Pflanzen hocken der Moorfrosch, die Kreuzkröte und die Sumpfschrecke. Stundenlang kann man durch das rund 100 Hektar große und wunderschöne Naturschutzgebiet streifen, immer wieder Neues entdecken und zwischendurch am Bach die Picknickdecke ausbreiten – durchatmen und den Rest der Welt vergessen.

 

Friedhof Ohlsdorf

Der Ohlsdorfer Friedhof darf ruhig mal ein bisschen angeben: Er ist nicht nur beliebte letzte Ruhestätte der Hamburger Prominenz und Hamburgs größte Grünanlage, sondern mit rund 390 Hektar Fläche auch der größte Parkfriedhof der Welt. Die überwältigende Größe garantiert auch eine gigantische Vielfalt – hier findet wirklich jeder das perfekte Stückchen Grünfläche zum Durchatmen. Geschichtsexperten können die vielen historischen Gräber und Mausoleen bestaunen, Hobbybotaniker sich der Rhododendren erfreuen und kleine Entdecker den Naturlehrpfad erforschen. Kerzengerade Alleen und verschlungene Pfade führen vorbei an Blumengärten, Waldstücken, Tümpeln und Seen.

Wer hin und wieder etwas vom Pfad abweicht, entdeckt alte, moosbewachsene Grabplatten, die von der Natur langsam zurückerobert werden. Neben der großen landschaftlichen Palette birgt die schiere Fläche des Ohlsdorfer Friedhofs noch einen ganz anderen Vorteil: Entzerrung. Da kann es schon mal vorkommen, dass man beim Streifzug über den Friedhof eine gute halbe Stunde keinem anderen Besucher begegnet.

 

Wandse

Jeder weiß: Hamburg hat mehr Brücken als Venedig. Die dazugehörigen Kanäle, Bäche und Flüsse eignen sich hervorragend für lange Spaziergänge, im Hamburger Osten zu empfehlen: die Wandse. Der rund 20 Kilometer lange Fluss entspringt bei Siek in Schleswig-Holstein und schlängelt sich auf seinem Weg bis zur Mündung durch einige botanische Highlights. Erster Halt ist das Naturschutzgebiet Höltigbaum, ein ehemaliger Militärübungsplatz, der heute nicht nur eine große Vielfalt an Fauna und Flora beherbergt, sondern auch flauschige Galloway- und Highlandrinder.

Über die Hamburger Stadtgrenze hinweg fließt die Wandse anschließend durch Rahlstedt, wo sie kurz unter dem dortigen Einkaufszentrum verschwindet. Ab hier zieht sich die Wandse entlang einer grünen Ader vorbei am Friedhof Tonndorf, durch den Botanischen Sondergarten Wandsbek und den Eichtalpark bis zur S-Bahn-Station Friedrichsberg. Hier, im Eilbek Park, wird die Wandse zum Eilbekkanal und fließt durch den Kuhmühlenteich schließlich in die Außenalster. Für einen ausgiebigen Spaziergang lohnt sich der Streckenabschnitt zwischen den Bahnstationen Friedrichsberg und Tonndorf oder Rahlstedt.

 

Boberger Dünen

Ein Geheimtipp sind die Boberger Dünen schon lange nicht mehr: Das Naturschutzgebiet Boberger Niederung im Hamburger Südosten ist weitläufig, sehenswert und an Wochenenden durchaus rege besucht. Dennoch ist der Sicherheitsabstand von 1,5 Metern ohne Weiteres einhaltbar. Eine Dünenlandschaft gibt es hier tatsächlich noch – wenn auch längst nicht in dem Ausmaß einstiger Zeiten. Sie lässt eine abgesagte Fahrt an die Nordseeküste zwar nicht verschmerzen, wer aber den Sand an den Füßen entlangrinnen spürt, bei dem stellt sich immerhin eine Prise Strand-Feeling ein. Jetzt einfach nach hinten in den Sand fallen lassen, den mitgebrachten Apfelsaft aus dem Rucksack ziehen und die Sonne genießen: Das flenst!

