Die Newcomerin Nina Chuba im Interview

Bisher kannte man die 21-jährige Hamburgerin vor allem als Schauspielerin, jetzt ist Nina Chuba auch im Musikgeschäft präsent. Kürzlich gewann sie den Hamburger Musikpreis Krach + Getöse und veröffentlichte danach ihre erste EP „Power“

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Nina, eben noch Krach + Getöse gewonnen, jetzt schon eine EP draußen. Die Musikkarriere ist ordentlich angekurbelt. Bist du geduldig genug, wie man so sagt, „gesund zu wachsen“? Oder kann’s dir nicht schnell genug gehen mit dem Erfolg?

Nina Chuba: Mal so, mal so. Manchmal will ich, dass es schneller geht, andererseits ist mein Management auch sehr dahinter, dass ich kein schneller Hype werde, der genauso schnell wieder vergeht. Alles Schritt für Schritt zu nehmen, ist ja auch das Beste, was man als Künstlerin machen kann. Besser jedenfalls, als von jetzt auf gleich nach ganz oben gebeamt zu werden.

Was ist denn momentan dein oberstes Ziel?

Ich würde mir schon wünschen, dass ich international einen Namen bekomme, also auch auf dem englischen und amerikanischen Markt. Deswegen mache ich auch englische Musik.

Ein Stück weit Kritik am schnellen Show-Geschäft, in dem du als Schauspielerin und jetzt auch als Musikerin unterwegs bist, ist auf „Power“ im Song „Jungle“ zu hören …

… den ich im vergangenen Jahr nach der Berlinale geschrieben habe, er bezieht sich vor allem auf die Schauspielbranche, aber man kann ihn natürlich auch gut auf die Musikszene beziehen. Beide haben Nachteile, und wenn man ein Teil davon ist, macht man ab und zu selbst Dinge aus egoistischen Gründen. Das ist das Business (lacht).

 

„Durch ihn habe ich viel gelernt“

 

Wann hast du denn zuletzt etwas aus egoistischen Gründen gemacht?

Hmm, na ja, manchmal mag man bestimmte Leute persönlich sehr gerne, kommt mit ihnen aber auf einer Arbeitsebene nicht wirklich gut zusammen. Und es ist schon komisch, wenn man dann sagen muss: „Lass uns lieber Freunde sein und die gemeinsame Arbeit beenden.“ Aber das war auch nicht wirklich egoistisch von mir, ich bereue es zumindest nicht.

Mal zur Musik: Stammt die Klangästhetik von „Power“, dieser leicht düstere, Billie-Eilish- mäßige Sound, eigentlich voll und ganz aus deinem Kopf?

Ich arbeite mit meinem Produzenten und Co-Writer Morten Aamodt zusammen, er hat seinen Teil dazu beigetragen, dass die EP so geworden ist, wie sie jetzt ist. Durch ihn habe ich viel gelernt. Ich mache das alles ja auch noch gar nicht lange, habe erst vor anderthalb Jahren meinen ersten richtigen Song geschrieben.

Dann stammen die „Power“-Lyrics auch von euch beiden?

Ja, die meisten Texte schon.

Nun ist die EP raus – aber du kannst damit nicht so oft live auftreten, wie du es geplant hattest. Wie gehst du mit der aktuellen Krisensituation um?

Ich weiß noch nicht, wie es sich anfühlt, als Solo-Künstlerin live aufzutreten, von daher fehlt mir noch nichts. Aber dieses Jahr wäre natürlich eine gute Zeit gewesen, um mal ein bisschen den Fuß in die Live-Szene zu kriegen und mich auszuprobieren, bevor es vielleicht zu größeren Venues kommt. Ich muss mit der Situation jetzt einfach zurechtkommen und glaube, dass es irgendwann auch wieder anders sein wird.

 


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Kunstprojekt: „Welt in Teilen“ auf dem Heiligengeistfeld

Abenteuerliche Erdhügel, bunte Pfützen und Ideen für eine andere Welt: Der Kunstverein St. Pauli übernimmt das Heiligengeistfeld.

Interview: Sabine Danek

 

SZENE HAMBURG: Axel, eure Gruppenausstellung heißt „Welt in Teilen“. Was bedeutet das? 

Axel Loytved: Dass wir gemeinsam mit anderen Künstlerinnen und Künstlern eine andere Welt beschreiben wollen, zumindest Teile davon. Allerdings haben wir den ersten Förderantrag bereits vor zwei Jahren gestellt und sind selbst fasziniert davon, wie die Bedeutung sich durch die aktuelle Situation noch mal verändert hat.

Franziska Nast: Die Corona-Krise ist ein großer Einschnitt, ob es um das Alltagsleben, das Miteinander oder den Kunstbereich geht. Auszustellen, sich auszutauschen und gemeinsam Projekte zu realisieren, ist nur eingeschränkt möglich. Alles ist so zerrupft, in Teilen, und neue Strukturen entstehen.

Wie entstand die Idee, auf dem Heiligengeistfeld etwas zu machen? 

Franziska: Die Erprobung experimenteller Ausstellungsformen, die auch Leute erreichen, die vielleicht sonst nicht in Ausstellungsräume gehen, der Kunst dann aber zufällig draußen begegnen, hat uns schon immer interessiert.

Axel: Als wir 2006 mit dem Kunstverein St. Pauli gestartet sind, haben wir in einer Büro-Wohnung ausgestellt, dann in Containern, die auf Tour gingen, später in Autos auf Parkplätzen und jetzt in einem Käfig in Planten un Blomen. Das Heiligengeistfeld hat uns schon immer interessiert. In einer Stadt, in der öffentlicher Raum nachverdichtet wird, privatisiert und kommerzialisiert, ist es immer noch ein Möglichkeitsraum, eine riesige Brache mitten in der Stadt. Gefühlt wird sie permanent vom Dom bespielt, tatsächlich aber nur drei Mal einen Monat und den Rest der Zeit steht sie leer.

 

Das Heiligengeistfeld ist ein spannungsreicher Ort

 

In eurem Programm zitiert ihr die Künstlerin Annette Wehrmann, die es „Halde an Zeit und Langeweile, Überfluss und Abfall“ nennt.

Axel: Ich sehe das nicht nur negativ, sondern als Möglichkeitsraum. Das Heiligengeistfeld hat einige dieser Qualitäten, ist ein interessanter, spannungsreicher Ort. Auch, weil dort seit Jahren in den Dom-Pausen die Kampfmittelsondierung stattfindet. Diese Kombination aus düsterer Vergangenheit und glitzerndem Jahrmarkt ist nahezu absurd.

Franziska: Die metertiefen Löcher und alles, was dort freigelegt wird, muss für den Dom jedes Mal wieder geschlossen werden, der Boden geplättet. Und dann kommt das tonnenschwere Riesenrad drauf.

Wie habt ihr die Künstlerinnen und Künstler für das Projekt ausgewählt?

Axel: Im Kunstverein St. Pauli sind wir sieben Leute, die Auswahl ist ein kollektiver Prozess. Jeder hat ein paar Namen im Kopf und den Anspruch, ein breites Spektrum künstlerischer Positionen zu zeigen.

Franziska: Gleichzeitig geht „Welt in Teilen“ extrem von dem Ort und von unseren Eingriffen dort aus. Wir lassen eine fiktive Landschaft entstehen und haben nach Arbeiten geschaut, die wir uns dort wunderbar vorstellen können oder Künstlerinnen und Künstler gebeten, Eingriffe vorzunehmen.

Axel: Thomas Rentmeister arbeitet mit Materialanhäufungen, Michael Beutler mit Verschalungsmaterial, wie es auf Baustellen vorkommt. Andrea Winkler entwirft Eventszenarien und Wegeleitsysteme, die gut in das Umfeld passen und in der aktuellen Situation noch mal eine größere Bedeutung bekommen.

Franziska: Wir haben geschaut, was in unserer Landschaft funktioniert, aber auch was es für Bezüge zur Brache, zu St. Pauli oder zum Dom gibt.

 

Künstler und Künstlerinnen aus Hamburg und der Welt

 

Die Künstlerinnen- und Künstlerliste ist international …

Franziska: Es war uns schon immer wichtig, dass Hamburger Künstlerinnen und Künstler bei unseren Ausstellungen beteiligt sind, aber auch, dass es den Blick nach Außen gibt.

Gleichzeitig gibt es zahlreiche Veranstaltungen. 

Axel: Es findet fast jeden Tag etwas statt. Performances, Talks und vieles andere. Thomas Geiger aus Wien zum Beispiel, der mit „peeing in public“ gerade eine kleine Enzyklopädie zum Urinieren in der Öffentlichkeit herausgebracht hat, wird mit Besuchern durch die Umgebung ziehen und Auszüge aus seinem Buch performen. Das passt natürlich sehr gut.

Franziska: Dr. Anna-Lena Wenzel, die einen Blog zu Brachen hat, wird eine Diskussionsrunde mit dem Titel „Brache as (is) a state of mind“ mit der Gruppe „Stadt im Regal“ und der Künstlerin Karen Winzer leiten.

Es gibt auch eine Sci-Fi-Oper.

Franziska: Ja, die „Triabolischen Luken“. Das ist eine Performance von Balz Isler und Justin Kennedy. Die beiden treten seit ein paar Jahren als Prediger, Sänger, Geschichtenerzähler auf und Teile der Inszenierung bleiben als Ausstellungsstücke zurück. Sie werden räumliche Eingriffe vornehmen und die Zuschauer in verschiedene Situationen bringen. Es wird ziemlich skurril und ich möchte nicht zu viel verraten.

Welt in Teilen, Heiligengeistfeld
10.–20.9., täglich 


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Kinostart: Love Sarah – Liebe ist die wichtigste Zutat

„Love Sarah – Liebe ist die wichtigste Zutat“ ist der Debütfilm der er Hamburger Regisseurin Eliza Schroeder

Eine eigene Konditorei im Londoner Edelstadtteil Notting Hill – das ist der Traum von Sarah (Candice Brown), doch kurz vor der Eröffnung stirbt sie überraschend bei einem tragischen Fahrradunfall. Ihre Tochter Clarissa (Shannon Tarbet) entschließt sich, nach Trennung von ihrem Freund, den Traum ihrer Mutter zu realisieren und die Konditorei zu eröffnen. Sie überredet ihre exzentrische Großmutter Mimi (Celia Imrie) und Sarahs beste Freundin und Geschäftspartnerin Isabella (Shelley Conn) dazu, mitzumachen. Als dann auch noch Matthew (Rupert Penry-Jones), der charmante Jugendfreund der verstorbenen Sarah und Backprofi an Bord ist, erwecken die vier die Konditorei zum Leben.

