„Die Zauberflöte zweiter Teil “ – ein Gespräch

220 Jahre nach ihrer Entstehung wird die Fortsetzung von Mozarts „Die Zauberflöte“ uraufgeführt. Das Libretto schrieb kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe. Mit der Inszenierung feiert die Hamburger Kammeroper ihr 25-jähriges Jubiläum nach – ein Gespräch mit dem Regisseur Alfonso Romero Mora

Interview: Sören Ingwersen

SZENE HAMBURG: Alfonso, du kommst viel herum, hast in den letzten Jahren Opern auf Gran Canaria, Teneriffa, in Bilbao und Koblenz inszeniert und wirst in Lissabon Gounods „Faust“ auf die Bühne bringen. Mit deiner hochgelobten Inszenierung von Rossinis „La Gazzetta“ 2017 und drei weiteren Produktionen kann man dich fast schon als Hausregisseur am Hamburger Allee Theater bezeichnen. Inszenierst du für ein deutsches Publikum anders als für ein spanisches?

Alfonso Romero Mora: In Deutschland kann ich mir mehr Freiheiten erlauben als in Spanien oder Italien. Natürlich gibt es auch dort eine neue Welle und man spielt moderne Stücke. Trotzdem würde vieles, was ich in Deutschland auf die Bühne bringe, in Spanien so nicht funktionieren. In Deutschland und speziell im Allee Theater fühle ich mich sehr frei, und dafür bin ich total dankbar.

„Im Risiko besteht der Sinn unserer Arbeit“

Alfonso Romero Mora

Du hast bereits mehrfach für die Opernfestspiele von Las Palmas de Gran Canaria inszeniert. Sitzen dort viele Strandurlauber im Publikum?

Da kommen natürlich auch Touristen, sie machen aber nur einen kleinen Teil des Publikums aus. Es gibt auf Gran Canaria eine richtige Opernkultur, wobei man viel Wert auf große Stimmen legt. Dort investiert man viel Geld, das dann oft im Bereich Regie und Ausstattung fehlt.

Den Darstellern nichts vorspielen

Mora, Alfonso Romero © Dr.J.Flügel-klein
Ein gern gesehener Gastregisseur am Allee Theater: Alfonso Romero Mora (Foto: Dr. J.Flügel)

Ist es schwierig, als Regisseur mit berühmten Opernsängern zusammenzuarbeiten? Stichwort Starallüren und Divengehabe?

Vor fünf Jahren habe ich in Donizettis „La Fille du Regiment“ mit dem mexikanischen Tenor Javier Camarena zusammengearbeitet. Aber wie sollte ich ihm die Rolle des Tonio erklären, die er schon tausendmal gesungen hat? Ich habe ihm also einfach einen Raum mit verschiedenen Spielmöglichkeiten eröffnet und es ihm selbst überlassen, was er davon annehmen möchte. Das hat ihn wohl etwas überrascht, aber letztendlich ist das Arbeiten mit großen Opernstars so viel entspannter. In der Kunst gibt es nicht nur eine Wahrheit.

Im Hamburger Allee Theater gibt es diesen Starkult zum Glück nicht. Außerdem inszenierst du mit „Die Zauberflöte zweiter Teil“ eine Oper, die noch nie aufgeführt wurde. Haben die Sängerinnen und Sänger trotzdem die Freiheiten, die du eben beschrieben hast?

In meinen frühen Inszenierungen habe ich selbst sehr viel auf der Bühne vorgespielt. Ich habe aber gemerkt, dass es kaum hilfreich ist, wenn die Sänger einfach nur kopieren, was ich tue. Also versuche ich erst einmal, die Situation der Szene mit ihnen zu klären. Wir sprechen sehr viel über die Charaktere und deren Psychologie. Es wirkt viel natürlicher und organischer, wenn der Sänger die Rolle mit seiner eigenen Körperlichkeit findet. Das gibt den Solisten auch mehr Spielraum, etwas von sich selbst zu geben, zu experimentieren und sich selbst zu überraschen. Wir suchen das Risiko. Darin besteht der Sinn unserer Arbeit.

Die Form bleibt traditionell

Das Hamburger Publikum hat mit „La Gazzetta“, „Adina“ und „La Cenerentola“ bisher vor allem deine komische Seite kennengelernt. Was erwartet uns bei Goethes Fortsetzung der „Zauberflöte“?

Auch dort gibt es mit Papageno, Papagena und ihren Vogelkindern humorvolle Stellen. Sie bilden aber nur einen Kontrast zum komplexen Inhalt, den wir natürlich erst einmal erzählen wollen, weil die Zuschauer das Stück ja nicht kennen. Deshalb bleiben wir in der Form eher traditionell und wollen nichts modern verfremden.

„Das Stück ist sehr komplex, es steckt voller Ideen und Metaphorik“

Alfonso Romero Mora

Knüpft Goethe direkt an die Handlung von Mozarts Singspiel an?

In Mozarts „Zauberflöte“ gibt es einen großen Krieg zwischen Licht und Dunkel. Der zweite Teil von Goethe ist eher ein Stück des Sturm und Drang. Die Konflikte finden hier in der Familie, zwischen den Paaren statt. Dabei hat das Stück eine eher melancholische Farbe und ist nicht so episch angelegt wie der erste Teil. Es stellt die Frage: Was passiert mit Helden zehn Jahre nach ihrer Heldentat? Der mächtige Sarastro verlässt zum Beispiel seinen Tempel und sammelt auf einer Pilgerreise Kräuter. Auf diese überraschende Weise findet Goethe einen ganz neuen Weg zur Rolle. Wir werden auf der Bühne beide Welten und ihre Beziehungen zeigen: die kosmische, abstrakte Welt mit ihren großen Kräften und die irdische Welt der Menschen.

„Auf der Bühne möchte ich klar und einfach bleiben“

Eine sehr merkwürdige Erfindung in diesem Text ist der Sohn von Pamina und Tamino. Er wird in einem Sarg gefangen gehalten, der ständig bewegt werden muss, damit das Kind nicht stirbt. Wie lässt sich dieses Bild deuten?

Es ist ein Kind, ein Genius, ein Wesen – das lässt sich nicht genau sagen. Ich glaube, diese Figur soll die Vernunft und die Erkenntnis verkörpern. Der Mensch muss sich ständig bewegen, um Neues zu erforschen und sich zu entwickeln. Tut er das nicht, wird er sterben. Das ist ein Bild der Aufklärung mit einem Wechsel vom Aberglauben zur Wissenschaft. Bei uns ist der Sarg eine Kugel und darin schlägt ein Herz. Wir verwenden viele metaphorische Bilder und Projektionen auf der Bühne.

Es gibt sehr viel Sekundärliteratur zu Goethes Textfragment. Da werden Bezüge hergestellt zum ersten Teil der „Zauberflöte“, zu Goethes „Faust“ und seinen freimaurerischen Vorstellungen. Wie sehr beschäftigst du dich mit diesen Texten?

