Beiträge

Ines und David vom Welcome Dinner – Hamburger des Monats

Sich einfach mal kennenlernen, hilft sich zu verstehen, finden Ines und David. Dafür organisieren sie „Welcome Dinner“, um Hamburger und Geflüchtete für einen Abend an einen Tisch zu bringen.

SZENE HAMBURG: Ines und David, nach drei Jahren und mehr als 2.500 Dinner, die ihr organisiert habt, welche Bilanz zieht ihr?

David: Ich bin stolz darauf, was Welcome Dinner geleistet hat. 2.500 Dinner bedeuten etwa 10.000 Hamburger, Einwohner und Gäste, die mitgemacht haben. Davon haben sich laut unserer Umfrage mehr als die Hälfte der Teilnehmer ein zweites Mal oder öfter wiedergetroffen. Es sind Freundschaften und Beziehungen entstanden. Das hat eine enorme Wirkung.

Ines: Ich bin beeindruckt, wie viele Hamburger mitgemacht haben, dass so viele Leute bereit waren, zu sich nach Hause einzuladen. Denn das ist ja was sehr Persönliches. Und wir Deutschen sind oft keine großen Gastgeber und laden nicht wie in anderen Ländern sofort zu uns nach Hause ein. Aber auch, dass die Erlebnisse so positiv waren, hat mich überrascht. Als wir gestartet sind, habe ich eigentlich damit gerechnet, dass es auch mal heikel werden könnte.

Gab es noch nie Schwierigkeiten?

Ines: Nichts Gravierendes. Natürlich gab es mal Rückmeldungen, dass es dem Gast nicht geschmeckt hat oder dass er zu spät war. Es kam auch schon mal vor, dass Gäste kurzfristig abgesagt haben. Aber die allermeisten Dinner laufen sehr gut. Um Missverständnisse zu vermeiden, raten wir jedem Gastgeber, vorher kurz mit dem Gast zu sprechen. Wir schicken den Gastgebern vorab auch ein PDF mit Tipps, zum Beispiel steht da, was Halāl bedeutet. Aber Flüchtlinge definieren Halāl so unterschiedlich. Einige trinken sogar Alkohol, obwohl sie „halal“ angekreuzt haben.

Wie wird man Gastgeber?

David: Das geht ganz einfach. Auf unserer Internetseite kann sich jeder, der möchte, mit einem Wunschtermin eintragen. Wir melden uns dann etwa vier Tage vor dem Dinner und vermitteln den Gast. Es soll für alle einfach sein. Es reicht, beim üblichen Abendbrot einfach zwei Teller dazuzustellen. Es geht nicht darum, ein üppiges Essen zuzubereiten. Es zählt die Geste und das Zusammenkommen.

Ines: Die Dinner haben schon in verschiedensten Locations stattgefunden, bei Familien, einmal haben Bewohner eines Seniorenzentrums eingeladen, WGs, Firmen, Schulklassen. Zwar ist unser Ansatz, dass die Leute nach Hause einladen, weil es ein starkes Zeichen ist, die eigene Tür zu öffnen, aber wir sind offen für alles.

Ihr habt sicherlich auch Dinner bei euch veranstaltet?

David: Am Anfang haben wir einige Dinner gegeben und uns mit einer Familie, die wir darüber kennengelernt haben, oft getroffen. Aber wir haben uns schnell darauf konzentriert, all unsere Kapazität in Welcome Dinner als Organisation zu stecken. Weil wir da einen viel größeren Hebel unserer Wirkung haben.

 

„Das große politische Problem wird plötzlich menschlich“

 

Ines: Uns fehlte irgendwann die Zeit, weil wir so viel organisieren und auch das Team zusammenhalten und entwickeln wollten. Wir konnten jetzt gerade zwei Minijobber einstellen mit Geldern, die wir von der Robert Bosch Stiftung bekommen haben und mithilfe eines Preisgeldes der Google Impact Challenge. Wir erhoffen uns durch die zusätzliche Arbeitskraft, dass das Welcome Dinner noch mal einen Push bekommt. Denn momentan gibt es viel mehr Flüchtlinge, die gerne teilnehmen würden, als angemeldete Gastgeber.

Kann ein einzelnes Abendessen überhaupt etwas bewirken?

