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„Der Defekt“: Leona Stahlmanns Debütroman über Identitäten

Am 11. Februar erscheint Leona Stahlmanns Debütroman „Der Defekt“. Darin schildert die Hamburger Autorin das Aufwachsen mit einer normabweichenden sexuellen Identität und setzt sich mit den großen Themen Heimat und Entwurzelung auseinander

Text: Ulrich Thiele

 

Mina liebt anders. Wenn sie ihre Freunde beim Flirten beobachtet, sieht sie „ein tumbes Gewirr von abgelaufenen Verhaltensregeln, versuchter Zwanglosigkeit und einem Geschlamper der Geschlechter“. Sie ist 16, als sie in den Sommerferien ein heimliches Verhältnis mit ihrem Mitschüler Vetko eingeht. Ein Einzelgänger und Sonderling mit gelben Zähnen, der Minas normabweichende Sexualität teilt. Sie unterwirft sich seinen Regeln, anfangs im Wald, später in einer leer stehenden katholischen Kapelle. Die Streifen auf ihren Oberschenkeln versteckt sie vor ihren Mitschülern und Eltern. Für Vetko sind sie nicht mit Scham verbunden: „Körper sind dafür gemacht, dass wir sie abnutzen. Bearbeiten. Leben darin aufbewahren. Wir können Gefühltes haltbar machen nur mit unseren Körpern.“

Leona Stahlmanns Debütroman „Der Defekt“ behandelt eine Form der Sexualität, die in der öffentlichen Wahrnehmung von Irrtümern überschüttet ist. „Ein noch immer verbreiteter Irrglaube ist, dass BDSM (Anm. d. Redaktion: „Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism“) eine behandlungsbedürftige psychische Störung ist“, sagt die Autorin über die Sexualität ihrer Protagonistin, die auch ihre eigene Sexualität ist. So wurde früher Homosexualität in Medizinbüchern beschrieben. BDSM wird es noch immer. Die Sexualität wird zum Ausgleich für etwas, was im Leben schiefgelaufen ist, degradiert. Woran schlechte Bestseller-Romane und Hollywoodfilme einen nicht unerheblichen Anteil haben. Ansonsten wird BDSM zum billigen Lack-und-Leder-Porno stereotypisiert und verzerrt. Oder zum Freizeitvergnügen für gelangweilte Ehepaare.

 

Vertrauen und radikale Hingabe

 

Der romantische oder philosophische Zugang, den Stahlmann zeigt, ist in der Populärkultur so gut wie nie zu sehen. „In meinen Augen ist konsensueller BDSM-Sex eine Art zu lieben, die eher mit intellektuellen Konstrukten spielt als mit Körperlichkeiten“, sagt Stahlmann. Körperliche Attraktivität spielt eine untergeordnete Rolle, im Zentrum stehen Vertrauen, radikale Hingabe von beiden Seiten, Unterwerfung, spielerische Bestrafung, Lustschmerz, Auflösung des Egos. „Was jemand in meinem Kopf auslöst, ist wichtiger, als wie er oder ich dabei aussehen.“

Eine in Fiktion gehüllte Autobiografie ist „Der Defekt“ trotz der Parallelen nicht. Stahlmanns Debüt lebt mehr von den poetischen Naturbeschreibungen als vom Plot. Was schlüssig ist: Wörter sind es, die Mina helfen, ihre Sexualität zu verstehen. Die Sexszenen sind ein nahtloser Teil des lyrischen Flusses. Allein deswegen wäre die Bezeichnung BDSM-Roman unzutreffend. Stahlmann hebt die Sexualität nicht explizit hervor. Sie ist ein natürlicher Teil des Ganzen und wird nicht – anders als in unserer Gesellschaft, wo BDSM ein Schattendasein in Hinterzimmern fristet – in getrennte Bereiche verlagert.

 

Das Motiv der Begrenzung

 

Die ästhetische Grundlage des Romans bildet Minas Heimatdorf im Schwarzwald. Eine Landschaft, die nicht die Heimat der Autorin ist, die sie aber zugleich abstoße und fasziniere. Mit Dorfgemeinschaften, als wären die Uhren stehen geblieben, und Bäumen, so dicht, dass es wirkt, als dringe die Zeit nicht durch. Ein Gegenentwurf zur technisierten Welt.

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Die Brennnessel ist ein Hauptmotiv in „Der Defekt“

Das Motiv der Begrenzung reicht über das Feld der BDSM-Sexualität hinaus in ein gesellschaftliches Phänomen. Stahlmann stellt die großen Fragen in all ihrer Ambivalenz: Heimat, Entwurzelung, Identität. In der Figur des Vetko verdichtet sich die Widersprüchlichkeit am prägnantesten. „Heimat bedeutet: nicht reisen müssen“, ist er überzeugt, und tatsächlich ist er der einzige, der nach dem Schulabschluss nicht in die Stadt zieht. Durch seine Entscheidung grenzt er sich von den anderen ab, die orientierungslos in alle Richtungen ausstreuen.

