Am Anfang übersetzt Eva Bruhns die Worte versehentlich falsch, sagt „Gäste“, wo es „Gefangene“ heißen muss, und „Licht“, wo eigentlich „Gas“ gemeint ist. Als sie ihren Irrtum bemerkt, zeichnet sich auf dem Gesicht der jungen Dolmetscherin ein Anflug jenes Entsetzens ab, das sie in den kommenden Monaten ganz erfassen wird. Denn Eva erhält im Dezember 1962 einen großen Auftrag: In einem Gerichtsprozess soll sie Zeugenaussagen vom Polnischen ins Deutsche übertragen, Aussagen über die Gräueltaten von Auschwitz, begangen zwanzig Jahre zuvor. Bis dahin hat Eva, die in der Inszenierung „Deutsches Haus“ am Thalia Theater äußerst überzeugend von Nellie Fischer-Benson dargestellt wird, noch nie vom Vernichtungslager Auschwitz gehört. Doch nun stehen Mitglieder der Lager-SS in Frankfurt vor Gericht, 22 Verbrecher gegen die Menschlichkeit, der Prozess dauert zwei Jahre.
„Deutsches Haus“: Wie Aufarbeitung beginnen kann
Für ihr Romandebüt, auf dem die Bühnenfassung von Jorinde Dröse (Regie) und Johanna Vater beruht, hat die Drehbuchautorin Annette Hess („Weissensee“) sich die Mitschnitte des Prozesses angehört, über 400 Stunden. Im Theater wird nun eine Auswahl dieser originalen Tondokumente eingespielt, Aussagen von Überlebenden, von Tätern. Im Kontrast dazu steht das beharrliche Schweigen über den Holocaust, das in Evas Elternhaus ebenso herrscht, wie im ganzen Land, steht die Lebenslust, die im „Deutschen Haus“ zelebriert wird, der elterlichen Gaststätte. Doch da ist noch mehr: Langsam kommt ans Licht, dass Eva und ihre Schwester als Kinder auf dem Lagergelände von Auschwitz wohnten – denn ihr Vater (erschreckend unnahbar: Tim Porath) verdingte sich damals als Koch für die Lagerverwaltung. Eva stellt die Eltern erfolglos zur Rede. Und begehrt nebenbei gegen den Verlobten auf, der sie von der Übersetzungsarbeit abhalten, auf Heim und Herd beschränken will. Sie kämpft gegen die Ignoranz, macht vor, wie Aufarbeitung beginnen kann.
Diese Kritik ist zuerst in SZENE HAMBURG 10/26 erschienen.