Man kann viel reden und schreiben, aber letztendlich geht es doch immer um den Menschen und seinen Umgang mit sich selbst oder seinem Partner. Natürlich hilft die Lektüre, aber auf der Bühne möchte ich klar und einfach bleiben. Ein intellektueller Zugang muss auch die Ebene der Gefühle mit einschließen, um die Menschen zu bewegen.

„Die zentrale Aussage des Stückes war damals wie heute höchst aktuell“

Alfonso Romero Mora

„Goethe fand wohl keinen passenden Komponisten“

Goethes Text wurde vor über 200 Jahren geschrieben. Warum wird er erst jetzt uraufgeführt?

Goethe selbst hat das Stück nicht auf die Bühne gebracht, weil er wohl keinen passenden Komponisten gefunden hat. Außerdem ist das Stück sehr komplex, es steckt voller Ideen und Metaphorik. Barbara Hass hat in ihrer Bearbeitung des Fragments kleine dramaturgische Änderungen vorgenommen, ohne den dramatischen Rhythmus zu verändern. Die zentrale Aussage des Stückes war damals wie heute höchst aktuell. Das unbeschwerte und reine Handeln der Kinder – des Genius sowie der Kinder von Papagena und Papageno – ohne Zauberinstrumente und ohne Rache oder Gewalt ist die Lösung zur Rettung der Menschheit und letztendlich des eigenen Ichs. Wir haben uns vorgenommen dies auf der Bühne umzusetzen.

Ihr habt Goethes Text für die Uraufführung mit Musik von unbekannteren Konzert- und Opernarien Mozarts unterlegt?

Marius Adam, der Intendant des Allee Theaters, und Ettore Prandi, unser musikalischer Leiter, haben diese umfangreiche Arbeit geleistet. Sie haben die musikalischen Werke ausgesucht und mit Goethes Text versehen. Aber natürlich gibt es auch gesprochene Dialoge. Goethes Text und Mozarts Musik: eine wunderbare Symbiose, die genial funktioniert.

„Die Zauberflöte zweiter Teil“, Allee Theater, 22. April 2022 (Uraufführung), 23., 24., 29., 30. April und weitere Termine


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Tanz mit einem Sexroboter

In Gloria Höckners „Sentimental Bits“ agieren vier Performer:innen und ein humanoider Sexroboter miteinander, um sich einer Aus- und Bewertung durch KI zu entziehen. Das Tanzstück ist eine von drei Produktionen, mit denen die aktuellen K3-Residenz-Choreografinnen sich im Rahmen des Festivals TanzHochDrei vom 24. März bis 3. April 2022 auf Kampnagel vorstellen

Interview: Dagmar Ellen Fischer

SZENE HAMBURG: Gloria Höckner, Tanz kann aus physischen Phänomenen bestehen, die durchaus nicht auf den menschlichen Körper begrenzt sind, und da gäbe es zahlreiche Möglichkeiten – warum ein Sexroboter?

Gloria Höckner: Der Sexroboter verkörpert die Frage nach einer Interaktion zwischen Mensch und Maschine. Er fragte mich beispielsweise, ob ich männlich oder weiblich bin. Als ich antwortete, dass ich nicht-binär sei, war der Roboter überrascht. Warum ist meine Identität überraschend? Warum geht der Roboter von zwei Geschlechtern aus? Diese in Maschinen eingeschriebenen Vorurteile will ich sichtbar machen und problematisieren.

Im Untertitel heißt deine Choreografie „This Magic is in Spite of Me“, ins Deutsche übersetzt, ergibt das indes wenig Sinn …

Der Untertitel stammt aus einem Experiment, bei dem eine Künstliche Intelligenz auf Grundlage bisheriger Songs einen neuen komponierte. Es offenbart sich, dass KI es zwar schafft, Muster eines vorgegebenen Materials zu erkennen und zu verarbeiten, sie ist dabei aber doch fehlerhaft. Diese Reproduktion von Mustern ist besonders problematisch, wenn sie beispielsweise an Grenzübergängen eingesetzt wird, um Menschen zu analysieren – und nicht nur Songtexte.

Sich durch Tanz einer Erkennung entziehen

Bei „Sentimental Bits“ geht es darum, sich computergesteuerten Überwachungssystemen zu verschließen beziehungsweise sie zu stören, wie funktioniert die Übertragung in eine Performance?

Durch körperliche Nähe, Bewegung/Tanz, ein Spiel mit dem körperlichen Ausdruck, die Benutzung von Masken und die gegenseitige Umschlingung von eigenen wie fremden Körperteilen entziehen sich die Performer und Performerinnen der „Erkennung“ durch die Software. Die Körper entwickeln eine eigene Intelligenz oder ein Bewusstsein gegenüber der KI. Die Performerinnen und Performer spielen damit, durch ihren Gesichtsausdruck oder ihre Bewegungen die KI so zu irritieren, dass sie entweder gar nicht mehr erkannt werden oder Störungen im System erzeugen. So „hacken“ sie ihren Ausdruck und lassen „Glitches“ entstehen.

Welche Bilder entstehen, wenn Körper gehackt und geglitcht werden?

Die Emotions-KI erkennt nur eine begrenzte Anzahl an Emotionen und lediglich zwei Gender. Trotz dieser begrenzten Möglichkeiten findet die Technologie zunehmend Eingang in die Gesellschaft, zum Beispiel bei Jobinterviews. In dem Stück wird sichtbar, wie die Software über digitale Masken versucht, Gesichtsausdrücke zu deuten und mittels Kategorisierung zu interpretieren. Die Performerinnen und Performer irritieren die KI, sodass sie kaum noch erkannt werden. Das Bewegungsmaterial entsteht unter anderem durch das Spiel der Performerinnen und Performer mit den Grenzen des Systems. Jedes Mal, wenn die Performer:innen sich außerhalb der von der KI bekannten Kategorien bewegen, entstehen alternative Narrationen, überraschende sowie irritierende Bilder und Dialoge.

Hörbare Emotionen

Braucht es dafür Performerinnen und Performer mit bestimmten Voraussetzungen?

Ich arbeite mit Performerinnen und Performer, die selbst ein Interesse an der Thematik mitbringen. Uns verbinden eigene Erfahrungen mit den politischen Implikationen, eingeschriebenen Vorurteilen und Körpervorstellungen dieser Systeme.

Wie werden die begleitenden „immersiven Klanglandschaften“ erzeugt?

Wir haben ein eigenes Musikinstrument gebaut, indem wir den von der KI erkennbaren Emotionen und Genderkategorien eigene Klänge zugewiesen haben. So werden sie hörbar und das Gesicht zu einem Instrument. Das Gleiche haben wir auf eine Software angewendet, die den Körper der Performerinnen und Performer verfolgt und ihre Bewegungen in eine Klanglandschaft transformiert.

