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„Pelikanblut”: Katrin Gebbe & Nina Hoss im Interview

Nina Hoss spielt in Katrin Gebbes Drama eine Mutter, die um ihre Tochter kämpft. Pelikanblut – Aus Liebe zu meiner Tochter” ist ein beeindruckender und ungewöhnlicher Film, der Genregrenzen sprengt und polarisiert. Ein Gespräch über Glauben, das Böse und zu viel Zucker am Set

Interview: Maike Schade

 

SZENE HAMBURG: Nina und Katrin, glaubt ihr an Magie?

Katrin Gebbe: Gute Frage. Ich bin eigentlich ein totaler Atheist, aber beispielsweise in Krisensituationen merkt man doch, dass man den Wunsch verspürt, auf eine Kraft zu vertrauen, die größer oder stärker ist als man selbst. Ich glaube, dass das Bedürfnis des Glaubens ein ganz wesentlicher Teil des Menschen ist.

Das klingt eher nach Kirche. Ich dachte an etwas wie Hexerei.

Katrin Gebbe: Das unterscheidet sich meiner Meinung nach überhaupt nicht vom christlichen Glauben. Ob man nun betet, symbolisch den Leib Christi mit einer Oblate in den Mund nimmt oder Räucherstäbchen anzündet oder auch einen Pferdekopf aufspießt – letztendlich vertraut man da auf eine größere Macht.

Nina Hoss: Ich glaube nicht direkt an Magie, aber ich habe schon das Gefühl, dass es Kräfte gibt, von denen wir überhaupt keine Ahnung haben. Und ich glaube daran, dass der Geist ungeheure Kräfte entwickeln kann, sodass man sehr weit gehen kann, auch wenn der Körper längst erledigt ist. Ich kann auch verstehen, dass man, wenn man nicht weiterweiß, wie Wiebke sagt: Ich probiere das mit der Magie oder dem Ritual mal aus, was soll schon passieren? Schlimmer kann es ja nicht werden. Das könnte ich mir bei mir auch vorstellen. Diese Offenheit habe ich. Wir wissen ja eigentlich nichts. Im Gegenteil: Je mehr ich weiß, desto mehr Fragen habe ich.

 

„Die Kirche ist in Deutschland sehr präsent”

 

Katrin, wenn ich richtig informiert bin, bist du aus der Kirche ausgetreten. Dennoch scheint dich der christliche Glauben sehr zu beschäftigen – in “Tore tanzt” ganz offensichtlich, und “Pelikanblut” liegt ja auch die christliche Metapher von der sich aufopfernden Pelikanmutter als Symbol für Christus zugrunde.

Katrin Gebbe: Ich bin in einer kleinen Stadt aufgewachsen, in der Glauben ein ganz wichtiges Element war. Die Kirche ist ja nach wie vor in Deutschland sehr präsent, und das hat auch viel mit Politik und Macht zu tun. Ich halte es deshalb für wichtig, diese Dinge als Gesellschaft zu hinterfragen. Der Mensch macht es sich aber zu einfach, wenn er das einfach verurteilt – oder auch einen anderen Glauben und seine Institutionen.

Dreharbeiten mit Kindern oder Tieren gelten allgemein als schwierig. Ihr hattet beides. War das nicht der Horror?

Katrin Gebbe: (lacht) Nein. Anstrengend ja. Aber das ist ja eigentlich jeder Dreh.

Wer war schwieriger, die Kinder oder die Pferde?

Katrin Gebbe: Für mich war das Drehen mit den Tieren ein bisschen schwieriger, weil man mit denen ja nicht reden kann. Aber glücklicherweise hatte ich “The Dragon”, das ist DER Stunt-Trainer in Bulgarien, und dazu zwei Pferdeflüsterer. So hatten wir zwei unterschiedliche Herangehensweisen, und haben für jede Situation eine Lösung gefunden.

Nina Hoss: Für mich war es mit den Kindern herausfordernder.

 

„Die Arbeit mit Pferden fordert einen heraus”

 

Es wirkt im Film auch, als hättest du dein Leben lang nichts anderes gemacht als mit Pferden zu arbeiten. Dabei bist du doch eigentlich gar kein “Pferdemädchen”, oder, Nina?

Nina Hoss: Nein, bin ich nicht. Aber ich habe sehr davon profitiert, dass ich in Kanada den Film “Gold” mit Thomas Arslan gedreht habe. Dort habe ich reiten gelernt, und ein Cowboy, Mitte 70, hat mir unheimlich viel über Pferde und ihre Sprache beigebracht. Ich hatte diese Tiere vorher nie verstanden. Er hat mich in eine unheimliche Ruhe gebracht und mich gelehrt, immer wachsam und achtsam sein und auf meine Umgebung achten, weil sich Pferde sehr schnell vor Dingen erschrecken, die du als Mensch kaum wahrnimmst. So habe ich meine Scheu verloren. Das hat mir für Wiebke unheimlich geholfen.

Die tut ja aber viel mehr als nur Reiten, sie bildet Polizeipferde aus und therapiert traumatisierte. Wie hast du dich darauf vorbereitet?

Nina Hoss: Ich habe ein Horsemanship-Training (allgemeine Reitkunst und fairer Umgang mit dem Tier, Anm. d. Red.) gemacht, was nochmals was ganz anderes als Reiten ist, weil du da auch viel vom Boden aus arbeitest. Das fordert einen so heraus, das hatte ich nicht erwartet. Du musst vollkommen in deiner Mitte sein. Das Arbeiten mit den Pferden hat mir auch erzählt, warum Wiebke Raya nicht aufgeben kann, ich habe so viel über sie gelernt. Sie denkt: Ich arbeite mit Fluchttieren zusammen, die aus der Angst heraus agieren und eigentlich lieber wegrennen wollen. Ich muss sie dazu bringen, dass sie meine Funktion respektieren und mir so vertrauen, dass sie bei mir bleiben wollen. Auch dann, wenn sie Dinge tun sollen, auf die sie keine Lust haben. Dabei darfst du aber auf nichts beharren. Wenn es von links nicht geht, dann versuchst du es eben rechts. Oder gehst vor dem Pferd. Oder stellst dich in die Mitte. Du versuchst immer neue Wege der Zusammenarbeit und öffnest dabei auch den Raum. Und genau so arbeitet Wiebke mit Raya. Dass sie an ihren Erfolg glaubt, kommt aus ihrer Arbeit. Sie weiß, dass es geht. Zumindest bei Pferden …

Geht es ihr wirklich um Raya oder will sie nur nicht scheitern?

