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Kulturisten-Hoch2: Generationen auf Augenhöhe

Wenn junge und alte Menschen gemeinsam etwas erleben, ist das für beide Seiten bereichernd. Das Projekt Kulturisten-Hoch2 macht dies möglich. Wie prägend ein Abend sein kann, erzählt die Initiatorin Christine Worch

Interview: Karin Jirsak

 

SZENE HAMBURG: Frau Worch, KulturistenHoch2 bringt Senioren und Schüler als Tandem für Kulturveranstaltungen zusammen. Wie läuft das ab?

Christine Worch: Seit 2016 bilden wir Kooperationen mit Schulen in Stadtteilen, in denen signifikant viele ältere Menschen mit niedrigem Einkommen leben. Einmal im Jahr stellen wir das Projekt in den Schulen vor, und die Schüler der jeweiligen Oberstufen können sich bei Interesse anmelden.

Wenn wir mindestens 15 Anmeldungen haben, kann das Projekt starten. Erst dann suchen wir die älteren Menschen in einem Stadtteil über verschiedene Kommunikationskanäle. Da stützen wir uns zum Beispiel auf Kooperations- und Netzwerkpartner, wie den ASB oder auch kirchliche Seniorentreffs.

Mittlerweile gibt es auch schon viel Mundpropaganda. Dank unseres Kooperationspartners Kulturleben Hamburg, der Tickets für Kulturveranstaltungen an Menschen mit geringem Einkommen vermittelt, können wir den älteren Menschen Karten für vielseitige Veranstaltungen anbieten, für die sie im Vorfeld Interesse bekundet haben. Wenn sie sich für eine Veranstaltung entschieden haben, suchen wir nach einer passenden Begleitung in der näheren Umgebung.

Funktioniert das Prinzip?

Bis jetzt haben sich rund 600 Tandems gefunden. Also ja.

Welche Veranstaltungen besuchen die Tandems?

Je nach Interesse der teilnehmenden Senioren kann das mal ein klassisches Konzert sein, eine Ausstellung, ein Theaterstück. Oder auch mal etwas Ungewöhnlicheres. Gleich im ersten Jahr sind zwei Tandems zum Wacken Open Air gefahren. Ein 69-jähriger Teilnehmer sagte hinterher, er sei völlig begeistert davon gewesen, dass da 80.000 „wild aussehende Menschen“ so friedlich zusammen feiern.

Wieso haben Sie sich für ein Generationen-Projekt entschieden?

Ich war früher im Marketing und Vertrieb tätig, aber vor fast genau acht Jahren hatte ich den großen Wunsch, mein Know-how auf diesem Gebiet in etwas Soziales einzubringen. Ich habe dann eine Fundraising-Ausbildung gemacht, bin als Beraterin in verschiedenen Demenzprojekten tätig gewesen und habe unter anderem auch für Kulturleben Hamburg gearbeitet.

Dabei habe ich bemerkt, dass es immer wieder ältere Menschen gab, die das Angebot, eine Kulturveranstaltung zu besuchen, zwar gerne in Anspruch genommen hätten, aber darüber klagten, dass ihnen eine Begleitung fehle. Jemand, der gegebenenfalls auch helfen kann, wenn die ältere Person nicht mehr so mobil ist.

 

Wenn Alt und Jung Freunde werden

 

Unternehmen die Tandems nach dem ersten Treffen öfter etwas zusammen?

Wenn da Menschen aufeinandertreffen, die sich mögen, versuchen wir, sie künftig gemeinsam zu vermitteln. Gelingt das nicht, weil zum Beispiel die Schülerin oder der Schüler an dem fraglichen Abend keine Zeit hat, so hat der ältere Mensch die Chance einen anderen jungen Menschen kennenzulernen.

Es kommt durchaus vor, dass dauerhafte Freundschaften entstehen und die Teilnehmenden auch über das Projekt hinaus weiter Kontakt haben.

Welche Rückmeldungen kommen bei Ihnen an?

Beide Seiten freuen sich darüber, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die einer ganz anderen Generation angehören als sie selbst und dass sie so in vielerlei Hinsicht ihren Horizont erweitern können. Gerade Jugendliche, deren Großeltern nicht in ihrem direkten Umfeld leben, finden es interessant, die Geschichten älterer Menschen zu hören.

Viele sagen auch, dass sie durch das Projekt auch Kultur kennenlernen konnten, auf die sie alleine wahrscheinlich nicht gekommen wären.

Warum sind gerade Kulturveranstaltungen eine gute Möglichkeit, Generationen zu verbinden?

Auf beiden Seiten gibt es oft Vorurteile, und eines unserer wichtigsten Ziele ist es, diese abzubauen. Dazu ist es wichtig, dass sich die Jüngeren und die Älteren auf Augenhöhe begegnen, die Kultur kann da ein sehr guter Mittler sein.