Einen See gibt es auch, die Badestelle ist am nordöstlichen Ufer. Und auch hier gilt 1,5 Meter Abstand zu Sande und zu Wasser. Oder man umrundet ihn ruhigen Schrittes und genießt dabei den Anblick des funkelnden Wassers. Wer ausgedehntere Wanderungen schätzt, kommt hier voll auf seine Kosten: Vier Wanderwege stehen zur Auswahl. Für Radtouren ist die Boberger Niederung ebenfalls bestens geeignet: Wer auf zwei Rädern unterwegs ist, sieht auch mehr von der beeindruckenden Landschaft. Das Areal umfasst immerhin satte 350 Hektar. Wie auch immer man dieses Naturschutzgebiet erkundet

 

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Ab aufs Fiets: mit dem Fahrrad entlang der Elbe (Foto: Hamburg Marketing)

 

Die Elbe runter

Nicht nur nach Osten hat die Elbe viel zu bieten: Vom Fischmarkt aus Richtung Westen kann man zum Großteil direkt an der Elbe entlangradeln. Wasser, Sonne und Ausblick! Über den Altonaer Balkon und vorbei am Rosengarten geht es bis nach Teufelsbrück. Wer keine kompletten 19 Kilometer zurücklegen möchte, kann auch von hier starten. Ab Teufelsbrück geht es immer entlang der Elbe, links das Wasser und rechts das Grüne.

Wer möchte, kann einen Abstecher durch Blankenese machen, oder immer weiter gerade- aus fahren, vorbei am Falkensteiner Ufer und durch die Wittenberger Heide bis zur Schiffsbegrüßungsanlage Willkomm-Höft. Hier kann man entweder auf der Wiese entspannen und Landeshymnen erraten oder im Beachclub Wedel ein kühles Bier schlürfen. Zurück geht’s mit der Fähre.

 

Loop Wilhelmsburg

Los geht es an den Landungsbrücken, ab in den Aufzug des Alten Elbtunnels und einmal unter dem Fluss hindurch. Auf der anderen Seite radelt man über die Argentinienbrücke und dann die Klütjenfelder Straße entlang. Immer geradeaus kommt man schließlich auf den Loop Wilhelmsburg. Die Strecke ist durch gute Beschilderung und ebenen Belag angenehm zu fahren, außerdem kann man sowohl die imposanten Industrieanlagen und das ausnahmsweise mal leere Dockville-Gelände sehen. Von dort aus geht es entweder gleich zur S-Bahn – oder auf einen Abstecher in den Wilhelmsburger Inselpark.

Für Aussichtsfanatiker liegt außerdem der Energieberg Georgswerder in der Nähe, von dem aus man einen fantastischen Blick über Hafen, Elbphilharmonie und bis zum Michel hat. Zurück nach Hamburg fährt man über die Veddel.

 

Alster bis Tonndorf

Wassernähe bieten in Hamburg nicht nur Elbe und Alster – auch die Kanäle, die an vielen Stellen umgeben sind von Grünanlagen, sind im Sommer Anlaufpunkt für Spaziergänge, Kanufahrten oder Sonnenbaden. Startet man am unteren Ende der Außenalster in der Nähe von Dammtorbahnhof und Kennedybrücke, fährt man zunächst mit der Alster zur Linken bis zum Mundsburger Kanal.

Vorbei am Kuhmühlenteich wird dieser dann zum Eilbekkanal, und auf der Höhe des Eilbek Parks schließlich zur Wandse, die hier mündet. Durch den Eichtalpark erreicht man nach knappen zehn Kilometern Strecke schließlich das Ziel: das Freibad Ostender Teich. Hier lassen sich prima die Zehen in den Sand stecken.


 SZENE HAMBURG Stadt, Land, Sommer 2020/2021. Das Magazin ist seit dem 4. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Ottenser Gestalten: Autofrei für ein besseres Leben

Die Stadt ist voll – vor allem mit Autos. Wer sich bessere Luft und mehr Freiraum wünscht, muss umdenken. Die Bürgerinitiative „Ottenser Gestalten“ sucht Alternativen

Interview: Natalia Möbius und Sophia Herzog
Foto: Ottenser Gestalten

 

Unter dem Namen „Ottensen macht Platz“ hat das Bezirksamt für sechs Monate aus einigen Straßen im Viertel die Autos verbannt. Ist das die richtige Strategie? So sieht Uta Lohmann von der Initiative „Ottenser Gestalten“ die Aktion.

SZENE HAMBURG: Frau Lohmann, Ihre Initiative möchte Ottensen ebenfalls so autofrei wie möglich machen. Ist die aktuel­le Testphase die Erfüllung Ihrer Vision für den Stadtteil?

Uta Lohmann: Tatsächlich haben wir ein anderes Konzept erarbeitet und auf unserer Website sowie im Verkehrsausschuss des Bezirks vorgestellt. Wir wollen in erster Linie Ottensen vom Durchgangsverkehr befreien. Davon setzt „Ottensen macht Platz“ nichts um. Dennoch sind wir froh, dass überhaupt ein Schritt getan wird, den Verkehr in Teilen Ottensens neu zu regeln.