Sentimental Bits – This Magic is in Spite of Me: Kampnagel, 26. und 27. März 2022


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„Eine neue Form der Regie ohne Machtgefälle“

Eva Mattes teilt sich mit Josefine Israel die Rolle der Mutter in „Die Freiheit einer Frau“. Falk Richter inszeniert eine eigene Bühnenfassung der neuesten autobiografischen Erzählung von Édouard Louis Im Interview spricht Mattes über Mütter, Édouard Louis und Theater in Zeiten von Corona

Interview: Sören Ingwersen

SZENE HAMBURG: Frau Mattes, in „Die Freiheit einer Frau“ spielen sie eine Frau, die nach jahrelangen Demütigungen durch zwei Ehemänner beschließt, ihr Dorf zu verlassen und ein neues Leben zu beginnen. Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet?

Eva Mattes. Ich habe erst mal alle Bücher von Édouard Louis gelesen. Außerdem machen wohl alle Frauen Erfahrungen in diese Richtung. Ich denke oft: Ach, jetzt muss ich mich schon wieder emanzipieren. Im Fall von Édouard Louis und seiner Mutter ist es natürlich noch krasser, weil die in sehr armen Verhältnissen aufgewachsen sind.

Édouard Louis, der viele homophobe Erfahrungen gemacht hat, befreit sich aus diesen Verhältnissen …

Er hat das Gymnasium besucht, danach studiert und ist jetzt ein intellektueller Mensch. Hochachtung vor so einem Schritt! Die Mutter folgt ihm quasi, verlässt ihren zweiten Mann und zieht in die Stadt. Aber wirklich heraus aus ihrer Gesellschaftsschicht kommt sie nicht. Sie findet auch schwer Kontakte. Wir wissen ja, dass sich in Städten wie Paris nicht so leicht Beziehungen entwickeln, wenn man von außen dazukommt. Das ist in Berlin anders. Ich lebe in Kreuzberg, da ist die Bevölkerung sehr gemischt.

Ein offener Brief an die Mutter

Man hat Édouard Louis vorgeworfen, dass seine Bücher immer wieder das gleiche Thema behandeln …

Er ist ja noch wahnsinnig jung, nicht einmal dreißig, und hat noch eine große Entwicklung vor sich. Deshalb wird er immer wieder anders auf seine Vergangenheit blicken. Als studierter Soziologe kann er sich auch ein Bild davon machen, warum seine Eltern und die Verhältnisse so sind, wie sie sind.

Er hat offenbar viel aufzuarbeiten …

Er schreibt, dass er in der Schule jeden Tag im gleichen Flur auf die beiden Typen gewartet hat, die ihn dann zusammenschlagen haben. Er wollte nicht im Schulhof verprügelt werden, weil es dort alle anderen mitbekommen hätten. Dabei hat er immer gelächelt, weil er dachte, dann tun die Jungs ihm nicht so weh. Auch vor seiner Mutter hat er immer nur gelächelt. Er wollte nicht, dass sie erkennt, wer er ist und was er für ein Leben führt. Um all diese Erfahrungen zu überwinden, ist harte Arbeit nötig.

Könnte man das Buch als eine Art offenen Brief an die Mutter verstehen?

Ja. Falk Richter hat eine sehr schöne Bühnenfassung geschrieben, die nahe am Buch bleibt. Josefine Israel spielt die junge Mutter und ich die Mutter in der Gegenwart.

„Prosa ist auf der Bühne spannender“

Warum werden immer öfter Prosatexte auf die Bühne geholt? Gibt es keine guten Theaterstücke mehr?

Wahrscheinlich möchte man einfach gute Stoffe erschließen. Ehrlich gesagt, lese ich Texte von Theaterstücken immer erst, wenn ich gebeten werde, darin mitzuspielen. Deshalb kann ich gar nicht beurteilen, ob es zu wenige gute neue Stücke gibt.

Andererseits gibt es Gegenwartsautoren, die auch für die Bühne Prosatexte schreiben wie Elfriede Jelinek. Für Ihre Darstellung der Kirke in der Uraufführung von Jelineks Stück „Lärm. Blindes Sehen. Blinde Sehen!“ am Deutschen Schauspielhaus haben Sie im letzten Jahr den „Theaterpreis Hamburg – Rolf Mares“ erhalten.

Auf der Bühne sind diese Texte aber spannender, als wenn man sie nur lesen würde. Bei dieser Produktion habe ich zum ersten Mal die Erfahrung gemacht, wie man einem Text, der ohne Punkt und Komma und ohne Rollenverteilung geschrieben ist, in ein Stück verwandelt.

Dort spielten Sie ja eine Art Gegenstück zu Ihrer aktuellen Rolle und traten als Zauberin auf, die die Männer in Schweine verwandelt, um über sie zu herrschen.

Andererseits sagt auch die Mutter in „Die Freiheit einer Frau“, als sie einen neuen Mann kennenlernt: „Jetzt lasse ich mich nicht mehr unterdrücken. Jetzt bestimme ich!“

Aber reproduziert sie damit nicht nur den Machtmechanismus mit entgegengesetzten Vorzeichen?

Man sucht sich immer die Muster, die einen geprägt haben. Aus denen kommt man nur heraus, wenn man verstanden hat, warum in der Vergangenheit etwas so passiert ist. Erst dann kann sich das ganze System verändern.

Die Freiheit des Spiels

Haben Sie schon früher mit Falk Richter zusammengearbeitet?

Nein. Aber die Arbeit macht großen Spaß und findet – wie im letzten Jahr mit Karin Baier – auf Augenhöhe statt. Das ist auch eine Art Befreiung, eine neue Form der Regie ohne Machtgefälle. Mit Peter Zadek war das anders. Obwohl wir uns gut verstanden haben und ich ihn durchaus vermisse, konnte er ganz schön austeilen.

Rainer Werner Fassbinder aber doch sicher auch …

Mir gegenüber waren die Regisseure zum Glück immer respektvoll und vorsichtig. Und als ich mit Fassbinder angefangen habe zu arbeiten, war ich erst sechzehn. Der hatte sozusagen genauso Respekt vor mir – vor meiner Jugend und meiner hohen Disziplin – wie ich vor ihm.

Heißt das trotzdem, dass Sie heute ihre Vorstellungen als Schauspielerin stärker einbringen können?

Nein, bei Zadek kam ja auch viel von der Bühne. Da habe ich überhaupt erst gelernt, selbstständig zu arbeiten. Einerseits war das sehr locker, andererseits richtete sich doch alles nach ihm. Aber die Freiheit des Spiels habe ich seit Zadek eigentlich immer gehabt. Wir haben manchmal monatelang bei ihm improvisiert und hatten wahnsinnig viel Zeit, unsere Rollen zu entwickeln.

Corona und die Kunst

Im Moment sind ja wegen Corona ja nur wenige Zuschauer zugelassen. Wie geht es Ihnen damit?

Wenn ich in den Saal hinunterschaue, empfinde ich das manchmal sogar als persönlicher. Am Ende sind die Leute auch unglaublich dankbar und applaudieren wie verrückt, weil sie uns wohl auch zeigen wollen, wie froh sie sind, dass sie dabei sein können. Trotzdem wünscht man sich natürlich volle Säle. Jetzt mache ich schon die dritte Produktion hier am Schauspielhaus nach „Iwanow“ und dem Jelinek-Stück und fühle mich sehr privilegiert. Leider gibt es viele Menschen in unserer Branche, die derzeit nicht auftreten können und denen es richtig schlecht geht.

