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Jeeps: „Das Stück schießt lustvolle Giftpfeile in jede Richtung“

Wie wäre es, wenn nicht Familienbande, sondern ein Losverfahren entscheidet, wer von wem wie viel Geld erbt? Davon erzählt Nora Abdel-Maksouds Stück „Jeeps“ am Deutschen Schauspielhaus in der Inszenierung von Heike M. Goetze

Interview: Dagmar Ellen Fischer

 

SZENE HAMBURG: Frau Goetze, 400 Milliarden Euro werden in Deutschland jährlich vererbt. Experten raten zur Reform der Erbschaftssteuer. Wie finden Sie den Vorschlag, Erbschaften grundlegend anders zu regeln?

Heike M. Goetze: Die Grundsituation, die Nora in ihrem Stück beschreibt, ist faszinierend. Was sie macht, ist erst mal utopisch und so nicht existent, nämlich zu sagen: Niemand erbt mehr aufgrund seiner Herkunft, sondern man muss ein Los im Jobcenter beantragen, und wenn der Antrag durch ist, darf man ein Los ziehen, aber womöglich ist es eine Niete. Ich finde es großartig, dass sie gesellschaftsrelevante, aktuelle Themen bearbeitet, welche wir ganz konkret aus dem Leben kennen, und diese Situation ad absurdum führt. Dass wir uns durch dieses Stück mit der Frage auseinandersetzen dürfen: Ist erben gerecht? Das finde ich richtig.

 

„Mich interessiert die Zwei-Klassen-Gesellschaft im Stück“

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Inszenierte am Schauspielhaus zuletzt Ödön von Horváths „Geschichten aus den Wiener Wald“ und jetzt „Jeeps“: Heike M. Goetze (©Heike M. Goetze)

Die Autorin hat ihr Stück zur Uraufführung selbst inszeniert, haben Sie das angeschaut oder es bewusst vermieden?

Ich schaue mir immer alles an, was es zu sehen und zu lesen gibt, das ist für mich Entdeckung von Material, Recherche. Nora ist eine begabte Schreiberin und sicher eine der lustigsten. In ihren Arbeiten zeigt sie eine klare Handschrift, aber da ist trotzdem viel möglich für die eigenen Erkennungen und Regiegedanken.

Und wie sind die eigenen Erkennungen?

Mich interessiert die Zwei-Klassen-Gesellschaft im Stück. In „Jeeps“ die Enterbten und die Entrechteten. Die lustvollen kleinen Giftpfeile, welche sie in jede Richtung schießt, sodass es dir in deinem eigenen kleinen moralischen Kuschelraum einfach nicht mehr so wohl ist. Mich interessiert die radikale Komik, mit der sie das Thema angeht und auch, wie es dann irgendwann einfach nur noch schrecklich wahrhaftig wird. Du erkennst dich in furchtbar vielen Dingen wieder, darfst lachen und im nächsten Moment versteckst du dich.

Zurzeit haben viele Menschen Geldsorgen, außerdem kommt im Stück eine Hartz-IV-Empfängerin vor – könnten bestimmte komische Momente vom Publikum eventuell als Hohn oder Häme missverstanden werden?

Wenn die Autorin nicht so intelligent wäre, und wir das nicht auch mitdenken würden, könnte es so sein. So aber glaube ich, dass es ein Katalysator sein kann, dadurch, dass es diese riesige gesellschaftliche Spaltung aufzeigt und es immer wieder Verweise gibt, dass unser System in vielen Bereichen nicht funktioniert und für den Einzelnen keine sinnhaften Lösungen parat hat.

 

„Wir dürfen denken! Das kostet nichts und ist nicht gefährlich.“

„Jeeps“ spielt in einem Jobcenter, Sie sind für Regie, Bühnenbild und Kostüme verantwortlich, wovon hängt es ab, ob Sie auch die Ausstattung übernehmen?

Regie und Kostüme mache ich immer. Das geht auf meine Begegnung mit der Kostümbildnerin Inge Klossner zurück. Mein Zugang passiert viel über das Material, welches Figuren tragen. Mich interessiert die stoffliche Welt, welche zu uns spricht. Ob ich das Bühnenbild mache, ist abhängig von der Thematik, entweder kriege ich einen Impuls oder ich weiß intuitiv, ich lasse es.

Welche Impulse reizen Sie als Regisseurin?

Ich empfinde diesen Beruf als totales Privileg. Wir treffen uns und dürfen Fragen stellen, dürfen Möglichkeitsräume eröffnen, welche im besten Fall zum Denken anregen. Das ist doch herrlich. Zudem hat der Beruf ein sehr geringes Risiko: Wir dürfen denken! Das kostet nichts und ist nicht gefährlich.

„Jeeps“ im Malersaal des Deutsches Schauspielhauses, Premiere am 18. November um 19.30 Uhr, weitere Termine 27. November und Ende Dezember 2022
Tickets ab 25 Euro (ermäßigt 10 Euro)


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Zehn Tipps fürs lange Halloween-Wochenende

Eine langes Halloween-Wochenede steht an. Höchste Zeit für ein bisschen Kultur und vielleicht auch den ein oder anderen Gruselmoment

 

28.10. || The Libertines live

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The Libertines kommen am 28. Oktober in die edel-optics.de Arena (©Primary Talent International)

Mehrere Anklagen wegen Drogenbesitz, das ein oder andere Konzert im Vollrausch und auch einige abgesagte Gigs. Das war Peter Doherty früher. 2014 folgte für den 43-jährigen Briten der Entzug und heute ist er laut eigenen Angaben seit Jahren frei von harten Drogen. Zur Freude vieler konzentriert sich Doherty jetzt auch wieder voll auf die Musik und das vor allem mit The Libertines, die sich nach seinem Entzug wiedervereinigten. 2022 kommt die Band für vier Konzerte nach Deutschland. Am 28. Oktober sind sie um 20 Uhr in der edel-optics.de Arena in Wilhelmsburg zu Gast. Tickets gibt’s für rund 50 Euro.

 

28.10. || Happy Halloween Wochenende in Pinneberg

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Ab dem 28. Oktober: Happy Halloween Wochenende in Pinneberg (©unsplash/lukasz niescioruk)

In Pinneberg dreht sich am Wochenende alles um die Nacht vor Allerheiligen, kurz: Um Halloween. Vom 28. bis 30. Oktober gibt es in der Pinneberger Innenstadt Karussells, Food Trucks, Walking Acts und eine Fotobox. Außerdem treiben Gespenster ihr Unwesen: Mehr als 40 Geistergestalten sind in den Schaufenstern der Pinneberger Geschäfte versteckt. Außerdem haben am Sonntag die Pinneberger Einzelhändler und die Rathauspassage geöffnet.

 

29.10. || Woyzeck

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Woyzeck, am 28. Oktober im Deutschen Schauspielhaus (©Thomas Aurin)

„’s ist Zeit Marie“, sagt Woyzeck und tötet seine Freundin. Franz Woyzeck ist unehelicher Vater, Versuchsobjekt der Medizin, Opfer, Täter und trotzdem auch ein guter Mensch. Georg Büchner geht in seinem Stück der Frage nach, unter welchen Bedingungen Gewalt entsteht. Und so greift Woyzeck, verfolgt von seinen Dämonen, am Ende zum Messer. Am 29. Oktober um 19.30 Uhr feiert die Adaption von Lucia Bihler und Mats Süthoff Premiere im Deutschen Schauspielhaus. Dabei ist Bihler eine von mehreren jungen Regiseur:innen, die 2022 von Intendantin Karin Beier nach Hamburg geholt wurden. Tickets für die Premiere gibt es ab 26 Euro. Weitere Termine: 31. Oktober, 3. & 4. November und mehr.