David: Das Abendessen dreht alles. Das große abstrakte politische Problem wird plötzlich menschlich. Die Hamburger haben nach den Begegnungen nicht mehr „die Flüchtlingswelle“ und „die Flüchtlinge“ im Kopf, sondern „ihren Mohamed“, von dem sie genau wissen, aus welchen Gründen er nach Deutschland gekommen ist. Sie kennen dann einen konkreten Menschen mit seinen Problemen, seinen Stärken und Schwächen. Wenn wir die Menschlichkeit in das Thema reinkriegen, haben wir gewonnen. Und dann können wir auch alle politischen Fragen diskutieren.

Ines: Für viele war der Abend horizonterweiternd. Die meisten Flüchtlinge finden es toll, eine deutsche Wohnung und ein deutsches Abendessen kennenzulernen und die Möglichkeit zu haben, einfach mal Fragen zu stellen und ihr Deutsch zu üben. Viele erzählen uns, dass sie seit Jahren hier leben, aber noch nie eingeladen wurden. Und dass der Abend für sie der schönste seit ihrer Ankunft war. Auch die Flüchtlinge sind verunsichert, was die Deutschen von ihnen denken. Die Stimmung ist aufgeheizt und es steht so viel in der Presse.

Also Integration auf kleinster Ebene …

Ines: Es stärkt das Verständnis füreinander. Wir sagen nicht, dass alles rosig ist, aber wir alle sind Menschen mit Problemen und Sorgen. Natürlich kann man auf politischer Ebene für Abschiebungen sein, aber der Mensch dahinter sollte trotzdem gesehen, seiner Geschichte mitfühlend begegnet werden, unabhängig von der politischen Meinung. Wir wollen das Menschliche im Miteinander stärken.

Braucht es dies vermehrt in Hamburg?

Ines: Es hat sich schon sehr viel in Hamburg und ganz Deutschland verändert. Es gibt viel Schwarz-Weiß-Denken, viel Ablehnung und auch Hass.

 

„Empathie wird schnell mit Naivität gleichgesetzt“

 

Woran machst du das fest?

Ines: Das, was Leute bereit sind zu sagen, und was mittlerweile toleriert wird, hat sich stark ausgeweitet. Gerade die „Merkel muss weg“-Demos zeigen auch, dass Hamburg nicht nur bunt und tolerant ist, sondern, dass die Stadt auch eine andere Seite hat.

David: Die Debatten sind viel schärfer und die Gräben sind tiefer geworden. Ich bemerke in jeder Diskussion eine Aggressivität, die es oft nicht mehr zulässt, dass man am Ende zusammen ein Bierchen trinkt, wie es früher möglich war. Egal, welche politische Meinung jeder hat.

Ines: Vor allem die Empathie geht momentan verloren. Jeder sollte anderen Menschen mit Respekt begegnen und erst einmal zuhören. Dann kann man sich immer noch eine Meinung bilden. Aber Empathie wird schnell mit Naivität gleichgesetzt. Und Verständnis mit Gutmenscherei. Das ärgert mich sehr oft.

Wer setzt das gleich?

Ines: Die Menschen, die skeptisch gegenüber Flüchtlingen sind, und die wir versuchen zu überzeugen, bei Welcome Dinner mitzumachen.

Kann man diese überzeugen?

Ines: Ja, wir haben auch schon öfter erlebt, dass den Leuten, die anfänglich skeptisch waren, ein Treffen die Augen geöffnet hat. Sie haben verstanden, womit die Menschen, die hierherkommen, zu kämpfen haben.

Liegt es an dem geschützten Raum, in dem die Dinner stattfinden?

Ines: Man muss schon sehr gefühlskalt sein, wenn man seinem direkten Gegenüber sagt: „Ich lehne dich ab.“ Diese Ablehnung passiert meist auf einer abstrakten Ebene, denn da ist es einfach.

David: Wir fordern gerade auch Menschen auf, ein Dinner zu geben, die kritisch gegenüber Grenzöffnungen sind. Denn auch die Menschen, die nicht Hurra schreien, wenn Merkel sagt, „Wir schaffen das“, sollten einen Abend lang mal ihr Herz aufmachen, denn am Ende des Abends sind sie schlauer und reicher.

