Beiträge

Hamburger des Monats – Petra und Anne von KulturLeben

Mit kostenlosen Tickets für Theater und Konzerte will der Verein Kulturleben Hamburg prekär lebende Menschen aus der Vereinsamung holen. Vor Kurzem haben die Geschäftsführerin Petra Schilling (links) und Anne Busch, Projektkoordinatorin, den Kulturklub gegründet, der sich speziell an Kinder richtet.

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Torben Averkorn

SZENE HAMBURG: Petra und Anne, welche Vision steht hinter Kulturleben Hamburg?

Petra: Kulturleben Hamburg wurde Anfang 2011 als Verein gegründet und die ersten vier Jahre komplett ehrenamtlich betrieben. Der Impuls für die Idee kam damals aus der Tafel-Bewegung, denn das Prinzip lässt sich ja auf viele Bereiche in unserer Gesellschaft übertragen, in denen Teilhabe für Menschen mit geringem Einkommen nicht oder nur sehr begrenzt möglich ist.

Von unseren Kulturpartnern bekommen wir Eintrittskarten als Spende, die wir kostenfrei an unsere Kulturgäste weitervermitteln. Da die Vermittlung über uns läuft, muss niemand an der Abendkasse etwas vorweisen wie einen ALG II-Bescheid, das ist für die meisten sehr wichtig.

Mittlerweile haben sich rund 8.000 Kulturgäste bei euch angemeldet. Wuppt ihr das noch immer ehrenamtlich?

Petra: Aktuell engagieren sich bei uns rund 50 Menschen ehrenamtlich. Alles, was für unsere Arbeit an Kosten anfällt wie Miete, Telefonanschlüsse, Flyer bezahlen wir aus Spendengeldern. Mitte 2015 konnte der Verein dank einer Projektförderung von der Sozialbehörde die Teilzeitstelle schaffen, auf der ich heute arbeite. Das Hauptamt hat noch mal ganz neue Energien freigesetzt, denn in den letzten beiden Jahren ist die Anzahl der Teilnehmer um 60 Prozent gestiegen.

Die Nachfrage ist immens hoch und steigt weiter. Rein ehrenamtlich wäre das mittlerweile nicht mehr machbar. Aber im Kern bleiben wir eine Organisation, die vom Ehrenamt getragen wird. Das ist ein wichtiger Teil unseres Selbstverständnisses.

 

„Wir möchten Kultur als gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen“

 

Wie geht es weiter?

Petra: Wir wollen unser Angebot so vielen Menschen wie möglich zugängig machen. Im kommenden Jahr steht für uns daher die Gewinnung neuer Kulturpartner und der Ausbau unseres bereits bestehenden Netzwerks ganz oben auf der Agenda. Kurz gesagt, wenn die Gästezahlen steigen, brauchen wir auch mehr Kartenspenden, damit wir unser Angebot in gleicher Qualität aufrechterhalten können. Denn wir möchten ja nicht nur zwischendurch mal ein schönes Einzelerlebnis anbieten, sondern regelmäßig Kultur als gelebte gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen.

Ihr habt eine Einkommensgrenze festgelegt, die dazu berechtigt, sich bei euch anzumelden. Dabei fallen einige durchs Raster, die gerade so daran vorbeirutschen und sich dennoch keine Kultur leisten können …

Petra: Ja, die gibt es bestimmt. Aber wir mussten eine für uns vertretbare Grenze ziehen. Auch die Kulturhäuser, die öffentliche Gelder erhalten, müssen nachweisen, an wen sie Karten umsonst abgeben. Wir bemühen uns, eine gute Mitte zu finden, so dass wir möglichst viele Menschen mitnehmen, aber auf der Anbieterseite kein Haus verlieren.

Ihr vergebt eure Karten paarweise. Warum?

Petra: Ja genau, in der Regel bekommt jede Person zwei Karten. So können unsere Kulturgäste jemanden ihrer Wahl als Begleitung mitnehmen. Zum einen wirkt das der Vereinsamung entgegen, und zum anderen können die Leute so auch mal wieder jemanden einladen. Das bekommen wir oft zurückgespiegelt, dass es für die Menschen ein besonders schönes Erlebnis ist, mal wieder in der Lage zu sein, einem anderen etwas zu schenken, da viele ja schon seit Jahren prekär leben.

 

„Für viele ist schon das Überschreiten der Stadtteilgrenze ein ungewohnter Schritt“

 

Leben Menschen an der Armutsgrenze oft einsam?

Anne: Ja, Armut ist stark mit Isolation und Einsamkeit verbunden. Die Betroffenen ziehen sich immer mehr zurück. Wir möchten dagegen anarbeiten und den Menschen eine Möglichkeit geben, wieder teilzuhaben. An der Kultur, aber auch an der Gesellschaft. Die Gelegenheit, mal rauszukommen, über den Tellerrand zu blicken und mal was anderes zu sehen. Für viele ist schon das Überschreiten der eigenen Stadtteilgrenze ein ungewohnter und manchmal auch herausfordernder Schritt. Hier wollen wir Mut machen.

Bewirkt die Armut in der Familie auch bei den Kindern Rückzug?

Anne: Oft leben auch die Kinder isoliert. Das hat auch viel mit Scham zu tun. Ein Grund kann der beengte Wohnraum sein oder das, was es bei ihnen zu Hause zu Essen gibt. Die Scham führt dazu, dass sie keine Freunde mit nach Hause bringen mögen. Das fängt früh an, dass sich die Kinder dann ins Familiäre zurückziehen. Gleichzeitig sind die Familien aber auch mehrfach von enormen Stressfaktoren belastet.

Deshalb habt ihr im letzten Jahr den Kulturklub gegründet, der speziell Kinderveranstaltungen vermittelt?

Anne: Wir haben letztes Jahr das Pilotprojekt auf St. Pauli gestartet und wollen jetzt unser Netzwerk, das auf Kinder und Familien ausgerichtet ist, auf andere Stadtteile ausweiten. Auf Seiten der Sozialpartner kooperieren wir beispielsweise mit der GWA auf St. Pauli, der Ganztagsschule im Viertel und mehreren Beratungsstellen für Familien. Für Kinder ist die kulturelle Teilhabe enorm wichtig und kann Weichen für die Zukunft stellen. Der Kulturklub will dazu beitragen, die bestehende sozial bestimmte Chancen-Ungerechtigkeit für Kinder auszugleichen.

 

„Wir bauen auf die Neugierde von Kindern“

 

Kultur hat dazu die Kraft?

Anne: Sie ist auf jeden Fall ein Teil des Pakets, das notwendig ist, um Kinder zu bestärken und aus ihrem Alltag herauszuholen, in dem sie oft mit schwerwiegenden Problemen konfrontiert sind. Beim Theater- oder Konzertbesuch finden sie vielleicht neue Anstöße zu Themen, die sie beschäftigen. Gleichzeitig haben sie einen Raum, ihre Erlebnisse zu reflektieren und eine neue Perspektive zu entdecken. Das kann den Bildungsweg weiter ebnen. Wir bauen auf die Neugierde von Kindern und hoffen, dass sie von dem Angebot profitieren und daraus etwas für ihre Zukunft mitnehmen.

