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Hau- und Stossfechten: Sport wie vor 200 Jahren

In Billstedt wird Hau- und Stossfechten nach einem Fechtbuch von 1838 unterrichtet. Eine absolute Nischensportart stellt sich vor

Text: Andrea Marunde

Der Regen, der am Abend auf das Dach tröpfelt, ist gut zu hören. Es ist leise in der Sporthalle der Grundschule Archenholzstraße in Billstedt. Konzentriert. Trainer Stefan Panek erklärt die einzelnen Grundtechniken, da werden Handgelenke bis zum Anschlag gedreht. Rechts, links, einen Fuß nach vorne setzen, in die Knie gehen. „Achtung, Stellung!“, ist das einzige, was immer wieder zu hören ist. Und ein wenig Stöhnen, wenn die Schultern endlich wieder zur Entspannung fallen gelassen werden dürfen.

Ein Schüler beschreibt seinen Zustand: „Der Schmerz wandert erst langsam in den Oberarm, dann in den Unterarm.“ Hier wird historisches Hau- und Stoßfechten unterrichtet, beim Verein ANNO 1838 – Hau = Stoßfechten e.V.. Theorie und Praxis liegen hier ganz nah beieinander. Denn gelehrt wird nach einem Fechtbuch von Franz Conrad Christmann, Professor der Fechtkunst, verfasst 1838 in Offenbach. Die Vorstellung vom Fluch der Karibik oder den drei Musketieren kann man da allerdings gleich vergessen. Da wird nicht über Tische, Stühle oder Schiffsplanken gefochten, martialisches Gebaren ist auch nicht angesagt.

„Natürlich sind wir eine absolute Nischensportart“

„Mit dem olympischen Sportfechten hat das auch nichts zu tun“, sagt Marcus Hampel, „hier wird ausschließlich Breitensport betrieben. Der Spaß ist, anhand eines Dokuments herauszulesen, wie man sich vor 200 Jahren in dem Bereich bewegt hat.“ Wichtig ist auch zu erwähnen: „Der Autor betont in dem Buch, dass Fechten auch für die Freizeit betrieben wird.“ Im Original heißt es: Körperertüchtigung wird klar von der Selbstverteidigung abgesetzt. „Natürlich sind wir eine absolute Nischensportart“, beschreibt der 46-Jährige seine Sorgen, was die Mitgliederanzahl angeht. 

„Mit dem olympischen Sportfechten hat das nichts zu tun, hier wird ausschließlich Breitensport betrieben.“

Marcus Hampel

Der Verein wurde 2014 gegründet und hat momentan 25 Mitglieder. Deswegen hat er sich an den Hamburger Sportbund gewendet. „Ich habe gelesen, dass der HSB eine Vereinsberatung zu verschiedenen Themen anbietet. Auch zum Thema Mitgliedergewinnung.“ Dabei ging es dem Verein aber nicht um Gelder. „Die Gruppen sind einfach viel zu klein, um allen Leistungsansprüchen gerecht zu werden“, beschreibt Hampel die Misere. „Die Gruppendynamik beginnt mit 5 Leuten, bei 7 geht den Trainern das Herz auf. Da kann man schon ganz anders trainieren.“ Von zweistelligen Gruppengrößen spricht man hier erst gar nicht.

Vereinsberatung beim HSB

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„Der Schmerz wandert erst langsam in den Oberarm, dann in den Unterarm“, denn das Säbel wiegt ganze 800 Gramm (Foto: Johannes Trostdorf)

„Die Beratung war da sehr hilfreich. Nach einer Bestandsaufnahme mit der Vereinsberaterin haben wir die Ratschläge des HSB selbst in die Hand genommen: Wir haben beispielsweise unsere Mitglieder befragt, was ihnen an der Sportart gefällt und wie sie uns gefunden haben, das werden wir noch auswerten.“ Die Homepage wurde aktualisiert und andere Kanäle zur Informationsverbreitung genutzt. Ein virtueller Gästeabend findet regelmäßig statt. „Vielleicht gehen wir auch mal bei älteren Sportfechtern wildern, die keine Lust mehr haben, Wettkämpfe zu bestreiten, ihre Kenntnisse hier bei uns einbringen und auch bereit sind, Neues zu lernen.“ Was dann noch in der Zukunft passiert – man wird sehen. Hampel selbst ist ganz zufällig an das historische Hau- und Stoßfechten gekommen. „Ein Kollege, damals in Mönchengladbach machte Säbelfechten. Im Lager, wo wir gerade arbeiteten, hat er mir einen Besenstil in die Hand gedrückt und wir haben gefochten.“

Auch bei Trainer Stefan Panek (26) war es eher eine zufällige Geschichte: „Auf dem Weg zur Uni habe ich einen ehemaligen Klassenkameraden getroffen, der Säbelfechten machte. Ich bin ein Fantasy-Fan, aber Sportfechten sah mir zu gekünstelt aus. Da bin ich dann mit zum Säbelfechten gegangen, dabeigeblieben und mache nun meine Übungsleiter-C-Ausbildung.

Angebote für Anfänger:innen

Nun hat ja nicht jeder einen Freund, der zum Säbelfechten geht und das schmackhaft macht. Dabei gehört, neben der Lust, eigentlich gar nicht viel dazu. “Wer zum Probetraining kommen möchte, bringt Sportbekleidung und Hallenschuhe mit“, sagt Panek. „Die restliche Ausrüstung für den Anfang, sprich: den Säbel und den Gürtel, stellen wir zur Verfügung“. Für Neueinsteiger:innen und erfahrene Fechter:innen wird ein Wochenende angeboten, an dem man von den Grundlagen bis zu den Umgangsformen das Säbelfechten kennenlernt.

Es gibt aber auch einen vierwöchigen Einsteigerkurs. Danach ist es grundlegend möglich, die Stellung, Paraden und acht Haupthiebe draufzuhaben und sich in einem freien Kampf zu behaupten. Der nächste Kurs startet am 5. September 2022. Keine Angst. Das Fechtbuch, mit rund 95 Paragraphen, bestehend aus Lektionen, Beschreibungen und Übungen ist keine Pflichtlektüre, sondern es soll eine Hilfestellung sein, aber: „Wir ermutigen die Mitglieder reinzugucken“, sagt Panek. „Ich selbst habe den Christmann aber auch noch nicht durch.“ Der Fechtprofessor wird`s verkraften. 


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Walking-Football – Gehen mit Ball

Die Spvgg. Billstedt-Horn stellt das erste Walking-Football-Team in Hamburg und freut sich auf die Einführung einer Meisterschaft

Text: Mirko Schneider

Schon die Adresse der Halle klingt paradiesisch: Sonnenland 27. Und wer sich die Mühe macht, diese Sportstätte an einem Donnerstagabend aufzusuchen, stellt fest: Fußball hat im Paradies selbstverständlich einen festen Platz. Nur wird nicht gerannt. Denn hier trainiert das Walking FootballTeam der Spvgg. Billstedt-Horn. Erfunden wurde Walking-Football (zu Deutsch: Gehfußball) 2011 in England. Seit einiger Zeit ist der Sport auch in Deutschland angekommen. In Hamburg nimmt die Spvgg. Billstedt-Horn dabei eine Sonderstellung ein.

Das Walking-Football-Team des Clubs ist das erste offizielle Hamburger Team in dieser inklusiven Sportart. Gut ein Dutzend Spieler sind jede Woche dabei. Entweder in der Halle oder in den wärmeren Monaten auf ihrem Platz an der Möllner Landstraße 197. Eifrig passen sie den Ball mit viel Spaß hin und her mit dem Ziel, ihn im drei Meter großen Tor des Gegners zu versenken. Nur dürfen sie dabei ausschließlich gehen. Auch Körperkontakt ist nicht erlaubt. „Walking Football ist die inklusivste Sportart, die es gibt“, sagt André Riebe (30). Er ist Inklusionsbeauftragter des Hamburger Fußball-Verbandes (HFV) und leitet die Gruppe gemeinsam mit dem Billstedter Trainer Jan Willms (29).

Eine Sportart für Menschen mit Behinderung

Riebes Geschichte ist anrührend. Bei seiner Geburt wurde die Sehbehinderung Aniridie diagnostiziert. „Ich bin stark blendempfindlich und sehe sehr trübe“, erläutert Riebe. Trotzdem habe er als Junge mit sechs Jahren versucht, in einer Jugendfußballmannschaft Fuß zu fassen. Es folgte eine schwierige Zeit. „Nach einem halben Jahr war meine Mannschaft gespalten. Die eine Hälfte der Spieler und Eltern fand, ich solle dabei sein. Die andere Hälfte fand, ich trage nichts zum sportlichen Erfolg bei und solle aus dem Verein austreten“, erinnert sich Riebe. So schlimm das war, Riebe hatte sein Lebensthema gefunden. „Ich beschloss als Jugendlicher, anderen Menschen diese schlimmen Gefühle zu ersparen und mich im Inklusionssport zu engagieren“, sagt er im Rückblick.