Ein anderes Thema. Ihr habt euch für den Deutschen Nachbarschaftspreis beworben, der Anfang September an 48 Stunden Wilhelmsburg ging. Bis vor Kurzem war Horst Seehofer Schirmherr. Findet ihr den Gedanken nicht absurd, möglicherweise einen Preis entgegenzunehmen, dessen Schirmherr für Abschottung steht – also entgegengesetzt eurer Ziele?

Als wir uns beworben haben, stand noch nicht fest, dass Seehofer Innenminister und damit Schirmherr wird. Aber wir haben ein Ziel, das wir verfolgen, und finden das wichtiger als Herrn Seehofer. Und wenn uns die Nominierung für diesen Preis mehr Gastgeber bringt, lassen wir uns nicht von einem Herrn Seehofer ablenken, der meint, er müsse sich mit populistischen Sprüchen profilieren. Auf die Schirmherrschaft haben wir reagiert, indem wir ihn eingeladen haben, ein Dinner zu geben. Leider haben wir noch keine Antwort bekommen.

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Michael Kohls

Anmeldungen und weitere Infos unter www.welcome-dinner.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2018. Das Magazin ist seit dem 29. September 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


Lust auf mehr Stories aus Hamburg?


Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Bedrohte Räume #26 – Die Poesie der Barbarei!

Dienstagnachmittag, Kickboxtraining: Mein Coach strahlt zur Begrüßung und faltet die Zeitung mit der Headline „Flüchtling flüchtet …“ zusammen. „Is ja auch egal, näch, die saufen ja eh alle irgendwann ab bei den billigen Kreuzfahrten, he he, ob nun hier oder in Afrika.“ Er zeigt auf das Foto mit dem Schlauchboot vor der italienischen Küste, grinst mich an und steckt die Trillerpfeife zwischen die Zähne. Rainer, 37 Jahre und von Beruf Unmensch.

Mittwoch zwischen Knust und Hanseplatte: „Alter, diese ganzen Flaschensammler hier, noch eine Frage nach meiner leeren Pulle und ich zieh denen richtig eine. Ich kann das nicht mehr ertragen, dieses Volk. Immer diese glupschigen Kuhaugen, als hätte auch nur einer hier Mitleid.“ Ich sitz auf dem Platz mit dem beknacktesten Namen der Stadt, LATTENPLATZ. Plötzlich schreit er eine Flaschensammlerin aus voller Kehle an: „Verpiss dich, du widerliche Kuh oder ich reiß dir den Arsch auf.“ Hipsterhippie aus Barmbek, 28 Jahre und von Beruf Arschloch.

Wochenende, Pushnachrichten: „Ausgerechnet an meinem 69. Geburtstag“, der Mann grinst mit sadistischer Vergnüglichkeit, „sind 69, das war von mir nicht so bestellt, he he, Personen nach Afghanistan zurückgeführt worden. Das liegt weit über dem, was bisher üblich war. Äh, der vorvorletzte Flug war mit zehn.“ Vollhorst Seehofer, Schlimmerminister und von Beruf Barbar.

Montagabend, Heimweg: „Sie können mich an der Ecke rauslassen“, sage ich zum Taxifahrer als ich gestern Nacht aus einem bedrohten Raum auf der Veddel nach Hause komme. „Und am besten gleich ganz vom Planeten werfen“, denke ich, „bin nicht sicher, ob ich hier noch bleiben will.“

Denn hier bei uns reißen jetzt plötzlich Menschen den Mund auf, die frei von der Leber weg und ganz öffentlich, ihre Nachbarn, die arm, bedürftig, geknechtet, voller Leid und in Lebensgefahr sind, verprügeln, vergessen, ignorieren, deportieren oder lieber gleich ganz abmurksen wollen. Wir sind wieder Leute, die Sammelbegriffe wie DIE Flüchtlinge, DIE Flaschensammler, DIE Asis benutzen und damit ihr eigenes Mitgefühl vom Erlebten entkoppeln.

Aber, wenn in Thailand eine kleine Fußballmannschaft eingeklemmt ist, dann sind alle dabei. Warum? Sicherlich, die Story war sehr bewegend, doch auch die Leidensgeschichte der gefolterten Lehrerin Anin (27) ist es, deren zwölfjähriger Sohn Hanan beim Fußballtraining erschossen wurde und die von ihrem zweiten Sohn auf der Flucht mit dem Gummiboot getrennt wird, und die von David, dem Flaschensammler, dessen Eltern ihn blau prügelten und der schon als Kind vom Jugendamt aus der Familie geholt wurde. Ob in der Bahn, auf der Gartenparty oder im Großraumbüro – der bedrohte Raum des Monats ist ganz offensichtlich DIE Menschlichkeit.

