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System(ir)relevant: Jeder wird gebraucht

Sie sind die Helden Hamburgs und nicht erst seit der Corona-Pandemie für ein funktionierendes Gemeinwesen unerlässlich: die Systemrelevanten. Doch wer sich mit diesem Begriff betiteln darf, ist Ansichtssache

Texte: Marco Arellano Gomes & Basti Müller

 

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Landwirt

Henning Beeken, 45, Eigentümer vom Hof Eggers in Kirchwerder 

SZENE HAMBURG: Was ist dir durch den Kopf gegangen, als abends geklatscht wurde?

Dass man sich bei mir als Teil einer systemrelevanten Berufsgruppe bedan­ ken muss, habe ich nicht so empfunden. Wir haben hier unsere Sachen weiter­ produziert, so gut es ging. Wir haben die Blumen ausgeliefert, klar, da haben sich die Leute gefreut, zum Teil sehr, weil es für sie schön war, den Balkon bepflan­ zen zu können. Da gab es sehr positives Feedback. Bei uns auf dem Bauernhof hat niemand geklatscht, das hätte mich auch irritiert. In der Stadt mag dies ja für die Beklatschten ganz nett gewesen sein, ich könnte mir aber vorstellen, dass zum Beispiel den Pflegekräften eine ange­ messene Bezahlung wichtiger wäre.

 

„Ohne Bauern gibt es kein Essen auf dem Tisch“

Henning Beeken

 

Empfindest du dich als systemrelevant? 

Klar, die Produktion von Lebens­ mitteln ist systemrelevant. Ohne Bauern gibt es kein Essen auf dem Tisch.

Hattest du irgendeine Form von Angst?

Die ganze Zeit hatte ich kaum Angst. Meine Eltern sind beide fast 80, da macht man sich schon mehr Sorgen. Aber ich lebe, wo ich arbeite, also nein.

Was motiviert dich, deinen Beruf auszuüben?

Das ist meine Lebensaufgabe, ein Projekt, an dem ich selbst arbeiten und das ich selbst gestalten darf. Das ist eine ganz tolle Aufgabe, die Motivation kommt da von selbst.

Gibt es etwas, das du dir von der Gesellschaft wünschen würdest?

Was ich auch als sehr positive Be­ gleiterscheinung wahrgenommen habe, ist, dass das regionale Einkaufen deutlich an Bedeutung gewonnen hat. Da sind wir seit neuestem auch in der Regional­ wert Hamburg AG, ein Netzwerk aus regionalen Produzenten, Einzelhänd­ lern und Gastronomen und das funk­ tioniert sehr gut. Diese Zusammenarbeit finde ich sehr positiv und ich würde mir daher wünschen, dass die Menschen das regionale Einkaufen weiter wertschätzen und bereit sind, dafür auch ein paar Cent mehr auszugeben.
In diesem Sinne, würdest du dir wünschen, dass Regionalität stärker von der Politik gefördert wird?

Ja. Man hat das jetzt auch wieder gesehen, dass eben die kurzen Wege sehr krisensicher sind und weiterhin funktionieren. Alles, was mit langen Transportwegen zu tun hat, ist dann doch sehr anfällig.

Was möchtest du den Hamburgern mit auf den Weg geben?

Kauft regional in den kleinen Läden in der Nachbarschaft und kommt mal wieder zu uns ins Hofcafé, wenn die Beschränkungen aufgehoben werden.

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Busfahrer

 

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Foto: Pepe Lange

Imam Alkan, 48, Berufskraftfahrer bei der Verkehrsbetriebe Hamburg- Holstein GmbH

SZENE HAMBURG: Wie würdest du deinen Job beschreiben?

Ich war 30 Jahre lang in der Show­ branche tätig und bin es gewohnt, Ent­ scheidungen und den Tagesablauf selbst zu bestimmen. Das gleiche habe ich auch – fast – als Busfahrer. Niemand schaut mir über die Schulter und ich bin mein eigener Chef in meiner Schicht.

Warum ist dein Beruf aus deiner Sicht systemrelevant?

Wenn wir stehen, bleibt auch Ham­ burg stehen. Jetzt, in der Krise merkt man mehr denn je, wie dankbar die Fahrgäste sind. Wir sind die, die Ham­ burg bewegen – von A nach B. Man könnte uns auch als die fleißigen Bie­ nen der Stadt bezeichnen, die überall ausschwärmen, ihre Arbeit tätigen und zum Schluss wieder zum Bienenstock, dem Betriebshof, zurückkommen.

Was macht deinen Job für dich so besonders?

Was gibt es Schöneres, als die Ham­burger in der schönsten Stadt der Welt herumzukutschieren. Ich liebe es, Auto beziehungsweise Bus zu fahren.

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Entsorger

Önder Büyükhan, 28, Entsorger und Vorarbeiter bei der Stadtreinigung Hamburg in der Region Ost Volksdorf

SZENE HAMBURG: Was ist dir durch den Kopf gegangen, als abends geklatscht wurde?

Ganz ehrlich? Ich habe mich ziemlich gefreut, dass es Menschen gibt, die sich freuen, dass wir unsere Arbeit ma­chen. Viele ärgern sich eher, weil wir im Weg stehen.

 

„Ohne uns hätten wir sicherlich eine Rattenplage“

Önder Büyükhan

 

Empfindest du dich als systemrelevant?

Selbstverständlich! Ohne uns hätten wir sicherlich eine Rattenplage und es würde überall nur Müll herum­ liegen.

Hast du Angst, zur Arbeit zu fahren?

Nein! Ich fahre mit einem eigenen Pkw und wir haben sehr gute Hygiene­vorschriften auf der Arbeit. Unsere Vorgesetzten achten explizit auf unser Wohl.

Was motiviert dich, deinen Beruf auszuüben?

Die Arbeit, die ich ausübe und die Dankbarkeit der Bürger.

Was hat sich seit Corona verändert?

Wie das jetzt draußen in der Öffentlich­keit ist: Abstand halten, Mundschutz tragen et cetera, sonst hat sich für uns kaum etwas geändert. Vor allem in den Autos tragen wir die Masken, um uns gegenseitig zu schützen.