Viele Gewerbetreibende haben trotz des möglichen Lieferverkehrs zwischen 23 Uhr und 11 Uhr Angst um ihre Existenz – zu Recht?

Diese Ängste sind vor jeder Einführung neuer Verkehrskonzepte in aller Welt vorhanden und wie die Erfahrungen zeigen, sind sie unbegründet. London, Paris, Groningen – überall sind verkehrsberuhigte Zonen ein Gewinn für Geschäftsleute. Trotzdem müssen die Ängste ernst genommen werden. Hier muss die Verwaltung Lösungen finden.

Ist das Konzept „Autofrei“ viel­leicht zu radikal gedacht?

Richtig „autofrei“ wird es ja nicht. Wir reden hier von der testweisen Einführung einer Fußgängerzone, mehr nicht. Es ist ein mutiger Beschluss, zu radikal ist er aber nicht. Leider wurde er im Eiltempo gefasst, die Bedürfnisse der Betroffenen wurden nicht richtig bedacht. Wir hatten im Vorfeld eine Bürgerbeteiligung gefordert. Jetzt muss nachgearbeitet werden.

 

„Platz, Ruhe und ein Beitrag zum Klimaschutz“

 

Warum sollten Anwohner par­ken dürfen, aber andere Hamburger nicht? Viele Ottenser fahren ja auch mit dem Auto in andere Stadtteile …

In den meisten Stadtteilen ist kein Platz mehr für die vielen Autos: Der Park-Suchverkehr nervt überall. Wir müssen also umdenken. Ein sofortiges, generelles Parkverbot ist für viele ein zu großer Einschnitt. Erst einmal muss es für die Hamburger attraktiver werden, sich alternativ mit Bahn, Bus und Fahrrad zwischen den Stadtteilen zu bewegen. Wenn alle Stadtteile ermutigt werden und nachziehen, lässt sich so der Autoverkehr innerhalb Hamburgs reduzieren.

Wie realistisch ist es, dass sich ein autofreies Konzept in Zukunft durchsetzt?

Ich wette, dass viele nach der sechsmonatigen Testphase gar nicht mehr zurück möchten: endlich Platz, Ruhe, gute Luft und ein Beitrag zum Klimaschutz. Wer will das wieder eintauschen?

Ottensergestalten.de


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Digital-Campus: Die Zukunft aus der Box

Im Juni dieses Jahres war die Grundsteinlegung für „Hammerbrooklyn.DigitalCampus“: der Ort, an dem Hamburg fit werden soll für die „Digitale Transformation“ – die rasante Entwicklung von neuen Technologien quer durch Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft

Text & Interview: Markus Gölzer

 

Keiner kann sagen kann, was die Zukunft bringt, aber in Hamburg immerhin, wo sie beginnt: hinter den Deichtor­hallen auf dem Parkplatz des ehemaligen Fruchthofes – im „Hammerbrooklyn.DigitalCampus“. Das interdisziplinäre Projekt soll Ideen für die Stadt von morgen entwickeln, die Hamburg zum digitalen Leuchtturm mit weltweiter Strahlkraft machen.

Der Ort ist gut gewählt: Am malerisch industriellen Fleet gegenüber dem Oberhafen ist man mitten in der Stadt und doch fernab vom städtischen Dichtestress. Der Blick wird weit, der Kopf frei. Aufbruchs­stimmung! Hier wird zukünftig als Herzkammer des Campus der US-­Pavillon des Architekten James Biber von der EXPO 2015 stehen. Auf 7.600 qm sind Un­ternehmen, Start­-ups, Wissenschaft und alle Hamburger ein­geladen, mit zu gestalten.

Auf der Website „hammerbrooklyn.hamburg“ kann sich jeder als „Citizen“ registrieren und Ideen einbringen. Unternehmen können mit der kostenpflichtigen Mitgliedschaft „Corporate Citizenship“ Angebote und Infrastruktur des Campus für eigene Projekte nutzen, zum Beispiel an Netzwerkleistungen für ge­zielte Kooperationen partizipieren oder von interdiszipli­nären Expertenteams profitie­ren, die sie bei ihrer digitalen Transformation begleiten.