Wir hatten zum Beispiel mal eine 17-jährige Teilnehmerin, die mit ihrer 78-jährigen Partnerin das erste Mal in die Oper gegangen ist, was natürlich sehr aufregend für sie war. Die ältere Dame war dagegen eine vormals versierte Operngängerin. Beide haben bei einer tragischen Szene zusammen geweint, und das Mädchen sagte hinterher, sie habe die Geschichte, die da auf der Bühne gezeigt wurde, durch das anschließende Gespräch mit ihrer Begleiterin erst richtig verstanden.

Kulturisten-Hochzwei-Alter-Test-Anzug

So ausgerüstet fühlen Jugendliche nach, wie es ist, zu altern

Die Jugendlichen werden für die Teilnahme an dem Projekt vorher geschult. Was wird dabei vermittelt?

Zum Beispiel, wie sie Menschen mit Rollstühlen und Rollatoren unterstützen können. Auch ein Alterssimulationstraining gehört zur Ausbildung. Seheinschränkungen werden zum Beispiel mit verschiedenen Brillen simuliert, ein Schallschutz lässt die Jugendlichen Schwerhörigkeit nachempfinden. Eine Halskrause, Gewichte für die Hand- und Fußgelenke und Ellbogen, jeweils zwei Kilo schwer, und spezielle Handschuhe zeigen die Einschränkungen von Gelenkversteifungen. Dazu kommt noch eine 25 Kilo schwere Weste, die den Kraftverlust des Gesamtorganismus fühlbar macht.

Nach spätestens fünf Minuten Bewegung in dieser Montur wird den Jugendlichen klar, dass das Altern wirklich kein Spaß ist und sie entwickeln großen Respekt davor, was ältere Menschen jeden Tag leisten müssen. Wir gehen dann auch noch einmal in diesem Aufzug mit den Teilnehmenden einkaufen. Dabei begreifen die Jugendlichen dann auch, warum es manchmal so lange dauert, wenn vor ihnen an der Kasse ein älterer Mensch steht.

Was bewirkt das bei den Jugendlichen?

Es gibt Jugendliche, die nach dem Projekt den Wunsch äußern, in der Altenpflege tätig zu werden. Sie bekommen nach Ablauf des Projektjahres ein Zertifikat für ihren ehrenamtlichen Einsatz. Daraus können sich also auch Zukunftsperspektiven entwickeln.

Kulturisten-hoch2.de


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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SZENE HAMBURG im August 2019: Wie sozial ist Hamburg?

Lest in unserem Editorial, auf welche Geschichten ihr euch im August freuen könnt

Sich sozial zu engagieren, gehört heutzutage schon fast zum guten Ton. Die letzte Statistik aus dem Jahre 2014 besagt, dass 36 Prozent aller Hamburger ab 14 Jahren ehrenamtlich tätig sind. Und das war ein Jahr bevor die Anzahl der Geflüchteten anstieg und viele Initiativen in der Stadt gefühlt über Nacht entstanden sind. Aber: Wer kein Ehrenamt ausfüllt, muss sich jetzt nicht schlecht fühlen. Denn genauso wichtig ist das soziale Verhalten im Miteinander. Den Darwinismus ignorieren, die Augen aufmachen, hinhören – der ältere Nachbar im Haus freut sich vielleicht über eine vom Einkauf mitgebrachte Tüte Milch, oder einen kleinen Schnack. Die Tür für den Hintermann aufhalten und nicht vor der Nase zuschlagen. Denn je besser man sich behandelt fühlt, desto besser behandelt man andere, klar. Und einer muss ja den Anfang machen.

 

Mit dem Herz am rechten Fleck

 

Um Anfänge geht es auch in einigen unserer Geschichten. Wir porträtieren drei Kitas mit individuellen Ansätzen. Sie sind meist die erste institutionelle Erfahrung, die Kinder machen, und tragen einen Teil dazu bei, wie sie in die Welt starten und vielleicht auch, was sie auf ihre Reise mitnehmen. Eine andere Form von Neubeginn unterstützt der Fürsorgeverein, der ehemaligen Strafgefangenen Wohnraum und eine Begleitung zurück in den Alltag bietet. Stichwort: Resozialisierung. Ein großes Wort und ein großes Unterfangen. Warum es an vielen Stellen noch hakt, erzählt unsere Geschichte „Die Last der Freiheit“. Eine Straftat hinterlässt meist auch einen Geschädigten. Wie es den Opfern danach und wie es für sie weitergeht, erleben die Mitarbeiter vom Weißen Ring täglich. Seit 40 Jahren ist die Institution in der Stadt tätig.

In allen Bereichen, ob Kultur, Sport oder bei gesellschaftlichen Themen, zeigt sich: Die Hamburger sind Macher, voller Tatendrang und mit dem Herz am rechten Fleck.