Nina Hoss: Das ist die Frage. Und wie immer im Leben eine Vermischung. Natürlich geht es um Raya. Aber es geht auch darum, dass Wiebke sich nicht gut helfen lassen kann. Allerdings sind da auch nicht viele, die ihr wirklich helfen wollen. Alle haben gute Ratschläge, aber keiner sagt: Ich begleite dich auf dem Weg, der deiner ist und den du gehen willst. Natürlich ist sie aber auch keine Frau, die dazu einlädt. Und vielleicht muss sie genau deswegen diesen Weg gehen – um bei sich selbst etwas zu öffnen. Aber ist es nicht toll, dass man über so etwas auch nachdenkt? Genau das macht diesen Film aus.

 

„Wir mussten am Set tatsächlich Zucker verbieten”

 

Stimmt, er bietet jede Menge Ansätze zum Nachdenken. Zum Beispiel ist Raya zwar natürlich ein Opfer, andererseits aber auch wirklich ein Monster. Wiebke hat aber offenbar Empfindungen für sie. Fiel es dir schwer, dich da reinzufühlen?

Nina Hoss: Wiebke geht immer wieder auf Raya zu, nimmt sie in den Arm und sagt: Ich habe dich lieb. Es gibt durchaus Momente, bei denen ich denke, dass sie das gerade überhaupt nicht fühlt. Sie weiß aber, dass das ein Vorgang ist, den man immer wieder durchexerzieren muss, damit dieses Mädchen sich nicht darin bestätigt fühlt, dass sie wieder verlassen wird von einem Menschen – auch wenn sie ihn natürlich dazu treibt. Dem kannst du natürlich nicht nachgeben, sonst hast du verloren. Das weiß Wiebke, aber es kostet sie unheimlich viel.

War euch Katerina beim Dreh nicht manchmal unheimlich? Auf der Leinwand ist sie soo gruselig…

Nina Hoss: Nein. Das habe ich nicht verwechselt. Aber sie war anstrengend. (lacht)

Katrin Gebbe: Stimmt. Kati hat schnell gemerkt, dass sie die wichtigste Person ist und ohne sie gar nichts geht. Da hat sie natürlich versucht, Grenzen auszuloten und Spaß daran gehabt, uns auch mal zu ärgern. Und wir mussten irgendwann am Set tatsächlich Zucker verbieten, weil sie den so gerne aß und Leute losgeschickt hat, um ihr etwas Süßes zu holen. Dann war sie natürlich komplett überdreht. Da mussten wir eben die Ruhe bewahren und uns erinnern: Es ist ein Kind.

Nina Hoss: Und Kinder verstehen zum Beispiel manchmal auch nicht, warum man Dinge wiederholen muss. Und wo ich als Schauspielerin auch sagen muss: Ja, sie hat Recht. Jetzt war es doch gut, warum müssen wir das jetzt nochmal machen? (lacht) Weil eben zum Beispiel das Licht nicht stimmte. Das kannst du einem Kind schlecht erklären und musst es dann immer wieder zum Spielen animieren – und dazu, dass es genauso viel Kraft und Energie reinlegt wie beim Mal zuvor. Das ist nicht ohne. Trotzdem war sie eine ganz tolle Kollegin. Ich habe noch nie einen Menschen erlebt, der so angstfrei ist, der so ein Urvertrauen hat und so unwahrscheinlich mutig ist – das vollkommene Gegenteil von Raya. Das war ein Geschenk, das Katrin da gefunden hat.

 

„Die Geschichte gärt immer in dir weiter”

 

Katrin, wie ist dir das gelungen? Und wie habt ihr dafür gesorgt, dass Raya angesichts der teils grässlichen Szenen nicht selbst mit einem Trauma nach Hause geht?

Katrin Gebbe: Das war wirklich ein absoluter Glücksfall. Katerina ist mir bei den Castings in Bulgarien sofort aufgefallen: Sie war im Gegensatz zu allen anderen rotzfrech, hat versucht, mit uns ihre Spielchen zu spielen und uns herauszufordern. Sie hatte unheimliche Lust, alles Mögliche auszuprobieren, war absolut angstfrei, kreativ und belastbar. Und dann hat sich auch noch herausgestellt, dass die Frau, die die ganzen Castings mit der Kamera aufgenommen hat, ihre Mutter war, und die ist selbst Schauspielerin und hat in Sofia sogar ein Kindertheater. Sie hat Kati und auch Adelia, die Nicola spielt, wirklich perfekt vorbereitet, weil sie genau weiß, wie man den richtigen Zugang zu den Kindern findet. Und sie hat für die beiden eine völlig neue Storyline mit ganz anderem Inhalt geschrieben, damit die Geschichte kindgerecht war.

Nina, die hattest du nicht. Hattest du nachts Alpträume? Oder kannst du die Geschichten nach Feierabend komplett ausschalten?

Nina Hoss: Alpträume habe ich nicht bekommen. Aber das treibt dich natürlich um. Die Geschichte gärt immer in dir weiter, weil du am Drehtag etwas erlebst, was du vielleicht nicht erwartet hättest, und das dir etwas Neues über die Figur erzählt. Und du weißt: Morgen kommt das und das. Man denkt permanent nach, glaubt immer, zu wenig Zeit zu haben. Aber ich konnte noch schlafen.