 

Stadt der Zukunft

 

Doch wie jeder Aufbruch war auch dieser phasenweise holprig: Die Initiatoren – Wirtschaftswissenschaftler Henning Vöpel, Werbeagenturchef Ma­thias Müller­-Using und Digitalexperte Björn Bloching – hat­ten sich in Fragen um Gesell­schaftsstrukturen und Zuständigkeiten überworfen.

Als das Projekt schon fast Geschichte war, fanden sie über ein Stiftungsmodell wieder zusammen: „Hammerbrooklyn – Stadt der Zukunft“ ist gemeinnützig und bindet neben den Initiatoren die Stadt Hamburg, den Immo­bilienentwickler Art-­Invest und das Hamburger Weltwirtschafts­institut mit ein.

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Henning Vöpel, Mitinitiator und CEO des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts (Foto: Alexandra Kern)

Bis der Pavillon 2020 stehen wird, arbeitet die Hammerbrook­lyn.Box bereits als temporäres Labor. Im grünen Containeraufbau geht es experimentell provisorisch zu, der obligato­rische Tischkicker steht noch eher für Gegenwart als Zukunft zum Anfassen.

Wie man die di­gitale Transformation tatsäch­lich gestalten wird, erklärt Prof. Dr. Henning Vöpel, Leiter des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) und Ideengeber des Projekts.

SZENE HAMBURG: Herr Vöpel, gibt es für Hammerbrooklyn.DigitalCampus weltweite Vorbilder? Außer der ersten Assoziation Silicon Valley?

Henning Vöpel: Das ist immer das Erste, was einem einfällt, wenn man über sol­che Innovationsräume, den „Hubs“ spricht. Tatsächlich erleben wir weltweit das Phä­nomen einer räumlichen Ver­dichtung von Innovations­aktivitäten.

Überall in größeren Städten und Regionen entstehen „Hubs“. Hamburg, denke ich, braucht so etwas, um der etablierten Wirtschaft, die ja sehr erfolgreich war, aber vor großen Veränderungen steht, einen Ort zu geben, an dem sie der Entwicklung nicht hinterherläuft, sondern selbst gestaltet.

Die Hamburger Hochbahn und die Deutsche Bahn planen hier Innovationslabore, es fallen auch Namen wie Siemens oder Volkswagen. Alles klassische Großkonzerne. Soll der Campus helfen, sich gegen kleine, flinke Start-ups behaupten zu können?

Es geht nicht darum, den Angriff der Start-ups abzuweh­ren. Es geht darum, dass sich nicht nur große Konzerne, sondern auch kleinere, mittel­ständische Unternehmen ver­ändern müssen. Wenn sie das nicht tun, dann kann es sein, dass ein Standort wie Ham­burg in fünf Jahren bis zwan­zig Prozent der Einkommen, die hier erzielt werden, verliert.

Deshalb müssen wir et­was dafür tun, dass sie sich digitalisieren, dass wir das nicht nur den Start­-ups überlassen. Deshalb braucht es einen neu gedachten Raum für Austausch und Forschung, in der auch kleinere Unternehmen ihre eigene Transformation vollziehen können.

 

Ein Ort für Diskurs

 

Unternehmen können Know-how für die digitale Zukunft bei Ihnen einkaufen. Was bietet der Campus, was eine klassische Unternehmensberatung nicht liefert? Die könnten ja auch weltweit interdisziplinäre Teams zusammenstellen.

Wir gehen viel weiter, in­ dem wir eine Community er­zeugen und ein Umfeld mit eigener Innovationskultur schaffen. Das können Berater natürlich nicht: einen Raum zu entwickeln, in dem Men­schen aus unterschiedlichen Branchen und Unternehmen die Möglichkeit haben, zusammenzuarbeiten. Das gibt es in der klassischen Wirt­schaft nicht, ist aber erforder­lich, um interdisziplinär und kollaborativ an Innovationen zu arbeiten.

Wie stellen Sie Ihre Unabhängigkeit von der Wirtschaft sicher?

Der Campus wird betrie­ben als Stiftung „Hammerbrooklyn – Stadt der Zu­kunft“. Die Stadt ist mit drin, der Immobilienentwickler Art-­Invest ist dabei und die drei Initiatoren. Wir wollten eine Stiftung gründen, um die Gemeinnützigkeit von Digitalisierung in den Mittelpunkt zu rücken. Und es ist die beste Form, um Akzeptanz und Relevanz zu erzeugen.

Der Immobilienentwickler Art-Invest ist nicht unumstritten. Im Netz wird spekuliert, dass er in erster Linie an der Immobilienfläche hinter dem Pavillon interessiert sei.