Muss man nicht sogar sagen, dass die Themen des aktuellen Stücks – Armut und Gewalt – Themen sind, die durch Corona verstärkt in den Fokus geraten? Die Menschen verlieren ihre Arbeit, sitzen zu Hause und werden immer aggressiver.

Natürlich, ich kenne das aus meiner eigenen Familie. Meine Nichte hat drei Söhne von ganz klein bis elf Jahre. Das ist selbst zu zweit schwer. Ich bin froh, dass meine Kinder erwachsen sind.

Wenn Sie zu einer Anhörung in den Bundestag geladen würden, um die Corona-Situation in den Theatern aus Sicht einer praktizierenden Schauspielerin einzuordnen und Ratschläge zu geben, was würden Sie dem Ausschuss sagen?

Ich glaube, ich würde da nicht hingehen. Selbst für die Fachleute scheint eine Beurteilung schwierig zu sein, weil es ja fast täglich neue Erkenntnisse gibt. Ich hatte mich auch mit der Omikron-Variante angesteckt. Es war eine ganz normale Erkältung, und jetzt bin ich genesen – für drei Monate immerhin. Viele kommen nicht so glimpflich davon, und es gibt Tote. Aber das Spiel mit der Angst, das mag ich nicht.

„Die Freiheit einer Frau“, ab dem 5. März 2022 (Premiere) im Deutschen Schauspielhaus


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Ohnsorg Theater: Die Not muss bedient werden

Der Titel der Premiere ist von einer TV-Sendung inspiriert: „Bares is nix Rares“. Im neuen Stück am Ohnsorg Theater geht es also um Geld – illegal beschafftes, natürlich. Den fantasievollen Betrüger spielt Erkki Hopf

Interview: Dagmar Ellen Fischer

SZENE HAMBURG: Erkki, du spielst Erik, der seinen Job verloren hat, das aber vor seiner Frau verheimlichen will. Deshalb muss er auf andere Weise Geld beschaffen, und ist dabei ungewöhnlich kreativ.

Erkki Hopf: Dieser arbeitslose Erik versucht zunächst, einen Job zu bekommen, aber irgendwann wird die Not zu groß. Dann merkt er, wie einfach es ist, an Gelder zu kommen, zum Beispiel an das Arbeitslosengeld seines Untermieters, der nicht mehr bei ihm wohnt. Also erfindet er weitere Untermieter, deren Zuwendungen er einstreichen kann.

Er ist eigentlich kein Gauner, aber die Ämter scheinen das Geld gern zu geben, und das ermutigt ihn zu weiteren Missbräuchen. Das geht natürlich nur eine Weile gut, und dann? Steht eines Tages ein Beamter vor der Tür, der überprüfen will, wer denn tatsächlich dort wohnt. Und auf den ersten Prüfer folgende weitere, und jedem spielen die Anwesenden eine neue Version von Großfamilie oder Wohngemeinschaft vor.

Das Problem ist, dass sich niemand merken kann, welche Rolle er für welchen Besucher spielte. Eriks Onkel hat zudem eine weitere Einnahmequelle aufgetan: Er stiehlt im Krankenhaus, wo er als Raumpfleger arbeitet, BlankoFormulare, mit denen man diverse Hilfsmittel beantragen kann. Und so sammeln sich Still-BHs, Umstandskleider, Leistenbruchslips und ähnliche Dinge, die später auf Flohmärkten verkauft werden sollen. Doch bevor es dazu kommt, entdeckt Eriks Frau diese absurde Sammlung und hält ihren Gatten für einen Fetischisten.

Die Farbe der Rolle

Das klingt nach einer Rolle, die wie für dich gemacht scheint …

Ja, Männer in Nöten, mit denen werde ich gern besetzt. Erik ist mit den Nerven am Ende, sein Lügengebäude stürzt ein. Das ist eine sehr dankbare Rolle, aber auch ganz schön anstrengend. Wenn man da nicht voll einsteigt und die Not bedient, ist das nur halb so komisch, man muss hundert Prozent geben in solchen Rollen.

Wie gehst du an eine solche Figur heran?

Zuerst finde ich heraus: Welche Farbe hat Erik? Ich fasse in meine Kiste mit Buntstiften, PolychromosStifte – mit solchen hat auch Horst Janssen gezeichnet – und greife intuitiv eine Farbe heraus. Es ist ein bisschen wie das Orakel der Krake.

Welche Farbe hat Erik?

Das habe ich noch nicht entschieden. Aber ich kann es jetzt gleich tun. (kurze Pause, raschelndes Geräusch) Es ist ein dunkler TürkisTon, kobaltgrün steht auf dem Stift. Damit markiere ich alle meine Textstellen. Danach suche ich eine zweite, etwas blassere Farbe für alle meine Stichworte, die muss ich ja mitlernen, und dann geht es los.

Volkstheater macht glücklich

Hast du beim Textlernen schon Ideen zum Sprechtempo deiner Figur, zum Gang?

Solche Dinge schreibe ich vorab auf einen Zettel. Im Fall von Erik schaue ich gerade, inwieweit er am Anfang noch cool ist mit diesen illegalen Aktionen, bevor alles auf ihn einstürmt und er am Rad dreht. Ich überlege mir ein inneres Tempo und auch einen typischen Gang. Gerade bei diesen Kloppern muss alles authentisch sein.

Du bist seit 28 Jahren am Ohnsorg-Theater, was macht dieses Haus so attraktiv?

Ich merke, wie sehr man ein Publikum beglücken kann: Es ist Volkstheater, man ist einfach nah dran, und da kommt was zurück!

„Bares nix Rares“, ab dem 27. Februar 2022 (Premiere) am Ohnsorg-Theater


Die März-Ausgabe der SZENE HAMBURG erscheint am 26. Februar 2022.

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Thalia Theater: Das mangelnde Licht

Im Roman „Das mangelnde Licht“ der Deutsch-Georgierin Nino Haratischwili geht es um Freundschaft und Verrat. Das darauf basierende Stück wird am 26. Februar 2022 im Thalia Theater uraufgeführt

Text: Dagmar Ellen Fischer

Perfektes Timing: Am 25. Februar 2022 erscheint der neue Roman „Das mangelnde Licht“ der Deutsch-Georgierin Nino Haratischwili, und nur einen Tag später findet dessen Uraufführung auf der Bühne statt – besser können sich zwei Ereignisse kaum gegenseitig befördern. Zum dritten Mal – nach „Das achte Leben (Für Brilka)“ und „Die Katze und der General“ – verwandelt somit die Hamburger Regisseurin Jette Steckel Literatur der Bestsellerautorin in Theater.

