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Tauchen: Die Welt steht still

Aquanautic Taucher Hamburg ist einer der ältesten Tauchclubs in Norddeutschland – und hat viel zu bieten

Text: Mirko Schneider

Was ihn am Tauchen am meisten fasziniert, kann Elmar Klemm (49) in einem Satz beantworten. „Unten im Wasser ist die Welt endlich mal still“, preist der stellvertretende Vorsitzende des Aquanautic Taucher Hamburg (ATH) einen Vorzug seiner Lieblingsbeschäftigung.

Andere Sportarten punkten mit Action, Tauchen mit der sinnlichen Betrachtung einer dem Menschen fremden Welt. Noch etwas mag Klemm am Tauchen: „Eine Einstiegsschwelle existiert nicht. Ob Kind oder Rentner – Tauchen kann jeder lernen.“

„Wir sind gar nicht so wettkampforientiert“

Dieser Mission, das Tauchen möglichst vielen Menschen nahezubringen, haben sich Klemm und seine Mitstreiter verschrieben. Ihr ATH (circa 100 Mitglieder) ist mit seiner knapp 40-jährigen Geschichte einer der ältesten Tauchclubs in Norddeutschland.

Obwohl der Verein in verschiedenen Disziplinen vor allem in den Jugendabteilungen viele Titel abgeräumt hat, stehen die Medaillen im Vereinsleben nicht im Vordergrund. „Wir sind gar nicht so wettkampforientiert. Uns geht es darum, unseren Mitgliedern eine möglichst vielfältige Palette an Tauchaktivitäten anzubieten.“

„Wer dann daran Spaß hat, den packt das Tauchfieber ganz schnell.“

Elmar Klemm

Was Klemm damit meint, wird bei einem Blick auf die Vereinsaktivitäten deutlich. Da finden sich Ausfahrten zu etlichen Tauchspots vom Oortkartener See in Hamburg über die Mole in Eckernförde bis hin zum Schweriner See. Zusätzlich finden Trainingseinheiten in der Bartholomäus-Therme und im Bille-Bad statt. Disziplinen wie Konditions- oder Langstreckenschwimmen stehen hier beispielsweise auf dem Programm, auch Tauchscheine können erworben werden.

Der Verein arbeitet mit Tauchlehrern zusammen. Für fast alle Facetten des Tauchsports wie wissenschaftliches oder technisches Tauchen oder Apnoe-Tauchen (Tauchen ohne Gerät) steht mindestens ein Ansprechpartner zur Verfügung oder kann im Verbund mit Verband und anderen Vereinen vermittelt werden. Für das wissenschaftliche Tauchen ist dies übrigens Klemm selbst. Er ist ausgebildeter Unterwasserarchäologe und ein Fan von alten Wracks. Historische Schätze wie Tauchgänge an einer echten Hanse-Kogge in der Ostsee faszinieren ihn.

Vereinsarbeit fußt auf dem Ehrenamt

Die Stimmung im Verein (Mitgliedsbeitrag 16 Euro, Ausrüstung wird bis auf Maske, Schnorchel und Flossen gestellt) beschreibt Klemm als „sehr relaxed“. Es gibt ja auch viel gemeinsam zu erleben. Naturliebhaber können Krebse, Aalmuttern, beachtlich große Flundern, Schwebegarnelen, Seestichlinge und etliches mehr unter Wasser sichten und genießen.

Klemm liebt vor allem die orangenen Seehasen. Was Klemm sehr wichtig ist: Der ATH sei nicht zu verwechseln mit den kommerziellen Angeboten der Tauchschulen. „Wir als Verein leben von einer guten Gemeinschaft, die durch das ehrenamtliche Engagement unserer Mitglieder entsteht. Wer bei uns eintritt, sollte bereit sein, auch etwas zu geben. Er sollte wirklich in unserer Gemeinschaft mitmachen wollen. Wer das nicht möchte, ist bei den Tauchschulen besser aufgehoben.“

Neue Perspektiven

Die schwierigste Einstiegshürde für Neulinge sei stets eine physische. „Der Mensch ist ja kein Unterwasserwesen. Sobald wir unseren Kopf unter Wasser stecken, schaltet sich bei uns ein körperliches Programm an, welches diesen Zustand sofort beenden möchte“, sagt Klemm. Doch: „Dieses Programm kann man ändern. Das kann man gut trainieren.“ Und werde dafür nicht nur mit wunderbaren Erlebnissen belohnt. „Die ganze Klima- und Naturdebatte ist im Tauchen schon seit vielen Jahrzehnten präsent. Schon lange, bevor sie im Mainstream angekommen war“, so Klemm. „Das Tauchen bietet die Möglichkeit, Themen wie die Erhaltung der Meere noch einmal aus einer viel intensiveren Perspektive zu betrachten.“

Wer dazu Lust hat, so Klemm, könne ganz unkompliziert einmal bei einem Tauchtraining des ATH vorbeischauen. Klemm: „Wer dann daran Spaß hat, den packt das Tauchfieber ganz schnell.“

ath-ev.de


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„Wir müssen Gas geben“

Seit 2010 ein Menschenrecht, aber nach wie vor weltweit ungerecht verteilt: der Zugang zu sauberem Wasser. Wie die Hamburger NGO dem nachhaltig entgegenwirkt und was gesellschaftlich passieren muss, erzählt Tobias Rau, Mitgründer und Vorstandsvorsitzender von Viva con Agua

Interview: Hedda Bültmann

SZENE HAMBURG: Tobias, heute ist Weltwassertag. Das ist ja quasi euer Feiertag. Inwiefern hilft so ein Tag?

Tobias Rau: Ja, genau, der 22. März ist ein Feiertag für Viva con Agua, aber auch für alle anderen Organisationen, die sich für sauberes Trinkwasser einsetzen. Und letztendlich für alle Menschen, denn Wasser ist Leben.

Es gibt ja für viele gute Anlässe einen Tag, von daher ist es nur folgerichtig, dass es auch für Wasser einen eigenen Feiertag gibt, an dem sich die Menschen bewusst machen, dass Wasser die Grundlage allen Lebens ist und das feiern. Wir werden an diesem Tag verstärkt die Aufmerksamkeit auf unsere Vision „Alle für Wasser“ lenken und versuchen, Menschen zum Engagement zu aktivieren.

Denn nach wie vor ist der Zugang zu sauberem Trinkwasser nicht selbstverständlich.

Aktuell haben 2,2 Milliarden Menschen weltweit keinen sicheren Zugang zu Trinkwasser. Und 489 Millionen Menschen haben gar keinen Zugang zu sauberem Wasser. Sie müssen sehr weit laufen, um überhaupt an Wasser zu kommen – und das in schlechter Qualität. Sie holen sich dieses tatsächlich aus Wasserlöchern oder Seen, die häufig verunreinigt sind.

Der Mangel an sauberem Wasser führt dazu, dass jedes Jahr mehrere Hunderttausend Kinder unter fünf Jahren an Durchfallerkrankungen sterben, die durch schmutziges Wasser und verunreinigte Lebensmittel verursacht werden. 

Ein Beispiel, wo ihr aktuell aktiv seid: In Äthiopien hat von den rund 100 Millionen Einwohnern nur jeder Dritte Zugang zu sauberem Wasser.

Mit Äthiopien als Land sind wir seit über 15 Jahren verbunden, also seit es Viva con Agua gibt. Wir haben dort 2006 unser erstes Projekt auf afrikanischem Boden umgesetzt. Seit 2017 sind wir mit John’s Rig, unserem mobilen Bohrgerät, in der Region Amhara unterwegs und bauen dort bis 2023 rund 200 Brunnen. So verbessern wir die Lebensbedingungen von insgesamt rund 280.000 Menschen in der Region.

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Brunnenboren mit John’s Rig in der Amhara-Region in  Äthiopien (Foto: Henrik Wiards)

Was kostet so ein Brunnen?

Das kann man nicht allgemein sagen, das kommt auf die Region an. In Äthiopien kostet das Bohren eines Tiefbrunnens mit John’s Rig ungefähr 10.000 Euro.

Der Brunnenbau ist grundlegend. Aber nicht alles. Euer Wirken ist nachhaltig angelegt, mehr die Hilfe zur Selbsthilfe. Wie kann man sich das vorstellen?

Wir arbeiten in enger Abstimmung mit den lokalen NGOs in den Projektländern zusammen. In Äthiopien ist es die Organisation „Orda“ aus der Amhara-Region. Diese Hilfe zur Selbsthilfe oder das Empowerment sieht so aus, dass die Brunnen den Communitys vor Ort übergeben werden. Es werden WASH-Komitees gebildet, die sich darum kümmern, dass die Brunnen gepflegt und bei Bedarf auch repariert werden.

Der sogenannte Ownership ist dabei ein ganz wichtiger Bestandteil, im Sinne von: Dieser Brunnen gehört euch, ihr müsst ihn pflegen. Jeder Haushalt oder jede Familie zahlt für die Nutzung des Brunnens einen winzig kleinen Beitrag, von dem die Reparaturen bezahlt werden. Aber auch, um die Wertschätzung des Brunnens zu festigen. Bereits beim Bau des Brunnens binden wir die lokale Bevölkerung mit ein, denn wir müssen ein Stück weit mithelfen, dass sie sich diesem Ownership-Gedanken bewusst werden und das Gefühl dafür bekommen.

Lass uns noch mal auf den Fakt zurückkommen, dass rund sechs Prozent der Weltbevölkerung keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser hat. In der Agenda 2030, die 17 Sustainable Development Goals der UN, ist „Sauberes Wasser und sanitäre Einrichtungen“ das SDG 6. Wie bewertest du die Situation, so acht Jahre vor Zieleinlauf?

Es hat Fortschritte gegeben. Doch wir müssen Gas geben, das Ziel ist ganz schön sportlich. Es braucht eine kollektive Anstrengung von NGOs, Einzelpersonen, Unternehmen und auch von Regierungen.

Ich bin ein unverbesserlicher Optimist und halte es für möglich. Und wenn wir ein, zwei Jahre länger brauchen, dann ist es so. Hauptsache, wir kommen diesem Ziel näher, denn Wasser ist ein Menschenrecht und jeder Mensch sollte einen Zugang zu sauberem Wasser haben. Es ist ein Unding, dass die Grundlage des Lebens im Jahr 2022 nach wie vor so unfair verteilt ist. Natürlich werfen große globale Krisen wie Corona oder auch jetzt der Krieg in der Ukraine die Weltgemeinschaft ein Stück zurück. Aber es hilft nicht, den Kopf in den Sand zu stecken. Der Aktivismus und das Engagement für unser Anliegen muss und wird weitergehen.


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Zum 15-jährigen Bestehen hat Viva con Agua ein Buch herausgebracht mit Anekdoten aus einer irren Erfolgsgeschichte. Welche Lehren der Verein aus 15 Jahren Aktivismus gezogen hat und wie er auf ökonomische Nachhaltigkeit blickt. Mit Gastbeiträgen unter anderem von Bela B, Clueso, Bosse und Max Herre.