Liebe und Hoffnung, Humor und Herz – das sind die Zutaten dieses Films der Hamburger Regisseurin Eliza Schroeder. Ihr Debütfilm spielt in ihrer Wahlheimat London. Der Zuschauer spürt die Verliebtheit, die Schroeder dieser Stadt, aber auch der Backkunst gegenüber empfindet. Cremetörtchen, Himbeer-Eclairs und Schokoladenkuchen werden liebevoll in Szene gesetzt. Die kulinarischen Köstlichkeiten wurden eigens vom Spitzenkoch Yotam Ottolenghi kreiert und werden auf der Leinwand gebührend zelebriert. „Liebe ist die wichtigste Zutat“ heißt der Zusatz im Filmtitel, doch genau das wird dem Film ein Stück weit zum Verhängnis.

Die Liebe zur Stadt, zu den Leckereien und zum Filmemachen reicht nicht, um darüber hinwegzusehen, dass es den Charakteren an Tiefe fehlt. So ist von der Trauer des Verlustes seitens der Sarah nahegestandenen Protagonisten kaum etwas zu spüren. Über Sarah selbst erfährt man nichts. Rückblenden gibt es keine. Zudem vermag die zentrale Lovestory nicht genug Zauber zu versprühen. Der Story fehlt es an überraschenden Wendungen oder Einfällen. „Love Sarah“ ist unzweifelhaft ein schöner, leichter, ansehnlicher Film. Für ein Debütfilm reicht das allemal – und vielleicht ist es auch genau das Richtige für diese Zeit. So herrlich und schmackhaft wie eine Schokotorte. /mag

Kinostart: 10. September 2020

 


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Erstmals nur digital: Theaternacht Hamburg

Die Theaternacht findet erstmals nur digital statt – und ist dadurch für jeden zugänglich. Ein Gespräch mit Matthias Schulze-Kraft, Vorstand des Hamburger Theater e.V., über das, was auf die Besucher zukommt

Interview: Dagmar Ellen Fischer

 

SZENE HAMBURG: Matthias Schulze-Kraft, die diesjährige Hamburger Theaternacht findet am 12. September erstmals virtuell statt. Am selben Abend bespielen indes fast alle Hamburger Theater ihre Bühnen live, wird es Kollisionen geben?

Matthias Schulze-Kraft: Aufgrund der Beschränkungen ist die Durchführung einer analogen Theaternacht 2020 nicht möglich. Gleichzeitig können die Bühnen nach der langen Schließzeit und den Beschränkungen der Platzkapazitäten auf keinen Spieltermin verzichten. Da nur etwa 30 Prozent des Publikums Platz in den Theatern finden, ist die virtuelle Theaternacht ein attraktives Angebot für die anderen 70 Prozent. Zudem kann man auf diese Weise von überall an der Theaternacht teilnehmen.

Wie viele Theater werden sich 2020 am digitalen Format beteiligen?

Wir gehen davon aus, dass alle 44 Bühnen dabei sind. Im Hamburger Theater e. V. haben sich fast alle professionellen Bühnen der Hansestadt zusammengeschlossen – von der Staatsoper bis zum Theater das Zimmer mit seinen 40 Plätzen. Ein solch einmütiger Zusammenschluss so vieler Theater einer Stadt, die unterschiedlicher nicht sein könnten, ist einzigartig in Deutschland und wahrscheinlich weltweit.

Möglicherweise fehlen aber Häuser, weil es technisch nicht reicht, um diese Theaternacht umsetzen zu können?

Wir wollen auch die Häuser mitnehmen, die es aus eigener Kraft nicht schaffen und sie entsprechend unterstützen. Auch in der virtuellen Theaternacht soll die gesamte Vielfalt abgebildet sein – das ist schließlich das Grundprinzip.

Lichthof-Indentant Matthias Schulze-Kraft (Foto: G2 Baraniak)

Es soll Live-Programme geben und solche on demand, wie muss sich der digitale Besucher das vorstellen?

Im Prinzip läuft es ähnlich ab wie die analoge Theaternacht: Von einem zentralen Ort aus – das war in den vergangenen Jahren der Jungfernstieg, dieses Jahr ist es www.theaternacht- hamburg.org – wo ein allgemeines Programm stattfindet, können sich die Gäste auf die Reise machen. 2020 nicht mit dem Bus, sondern mit der Maus. Auf der Website kann man in die virtuellen Räume der einzelnen Theater klicken, entweder den Routenvorschlägen folgen, etwa der musikalischen Route, oder einen eigenen Weg durch die virtuelle Theaterlandschaft finden.

Gibt es auch eine zentrale Bühne in diesem Jahr?

Ab 20 Uhr wird eine Live-Show gesendet, die wir im Schmidt Theater vor Live-Publikum produzieren. Zwei bekannte Moderierende werden interessante Talk-Gäste empfangen, besondere Highlights der kommenden Zeit vorstellen und immer wieder zu den „rasenden Reportern“ schalten, die sich zum Beispiel unter die Premierengäste im Thalia Theater mischen.

Diese Live-Ausschnitte sind nur in einem bestimmten Zeitfenster zu sehen, gefilmte Beiträge hingegen auch noch nach dieser Nacht?

Die Live-Sendungen, insbesondere die Show aus dem Schmidts, bleiben live, aber die virtuellen Theaterhäuser Theater 57 Lichthof- Indentant Matthias Schulze-Kraft mit ihrem Angebot werden über die Theaternacht hinaus online zu besuchen sein. Das können Mitschnitte besonderer Produktionen sein oder Einsichten in laufende Proben und Arbeitsprozesse: eine Führung durch die Unterbühne, Interviews, Programmpräsentationen und vieles mehr. Manche, wie das Lichthof Theater, senden ebenfalls live.

Durch diese Aktionen entstehen Kosten, aber die diesjährige Theaternacht ist kostenlos für die Besucher, woher kommt das Geld?

Tatsächlich haben wir uns entschlossen, die virtuelle Theaternacht kostenlos anzubieten. Denn es ist uns wichtig, möglichst vielen Besucherinnen und Besuchern zu zeigen: Wir sind wieder da! Auch im analogen Raum. Dies ist möglich durch großzügige Unterstützung der Hermann Reemtsma-Stiftung und der Behörde für Kultur und Medien.

Wie denkst du persönlich über die gravierenden Veränderungen im Genre Theater durch die weltweite Pandemie?

Die Corona-Zeit hat die Spanne der Repräsentationsformen von Theater erweitert. Theater ist nicht mehr allein analog denkund erlebbar. Eindrücke aus verschiedenen Theatern vor Ort vermischen sich mit virtuellen Inhalten. Dies verdeutlicht die Situation, in der sich die Theater während und wahrscheinlich nach Corona befinden – vielleicht unsere neue Normalität.

theaternacht-hamburg.de

 


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„Sicherheitszone“: Katrin Seddigs neuer Roman

Katrin Seddigs Familienroman „Sicherheitszone“ spielt vor dem Hintergrund des G20-Gipfels in Hamburg. Ein Gespräch über gesellschaftliche Brüche, die Unübersichtlichkeit der Welt und Wege aus der Ohnmacht

Text & Interview: Ulrich Thiele

 

Zu Beginn steht ein Zitat der polnischen Dichterin Wisława Szymborska: „Ich ziehe das Chaos der Hölle dem Chaos der Ordnung vor.“ In „Sicherheitszone“ zerfällt die Ordnung der Familie Koschmieder. Die 17-jährige Imke ist bei „Jugend gegen G20“ aktiv. Ihr großer Bruder Alexander steht als Polizist auf der anderen Seite. Thomas, der Vater, verlässt die Familie für eine jüngere Frau – die Ernüchterung folgt schnell. Während einer Demo gerät er auf der Suche nach Imke in einen Tumult und wird von einem Polizisten attackiert: „Er hatte die ganze Zeit gedacht, er könne außen vor bleiben, alles als Beobachter sehen, und sein eigener Irrtum wird ihm so kalt und klar, so höhnisch bewusst, als wäre er ein Irrtum nicht nur in diesem Moment, sondern seines ganzen Lebens.“

Seddigs Roman ist die Geschichte eines Umbruchs und der damit verbundenen Verunsicherung: „Die Welt, wie wir sie kannten, die ist vorbei. Sie ist schon länger vorbei, aber wir haben’s jetzt erst gemerkt“, konstatiert Thomas zum Schluss. Selten wurde das Chaos der Ordnung präziser seziert als in „Sicherheitszone“.

 

SZENE HAMBURG: Katrin, du hast Kultur einmal als lebenswichtig bezeichnet, weil mit ihrer Hilfe Krisen verdaut werden. Hast du G20 nun verdaut?

Katrin Seddig: Nein, ich spüre immer noch Wut und nicht aufgearbeitete Prozesse in mir. Aber während der Arbeit am Roman habe ich gelernt, Abstand zu nehmen und die Ausschreitungen wie ein historisches Bild zu betrachten.

Und kannst du die Ereignisse inzwischen irgendwie für dich einordnen?

Privat war das für mich ein Bruch. Mir wurde schlagartig klar, dass ich mich auf bestimmte Dinge nicht verlassen kann. Ich wusste schon vorher, dass es schwarze Schafe bei der Polizei gibt. Ich sehe auch ein, dass das eine schwierige Lage für die Polizisten war. Aber dass so massiv vorgegangen wird – etwa bei der Räumung des Camps – hat mich schockiert.

Ich habe da erst begriffen, dass man systematisch Gesetze brechen kann und dafür nicht belangt wird, wenn man Macht hat. Das ist vielleicht naiv, aber ich musste das wohl erst sehen, um es zu wissen.

