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Anahit Vardanyan: Orientalische Techno-Sets aus Hamburg

Anahit Vardanyan ist Pianistin, Produzentin und Techno-DJ. Vor vier Jahren zog sie von Armenien nach Deutschland. In SZENE HAMBURG spricht sie über den aktuellen Konflikt in ihrer Heimat, unterschiedliche Musikszenen und ihren künstlerischen Werdegang

Interview: Ole Masch

 

SZENE HAMBURG: Anahit, wie kam es dazu, dass du nach Hamburg gezogen bist?

Anahit Vardanyan: Nachdem ich mein Musik-Bachelorstudium in Jerewan erfolgreich abgeschlossen hatte, wollte ich neue Wege für meine Zukunft finden. Ich bin Pianistin und in Deutschland habe ich die Möglichkeit, mich als Musikerin weiterzuentwickeln.

Leider ist es in Armenien schwieriger als Künstlerin international Fuß zu fassen. Für niemanden ist es einfach, seine Heimat zu verlassen, weit weg von Familie und Freunden. Die größte Hürde war und ist die Sehnsucht nach meinem vergangenen Leben.

Hast du noch engen Kontakt in deine alte Heimat?

Obwohl ich in Hamburg wohne, ist meine Verbindung nach Armenien noch stärker geworden. Meine Familie und mein enger Freundeskreis leben dort. Ich besuche sie so oft wie möglich und freue mich jedes Mal da zu sein. Diese kurze, aber intensive Zeit gibt mir Kraft und ist sehr wertvoll für mich.

 

Ehrlich und geradeaus

 

Seit wann legst du auf?

Seit ungefähr zweieinhalb Jahren. In Hamburg hatte ich mein Masterstudium Multimediale Komposition begonnen und anschließend kam die Leidenschaft, aufzulegen. Ich habe dort auch erste Erfahrungen mit dem Produzieren von elektronischen Klängen gemacht, entwickle mich ständig weiter und versuche, meinen einzigartigen Sound zu finden. Dadurch, dass die elektronische Musik sehr vielfältig ist, kann ich meiner Kreativität freien Lauf lassen.

Wie würdest du deinen Sound beschreiben?

Mit einem starken Drang zur Dramatik, aber immer ehrlich und geradeaus. Gefüllt mit akustischem Klavierklang, melodischen und orientalischen Elementen.

Hast du schon in Armenien aufgelegt?

Mein letzter Gig war im März 2020 in Jerewan bei der Kitchen Label Night. Ein paar Tage vor dem Lockdown. Dies war auch mein erster Auftritt in Armenien. Es war so eine besondere Atmosphäre, die mir bis heute Gänsehaut bereitet. Das armenische Publikum schenkte mir so viel Liebe und positive Energie.

Kannst du die Technoszene dort in ein paar Sätzen beschreiben?

Die elektronische Musik in Armenien entwickelt sich in großen Schritten weiter. Immer mehr DJs und Producer legen international auf und gründen eigene Labels. Ich bin sehr stolz, wenn ich deren Arbeit sehe und habe die Hoffnung, dass unsere Techno-Community wächst.

Was sind die größten Unterschiede zur deutschen Community?

Berlin als Techno-Hauptstadt prägt das ganze Land und international. Wirtschaftlich ist Deutschland mit den großen Festivals sehr weit vorne. Auch die Hamburger Szene ist eine ganz besondere. Ich hatte schon viele Gigs in den großen Clubs wie Uebel & Gefährlich, Fundbureau, Waagenbau oder Docks.

 

„Ich glaube an die Kraft und den Mut meines Landes“

 

Dass Armenien in letzter Zeit vermehrt in den Schlagzeilen stand, hatte einen ernsten Hintergrund. Kannst du die aktuelle Situation beschreiben?

Letztes Jahr erlebten wir einen Krieg um die Region Berg-Karabach. Die Nachkriegszeit ist sehr schwierig für meine Nation und es ist schmerzhaft zu sehen, wie die Bevölkerung mit den Konsequenzen umgehen muss. Aber ich glaube an die Kraft und den Mut meines Landes. Wir haben schon sehr viele schwierige Zeiten erlebt und werden auch diese Situation meistern.

Welche Auswirkungen hat der Krieg auf dich und dein Umfeld?