 

29.10. || Burlesque

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Burlesque, am 29. Oktober im Indra auf St. Pauli (©unsplash/raphael lovaski)

Burlesque ist Kunst. Wer das nicht glaubt, der war noch nie bei einer der Shows von Home of Burlesque & Velvet Witches Productions im legendären Indra auf der Großen Freiheit. Die Shows sind selten, doch wenn Sissy von Schmooze einlädt, kommen die Stars der Szene aus aller Welt. Für die Halloween Burlesque Show am 29. Oktober um 21 Uhr haben sich neben Ruby Champagne aus den USA auch Pepper Potemkin aus Schweden und die Frankfurterin Mia la Muse angesagt. Tickets gibt es für 39 Euro und mit Abholung an der Abendkasse.

 

30.10. || III Heavy Hamburg Halloween

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Bester Heavy Metal bei III Heavy Hamburg Halloween in der Markthalle (© unsplash/Sam Moghadam Khamseh)

Für alle, die es etwas lauter und brachialer mögen, geht es am 29. Oktober in die Markthalle. Beim dritten Heavy Hamburg Halloween Spektakel sind verschiedene internationale Metal Bands zu Gast, darunter die Iren von Primordial, die zu den bekannteren Vertretern des Pagan Metal gehören und die Kalifornier von Night Demon. Los geht‘s am 29. Oktober um 17 Uhr, Tickets gibt‘s für rund 50 Euro.

 

30.10. || Richard the Kid & the King

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Lina Beckmann in „Richard the Kid & the King“, am 30. Oktober im Deutschen Schauspielhaus (©Monika Rittershaus)

Wenn jemand mit dem NESTROY-Theaterpreis ausgezeichnet und dem mit Gertrud-Eysoldt-Ring geehrt wird, hat das in der Theaterwelt Gewicht. Lina Beckmann wurde diese Ehre zu Teil, weil sie Richard in „Richard the Kid & the King“ „getrieben von einer geradezu anarchischen Energie“ spiele, wie es die Jury des Gertrud-Eysoldt-Rings betonte. Jetzt ist das Ensemblemitglied des Deutschen Schauspielhauses auch noch als Beste Schauspieler:in für den Deutschen Theaterpreis nominiert. Das alles sind Gründe, warum man sich Lina Beckmanns Richard unbedingt anschauen sollte. Die nächste Gelegenheit gibt es am 30. Oktober um 18 Uhr im Deutschen Schauspielhaus, danach erst wieder am 30 November. Tickets gibt’s ab 15 Euro.

 

31.10. || Dracula

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Am 31. Oktober gibt es „Dracula“ im Imperial Theater (©Oliver Fatitsch)

Es ist der 31. Oktober, neben dem Reformationstag wird auch Halloween gefeiert. Grund genug, sich heute ein bisschen mit Vampiren zu beschäftigen. Nirgendwo geht das zur Zeit so gut wie im Imperial Theater bei Bram Strokes „Dracula“. Theaterleiter Frank Thannhäuser führt selbst Regie und hat einen Dracula mit Biss auf die Bühne gebracht, meint SZENE HAMBURG Theaterkritiker Sören Ingwersen in der September-Ausgabe der SZENE HAMBURG. Vorstellungen gibt es nach dem 31. Oktober um 20 Uhr immer von Donnerstag bis Samstag sowie etliche Zusatzvorstellungen. Tickets gibt’s ab 21 Euro.

 

31.10. || Einfach mal ins Kino oder ins Museum

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Ein langes Wochenende, mal wieder Zeit fürs Kino oder fürs Museum(©unsplash/Kilyan Sockalingum)

Es ist dieser eine Tag im Jahr, an dem ab spätestens 16 Uhr Kinder von Haus zu Haus ziehen. Die einen fragen dabei nach Süßigkeiten und die anderen werfen Eier gegen die Fenster. Um diesem Spuk zu entgehen, kann man auch einfach mal wieder im Kino vorbei schauen. Zu sehen gibt es einiges.

Nur wenige Tage nach dem offiziellen Kinostart läuft „Rheingold“ an diesem langen Wochenende in mehr als zehn Hamburger Kinos. Daneben hat das Halloween-Wochenende auch noch Platz für Horrorfilme. Der von der Kritik wenig gelobte, aber für Trashfans sicherlich lohnenswerte 13. Teil der Halloween-Reihe („Halloween Ends“) läuft unter anderem im Hansa Filmstudio und im Original auch im Savoy Kino. Wem hingegen eher nach einer romantischen Komödie abseits der Heteronorm zu Mute ist, der schaut sich „Bros“ in einem der UCI oder Cinemaxx-Kinos an. Und wer Lust auf eine Überraschung hat: Im Passage Kino ist am 31. Oktober um 20.30 Uhr Zeit für die Sneak Preview und wer weiß, vielleicht gibt hier auch noch etwas zum Gruseln.

Während unzählige Filme ins Kino locken, gilt für den 31. Oktober auch #seeforfree: In über 30 Hamburger Museen ist der Eintritt am Reformationstag frei.

 

Oder soll’s zu Halloween doch eine Party sein?

Hier kommt ein bisschen Trash und ein echter Halloweeen-Klassiker:

30.10. || GlitterGewitter

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Trash vom Feinsten, gibt’s beim GlitterGewitter, am 30.10. im Stellwerk Hamburg (©unsplash/jack van hel)

Mehr Trash als bei GlitterGewitter? Geht nicht! Die Halloweeen-Parties im Stellwerk Hamburg sind legendär und das völlig zurecht. Am 30. Oktober gibt’s ab 23 Uhr wieder Musik aus den 80ern, 90ern und den 2000ern. Dazu legen die DJs auch noch ordentlich Herzschmerzmusik auf sowie das Beste, was der Rock zu bieten hat. Natürlich ist beim GlitterGewitter eine Verkleidung ausdrücklich erwünscht. Tickets gibt’s für 7 Euro (Abendkasse 10 Euro).

30.10. || Zombie Ball

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Der „Zombie Ball“ im Molotow ist ein echter Klassiker am letzten Oktober-Wochenende (©Erik Brandt-Höge)

Wenn die Untoten aus der S-Bahn Reeperbahn stolpern, haben sie ein Ziel: das Molotow. Hier wird es am 30. Oktober ab 23 Uhr schaurig, schrecklich, schön! Denn der Zombie Ball ist der Tanzabend für alle Untoten der Stadt. Getanzt wird zu Hits aus Indie, Oldies und Hip-Hop, aufgelegt von DJ Mary Eleni + DJ Axelmania. Und das Beste: Wer verkleidet kommt, zahlt keinen Eintritt! Für alle anderen gilt: 5 Euro, bitte.

 

PS: Zeitumstellung nicht vergessen

Für alle, die vor lauter Kultur am langen Wochenende die Zeit vergessen gilt: Obacht, in der Nacht vom 29. auf 30. Oktober wird die Zeit umgestellt. Die Uhr wird in der Nacht von Samstag auf Sonntag von 3 Uhr auf 2 Uhr zurückgestellt. Es wird also am Morgen früher hell, dafür ist es am Abend früher dunkel.