Habt ihr durch Corona in den letzten Wochen mehr zu tun gehabt?

Man merkt, dass die Eimer voller als sonst sind. Es gibt mehr Müll, weil die Leute mehr zu Hause als im Büro sind.

Hast du das Gefühl, dass die Leute etwas gereizter sind als zuvor?muellabfuhr

Die Autofahrer vielleicht. Das merkt man richtig. Die sind teilweise richtig aggressiv, privat oder auf der Arbeit. Sie drängeln mehr, die Leute sind angespannt. Man kann das nach­vollziehen, weil du aktuell nicht viel machen kannst. Die Leute, Familien und Paare sind schon alle ein bisschen gereizt.

Die meisten wollen im Straßen­verkehr Recht haben, sie müssen die ersten sein und suchen den Fehler bei den anderen, nicht bei sich selbst. Deswegen passieren auch die meisten Unfälle, auf der Autobahn oder sonst wo. Das „Wir“ gibt es dort nicht und das wird von Jahr zu Jahr immer schlimmer. Ich habe meinen Führerschein vor zehn Jahren gemacht, da war das Fahren noch entspannt. Jetzt ist das wie Krieg.

Gibt es etwas, das du dir von den Hamburgern wünschen würdest?

Dass die aktuellen Hygienemaß­nahmen eingehalten werden.

Was möchtest du Hamburg sagen?

Die letzte Zeit ist sehr schwer für uns alle gewesen. Haltet durch! Wir werden es alle zusammen schaffen. Hoffen wir auf bessere Tage. Seid froh, dass ihr gesund seid. Gesundheit ist mit keinem Geld dieser Welt zu ersetzen!

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Erzieherin

Melina Blechschmidt, 34, Erzieherin bei Wabe e. V. in Bergedorf

SZENE HAMBURG: Was ist dir durch den Kopf gegangen, als abends geklatscht wurde?

Es wurde für Verkäuferinnen und Verkäufer, Krankenschwestern und -­pfleger, Ärzte und so weiter geklatscht. Ich denke, die Menschen haben ihre Jobs gewählt, weil sie diese mögen. Sie machen ihn gerne und gerade in Zeiten, in denen sie gebraucht werden, noch lieber. Ich freue mich, dass diese Men­schen und Berufe nun endlich die An­erkennung bekommen, die ihnen auch vor Corona schon zustand. Das wurde wirklich Zeit!

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Foto: Heike Günther

Empfindest du dich als systemrelevant?

Ich empfinde mich und meinen Be­ruf als absolut systemrelevant. Neben dem Bildungsauftrag und der täglichen Verantwortung den Kindern gegenüber, verdeutlicht gerade diese Zeit noch einmal mehr, welche Wichtigkeit wir, als Mitarbeiter in Kindertageseinrich­tungen, in der Gesellschaft haben. Wir betreuen nicht nur Kinder! Wir beraten Eltern, entlasten Familien. Wir ermög­lichen Eltern, ihren Berufen nachzu­kommen, ohne sich Sorgen machen zu müssen, wie sie ihre Kinder für die vielen Stunden betreuen können. Damit helfen wir Menschen, die wiederum an­dere Sparten und Bereiche des Systems abdecken zu können.

Hast du Angst, zur Arbeit zu fahren?

Nein, keinerlei Angst. Wir halten uns an festgeschriebene und für alle verbindliche hygienische Abläufe. Diese wurden jetzt nochmals verschärft. Der Gedanke an Corona und eine mögliche Ansteckung spielt in meiner täglichen Arbeit keine Rolle. Kinder sind häufig krank und so werden auch wir als Fach­kräfte oft mit vielerlei Krankheiten kon­frontiert. Eine Sorge vor Ansteckung schwingt da nie mit.

Was motiviert dich, deinen Beruf auszuüben?

Dasselbe wie immer! Meine Arbeit ist mein Traumberuf, meine Berufung. Ich komme gern in die Kita, begleite Kinder bei ihren Lern-­ und Entwicklungsfortschritten. Für mich ist das immer eine schöne Zeit.

Für mich und meine Kollegen ist der pädagogische Alltag mit vielen Auflagen, Änderungen und Einschränkungen verbunden. Das ist eine Herausforderung und verlangt uns in der Planung und Umsetzung viel ab. Dennoch wird noch mal mehr deutlich, welch große Rolle wir als Kita in den Leben der Familien spielen und wie sehr sie auf unsere Arbeit angewiesen sind. Das motiviert auch noch mal.

 

„Wertschätzung geht oft im Alltag und der Hektik unter“

Melina Blechschmidt

 

Gibt es etwas, das du dir von den Hamburgern wünschen würdest?

Ich wünsche mir, dass sie den Er­zieherinnen, SPAs und pädagogischen Fachkräften in den Einrichtungen ihrer Kinder zeigen, dass sie sehen und wertschätzen, was sie tun. Oft geht das im Alltag und der Hektik unter.

Unsere Kita hatte ab dem ersten Tag der Corona-­Zeit geöffnet, ein Notgruppen­-Konzept entworfen, alle Eltern der Kita informiert, individuell beraten. Es wurden Angebote für die Kinder und Familien auf der Website hochgeladen, um auch die zu erreichen, die zu Hause bleiben. Wir sind immer ansprechbar, erreichbar und beraten, wenn Fragen oder Hilfen benötigt werden.

Die El­tern schätzen das sehr und wir wissen von vielen, dass wir sie damit enorm entlasten. Selbst, wenn ihr Kind gerade nicht in der Einrichtung betreut wer­den kann.

Was möchtest du Hamburg sagen?

Halten Sie durch! Wenn Sie Unterstützung brauchen, sind wir als Kinder­tagesstätten für Sie da. Und auch ein Dankeschön an die Familien, die ihre Kinder weiterhin zu Hause betreuen können.

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Musikerin

Miu, 33, Sängerin, Songschreiberin und Kulturaktivistin mit eigenem Label in Lurup

SZENE HAMBURG: Wie würdest du deinen Job beschreiben?

Ich bin Sängerin, schreibe, produ­ziere Songs und spiele viel live. Im letz­ten Jahr habe ich mein Doppelalbum „Modern Retro Soul“ mit eigenem La­bel in die Albumcharts katapultiert. Ne­benbei mache ich mich für mehr Sicht­barkeit von Frauen in der Musik stark bei Ladies Artists Friends.