Und nach dem Dreh? Trägst du das dann noch lange mit der rum?

Nina Hoss: Das ist figurenabhängig. Aber weil man es durchlebt hat, ist es dann auch gut. Wie bei einem Buch, das man durchgelesen hat. Man nimmt natürlich viel mit, das ist das Faszinierende an meinem Beruf. Ich kann Dinge anschmecken, mit denen Menschen ihr Leben verbringen. Man kann in so viele Berufe und Lebenssituationen hineinblicken. Das ist unwahrscheinlich bereichernd.

Katrin, wie bist du überhaupt auf diese Geschichte gekommen?

Katrin Gebbe: Das hat eigentlich mit “Tore tanzt” angefangen. Ich habe da viel recherchiert: Was ist eigentlich “das Böse”, wo kommt es her? Wird jemand damit geboren oder eignet er es sich später an, vielleicht aufgrund von Traumata? Ist das heilbar? Im Zuge dessen bin ich auf die Doku “Child of Rage” gestoßen. Dort wird ein fünfjähriges Mädchen von einem Psychiater interviewt, das emotional kalt und absolut angstfrei erzählt, wie es seinen kleinen Bruder missbraucht hat. Und man spürt, dass sie sogar ein kleines bisschen Lust dabei empfindet, was nach unseren Maßstäben absolut böse ist. Gleichzeitig möchte man das Mädchen beschützen, es ist unheimlich niedlich. Diese Diskrepanz hat mich sehr berührt. Dann ha-be ich weiterrecherchiert und herausgefunden, dass dieses Kind später Krankenschwester wurde. Ich fand heraus, dass dieses Mädchen ein sehr problematisches Verhalten gezeigt hat, und auch von ihren Adoptiveltern aufgegeben wurde, später aber erneut von einer Frau adoptiert wurde, die sie nicht aufgegeben hat. Das hat mich unheimlich fasziniert.

 

„Ich möchte mit Grenzen spielen”

 

Du machst es dem Zuschauer nicht gerade bequem. Du hast wohl keine Lust, uns einfach mal was Schönes zu servieren und klare Lösungen aufzuzeigen?

Katrin Gebbe: Ich hatte das Gefühl, wenn ich schon einen Film mache, in dem es thematisch letztlich um Grenzen geht, dann möchte ich auch gerne mit Grenzen spielen und den Zuschauer an Grenzen heranführen, damit er maximal in dieses Dilemma mit reingerissen wird und auch selbst einen Standpunkt beziehen muss. Man kann hier verschiedene Positionen einnehmen, und je nachdem, welche das ist, entfaltet sich ein bestimmter, anderer Bedeutungshorizont. Ich finde es toll, wenn Filme einem so viel Raum geben. Wenn man sich vielleicht erst einmal zwei, drei Tage damit beschäftigen muss und der Film dadurch dann größer wird als die eigentliche, konkrete Geschichte.

Nina, du hast sehr schnell zugesagt. Warum?

Nina Hoss: Ich habe angefangen, das Buch zu lesen und irgendwann gemerkt: Mir steht der Mund offen. Was nicht so oft passiert, wenn man Drehbücher liest. Ich war so geschockt, als plötzlich die Horrorelemente in den Film hineinkriechen. Niemand im deutschen Film wagt es wie Katrin, die Grenzen der Genres so zu verquicken: in ein Psychodrama dieses Düstere mit reinzubringen, das aber in der realen Welt verankert ist. Der Horror kommt ja daher, dass man nie weiß, was dieses Mädchen machen wird. Und wann. Wie weit sie gehen wird. Und dann ist da ja auch noch dieses Wesen, das sie verfolgt und das real ist oder vielleicht auch nicht. Das hat mich wirklich richtiggehend umgeworfen und begeistert. Mir war sofort klar: Das will ich unbedingt machen.

Nina, erst im Januar lief “Das Vorspiel” im Kino. Auch da spielst du eine Mutter, allerdings quasi den Gegenentwurf zu Wiebke. Was fasziniert dich an der Mutter-Thematik?

Nina Hoss: Dass ich zwei Mütter gespielt habe, ist reiner Zufall. Es ist einfach so, dass diese beiden Regisseurinnen gute Geschichten entwickelt haben, die zu dem Zeitpunkt finanziert waren und wir drehen konnten. Manchmal sucht man sich ein Projekt gar nicht so bedacht danach aus, ob das gerade ein Thema ist, das einen interessiert. Die Geschichten fliegen einen so an. Ich gucke immer nur, ob mich instinktiv etwas daran fesselt, ob es mich umtreibt. Ist das eine Figur, mit der ich drei Monate meines Lebens verbringen will? Die ich durchdringen, mit der ich mich beschäftigen will? Und hält die sich dann auch noch in einer Geschichte auf, die mir noch etwas anderes erzählt als nur ihren Lebensweg? Und dann ist da natürlich die Frage: Möchte ich mit diesen Regisseurinnen arbeiten? Wenn das alles zusammenkommt, bin ich glücklich und möchte loslegen.

Du arbeitest gerne mit Regisseurinnen?

Nina Hoss: Ja!

Lieber als mit Männern?

Nina Hoss: Nein, das kann ich so nicht sagen. Es ist Zufall, dass ich vergangenes Jahr mit vier Regisseurinnen zusammengearbeitet habe. Aber ich habe das sehr genossen, das war mit allen vieren eine wirkliche Wonne. Die sind alle in ihrer Art und auch in stilistischer Hinsicht sehr unterschiedlich, aber bei allen wurde sehr projektbezogen gearbeitet und das Teamgefühl war sehr groß. Nicht, dass die nicht wissen, wo ihre Position ist, aber das Ego fällt ein bisschen weg.

 


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Kommentar zu Corona: Seid ihr alle noch ganz dicht?

