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Hamburger des Monats – Thorben Goebel-Hansen

Südlich der Elbe gab es lange keine Unterkunft für obdachlose Menschen – bis das Deutsche Rote Kreuz letztes Jahr das Harburg-Huus eröffnete. Einrichtungsleiter Thorben Goebel-Hansen über eine Einrichtung, die ihren Gästen nicht nur einen Schlafplatz, sondern auch Hoffnung schenkt

Interview: Sophia Herzog

 

SZENE HAMBURG: Herr Goebel-Hansen, wenn Sie über Ihre Arbeit im Harburg-Huus sprechen, fällt selten das Wort „Obdachlose“ und viel häufiger „Gäste“. Welche Bedeutung hat dieses Wort für Sie?

Thorben Goebel-Hansen: Die Menschen, die zu uns kommen, sind ja nicht nur obdachlos. Sie sind auch Musikliebhaber, Fußballfans, lesen gern, sind Mutter, Vater, Oma, Opa … Das alles wird bei der Bezeichnung Obdachlose ausgeblendet. Wir wollen unseren Gästen aber einen Perspektivenwechsel ermöglichen, und auch dafür ist es wichtig, sie nicht auf die Rolle eines Obdachlosen zu reduzieren.

Erst im Juni letzten Jahres wurde das Harburg-Huus als erste Obdachlosenunterkunft in Harburg eröffnet. Warum erst jetzt?

Das kann ich nicht beurteilen. Das DRK hat schon sehr lange auf dieses Thema hingewiesen und schließlich auf die immer weiter wachsende Obdachlosigkeit in Harburg reagiert. Vielleicht hat man sich auf behördlicher Ebene auf die anderen Einrichtungen in Hamburg verlassen. In Gesprächen wurde oft auf Unterkünfte im Zentrum Hamburgs, also nördlich der Elbe, verwiesen, zu denen die Obdachlosen ja gehen könnten.

 

„Freundschaften sind auf der Straße selten“

 

Die kommen aber für die obdachlosen Menschen in Harburg nicht immer infrage …

Für viele unserer Gäste ist die Innenstadt einfach schwer zu erreichen. Erst mal muss ja eine Fahrkarte her, die kostet Geld. Außerdem hat jeder Mensch seine eigene Sozialraumorientierung – eine Gegend, in der er lebt und sich auskennt.

Für obdachlose Menschen ist es zum Beispiel wichtig zu wissen, welcher Bäcker um die Ecke ihnen mal ein Brötchen spendiert. Viele sind hier verankert, der Stadtteil ist ihr Zuhause. Freundschaften sind auf der Straße selten, wenn sie also noch soziale Kontakte vor Ort haben, wollen sie ihr Quartier nicht einfach wechseln.

Werden die 15 Schlafplätze im Harburg-Huus denn seit der Eröffnung regelmäßig in Anspruch genommen?

Wir sind so gut wie jede Nacht komplett ausgebucht. Ab und zu bleibt ein Bett frei, wenn uns Gäste, die sich telefonisch angemeldet haben oder uns zum Beispiel von einer anderen sozialen Einrichtung angekündigt wurden, dann doch nicht erreichen. Der Bedarf ist offensichtlich da, wir hatten sogar schon vor der offiziellen Eröffnung eine Warteliste.

Wir vergeben unsere Betten zuerst an die Menschen, die sie nötig brauchen, zum Beispiel weil sie gesundheitlich geschwächt sind. Auch bei Frauen sehen wir häufig eine besondere Dringlichkeit. Für sie gibt es ein eigenes Zimmer.

Wenn ein obdachloser Mensch spontan bei uns vor der Tür steht und wir ihm keinen Schlafplatz mehr anbieten können, versuchen wir kurzfristig etwas in einer anderen Unterkunft zu organisieren.

Warum kommt das Konzept des Harburg-Huus bis jetzt so gut an?

Das mag daran liegen, dass wir als Deutsches Rotes Kreuz einen Vertrauensvorschuss haben. Einige Gäste haben in der Vergangenheit vielleicht keine guten Erfahrungen mit Behörden gemacht, die oft Träger anderer Unterkünfte sind.

Außerdem erlauben wir als eine der wenigen Notunterkünfte im Hamburger Raum auch Hunde. Viele obdachlose Menschen schlafen lieber auf der Straße, als sich von ihren vierbeinigen Begleitern zu trennen.