Art-­Invest ist wichtiger Teil der Stiftung und wir arbeiten an diesem Projekt gemeinschaftlich. Die Stiftung funktioniert unabhängig von Investoren. Wir sind völlig autonom in dem, was wir da tun. Ein so großes Projekt braucht am Ende immer einen Investor, der selbst an die Idee glaubt.

Wie profitiert der einzelne Hamburger vom Campus?

Es wird die Möglichkeit für jeden einzelnen Hamburger geben, Teil von Hammerbrooklyn, also sogenannter „Citizen“ zu werden. Jeder kann partizipieren, Ideen einbringen und an öffentlichen Veranstaltungen teilnehmen. Es soll ein Ort aller Hamburger für den Diskurs über die zukünftige Stadt sein.

 

 

Auf der Internetseite von Hammerbrooklyn können Fragen zu Hamburgs Zukunft gestellt werden. Gibt es eine Tendenz, welche Themen besonders relevant sind?

Verkehr und Mobilität spielen eine große Rolle. Wohnraum und wie gehen wir mit städtischen Flächen um? Wie können wir hier noch besser leben und zu­sammenleben? Wie kann eine aktive Bevölkerung die Stadt für mehr Bewegung und Gesundheit nutzen? Hamburg hat vielfältige Möglichkeiten, es gibt so viele interessante Orte und Menschen, und wir laufen oft unachtsam dran vorbei. Mehr aus der Stadt herauszuholen – das scheint vielen Bürgern auf der Seele zu brennen.

„Globalisierung“ war ein Heilsversprechen, heute schreckt sie viele ab. Der „Digitalisierung“ scheint es ähnlich zu gehen: Immer mehr Menschen bekommen bei dem Begriff Angst vor Jobverlust und anderen Unwägbarkeiten. Welche Branchen in Hamburg sind besonders gefordert, zu reagieren?

Der Hafen natürlich, das Hamburger Schwergewicht schlechthin. Es passieren dort schon sehr gute Dinge: Der Hafen ist zum Beispiel 5G­-Modellregion, in der au­tonome Mobilitätskonzepte getestet werden. Virtual Re­ality und Augmented Reality kommen zum Einsatz, um Planungen zu unterstützen. Aber es könnte noch schnel­ler gehen. Auch im Verkehr, der Mobilität, in der Bildung, in der Stadtentwicklung ist viel zu tun. Die gesamte Arbeitswelt wird sich verändern.

Wir alle reden von künstlicher Intelligenz, die viele unserer Jobs sehr stark verändern wird. Es geht insgesamt darum, auch einen kulturellen Wandel in der Stadt zu voll­ziehen. Eben nicht die Ängste vor der Digitalisierung, die ja in jedem Fall kommen wird, in den Vordergrund zu rücken, sondern zu sagen: Es bleibt uns nur übrig, positiv, kreativ und konstruktiv daran zu arbeiten. Hamburg soll ein positiver Ort des Wandels und Fortschritts sein.

 

Hammerbrooklyn1-c-Nico-Doering

Für ein Morgen: die Box von Innen (Foto: Nico Doering)

 

Hammerbrooklyn.Digital­Campus: Stadtdeich 2 (Hammerbrook)


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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SZENE HAMBURG im Juli 2019: Schmelztiegel St. Georg

St. Georg ist der Stadtteil der Gegensätze, der Diversität und der Communitys. Ein Viertel, auf das so viele Adjektive wie auch Superlative passen – geprägt durch die beiden Welten, die hier aufeinandertreffen:

Zum einen die exklusive Alsterlage, mit den pompösen Stadthäusern und Luxushotels sowie die Lange Reihe mit ihren Designer-Shops und hippen Restaurants. Zum anderen die Nähe zum Hauptbahnhof, Treffpunkt und Heimstätte der Einsamen und Verlorenen; der Hansaplatz, der glattgebügelt wird, sodass die Drogenabhängigen, Obdachlosen und alle, die nicht ins gutbürgerliche Sonntagsbild passen, in die Seitenstraßen ausweichen müssen. Doch nur, weil sie nicht mehr durch den Blick der teuren Eigentumswohnungen sichtbar sind, sind die Schwierigkeiten des Viertels nicht verschwunden.