„Man kann durchaus ins Schwitzen kommen“

(André Riebe, Inklusionsbeauftragter des Hamburger Fußball-Verbandes)

Zufällig lernte Riebe Jan Willms kennen, mit dem er zuvor schon an einem anderen inklusiven Projekt arbeitete. Im Rahmen eines Jahresprojekts seiner Tätigkeit als Heilerziehungspfleger erstellte Willms eine Sozialraumanalyse von Billstedt. Eines der Ergebnisse: Inklusive Sportarten werden viel zu wenig angeboten. „Da haben wir beschlossen, eine Sportart für Menschen mit Behinderung anzubieten“, sagt Willms. Da Riebe und Willms fußballbegeistert sind, lag Walking Football nahe.

„Bei uns kann wirklich jeder mitspielen“

Wie inklusiv die Sportart wirklich ist, lässt sich schon an der Zusammensetzung des Teams der Spvgg. BillstedtHorn selbst beobachten. Die Spieler sind 16 bis 65 Jahre alt, einige Frauen sind dabei. Circa 75 Prozent der Spieler haben eine körperliche oder geistige Beeinträchtigung. Einige Spieler sind im Rahmen der Kooperation mit der Evangelischen Stiftung Alsterdorf dabei, die einen Standort in Form eines Wohnhauses in der Billstedter Hauptstraße hat. „Bei uns kann wirklich jeder mitspielen“, sagt Riebe. Nur sei die im Umkehrschluss oft gezogene Schlussfolgerung von Anfängern, Walking Football sei körperlich gar nicht herausfordernd, so nicht richtig. „Man kann durchaus ins Schwitzen kommen bei diesem Sport“, sagt Riebe. „Immerhin trainieren wir 90 Minuten und wenn man da permanent geht, sich anbietet und den Ball passt, wird der Körper durchaus gefordert.“ Und Willms ergänzt lachend: „Der Unterschied ist vielmehr der, dass man keine Angst um seine Knochen und seine Gelenke haben muss.“

Zusammenspiel ist ein Muss

Die Herausforderung und die gesundheitlich positive Wirkung von Walking Football gleichermaßen bestätigen kann Dino Zimmer (29). Zimmer ist einer der Spieler des Teams. Er leidet unter mehreren Beeinträchtigungen. „Ich bin extrem kurzsichtig, habe Belastungsasthma und einen Herzklappenfehler“, sagt Zimmer. Leistungssport ist für ihn tabu, schnell laufen auch. „Aber ich spiele natürlich gerne Fußball und bin sehr ehrgeizig. Ich muss immer aufpassen, nicht doch loszulaufen“, sagt er lachend. Und keine hohen Pässe zu spielen.

„Das habe ich früher als Spieler gerne gemacht. Doch im Walking Football darf der Ball nur hüfthoch gepasst werden“, sagt Zimmer. Was ihm ebenfalls gefällt: Dass ein überragender Spieler einer Mannschaft alles in Grund und Boden spielt und den Ball nicht abgibt, ist beim Walking Football nicht möglich. Das Team ist auf das Zusammenspiel angewiesen. „Wenn einer zu viel dribbelt, ist das nicht sinnvoll. Du bist schnell von Gegenspielern umstellt. Du musst passen und deine Mitspieler einbeziehen“, sagt Zimmer.

„Wir wollen einen Hamburger Meister ausspielen“

Wie viele der Spieler freut er sich schon auf die Hamburger Walking-Football-Liga. „Der fiebere ich wirklich entgegen“, sagt er. Dass eine solche Liga so bald wie möglich kommt, daran lässt Andreas Hammer (55) keinen Zweifel. Hammer ist Ehrenamtsbeauftragter und Beisitzer im Spielausschuss des Hamburger Fußball-Verbandes. Im Deutschen Fußball-Bund (DFB) ist er Mitglied im Ausschuss für Beachsoccer, Freizeit- und Breitensport. „Wo man bei dieser Sportart nur einen Funken hinschmeißt, da entsteht ein Flächenbrand“, beschreibt Hammer die Walking-Football-Begeisterung. „In Südengland haben sich in kürzester Zeit 11.000 Menschen gefunden und einen Spielbetrieb organisiert. In Deutschland gibt es in einigen Bundesländern schon Meisterschaften, zum Beispiel in Schleswig-Holstein. Wir wollen in Hamburg nun nachziehen und noch in diesem Jahr Turniere veranstalten. Wenn der Zeitplan es hergibt, so wollen wir auch einen Hamburger Meister ausspielen.“

Walking-Football-Sparte in Planung?

Die Rückmeldungen aus den Hamburger Vereinen sind jedenfalls positiv. Und haben auch durchaus schon Prominenz angezogen. Der Hamburger Sportverein fragte bereits beim Verband an und interessiert sich für die Einrichtung einer Walking-Football-Sparte. Der FC St. Pauli schickte mit dem früheren Sportmoderator Lou Richter (61) ein bekanntes Gesicht zur Walking-Football-Übungsleiterfortbildung beim HFV.

Bei der Spvgg. Billstedt-Horn wiederum wird die Zukunft zusätzlich noch auf weiteren Ebenen geplant. Durch eine großzügige Spende des verstorbenen Vereins-Ehrenmitglieds Manfred Schulenburg war die Anschaffung der insgesamt 1600 Euro teuren Spezialtore möglich, die der Verein für das Training benötigte. Bislang behalf man sich mit zwei kleinen nebeneinander gestellten Toren. Am 30. April will der Club ein eigenes Turnier auf die Beine stellen, um noch mehr Menschen für Walking Football zu begeistern. Das Besondere: Gespielt werden soll im sogenannten Soccer-Ei, mit dessen Erfinder Heinz-Jürgen Uhlenbrock die Spvgg. Billstedt-Horn zusammenarbeitet.

Dabei handelt es sich um ein mobiles, multifunktionales Kleinspielfeld, in dem unter anderem durch die Banden noch mehr Tempo und Spielfluss ins Spiel kommt. „Auf das Turnier freuen wir uns sehr und wir haben schon viele weitere Ideen“, sagt Riebe. Die Sponsorensuche – unter anderem für ein vereinseigenes Soccer-Ei – soll vorangetrieben und Kooperationen mit weiteren Sozial- und Bildungseinrichtungen gesucht werden. „Wir wollen uns noch mehr für den Stadtteil öffnen“, sagt Riebe. „Damit so viele Menschen wie möglich Spaß am Walking Football haben können.“

billstedt-horn.de


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Hinter der Fassade

Hamburg ist eine der reichsten Städte Deutschlands, mit der höchsten Dichte an Millionären, doch hinter der hübschen Fassade gibt es auch massive Armut – und diese nimmt jährlich zu. Die soziale Spaltung der Gesellschaft ist längst Realität. Kann der Hamburger Bundeskanzler Olaf Scholz das Ruder rumreißen?

Text: Marco Arellano Gomes

Armut hat viele Gesichter. Einige davon sieht man täglich: beim Einkauf, beim Spazierengehen, bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Menschen, die nach einem Euro fragen, die in Mülltonnen nach Pfandflaschen suchen, die emotions- und kraftlos mit Pappschild und Pappbecher in einer Ecke sitzen und auf die Großzügigkeit der Passanten hoffen. Armut hat viele Gesichter. Viele davon sind nicht öffentlich: Menschen, die abgehängt sind, die viel verloren haben, die sich kaum noch aus ihrer Wohnung trauen, vor Scham. Sie existieren, aber sie partizipieren nicht mehr am gesellschaftlichen Leben. Weil das Geld fehlt, die Kraft, die Würde. Die Pandemie hat die Armut aus dem Zentrum des medialen Interesses gerückt – obwohl sie die prekäre Lage der betroffenen Menschen verschärft hat.

Das Armutsrisiko in Deutschland ist gestiegen – das zeigt der Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtverbands, der am 16. Dezember in Berlin vorgestellt wurde. In der Hansestadt liegt es über dem Bundesdurchschnitt. Demnach lag die Armutsrisikoquote 2020 in der Hansestadt bei 17,8 Prozent – und somit über dem Bundesschnitt von 16,1. Eine Steigerung zum Vorjahreswert von 1,9 Prozentpunkten (2019: 15,9 Prozent) – wobei die Daten aufgrund methodischer und Corona-bedingter Besonderheiten nur bedingt vergleichbar seien, wie Dr. Ulrich Schneider, der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes ausdrücklich betont.

„Die Armut in Deutschland erreicht einen neuen Höchststand“

Die Zahlen beruhen auf Angaben des Statistischen Bundesamtes. Sie zeigen den höchsten Wert an, der je gemessen wurde. „Die Armut in Deutschland erreicht einen neuen Höchststand“, so der Befund. Der Anstieg der Armutsquote um „nur“ 0,2 Prozentpunkte zeigt aber auch, dass „die rasch ergriffenen Unterstützungsmaßnahmen von Bund und Ländern noch höhere Armutswerte durchaus verhindern konnten“, so Schneider. Kurzarbeitergeld, Wirtschaftshilfen und Arbeitslosengeld I konnten ein – an­gesichts der Herausforderung einer Pandemie – zu erwartendes Anwachsen der Armut zum großen Teil verhindern. Dennoch: 16,1 Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland – also 13,4 Millionen Menschen – müssen zu den Armen gerechnet werden.