Warum werden dann nicht in mehr Unterkünften Hunde zugelassen?

Weil es schon ein gewisser Aufwand ist. Wie vertragen sich die Hunde untereinander? Wie vertragen sich die Hunde und die anderen Gäste? Das müssen wir bei der Bettenverteilung bedenken, und deshalb muss sich auch jeder potenzielle Gast mit seinem Hund bei uns vorstellen, damit wir einschätzen können, ob das funktioniert. Außerdem geht es auch um die Folgebetreuung der Tiere. Man muss sie nicht nur unterbringen, sondern Hundefutter bereitstellen oder medizinische Versorgung. Viele Träger schrecken dabei wohl auch vor den Kosten zurück.

 

„Jeden Cent müssen wir über Spenden reinholen“

 

Wie finanzieren Sie das denn?

Wir erhalten keine öffentliche Förderung, das heißt: Jeden Cent, den wir ausgeben, müssen wir über Spenden wieder reinholen. Bei 250.000 Euro im Jahr ist das eine große Herausforderung. Mit dem DRK haben wir aber einen Träger, der Projekte wie das Harburg-Huus anschieben kann und mit seinem Namen natürlich eine gewisse Wirkung hat.

Außerdem bekommen wir Unterstützung vom Förderkreis des Harburg-Huus, gegründet von Schirmherr Rüdiger Grube. Lebensmittel liefert uns die Tafel. Die Tierarztkosten, die sich unsere Gäste für ihre Hunde nicht leisten können, übernimmt ein Hamburger Verein.

Und nicht nur das – Sie organisieren auch Lesungen im Harburg-Huus, schauen gemeinsam mit Ihren Gästen Fußball oder bieten Musik- und Zeichenkurse. Warum schaffen Sie diese zusätzlichen Angebote?

Menschen brauchen Hoffnung, auf eine gute Zukunft, auf ein gutes Leben. Deshalb ist es für uns enorm wichtig, unseren Gästen zu zeigen: Es gibt so viele Dinge im Leben, die Spaß machen. Bitte verliere nicht die Hoffnung! Deshalb wollen wir ihnen genau diese Angebote auch machen.

Zusätzlich gibt es bei uns auch eine psychosoziale Betreuung, und einmal wöchentlich kommen das Caritas Krankenmobil und ein mobiler Zahnarzt bei uns vorbei. In Zukunft planen wir noch den Ausbau der Suchtberatung.

Was sagen Ihre Gäste?

Viele sagen, dass wir eine sehr familiäre Einrichtung aufgebaut haben. Das liegt daran, dass wir überschaubare Räumlichkeiten mit einem sehr wohnlichen Gemeinschaftsraum für den Tagesaufenthalt und 15 Betten für die Übernachtung anbieten. Auf diese Anzahl kommen dann nicht nur 15 festangestellte Mitarbeiter, sondern auch noch die gleiche Zahl an Ehrenamtlichen, die zum Beispiel abends eine kleine Mahlzeit ausgeben.

Natürlich sind nicht alle gleichzeitig vor Ort. Doch es ist immer jemand da und ansprechbar, die Gäste fühlen sich wahrgenommen. Das fängt schon bei den Kleinigkeiten an. Wenn jemand Geburtstag hat, organisieren wir immer ein kleines Geschenk, also vielleicht Buntstifte für jemanden, der gerne malt. Oder einen Kuchen, den wir zusammen essen. Da fließen nicht selten Tränen, weil unsere Gäste das lange nicht mehr erlebt haben.

 

Neue Strukturen

 

Umso schlimmer ist es, dass Sie im August die Nachricht bekommen haben, dass das Gelände für Wohnungsbau verkauft wurde …

Ja, das hat uns alle schockiert und entsetzt. Als wir 2017 mit dem Vermieter der ehemaligen Gewerbeimmobilie ins Gespräch kamen, haben wir uns darauf verständigt, dass wir dieses Objekt umbauen. Wir haben über 200.000 Euro an Spenden- und Eigenmitteln dafür aufgebracht. Das wir, so wie es jetzt aussieht, in spätestens drei Jahren raus sollen, trifft uns auch angesichts dieser enormen Summe natürlich sehr.