Klar, alle haben Schiss vor irren Oligarchen, vor Klimawandel, fehlender Perspektive, Barbarei etc., aber wir Hamburger hier, wir sind mutig und stark. Wir wissen: Ohne Menschlichkeit kommen wir nicht klar, da geht es jedem von uns an den Kragen. Jeder von uns ist darauf angewiesen, dass sich ein Mitmensch zu ihm verhält. Also, geben wir diesen Mitmenschen wieder Namen und Geschichte und benutzen gefälligst KEINE Sammelbegriffe, sondern verhalten uns menschlich!

Eure Raumsonde

Andrea

 To-Do-Liste

👉Aus gegebenem Anlass hier für euch ein Katalog an menschlichen Verhaltensweisen für Beginner. Sucht euch so viele aus, wie ihr mögt, geht richtig hart shoppen und verhaltet euch wieder wie Menschen.

Achtsamkeit
Akzeptanz
Anstand
Anteilnahme
Aufgeschlossenheit
Aufmerksamkeit
Aufrichtigkeit
Begleitung
Behutsamkeit
Bescheidenheit
Bestärkung
Bewusstsein
Bildung
Dankbarkeit
Demokratie
Demut
Durchblick
Eigenständigkeit
Eigenverantwortlichkeit
Einfühlung
Empfindsamkeit
Entgegenkommen
Erbarmen
Freiheit
Freundlichkeit
Geduld
Gefühl
Gegenseitigkeit
Gemeinnützigkeit
Gemeinsamkeit
Gerechtigkeit
Gewissen
Großherzigkeit
Güte
Hilfsbereitschaft
Hoffnung
Humor
Identität
Innerlichkeit
Interesse
Klugheit
Konsequenz
Kommunikationsfähigkeit
Kompromissbereitschaft
Kreativität
Kritikfähigkeit
Kunstverständnis
Lernfähigkeit
Liebenswürdigkeit
Logik
Menschenrechte
Milde
Mitgefühl
Mitmenschlichkeit
Moral
Musikalität
Mut
Nähe
Natürlichkeit
Offenheit
Ordnungswille
Recht
Respekt
Risikobereitschaft
Selbstachtung
Selbstbeschränkung
Selbstdisziplin
Selbstvertrauen
Selbstwahrnehmung
Solidarität
Standhaftigkeit
Toleranz
Treue
Tugend
Unabhängigkeit
Unbefangenheit
Unterstützung
Verantwortlichkeit
Verbindlich­keit
Vernunft
Versöhnlichkeit
Verständnis
Vertrauen
Vorsicht
Wärme
Wandlungsfähigkeit
Warmherzigkeit
Wertschätzung
Wissen
Würde
Zivilcourage
­Zusammenarbeit
Zugehörigkeit
Zuverlässigkeit
Zuversicht
Zuwendung


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie unter www.andrearothaug.de

 


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


Lust auf mehr?

 

Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.

Instrument statt Waffe

Im Kulturladen in St. Georg gibt es Deutschlands einziges Kindermandolinenorchester. Seit elf Jahren bringt Ali Shibly dort Kindern verschiedener Nationalitäten das Instrument näher.

Musik ist Ali Shiblys Hobby seit der Kindheit. Der Ira­ker träumte schon früh von einem Kinderorchester: „Nach dem Krieg herrschte ganz viel Chaos. Ich dachte mir: In je­dem Haus im Irak sollte lieber ein Musikinstrument statt einer Waffe sein.“ Es sollte allerdings noch ein paar Jahre dauern, bis er diesen Traum umsetzen konn­te. Zunächst zog es ihn nämlich nach Mazedonien, wo er Archi­tektur studierte und als Schau­spieler und Musiker arbeitete. 17 Jahre blieb er schließlich dort, bevor es ihn 1998 als Musiklehrer und Jugendbetreuer nach Ham­burg zog.
Hier musizieren heute im Kulturladen St. Georg 35 Kin­der und Jugendliche aus 14 verschiedenen Ländern, darunter auch zehn Flüchtlinge aus Sy­rien mit Ali. Sie lernen bei ihm Mandoline, Gitarre oder Per­kussion. Dass das Kinderorches­ter existiert, ist dabei einem Zu­fall zu verdanken. Ein Freund hatte den Musiker um Rat ge­fragt: Seine vier Kinder wollten ein Instrument lernen, wussten aber nicht welches. Ali schlug Mandoline vor, da sie – anders als die Gitarre – nur vier Seiten hat und so leichter zu erlernen ist. Was noch fehlte, war ein ge­eigneter Unterrichtsraum. Der Kulturladen St. Georg bot sich unter der Voraussetzung an, dass auch andere Kinder bei Ali das Musikinstrument lernen dürften.