 

„Ohne Musik wäre die Welt überhaupt nicht auszuhalten“

Miu

 

Warum ist dein Beruf aus deiner Sicht systemrelevant?

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Foto: Elena Zaucke

Filme und Musik waren für die Menschen nie wichtiger als jetzt, in Zeiten sozialer Isolation. Ich hoffe, dass dies eine neue Diskussion anstößt, wie viel uns Kultur wert ist. Gerade, wo es der Kultur sehr schlecht geht.

Was macht deinen Job für dich so besonders?

Ohne Musik wäre die Welt überhaupt nicht auszuhalten. Ich mag, dass mein Job mich immer wieder aufs Neueste kognitiv und emotional fordert, dass Musik vermag, Gefühle auszudrücken, Menschen zu erreichen und zu begleiten – neue Sichtweisen anzustoßen. Wir alle hören Musik mehrfach am Tag – es ist immer wieder wichtig, dass unsere Gesellschaft sich dieses Geschenks bewusst ist und Kultur nicht als Selbstverständlichkeit hinnimmt.
Weitere Interviews findet ihr in der Juni-Ausgabe der SZENE HAMBURG 👇

Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Hamburger Kinos: Corona’s Cut

Die Hamburger Kinos haben seit über zwei Monaten geschlossen. Die Verluste sind hoch, die Stimmung ist angespannt, die Zukunft ungewiss. Nun dürfen die Lichtspielhäuser unter strengen Auflagen wieder öffnen und hoffen auf die Treue der Hamburger Kinogänger. Darüber hinaus erleben die hier längst tot geglaubten Autokinos eine Renaissance

Text: Marco Arellano Gomes

 

Sobald das Leben unübersichtlich, ungewiss und düster wird, hilft das kollektive Träumen im kuschelig warmen Kinosaal drüber weg. Mit Popcorn in der einen und Softgetränk in der anderen Hand, taucht man ein in die traumhaften Welten. Für einige Stunden scheint alles vergessen. Man lässt sich mitreißen von den bewegten Bildern, bangt mit den Helden, leidet mit den tragischen Figuren und lacht mit den lustigen Charakteren. Wer im Saal sitzt, fiebert mit, vergießt Tränen, freut sich und wird zum Nachdenken angeregt.

Kinofilme brennen sich ins Gedächtnis ein. Sie sind durch keinen Stream zu ersetzen – und werden dringend gebraucht. Das Kino ist ein Sehnsuchtsort – und nie war die Sehnsucht danach größer. Im Normalfall wären die Säle bis zur letzte Reihe gefüllt gewesen. Doch die vergangenen Wochen und Monate waren nicht normal. Die Lichtspielhäuser hatten seit Mitte März geschlossen, die Vorhänge blieben zu, die Lichter aus. Für die Streaminganbieter war es das Geschäft ihres Lebens. Für die Hamburger Kinobetreiber war es eine Katastrophe. Sie hatten keine Einnahmen, aber Lohn- und Mietkosten blieben bestehen – und konnten durch Kurzarbeit allein nicht aufgefangen werden.

 

Wiedereröffnung der Kinos

 

Kurz vor Drucklegung der SZENE HAMBURG gab der Senat bekannt, dass auch die Hamburger Kinos ab dem 27. Mai wieder öffnen dürfen, sofern sie ein Konzept zur Einhaltung der strengen Auflagen vorlegen. Doch die Freude der Betreiber ist gedämpft. Zum einen können die vergangenen Ausfälle nicht wieder eingespielt werden. Jedes nicht verkaufte Ticket ist unwiederbringlich verloren; die Kinos werden nicht plötzlich doppelt so voll – in Corona-Zeiten schon gar nicht.

Hinzu kommen weitere Probleme: Für die Verleiher lohnt es sich nicht, einen Film für viel Geld zu bewerben und ins Kino zu bringen, wenn dieser nur in der Hälfte der Bundesländer oder in halb leeren Sälen gezeigt wird. Gehen die Bundesländer bei der Öffnung der Kinos nicht einheitlich vor, werden hochkarätige Produktionen vorerst wohl kaum zu sehen sein. Blockbuster wie „James Bond 007 – Keine Zeit zum Sterben“ – welch passender Titel für diese Zeit! – oder „Top Gun: Maverick“ mit Tom Cruise wurden bereits auf Ende des Jahres verschoben.

Allein die Vermarktung solcher Millionenprojekte benötigt mehrere Monate Vorlauf. Wenn die neuen, großen und bedeutenden Filme aber nicht im Kino gezeigt werden, haben die Filmliebhaber kaum Anlass dorthin zu gehen.Einige Bundesländer (Hessen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Schleswig-Holstein) haben trotz dieser Bedenken bereits Mitte Mai mit der Öffnung der Kinos begonnen. So viel zum gewünschten einheitlichen Vorgehen!

 

Die neue Normalität

 

Für die Kinogänger wird es unzweifelhaft ein ungewohntes Erlebnis: Tickets sollen online gekauft werden; im Foyer wird es Schutzwände geben; im Eingangsbereich helfen Bodenmarkierungen dabei, Abstand zu wahren; jede zweite Reihe im Kinosaal könnte mit Absperrband gesichert werden; zwischen den einzelnen Gästen bleiben jeweils zwei Plätze leer; nach jeder Vorstellung werden die Räume gründlich desinfiziert; jeder Kinobesucher soll mit Namen und Kontaktdaten registriert werden; im Kinosaal bestünde, bis zum Erreichen des eigenen Sitzplatzes, Maskenpflicht; für jeden Toilettengang soll der Mund- und Nasenschutz wieder aufgesetzt werden – und das nicht wegen der zu erwartenden Gerüche. Ist das noch das ersehnte Kinoerlebnis? Und lohnt sich unter diesen Bedingungen überhaupt der Betrieb?