Wir sind also auf einem guten Weg?

Wenn ich das aus der Perspektive Viva con Agua sehe, auf jeden Fall. Wir haben in den letzten Jahren gemeinsam mit unseren Partnerorganisationen bereits 3,7 Millionen Menschen über unsere Projektarbeit erreicht, das heißt zum Beispiel, den Zugang zu sauberem Wasser ermöglicht, aber auch durch Hygiene-Workshops in den Schulen vor Ort. Und wenn wir und andere Organisationen so weitermachen, dann ist das Ziel auf jeden Fall erreichbar.

Dabei ist es total wichtig, sich bewusst zu machen, dass 489 Millionen Menschen ohne Trinkwasser eine riesige Zahl ist und sehr anonym. Aber für den einzelnen Menschen macht es einen massiven Unterschied, ob ein Zugang zu sauberem Trinkwasser vorhanden ist oder nicht. Das heißt: Nach dem Motto „Leave no one behind“ ist jeder Mensch, der vorher keinen Zugang hatte und nun einen hat, ein Erfolg.

„Es ist ein kollektives Umdenken erforderlich“

Tobias Rau

Was braucht es dafür am meisten?

Die naheliegende Antwort ist natürlich: Geld. Das hilft immer. Wenn Viva con Agua mehr Fördermittel zur Verfügung hätte, könnten wir auch mehr Projekte umsetzen und damit mehr Leute erreichen. Das ist eine Ebene. Aber um das SDG 6 und auch alle anderen zu erreichen, muss man das Thema weiter aufmachen. Es ist ein kollektives Umdenken erforderlich, eine Veränderung in unserem aktuellen Handeln, Wirtschaften und Konsumieren. Und auch das ist eine riesige Aufgabe, eine Menschheitsaufgabe.

Aber ich sehe es genauso wie im Beispiel vorher: Jeder einzelne Mensch zählt. Und auch, wenn das vielleicht bei dieser Mammutaufgabe wie ein Tropfen auf den heißen Stein wirkt, glaube ich, dass jeder Einzelne mit seinem Handeln und Denken seinen Beitrag leisten kann.

Stichwort Bereitschaft. Werdet ihr als NGO auch staatlich unterstützt?

Nein, als Nichtregierungsorganisation werden wir nicht staatlich unterstützt. Es gibt einzelne Projekte vor Ort, für die wir Fördergelder vom Auswärtigen Amt bekommen oder von der GIZ. Aber hauptsächlich ist Viva con Agua über Spenden und Mitgliedsbeiträge finanziert. Die Fördermitglieder, die monatlich unsere Projekte und Arbeit unterstützen, sind eine sehr wichtige Basis für uns. Das geht schon mit fünf Euro im Monat. Das ist eine stabile Community, die uns unabhängiger macht von Spenden-Schwankungen und von Ereignissen, die in dieser Welt nun mal passieren, und auf die wir keinen Einfluss haben.

Einen nicht lenkbaren Spenden-Einbruch hat die Pandemie verursacht. Zwei Jahre ohne Festivals und Konzerte bedeutete für Viva con Agua zwei Jahre ohne Pfandbecherspenden in Millionenhöhe. Wo steht ihr jetzt?

Die letzten zwei Jahre waren nicht einfach. Wahrscheinlich für niemanden, und auch nicht für Viva con Agua. Vieles von dem, was wir vor der Pandemie gemacht haben, war nicht mehr möglich und haben wir schmerzlich vermisst. Wir haben es aber geschafft durch digitale Formate und Alternativen, die Gelder, die weggefallen sind, auszugleichen. Wir waren aber auch super sparsam.

Jetzt sind wir an dem Punkt, an dem wir beschlossen haben, die Online-Formate, die wir aufgebaut haben, weiterzuführen und dazu kommen – hoffentlich – in diesem Jahr die analogen Events, die Festivals, die Millerntor Gallery, die Netzwerktreffen, alles, was ausfallen musste. Wir planen und gehen davon aus, dass das Jahr erfolgreich wird und wir viele Auslandsprojekte unterstützen können.

Bei der Millerntor Gallery wird Kunst zu Trinkwasser. (Foto: Stefan Groenveld)

Du hast gerade die Millerntor Gallery erwähnt, die auch in der Stadt schmerzlich vermisst wurde. Findet sie diesen Sommer wieder statt?

Auf jeden Fall. Das Kunst- und Kulturfestival im Stadion des FC St. Pauli wird vom 23. bis 26. Juni stattfinden. Es wird die 10. Millerntor Gallery und diese wird noch schöner und bunter werden als zuvor. Und auch größer, denn wir werden zum ersten Mal die dritte Tribüne als Ausstellungsfläche zusätzlich nutzen.

Der Verein hatte im letzten Jahr seinen 15. Geburtstag. Kannst du die vergangene Zeit in Kürze zusammenfassen?

Es war eine wilde Zeit, bunt, schön und anstrengend, aber auch wirklich erfolgreich. Wie gesagt, seit dem Bestehen von Viva con Agua haben wir 3,7 Millionen Menschen den Zugang zu sauberem Trinkwasser weltweit ermöglicht. Das ist ein Riesenerfolg. Tausende Ehrenamtliche, Künstlerinnen, Unterstützer und Companys haben sich dieser Mission und Vision angeschlossen. Eine Schnapsidee, die in einer Wohngemeinschaft entstanden ist, ausgehend von ein paar Leuten, alles Ehrenamtliche, bis hin zu jetzt über 30 Festangestellten allein beim deutschen Verein – das ist auf jeden Fall schön zu sehen.

Aber wie vorher schon gesagt, gibt es immer noch viel zu tun. Und deswegen werden wir auch die nächsten 15 Jahre weiterhin versuchen, mit guter Laune ein so ernstes Thema zu bearbeiten, Sensibilität dafür zu schaffen und freudvoll die Welt ein Stück weit besser zu machen.

www.vivaconagua.org/mitgliedschaft


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Clubkinder: „NICHT unterkriegen lassen“

Der Verein feierte kürzlich Jubiläum. Seit seiner Gründung vor zehn Jahren und mit über 1.000 Freiwilligen hilft er, die sozialen Herausforderungen der Stadt zu meistern. Der neue Vorstand um Larissa Gebken, Eloise Bossen und Julian Lee stellt sich vor, berichtet über erfolgreiche Aktionen und Projekte in Pandemiezeiten

Interview: Ole Masch

SZENE HAMBURG: Eloise, Julian und Larissa, wie ist eure NachtlebenVerbindung und was sind eure Aufgaben im clubkinder e. V?

Eloise: Ich bin seit 2014 bei den clubkindern dabei, eit 2015 im Vorstand. Organisiere und plane seit Beginn meiner Tätigkeit sämtliche Events und Formate, bin somit sehr aktiv im Nachtleben. Bis heute bin ich die eine, hauptamtliche Angestellte im Verein, koordiniere die Freiwilligen, organisiere das Backoffice und regle alles, was anfällt.

Julian: Meine Verbindung zum Nachtleben ist das nebenberufliche Dasein als Musiker in der Band „Kill Strings“. Ich sehe meine Aufgabenfelder eher in der Konzeptionierung neuer Projekte und im Netzwerken. Also Ideen in die Welt pusten, wie Seifenblasen, und schauen, wie man diese umsetzen kann. Dabei ist es vor allem wichtig, dass ich mit Larissa und Eloise zwei Kolleginnen im Vorstand habe, die mich immer wieder einfangen und auf den Boden der Tatsachen zurückholen.

Larissa: Ich bin seit gut drei Jahren bei den clubkindern und war vorher hauptsächlich im Bereich Jugend unterwegs. Tatsächlich bin ich über meine Tätigkeit als Stadtführerin auf dem Kiez dazugekommen. Immer, wenn ich mit einer Tour in die Ritze gegangen bin, bin ich am Unterm Strich vorbeigekommen, habe es gegoogelt und bin so über die Website an Eloise geraten. Ich war ab der ersten Mail verliebt. Ansonsten bin ich in der Tischfußball-Szene in Hamburg noch recht aktiv. Bei den clubkindern werde ich mich zukünftig um die Ehrenamtskoordination und alles rund ums Thema Digitalisierung kümmern.

Sich selbst verwirklichen

Mit welchen Zielen seid ihr als neuer Vorstand angetreten?

Larissa: Menschen die Möglichkeit geben, sich selbst zu verwirklichen, selbstwirksam zu werden und Gutes zu tun. Insbesondere digital die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen, dass sich alle mit Freude beteiligen können. Darüber hinaus ist es mir ein persönliches Anliegen insbesondere bei Events Barrieren abzubauen und jedem Menschen die Möglichkeit zur Teilhabe zu geben.

Eloise: Die Pandemie weiterhin zu meistern, den Verein noch sichtbarer zu machen und das Netzwerk auszubauen. Wir wollen noch mehr eigene, soziale Projekte umsetzen; eine Richtung, in die wir uns schon seit 2019 entwickeln. Wir verstehen uns als Plattform für Menschen, die sich engagieren, eigene Ideen einbringen und selbst aktiv werden möchten. Einer unserer Schwerpunkte ist weiterhin junge Menschen, für das Ehrenamt zu begeistern.

Julian: Ehrenamtliches Engagement sollte so bunt sein wie Hamburg, und jeder Mensch sollte die Möglichkeit bekommen, zu spüren, wie gut es tut, sich für andere Menschen zu engagieren. Insbesondere die jüngere Generation, die die Welt verändern will, und der oftmals leider nicht genügend Gehör und Ressourcen dafür gegeben werden. Ich möchte dafür werben, gewisse Eigenschaften der jüngeren Generation bei uns Erwachsenen zu reaktivieren: Offenheit, Neugier und Mut. Ich habe noch nie ein rassistisches Kleinkind erlebt, was dafür spricht, dass Rassismus nicht in unserer Natur verortet ist, und wir im Kern offene, tolerante Menschen sind.

Tolle Aktionen

Welche Aktionen der vergangenen zehn Jahre sind euch besonders in Erinnerung?

Eloise: Puh, das sind so viele! Ich bin großer Fan unserer Tattoo Events. Unsere Welcome Dinner waren eine tolle Erfahrung und unsere sk8_Art 2020 war ein absolutes Highlight.

Julian: Meine absolute Lieblingsaktion war das ins Leben rufen des Sonnenschein Cafés. Ich kann mich noch genauer erinnern, wie Gülay, ewiges clubkind und Mitgründerin von GoBanyo, dazu aufrief, einen Ort für wohnungslose- und obdachlose Menschen zu schaffen, an dem sie sich aufwärmen und ausruhen können, sowie einfach mal Mensch sein dürfen. Die ersten zwei Wochen, in denen ich täglich beim Aufbau und der Umsetzung geholfen habe, haben mir so viel gegeben. Dort haben wir auch die mobilen Wagen für Obdachlose entworfen und gemeinsam mit Schüler:innen und obdachlosen Menschen gebaut.