Was passiert mit Ihren Gästen bei einem Standortwechsel?

Obdachlose Menschen brauchen sichere Strukturen. Alles, was wir hier aufbauen, das ist nicht von heute auf morgen gemacht. Das ist eine unglaubliche Vertrauensarbeit, den Menschen einen Ort zu geben, den sie in ihren Alltag integrieren können. Dass diese Strukturen eingerissen werden sollen, stimmt das Team mehr als traurig.

Wie geht es jetzt weiter?

Ich habe die Hoffnung, dass wir neue Räume finden, in denen wir ein paar Betten mehr unterbringen. Aber dieses Objekt müssen wir erst mal finden. Das Thema Obdachlosenhilfe berührt Menschen. Aber wenn ich Vermieter anspreche, schrecken die häufig zurück, weil sie Angst haben, dass sie Räumlichkeiten in unmittelbarer Nähe einer Obdachloseneinrichtung nicht mehr für den gleichen Preis vermieten können.

Wir rennen bei unserer Suche keine offenen Türen ein. Deshalb bin ich für jeden Hinweis dankbar, wo es in Harburg vielleicht eine geeignete Immobilie gibt.

Haben Sie Ihre Entscheidung, die Leitung zu übernehmen, bereut?

Nein, auf keinen Fall. Das klingt plakativ, aber ich gehe jeden Tag wirklich gerne zur Arbeit. Wir sind noch eine junge Einrichtung, das heißt auch, dass sich noch vieles entwickelt. Das finde ich spannend, weil ich dabei auch viel Neues lernen kann.

Möglichkeiten dazu habe ich hier reichlich. Die Menschen, die zu uns kommen, kommen von überall her. Die meisten aus Deutschland, einige aus Osteuropa, wir hatten aber auch schon Gäste aus Brasilien, den USA, Afghanistan, dem Iran oder Irak. Gerade in der Sozialberatung kommen also ganz viele unterschiedliche Lebensläufe zum Vorschein. Jeder Gast hat seine eigene Geschichte zu erzählen. Einen anderen Arbeitsplatz als diesen könnte ich mir gerade gar nicht vorstellen.

www.drk-harburg.hamburg


szene-hamburg-november-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, November 2019. Titelthema: Sexualität. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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HafenCity: Neues Quartier in Planung

In der HafenCity entsteht ein neuer integrierter Stadtteil – mit eigenem Innovationsmanager. Was sich verändern wird, erzählt Joscha Domdey im Interview

Interview: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Herr Domdey, das neue Quartier trägt den Namen „Westfield Hamburg-Überseequartier“ – benannt nach Unibail-Rodamco-Westfield, einem Betreiber von Shopping-Zentren in aller Welt. Warum?

Joscha Domdey: Eine wichtige Info zum Anfang: Wir werden hier kein Shoppingcenter bauen. Es wird ein sogenanntes „Mixed-­Use­-Quartier“ mit verschiedenen Nutzungen. 650 Wohnungen, 4.000 Büroarbeitsplätze, drei Hotels, Kultur­ und Freizeitangebote, über 40 Restaurants, 200 Geschäfte und ein Kreuzfahrtterminal.

Die Marke Westfield ist in Europa und international ein Qualitätsversprechen. Wir verbinden die Marke immer mit dem lokalen Kontext. Denn wir sind natürlich Teil Hamburgs. So ist „Westfield Hamburg­-Übersee­quartier“ eine gute Symbiose aus international und lokal, und das ist auch die Idee.

Was sind Ihre Aufgaben als Innovationsmanager?

Kooperationsmöglichkeiten finden, Recherche und Trend­-Scouting, kreative Workshops organisieren, Kolleginnen und Kollegen inspirieren, innovative Ideen in umsetzungsfähige Piloten wandeln – kurz: Ich kümmere mich um den Aufbau eines Netzwerks rund um neue Ideen, Start-Ups, Thinktanks und Unternehmen. Unser Ziel: ein modernes, lebhaftes Quartier.

Wo liegen die Schwerpunkte der Innovation? Technisch, wirtschaftlich oder sozial?

