Beiträge

Hamburger Menetekel – Zukunft aus der Spraydose

Schüler von sieben Schulen haben die Graffitis ihrer Stadtteile analysiert – und daraus mit dem Projekt „Hamburger Menetekel“ unheilvolle Prognosen für die Zukunft formuliert.

Text: Sophia Herzog
Foto (o.): Jérome Gerull

Sie sind überall: Auf Hauswänden und Brückenpfeilern, Stromkästen, S-Bahnen und Mülltonnen – Graffitis. Für die einen sind sie die Schandflecken Hamburgs, für die anderen Kunst. Insgesamt 2.401 Graffitis wurden zwischen Januar und September 2018 offiziell erfasst, Spitzenreiter sind die Bezirke Altona und Mitte mit jeweils über 500. Das geht aus einer „kleinen Anfrage“ des CSU-Politikers Michael Westenberger an den Senat von Mitte Januar dieses Jahres hervor. Stadt, Unternehmen und Privatleute lassen die Farbe für ein Vermögen von den Wänden schrubben – nur um bald das nachfolgende Kunstwerk entfernen zu müssen.

Dabei gab es Graffitis schon lange vor der Erfindung der Spraydose: In den Ruinen von Pompeji wurden an die 10.000 Wandzeichnungen freigelegt, die vor über 2.000 Jahren in den Stein geritzt wurden. Beliebteste Themen: Sex und Gladiatorenkämpfe. Fundorte von prähistorischen Wandmalereien wie in den Lascaux oder Chauvet-Höhlen in Frankreich zählen zu den bedeutendsten archäologischen Fundorten der Welt. Sind die heutigen Graffitis also die Wandmalereien unserer Zeit?

Christian Tschirner findet: Ja. Der Dramaturg vom Deutschen Schauspielhaus arbeitet seit letztem Herbst mit seinen Kollegen am Projekt „Hamburger Mentekel“, einer Kooperation des Theaters mit der Künstlergruppe Graffitimuseum. Zusammen mit Schülergruppen aus den sieben Hamburger Bezirken hat er Graffitis in Hamburg dokumentiert, gesammelt, analysiert und für alle Bezirke eine Zukunftsprognose aufgestellt. Die Ergebnisse der Arbeit präsentieren Schüler und Schauspielhaus an drei Kongresstagen im Mai.

 

Hamburger-Menetekel-c-Sinje-Hasheider

Auf einer Pressekonferenz stellen die Schüler ihre Prognosen vor. Foto: Sinje Hasheider

 

„Die meisten Graffitis bestehen aus Buchstaben, Kürzeln, Akronymen und Namen“, erklärt Tschirner. „Also aus Sprachspielereien.“ Die Lesart als „Menetekel“ liege auf der Hand, „nach der berühmten Bibel-Geschichte“, so Tschirner. Im Buch Daniel des Alten Testaments erscheint Belsazar, dem babylonischen Prinzen, eine Geisterhand, die den Schriftzug „Mene mene tekel u-parsin“ an die Wand zeichnet. Keiner von Belsazars Gelehrten kann die Schrift entziffern, nur der Weise Daniel schafft es schließlich, das Omen zu deuten – und prophezeit Belsazar seinen nahen Tod und den Untergang seines zReiches.

In der biblischen Überlieferung wird er noch in der gleichen Nacht ermordet, und das babylonische Königreich zwischen Persern und Medern geteilt. Der mysteriöse Schriftzug ist auch heute noch in unserem Sprachgebrauch verankert: Als „Menetekel“ werden unheilvolle Omen und Zukunftsprognosen bezeichnet. Im 21. Jahrhundert malen zwar keine Geisterhände Schriftzüge an die Wände, dafür aber Graffitikünstler. Für Tschirner und das Team der „Hamburger Menetekel“ ist die naheliegende Frage also: „Was ist, wenn die Graffitis an unseren Wänden Mentekel sind, und wenn man aus diesen Graffitis etwas über unsere Zukunft ablesen könnte?“

 

Keine rosige Zukunft – laut Graffitis

 

Rosig sieht die Zukunft nicht aus, die die Schüler und Schülerinnen für die Bezirke daraus vorhersagen. Auf den Wänden Altonas tauchen immer wieder die Worte „Ehek“, „Labor“, „Raus“ oder „Lüge“ auf. Das Fazit: Hier wird vor der drohenden Antibiotikaresistenz gewarnt. Aus „Chaos“ und „TEK DGR“ auf einer Wandsbeker Backsteinmauer wird „TechniK ist omnipräsent, DiGitale Realität“ – eine Zukunft, in der die Welt von Maschinen beherrscht wird? In Harburg ist der Klimawandel ein präsentes Thema, Hamburg-Nord beschäftigt die Rückkehr des Nationalismus.