Die Entwicklung ist eindeutig: 2006 lag die Quote noch bei 14 Prozent. Gerade das schlechte Abschneiden der Hansestadt gibt zu denken: „Deutschland ist nicht nur sozial, sondern auch regional ein tief gespaltenes Land und die Gräben werden immer tiefer. Während Bayern (11,6 Prozent) und Baden-Württemberg (12,2 Prozent) vergleichsweise gut abschneiden, kommt Hamburg gerade mal auf den 11. Platz – vor Sachsen (17,9 Prozent), Mecklenburg-Vorpommern (19,7 Prozent), Berlin (20,6 Prozent), Sachsen-Anhalt (20,6 Prozent) und Schlusslicht Bremen (28,4 Prozent). Wenn in einem Bundesland jeder zehnte und in einem anderen mehr als jeder vierte Einwohner zu den Armen gezählt werden muss, hat dies mit gleichwertigen Lebensbedingungen in ganz Deutschland nichts mehr zu tun“, so Schneider.

Formen der Armut

Doch was heißt Armut? Wie wird sie definiert? Wer zählt dazu? Und wer ist davon bedroht? Ein Blick auf die Zahlen: Demnach sind es vor allem Erwerbslose (52 Prozent), Alleinerziehende (40,5 Prozent), Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit (36 Prozent) und mit niedrigen Bildungsabschlüssen (31 Prozent) sowie kinderreiche Paarhaushalte (30,9 Prozent) besonders von Armut betroffen. Es ist das seit Jahren bekannte soziodemografische Risikoprofil der Armut. Maßstab zu dieser Beurteilung ist ein relativer Armutsbegriff, der auf EU-Standards fußt. Als armutsgefährdet gilt in Europa demnach, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Gezählt werden Personen, die in Haushalten leben und deren Ein­kommen diese Grenze unterschreitet. Bei Einpersonenhaushalten lag die Armutsschwelle 2020 bei 1126 Euro, bei einer Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2364 Euro. Arm ist demnach also, wer an der Lebensweise der Gesellschaft nicht oder nicht in ausreichendem Maße teilhaben kann.

Erwerbsarmut, Altersarmut und Kinderarmut

Diese Armut hat viele Formen: Erwerbsarmut ist eine davon: 9,7 Prozent aller Beschäftigten in der Hansestadt Euro brutto im Monat. Sie sind arm – trotz Arbeit. Fast jeder fünfte Vollzeitarbeitende in Deutschland musste einer Studie vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) zufolge 2020 mit maximal 2284 Euro brutto im Monat auskommen.

Eine weitere Form ist die Altersarmut: Aus einer aktuellen Studie des Bundesseniorenministeriums im Dezember geht hervor, dass fast ein Viertel der Menschen mit über 80 Jahren in Deutschland von Armut betroffen sind. 22,4 Prozent der Bevölkerung im Alter von 80 Jahren und älter verfügen demnach maximal über ein monatliches Netto-Einkommen von 1.167 Euro. In Hamburg sind nach Angaben der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) 64.400 Vollzeitbeschäftigte selbst nach 45 Arbeitsjahren im Rentenalter von Armut bedroht. Das Statistikamt Nord informierte darüber, dass „am Jahresende 2020 gut 47.685 Frauen und Männer im Alter in Hamburg Grundsicherungsleistungen zur Sicherstellung der laufenden Lebensführung erhalten.

Die tragischste Form ist die Kinderarmut. Sie wird in aller Regel vererbt. Haben die Eltern ein zu geringes Einkommen, erleben die Kinder in aller Regel ebenfalls ein Leben in Armut, aus dem sie aufgrund der vielfältigen Nachteile schwer herausfinden. Fast jedes fünfte Kind (19,6 Prozent) in Hamburg ist laut Statistikamt Nord von Hartz IV abhängig (Stand: 2019). Die Klassenfahrt, die man sich nicht leisten kann, Klamotten, die man sich nicht leisten kann, Bücher, die nicht erworben werden können – die Benachteiligungen sind vielfältig.

Was Armut bedeutet

Hinter diesen Zahlen stehen Schicksale, Belastungen und Nöte, die durch Statistiken nicht zum Ausdruck kommen. Arme Menschen leben unter Zuständen, die einer wohlhabenden Demokratie nicht würdig sind. Armut macht ängstlich, traurig, verzweifelt. Das Leben erscheint weniger plan- und kontrollierbar. Überforderungen, Stress und materielle Entbehrungen haben auf Dauer Auswirkungen auf die Gesundheit und das Wohlbefinden. Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben ist da kaum möglich. Urlaub wird zum unerreichbaren Traum. Die psychische Belastung von Armen ist höher als von Nichtarmen.

Zunahme der Ungleichheit

Dass immer mehr Menschen von Armut betroffen sind, sollte in einer funktionierenden Demokratie Alarm auslösen. Denn eine demokratische Gesellschaft lebt davon, dass alle Menschen gleiche Chancen haben, am Wohlstand und der Gesellschaft zu partizipieren. Tendenziell erodiert die Mittelschicht hingegen seit geraumer Zeit. Wer mit offenen Augen durch die Stadt spaziert, kann dies erkennen: Am wachsenden Leerstand, an Rentnern, die in Mülleimern nach Pfandflaschen Ausschau halten, an den sorgenvollen Gesichtern. Der Frust, der daraus entsteht, manifestiert sich in Politikverdrossenheit, einem Zulauf an alternativen Parteien und demokratiefeindlichen Bewegungen.

Die schwarz-rote Bundesregierung veröffentlichte am 25. April vergangenen Jahres ihren Armuts- und Reichtumsbericht, der seit 2001 in regelmäßigen Abständen publiziert wird. In dieser inzwischen sechsten Version wird einmal mehr deutlich, dass die Ungleichheit in Deutschland wächst. Doch in einen Alarmzustand versetzte das die Regierung nicht. Der Sozialforscher Christoph Butterwegge, der den Bericht kritisch begleitete, konstatierte gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“, dass der Bericht ohnehin einem neoliberalen Narrativ folge, „das Armut verharmlost und Reichtum verschleiert“. Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung gehören den reichsten zehn Prozent der Bevölkerung inzwischen mehr als 67 Prozent des Nettogesamtvermögens. Wenn 45 Familien mehr besitzen als die Hälfte der gesamten Bevölkerung, also 40 Millionen Menschen, dann ist etwas schiefgelaufen.

Gründe für die Ungleichheit

Die Ungleichheit hat System. Sie ist zum einen die Folge eines deregulierten Arbeitsmarktes, eines gelockerten Kündigungsschutzes, der Einführung von Leiharbeit, Mini- und Midijobs – kurz: der prekären Beschäftigungsverhältnisse. Der Niedriglohnsektor macht inzwischen fast ein Viertel aller Beschäftigungsverhältnisse aus. Parallel dazu wurde der Sozialstaat durch Reformen schrittweise demontiert. Hinzu kommt die Fiskalpolitik: Kapital- und Gewinnsteuern wurden entweder abgeschafft (unter anderem die Börsenumsatz- und die Gewerbekapitalsteuer), werden nicht mehr erhoben (Vermögenssteuer) oder wurden drastisch gesenkt (Körperschafts- und Kaptitalertragssteuer sowie der Spitzensteuersatz in der Einkommenssteuer).

Wer erbt, kann dies aufgrund der hohen Freibeträge tun, ohne nennenswerte Summen an Erbschaftssteuer zu zahlen. Erhöht wurde 2007 hingegen die Mehrwertsteuer (von 16 auf 19 Prozent) – die seither insbesondere die Armen und die Mittelschicht belastet. Die gegenwärtige Inflation verteuert das Leben zusätzlich und trifft ebenfalls diejenigen, die wenig haben ungleich härter. Laut Statistischem Bundesamt ist die Jahresinflation in Deutschland 2021 mit 3,1 Prozent so hoch ausgefallen wie seit 1993 nicht mehr. Im Dezember lag die Teuerungsrate mit 5,3 Prozent auf dem höchsten Niveau seit fast 30 Jahren. Vor allem die Preise für Energie (plus 18,3 Prozent) und Lebensmittel (plus 6 Prozent) zogen stark an.

Wohnen: Die neue soziale Frage

Nirgends macht sich die Kluft zwischen Arm und Reich so stark bemerkbar wie beim „sozialräumlichen Zerfall der Städte“, so Butterwegge. Viele Familien können sich die Innenstadt-Lagen nicht mehr leisten und werden an die Ränder der Stadt gentrifiziert. Kein Wunder, so der Sozialforscher, wenn die Wohnungsbau- und Stadtentwicklungspolitik seit den 1980er-Jahren privaten Investoren weitestgehend das Feld überlässt. Wohnen wurde zum Spekulationsobjekt. Viele Kommunen verkauften ihre Wohnbestände und hofften, dass die Märkte es schon richten. Immer mehr Wohnungen fielen zudem aus bestehenden sozialen Mietpreisbindungen, während nicht genügend sozialer Wohnraum dazukam. Die Wohnfrage drohe „die soziale Frage des nächsten Jahrzehnts“ zu werden, so Butterwege gegenüber der „SZ“.