Larissa: Für mich war es noch etwas ganz Besonderes die glänzenden Augen bei unseren Farb:Werk Kunstaktionen mit Kindern zu sehen. Aber auch unsere Kickerturniere im Kixx bei denen sich viele Menschen ganz schwerelos kennengelernt haben.

Von Bestehendem profitiert

Wie hat die Pandemie die Arbeit der clubkinder verändert?

Eloise: Uns fehlen Räume, in denen wir analog zusammenkommen können. Alle Veranstaltungen mit Publikum mussten wir absagen, was uns Sichtbarkeit kostet. Wir haben aber Glück und hatten auch vor der Pandemie schon eine digitale Struktur. Außerdem haben wir eigene Projekte aufgezogen, um Menschen, welche die Pandemie am schwersten getroffen hat, zu helfen. So konnten wir unser Sonnenschein Café in Altona größtenteils geöffnet lassen oder haben Kindern und Jugendlichen mit unserer KunstKladde Abwechslung nach Hause geschickt.

Julian: Wir haben uns nicht unterkriegen lassen und so schöne Projekte auf den Weg gebracht, wie etwa die KlangVisite, bei der beschäftigungslose Musiker:innen aus Hamburg für einsame Senior:innen spielten.

Eloise: Aktuell arbeiten wir hinter den Kulissen stark an unserer Zusammenarbeit mit Hamburger Schulen. Auch im kreativen Bereich brodelt es. Sobald wir dürfen und die Pandemielage es zulässt, möchten wir unsere Reihen wie zum Beispiel den Comicslam wieder aufleben lassen.

Es geht immer weiter

Wie können sich Leute bei euch beteiligen?

Julian: Das Sonnenschein Café hat weiterhin geöffnet und lädt dazu ein, nette Bekanntschaften zu schließen, Kaffee zu trinken und leckeren Kuchen zu essen! Jeden Sonntag von 13 bis 17 Uhr in der Kleine Rainstraße 11 in Altona. Dort kann man sich auch super ehrenamtlich engagieren und wir freuen uns über alle, die dort mit anpacken!

Larissa: Oder einfach eine Mail über die Website schicken, sich über Social Media melden oder bei unseren Events vorbeikommen und Teil der clubkinder werden!

Wird es mit dem Spenden-Club Unterm Strich irgendwann weitergehen?

Eloise: Der ist weiterhin da und wird auch bespielt, sobald dies für uns wirtschaftlich wieder möglich ist. Letztes Jahr haben wir immerhin zwei Partys der hoodkinder ausrichten können, was uns sehr gefreut hat. 2022 werden wir unsere eigenen Formate auch vermehrt Unterm Strich ausrichten.

„Lieber etwas herunterfahren und Leben schützen“

Waren Spendensammlungen in Pandemiezeiten überhaupt möglich?

Larissa: Ja, auf jeden Fall, wir mussten uns dafür neu erfinden. Unsere sk8_Art war eines unserer größten Projekte in den letzten Monaten. Dabei haben bekannte Künstler:innen Skatedecks neugestaltet. Diese wurden bei einer wundervollen Ausstellung in der Galerie Pfund und Dollar gezeigt.

Eloise: Wir hatten Glück und wissen seit 2020 auch die Klaus und Lore Rating Stiftung als Unterstützerin an unserer Seite. Außerdem haben wir ein sehr lebendiges Netzwerk und freuen uns sehr über den finanziellen und auch alles weitere an Support.

Wie steht ihr zu den aktuellen Corona-Maßnahmen der Politik?

Eloise: Wir als Verein möchten dazu beitragen, dass wir diese Pandemie mit möglichst wenig Schaden überstehen. Daher halten wir uns an alle Vorgaben und berücksichtigen bei unseren momentan nur wenigen Aktionen diese Maßnahmen. Wir freuen uns schon sehr darauf, wenn entspannte Gemeinsamkeit und Miteinander wieder möglich sind. Damit wir da wieder hinkommen, sind gewisse Einschränkungen leider notwendig.

Julian: Es ist natürlich schade, um all die Events, die nicht mehr stattfinden können, aber lieber etwas herunterfahren und Leben schützen, als unnötige Risiken einzugehen.

clubkinder.de


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 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2022. Das Magazin ist seit dem 29. Januar 2022 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Rollstuhltennis: Aufschlag für die Inklusion

Der SV Eidelstedt will als erster Hamburger Verein seine Anlage barrierefrei gestalten

Text: Mirko Schneider

 

Diesen Termin wollte sich Altonas Bezirksamtsleiterin Dr. Stefanie von Berg, 57, nicht nehmen lassen. Am vorletzten August-Wochenende eröffnete die Politikerin der Grünen mit einem Aufschlag aus dem Rollstuhl den Inklusionstag des SV Eidelstedt im Rollstuhltennis auf der Anlage des TC Rolandsmühle in der Bernadottestraße in Othmarschen. 100 Teilnehmer lieferten sich danach auf den Plätzen spannende Spiele. Rollstuhlfahrer und Menschen wie von Berg, die nachempfinden wollten, wie sich Tennis im Rollstuhl anfühlt, trieben gemeinsam Sport. „Dieser Tag war ein Riesenerfolg für uns“, sagt Stephan Schlegel.

Der 60 Jahre alte Schlegel ist seit stolzen 34 Jahren Inklusionsbeauftragter des SV Eidelstedt. „Ich wurde schon Inklusionsbeauftragter, als es das Wort noch gar nicht gab“, sagt er verschmitzt. Schlegel hat maßgeblich dazu beigetragen, den großen SV Eidelstedt (7000 Mitglieder) mit über 35 Inklusionsangeboten zu einem der größten Inklusionssportvereine in ganz Hamburg zu formen. Im Gespräch ist er zuvorkommend, uneitel und strahlt einen ansteckenden, unerschütterlichen Optimismus aus.

Vielleicht auch, weil der damalige Inklusionstag im Rollstuhltennis der erste Booster für das neueste Projekt des SV Eidelstedt war: eine barrierefreie Tennisanlage für Rollstuhltennis an der Bernadottestraße in Othmarschen. Noch kein Verein in Hamburg nahm ein solches Projekt bislang in Angriff. Der SV Eidelstedt ist hier Pionier. Das liegt auch dran, dass Inklusion noch bis in die 90er-Jahre hinein nicht den heutigen guten Ruf besaß. „Als ich 1988 meine erste Integrationsgruppe aufgebaut habe, bin ich von vielen Seiten inklusive der Politik belächelt worden. Ich bekam häufig zu hören ,Wie soll das denn möglich sein? Behinderte können doch gar keinen Sport treiben‘.“

 

Das ehrenamtliche Engagement ist riesengroß

 

Die damalige Haltung in Hamburgs Sportvereinen hatte architektonisch ganz praktische Folgen. Weder der Zugang zu den Plätzen noch die Vereinsheime wurden barrierefrei gebaut. Letztere vielmehr oft so, dass man aus der Draufsicht die Plätze überblicken konnte. Da Menschen im Rollstuhl sowieso meist nicht ins Vereinsheim konnten, bestand auch keine Notwendigkeit, dort die WCs, die Umkleidekabinen und die Duschen barrierefrei zu gestalten. All diese Dinge – ein barrierefreier Zugang nicht nur zu den Plätzen, sondern auch zu Vereinsheim, WC, Umkleidekabinen und Duschen – haben sich der SV Eidelstedt und der im SV Eidelstedt ansässige TC Rolandsmühle nun vorgenommen. Kostenpunkt: 297.000 Euro. Von der Stadt Hamburg, der Aktion Mensch und kleineren Stiftungen existieren bereits Zusagen. „Circa 50 Prozent des Projektes sind durchfinanziert“, sagt Schlegel. „Nun sind wir fleißig dabei, die anderen 50 Prozent einzuwerben.“

Da der SV Eidelstedt unter Corona litt wie alle anderen Vereine, kann er nämlich nicht einfach Vereinsmittel einbringen. Dafür ist das ehrenamtliche Engagement der Vereinsmitglieder riesengroß. Schon beim Inklusionstag wurde eine Dixie-Toilette nahe des Platzes installiert, Sportrollstühle wurden gestellt und die Rollstuhlfahrer über Hindernisse hinweggehoben. Nun arbeiten sowohl die Statikerin als auch die Architektin unentgeltlich. Die Malerarbeiten wollen Vereinsmitglieder selbst übernehmen, ebenso das Freiräumen von Hindernissen wie Steinplatten, die durch neue Installationen ersetzt werden sollen. „Wir können wirklich stolz auf unsere Mitglieder sein. Es gab nach dem Inklusionstag unheimlich viele positive Rückmeldungen. Viele hier betrachten dieses Projekt auch als einen gesellschaftspolitischen Auftrag“, sagt Schlegel.

 

„Reden reicht nicht“

 

Dies wiederum wurde bereits mit einem Preis gewürdigt, welcher den zweiten Booster nach dem Inklusionstag darstellte. Ende Oktober gewann der SV Eidelstedt mit seinem Projekt den mit 4000 Euro dotierten Silbernen Stern des Sports. Verliehen wird der vom Deutschen Olympischen Sportbund und der Raiffeisenbank. Besonderes ehrenamtliches Engagement soll auf diese Weise ausgezeichnet werden. Zusätzlich hat sich Eidelstedt durch den Sieg für das Bundesfinale in Berlin im Januar qualifiziert. Holt der SVE dort beim von den Veranstaltern so betitelten „Oscar des Breitensports“ Gold, sind weitere 10.000 Euro drin.

Einer, der dem SV Eidelstedt die Daumen drückt und sich seit Monaten aktiv in das Projekt einbringt, ist Markus Wasmund. Der 43-Jährige lebt in Friedeburg, nur 27 Kilometer von Wilhelmshaven entfernt. Trotzdem ist Hamburg durch das Projekt des SVE für ihn mittlerweile ein Sehnsuchtsort.

„Es reden viele Leute über Integration“, sagt Wasmund. „Aber reden reicht nicht. Man muss auch was tun. Und in Eidelstedt wird nicht nur geredet, sondern gehandelt.“ Wasmunds Leben und das seiner Frau änderte sich auf tragische Weise im Jahr 2016. Ein 40 Tonner fuhr dem Ehepaar Wasmund in den Wagen. Seine Frau kann noch laufen, kämpft seitdem aber mit massiven körperlichen Problemen. Wasmund trug eine inkomplette Querschnittslähmung davon. Er ist seitdem auf den Rollstuhl angewiesen. Wasmund ist Westfale und pflegt die klare Sprache des Ruhrpotts. „Die ersten zwei Jahre nach dem Umfall waren einfach nur scheiße“, sagt er. „Ich musste mich wiederfinden und hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte.“

 

Hoher organisatorischer Aufwand

 

Die Wende kam bei einem Besuch der RehaCare in Düsseldorf, der weltgrößten Fachmesse für Rehabilitation und Pflege. Wasmunds Stimme nimmt eine warme Färbung an, wenn er darüber spricht. „Auf der RehaCare wurde an einem Stand Rollstuhltennis vorgestellt. Da habe ich mir gesagt ,Du hast immer gerne Tennis gespielt. Das machst du jetzt.‘“ Neue Regeln musste Wasmund dafür bis auf eine Ausnahme nicht lernen. Beim Rollstuhltennis darf der Ball zweimal im Feld aufticken, sonst ist alles gleich.