Wenn schon das Verlassen des eigenen Stadtteils eine Herausforderung ist, wie schwer fällt es euren Gästen, ein Theater zu betreten?

Petra: Wir bekommen häufig mit, dass die Hemmschwelle da ist. Das ist auch der Grund, warum wir noch ganz altmodisch den Telefonhörer in die Hand nehmen und nicht online vermitteln. Viele unserer angemeldeten Kulturgäste würden ohne unseren Anruf nicht losgehen. Das liegt auch an teilweise ganz alten Bildern. Dass man zum Beispiel nur im Pelzmantel in die Oper gehen oder im Schauspielhaus keine Jeans tragen darf. Unser Team versucht im Vorfeld, die vorhandenen Schwellen ängste abzubauen und die Menschen zu motivieren, sich auf das Wagnis Kultur einzulassen.

KulturLeben Hamburg e.V.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Hamburgerin des Monats – Navina Nicke von Safe Night

Laute Musik, Nebel, eine ungewollte Hand am Hintern – bei Übergriffen im Nachtleben sind Betroffene oft hilflos. Akute Unterstützung bei Gewalt-Erfahrung bietet in einigen Clubs der Verein Safe Night. Die Mitinitiatorin und Türsteherin Navina Nicke über stereotypische Erwartungen und wie harmlose Momente ganz schnell kippen können.

Interview: Hedda Bültmann
Beitragsbild: Jakob Börner

SZENE HAMBURG: Navina, wer steht hinter Safe Night?

Navina Nicke: Das ist ein Zusammenschluss aus vier Clubs und einigen Freien, wie ich. Mit dabei sind das Uebel & Gefährlich, Moloch, Hafen- klang und Kulturelles Neuland e. V., die den Südpol betreiben. Den Verein haben wir Mitte 2017 gegründet und wir vom Club-Plenum arbeiten seit zweieinhalb Jahren ehrenamtlich.

Warum nur vier?

Das sind die, die sich anfangs zusammengetan haben und Lust dazu hatten. Mittlerweile gibt es auch Anfragen von anderen Clubs, aber wir können momentan leider strukturell nicht noch mehr Clubs aufnehmen.

Wo hakt es?

Die Mitarbeiter der Clubs würden dann mit im Plenum sitzen, das sich re- gelmäßig tri , um zu besprechen, wie wir weiterarbeiten können. Das wäre ein noch größerer Orga-Aufwand. Und diese Clubs würden auch das Aware- ness-Team für seine Partys buchen. Außerdem würden wir auch die Mitarbeiter der Clubs schulen wollen zum Umgang mit sexualisierter Gewalt oder Handlungsstrategien bei Verdacht auf K.O.-Tropfen. Dafür haben wir aber zurzeit keine Kapazitäten.

 

„Ich weiß nicht, wie oft ich verfickte Feministin genannt wurde.“

 

Wofür ist das Awareness-Team auf Partys zuständig?

Das ist eine Dienstleistung, die wir anbieten und die ein Club buchen kann. Das Team ist verkürzt gesagt der Gegenpol zur Tür. Wenn in einem Club etwas passiert, gibt es eine gewaltausübende Person, die von der Tür rausgeschmissen wird. Aber es gibt ja auch eine betroffene Person, um die sich niemand im Club kümmern kann. Dafür ist das Awareness-Team da. Sie unterstützen Betroffene, wenn diese das möchten.

Wer ist das Awareness-Team?

Mittlerweile haben wir einen Pool von über 20 Leuten, die ausgebildet wurden in Krisenintervention und Gesprächsführung und die sich viel untereinander austauschen, wie sie Betroffene in Clubs unterstützen können.

 

„Wir helfen nicht nur Frauen.“

 

Wie kann man sich das vor Ort vorstellen?

Wenn das Team für eine Party gebucht wird, haben sie dort einen festen Stand. Dort können sie angesprochen werden, auch, wenn sich jemand generell für die Arbeit interessiert. Aber sie laufen im Club rum und sind durch ein leuchtendes A auf der Kleidung gekennzeichnet. Allerdings greifen sie nicht in akuten Situationen ein, sondern vermitteln den Leuten, dass sie da sind, wenn Unterstützung gewünscht wird. Es sind zweier Teams, die alle sechs Stunden wechseln.

Und welche Rolle spielt dabei Safe Night?

Der Verein kümmert sich zum einen um die Awareness-Teams und zum anderen veranstalten wir zukünftig Schulungen für Mitarbeiter der Clubs. Damit Leute vor Ort sind, die im Ernstfall vorbereitet sind. Die Bar zum Beispiel sieht am meisten, da sie am dichtesten am Dancefloor ist. Die Tür ist am weitesten weg, ist aber eigentlich dafür da, als erstes zu intervenieren, wenn etwas passiert. Deshalb ist es total wichtig, die Mitarbeiter zu schulen, wie sie bei Konflikten unterstützen können.

 

„Leider ist Gewalt schon lange normalisiert, auch im Kontext einer Party.“

 

Es scheint immer wichtiger zu werden, Frauen zu unterstützen …

Wir helfen nicht nur Frauen, es gibt auch Gewalt beispielsweise gegenüber Queers und Transmenschen. Viel Gewalt findet im Nachtleben statt, aber das war schon immer so. Nur wird das Bewusstsein dafür größer, Betroffene werden lauter und die öffentliche Aufmerksamkeit ist da. Dadurch werden dringend notwendige Diskussionen angestoßen. In der Vergangenheit wurde darüber einfach nicht geredet.

Aber im Nachtleben scheint es eine besondere Dringlichkeit zu haben …

Partys sind ein sehr spezieller Raum, der sich unkontrollierbar anfühlt. Dort ist viel Nebel, laute Musik, die Leute sind berauscht und für manche ist es ein Freibrief, um an anderen Gewalt auszuüben. Die ist oft so normalisiert ist, dass sie nicht wahrgenommen wird, wie zum Beispiel die Hand am Hintern. Oft ist es ein vermeintlich geregelter Ablauf, man geht in eine Bar, trinkt, fängt an zu knutschen und dann versucht man mit irgendjemand nach Hause zu gehen. Das ist ein großer Teil von dem, was Leute vom Feiern wollen. Was aber auch zur Katastrophe führen kann.

Da es ab einem gewissen Punkt ausartet?

Leider ist Gewalt schon lange normalisiert, auch im Kontext einer Party. Es liegt an der weit verbreiteten stereotypen Vorstellung, wie es abzulaufen hat und die nicht auf Konsens ausgelegt ist. Männern wird vermittelt, wenn sie sich auf eine bestimmte Weise verhalten, dann passt das schon bei der Frau. Wenn nicht, dann ist sie eine Spaßbremse. Wir leben in einer Gesellschaft, die Männern jederzeit ermöglicht, Gewalt auszuüben, ohne dass dies irgendeine Form von Sanktionierung erfährt.

Scheitert das Finden eines Konsenses oft am Alkohol?