So wie Mina, die nach ihrem Bruch mit Vetko in eine größere Stadt zieht und auf der Suche „nach langbeiniger Freiheit“ im „Wirbel des Möglichen“ steckt und fühlt, „wie ihre Waden dicker und kürzer“ werden. Demgegenüber hatte ihre Beziehung zu Vetko einen Vorteil, sie basierte auf dem Grundprinzip: Die Freiheit ist die Beschränkung. „Ehrlich gesagt: Ich glaube das auch“, sagt Stahlmann.

 

„Heimat ist von Beginn an der eigene Körper und die Sprache, die er spricht“

 

Doch Vetko verbohrt sich in seine Ansichten. Anders als Mina, sieht er seine Sexualität nicht als Defekt, sondern als einzige Wahrheit. Mitunter driften seine Ansichten ins Identitäre ab. Anfangs sieht Mina noch die Vorteile von Vetkos Ansichten, die ihr Halt und ein beruhigendes Erklärungsmuster geben. Doch sie durchschaut, dass er vieles ausblendet und keine endgültige Wahrheit für sich gepachtet hat – stabile Identitäten gibt es eben nicht. Vetko und Mina sind zwei Menschen mit derselben Disposition, mit der sie jedoch völlig unterschiedlich umgehen. „Heimat, das ist kein Ort auf einer Landkarte. Das ist zuerst und von Beginn an: der eigene Körper und die Sprache, die der Körper spricht, wie er geliebt und berührt und genährt werden will“, schlussfolgert Mina am Ende des Romans.

Stahlmann spricht an Minas Beispiel auch ein Lebensgefühl an, das viele junge Erwachsene kennen – den Umzug vom Land in die Stadt. Stahlmann selbst ist in einer Kleinstadt in Hessen aufgewachsen, viele aus ihrem Umfeld seien auch ländlich aufgewachsen und früher oder später in größere Städte gezogen. „Wir brauchten das, um uns vom Ufer abzustoßen“, sagt sie. Doch sie seien leichtfertig und ohne Übergang fortgezogen. „Man verliert eine Haut, dann muss die nächste nachwachsen. Aber es dauert, bis in der neuen Stadt eine Haut nachwächst zwischen all diesen Reizen, an denen wir uns aufreiben. Das macht mehr mit uns, als wir uns eingestehen.“ Auf St. Pauli wurde es ihr durch die Touristen irgendwann zu hektisch und zu künstlich, heute lebt sie in Barmbek-Süd.

 

„Anything goes ist vorbei“

 

Der Umgebungs-Bruch bleibt nicht folgenlos. „Wir sehnen uns nach Verbindlichkeit, sind aber trotzdem überfordert von dem Übermaß an Optionen“, glaubt Stahlmann. Viele ersetzen die verloren gegangene Verbindlichkeit, indem sie sich in vermeintliche Verbindlichkeiten stürzen.

Die Ü30-Generation hat das Heiraten für sich entdeckt, die Geburtenrate steigt, Freundschaften werden aufgewertet, andere wenden sich der Esoterik und der Astrologie zu. „Wir stellen fest, dass eben nicht alles geht, dass die Welt immer prekärer und fragmentarischer wird. Durch den Druck von außen bewegen wir uns immer weiter nach innen in unsere kleinen Stammeskulturen. Anything goes ist vorbei.“

Das drückt sich in den Nebenfiguren aus, die sozusagen Archetypen für von Stahlmann beobachteten Phänomene sind. Niklas zum Beispiel, der beliebte Anwaltssohn mit Standard-Zukunftsplänen: von Papa finanzierte Weltreise nach dem Abi, danach vielleicht BWL- oder Jura-Studium, mal gucken. Sein überraschender Tod ist mutmaßlich ein Suizid. War es der Druck, sich für etwas entscheiden zu müssen und nicht zu wissen, wofür, weil alles da ist? Hat dieses große Alles, das von außen auf ihn gefallen ist, ihn erdrückt und immer kleiner gemacht, bis er sich wünschte, keine Option mehr zu haben?

Oder Minas Freundin Malene, die sich mit gebrochenem Herzen nach Indien absetzt. Deren Kernproblem nicht Herzschmerz, sondern ihre Gefallsucht ist. Die in Schönheit vergeht, in dem Bild gefangen ist, dass ihre Umgebung von ihr hat. „Es braucht sehr viel Sprengkraft oder innere Verzweiflung, um ein Muster wirklich radikal abzustreifen“, sagt Stahlmann. Selbst heute, wenn wir angeblich unsere Identitäten zertrümmern, täten wir das oft aus einem bestimmten Kalkül, um in ein anderes Muster zu fallen. „Wir glauben alle, wir würden uns so verletzlich machen und nackt herumlaufen, aber de facto haben wir woanders noch Schneckenhäuser liegen, in die wir kriechen.“

 

„BDSM ist für mich etwas Spirituelles“

 

An dieser Stelle schließt sich die Klammer zur BDSM-Sexualität. Sie zwinge sie, aus ihrem Schneckenhaus zu kommen, sich auszuliefern, zumindest kurz nackt zu sein und sich roh zu fühlen. „Diese Erfahrung kann man in dieser Welt kaum noch machen“, sagt sie. „BDSM ist für mich etwas Spirituelles.“

Mit „Der Defekt“ ist für Stahlmann das Thema publizistisch abgeschlossen. Nach 16 Jahren intensiver Auseinander- setzung und fünf Jahren Arbeit am Ro- man reicht es. Am liebsten wäre es ihr, wenn BDSM als norma- ler Teil von Sexualität be- trachtet wird und nicht weiter darüber geredet werden muss. „Dieses Buch ist wie der Schlussstein eines Gebäudes, das ich über Jahre aufgebaut habe.“ Vielleicht ja eine leer stehende katholische Kapelle.