Angetrieben von seiner sportlichen Leidenschaft fand Wasmund ins Leben zurück. Mittlerweile ist er in die Leistungsklasse gewechselt, besucht Lehrgänge und nimmt an internationalen Turnieren teil. Dies alles verbunden mit hohem organisatorischen Aufwand und oft – zumindest bei vielen Plätzen in Deutschland – großer Enttäuschung über die mangelnde Barrierefreiheit. Verbunden mit dem ständigen Angewiesensein auf Hilfe. „Seit ich im Rollstuhl sitze, sehe ich das Leben völlig anders. Es geht ja nicht nur um Stufen. Jede Schotterpiste kann meinen Rollstuhl zum Stehen bringen. Ist eine Straße etwas abschüssig, bereitet mir das Probleme. Das Schlimmste finde ich aber, wenn Leute auf mich herabsehen. Denn auch ich möchte dazu gehören. Wenn ich so etwas spüre, sage ich immer ,Mensch, ich kann genauso spielen wie ihr. Ich möchte einfach nur Spaß am Tennis haben.‘“

 

„Es ist viel Arbeit, aber wir werden das alle gemeinsam packen“

 

Deshalb fiebert Wasmund, wie einige andere der insgesamt gut 1200 Rollstuhltennisspieler in Deutschland auf die Realisierung der barrierefreien Tennisanlage beim SV Eidelstedt hin. Und er engagiert sich dafür, ist fest in die Planungen eingebunden. „Ich bin Mitglied im Deutschen Rollstuhlverband. Dort hörte ich von dem Projekt und war sofort Feuer und Flamme dafür“, so Wasmund. „Ich finde es auch megagut, wie wir Rollstuhlfahrer beim SV Eidelstedt behandelt werden. Ich habe da noch nie einen blöden Spruch gehört. Ich werde einfach akzeptiert. Das Projekt wird gelingen. Und dann werde ich da so häufig spielen, wie ich kann.“

Dass das Projekt gelingt, davon ist auch Stephan Schlegel, der Wasmund als „tollen Menschen und unentbehrlichen Helfer für uns“ beschreibt, überzeugt. „Ich bin seit 34 Jahren Inklusionsbeauftragter des SV Eidelstedt und habe alle Projekte zum Erfolg führen können“, sagt Schlegel. „Es ist viel Arbeit, aber wir werden das alle gemeinsam packen.“ Aktuell spricht Schlegel weitere Stiftungen an. Mit allen möglichen Beteiligten aus der Politik und dem Verein befindet er sich in ständigem Austausch. Geht alles gut, soll die barrierefreie Tennisanlage des SV Eidelstedt Anfang 2023 zum Spielen einladen. Vielleicht macht ja dann Markus Wasmund den ersten Aufschlag.

Inklusionssport beim SV Eidelstedt


 VIELFALT LEBEN ist in Zusammenarbeit mit dem Inklusionsbüro Hamburg entstanden und liegt der SZENE HAMBURG aus dem Dezember 2021 bei. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburgerin des Monats: Anne Krüger-Vonderau vom Mitternachtsbus

Im November feierte das spendenfinanzierte Projekt „Mitternachtsbus“ der Diakonie Hamburg seinen 25. Geburtstag – und Anne Krüger-Vonderau 20 Jahre Ehrenamt gleich mit. Ein Gespräch über gesellschaftliche Verantwortung

Text & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Frau Krüger-Vonderau, Gratulation zu 20 Jahren Mitternachtsbus!

Anne Krüger-Vonderau: Fast zwanzig Jahre. Ganz korrekt fehlen zwei Monate. Aber ich fühle mich schon als 20-Jährige (lacht). Ich wurde auch auf dem 25-jährigen Jubiläum, das wir vor dem Michel gefeiert haben, in die Gruppe aufgenommen, die schon seit 20 Jahren dabei sind.

Wie viele Einsätze sind Sie seit 2001 gefahren?

Wie die meisten fahre ich einmal im Monat. Wenn man berufstätig ist und denkt, ich will was für die Gesellschaft leisten, kann man das ganz gut machen. Also 20-mal 12 sind 240 Einsätze. So Pi mal Daumen (lacht).

Wie läuft ein Einsatz ab?

Wir bereiten gegen 18.45 Uhr die Tour vor. Um 20 Uhr starten wir, holen belegte Brötchen und Kuchen von einer Bäckerei, fahren zur Bahnhofsmission. Manchmal haben die Sachen für uns. Gegen 20.15 Uhr ab zur ersten Platte. Das geht tatsächlich bis Mitternacht. Manchmal auch bis 1 Uhr, je nachdem wie groß der Andrang ist. Und wie viele Gespräche stattfinden.

Platte ist der Ort, an dem Obdachlose schlafen?

Richtig. „Ich mach Platte“ heißt, ich schlafe, meist alleine, an einem Ort irgendwo versteckt. Das war ein Grund, warum der damalige Landespastor Dr. Stephan Reimers in den Neunzigern den Mitternachtsbus gegründet hat. Und das Spendenparlament und das Straßenmagazin „Hinz&Kunzt“: Als Folge der Wende herrschte Wohnungsnot, die Leute lagen überall verteilt in der Stadt, es gab viele Tote. Wir versuchen, diese Orte rauszukriegen, fahren die Platten ab. Unsere Idee der Betreuung ist Grundversorgung und Ansprache als aufsuchende Hilfe: Wenn jemand in seinem Schlafsack liegt, fragen wir ihn: Sollen wir Ihnen was bringen?

 

Das Ziel: Wohnungen für alle

 

Haben Sie noch Gäste der ersten Stunde?

Man lebt nicht so lange auf der Straße. Wenn man jemanden länger kennt, beobachtet man, dass die Verwahrlosung in Wellen stattfindet. Wenn man keine Wohnung hat und ein Alkoholproblem, stirbt man häufig auf der Straße. Es gibt wenig ganz Alte. Zum Volkstrauertag war auch ein ökumenischer Gedenkgottesdienst in Eimsbüttel für die auf der Straße Verstorbenen. Da kommen einige zusammen über das Jahr.

Ihre Gäste sind alle obdachlos?

Manche haben eine eigene Wohnung und kommen wegen der sozialen Kontakte. Die schauen vorbei, holen sich einen Kaffee, klönen und fahren mit der letzten S-Bahn nach Hause. Das Ziel sollte sein, dass alle eine Wohnung bekommen. Jetzt gibt es das erste Projekt von „Hinz&Kunzt“, wo 24 Obdachlose eine Wohnung haben. Nach 25 Jahren! Das ist doch Wahnsinn. Housing First heißt das. Wir konnten kurz vor dem Einzug das Haus besichtigen. Toll, dass das mit unserem Jubiläum zusammenfällt.

Wie wurde das Haus finanziert?

Einzelheiten zur Finanzierung kenn ich nicht. Alle Bewohner haben unbefristete Hamburger Mietverträge. Das können sie über den Verkauf von „Hinz&Kunzt“ oder andere Sachen finanzieren. Das Wichtigste bei Housing First, wie ich von Sozialarbeitern gelernt habe: Sobald man einen festen Ort hat, kann man sich endlich um die anderen Sachen kümmern. Viele haben Ansprüche wie Renten oder Arbeitslosengeld, aber keinen „Perso“. Jetzt haben sie einen Ort, wo man mit ihnen planen kann. Wo sie selbst Ziele entwickeln können. Das geht auf der Straße nicht.

 

Frauen auf der Straße sind unauffälliger

 

Haben sich die Gäste geändert in den Jahrzehnten?

Durch die europäische Grenzöffnung sind es viele Männer aus Osteuropa. Die können kein Deutsch, haben keine Chance auf dem Arbeitsmarkt und fallen durch das Netz. Wir haben viele Ältere. Es gibt auch Frauen auf der Straße, aber die sind unauffälliger. Jüngere Leute weniger, kommt aber auch vor.

Was machen Sie, wenn Stammgäste verschwinden?

Wir machen uns Sorgen, informieren die Straßensozialarbeiter. Die starten einen Rundruf in den Krankenhäusern. Viele sind natürlich, wie man früher sagte, Tippelbrüder. Die sind unterwegs. Manche sagen, ich war jetzt zwei Monate Richtung Süddeutschland unterwegs. Dann kehren sie zurück in die Anonymität der Stadt.

Obdachlose machen auch innerhalb der Stadt ganz schön Strecke.

In Hamburg gibt es unheimlich viele Anlaufstellen. Dafür müssen sie sich bewegen. In Harburg wird ein Superfrühstück angeboten, dann fährt man morgens dahin. Später zum Mittagstisch nach Altona. Die müssen schon ein büschen plietsch sein, um sich zu organisieren und sind dann wirklich in ganz Hamburgs unterwegs.

 

„Ich versuche, mich aus Selbstschutz zu distanzieren“

 

Sind in den Jahrzehnten Freundschaften entstanden?

Ich versuche, mich aus Selbstschutz zu distanzieren. Ich habe in der Schule als Beratungslehrerin gearbeitet, und weiß, dass das ganz wichtig ist. Dass man sich nicht in seinem Helfersyndrom verliert. Man muss das professionell machen, wenn man was bewirken will. Ansonsten wird man aufgesogen von den Bedürfnissen des anderen. Ich bin voll da, wenn ich fahre, aber ich würde keine Beziehungen aufbauen, die darüber hinausgehen.

Sind Sie noch anderweitig sozial engagiert?

Ich arbeite in der Flüchtlingshilfe, bin in der Christianskirche in Ottensen aktiv, auch seit über 20 Jahren im Chor (lacht). Da gibt es das Willkommenskulturhaus, wo Geflüchtete Sprachunterricht nehmen können. Es soll politische Bildung auf Augenhöhe stattfinden. Man kann sich auch mit wenigen Sprachkenntnissen über die Situation in ihren Ländern und in Deutschland austauschen.

Was treibt Sie an?

Ich habe fast 40 Jahre als Lehrerin gearbeitet. Ich habe eine gute Pension. Mir geht es gut. Ich finde, wir müssen mehr gesellschaftliche Aufgaben übernehmen. Auch wir Oldies. Ich muss nicht mit dem Wohnmobil durch Europa fahren. Ich denke: Ey, das kann doch nicht alles der Staat regeln. Früher haben wir immer diskutiert: Die Obdachlosen, das geht doch nicht, da müssen doch die Behörden was machen. Irgendwann legte sich der Schalter um: Wir sind Teil dieser Gesellschaft und dieser Behörde. Ich bin fit und will etwas zurückgeben. Ich will da auch kein Geld dafür. Wir würden sozial verwahrlosen, wenn wir alle nur noch individualistisch sind. Das soll jetzt nicht sozialromantisch klingen. Ich finde, man kann einfach was tun.

 

Das Angebot ist konstant

 

Hat sich das Angebot des Mitternachtsbusses im Lauf der Jahrzehnte verändert?