 

Ein strukturelles Problem

 

Wo ist die Wurzel des Problems?

Das ist ein strukturelles Problem. Es ist keine Entscheidung von einzelnen Polizisten, dass es keine Folgen hat, wenn auf Menschen eingeprügelt wird, die schon am Boden liegen. Es gab damals noch keine Kennzeichnung von Polizisten, eine unabhängige Beschwerdeinstanz gibt es bis heute nicht. Und die Leute, die die Befehle geben, sind verantwortlicher als 20-jährige Polizisten, die die ganze Zeit angespuckt werden und irgendwann ausrasten.

Das entschuldigt nichts, ist aber menschlich nachvollziehbarer, als wenn fragwürdige Räumungsbefehle gegeben werden, obwohl man den Überblick hat und gar nicht physisch in Gefahr ist. Du hast die Ereignisse fiktiv verarbeitet.

Welche Rolle spielt das Narrative bei der Aufarbeitung?

Mir ist aufgefallen: Je weiter die Menschen weg von den Ereignissen waren, umso klarer war ihre Vorstellung davon, wie es gewesen ist. Diejenigen, die mittendrin waren, hatten gar keine Vorstellung, weil es so kompliziert und unübersichtlich war. Man kann immer nur einen Bruchteil sehen.

Manche Entwicklungen lassen sich durch Geschichten besser erfassen als durch Berichte. Ich biete nur eine Geschichte von vielen möglichen an. Deswegen war es mir wichtig, kein Sachbuch zu schreiben, sondern einen Familienroman.

Warum ein Familienroman?

Das kommt aus meiner persönlichen Situation heraus, weil ich in einer Familie lebe. Außerdem ist die Familie tatsächlich auch die kleinste Zelle der Gesellschaft, so klischeehaft das klingt. Darin spiegeln sich Konflikte vereinfacht wider. Und ich wollte ein Bild eines gesellschaftlichen Bruchs zeichnen.

Cover_Seddig_SicherheitszoneWie war das, dich in so unterschiedliche Charaktere hineinzudenken, die teilweise konträr zu deiner Einstellung stehen?

Unterschiedlich schwer. Mich in Jugendliche hineinzuversetzen, fällt mir schwerer, weil ich in dieser Gemeinschaft nicht mehr lebe und gerade Jugendliche sich stark von Erwachsenen abgrenzen durch ihre Sprache und sie sind untereinander ganz anders als vor Erwachsenen. Ich habe deswegen keine Jugendsprache verwendet, dieser Versuch hätte nur scheitern können. +

Natürlich ist es einfacher für mich, mich in Menschen meines Alters hineinzuversetzen, und leichter in Frauen als in Männer. Grundsätzlich kann man sich aber in alle Gedankengänge hineinversetzen, auch in böse. Man hat alle Regungen in sich, wenn man die konsequent weiterverfolgt, dann kann man sich alles denken.

Du sagst, es fällt dir leichter, dich in Frauen hineinzuversetzen als in Männer. Interessanterweise vertritt der Vater im Roman viele der Thesen und Meinungen, die du in deiner Taz-Kolumne vertrittst.

Das liegt vielleicht daran, dass der Vater die Hauptfigur sein musste, falls es überhaupt eine Hauptfigur in dem Roman gibt. Er ist der erste Handelnde, indem er die Familie verlässt. Er ist auch die tragischere und zugleich komischere Figur, weil er viel mehr der Lächerlichkeit preisgegeben wird als die anderen Figuren.

Warum eignet sich der Vater am besten für die Rolle der Hauptfigur?

Ich beobachte in meinem Umfeld, dass feinfühlige Männer meines Alters mit dominanten Vätern aufgewachsen sind. Sie haben größere Schwierigkeiten als Frauen, sich in der heutigen Welt zurechtzufinden – gerade weil sie nicht so sein wollen wie ihre Väter, aber doch noch ungewollt in dieser Welt stecken. Es ist bezeichnend, dass Frauen immer noch mehr im Haushalt machen. Der Mann ist also am besten geeignet für diese Art von ambivalenter Figur.

Außerdem ist es als Mann einfacher, auf komische Art zu scheitern. Männern wird mehr zugestanden, sie können großspurig scheitern. Frauen müssen ihren Weg gehen – wenn sie scheitern, ist das tragisch.

Warum ist das deiner Meinung nach so?

Weil die Frau immer als die Mutter gesehen wird. Wenn sie als Mutter scheitert, ist das tragisch für die Kinder. Wenn der Vater scheitert, gibt es für die Kinder noch die Chance, dass die Mutter gut für sie sorgt. Natürlich gibt es auch Fälle, in denen die Frau schwach ist und die Männer einspringen müssen, aber das sind eher die Ausnahmen.

Dein Blick auf die Menschen ist erst einmal desillusionierend, aber nicht verurteilend. Gehst du so an deine Figuren heran – mit kaltem Blick und Menschenliebe?

So kann man das nennen. Ich muss auf jeden Fall genau sein und darf nichts beschönigen. Gerade wenn man präzise auf einen Menschen blickt, kann man verzeihend sein. Wie man auch mit sich selbst umgehen sollte, so gehe ich mit den Figuren um.

Wie blickst du auf Alexander?

Er ist kein schlechter Mensch. Er ist liebevoll und der Familie zugeneigter als Imke. Er kümmert sich um die Großmutter und hat ein warmes Verhältnis zur Schwester. Er sucht eben nach Orientierung. Sein Problem ist eher, dass er zu wenig Einstellung hat.

 

„In der Schnelligkeit liegt der Teufel, dadurch ist der Blick auf die Welt oberflächlicher“

 

Was andeutungsweise mit einer Grundverunsicherung einhergeht, weil er adoptiert ist. War das eine bewusste Entscheidung von dir?

Ja, schon. Als Komposition in der Familie. Es gibt keine Familie, in der alle Kinder gleich behandelt werden. Aber bei einem Adoptivkind kommt es insofern zu Problemen, als es sich einbilden kann, dass es zurückgesetzt wird. Im Roman wird auch immer wieder angedeutet, dass Alexander dunkler ist, dass er eventuell migrantische Wurzeln hat. Er kann auch als Abbild der Gesellschaft für migrantische Kinder gesehen werden, die nie als ganz angenommen gesehen werden. Das ist ein gesellschaftliches Problem, wie damit umgegangen wird, wenn jemand nicht zu 100 Prozent dazu passt. Bei der Polizei findet Alexander Zugehörigkeit.

Macht die Unübersichtlichkeit dir auch zu schaffen?

Es macht mich fertig. Vor allem die Schnelligkeit der Nachrichten überfordert mich, gerade weil ich genau hinsehen und die Zusammenhänge verstehen will. Man muss aushalten, dass in dem, was man ablehnt, auch richtige und gute Anteile enthalten sein können. Und zugleich muss man immer die eigene Einstellung hinterfragen, weil man in seiner eigenen politischen Position immer auch selbstgefällig ist. Das ist eine große Arbeit, die die Medien nicht leisten könnten. In der Schnelligkeit liegt der Teufel, dadurch ist der Blick auf die Welt oberflächlicher. Die Zersplitterung führt auch zur Handlungsunfähigkeit. Aber auch im Zweifel muss man sich für eine Handlung entscheiden, sonst kann man nicht politisch aktiv sein.

Was glaubst du, wie man in 100 Jahren mit dem Segen der Spätgeborenen auf unsere verunsicherte Gesellschaft blickt?

Ich lese gerade die großen Gesellschaftsromane von Balzac, darin kann man sehen, wie die Menschen im 19. Jahrhundert lebten und dachten. Und wenn man Jane Austen liest und sieht, wie die Menschen in ihren Romanen miteinander umgehen – das sind die gleichen Peinlichkeiten wie heute. Austen ist so originell, weil man zwischendurch vergisst, dass ihre Romane in einer anderen Zeit und Gesellschaftsschicht spielen. Ich glaube, was im Menschen gleich bleibt, sind seine Schwächen. Die sind universell, auch wenn es regionale und zeithistorische Färbungen gibt.

Katrin Seddig: „Sicherheitszone“, Rowohlt Berlin, 464 Seiten
Autorenlesung am 5.9. in der Bücherhalle Elbvororte, 19 Uhr


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Leseempfehlungen: 4 Bücher für die Auszeit

Jetzt ist die Zeit zum Lesen. Sich entspannen und in eine fremde Welt entfliehen geht hervorragend mit diesen vier Büchern

 

Herzklappen von Johnson & Johnson

Vom Theater des Lebens

 

Wie der kanadische Soziologe Erving Goffman schon klarstellte: Wir alle spielen Theater. Das Bild unserer Identität wird auf der Bühne des Lebens sichtbar, wir pflegen unser Image, nur auf der Hinterbühne dürfen wir aus der Rolle fallen. So verhält es sich auch in der Familie der kleinen Alma aus Valerie Fritschs neuem Roman „Herzklappen von Johnson und Johnson“.

herzklappen-fritsch-coverDie Kindheit des Mädchens ist durchsetzt von quälender Sprachlosigkeit, ihre Eltern und Großeltern scheinen eigens für sie Theater zu spielen. Insbesondere ihr Großvater beansprucht das Schweigen für sich: „Der Krieg hatte sein Leben in ein Davor und Danach geteilt.“ Erst im Erwachsenenalter entwickelt Alma eine „späte Liebe“ zu ihrer Großmutter, die das Schweigen der Familie bricht und über die Kriegsverbrechen des Großvaters berichtet.

Alma, inzwischen Ehefrau und Mutter, fasziniert die Leidensgeschichte der Großmutter. Gleichzeitig wächst ihre Sorge, ihr Sohn Emil könnte ebenso kalt und berechnend werden wie der Großvater – zumal Emil mit einem Gendefekt zur Welt kommt, der ihn keinen Schmerz spüren lässt. Wie kann man jemandem, der sich zu Demonstrationszwecken Stifte in den Arm rammt, das Schmerzempfinden anderer Menschen nachvollziehen lassen? Hier setzt sich das Theaterstück auch in der vierten Generation fort: Emil inszeniert, er lernt auswendig und setzt in den passenden Momenten ein schmerzverzerrtes Gesicht auf.