„Die Schüler haben auch positive Zeichen gefunden, aber die standen immer in Verbindung mit einer Krise“, berichtet Tschirner. Das hätte aber auch an der Herangehensweise des Projekts gelegen. In Projektwochen haben sich die Schüler mit der biblischen Geschichte Belsazars und dem Untergang des babylonischen Reichs beschäftigt, und die Graffitis stark unter diesem Aspekt gelesen. „Das ist aber auch das Wesen des Menetekels“, führt Tschirner fort. „Sie werfen zunächst kein zu optimistisches Licht auf die Dinge.“

 

Hamburger-Menetekel-c-Hamburger-Menetekel

Graffiti in Altona: Kunst oder Sachbeschädigung? Foto: Hamburger Menetekel

 

Weltuntergangsstimmung, nur wegen ein paar bunten Graffitis? Tschirner zieht den Forscher Stephan M. Maul heran, der sich mit der Zeichendeutung im Orient beschäftigt hat. Damals wurden die Entscheidungen eines Herrschers durch die Deutung mit Tiereingeweiden abgesegnet. „Da stellt sich die Frage, warum ein System, das auf einer so obskuren Technik beruht, 8.000 Jahre stabil bleiben konnte?“, so Tschirner. „Wir können uns sehr viel wissenschaftlicheren Methoden bedienen, haben aber Probleme überhaupt die nächsten hundert Jahre zu überstehen.“

Beim Thema Klima oder der Antibiotikaresistenz stünden die Prognosen der Wissenschaft schon lange im Raum, ohne, dass die Gesellschaft adäquat darauf reagieren würde. Hier zieht Tschirner wieder Parallelen zwischen der biblischen Überlieferung von Belsazar und der Gegenwart. Denn der babylonische Prinz wusste, was die Zeichen bedeuten, ignorierte die Warnung trotzdem. Tschirner will die Deutung der Graffiti dabei aber keinesfalls wissenschaftlichen Forschungen gleich setzen. „Natürlich gibt es grundlegende Unterschiede, insbesondere zur Naturwissenschaft“, betont er. „Aber auch Naturwissenschaften sind nicht in der Lage, die Zukunft vorherzusagen.“

Sie könnten nur bestimmte Zusammenhänge darstellen, etwa zwischen CO2-Gehalt und Klimaerwärmung. „Wie wir, als Gesellschaft mit diesem Wissen umgehen, und wie wir unsere Zukunft gestalten, ist eine andere Frage.“

Ebendies soll auch zentrales Thema beim Kongress im Mai sein – hier wollen die Schüler nicht nur unheilvolle Zukunftsprognosen verkünden, sondern auch Lösungen entwickeln. In sieben Panels werden die Vorhersagen der jeweiligen Bezirke von den Schülern vorgestellt und anschließend mit Experten und Wissenschaftlern diskutiert. „Zu jeder Krise wollen wir dann gerne drei Handlungsoptionen für Hamburg formulieren“, so Tschirner.

 

„Hört auf die Zeichen!“

 

Bei einer anschließenden Abschlussgala werden die Ergebnisse zur „Zukunftsoper“: Ein Sprechchor der teilnehmenden Schüler verknüpft die verschiedenen Aspekte des Kongresses mit einer Neukomposition von Händels „Belshazzar“, aufgeführt von den Jungen Symphonikern. Die „Hamburger Menetekel“ wirken auf den ersten Blick zwar wie Kaffeesatzleserei, dahinter verbirgt sich aber eine viel eindringlichere Nachricht. „Hört auf die Zeichen!“ rufen nicht nur die Schüler aus Hamburg, sondern aus der ganzen Welt – ganz aktuell bei den „Fridays for Future“- Protesten gegen den Klimawandel.