Gerade in Großstädten wie Hamburg verschärft sich die Lage von Jahr zu Jahr. Der im Dezember vorgestellte Mietenspiegel zeigt, dass die Mieten seit 2019 um 7,3 Prozent gestiegen sind. Die stärkste Steigerung seit 20 Jahren! Die Mietervereine sind entsetzt und fordern mehr Engagement des Senats. Offenbar reiche das viele Bauen nicht aus, um den Anstieg der Mieten in Hamburg zu bremsen. Die Durchschnitts-Nettokaltmiete beträgt in Hamburg aktuell 9,23 Euro pro Quadratmeter. Für Neubauten in guten Wohnlagen liegt der Wert im Schnitt über 17 Euro. Die Anzahl der Haushalte, die Wohngeld erhalten, hat sich laut Statistikamt Nord im Vergleich zum Vorjahr um 24 Prozent auf 12.960 erhöht.

Arme und reiche Stadtteile

Der Hamburger Verein Mieter helfen Mietern spricht von einem „Versagen der Mietenpolitik“. Weitere Mieterhöhungen seien zu befürchten, da sich die Vermieter auf den neuen Mietenspiegel berufen können. „Der Anstieg der durchschnittlichen Nettokaltmiete mahnt uns, nicht nachzulassen in unseren Anstrengungen, den Mietenmarkt mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu entlasten“, konstatiert Bausenatorin Dorothee Stapelfeldt (SPD).

Im Stadtbild macht sich die wachsende Ungleichheit längst bemerkbar. Es gibt Stadtteile, die eindeutig arm sind und Stadtteile, die relativ wohlhabend sind. Nienstedten, Blankenese, Wellingsbüttel und Harvestehude auf der einen Seite. Steilshoop, Billstedt und Veddel auf der anderen. Das ist in Hamburg schon lange so, auch wenn es Bemühungen gibt, dieses Gefälle auszugleichen (unter anderem durch Projekte wie dem „Sprung über die Elbe“). In ihrem Sozialmonitoring-Bericht spricht die Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen von „hoher sozialräumlicher Stabilität“. In Wahrheit ist es eine Zementierung der sozialen Verhältnisse.

Was tun?

„Der Regelsatz ist und bleibt die zentrale Stellgröße im Kampf gegen die Armut und für den Zusammenhalt dieser Gesellschaft“, sagt Dr. Ulrich Schneider bei der Präsentation des Paritätischen Armutsberichts. Aber selbst er, der Warner und Mahner, sieht Hoffnung am Horizont. Es gibt Wege für mehr Ausgleich, mehr Chancen, mehr Wohlstand für alle. Und einige sind im Koalitionsvertrag der neuen Ampel-Regierung erwähnt: So soll der Mindestlohn von derzeit 9,82 Euro auf zwölf Euro brutto erhöht werden. Allein das dürfte das Gehaltsgefüge in Deutschland stark verändern. Nach einer Berechnung des Pestel-Instituts würde eine Anhebung des Mindestlohns auf zwölf Euro die Kaufkraft um etwa 9,8 Milliarden Euro pro Jahr anheben. Scholz versprach den Mindestlohn noch 2022 durchzukriegen. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) arbeitet „mit Hochdruck“ am Gesetzesentwurf. Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge soll der Mindestlohn von zwölf Euro ab Oktober in Kraft treten.

In dem Koalitionsvertrag finden sich weitere sozialpolitische Überraschungen: So soll es unter der Ampel-Regierung zu einer Kindergrundsicherung kommen. Hartz IV soll durch ein Bürgergeld abgelöst werden. Die Rente soll um kapitalgedeckte Elemente ergänzt werden.

Christian Lindner: Der Anwalt der Wohlhabenden

Auch das Wohngeld soll gestärkt und um einen einmaligen Heizkostenzuschlag ergänzt werden. Darüber hinaus sind eine staatlich finanzierte Bildungszeit für Beschäftigte, ein Qualifizierungsgeld für Betriebe und Arbeitnehmer in Krisenbranchen und eine Verbesserung des BAföG und – man höre und staune – die Überwindung der Obdach- und Wohnungslosigkeit bis 2030 geplant. Bei allen Vorhaben wird es letztlich auf die konkrete Ausgestaltung ankommen – und auf die Kosten! Denn jede dieser Koalitionsvereinbarungen steht unter dem Vorbehalt der Finanzierbarkeit. Ist das Geld nicht da, bleibt die Umsetzung ungewiss. Und über das Geld wacht ab sofort Finanzminister Christian Lindner (FDP), der eigentlich entgegengesetzte Pläne hegte. Seine Rolle als Anwalt der Wohlhabenden hat er jedenfalls nicht an den Nagel gehängt: So sorgte er mit der FDP dafür, dass im Koalitionsvertrag der Spitzensteuersatz unangetastet bleibt, die Vermögenssteuer nicht wieder eingeführt wird und eine strikte Schuldenbremse vorgesehen ist. Das Wort Erbschaft taucht im Vertrag nicht einmal auf.

Nun hat die Pandemie bereits enorme Kosten verursacht, um Arbeitsplätze zu sichern. Bis Mitte Dezember hat der Staat 42 Milliarden allein für Kurzarbeit ausgegeben. Ein Großteil davon kommt mittlerweile aus dem Bundeshaushalt, da die Rücklagen der Arbeitslosenversicherung bereits aufgebraucht waren. Kurzarbeit und Wirtschaftshilfen verhinderten Massenentlassungen. Doch der Erfolg ist teuer erkauft.

Bauen als Lösung?

Auch das Wohnen spielt im Koalitionsvertrag eine wichtige Rolle. Ein eigenes Ministerium wurde hierzu ins Leben gerufen, mit Klara Geywitz (SPD) als Bauministerin. Vorbild: Hamburgs „Bündnis für das Wohnen“. Strategie: „Bauen, bauen, bauen.“ 400.000 neue Wohnungen sollen pro Jahr hochgezogen werden. Ein ehrgeiziges Ziel. Wo die Grundstücke – gerade in Großstädten – herkommen sollen, bleibt offen. Zudem ist die Lage im Baugewerbe aufgrund von Rohstoffknappheit und Lieferengpässen angespannt – was die Baupreise in die Höhe treibt und Investoren zögern lässt. Und im Gegensatz zu dem Hamburger Vorbild, bei dem ein Drittel der Neubauten dem sozialen Wohnungsbau vorbehalten ist, wird auf Bundesebene nur ein Viertelmix angewandt.

Dabei wird bereits der Drittelmix unter Experten als nicht ausreichend angesehen. Im Interview mit SZENE HAMBURG verriet Prof. Dr. Ingrid Breckner, dass „allein in Hamburg etwa 50 Prozent der Einwohner einen Anspruch auf eine Sozialwohnung“ haben. Auf die Frage, ob der Hamburger Drittelmix beim Neubau reiche, um die Entwicklung zu korrigieren, antwortete die Stadtsoziologin: „Das dürfte wahrscheinlich nicht reichen. In einzelnen Projekten wird der Drittelmix daher auch nicht mehr angestrebt, sondern ein Halbmix von bis zu 50 Prozent.“ Ein zentraler Fehler ist auch die geringe Begrenzungsdauer von sozialem Wohnungsbau. Diese sollte überdacht, wenn nicht sogar abgeschafft werden – wie Mietervereine seit Jahren fordern. Im Koalitionsvertrag ist von einer „dauerhaften Sozialbindung bezahlbaren Wohnraums“ die Rede. Das lässt zumindest hoffen.

„Die heile Welt, in der wir leben, ist ein Trugschluss“

Zu Silvester beschwor Kanzler Scholz den gesellschaftlichen Zusammenhalt, um einer drohenden Spaltung der Gesellschaft durch Corona entgegenzuwirken. Doch eine soziale Spaltung ist bereits da. „Die heile Welt, in der wir leben, ist ein Trugschluss“, so der Sozialforscher Butterwegge gegenüber dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Wer den sozialen Zusammenhalt wünscht, muss auch etwas dafür tun. Einige Weichen hierzu sind im Koalitionsvertrag fixiert. Nun wird es auf die Umsetzung und Weiterführung ankommen. Da ist die Politik gefragt – auch in Hamburg –, aber auch die Gesellschaft und die Unternehmer. Die Stärkung der Mitte kann nur gemeinsam gelingen. Hierzu reicht nicht nur der Blick auf die hübsche Fassade.


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 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2022. Das Magazin ist seit dem 29. Januar 2022 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Zehra: „Ich habe mich für Hamburg entschieden“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Zehra begegnet.

Protokoll: Rosa Krohn

 

„Ich bin 1974 in Eimsbüttel geboren und in Billstedt aufgewachsen, lebe also seit 47 Jahren in Hamburg. Meine Eltern kamen als Gastarbeiter aus der Türkei hier her. Zwischenzeitlich war ich selbst anderthalb Jahre in der Türkei. Ich hatte das Gefühl, hier nicht richtig Fuß gefasst zu haben, obwohl ich hier geboren und aufgewachsen bin. Das lag überwiegend an der damaligen pädagogischen Betreuung.