Natürlich ist es sehr schmerzhaft, einen Teil deines Landes zu verlieren. Einen Ort, den ich selbst sehr oft besucht habe. Das ist unsere Geschichte und ein Teil unserer Kultur. Sich davon zu verabschieden, ist nicht einfach und die Hoffnung bleibt bestehen.

Findest du die Berichterstattung in Deutschland hierzu angemessen?

Meine ehrliche Meinung dazu ist, dass Deutschland eine zu neutrale Position eingenommen hat. Insgesamt war für mich die Menge an Berichterstattung leider zu wenig. Trotzdem bin ich dankbar für Politiker, Journalisten und Künstler, die darauf aufmerksam geworden sind und ihre internationale Reichweite genutzt haben, um zu polarisieren.

Wie könnte man von Deutschland aus helfen?

Die größte Organisation, die ich empfehle, ist The Armenia Fund. 1994 in Los Angeles gegründet, steuerbefreit, nichtstaatlich und nichtpolitisch. Deren Vision ist ein globales armenisches Netzwerk aufzubauen und Entwicklung zu fördern. Und jeder Mensch, der sich mit diesem Thema auseinandersetzt und die Geschichte von Armenien versteht, ist wertvoll für unsere Zukunft.

Corona ist auch in Armenien ein Thema. Wie geht das Land damit um?

Die Maßnahmen und Beschränkungen sind ähnlich wie in Deutschland. Impfungen werden aktuell noch nicht durchgeführt. Aktuell sinkt aber die Zahl an neuen Fällen und das öffentliche Leben entwickelt sich zur Normalität.

 

Techno zu Corona

 

Du bist als Künstlerin in Deutschland besonders von den Maßnahmen betroffen. Wie hat Corona dein Leben verändert?

Es hat meinen Beruf sehr stark eingeschränkt. Von heute auf morgen wurden alle Auftritte abgesagt und es gab keine Möglichkeit, vor Publikum aufzutreten. Für eine Musikerin ist es sehr wichtig, die Verbindung mit den Menschen aufzubauen und die Musik zu teilen. Auch finanziell sind alle Einnahmen weggebrochen und ich habe lediglich ein paar Hilfen vom Staat erhalten, die von Monat zu Monat weniger wurden.

Hast du Alternativen gesucht?

Durch engagierte Eventmanager wurden großartige Projekte im Live-Stream umgesetzt. Dadurch ist die Branche weiterhin lebendig geblieben, es wurde sehr viel Herz und Fleiß investiert und durch kleine Spendenaktionen gezeigt, wie stark sie zusammengewachsen ist. Ich habe ein paar Live-Stream-Sets in Berlin, Hamburg und Jerewan gespielt.

Du kannst der Pandemie also auch Positives abgewinnen?

Ja, ich habe viel mehr Zeit gehabt, mich ins Studio einzuschließen, zu musizieren und viele Projekte für die Zukunft geplant. Aber ich kann für alle Künstler sprechen, dass es das Wichtigste ist, vor einem Live-Publikum zu stehen und dessen Reaktion und Liebe aufzusaugen.

Reaktionen erhältst du auch auf Instagram. Dein Account hat über 30.000 Follower. Wie wichtig sind soziale Netzwerke für dich?

Allgemein ist es als Künstlerin wichtig, eine große Reichweite aufzubauen. Ich erreiche Menschen aus verschiedenen Ländern, die Teil der Community sind.

Techno ist nicht nur eine Musikrichtung, sondern auch eine Philosophie, die Menschen zusammenbringt, die eine gleiche Weltanschauung teilt und friedlich kommuniziert. Meine Community gibt in der schwierigen Zeit so viel positives Feedback, was mich immer wieder aufs Neue motiviert.

Welche musikalischen Projekte verfolgst du zurzeit?

Ich habe kürzlich meine EP „Tatev“ auf dem Label Hydrozoa aus Los Angeles releast. Ein Freund und talentierter Produzent, André Winter, hat einen Remix für den Track beigesteuert. Dazu habe ich auch ein künstlerisches Musikvideo herausgebracht. Gebt mir gerne Feedback und schreibt mich an. Ich würde mich freuen.

 

 

Wo können wir im Februar mehr von dir hören?

Ich werde einen Live-Stream mit Oliver Huntemann im Uebel & Gefährlich spielen und ein einstündiges Set bei dem Label Octopus auflegen. Meine Musik ist auf allen Plattformen wie Spotify, Beatport, Apple Music oder Soundcloud zu hören.

 

 

Was planst du für 2021?