Es scheitert an den nicht gestarteten Versuchen. Es ist ein allgemeines gesellschaftliches Problem, dass in bestimmten Situationen vorausgesetzt wird, dass beide Parteien einverstanden sind und beide dasselbe wollen. Und klar,ab einem bestimmten Pegel ist es nicht mehr möglich, eine bewusste Entscheidung zu treffen.

Stimmt der äußere Eindruck, dass meist Männer auffällig werden?

Wenn es um sexualisierte Gewalt geht, ja, dann sind es meistens Männer, die gegenüber Nicht-Männern gewalttätig werden.

Wie reagieren Männer, wenn du, als weibliche Türsteherin, sie aus einer sexuell übergriffigen Situation raus aus dem Club ziehst?

Ich weiß nicht, wie oft ich allein gestern Nacht während meiner Schicht an der Tür, verfickte Feministin genannt wurde. Ich bekomme keine einzige Beleidigung ab, die nicht darauf abzielt, dass ich eine Frau bin. Letztens wurde ich Punkerfotze genannt und fand das mal eine Abwechslung (lacht).

 

„Die Tür ist das Medium, worüber der Club vermittelt, was für ein Ort er sein will.“

 

Wie wirkt sich die Türpolitik auf das Geschehen im Club aus?

Ich bemühe mich immer sehr, eine Anti-Rassistische und Feministische Türpolitik zu fahren und gucke, wie die Leute auf bestimmte Fragen von mir reagieren, wie sie überhaupt drauf sind, oder ob schon extrem betrunken. Die Tür ist das Medium, worüber die Kommunikation zwischen Club und Publikum stattfindet, wo der Club vermittelt, was für ein Ort er sein will. Einer, an dem sich alle Menschen wohlfühlen können, an dem darauf geachtet wird, dass alle miteinander respektvoll umgehen. Somit kann ich auch Einfluss darauf nehmen, welches Publikum im Laden ist oder aber auch als Argumentation, wenn ich jemanden rauswerfe.

Gibt es noch viele Türen, die anders handeln und denken als du?

Ich glaube, es gibt viele Orte, die sich dringend mit diesem Thema befassen sollten und das überhaupt nicht auf dem Radar haben, weil es einfach nicht Teil ihrer Philosophie ist.

Es muss also an beiden Seiten gearbeitet werden, die Einstellung der Gäste und der Clubs?

Genau. Die Philosophie der Clubs zeigt sich dann aber an vielen Stellen, wie beispielweise die Frauen-Männer- Quote beim Line-up. Das sind ganz viele Faktoren, die auf das gleiche abzielen aber sehr unterschiedlichen Einfluss auf die faktische Party haben.

Hat eure Arbeit in den Clubs schon etwas merklich bewirkt?

Ja. Vor allem erlebe ich es in dem Club, wo ich an der Tür stehe, und das Awareness-Team regelmäßig arbeitet. In dem letzten halben Jahr hat sich viel verändert. Anfangs war seitens der Gäste viel Neugierde da, aber auch ein kleiner Schock nach dem Motto: „Ist es hier so schlimm, dass ihr das braucht?“ Was nicht der Fall war, aber die Betreiber und die Mitarbeiter wollen, dass es den Gästen gutgeht und sie einfach eine gute Zeit haben können. Es ist eher wie ein Goodie obendrauf. Die Gäste haben es dann sehr schnell angenommen und mittlerweile es auch oft ein Kriterium für die Leute geworden, ob sie in den Club gehen oder nicht.

Safe Night e.V.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2019. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.


Lust auf mehr Stories aus Hamburg?

 

Hamburger des Monats – Hebamme Romana Dietrich

In Hamburg gibt es mehr Geburten, aber immer weniger Hebammen. Eine, die dabeibleibt, ist Romana Dietrich – trotz schwierigster Umstände.

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Michael Kohls

SZENE HAMBURG: Romana, die Betreuung nach einer Geburt durch eine Hebamme ist so wichtig, weil …

Romana Dietrich: Die Mütter haben ganz viele Fragen nach einer Geburt, vor allem zum Alltag, zum Handling mit dem Säugling wie Baden, Nabelpflege und so weiter. Zudem sollte die Rückbildung bis zu einem bestimmten Zeitpunkt kontrolliert werden sowie das Gewicht des Neugeborenen. Der Nachsorge-Frauenarzttermin findet ja erst sechs bis acht Wochen nach der Geburt statt. Bis dahin können einige Komplikationen auftreten. Wir organisieren quasi den Familienalltag etwas mit. Zwölf Wochen haben die Frauen auf die Nachsorge Anspruch.

 

Geburtsbetreuung: Ein großer Batzen an Fixkosten

 

Die Anzahl der Hebammen, die ihren Job ausführen, ist rückläufig. Warum?

Die Bezahlung ist ein großes Thema. Wir bekommen Pauschalen für die Wochenbettbesuche. Egal wie lange der Besuch dauert, es sind immer 38,46 Euro brutto pro Termin. Davon gehen natürlich noch alle Abzüge runter und laufende Kosten, wie zum Beispiel Fahrtkosten und Praxismiete. Wer Geburtshilfe macht, muss einen wahnsinnig hohen Versicherungsbeitrag zahlen, dadurch übernehmen nur noch wenige Kolleginnen freiberuflich Hausgeburten oder arbeiten als Beleghebamme. Denn die über 8.000 Euro im Jahr für die Haftpflichtversicherung muss man erst mal aufbringen können.

Ich übe keine Geburtshilfe aus und zahle deshalb nur knapp 600 Euro im Jahr. Aber dazu kommen noch 500 Euro, die wir jährlich in den Deutschen Hebammenverband einzahlen müssen. Das ist schon mal ein großer Batzen an Fixkosten.

Kann man überhaupt von dem Job leben?

Dieser Job lohnt sich in Teilzeit fast gar nicht mehr, weil man mehr Ausgaben als Einnahmen hat. Um davon leben zu können, muss man eigentlich Vollzeit arbeiten, denn die Kosten für die Versicherungen bleiben gleich hoch, egal ob man 20 oder 40 Stunden arbeitet. Nur Vollzeit ist für Frauen, die selbst Kinder haben, oft nicht möglich.

Der Hebammenverein hat eine Landkarte der Unterversorgung veröffentlicht. Wie sieht es in Hamburg aus?

Jede vierte Frau in Hamburg ist nach der Geburt ohne Hebamme. Was dazu führt, dass sich alle sehr früh bei uns in der Praxis melden, in der Regel in der sechsten Schwangerschaftswoche. Es gab auch schon Paare, die bei uns Kapazitäten angefragt haben, obwohl sie erst in der Planung der Schwangerschaft waren, was schon makaber ist.

Das klingt nach Druck, da ihr ja auch nur ein begrenztes Zeitkontingent habt?

Ja, das stimmt. Es kommen immer mehr Frauen auf uns zu. Wir versuchen unserer Kapazitäten zu erweitern, aber haben natürlich unsere Grenzen. Im Sommer habe ich zehn Wochen am Stück durchgearbeitet und war am Ende. Ein Wochenbettbesuch nach der Geburt ist von den Krankenkassen mit 45 Minuten angesetzt inklusive An- und Abfahrt. Das ist kaum machbar, dann hat man etwa 20 Minuten Zeit für die Frau, was bei den ersten Besuchen nach der Geburt überhaupt nicht ausreicht. Wir dürfen 20 Besuche in den ersten zehn Tagen machen und legen aus praktischen Gründen oft zwei Termine direkt nacheinander und haben dadurch 90 Minuten.