Text: Hedda Bültmann, Redaktionsleitung SZENE HAMBURG


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Foto: Sophia Herzog

Hedda Bültmann, unsere Redaktionsleiterin, hat den Kopf voller Ideen und bei der SZENE HAMBURG das Ruder in der Hand. Mit ihrem Spirit, Tatendrang und Ideen prägt sie unser Stadtmagazin. Lust auf Austausch? Ihr erreicht sie unter hedda.bueltmann@vkfmi.de


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Kulturchoc: Diese Schokolade hilft bei der Integration

Mona Taghavi Fallahpour ist Gründerin und Geschäftsführerin des Food-Start-ups Kulturchoc, das Frauen nach Flucht oder Migration einen beruflichen Neueinstieg ermöglicht

Text und Interview: Erik Brandt-Höge
Fotos: Felix Valentin

Schokolade als Integrationshilfe? Klingt nach einer so süßen wie naiven Idee, ist aber ein bestens funktionierendes Sozialunternehmen. Kulturchoc heißt das Projekt, das Mona Taghavi Fallahpour vor einem Jahr gegründet hat. Ihr Konzept: Geflüchtete Frauen und Migrantinnen, die 35 Jahre oder älter sind, kreieren gemeinsam Köstlichkeiten und schaffen sich dadurch eine Zukunftsperspektive.

Korrekte Konfekte nennt die Kulturchoc-­Macherin das, was ihre Mitarbeiterinnen in einer Altonaer Küche aus u. a. Mandeln, Datteln und Safran zaubern. Alle Zutaten sind fair gehandelt, viele stammen aus den Herkunftsländern der Köchinnen.

Mona, die bereits seit elf Jahren für Vereine, Stiftungen und Organisationen an Bildungsprojekten arbeitet und sie umsetzt, wurde für Kulturchoc kürzlich für den Deutschen Integrationspreis ausgezeichnet – und das soll erst der Anfang sein, sagt sie …

SZENE HAMBURG: Mona, Kulturchoc wirkt wie ein Integrationsprojekt par excellence. Aber: Ist alles so einfach, wie es aussieht?

Mona Taghavi Fallahpour: Es hat schon eine gewisse Zeit gebraucht, unsere Vorhaben umzusetzen. Sozialunternehmen sind in Deutschland noch nicht so anerkannt wie in anderen Ländern, etwa in Amerika. Da ist man auch rechtlich schon weiter, was gemeinnützige Unternehmerarbeit angeht.

Woran liegt das?

Hier ist es einfach nicht üblich, etwas für soziale Projekte zu erwirtschaften. Es ist deshalb anfänglich gar nicht so leicht, die passenden Unterstützer für solche Unternehmen zu finden.

 

„Das Interesse ist riesig!“

 

Wie war es denn bei der Teamfindung für Kulturchoc: Haben sich schnell interessierte Frauen bei dir gemeldet?

Ich hatte und habe immer noch viel mehr Bewerbungen, als ich bewerkstelligen kann. Das Interesse ist riesig! Das habe ich schon zu Beginn gemerkt, als ich Kulturchoc noch ehrenamtlich als Workshop in einem Stadtteilzentrum in Altona angeboten habe.

Bei den Frauen kam das super an – genau wie bei den Kunden. Es lief so gut, dass ich im Oktober 2018 entschied, Kulturchoc hauptamtlich zu leiten.

Und nach welchen Kriterien suchst du die Mitarbeiterinnen aus?

Zunächst bekomme ich einen Lebenslauf von den Frauen, dann vereinbare ich einen Kennenlerntermin, bei dem wir auch gemeinsam in unsere Küche gehen. Dort können sich die Bewerberinnen mit den Frauen unterhalten und austauschen, die schon länger dabei sind und natürlich auch schon ein paar erste Konfekte rollen.

Danach setze ich mich mit allen zusammen, und wenn es passt, probieren wir es sechs bis acht Wochen aus und denken über eine längere Zusammenarbeit nach.

 

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Kulturchoc-Künstlerinnen bei der Handarbeit

 

Momentan sind sechs Frauen in unserer Küche, zwei von ihnen bereits festangestellt. Übrigens bietet Kulturchoc den Teilnehmerinnen auch neben der Arbeit einiges an, um ihr Selbstbewusstsein zu stärken und ihre Teilhabe an der Gesellschaft zu fördern, z. B. Fahrrad­- und Selbstverteidigungskurse, Stimm-­ und Präsentationstraining.

Das alles braucht eine Finanzierung. Wer unterstützt euch?

Im vergangenen Jahr haben wir eine Anschubförderung vom Bezirksamt Altona bekommen. Die Mitarbeiter dort haben sich dafür eingesetzt, dass Kulturchoc in Altona bleibt. Auch bei einem Crowdfunding haben wir erfolgreich mitgemacht und über 11.000 Euro an Spenden gesammelt. Und kürzlich sind wir von der Jury des Deutschen Integrationspreises auf den zweiten Platz gewählt worden, dafür gab es ein Preisgeld.

Die Weichen für weitere Erfolge sind also gestellt. Was ist das nächste Ziel?

Wir wollen wachsen. Wir wollen mehr Teilnehmerinnen aufnehmen und größere Maschinen anschaffen, um die Produktion zu verbessern. Und langfristig wollen wir uns natürlich selbst finanzieren.

