Nicht mehr Kuestenklatsch, sondern The Coast: Jörg Wittekindt (l.) und Roman Adam; Foto: Bonnie Bartusch

Tech-House-Duo: Küsten-Patriotismus

Mit groovigem, tanzbarem Sound von lokaler Szene-Größe zum international gebuchten Club-Act. Roman Adam und Jörg Wittekindt gehörten mit Kuestenklatsch seit Jahren zum Nachtleben. Warum sie jetzt ihren Namen ändern, über ihr Künstlerdasein in Pandemiezeiten und aktuelle musikalische Projekte, erzählen sie im Interview

Inteview: Ole Masch

 

SZENE HAMBURG: Jörg und Roman, Kuestenklatsch ist Geschichte. Wieso ändert ihr euren Namen?

Jörg Wittekindt: Wir haben am 6. August alles auf The Coast umgestellt. Hauptsächlich, um noch mehr für den internationalen Markt gerüstet zu sein und das ganze Projekt auf eine erwachsene Ebene zu heben. Damals hätte niemand ahnen können, dass wir circa acht Jahre später fast 200 Tracks released haben.

Roman Adam: Wichtig war uns etwas mit Hamburg Bezug und dass das Projekt einen maritimen Touch bekommt. In unserem Logo war sogar eine kleine „Hammaburg“ integriert. Das Ganze sollte diesen einen roten Faden besitzen. Ob bei unserem Label Fish & Chicks oder bei einigen Veranstaltungsformaten.

Habt ihr keine Sorge, euren Stand in der Szene zu verlieren?

Jörg: Ja klar, das schwingt natürlich mit. Aber wir sagen immer, dass wir uns als Menschen nicht verändern. Wir sind immer greifbar, nahbar und interagieren viel auf persönlicher Ebene. Daneben versuchen wir unsere Kanäle mit der Umstellung zu befüttern, sodass viele Menschen und Fans davon mitbekommen.

Roman: Social Media sind heutzutage schnell umgestellt. Bei musikalischen Plattformen sieht das etwas anders aus. Da fängt man wieder unten an. Aber das hat auch etwas Positives. Wir können auch musikalisch wieder neu gestalten.

 

Heimat

 

Was verbindet ihr mit der Küste?

Jörg: Ganz klar: Die Heimat! An der Küste sind wir geboren – Roman in Kiel und Jörg in Bremerhaven – und hier werden wir sicherlich den Rest unseres Lebens verbringen. Wir haben beide mal auf einem Kreuzfahrtschiff gearbeitet. Nur Wasser, grenzenloser Blick, Wind. Das alles ist für uns Lebensqualität und so was findet man nur an der Küste. Man kann uns gerne Küsten-Patriotismus vorwerfen.

Wie wird man vom Hamburger DJ-Duo zum international gebuchten Act?

Roman: Als wir begonnen haben, hatten wir von Tag eins an das Ziel, international erfolgreiche Musik zu machen. Der Traum war vom ersten Moment da. Das Produzieren, das Auflegen sowie das ganze Drumherum ist unser Beruf.

Jörg: Ein weiterer Meilenstein ist die richtige Wahl der Booking-Agentur. In unserem Fall ist es Vivid Artists aus Berlin, zu denen zum Beispiel Format:B gehören. Und was man absolut nicht verkennen darf, ist das eigene Netzwerk. Manchmal ergeben sich einfach Dinge durch Kontakte.

 

Das gute alte Kurhotel

 

In welchen Hamburger Clubs finden sich eure Wurzeln?

Jörg: Unser erstes wirkliches Booking hatten wir im guten alten Kurhotel. Das war ein komisches Gefühl auf einmal die Seiten zu wechseln: Vom Gast zum DJ. Die meisten Nächte jedoch haben wir definitiv im Waagenbau verbracht.

Ihr tretet als Duo auf. Gibt es eine bestimmte Rollenverteilung?

Roman: Wir stehen zumindest immer gleich. Jörg links, ich rechts. Witzigerweise auch wenn wir mal nicht auflegen, sondern irgendwo spazieren gehen. Das ist schon so drin im Kopf.

Jörg: Roman spielt immer den ersten Track. Das ist vielleicht sogar ein kleiner Aberglaube geworden. Während er sich federführend um die Produktionen und das Mastering kümmert, führe ich das Label, befüttere Social-Media-Kanäle, schaffe Content und kümmere mich um die Kommunikation. Manchmal machen wir aber beide alles, sitzen gemeinsam im Studio. Was ganz wichtig ist: Nichts passiert ohne das Einverständnis des anderen.