,,Viele Kinder machen später im Profiorchester weiter – das macht mich sehr stolz”

„Danach entwickelte sich alles von selbst: Kinder brach­ten andere Kinder. Schnell wur­den wir eine große Gruppe“, er­zählt der Eppendorfer. Seit­dem wird unterrichtet, ganz un­kompliziert, jeden Samstag und Sonntag von 11 bis 15 Uhr. Das Angebot ist kostenlos und auch eine Anmeldung ist nicht nötig.Nach einer Weile wurde das Mandolinenorchester immer öfter zu Konzerten eingeladen, so wie jüngst zum einjährigen Geburtstag des Flüchtling-Magazins. Manchmal sind Auftritte auch weiter weg: 2009 war die Gruppe zum Beispiel in Ägypten. Die Konsulin von Ägypten hatte die Gruppe bei einem Konzert in der Uni Hamburg gesehen und sie kurzerhand zu einem Kinderfestival eingeladen. Drei Einladungen nach Dubai dagegen musste das Orchester allerdings ablehnen – während der Schulzeit sind solche Besuche nicht möglich.
Meist sind es Festivals und Veranstaltungen in Hamburg und Norddeutschland, auf denen das Orchester spielt. Gagen gibt es oft keine, wenn doch, dann fallen sie gering aus. Für das Orchester steht ohnehin der Spaß im Vordergrund. Die Stadt Hamburg belohnte Alis Arbeit 2012 mit dem Bürgerpreis für herausragendes Engagement in der Integrationsarbeit.

Ein Instrument kann bei Ali jeder lernen, egal wie alt, ob blutiger Anfänger oder eingerosteter Gelegenheitsspieler. Wer erst mal ausprobieren möchte, ob ein Instrument überhaupt etwas für einen ist, dem stellt Ali auch gerne eines zur Verfügung. Schließlich weiß der Iraker noch zu gut, wie sich die Sehnsucht nach einem Instrument anfühlt: „Ich wollte als Kind unbedingt ein Instrument haben, aber meine Eltern hatten kein Geld. Und es war auch schwer, einen Musiklehrer zu finden“, erinnert sich der 56-Jährige. Er selbst hat heute 15 Mandolinen, der Kulturladen zehn. Alis älteste Schülerin ist eine 57-jährige Witwe. Ihr Psychologe hatte ihr empfohlen, ein Instrument zu erlernen. Eine andere Schülerin von ihm studiert jetzt Musik, nachdem sie sechs Jahre bei Ali Mandoline lernte. Zwei weitere waren zehn Jahre dabei, musizieren heute professionell in Berlin und London. „Über 300 Kinder haben Mandoline bei mir gelernt. Viele machen später im Profiorchester weiter. Das macht mich sehr stolz.“

www.kulturladen.com/english-mandolinenorchester

Text: Melina Seiler 
Beitragsfoto: Jakob Börner


Als Ali Shibly 1998 nach Deutschland kam, gründete er sehr bald die Shiblyband. Das deutsch-arabische Gemeinschaftsprojekt macht Orientjazz und hat bereits drei Alben veröffentlicht. www.shiblyband.de

 


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Scharfe Schüsse in der Nordheide

Rechtsruck! Die aktuelle Ausstellung „Schwarzarbeit in Jesteburg“ ist ein Lehrstück über den Einfluss von Medien auf die öffentliche Wahrnehmung von Kunst. Isa Maschewski, künstlerische Leiterin des Jesteburger Kunstvereins, erklärt, wie sie zum Feindbild von Populisten wurde.