Fritsch besticht mit ihrer altmodischen und lakonischen Sprache. Die von der Grazer Autorin und Fotografin entworfenen Szenen sind wie vergilbte Polaroidfotos, welche die skurrilen Momente mit präzisem Blick umso klarer aufzeigen. Am Ende steht der große Aufbruch bevor, die Suche nach dem Ursprung des Familienschmerzes. Fritsch arbeitet hierbei mit kräftigen, mystischen, teils dystopischen Naturbeschreibungen. „Herzklappen von Johnson & Johnson“ ist ein Buch über Lebensrollen, über Empathie und vererbtes Schweigen. Fritsch selbst wird dabei ihrer Rolle als Schriftstellerin mehr als gerecht – mit eindringlichen Motiven und ungewöhnlichen Sprachbildern. Nach dem Zuklappen möchte man den Roman noch einmal lesen, die Sätze aufsaugen, wie ein Gedicht auswendig lernen und im Geiste nachhallen lassen.

/ Ingrun Gade

Valerie Fritsch: „Herzklappen von Johnson & Johnson“, Suhr- kamp, 174 Seiten

 

Fehlstart

Houellebecqs Erbin?

 

Marion Messinas Debütroman „Fehlstart“ wurde verkaufsfördernd als das neue „Ausweitung der Kampfzone“ angekündigt. Die Berechtigung des Houellebecq-Vergleichs liegt im Thema: die Übertragung der ökonomischen Marktlogik auf andere Lebensbereiche.

fehlstart-coverAurélie ist 18, als erste aus ihrer Familie hat sie das Abitur gemacht. Das Studium entpuppt sich für sie als trostlose Angelegenheit. Aurélie kann sich nicht einfügen, sie beherrscht nicht den Habitus der vergnügungssüchtigen „Bürgerkinder“ mit „netten Gesichtern ohne Zukunftsangst“. Messina beschreibt pointiert und kühl die Anarchie des Wohnungsmarktes, die unterschwelligen Codes des Bürgertums, die zum Bestehen auf dem Arbeitsmarkt gehören, die Lieblosigkeit der Fun-Kultur und die Selbstausbeutung des akademischen Prekariats.

Leider opfert sie im Laufe ihres Romans die Form der politischen Botschaft. Die Analysen werden unmotiviert in die Monologe der Nebenprotagonisten gepresst, die Sprache wird unpräzise, Messina greift auf schwammige Superlative („grenzenlos“) zurück. Die schlafwandlerische Klarheit, die in Houellebecqs boshafter, gekonnter Mischung aus Erzählung und essayistischen Exkursen liegt, hat Messina nicht.

/ Ulrich Thiele

Marion Messina: „Fehlstart“, Hanser, 168 Seiten

 

 

Ganz nebenbei

Woody Allens Memoiren

 

Was für ein Wirbel: Menschen protestierten, Autoren boykottierten, der amerikanische Verleger stoppte die Veröffentlichung. Der Rowohlt Verlag hingegen publizierte trotz des Protests einiger seiner Autoren. „Apropos of Nothing“, in der deutschen Variante: „Ganz nebenbei“ – passend zum koketten Understatement des New Yorker Filmemachers Woody Allen. Sein Nimbus als Drehbuchautor und Regisseur ist – unabhängig von den privaten Anschuldigungen – unbestritten. Umso neugieriger stürzten sich Kritiker wie Fans auf sein Werk.

woody-allenEines vorweg: Das Buch ist eine Verweigerung aller modernen Lesegewohnheiten. Es gibt keine Kapitel, keine Zwischenüberschriften, nur Absätze und alle 30 bis 40 Seiten auch mal ein Initial. Woody Allen mutet dem Leser durchaus was zu. Doch schon nach wenigen Zeilen wird deutlich, dass er sein Handwerk – das Schreiben – versteht.

Es ist, als säße Woody Allen vor einem, an seinem Schreibtisch, in seinem Appartement in Manhattan, an seiner geliebten Olympia-Schreibmaschine: „Ich schweife wieder ab.“. „Wo war ich stehengeblieben?“ Allen schreibt wie er denkt – und so liest sich das Buch: sprunghaft, witzig, launisch. Mal ist er misanthropisch, mal euphorisch, mal herablassend, mal vernichtend.

Wer auf neue Erkenntnisse zum Missbrauchsvorwurf hofft, wird enttäuscht: Auf etwa 50 Seiten kaut Allen seinen bereits bekannten Standpunkt noch einmal ausführlich wieder. Ansonsten führt er in kurzen, griffigen Sätzen durch sein Leben, beginnend bei seiner Kindheit in Brooklyn. Viele Fragen werden anekdotisch beantwortet: Was treibt ihn an? Welche Frauen mochte er? Wer hatte Einfluss auf seine Filmkarriere? Welche Filmdrehs mochte er? Welche nicht? Das ist stellenweise trivial, dann wieder bewegend, hin und wieder auch deplatziert – aber stets in charmantem Allen-Stil vorgetragen. Wer eine kritische oder gar intellektuelle Selbstreflexion erwartet, wird enttäuscht. Wer schlichtweg eine fiese und zugleich unterhaltsame Erzählung eines „zum Filmemacher mutierten Witzboldes“ erwartet, wird seine Freude haben.

/ Marco Arellano Gomes 

Woody Allen: „Ganz nebenbei“, Rowohlt Verlag, 448 Seiten

 

 

Naturtrüb

Dadaistisches Bandtagebuch

 

Ei, ei, ei! Eigentlich ist damit das Buch schon ganz gut zusammengefasst. Tatsächlich ist überdurchschnittlich häufig die Zubereitung von Eierspeisen Thema dieser Sammlung abwechselnd geschriebener Tagebucheinträge mit dem schönen Titel „Naturtrüb“. Naturtrüb ist ja quasi das back to nature des kleinen Mannes, und auch die vier Männer über 50 – als da wären „Reverend“ Christian Dabeler, Timur Mosh Çirak, Gereon Klug und Maurice Summen – haben sich selbst für einige Tage in die Natur zurückgezogen, um eine Band zu gründen. Was erst mal etwas heikel klingt, gestaltet sich erfreulicherweise viel weniger schmierig als ihr Bandname OIL. Im Gegenteil, eher etwas trocken, geradezu sandig rieseln die vielen subjektiven Eindrücke ins Getriebe der Bandgründung und bringen sie hier und da ins Stocken.

naturtrübZu Beginn kreisen die Gedanken noch um die anderen Bandkollegen: „Er (Reverend Christian Dabeler, Anm. d. Red.) will das Sagen haben, den Hut aufhaben, ist Macher und Bestimmer. Das kommt aus seiner Jugend. Alles kommt aus seiner Jugend. Sein beschränkter Musikgeschmack, sein Essensgeschmack, sein Stilgeschmack. Alles hat sich seit seiner Adoleszenz nicht mehr verändert. Und er ist stolz darauf, hält Blues für die Wiege der Menschheit und Wurzel von allem.“ Doch mit der Zeit werden die Gedanken deeper: „Ich kann gar nicht mehr schnell gehen. Ich hab es mir irgendwann abgewöhnt, vielleicht aus Snobismus. Sich wie ein Dienstbote beeilen zu müssen, ist einfach nur grauenvoll. Selbst beim Autofahren stelle ich mir lieber vor, ich würde stillstehen und die Welt um mich herum bewegt sich wie Weltraumschrott an mir vorbei. Das beruhigt mich“, schreibt besagter Reverend an einer Stelle.

Und dann ist da ja noch die Bandhündin Emma, die ihr ganz eigenes Abenteuer erlebt … Am Ende entstehen Songs mit Titeln wie „Derogation“, „Frack it“ oder „Wichsbold“, und man muss die Musik nicht mögen – aber das Buch, begleitet von diversen Zeichnungen, die den ganzen Wahnsinn dieser Unternehmung bebildern, geht direkt ins (Tomaten-)Mark der eigenen nichtigen Existenz.

/ Julia Kleinwächter

Die Gruppe OIL: „Naturtrüb“, Verbrecher Verlag, 224 Seiten


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Smallville Records: Die Ersten werden die Letzen sein

Corona hat das musikalische Nachtleben weiterhin fest im Griff. Wie geht es Künstlern, Labels und Plattenläden, die eng mit der Szene verbunden sind? Julius Steinhoff, House-DJ, Musiker und Gründungsmitglied von Smallville Records, berichtet von den vergangenen Monaten

Text & Interview: Ole Masch

 

Seine ersten Turntables kaufte der gebürtige Freiburger 1999 von seinem Zivildienstlohn. Platten zum Auflegen hatte Julius Steinhoff damals kaum. Der Überfluss an Vinyl kam erst mit dem Umzug nach Hamburg, wo er 2001 bei einem Plattenvertrieb anfing und das Lager voller House- und Techno-Importen war. Sein Wohnzimmer wurde der Golden Pudel Club. „Es gab dort musikalisch ganz viel Neues zu entdecken. Die Changing Weather Abende der Dial Crew haben mich nachhaltig geprägt“, erzählt er. Nach ersten Schritten in verschiedenen Bars, folgten eigene Club-Veranstaltungen und eine wöchentliche Radiosendung auf Tide mit Lawrence und Cranque&Unique von Einmusik.

2005 dann die Gründung von Smallville und seitdem zahlreiche eigene Veröffentlichungen. „Peter Kersten aka Lawrence, Stella Plazonja und ich hatten damals das Gefühl, dass es in St. Pauli einen Plattenladen für elektronische Musik und gleichzeitig einen Hang-out geben sollte. Der erste Laden in der Hein-Hoyer-Straße war ziemlich klein und gemütlich, die Straße damals noch relativ ranzig.“ Umgezogen in den Neuen Kamp 32, betreibt Julius Steinhoff heute Laden und angeschlossene Label mit Just von Ahlefeld. Vor Corona standen sie zudem als Smallpeople hinter Plattentellern zahlreicher internationaler Clubs und Festivals.

 

Interview: Julius Steinhoff von Smallville Records

 

SZENE HAMBURG: Julius, welche Konsequenzen hatte Corona für dich als Künstler?