Die Menschheit wird auf die Probe gestellt. Auf was es in der Isolation wirklich ankommt

Text: Basti Müller

 

Ich lehne mich auf den Stapel Bücher vor meinem Fensterbrett und schaue in den blauen Himmel. Unter meinen sauberen Händen liegt „Die Pest“ von Albert Camus. Darin wird die Stadt Oran von der Pestseuche heimgesucht. Sie wird abgeschottet. Cafés und Kinos sind anfänglich noch geöffnet, nach und nach verlieren die Bürger jedoch jede Art von Emotion. Die örtliche Versorgung ist gänzlich überfordert und im Mittelpunkt dessen steht Dr. Rieux, ein aufopferungsvoller Arzt, der sich nicht zu schade ist, seinen Patienten auch bis zum Tod zur Seite zu stehen.

Noch, und Gott bewahre, ist das System hierzulande nicht überlastet. Dass Deutschland bislang nicht im Corona-Chaos versunken ist, liegt zum Großteil am unermüdlichen Einsatz der Ärzte, Apotheker, Pflegekräfte und allen anderen im Gesundheitssystem Wirkenden. Wie Bund und Länder müssen sie von Tag zu Tag neu denken: Stationen räumen oder zusammenlegen, Betten aufbauen, Beatmungsgeräte bereithalten, Operationen verschieben, um den vom Virus Betroffenen den Vortritt zu lassen. Täglich setzen sie sich nicht nur einem erhöhten Ansteckungsrisiko, sondern auch zum Teil panischen Patienten aus. Das muss man sich einmal reinziehen: Während ich von einem wohlbehüteten Zimmer aus Vögel zwitschern höre, kämpfen die Ärzte und Pflegekräfte gegen die Zeit, eine exponentiell steigende Anzahl Neu-Infizierter und immer knapper werdende Ressourcen.

 

Was Menschsein bedeutet

 

Deshalb verstehe ich die Menschenmassen nicht, die sich sonntags an der Alster tummeln, geschweige denn die zwei älteren Kaliber, die sich auf der Straße vor meinem Fenster begegnen. Sie plaudern und stehen einen halben Meter voneinander entfernt. Der eine schnaubt in sein Stofftaschentuch, zum Abschied geben sie sich die Hand. „Bleib gesund“, lese ich auf den Lippen. Wie ironisch! Da stimme ich dem Radfahrer, der letztens wütend über den Altonaer Wochenmarkt brauste, doch glatt zu: „Seid ihr alle noch ganz dicht?“

Auch die Oraner begegnen der Pest zunächst mit Ignoranz, bis zum Höhepunkt des Dramas die Zahl der Todesopfer auf mehrere Tausend steigt. Es bildet sich ein Schema heraus, als fordere die Pest nur den Tod von jenen ohne Solidarität. Nun Parallelen zum Buch zu ziehen, das wäre ja unverschämt! Mache ich aber trotzdem. Zwar sorgt Covid-19 nicht wie im Roman für schwarze Beulen, aber Fakt ist, wer in diesen Tagen unter Leute geht, treibt die Ausbreitung des Virus voran. In Italien müssen die Leichen in den Krematorien schon gestapelt werden. Da nehme ich trockene Hände und den Umstand, dass ich meine Familie für eine Weile nur über Skype sehen kann, doch in Kauf.

Nutzen wir dieses kleine Zeitfenster stattdessen, wie es Camus in seinem Roman vormacht, um uns darüber klar zu werden, was Menschsein bedeutet: Was die wichtigen Dinge im Leben sind, wie wichtig jeder einzelne für das System ist und welchen Einfluss wir auf unsere Umwelt haben. Vielleicht gibt uns das Virus die Möglichkeit, einige Denkanstöße aus der Zeit vor Corona auch danach zu verwirklichen. Bis dahin weiß ich die Zeit auf jeden Fall zu nutzen: Verwandte und alte Freunde anrufen, unser Bad renovieren, mein Fenster putzen, einen klaren Blick behalten und lesen. Übrigens überlebt Dr. Rieux die Pest und ich bin jetzt schon beim nächsten Buch. Robinson Crusoe von Daniel Defoe. Passt irgendwie.

 

Katharina Schütz liest “Die Pest” von Albert Camus


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2020. Das Magazin ist seit dem 28. März 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Nilson Pereira: Dieser Kämpfer schlägt mit Herz zu

Der gebürtige Brasilianer Nilson Pereira hat in Altona ein neues Zuhause gefunden – und einen Ring, den der herzliche Kämpfer zu seinem Lebensmittelpunkt macht

Rrrrring! Das schrille Glockenläuten schießt den Kämpfern in die müden Knochen. Schneller als jeder Feuerwehrmann beim Großbrandeinsatz schießen sie aus ihren Ecken, schütteln sich kurz, bevor es in die letzte Runde geht. Und die hat es in sich. Einer der beiden Jungs, die noch keine zwanzig sind, schlägt den anderen so hart, so genau zwischen die Augen, dass der sofort zu Boden geht. Und liegen bleibt. Fünf, zehn, fünfzehn Sekunden, die sich für Außenstehende anfühlen wie Stunden.

Der Sieger bejubelt den K. o. nur kurz. Nur, bis er wohl selbst zu bangen beginnt. Trainer und Mediziner knien auf dem Ringboden beim Bewusstlosen, leisten Erste Hilfe, streicheln ihm über den Kopf und sagen Sachen wie „alles gut“ und „komm schon, Digger, komm hoch“. Und dann kommt er, rappelt sich auf, sitzt kniend da und scheint die Welt nicht mehr oder gerade wieder zu verstehen. Aufatmen auf den bis auf den letzten Platz gefüllten Rängen. Und die Kämpfer umarmen sich wie beste Freunde.