Das ist total witzig. Das ist konstant. Wir haben immer heiße Getränke an Bord. Kaffee, Tee, Kakao, alles Fairtrade. Korrekt und eine gute Qualität. Brühe und diese herrlichen, supersüßen Zitronentees (lacht). Coronabedingt zahlt die Sozialbehörde Lunchtüten. Dann gibt es immer Kleidung an Bord für den Notfall. Wenn da jemand liegt und der hat keine Socken an, dann kriegt er Socken von uns. Isomatten, Schlafsäcke und Decken natürlich. Damit die die nicht einfach liegen lassen, müssen sie einen kleinen Obolus entrichten.

Was gibt es an Weihnachten?

Da gibt es meist einen Schokoweihnachtsmann, wie an Ostern Ostereier. Heiligabend ist ja immer ein ganz besonderer Tag. Ich muss da natürlich mit meiner Familie feiern (lacht). Aber ich finde das so toll, dass einige sagen: Heiligabend bedeutet mir nichts, da fahr ich einfach in einem zusammengewürfelten Team die Platten ab.

mitternachtsbus-hamburg.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2021. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hinz&Kunzt: Chefredakteurin Annette Bruhns im Interview

Nach 25 Jahren beim „Spiegel“ übernahm Annette Bruhns die Chefredaktion bei „Hinz&Kunzt“. Im Interview spricht sie über ihre Motivation, die Bedeutung des Magazins für die Hamburger Obdachlosen und was beim Hamburger Winternotprogramm schiefläuft

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Annette Bruhns, Sie waren 25 Jahre lang beim „Spiegel“ und sind jetzt seit Anfang des Jahres Chefredakteurin bei „Hinz&Kunzt“. Warum?

Annette Bruhns: Weil das für mich einer der coolsten Jobs ist, den der Journalismus zu vergeben hat. Ich habe hier tolle Gestaltungsfreiheiten: 60 Seiten, die ich Monat um Monat mit Themen füllen kann, mit spannenden, relevanten Texten. Und mit Bildern von hervorragenden Fotografen. Die „Hinz&Kunzt“ bietet alles, was ein gutes Magazin ausmacht.

Was ist der größte Unterschied zum „Spiegel“?

Der „Spiegel“hat natürlich irre hohe Standards, die arbeitsteilig organisiert sind, mit eigenem Archiv, Verifikationsabteilung, Justiziariat, Schlussredaktion. Diese Standards habe ich quasi inhaliert. Da muss sich die Redaktion nun beugen – ein wenig zumindest (lacht). Ich habe aber den Eindruck, dass alle dazu auch Lust haben.

 

Professioneller Journalismus und soziales Projekt

 

Was ist in Ihren Augen das Besondere an „Hinz&Kunzt“?

Die „Hinz&Kunzt“ bietet professionellen Journalismus und ist zugleich ein soziales Projekt. Die obdachlosen Verkäufer und Verkäuferinnen sind quasi freie Unternehmer und haben durch den Verkauf der Straßenzeitung Einnahmen sowie eine Struktur in ihrem Alltag.

Das Besondere ist, dass sie den Mitmenschen gegenüber gleichberechtigt auftreten und etwas anbieten können, statt nur um Almosen zu bitten. Dadurch entsteht ein ganz anderer Umgang.

Was möchten Sie anders machen?

Ich kann mich mit dem Bisherigen gut identifizieren und sehe einen langsamen, behutsamen Wandel vor mir. Eine Sache, die wir ändern werden, ist, dass wir weniger Verkäuferinnen und Verkäufer auf dem Cover zeigen, damit nicht der Eindruck entsteht, dass Obdachlosigkeit unser einziges Thema ist.

Dieses Magazin ist ungeheuer vielseitig. Wir sind und bleiben als Projekt eine Lobby für Arme, aber als Magazin fühlen wir uns ganz klar dem unabhängigen Journalismus verpflichtet.

Wird es keine inhaltliche Neuausrichtung geben?

Ich sehe eine Menge Themen, die wir spielen können, ohne den Markenkern zu vernachlässigen. Ich möchte unbedingt Frauen sichtbarer machen, die zwar nicht obdachlos sind, aber bettelarm. Meiner Meinung nach tut Deutschland nicht genug für Ein-Eltern-Familien.

Es wird auch jede Menge Tipps geben, wie man seine Freizeit ohne viel Knete bestreiten kann, nach dem Motto: „Elbinsel statt Elphi“.

 

Digitale Veränderungen

 

Viele Magazine haben an Auflage und Anzeigen verloren. Wie sieht es bei Hinz&Kunzt aus?

Natürlich merken wir, dass die Leute weniger Print lesen. Ich will deshalb, dass wir so schnell wie möglich den digitalen Erwerb der Zeitschrift ermöglichen. Die Verkäufer könnten das Heft mittels eines QR-Code anbieten und die Zahlung digital abwickeln. Wir hoffen, dass Wirtschaftsminister Altmaier, der ja für die Digitalisierung 200 Millionen Euro zur Verfügung stellt, jetzt mal in die Puschen kommt, sodass die Straßenmagazine gemeinsam einen Antrag stellen können.

Ist „Hinz&Kunzt“ bei den Menschen ausreichend präsent?

Nein, deshalb müssen wir die Informationen verstärkt über unsere Website und Social-Media-Kanäle an die Hamburger und Hamburgerinnen herantragen – und das werden wir auch.

„Hinz&Kunzt“ hat schon immer viel Unterstützung von Profis oder Agenturen pro bono bekommen. Das ist großartig! Ich kann mir auch gut vorstellen, ehemalige Kollegen als Autoren zu gewinnen.

Wie wird man eigentlich Hinz&Künztler?

Die Verkäufer und Verkäuferinnen in spe wenden sich dazu an unsere Sozialarbeiter und werden im Vertrieb geschult. Zu Beginn erhalten sie zehn Zeitungen kostenlos. Mit den Gewinnen können sie weitere Zeitungen für 1,10 Euro erwerben und zum regulären Preis von 2,20 Euro verkaufen. Oft kriegen sie etwas mehr drauf. Sie bilden also eine Art Mini-Kapital, das sie vermehren können, wenn sie mit ihrem Geld und den Magazinen gut umgehen. Das ist klassische Hilfe zur Selbsthilfe.

Wir helfen auch dabei, Wohnungen zu finden und stellen Bürgschaften bereit. Niemand ist freiwillig obdachlos. Diese Menschen brauchen Unterstützung, denn das Leben auf der Straße macht mürbe.

Wie sieht die Schulung der Verkäufer aus?

Wir haben Mitarbeiter im Vertrieb, die selbst als Straßenverkäufer angefangen haben. Die geben Ratschläge und können das gut vermitteln. Dazu gehören ganz banale Dinge wie ein höfliches, unaufdringliches Auftreten.

 

„Die Pandemie hat massive Folgen für uns“

 

Wie hat sich Corona auf „Hinz&Kunzt“ ausgewirkt?

Die Pandemie hat massive Folgen für uns. Im April vergangenen Jahres gab es erstmals in der Geschichte des Magazins kein gedrucktes Heft, weil man die Gesundheit aller schützen wollte. Seither gibt es auch gewisse Berührungsängste. Viele Menschen gehen nicht mehr oft aus dem Haus und zahlen nur noch mit Karte oder Handy. Das macht den Verkauf der Zeitschrift schwierig.

Ist Hamburg eine hilfsbereite Stadt?

In Hamburg gibt es – und das finde ich hocherfreulich – ein Bewusstsein für die Nöte der Obdachlosen. Erst kürzlich hat Ulrich Tukur, der „Tatort“- Schauspieler, bei einem Fernsehquiz die Hälfte seines Gewinns in Höhe von 50.000 Euro an „Hinz&Kunzt“ gespendet. Aber auch die unzähligen kleinen Spenden helfen ungemein. Danke!

In Hamburg ist die Unterbringung der Obdachlosen im Winter in die Schlagzeilen geraten – weil seit Silvester fünf Obdachlose durch die Kälte auf der Straße starben (Stand: 20.1.2020). Tut die Politik genug für Obdachlose?

Die Stadt scheint stets darauf zu warten, dass irgendein Mäzen sich der Sache schon annehmen wird, dabei ist es die ureigenste Aufgabe der Politik, den Bedürftigen zu helfen. Man ist unheimlich stolz darauf, dass man die Markthalle als Wärmestube bereitstellt oder die Sammelunterkünfte öffnet, statt sich zu überlegen, dass es in einer Pandemie gefährlich ist, Menschen zusammenzupferchen.

In den Unterkünften des Winternotprogramms schlafen vier Personen und mehr in einem Raum! Dabei hat
das Robert-Koch-Institut vor Sammelunterkünften explizit gewarnt wegen der Infektionsgefahr. Ich hatte für „Hinz&Kunzt“ mit Prof. Dr. Friedemann Weber, dem Leiter der Virologie an der Uni Gießen, über die Unterbringung der Obdachlosen gesprochen. Der sagte: „Was Hamburg da macht, ist ein Rezept für ein Desaster.“

 

Klima der Angst

 

Was ist die Folge dieser Politik?

Die Obdachlosen schlafen wieder auf der Straße, weil sie Angst haben, sich in den Notunterkünften mit dem Coronavirus anzustecken. Diese Menschen sind ja schon oft krank, ihr Immunsystem ist geschwächt. Sie müssten geschützt werden. Das gebietet die Humanität.

Zudem kann es in den Unterkünften rau zugehen. Aber auch auf der Straße herrscht teilweise ein ungeheures Maß an Gewalt. Es wird geschlagen, getreten, geraubt. Da herrscht ein Klima der Angst.

Wie könnte eine gute Lösung aussehen?

Wir plädieren schon lange für kleinere Unterkünfte, die in der Stadt besser verteilt sind. In der Zwischenzeit ist wie im letzten Lockdown die Zivilgesellschaft aktiv geworden und hat Hotelzimmer für Obdachlose gebucht. Ohne die Großspende der Reemtsma Cigarrettenfabriken in Höhe von 300.000 Euro wäre das nicht möglich.

Solche Spenden sind begrüßenswert und zugleich beschämend, weil es eigentlich die Aufgabe der Stadt wäre, sich um die Obdachlosen zu kümmern. Die Sozialsenatorin Melanie Leonhard und die rot-grüne Mehrheit in der Bürgerschaft haben eine Hotelunterbringung im Dezember aber abgelehnt.

Woran liegt das?

Ich habe manchmal das Gefühl, dass in der Sozialbehörde ein gewisses dogmatisches Denken herrscht, nach dem Motto: Wir machen es denen mal nicht zu bequem, sonst gibt es bald noch mehr Obdachlose …

Drückt sich die Hamburger Politik vor der eigenen Verantwortung?

Der rot-grüne Senat setzt sehr stark auf Freiwilligkeit und Ehrenamt – und das nicht nur bei der Unterbringung im Winternotprogramm, sondern auch bei medizinischen Hilfen. Die Leute, die den Kältebus betreiben oder die medizinischen Praxen für Obdachlose, beklagen schon länger, dass sich die Stadt immer mehr aus ihrer Daseinsvorsorge herauszieht.