Pläne sind schwer zu verwirklichen, wenn es um Auftritte geht. Es gibt einige Booking-Anfragen, nur muss auch der Veranstalter die Situation mit Corona abschätzen. Deshalb nutze ich die Zeit für ein Projekt, welches ich ab Februar in Armenien verwirkliche. Hoffentlich wird es wieder möglich sein, vor einem Live-Publikum zu spielen, denn dies ist meine Leidenschaft und werde ich auch in Zukunft verfolgen.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Soundtrack Deutschland: Die Wirkung von Musik made in Germany

Oliver Georgi und Martin Benninghoff sprechen mit deutschen Top-Künstlern über die Wirkung von Musik made in Germany

Text: Erik Brandt-Höge

 

Ist Peter Maffay ein deutscher Volkssänger? Weiß Judith Holofernes, was toxisch ist am Pop? Wie empfindsam findet Reinhard Mey die Deutschen? Und: Was glaubt Ina Müller eigentlich, wie viel Mythos ein Star braucht? Alles Fragen, die Oliver Georgi und Martin Benninghoff in insgesamt 23 Interviews mit deutschen Top-Künstlern gestellt haben.

Die beiden FAZ-Redakteure, die sich ansonsten vor allem um Poltisches kümmern, haben mit „Soundtrack Deutschland“ keinen schnöden Gesprächs-Band gemacht, der sich rund um die Erfolgsgeschichten des Who’s who der hiesigen Musiklandschaft dreht. Gefälligkeits-Musikjournalismus geht wirklich anders. Nein, Benninghoff und Georgi gehen tief, fragen nach, hinterfragen vor allem, kitzeln heraus. Alles mit dem Ziel, herauszufinden, was die Songs von deutschen Musiklegenden, aber auch der jüngeren Generation, mit ihren Hörern machten und machen. Ja, da geht es auch um Politisches, was den Autoren logischerweise liegt. Aber ebenso um die deutsche Musikbranche an sich, ihr Selbstverständnis, ihre Hitfabriken. Um Imageaufbauten und -pflege. Speziell: um Wirkung.

Zudem stellen die Buchmacher den Stars spannende Fragen über Anfangstage und das Hier und Jetzt, etwa, ob Smudo und Michi Beck von Die Fantastischen Vier etwas mit ihren jungen Ichs aus der „Die da“-Zeit anfangen können. Wer Bock hat auf mehr als nur PR-Interviews rund um alte und neue Alben, wird mit „Soundtrack Deutschland“, das man geradezu ein musikalisches Geschichtsbuch nennen darf, durchweg glücklich. Exklusive Fotos der Künstler sind übrigens inklusive.

Oliver Georgi und Martin Benninghoff: „Soundtrack Deutschland“, echtEMF, 240 Seiten, 36 Euro


Cover_SZ0121 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburgerin des Monats: Barbara Barberon

Auch, wenn ihr Name so klingt, Barbara Barberon (50) ist keine waschechte Französin, aber eine im Herzen. Das von ihr mitgegründete „arabesques“ Festival (bis 7. März 2018) vereint Künstler aus beiden Ländern, um die deutsch-französische Freundschaft zu stärken und solidarisch über die Grenzen hinauszuschauen

SZENE HAMBURG: Barbara, woher kommt deine enge Bindung zu Frankreich?
Barbara Barberon: Durch die Familie. Meine Großmutter war Wahlfranzösin und mein Vater hat seine Kindheit dort verlebt. Ich habe sieben Jahre in Chinon, einem gemütlichen mittelalterlichen Städtchen im Val de Loire, gelebt und meine Kinder wurden dort geboren.

Und wie bist du 2012 dazu gekommen, ein deutsch-französisches Festival hier zu initiieren?
Damals hat Nicolas Thiébaud, der Solo-Oboist an der Staatsoper ist, eine Konzertreihe veranstaltet und mich gefragt, ob ich Lust hätte, ergänzende Kulturveranstaltungen zu organisieren. Im ersten Jahr haben wir mit 25 angefangen, im zweiten waren es bereits 55, ein Mix aus Lesungen, Konzerten, Theater und Debatten.