 

Kämpfen im Spotlight: Ringaufbau für „A Fight Story“ im Delphi Showpalast

 

Das kleine Drama zwischen den Seilen ist Teil von „A Fight Story“, einer vom Altonaer Tough Gym organisierten Veranstaltung im Delphi Showpalast. 24 Kämpfe stehen auf dem Programm, auch verschiedene Kampfarten, von Muay Thai über K1 und Boxen bis MMA ist alles dabei. MMA, das ist kurz für Mixed Martial Arts. Es ist die spektakulärste Weise, wie zwei Menschen sich im Ring begegnen können. Boxen, Kickboxen, Ringen, Karate, Judo – alles ist erlaubt. Das Tough Gym schickt an diesem Abend sein Flaggschiff ins MMA-Rennen: Nilson Pereira bestreitet den Hauptkampf des Abends.

Der 38-jährige Brasilianer lebt seit zweieinhalb Jahren in Altona, trainiert und coacht in den Tough-Gym-Räumen in der Max-Brauer-Allee, direkt über einem Waschsalon und unter Mietwohnungen mit bunt bepflanzten Balkonen. Morgens kümmert er sich um sich selbst, abends um andere Kämpfer. Ein Glücksfall sei er für den Club, sagt Human Nikmaslak, der gemeinsam mit seinem Bruder Homayoun das Gym leitet. Speziell, weil Nilson in seiner Heimat den schwarzen Gürtel im BJJ, dem Brazilian Jiu-Jitsu (Fokus auf Bodenkampf, Anm. d. Red.) erhalten hat. Human: „Deutschlandweit gibt es niemanden, der so qualifiziert ist wie Nilson, diese Kampfkunst zu unterrichten.“

 

Mehr Action bitte!

 

Aufgewachsen ist Nilson in Florianópolis, Hauptstadt des Bundesstaates Santa Catarina im Süden Brasiliens, gelegen direkt an der Atlantikküste. Als Kind begann er mit dem Judo, blieb acht Jahre dabei, bis es BJJ sein sollte: „Etwas mehr Action.“ Es folgten Ausflüge ins Boxen und Thaiboxen und schließlich MMA, die Königsdisziplin. Nilson war 28, als er sich dafür entschied, Profi-Kämpfer zu werden. Die richtige Wahl, sagt er heute: „Dieser Sport ist mein Leben! Durch ihn bekomme ich die Chance, zu reisen, andere Länder und Kulturen kennenzulernen, und dann kriege ich auch noch Geld für das, was ich am liebsten mache: Kämpfen.“

Tatsächlich fanden Nilsons bisher 28 MMA-Fights, von denen er 17 gewann und elf verlor, nicht nur in Deutschland, sondern u. a. in Holland, Tschechien und natürlich Brasilien statt. Aktuell pendelt er regelmäßig zwischen Florianópolis und Hamburg. In der Heimat hat er drei Brüder und fünf Schwestern. Was sie von seinem Job halten? Nilson: „Meine Familie findet okay, was ich da mache. Niemand sagt mir, dass er es zu gefährlich findet. Vielleicht guckt aber auch einfach keiner meine Kämpfe.“ Er grinst. Im Ring ist ihm noch nie etwas Ernstes zugestoßen – seinen Gegnern schon. „Einer hat sich schwer verletzt, ist im Ring schlecht aufgekommen und hat sich den Arm gebrochen.“ Passiert, meint Nilson: „Ich will niemanden verletzen – aber so ist eben der Sport.“

 

„Ich merke das im Bauch, ich muss ständig aufs Klo“

 

Nilson wirkt tiefenentspannt, wenn er das sagt, und sein Grinsen wird nicht weniger. Noch zwei Stunden bis zu seinem Kampf, und „Feijao“, wie sein Kampfname lautet, also „Bohne“, scheint in etwa so viel Nervosität zu verspüren wie jeder Nicht-Boxer beim morgendlichen Gang ins Büro: null. „Manchmal, so kurz vorher, haue ich mich sogar noch ein halbes Stündchen hin, versuche, richtig zur Ruhe zu kommen.“ Wirklich gar keine Anspannung? Doch: „Wenn der Kampf immer näher rückt, merke ich das schon im Bauch, ich muss dann ständig aufs Klo.“ Wie es seinen Gegnern geht, wenn das erste Rrrrring! immer näher rückt, kann Nilson nur erahnen.

Tough-Gym-Guertel-c-Philipp-Schmidt

Gürtel für die Glücklichen: Auch Titelkämpfe hielt „A Fight Story“ bereit

„Wir treffen uns beim Wiegen, begrüßen uns, meist ist alles gut. Manchmal sind die anderen aber auch aggressiv, wollen mir irgendwie Angst machen. Einige Kämpfer reden echt zu viel.“ Ob er sich davon beeindrucken lasse, beantwortet Nilson mit einem Fingerzeig auf seine Ohren: „Hier rein, da raus.“ Hasib Fatah, holländischer MMA-Meister und Nilsons heutiger Kontrahent, verhält sich bisher moderat, tigert ab und an durch die Halle, sieht sich ein paar Kämpfe an. Wie oft er zur Toilette geht, ist nicht bekannt.

Drei Runden zu je fünf Minuten – so der Zeitplan für Nilson und Hasib, als sie gegen 0.30 Uhr ins grelle Ringlicht treten. Die Betreuer in ihren Ecken, das sind bei Nilson Human und Homayoun, halten Motivationsreden, puschen, bis es los geht. An der Hallendecke des Delphis glitzern winzige Showsterne, und unten, auf dem graublauen, filzigen Ringboden, liegen noch die Schweißperlen derer, die ihr Kapitel der „Fight Story“ schon geschrieben haben. Eines der beiden Nummerngirls, gekleidet in ein superknappes, goldfarbenes Glitzertop und dazu passende High Heels, hält eine Tafel mit einer „1“ hoch. Es klingelt.