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„Es macht Spaß, mein Unvermögen zu zeigen“

In Karin Henkels Inszenierung zur Saisoneröffnung am Deutschen Schauspielhaus spielt Kristof Van Boven als frisch gebackenes Ensemblemitglied Shakespeares blutrünstigen Königsmörder Macbeth. Im Interview wirkt der Belgier eher schüchtern

Interview: Sören Ingwersen

 

SZENE HAMBURG: Kristof, zur Eröffnung des diesjährigen Zürcher Theater Spektakels bist du in „Waterworks“ der Choreografin Meg Stuart zu sehen. Den Pressefotos nach zu urteilen eine ziemlich nasse Angelegenheit …

Kristof Van Boven: Mit Meg arbeite ich schon seit 20 Jahren zusammen. Verrückterweise spielen wir diesmal an der Saffa-Insel im Zürichsee im Wasser. Das Publikum sitzt dabei auf zwei Schwimmelementen.

Choreograf:innen arbeiten ja primär mit den Ausdrucksformen des Körpers und Tanzes …

Ich würde mich niemals als Tänzer bezeichnen. Aber es stimmt: Mein Spiel ist eher körperlich. Es beginnt nicht erst mit der Sprache, sondern sobald mein erster Finger oder Zeh auf der Bühne zu sehen ist.

Du hast aber eine klassische Schauspielschule besucht …

Weil gute Freunde von mir gesagt haben, ich solle das mal ausprobieren. Ich war nie derjenige, der auf dem Tisch stand und die Familie unterhalten hat. Ich habe dann in Arnheim in den Niederlanden vorgesprochen, um das für mich abzuhaken, und mich danach gar nicht mehr darum gekümmert. Plötzlich klingelte das Telefon, und man sagte mir, ich könne im August mit dem Unterricht beginnen. Während der Ausbildung habe ich dann ein Jahr lang geschwiegen, weil ich meine eigene Stimme nicht hören wollte. Ich wollte zwischen dem Text und seinen möglichen Betrachtungsweisen nicht im Weg stehen.

Ein Nein, das wie ein Ja klingt

Und das haben die Lehrer durchgehen lassen?

Manche waren sehr böse mit mir, aber andere, die den Unterricht eher körperlich angingen, fanden das genau richtig und fühlten sich durch mein Schweigen positiv herausgefordert. Ihnen habe ich es zu verdanken, dass ich nicht von der Schule geschmissen wurde.

Und wie hast du schließlich zur Sprache gefunden?

Irgendwann forderte mich eine Lehrerin vor der ganzen Gruppe auf, „ja“ zu sagen. Doch jedes Mal, wenn ich „ja“ sagte, klang es wie „nein“. Dann forderte sie mich auf „nein“ zu sagen, und es klang wie „ja“. Durch die Liebe und Zuwendung dieser Frau habe ich nach und nach kapiert, dass es nicht schlimm ist, wenn die Wörter durch mich hindurchgehen.

Das ist doch eine von vielen Theaterkonventionen. Muss man die überhaupt hinterfragen?

Ich war einmal bei meinem Bruder zu Besuch, der Botschafter in Sambia in Afrika ist. Dort ist es uns nicht gelungen zu erklären, was ich beruflich mache. Dass viele Menschen zusammen im Dunkeln sitzen, um zuzuschauen, wie ich vorgebe, ein mittelalterlicher König zu sein, erschien ihnen völlig absurd. Von daher bin ich wahnsinnig dankbar, dass die Menschen in unseren Breitengraden bereit sind, sich auf das Ritual des Theaters einzulassen und Vorgänge auf der Bühne zu verfolgen, die nicht immer leicht zu verdauen sind.

„Dann verwandelt sich meine Angst in Freude“

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Frisch im Ensemble und gleich die Hauptrolle als Macbeth zur Spielzeiteröffnung: Kristof Van Boven (Foto: Monika Rittershaus)

Hast du auf der Bühne Zeit, dir Gedanken über die Gedanken des Publikums zu machen?

Ja, alles läuft wie beim Billard über Bande. Ich war auch immer bis zum Kotzen nervös, habe mir das aber abtrainiert, weil es sehr ungesund war. Es hat sehr geholfen, überall auf der Welt zu spielen und Menschen zu begegnen – auch ohne Sprache. Dadurch gewöhnt sich der Körper daran, dass er nicht in Gefahr ist. Ich mache in meiner Garderobe auch immer das Fenster auf und schaue mir die Menschen draußen an, die absolut nichts mit dem Theater zu tun haben. Dann verwandelt sich meine Angst in Freude, dass ich diesen Beruf ausüben darf.

Du hast viele Theaterpreise gewonnen …

Auch sie haben mir geholfen, nicht nur so zu tun, als sei ich Schauspieler, sondern es wirklich zu sein. Denn auch nach der Ausbildung habe ich oft gedacht, dass ich für diesen Beruf nicht geeignet bin. Das Unvermögen oder das Gefühl, dass etwas nicht geht, ist für mich immer ein Motor. Auch in jedem guten dramatischen Text zieht die Figur in voller Fahrt eine Handbremse. Dadurch stiftet sie einen Konflikt mit sich selbst oder anderen, aus dem sie sich dann wieder herauszulügen versucht.

Schauspieler: Etwas „Vernünftiges“ machen

Zur Saisoneröffnung am Schauspielhaus spielst du den Macbeth, dem die Hexen zu Beginn prophezeien, dass er König von Schottland wird. Welchen Stellenwert haben das Stück und die Rolle für dich?

Die Engländer nennen das Stück bis heute „the scottish play“. Der Aberglaube verbietet es, den Titel „Macbeth“ wörtlich zu nennen. Man fürchtet den Teufel, der in diesem außer Kontrolle geratenen Jedermann steckt. Wenn man so einem Jedermann eine Prophezeiung ins Ohr tröpfelt – auch wenn sie noch so undenkbar, abscheulich und dumm ist –, setzt das etwas in Gang. Für den prophezeiten Königstitel schlachtet er dann sogar König Duncan ab, den er übrigens für einen absolut perfekten Herrscher hält.

Er will die Macht um jeden Preis?

Bei Vorstellungen habe ich einmal Angela Merkel und auch den König von Belgien getroffen. Solche Menschen haben immer jemanden dabei, der ihnen etwas ins Ohr flüstert, von dem sie dann so tun, als hätten sie es schon immer gewusst. Sie spielen das Spiel von Souveränität, sind dabei sehr sympathisch und nett, aber in ihren Augen sieht man: Wenn du Macht hast, dann hast du die gewollt und geplant. Macbeth hingegen hat überhaupt keinen Plan, der über seine Krönung hinausgeht. Mit ihr kreiert er nur sein nächstes Trauma.

Die Magie der Weissagung wendet sich gegen ihn …

Die Prophezeiung verstehe ich nicht als Magie. Sie ist das, was die Eltern und Großeltern von einem verlangen. Ich war früher Jockey. Meine Eltern haben mich da herausgezogen, weil sie einerseits Angst um mich hatten, aber auch wollten, dass ich etwas „Vernünftiges“ mache. Mit diesem „Hexenspruch“ im Rücken bin ich dann Schauspieler geworden. Und die Pferde habe ich immer noch.

„In Deutschland reden die Schauspieler auf der Bühne manchmal nicht wie Menschen“

Bist du deinen Eltern rückblickend dankbar?

Ich bin wahnsinnig dankbar, dass ich innerhalb meines Berufs immer wieder alles neu denken und den Texten so nahe kommen kann, wie jetzt mit Regisseurin Karin Henkel. Wenn ich aber wieder auf den Hof komme und den Geruch dort atme, denke ich jedes Mal, ich hätte mir den ganzen Umweg sparen können. Aber dann hätte ich alles verpasst, ich würde reden, wie man auf einem Hof redet, und mir würden wahrscheinlich auch ein paar Zähne fehlen.

Wie unterscheidet sich die Sprache des Reiterhofs von der des Schauspielers?