Matthias Elwardt, Geschäftsführer der Zeise Kinos, ist skeptisch. Der Abstand der Sitzreihen beträgt in seinem Kino etwa einen Meter. „Wenn jede zweite Reihe gesperrt wird, rentiert sich der Betrieb des Kinos nicht.” Mit dieser Einschätzung steht er nicht allein da. „Wir brauchen weitere finanzielle Unterstützung, auch nach der Öffnung der Kinos. Denn die Hygieneauflagen werden auf lange Sicht keinen rentablen Kinobetrieb zulassen“, pflichtet Abaton-Chef Felix Grassmann bei. Senat und Kulturbehörde arbeiten derweil an weiteren Hilfsprogrammen. Man sei derzeit bei der Ausarbeitung der Details, erklärt die Kulturbehörde auf Anfrage.

 

Vielfältige Hilfen

 

Corona bringt die Kinos in existenzielle Nöte. Zwar gab es – neben den bundesweiten Hilfen – seitens der Hamburger Kulturbehörde und der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein (FFHSH) finanzielle Spritzen (unter anderem das im April beschlossene „Kino Hilfe Hamburg“-Paket in Höhe von 550.000 Euro sowie der vorgezogene Hamburger Kinopreis mit einer Gesamtausschüttung in Höhe von über 100.000 Euro).

Auch privat unterstützten die Hamburger die Programmkinos, etwa durch den Kauf von Kinogutscheinen, dem Streamen von Filmen bei Anbietern wie Kino on Demand, Grandfilm und CVOD, die ihre Einnahmen mit den Kinos teilen oder durch Spenden auf der Crowdfunding-Plattform Startnext, bei dem bis Redaktionsschluss immerhin 58.873 Euro zusammenkamen (Stand: 26.5). Auch der Kino-Vermarkter Weischer Media stellte gleich zu Beginn der Krise unter #hilfdeinemkino eine Website auf die Beine, auf der Kinowerbung angesehen werden kann. Das weckt nicht nur nostalgische Gefühle, für jeden gesehenen Spot bekommt das ausgewählte Kino einen Betrag gutgeschrieben.

Doch reicht das alles, um die Kinos am Leben zu halten? Der Hauptverband deutscher Filmtheater (HDF) stellte fest, dass die Hälfte der deutschen Kinos in Gefahr stünde, in den kommenden Wochen Insolvenz anmelden zu müssen. Bei der dreimonatigen Schließung hätten die deutschlandweit 1.734 Kinos laut HDF 40 Millionen Gäste weniger und einen Verlust von 17 Millionen Euro – pro Woche.

 

Programmkinos in Sorge

 

Die Hamburger Kinobetreiber sind besorgt: „Die Situation ist schwierig“, sagt Christian Mattern vom Alabama Kino in Winterhude. „Die Überbrückungsgelder der Kulturbehörde und der Filmförderung decken nur den Zeitraum bis zum 30.4. ab. Wir sehen aber weiteren Unterstützungsbedarf bis mindestens Anfang Juli.“ Fabian Daub von den fux-Lichtspielen ist überzeugt, dass ein zweites Rettungspaket notwendig ist, das den Zeitraum bis Ende des Jahres in den Blick nimmt.

Joachim Flebbe, Betreiber der Astor Film Lounge und des Savoy, sieht dringend Handlungsbedarf: „Von den staatlichen Hilfen ist bislang nicht viel zu sehen“, verriet er SZENE HAMBURG Mitte Mai. „Wochenlang zu warten und gleichzeitig die Kosten weiter decken zu müssen, das geht nicht lange gut.“ Die Rücklagen der meisten Kinos dürften bald aufgebraucht sein.

 

Die Rückkehr der Autokinos

 

Während die Lichtspielhäuser einen Weg suchen, um mit der neuen Situation umzugehen, feiert eine längst vergessene Kinotradition ein Comeback: das Autokino. In Hamburg sind gleich mehrere Anbieter im Gespräch: Die meiste Aufmerksamkeit genoss bislang das „Autokino Hamburg“ auf der Bahrenfelder Trabrennbahn. Auf der 20.000 Quadratmeter großen Fläche sollen 500 Fahrzeuge Platz finden, und auf der 24 mal elf Meter großen Leinwand werden Filme und Konzerte zu sehen sein. 22 Euro pro Fahrzeug kostet der Spaß. Die Outdoor Cine GmbH, die auch das Open-Air-Schanzenkino und das Schanzenkino73 betreibt, konnte das Autokino aber nicht, wie geplant, in Betrieb nehmen. Erst gab es Bedenken über die Anzahl der Toiletten und die Einhaltung der verschärften Hygienevorschriften. Dann vermutete die grüne Bürgerschaftsfraktion in Altona Bodenbrüter auf der Wiese, ehe sie in der entscheidenden Sitzung von einer Mehrheit aus SPD, FDP und CDU überstimmt wurde.

Grundsätzlich hat der Senat den Autokinos in Hamburg grünes Licht gegeben – unter Einhaltung der Maßnahmen (max. zwei Personen aus demselben Haushalt plus Kinder pro Auto, Online-Ticketverkauf, ausreichend Sanitäranlagen, Abstand von zwei Metern zwischen den Pkw, Ticket-Scan durch die geschlossene Windschutzscheibe). Dirk Evers, Geschäftsführer der Outdoor Cine GmbH, ist bereit und kann mit wenigen Tagen Vorlauf starten. Doch das Bauamt Altona „prüft und prüft“ noch, sagt er und hofft auf einen Starttermin Anfang Juni.

Da der Ton über UKW direkt in die Autoradios übertragen wird, spielt Lärm keine Rolle. Evers plant mindestens eine Aufführung pro Abend, bis September. Auf dem Programm stehen Filme wie „Känguru Chroniken“, „Night Life“ und der Oscar-Gewinner „Parasite“. Nach September wird auf der Fläche ein Wohnungsbauprojekt realisiert.

Die Liste weiterer, möglicher Autokinobetreiber ist lang: Das Zeise Kino hat gemeinsam mit der Bergmann-Gruppe den Zuschlag für ein Autokino auf dem Heiligengeistfeld bekommen. Anfang Juni geht es los. Hamburg Messe-Chef Bernd Aufderheide möchte gemeinsam mit Home United auf dem Messegelände starten. Das Abaton plant gemeinsam mit dem Konzertveranstalter Karsten Jahnke eins in Steinwerder – und gibt sich zuversichtlich schon Anfang Juni starten zu können. Das mobile Kino Flexibles Flimmern und Weischer Media haben auch reges Interesse. Wer hat noch nicht? Wer möchte noch?