Ich wünsche mir, dass wir irgendwann so weit sind, dass die Frauen den Laden selbst schmeißen können und ich mich Stück für Stück heraus­ziehen kann. Um das zu erreichen, haben wir u. a. vor, einen Webshop einzurichten, damit die Korrekten Konfekte auch bundesweit verschickt werden können. Momentan sind wir ja nur lokal unterwegs, z. B. auf Märkten in Hamburg. Der Webshop ist also der nächste große Schritt – und an neuen Produkten tüfteln die Frauen auch schon.

Kulturchoc.de


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2019 im Handel und zeitlos im 
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Sternenkinder: Jasmin Schreiber fotografiert tote Babys

Die Bloggerin Jasmin Schreiber macht ehrenamtlich Fotos von Babys, die vor oder kurz nach der Geburt sterben. Warum das ein wichtiger Teil der Trauerarbeit der Eltern ist, erzählt sie im Interview

Text und Interview: Ulrich Thiele
Foto (o.): Privat

SZENE HAMBURG: Jasmin, du bist Biologin, Journalistin und Fotografin. Auf deinem Blog schreibst du über den Tod: „Ich weiß wenig von alldem, hatte bislang kaum Todesfälle in meinem engeren Umfeld.“ Wie bist du trotzdem dazu gekommen, dich so intensiv mit dem Thema zu konfrontieren?

Jasmin: Ein paar Fälle in meinem Umfeld gab es doch. Als vor einigen Jahren in meinem Freundeskreis ein Kleinkind gestorben ist, haben mich die Eltern gefragt, ob ich das Kind für sie fotografieren kann. Ich fand die Vorstellung seltsam, habe es aber trotzdem gemacht. Und als die Nichte einer Freundin von mir im Grundschulalter an Krebs erkrankt ist, habe ich sie oft besucht und gesehen, wie viele ehrenamtliche Sterbebegleiter es gibt und was für wertvolle Arbeit die leisten.

Als ich später nach Berlin gezogen bin, habe ich deswegen nach einem Ehrenamt in diesem Bereich gesucht. Dabei bin ich auf die Organisation „Dein Sternenkind“ aufmerksam geworden. Die Organisation schickt Fotografen los für Familien, bei denen das Baby im Mutterleib oder kurz nach der Geburt stirbt.

Wie war deine erste Begegnung mit einem Sternenkind?

Ich war aufgeregt und hatte Angst. Ich kam um zwei Uhr nachts im Krankenhaus an und war mit dem toten Baby allein in einem Raum, weil die Eltern nicht dabei sein wollten. Dadurch hatte ich zum Glück keinen Druck und meine Angst, den Eltern gegenüber etwas falsch zu machen, spielte keine Rolle. Ich konnte alles in Ruhe vorbereiten.

Wie gehst du mit den dunklen Momenten um? Wenn du auf deinem Blog schreibst, wie du auf Eltern triffst, die sich monatelang vorbereitet haben und wie der Großvater ganz klassisch ein Bett für das Baby selbst gebaut hat – das ist selbst als Leser schwer erträglich.

Klar, es gibt Situationen, die unfassbar traurig sind und wehtun. Ich bin kein Stein und ich blinzle hinter der Kamera auch meine Tränen weg. Aber ich muss diese Arbeit professionell angehen. Ich kann mich distanzieren und nehme nichts auf eine belastende Art und Weise mit nach Hause. Wenn ein Arzt jedes Mal zusammenbrechen würde, wenn ein Patient stirbt, dann könnte er nach drei Tagen nicht mehr weiterarbeiten.

 

 

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Ist deine Arbeit immer so dunkel, wie sich die meisten Menschen das vorstellen?

Nein, ich bin immer wieder erstaunt, wie viel gelacht wird. Bei meinem zweiten Sternenkind waren die Eltern dabei. Ich war fünf Stunden bei ihnen, weil im Krankenhaus eine Versorgungslücke herrschte und ich gemerkt habe, dass sie gerade jemanden brauchen. Am Anfang dachte ich, ich würde nur niedergeschmettert sein und weinen.

Aber da war auch viel Licht und Liebe im Raum. Denn letztlich treffen auch die Eltern eines Sternenkindes zum ersten Mal auf ihr Baby und sie schauen wie Eltern, deren Kind gesund zur Welt gekommen ist, wessen Augen es hat. Sie sind auch stolz, dass sie so ein schönes Baby haben.

Inwiefern helfen die Bilder?

In einer solchen Situation geht alles schnell und vieles rauscht an den Eltern vorbei. Vor allem die Mütter sind oft noch unter Medikamenteneinfluss. Ein Bild ist eine Erinnerung, eine Möglichkeit, den Moment festzuhalten und zu zeigen, dass alles real war. So können sie sich den Moment mit ihrem Baby immer wieder vor Augen führen – was auch wichtig für die Trauerbewältigung ist.

Beim Lesen deiner Blog-Texte fällt auf, was für ein großes Mitteilungsbedürfnis die Eltern dir gegenüber haben, obwohl du für sie eine Fremde bist. Woran liegt das?