SZENE HAMBURG: Jesteburg ist ein beschaulicher Ort am Nordrand der Lüneburger Heide. Im letzten Sommer aber wurde bei Ihnen scharf geschossen.

Isa Maschewski: Es ging um ein von der Gemeinde initiiertes Projekt, das ich kuratiert habe: Teil davon ist ein großes, auf die Straße gemaltes Bild der Künstlerin Monika Michalko. Bei seiner Entstehung haben zwei Geflüchtete geholfen. Anfangs wollten wir sie honorieren, da wir davon ausgingen, dass sie eine Arbeitserlaubnis hatten. Das war aber ein sprachliches Missverständnis, deshalb sagten wir: Okay, dann machen wir euch als Dank den Kühlschrank voll. Ein Redakteur vom Nordheide Wochenblatt aber schäumte und titelte „Steuergeld für Schwarzarbeit?“. Daraufhin bekamen wir Briefe, die rassistisch argumentierten und mit Verbrennen und Vergiften drohten.

Hatten Sie denn wirklich etwas falsch gemacht?

Nein, denn es ist kein Geld geflossen. Die Geflüchteten aber bekamen trotzdem Probleme. Sie mussten ihre Konten offenlegen, sie bekamen Angst. Als ich den Redakteur anrief, um zu verhindern, dass er mit dem Artikel zwei Unschuldige trifft, nutzte das nichts. Es war ihm wichtiger, mich zu diskreditieren.

Die Kritik richtete sich eigentlich gegen Sie und das Kunsthaus?

Kunstvereine auf dem Land müssen stark um Akzeptanz kämpfen. Wir haben fantastische Besucherzahlen und rund 350 Mitglieder, was für einen Ort mit knapp 8.000 Einwohnern großartig ist. Das Nordheide Wochenblatt aber ist prinzipiell dagegen, Kunst aus öffentlichen Geldern zu finanzieren, und speziell dagegen, dass ich als Kuratorin Gehalt bekomme. Es vertritt ähnliche Positionen wie eine örtliche Wählergemeinschaft. Letztere will, dass Jesteburg Kulturmittel nur für Projekte der Brauchtumsförderung und Heimatpflege ausgibt.

Daniel Hopp: Schwarzarbeit in Jesteburg. Foto: Kunstverein Jesteburg

Wie kam es zu der Ausstellung, die im Kunsthaus jetzt diese kunstfeindlichen Tendenzen thematisiert?

Ich schätze die Arbeiten von Daniel Hopp schon lange und wollte ihn unbedingt irgendwann ausstellen. Aus diesem Grund hat er sich mit Jesteburg beschäftigt, ist auf den „Schwarzarbeit“-Artikel gestoßen und hat entschieden, ihn zum Gegenstand einer Arbeit zu machen.

Was hat er genau gemacht?

Hopp arbeitet filmisch und performativ. Er beschäftigt sich auch damit, wie junge Menschen mit Medien umgehen, und damit, wie dies wahrgenommen wird. Jetzt hat er für den YouTuber Multi Wolf gewissermaßen eine Bühne geschaffen. Er hat ihn mit einem Team aus HFBK-Studenten und Jesteburger Jugendlichen Interviews mit den Protagonisten der hiesigen Kulturpolitik machen lassen – mit Fragen, die aus dem Wochenblatt-Artikel entstanden sind. Diese Gespräche laufen jetzt auf sechs Monitoren im Kunsthaus.

Sie verstehen Hopps Arbeit als ein performatives Projekt. Warum?

Sie umfasst die Videos, deren Entstehung und die Performance bei der Eröffnung – sogar dass die Jugendlichen für die Ausstellung Plakate geklebt und 5.000 Flyer verteilt haben. Einer der Jugendlichen, Ronny Manjang, hat alle Aktionen dokumentiert und bespielt den Instagram-Account des Projekts „Schwarzarbeit in Jesteburg“.

Die Ausstellung macht deutlich, wie schnell Dinge, zu denen man spontan keinen Zugang hat, zum Feindbild werden.

Mit dem Projekt haben Sie sich Stimmen von Befürwortern, aber auch von Kritikern ins Haus geholt. Warum?