Wie stemmt ihr das?
Anfangs haben wir alles zu zweit gemacht. Mittlerweile sind wir in unserer Organisation etwas breiter aufgestellt. Ich bin für die Programmplanung verantwortlich, also im ständigen Austausch mit Künstlern und Veranstaltungspartnern im In- und Ausland. Trotz Unterstützung einiger Stiftungen, sind wir leider institutionell noch nicht fest aufgestellt. Wir bekommen durch die Kulturbehörde eine jährlich neu zu beantragende Projektförderung, die sehr hilft, aber noch keine sichere langfristige Planung zulässt. Diese Festival-Ausgabe steht unter dem Motto „Gegenwelten“.

Was bedeutet der Begriff?
Ich gestalte jedes Jahr ein Thema, um zu vermeiden, dass das Festival in eine inhaltliche Beliebigkeit rutscht. Wir wollen eine Bindung erzeugen und zeigen, dass wir uns kulturpolitisch für ein Ziel einsetzen. Zu dem Thema „Gegenwelten“ gibt es noch den französischen Zusatz „repenser le monde“, also die Welt noch einmal anders denken. Für mich ist es sehr wichtig, den Mut zu haben und sich der Kraft bewusst zu sein, dass wir die Welt auch immer wieder ganz anders gestalten können. Dazu gehört natürlich die Stärke der Solidarität, des Sicheinsseins in dem Willen, etwas aktiv zu verändern. Wir müssen nicht feststecken – wir können hinterfragen und selbst eine Richtung angeben, kommunizieren, gestalten.

Wie ziehst du von der Systemkritik den Bogen zur deutsch-französischen Beziehung?
Bei der Programmgestaltung gehen wir von der deutsch-französischen Freundschaft aus, denn die Zusammenarbeit dieser beiden Länder ist essenziell für den Frieden in Europa. Wir arbeiten viel mit französischen Künstlern und Institutionen in Deutschland, Frankreich und anderen europäischen Partnerländern zusammen. Es geht um die Idee, gemeinschaftlich über die Grenzen hinauszuschauen.

Welche Konzepte fördern eine stärkere Solidarität in der Gesellschaft?
Wenn ich auf die Welt blicke, ist für mich ein fehlender Zusammenhalt das Erschreckende, aber auch das Herausfordernde.

Welche Veranstaltung findest du besonders erwähnenswert?
Ende Januar findet ein sehr schönes Projekt in der Klangmanufaktur statt. Dort wird der Komponist und Pianist Thierry Pécou mit seinem Musiker-Ensemble ein sehr besonderes Programm mit Klarinette, Saxophon und Klavier spielen. Sie spüren der Groupe des Six nach, den Klängen von Tango, Disco und Jazz im Paris der 20er. Am Tag darauf werden die Musiker mit Schülern in einem Kompositionsworkshop zusammenkommen.

Die Klangmanufaktur ist ja für sich schon ein schönes Projekt …
Ja, ich finde die Idee und Vision großartig. Ausgehend von dem Gedanken, dass sich viele Künstler und Kulturstätten keinen so guten Flügel leisten können, restaurieren ehemalige Steinway-Mitarbeiter alte Steinway-Flügel. Investoren können, anstatt vielleicht eine Wohnung zu kaufen, einen dieser Flügel erwerben, der dann vermietet wird. Es gibt so viele bezaubernde Kulturstätten, die sich sonst keinen guten Flügel leisten können.

Was bedeutet die 60-jährige Städtepartnerschaft von Marseille und Hamburg für unsere Stadt?
Sie ist ein Symbol dafür, über seine Grenzen hinauszusehen und eine Aufforderung, sich mit der Kultur des Nachbarlandes zu befassen. Das ist nicht überall sichtbar, aber eine sehr schöne Möglichkeit, gemeinsam kulturelle Projekte ins Leben zu rufen und in beiden Ländern zu präsentieren – wie wir es beim Eröffnungskonzert tun werden. Das Ensemble arabesques widmet sich, unter der Leitung von Nicolas Thiébaud, gemeinsam mit Musikern des „Institut des vents français“ südfranzösischen und deutschen Komponisten. Dazu arbeiten wir eng mit dem Goethe-Institut zusammen und planen im Juni ein gemeinsames Hamburg-Marseille-Filmfest im Metropolis.