Das jüngste Buch thematisiert ein weiteres Mal Georgiens Historie: Ende der 1980er-Jahre verbindet vier junge Frauen eine besondere Freundschaft; die sensible Qeto, die lebenshungrige Dina, die kluge Außenseiterin Ira und die romantische Nene genießen erste Lieben und die Aussicht auf nie zuvor gekannte Freiheiten nach Georgiens Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Doch auf den Freudentaumel folgt der Bürgerkrieg – und das Ende der Freundschaft durch Verrat. Jahrzehnte später treffen sich drei der Frauen wieder und müssen sich dem tragischen Tod ihrer Freundin stellen.

„Das mangelnde Licht“, ab dem 26. Februar 2022 (Uraufführung) am Thalia Theater


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Theater: Der Tod in Venedig

Im Thalia an der Gaußstraße ist Thomas Mann in „Der Tod in Venedig“ im Gespräch mit sich selbst

Text: Dagmar Ellen Fischer

Pfeifend schlendern vier Thomas Manns auf die Bühne. Oder ist es vier Mal Gustav von Aschenbach? Wie viel vom Autor im Protagonisten der Novelle „Der Tod in Venedig“ steckt, rätselten Leser schon vor gut hundert Jahren. Auch Bastian Krafts Inszenierung spielt mit der Vermutung, dass sich der Literat in diesem Text selbst porträtiert – und setzt noch einen drauf: Thomas/Gustav lässt er von vier Schauspielerinnen verkörpern: Sandra Flubacher, Karin Neuhäuser, Oda Thormeyer und Victoria Trauttmansdorff werden mit grauem Herrenanzug, Brille, kurzen Haaren und Schnurrbart identisch verkleidet und perfekt vermännlicht.

Ein Geniestreich im Thalia Gauß

Der Regisseur jongliert souverän mit mehreren Ebenen: Einerseits erzählt er nach wie vor die Geschichte des alternden Künstlers von Aschenbach, der für einen 14-Jährigen entflammt und jegliche Würde verliert. Parallel dazu fantasiert er aber auch den Entstehungsund Wortfindungsprozess des Schriftstellers Thomas Mann hinzu. Das gelingt mit sparsam gesetzten Kommentaren (letztlich wird fast ausschließlich im O-Ton der Novelle gesprochen), doch die reichen aus, um sowohl die Blumigkeit der Sprache als auch die Selbstverliebtheit des männlichen Künstlertums jener Zeit behutsam anzukratzen. Als einzige legt Trauttmansdorff nach einer Weile den Anzug ab und mutiert im Matrosen-Outfit zu Tadzio, dem Objekt der Begierde.

Alle weiteren für die Handlung notwendigen Personen tauchen als Projektion auf der Bühnenrückwand auf, in diesen Filmsequenzen ebenfalls gespielt von den vier Darstellerinnen und dank unglaublicher Maskenbildnerkunst noch einmal vollkommen verwandelt. Venedig und die todbringende Seuche machen sich auf der Bühne durch stetig zufließendes Wasser breit, bis am Ende die gesamte Fläche geflutet ist. Dieser pausenlose 90-minütige Abend ist nichts Geringeres als ein Geniestreich.

„Der Tod in Venedig“ im Thalia Gauß, 10. Februar 2022 und weitere Termine


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„Eine Abrissbirne ist durch meinen Spielplatz gefahren“

In „Harper Regan“ des britischen Dramatikers Simon Stephens spielt Anika Mauer eine verheiratete Frau, deren Leben aus den Fugen gerät. Es ist die vorerst letzte Rolle der 47-Jährigen, die bereits zweimal zu Berlins beliebtester Schauspielerin gewählt wurde

Interview: Sören Ingwersen

SZENE HAMBURG: Frau Mauer, in „Harper Regan“ spielen Sie eine Frau, die durch den Tod ihres Vaters ihr ganzes bisheriges familiäres und berufliches Dasein infrage stellt. Wieso äußert sich ihre Trauer auf diese existenzielle Weise?

Anika Mauer: Die Handlung beginnt ja schon zwei Jahre früher mit einem Vorfall, den ich nicht verraten möchte. Die Sedimentierung, die infolge dieses Vorfalls einsetzt, bricht sich dann durch den Tod des Vaters Bahn. Das Stück schneidet sozusagen in einen Gemütszustand, der dann aufbricht.

Harper sucht also keinen Trost in der Familie?

Nein, sie nutzt die Chance, Wahrheiten zu erkennen. Wahrheiten haben mit bewegenden Situationen zu tun und sind eine Möglichkeit für Veränderung. Als Unterkategorie tauchen dann die familiären Verquickungen auf, die Liebe und die Frage, wie ich damit umgehe, dass ich niemals genau wissen kann, was ein anderer Mensch denkt? Vielleicht möchte ich es auch gar nicht wissen, weil ich ahne, dass es dort etwas gibt, was ich nicht gutheiße.

Wird Harper durch die Reise zu ihrem Vater, den sie nicht mehr lebendig antrifft, noch einmal mit ihrer Kindheit und Jugend konfrontiert?

Unterschwellig. Es geht in dem Stück darum, dass wir mit Erinnerungen leben, die nicht der Wahrheit entsprechen. Wenn wir rückblickend auf unser Leben schauen, bauen wir uns Erinnerungen zusammen, die wir erträglich und schön finden. Sie spiegeln aber nicht den faktischen Sachverhalt dessen wider, was geschehen ist. Manchmal wird man dann gezwungen, die Dinge neu zu überprüfen, und muss dann damit klarkommen. Das tun die wenigsten Menschen. Wir sind ja eher Selbstbestätiger und Betäubungsmaschinen als Auseinandersetzer.

Ein scheinbar saloppes Well-Made-Play mit Tiefgang

Auf ihrer Reise macht Harper Bekanntschaften, die ungeahnte Folgen haben. Welche Rolle spielen Begegnungen für die eigene Biografie?

Es fängt ja alles mit der Neugier an. Ich kann nur jemandem begegnen, wenn ich ihn anschaue, wenn ich ihm Fragen stelle und auch Antworten hören möchte. Dann ist jede Begegnung wichtig, und es gibt Momente im Leben, in denen man denkt: Den habe ich doch jetzt nicht ohne Grund getroffen. Das kann ich aus dem Stück in mein eigenes Leben zurück spiegeln. Da sind wir dann schnell bei so großen Worten wie Fügung und Schicksal.

Hört sich an wie ein echtes Seelendrama.

„Harper Regan“ ist ein scheinbar saloppes Well-Made-Play und hat trotzdem Tiefgang. Warum sollte sich das ausschließen? Man kann sich darauf einlassen oder es ablehnen. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Es ist aber für mich schon ein Qualitätsmerkmal, wenn Zuschauer realisieren, dass sie diese Entscheidung treffen müssen.

Es erfordert Mut, sich vom Leben führen zu lassen

Bei „Sophie“, dem vorherigen Stück, das Regisseur Antoine Uitehaag mit Ihnen realisiert hat – Sie erhielten für die herausragende Darstellung der Titelfigur 2019 den „Hamburger Theaterpreis – Rolf Mares“ –, stand man ja auch vor der Wahl, ob man sich auf eine Selbstbespiegelung einlässt.