Vergleichsweise bescheiden kommt das Autokino-Programm im Oberhafenquartier daher: Seit Anfang Mai bietet der Kulturladen Hamm und die Film Fabrique dort das erste Autokino-Erlebnis an. Das gibt es zwar schon seit 2015, aber zuvor eben nur in Hamm. Nun wird in der HafenCity gemeinsam geschaut – und das in Corona-Zeiten. Da ist auch einem kleinen Projekt wie diesem die Aufmerksamkeit sicher. Nur 30 Stellplätze bieten die Veranstalter an. Das erzeugt eine kuschelige Atmosphäre. Nach nur einer Stunde waren alle Karten ausverkauft. SZENE HAMBURG-Grafikerin Julia Kleinwächter war am Premierenabend (9. Mai) dabei – und berichtet von einem ganz besonderen Erlebnis. Zu sehen gab es den Mysterythriller „Bad Times at the El Royale“.

In Hamburg gab es von 1976 bis 2003 bereits ein Autokino. Es stand in Billbrook, jenem vernachlässigten Industriegebiet hinter Rothenburgsort, über das SZENE HAMBURG in der Ausgabe 4/2020 berichtete. Seinerzeit musste das Kino aufgrund verschärfter Umweltauflagen schließen. Gase drangen vom Boden an die Oberfläche. Eine Sanierung des Geländes war zu kostspielig.

 

Kollektive Träume

 

Der Wunsch der Menschen, wieder gemeinsam im Kino einen Film zu erleben, statt diesen nur zu Hause zu sehen, wird von Tag zu Tag größer. Viele sehnen sich nach dem echten, dem einzig wahren, dem fast sakralen Filmerlebnis, das nur in einem Kino möglich ist. Voller Vorfreude wird der Moment erwartet, an dem die Lichter – im positiven Sinne – ausgehen, sich der Vorhang öffnet und man sich umgeben von der Dunkelheit in anderen Welten, längst vergangenen Zeiten und faszinierenden Geschichten verliert, die in ihrer Dichte und Erhabenheit größer und intimer sind als das Leben selbst.

Einige spannende Filme sind bereits in der Pipeline: Christian Petzolds „Undine“, Burhan Qurbanis „Berlin Alexanderplatz“ – und der Film, der geradezu wie ein Heilsbringer erwartet wird: der Science-Fiction-Thriller „Tenet“ von Christopher Nolan („The Dark Knight“, „Inception“). Nolan denkt gar nicht erst daran, seinen Film zu verschieben und die Kinos untergehen zu lassen. Er setzt Corona das Beste entgegen, was Hollywood zu bieten hat: den Stoff, aus dem die Träume sind. Und den gibt es nur im Kino.


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Hamburgs Clubs gehen Live: Streamteam Dreamteams

Das Hamburger Nachtleben steht still. Clubs und ihre Mitarbeitenden kämpfen ums finanzielle Überleben. Für viele wurde die Umsetzung von Webstreams zur Hauptbeschäftigung. SZENE HAMBURG sprach mit ihnen über ihre aktuelle Situation und hat zwei Liveübertragungen begleitet

Text: Ole Masch
Fotos. Levke Marie Nielsen

 

Die Tauben reißen die Herrschaft an sich, bemerkt Bookerin Fenja Möller, als sie durch den Innenhof des Molotows läuft. Hier im Backyard, wo sonst Konzerte, Lesungen und DJ-Sets stattfinden, stehen an diesem Freitagabend nur ein paar verwaiste Stehtische. Fenja legt heute mit einer Kollegin beim Bad Ass Babes Club auf. Seit Corona sind sie die einzigen, die zwischen den Übergängen vor dem DJ-Pult tanzen. Die restlichen Partygäste sitzen vor dem Rechner.

Ob Punk-Auktion im Knust, Poetry Slam im Bunker, Konzert in der Astra Stube oder Live-Set im Golden Pudel. Weil Clubs in diesen Zeiten nicht öffnen dürfen, sind sie vermehrt dazu übergegangen, ihr Programm im Internet zu streamen. Einige haben sich United We Stream angeschlossen. Die Aktion in Kooperation mit Arte zeigt an mehreren Tagen der Woche Streams aus unterschiedlichen Clubs in ganz Deutschland. Während der Ausstrahlung kann über eine Plattform gespendet werden. In Hamburg geht dieses Geld in einen vom Clubkombinat verwalteten Rettungsfonds für notleidende Clubs. Acht Prozent fließen an die zivile Seenotrettung.

 

„Ein Stück Molotow für zu Hause“

 

„Wir streamen fast jeden Freitag und Samstag Partys, haben unser Pubquiz und ein paar Konzerte“, erzählt Fenja. „Wir möchten weiter Musik und Kultur schaffen. Ein Stück Molotow für zu Hause.“ Ihre Streamingveranstaltungen haben sie hier fast alle selbst aufgenommen. In der Regel reicht ein Techniker für Licht und Sound, Smartphone, Laptop und jemand, der den Chat betreut. Über eine virtuelle Getränkekarte können Drinks gespendet werden. Wann die Clubs wieder öffnen dürfen, ist völlig unklar. Behördliche Vorgaben werden nur für die nächsten Wochen gemacht. Bis Redaktionsschluss galt ein Betriebsverbot bis mindestens 30. Juni.

Ein Problem mit dem auch der Südpol kämpft. Es ist Samstag, später Nachmittag. Hinter zahlreichen Monitoren stehen Menschen mit Masken und rufen Anweisungen in den Raum. Vor dem sogenannten Stream-Team steht ein DJ-Pult mit Lightshow, die an Fernsehproduktionen erinnert. „Noch eine Minute“, „Licht etwas heller“, „der DJ ein Stück nach rechts“, „Uuuuund – wir sind live“. Letzter Satz geht in den einsetzenden Bässen unter.