Leona Stahlmann: „Der Defekt“, Kein & Aber, 272 Seiten, 22 Euro. Buchpremiere mit der Autorin am 26.2. im Literaturhaus, 19.30 Uhr


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„Trauern“: Neue Ausstellung in der Kunsthalle

Mit Arbeiten von mehr als 30 internationalen Künstlern beleuchtet die Ausstellung „Trauern“ Verlust und Veränderung. Wir sprachen mit der Kuratorin Brigitte Kölle über die unterschiedlichen Arten des Trauerns, über die politische Dimension des Gefühls und darüber, warum es großartig ist

Interview: Isabel Rauhut

 

SZENE HAMBURG: Brigitte Kölle, auf die er­ folgreichen Ausstellungen „Scheitern“ und „Warten“ folgt jetzt „Trauern“. Wie haben sich die Themen herauskristallisiert?

Brigitte Kölle: Eigentlich haben sie sich ganz organisch ergeben. Jedenfalls war das Ganze anfangs nicht als Reihe angelegt, macht als solche aber rückblickend sehr wohl Sinn. Die Themen Scheitern, Warten und Trauern verbindet ja, dass sie Brüche und „blinde Flecken“ markieren, in einem auf Reibungslosigkeit und Funktionieren hin getrimmten Tages- und Lebensablauf. Genau dies interessiert auch viele Künstlerinnen und Künstler: Gerade in diesen Leerstellen sind Innehalten, Reflexion – und auch Kreativität möglich. Trauer ist sehr individuell.

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Kuratorin Brigitte Kölle, Galerie der Gegenwart

Wie haben Sie sich dem Begriff angenähert, wie haben Sie ihn eingegrenzt oder auch erweitert? 

Es stimmt, DIE Trauer gibt es nicht. Jeder Mensch trauert anders. Und auch die Trauer eines Einzelnen wandelt sich und kann unterschiedliche Formen annehmen. Insofern hat die Ausstellung auch einen Titel in Verbform: trauern. Damit ist ein Moment der Prozesshaftigkeit, des Wandels angesprochen.

Ausgangspunkt der Ausstellung war meine Beobachtung, dass zeitgenössische Künstler sich verstärkt und in vielfältiger Form mit Verlusterfahrungen auseinandersetzen. Da berühren sich also die Kunst und das Leben – das finde ich persönlich sehr spannend. Was kann uns die Kunst erzählen? Welche Bilder finden Künstler für ganz elementare und zuweilen in höchstem Maße verstörende und erschütternde Verlusterfahrungen?

Auffällig angesichts der Arbeiten ist, wie politisch Trauer sein kann. Ob es Morde an Schwarzen oder Bilder aus dem Syrienkrieg sind.

Wenn man sich intensiv mit einem Thema beschäftigt, lernt man dazu. Für mich als Kuratorin war hierbei die Erkenntnis zentral, dass der gesellschaftliche und öffentliche Umgang mit Trauer ungeheuer viel auszusagen vermag über die Gegenwart, in der wir leben. Um wen trauern wir und um wen nicht? Es gibt gleichsam eine Hierarchie der Trauer. Darin liegt eine Wertschätzung und eine klare Wertung.

Im Booklet zitieren Sie Judith Butlers Frage „Welches Leben ist betrauernswert?“

Die amerikanische Philosophin Judith Butler hat sich nach 9/11 intensiv mit diesen Fragen beschäftigt und war für mich in dieser Hinsicht ein regelrechter „eye-opener“. In der Ausstellung spiegelt sich die Frage nach der unterschiedlichen Wertschätzung, die in unterschiedlichen Intensitäten von gesellschaftlicher Trauer zum Ausdruck kommt, in zahlreichen Positionen wider: Der US-amerikanische Künstler Dread Scott thematisiert die Polizeigewalt gegenüber Schwarzen (und das gesellschaftliche Desinteresse). Felix Gonzalez-Torres rückt die Verluste in der AIDS-Krise und Khaled Barakeh die Opfer des Syrienkrieges ins Blickfeld. Und der junge tschetschenische Künstler Aslan Ġoisum führt uns auf stille, aber eindrückliche Weise die Folgen der Zwangsdeportation unter Stalin vor Augen und was es heißt, seine Heimat zu verlieren.

 

„Trauer und Protest liegen nah beieinander“

 

Sind in diesem Zusammenhang auch die Bilder von Willem de Rooij zu sehen, die erst in den Titeln aufdecken, ob es sich um Trauernde oder Demonstranten handelt?

Trauer und Protest liegen nah beieinander. Wenn die ungleiche Verteilung von öffentlicher Trauer es vermag, gesellschaftliche Missstände aufzuzeigen, dann kann sie auch dazu führen, diese nicht einfach stillschweigend hinzunehmen.