Der Community-­Gedanke ist bei uns ganz groß. Es soll ein sozialer Treffpunkt werden. Wir wollen den Leuten in der Nachbarschaft Gastronomiekonzepte anbieten, wo sie tagtäglich hingehen können – und auch ganz besondere Orte an der Wasserkante mit Blick auf die Elbe schaffen.

Ein weiterer Fokus: die Ausstattung der Gebäude. Wir möchten, dass sie nachhaltig gebaut und innovativ vernetzt sind: Intelligente Gebäudetechnik steuert Sanitär­, Heizungs-­ und Beleuchtungsanlagen, senkt Energiekosten und sorgt für ein gutes Wohngefühl. Smarte Logistik­ und Verkehrsleitsysteme entspannen die Verkehrssituation.

Wir möchten die verschiedenen Services auf einer App bündeln, die informiert und alles einfach zu bedienen ist. Die Plattform kann dann von Besuchern genutzt werden.

 

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Büros, Hotels, Restaurants, Geschäfte, Wohnungen und Kultur- und Freizeitangebote sollen entstehen / Foto: Moka Studio

 

Was gibt es für konkrete Pläne?

Ein großes Thema ist die Mobilität. Da denken wir in alle Richtungen und wählen am Ende die besten Konzepte aus. Wir haben eine Partnerschaft mit den e­-floatern aus der Nachbarschaft. Ein super­ spannendes Konzept: e­-floater haben drei Räder und können – anders als E-­Scooter – nicht umfallen.

Das ist gut für das Stadtbild, denn die Roller liegen nicht mehr auf den Gehsteigen. Die Vision der e-floater: Dreiräder können irgendwann autonom fahren. Wenn sie falsch geparkt sind, kann man sie auf Knopfdruck richtig parken. Sie können ohne Stecker induktiv geladen werden, indem man nur noch auf eine Plattform fährt, die lädt.

Ein anderer Partner ist Wunder Mobility. Die ent­wickeln Carpooling­-Lösungen, damit Mitarbeiter nicht alleine mit dem Auto kommen, sondern gemeinsam, also gepoolt. Oder Smart Parking Systeme: Sobald es der Datenschutz erlaubt, könnten wir Nummernschilder scannen. Der Kunde fährt dann mit einer Monatsmitgliedschaft einfach ins Parkhaus, ohne einen Papier-­Parkschein lösen zu müssen.

Haben Sie Kriterien, nach denen Sie Ihre Partner aussuchen?

Ich habe keine Checkliste. Aber wir arbeiten gerne mit jungen Start-ups und Projekten zusammen. Wir stehen mit dem Fraunhofer­-Institut in Kontakt. Dort wird an immer­siven Welten geforscht. Eine virtuelle Welt, in der es Gerüche oder Gefühle wie Wärme und Kälte gibt. Ein außergewöhnliches Erlebnis.

Wir arbeiten mit Studententeams zusammen wie von der Uni Köln: Die Studenten haben sich auf verschiedene Mobilitätsschwerpunkte fokussiert – zum einen aus der Quartiersperspektive: Wer könnten die richtigen Partner für das Quartier sein, zum Beispiel im Bereich Radverkehr? Welche Mobilitätsplattformen sind für die Kunden geeignet? Heute und in Zukunft?

Zum anderen wurde die Kundenperspektive analysiert: Bestimmte Besuchertypen wurden auf ihrem Weg zum Quartier simuliert und es wurde geschaut, welche Mobilitätsformen einfach und nachhaltig sind.

 

„Ein Ort für alle Hamburger“

 

Die HafenCity ist umringt von Stadtteilen mit hoher Diversität: Gibt es Überlegungen, wie hier ein Ort für Alt und Jung, Arm und Reich entstehen kann?

Wir möchten das Quartier für jeden erlebbar machen. Wir möchten niemanden speziell ansprechen und niemanden ausschließen. Es wird ein Ort für alle Hamburger, für Leute aus der HafenCity, für Berufstätige, für Besucher und für Jung und Alt.

Wir haben verschiedene Angebote für Familien mit Kinderspielecken. Wir machen Angebote für den Büroarbeiter, damit er sich auf dem Nachhauseweg etwas mitnehmen kann.

Unter anderem ist hier Hamburgs größtes Shoppingcenter geplant. Die Anwohnerinitative „Initiative Lebenswerte HafenCity“ kritisiert das Projekt als UFO, das den Elbblick versperrt, massiven Verkehr verursacht und zu Kommerz statt Lebenskultur führt.