Und was bedeutet das alles für die Graffitis an Hamburger Hauswänden? In einem offenen Brief fordert die Gruppe der „Hamburger Mentekel“ das Ende der Graffiti-Zerstörung. Denn in ihnen sieht die Gruppe die moderne Form der uralten Schätze, die weltweit an Höhlendecken und -wände gemalt wurden. „Graffiti stehen damit in einer 30.000 Jahre alten Tradition, den Zeitgeist auf Stein festzuhalten und Botschaft sowohl für die Gegenwart als auch für die Zukunft zu sein“, schreibt das Kollektiv.

„Für uns sind die Graffitis Offenbarungen“, fügt Tschirner hinzu. „Die Ängste und Hoffnungen, die wir in uns tragen, werden bei der Deutung des Graffitis gespiegelt.“ Gerade deshalb hätten die Wandmalereien einen Wert, „weil wir dadurch wichtige Erkenntnisse aus ihnen ziehen können“. Dass Graffitis nicht nur Kunst, sondern oft Sachbeschädigung sind, ist für Tschirner eine Werteabwägung: „Ist Privatbesitz wichtiger als unsere Zukunft?“

www.hamburgermenetekel.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2019. Das Magazin ist seit dem 28. März 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

„Robin Hood“ am Schauspielhaus – kein Kasperletheater

Markus Bothe inszeniert am Schauspielhaus „Robin Hood“. Seine Familienstücke haben seit 2005 dort Tradition. Was ist das Geheimnis seines Erfolgs?

Interview: Stefanie Maeck
Foto: Kerstin Schomburg

SZENE HAMBURG: Herr Bothe, Sie inszenieren dieses Jahr wieder das Familienstück am Deutschen Schauspielhaus, welche Erinnerungen haben denn Sie an Ihr erstes Weihnachtsmärchen?

Markus Bothe: Ich habe zwei Erinnerungen, und zwar sehr unterschiedliche. Das eine Mal saß ich im „Zauberer von Oz“ und war begeistert, das ist ja wie im Weltraum, dachte ich die ganze Zeit über staunend. Das andere Mal war es eine Operninszenierung von „Hänsel und Gretel“, ich war ungefähr sieben Jahre alt, und dachte, meine Güte, verkauft ihr euer Publikum für blöd …

 

Das ist eben nicht der Sandmann

 

Sie fühlten sich nicht ernst genommen?

Genau. Wir hatten heute während der Probe übrigens eine ganz ähnliche Diskussion, ob man eine Szene mit den Worten „Liebe Kinder“ einleiten kann. Ich glaube, das geht nicht. Das junge Publikum muss als Publikum ernst genommen werden. Das hier ist eben kein Kasperletheater und auch nicht der Sandmann. Daher beschäftigen wir uns genauso ernsthaft mit den Stoffen wie bei Stücken für Erwachsene. Was versteht man, was versteht man nicht? Nur dürfen wir ein bisschen mehr Theaterzauber auffahren.

Worin besteht die Kunst bei einem Familienstück?

Hinter so einem Familienstück steht bei mir der Anspruch, dass dieses nicht bloß für Kinder, sondern auch für Erwachsene interessant ist. Die Kunst ist es, beide anzusprechen und den Theaterspaß nicht zu kurz kommen zu lassen.

Das Jahr über inszenieren Sie Oper, Musik- und Sprechtheater. Wie sind die Kinder denn als Publikum?

Die Kinder als Publikum reagieren unmittelbarer als erwachsene Zuschauer. Sie nehmen nicht alles unhinterfragt hin. Beim jungen Publikum müssen stringente Spielregeln auf der Bühne herrschen, warum einer jetzt dies oder jenes tut. Wenn das gut erklärt und eingeführt ist, gehen die Kinder mit und reagieren spontan und direkt.

Ist diese Unmittelbarkeit auch mal ein Problem?

Sie ist toll, aber manchmal ist sie tatsächlich herausfordernd. Die Schauspieler müssen im Ernstfall mit dem umgehen können, was die Kinder ihnen an Reaktion zurückspiegeln.