Willem de Rooij hat zwei Jahre lang Fotos aus Zeitungen, die Trauernde, Demonstrierende und Protestierende zeigen, gesammelt und diese ohne Quellenangaben auf großen Bildpanels zusammengefügt. So entsteht ein Bilderatlas einer medialen Repräsentation von Trauer und Protest.

 

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Abb.: Paul Fusco: RFK Funeral Train, 1968/2019

 

Sehr bewegend sind Paul Fuscos Fotos der Trauernden, die dem ermordeten Robert Kennedy an den Bahngleisen Respekt zollten, als sein Leichnahm 1968 nach Washington, D.C. gebracht wurde. Eine Million Menschen sollen es gewesen sein. Wie kam die Dokumentarfotografie in die Ausstellung?

Die farbintensiven fotojournalistischen Arbeiten von Paul Fusco sind beeindruckend und haben andere Künstler zu eigenen Arbeiten inspiriert. Darunter Rein Jelle Terpstra aus Amsterdam, der den Blick von Fusco auf die vielen Trauernden aus dem Zug mit Kennedys Leichnam zurückwirft. Er zeigt die Fotos und Filme, die die Trauernden selbst gemacht haben. Schuss – Gegenschuss!

Und der französische Künstler Philippe Parreno hat auf der Grundlage von Fusco-Fotos einen Film gedreht, der wie eine Art surreales Reenactment der Szenerie daherkommt und damit die Frage stellt, was von dem Ereignis des Jahres 1968, das ja zugleich ein Abgesang auf die gesellschaftlichen Visionen eines Amerikas ohne Rassendiskriminierung war, in heutiger Zeit noch aktuell ist.

Betritt man die Ausstellung, hört man keltisch­heidnische Klagegesänge der Künstlerin Susan Philipsz. Wollen Sie den Besuch gleich zu Beginn mit Emotion aufladen?

Die Sound-Skulpturen von Susan Philipsz sind emotional und konzeptuell zugleich. Sie überwältigen nicht, obwohl sie berühren. Susan hat sich ein altes irisches Klagelied vorgenommen und es bis auf die Grundtöne reduziert. Sie singt einzelne Töne selbst, die über vier Lautsprecher auf unterschiedlichen Höhen des großen Lichthofs der Galerie der Gegenwart regelrechte Tonkaskaden bilden. Die menschliche Stimme ist zugleich körperlos als auch ungeheuer präsent – ein besonderes Erlebnis!

 

„Trauer ist der Beweis für unsere Liebesfähigkeit“

 

Wie wirkt es sich persönlich aus, sich so lange mit dem Thema Trauer zu beschäftigen?

Auf gewisse Weise musste ich mir im Laufe der Vorbereitung einen distanzierteren, fast analytischen Blick antrainieren: Wie ist das gemacht? Welche Aspekte thematisiert das Kunstwerk? Inwiefern bereichert und erweitert es die Bandbreite der gezeigten Werke? Es handelt sich hier schließlich nicht um die Vorbereitung einer Therapiesitzung, sondern um eine Kunstausstellung … Und dennoch geht das irgendwie ineinander über.

Denn dass die Künstler sich mit dem Thema beschäftigen, ist ihnen ein echtes, auch persönliches Bedürfnis. Und sie bieten damit gewissermaßen eine offene Flanke. Das ist für mich als Kuratorin, aber auch für die Besucher ein Geschenk.

Was sagt unser heutiger Umgang mit Trauer für Sie über unsere Gesellschaft aus?

Der gesellschaftliche Umgang mit Trauer impliziert eine Wertung, ein Ein- und Ausgrenzen. Und die Trauer sagt viel darüber aus, ob wir uns als verletzliche Wesen selbst akzeptieren und gegenseitig aushalten. Leider spricht die zunehmende Pathologisierung der Trauer eindeutig dagegen.

Letztlich ist die Trauer – so absurd das zunächst klingen mag – eine großartige Sache, denn sie ist der Beweis für unsere Beziehungs- und Liebesfähigkeit. Wenn uns alles und jeder egal ist, dann können wir keinen Verlust und damit keine Trauer empfinden. Und das wäre eine schreckliche Vorstellung!

Hamburger Kunsthalle/Galerie der Gegenwart: Trauern. Von Verlust und Veränderung, Eröffnung: 6.2., 19 Uhr, bis 14.6.


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„Und wer nimmt den Hund?“: Eine Trennungsgeschichte

Schöner kann eine Ehe nicht scheitern: Rainer Kaufmann hat mit Martina Gedeck und Ulrich Tukur in den Hauptrollen eine kluge, humorvolle Trennungsgeschichte inszeniert

Text & Interview: Maike Schade

 

Georg und Doris sind seit 25 Jahren verheiratet. Er ist Direktor eines Aquariums, sie hat ihre künstlerische Laufbahn samt Traum von der eigenen Galerie aufgegeben und sich stattdessen um den Haushalt und die mittlerweile erwachsenen Kinder gekümmert. Leidenschaft? Schon lange nicht mehr. Klar, was dann passiert: Georg (Ulrich Tukur) verliebt sich in seine neue, 30 Jahre jüngere, ebenso hübsche wie intelligente Assistentin, die Doris (Martina Gedeck) vom Typ her durchaus ähnelt. Gefühle im Überschwang, die Liebe seines Lebens, das Aus für die Ehe.