Julius Steinhoff: Ziemlich direkt zum Lockdown Mitte März wurde die erste Ausgabe eines Festivals in der Nähe von Nottingham abgesagt. Wir hätten eine Smallville Stage kuratiert, dementsprechend liefen die Planungen auf Hochtouren. Stefan Marx hatte ein Poster entworfen und das Festival sollte in einer Burg in den Highlands stattfinden. Das klang alles sehr schön, wurde dann aber direkt um ein Jahr in den Juli 2021 verschoben. Gefühlsmäßig waren die ersten Maßnahmen eher so etwas wie eine kurze Pause der Normalität, doch mit der direkten und frühzeitigen Absage des Festivals war mir schnell bewusst, dass erst mal nichts mehr sein wird, wie es war. Für DJs brechen die Möglichkeiten damit von 100 auf 0 Prozent ein. Das war schon ernüchternd zu realisieren, dass dieser Bereich als einer der ersten, gleichzeitig aber wohl bis zum Schluss, betroffen sein würde. Ich muss aber klar sagen, dass ich die Maßnahmen natürlich verstanden und voll unterstützt habe. Das war eine Ausnahmesituation für alle – nicht nur für Künstler und Kulturschaffende.

Streaming wurde kurzfristig wahnsinnig populär. Auch für dich?

Es gab schon Möglichkeiten, ich habe aber ehrlich gesagt nicht so Lust darauf. Das Ganze hat natürlich seine absolute Daseinsberechtigung und ist für die ganze Promo-Social-Media-Blase wichtig. Für mich ist es allerdings eher anstrengend und hat mich ehrlicherweise auch mehr abgeschreckt, wenn jeden Abend fünf exklusive DJ-Sets im Netz übertragen wurden. Für mich persönlich war es eher eine Zeit, in der ich mich zurückgezogen habe.

Hast du die Zeit zum Produzieren genutzt?

Anfangs kaum und ich war auch nicht sonderlich inspiriert. Irgendwann kam dann aber doch eine Phase, in der ich wieder mehr im Studio wiedergefunden habe. Auf Smallville kam direkt nach dem Lockdown eine Platte von Christopher Rau raus, die unglaublich gut ist. Den Tonträgerverkäufen hat man allerdings angemerkt, dass viele Plattenläden weltweit schließen mussten, die Clubs zu waren und die Post in manche Länder gar nicht mehr zustellt hat.

Wann musste Smallville Records schließen?

Der Laden selbst war ab Mitte März für einen guten Monat bis Ende April geschlossen. Danach durfte der Einzelhandel wieder öffnen. Die Kunden waren aufgerufen die eigenen Kopfhörer mitzubringen und wir haben relativ viel Platz im Laden.

Habt ihr Hilfen beantragt?

Letztendlich haben wir keine Anträge für Smallville gestellt, nein. Wir kamen durch den Lockdown nicht in direkte Liquiditätsprobleme und es wurde klar vermittelt, dass dies eine Voraussetzung ist.
Es gab hier von Bundesland zu Bundesland doch teilweise erhebliche Unterschiede in den Möglichkeiten für Soforthilfen, insgesamt war die Situation etwas schwammig. Gleichzeitig war die Resonanz bei uns im Onlineshop relativ beachtlich. Als der Laden geschlossen war, hatten wir deutlich mehr Bestellungen, zudem gingen auch die digitalen Verkäufe in dieser Zeit nach oben. Es gab auch verschiedene Aktionen. Bandcamp beispielsweise hat spezielle Tage veranstaltet, an denen alle Einnahmen direkt und komplett an die Labels und Künstler ausbezahlt werden. Da wir in der Zeit des Lockdowns gleichzeitig natürlich nicht so viele Tonträger eingekauft haben und somit weniger Rechnungen begleichen mussten, kamen wir mit dem Laden aber insgesamt ganz gut über die Zeit.

Kam es durch Corona zu mehr Musikveröffnetlichungen?

Nein, eher andersherum. Wahrscheinlich kommt diese Welle erst noch, wenn die ganze Musik veröffentlicht wird, die in den letzten Monaten geschrieben und produziert wurde. Aber die Musik, die wir selber veröffentlichen, spielen sowie im Laden verkaufen ist hauptsächlich Clubmusik. Unsere Kunden sind oft DJs – ein Anteil, der erst mal in Teilen weggefallen ist, außerdem sind Touristen von außerhalb nicht so zahlreich unterwegs. Ich merke auch im Bezug aufs Label, dass ich etwas zögere mit den Planungen von Releases, weil momentan im Vergleich zu Vor-Corona alles runtergefahren ist. Ich denke, es geht vielen Labels ähnlich. Nach wie vor wird natürlich Musik konsumiert, aber der Club-Aspekt fehlt schon.

Eure Club-Veranstaltung fehlt ebenfalls …

Wir haben monatliche Smallville-Nächte im Pudel veranstaltet, das fiel jetzt weg. Der Pudel hat immerhin jetzt Barboncino Zwölphi, wo es draußen wieder losging.

Wünschst du dir weitere Lockerungen im Nachtleben?

Ich finde es schwierig und habe hier durchaus zwei Blickwinkel. Aus Künstler-Perspektive fällt es schwer zum Abwarten verdammt zu sein und nicht spielen zu können. Andererseits merke ich bei mir selber, dass das Verlangen nach großen Menschenansammlungen noch nicht so groß ist. Ich bin absolut für eine verantwortungsbewusste Umsetzung und Weiterführung in Zeiten der Pandemie, damit es irgendwann hoffentlich wieder richtig losgehen kann. Letztendlich gefährden Veranstaltungen mit schwammigen Sicherheitskonzepten und Umsetzungen die Möglichkeiten für alle kulturellen Bereiche. Dem Verlust von diversen kulturellen Einrichtungen sollte zudem durch weitere Hilfen entgegengetreten werden. Clubs sind wohl die letzte Branche, die noch überhaupt nicht wieder anfangen konnten, zumindest wenn keine Außenbereiche vorhanden sind. Hier muss durch Hilfen mit niedrigen bürokratischen Hürden unterstützt werden, vielleicht auch mit Möglichkeiten von Mieterlassen oder anderen kreativen Unterstützungsformen. Es wurde schon so viel Geld in die Rettung von Großkonzernen gepumpt, ich denke es gibt allgemein eine Dringlichkeit für den kulturellen Sektor, damit hier nicht eine ganze Bandbreite von Einrichtungen nie wieder wird öffnen können.

Wie bewertest du den Umgang der Hamburger Politik mit dem Thema?

Es wäre an dieser Stelle vom Senat wichtig, bestimmte Dinge zu überdenken und zu vereinfachen, um neue Möglichkeiten oder Konzepte schaffen zu können. Gehwege oder öffentliche Flächen nutzen zu dürfen, damit Menschen an der frischen Luft eher zusammenkommen können ist für Bars und Restaurants wichtig. Gleichzeitig muss die Verantwortlichkeit jedes Einzelnen natürlich gewährleistet sein.


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Reeperbahn Festival: Ja, es findet statt

Vom 16. bis 19. September wird es auch in diesem Jahr internationale Live-Musik beim Club-Festival geben. Pandemie-bedingt anders, aber immerhin. Ein Gespräch mit RBF-Geschäftsführer Alexander Schulz über die Durchführung der Veranstaltungen und die damit verbundenen Chancen für eine ganze Branche.

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Alexander, vier Tage Live-Kultur stehen mit dem diesjährigen Reeperbahn Festival an. Welches Gefühl begleitet dich im Vorfeld am ehesten: Euphorie? Skepsis? Angst? Oder alles zusammen?

Alexander Schulz: Angst habe ich keineswegs, und skeptisch bin ich auch nicht. Ich spüre eher so eine Melancholie, wenn ich an die notgedrungen schlecht besetzten Clubs und Säle denke. Andererseits kribbelt es bei mir auch schon sehr, weil Musik wieder auf Bühnen kommt und man sie mit allen Sinnen wahrnehmen darf. Es ist also ein merkwürdiger Gefühlsmix, der mich momentan begleitet. Ich bin gespannt, wie alles wird, für mich ganz persönlich und für alle anderen, die dabei sein können.

Da klingt eine Zuversicht durch, dass schon alles klappen wird. Was macht dich denn so sicher: allein euer Konzept? Oder auch das Vertrauen in ja immerhin Tausende Besucher?

Die Besucherzahl ist für unsere Verhältnisse sehr übersichtlich, bis zu 2.500 Leute, aufgeteilt auf zwanzig Spielorte können es am Tag werden. Speziell in dieser Zeit bietet uns die Überschaubarkeit ganz neue Möglichkeiten: Wir kennen jeden einzelnen Gast in jedem Club mit Namen. Und für jeden gibt es zahlreiche Regeln, die auf unserer Homepage in den FAQs erklärt werden. Sollte tatsächlich eine Infektion ausbrechen, gelingt es uns sofort, nur diejenigen zu informieren, die mit der betroffenen Person im selben Raum waren, und das weitere Infektionsrisiko enorm klein zu halten. Darum geht es, und darum wird es auch in Zukunft gehen. So lange kein Impfstoff da ist, müssen wir einen gesunden Mittelweg finden zwischen dem Weiterführen von kultureller Rezeption und der Pandemie. Mag sein, dass Kulturentzug nicht so schlimm ist wie zum Beispiel Bildungsentzug, aber es müssen Spielräume gelassen werden, damit Kultur auch in einer Zeit wie dieser möglich bleibt, um eventuelle Kollateralschäden zu vermeiden. Und was wir fürs Reeperbahn Festival vorbereitet haben, ist wirklich sehr vernünftig.

Andere Zeit, anderes Bild: Festival Masse auf dem Spielbudenplatz (Foto: Michael Rathmayr)

Klingt nach kontrollierter Offensive.

Total! Es ist ein Wiedereinstieg mit ruhiger Hand.

Und was entgegnest du Kritikern, die dennoch sagen, dass es gerade jetzt, da eine Angst vor einer zweiten Welle besteht, vielleicht keine gute Idee ist, ein internationales Festival durchzuführen, so sehr es sich auch an die Richtlinien hält?