 

Interaktive Formate sind gefragt

 

„Unser Lichttechniker hat den Club komplett umgestaltet, alles rausgerissen und mit allem, was er hat, ein richtig krasses Bühnenbild gebaut“, erzählt Eve, Mitglied im kollektiven Geschäftsleitungsplenum. Heute Nachmittag soll es mehrere DJ-Sets, ein Konzert von Gladbeck City Bombing und eine Performance zur Reproduktionsarbeit geben. „Wir alle sind mittlerweile etwas gelangweilt von DJ-Streams“, erzählt David, der später selbst auflegen wird. „Es gilt, dieses Bild aufzubrechen und eher in Richtung interaktiver Formate zu denken. Zum großen Finale der eigenen Spendenkampagne hat man das bereits umgesetzt. Bei einer moderierten Live-Show, übertragen aus zig Kameraperspektiven, sendete man über mehrere Stunden, samt Kaffeekränzchen, Mitmach-Aerobic und Senfverkostung.

Der Aufwand hat sich gelohnt. Mit den Streams, bei denen auf die Kampagne aufmerksam gemacht wurde, hat der Südpol über 110.000 Euro eingesammelt. Und so sind die Fixkosten zumindest für die nächsten Monate gestemmt.

 

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Nadine (Molotow), vor Corona in der Produktion. Heute Streambetreuung und Grafik

„Früher haben wir morgens immer zusammen im Backstage gefrühstückt. Es ist schade und total komisch, dass wir alle im Homeoffice sind. Bis auf die Streams mache ich alles von zu Hause. Das normale Club-Sommerloch, gibt es sicher auch bei Streams. Mir fehlt der Kontakt mit den Bands und ich hoffe, dass wir weiterhin hierbleiben können, nicht schließen müssen und bald wieder Konzerte haben. Aber der Sommer ist sicher gelaufen.“

 

David (Südpol),Geschäftsleitungsplenum, Programmgestaltung und Regisseur für Streamformate

„Durch die Corona Krise sind die Karten neu gemischt, aber Strukturen werden wieder erschaffen und Leute spezialisieren sich auf andere Themengebiete. Die Stream-Teams die sich gebildet haben, hatten vorher gar nichts mit Video zu tun und plötzlich macht sich ein ganz neues Kreativfeld auf. Eigentlich ist hier Fotoverbot und jetzt streamen wir. Und natürlich wollen wir uns solidarisch zeigen und nicht nur für den Club sammeln, sondern allgemein für das S.O.S. Save Our Sounds Konzept.“

 

Molotow-Sören-credit-Levke-Marie-NielsenSören (Molotow), eigentlich Personalplanung und Einkauf. Jetzt Social Media und Handwerker

„Mein Joballtag hat sich zu 100 Prozent geändert. Ich fuchse mich aber gerade in neue Dinge. Und es gibt allerhand Handwerkliches zu tun, für das sonst die Zeit fehlt. Wir sind hier alle in Kurzarbeit und das merkt man finanziell. Aber momentan bin ich dankbar für diese Unterstützung. Ich hoffe, dass wir irgendwann alle Leute sehen, die für uns arbeiten. Darauf freue ich mich sehr und bin sicher, dass wir das irgendwie durchstehen werden. Es ist aber ganz klar, dass die Gesundheit unserer Mitarbeiter und unserer potenziellen Gäste ganz oben steht.“

 

 

Eve (Südpol), Personalplanung, Einkauf, Geschäftsleitungsplenum. Heute Stream-Lichttechnikerin

„Mein eigentlicher Job ist komplett weggefallen. Aber alle haben richtig Bock auf die Streaming-Sache, bei der es viele technische Herausforderungen gibt. Und so bin dazu gekommen, hier die Lichtshow zu bedienen. Natürlich würde ich mir wünschen, dass wir bald wieder aufmachen. Vielleicht bekommen wir zumindest eine Sondergenehmigung für unseren Innenhof.“

 

Molotow-Fenja-credit-Levke-Marie-NielsenFenja (Molotow), PR, Booking und DJ beim Bad Ass Babes Club:

„Mein Leben hat sich seit Corona dras­tisch geändert. Ich war immer auf vielen Konzerten und es ist sehr komisch, nicht mehr ausgehen zu können. Nur im Homeoffice zu sitzen und nicht mit Kollegen vor Ort Gespräche zu führen, ist viel arbeitsintensiver. Auch hätte ich nie gedacht, dass wir überhaupt mal Konzerte und Partys streamen. Natürlich wünsche ich mir, dass wir bald wieder aufmachen. Aber ich möchte vor allem, dass es sicher ist. Wir brauchen auf jeden Fall Förderungen von der Stadt, damit wir und auch die anderen Clubs überleben können. Zumindest macht ab sofort unser Backyard als Schankwirtschaft auf.“

 

Hark (Südpol), Finanzen, Eventplanung und Geschäftsleitungsplenum. Seit Corona PR- Kampagnen:

„Leider bin ich nur noch selten hier. Deswegen freue ich mich beim Streaming dabei zu sein. Aktuell sind andere Kompetenzen gefordert als vorher. Ich mache gerade Pressearbeit, was für den Südpol sehr ungewöhnlich ist. Da alle meine anderen selbstständigen Tätigkeiten weggefallen sind, suche ich mir gerade Projekte wie United We Stream Hamburg oder unsere Rettungskampagne. Wie es weitergeht ist unklar. Unser Kurzarbeitergeld wurde bereits bis März 2021 bewilligt.“

 

Nanna & Louise (Teil von Krav fra en pandemi), Künstlerinnen und Aktivistinnen. Performance im Südpol-Stream:

Südpol-Nanna-u.-Louisa--credit-Levke-Marie-NielsenLouise (r.): „Ich habe viele Jobs verloren, was meine finanzielle Situation sehr schwer macht. Aber die ganze Zeit jetzt gibt einem die Möglichkeit, über den Sinn des Lebens nachzudenken. Als Künstlerin ist man immer in Aktion und kümmert sich pausenlos darum, dass man von dem, was man macht, auch überleben kann. Jetzt hat man die Möglichkeit zu reflektieren, was wirklich wichtig ist.”