 

Solo geht auch

 

Seid ihr auch solo unterwegs?

Roman: Ab und zu. Aber The Coast gibt es nur im Doppelpack. Jörg ist schon über 20 Jahre als DJ unterwegs, kommt ursprünglich aus dem HipHop. Manchmal findet man ihn noch auf Gigs in diesem Genre. Noch mehr aber hinter den Kulissen als Booker.

Jörg: Roman hat seit Kurzem ein Techno-Projekt als Roman Adam und tobt sich hier ein bisschen aus. Letzter Release war auf Oliver Huntemanns Senso Label.

 

Die Pandemie

 

Wie seid ihr als Künstler durch die Pandemie gekommen?

Jörg: Wir haben uns 24/7 in Studio eingeschlossen. Das Jahr 2020 mit unglaublichen 62 releasten Tracks abgeschlossen. Und dann haben wir viele Streams gespielt, auch einen eigenen betrieben.

Roman: Wir müssen ehrlich sagen, wir haben versucht jeden Tag genauso zu arbeiten, als wenn es keine Pandemie wäre. Wir wollten immer auf den Tag X vorbereitet sein, an dem es wieder losgeht.

Konntet ihr Hilfen in Anspruch nehmen?

Roman: Ja und damit haben wir uns auch lange beschäftigt. Es gab für Künstler schon einige gute Sachen. Zum Beispiel einen finanziellen Rettungsschirm der GEMA, den du als Mitglied in Anspruch nehmen konntest.

Jörg: Man konnte sich auf diverse Fördertöpfe bewerben, wie zum Beispiel die Initiative Musik. Und natürlich muss man lobend die Stadt Hamburg erwähnen. RockCity ist ebenfalls eine tolle Sache.

 

Neue Gigs

 

Habt ihr die vorsichtigen Öffnungen bereits zum Auflegen nutzen können?

Roman: Ja, obwohl es immer wieder eine kleine Wundertüte war. Findet es nun statt, findet es nicht statt? Aber wir durften mal wieder auf dem Ferdinands Feld Festival spielen oder auf dem Teufelsberg in Berlin. Das waren beeindruckende Momente. Endlich wieder Menschen auf der Tanzfläche, endlich wieder Feedback und Resonanz. Unbezahlbar und das, was man am meisten vermisst hat.

Und was ist noch in diesem Jahr geplant?

Jörg: Wir haben diverse Anfragen aus dem Ausland, denn da sieht die Situation in einigen Ländern etwas anders aus. Wir werden dieses Jahr auf jeden Fall noch mal in Kroatien und in London sein. Hamburg steht noch nicht auf der Agenda, da müssen wir und die Veranstalter leider weiterhin von Woche zu Woche denken.

 

Wunsch an die Politik

 

Welche Maßnahmen wünscht ihr euch von der Politik in Hinblick auf zukünftige Veranstaltungen?

Jörg: Da können wir mittlerweile ein ganzes Buch drüber schreiben. Auf jeden Fall eine bundeseinheitliche Regelung. Wir leben in Hamburg und sind von zwei Bundesländern eingerahmt, in denen verschiedene Gesetzgebungen gelten.

Roman: Gezielte und konkrete Förderungen für Veranstaltungen mit verminderten Kapazitäten, um Verluste auszugleichen. Gleichstellung zwischen den kulturellen Veranstaltungen: Warum können zu einem Fussballspiel Tausende von Menschen in ein Stadion, während zu einem Konzert nur begrenzt Menschen dürfen?

Jörg: Bezogen auf die Clubszene ist es schon lange weit nach zwölf. Ehrliche Strategien und Ausblicke zu Öffnungen sind absolut nicht vorhanden. Momentan hängt jeder in der Luft. Clubbesitzer, Künstler, Zulieferer haben keine wirkliche Planungsgrundlage. Wir wünschen uns daher mehr Flächen zur kulturellen Nutzung im Stadtbereich. Die meisten gehen leider gerade an Investoren. Ein gutes Beispiel ist da die Holsten Brauerei. Leider ein reines Spekulationsobjekt. Aber der Sommer hat gezeigt, dass wir noch da sind und das gibt uns Hoffnung. Denn dann gibt’s weiterhin viele großartige Abende mit The Coast.

instagram.com/the_coast_music/

Die Reise von Kuestenklatsch zu The Coast als Video:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2021. Das Magazin ist seit dem 28. August 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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