Es handelt sich, wie gesagt, um kein klassisches Shopping­center. Es ist ein urbanes Quartier – ein Stück Ham­burg. Wir haben in verschie­denen Gesprächen die Sorgen aufgenommen. Da ist viel Aufklärarbeit dabei. Wir arbeiten mit dem HVV zu­sammen. Die U4­-Bahnstation Überseequartier ist direkt bei uns im Quartier. Wir sind im Gespräch mit der Hoch­bahn. Wir schauen uns neue Mobilitätskonzepte an. Neben den schon beschriebenen geht es uns um E­-Mobilität und autonome Autos.

 

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Der Blick von oben auf die Zukunft / Foto: Moka Studio

 

Gibt es neben e-floatern und Wunder Mobility weitere Projekte mit der Nachbarschaft?

Wir arbeiten eng mit dem Virtual Reality Headquarter aus der Speicherstadt zusammen. Durch die Kooperation mit der Hamburg Kreativgesellschaft unterstützen wir kreative Berufe. Man sieht heute schon drei Jahre vor Eröffnung, dass wir kein Ufo sind, sondern mit den Leuten vor Ort zusammenarbeiten.

Wir sind im Gespräch mit der Ausstellung „Märchen­ welten“, mit dem Sportsdome und anderen Konzepten. Wir überlegen mit dem Touris­musverband, wie man Kreuzfahrtgäste dazu bringt, einen Tag länger zu bleiben, um das Miniaturwunderland zu genießen, in die Speicherstadt zu gehen oder zu uns zu kommen. Wir versuchen, eine Symbiose zu schaffen.

Ueberseequartier.de


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Billbrook: ein Stadtteil zwischen Industrie und Natur

Etwas ab vom Schuss, aber weltweit vernetzt liegt das Industriegebiet im zentralen Osten der Stadt. Ein Gespräch mit Falko Droßmann, Bezirksamtsleiter in Hamburg-Mitte, über Billbrook als Riesenchance für Hamburg.

Text und Interview: Erik Brandt-Höge
Foto (o.): Philipp Schmidt

Aus der Luft erscheint Billbrook als Stadtoase – aber nicht als grüne. Grün ist nur der Oasenrahmen, der sich durch die angrenzenden Viertel Moorfleet, Billwerder, Veddel, Hamm und Billstedt ergibt. Billbrook wird farblich von Grautönen bestimmt. Ein großer grauer Fleck. Der kommt von der Industrie. Speditionen, Lager- und Produktionshallen, Logistikzentren, Werkstätten, Verbrennungsanlagen, Paletten- und Recyclinghöfe stehen dicht an dich. Dazwischen bewegen sich allerhand Lkw, Schaufelbagger und andere Großmaschinen.

Hier, im mittleren Hamburger Osten, wird nicht gelebt, hier wird malocht und die Wirtschaft in Gang gehalten. Auf einer Fläche von rund 770 Hektar lenken über 1.000 Unternehmen mit zusammen mehr als 20.000 Mitarbeitern ihre weltweiten Geschäfte, machen Milliarden. Und es soll noch viel mehr werden.

Das Entwicklungskonzept „Stromaufwärts an Elbe und Bille“ sieht eine Modernisierung dieses größten norddeutschen Industriegebiets (außerhalb des Hamburger Hafens) vor. Etwa sollen neue, zukunftsorientierte Unternehmen hinzukommen und die Straßen, die unter der jahrelangen intensiven Nutzung gelitten haben, saniert werden. Die großen Pläne der Politiker bringen aber auch Probleme mit sich.

 

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Wohnen geht hier nur für wenige: Schaufelbagger und Schornsteine bestimmen Norddeutschlands größtes Industrie-gebiet. Foto: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Falko Droßmann, können Sie Ihre aktuellen Aufgaben in Billbrook mit einem Adjektiv beschreiben?

Falko Droßmann: Herausfordernd.

Was ist besonders herausfordernd?

Wir haben in Billbrook das größte Industriegebiet Norddeutschlands. In Hamburg-Mitte sitzen rund 46.500 Unternehmen, wovon sehr viele Industriebetriebe in Billbrook sind. Meine Aufgabe ist es, Produktionsmöglichkeiten für diese Unternehmen zu erhalten und Erweiterungsmöglichkeiten zu schaffen. Außerdem gilt es, den Klimaschutz voranzutreiben.