In Deutschland reden die Schauspieler auf der Bühne manchmal wie Schauspieler und nicht wie Menschen. In Holland gab es Ende der 1960er-Jahre die „Aktion Tomate“. Da haben die Leute Tomaten auf die Bühne geworfen, wenn die Schauspieler nicht wie Menschen gesprochen haben. Irgendwann haben sie dann Netze vor die Bühne gespannt.

„Es fragt sich nur, woher das Böse kommt“

Noch einmal zurück zu Macbeth. Ferdinand von Schirach sagt: Es gibt keine bösen Menschen, nur böse Taten. Würdest du dem zustimmen?

Ich glaube, dass es auch sehr böse Menschen gibt. Es fragt sich nur, woher das Böse kommt. Das hat viel damit zu tun, dass in deinem Leben zur falschen Zeit das Falsche passiert: ein traumatisches Erlebnis, ein Unfall, eine Ungerechtigkeit oder emotionale Verletzung. Diese ganze Paul-McCartney-Generation, die jetzt gerade wegstirbt, wurde von den Eltern, die den Krieg noch miterlebt hatten, so verwöhnt, dass dort eine große Gleichgültigkeit entstanden ist. Diese Gleichgültigkeit macht mir Angst.

Bestimmt lässt eure Aufführung niemanden gleichgültig, wenn du mit der Figur des Macbeth gegen dein eigenes Unvermögen anspielst, wie du vorhin gesagt hast …

Macbeth sagt auf der Bühne: „Es ist noch gar nichts passiert, und ich zittere schon am ganzen Körper.“ Wenn ich dann denke: Der kleine Belgier, Eröffnungsvorstellung, Vergleich mit anderen Shakespeare-Abenden – also ich zittere auch schon am ganzen Körper. Es ist krass, wenn so viele Leute da sitzen. Warum tue ich mir das an? Weil es ein geiler Abend wird. Weil es Spaß macht, dieses Unvermögen zu zeigen.

„Macbeth“ am Deutschen Schauspielhaus, 5. Oktober 2022 (Premiere), weitere Termine: 13. Oktober und mehr

 


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Hamburg beim Berliner Theatertreffen

Das Berliner Theatertreffen hat für das Festival 2022 zwei Hamburger Inszenierungen eingeladen

Text: Felix Willeke

Seit 1964 gibt es das Berliner Theatertreffen im Rahmen der Berliner Festspiele. Eine unabhängige Kritiker:innen-Jury wählt in jedem Jahr die „zehn bemerkenswerte Inszenierungen der Saison“ aus. Für das Treffen vom 6. bis 22. Mai 2022 sind die Hamburger Theater – neben den Berlinern – als einzige mit zwei Inszenierungen vertreten. 

„Die Ruhe“ – Deutsches SchauSpielHaus Hamburg

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Die Performance „Die Ruhe“ wurde im November 2021 uraufgeführt (Foto: Erich Goldmann)

Im November 2021 eröffnete in der ehemaligen Post- und Paketzentrale von Altona ein neuartiges Regenerationszentrum. In der von Signa Köstler konzipierte Performance „Die Ruhe“ sollen sich alle Lebewesen umfassend von Trauma, Erschöpfung und Verwirrung erholen. Am 19. November 2021 vom Schauspielhaus uraufgeführt, ist die Performance jetzt zum Berliner Theatertreffen 2022 eingeladen. „Auf die posthumanistischen Theorien und Ideen, die gegenwärtig durch viele Diskurse geistern, reagieren SIGNA mit einem konkreten Konzept, wie die Menschheit Mensch für Mensch verschwinden könnte“, sagt dir Jury. Die fünfeinhalbstündige Performance gleiche „einer Einladung, sich in dieser sektenähnlichen Gemeinschaft geborgen zu fühlen. Wer sie annimmt, steigt tief hinab in ein Kaninchenloch aus Manipulation und Missbrauch, Todessehnsucht und Verzweiflung.“ „Die Ruhe“ war eine bis dato einmalige Performance und wird aktuell nicht aufgeführt.

„Doughnuts“ – Thalia Theater

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„Doughnuts“ läuft seit Januar 2022 am Thalia Gaußstraße (Foto: Fabian Hammerl)

Die zweite Einladung geht an das Thalia Theater. Am Standort Gaußstraße führt Toshiki Okada bei „Doughnuts“ Regie. Dabei lässt er Menschen der Hypermoderne an verschiedenen Orten aufeinandertreffen. Das Ganze ist dabei an das japanischen No¯ Theaters angelehnt. Die Jury der Berliner Theatertreffens bezeichnet die Inszenierung als einen „Ausflug ins absurde Theater der Hochmoderne“, bei der die Figuren nur davon aufgehalten werden, dass das Taxi einfach nicht kommt. „Was bleibt, ist warten, reden und bewegen. Sie begleiten ihre Sätze mit komplizierten, hochkonzentriert ausgeführten Choreografien aus gerne gegenläufigen und trotzdem vollkommen organischen Arm-, Bein- und Hüftverrenkungen“, so die Jury weiter. „Doughnuts“ ist noch bis voraussichtlich Ende März 2022 im Thalia Gaußstraße zu sehen.


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Coolhaze: Studio Braun im Schauspielhaus

Sie sind wieder da. Und zwar im Theater. Im Dezember nehmen sich Rocko Schamoni, Heinz Strunk und Jacques Palminger Kleists Klassikernovelle „Michael Kohlhaas“ vor und drehen sie auf links. Aus Kohlhaas wird Coolhaze. Warum man das nicht verpassen darf, verraten Studio Braun im E-Mail-Interview

Text: Daniel Schieferdecker

 

SZENE HAMBURG: Studio Braun, warum Kleists „Kohlhaas“ als Stoff für eine Neuinterpretation?

Studio Braun: Weil er gleichzeitig mit Augenzwinkern, megaernst und trotz der vielen Jahre, die der Text auf dem Buckel hat, immer zeitgemäß dahergaloppiert. Außerdem lässt er mannigfaltige Interpretationsspielräume und Nischen für Neuanfänge. Der Superstar aller Querulanten ist einfach nicht tot zu kriegen.

Worauf habt ihr bei der Modernisierung des Stücks besonderen Wert gelegt?

Dass wir möglich viel moderne Technik des 21. Jahrhunderts verwenden, wir wollen etwas bieten, was wir intern „Jahrmarkt für die Augen“ nennen. Außerdem gibt es heftig was auf die Ohren: Im Orchestergraben sitzt eine vierzehnköpfige Jazz-Bigband. Der besondere Clou: Wir haben Kohlhaas aus der Mittelalterszene ins New York der 1970er-Jahre gezerrt. Raus aus dem Schlabber-Look, rein in die hautengen Herrenhosen!

 

Power Straps und andere Beauty-Tipps

 

Was ist euer Beauty-Geheimnis?

Wir arbeiten viel mit Deepshine Lipgloss und dem Anti-Aging-Starter-Kit von Rushmore, die Beautycare-Produkte müssen übrigens unbedingt auf feuchter Haut aufgetragen werden – dann ziehen sie besonders tief ein. Außerdem schlafen wir nachts mit Tiefkühlerbsen, um Tränensäcke zu vermeiden. Heinz verwendet zum Bodyshaping häufig Power Straps nach Doktor Zuba, um Po und Beine zu straffen. Jacques und Rocko tragen unter ihren Shirts immer Diving-Anzüge von Breeze aus dem Funsport-Bereich, das macht eine schöne schlanke Figur. Nägel und Zähne kann man übrigens gut mit Tipp-Ex aufhellen.

Auf dem Pressefoto zu „Coolhaze“ tragt ihr sehr shorte Shorts. Welche Oberschenkeltattoos hättet ihr insgeheim gerne, um eure muskulösen Schenkel zu betonen?