 

Verbunden fühlen

 

Gilt für „Hinz&Kunzt“ nun das alte „Spiegel“-Motto: „im Zweifelsfall links“?

Einer unserer Gesellschafter ist die Diakonie. Die würde wohl eher einen Satz erwarten wie: „Im Zweifel mit Gott“ (lacht). Aber im Ernst: Das Thema Armut betrifft letztlich uns alle. Wir alle haben eine soziale Verantwortung, egal, ob wir links oder eher konservativ sind.

Warum sollten die Hamburger „Hinz&Kunzt“ kaufen?

Es ist ein schönes Magazin und zugleich eine großartige Möglichkeit zu helfen. Es geht ja nicht nur um das bloße Kaufen der Zeitschrift: Vielleicht spricht man mit dem Verkäufer oder der Verkäuferin auch mal ein paar Worte. Es hilft ihnen ungemein, sich mit den Mitmenschen verbunden zu fühlen, dazuzugehören. Das sind Menschen, die oft niemanden sonst haben. Wir haben unsere Familie, Freunde, Kollegen. Diese Menschen haben oft keine Familie mehr, keine Heimat, nichts. Sie können jederzeit den Halt verlieren.

hinzundkunzt.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Portrait: Basketball-Coaching-Talent Sükran Gencay

Sükran Gencay ist mit den Basketballern des ETV in die 2. Liga Pro B aufgestiegen, es war der sechste Aufstieg in acht Jahren. Über ein außergewöhnliches Coaching-Talent

Text: Matthias Greulich

 

Sükran Gencay verdreht Augen, als sie einen Spieler der gegnerischen Mannschaft über eine Schiedsrichterentscheidung lamentieren hört. „Spiel’ doch mal Basketball“, ruft sie dem Zwei-Meter-Mann zu. Der Schlaks sieht die 160 Zentimeter große Frau mit dem schwarzen T-Shirt an und hört tatsächlich auf zu meckern.

„Ich mag klare Ansagen, das war schon immer so“, sagt die 34-Jährige, die als Headcoach mit den ETV Basketballern im Frühjahr sensationell in die 2. Bundesliga aufgestiegen ist. Es ist der sechste Aufstieg, seitdem Gencay vor acht Jahren das Team in der Kreisliga übernahm. Wenn in der dritthöchsten deutschen Spielklasse wie geplant am 16. Oktober die Saison beginnen kann, heißen die Gegner ART Giants Düsseldorf, Rhein Stars Köln oder SC Rist Wedel. Einige Spieler in der 2. Bundesliga Pro B können vom Basketball leben, andere sind Halbprofis oder opfern wie die Eimsbütteler Amateure fast ihre gesamte Freizeit für ihr Hobby. Das gilt auch für ihre ehrgeizige Trainerin, die als Projektmanagerin arbeitet und die Basketballabteilung des ETV ehrenamtlich leitet.

 

Ganz oder gar nicht

 

Der Job in einer Logistikfirma macht Gencay unabhängig: „Ich habe wenig Freizeit, sehe die Konstellation aber eher als Vorteil. Basketball bleibt eine Leidenschaft. Ich habe nicht diesen extremen Druck wie andere Trainer.“ Allerdings verzichtet sie in dieser Saison erstmals darauf, selber zu spielen. Bei der BG West, der Basketballgemeinschaft des SV Eidelstedt und des SV Lurup, könnte sie zwar gelegentlich aushelfen, aber „ich will dem Team dann auch gerecht werden“. Etwas nur halb zu machen, widerstrebe ihr.

Bräuchte man übrigens eine Referentin, um die Vorteile des Mannschaftssports zu schildern, wäre Gencay denkbar geeignet. „Die Möglichkeiten, sich als Persönlichkeit weiterzuentwickeln, hast du sonst nicht im Alltag“, findet sie. Umso mehr gilt das für die sehr vielfältige ETV Basketball Community. „Das ist einer unserer größten Reichtümer.“ Die Muslima ist dafür ein Beispiel. In Wilhelmsburg aufgewachsen, ging sie in St. Georg zur Schule und begann beim ETV Basketball zu spielen. Die Towers gab es noch nicht, es war für Wilhelmsburger Mädchen mit türkischen Wurzeln Mitte der 1990er Jahre nicht selbstverständlich, im Verein Basketball zu spielen. „Da ist meine Generation so etwas wie ein Türöffner.“ Mittlerweile seien junge Frauen wie sie in den Vereinen viel präsenter.

 

Wertschätzender Umgang

 

Je höher die Spielklasse ist, der die ETV Basketballer angehören, desto mehr wird es für Außenstehende ein Thema, dass da eine Frau Männer in der dritten Liga trainiert. „Anfangs hat mich das wütend gemacht, weil es für mich nie wichtig war“, sagt Gencay. Inzwischen sehe sie das Interesse der Medien entspannter. „Es ist noch keine Normalität, aber das kann sich ändern.“ Davon, dass Frauen ein Team anders führen als Männer, ist sie überzeugt. „Es geht um einen wertschätzenden Umgang miteinander.“ Sie schaffe es, deutliche Ansagen an der Seitenlinie mit einem guten Verhältnis zum Team zu verbinden, was im Leistungsbasketball eher selten ist.

Als ihre Spieler vor zwei Jahren als Aufsteiger in der Regionalliga reihenweise Spiele verloren, ging das Team reichlich deprimiert in die Weihnachtspause. Der Klassenerhalt war angesichts der vielen Niederlagen weit aus dem Blick geraten. Sükran Gencay schickte jedem ihrer Spieler einen handgeschriebenen Brief, in dem sie an die Stärken jedes Einzelnen im Kader erinnerte. In Zeiten von WhatsApp waren diese Briefe so außergewöhnlich, dass viele Spieler sich noch an den Inhalt erinnern können. „Das Schriftliche hat einen besonderen Wert, ich habe mir genau überlegt, was ich schrieb“, sagt Gencay. Und dass der ETV wieder an sich zu glauben begann, war ein erster Schritt für den Klassenerhalt, der einige Monate später tatsächlich gefeiert werden konnte. „Manchmal bin ich auch nett“, sagt sie und lacht.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Hamburger des Monats: Benjamin Jürgens – Refugee Canteen

Viele Geflüchtete und Migranten haben in der Refugee Canteen erste Grundlagen für gastronomische Berufe gelernt, in denen sie heute arbeiten. Doch nach vier Jahren hat Gründer Benjamin Jürgens sein Herzensprojekt mangels Spenden 2019 vorerst eingestellt. Ein Gespräch mit dem 34-jährigen Gastro-Experten über ein mögliches Comeback dieser einzigartigen Akademie, seine Flucht aus Mümmelmannsberg und kulturelle Unterschiede beim Karottenzählen

Interview: Matthias Greulich

 

SZENE HAMBURG: Benjamin, wie entstand die Idee zur Refugee Canteen, eurem Schulungsangebot für Geflüchtete und Migranten?

Benjamin Jürgens: 2015 kam ich zurück aus Indonesien. Ich hörte zum ersten Mal, dass in den Messehallen Geflüchtete untergebracht waren. Wir saßen mit befreundeten Köchen zu­ sammen, haben uns ordentlich einen reingelötet und überlegt, was wir tun können. In der Nacht habe ich das Konzept geschrieben, so ganz genau ist die Erinnerung nicht mehr da.

Aber es war überzeugend.

Ich bekam positives Feedback von der KfW­-Stiftung (Kreditanstalt für Wiederaufbau; Anm. d. Red.), die uns gefördert hat. Wir taten uns mit einem Bildungsträger zusammen. Das Ganze nahm richtig Fahrt auf, weil wir uns die nötige Professionalität im Umgang mit dem Jobcenter ins Boot geholt hatten.

Im Januar 2017 entschlossen wir uns, das Programm für alle Geflüchteten un­ abhängig von ihrem Status zu öffnen. Wir konnten die Menschen erreichen, die zu uns kommen wollten, und muss­ten nicht jeden nach seinem Aufenthaltsstatus fragen.

 

„Den Menschen helfen, die zu uns ins Land kommen“

 

Es lief also ohne Förderung vom Jobcenter?

Ganz genau. Die Crux war: Wo ist das Geschäftsmodell? Von da an waren wir zu 100 Prozent abhängig von Spenden. Anderthalb Jahre lang war das überhaupt kein Problem. Das Thema „Essen, Getränke, Men­schen“ ist ein sehr schönes. Dann kamen weniger Spenden. Wir haben aus einem Zwölf-­Wochen­-Programm ein Drei­-Wochen­-Programm gemacht, um die Kosten immer weiter herunter zu schrauben.

Warum hast du soviel Leidenschaft in das Projekt gesteckt?

Ich wollte den Menschen helfen, die zu uns ins Land kamen. Das war für mich soziale Pflicht. Und ich musste dieser Branche, die mir viel gegeben hat, etwas zurückgeben. Denn ich war in einer ähnlichen Situation, als Kind aus Mümmelmannsberg, das sich ver­stoßen gefühlt hat, nicht zurechtkam in der Welt und in der Gastronomie sein Zuhause fand.

Warum ging es mit der Refugee Canteen nicht weiter?

Wir konnten der Gastronomie und Hotellerie nicht deutlich machen, wie wichtig es ist, heute zu investieren, ob­wohl der Notstand im Personalbereich groß ist. Ebenso wie die Abbrecher­quoten in der Ausbildung. Wir muss­ten deshalb Ende 2019 aufhören.

Man hat uns noch einige Angebote gemacht. Zum Beispiel, nur noch Frauen zu qualifizieren. Das war für uns nicht der richtige Weg. Wir hatten vorher etwa 20 Prozent Frauen bei uns im Programm und es war immer klar, dass jeder gleich wichtig ist.

 

Zwischen verschiedenen Sprachen und Kulturen vermitteln

 

Gibt es neue Ansätze?

Vor einigen Wochen gab es Ge­spräche, die Refugee Canteen auf eine Bar zu beschränken. Aber daraus wird dann ganz oft nichts. Weil das Inte­grieren von Menschen nicht einfach wie ein Hobby funktioniert. Es ist ein spannender Prozess, junge Menschen am Ball zu behalten, wenn sie das erste tiefe Tal haben. Wenn dir langweilig wird und du denkst: „Mann, ich kann keine Karotten mehr sehen.“ Oder es gibt Nachrichten aus dem eigenen Land, die nicht schön sind.

Man kann davon ausgehen, dass jeder, der bei uns war, eine hohe psychische Belastung hatte. Davon konnte sich keiner frei­ machen, selbst wir haben uns einmal im Monat selbst reflektiert und haben Coachings durchlaufen müssen. Weil wir mit Menschen konfrontiert waren, die sich gar nicht öffnen, andere haben einen Riesendruck und wollen den los­ werden.

Was hast du gelernt?