 

„Das Kind bleibt dabei auf der Strecke“

 

Gibt es Alternativen, wenn man keine Hebamme zur Nachsorge findet?

Das ist das nächste Problem. Mittlerweile werden auch ambulante Wochenbett-Betreuungen angeboten, dazu müssen die Frauen mit ihren Neugeborenen in die Praxis kommen. Ein Modell gegen das ich strikt bin. Ich finde die Vorstellung furchtbar, dass die Mütter, gerade aus der Klinik zu Hause angekommen, ohne Plan und Alltagsabläufe, am nächsten Tag pünktlich da sein müssen. Das ist totaler Stress, der sich auch auf das Kind auswirkt, was dabei leider auf der Strecke bleibt.

Entweder lassen sich die Frauen darauf ein, oder sie vertrauen auf das Wissen ihrer Mütter, was in der Großstadt wiederum auch schwierig ist, weil viele ohne ihre Familien hier leben. Die Frauen sind nach der Geburt immer mehr auf sich alleine gestellt.

Und wie sieht es bei der Vorsorge aus?

Das ist in der Tat ein großes Thema. Wir Hebammen dürfen natürlich auch die Vorsorgen durchführen und erfüllen laut Mutterschaftsrichtlinien genau die gleichen Kriterien wie in einer Frauenarztpraxis, außer dem Ultraschall, für den wir keine Zulassung haben. Einige Frauen nehmen mittlerweile eine geteilte Vorsorge in Anspruch, bei dem jeder zweite Termin bei einer Hebamme stattfindet.

Warum ist das ein großes Thema?

Viele Gynäkologen lassen sich nicht auf eine geteilte Vorsorge ein, sondern bestehen darauf, dass diese bei ihnen in der Praxis stattfindet, weil sie sonst angeblich bestimmte Posten nicht abrechnen können und ihnen dann Geld im Quartal fehlt. Allerdings haben sie ein ganz anderes Abrechnungssystem als wir Hebammen und können die Leistungen auch deutlich anders erheben. Wir würden uns überhaupt nicht in die Quere kommen, aber die Praxen versuchen die Frauen an sich zu ziehen.

Ist die Versorgung in den Kreißsälen der Krankenhäuser besser?

Als Angestellte ist die Bezahlung noch schlechter als bei uns Freien und dazu kommt auch noch der Schichtdienst. Im Krankenhaus herrscht absoluter Hebammenmangel. Deshalb leidet auch die Qualität der Geburtshilfe immer mehr. Es ist teilweise so, dass eine Hebamme fünf Frauen parallel betreuen muss. Und das ist keine Betreuung mehr, sondern Abfertigung. Die werdenden Eltern sind unter der Geburt alleingelassen, denn zwar kommt die Hebamme in der akuten Phase rein, wenn es losgeht, aber davor wäre es ebenso wichtig, dass jemand da wäre, der hilft und unterstützt.

Unser Bundesgesundheitsminister will den Beruf der Hebamme akademisieren. Was bringt das?

Gar nichts. Das Hebammenwesen ist ein Handwerk, das man erlernen muss. Und man braucht dafür ganz ganz viel Praxis. Und es ist im Beruf egal, ob du in der Lage bist, irgendwas mit einer Studie zu belegen. Letztendlich kommt es darauf an, dass man in Situationen in der Geburtshilfe reagieren kann, oder ein schlechtes Kind im Wochenbett erkennst. Dabei hilft dir keine Theorie, das braucht ganz viel Erfahrung.

Verbessert sich die Bezahlung für Hebammen mit einem akademischen Abschluss?

Überhaupt nicht. Diese Akademisierung läuft ja schon, aber welchen Vorteil die Hebammen davon haben, steht noch überhaupt nicht fest. Außer, dass sie sich Bachelor of Science Hebamme nennen dürfen. Es gibt keine bessere Bezahlung, keine besseren Arbeitsbedingungen.

Also der falsche Ansatz?

Absolut. Die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen müssen attraktiver gestaltet werden. Als Hebamme bleiben deine Familie und Freizeit total auf der Strecke. Denn ich muss ständig an den Wochenenden, an den Feiertagen arbeiten, egal ob mein Kind oder mein Mann Geburtstag hat, ich muss immer los. Entweder man macht es mit Herzblut und steckt viel Energie rein, oder man sollte es bleiben lassen.

 

„Ich bringe es nicht übers Herz, die Mütter alleine zu lassen“

 

Kannst du das als Selbstständige nicht etwas steuern?

Ja klar, könnte ich das. Aber wenn eine Familie am Freitag aus dem Krankenhaus entlassen wird, was die Kliniken gerne machen, damit sie wieder einen Puffer haben, bin ich natürlich am Samstag und Sonntag bei ihnen zu Hause. Es gibt tatsächlich einige Kolleginnen, die strikt am Wochenende nicht arbeiten. Aber wenn ich mich in die Mütter hineinversetze, dann bringe ich es nicht übers Herz, sie alleine zu lassen.

Neben einer besseren Bezahlung, was würde den Beruf attraktiver machen?

In so einer großen Stadt wie Hamburg, müssten sich viele Hebammen zusammenschließen, um ein Vertretungsnetz zu bilden. Sodass man tatsächlich auch zwei Wochenenden im Monat freimachen könnte. Eine verbesserte Zusammenarbeit mit den Gynäkologen würde auch helfen.

Noch kurz zum Schluss: Was ist das Schöne an deinem Job?

Das Schöne ist, dass ich in einem ganz besonderen Moment oder einer oft ganz wichtigen Zeit für die Familien dabei sein darf und sie begleiten darf. Es wird mir oft emotional viel abgefordert, aber in den meisten Fällen bekommt man das doppelt wieder zurück, wenn ich merke, wie wichtig dieser Halt den Familien ist und wie viel Wert sie auch auf unsere Meinungen zu bestimmten Themen legen. Oft kommt noch mal eine Nachricht von den Eltern zum ersten Geburtstag des Kindes, in der sie zurückblicken auf die manchmal nicht so leichte Anfangszeit mit einem netten Danke.

Romana Dietrich arbeitet bei der Hebammenpraxis Amandastraße; www.hebammen-amandastrasse.de


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2018. Das Magazin ist seit dem 29. November 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Stories aus Hamburg?

Hamburger des Monats – Benjamin Wenke von Bracenet

„Save the seas, wear a net!“ Zwei Hamburger fertigen aus Geisternetzen, die aus den Ozeanen gezogen werden, zeitlose Armbänder. Wie diese dazu beitragen, die Meere zu retten, erzählt Benjamin Wenke im Interview

SZENE HAMBURG: Benjamin, wie ist das Ganze entstanden?