Deshalb habe ich es dann in der Türkei versucht, aber da war es doppelt so schwer – das Schulsystem war ein anderes und um die Zukunftsperspektiven stand es schlecht. Kurz vor meinem 16. Lebensjahr musste ich mich dann entscheiden: Komme ich wieder zurück oder verliere ich alle meine Rechte in Deutschland und bleibe in der Türkei.

 

„Ich sehe mich ein wenig in ihm“

 

Ich habe mich für Hamburg entschieden und es nicht bereut. Die Zeit in der Türkei hat mich gestärkt und ich habe hier nach und nach zu mir selbst gefunden. Hamburg ist eine sehr offene Stadt und ich fühle mich hier Zuhause. Nach meiner Rückkehr habe ich meinen Hauptschulabschluss und die mittlere Reife an einer Berufsschule gemacht und bin seit 1997 als Erzieherin tätig. Die Arbeit macht mir Spaß: Kinder sind so wie sie sind, sie sind ehrlich. Ich genieße die Zeit mit ihnen. Man ist auf einer Höhe mit ihnen und bleibt so selbst auf eine gewisse Art und Weise Kind.

Mein eigener Sohn ist jetzt auch 16 und da mein Mann aus Jordanien kommt und ich selbst einen türkischen Hintergrund habe, fragen wir ihn manchmal, wie er sich eigentlich fühlt – arabisch, türkisch oder deutsch? Er sagt dann immer: ‚Ich fühle mich wohl in Hamburg, es ist meine Heimat.‘ Auch wenn er sich Gedanken macht, wo er später zum Studieren hinwill, ist Hamburg immer eine Option. Ich sehe mich ein wenig in ihm. Er ist wie ich ein Kind der Stadt und es ist schön, eine Generation weiter so mit der Stadt verwurzelt zu sehen.“


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fluppe: Punk aus der Polizeiwache

Krachende Gitarren, düster-ernste Texte: Die Hamburger Band fluppe veröffentlichte mit „blüte“ kürzlich ihr erstes Album. Ein Gespräch mit Sänger Josef Endicott über Einflüsse, Entstehungsprozess und einen besonderen Proberaum in Billstedt

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Josef, fluppe hat sich aus Musikern formiert, die aus anderen Bandprojekten quasi übrig geblieben sind …

Josef: … und wir waren die zielorientiertesten in diesen Projekten. In jeder Band gibt es ja einen oder zwei, die das Ding antreiben, und der Rest läuft so ein bisschen mit. Wir waren die, die angetrieben haben. Und wir sind immer noch sehr ambitioniert. Wir sind eine sehr fleißige, aber auch eine sehr demokratische Band, die viel diskutiert. Gelegentlich müssen wir uns daran erinnern, eine gewisse Leichtigkeit nicht zu verlieren. Es soll schließlich alles Spaß machen.

Waren es zuvor Projekte mit einer ähnlichen musikalischen Ausrichtung wie fluppe?

Sie waren insofern anders, als dass sie alle englischsprachig waren. Soundtechnisch waren sie wie fluppe in den Bereichen Indie und Punk anzusiedeln – wenn auch fluppe jetzt noch mal ganz anders klingt.

 

Viele musikalische Einflüsse

 

Referenziell wird bei fluppe immer wieder die Hamburger Schule genannt – wobei ihr die eigentlich gar nicht zu euren musikalischen Einflüssen zählt, heißt es …

… richtig. Natürlich setzen wir uns alle seit vielen Jahren mit Musik auseinander und haben auch Bands der Hamburger Schule gehört. Aber ich zum Beispiel komme eher vom Punk. Andere aus der Band sind Fans von The National, auch von Bloc Party. Grundsätzlich kann man sagen, dass wir vor allem von internationalen, englischsprachigen Bands geprägt sind.

„blüte“, das Debütalbum von fluppe

„blüte“, das Debütalbum von fluppe

Wie lief denn der Sound-Findungsprozess bei fluppe ab?

Am Anfang war erst mal nur klar, dass wir in genau dieser jetzigen Besetzung zusammenarbeiten wollen, dass der Bandname fluppe sein soll und dass wir deutschsprachige Songs machen. Alles andere haben wir im Proberaum entwickelt. Die Gangart war ein bisschen vorbestimmt, da wir eben alle Indie- und Punk-verliebte erwachsene Kinder sind. Aber jeder hat eben auch seinen eigenen Charakter und seine eigenen Interessen eingebracht.

Die Texte auf eurem Debütalbum „blüte“ sind ernst, melancholisch, teils düster, geben nie direkt Lösungen vor – Interpretationen in alle Richtungen sind also immer möglich. Gab es denn Themen, die ihr unbedingt auf dem Album besprechen wolltet?

Es gibt ein paar Texte, die komplett aus meiner Feder stammen, ansonsten spielen Christian (Klindworth, Gitarrist; Anm. d. Red.) und ich uns die Bälle hin und her. Auch hier gab es einen Findungsprozess. Ich persönlich schreibe gerne gesellschaftskritisch. Wenn es mal ein Thema gibt, das mich interessiert – für „blüte“ zum Beispiel das Thema Computer –, recherchiere ich viel, steige auch journalistisch ein. Ansonsten bin ich ein großer Fan von Beobachtungen. Ich stelle mir manchmal Helge Schneider vor, wie er seine Witze findet. Vermutlich sitzt er einfach nur im Café oder in der Kneipe und beobachtet Menschen. Ich mache es ähnlich.

 

Billstedt als Zuhause

 

Du hast euren Proberaum angesprochen. Der ist in Billstedt – dem Titelgeber eurer vor „blüte“ erschienenen ersten EP. Wie muss man sich euer Band-Zuhause vorstellen?

Der Raum ist Teil einer alten Polizeiwache, unser Equipment lagert in alten Gefängniszellen. Das Gute ist, dass es ein Fenster gibt. Das ist in Hamburger Proberäumen nicht selbstverständlich, viele sind in oberirdischen Bunkern, in denen es kein Tageslicht gibt. Und draußen herrscht dieser für Billstedt typische Industriecharme, der uns sehr zusagt, genau wie das teilweise Kaputte des Stadtteils. Niemand von uns wohnt in Billstedt, aber es passt schon ziemlich gut zu uns.

Stimmt es, dass ihr dort schon länger an einem zweiten Album arbeitet und damit fast fertig seid?

Ja, es ist geplant, dass es Ende nächsten Jahres erscheinen soll.

„blüte“ ist am 17.9. auf Chateau Lala erschienen

Eindruck gefällig? Hier gibt’s das Video zum Song „kompjuter“:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2021. Das Magazin ist seit dem 30. September 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Ana: „Ich kam zurück und eine andere Frau machte mir die Tür auf”

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Ana begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Wenn ich es mir wünschen könnte, würde ich mit meinen beiden Töchtern, sie sind jetzt sieben und neun Jahre alt, zurück nach Ecuador gehen. Mein Papa hat dort einen großen Bauernhof, in Guayaquil hat meine Schwester einen kleinen Klamottenladen und eine große Wohnung, dort könnten wir anfangs unterkommen. Dann würde ich vielleicht in einem Altenheim anfangen zu arbeiten.

Ich mache gerade eine Ausbildung zur Pflegehelferin. Wenn ich den Abschluss habe, kann ich endlich wieder einen richtigen Job anfangen, mir eine größere Wohnung leisten und so meine Kinder zu mir holen. Sie leben bei ihrem Vater in Billstedt, ich in einer Ein-Zimmer-Wohnung in Wilhelmsburg.

Dafür muss ich wohl etwas ausholen: Es fing vor ein paar Jahren an. Damals ging es meinem Vater nicht gut, weil meine Schwester gestorben war. Ich bin mit meinen beiden Töchtern nach Ecuador zu ihm geflogen und wir haben einige Tage dort verbracht. Plötzlich habe ich erfahren, dass mein Mann, der in Hamburg geblieben war, die Scheidung eingereicht hatte. Als wir zurück nach Hause kamen, machte mir eine Frau die Tür auf. In meinem eigenen zu Hause. Er hatte in der Zeit, in der ich weg war, eine neue kennengelernt. Noch am gleichen Tag hat er mich auf die Straße gesetzt. Einfach so. Er hatte nur gewartet, bis wir aus Ecuador zurück sind, um mir die Kinder wegzunehmen.

 

„Ich bin keine schlechte Mutter“

 

Ich war am Boden, denn ich hatte ja niemanden hier außer ihn. Außerdem habe ich kein Wort Deutsch gesprochen. Zum Glück half mir eine Frau, die ich auf der Straße kennengelernt hatte. Bei ihr kam ich die ersten drei Tage unter, dann bin ich an ein Zimmer gekommen. Nach einiger Zeit habe ich mich mit einer kleinen Reinigungsfirma selbstständig gemacht. Steuern und Versicherung waren allerdings so teuer, dass ich es aufgeben musste. Ich habe bis heute keinen neuen Job, Kindergeld und Unterhalt gehen an den Vater, ich bekomme bloß Arbeitslosengeld.