Dass wir ja gar nicht entscheiden, dass das Festival stattfinden kann. Wir haben nur ein Konzept auf Basis des geltenden Erlasses der Stadt Hamburg entwickelt. Und ich glaube an unsere Gesetzgebung und an diejenigen, die die Erlasse verfassen. Wenn sie morgen sagen würden, dass Veranstaltungen mit mehr als 100 Leuten bis zum 30. September nicht stattfinden dürfen, dann wäre das so, und dann müssten wir uns überlegen, ob wir uns anpassen und weiterhin das Reeperbahn Festival durchführen wollen.

Es heißt, ihr würdet euch schwerpunktmäßig sehr um den Diskurs über Kulturwirtschaft und ihre Rolle in Krisenzeiten kümmern. Wie siehst du die Rolle der Branche in der aktuellen Krise?

Corona war bisher ja wie eine Lupe, unter der wir viel gesehen haben. Zum Beispiel, welche Missstände es gibt, Stichwort Spaltung der Gesellschaft – und das nicht nur in Deutschland, sondern global. Es sind viele Baustellen sehr deutlich geworden, zu denen sich die Kulturwirtschaft mal zu Wort melden könnte, und zwar als verbindendes Element. Ich weiß, es ist schwierig für viele Künstler, sich nicht nur durch ihr Werk, sondern zusätzlich theoretisch zu äußern. Aber speziell in diesem Jahr werden wir in unseren musiktheoretischen Angeboten beim Reeperbahn Festival daran arbeiten.

Es ist nun eine Art Versuch. Was genau könnte denn das bestmögliche Outcome dessen sein?

Dass Künstler und Besucher nicht völlig abgeturnt sind von der Situation, in der eben nur sehr wenig Publikum möglich ist. Es ist auch ein Atmosphäre- Test: Wie fühlt sich das jetzt an für die Beteiligten? Wir fänden es schön, wenn am Ende alle sagen würden, dass es auf diese Weise immer noch besser ist, Kultur zu genießen, als es seit April war. Auch wäre es wünschenswert, wenn Konzertbesucher dazu bereit wären, künftig drei oder vier Euro mehr für einen Auftritt zu bezahlen, weil sie verstehen, dass es sich sonst – außerhalb des Reeperbahn Festivals – ökonomisch nicht für Clubs und Künstler ausgeht. Und: Wenn wir das jetzt mal alle zusammen so durchhalten, wie es eben ist, können wir irgendwann auch noch mal geschlossen an die Politik herantreten und sie bitten, jedem Solo-Selbstständigen, jedem Ton- und Bühnentechniker, jedem Monitor-Mann, jedem Security- Mitarbeiter unter die Arme zu greifen. Das wäre mein Traumergebnis des diesjährigen Reeperbahn Festivals.

Befasst du dich auch mit einem Worst-Case-Szenario?

Es kann schon sein, dass alle sagen werden: „Das ist doch atmosphärischer Murks!“ Aber selbst dann werden wir die Politik um weitere Hilfen für die Branche bitten.

 

Das Festival wird im Rahmen der Möglichkeiten und Notwendigkeiten durchgeführt

 

Wie hoch sind denn aktuell die Hilfen von Land und Bund fürs Reeperbahn Festival?

Wir bekommen weitere 500.000 Euro vom Land und 800.000 Euro vom Bund, um unser Konzept auszuprobieren.

Hat der Hamburger Senat auch auf die Wichtigkeit des Festivals für die Stadt gepocht und euch mitgeteilt, dass es in diesem Jahr auf jeden Fall stattfinden sollte?

Nicht, dass es auf jeden Fall stattfinden sollte. Uns wurde nur gesagt: „Guckt euch die Erlasse an, die zum Festivalzeitraum gelten, und überlegt euch, ob ihr eine plausible, die Eindämmungsmaßnahmen gegen die Pandemie respektierende Lösung findet. Wenn ihr eine habt, könnt ihr gerne noch mal fragen, ob wir euch zusätzlich unterstützen können.“ Das haben wir gemacht. Normalerweise kriegen wir vom Land 410.000 Euro im Jahr, jetzt wurden noch mal 500.000 draufgepackt.

Wenn wir schon bei Zahlen sind: Bis Mitte Juni hieß es noch, dass bis zu 4.000 Besucher pro Tag möglich wären an 30 Spielstätten. Dann seid ihr aber noch mal runtergegangen auf nur bis zu 2.500 Besucher pro Tag an 20 Spielstätten.

Genau, zum 1. Juli gab es ja einen neuen Erlass, mit verschärften Abstands- und Getränkeausschankregeln. Wir haben uns alle geplanten Spielorte angeschaut, auch wie die einzelnen Clubs nach dem Reeperbahn Festival weitermachen würden – bestuhlt oder nicht, mit Getränkeausschank oder nicht – und danach hat sich diese neue Kapazität ergeben.

Die Spielorte unterliegen streng dem Hygienekonzept, werden nach jeder Veranstaltung gesäubert und desinfiziert. Aber Festival-Gänger, so wenig es dieses Jahr auch sein werden, wollen drum herum auch feiern, trinken, ausgelassen sein. Besteht auch in diesem Punkt keine Angst, dass das Reeperbahn Festival zum Anstieg der Infektionszahlen in Hamburg betragen könnte?

Ich gehe davon aus, dass wir sehr gut abliefern werden und dass unsere Besucher sich an die Vorgaben halten. Wenn nicht, werden sie des Hauses verwiesen, da werden wir knallhart durchgreifen. Zudem werden wir uns immer darauf berufen können, dass wir das Festival im Rahmen der Möglichkeiten und der Notwendigkeiten durchgeführt haben.

reeperbahnfestival.com

 


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„Pelikanblut”: Katrin Gebbe & Nina Hoss im Interview

Nina Hoss spielt in Katrin Gebbes Drama eine Mutter, die um ihre Tochter kämpft. Pelikanblut – Aus Liebe zu meiner Tochter” ist ein beeindruckender und ungewöhnlicher Film, der Genregrenzen sprengt und polarisiert. Ein Gespräch über Glauben, das Böse und zu viel Zucker am Set

Interview: Maike Schade

 

SZENE HAMBURG: Nina und Katrin, glaubt ihr an Magie?

Katrin Gebbe: Gute Frage. Ich bin eigentlich ein totaler Atheist, aber beispielsweise in Krisensituationen merkt man doch, dass man den Wunsch verspürt, auf eine Kraft zu vertrauen, die größer oder stärker ist als man selbst. Ich glaube, dass das Bedürfnis des Glaubens ein ganz wesentlicher Teil des Menschen ist.

Das klingt eher nach Kirche. Ich dachte an etwas wie Hexerei.

Katrin Gebbe: Das unterscheidet sich meiner Meinung nach überhaupt nicht vom christlichen Glauben. Ob man nun betet, symbolisch den Leib Christi mit einer Oblate in den Mund nimmt oder Räucherstäbchen anzündet oder auch einen Pferdekopf aufspießt – letztendlich vertraut man da auf eine größere Macht.

Nina Hoss: Ich glaube nicht direkt an Magie, aber ich habe schon das Gefühl, dass es Kräfte gibt, von denen wir überhaupt keine Ahnung haben. Und ich glaube daran, dass der Geist ungeheure Kräfte entwickeln kann, sodass man sehr weit gehen kann, auch wenn der Körper längst erledigt ist. Ich kann auch verstehen, dass man, wenn man nicht weiterweiß, wie Wiebke sagt: Ich probiere das mit der Magie oder dem Ritual mal aus, was soll schon passieren? Schlimmer kann es ja nicht werden. Das könnte ich mir bei mir auch vorstellen. Diese Offenheit habe ich. Wir wissen ja eigentlich nichts. Im Gegenteil: Je mehr ich weiß, desto mehr Fragen habe ich.

 

„Die Kirche ist in Deutschland sehr präsent”

 

Katrin, wenn ich richtig informiert bin, bist du aus der Kirche ausgetreten. Dennoch scheint dich der christliche Glauben sehr zu beschäftigen – in “Tore tanzt” ganz offensichtlich, und “Pelikanblut” liegt ja auch die christliche Metapher von der sich aufopfernden Pelikanmutter als Symbol für Christus zugrunde.

Katrin Gebbe: Ich bin in einer kleinen Stadt aufgewachsen, in der Glauben ein ganz wichtiges Element war. Die Kirche ist ja nach wie vor in Deutschland sehr präsent, und das hat auch viel mit Politik und Macht zu tun. Ich halte es deshalb für wichtig, diese Dinge als Gesellschaft zu hinterfragen. Der Mensch macht es sich aber zu einfach, wenn er das einfach verurteilt – oder auch einen anderen Glauben und seine Institutionen.

Dreharbeiten mit Kindern oder Tieren gelten allgemein als schwierig. Ihr hattet beides. War das nicht der Horror?

Katrin Gebbe: (lacht) Nein. Anstrengend ja. Aber das ist ja eigentlich jeder Dreh.

Wer war schwieriger, die Kinder oder die Pferde?

Katrin Gebbe: Für mich war das Drehen mit den Tieren ein bisschen schwieriger, weil man mit denen ja nicht reden kann. Aber glücklicherweise hatte ich “The Dragon”, das ist DER Stunt-Trainer in Bulgarien, und dazu zwei Pferdeflüsterer. So hatten wir zwei unterschiedliche Herangehensweisen, und haben für jede Situation eine Lösung gefunden.

Nina Hoss: Für mich war es mit den Kindern herausfordernder.

 

„Die Arbeit mit Pferden fordert einen heraus”

 

Es wirkt im Film auch, als hättest du dein Leben lang nichts anderes gemacht als mit Pferden zu arbeiten. Dabei bist du doch eigentlich gar kein “Pferdemädchen”, oder, Nina?

Nina Hoss: Nein, bin ich nicht. Aber ich habe sehr davon profitiert, dass ich in Kanada den Film “Gold” mit Thomas Arslan gedreht habe. Dort habe ich reiten gelernt, und ein Cowboy, Mitte 70, hat mir unheimlich viel über Pferde und ihre Sprache beigebracht. Ich hatte diese Tiere vorher nie verstanden. Er hat mich in eine unheimliche Ruhe gebracht und mich gelehrt, immer wachsam und achtsam sein und auf meine Umgebung achten, weil sich Pferde sehr schnell vor Dingen erschrecken, die du als Mensch kaum wahrnimmst. So habe ich meine Scheu verloren. Das hat mir für Wiebke unheimlich geholfen.