Benjamin Wenke: Auf die Idee kamen wir vor drei Jahren, als Madeleine und ich an der Ostküste von Afrika unterwegs waren. Wir sind dort häufig am Strand gewesen, sind viel geschnorchelt, getaucht, und wir haben da überall diese Fischernetze gesehen. Große, tief unter Wasser, aber auch Stücke am Strand. In allen Farben, wir waren wirklich überrascht, in welcher Farbenpracht es diese Netze gibt. In einigen hatten sich Schildkröten verfangen, es war grauenvoll, und da war uns klar, dass wir etwas tun wollten. Und dass es aber nicht reichen würde, Videos und Fotos ins Internet zu stellen – da sieht man dann zwar ein schockierendes Bild, scrollt aber weiter und hat das nächste lustige Katzenvideo auf dem Schirm, über dem man alles schon wieder vergisst. Wir haben also eine andere Idee gesucht.

 

„Irgendwann haben wir uns ein Stück Netz über das Handgelenk gelegt“

 

… und das waren dann die Armbänder.

Genau. Wir wollten etwas daraus herstellen, was genauso beständig ist wie die Netze selbst. Man kann daraus beispielsweise feines Yarn fabrizieren, das dann in Teppiche oder Polyester-Kleidung eingearbeitet wird. Bei uns sollte das Produkt aber noch als Netz erkennbar sein. Wir saßen also da in Afrika am Strand, haben gegrübelt und uns irgendwann ein Stück Netz über das Handgelenk gelegt. Da war gleich klar, wir machen Armbänder daraus: Bracenet – Save the seas. Wear a net. Und so war die Idee geboren.

Und dann?

Dann haben wir den Rest des Urlaubs damit verbracht, so viele Netze einzusammeln wie möglich. Im letzten Dorf, in dem wir waren, in Tansania, haben wir alles, was wir in den Rucksäcken hatten, verschenkt und diese mit Netzen vollgestopft. Zu Hause haben wir weiter zum Thema Geisternetze oder ghostnets recherchiert und landeten dann bei zwei Organisationen: Healthy Seas und Ghostfishing, die zwei größten niederländischen Meeresschutzorganisationen in diesem Bereich. Zu der Zeit gab es etwa 50 freiwillige Taucher, die regelmäßig Netze geborgen haben, vor allem in der Nordsee vor den Niederlanden und im Mittelmeer. Die haben wir dann kontaktiert und bei unserem Meeting war Healthy Seas direkt begeistert von der Idee.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von SAVE THE SEAS. WEAR A NET (@bracenet_savetheseas) am

Und mit denen arbeitet ihr immer noch zusammen?

Ja, genau. Seitdem hat sich eine ganz, ganz enge Partnerschaft gefestigt. Wir gehen gemeinsam auf Bergungsfahrten von Netzen. Aus denen, die sich eigenen, stellen wir dann die Armbänder her. Zehn Prozent des Verkauf-Erlöses geht wieder an Healthy Seas zurück, damit noch mehr Geisternetze aus dem Meer geholt werden können. Mittlerweile können sie, unter anderem auch durch unsere Spenden, 150 Taucher beschäftigen, und es sind viel mehr Einsatzgebiete dazugekommen: im Libanon, in Neuseeland, in Griechenland.

Wie groß sind die Netze denn, die aus dem Meer gezogen werden?

Sehr unterschiedlich. Manches sind nur kleine Stücke, andere sind aber mehrere hundert Meter lang.

Wieso landen überhaupt so viele Netze im Meer?

Es gibt zwei Hauptursachen. Eine ist das absichtliche Versenken. Wenn die Netze so defekt sind, dass sie nicht mehr geflickt werden können, werden sie einfach über Bord entsorgt, ist ja am einfachsten. Oder, was immer häufiger der Fall ist: Weil sich die Fischbestände durch die Überfischung zurückziehen und sich bei Wracks oder an Riffen verstecken, folgen die Fischer ihnen. Und da ist die Gefahr, mit dem Netz hängen zu bleiben, natürlich um einiges größer. Aus Sicherheitsgründen muss das Netz dann gekappt werden, da das Schiff sonst kentern könnte. Melden tut das natürlich dann kaum einer.

Und wie wird aus den herausgefischten Netzen dann ein Bracenet? Die sind doch bestimmt total spakig, wenn sie aus dem Wasser kommen. Reinigt ihr die selber?

Da kommt unser dritter Partner ins Spiel, die norwegische Firma Nofir. Dort werden die Netze gesammelt, durchgewaschen und selektiert. Die wissen mittlerweile, welche Netze nur noch zum Recyceln taugen und welche wir gut verarbeiten können. Gut erhaltene Netze, in tollen Farben werden inzwischen direkt für uns zur Seite gelegt. Sobald ein Lkw in Richtung Deutschland fährt und noch einen freien Platz hat, mieten wir uns diesen an.

Ihr bastelt die Armbänder aber nicht mehr alle selber zusammen, oder?

Mittlerweile arbeiten wir mit vier Behindertenwerkstätten in Hamburg, Duisburg und Neumünster zusammen, die uns neben unserem eigenen achtköpfigen Team unterstützen.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von SAVE THE SEAS. WEAR A NET (@bracenet_savetheseas) am

Gib mir mal eine Hausnummer, welchen Umfang hat das Ganze denn? In Netzen und Geld?

Wir haben mittlerweile knapp drei Tonnen Netze zu Armbändern verarbeitet. Und die letzte große Spende haben wir während der Fußball-WM auf der großen Bühne der Berliner Fanmeile übergeben, fünf Minuten, bevor das Deutschland-Spiel angefangen hat. Das waren 20.000 Euro an Healthy Seas. Und 4.000 Euro an Sea Shepherd, mit denen wir eine Kooperation zum Schutz der Schweinswale in der Ostsee hatten. Es gibt noch etwa 500 Schweinswale und da haben wir eine Special-Edition mit 500 Bracenets mit Schweinswal-Anhänger hergestellt, wovon pro Stück jeweils acht Euro an die Organisation gingen.

Wer kauft denn so ein Bracenet?

Ein großer Teil wird über unsere Website oder über unsere Retailer erworben, die sich eines bestellen. Es gibt aber auch viele Firmen, die auf uns zukommen. Vor kurzem haben wir Bracenet zum Beispiel bei der Otto-Group und dem Forschungsinstitut Senckenberg vorgestellt und auf das Problem der Geisternetze und der Vermeidung von Plastik aufmerksam gemacht. Auch mit der Körber Stiftung haben wir zusammengearbeitet. 2017 haben wir ein Event zum Schutz der Ozeane begleitet, bei dem bundesweit 600 Schüler teilgenommen haben. Jeder Schüler trägt seitdem ein Bracenet und so konnten wir bei der sehr wichtigen jungen Generation auf das Problem der Meeresverschmutzung aufmerksam machen.

Ihr versucht also nicht nur, über den Verkauf der Bracenets Spenden zu generieren, sondern auch das Bewusstsein der Menschen für das Problem zu schärfen?