Ich glaube, mein Ex-Mann hat gehofft, dass ich es nicht schaffen würde und zurück nach Ecuador gehe. Aber ich habe gekämpft. Weil ich wusste, wenn ich Deutschland verlasse, verlasse ich es alleine. Das hat er mir immer wieder gesagt. Er wollte das alleinige Sorgerecht für unsere Kinder. Zum Glück hat das Jugendamt das aber nie zugelassen. Sie wissen nämlich: Ich bin keine schlechte Mutter, mir fehlt nur die Stabilität.

Ich verstehe nicht, wie das alles passieren konnte. Wir waren acht Jahre zusammen, haben uns sehr geliebt, haben zwei wunderschöne Töchter und hatten ein gutes Leben. Und von einem auf den anderen Moment ist das alles nichts mehr wert?

Und trotzdem bereue ich nicht, dass ich ihm 2007 nach Hamburg gefolgt bin. Es ist hart im Moment, ja, ich sehe meine Töchter nur alle zwei Wochen und ich weiß, dass sie es bei ihrem Vater gerade besser haben. Aber ich blicke nach vorne und bald habe ich den Abschluss. Dann wird alles besser. Und ich habe hoffentlich ein schöneres Leben.“


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MenschHamburg: „Anpacken fühlt sich gut an!“

Mit witzigen Ideen und einem großen Netzwerk unterstützt Lars Meier, Kopf der PR-Agentur Gute Leude Fabrik, Hamburger Bedürftige, die oft übersehen werden. Dafür hat er 2011 den Verein MenschHamburg gegründet

Interview: Karin Jirsak
Foto: Gute Leude Fabrik

 

SZENE HAMBURG: Lars, wie und wen unterstützt ihr mit MenschHamburg?

Lars Meier: Ein großer Unterschied zwischen MenschHamburg und anderen Organisationen ist, dass wir Geld einsammeln mit dem Spaß der Spender und nicht mit der Not der Notleidenden. Die einzige Begrenzung ist im Grunde, dass das Geld, das wir mit verschiedenen, oft kreativen und ungewöhnlichen Aktionen sammeln, innerhalb des Stadtgebiets bei den Leuten ankommen muss, die es brauchen. Grundsätzlich unterstützen wir gerne Projekte, die sonst nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen.

Da sind wir bewusst sehr bunt aufgestellt – MenschHamburg ist ja auch ein buntes Team. Wir treffen uns regelmäßig und überlegen dann zusammen, wo und wie man helfen könnte. Mal setzen wir das Geld für ältere Leute ein, mal für Naturschutzprojekte, mal für Kinder. Einer Grundschule in Billstedt haben wir zum Beispiel eine neue Küche ermöglicht, in der die Kinder zusammen kochen und so den Umgang mit Lebensmitteln lernen.

Mit welchen Aktionen generiert ihr die Spenden?

Wir haben jedes Jahr drei große Events: das Kamelrennderby auf dem Frühjahrsdom, den Welttrinkgeldtag am 21. Mai und das MauMau-Turnier im Herbst, auf das ich mich schon sehr freue. Außerdem hatten wir zum Beispiel im Jahr 2015, als die Geflüchtetenkrise auf dem Höhepunkt war, die Idee zu unserem „Moin Moin Refugees“-Button, mit dem wir die Hamburger auffordern wollten, hanseatische Willkommenskultur zu zeigen – auch um dem Geschrei, das gerade damals von rechts kam, bewusst etwas entgegenzusetzen.

Ich wollte erst mal nur 500 von diesen Buttons machen lassen. Aber die Nachfrage war extrem hoch. Bis heute haben wir über 50.000 für einen Euro pro Stück verkauft. Vor ein paar Wochen habe ich eine junge Frau in der U-Bahn gesehen, die den Button immer noch getragen hat – nach vier Jahren! Ich hätte sie am liebsten umarmt.

Erzähl mal, wie bist du auf das Kamelrennderby gekommen?

Das Kamelrennen auf dem Dom ist auf jeden Fall Kult. Als Kind habe ich das sehr gerne, aber sehr schlecht gespielt. Irgendwann saß ich mit dem Welt-Hamburg-Redaktionsleiter Jörn Lauterbach bei einer Brause zusammen, dem es genauso ging, und wir kamen auf die Idee, eine Meisterschaft zu veranstalten, bei der Firmen gegen eine Spende von 300 Euro mit je einem Dreierteam mitmachen können. Das so eingenommene Geld kommt immer unterschiedlichen Projekten zugute. Seit 2015 findet das Derby einmal im Jahr statt, und es ist immer ein Riesenspaß.

 

Echtes Engagement findet offline statt

 

Du veranstaltest aber nicht nur Aktionen für MenschHamburg. Die Gute Leude Fabrik organisiert auch den sogenannten N Klub. Stichwort: Nachhaltigkeit …

Der N Klub ist ein Netzwerk für Leute, die sich mit den unterschiedlichsten Nachhaltigkeitsthemen befassen, zum Beispiel beruflich, oder sich in einer Initiative engagieren. Bei den N Klub-Treffen sind vom CSR-Manager mit Krawatte bis zum Aktivisten, der sich vor den Castor-Transport stellt, die unterschiedlichsten Menschen dabei. Wenn wir auf ein spannendes Projekt oder eine Idee stoßen, dann laden wir die Leute ein. Durch den intensiven Austausch bei diesen Treffen konnten schon viele tolle Ideen verbreitet und realisiert werden.

Auf der MenschHamburg-Website schreibst du: „Es gibt viele Gründe etwas zu tun, aber nur einen sich nicht zu engagieren: Bequemlichkeit!“ Muss man die Bequemlichkeit vielleicht akzeptieren und das Engagement entsprechend bequemer gestalten?

Auf keinen Fall. Viele Leute kritisieren ja heute sehr bequem in sozialen Netzwerken und denken, das wäre Engagement. Aber echtes Engagement, egal, ob man nun Bäume pflanzt oder auf Kinder aufpasst, das ist was ganz anderes, und kann eine ganz tolle Erfahrung sein. Wer zum Beispiel mal Samstagvormittags eine Stunde lang in der Kleiderkammer Hanseatic Help beim Sortieren geholfen hat, weiß: Anzupacken fühlt sich gut an. Und dabei kann man auch sehr gut den Kopf frei kriegen.

Mensch.hamburg


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Gesundheitskiosk: Wofür der Arzt keine Zeit hat

In Horn und Billstedt erfahren Patienten im Gesundheitskiosk, wie sie ihre Gesundheit in den Griff kriegen können – und zwar gratis

Text: Erik Brandt-Höge
Foto: Klaus Balzer

Kein Termin nötig, keine Kosten, dafür immer ein offenes Ohr vom Fachpersonal: Klingt nach einer Traumvorstellung von medizinischer Versorgung, ist in Billstedt und Horn aber absolut real. Seit September 2017 können Menschen aus den beiden Stadtteilen in zwei Gesundheitskiosken ergänzen, was in Arztpraxen aus Zeitgründen nicht geschafft wird. „Wir wollen die niedrigschwellige ambulante Versorgung vor Ort qualitativ stärken, und zwar mit einem pflegerischen Ansatz“, sagt Geschäftsführer Alexander Fischer.

Vier Vollzeitmitarbeiter, alle akademisierte Pflegekräfte, versuchen einerseits chronisch kranken Patienten eine Stütze zu sein und Vor- sowie Nachbereitungen von Arztbesuchen zu leisten. Andererseits ist jeder in den Kiosken willkommen, der z. B. Anregungen und Tipps rund um seine Ernährung wünscht. Dass die beiden Standorte in Billstedt und Horn gewählt wurden, liegt nicht zuletzt am Druck, unter dem viele Ärzte in diesen Stadtteilen stehen, und den sie öffentlich geäußert haben. Es gab und gibt einen enormen Bedarf an medizinischer Beratung, und dem wollen die Gesundheitskioske entgegenwirken – mit Erfolg.

 

Förderung nur bis Jahresende

 

Fischer: „Im vergangenen Jahr kamen fast 4.000 Patienten zu uns und waren sehr dankbar für das Angebot. Wir konnten den Kiosk-Besuchern veranschaulichen, wie sie das Gesundheitssystem sinnvoll nutzen.“ Dass eben dieses Angebot auf finanzieller Förderung basiert – eh klar. Aktuell kommt das Geld vom Innovationsfonds, bis zum Ende des Jahres sind die Gesundheitskioske gesichert. „Danach müssen wir auf eigenen Beinen stehen“, so Fischer, „wir verhandeln gerade mit den Krankenkassen, und je nachdem, wie hoch das Budget ist, das uns zur Verfügung gestellt wird, können wir auch in die zukünftige Personalsituation investieren.“

Gesundheitskiosk: Billstedt, Möllner Landstraße 18, Mo-Fr, 8-18 Uhr; Mümmelmannsberg, Oskar- Schlemmer-Straße 9-15, Di+Do, 8.30-17 Uhr


Szene-Hamburg-juni-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juni 2019. Titelthema: Was ist los, Altona?
Das Magazin ist seit dem 25. Mai 2019 im Handel und zeitlos im 
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Diese zehn Dinge gibt’s nur im Hamburger Osten

Hamburgs Osten wird oft unterschätzt und bleibt von vielen unentdeckt. Zeit, die Stadtteile zu durchstreifen und neue Lieblingsplätze zu finden.