Die tut ja aber viel mehr als nur Reiten, sie bildet Polizeipferde aus und therapiert traumatisierte. Wie hast du dich darauf vorbereitet?

Nina Hoss: Ich habe ein Horsemanship-Training (allgemeine Reitkunst und fairer Umgang mit dem Tier, Anm. d. Red.) gemacht, was nochmals was ganz anderes als Reiten ist, weil du da auch viel vom Boden aus arbeitest. Das fordert einen so heraus, das hatte ich nicht erwartet. Du musst vollkommen in deiner Mitte sein. Das Arbeiten mit den Pferden hat mir auch erzählt, warum Wiebke Raya nicht aufgeben kann, ich habe so viel über sie gelernt. Sie denkt: Ich arbeite mit Fluchttieren zusammen, die aus der Angst heraus agieren und eigentlich lieber wegrennen wollen. Ich muss sie dazu bringen, dass sie meine Funktion respektieren und mir so vertrauen, dass sie bei mir bleiben wollen. Auch dann, wenn sie Dinge tun sollen, auf die sie keine Lust haben. Dabei darfst du aber auf nichts beharren. Wenn es von links nicht geht, dann versuchst du es eben rechts. Oder gehst vor dem Pferd. Oder stellst dich in die Mitte. Du versuchst immer neue Wege der Zusammenarbeit und öffnest dabei auch den Raum. Und genau so arbeitet Wiebke mit Raya. Dass sie an ihren Erfolg glaubt, kommt aus ihrer Arbeit. Sie weiß, dass es geht. Zumindest bei Pferden …

Geht es ihr wirklich um Raya oder will sie nur nicht scheitern?

Nina Hoss: Das ist die Frage. Und wie immer im Leben eine Vermischung. Natürlich geht es um Raya. Aber es geht auch darum, dass Wiebke sich nicht gut helfen lassen kann. Allerdings sind da auch nicht viele, die ihr wirklich helfen wollen. Alle haben gute Ratschläge, aber keiner sagt: Ich begleite dich auf dem Weg, der deiner ist und den du gehen willst. Natürlich ist sie aber auch keine Frau, die dazu einlädt. Und vielleicht muss sie genau deswegen diesen Weg gehen – um bei sich selbst etwas zu öffnen. Aber ist es nicht toll, dass man über so etwas auch nachdenkt? Genau das macht diesen Film aus.

 

„Wir mussten am Set tatsächlich Zucker verbieten”

 

Stimmt, er bietet jede Menge Ansätze zum Nachdenken. Zum Beispiel ist Raya zwar natürlich ein Opfer, andererseits aber auch wirklich ein Monster. Wiebke hat aber offenbar Empfindungen für sie. Fiel es dir schwer, dich da reinzufühlen?

Nina Hoss: Wiebke geht immer wieder auf Raya zu, nimmt sie in den Arm und sagt: Ich habe dich lieb. Es gibt durchaus Momente, bei denen ich denke, dass sie das gerade überhaupt nicht fühlt. Sie weiß aber, dass das ein Vorgang ist, den man immer wieder durchexerzieren muss, damit dieses Mädchen sich nicht darin bestätigt fühlt, dass sie wieder verlassen wird von einem Menschen – auch wenn sie ihn natürlich dazu treibt. Dem kannst du natürlich nicht nachgeben, sonst hast du verloren. Das weiß Wiebke, aber es kostet sie unheimlich viel.

War euch Katerina beim Dreh nicht manchmal unheimlich? Auf der Leinwand ist sie soo gruselig…

Nina Hoss: Nein. Das habe ich nicht verwechselt. Aber sie war anstrengend. (lacht)

Katrin Gebbe: Stimmt. Kati hat schnell gemerkt, dass sie die wichtigste Person ist und ohne sie gar nichts geht. Da hat sie natürlich versucht, Grenzen auszuloten und Spaß daran gehabt, uns auch mal zu ärgern. Und wir mussten irgendwann am Set tatsächlich Zucker verbieten, weil sie den so gerne aß und Leute losgeschickt hat, um ihr etwas Süßes zu holen. Dann war sie natürlich komplett überdreht. Da mussten wir eben die Ruhe bewahren und uns erinnern: Es ist ein Kind.

Nina Hoss: Und Kinder verstehen zum Beispiel manchmal auch nicht, warum man Dinge wiederholen muss. Und wo ich als Schauspielerin auch sagen muss: Ja, sie hat Recht. Jetzt war es doch gut, warum müssen wir das jetzt nochmal machen? (lacht) Weil eben zum Beispiel das Licht nicht stimmte. Das kannst du einem Kind schlecht erklären und musst es dann immer wieder zum Spielen animieren – und dazu, dass es genauso viel Kraft und Energie reinlegt wie beim Mal zuvor. Das ist nicht ohne. Trotzdem war sie eine ganz tolle Kollegin. Ich habe noch nie einen Menschen erlebt, der so angstfrei ist, der so ein Urvertrauen hat und so unwahrscheinlich mutig ist – das vollkommene Gegenteil von Raya. Das war ein Geschenk, das Katrin da gefunden hat.

 

„Die Geschichte gärt immer in dir weiter”

 

Katrin, wie ist dir das gelungen? Und wie habt ihr dafür gesorgt, dass Raya angesichts der teils grässlichen Szenen nicht selbst mit einem Trauma nach Hause geht?

Katrin Gebbe: Das war wirklich ein absoluter Glücksfall. Katerina ist mir bei den Castings in Bulgarien sofort aufgefallen: Sie war im Gegensatz zu allen anderen rotzfrech, hat versucht, mit uns ihre Spielchen zu spielen und uns herauszufordern. Sie hatte unheimliche Lust, alles Mögliche auszuprobieren, war absolut angstfrei, kreativ und belastbar. Und dann hat sich auch noch herausgestellt, dass die Frau, die die ganzen Castings mit der Kamera aufgenommen hat, ihre Mutter war, und die ist selbst Schauspielerin und hat in Sofia sogar ein Kindertheater. Sie hat Kati und auch Adelia, die Nicola spielt, wirklich perfekt vorbereitet, weil sie genau weiß, wie man den richtigen Zugang zu den Kindern findet. Und sie hat für die beiden eine völlig neue Storyline mit ganz anderem Inhalt geschrieben, damit die Geschichte kindgerecht war.

Nina, die hattest du nicht. Hattest du nachts Alpträume? Oder kannst du die Geschichten nach Feierabend komplett ausschalten?

Nina Hoss: Alpträume habe ich nicht bekommen. Aber das treibt dich natürlich um. Die Geschichte gärt immer in dir weiter, weil du am Drehtag etwas erlebst, was du vielleicht nicht erwartet hättest, und das dir etwas Neues über die Figur erzählt. Und du weißt: Morgen kommt das und das. Man denkt permanent nach, glaubt immer, zu wenig Zeit zu haben. Aber ich konnte noch schlafen.

Und nach dem Dreh? Trägst du das dann noch lange mit der rum?

Nina Hoss: Das ist figurenabhängig. Aber weil man es durchlebt hat, ist es dann auch gut. Wie bei einem Buch, das man durchgelesen hat. Man nimmt natürlich viel mit, das ist das Faszinierende an meinem Beruf. Ich kann Dinge anschmecken, mit denen Menschen ihr Leben verbringen. Man kann in so viele Berufe und Lebenssituationen hineinblicken. Das ist unwahrscheinlich bereichernd.

Katrin, wie bist du überhaupt auf diese Geschichte gekommen?

Katrin Gebbe: Das hat eigentlich mit “Tore tanzt” angefangen. Ich habe da viel recherchiert: Was ist eigentlich “das Böse”, wo kommt es her? Wird jemand damit geboren oder eignet er es sich später an, vielleicht aufgrund von Traumata? Ist das heilbar? Im Zuge dessen bin ich auf die Doku “Child of Rage” gestoßen. Dort wird ein fünfjähriges Mädchen von einem Psychiater interviewt, das emotional kalt und absolut angstfrei erzählt, wie es seinen kleinen Bruder missbraucht hat. Und man spürt, dass sie sogar ein kleines bisschen Lust dabei empfindet, was nach unseren Maßstäben absolut böse ist. Gleichzeitig möchte man das Mädchen beschützen, es ist unheimlich niedlich. Diese Diskrepanz hat mich sehr berührt. Dann ha-be ich weiterrecherchiert und herausgefunden, dass dieses Kind später Krankenschwester wurde. Ich fand heraus, dass dieses Mädchen ein sehr problematisches Verhalten gezeigt hat, und auch von ihren Adoptiveltern aufgegeben wurde, später aber erneut von einer Frau adoptiert wurde, die sie nicht aufgegeben hat. Das hat mich unheimlich fasziniert.

 

„Ich möchte mit Grenzen spielen”

 

Du machst es dem Zuschauer nicht gerade bequem. Du hast wohl keine Lust, uns einfach mal was Schönes zu servieren und klare Lösungen aufzuzeigen?

Katrin Gebbe: Ich hatte das Gefühl, wenn ich schon einen Film mache, in dem es thematisch letztlich um Grenzen geht, dann möchte ich auch gerne mit Grenzen spielen und den Zuschauer an Grenzen heranführen, damit er maximal in dieses Dilemma mit reingerissen wird und auch selbst einen Standpunkt beziehen muss. Man kann hier verschiedene Positionen einnehmen, und je nachdem, welche das ist, entfaltet sich ein bestimmter, anderer Bedeutungshorizont. Ich finde es toll, wenn Filme einem so viel Raum geben. Wenn man sich vielleicht erst einmal zwei, drei Tage damit beschäftigen muss und der Film dadurch dann größer wird als die eigentliche, konkrete Geschichte.

Nina, du hast sehr schnell zugesagt. Warum?