Ja, genau, und auch bei unseren Firmenkunden. Wir versuchen immer, gemeinsam mit ihnen zu überlegen, wie auch sie selbst ein Stück nachhaltiger agieren können. Zum Beispiel gehören aktuell 16 große Airlines zu unseren Kunden, die Bracenets in ihren Bordshops verkaufen. Nun sind Airlines ja aber nicht ganz unschuldig an der Umweltverschmutzung und deshalb haben wir in Gesprächen gemeinsam nach Lösungen gesucht, wie sie grüner werden können – wenn das Thema Nachhaltigkeit wichtig ist, reicht es nicht, nachhaltige Produkte zu vertreiben. Wir wollten nicht, dass sie sich sozusagen von ihrer Verantwortung freikaufen, indem sie Bracenets anbieten.

Was sind das für Lösungen?

Island Air beispielsweise bringt jetzt den ersten Flieger in die Luft, der komplett plastikfrei sein wird, ohne Plastikbesteck oder -becher. Und die Netze an den Sitzen, in denen die Zeitschriften aufbewahrt werden, könnten künftig aus unseren Geisternetzen bestehen. Insgesamt verlagert sich unser Schwerpunkt immer mehr in Richtung Prävention, damit gar nicht so viele Netze in den Ozeanen landen. Damit verbringen wir immer mehr Zeit, mittlerweile fast 50 Prozent.

Was tut ihr da so?

Wir haben zum Beispiel zwei Studenten, die ihre Master-Thesis aufgrund von Bracenet zu dem Thema „präventive Arbeit“ schreiben. Die entwickeln ein Netz, das trackbar ist und sich wesentlich früher auflöst als ein herkömmliches und somit eine geringere Gefahr für die Meerestiere darstellt – die Netze, die bislang verwendet werden, zerfallen erst nach 600 bis 800 Jahren, und auch dann nur zu Mikroplastik. Diese neuartigen Netze werden wir mit einer irischen, nachhaltigen Fischerei testen, mit der wir bereits zusammengearbeitet haben.

Die Fischer stehen dem Ganzen also auch positiv gegenüber?

Manche. Wir versuchen, die beiden Welten miteinander zu vernetzen, und das gelingt immer besser. Mittlerweile gibt es sogar Fischer, die sich bei uns oder einem unserer Partner melden und uns ihre alten Netze anbieten, statt sie wie bisher im Meer zu versenken. Oder es gibt Familien, die von uns gehört haben, und im Urlaub am Strand Netze sammeln.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von SAVE THE SEAS. WEAR A NET (@bracenet_savetheseas) am

Wart ihr schon vorher im Umweltschutz tätig?

Nein. Ich war zuletzt bei Bosch und habe da das Marketing für zwei Startups in der Automotive-Industrie geleitet. Und Madeleine war Head of Art Buying bei BBDO, einer großen, internationalen Kommunikationsagentur.

Der Background war bestimmt nützlich …

Ja, auf jeden Fall. Wir hatten Bracenet nebenberuflich als Herzensprojekt, gestartet bei dem wir etwas Gutes tun konnten. Und standen dann aber irgendwann am Scheideweg: Sollten wir das Ganze weiter nebenbei laufen lassen, mit Nachtschichten, weil es doch immer mehr wurde. Oder ob wir unser Erspartes, was eigentlich für eine Weltreise nach unserer Hochzeit gedacht war, in Bracenet investieren, unsere Jobs kündigen und das ohne zu wissen, ob alles klappt, wie wir es uns gewünscht haben.

Und es passiert offenbar einiges. Aber warum habt ihr keinen Laden, in dem ihr die Bracenets verkauft?

Das würde eine Unmenge Geld für Miete, Inventar und Personal kosten. Das wollen wir nicht, denn für die Summe kann man eine Menge Netze aus den Ozeanen holen. Aber wir haben mittlerweile viele Partner, Juweliere und vor allem auch Surf- und Tauch- Shops, die Bracenets verkaufen. Das ist für uns die bessere Lösung.

Interview: Maike Schade
Foto: Bracenet

Hier werden Bracenets verkauft: Ringe Anke Baumgarten, Colonnaden 43 (Neustadt); bracenet.net



 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2018. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

Lust auf mehr Stories aus Hamburg?



#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Ines und David vom Welcome Dinner – Hamburger des Monats

Sich einfach mal kennenlernen, hilft sich zu verstehen, finden Ines und David. Dafür organisieren sie „Welcome Dinner“, um Hamburger und Geflüchtete für einen Abend an einen Tisch zu bringen.

SZENE HAMBURG: Ines und David, nach drei Jahren und mehr als 2.500 Dinner, die ihr organisiert habt, welche Bilanz zieht ihr?

David: Ich bin stolz darauf, was Welcome Dinner geleistet hat. 2.500 Dinner bedeuten etwa 10.000 Hamburger, Einwohner und Gäste, die mitgemacht haben. Davon haben sich laut unserer Umfrage mehr als die Hälfte der Teilnehmer ein zweites Mal oder öfter wiedergetroffen. Es sind Freundschaften und Beziehungen entstanden. Das hat eine enorme Wirkung.

Ines: Ich bin beeindruckt, wie viele Hamburger mitgemacht haben, dass so viele Leute bereit waren, zu sich nach Hause einzuladen. Denn das ist ja was sehr Persönliches. Und wir Deutschen sind oft keine großen Gastgeber und laden nicht wie in anderen Ländern sofort zu uns nach Hause ein. Aber auch, dass die Erlebnisse so positiv waren, hat mich überrascht. Als wir gestartet sind, habe ich eigentlich damit gerechnet, dass es auch mal heikel werden könnte.

Gab es noch nie Schwierigkeiten?

Ines: Nichts Gravierendes. Natürlich gab es mal Rückmeldungen, dass es dem Gast nicht geschmeckt hat oder dass er zu spät war. Es kam auch schon mal vor, dass Gäste kurzfristig abgesagt haben. Aber die allermeisten Dinner laufen sehr gut. Um Missverständnisse zu vermeiden, raten wir jedem Gastgeber, vorher kurz mit dem Gast zu sprechen. Wir schicken den Gastgebern vorab auch ein PDF mit Tipps, zum Beispiel steht da, was Halāl bedeutet. Aber Flüchtlinge definieren Halāl so unterschiedlich. Einige trinken sogar Alkohol, obwohl sie „halal“ angekreuzt haben.

Wie wird man Gastgeber?

David: Das geht ganz einfach. Auf unserer Internetseite kann sich jeder, der möchte, mit einem Wunschtermin eintragen. Wir melden uns dann etwa vier Tage vor dem Dinner und vermitteln den Gast. Es soll für alle einfach sein. Es reicht, beim üblichen Abendbrot einfach zwei Teller dazuzustellen. Es geht nicht darum, ein üppiges Essen zuzubereiten. Es zählt die Geste und das Zusammenkommen.

Ines: Die Dinner haben schon in verschiedensten Locations stattgefunden, bei Familien, einmal haben Bewohner eines Seniorenzentrums eingeladen, WGs, Firmen, Schulklassen. Zwar ist unser Ansatz, dass die Leute nach Hause einladen, weil es ein starkes Zeichen ist, die eigene Tür zu öffnen, aber wir sind offen für alles.

Ihr habt sicherlich auch Dinner bei euch veranstaltet?