Woran hängt dein Herz mehr, Hamburg oder Frankreich?
Das kann ich gar nicht sagen. Hamburg war und ist meine Wahlheimat, ich habe hier schon studiert. Ich liebe die Stadt und als ich in Frankreich war, habe ich viel an Hamburg gedacht. Von hier aus habe ich immer Heimweh nach Frankreich. Und dann trage ich auch noch Celle im Herzen, die Stadt, aus der ich komme …

An welchen Ort in der Stadt gehst du, wenn dich die Sehnsucht packt?
Ein für mich wichtiger Ort, seit ich hierher zurückkam, ist das Lycée français geworden, an dem meine Kinder zur Schule gehen. Aber auch das Ensemble Voix de Femmes, in dem ich jeden Mittwochabend singe – ein sehr privater französischer Ort, den Rémi Laversanne geschaffen hat. Und wenn man genau hinsieht, findet man hier überall Frankreich wieder – im Theater, im Kino, in den Konzertsälen …

Das klingt, als würdest du nie Feierabend machen?
Doch, durchaus. Aber da treffe ich auch auf Frankreich: Meine Kinder sind Franzosen, in Frankreich geboren, es war ihre erste Heimat. Jetzt sind sie auch Hamburger, aber eben mit französischen Wurzeln.

Wenn dir mal alles zu viel wird, hast du dagegen eine Strategie?
Die Stille genießen. Und ich reise unglaublich gern, nicht nur nach Frankreich!

Interview: Hedda Bültmann

Foto: Michael Kohls

7. Deutsch-Französisches Kulturfestival arabesques, 22.Januar 2o18 – 7. März 2018, verschiedene Veranstaltungsorte in und um Hamburg; www.arabesques-hamburg.de

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Januar 2018. Das Magazin ist seit 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Start with a Friend

Starthilfe! Ein Iraner, eine Deutsche, eine Freundschaft. Shahab (29) und Lena (28) sind seit etwa einem Jahr „Tandem“-Partner. Das Flüchtlingsnetzwerk hat die Modefotografin und den technischen Zeichner zusammengebracht. Ein Gespräch über Ängste, ausgeliehene Wohnungsschlüssel und Sarkasmus.

 

SZENE HAMBURG: Wieso macht ihr bei Start with a Friend mit?

Shahab: Ich habe durch einen Freund davon gehört. Ich wollte sofort mitmachen, mich mit einem Local treffen und mein Deutsch verbessern. Nach knapp zwei Monaten habe ich dann Lena getroffen.

Lena: Bei mir gab es verschiedene Gründe. Als ich das erste Mal von der Flüchtlingskrise hörte, war ich in Nordamerika und fand den Umgang damit ziemlich fragwürdig. Ich verstand nicht, warum sich die Leute nicht privat um einen Flüchtling kümmern. Wenn das jeder achtzigste Deutsche tun würde, wäre allen geholfen. Als ich im Sommer 2016 dann zurückkam und nach Hamburg zog, wollte ich einem Geflüchteten persönlich die Hand reichen. Ich dachte, es wird bestimmt einen Menschen aus einem anderen Land geben, der auch neu in der Stadt ist. Im Internet bin ich dann auf Start with a Friend gestoßen und nach einem Infoabend habe ich schnell den Kontakt von Shahab bekommen. Wir haben uns sofort getroffen und direkt super verstanden. Jetzt haben wir schon bald unser Einjähriges.

Was genau war für dich so fragwürdig?

L: Zum Beispiel, dass ständigdas Wort „Flüchtlingskrise“ benutzt wird. Obwohl während des Kosovo-Krieges auch 1,2 Million Menschen flüchteten, und auch heute – jetzt gerade – viele, viele Menschen in Afrika oder anderen Teilen der Welt ihre Heimat verlassen müssen, sprach und spricht niemand von „Flüchtlingskrise“. Klar, ist eine große Menge nach Deutschland gekommen, auf der Suche nach Perspektive und einem besseren Leben. Und ja, das war und ist eine Herausforderung. Aber eine Krise? Wie wäre es mit Chance?

Hattest du Bedenken vor dem ersten Treffen, Lena?

L: Ja, die hatte ich. Ich wusste, dass ich stabil genug bin, ein Tandem mit jemandem einzugehen, der aus einem Kriegsgebiet wie Syrien kommt. Allerdings war ich mir nicht sicher, ob ich damit empathisch genug umgehen könnte, ohne dass mir das Ganze zu nah geht. Nachdem ich erfahren hatte, dass Shahab aus dem Iran kommt,war meine größte Sorge weg. Wobei Shahab auch krasse Sachen erlebt hat. Aber jemand, der frisch aus einem Kriegsgebiet kommt, ist wahrscheinlich anders traumatisiert.