Nina Hoss: Ich habe angefangen, das Buch zu lesen und irgendwann gemerkt: Mir steht der Mund offen. Was nicht so oft passiert, wenn man Drehbücher liest. Ich war so geschockt, als plötzlich die Horrorelemente in den Film hineinkriechen. Niemand im deutschen Film wagt es wie Katrin, die Grenzen der Genres so zu verquicken: in ein Psychodrama dieses Düstere mit reinzubringen, das aber in der realen Welt verankert ist. Der Horror kommt ja daher, dass man nie weiß, was dieses Mädchen machen wird. Und wann. Wie weit sie gehen wird. Und dann ist da ja auch noch dieses Wesen, das sie verfolgt und das real ist oder vielleicht auch nicht. Das hat mich wirklich richtiggehend umgeworfen und begeistert. Mir war sofort klar: Das will ich unbedingt machen.

Nina, erst im Januar lief “Das Vorspiel” im Kino. Auch da spielst du eine Mutter, allerdings quasi den Gegenentwurf zu Wiebke. Was fasziniert dich an der Mutter-Thematik?

Nina Hoss: Dass ich zwei Mütter gespielt habe, ist reiner Zufall. Es ist einfach so, dass diese beiden Regisseurinnen gute Geschichten entwickelt haben, die zu dem Zeitpunkt finanziert waren und wir drehen konnten. Manchmal sucht man sich ein Projekt gar nicht so bedacht danach aus, ob das gerade ein Thema ist, das einen interessiert. Die Geschichten fliegen einen so an. Ich gucke immer nur, ob mich instinktiv etwas daran fesselt, ob es mich umtreibt. Ist das eine Figur, mit der ich drei Monate meines Lebens verbringen will? Die ich durchdringen, mit der ich mich beschäftigen will? Und hält die sich dann auch noch in einer Geschichte auf, die mir noch etwas anderes erzählt als nur ihren Lebensweg? Und dann ist da natürlich die Frage: Möchte ich mit diesen Regisseurinnen arbeiten? Wenn das alles zusammenkommt, bin ich glücklich und möchte loslegen.

Du arbeitest gerne mit Regisseurinnen?

Nina Hoss: Ja!

Lieber als mit Männern?

Nina Hoss: Nein, das kann ich so nicht sagen. Es ist Zufall, dass ich vergangenes Jahr mit vier Regisseurinnen zusammengearbeitet habe. Aber ich habe das sehr genossen, das war mit allen vieren eine wirkliche Wonne. Die sind alle in ihrer Art und auch in stilistischer Hinsicht sehr unterschiedlich, aber bei allen wurde sehr projektbezogen gearbeitet und das Teamgefühl war sehr groß. Nicht, dass die nicht wissen, wo ihre Position ist, aber das Ego fällt ein bisschen weg.

 


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„Der Geizige“ läuft auf der Bühne im Thalia Theater

Nach „Der eingebildete Kranke“ im Jahr 2001 inszeniert Leander Haußmann mit „Der Geizige“ nun eine weitere Komödie von Molière am Thalia Theater. Wie der Corona-Lockdown einer geizigen Gesellschaft den Spiegel vorhält, erzählt der Regisseur im Interview

Interview: Sören Ingwersen

 

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Reizen die Archetypen menschlicher Verfehlungen: Leander Haußmann (Foto: Armin Smailovic)

SZENE HAMBURG: Leander Haußmann, Ihre Inszenierung von „Der Geizige“ sollte bereits Mitte Mai am Thalia Theater stattfinden und wurde wegen Corona verschoben. Was bedeutete das für Ihre Probenarbeit?

Vor zwanzig Jahren wäre der Lockdown schlimmer gewesen, jetzt waren wir durch das Internet ganz gut darauf vorbereitet. Wir konnten uns bei den Proben per Videokonferenz sehen und hören und uns auf das konzentrieren, was in physischen Proben oft zu kurz kommt, nämlich Inhalte: Worum geht es den Figuren? Worum geht es in dem Stück? Wo liegt die Komik in diesem Stoff, und auf welcher Ebene möchte man die Menschen zum Lachen brin- gen? In meinem Fall natürlich wieder auf der untersten Ebene. (lacht) Aber durch das Ensemble mit Jens Harzer an der Spitze ist ja immer auch Niveau mit an Bord. Ich habe am Thalia Theater wahnsinnig fordernde Schauspieler, wie ich sie an noch keinem anderen Theater getroffen habe. Wenn man da auf einer Bananenschale ausrutscht, tut man das auf eine philosophische oder gesell- schaftskritische Weise.

War es problemlos möglich, das Geprobte auf die Bühne zu übertragen?

Ich hatte mir vorgestellt, das Stück gemeinsam mit den Schauspielern im Kopf komplett durchzuarbeiten und zu inszenieren, bis es so tief in uns drin sitzt, dass wir es spontan überall spielen könnten: auf einer Party, in einem Zimmer oder auf der Straße. Als wir das erste Mal wieder auf der Bühne standen, empfanden wir tiefe Dankbarkeit, dass wir besser vorbereitet waren als jemals zuvor.

Andererseits mussten wir auch wieder ganz von vorne anfangen. „Der Geizige“ zählt ja zu den ganz großen Komödien und Charakterstudien, die eine extreme physische Herausforderung für den Schauspieler sind.

 

„Wir gönnen dem anderen nicht, was wir selber haben“

 

Mit der Charaktereigenschaft des Geizes verbinden wir die Vorstellung eines Menschen, dessen Welt eng ist, der sich anderen gegenüber nicht öffnet und misstrauisch Abstand hält. Gibt es hier Parallelen zur Corona-Zeit?

Alle großen Stücke passen immer irgendwie in die Gegenwart, sonst wären sie keine Klassiker. Aber man muss den Gegenwartsbezug nicht forcieren, ich würde ihn sogar eher tarnen. Der Geiz ist nicht umsonst eine der sieben Todsünden, und wir Theatermacher beschäftigen uns nun mal mit diesen Archetypen menschlicher Verfehlungen. Erzählungen bedienen sich dabei bestimmter Formen.

Nehmen wir die Fabel: Wenn man den Tierkopf abnimmt, der Fuchs letztendlich nur ein listiger Mensch ist, und wir uns nicht mehr im Tier entdecken dürfen, dann ist die Fabel kaputt. Das macht die Stücke klein, und es langweilt mich auch, wenn ich zu sehr belehrt werde. Ich denke, es steht schon ein tieferer Sinn dahinter, Dinge zu überhöhen, zu überspitzen, märchenhafter oder allgemeingültiger zu machen, sodass man sie sich auch noch angucken kann, wenn wir längst nicht mehr an Corona denken.

Wo verläuft die Trennlinie zwischen Sparsamkeit und Geiz?

Es geht nicht nur um Geiz und Sparsamkeit. Es geht um Großzügigkeit. Geiz ist etwas Pathologisches. Sparsamkeit kann auch aus einem Verantwortungsgefühl resultieren. Ich müsste im Grunde viel sparsamer sein, weil ich vier Kinder zu ernähren habe. Da wird kein großes Erbe übrig bleiben, aber ich gebe eben lieber aus der warmen als aus der kalten Hand.

Wenn wir aber über die Corona-Maßnahmen sprechen, wird deutlich, dass wir über neue Gesellschaftsformen nachdenken müssen. Wenn ein Staat fast schon wie ein Monarch am Volk vorbeifährt und ihm Goldstücke zuwirft, fragt sich das Volk natürlich: Wie viele Goldstücke sind eigentlich noch da? Und wo waren sie vorher? Warum gibt es denn kein bedingungsloses Grundeinkommen und stattdessen unglaublich komplizierte Steuergesetze, die eine riesige Berufsgruppe ernähren. Wenn man das alles gegenrechnet, zahlt der Staat am Ende noch drauf. Hier kommt der Geiz ins Spiel: Wir gönnen dem anderen nicht, was wir selber haben. Leute, die ich unterstützen möchte, sind in den Augen vieler anderer Nichtsnutze und Gammler. Ich sehe das so: Wer arbeiten kann und will, hat Glück gehabt, und wer nicht, soll deshalb nicht diskriminiert werden.

 

„Wir müssen den Umgang miteinander wieder lernen“

 

Eine Frage der Solidarität, die sich aktuell auch in der Einhaltung der Sicherheitsmaßnahmen ausdrückt.Viele Menschen fühlen sich durch diese aber ihrer Freiheit beraubt und schließen sich deshalb großen Demonstrationszügen an. Zu Recht?

Wenn 20.000 Menschen auf der Straße ihren Unmut kundtun, kann die Politik sie nicht einfach ignorieren und als dumm bezeichnen, nur um selbst als klug dazustehen. Da läuft etwas komplett falsch. Es fehlt an Aufklärung und Klarheit. Wenn die Leute aggressiv werden, dann deshalb, weil ihnen die Kunst, die Berührung und der soziale Umgang fehlen.

Ich erwarte von den Politikern auch, dass sie ihre Maßnahmen an empathische Worte koppeln. Sonst steuern wir auf eine zweite Katastrophe zu, in der es kein Erbarmen und keine Solidarität mehr geben wird. Schon gar nicht mit uns Künstlern, weil wir immer schon als reich, arrogant und überflüssig galten.

Was erwarten Sie nach der Wiedereröffnung der Theater von Ihren Zuschauern, die dann auf Abstand sitzen werden?

Da die Leute lieber in der Masse lachen und das Tragen von Masken auch unbewusst Aggressionen freisetzt, müssen wir aufpassen, dass uns das Coronavirus nicht zu extrem unfreundlichen Menschen macht. Ich kann mich an einen Streit im 3-D-Kino erinnern. Da hat sich einer zu Recht aufgeregt, weil ich kurz eine SMS gelesen hatte. Das wäre aber wohl kein Problem gewesen, wenn wir nicht beide diese großen 3-D-Brillen aufgehabt hätten.

Wenn man einem Typen mit Spiegelbrille oder Maske begegnet, denkt man doch gleich: Was will denn dieser Gangster von mir? So ist der Streit eskaliert. Wir müssen den Umgang miteinander wieder lernen. Wenn man den Mund nicht sieht, sollte man mal versuchen, mit den Augen zu lachen. Das kann man trai- nieren. Ich mache das täglich vor dem Spiegel.

Der Geizige: Thalia Theater, 12.9. (Premiere), 13., 22., 24.9.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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