Genau. Man musste sich entscheiden, der Reise durch Sophies gesamtes Leben zu folgen oder eben nicht. Erst wenn ich mich darauf einlasse und es aushalte, entsteht für mich ein Theatererlebnis, das mich bewegt.

Ich möchte noch einmal auf die Begegnungen zurückkommen. Wir glauben oft, unser Leben selbstbestimmt zu führen und durch bewusste Entscheidungen zu lenken. Ist das eine Illusion?

Da halte ich es mit Brecht: „Ja, mach nur einen Plan! Sei nur ein großes Licht! Und mach dann noch ’nen zweiten Plan. Gehn tun sie beide nicht.“ Sich darauf zu verlassen, dass das Leben einen führen wird, ist die spannendere Variante. Wer genug Mut hat, sollte es so machen. Da sind Sätze wie „Schließt sich eine Tür, öffnet sich die nächste“ einfach wahr. Es ist schlimm, an etwas festzuhalten, was dich schon längst verlassen hat.

„Es geht allen um die Sache“

Die Musiker Jaap de Weijer und Martin Vonk sowie Bühnenbildner Tom Schenk gehörten ja auch schon bei „Sophie“ mit zum Team.

Es entsteht wieder ein Gesamtkunstwerk. Wir werden mindestens eine Woche damit zubringen, die Technik in das Stück einfließen zu lassen. Ich habe bisher nur die Computerbilder gesehen, aber freue mich jetzt schon wie ein Kind darauf. Was Tom angekündigt hat, finde ich grandios.

Fühlt man sich als Schauspielerin von der Technik – gerade wenn es um aufwendige Projektionen geht – nicht manchmal an den Rand gedrängt?

Tom hat natürlich eine Idee, aber er würde sich niemals in den Vordergrund schieben mit dem, was seine Arbeit betrifft. Das gilt für das ganze Ensemble. Hier gibt es keine Eitelkeit und niemand möchte hervorstechen, weil es allen nur um die Sache geht. Und Antoine ist der einzige Regisseur, den ich kenne, der Schauspieler wirklich aushalten kann. Der guckt und wartet, was kommt, um damit zu arbeiten. Das ist wirklich kostbar, ein Diadem, was ich mir in die Schmuckschatulle legen könnte – wenn ich eine hätte.

„Ich kenne viele Kollegen, denen es sehr schlecht geht“

Wie viele Stücke haben Sie mit Antoine Uitehaag zusammen realisiert?

Ich glaube, fünf oder sechs, aber mir kommt es vor wie zwanzig. Er ist mein absoluter Lieblingsregisseur, ein Mensch, mit dem ich während der Arbeit nicht viel reden muss. Das passiert einem nur ein oder zwei Mal im Leben. „Harper Regan“ ist mein vorläufig letztes Theaterstück, weil ich mich von der Bühne zurückziehe. Dass ich das mit Antoine mache, hat seinen Grund.

Sie kehren der Bühne den Rücken? Wegen Corona?

Ja.

Ist es nicht eine harte Entscheidung, einen Beruf, den man aus Leidenschaft gewählt hat, aufzugeben?

Vor fast zwei Jahren ist eine Abrissbirne durch meinen Spielplatz gefahren, und ich finde keine Energie, ihn wieder aufzubauen. Jetzt habe ich mich anderweitig orientiert und bin damit sehr zufrieden. Dieser erzwungene Perspektivwechsel war nach fast dreißig Jahren vielleicht auch wichtig. Ich kenne viele Kollegen, denen es sehr schlecht geht.

„Das Theatersterben haben wir noch vor uns“

Es hat sich eine andere Tür geöffnet?

Ja. Zum Glück.

Möchten Sie sagen, welche?

Mich hat eine gute Freundin angerufen, die für die UFA arbeitet. Dadurch habe ich einen Beruf gefunden, in dem ich alle meine Fähigkeiten einbringen kann, meine Führungsqualitäten und meine Lehrtätigkeit. Ich habe ja auch an der Schauspielschule unterrichtet.

Wie schätzen Sie den Schaden der Kultur durch Corona ein?

Für mich sind viele Dinge passiert, die ich vorher nie infrage gestellt hatte. Zum Beispiel, dass das Theater nicht zum Bildungskanon gehören soll. Nur die Museen hatten das für ihre Institutionen durchgesetzt. Da hätten sofort alle mitziehen müssen, denn jede künstlerische Einrichtung ist Teil des Bildungskanons. Die Bildung des Geistes bedarf aber einer gewissen Anstrengung, und auch durch Corona hat eine allgemeine Trägheit zugenommen. Man ist inzwischen eher den Sessel zu Hause gewohnt, als sich selbst zu motivieren. Deshalb haben wir das Theatersterben noch vor uns.

„Harper Regan“, noch bis zum 20. Februar 2022 im Ernst Deutsch Theater


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Hamburg beim Berliner Theatertreffen

Das Berliner Theatertreffen hat für das Festival 2022 zwei Hamburger Inszenierungen eingeladen

Text: Felix Willeke

Seit 1964 gibt es das Berliner Theatertreffen im Rahmen der Berliner Festspiele. Eine unabhängige Kritiker:innen-Jury wählt in jedem Jahr die „zehn bemerkenswerte Inszenierungen der Saison“ aus. Für das Treffen vom 6. bis 22. Mai 2022 sind die Hamburger Theater – neben den Berlinern – als einzige mit zwei Inszenierungen vertreten. 

„Die Ruhe“ – Deutsches SchauSpielHaus Hamburg

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Die Performance „Die Ruhe“ wurde im November 2021 uraufgeführt (Foto: Erich Goldmann)

Im November 2021 eröffnete in der ehemaligen Post- und Paketzentrale von Altona ein neuartiges Regenerationszentrum. In der von Signa Köstler konzipierte Performance „Die Ruhe“ sollen sich alle Lebewesen umfassend von Trauma, Erschöpfung und Verwirrung erholen. Am 19. November 2021 vom Schauspielhaus uraufgeführt, ist die Performance jetzt zum Berliner Theatertreffen 2022 eingeladen. „Auf die posthumanistischen Theorien und Ideen, die gegenwärtig durch viele Diskurse geistern, reagieren SIGNA mit einem konkreten Konzept, wie die Menschheit Mensch für Mensch verschwinden könnte“, sagt dir Jury. Die fünfeinhalbstündige Performance gleiche „einer Einladung, sich in dieser sektenähnlichen Gemeinschaft geborgen zu fühlen. Wer sie annimmt, steigt tief hinab in ein Kaninchenloch aus Manipulation und Missbrauch, Todessehnsucht und Verzweiflung.“ „Die Ruhe“ war eine bis dato einmalige Performance und wird aktuell nicht aufgeführt.