Wenn einer unserer Teilnehmer im Betrieb Probleme hatte, konnten wir sehr schnell erkennen, warum. Wir konnten zwischen den verschiedenen Sprachen und Kulturen vermitteln. Wir konnten dem jungen Teilnehmer sagen: „Wenn der Küchenchef das sagt, meint er das und umgekehrt.“ Ein ganz einfaches Beispiel: Wie viel Finger siehst du? (zeigt mit der offenen linken Hand Daumen, Zeige- und Mittelfinger)

Drei.

In arabischen Ländern wird von rechts nach links gezählt. Der Teilneh­mer schaut also zuerst auf die beiden Finger rechts. Wenn du sagst: „Hol’ mal drei Karotten“, sieht unser Teilnehmer zwei. Und die sehr direkte Ansprache, die wir in Deutschland ja doch haben, wird oft als sehr kritisierend angese­hen.

Unsere Erfahrung war, dass es in­ direkt besser funktioniert. „Bist du der Meinung, dass der Fußboden so sauber ist, dass wir Gäste einladen können?“, ist besser als „Du hast den Fußboden nicht sauber gemacht.“ Jemanden vor der ganzen Gruppe so klein zu machen, bedeutete immer Stress. Ich haben den Betrieben immer gesagt: „Auch wenn sie aus Syrien oder Eritrea kommen, sind das ganz normale Millennials, wie alle anderen auch in dem Alter. Die sind verliebt in ihr Telefon, die wollen ihre Sachen machen und wissen, ob sie in vier Wochen aufs Fes­tival gehen können.

 

Mümmelmannsberg ist ein anderer Stadtteil geworden

 

Was könnte ein nächster Schritt sein?

Im Grunde müsste Hamburg die erste gastronomische Vorschule grün­den, in der sich Menschen orientieren können. Es ist oft so, dass wir junge Menschen haben, die gar nicht wissen, was auf sie zukommt. Uns würde es helfen, Menschen zu finden, die in eine solche Idee investieren wollen. In meinen Augen hat das nichts mehr mit Geflüchteten zu tun. Wenn ich es mir überlege, bin ich aus Mümmelmanns­berg vor 18 Jahren geflohen, um meinen Weg zu gehen.

Ging es vielen ehemaligen Mitschülern ähnlich?

Ja, der Großteil hat studiert, Stipen­dien bekommen und richtig was aus sich gemacht. Das Stigma, mit dem wir aufgewachsen sind, war dann irgend­wann egal. Obwohl ich auch Freunde verloren habe, die bei Messerstechereien ums Leben kamen. Jetzt ist es ein ganz anderer Stadtteil geworden. Einmal im Jahr fahre ich hin, weil es schon Heimat für mich ist.

Ich bin im­mer überrascht, dass es langsam schön dort wird. Die Fassaden werden neu gemacht. Passt mir eigentlich nicht, ich fand es immer schön dort, muss ich sagen. Es war meine Hood, es hat dort immer so eigen gerochen. Auf einmal ist es ganz fancy, was es dort so gibt. Bis auf den Kiosk an der Gesamtschule Mümmelmannsberg. Der ist immer noch da, was ich sehr cool finde.

refugee-canteen.com


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Obdachlosenhilfe: Harburg-Huus vor dem Aus

Während sich die Lage in Harburgs einziger Unterkunft für Obdachlose Corona-bedingt ohnehin verschlechtert, hat die Einrichtung nun auch noch die offizielle Kündigung der Räumlichkeiten erreicht

Text: Laura Lück

 

Nachdem das Grundstück am Harburger Außenmühlenweg vergangenen Herbst verkauft wurde, hat das Harburg­-Huus Mitte April die offizielle Kündigung erhalten. Zum April 2021 soll die Obdachlosenunterkunft weichen, nachdem das DRK Hamburg-­Harburg sie erst 2018 mit 200.000 Euro Spendengeldern nach langer Standortsuche eingerichtet hatte.

Die Entwicklungsgesellschaft Urban Space, die das Gelände erworben hat, will auf dem Areal über 200 Wohnungen bauen. Thorben Goebel­-Hansen, Leiter des Harburg­-Huus, sieht die Lage als sehr ernst an. Man sei weiterhin im Gespräch mit dem Investor, aber noch sei alles offen. Durch die Bedrohung des Standortes plagen auch seine Gäste Ängste und Verunsicherung. Sie fragen sich, wie es weitergeht und vor allem, ob das Harburg­-Huus auch an einem neuen Standort weiterhin gut für sie zu erreichen sein wird.

„15 Mitarbeiter im Haupt-­ und 18 im Ehrenamt haben hier etwas aufgebaut, das im Kern Obdachlosen hilft, aber auch Anlaufstelle für Menschen ist, die einsam sind oder unter Altersarmut leiden“, erklärt Goebel-­Hansen. „Wir sind ein Treffpunkt geworden. Das hat man nicht mal eben so an anderer Stelle wieder aufgebaut. Gegen­über unseren Gästen und Netzwerkpartnern braucht es eine gewisse Zeit, um Vertrauen zu schaffen. Die Atmosphäre, Umgebung und Beständigkeit unseres Angebots spielen da eine große Rolle.“

 

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Ein Platz für alle: Im Harburg- Huus dürfen Obdachlose auch ihre Hunde mitbringen

 

Das Harburg-­Huus ist so­ wohl eine Unterkunft für Männer und Frauen, als auch für Obdachlose mit Hund. Außer­dem ist sie eine Einrichtung der kurzen Wege, denn sie bietet Tagesaufenthalts-­ und Übernachtungsstätte unter einem Dach, was in dieser Form nicht häufig gegeben ist. Die Corona­-Pan­demie macht die aktuelle Situation nicht leichter. Goebel­-Han­sen beobachtet eine steigende Nachfrage bei Rückgang der Möglichkeiten durch den vorsorglich gekürzten Personaleinsatz. „Wir haben Ehrenamtliche, Praktikanten und FSJ­ler gebeten vorerst nicht zu kommen, um die Gefahr einer Ansteckung so gering wie möglich zu halten. Früh­, Spät­ und Nachdienst halten wir mit nur noch zwölf Kollegen aufrecht. Das geht an die Substanz.“

Es findet außerdem keine Sozialberatung mehr im direkten Gespräch, sondern nur noch digital statt. Neben professioneller Beratung und Versorgung mit Kleidung und Verpflegung machen das Harburg­ Huus auch seine Freizeitaktivitäten wie Musik­ und Sportprojekte aus. Diese Angebote des DRK-­Teams können momentan nicht aufrechterhalten werden.

 

Sicherheit durch Spenden

 

Auch in der Kasse wird es knapp. Die Einrichtung erhält keine öffentlichen Gelder und wird ausschließlich durch Spenden finanziert. „Wir erreichen die Spender in der momentanen Situation zum Teil nicht mehr und können vor Ort keine Sachspenden mehr entgegennehmen. Deshalb freue ich mich umso mehr über Geldspenden auf unser Spendenkonto DE77 2005 0550 1262 2275 39 bei der Hamburger Sparkasse, auf die wir nun noch dringender angewiesen sind.“

Positiv bewertet Goebel­-Hansen, dass sich das Gemeinschaftsgefühl im Haus noch einmal verstärkt habe. Für die Zukunft wünscht er sich schnellstmöglich Lösungen mit langfristiger Perspektive: „Wir sind fester Bestandteil des Bezirks geworden. Die Situation für Obdachlose in Harburg hat sich seit unserem Bestehen verbessert. Bereits im ersten Jahr hatten wir 4.000 Übernachtungen und 2.500 Beratungsgespräche. Unsere Gäste sollen auch nach Corona und in womöglich neuen Räumlichkeiten wieder die Sicherheit bekommen, dass wir ihnen als verlässlicher Partner zur Seite stehen.“

 

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Spendenkonto

Hamburger Sparkasse
IBAN: DE77 2005 0550 1262 2275 39 Kennwort: Harburg-Huus

Harburg-Huus: Außenmühlenweg 10 b (Harburg)


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Weißer Ring: Aus dem Leben gerissen

Wer Opfer von Diebstahl, Betrug oder sexualisierter Gewalt wird, findet Hilfe beim Weißen Ring. Anlässlich des 40-jährigen Jubiläums des Landesverbands Hamburg erzählt Vorsitzender Hans-Jürgen Kamp wie sehr Übergriffe Leben verändern und was #MeToo bewirkt hat

Interview: Sophia Herzog
Foto: Jessica Lewis via Unsplash

 

SZENE HAMBURG: Herr Kamp, Sie haben früher die berüchtigte Justizvollzugsanstalt Santa Fu geleitet, waren dann stellvertretender Leiter des Strafvollzugsamtes und sind seit fünf Jahren beim Weißen Ring. Was hat Sie zu diesem Seitenwechsel bewogen?

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Vom Strafvollzug in die Opferhilfe: Hans-Jürgen Kamp (Foto: Sophia Herzog)

Hans-Jürgen Kamp: Während meiner Zeit im Strafvollzug habe ich mich regelmäßig mit dem Thema Resozialisierung beschäftigt, und mit der Frage, wie man Straftäter wieder auf die richtige Bahn leiten kann. Ich habe im Laufe der Zeit aber auch viele Menschen getroffen, die von diesen Straftaten betroffen waren. Und das hat mich zunehmend nachdenklicher gemacht. Dass ich die Aufgabe des Landesvorsitzenden beim Weißen Ring übernommen habe, hat sich dann aber doch eher zufällig ergeben.

Konnten Sie etwas aus Ihren früheren Jobs im Strafvollzug mitnehmen, dass Ihnen jetzt hilft?

Die Zahl der unmittelbaren Anknüpfungspunkte ist übersichtlich. Ich habe auf jeden Fall eine sehr gute Vorstellung davon, warum Menschen auf welche Art und unter welchen Umständen verschiedene Straftaten begehen. Und ich habe Menschen kennengelernt, die hinterher sehr betroffen waren von den Konsequenzen ihrer Tat. An der Frage, wie man diese Betroffenheit auch positiv instrumentalisieren kann, sind wir beim Weißen Ring ganz dicht dran.

Wir werfen mit dem Menschen, der zu Schaden gekommen ist, durchaus einen Blick auf den Täter und versuchen, in ihm nicht nur das grenzenlos Böse zu sehen, sondern seine Position auch differenziert zu betrachten. Im Einzelfall kann das auch zu einem Täter-Opfer-Ausgleich führen (Anm. d. Red.: Ein Täter-Opfer-Ausgleich ist ein Mittel zur außergerichtlichen Konfliktschlichtung, das von einem unparteiischen Dritten moderiert wird und bei dem sich Täter und Opfer in der Regel persönlich begegnen.)

 

„Opfer von Straftaten wollen nur eines: Gerechtigkeit“

 

Gelingt das den Geschädigten in der Regel, Verständnis für die Täter aufzubringen?

Gewiss nicht in der Regel! Die Opfer von Straftaten wollen nämlich nur eines: Gerechtigkeit, die durch eine verständnisvolle, auch die Interessen des Opfers oder der Opfer berücksichtigende Justiz hergestellt wird. Aber die nach wie vor häufig sehr täterorientierte Arbeitsweise der Justiz erschwert allen Beteiligten den Zugang zu einer ganzheitlichen Sichtweise.