Ja, in einigen Interviews werde ich harsch beschimpft. Aber ich ahne jetzt, warum. Ich wusste ja nicht, dass einige Leute denken, ich würde in Berlin leben und einfach meinen Berliner Freundeskreis ausstellen. Eigentlich aber geht es um meine Position als Projektionsfläche. Die Ausstellung macht deutlich, wie schnell Dinge, zu denen man spontan keinen Zugang hat, zum Feindbild werden. Wir hoffen, dass wir so Dialoge anstoßen, die allen Seiten nutzen. In einem Kunstverein auf dem Land operiert man jenseits einer „Anästhesie des Konsens’“, die den Kunstbetrieb in Metropolen oft abpuffert.

Schöner Begriff!

Leider nicht von mir, sondern von Peter Sloterdijk, den ich sonst nicht so gern zitiere. Diesen Konsens gibt es hier nicht. Hier wird Kunst auf eine harte Probe gestellt. Angesichts des aktuellen Rechtsrucks, der auch künstlerische Arbeit diffamiert, muss man die Vorurteile kennen. Nur so kann man sie entkräften.

Interview: Karin Schulze

Schwarzarbeit in Jesteburg, Kunsthaus Jesteburg (Niedersachsen), voraussichtlich bis 21.1.

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Dezember 2017. Das Magazin ist seit 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Start with a Friend

Starthilfe! Ein Iraner, eine Deutsche, eine Freundschaft. Shahab (29) und Lena (28) sind seit etwa einem Jahr „Tandem“-Partner. Das Flüchtlingsnetzwerk hat die Modefotografin und den technischen Zeichner zusammengebracht. Ein Gespräch über Ängste, ausgeliehene Wohnungsschlüssel und Sarkasmus.

 

SZENE HAMBURG: Wieso macht ihr bei Start with a Friend mit?

Shahab: Ich habe durch einen Freund davon gehört. Ich wollte sofort mitmachen, mich mit einem Local treffen und mein Deutsch verbessern. Nach knapp zwei Monaten habe ich dann Lena getroffen.

Lena: Bei mir gab es verschiedene Gründe. Als ich das erste Mal von der Flüchtlingskrise hörte, war ich in Nordamerika und fand den Umgang damit ziemlich fragwürdig. Ich verstand nicht, warum sich die Leute nicht privat um einen Flüchtling kümmern. Wenn das jeder achtzigste Deutsche tun würde, wäre allen geholfen. Als ich im Sommer 2016 dann zurückkam und nach Hamburg zog, wollte ich einem Geflüchteten persönlich die Hand reichen. Ich dachte, es wird bestimmt einen Menschen aus einem anderen Land geben, der auch neu in der Stadt ist. Im Internet bin ich dann auf Start with a Friend gestoßen und nach einem Infoabend habe ich schnell den Kontakt von Shahab bekommen. Wir haben uns sofort getroffen und direkt super verstanden. Jetzt haben wir schon bald unser Einjähriges.

Was genau war für dich so fragwürdig?

L: Zum Beispiel, dass ständigdas Wort „Flüchtlingskrise“ benutzt wird. Obwohl während des Kosovo-Krieges auch 1,2 Million Menschen flüchteten, und auch heute – jetzt gerade – viele, viele Menschen in Afrika oder anderen Teilen der Welt ihre Heimat verlassen müssen, sprach und spricht niemand von „Flüchtlingskrise“. Klar, ist eine große Menge nach Deutschland gekommen, auf der Suche nach Perspektive und einem besseren Leben. Und ja, das war und ist eine Herausforderung. Aber eine Krise? Wie wäre es mit Chance?

Hattest du Bedenken vor dem ersten Treffen, Lena?

L: Ja, die hatte ich. Ich wusste, dass ich stabil genug bin, ein Tandem mit jemandem einzugehen, der aus einem Kriegsgebiet wie Syrien kommt. Allerdings war ich mir nicht sicher, ob ich damit empathisch genug umgehen könnte, ohne dass mir das Ganze zu nah geht. Nachdem ich erfahren hatte, dass Shahab aus dem Iran kommt,war meine größte Sorge weg. Wobei Shahab auch krasse Sachen erlebt hat. Aber jemand, der frisch aus einem Kriegsgebiet kommt, ist wahrscheinlich anders traumatisiert.

Shahab: Als ich in Deutschland ankam, wollte ich die Kultur kennenlernen, hatte aber Angst, einen Fehler zu machen. Jetzt fühle ich mich wohl.