„Doughnuts“ – Thalia Theater

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„Doughnuts“ läuft seit Januar 2022 am Thalia Gaußstraße (Foto: Fabian Hammerl)

Die zweite Einladung geht an das Thalia Theater. Am Standort Gaußstraße führt Toshiki Okada bei „Doughnuts“ Regie. Dabei lässt er Menschen der Hypermoderne an verschiedenen Orten aufeinandertreffen. Das Ganze ist dabei an das japanischen No¯ Theaters angelehnt. Die Jury der Berliner Theatertreffens bezeichnet die Inszenierung als einen „Ausflug ins absurde Theater der Hochmoderne“, bei der die Figuren nur davon aufgehalten werden, dass das Taxi einfach nicht kommt. „Was bleibt, ist warten, reden und bewegen. Sie begleiten ihre Sätze mit komplizierten, hochkonzentriert ausgeführten Choreografien aus gerne gegenläufigen und trotzdem vollkommen organischen Arm-, Bein- und Hüftverrenkungen“, so die Jury weiter. „Doughnuts“ ist noch bis voraussichtlich Ende März 2022 im Thalia Gaußstraße zu sehen.


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20. Hamburger Comedy Pokal – verschoben

Die Bedingungen sind hart, die Zuschauer treu und die Trophäe ist aus Frottee. 2022 feiert der Hamburger Comedy Pokal 20-jähriges Jubiläum – auch wenn es verschoben werden muss. Initiator und Comedian Sebastian Schnoy im Gespräch über die Bedeutung, den Heimvorteil und die gesündeste Droge

Interview: Dagmar Ellen Fischer

 

2022 heißt es beim Hamburger Comedy Pokal anstatt „hingehen – lachen – Sieger machen“ – Corona sei Dank – schon wieder: „stoppen – schieben – später lachen“. Wie schon im letzten Jahr, muss der Pokal seinen Wettbewerb vom traditionellen Januar-Termin in den Sommer schieben. Grund ist die aktuelle Infektionslage.

Doch Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude. Der 20. Hamburger Comedy Pokal soll trotzdem im altbekannten Format – mit elf Spielstätten in ganz Hamburg und dem großen Finale im Schmidts Tivoli – vom 8. bis 11. Juli 2022 stattfinden. Ob alle nominierten Comedians dann auch mit dabei sind, steht aktuell noch nicht fest.

Wer aber sicher mit dabei ist, ist Sebastian Schnoy, Initiator des Pokals und Moderator der Shows im Schmidts Tivoli.

 

Jeden Abend gewinnen

 

SZENE HAMBURG: Sebastian Schnoy, warum gilt der Comedy Pokal als der härteste Kleinkunstwettbewerb?

Sebastian Schnoy: Weil er sich über vier Tage erstreckt, die Teilnehmenden müssen jeden Abend gewinnen. Man muss also dreimal gewinnen, bis man einen Pokal in der Hand hält. Schon am ersten Abend, wenn zehn gegen zehn in zehn Hamburger Kulturzentren auftreten, fliegen zehn raus, im Halbfinale scheiden weitere fünf aus. Aber auf diese 15 wartet die Second Chance Show am Sonntagabend im Schmidts Tivoli, vielleicht die aufregendste Show des Pokals. Wer es hier ganz nach vorne schafft, kommt doch noch ins Finale. Eine besondere Magie: Es hat sich die letzten Jahre gezeigt, wer am Anfang rausfliegt und in der Second Chance Show gewinnt, der schafft es im Finale meist unter die ersten drei oder gewinnt sogar noch den Pokal, was für eine Nervenanspannung!

 

Deutschlands größter Comedy-Wettbewerb

 

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Der Hamburger Comedy Pokal feiert 2022 sein 20. Jubiläum – im Sommer (Foto: Hamburger Comedy Pokal)

Was hat Sie vor zwanzig Jahren bewogen, den Comedy Pokal ins Leben zu rufen?

Am Anfang hatte ich eine ganz persönliche Motivation. Im Januar verbreitet sich oft Katerstimmung. Weihnachten, Silvester, die Leute haben viel gefeiert, waren oft aus, und nun ist man vernünftig und geht lieber joggen. Für mich hieß das immer, dass ich im Januar nur wenige Auftritte hatte. Also dachte ich mir: Ein großes wiederkehrendes Event wäre doch eine gute Strategie, den Januar aufzuwerten. Im Juli 2022 werde ich mit 52 Jahren den Hamburger Comedy Pokal moderieren, den ersten moderierte ich mit 32. Es ist erstaunlich, welche Bedeutung er gewonnen hat.

Der Pokal ist eine Veranstaltung von zehn Hamburger Kulturzentren in den Stadteilen von Barmbek bis Bergedorf. Gemeinsam machen sie Deutschlands größten Comedy-Wettbewerb, zu dem Leute von den größten deutschen Comedy-Agenturen anreisen, um zu gucken, welche neuen Sterne am Comedy-Himmel aufgehen. Was mir besonders wichtig ist: Die Hauptarbeit leisten Petra Niemeyer und Peter Rautenberg. Seit einigen Jahren ist ihr Verein Hamburger Comedy Pokal e.V., auch Veranstalter des Wettbewerbs.

Auch 2022 muss der Pokal wieder in den Sommer verlegt werden, nimmt das etwas von der Magie?

Wenn die Magie darin besteht, im Schneeregen nach Hause zu gehen, dann ja. Da der Pokal auch im Juli indoor stattfindet und auf genau denselben Bühnen, bleibt es wie im Winter. Ich freu mich drauf! Nach dem letzten Bier wird die Sonne über St. Pauli schon aufgegangen sein, das ist doch auch schön.

 

„Es geht allein um Witzigkeit“

 

Wie viele Pokal-Anwärter bewerben sich jedes Jahr?

Mehrere hundert.

Und welche Kriterien müssen die Bewerber erfüllen: Soll ein breites Spektrum gezeigt werden oder gilt nur Witzigkeit?

Es geht allein um Witzigkeit: Werden die Leute zum Lachen gebracht? Allerdings können Originalität, abgründige Themen, der eigene, möglichst besondere Blickwinkel auf die Welt, alles, was einen von anderen unterscheidet, entscheidend sein, um den Pokal einzusacken. Es gibt reichlich Stammpublikum beim Pokal, das schon viel Comedy gesehen hat. Eine Imitation der Stimmen von Grönemeyer oder Udo Lindenberg, Stand-up über Ikea, Männer und Frauen können beim Publikum Gähnen auslösen. Die Betonung liegt auf kann, denn es gibt kein Thema, das schon durch ist. Es geht nur um gute Gags. Es ist also möglich, dass im Januar jemand erfolgreich ist mit einer Nummer, wie Grönemeyer und Lindenberg bei Ikea aufeinandertreffen und mit ihren Frauen in Streit geraten.

Wer wählt die 20 Kandidaten aus?

Das macht eine Jury aus zehn Leuten, die die zehn Kulturzentren leiten, in denen die Hauptrunde stattfindet. Sie schauen sich in einer endlosen Sitzung Youtube-Bewerbungen, DVDs und früher auch VHS- Kassetten an.

 

Den Heimvorteil gibt es

 

2022 sind auch wieder Bewerber aus Hamburg dabei, gibt es so etwas wie einen Heimvorteil?