Wir denken gemeinsam häufig über Tribal-Tattoos nach, auch Tiermotive können die Muskeln schön zum Vorschein bringen – bei Studio Braun steht der Panda für Jacques, der Delphin für Rocko und der Koala für Heinz.

Ihr spielt Theater, macht Musik, Lesungen et cetera. Was ist die peinlichste Situation, die ihr je backstage mitbekommen habt?

Einmal hatte Jacques sich beim Umziehen im Backstage gebückt und seine Hose bekam hinten einen Riss, fast hätten Heinz und Rocko seine Unterhose gesehen, hihihi! Megapeinlich!!!

 

„Wir wollen ein psychedelisches Volkstheater errichten“

 

Wenn ihr bei einem tragischen Unfall ums Leben kämt und man im Anschluss euer bewegtes Leben verfilmen würde: Wer sollte euch spielen?

Da wir darüber auch bereits geredet haben, fällt uns die Antwort leicht: Matthias Schweighöfer als Heinz, Uwe Ochsenknecht als Jacques und Til Schweiger als Rocko.

Wie beurteilt ihr die Bedeutung des Theaters als Institution im gesamtkulturellen Kanon?

Grundsätzlich ist das Theater zu Ende im Sinne von „am Ende“. Extension und Implosion, Überdehnung und Zusammenbruch, das macht keiner ewig mit. Wir wollen aus den rauchenden Trümmern gerne etwas Neues errichten, nämlich das „psychedelische Volkstheater“: sachlich, modern, mit der notwendigen Prise Humor und ohne den theatertypischen „Bierernst“.

Wenn ihr euch aussuchen könntet, womit ihr am Ende der Vorstellung beworfen werdet, was würdet ihr wählen?

Mit Millionen kleinen Herzen aus lila Flausch

„Coolhaze“, Deutsches Schauspielhaus, 9. & 31. Dezember und weitere Termine


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2021. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Theaterpreis Hamburg – Rolf Mares 2021 verliehen

Am 1. November 2021 wurde der Theaterpreis Hamburg – Rolf Mares verliehen. In sechs Kategorien gingen die begehrten Preise an sieben Theaterschaffende und eine Institution 

 

Roter Teppich, große Bühne und fröhliche Gesichter. Am 1. November 2021 wurde im Opernloft der Theaterpreis Hamburg – Rolf Mares verliehen. Der Preis ist mit jeweils 1.000 Euro dotiert, inklusive eines personalisierten Montblanc-Füllers.

 

Herausragende Darsteller:innen

 

Eva Mattes wurde für ihre Rolle in der Uraufführung von Elfriede Jelineks Theaterstück „Lärm. Blindes Sehen, Blinde Sehen!“ ausgezeichnet (Foto: Matthias Horn)

Eva Mattes wurde für ihre Rolle in der Uraufführung von Elfriede Jelineks Theaterstück „Lärm. Blindes Sehen, Blinde Sehen!“ ausgezeichnet (Foto: Matthias Horn)

Als herausragende Darsteller:innen wurden 2021 Ines Nieri für ihre Inszenierung „Tyll“ (nach dem Roman von Daniel Kehlmann) am Ernst Deutsch Theater und Thomas Niehaus vom Ensemble des Thalia Theaters für seine Rolle des Ingwer Feddersen im Stück „Mittagsstunde“ geehrt. Ein weiterer Preis ging an Eva Mattes für ihre Darstellung der Kirke in der Uraufführung von Elfriede Jelineks Theaterstück zur Pandemie „Lärm. Blindes Sehen, Blinde Sehen!“ am Deutschen Schauspielhaus Hamburg.

 

Digitale Projekte ausgezeichnet

 

Wegen der langen Zeit ohne offene Theater, gingen zwei Preise an digitale Inszenierungen. Helge Schmidt wurde für seine Inszenierung „Tax for free“ am Lichthof Theater ausgezeichnet, ein Projekt das im Rahmen des Formats #lichthof_lab entstanden ist. David Bösch, Patrick Bannwart und Falko Herold bekamen die Auszeichnung für ihr filmisches Gesamtkunstwerk „Weisse Rose“ an der Staatsoper Hamburg.

Der Sonderpreis ging in diesem Jahr an die Behörde für Kultur und Medien. Die Jury begründete die Auszeichnung mit der durchgehenden Unterstützung der Theater in Zeiten der Pandemie: „Hamburg hat dafür viel Geld in die Hand genommen, es wurde unbürokratisch gehandelt, dazu gab es Beratung in jeder Lage, zu jeder Zeit, und immer auch vom Senator Dr. Carsten Brosda selbst. Die Theater in Hamburg fühlten sich verstanden und sehr gut aufgehoben“.

Die Highlights der Verleihung mit allen Preisträger:innen gibt es ab dem 2. November 2021 um 19 Uhr auf theaterpreis-hamburg.org und auf dem YouTube-Kanal des Theaterpreis Hamburg – Rolf Mares.


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Karin Beier: „Wir verlernen, andere Perspektiven einzunehmen“

„Kindeswohl“: Mit der deutschsprachigen Erstaufführung von Ian McEwans „The Children Act“ lotet Karin Beier die Grenzen unserer Freiheitsrechte aus

Interview: Sören Ingwersen

 

SZENE HAMBURG: Frau Beier, warum haben Sie sich entschieden, Ian McEwans Roman „The Children Act“ auf die Bühne zu bringen?

Karin Beier: Ich finde diesen Roman brandaktuell. Es werden darin verschiedene Themen verhandelt, die mich seit Langem beschäftigen und die gerade jetzt in der Pandemie wieder mitten ins Zentrum unserer gesellschaftlichen und politischen Debatten gerückt sind. Zum Beispiel der Konflikt unserer Grundwerte, mit dem wir akut zu kämpfen haben: Ist der unbedingte Schutz des Lebens höher anzusetzen als die Würde des Menschen? Wie viel Eingriff von Seiten des Staates in unsere demokratisch garantierten Freiheitsrechte, wozu beispielsweise auch die Religionsfreiheit oder das Recht auf Selbsttötung gehören, sind wir als Gesellschaft bereit zu akzeptieren? Und wer ist wie und für welche Konsequenzen verantwortlich zu machen? Das sind nicht nur juristische, sondern vor allem auch ethische Fragestellungen. Und nicht zufällig ist „Kindeswohl“ der Begriff der Stunde im Zusammenhang mit den staatlichen Schutzmaßnahmen gegen die Corona-Krise, weil es vor allem immer wieder die Kinder sind, die einen hohen Preis für unsere politischen und zivilgesellschaftlichen Entscheidungen bezahlen.

 

Ein eigener Zugang

 

Der Autor Ian McEwan hat auf Grundlage seines Romans ein Drehbuch für die Verfilmung des Stoffs mit Hauptdarstellerin Emma Thompson geschrieben. Nutzen Sie auch diese Vorlage oder wählen Sie und Dramaturgin Sybille Meier einen ganz eigenen Zugang? Und wie sieht dieser aus?

Wir haben natürlich auch die Verfilmung des Romans wahrgenommen, aber auf Grundlage des Romans eine eigene Theateradaption erarbeitet. Dabei war es wichtig, eine Form für diesen Stoff zu finden, der einerseits komplexe psychologische Figuren zeigt und andererseits sehr spannende diskursive Passagen enthält. Wir haben dabei bestimmte Aspekte herausgearbeitet, unter anderem die Frage nach dem Sinn des Leidens, nach unseren Wertvorstellungen und unserem Verhältnis zum Tod.