Die beiden Fighter tasten sich nicht lange ab, es geht sofort rund. Nilson versucht durch sogenannte Submissions, Hebeln und Würgen, auf Hasib einzuwirken. Das sieht nicht nur besonders versiert aus, sondern auch ungemein kraftvoll und wird von der Menge rund um die Seile lautstark honoriert. Hasib hält mutig dagegen. Zunehmend wird er aktiver, boxt und kickt pausenlos und, so viel scheint klar zu sein, entscheidet mindestens eine Runde für sich. Der Kampf geht über die volle Distanz, keinem der beiden gelingt ein K.-o-Schlag. Am Ende entscheiden die Punktrichter. Und die sehen Hasib vorne: zwei zu eins.

 

„Ich will den Titel“

 

Einige Tage später im Altonaer Tough Gym. Die Halle, in der Nilson an diesem Morgen trainiert, ist mit hellroten Filzmatten ausgelegt. Zwischen massiven, kantigen Betonsäulen hängen schwarze Boxsäcke. Sonnenlicht scheint durch die Fensterfront in den Ring, der im Gym- Zentrum angelegt wurde. Nilson sitzt an der kleinen Bar neben dem Eingang, sein Grinsen ist zurück. „Ich habe noch viel vor, viele gute Kämpfe“, sagt er. Im deutschen MMA-Ranking des Federgewichts belegt der 1,65 Meter große und 65 Kilo schwere Sportler momentan den sechsten Platz. Aber: „Ich will den Titel! Also auch einen Titel-Fight, und zwar gegen die Nummer eins, das ist Max Coga.“

Gegen ihn hat Nilson bereits einmal gekämpft, in Cogas Heimatstadt Frankfurt – und verloren. Human erklärt: „Eigentlich hatte Nilson gewonnen, Coga mussten sie am Ende raustragen. Aber er war eben der Lokalmatador – na ja.“ Bis es wieder zum Duell kommt, fliegt Nilson weiter zwischen Hamburg und Florianópolis hin und her, steigt regelmäßig in den Ring und vermittelt sein Können an andere weiter, vor allem auf den roten Matten in Altona.

Tough Gym: Max-Brauer-Allee 155 (Altona-Nord)


Szene-Hamburg-juni-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juni 2019. Titelthema: Was ist los, Altona?
Das Magazin ist seit dem 25. Mai 2019 im Handel und zeitlos im 
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„Gegen den Strom“ – Öko-Thriller-Drama aus Island

Sehr artifiziell, völlig überhöht – und unbedingt sehenswert: Benedikt Erlingssons zweiter Film „Gegen den Strom“, in dem eine Chorleiterin den Kampf gegen einen mächtigen Industriekonzern aufnimmt.

Text & Interview: Maike Schade

Mit „Von Menschen und Tieren“ präsentierte der isländische Schauspieler und Regisseur Benedikt Erlingsson ein ebenso skurriles wie beachtenswertes Debüt. Sein neuer Film, „Gegen den Strom“, handelt wieder vom Missbrauch der Natur, ist aber wesentlich klassischer und stringenter erzählt – auch wenn Erlingsson sich einiger ungewöhnlicher Kniffe bedient (doch dazu später mehr). In Deutschland wird „Gegen den Strom“ als Komödie angepriesen. Das ist es nicht. Auch Erlingsson kann (und will) diese Einordnung nicht nachvollziehen. Es ist, so sagt er uns im Gespräch, ein „enviromental action arthouse thriller-drama with some jokes“. Das wiederum trifft es ziemlich gut.

Im Mittelpunkt dieser raffiniert gestrickten Heldengeschichte: Halla, Mitte 40, Chorleiterin (Halldóra Geirharðsdóttir). Eine angenehme, sympathische Frau – die aber ein Doppelleben als Umweltaktivistin führt. In warme Klamotten eingemummelt, schleicht sie sich wiederholt auf das Gebiet einer Aluminiumhütte, um durch Sabotage an Strommasten den Betrieb in der Fabrik lahmzulegen. Erst mit Pfeil und Bogen, um mit einem Stahlseil die Leitung kurzzuschließen, später mit Sprengstoff.

Tatsächlich gibt es in Island von Naturschützern starken Widerstand gegen die Aluminiumfabriken; auch Benedikt Erlingsson gehörte einer Aktivistengruppe an. Glücklicherweise beschloss er, seinen Protest statt auf handgreifliche auf künstlerische Weise kundzutun.

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„Gegen den Strom“ handelt vom Missbrauch an der Natur. Foto: Pandora Film

Dass er mit seinem Film keineswegs nur unterhalten, sondern auch eine Botschaft loswerden will, macht uns der Regisseur beständig deutlich: Der Soundtrack ist Teil der Szenerie, und zwar in Gestalt eines isländischen Instrumentaltrios und eines dreiköpfigen ukrainischen Chors. Beide sind nicht nur sichtbar, sondern greifen auch in die Handlung ein, fixieren gelegentlich den Zuschauer, zwinkern ihm zu – was man unterhaltsam, aber auch durchaus störend finden kann.

Das ist gewollt: Denn kaum hat man sich wieder in der Geschichte verloren, bangt um Halla, die, von einem Hubschrauber gejagt, durch die karge, doch betörende isländische Weite hetzt, dann kickt Erlingsson einen mit seinen Musikern wieder aus dem Geschehen. Hey, scheint er einem mit dem Finger gegen die Brust zu stupsen, wach auf, ich habe dir etwas zu sagen!