Es ist eine auf den ersten Blick schon viel zu oft erzählte, ärgerlich stereotype Geschichte mit ebenso stereotypen Charakteren, die Drehbuchautor Martin Rauhaus sich ausgedacht hat. Das ist bei seinen Vorlagen häufig das Problem – zum Beispiel „Das Familienfest“, inszeniert vom wunderbaren Lars Kraume, krankte an zu grob gezeichneten Figuren und ebensolcher Handlungsentwicklung. Auch bei „Und wer nimmt den Hund?“ – übrigens komplett in Hamburg gedreht und produziert – wirkt der Plot stellenweise ein bisschen wie mit der Axt geschnitzt. Doch es gibt auch viele wunderbar pointierte, kluge Dialoge und den einen oder anderen überraschenden, humorvollen Twist. Zwei großartige Hauptdarsteller. Eine tolle Kamera (Klaus Eichhammer). Einen köstlich ironisch anmutenden, beschwingten Big-Band-Soundtrack (Jörn Kux, Jan-Peter Klöpfel). Und einen fähigen Regisseur.

 

Typische Beziehungsgeschichte

 

Schon vor 24 Jahren bewies Rainer Kaufmann mit „Stadtgespräch“ (mit Katja Riemann), dass er auch aus einer noch so typischen Beziehungsgeschichte etwas Mitreißendes herausholen kann. So auch hier. Fast dokumentarisch lässt er seine Protagonisten stellenweise frontal in die
Kamera erzählen, was denn in der Ehe so alles schiefgelaufen ist. Anlass hierzu bietet die Trennungstherapie, die Doris und Georg machen – eine feine Idee von Autor Rauhaus, mittels der er ohne große Verrenkung und erhobenen Zeigefinger den Dynamiken und Mechanismen einer langjährigen Ehe psychologisch auf den Grund gehen kann.

Denn Georg und Doris ist passiert, was vielen geschieht: Sie haben sich auseinandergelebt. Sich aus den Augen und das Interesse füreinander verloren. Als nun die hübsche Laura (Lucie Heinze) auftaucht und sich im bläulichen Licht vor den Quallen-Aquarien fast wortwörtlich dieselbe Kennenlernszene abspielt wie fast drei Jahrzehnte vorher mit Doris, ist Georg verzaubert, fühlt sich wieder lebendig und verrückt – so wie damals. Und so, wie er es mit Doris als Ziel auf der gemeinsamen Lebensliste notiert hatte, auf der die meisten Punkte aber immer noch unerledigt sind.

 

 

Im Laufe der Trennungstherapie kommen viele verschüttete oder nie gesagte Dinge ans Licht. Kein Wunder also, dass das, was eigentlich einen Rosenkrieg vermeiden sollte, zu einer aufwühlenden emotionalen Berg- und Talfahrt führt, bei der die Frage „Und wer nimmt den Hund?“ irgendwann gar nicht mehr so wichtig ist. Wie schon in „Gleißendes Glück“ ziehen Martina Gedeck und Ulrich Tukur alle Register ihres schauspielerischen Könnens. Und so entwickelt sich die scheinbar so uralte, langweilige Geschichte zu einer sehenswerten Komödie mit Tiefgang, die dazu einlädt, die eigene Beziehung mal wieder zu hinterfragen.

SZENE HAMBURG: Frau Gedeck, was halten Sie von einer Trennungstherapie?

Martina Gedeck: Ich finde eine therapeutische Begleitung für Paare grundsätzlich gut, weil das eine positive Auswirkung auf die Streitkultur und die Form des Umgangs miteinander haben kann. Das kann bei einer Krise helfen, aber bestimmt auch bei einer Trennung. Vor allem, wenn Kinder da sind, möchte man ja vielleicht so auseinandergehen, dass man trotzdem weiterhin in gutem Kontakt sein kann.

Wie steht es um Ihre eigene Streitkultur, sind Sie gut im Streiten?

Ich mag Konflikte nicht unbedingt, und ich bin auch kein großer Fan von Streitgesprächen – vor allem auf einer Ebene, bei der man außer sich gerät. Mir ist es lieber, wenn man sich anders einigt. Aber manchmal ist es eben doch notwendig, klare Fronten zu ziehen und dem Partner klarzumachen, dass irgendetwas für einen so nicht in Ordnung ist. Ich finde es allerdings gut, wenn man im Streitgespräch dann auch mal stoppt und eine kleine Pause einlegt, bevor die Fetzen allzu sehr fliegen.

Wenn das geht …

Ja, doch, das kann man willentlich unterbrechen. Man sagt „Moment, ich brauche eine Pause“ und geht aus dem Zimmer.

 

“Plötzlich darf man alles, was man sonst nicht darf“

 

Sie hatten jetzt zwei Mal eine schauspielerische Beziehung zu Ulrich Tukur. Welche hat Ihnen besser gefallen, die aufregende Affäre oder die vertraute Langzeitliebe?