Im Roman „The Children Act“ ordnet Familienrichterin Fiona Maye eine lebensrettende Bluttransfusion für den 17-jährigen, an Leukämie erkrankten Adam an. Er und seine Eltern haben sich dieser Maßnahme widersetzt, weil sie als Zeugen Jehovas Gottes Wille bedingungslos gehorchen. Wie kommt es, dass Adam schließlich doch die Entscheidung der Richterin akzeptiert?

Zunächst muss sich Adam ja dem Urteil von Fiona Maye und damit dem Gesetz beugen. Emotional und psychisch kommt er da nicht hinterher, er findet die Vorstellung im wahrsten Sinne des Wortes zum Kotzen, dass sich fremdes Blut mit seinem eigenen vermischt. Es fühlt sich für ihn an, als habe er den Speichel eines anderen Menschen getrunken. Doch durch die Begegnung mit Fiona gelingt es ihm, eine Fremdperspektive auf seine eigene Religion einzunehmen, und er kann die Begrenztheit dieses Weltbildes zumindest rational erkennen. Nur leider ist Fiona nicht bereit, die emotionale Lücke zu schließen, die sein Ausschluss aus seiner bisherigen Lebensgemeinschaft bei ihm hinterlässt.

 

Gibt es Fehler?

 

Juristisch handelt Fiona korrekt, indem sie das Kindeswohl über das Recht auf Selbstbestimmung stellt. Später wird ihr klar, dass ihre Entscheidung dem jungen Mann alles andere als geholfen hat. Was hat sie falsch gemacht?

Sie hat vielleicht gar nichts falsch gemacht, sondern einfach nur sehr menschlich gehandelt und damit zwangsläufig ein paar juristische Grenzen überschritten. In dem Moment, in dem sie ihr professionelles Umfeld, also den Gerichtssaal, verlässt, um Adam persönlich im Krankenhaus aufzusuchen, nähert sie sich ihm als Mensch oder, besser gesagt, als Frau und eben nicht als distanzierte Richterin. Sie geht eine Beziehung zu ihm ein, die sie dann aber nicht einlösen will. Das kann Adam eigentlich nur missverstehen. Und gerade dieser Aspekt interessiert mich besonders: das Verhältnis von Verantwortung, Gesetz und Individuum. Durch ihr Urteil reißt Fiona Adam aus seiner bisherigen Welt heraus, lehnt aber gleichzeitig eine persönliche Verantwortung ab. Dieser Widerspruch führt Adam letztlich in die Katastrophe.

Für welche Figur im Roman haben Sie die größte Sympathie? Und warum?

Ich möchte gar nicht einseitig für eine Figur Partei ergreifen. Ich habe versucht, allen Charakteren eine gleichwertige, eine plausible Stimme zu geben. Dramaturgisch interessant wird der Konflikt ja erst, wenn ich jede Position nachvollziehen kann, also auch diejenige, die in meinem Leben erst einmal die am weitesten entfernte ist. Das scheinen wir in unserer modernen Welt ja zu verlernen, also was es heißt, auch einmal eine andere Perspektive einzunehmen, die nicht unserer eigenen Vorstellungswelt entspricht. Ich muss ja nicht zwangsläufig am Ende meine Meinung ändern, aber ich muss mein Gegenüber verstehen wollen!

 

Die Wichtigkeit von Musik

 

Ein Schlüsselmoment im Roman ist das gemeinsame Musizieren von Fiona und Adam, bei dem sie sich menschlich näherkommen. Welche Rolle spielt die Musik in Ihrer Inszenierung?

Die Musik ist eine ganz wichtige Ebene in meiner Inszenierung. Auf einer Probe haben wir die Arbeit einmal ein „rhetorisches Kammermusikspiel“ genannt, und ich glaube, das trifft es ganz gut. Die Musik ist wie eine zweite Erzählebene über die Emotionen und Zustände der Figuren, die sie nicht verbal miteinander zu kommunizieren imstande sind.

„Kindeswohl“, Deutsches Schauspielhaus, 18.9. (Premiere), 21., 22., 28., 30.9. und weitere Termine; schauspielhaus.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2021. Das Magazin ist seit dem 28. August 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburger Theater: Hoffen auf Öffnung

Ralf Fiedler, Dramaturg am Schauspielhaus, über das, was ihm in dieser Zeit wichtig ist.

 

SZENE HAMBURG: Was war Ihre schönste Theatererfahrung?

Wenn das Theater zum Beruf geworden ist: fast nicht beantwortbar, weil sich irgendwann alles verbindet und verkettet und vergleicht. Das Erste, was aufleuchtet: „24 Stunden sind kein Tag“ von René Pollesch in der „Neustadt“ von Bert Neumann an Berliner Volksbühne. Einfach wegen der Wucht und Präsenz der Spielerinnen in diesem gigantischen Großraum, von dem man Teil war und sein wollte. Gleichzeitig das Gefühl totaler Relevanz der Themen und Theorien, Texte laut gerufen, ohne Psychologie, aber unmittelbar in Berührung mit dem Leben.

Ralf Fiedler, Dramaturg am Schauspielhaus (Bild: Dan Cermak)

Was ist die größte Herausforderung für Sie während der Corona-Krise?

Menschen, die mir nahestehen, physisch nicht mehr zu treffen – Freunde, weil sie im Ausland „EU“ leben, oder meine Mutter im Pflegeheim, mit der es gar nicht möglich ist, medial zu kommunizieren. Das ist hart, man wird das Gefühl nicht los, jemanden absolut alleinzulassen.

Was stimmt Sie momentan hoffnungsfroh?

Die Hoffnung, dass die Maßnahmen sich ausdifferenzieren, spezifischer und treffsicherer werden und die „Öffnung“ weitergehen kann.

Wem sind Sie in diesen Zeiten besonders dankbar?

Wenn ich die vielen beiseite lasse, die geholfen haben, eine gewisse Normalität aufrechtzuerhalten und die wirklich Dank verdient haben, dann bin ich absolut all den Freunden dankbar, die sich bei mir wieder gemeldet und mir das Gefühl geben haben, noch „in Verbindung zu stehen“.

Wer hätte mehr Dankbarkeit verdient?

Dankbarkeit ist da vielleicht nicht ganz der richtige Begriff, aber ich bin berührt und beschämt all denen gegenüber, die sich jetzt noch um die Not der Menschen in den Flüchtlingslagern, Kriegsgebieten und an den Grenzen kümmern und für deren Belange tatsächlich „kämpfen“. Und die vielleicht sogar bereit waren, ein derart privilegiertes Land wie unseres und eine sichere Versorgung hinter sich zu lassen, um vor Ort etwas zu bewirken.

 


 Der Text stammt aus dem SZENE HAMBURG DANKE!-Magazin. Das Magazin ist seit dem 29. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Coolhaze: Neues Theaterstück von Studio Braun

Nach „Der goldene Handschuh“ inszeniert das Trio Studio Braun am Schauspielhaus einen literarischen Klassiker und einen Rache-­Thriller der 1970er Jahre als Stück im Stück. Heinz Strunk erklärt, warum er, Rocko Schamoni und Jacques Palminger auf Bezüge zur Gegenwart verzichten

Interview: Sören Ingwersen

 

SZENE HAMBURG: Herr Strunk, für „Coolhaze“, das neue Stück von Studio Braun, haben Sie Heinrich von Kleists Erzählung „Michael Kohlhaas“ als Vorlage gewählt. Darin wird ein unbescholtener Pferdehändler zum Mordbrenner, weil an einer Grenze unrechtmäßig zwei seiner Pferde konfisziert wurden. Was reizt Sie an diesem Stoff ?