Die beiden Musikensembles repräsentieren – wie Engelchen und Teufelchen auf der Schulter – die zwei unterschiedlichen Bedürfnisse, die Halla antreiben: Soll sie ihren Kampf gegen die Aluminiumhütte vorantreiben oder ihn aufgeben, um die bevorstehende, lang ersehnte Adoption eines ukrainischen Mädchens nicht aufs Spiel zu setzen? Weitere personifizierte Manifestation dieses Gewissenskonflikts ist Hallas Zwillingsschwester Ása, eine esoterisch angehauchte Yoga-Lehrerin, ebenfalls gespielt von der überragenden Halldóra Geirharðsdóttir. Erlingsson inszeniert den inneren Kampf auf beeindruckend metaphorische Weise, verpackt philosophische Grundsatzfragen, einen moralischen Appell und deutliche politische Kritik mehr als gekonnt in einem äußerst spannenden, dabei humorvollen Gewand. Wir haben ihn und Halldóra Geirharðsdóttir zu einem Gespräch getroffen.

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Benedikt Erlingsson: Regisseur, Schauspieler, Aktivist.

SZENE HAMBURG: Benedikt, du zeigst uns Halla als eine starke Frau, die weder für ihren Kampf noch zum Kinderkriegen einen Mann braucht. Bist du ein Feminist?

Benedikt Erlingsson: Ja, vielleicht. Ich würde diese Bezeichnung als Ehre empfinden. Ich habe drei Töchter, das zwingt mich ja gerade dazu, einer zu sein. Und ich komme aus einer Familie von Matriarchinnen. Ich hatte eine sehr starke Mutter und zwei Großmütter, die die Oberhäupter der Familie waren.

Ist das in der isländischen Gesellschaft so üblich?

BE: Ja, dort gab es und gibt es viele starke Frauen, die führten und führen. Ich glaube, das kommt vielleicht von Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf. Wir haben viele Feministen in ganz Nordeuropa, weil wir alle dieses Buch gelesen haben.

Eine sehr interessante Sichtweise … Halldóra, ist Pippi Langstrumpf für dich auch ein Vorbild?

Halldóra Geirharðsdóttir: Nicht bewusst. Sie ist natürlich Teil unseres Lebens. Bislang habe ich das nicht so gesehen wie Benedikt. Aber ich stimme ihm zu.

Hm, Pippi Langstrumpf als Blaupause für Halla? Darauf wäre ich nicht gekommen, ich dachte eher an eine Göttin. Vielleicht auch David und Goliath. Oder Robin Hood.

BE: Pippi Langstrumpf ist eine Göttin! Aber im Ernst, natürlich dachte auch ich an Artemis, die Göttin der Jagd und Beschützerin von Frauen und Kindern. Und, in gewisser Weise, auch an Athena, die Weise, die immer eine Lösung findet.

Warum hast du Halldóra für diese Rolle ausgesucht?

BE: Tatsächlich dachte ich schon beim Schreiben des Drehbuchs an Dóra, aber irgendwie bin ich unterwegs vom richtigen Weg abgekommen. Ich schäme mich sehr zuzugeben, dass ich Castings veranstaltet habe. Irgendwann fiel es mir aber wie Schuppen von den Augen: Ich brauchte eine starke Frau, eine Göttin – und das ist sie. Wir kennen uns schon aus unserer Kindheit, waren zusammen auf der Schauspielschule, haben bei unserem ersten Job und später an mehreren Theatern zusammen gearbeitet.

Halldóra, wenn ich das richtig verstanden habe, ist Halla eine Kurzform deines eigenen Namens. Gibt es noch weitere Gemeinsamkeiten zwischen dir und ihr?

BE: Darauf würde ich gerne antworten. Halldóra bezieht in der #MeToo- Debatte eine sehr klare Position. Sie ist wie Halla eine wirkliche Kämpferin, auch in feministischer Hinsicht. Sie ist eine Musikerin, spielt Saxofon. Sie ist eine Revolutionärin. Sie hat viel in sich, was auch die Filmfigur hat.

 

Seht hier den Trailer zu „Gegen den Strom“

 

Halldóra, stimmst du ihm zu?

HG: Och, ja, ja … Und ich war ja auch für sieben, acht Jahre alleinerziehende Mutter. Ich weiß sehr gut, wie es ist, wenn man alles alleine machen muss. Und wie es ist, Mutter zu sein. Ich hatte also einen sehr einfachen Zugang zu Halla und konnte gut verstehen, wie sie und warum sie so handelt.

Nun hat Halla ja aber eine Zwillingsschwester, eine andere Seite. Kannst du die auch verstehen?

HG: Ja. Das ist wohl etwas, das man lernt, wenn man älter wird. Dir wird klar, dass du geduldiger werden und in manche Dinge tiefer eintauchen musst. Das Äußerliche ist dir nicht mehr so wichtig. Ása ist bereit, ins Kloster zu gehen. Ich selbst habe da auch einmal einige Zeit verbracht. Ich konnte mich also auch gut in sie hineinfühlen.

Die beiden Schwestern symbolisieren, so verstehe ich es, eigentlich zwei Seiten einer Person, den äußeren und den inneren Kampf, den Halla ausficht. Benedikt, wie bist du darauf gekommen, das mit Zwillingen darzustellen?

BE: Na ja, das ist ja ein sehr altes Stilmittel. Außerdem habe ich selbst Zwillingstöchter, und ich kenne welche in Reykjavík, die für die Natur kämpfen. Ich habe schon in einer frühen Phase des Drehbuchschreibens darüber nachgedacht. Weil wir ja alle diese zwei Seiten in uns haben, diese Zerrissenheit – sollen wir für das große Ganze handeln oder zu unserem persönlichen Besten? Die Zwillinge konnten diesen Kampf auf metaphorische, cineastische Weise darstellen.

 

„Ich war ein frustrierter Aktivist, der etwas in die Luft sprengen wollte“

 

Wie bist du überhaupt auf diese Geschichte gekommen?