Sie müssen mich nicht schonen. Mit einer Fremden können sie anders reden als mit medizinischem Personal oder mit Familienangehörigen, sie können alles herauslassen und mir Dinge sagen, die sie anderen Leuten nicht sagen würden. Am Anfang hat mich das überrascht und ich wusste nicht, wie ich damit umgehen soll.

 

„Die Eltern fragen mich dann, ob sie Schuld seien“

 

Was für Dinge sind das?

Viele der Sternenkinder haben genetische Defekte wie Trisomie 13, oft auch in Kombination mit einem Herzfehler. Die Eltern fragen mich dann, ob sie Schuld seien. Vor allem Mütter haben Angst, dass sie etwas gemacht haben könnten, was das Kind getötet hat. Ich zeige ihnen dann, wie eine Chromosomenteilung aussieht und dass sie darauf keinen Einfluss haben.

Deine Texte haben eine gesellschaftliche Dimension, wenn du schreibst, wie das Umfeld auf eine Fehlgeburt reagiert …

Diese Kinder, die in der 26. Schwangerschaftswoche sterben, sind winzig. Ein Bewusstsein dafür, dass so ein Kind dennoch eine richtige Person ist, ist noch nicht da. Das Umfeld sieht deswegen nur eine fehlgeschlagene Schwangerschaft. Dann kommen Sätze wie: „Na ja, ihr seid ja noch jung, dann probiert ihr es halt noch mal.“

Für die Eltern ist das schmerzhaft, weil dieses Kind für sie ein Individuum war. Wenn der Opa stirbt kommt schließlich auch niemand und sagt: „Halb so wild, du hast ja noch einen anderen Opa.“

Woran liegt das?

Es ist vermutlich ein Überbleibsel aus alten Zeiten, als eine Fehlgeburt noch schambehaftet war. Ganz früher war die Frau schuld, wenn etwas bei der Schwangerschaft schiefgegangen ist. Später hat man zwar erkannt, dass die Frau nicht schuld ist, aber eine fehlgeschlagene Schwangerschaft galt noch immer als peinlich und eklig.

Den Müttern wurden die Kinder auch gar nicht gezeigt – die Kinder wurden sofort in ein Tuch gewickelt und entsorgt. Diese Mütter haben ein Sternenkind und reden nie darüber, obwohl sie die Wunde auch 40 Jahre später noch spüren.

Der Tod ist in unserer Kultur generell noch ein Tabuthema, schreibst du auf deinem Blog. Warum?

Wir werden immer säkularer, die religiösen Rituale fallen weg. Nur wenige haben sich neue Rituale überlegt. Dementsprechend herrscht eine Leerstelle: Wie geht man mit dem Tod um, wenn man nicht an Gott glaubt? Wir leben in dieser technisierten Welt, in der ein Leben medizinisch in die Länge gezogen werden kann. Da wirkt der Tod fast schon wie ein Fehler. Deswegen sagen Ärzte: „Wir konnten Ihren Vater nicht mehr retten“, obwohl er 95 Jahre alt war.

 

„Da wirkt der Tod fast schon wie ein Fehler“

 

Was macht diese transzendentale Leerstelle mit dir?

Ich persönlich glaube nicht an Gott, aber die Vorstellung, nach meinem Tod einfach nicht mehr zu existieren, macht mir Angst. Diese Angst kann mir auch nichts und niemand nehmen.

Also auch nicht deine Arbeit mit dem Tod…

Viele romantisieren meine Arbeit und denken, ich hätte ein harmonisches Verhältnis zum Tod. So ist es aber überhaupt nicht. Der Tod versetzt mich nicht so sehr in Angst und Schrecken, dass ich gelähmt bin und mein Leben nicht mehr weiterleben kann. Ich steigere mich nicht hinein und sitze auch nicht den ganzen Tag zusammengekrümmt auf dem Boden und heule, weil ich sterblich bin – aber ich fahre auf Sichtweite mit dem Tod und mache mir bewusst, dass ich sterblich bin.

 

 

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Dein Blog heißt „Sterben üben“. Das „Üben“ läuft also nicht auf einen abgeschlossenen Punkt zu?

Das Leben ist ein ewiges Hadern und kein abgeschlossener Prozess. Mal denke ich mit Gelassenheit darüber nach, dass ich sterben werde. Dann denke ich wiederum: Oh Gott, ich werden sterben, wie furchtbar! Diese normale Grundangst ist etwas absolut Menschliches und wichtig, sonst würde ich nicht nach rechts und links schauen, bevor ich über die Straße gehe. Angst vorm Tod klingt so negativ, aber es heißt auch, dass ich gerne lebe.

Aber was bedeutet „Sterben üben“ konkret?

Sterben zu üben, bedeutet nichts anderes als zu leben. Wir werden sterben, und „Sterben üben“ bedeutet, dass man bewusst lebt. Das klingt total abgedroschen, aber so ist es. Wir sind oft leichtsinnig und denken, der Tod hätte nichts mit uns zu tun.