Ein Stadtteil der Subkulturen und Milieus wächst aus sich heraus zusammen. Das zeigt die hohe Dichte der sozialtätigen Vereine und Organisationen vor Ort. Einer davon ist der Verein Basis und Woge, der sich für Benachteiligte in allen Lebensbereichen einsetzt. Wir haben uns von dem Leiter der Jugendsozialarbeit erzählen lassen, was St. Georg für ihn bedeutet. Ebenso von vier weiteren Menschen, die stark im Viertel verwurzelt sind. Entwurzelt hingegen werden mittlerweile immer mehr langjährige Bewohner. Stichwort: Gentrifizierung.

 

Bitte nicht glatt schleifen!

 

Was sich verändern muss, damit das Viertel lebendig bleibt, weiß Michael Joho vom Einwohnerverein. Er kämpft gegen die Verdrängung, für die Vielfalt. Dazu gehören auch die hier praktizierten Religionen. Unser Redakteur hat sich unter die portugiesischen Katholiken gemischt, um herauszufinden, wie sie ihren Glauben in St. Georg leben.

Neben dem St.-Marien-Dom ist die HAW, die Hochschule für Angewandte Wissenschaften, eine weitere große Institution im Viertel. Wir haben uns vor Ort umgesehen, was die rund 17.000 Studierende eigentlich treiben – und das ist eine ganze Menge.

St. Georg ist ein Mikrokosmos der Gesellschaften und so richtig greifen kann man ihn (zum Glück) nicht, gerade weil er so viele Ecken und Kanten hat. Und genau deshalb: Bitte nicht glatt schleifen!

Text: Hedda Bültmann, Redaktionsleitung SZENE HAMBURG
Foto (o.): Jérome Gerull


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Foto: Sophia Herzog

Hedda Bültmann, unsere Redaktionsleiterin, hat den Kopf voller Ideen und bei der SZENE HAMBURG das Ruder in der Hand. Mit ihrem Spirit, Tatendrang und Ideen prägt sie unser Stadtmagazin. Lust auf Austausch? Ihr erreicht sie unter hedda.bueltmann@vkfmi.de


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2019 im Handel und zeitlos im 
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Urban Gardening – Zurück zu den Wurzeln

Pflanzen, gießen, ernten – gemeinschaftliches Gärtnern liegt im Trend. Immer mehr grüne Oasen für Jedermann entstehen in der Stadt. Wir haben verschiedene Projekte besucht, die zeigen: Wer mitmacht, gewinnt mehr als eine handgezüchtete Zucchini.

Ein Stückchen hinter der Dove-Elbe, 20 Minuten mit der S-Bahn vom Hauptbahnhof und eine halbstündige Fahrradtour entfernt, haben die Tomatenretter ein kleines Paradies geschaffen. Das vorderste Gewächshaus des Vereins ist die perfekte Mischung zwischen Gärtnerei und Aufenthaltsraum: Neben der Eingangstür reihen sich alte Metallspinde, dahinter drängen sich bunt zusammengewürfelte Stühle um einen kleinen Tisch.

In der Mitte des Gewächshauses blüht ein Meer aus lilafarbenen Blumen, dahinter blitzt ein Sofa hervor, irgendwo dazwischen steht eine Tischtennisplatte. „Da entspannen wir uns immer nach der Arbeit“, erzählt Hilmar Kunath, ein Mitglied des fünfzehnköpfigen Teams, das hier, wie der Name schon sagt, Tomaten retten will. Dass Kunaths Herz für seine Pflanzen brennt, merkt man schnell – spätestens als er liebevoll mit einer Hand über die Blüten streicht. „Ein Heilkraut aus dem Mittelalter“, merkt er an. Durch das Blumenmeer in dem Gewächshaus zu laufen, mache ihn immer glücklich.

Gearbeitet wird auf dem Hof der Tomatenretter mit besonderer Sorgfalt. Die Pflänzchen werden einzeln hochgebunden und regelmäßig gepflegt. Jeden Sonntag kommt ein Teil der Mannschaft zusammen, um die Gewächshäuser zu bestellen. Aber nicht alles besteht hier aus Arbeit: Die Gruppe kocht zusammen in der Gemeinschaftsküche, oder springt nach getaner Arbeit zur Abkühlung in die Gose-Elbe.

Im vordersten Gewächshaus der Tomatenretter: wuchernde Blumen neben Spinden und Tischtennisplatte.

Vor knapp fünf Jahren wurde der Verein Tomatenretter e. V. gegründet, die Mitglieder setzen sich für den Erhalt der Artenvielfalt ein. Die Tomaten seien nur ein Beispiel, das sie sich herausgepickt hätten, erklärt Kunath, „Ein kleines Aufgabengebiet, um uns nicht zu überfordern.“ Im Saatgutarchiv des Vereins wurden inzwischen über 160 Sorten gesammelt, viele davon sind alt und werden aufgrund fehlender Zulassungen nur noch selten angebaut. Rund 80 weitere Experimentalsorten wachsen hier gerade in einem der Gewächshäuser.