Und für dich Shahab? Hat das Tandem dir geholfen, in Deutschland anzukommen?

S: Ja, definitiv. Als ich in Deutschland ankam, wollte ich die Kultur kennenlernen, hatte aber Angst, einen Fehler zu machen. Jetzt fühle ich mich wohl. Ich habe einen Job als technischer Zeichner, wohne in einer WG, habe Freunde gefunden und spreche immer besser Deutsch. Ohne Lena hätte das vielleicht nicht so gut geklappt. Und das Beste: Wir verstehen uns sehr gut.

Woran merkst du das?

S: Lena ist bisher die einzige Person in Deutschland, die meinen Humor versteht (lacht).

L: Er ist super sarkastisch. Da muss man ihn schon etwas kennen, um das rauszuhören.

S: Außerdem vertraut sie mir. Das ist ein tolles Gefühl. Einmal hat Lena mich sogar zwei Wochen in ihre Wohnung gelassen. Bevor ich meine WG gefunden habe, war ich 22 Monate in einem Flüchtlingscamp untergebracht. Das war eine schreckliche Zeit. Da Lena durch ihren Job viel unterwegs ist, gab sie mir damals ihre Schlüssel und ließ mich bei ihr wohnen, um eine Pause vom Camp-Leben machen zu können.

L: Da ich als Fotografin durchschnittlich nur zehn Tage im Monat zu Hause bin, war das für mich kein Problem. Und ich hatte vorher ja schon die Möglichkeit, ihn eine Weile kennenzulernen. Ich vertraue ihm und hatte keine Bedenken.

Welches war euer schönstes Erlebnis?

L: Wir haben einmal bei schönem Wetter an der Alster gesessen, als Shahab mir lange von seinem Weg aus dem Iran nach Deutschland erzählte. Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass wir uns so sehr vertrauen, dass wir uns über alles austauschen können. Eigentlich eine ganz banale Situation, aber schön.

S: Für mich gibt es viele schöne Erinnerungen. Das Schönste ist, dass ich in Deutschland Menschen gefunden habe, die mir vertrauen.

Lena: Seine Heimat, seine Familie und alles zu verlassen, was einem lieb ist, erfordert wirklich Mut.

Was lernt ihr voneinander?

S: Ich lerne jeden Tag von Lena. Sie ist eine wirklich mutige und starke Frau, macht immer weiter, auch wenn es mal anstrengend wird. Das beeindruckt mich.

L: Seine Heimat, seine Familie und alles zu verlassen, was einem lieb ist, erfordert wirklich Mut. Trotz der Angst vor der Zukunft ist er gegangen und hat alles getan, was nötig ist, um hier ein neues Zuhause zu finden. Shahab ist das beste Beispiel, dass Integration funktioniert. Das macht mich wirklich glücklich. Außerdem verliert er nie seinen Humor, egal wie blöd alles ist. Davon könnte ich mir auch eine Scheibe abschneiden.

Was würdet ihr all denen sagen wollen, die Angst vorFlüchtlingen haben?

S: Man sollte versuchen, Geflüchtete kennenzulernen. Wenn man miteinander spricht, wird man merken, wie ähnlich wir eigentlich sind. So wie bei Lena und mir.

Und du, Lena?

L: Ich würde sagen: Können wir das Label Flüchtling weglassen und einfach über Menschen sprechen? Man sollte sich gegenseitig kennenlernen. Wenn dieser Mensch dann ein Idiot ist, geh ich ihm aus dem Weg; wenn er keiner ist, dann lern ich ihn besser kennen. Man sollte die Vorurteile zur Seite schieben.

Shahab: Alle meine Freunde möchten mitmachen, aber leider gibt es zu wenige ehrenamtliche Locals.

Warum ist ein Tandem empfehlenswert?

L: Man lernt eine neue Kultur kennen und kann sich gegenseitig unterstützen. Helfen macht auch glücklich.

S: Alle meine Freunde möchten mitmachen, aber leider gibt es zu wenige ehrenamtliche Locals. Wenn ich besser Deutsch spreche und mich ein wenig eingelebt habe, will ich selber Geflüchteten helfen, in Deutschland anzukommen. Ich möchte etwas von der Hilfe, die ich bekomme, zurückgeben.

Interview: Jana Belmann

Foto: Jakob Börner

www.start-with-a-friend.de