Shahab: Als ich in Deutschland ankam, wollte ich die Kultur kennenlernen, hatte aber Angst, einen Fehler zu machen. Jetzt fühle ich mich wohl.

Und für dich Shahab? Hat das Tandem dir geholfen, in Deutschland anzukommen?

S: Ja, definitiv. Als ich in Deutschland ankam, wollte ich die Kultur kennenlernen, hatte aber Angst, einen Fehler zu machen. Jetzt fühle ich mich wohl. Ich habe einen Job als technischer Zeichner, wohne in einer WG, habe Freunde gefunden und spreche immer besser Deutsch. Ohne Lena hätte das vielleicht nicht so gut geklappt. Und das Beste: Wir verstehen uns sehr gut.

Woran merkst du das?

S: Lena ist bisher die einzige Person in Deutschland, die meinen Humor versteht (lacht).

L: Er ist super sarkastisch. Da muss man ihn schon etwas kennen, um das rauszuhören.

S: Außerdem vertraut sie mir. Das ist ein tolles Gefühl. Einmal hat Lena mich sogar zwei Wochen in ihre Wohnung gelassen. Bevor ich meine WG gefunden habe, war ich 22 Monate in einem Flüchtlingscamp untergebracht. Das war eine schreckliche Zeit. Da Lena durch ihren Job viel unterwegs ist, gab sie mir damals ihre Schlüssel und ließ mich bei ihr wohnen, um eine Pause vom Camp-Leben machen zu können.

L: Da ich als Fotografin durchschnittlich nur zehn Tage im Monat zu Hause bin, war das für mich kein Problem. Und ich hatte vorher ja schon die Möglichkeit, ihn eine Weile kennenzulernen. Ich vertraue ihm und hatte keine Bedenken.

Welches war euer schönstes Erlebnis?

L: Wir haben einmal bei schönem Wetter an der Alster gesessen, als Shahab mir lange von seinem Weg aus dem Iran nach Deutschland erzählte. Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass wir uns so sehr vertrauen, dass wir uns über alles austauschen können. Eigentlich eine ganz banale Situation, aber schön.

S: Für mich gibt es viele schöne Erinnerungen. Das Schönste ist, dass ich in Deutschland Menschen gefunden habe, die mir vertrauen.

Lena: Seine Heimat, seine Familie und alles zu verlassen, was einem lieb ist, erfordert wirklich Mut.

Was lernt ihr voneinander?

S: Ich lerne jeden Tag von Lena. Sie ist eine wirklich mutige und starke Frau, macht immer weiter, auch wenn es mal anstrengend wird. Das beeindruckt mich.

L: Seine Heimat, seine Familie und alles zu verlassen, was einem lieb ist, erfordert wirklich Mut. Trotz der Angst vor der Zukunft ist er gegangen und hat alles getan, was nötig ist, um hier ein neues Zuhause zu finden. Shahab ist das beste Beispiel, dass Integration funktioniert. Das macht mich wirklich glücklich. Außerdem verliert er nie seinen Humor, egal wie blöd alles ist. Davon könnte ich mir auch eine Scheibe abschneiden.

Was würdet ihr all denen sagen wollen, die Angst vorFlüchtlingen haben?

S: Man sollte versuchen, Geflüchtete kennenzulernen. Wenn man miteinander spricht, wird man merken, wie ähnlich wir eigentlich sind. So wie bei Lena und mir.

Und du, Lena?

L: Ich würde sagen: Können wir das Label Flüchtling weglassen und einfach über Menschen sprechen? Man sollte sich gegenseitig kennenlernen. Wenn dieser Mensch dann ein Idiot ist, geh ich ihm aus dem Weg; wenn er keiner ist, dann lern ich ihn besser kennen. Man sollte die Vorurteile zur Seite schieben.

Shahab: Alle meine Freunde möchten mitmachen, aber leider gibt es zu wenige ehrenamtliche Locals.

Warum ist ein Tandem empfehlenswert?

L: Man lernt eine neue Kultur kennen und kann sich gegenseitig unterstützen. Helfen macht auch glücklich.

S: Alle meine Freunde möchten mitmachen, aber leider gibt es zu wenige ehrenamtliche Locals. Wenn ich besser Deutsch spreche und mich ein wenig eingelebt habe, will ich selber Geflüchteten helfen, in Deutschland anzukommen. Ich möchte etwas von der Hilfe, die ich bekomme, zurückgeben.

Interview: Jana Belmann

Foto: Jakob Börner

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