Doch im Großen und Ganzen sei die Arbeit des Vereins eine praktische Kritik am Umgang der Menschen mit der Natur, wie Kunath sagt. „Ein paar wenige globale Unternehmen haben das Saatgut zu ihrer Privatsache und die Bauern davon abhängig gemacht. Es wird mit Fungiziden und Pestiziden produziert“, kritisiert er. „Diese Produktionsweise bedroht die Natur, unser Trinkwasser und damit auch uns.“ Im Gegensatz zu den kommerziellen Großunternehmen vertreiben die Tomatenretter ihr Saatgut gegen eine Spende nach Selbsteinschätzung.

Ausgefallene Namen für ausgefallene Pflänzchen: Die Tomatenretter sammeln das Saatgut alter Sorten.

Das allgemeine Konsumverhalten stößt auch bei anderen Gemeinschaftsgartenprojekten übel auf. „Wenn wir’s drauf anlegen, können wir unseren Planeten bestimmt noch einige Jahrzehnte weiter ausbeuten. Aber das kann ja nicht das Ziel sein“, betont auch David Keck vom Wurzelwerk. Doch ihm geht es vordergründig nicht um die große Vision, sondern um das Zusammenwachsen der Menschen in der Stadt. Das Projekt auf dem Gelände der Universität Hamburg wurde von Studierenden gegründet, richtet sich aber explizit auch an andere Bewohner des Viertels.

Hier sieht es anders aus als auf dem Gelände der Tomatenretter: Statt riesiger Gewächshäuser reihen sich Hochbeete aneinander. Ein Holzschuppen beherbergt das Gartenwerkzeug, und an seine Außenwände wurden Dosen genagelt, die jetzt darauf warten, neu bepflanzt zu werden. Selbst gebaute Sitzmöbel aus Paletten sind kreisförmig um eine Feuerstelle angeordnet. In den nahegelegenen Bäumen hängt eine Schaukel, und in einer Kräuterschnecke sprießt der Schnittlauch. Wo die Tomatenretter großflächige Bewässerungssysteme nutzen und die Beete systematisch bepflanzen, scheint beim Wurzelwerk alles mehr mit Do-it-yourself zu funktionieren.

Ein Hochbeet geht überall, auch auf dem Dach des Schuppens vom Wurzelwerk.

„Wir wachsen, wie ein Garten das ja auch sollte, mit den Jahren immer weiter“, betont Keck. Das Gärtnern alleine ist für ihn allerdings nicht der einzig wichtige Aspekt des Projekts. „Ich sehe den Garten auf zwei Ebenen“, erklärt er. „Zuerst natürlich als Garten im biologischen Sinne. Und dann als Raum, der offen für alle Menschen sein und Austausch fördern soll, denn in Zeiten der zunehmenden Privatisierung kann es davon nicht genug geben.“

Gerade wegen dieses Aspekts wächst der Trend der Gemeinschaftsgärten immer mehr. „Niemand kommt da hin, gießt sein Beet und geht dann wieder“, erläutert Fabian Berger. Er hat zusammen mit dem Stadtteilzentrum Motte in Altona die Plattform grünanteil.net ins Leben gerufen, die deutschlandweit Gartenprojekte wie die Tomatenretter oder das Wurzelwerk dokumentiert. Diese grünen Oasen leben eben genau davon: Gemeinschaft. Deswegen sind Interessierte bei solchen Projekten in der Regel mehr als willkommen, auch, wenn man nicht gerade einen grünen Daumen hat. Zusammen mit seinen Mitstreitern lässt es sich meistens am leichtesten lernen. Viele der Projekte hätten ihr Angebot inzwischen auch in andere Richtungen ausgeweitet, erzählt Berger. Statt der reinen Gartenarbeit fänden auch gemeinsame Kochabende statt, Gartenfeste, Bastelrunden oder Yogakurse.