David: Am Anfang haben wir einige Dinner gegeben und uns mit einer Familie, die wir darüber kennengelernt haben, oft getroffen. Aber wir haben uns schnell darauf konzentriert, all unsere Kapazität in Welcome Dinner als Organisation zu stecken. Weil wir da einen viel größeren Hebel unserer Wirkung haben.

 

„Das große politische Problem wird plötzlich menschlich“

 

Ines: Uns fehlte irgendwann die Zeit, weil wir so viel organisieren und auch das Team zusammenhalten und entwickeln wollten. Wir konnten jetzt gerade zwei Minijobber einstellen mit Geldern, die wir von der Robert Bosch Stiftung bekommen haben und mithilfe eines Preisgeldes der Google Impact Challenge. Wir erhoffen uns durch die zusätzliche Arbeitskraft, dass das Welcome Dinner noch mal einen Push bekommt. Denn momentan gibt es viel mehr Flüchtlinge, die gerne teilnehmen würden, als angemeldete Gastgeber.

Kann ein einzelnes Abendessen überhaupt etwas bewirken?

David: Das Abendessen dreht alles. Das große abstrakte politische Problem wird plötzlich menschlich. Die Hamburger haben nach den Begegnungen nicht mehr „die Flüchtlingswelle“ und „die Flüchtlinge“ im Kopf, sondern „ihren Mohamed“, von dem sie genau wissen, aus welchen Gründen er nach Deutschland gekommen ist. Sie kennen dann einen konkreten Menschen mit seinen Problemen, seinen Stärken und Schwächen. Wenn wir die Menschlichkeit in das Thema reinkriegen, haben wir gewonnen. Und dann können wir auch alle politischen Fragen diskutieren.

Ines: Für viele war der Abend horizonterweiternd. Die meisten Flüchtlinge finden es toll, eine deutsche Wohnung und ein deutsches Abendessen kennenzulernen und die Möglichkeit zu haben, einfach mal Fragen zu stellen und ihr Deutsch zu üben. Viele erzählen uns, dass sie seit Jahren hier leben, aber noch nie eingeladen wurden. Und dass der Abend für sie der schönste seit ihrer Ankunft war. Auch die Flüchtlinge sind verunsichert, was die Deutschen von ihnen denken. Die Stimmung ist aufgeheizt und es steht so viel in der Presse.

Also Integration auf kleinster Ebene …

Ines: Es stärkt das Verständnis füreinander. Wir sagen nicht, dass alles rosig ist, aber wir alle sind Menschen mit Problemen und Sorgen. Natürlich kann man auf politischer Ebene für Abschiebungen sein, aber der Mensch dahinter sollte trotzdem gesehen, seiner Geschichte mitfühlend begegnet werden, unabhängig von der politischen Meinung. Wir wollen das Menschliche im Miteinander stärken.

Braucht es dies vermehrt in Hamburg?

Ines: Es hat sich schon sehr viel in Hamburg und ganz Deutschland verändert. Es gibt viel Schwarz-Weiß-Denken, viel Ablehnung und auch Hass.

 

„Empathie wird schnell mit Naivität gleichgesetzt“

 

Woran machst du das fest?

Ines: Das, was Leute bereit sind zu sagen, und was mittlerweile toleriert wird, hat sich stark ausgeweitet. Gerade die „Merkel muss weg“-Demos zeigen auch, dass Hamburg nicht nur bunt und tolerant ist, sondern, dass die Stadt auch eine andere Seite hat.

David: Die Debatten sind viel schärfer und die Gräben sind tiefer geworden. Ich bemerke in jeder Diskussion eine Aggressivität, die es oft nicht mehr zulässt, dass man am Ende zusammen ein Bierchen trinkt, wie es früher möglich war. Egal, welche politische Meinung jeder hat.

Ines: Vor allem die Empathie geht momentan verloren. Jeder sollte anderen Menschen mit Respekt begegnen und erst einmal zuhören. Dann kann man sich immer noch eine Meinung bilden. Aber Empathie wird schnell mit Naivität gleichgesetzt. Und Verständnis mit Gutmenscherei. Das ärgert mich sehr oft.

Wer setzt das gleich?

Ines: Die Menschen, die skeptisch gegenüber Flüchtlingen sind, und die wir versuchen zu überzeugen, bei Welcome Dinner mitzumachen.

Kann man diese überzeugen?

Ines: Ja, wir haben auch schon öfter erlebt, dass den Leuten, die anfänglich skeptisch waren, ein Treffen die Augen geöffnet hat. Sie haben verstanden, womit die Menschen, die hierherkommen, zu kämpfen haben.

Liegt es an dem geschützten Raum, in dem die Dinner stattfinden?

Ines: Man muss schon sehr gefühlskalt sein, wenn man seinem direkten Gegenüber sagt: „Ich lehne dich ab.“ Diese Ablehnung passiert meist auf einer abstrakten Ebene, denn da ist es einfach.

David: Wir fordern gerade auch Menschen auf, ein Dinner zu geben, die kritisch gegenüber Grenzöffnungen sind. Denn auch die Menschen, die nicht Hurra schreien, wenn Merkel sagt, „Wir schaffen das“, sollten einen Abend lang mal ihr Herz aufmachen, denn am Ende des Abends sind sie schlauer und reicher.

Ein anderes Thema. Ihr habt euch für den Deutschen Nachbarschaftspreis beworben, der Anfang September an 48 Stunden Wilhelmsburg ging. Bis vor Kurzem war Horst Seehofer Schirmherr. Findet ihr den Gedanken nicht absurd, möglicherweise einen Preis entgegenzunehmen, dessen Schirmherr für Abschottung steht – also entgegengesetzt eurer Ziele?

Als wir uns beworben haben, stand noch nicht fest, dass Seehofer Innenminister und damit Schirmherr wird. Aber wir haben ein Ziel, das wir verfolgen, und finden das wichtiger als Herrn Seehofer. Und wenn uns die Nominierung für diesen Preis mehr Gastgeber bringt, lassen wir uns nicht von einem Herrn Seehofer ablenken, der meint, er müsse sich mit populistischen Sprüchen profilieren. Auf die Schirmherrschaft haben wir reagiert, indem wir ihn eingeladen haben, ein Dinner zu geben. Leider haben wir noch keine Antwort bekommen.

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Michael Kohls

Anmeldungen und weitere Infos unter www.welcome-dinner.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2018. Das Magazin ist seit dem 29. September 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


Lust auf mehr Stories aus Hamburg?


Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Hamburger des Monats – Jennifer Schulze a. k. a. Maku Gold

Die Tänzerin Jennifer Schulze a. k. a. Maku Gold war Deutsche Meisterin sowie Europameisterin im Breakdance, ist Theater-Choreografin und bringt seit Jahren Kindern und Jugendlichen das Tanzen bei. Ein Gespräch mit der 24-Jährigen über HipHop als Möglichkeit zur Selbstverwirklichung.

SZENE HAMBURG: Jenny, kann Breakdance die Welt bewegen?

Jenny Schulze: Definitiv!

Inwiefern?

Breakdance ist ein Element der HipHop-Kultur, und im HipHop geht es darum, aus dem, was man macht und ist, etwas Neues zu schaffen. Das ist bewegend, und wenn man es größer fast: weltbewegend.