Heinz Strunk: Es geht bei uns ja nicht um Kohlhaas alleine, sondern darum, dass ein durchgeknallter Filmregisseur im Jahr 2020 auf die Idee kommt, die Geschichte als Verschnitt des Actionklassikers „Ein Mann sieht rot“ zu inszenieren. Diesem Film mit Charles Bronson liegt die gleiche Thematik zugrunde, nämlich Rache.

Die Handlung haben wir in die USA verlegt. Coolhaze, wie Michael Kohlhaas bei uns heißt, handelt mit Motorrädern. Zwei davon werden von New York nach New Jersey gebracht und dort steht plötzlich ein Schlagbaum – wie bei Kleist.

Man sieht also ein Stück im Stück?

Es gibt zwei Ebenen: die Film­-Ebene, auf der wir verfolgen, wie der Film gedreht wird, und die Set­-Ebene, wo wir die Schauspieler und den Regisseur privat erleben und wo all die Konflikte gezeigt werden, die innerhalb einer Theater-­ oder Filmhierarchie auftreten.

 

„Das hat nichts mit Trash zu tun“

Heinz Strunk

 

Der Film im Stück wird mit großen Worten als „Action-Musical mit erotischen Horrorszenen“ angekündigt …

Von dieser Bezeichnung haben wir uns schon wieder verabschiedet, weil die irreführend ist. Bei unseren Inszenierungen war in der Presse immer wieder vom „Trash-­Trio Studio Braun“ die Rede. Vielleicht hatte das, was wir früher gemacht haben, etwas mit Trash zu tun, aber mittlerweile ist das überhaupt nicht mehr der Fall.

Was haben wir stattdessen zu erwarten? Spaßige Unterhaltung? Oder wollen Sie den Leuten auch darüber hinaus etwas mitteilen?

Rache, Selbstjustiz und deren Rechtfertigung beruhen ja auf komplexen psychologischen Sachverhalten und berühren grundlegende Fragen der Ethik. Insofern ist das keine leichte Unterhaltung. Dafür sollte man lieber ins Musical gehen. Alle Studio­-Braun-­Stücke sollen zwar unterhaltend sein, aber das alleine wäre uns zu wenig.

Wollen Sie vielleicht auch ein politisches Statement abgeben und ein Amerika zeigen, das die Grenzen dichtmacht und mit seiner Politik die Selbstjustiz herausfordert?

Um Gottes willen! Auf der Bühne etwas zu machen, wo Trump und Amerika eine Rolle spielen, wäre das Allerschlimmste.

Inwiefern?

Das ist so ungefähr das abgewrackteste, abgeschmackteste und ödeste, von allen Satire­ und Kabarettveranstaltungen winkelbeleuchtete Nichtthema. Trump am deutschen Theater zu verhandeln und am besten noch jemanden über die Bühne zu jagen, der so aussieht wie er, das ist richtig schlimm. Bezüge zur Gegenwart werden bei uns nicht beleuchtet.

Charly Hübner, der jetzt als Titelfigur Coolhaze auftritt, hat auch schon den Serienmörder Fritz Honka in der Studio-Braun-Inszenierung Ihres Romans „Der goldene Handschuh“ gespielt. Soll die Gleichbesetzung irgendeine Parallele zwischen beiden Figuren aufzeigen?

Auf keinen Fall. Ich habe mit Charly auch einen Film gedreht, und er ist einfach eine absolute Spitzenkraft. Es ist ein wahnsinniges Glück, dass ich mit ihm befreundet bin und er bei uns mitmacht.

 

Erwartungen an Studio Braun

 

Sie inszenieren das Stück zusammen mit Rocko Schamoni und Jacques Palminger und stehen auch mit den beiden gemeinsam auf der Bühne. Wie sieht Ihre Arbeitsteilung aus?

In rund zwanzig Jahren haben wir acht oder neun Inszenierungen zusammen gemacht. Wir sind so gut aufeinander eingespielt, dass man da schon von einem blinden Verständnis sprechen kann.

In welcher Rolle sind Sie selbst zu sehen?

Ich bin die Mutter von Coolhaze.

Wie ist das, eine Frauenrolle zu spielen?

In unseren Inszenierungen habe ich schon fünf, sechs Mal die Mutter gespielt. Das ist sozusagen meine Para­derolle.

Verunsichert es, wenn man als Schauspieler nicht aus dem eigenen Erfahrungsschatz schöpfen kann?

Auch als Schriftsteller muss ich mich ständig in andere Figuren hineinverset­zen. Wenn ich eines kann, dann das.

Keine Angst vor Klamauk?

Wir kopieren hier ja nicht „Charleys Tante“. Aber das Groteske fanden wir schon immer reizvoll.

Sie sprachen eben das Trash-Vorurteil an. Die Mitglieder von Studio Braun kennt man von Telefonstreichen im Radio, als Filmschauspieler, Musiker, Entertainer, Theatermacher und Buchautoren. Ärgern Sie sich manchmal darüber, dass die Leute mit Erwartungen, die Sie vielleicht nicht bedienen wollen, Studio-Braun-Aufführungen besuchen?

Da kann ich nur für mich sprechen. Ich mache ja sehr viele verschiedene Dinge, wobei die Musik wohl am wenigsten wahrgenommen wird. Die anderen Sachen sind aber alle ganz erfolgreich. Ich denke, wenn etwas gut ist, setzt es sich auch durch. Dann spielt es keine Rolle, ob man eigentlich für etwas anderes steht.

„Der goldene Handschuh“ war vielleicht mit „Unterwer­fung“ die erfolgreichste Produktion des Schauspielhauses. Auch die Produk­tionen „Dorfpunks“ und „Fleisch ist mein Gemüse“ waren sehr beliebt.

Gibt es ein geheimes Erfolgsrezept von Studio Braun?

Nein. Wenn man sich wie wir immer originäre Stoffe vornimmt, ist der Erfolg unkalkulierbar.

Sie haben als Autor bereits elf Bücher geschrieben. Sind Sie auch für den „Coolhaze“-Text verantwortlich?

Der ist noch gar nicht fertig. Wir haben natürlich etwas vorbereitet, aber die Dialoge werden während der Pro­duktion geschrieben.

Das heißt, die Schauspieler arbeiten mit szenischen Vorgaben?

Das kommt darauf an. Manche Szenen kann man ganz schlecht vorausplanen. Da sagen wir den Schauspielern, worum es in etwa geht und dann wird improvisiert. Das gilt für etwa ein Drittel der Szenen. Für den Rest gibt es textliche Vorgaben, die während des Spiels verfeinert werden.

Gibt es auch Filmbilder auf der Bühne zu sehen?

Ja, aber wir übertreiben es damit nicht, weil diese ständigen Video­-Einblendungen im Theater ja auch nerven.

Außerdem wird eine Bigband angekündigt …

Eine abgespeckte Bigband mit vier­ zehn Musikern.

Und was spielen die?

Filmmusik aus den 1970er und 1980er Jahren.

Bekommt der Coolhaze am Ende seine Motorräder wieder?

Das wird nicht verraten.

Deutsches Schauspielhaus: Kirchenallee 39 ( St. Georg), Coolhaze: 14.3. (Premiere), 17., 18.3. und weitere


Szene-Cover-März-2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Februar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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„Das Schloss“: Neue Kafka-Inszenierung am Schauspielhaus

Nach „Ich, das Ungeziefer“ bringt der ungarische Regisseur Viktor Bodo mit „Das Schloss“ erneut Franz Kafka auf die Bühne des Schauspielhauses. Dramaturgin Sybille Meier, die ihn zum zweiten Mal begleitet, erzählt im Interview von der Sehnsucht nach dem Abwesenden und wie sie Kafkas Werk weiterspinnen.