Das kann man kaum vergleichen, das sind ja zwei ganz unterschiedliche Genres, ein Drama und eine Komödie. In „Gleißendes Glück“ waren wir eigentlich noch im Vorfeld einer beginnenden Liebe, eine sehr schöne, zarte Geschichte, und jetzt im „Hund“ sind wir dabei, die Liebe zu beenden. Den Mittelteil haben wir irgendwie ausgelassen … Beides war aber auf seine Art schön. Ich spiele sehr gerne mit Ulrich, und gerade jetzt hier beim „Hund“ war das auf einer schauspielerisch sehr virtuosen Ebene.

Was war daran so herausfordernd?

Wir mussten uns einen Schlagabtausch liefern und miteinander sozusagen Pingpong spielen. Es hat unheimlichen Spaß gemacht, sich in die Emotionen reinzuspielen, bis es sich anfühlte wie echt. Und man steht dann da und schreit sich an und darf plötzlich alles, was man sonst nicht darf. Ulrich ist ja ein sehr feinsinniger Spieler, er nimmt die Bälle gut auf und gibt sie gut retour.

Soll das heißen, Sie haben stellenweise auch improvisiert?

Nein. Wir haben die Dialoge perfekt aus dem Drehbuch umgesetzt. Das ist genau wie in der Musik: Wenn du Bach oder Mozart oder auch Jazz spielst, dann musst du die Noten und Harmonien draufhaben und dann miteinander im Musizieren emotional abheben. Genau das machen wir Schauspieler auch. Wir nehmen den Text, den wir gelernt haben, und füllen das dann mit Emotionen.

Apropos Emotionen. Ihre Doris ist recht impulsiv und zerstört gleich zwei Autos im Film. Würden Sie so etwas auch gerne mal im wahren Leben machen? Oder haben Sie es vielleicht sogar schon getan?

(lacht) Nein. Das höchste der Gefühle war mal, als ich das Telefon gegen die Wand geschmissen habe. Aber absichtlich jemandem Schaden zufügen könnte ich nicht. Wobei es natürlich sehr lustig war, das im Film zu tun. Und gar nicht so ungefährlich. Als ich das Auto gegen die Garagentür gefahren habe, musste ich die Hände auf ganz bestimmte Weise aufs Lenkrad legen, um mir nicht die Daumen zu brechen. Das ist wirklich ein gewaltiger Aufprall, man glaubt das gar nicht. Ein Auto angezündet habe ich noch nicht, ich wollte das auch noch nie. Obwohl ich verstehen kann, wenn heutzutage jemand solche Gedanken hat.

 

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Die Jüngere an der Seite von Georg (Ulrich Tukur)

 

Doris wird im Film durch eine Jüngere ersetzt. Haben Sie manchmal auch deswegen Sorge, beruflich oder privat?

Nein, das geht ja gar nicht. Ich spiele Rollen gemäß meines Alters, die könnte eine Jüngere gar nicht spielen, insofern habe ich keine Angst vor der Konkurrenz durch eine 20- oder 30-Jährige. Ich weiß, dass die ältere Generation befürchtet, von der jüngeren aus dem Mittelpunkt der Gesellschaft gedrängt zu werden. Das sehe ich aber nicht so. Es ist Platz für alle da.

Haben Sie eine Lebensliste mit Dingen, die sie unbedingt erleben oder machen wollen, so wie Doris und Georg?

Nein. Auf gar keinen Fall. Dafür brauche ich doch keine Liste! Das Leben ist so reich, so vielseitig – das würde doch nie in drei, vier dürre Worte passen.

Gibt es nichts, das Sie unbedingt mal tun wollen?

Nein. Ich habe eigentlich immer genommen, was kam und geguckt, was sich daraus entwickelt. Das einzige, was ich wirklich wollte, ist, Schauspielerin zu werden. Und das habe ich dann relativ schnell in die Tat umgesetzt.

 

Über die Liebe

 

Glauben Sie an die Liebe des Lebens, die für immer ist?

Ja, natürlich gibt es das. Natürlich kann man gemeinsam durchs Leben gehen und sich miteinander weiterentwickeln. Daran glaube ich ganz fest. Ich selbst habe auch viele Langzeitbeziehungen: Freundschaften, die zum Teil bis in die Kindheit zurückreichen, eine sehr enge Beziehung zu meiner Familie und auch langjährige Beziehungen zu Männern.

Ich persönlich mag es sehr, wenn eine Beziehung sich entwickelt und weiterbewegt und man gemeinsam Dinge mitmacht. Ich bin aber dennoch sehr froh, dass wir in einer Zeit leben, in der es die Freiheit gibt zu sagen: Ich möchte mich noch mal neu orientieren.

Sie und ihr Partner, der Regisseur Markus Imboden, sind beide viel unterwegs und leben halb in Berlin, halb in Zürich. Ist das vielleicht besser für die Liebe als ein Nine-to-five-Alltag?

Es stimmt, wir sind zeitweise räumlich getrennt. Aber auch da haben wir Strukturen, die wir gemeinsam erarbeitet haben. Und ich kenne auch kaum Paare, die immer zusammen sind, mindestens einer ist in der Regel ja berufstätig und nur abends zu Hause, wenn überhaupt. Ist das so anders?

Grundsätzlich bin ich aber schon sehr gerne in einer strukturierten Alltagssituation mit meinem Mann. Wenn man sich da mal eingeengt fühlt, dann kann man das ja verändern. Mal Billard spielen gehen oder so.