Für den Publikumspreis auf jeden Fall, wenn man es schafft, zweihundert Freunde ins Tivoli zu setzen. Das Publikum freut sich immer, wenn ein Hamburger Gesicht auftaucht, es freut sich aber auch, wenn Comedians ihr Set mit dem Satz „Ich komme aus Südtirol …“ beginnen. Schön als Hamburger ist natürlich, dass man breitesten Slang reden kann und alle einen verstehen.

Chris Tall, Sascha Grammel und Cindy aus Marzahn gehörten vor Jahren zu den Teilnehmenden, bekamen sie hier den entscheidenden Karriereschub?

Die drei wären auch ohne Comedy Pokal ihren Weg gegangen, allerdings haben sie beim Pokal etwas Wichtiges gezeigt: Dass ihr Programm auch auf einer längeren Strecke funktioniert, sie müssen echte Menschen fast eine Stunde vom Hocker reißen, Jung und Alt, Publikum aus reicheren und auch ärmeren Stadtteilen. Das ist etwas, was Youtube-Stars oder künstliche Agentur-Comedians, die in Kölner Labors fürs Fernsehen gezüchtet werden, oft nicht können.

 

„Ich bin Comedian, der sich mit politischen Themen beschäftigt“

 

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Seit 20 Jahren moderiert Sebastian Schnoy beim Hamburger Comedy Pokal (Foto: Franca Wrage)

Sie selbst machen intelligentes, politisches Kabarett, fehlt Ihnen dieser Aspekt nicht hin und wieder bei den Kandidaten und deren Beiträgen?

Danke, danke. In meinem Herzen bin ich ein Comedian, der sich mit politischen Themen beschäftigt. Ich mache keinen Unterschied zwischen Kabarett und Comedy. Üblicherweise sagt man, Comedians machen einfach nur Gags, und im Kabarett geht es darum, mit Humor auf Missstände hinzuweisen. Natürlich haben auch Comedians eine Haltung, es gehört zur Comedy-Tradition, dem Publikum zu sagen, wer man ist und woher man kommt. Auf Comedy-Bühnen geht es viel diverser zu als im Kabarett. Ehemalige Flüchtlinge machen erfolgreich Comedy, mit Wurzeln in den unterschiedlichsten Ländern.

Mit Osan Yaran gewann ein Mann den Pokal, der zuvor bei Lidl an der Kasse gearbeitet hat. Kabarettisten sind meist alte, weiße Männer, in Bayern sogar alte, dicke, weiße Männer. Sie schwa- dronieren über den Mindestlohn und das harte Leben der Pflegekräfte und fahren selbst immer 1. Klasse Bahn mit der Jahreskarte und sammeln heimlich Immobilien. Darüber hört man in ihren Nummern aber nichts. Da sind mir Comedians lieber, da sie – Achtung überstrapaziertes Wort – authentisch sind. Ich selber spiele meine Soloprogramme immer in Alma Hoppes Lustspielhaus in Hamburg, eine Bühne, auf der ich mich sehr zu Hause fühle.

 

„Es gibt noch viele unentdeckte Komikerinnen“

 

Sie sind Kabarettist, Autor von „Spiegel“-Bestsellern, Moderator, Redner – was fordert Sie am meisten?

Der Kick auf der Bühne, die unmittelbare Reaktion des Publikums sind die beste und gesündeste Droge, die es gibt. Nach einem Auftritt ist man immer total aufgedreht und fühlt sich großartig und ist deshalb übrigens auch einen gewissen Zeitraum vermindert schuldfähig. Wenn man also vom Hoteldach auf die Reeperbahn pinkelt, einen Fernseher aus dem Fenster schmeißt oder Ähnliches, und es stellt sich vor Gericht heraus, dass man kurz zuvor noch auf der Bühne bejubelt wurde, ist das hilfreich. Bücher schreiben ist das genaue Gegenteil, ich bin ganz allein mit meinen Texten. Bücher sind immer Mammutprojekte. In der heißen Phase bringe ich meine Kinder, um 20 Uhr ins Bett, schlafe dann bis 22 Uhr und mache eine Nachtschicht bis der Wecker klingelt und ich die Kinder wieder anziehe, bizarr.

2022 gehen sieben Frauen ins Rennen um den Comedy Pokal, ungewöhnlich viele. Dennoch sind Männer im Genre Comedy klar in der Überzahl, woher kommt das?

Ich denke, es gibt noch viele unentdeckte Komikerinnen, die sich vielleicht nicht trauen, es auf der Bühne zu probieren. Deshalb hier ein Aufruf: Wenn ihr eine Frau kennt, die immer wieder ihr Umfeld zum Lachen bringt, ermutigt sie, es auf der Bühne zu probieren. Wir vom Pokal beraten gerne, meldet euch. Und wer gut ist, setzt sich auf jeden Fall durch. Ich bin zum Beispiel Fan von Annalena Baerbock. Allein die Vorstellung, dass Deutschland den Russen drohen könnte, finde ich einen grandiosen Gag. Müssen wir nur noch einen Tornado finden, der auch fliegt.

Hamburger Comedy Pokal, 8. bis 11. Juli 2022; hamburgercomedypokal.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2022. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Günther Gründgens – ein Tribut ans (imaginäre) Idol

Während Gustaf Gründgens vielen ein Begriff ist, zollt „Günther Gründgens – ein Leben, zu wahr, um schön zu sein“ am Hamburger Schauspielhaus dem fiktiven Namensvetter Tribut

Text: Dagmar Ellen Fischer

 

Günther Gründgens – nie gehört? Tatsächlich ist er mit dem berühmten Gustaf weder verwandt noch verschwägert, denn es gab ihn gar nicht. Und dennoch wird ihm ausgerechnet am Deutschen Schauspielhaus ein Abend gewidmet: „Günther Gründgens – ein Leben, zu wahr, um schön zu sein“. Darin dichten Regisseurin Barbara Bürk und Musiker Clemens Sienknecht dem legendären ehemaligen Schauspielhaus-Intendanten einen Zeitgenossen als Namensvetter an, dessen (fiktives) Leben indes einen gänzlich anderen Verlauf nahm: Obwohl auch als Sänger und Schauspieler in Operette, Film und Theater tätig, blieb ihm der Erfolg versagt. Das hindert den ebenfalls frei erfundenen „Klub der Freunde von Günther Gründgens“ nicht daran, ihrem Idol einen musikalischen Festakt auszurichten und darin biografische Stationen Revue passieren zu lassen.

An dieser Heldenfeier lässt die Fangemeinde das Publikum teilhaben, und dafür wurde ein an Peinlichkeiten kaum zu überbietendes Programm auf die Beine gestellt. Ein Auftritt der Lambada Dance Company Hopphausen Weiersbach e. V. dürfte die unter(irdisch)ste Grenze der Veranstaltung markieren. Eine witzige Parabel auf fragwürdigen Starkult.

„Günther Gründgens – ein Leben, zu wahr, um schön zu sein“, Schauspielhaus, 21. Januar 2021 (Premiere), weitere Termine


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2022. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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