Es heißt, die Kinder könnten sich durch digitale Medien schlechter konzentrieren. Merken Sie das, muss man heute schneller inszenieren?

Das ist schwierig zu beantworten, weil ich mich ja auch selbst verändere. Natürlich haben sich Dinge beschleunigt und Schwellen verschieben sich. Aber ich würde sagen, solche Rezeptionsfragen sind wahnsinnig individuell verschieden, ein Kinderpublikum ist nicht unkonzentrierter als vor zehn Jahren. Vielleicht sind Kinder heute sogar vorbereiteter und können Dinge schneller verstehen, auch durch den Umgang mit anderen Medien.

Mit der Dramaturgin Nora Khuon haben Sie eine eigene Fassung von „Robin Hood“ erstellt. Was erwartet uns?

Als Erstes kann ich verraten, dass Robin bei uns ein Mädchen ist, ein Mädchen, das auf der Flucht ist, sich verstecken muss und für Gerechtigkeit eintritt. Und kein Stück über Robin Hood kommt ohne Bogenschießen aus. Das Stück macht hoffentlich Spaß als eine Art Roadmovie, rund um die Aufgabe, König Richard Löwenherz zu befreien. Dann aber stellen wir auch ein paar ernste Fragen.

 

Nicht mit der Bedeutungskeule, sondern mit Zauber

 

Welche?

Es geht um Fragen wie: Was ist eigentlich Recht und was ist Gerechtigkeit. Robin Hood gilt ja als der Rächer der Armen. Wann ist aber ein Akt Selbstjustiz, wann ist er Anarchie und wann ist es meine Aufgabe als Bürger, Zivilcourage zu zeigen und mich einzumischen? Das Ganze wird bei uns nicht mit der Bedeutungskeule präsentiert, sondern mit Zauber.

Der scheint es Ihnen angetan zu haben?

Was mir tatsächlich Vergnügen bereitet und warum ich so gerne in Hamburg inszeniere, sind die hervorragenden Werkstätten und die Bühnentechnik, die hier schon fantastische Möglichkeiten eröffnen. Ich habe hier ein unglaublich starkes Schauspielerinnen- Ensemble, alles Zeichen dafür, wie ernst das Familienstück genommen wird und wie ernsthaft ich es dann auch betreiben kann.

Sie mögen die Familienstücke sehr?

Ich fühle mich tatsächlich geehrt und in der Verantwortung, denn für viele Kinder kann das ein wichtiges und prägendes erstes Theaterereignis sein.

Sind Ihre eigenen Kinder eigentlich Ihre Kritiker?

Nicht in dem Sinne, dass ich sie strategisch schauen ließe und dann befragte. Aber rückblickend ist es oft witzig, welche Lieder sie noch Jahre später singen und erinnern, anderes ist schnell wieder vergessen. Meine Tochter gab mir gerade den Rat, ich müsse unbedingt wieder Minions im Stück auftreten lassen. Da muss ich sie allerdings jetzt schon enttäuschen. Bei „Robin Hood“ passen die nicht so gut.

Erreicht Sie Fanpost von den Kindern?

Fanpost gibt es, na klar. Aber nicht für mich, den Regisseur. Mich gibt es für die Kinder gar nicht. Die Darsteller oder auch die dargestellten Figuren bekommen aber schon Post. Es wird im Vorfeld gefragt, ob der oder die Darstellerinnen auch wieder mitspielen. Das ist ein gutes Gefühl.

Deutsches Schauspielhaus, 6.12. (Premiere), bis 9.1.2019 


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2019. Das Magazin ist seit dem 29. November 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Weihnachtsmärchen aus der Spielzeit 2018/19?

 

„König Lear“ – Königsdrama im Transvestitenfummel

Die Regisseurin Karin Beier hat am Deutschen Schauspielhaus Shakespeares „König Lear“ inszeniert – als endzeitliches Cross-Gender-Spiel.

Wie irre darf einer genannt werden, wenn die ganze Welt verrückt spielt? Ist das die Frage, mit der Schauspielhausintendantin Karin Beier sich dem komplexen Shakespeare-Drama „König Lear“ nähern wollte?