Aber je älter wir werden, umso näher kommen die Einschläge um uns herum – etwa, wenn die Eltern altern und gebrechlich werden oder wenn Freunde oder die Kinder von Freunden sterben. Wir sollten uns auch deshalb mit diesem Thema konfrontieren, um zu lernen, mit diesen Menschen umzugehen.

 Sterbenueben.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats – Petra und Anne von KulturLeben

Mit kostenlosen Tickets für Theater und Konzerte will der Verein Kulturleben Hamburg prekär lebende Menschen aus der Vereinsamung holen. Vor Kurzem haben die Geschäftsführerin Petra Schilling (links) und Anne Busch, Projektkoordinatorin, den Kulturklub gegründet, der sich speziell an Kinder richtet.

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Torben Averkorn

SZENE HAMBURG: Petra und Anne, welche Vision steht hinter Kulturleben Hamburg?

Petra: Kulturleben Hamburg wurde Anfang 2011 als Verein gegründet und die ersten vier Jahre komplett ehrenamtlich betrieben. Der Impuls für die Idee kam damals aus der Tafel-Bewegung, denn das Prinzip lässt sich ja auf viele Bereiche in unserer Gesellschaft übertragen, in denen Teilhabe für Menschen mit geringem Einkommen nicht oder nur sehr begrenzt möglich ist.

Von unseren Kulturpartnern bekommen wir Eintrittskarten als Spende, die wir kostenfrei an unsere Kulturgäste weitervermitteln. Da die Vermittlung über uns läuft, muss niemand an der Abendkasse etwas vorweisen wie einen ALG II-Bescheid, das ist für die meisten sehr wichtig.

Mittlerweile haben sich rund 8.000 Kulturgäste bei euch angemeldet. Wuppt ihr das noch immer ehrenamtlich?

Petra: Aktuell engagieren sich bei uns rund 50 Menschen ehrenamtlich. Alles, was für unsere Arbeit an Kosten anfällt wie Miete, Telefonanschlüsse, Flyer bezahlen wir aus Spendengeldern. Mitte 2015 konnte der Verein dank einer Projektförderung von der Sozialbehörde die Teilzeitstelle schaffen, auf der ich heute arbeite. Das Hauptamt hat noch mal ganz neue Energien freigesetzt, denn in den letzten beiden Jahren ist die Anzahl der Teilnehmer um 60 Prozent gestiegen.

Die Nachfrage ist immens hoch und steigt weiter. Rein ehrenamtlich wäre das mittlerweile nicht mehr machbar. Aber im Kern bleiben wir eine Organisation, die vom Ehrenamt getragen wird. Das ist ein wichtiger Teil unseres Selbstverständnisses.

 

„Wir möchten Kultur als gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen“

 

Wie geht es weiter?

Petra: Wir wollen unser Angebot so vielen Menschen wie möglich zugängig machen. Im kommenden Jahr steht für uns daher die Gewinnung neuer Kulturpartner und der Ausbau unseres bereits bestehenden Netzwerks ganz oben auf der Agenda. Kurz gesagt, wenn die Gästezahlen steigen, brauchen wir auch mehr Kartenspenden, damit wir unser Angebot in gleicher Qualität aufrechterhalten können. Denn wir möchten ja nicht nur zwischendurch mal ein schönes Einzelerlebnis anbieten, sondern regelmäßig Kultur als gelebte gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen.

Ihr habt eine Einkommensgrenze festgelegt, die dazu berechtigt, sich bei euch anzumelden. Dabei fallen einige durchs Raster, die gerade so daran vorbeirutschen und sich dennoch keine Kultur leisten können …

Petra: Ja, die gibt es bestimmt. Aber wir mussten eine für uns vertretbare Grenze ziehen. Auch die Kulturhäuser, die öffentliche Gelder erhalten, müssen nachweisen, an wen sie Karten umsonst abgeben. Wir bemühen uns, eine gute Mitte zu finden, so dass wir möglichst viele Menschen mitnehmen, aber auf der Anbieterseite kein Haus verlieren.

Ihr vergebt eure Karten paarweise. Warum?

Petra: Ja genau, in der Regel bekommt jede Person zwei Karten. So können unsere Kulturgäste jemanden ihrer Wahl als Begleitung mitnehmen. Zum einen wirkt das der Vereinsamung entgegen, und zum anderen können die Leute so auch mal wieder jemanden einladen. Das bekommen wir oft zurückgespiegelt, dass es für die Menschen ein besonders schönes Erlebnis ist, mal wieder in der Lage zu sein, einem anderen etwas zu schenken, da viele ja schon seit Jahren prekär leben.

 

„Für viele ist schon das Überschreiten der Stadtteilgrenze ein ungewohnter Schritt“

 

Leben Menschen an der Armutsgrenze oft einsam?

Anne: Ja, Armut ist stark mit Isolation und Einsamkeit verbunden. Die Betroffenen ziehen sich immer mehr zurück. Wir möchten dagegen anarbeiten und den Menschen eine Möglichkeit geben, wieder teilzuhaben. An der Kultur, aber auch an der Gesellschaft. Die Gelegenheit, mal rauszukommen, über den Tellerrand zu blicken und mal was anderes zu sehen. Für viele ist schon das Überschreiten der eigenen Stadtteilgrenze ein ungewohnter und manchmal auch herausfordernder Schritt. Hier wollen wir Mut machen.