BE: Ich war Mitglied einer Aktivistengruppe gegen die Aluminiumhütten, also war mir dieses Thema sehr nah. Wir hatten Bulldozer und Ähnliches, haben viele Male versucht, etwas gegen diese Strommasten auszurichten. Mehrmals haben Farmer versucht, sie in die Luft zu jagen und das Tal zu retten. Und da habe ich begonnen, darüber nachzudenken, ob das wirklich der richtige Weg ist. Ist das Sabotage? Und wenn ja, ist das in diesem Falle gerechtfertigt? Ich war also dieser frustrierte Aktivist, der etwas in die Luft sprengen wollte, und entschied dann aber, stattdessen lieber einen Film darüber zu machen.

HG: Feigling. Aber na ja, er hat ja auch eine Familie …

Ah, deshalb diese kuriose Adoptions-Geschichte …

BE: Mhm ja, das ist wohl so. Aber das Kernproblem des Ganzen ist natürlich der Klimawandel. Und das paradoxe Verhalten der Regierungen, die ganz einfach und mal eben so Umweltaktivisten zu Staatsfeinden erklären. Menschen, die für die Natur und damit auch unsere langfristigen Interessen kämpfen! Die Schwachstelle unseres demokratischen Systems ist es, wie einfach Regierungen so manipuliert werden können, dass sie mit denjenigen zusammenarbeiten, die ihre eigenen, speziellen Interessen verfolgen – entgegen denen der Menschheit. Das ist eine Debatte, die überall, in allen Ländern und Gesellschaften geführt wird.

Es gibt diese Szene, bei der die Ministerialen unbewusst eine Art magischen Kreis bilden, und Halla spürt oft tief ins Moos hinein. Gibt es in Island den Glauben an die mystische Mutter Erde?

HG: Wir würden nie sagen, dass wir daran glauben. Aber wir würden auch nie sagen, dass es sie nicht gibt. Wir praktizieren aber keine Riten oder dergleichen.

BE: Das ist eher eine spirituelle Sache. Ich würde sagen, wir fühlen die Macht der Natur. Und wir respektieren sie. Dóra hatte da übrigens eine schöne Idee. Wir sprachen über Mutter Natur und ihren Missbrauch. Und sie sagte: Vielleicht sollten wir sie nicht Mutter Natur nennen, sondern unser Kind. Der Himmel, die Atmosphäre, die Ozeane, sie alle sind unsere Kinder. Kinder, die missbraucht werden. Vergiftet. Dann würden wir vielleicht viel eher losrennen und versuchen, sie zu retten. So wie Halla.

Als Sündenbock für Hallas Anschläge muss im Film ein Ausländer herhalten, der immer wieder einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort ist. In Island spielt Immigration aber keine große Rolle, oder?

BE: Nein, nicht wirklich, zu uns kommen kaum Flüchtlinge. Es gibt auch keine Partei, die irgendwelchen Rassismus predigen würde, nur ein paar Einzelpersonen. Aber das ist ein universelles Thema. Es ist so einfach, dem Ausländer die Schuld zu geben. Das passiert überall derzeit.

Gegen den Strom“: Ab 13.12. im Kino; Regie: Benedikt Erlingsson. Mit Halldóra Geirharðsdóttir, Jóhann Sigurðarson, Juan Camillo Roman Estrada.


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2018. Das Magazin ist seit dem 29. November 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


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„Alles ist gut“ – das Drama einer Vergewaltigung

Im beklemmenden Drama „Alles ist gut“ wird Janne nach einem feuchtfröhlichen Klassentreffen vergewaltigt. Lange vor der #MeToo-Debatte nahm Eva Trobisch diesen Film in Angriff.

Von wegen „Alles ist gut“. Nichts ist gut. Dass in Jannes (Aenne Schwarz) Leben nicht alles so idyllisch ist, wie uns die ersten Minuten glauben lassen wollen, wird schnell klar: Wir erfahren, dass der kleine Verlag von Janne und ihrem Partner Piet (Andreas Döhler) Insolvenz anmelden musste. Sie scheint das besser zu verkraften als er, Piet ist reizbar und aggressiv. Richtig den Bach runtergeht es für Janne aber, nachdem sie von Martin (Hans Löw) nach einem feucht-fröhlichen Klassentreffen vergewaltigt wird. Erst findet Janne Martins Zudringlichkeit noch „albern“, sie lacht, doch dann geht es ganz schnell, ein kurzes, nüchternes Gerammel, kaum scheint es real.

Janne will kein Opfer sein, sie doch nicht! Deshalb verschweigt sie das Geschehene und spielt es herunter, als sie Martin zufällig wiedertrifft. Er ist der Schwager ihres väterlichen Freundes Robert, der ihr einen Job als Cheflektorin anbietet. Janne cancelt kurzerhand die gemeinsame Zukunft mit Piet auf dem Land und nimmt an – wohl wissend, dass sie als Kollegin mit Martin zusammenarbeiten muss. Kein Problem, oder? Für Martin schon. Er ist über sich selbst entsetzt, er kann das Geschehene nicht mit seinen Wertvorstellungen vereinbaren und Jannes Haltung nicht verstehen; er will es wiedergutmachen.

Verstrickt im Lügengespinst

Doch Janne scheint souverän, sie macht ihren Job und unterstützt Robert mit Rat und Tat, als der von seiner wesentlich jüngeren Frau emotional und körperlich misshandelt wird (oh ja!). Doch immer mehr verstrickt sie sich in ihr Lügengespinst, immer mehr entgleitet ihr die Kontrolle, bis die Folgen der Gewalttat sie und ihre Mitmenschen in einen zerstörerischen Strudel reißen.

Man möchte Janne anschreien: Sag doch endlich was! Tu nicht so, als wäre nichts gewesen! Doch sie schweigt, lächelt, will keine Schwäche zeigen. Lange vor der #MeToo-Debatte nahm Eva Trobisch diesen Film in Angriff, und sie zeigt auf sehr beklemmende Weise und mit einer großartigen Hauptdarstellerin, welche fatalen Folgen Gewalt – und deren Verschweigen – haben kann.

Text: Steffi Horst


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2018. Das Magazin ist seit dem 30. August 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

 

 

 

 


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