Wie Statisten, die auf ihren Einsatz warten, lungern die neun Schauspieler in dem weißen Guckkasten herum. Allen voran Edgar Selge als Lear, ein gebrochener, jähzorniger alter Mann, der sein Reich in Form eines gigantischen Perserteppichs unter seinen drei Töchtern Goneril, Regan und Cordelia aufteilen, sich zuvor aber ihrer Liebe versichern möchte.

Das geht gründlich schief, denn während Carlo Ljubek und Samuel Weiss sich als giftig konkurrierende Transvestiten à la Conchita Wurst singenderweise bei ihrem Vater erfolgreich einschleimen, geht Lina Beckmanns Cordelia, die ihrem Erzeuger als einzige wahrhafte Gefühle entgegenbringt, leer aus. Eine Entscheidung mit fatalen Folgen.

 

Edmund ist wie Lear einer, der naiv in sein Unglück stolpert

 

Fatal ist auch, wie vordergründig Regisseurin Beier sich verschiedenster theatraler Mittel bedient, um einen Stoff effektvoll aufzupeppen, zu dem ihr offenbar nicht viel eingefallen ist. Während die Figuren ihre Konflikte vorzugsweise schreiend austragen und Yuko Suzuki an Klavier und Elektronik unterschwellig bedrohliche Minimalismen beisteuert, wie man sie aus Arte-Dokumentarfilmen kennt, turnen Selges Lear und Jan-Peter Kampwirths Edgar über lange Strecken nackt über die Bühne.

Edmund ist wie Lear einer, der naiv in sein Unglück stolpert und der berechnenden Maskerade des überformten Kulturmenschen nicht gewachsen ist. In der Rolle seines intriganten Gegenspielers und Halbbruders Edmund bringt Sandra Gerling das Cross-Gender-Spiel der drei Negativ-Figuren auf den Punkt: „Fühl dich wohl in deiner Haut oder näh dich um!“

Koenig-Lear-c-Matthias-Horn-2

„König Lear“ am Deutschen Schauspielhaus.

Während Goneril, Regan und Edmund am Ende als bizarre, außerzivilisatorische Wesen mit Körperbemalung und ausladendem Federschmuck wie erstarrte Götzenbilder dem Geschehen beiwohnen, ist Lear im weißen Patientenhemd endgültig in der geschlossenen Psychiatrie angekommen. Einziger Lichtblick in dieser dreistündigen Entthronung des berühmten Königsdramas mit problematischer Sprechakustik: die großartige Lina Beckmann als Lears anhänglicher, geistig zurückgebliebener Narr, der seine Bezugsperson liebevoll „Munkel“ nennt und nicht nur mit seinen unkontrollierten Gesichtszuckungen für viele Lacher sorgt.

Text: Sören Ingwersen
Fotos: Matthias Horn

„König Lear“: Deutsches Schauspielhaus, nächste Vorstellungen am 21., 27., 30. November



 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2018. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf noch mehr Stories aus Hamburg?

In der Sommerpause – 3 Fragen an Nils Wendtland

Das Schauspielhaus schließt bereits im Mai seine Türen. Warum das notwendig ist und wo dennoch einige Produktionen zu sehen sind, erzählt der Pressesprecher.

SZENE HAMBURG: 2012 wurde das Schau­spielhaus das letzte Mal saniert, jetzt ab Mai stehen erneut Sanierungs­arbeiten an. Warum?
Nils Wendtland: Die beiden Ränge des knapp 120 Jahre alten Zuschauersaals müssen vollständig entkernt und statisch verstärkt werden. Eine Stabilisierung der Ränge ist dringend notwendig, um den schönen Saal auch für die nächsten 120 Jahre spielfähig zu halten. Der Saal wird damit an die Erfordernisse der heutigen Aufführungspraxis angepasst und lässt in Zukunft eine wesentlich dynamischere Nutzung zu. Die Sanierung erfolgt natürlich denkmalschutzgerecht, unsere Besucher werden daher später keine optische Veränderung feststellen. Parallel dazu sollen die sanitären Anlagen saniert sowie Teppichböden und Tapeten erneuert werden.