Nanna: „Wir lernen gerade, wie es noch besser machbar ist, sich von unterschiedlichen Orten aus zu organisieren und zu vernetzen. In den letzten Monaten hat man gesehen, dass vieles, was unveränderbar schien, möglich wurde. Wenn in Portugal alle dort lebenden Geflüchteten Aufenthaltsrechte bekommen, sieht man, dass Staaten plötzlich sehr schnell reagieren können. Künstler und Aktivisten sollten daher den Druck erhöhen.“

 

Molotow-Kevin--credit-Levke-Marie-NielsenKevin (Molotow), früher freier Techniker für Konzerte, heute für Streams:

„Meine Auftragslage ist bis auf wenige Livestream­Veranstaltungen quasi bei null. Ich arbeite sonst auch für andere Clubs, Galas, Betriebsveranstaltungen oder Festivals und musste jetzt übergangsweise Hartz IV beantragen. Für Förderungen von der Stadt habe ich mich auch beworben, aber leider greifen die nicht für jeden und sind alles andere als unbürokratisch. Natürlich ist eine schnelle Öffnung von Konzerten und Partys schwierig, aber es würde zumindest psychisch schon mal helfen, wenn die Regierung uns mitdenkt und nicht links liegen lässt.“

 

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Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Aktion Hoffnungsbrief: Worte wie Umwarmungen

Die Diakonie-Stiftung MitMenschlichkeit lädt Hamburger ein, Briefe an Senioren zu schreiben, die momentan nicht besucht werden dürfen. Vor allem Kinder freuen sich über diese Möglichkeit

Text: Erik Brandt-Höge

 

Mitte März wurden Besuchseinschränkungen für stationäre Pflegeeinrichtungen beschlossen. Menschen in Alten­ und Pflegeheimen leben seitdem isoliert von ihren Lieben. Ei­nen kleinen, aber feinen Lichtblick bietet die Diakonie-­Stiftung MitMenschlich­keit. Sie hat kurzerhand die „Aktion Hoffnungsbrief “ gestartet. Und die geht so: Hamburger dürfen den über 3.200 Senioren, die in den 23 teilnehmen­ den Diakonie-­Einrichtungen zu Hause sind, ihre Gedanken in Zeiten von Corona schicken, vor allem natürlich ihre guten Wünsche und Hoffnungen.

Marta-hoffnungsbriefSeit dem 23. März wird jede Einrichtung wö­chentlich vom Diakonie­-Team beliefert – und das hat ordentlich zu tun. Bis Mitte April gingen rund 2.700 Briefe, Postkarten und Bilder ein. „Ich bin begeistert von den vielen liebevollen Briefen“, sagt Jutta Fugmann­-Gutzeit, Geschäftsführerin Diakonie-­Stiftung MitMenschlichkeit Hamburg und Initiatorin der „Aktion Hoffnungsbrief “. „Kleine Kunstwerke von Kindern sind dabei, Kitas senden Basteleien, Studentinnen schreiben über ihren Alltag. Da ist wirklich zu spüren, dass es darum geht, den älteren Menschen eine Freude zu machen. Das finde ich toll, gerade in dieser Zeit.“ Steht ein Absender auf der Hoffnungs­-Post, haben die Senioren zudem die Möglichkeit, sich zu bedanken und in den Austausch zu gehen.

Bewohnerinnen und Bewohner von Hamburger Alten- und Pflegeeinrichtungen dürfen ab heute, 18. Mai, wieder Besuch empfangen. Allerdings nur sehr eingeschränkt und nur mit einem Termin. Geschrieben werden kann daher weiterhin an diese Adresse:

Diakonie-Stiftung Mit Menschlichkeit, „Hoffnungsbrief “, Königstr. 54, 22767 Hamburg


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Kommentar zu Corona: Seid ihr alle noch ganz dicht?

Die Menschheit wird auf die Probe gestellt. Auf was es in der Isolation wirklich ankommt

Text: Basti Müller

 

Ich lehne mich auf den Stapel Bücher vor meinem Fensterbrett und schaue in den blauen Himmel. Unter meinen sauberen Händen liegt „Die Pest“ von Albert Camus. Darin wird die Stadt Oran von der Pestseuche heimgesucht. Sie wird abgeschottet. Cafés und Kinos sind anfänglich noch geöffnet, nach und nach verlieren die Bürger jedoch jede Art von Emotion. Die örtliche Versorgung ist gänzlich überfordert und im Mittelpunkt dessen steht Dr. Rieux, ein aufopferungsvoller Arzt, der sich nicht zu schade ist, seinen Patienten auch bis zum Tod zur Seite zu stehen.

Noch, und Gott bewahre, ist das System hierzulande nicht überlastet. Dass Deutschland bislang nicht im Corona-Chaos versunken ist, liegt zum Großteil am unermüdlichen Einsatz der Ärzte, Apotheker, Pflegekräfte und allen anderen im Gesundheitssystem Wirkenden. Wie Bund und Länder müssen sie von Tag zu Tag neu denken: Stationen räumen oder zusammenlegen, Betten aufbauen, Beatmungsgeräte bereithalten, Operationen verschieben, um den vom Virus Betroffenen den Vortritt zu lassen. Täglich setzen sie sich nicht nur einem erhöhten Ansteckungsrisiko, sondern auch zum Teil panischen Patienten aus. Das muss man sich einmal reinziehen: Während ich von einem wohlbehüteten Zimmer aus Vögel zwitschern höre, kämpfen die Ärzte und Pflegekräfte gegen die Zeit, eine exponentiell steigende Anzahl Neu-Infizierter und immer knapper werdende Ressourcen.

 

Was Menschsein bedeutet

 

Deshalb verstehe ich die Menschenmassen nicht, die sich sonntags an der Alster tummeln, geschweige denn die zwei älteren Kaliber, die sich auf der Straße vor meinem Fenster begegnen. Sie plaudern und stehen einen halben Meter voneinander entfernt. Der eine schnaubt in sein Stofftaschentuch, zum Abschied geben sie sich die Hand. „Bleib gesund“, lese ich auf den Lippen. Wie ironisch! Da stimme ich dem Radfahrer, der letztens wütend über den Altonaer Wochenmarkt brauste, doch glatt zu: „Seid ihr alle noch ganz dicht?“

Auch die Oraner begegnen der Pest zunächst mit Ignoranz, bis zum Höhepunkt des Dramas die Zahl der Todesopfer auf mehrere Tausend steigt. Es bildet sich ein Schema heraus, als fordere die Pest nur den Tod von jenen ohne Solidarität. Nun Parallelen zum Buch zu ziehen, das wäre ja unverschämt! Mache ich aber trotzdem. Zwar sorgt Covid-19 nicht wie im Roman für schwarze Beulen, aber Fakt ist, wer in diesen Tagen unter Leute geht, treibt die Ausbreitung des Virus voran. In Italien müssen die Leichen in den Krematorien schon gestapelt werden. Da nehme ich trockene Hände und den Umstand, dass ich meine Familie für eine Weile nur über Skype sehen kann, doch in Kauf.