Text: Luisa Uhlig
Foto (o.). Erik Brandt-Hoege

1) Großtankstelle Brandshof

Bekannt als Oldie Tanke, ist diese, neben eine auf Oldtimer spezialisierte Prüfstelle, auch ein Szene-Treffpunkt – hier rollt am Wochenende das „Alte Blech“ auf den Hof, damit es beäugt und beschnackt wird. Der kleine „Erfrischungsraum“ im 50er-Jahre-Stil, stillt Appetit und bietet eine Möglichkeit zum Fachsimpeln und Austausch. Auf jeden Fall ein Place-to-be für für Autoliebhaber, Fans der 50er Jahre und Neugierige. Mit ganz viel Charme und Stil.

Billhorner Röhrendamm 4 (Rothenburgsort); www.tankstelle-brandshof.de

 

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2) Bäckerei Caglar

Baklava und Kurabiye auf der einen Seite, Kuchen und Milchreis auf der anderen. Diese Bäckerei vereint die deutsche und türkische Küche und das nicht nur bezogen auf süße Spezialitäten: Auch Fladenbrot, Börek und Rührei wandern hier über die Theke. Der Familienbetrieb legt wert auf Hausgemachtes – und mit Glück gibt es noch warme Simit frisch aus dem Ofen. Bei gutem Wetter kann man den Schmaus auch im Außenbereich genießen.

Vierländer Damm 9 (Rothenburgsort); www.caglar-baeckerei.de

 

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Kultur

 

3) Kulturschloss Wandsbek

Das Kulturschloss in Wandsbek bietet ein saucooles, kunterbuntes Programm: Konzerte von Latin bis A-cappella, Bazare, Lesungen, Partys, Qigong , Sport-, Tanz- und Sprachkurse sind nur ein Auszug aus der Vielfalt, die hier jeden Monat stattfindet. Und on top: Das Kulturschloss engagiert sich für Toleranz im Stadtteil sowie für die Integration von Geflüchteten.

Königsreihe 4 (Wandsbek); www.kulturschloss-wandsbek.de

 

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4) Kulturpalast Billstedt

Diese Institution ist in Billstedt nicht wegzudenken. Denn der Kultur Palast verbindet die Menschen über den Stadtteil hinaus und fördert vor allem Kinder und Jugendliche aus benachteiligten Familien. Der Zugang zur Kultur ist niedrigschwellig. Zentraler Baustein, um Sprachbarrieren zu überwinden und die Kreativität anzukurbeln ist: Musik. Dazu gibt es zahlreiche Workshops und Projekte. Ein Beispiel ist die „Bambi Galore“, der Musikclub, der eng mit der Hamburger Musikszene verknüpft ist. Mehrmals in der Woche wird die Bühne des Kulturpalastes belebt: Theater für Groß und Klein, Konzerte jeden Genres und Kabarett stehen auf dem Programm.

Öjendorfer Weg 30a (Billstedt); www.kph-hamburg.de


 

Natur

 

5) Jenfelder Moorpark

Es ist März. Zeit, das Sofa zu verlassen, um wieder frische Luft zu schnuppern. Der Moorpark in Jenfeld bietet einige Möglichkeiten, um aus dem Winterschlaf zu erwachen: ein Spielplatz, überdachter Pavillon, große Wiesen, die Kastanienallee am Eingang des Parks sowie ein Grillplatz versprechen ein Rundum-Spaß-im- Grünen-Paket. Ein Wanderweg führt rund um das Jenfelder Moor, einen See, der sich an den Park anschließt.

Ab Jenfelder Allee 49 führt ein Weg in den Park (Jenfeld)

 

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6) Wasserkunst Elbinsel Kaltehofe

Ein absolutes Muss an einem Sonntag bei Sonnenschein, ist die Elbinsel Kaltehofe. Dort besticht die Kombination aus Natur, Kultur und Elb-Panorama. Frische Luft schnappen im Naturpark und durch Norddeutschlands größtes sowie modernstes Wassermuseum schlendern – das alles direkt an der Elbe mit Blick auf den Hafen. Ein Highlight vor allem für die Kleinen: der Erlebnispfad im Naturpark, mit Barfußabschnitt für alle Sinne.

Kaltehofe Hauptdeich 6-7 (Rothenburgsort); www.wasserkunst-hamburg.de

 

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Shopping

 

7) Ferro-Markt

Pierogi, Kwas, Tworog sind keine Charaktere in einem Fantasyfilm sondern russische Spezialitäten. Genau genommen Teigtaschen, ein Getränk aus gegärtem Brot und russischer Hüttenkäse. Zu finden im Ferro-Markt, denn dort gibt es ausschließlich russische und polnische Lebensmittel. Auch die Deko im Laden sorgt für ein außergewöhnliches Einkaufserlebnis. Für Kenner der russischen Küche und Neugierige.

Billstedter Hauptstraße 3 (Billstedt)


8) Schneppchen Hamburg

Wie der Name bereits andeutet, können hier echte Schnäppchen erstanden werden. Der Secondhandladen bietet ein großes Sortiment an: von Möbel, über Haushaltsgegenstände, Porzellan, Bücher bis hin zu Klamotten. Der Fokus liegt dabei auf dem Verkauf von großen Möbeln für kleines Geld – und das alles im Vintagestil. Stöbern ist angesagt, für alle, die auf der Suche nach dem nächsten „Schneppchen“ sind.

Wandsbeker Chaussee 189 (Eilbek); www.schneppchen-hamburg.de

 

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Kinder

 

9) Wabe-Kitas

Für die Betreuung der Kinder im Hamburger Osten ist gesorgt. Der Wabe e. V. führt Kitas in ganz Hamburg und verfolgt das Konzept der offenen Pädagogik: Hier wird auf das Entwicklungspotenzial der Kinder vertraut. Die Kinder werden als aktive Gestalter ihrer Umwelt angesehen und können bereits in jungen Jahren ein Selbstverständnis von Zugehörigkeit, Wertschätzung und Mitbestimmung entwickeln.

Kita Dringsheide: Dringsheide 3a (Billstedt), Kita Farmsen: August-Krogmann-Straße 100 (Farmsen-Berne), Kita Trabrennbahn: Max-Herz-Ring 9 (Farmsen-Berne), Kita Elfsaal: Elfsaal 20 (Jenfeld); www.wabe-hamburg.de


10) Schulkinderclub Billbrookdeich

Auch wenn in Billbrook hauptsächlich Industrie zu Hause ist, dürfen die „Kleinen“ im Viertel nicht zu kurz kommen. Die Vereinigung der Hamburger Kitas „Elbkinder“ hat den Schulkinderclub Billbrookdeich gegründet, ein Treffpunkt und Betreuungszentrum für Kinder und Jugendliche von sechs bis 18 Jahren. Mittagessen, Hausaufgabenbetreuung, Sportkurse, Töpfern, Kickern oder ein Computer- Führerschein – alles möglich.

Billbrookdeich 266 (Billbrook); www.elbkinder-kitas.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Billbrook: ein Stadtteil zwischen Industrie und Natur

Etwas ab vom Schuss, aber weltweit vernetzt liegt das Industriegebiet im zentralen Osten der Stadt. Ein Gespräch mit Falko Droßmann, Bezirksamtsleiter in Hamburg-Mitte, über Billbrook als Riesenchance für Hamburg.

Text und Interview: Erik Brandt-Höge
Foto (o.): Philipp Schmidt

Aus der Luft erscheint Billbrook als Stadtoase – aber nicht als grüne. Grün ist nur der Oasenrahmen, der sich durch die angrenzenden Viertel Moorfleet, Billwerder, Veddel, Hamm und Billstedt ergibt. Billbrook wird farblich von Grautönen bestimmt. Ein großer grauer Fleck. Der kommt von der Industrie. Speditionen, Lager- und Produktionshallen, Logistikzentren, Werkstätten, Verbrennungsanlagen, Paletten- und Recyclinghöfe stehen dicht an dich. Dazwischen bewegen sich allerhand Lkw, Schaufelbagger und andere Großmaschinen.

Hier, im mittleren Hamburger Osten, wird nicht gelebt, hier wird malocht und die Wirtschaft in Gang gehalten. Auf einer Fläche von rund 770 Hektar lenken über 1.000 Unternehmen mit zusammen mehr als 20.000 Mitarbeitern ihre weltweiten Geschäfte, machen Milliarden. Und es soll noch viel mehr werden.

Das Entwicklungskonzept „Stromaufwärts an Elbe und Bille“ sieht eine Modernisierung dieses größten norddeutschen Industriegebiets (außerhalb des Hamburger Hafens) vor. Etwa sollen neue, zukunftsorientierte Unternehmen hinzukommen und die Straßen, die unter der jahrelangen intensiven Nutzung gelitten haben, saniert werden. Die großen Pläne der Politiker bringen aber auch Probleme mit sich.