Georg beklagt sich, dass Doris sich von einer lebendigen, aktiven Frau immer mehr in eine Haus- und Ehefrau verwandelt hat. Er sagt: Das ist nicht mehr die Frau, die ich geheiratet habe.

Was für ein beschissener Macho-Spruch. Natürlich ist sie nicht mehr die Frau, die er geheiratet hat, und er ist auch nicht mehr der Mann, den sie geheiratet hat. Zum Glück! Sie entwickeln sich und verändern sich. Warum soll man die Frau, die zu Hause die Kinder großzieht, ins schlechte Licht rücken und sagen: Das ist nichts wert?! Interessant, dass er solche fürchterlichen Sätze raushaut. Was für eine langweilige, hinterwäldlerische Denke steckt da dahinter. Aber ich glaube, er meint es auch gar nicht so. Er will sie verletzen. Wer so einen Satz wirklich meint, dem ist nicht mehr zu helfen.

Vervollständigen Sie mal: Liebe ist …

Liebe ist, wenn man das Wesen des anderen liebt. Nicht das, was er tut.

 

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Abserviert, doch noch strahlend: Doris (Martina Gedeck)

 

Georg hat sich angeblich zuerst in Doris’ Nase verliebt. Mögen Sie Ihre?

Meine Nase ist ganz interessant, weil sie von jeder Seite anders aussieht. Wenn man von der linken Seite draufguckt, ist sie krumm, und wenn man von der rechten Seite guckt, ist sie gerade. Und so sieht mein Gesicht aus unterschiedlichen Blickwinkeln auch ganz verschieden aus, wenn man mich filmt. Ich denke zwar nicht großartig über meine Nase nach, aber ich habe an ihr nichts auszusetzen.

„Und wer nimmt den Hund?“: Regie: Rainer Kaufmann. Mit Martina Gedeck, Ulrich Tukur, Lucie Heinze, Angelika Thomas. Seit 8.8. im Kino


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger Singles: Online-Dating und Gruppen-Events

Das Unternehmen Studio3w betreut Online-Dating-Portale für verschiedene Städte, auch für Hamburg. Auf Hamburger-singles.de zetteln User Dates und Gruppen-Events an

Interview: Erik Brandt-Höge
Foto (o.): Anastasiia Vedmedenko via Unsplash

 

Veronika Link gehört zum Team, das für die Seite verantwortlich ist, und erklärt, wie Hamburger online Kontakte knüpfen – und wie viel Zukunft Online-Dating hat.

SZENE HAMBURG: Veronika, auf der Unternehmenswebsite von Studio3w heißt es: „Wir verbinden Menschen.“ Wen verbindet ihr konkret in Hamburg?

Veronika Link: Haupt­sächlich Singles, aber auch Menschen, die Events orga­nisieren wollen oder auf der Suche nach welchen sind und sie gemeinsam mit anderen erleben wollen.

Hamburger-SIngles

„Wir kontrollieren jedes Profil“: Veronika Link betreut hamburger-singles.de

Angefangen habt ihr mit den Münchner Singles 1999, die Hamburger Singles gibt es seit 2010. Ließ sich das Münchner Model einfach auf Hamburg anwenden, oder musstet ihr auf der einen oder anderen Ebene etwas für Hamburg umstellen?

Im Prinzip sind alle un­sere Singles­-Seiten gleich auf­ gebaut und haben die gleichen Funktionen wie Events, Onlineliste, Smiles etc. – die Funktionen werden in den Städten nur unterschiedlich angenommen.

Inwiefern?

Ein Beispiel: In Hamburg haben User anfänglich nur sehr zögerlich das Angebot wahrgenommen, Events zu organisieren oder daran teil­zunehmen. Sie haben unsere Plattform hauptsächlich fürs Dating genutzt. Events wur­den erst nach und nach von den Mitgliedern organisiert. Die User haben sich schritt­weise vernetzt.

Ihr sprecht auch von einer Community bei den Hamburger Singles. Wie funktioniert die?

Jeder kann sich kostenlos anmelden, das Profil mit Infos ergänzen, Fotos hochladen und Texte schreiben. So können die Mitglieder beispielsweise angeben, wofür sie sich begeistern oder wo sie in Hamburg öfter mal anzutref­fen sind, z. B. beim Stand­-Up­-Paddling auf der Alster.

Sie können andere Singles suchen, Gruppen beitreten, den Event-­Kalender einsehen und selbst Events organisieren. Andere User sehen das dann und denken sich vielleicht: „Aha, der oder die geht am Samstag in eine bestimmte Bar oder ein bestimmtes Kino, dort könnte ich ihn oder sie ja mal kennenlernen.“

Welche Hamburger Events sind am beliebtesten?

Am häufigsten verabreden sich unsere Mitglieder zum Essen und Trinken, die Events nennen sie dann etwa „Was­serlichtspiele mit Picknick“. Aber auch Partys und Tanz­-Events im Landhaus Walter sind sehr beliebt. Wer es lie­ber etwas ruhiger mag, trifft sich zum Feierabend­-Bowling oder Minigolfen.

Am Wochenende werden dann gemeinsam Wanderungen und Ausflüge unternommen, z. B. Stadtführungen, Stand­-Up­-Paddling oder Radtouren.