Erweiterung der Industrie und mehr Klimaschutz – wie geht das zusammen?

Durch neue Technologien. Was die Firmen in Billbrook in den letzten Jahren allein in Filteranlagen und komplett neue Produktionswege investiert haben, ist enorm. Wir als Stadt können zusätzlich beraten und erklären, welche Förderprogramme es gibt. Kurz: Industrie und Klimaschutz sind überhaupt kein Widerspruch.

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Falko Droßmann sieht den
Stadtteil nicht als „abgehängt“ – im Gegenteil. Foto: privat.

Wenn in Billbrook so viel Gutes passiert, wie kommt es, dass der Stadtteil immer noch als „abgehängt“ gilt?

Ich kenne die Ansicht einiger, dass nicht nur Billbrook, sondern der gesamte Osten Hamburgs vom Rest der Stadt abgehängt ist. Teilweise wird da gar von „vergessenen Stadtteilen“ gesprochen. Aber mal zu den Fakten: In Billbrook arbeiten Tausende von Menschen, die Milliarden erwirtschaften. Dort befinden sich hochagile Wirtschaftsunternehmen, die weltweit agieren. Ich würde also absolut nicht von „abgehängt“ sprechen.

Als Industriegebiet nicht, aber als Wohngebiet. Das war es einmal, bevor es in den 1950er Jahren umfunktioniert wurde.

Damals war es eine Generationenentscheidung für die Industrie, die Bestand hat und immer haben wird. Niemand verfolgt das Ziel, in Billbrook Wohnraum zu schaffen. Billbrook ist kein Wohngebiet und wird es auch nie werden.

Rund 2.000 Hamburger wohnen dort allerdings noch.

Ja. Ein Großteil von ihnen, 650 Menschen, leben in einer öffentlich-rechtlichen Unterkunft, weitere 600 in einer Flüchtlingsunterkunft.

Wie würden Sie die Lebensbedingungen dieser Billbrooker beschreiben?

Es handelt sich um eine besondere Lebenssituation. Das Umfeld ist geprägt von Industriebetrieben und großen Verkehrsachsen. Aber Billstedt mit seinen vielen Tausend Einwohnern und dementsprechend vielen Angeboten sowie die Elbe sind ja nicht weit. Es gibt für diese Billbrooker also eine exotische Mischung aus alltäglichen Eindrücken und Möglichkeiten.

Festzuhalten ist also: Nicht mehr Wohnraum für Billbrook – dafür aber bald noch mehr Industrie, wie aus einem Entwicklungskonzept für den Stadtteil hervorgeht. Bevor wir dazu kommen: Kann man in Billbrook eigentlich von einer alten und einer neuen Industrie sprechen?

Nein. Es gibt einige Stadtplaner, die Debatten über solche Begriffe führen, und klar, in Billbrook stehen eingeschossige Bauten, die wir in der Form heute nicht mehr errichten würden, weil wir vorhandene Flächen besser nutzen können. Trotzdem sollte man hier nicht von „alt“ und „neu“ sprechen, allein weil es in den alten Gebäuden hochmoderne Industrieanlagen gibt. Erst kürzlich habe ich mehrere Unternehmen besucht und mir einen Eindruck verschafft.

 

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Ein bisschen Idylle spendet Billbrook die Bille, Hamburgs drittgrößte Flusslandschaft. Foto: Erik Brandt-Höge.

 

Mit welchem Fazit?

Dass es eine echte Standortsicherheit gibt und die Möglichkeit, noch zu expandieren.

Welche Unternehmen haben Sie denn besucht?

Zum Beispiel eine Müllverbrennungsanlage, einen Lebensmittelkonzern und ein Kunststoffunternehmen.

Haben die Unternehmer auch konkrete Wünsche an Sie gehabt?

Ein ganz eindeutiger Wunsch war die Sanierung bzw. der bedarfsgerechte Umbau des Straßennetzes, welches ja zum Teil aus den 50er Jahren stammt.

Die Unternehmen sichern Arbeitsplätze. Circa 22.000 gibt es in Billbrook …

… und das nur direkt vor Ort. Manche Billbrooker Firmen haben weltweit 6.000 Beschäftigte.

