Theaterkritik: „The Picture of Dorian Gray“

Dorian Gray auf der Theaterbühne: Eine Kritik zu Paul Glasers Inszenierung nach Merlin Holland und John O'Connor mit ungekürzten Passagen und tollem Soundtrack
Äußerlich Dandy, innerlich monströs: Dorian Gray (Joshua Campbell-Hart)
Äußerlich Dandy, innerlich monströs: Dorian Gray (Joshua Campbell-Hart) (©Stefan Kock)

Vorsicht vor unüberlegtem Wünschen! Berühmtes Beispiel: Der 20-jährige, attraktive Dorian Gray möchte seine Jugend auf ewig erhalten. Dafür würde er sogar seine Seele opfern – sagt er im Angesicht des gemalten Porträts, das ihn im besten Licht zeigt. Er wird erhört, und statt seiner altert „The Picture of Dorian Gray“. Oscar Wildes einziger Roman erschien 1890 erstmals in einem Magazin und verursachte wegen seiner homoerotischen Anspielungen im prüden viktorianischen Britannien einen Skandal (obwohl der Herausgeber den Text vor der Veröffentlichung eigenmächtig entschärft hatte). Vor allem die fehlende Bestrafung krimineller Handlungen rief Empörung hervor: Wilde erzählt, wie sich Skrupellosigkeit und Egoismus in Dorians Gesicht auf dem Gemälde einschreiben, während er selbst in Schönheit konserviert scheint.

Von seinem Mentor Lord Henry zum Hedonismus verführt, treibt Gray seine Verlobte in den Selbstmord, tötet den Maler des Porträts und erpresst einen Freund, damit dieser den Leichnam spurlos verschwinden lässt. Paul Glasers Inszenierung liegt eine besondere Textfassung zugrunde: Sie basiert auf der Adaption von Wildes Enkel Merlin Holland und John O’Connor, die erst seit 2015 aufgeführt wird und zuvor zensierte Passagen wieder aufnimmt – ganz im Sinne des Autors. Dem gegenüber steht Glasers brave, uninspirierte Regie, die vier gute Schauspieler und Schauspielerinnen eher zudeckt als strahlen lässt. Glasers großartige Musik hingegen und die Projektionen mit Bezügen zur Entstehungszeit des Romans sorgen für eine stimmige Atmosphäre. 

Diese Kritik ist zuerst in SZENE HAMBURG 10/26 erschienen. 

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