 

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Wohnen geht hier nur für wenige: Schaufelbagger und Schornsteine bestimmen Norddeutschlands größtes Industrie-gebiet. Foto: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Falko Droßmann, können Sie Ihre aktuellen Aufgaben in Billbrook mit einem Adjektiv beschreiben?

Falko Droßmann: Herausfordernd.

Was ist besonders herausfordernd?

Wir haben in Billbrook das größte Industriegebiet Norddeutschlands. In Hamburg-Mitte sitzen rund 46.500 Unternehmen, wovon sehr viele Industriebetriebe in Billbrook sind. Meine Aufgabe ist es, Produktionsmöglichkeiten für diese Unternehmen zu erhalten und Erweiterungsmöglichkeiten zu schaffen. Außerdem gilt es, den Klimaschutz voranzutreiben.

Erweiterung der Industrie und mehr Klimaschutz – wie geht das zusammen?

Durch neue Technologien. Was die Firmen in Billbrook in den letzten Jahren allein in Filteranlagen und komplett neue Produktionswege investiert haben, ist enorm. Wir als Stadt können zusätzlich beraten und erklären, welche Förderprogramme es gibt. Kurz: Industrie und Klimaschutz sind überhaupt kein Widerspruch.

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Falko Droßmann sieht den
Stadtteil nicht als „abgehängt“ – im Gegenteil. Foto: privat.

Wenn in Billbrook so viel Gutes passiert, wie kommt es, dass der Stadtteil immer noch als „abgehängt“ gilt?

Ich kenne die Ansicht einiger, dass nicht nur Billbrook, sondern der gesamte Osten Hamburgs vom Rest der Stadt abgehängt ist. Teilweise wird da gar von „vergessenen Stadtteilen“ gesprochen. Aber mal zu den Fakten: In Billbrook arbeiten Tausende von Menschen, die Milliarden erwirtschaften. Dort befinden sich hochagile Wirtschaftsunternehmen, die weltweit agieren. Ich würde also absolut nicht von „abgehängt“ sprechen.

Als Industriegebiet nicht, aber als Wohngebiet. Das war es einmal, bevor es in den 1950er Jahren umfunktioniert wurde.

Damals war es eine Generationenentscheidung für die Industrie, die Bestand hat und immer haben wird. Niemand verfolgt das Ziel, in Billbrook Wohnraum zu schaffen. Billbrook ist kein Wohngebiet und wird es auch nie werden.

Rund 2.000 Hamburger wohnen dort allerdings noch.

Ja. Ein Großteil von ihnen, 650 Menschen, leben in einer öffentlich-rechtlichen Unterkunft, weitere 600 in einer Flüchtlingsunterkunft.

Wie würden Sie die Lebensbedingungen dieser Billbrooker beschreiben?

Es handelt sich um eine besondere Lebenssituation. Das Umfeld ist geprägt von Industriebetrieben und großen Verkehrsachsen. Aber Billstedt mit seinen vielen Tausend Einwohnern und dementsprechend vielen Angeboten sowie die Elbe sind ja nicht weit. Es gibt für diese Billbrooker also eine exotische Mischung aus alltäglichen Eindrücken und Möglichkeiten.

Festzuhalten ist also: Nicht mehr Wohnraum für Billbrook – dafür aber bald noch mehr Industrie, wie aus einem Entwicklungskonzept für den Stadtteil hervorgeht. Bevor wir dazu kommen: Kann man in Billbrook eigentlich von einer alten und einer neuen Industrie sprechen?

Nein. Es gibt einige Stadtplaner, die Debatten über solche Begriffe führen, und klar, in Billbrook stehen eingeschossige Bauten, die wir in der Form heute nicht mehr errichten würden, weil wir vorhandene Flächen besser nutzen können. Trotzdem sollte man hier nicht von „alt“ und „neu“ sprechen, allein weil es in den alten Gebäuden hochmoderne Industrieanlagen gibt. Erst kürzlich habe ich mehrere Unternehmen besucht und mir einen Eindruck verschafft.

 

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Ein bisschen Idylle spendet Billbrook die Bille, Hamburgs drittgrößte Flusslandschaft. Foto: Erik Brandt-Höge.

 

Mit welchem Fazit?

Dass es eine echte Standortsicherheit gibt und die Möglichkeit, noch zu expandieren.

Welche Unternehmen haben Sie denn besucht?

Zum Beispiel eine Müllverbrennungsanlage, einen Lebensmittelkonzern und ein Kunststoffunternehmen.

Haben die Unternehmer auch konkrete Wünsche an Sie gehabt?

Ein ganz eindeutiger Wunsch war die Sanierung bzw. der bedarfsgerechte Umbau des Straßennetzes, welches ja zum Teil aus den 50er Jahren stammt.

Die Unternehmen sichern Arbeitsplätze. Circa 22.000 gibt es in Billbrook …

… und das nur direkt vor Ort. Manche Billbrooker Firmen haben weltweit 6.000 Beschäftigte.

Noch mehr Jobs könnten es durch das angesprochene Entwicklungskonzept namens „Stromaufwärts an Elbe und Bille“ geben. Können Sie das auch in Zahlen ausdrücken?

Darüber zu reden, wäre Rechenschieberei.

Dann reden wir doch über das Konzept an sich. „Stromaufwärts“ sieht vor, ein Kreativzentrum in Billbrook aufzubauen. Was genau bedeutet das?

Zunächst mal: Industrie ist kreativ! Nehmen wir den Kunststoffhersteller. Der hat ein weltweites Patent auf Kunststoffe, welche die Eigenschaften von Metallen haben. Das ist möglich, weil in Billbrook Forschungsergebnisse und industrielle Bedürfnisse miteinander verbunden werden und schließlich etwas Neues produziert wird. Und ein Kreativzentrum soll bewirken, dass der Industriestandort in Billbroook neu geordnet wird. Wie das genau aussehen wird, haben wir auf hundert Seiten dargelegt.

Können Sie es kurz zusammenfassen?

Wir wollen, dass Billbrook ein noch modernerer Nutzungsstandort für Industrie wird, und zwar mit einem zeitgemäßen Logistikkonzept. Wir wollen kluge Flächennutzung und digitale Anbindungen.

Und? Läuft bisher alles nach Plan?

Na ja, es sind schon dicke Bretter, die wir bohren müssen.

Haben Sie ein Beispiel für so ein dickes Brett?

Wir müssen einen nicht gerade geringen Teil der Straßen sanieren. Die Billbrooker Straßen waren bei der Erbauung nicht darauf ausgelegt, dass täglich Hunderte von Lkw drüber fahren. Wir hatten auch schon einen Sanierungsplan, haben dann aber feststellen müssen, dass die Wasserleitungen, die sich unten im Boden befinden, über 80 Jahre alt sind. Also müssen wir jetzt erst mal die Leitungen erneuern. Es wäre nicht schlau, wenn wir schnell neue Straßen bekämen, die für die Unternehmen natürlich eine Bereicherung wären, uns aber irgendwann die alten Leitungen aufbrechen.

 

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Billbrook: Norddeutschlands zweitgrößtes Industriegebiet nahe der schönen Flusslandschaft.

 

Haben Sie einen Zeitpunkt anvisiert, wann die industrielle Entwicklung in Billbrook bestenfalls abgeschlossen sein soll?

Nein, denn sie wird nie abgeschlossen sein. Wir machen uns jetzt mit den Firmen, den Grundeigentümern, den Bürgern und der Stadt gemein – sam auf den Weg. Dabei haben wir keinen Masterplan, der, sagen wir, 2030 geschafft sein soll. Es geht ja um nicht weniger als die Sicherung dieses riesigen Industriegebiets. Und das erfordert, dass wir alles, auch uns selbst kontinuierlich überprüfen.

Wenn Sie sich in zehn Jahren weiterhin um Billbrook kümmern, werden Sie Ihre Aufgaben also nach wie vor als „herausfordernd“ beschreiben?

Absolut. Ich meine: Wir sprechen hier von einem Weltmarkt, und deshalb brauchen wir bestmögliche Produktions- und Arbeitsbedingungen. Das alles zu schaffen, wird immer eine Herausforderung sein.

Auch für Hamburg im Ganzen? Welche Vor- und Nachteile hat „Stromaufwärts“ für die gesamte Stadt?

Ich sehe da ausschließlich Vorteile. Alle beteiligten Behörden der Freien und Hansestadt ziehen an einem Strang, um dieses Projektgebiet weiter zu entwickeln. Wir erschließen zum Beispiel neue Wohnareale wie die Osterbrook-Höfe, wo wir gemeinsam mit den verschiedenen Beteiligten zu ganz neuen Flächenumnutzungen kommen konnten. Das alles geschieht in Gebieten, die sonst eher unterwertig genutzt waren. Mehr und mehr Hamburgerinnen und Hamburger können in diesen Quartieren begrüßt werden, und die vielen Arbeitsplätze vor Ort leisten einen wichtigen Beitrag für die gesamtstädtische Wirtschaftskraft.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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