Nutzen wir dieses kleine Zeitfenster stattdessen, wie es Camus in seinem Roman vormacht, um uns darüber klar zu werden, was Menschsein bedeutet: Was die wichtigen Dinge im Leben sind, wie wichtig jeder einzelne für das System ist und welchen Einfluss wir auf unsere Umwelt haben. Vielleicht gibt uns das Virus die Möglichkeit, einige Denkanstöße aus der Zeit vor Corona auch danach zu verwirklichen. Bis dahin weiß ich die Zeit auf jeden Fall zu nutzen: Verwandte und alte Freunde anrufen, unser Bad renovieren, mein Fenster putzen, einen klaren Blick behalten und lesen. Übrigens überlebt Dr. Rieux die Pest und ich bin jetzt schon beim nächsten Buch. Robinson Crusoe von Daniel Defoe. Passt irgendwie.

 

Katharina Schütz liest “Die Pest” von Albert Camus


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2020. Das Magazin ist seit dem 28. März 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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#PayNowEatLater: Mit Gutscheinen die Gastronomie retten

PayNowEatLater ist eine Initiative zur Rettung von Gastronomen und kleinen Unternehmen in Zeiten von Corona

 

Cafés räumen ihre Tische weg, Restaurants schließen, Bars bleiben leer: Corona hat die Stadt fest im Griff – und das öffentliche Leben mittlerweile fast zum Stillstand gebracht. Einnahmen bleiben aus, laufende Kosten fallen trotzdem weiterhin an. Das gefährdet mehr und mehr die Existenz von lokalen Gastronomen.

Die vier Hamburger Freunde Malte, Patrick, Niclas und David haben selbst eigene Unternehmen in der Foodwelt und lieben die kulinarische Vielfalt, die schrägen Bars und die gemütlichen Cafés in der Stadt. Damit das so bleibt, haben sie eine Rettungsaktion für Gastronomen und Einzelhändler ins Leben gerufen: die Initiative #PayNowEatLater. Auf der neu gegründeten Plattform können Gutscheine für Restaurants und Cafés gekauft und dann nach der Corona-Zeit eingelöst werden. Alle Erlöse fließen an die jeweiligen Partner, damit sie ihre Mitarbeiter bezahlen und laufende Kosten decken können. Seit dem Start der Initiative kamen bereits mehr als 127.000 Euro zusammen.

 

So könnt ihr mitmachen:

 

Das Team arbeitet mit Hochdruck daran, möglichst schnell möglichst viele Partner ins Boot zu holen, für die online Gutscheine bestellt werden können. Wer ein Restaurant, ein Café oder eine Bar betreibt, kann sich online für die Aktion anmelden. Einfach einen Fragebogen ausfüllen und die individuelle Situation schildern.

paynoweatlater.de


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Coronavirus: Statement SZENE HAMBURG

UPDATE 17.3.2020

 

Liebe Leser,

seit wir uns letzten Freitag entschieden haben, Veranstaltungen weiterhin anzukündigen, veränderte sich der Alltag gefühlt stündlich. Durch die Anordnung der Stadt Hamburg, haben jetzt auch die letzten Kulturbetriebe bis einschließlich 30.4. ihre Türen geschlossen. Auch die Gastronomie öffnet ihre nur noch bis 18 Uhr – wenn überhaupt. Aber: wir werden online und in unseren Social-Media-Kanälen weiterhin über Neuigkeiten und Geschichten aus der Stadt berichten.

In unserer Print SZENE HAMBURG werden wir nicht, wie gewohnt, Konzerte, Theaterstücke oder Ausstellungen vorgestellen. Doch der Journalismus macht bei uns keine Pause. Auch wir widmen uns in der April-Ausgabe COVID-19 und lassen Experten und Verantwortliche aus Politik und Wirtschaft zu Wort kommen. Hamburger aus Hotellerie, Gastronomie und Gesundheitswesen erzählen, wie sich der Virus auf ihr Leben auswirkt und wie sie mit der Ausnahmesituation umgehen. Dabei wird einmal mehr klar: Nur zusammen kommen wir da durch!

Bleibt gesund!

Eure SZENE HAMBURG


13.3.2020

 

Liebe Leser,

nach den aktuellen Ereignissen am heutigen Freitag, den 13.3., hält der Coronavirus die Stadt in Atem. Immer mehr Veranstaltungen werden abgesagt, Reservierungen in Hotels und Restaurants werden storniert und viele Museen werden geschlossen – das soziale Leben sollte möglichst auf Eis gelegt werden. Wir haben lange diskutiert, wie wir als Stadt- und Kulturmagazin damit umgehen. Uns ist die Verantwortung, die jeder jetzt trägt, um die Verbreitung des Virus zu verlangsamen, bewusst.
Doch die Situation führt auch dazu, dass unter anderem Künstler, Kulturbetriebe, Clubs und Gastronomen große wirtschaftliche Einbußen erleiden, die zum Teil existenzgefährdend sind. Deshalb haben wir uns entschieden, die Veranstaltungen, die weiterhin stattfinden, auch weiterhin anzukündigen. Und schließen uns damit der Meinung Jan Böhmermanns an: „Kultur und Kunst sind kein Luxus“. Sie brauchen unsere Unterstützung!

Übernehmen wir Verantwortung gegenüber unseren Mitmenschen. Denn es geht nur gemeinsam.

Kommt alle gut durch die nächste Zeit und bleibt gesund!

Eure SZENE HAMBURG


Szene-Cover-März-2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Februar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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