Bewirkt die Armut in der Familie auch bei den Kindern Rückzug?

Anne: Oft leben auch die Kinder isoliert. Das hat auch viel mit Scham zu tun. Ein Grund kann der beengte Wohnraum sein oder das, was es bei ihnen zu Hause zu Essen gibt. Die Scham führt dazu, dass sie keine Freunde mit nach Hause bringen mögen. Das fängt früh an, dass sich die Kinder dann ins Familiäre zurückziehen. Gleichzeitig sind die Familien aber auch mehrfach von enormen Stressfaktoren belastet.

Deshalb habt ihr im letzten Jahr den Kulturklub gegründet, der speziell Kinderveranstaltungen vermittelt?

Anne: Wir haben letztes Jahr das Pilotprojekt auf St. Pauli gestartet und wollen jetzt unser Netzwerk, das auf Kinder und Familien ausgerichtet ist, auf andere Stadtteile ausweiten. Auf Seiten der Sozialpartner kooperieren wir beispielsweise mit der GWA auf St. Pauli, der Ganztagsschule im Viertel und mehreren Beratungsstellen für Familien. Für Kinder ist die kulturelle Teilhabe enorm wichtig und kann Weichen für die Zukunft stellen. Der Kulturklub will dazu beitragen, die bestehende sozial bestimmte Chancen-Ungerechtigkeit für Kinder auszugleichen.

 

„Wir bauen auf die Neugierde von Kindern“

 

Kultur hat dazu die Kraft?

Anne: Sie ist auf jeden Fall ein Teil des Pakets, das notwendig ist, um Kinder zu bestärken und aus ihrem Alltag herauszuholen, in dem sie oft mit schwerwiegenden Problemen konfrontiert sind. Beim Theater- oder Konzertbesuch finden sie vielleicht neue Anstöße zu Themen, die sie beschäftigen. Gleichzeitig haben sie einen Raum, ihre Erlebnisse zu reflektieren und eine neue Perspektive zu entdecken. Das kann den Bildungsweg weiter ebnen. Wir bauen auf die Neugierde von Kindern und hoffen, dass sie von dem Angebot profitieren und daraus etwas für ihre Zukunft mitnehmen.

Wenn schon das Verlassen des eigenen Stadtteils eine Herausforderung ist, wie schwer fällt es euren Gästen, ein Theater zu betreten?

Petra: Wir bekommen häufig mit, dass die Hemmschwelle da ist. Das ist auch der Grund, warum wir noch ganz altmodisch den Telefonhörer in die Hand nehmen und nicht online vermitteln. Viele unserer angemeldeten Kulturgäste würden ohne unseren Anruf nicht losgehen. Das liegt auch an teilweise ganz alten Bildern. Dass man zum Beispiel nur im Pelzmantel in die Oper gehen oder im Schauspielhaus keine Jeans tragen darf. Unser Team versucht im Vorfeld, die vorhandenen Schwellen ängste abzubauen und die Menschen zu motivieren, sich auf das Wagnis Kultur einzulassen.

KulturLeben Hamburg e.V.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Mobile Bullysuppenküche – Jede Socke zählt

Mit ihrem knallroten Transporter fährt Julia Radojkovic seit drei Jahren ehrenamtlich durch die Stadt und versorgt Obdachlose mit Essen und Klamotten. Im Interview erzählt sie, wie sich aus spontaner Hilfsbereitschaft eine feste Institution mit vielen Helfern entwickelte.

SZENE HAMBURG: Julia, wie bist du auf die Idee gekommen, dich für Obdachlose zu engagieren?

Julia Radojkovic: In Hamburg ist die Präsenz von Menschen, die auf der Straße leben,in den letzten Jahren größer geworden. Ich kann da schwer dran vorbeigehen und das ignorieren. Ich bin in Kroatien aufgewachsen. Wenn da jemand Hunger hatte, hat man ihm einen Teller Suppe gegeben. Das ist ein ganz einfacher uralter Brauch. Auch als Betreuerin in der Familienhilfe war soziale Ungleichheit immer ein zentrales Thema für mich.

Warum gibt es so viele Obdachlose?

Es gibt immer mehr Menschen, die die elementaren Kosten wie Wohnraum und Lebensmittel nicht decken können. Zunehmend werden nicht nur Obdachlose von den Tafeln versorgt, alle SGB-II-Empfänger sind berechtigt, dorthin zu gehen. Es gibt immer mehr Arbeitslose und arme Rentner, die ihre Wohnungen nicht mehr bezahlen können.

Wie ist die Bullysuppenküche entstanden?