Interview: Sören Ingwersen

 

SZENE HAMBURG: Sybille Meier, Franz Kafka hat seinen Roman „Das Schloss“ unfertig hinterlassen. Es gibt keinen richtigen Schluss, zwei alternative Anfänge und viele auf­ schlussreiche, aber vom Autor gestrichene Stellen. Wie geht man mit einem solchen Stoff auf der Bühne um?

Sybille Meier: Wir nehmen den Ro­man als Basis und schauen, welche The­ men uns interessieren. Eine wichtige Ausgangsfrage wirft der Protagonist auf, der als Fremder auf eine neue Gemein­ schaft stößt, aber von ihr nie wirklich aufgenommen wird. Im Roman ist es ein Dorf unterhalb des Schlosses. Viktor Bodo macht aus dem Dorf eine Arbeits­ gemeinschaft, eine geschlossene Welt, in der bestimmte Gesetze vorherrschen. Der Fremde, der im Roman K. genannt wird, ist ja tatsächlich ins Dorf gekom­ men, um zu arbeiten …

Er gibt vor, als Landvermesser be­stellt worden zu sein, aber diese Idee ist ein großer Bluff. Er kategorisiert sich mit einem Beruf, der vor Ort nicht ge­ braucht wird.

Gibt es da eine Parallele zur heutigen Welt, in der man bluffen und alter­ native Fakten schaffen muss, um erfolg­reich zu sein?

Ich glaube, ja. Am Anfang des Ro­mans beginnt K. mit großer Souveräni­ tät und vielleicht sogar Arroganz eine Art Spiel. Das wird aber konterkariert, durch das Schloss, das als ein allwis­ sendes System erscheint und das Spiel immer wieder umdreht und pervertiert. Das hat viel mit unserer modernen Arbeitswelt zu tun, in der Menschen mittels Algorithmen eingeschätzt und Suchprofile erstellt werden, denen man sich anzugleichen versucht. In diesem Kontext werden wir auch das Thema Überwachung aufgreifen.

 

„Ich finde Kafka geradezu prophetisch“

 

Kafka entlarvt also vor fast hundert Jahren die Wirklichkeit als ein Kon­strukt, das als solches erst im heutigen digitalen Zeitalter augenfällig wird?

Kafka beherrscht die hohe Kunst, den Leser in einer Gewissheit zu wiegen, die er kurz darauf schon wieder in Frage stellt. Das ist eine sehr aktuelle Erfahrung: Jede Gemeinschaft hat ihre eigenen kommunikativen Codes, die ein Fremder nicht beherrscht, weshalb er in der Gesellschaft auch nicht weiter­ kommt.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass K.s Kommunikation mit dem Schloss nur auf medialem Weg per Telefon, Brief und mittels Doku­menten erfolgt, wobei völlig im Dunkeln bleibt, was auf der anderen Seite ankommt und welche Auswertungen dort stattfinden.

Da finde ich Kafka geradezu prophetisch. Dieses Spiel mit Möglichkeiten, mit Virtualität ist in unserer Inszenierung ein großes Thema und lässt sich wunderbar auf das Internet übertragen. Wir aktualisieren das aber nur bedingt, weil wir das Parabelhafte des Romans beibehalten wollen.

In dieser Parabel spielt natürlich das titelgebende Schloss eine zentrale Rolle. Es übt eine große Macht aus, bleibt aber für K. und die Dorfbewohner unerreichbar. Wofür steht dieses Sinnbild und wie übertragen Sie es auf die Bühne?

Das Schloss ist bei uns nicht zu sehen. Es steht für die Sehnsucht nach dem Abwesenden. Nach einer Vision von einer Zukunft, die eine neue Ordnung im metaphysischen oder gesellschaftlichen Sinn mit sich bringt. Zugleich ist es auch eine ungeheure Drohung.

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Sybille Meier wechselte 2013 mit Intendantin Karin Beier von Köln nach Hamburg (Foto: Thomas Aurin)

Diese Sehnsucht wird aufrechterhalten um den Preis der Selbstunterdrückung. Die Frauen unterhalten sexuelle Beziehungen mit den Schlossbeamten, und man unterwirft sich dem strengen Reglement des Schlosses, ohne dass dieses jemals offen Druck ausübt oder Strafen verhängt.

Diese Atmosphäre aus Angst, Duckmäusertum und starken Hierarchien kennen wir aus Diktaturen. Oder noch eher aus der Zeit danach, wenn die übergeordnete Macht nicht mehr vorhanden ist, die Strukturen aber weiterhin existieren. Jeder ope­riert in der Verdächtigung des anderen, in der Angst, Verantwortung zu übernehmen vor dieser imaginären Macht.

Das Schloss repräsentiert genau dieses Zwischenstadium, in dem wir auch das Stück ansiedeln. Eine Atmosphäre des gegenseitigen Misstrauens, in der es keine direkte Auseinandersetzung gibt, sondern jeder nur in Abwesenheit des anderen über diesen spricht.

Eine gesellschaftliche Atmosphäre, die auch in der Biografie des Regisseurs eine Rolle spielt?

Viktor Bodo hat den real existierenden Sozialismus in Ungarn noch miterlebt. Die Frage ist allerdings, ob unser kapitalistisches System nicht ähnliche Strukturen entwickelt hat, nur versteckt, auf eine perfidere Art und Weise. Diese Spiegelung versuchen wir in der Inszenierung herzustellen.

In Anspielung an Kafkas rätselhaftes Universum wird häufig der Begriff „kafkaesk“ verwendet. Steht dieser Begriff einer unvoreingenommenen Annäherung an Kafkas Werk im Weg?

Mit dem „Kafkaesken“ verbinden wir das Unheimliche, Beängstigende, Undurchsichtige. Viktor Bodos großes Verdienst besteht darin, dass er das Komische und Groteske bei Kafka sucht.

Das hat er bei „Der Prozess“ getan und bei „Ich, das Ungeziefer“ nach Kafkas „Verwandlung“ eigentlich auch. Es gibt tatsächlich Seiten von Kafka, die gerade in der deutschen Rezeption unter dem sogenannten Kafkaesken begraben wurden.

 

Auseinandersetzung mit Machtgefügen

 

Weiß man, welche Inspirationsquellen Kafkas komischen Figuren zugrunde liegen, die oft als männliches Doppel auftreten wie die Gehilfen von K. in „Das Schloss“?

Ich glaube, Kafka hat sich sehr mit dem damals neuen Medium Film beschäftigt, in denen Komikerpaare wie Laurel und Hardy oder Pat und Patachon auftraten.

Und die wahnwitzigen Verwaltungs­apparate in seinen Romanen?

Hat er aus seiner eigenen Biografie geschöpft. Er war ja bei einer Versicherung angestellt. Die Auseinandersetzung mit der ewigen Bürokratie und dem Beamtentum, mit Machtgefügen innerhalb von Firmen, kannte er aus eigener Erfahrung.

Da versteht man, weshalb Kafka seine Romanhelden mit seinem eigenen Ini­tial „K.“ taufte …

Die Biografie des Autors spielt bei uns allerdings kaum eine Rolle. Von Anfang an haben wir entschieden, K. mit Carlo Ljubek zu besetzen, der auch schon bei „Ich, das Ungeziefer“ den Protagonisten Gregor Samsa gespielt hat. Insofern ist „Das Schloss“ auch eine künstlerische Fortsetzung einer gemeinsamen Arbeit an der Titelfigur.

Deutsches Schauspielhaus: Kirchenallee 39 (St.Georg)
„Das Schloss“: 22.2 (Premiere), 25.2. und weitere


Szene_Hamburg_Februar_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Januar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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