Noch mehr Jobs könnten es durch das angesprochene Entwicklungskonzept namens „Stromaufwärts an Elbe und Bille“ geben. Können Sie das auch in Zahlen ausdrücken?

Darüber zu reden, wäre Rechenschieberei.

Dann reden wir doch über das Konzept an sich. „Stromaufwärts“ sieht vor, ein Kreativzentrum in Billbrook aufzubauen. Was genau bedeutet das?

Zunächst mal: Industrie ist kreativ! Nehmen wir den Kunststoffhersteller. Der hat ein weltweites Patent auf Kunststoffe, welche die Eigenschaften von Metallen haben. Das ist möglich, weil in Billbrook Forschungsergebnisse und industrielle Bedürfnisse miteinander verbunden werden und schließlich etwas Neues produziert wird. Und ein Kreativzentrum soll bewirken, dass der Industriestandort in Billbroook neu geordnet wird. Wie das genau aussehen wird, haben wir auf hundert Seiten dargelegt.

Können Sie es kurz zusammenfassen?

Wir wollen, dass Billbrook ein noch modernerer Nutzungsstandort für Industrie wird, und zwar mit einem zeitgemäßen Logistikkonzept. Wir wollen kluge Flächennutzung und digitale Anbindungen.

Und? Läuft bisher alles nach Plan?

Na ja, es sind schon dicke Bretter, die wir bohren müssen.

Haben Sie ein Beispiel für so ein dickes Brett?

Wir müssen einen nicht gerade geringen Teil der Straßen sanieren. Die Billbrooker Straßen waren bei der Erbauung nicht darauf ausgelegt, dass täglich Hunderte von Lkw drüber fahren. Wir hatten auch schon einen Sanierungsplan, haben dann aber feststellen müssen, dass die Wasserleitungen, die sich unten im Boden befinden, über 80 Jahre alt sind. Also müssen wir jetzt erst mal die Leitungen erneuern. Es wäre nicht schlau, wenn wir schnell neue Straßen bekämen, die für die Unternehmen natürlich eine Bereicherung wären, uns aber irgendwann die alten Leitungen aufbrechen.

 

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Billbrook: Norddeutschlands zweitgrößtes Industriegebiet nahe der schönen Flusslandschaft.

 

Haben Sie einen Zeitpunkt anvisiert, wann die industrielle Entwicklung in Billbrook bestenfalls abgeschlossen sein soll?

Nein, denn sie wird nie abgeschlossen sein. Wir machen uns jetzt mit den Firmen, den Grundeigentümern, den Bürgern und der Stadt gemein – sam auf den Weg. Dabei haben wir keinen Masterplan, der, sagen wir, 2030 geschafft sein soll. Es geht ja um nicht weniger als die Sicherung dieses riesigen Industriegebiets. Und das erfordert, dass wir alles, auch uns selbst kontinuierlich überprüfen.

Wenn Sie sich in zehn Jahren weiterhin um Billbrook kümmern, werden Sie Ihre Aufgaben also nach wie vor als „herausfordernd“ beschreiben?

Absolut. Ich meine: Wir sprechen hier von einem Weltmarkt, und deshalb brauchen wir bestmögliche Produktions- und Arbeitsbedingungen. Das alles zu schaffen, wird immer eine Herausforderung sein.

Auch für Hamburg im Ganzen? Welche Vor- und Nachteile hat „Stromaufwärts“ für die gesamte Stadt?

Ich sehe da ausschließlich Vorteile. Alle beteiligten Behörden der Freien und Hansestadt ziehen an einem Strang, um dieses Projektgebiet weiter zu entwickeln. Wir erschließen zum Beispiel neue Wohnareale wie die Osterbrook-Höfe, wo wir gemeinsam mit den verschiedenen Beteiligten zu ganz neuen Flächenumnutzungen kommen konnten. Das alles geschieht in Gebieten, die sonst eher unterwertig genutzt waren. Mehr und mehr Hamburgerinnen und Hamburger können in diesen Quartieren begrüßt werden, und die vielen Arbeitsplätze vor Ort leisten einen wichtigen Beitrag für die gesamtstädtische Wirtschaftskraft.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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