Ich habe im März 2014 begonnen, mit einem ehemaligen Klassenkameraden auf der Straße Kleidung und Essen an Obdachlose zu verteilen. In meinem Bully haben wir das Essen transportiert und auf einem kleinen Herd warmgemacht. Ende Februar 2016 wollte ich eigentlich aufhören und nicht mehr mit der entstandenen festen Gruppe verteilen. Allein weiterzumachen, konnte ich mir nicht vorstellen. Ich habe mich auf Facebook verabschiedet und am nächsten Tag hatte ich ganz viele Nachrichten: „Du kannst nicht aufhören“, und „jeder kennt deinen Bully, mach bitte weiter, wir helfen dir.“ Nachbarn, Familie und Freunde haben mir kleine Geldbeträge gespendet und wir haben Klamotten und Schlafsäcke gesammelt. Das hat dann schnell eine Dynamik bekommen, da ich über unsere Arbeit auch immer auf Facebook berichtet habe.

Wie ist das Team zusammengesetzt?

Ein großer Teil des Teams besteht aus Menschen, die inzwischen nicht mehr obdachlos sind. Es geht nicht nur um das Essen, es geht auch um Beratung und Kontakte für die Obdachlosen und um die Gemeinschaft. Die Männer achten aufeinander. Es gibt feste Treffen und es wird sich ausgetauscht. Wenn es einem schlechtgeht, ist man nicht mehr allein. Es ist ein Vertrauen entstanden, weil die gemeinsame Zusammenarbeit verbindet.

Ihr arbeitet mittlerweile auch mit anderen Organisationen zusammen.

Wir arbeiten gern mit dem CaFeé mit Herz und dem Jakob-Junker-Haus zusammen. Das ist ein ganz toller Ansprechpartner, wenn es um Unterbringung geht. Hanseatic Help hat uns von Anfang an mit Sachspenden unterstützt. Der Verein hatte zuerst den Schwerpunkt Flüchtlingshilfe und hat im Laufe der Zeit auch viele soziale Organisationen mit Sachspenden versorgt.

„Bei uns gibt es für die Obdachlosen immer eine Umarmung.“ Foto: Michael Kohls

Dir liegt besonders auch an einer persönlichen Begegnung.

Es geht immer auch um menschlichen Kontakt. Viele Menschen haben Berührungsängste, auf Obdachlose zuzugehen. Auch, wenn sie gern helfen würden. Einige kommen zu uns zu Besuch und sehen, die Obdachlosen sind Menschen wie du und ich. Jeder bei uns ist, wie er ist, und so wird er auch genommen. Bei uns gibt es für die Obdachlosen immer eine Umarmung. In vier Jahren ist ein Vertrauen entstanden, weil die Menschen wissen, dass wir kommen. Inzwischen haben wir bessere finanzielle Mittel, seit letztem November werden wir von der Reimund C. Reich Stiftung gefördert. Dadurch verfügen wir über Geld, dass wir beispielsweise für fehlende Personalausweise und andere Soforthilfen einsetzen können. Teilweise können wir helfen, dass die Menschen wieder Leistungen beziehen können. Wir gehen auch mit ihnen zur Behörde oder zum Arzt. Es kann nicht sein, dass Menschen kaputtgehen, weil sie irgendwelche Dokumente nicht haben. Darum geht es uns, es geht um die Zwischenversorgung von Lücken.

Am Anfang wart ihr nur fünf, sechs Personen. Wie viel seid ihr inzwischen?

So um die 20 Leute ist unsere Basis. Es gibt aber auch Menschen im Hintergrund. Eine Helferin hat zum Beispiel Kontakt hergestellt zu Hund & Katze in Winterhude, die spenden jetzt regelmäßig Futter für die Hunde unserer Gäste. Von der Hofküche bekommen wir hochwertiges Essen geliefert sowie von einer Vollwertküche und einem Fleischlieferanten. Auch um solche wichtigen Unterstützer kümmern sich einzelne Netzwerker.

Wo findet eure Verteilung statt?

Wir sind schwerpunktmäßig sonntags alle zwei Wochen tagsüber unterwegs. Wir starten zurzeit um 13 Uhr bei der St. Trinitatis Kirche in der Königstraße. Da haben wir viel Platz. Wir fahren im Winter auch Standorte ab, wo sich Obdachlose sammeln. Dies wird dann individuell entschieden auf dem Weg zu unserem zweiten Standort bei der Altmannbrücke/ Ecke Münzstraße. Zusätzlich verteilen wir warmes Essen zwischen den Feiertagen vom 25. Dezember bis 1. Januar, denn da haben die meisten Tageseinrichtungen für Obdachlose zu. Wir sind immer unterwegs zwischen Altona und Innenstadt.

Was könnt ihr jetzt im Winter besonders gut gebrauchen?

Ein großes Manko sind immer Winterstiefel, Rucksäcke und Winterschlafsäcke. Wir brauchen auch Hygieneartikel und Geldspenden. Immer willkommen sind aktive Helfer– wir brauchen kräftige Menschen zum Tragen – und weitere Fahrer mit Autos. Wir freuen uns auch über Menschen, die frischen Kuchen backen und auf einen Kaffee vorbeikommen. Jede rkann etwas beitragen – jede Socke zählt.

Interview: Angela Kalenbach

www.mobilebullysuppenkueche.de