 

„Sie kommen für Dates und bleiben für Freundschaften“

 

Die Event-Option habt ihr anderen Dating-Portalen voraus. Deshalb überrascht es, dass die Hamburger Singles eben diese Funktion zunächst gar nicht wahrnehmen wollten.

Ja, das hat mich auch ver­wundert. Was wir aber bemerkt haben, ist dass sich Leute fürs Dating anmelden, sich erst mal nicht trauen, alleine auf ein Event zu gehen, und dann, mit der Zeit, ergibt es sich doch noch etwas. Und die Events sind am Ende einer der Gründe, warum User bei uns bleiben. Sie kommen also für Dates und bleiben für Freundschaften.

Gibt es eigentlich einen typischen Hamburger-Singles-User, was Alter und Eigenschaften betrifft?

Nein. Bei uns sind alle Altersklassen vertreten. Allerdings werden die Events eher von den älteren Usern genutzt, also den Über­-40-­Jährigen, und von den jüngeren bisher fast gar nicht. Wir fänden es sehr schön, wenn sich das noch ändert.

Was ihr den Usern versprecht, sind „spannende Augenblicke und knisternde Momente“. Eine kürzlich von euch durchgeführte Umfrage unter 200 Usern hat ergeben, dass sich 76 Prozent durch hamburgersingles.de die große Liebe erhoffen. Von welchen Erfolgen wisst ihr?

Bei uns gibt es die Rubrik Liebesgeschichten. Wenn sich ein Paar, das sich bei uns gefunden hat, gemeinsam abmeldet, hat es die Möglichkeit, dort seine Geschichte zu erzählen, auch Fotos zu posten – und davon gibt es sehr viele.

Auch Hochzeitsfotos?

Auf der Seite noch nicht, aber wir wissen von einigen Hochzeiten. Einmal stand auch schon ein Pärchen bei uns vor der Bürotür – mit einem Präsentkorb und einem Baby im Arm. Die beiden wollten uns einfach mal sagen, wie happy sie sind. Erlebt man auch nicht alle Tage.

Auffällig bei den Umfragewerten: Den eigenen Marktwert testen wollen weniger als zehn Prozent der Befragten, Sex beim ersten Date wünschen sich nicht mal fünf Prozent. Welche Schlüsse zieht ihr daraus?

Ich erkläre mir die Werte dadurch, dass sich User auf das Wesentliche konzentrieren wie Liebe, Gesundheit, Familie. Alles andere er­scheint ihnen einfach weniger wichtig.

Steigt eigentlich die Anzahl der User?

Sie steigt leicht. Natürlich erfahren immer mehr Hamburger von uns, aber es verlassen uns ja auch immer wieder welche, wenn sie einen Partner gefunden haben. Im Moment sind bei den Hamburger Singles ca. 20.000 User regelmäßig aktiv. Zum Vergleich: In München sind es rund 60.000, in Berlin 40.000.

 

„Alexa, finde einen Mann für mich“

 

Jetzt läuft es also gut für hamburgersingls.de, aber: Denkst du, dass in zehn Jahren Portale wie dieses noch relevant sein werden?

Ich denke schon, dass Online-­Dating dann noch wichtig sein wird. Allerdings weiß ich nicht, welche Endgeräte in Zukunft dafür genutzt werden. Vielleicht braucht man dann nur noch sagen: „Alexa, finde einen Mann für mich!“ Oder man ist schon so weit, dass man einfach fragen muss: „Was mache ich heute Abend?“ Auf jeden Fall wird sich Online­-Dating verändern.

Plant ihr auch schon Umbrüche?

Bei uns bleibt nichts, wie es ist, zu keinem Zeitpunkt. Wir sind zwar ein kleines Team, entwickeln die Seite aber ständig weiter. Wir bekommen ja auch oft Feedback von den Usern, was sie mögen und was nicht.

Was waren bisherige Kritikpunkte, nach denen ihr auch gehandelt habt?

Lange hatten wir keine Smiles­ oder Matches-­Funktion, also eine, die den Usern anzeigt, dass andere sie mögen. Der Wunsch danach kam vermehrt, deshalb haben wir das eingeführt, ebenso wie eine Blockieren­-Funktion. Kann ja mal sein, dass jemand nicht möchte, dass der Chef ihn oder sie über eine solche Plattform kontaktiert.

Und was ist mit Fake-Profilen? Wie intensiv kontrolliert ihr eure User? 

Wir kontrollieren jedes Profil, das neu angelegt wird. Alle User werden von Hand geprüft.

Was genau wird geprüft?

Ob Fotos und Texte okay sind. Auch schauen wir genau hin, wenn etwas Neues hochgeladen oder etwas textlich geändert wird. Es gibt schließlich viele Betrüger, die sperren wir sofort. Manchmal trifft es auch einen oder eine zu viel – aber das ist immer noch besser, als zu wenig. Wir wollen nicht, dass irgendjemand abgezockt wird. User sollen sicher bei uns sein.

Wie oft sperrt ihr denn User? Täglich?

Ja, schon. Wir sind da sehr streng – auch wenn jemand anfänglich nicht so viel von sich erzählen möchte. Wir weisen ihn oder sie dann freundlich darauf hin.

Hamburgersingles.de


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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