Dadurch können von Mai bis Oktober keine Aufführungen im Haus statt finden. Inwieweit machen sich die fehlen­ den Einnahmen durch den Kartenverkauf für das Haus bemerkbar?
In den genannten Zeitraum fallen ja auch die regulären Sommerferien (Betriebsferien) des Theaters sowie üblicherweise drei Wochen für technische Einrichtung und Endproben der Eröffnungspremieren. Der Spielbetrieb in der Kirchenallee verkürzt sich daher effektiv um 14 Wochen. In dieser Zeit sind wir mit vielen Gastspielen unterwegs, sowohl hier in Hamburg als auch europaweit. Damit erzielt das Schauspielhaus einen Teil seiner Einnahmen. Den Rest kompensiert die Behörde für Kultur und Medien verteilt auf zwei Spielzeiten im Rahmen ihrer Zuwendungen.

Was machen die Mitarbeiter und das Ensemble während der langen „Zwangspause“?
Wir arbeiten natürlich weiter, von einer „Pause“ kann nicht die Rede sein! Insgesamt sieben Produktionen des Deutschen Schauspielhauses und des Jungen Schauspielhauses sollen auf Tour gehen. Die derzeitige Planung sieht Gastspiele unter anderem in Berlin, Mülheim, München, Wien, Gütersloh, Dresden, Fürstenfeldbruck, Amsterdam, Brünn und Moskau vor. Und dazu kommen die Vorstellungen hier in Hamburg im Monsun Theater, auf Kampnagel, im Hotel „Stadt Altona“ und in der Immanuel-Kirche auf der Veddel. Parallel dazu laufen die Proben für die Premieren der nächsten Spielzeit. Da haben sowohl die technischen Gewerke als auch das Ensemble alle Hände voll zu tun.

Interview: Hedda Bültmann


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Theater in der Kritik: Der haarige Affe

Frank Castorf inszeniert den Roman von Eugene O’Neill am Schauspielhaus – Castorf-Wahnsinn in jeder Hinsicht.

Die Abwesenheit von Liebe, Identitätssuche, seinen Platz in der Welt finden – Themen, die Eugene O’Neill in seinen Romanen verarbeitet. So auch in „Der haarige Affe“ aus dem Jahr 1923, welches Frank Castorf jetzt im Schauspielhaus inszenierte. Und dabei auch gleich zwei weitere O’Neill-Dramen, „Kaiser Jones“ und „Der große Gott Brown“, verwertete. Mehr als fünf Stunden versuchen die mehr oder weniger Verlorenen mit sich innerhalb der Gesellschaftsstrukturen ihrer Zeit zurechtzukommen, was kläglich endet.

Den Bühnenrahmen bilden ein Zeitungskiosk, ein übergroßes Reklameschild und ein U-Bahn-Eingang, dessen Treppe das Oben und das Unten verbindet. Unten ist der Bauch eines Ozeandampfers, wo eine Truppe von Heizern sowohl die Kessel als auch das Stück befeuert. Tonangebend unter den „haarigen Affen“ ist der raubeinige Yank (Charly Hübner), brutal und schwitzend. Nackte Wampen unter Hosenträgern, Gebrüll und der Alkohol fließt in Strömen – so geht Proletariat, nur durchbrochen von poetischen Wehklagen: „Wir brechen unsere Rücken und unsere Herzen in der Hölle des Kesselraums.“ Das Spiel unter Deck wird per Handkameras auf Leinwände übertragen, was die Dramatik zwar verstärkt, aber auf Dauer doch etwas ermüdend ist. Auch wird die Szenerie ein wenig zu überdeutlich, als die reiche Mildred für eine Sozialstudie aus der ersten Klasse zu ihnen hinuntersteigt. In ihrem Glitzerfummel wird sie erst bedrängt und dann mit Kohle zugeschüttet. Und ob eine Frau nackt Kohle schaufeln muss, während die Männer auf der Bühne über Kapitalismus sinnieren, ist fraglich.

Dennoch: Gerade groteske und starke Bilder überzeugen. Gute Ideen geben dem Stück immer wieder eine neue Richtung und ein hervorragendes Ensemble macht die zähen Momente wett – ob das Ganze tatsächlich diese fünfeinhalb Stunden gebraucht hat, oder es Castorfs Hang zum Überformat geschuldet ist, bleibt offen.

/ Hedda Bültmann

Der haarige Affe, Deutsches SchauSpielHaus, Spielzeit 2017/18