Bei den ganzen erschreckenden Schicksalen denen Sie, auf beiden Seiten, begegnen – wie bleiben Sie positiv?

Das ist eine gute Frage. Früher, bei meinem Job im Strafvollzug, habe ich gelegentlich mit Menschen zu tun gehabt, deren unvorstellbare Emotionslosigkeit und kompletter Mangel an Empathie mich total ratlos gemacht haben.

Ich habe Menschen getroffen, denen auch ich nicht im Dunkeln begegnen möchte. Aber ich war auch immer in der Lage, das von meinem Privatleben zu trennen. Ich bin ja Jurist, habe aber in meinem Freundeskreis niemanden aus dieser Branche. Das hat vielleicht geholfen, weil ich privat immer anderen Themen begegnet bin.

Gelingt Ihnen das genauso gut, jetzt wo sie häufiger mit dem Leid der Opfer konfrontiert sind?

Hier ist das einfacher, als Vorsitzender habe ich mit konkreten Schicksalen nur theoretisch zu tun, da ich ja nicht selbst berate, und habe dadurch schon eine gewisse Distanz. Aber auch hier gibt es immer wieder Situationen, die mich betroffen machen. Der Weiße Ring beschäftigt sich im Moment sehr intensiv mit der Reform des Sozialen Entschädigungsgesetzes.

Er setzt sich dafür ein, dass auch Opfer mit Schockschäden eine Entschädigung bekommen. Diese Personen waren unbeteiligte Zeugen bei grausamen Ereignissen. Sie haben bestimmt von der schrecklichen Tat am Jungfernstieg im April 2018 gehört …

 

Professionelles Mitgefühl

 

Ein Mann hat damals seine Ex-Frau und die gemeinsame Tochter getötet.

Und jetzt stellen Sie sich mal vor, Sie hätten auf der Bank daneben gesessen, kriegen das mit, und das kleine Kind stirbt kurz danach in Ihren Armen. Kaum einer kann das einfach so wegstecken, das ist eine traumatische Erfahrung. In solchen Fällen beraten und helfen wir als Weißer Ring natürlich auch. Wenn wir solche Fälle hier in der Runde besprechen, geht das an keinem spurlos vorbei.

Gleichzeitig müssen wir aber auch darauf achten, es nicht zu nahe an uns heranzulassen. Wir sprechen immer davon, dass wir gerne und professionell Mitgefühl haben, aber Mitleid vermeiden müssen. Wenn wir mitleiden, werden wir selbst zu Opfern und können nicht mehr stärken und schützen.

Wie verhindern Sie das intern?

Unsere Leute, die in solchen Situationen beraten und begleiten, werden in Aus- und Weiterbildungsseminaren systematisch auf die Gesprächssituationen vorbereitet. Es besteht auch die Möglichkeit von Supervisionen. Denn so eine physische Brutalität wie bei dem gerade genannten Mord oder wie bei dem Ehemann, der seine Frau mit heißem Öl überschüttet, weil sie sich einem anderen Mann zuwendet, macht fassungslos. Aber spektakuläre Fälle wie diese passieren zum Glück selten.

Die Opfer welcher Verbrechen nehmen die Beratung des Weißen Rings am häufigsten in Anspruch?

Der Bereich der Seniorenkriminalität ist sehr groß. Ganz typisch ist der Enkeltrick, bei dem alte Damen meistens telefonisch dazu manipuliert werden, große Summen an Geld abzuheben, weil der angebliche Enkel in Not ist. Das hat mit Dummheit wenig zu tun, sondern vielmehr mit der hohen manipulativen Kompetenz der Betrüger.

Auch Cyberkriminalität ist ein Thema, also zum Beispiel junge Mädchen, die leicht bekleidet Bilder von sich machen, an ihre Freunde schicken, und diese Fotos landen später im Internet.

Die überwiegende Zahl der Fälle, in denen der Weiße Ring tätig wird, betrifft aber gewalttätige Auseinandersetzungen in häuslichen Gemeinschaften und Sexualdelikte. Dabei sind übrigens auch manchmal Männer die Opfer, wenn auch deutlich seltener.

 

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85 Ehrenamtliche helfen beim Weißen Ring in Hamburg (Foto: Sophia Herzog)

 

Was macht das mit Menschen, wenn sie Opfer eines Verbrechens werden?

Ganz viel. Eine junge Frau erzählte mir einmal, dass sie neulich shoppen war und ihr Handy vor der Nase hatte. Einen älteren Mann, der ihr auf dem Gehsteig entgegengekommen ist, hat das so gestört, dass er sie nicht nur laut beschimpft, sondern auch absichtlich und ziemlich heftig angerempelt hat. Sie hat sich natürlich erschrocken und ist außerdem mit dem Oberkörper auf den Tisch eines Cafés gefallen, auf dessen Höhe sie gerade gelaufen ist.

Sie hat mir erklärt, dass sie empört war über dieses Verhalten, sie sich aber trotzdem dabei ertappt, dass sie sehr viel genauer auf die Menschen achtet, die ihr entgegenkommen. In vergleichbaren Situationen steckt sie jetzt lieber einmal mehr ihr Handy weg, aus Respekt davor, vielleicht doch noch einmal angerempelt zu werden.

Ist das eine leichte Form von Traumatisierung?

Eine Traumatisierung im klassischen Sinne ist das sicher nicht. Aber wenn jemand schon durch ein solches Erlebnis in seinem Verhalten beeinflusst wird, dann kann man sich vorstellen, was mit einem Menschen geschieht, der nicht einfach nur angerempelt, sondern zusammengeschlagen oder sexuell belästigt wird.

Das kann Dimensionen erreichen, in der die Betroffenen ihre normale Lebensfähigkeit verlieren. Sie trauen sich nicht mehr auf die Straße, schlafen nicht mehr, haben Angst vor Dunkelheit oder großen Menschenmassen. Das ist neben den physischen Folgen eines Verbrechens das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann. Es reißt den Opfern den Boden unter den Füßen weg.

Wie kann der Weiße Ring konkret helfen?

Wir haben den Ehrgeiz, dass jeder, der sich bei uns meldet, innerhalb von 24 Stunden eine Antwort bekommt. Das klappt im Regelfall, auch wenn manchmal das Wochenende dazwischenkommt. Wir arbeiten hier ja alle ehrenamtlich.

Die Mehrzahl unserer Kontakte zu den betroffenen Personen wird von der Polizei vermittelt, mit der wir eng zusammenarbeiten. Wir vereinbaren ein Treffen mit dem Opfer, entweder bei ihm oder ihr zu Hause oder bei uns in den Beratungsräumen.

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Kaffee und Kuchen beim Beratungsgespräch (Foto: Tyler Lastovich)

Es gibt Kaffee, einen Keks, und dann sprechen wir einfach nur. Wir werten nicht, wir hören zu, und loten aus, wo Handlungsbedarf besteht. Je nachdem vereinbaren wir beispielsweise Beratungsgespräche bei Therapeuten, helfen bei Behördengängen und Anträgen oder vermitteln Rechtsberatung.

Wie lange sind die betroffenen Personen dann bei Ihnen in Beratung?

Das kommt drauf an. Manche Menschen sagen relativ zügig, dass es ihnen jetzt gut geht und sie alleine klarkommen. Bei manchen nimmt die Beratung und Begleitung aber einen langen Zeitraum in Anspruch.

Ein großer Aufgabenbereich des Weißen Rings ist auch die Prävention von Verbrechen …

Genau, das ist uns auch sehr wichtig. Wir halten viele Vorträge, zum Beispiel in Bürgervereinen, Seniorenheimen oder Schulen. Dort erklären wir, wie man sich vor Verbrechen wie Einbruch, Diebstahl oder Betrug schützen kann.

Für Schulen hatten wir lange das Projekt „Fair Play in der Liebe“, in dessen Rahmen wir mit Kindern im Alter von elf bis 14 Jahren über Fragen diskutiert haben wie „Was ist eigentlich Gewalt in der Beziehung?“, „Fängt das erst bei Schlägen an, oder schon früher?“ oder „Ist das okay, wenn der Freund die SMS seiner Freundin liest?“ Denn in diesem Alter fangen die ersten Liebesbeziehungen an. Mit dem Projekt hatten wir großen Erfolg, aber leider fehlen uns gerade die personellen Ressourcen in der Prävention, um solche Vorträge regelmäßig zu organisieren.

 

„Die Wahrnehmung der Opfer hat sich verändert“

 

Bewegungen wie #MeToo scheinen das Thema der Opferhilfe besonders in Bezug auf Sexualdelikte mehr in den Blickpunkt der Gesellschaft gerückt zu haben. Merken Sie das in ihren Statistiken?

Ich kann das nicht in konkreten Zahlen ausdrücken. Aber ich habe auf jeden Fall den Eindruck, dass Frauen mehr darüber sprechen, mutiger werden, es öfter anzeigen und in diesem Zuge auch in Kauf nehmen, dass sie erst mal Teil eines unter Umständen schmerzhaften Ermittlungsprozesses werden. An dieser Entwicklung wird aber auch deutlich, wie wichtig Opferrechte sind. Ich bin davon überzeugt, dass auch die gesteigerte Sensibilität von Seiten der Ermittlungsbehörden Grund für diesen Trend ist.

Wie zeigt sich das?

Ein Beispiel ist die Möglichkeit, Spuren von Gewalt im Rechtsmedizinischen Institut erfassen und dokumentieren zu lassen, auf Wunsch auch anonym. Niemand fragt nach oder wertet, das Opfer kann sich persönlich ganz zurücknehmen, hat aber die Beweise und kann später, wenn es will, immer noch rechtliche Schritte einleiten. Auch die Befragungsmethoden der Ermittlungsbeamten sind sehr viel empfindsamer geworden, die Bereitschaft, sich mit solchen Themen empathischer auseinander zu setzten, ist gestiegen. Und auch im Bereich der Justiz hat sich die Wahrnehmung der Opfer verändert.

Inwiefern?

Ich war neulich bei einer Veranstaltung für junge Richterinnen und Richter. Ein junger Staatsanwalt aus dem Publikum hat sich mit einem kleinen Appell an die Kollegen gewandt, dessen Forderung mich begeistert hat.

In Missbrauchsverfahren ist das Opfer oft der einzige Zeuge oder die einzige Zeugin. Wenn der Täter gesteht, bevor es zu der Aussage des Opfers gekommen ist, wird es direkt nach Hause geschickt. In seinem Appell hat sich der Staatsanwalt gewünscht, dass sich die Richter an dieser Stelle noch einmal die Zeit nehmen, um dem Opfer dennoch das Recht einzuräumen, sich einmal äußern zu können und es persönlich zum Beispiel nach seinem Wohlbefinden fragen.

Menschen fühlen sich auf diese Weise mit einbezogen, gesehen und ernstgenommen von der Justiz. Und für so eine Einstellung machen wir uns, als Weißer Ring, stark.

Weißer Ring: Winterhuder Weg 31 (Uhlenhorst)


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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