Dass eine Gemeinschaftsleistung sogar wirklich etwas bewegen kann, beweist der Beet-Club in Altona. 2009 wollte der Energiekonzern Vattenfall eine Fernwärmetrasse für das Kohlekraftwerk Moorburg durch den Suttnerpark legen. Die Bürger wehrten sich, errichteten im friedlichen Protest ein Hochbeet und retteten den Park. Die Zahl der Beete ist seitdem stark gestiegen. Benjamin Bruno dokumentiert auf seinem „Suttnerblog“ inzwischen die Fortschritte des Gemeinschaftsgartens. Am schönsten ist es für ihn, wenn er von Passanten im Park auf die Hochbeete angesprochen wird. „Man lernt so viele Menschen aus dem Viertel kennen“, freut er sich, „es bringt hier alle näher zusammen.“

Zusammen gärtnern, die Erzeugnisse gemeinsam verwerten oder fair aufteilen: Sind Gemeinschaftsgartenprojekte also die Zukunft für einen bewussten und nachhaltigen Umgang mit Lebensmitteln? Bruno ist davon nicht überzeugt. „Es gibt sicherlich Projekte mit diesem Anspruch. Wir gehören auf jeden Fall nicht dazu.“ Auch Fabian Berger denkt nicht, dass Gartenprojekte die einzig wahre Lösung sind. „Wir können ja nicht mit einem Gemeinschaftsgarten einen ganzen Stadtteil ernähren.“ Viel wichtiger ist für alle der Lerneffekt: „Ich freue mich, wenn Kinder nach den Namen der Pflanzen fragen und sehen, dass das Gemüse nicht in den Theken vom Supermarkt wächst“, bestätigt Bruno. Solche Projekte würden dazu beitragen, dass Menschen die Herkunft und Verwertung der Lebensmittel reflektierter betrachten würden.

Seit 2015 engagiert sich David Keck beim Wurzelwerk.

Auch David Keck glaubt daran, dass das Wurzelwerk eher Leuchtturm-Charakter als Weltverbesserer-Potenzial habe. Ein Garten würde den Menschen beibringen, Essen wieder wertzuschätzen. Denn wächst das Gemüse im eigenen Beet, weiß man genau, dass keine Chemikalien in der Produktion verwendet und keine Menschen ausgebeutet wurden. Nach wochenlangem Warten auf die Ernte würde man sich außerdem viel mehr bemühen, die Lebensmittel zu verbrauchen, bevor sie schlecht werden. „Wenn man selbst dafür gearbeitet hat, bekommt man natürlich einen ganz anderen Bezug dazu“, so Keck.

Doch ohne Spaß an der Sache geht gar nichts. Und merklich Spaß haben alle, sowohl die Tomatenretter, als auch die Mitglieder des Wurzelwerks oder die des Beet-Clubs. Dass Gemeinschaft, Beisammensein und Austausch dabei besonders wichtig sind, hat Kunath, trotz seiner Mission, natürlich längst verstanden: „Wir können zusammen ein Netzwerk bilden und uns für eine naturnahe, nicht-marktbezogene Produktions- und Lebensweise einsetzen“, erklärt er. „Denn man kann die Welt nicht alleine retten.“

Text & Fotos: Sophia Herzog

Mit oder ohne grünen Daumen – hier kann jeder in Hamburg gärtnern:

👉 TomatenretterReitbrooker Hinterdeich 291 (Reitbrook)

👉 Beet-Club: Suttnerstraße 14 (Altona)

👉 Wurzelwerk: Von-Melle-Park 11 (Rotherbaum)

👉 Gartendeck: Große Freiheit 62-68 (St. Pauli)

👉 Stephanusgarten: Lutterothstraße 100 (Eimsbüttel)

👉 Münzgarten: Rosenallee 9 (St. Georg)

👉 Venusgarten: Ditmar-Koel-Straße 4 (Neustadt)

👉 Keimzelle: Ölmühle (Karolinenviertel)

👉 Motte-Garten: Eulenstraße 43 (Ottensen)

👉 Interkultureller Gemeinschaftsgarten: Ottensen Bernadottestraße 7 (Ottensen)

👉 Minitopia: Georg-Wilhelm-Straße 322 (Wilhelmsburg)

👉 Interkultureller Garten Wilhelmsburg: Fährstraße 67 (Wilhelmsburg)

👉 Baluga: Holstenkamp 83 (Bahrenfeld)

👉 Interkultureller Garten Hamburg-Billstedt: Legienstraße 47-77 (Billstedt)

👉 Gartengruppe Wandsbek: Eydtkuhnenweg 10C (Wandsbek)

👉 Aktion Kürbisbeet: Bredstedter Straße 17 (Dulsberg)

Eine Übersicht über viele Projekte gibt es auf www.gruenanteil.net.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2018. Das Magazin ist seit dem 29. Juni 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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