Du hast als 13-Jährige mit dem Tanzen angefangen. Hattest du damals schon große Ambitionen?

Ja. Ein Jahr später war ich bereits deutschlandweit auf Bühnen unterwegs, drei Jahre später habe ich erste Tanzkurse gegeben, und mit 19 habe ich mich selbstständig gemacht.

Klingt extrem ehrgeizig. Woher kommt das?

Ich habe Sport schon mit vier Jahren leistungsbezogen betrieben, damals war es Rhythmische Sportgymnastik. Mit neun habe ich angefangen, Fußball zu spielen, auch als Leistungssport, weil ich mal etwas nicht so klischeehaft Mädchenmäßiges machen wollte. Mein Zimmer war zwar rosarot, doch beim Sport wollte ich kein typisches Mädchen sein, sondern mit den Jungen auf einer Stufe stehen.

Harte Schale, weicher Kern?

So war es früher, in der Pubertät gab es damit aber einen Bruch. Seitdem kam ich auch nach außen meiner Identität als Mädchen näher.

War das in der Zeit, in der du HipHop für dich entdeckt hast?

Genau. Bei einer Workshop-Woche, wo ich außer dem DJing alle HipHop-Sparten ausprobieren konnte, also Rap, Graffiti und Breakdance. Nach drei Tagen habe ich meinem Trainer gesagt: Ich will für immer Breakdance machen! Fußball lief allerdings noch parallel, und so hatte ich achtmal Training pro Woche.

Wann und warum hast du mit dem Fußball aufgehört?

Ich wurde gerade zu den Damen hochgeholt, als mein Fußball-Trainer starb. Kurz vor seinem Tod hat er zu mir gesagt: „Mache eine Sache zu hundert Prozent, also entscheide dich: Fußball oder Breakdance?“ Er hat mir ein Jahr Zeit gegeben, und nach nicht ganz einem Jahr entschied ich mich für Breakdance …

… bei dem du bis heute geblieben bist. Wie sieht dein Alltag als Tänzerin und Tanzlehrerin heute aus?

Neben Training, Auftritten und Battles gebe ich montags bis freitags zehn Nachwuchskurse an Schulen, Tanzschulen und Häusern der Jugend. Weil ich weiß, dass man viel vom Tanzen hat, wenn man früh anfängt. Ich setze also auf Nachhaltigkeit.

Und auf soziale Aspekte. U. a. unterrichtest du Tanzen an einer Blindenschule.

Das wollte ich unbedingt machen. Ich ging deshalb zum Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte. Dort ist es eine ganz andere Arbeit, als ich sie sonst mache. Ich muss viel sprechen, viel anleiten, auch in Berührung mit den Schülern gehen. Einmal hatte ich einen Schüler, der mich nach einem halben Jahr Unterricht fragte: „Hey, Jenny, kannst du eigentlich sehen?“

Wie sah der Unterricht mit ihm konkret aus?

Er war lange Zeit klein und verhalten, ist wie eine Maus über den Schulhof getapst. Dann habe ich ihm einen Raum zum Tanzen abgesteckt – und er ist voll aus sich herausgekommen. Weil er wusste: Dort passiert ihm nichts, dort kann er er selbst sein, und er wollte bald am liebsten nichts anderes mehr machen.

Den Gewinn von Selbstsicherheit durch Tanzen kennst du bestimmt auch.

Sport an sich gibt einem ja viel Halt, aber das Tanzen, bei dem man nicht immer eine Mannschaft im Rücken hat, ist schon eine große Herausforderung. Ich war lange Zeit schüchtern, musste beim Tanzen aber immer wieder in Kreisen und auf Bühnen performen, also vor anderen zeigen, was ich gelernt hatte. Das hat mich selbstsicher gemacht.

Was hast du vom Tanzen noch gelernt, das du jetzt anderen lehrst?

Wie man auf Augenhöhe mit Menschen umgehen und sie abholen kann. Dafür bin ich sehr dankbar.

Interview: Erik Brandt-Höge
Foto: Michael Kohls


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


 

Lust auf mehr Stories aus Hamburg?

 

Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Hamburger des Monats: Mohammed Ghunaim

Vor drei Jahren ist der Syrer Mohammed Ghunaim, kurz Ziko, nach Deutschland geflohen. Seit eineinhalb Jahren leitet der Journalist das Embassy of Hope – Café International vom Thalia Theater. Wie lokale Integration funktioniert, erzählt er in dem Gespräch.

SZENE HAMBURG: Ziko, was ist der größte Unterschied zwischen deinem Leben hier und dem in Damaskus?

Ziko: Sicherheit. Als der Krieg ausgebrochen ist, war ich 20 Jahre alt und in Damaskus zuletzt als Sanitäter beim Roten Halbmond, die Schwestergesellschaft des DRK, direkt in den Kriegsgebieten tätig.

Was hast du gemacht bevor der Krieg ausgebrochen ist?

Ich habe Arabische Literatur und Journalismus studiert. Kurz bevor der Krieg ausgebrochen ist, habe ich zusammen mit Freunden eine Internetseite für lokale Nachrichten aus Damaskus aufgebaut.

Du hast über deine Flucht einen Film gedreht …

Ja, genau, er heißt #myescape, eine 90-minütige Doku, die in der ARDMediathek zu sehen ist. Als ich alle Stationen und viele Momente während meiner Flucht dokumentiert habe, war mir noch nicht klar, dass daraus ein Film entsteht.

Wie war dein Gefühl als du in Deutschland angekommen bist?

Ich habe von Anfang dafür gekämpft, als Mensch anerkannt zu werden. Nicht als Flüchtling. Überall. Mit der Polizei an den Grenzen, in den Flüchtlingcamps und auch in Deutschland. Ich finde den Begriff Geflüchteter falsch, weil jeder Mensch grundsätzlich das Recht hat, woanders zu leben. Das ist in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verankert. Die Politik kategorisiert die Menschen mit Begriffen. Ich komme aus einem Kriegsgebiet, aber ich fühle mich nicht als Geflüchteter. Hamburg ist meine neue Heimat.

Was brauchen Menschen, die hier neu ankommen am dringendsten?

Sie brauchen Zeit. Und Geduld von der Gesellschaft. Denn alle, egal aus welcher Schicht sie kommen, fliehen, um zu leben. Sie möchten Frieden finden. Natürlich sind nicht alle gute Menschen, aber das ist überall so. Die Neuankömmlinge sprechen kein Deutsch, aber von dem Moment an, in dem sie ankommen, wird erwartet, dass sie sich integrieren. Wir haben keine Zeit, uns von der Flucht zu erholen und uns zu orientieren. Mein Bruder hat zwei Jahre gebraucht, um sein Trauma zu bewältigen. Ich wünsche mir, dass beide Seiten sich noch mehr verstehen, und sich dafür Zeit geben und nehmen.

Zeit und Geduld finden sie im Embassy of Hope?

Wir veranstalten tolle Projekte, an denen jeder teilnehmen kann. Es haben sich Theater- und Musikgruppen gefunden, wir kochen zusammen und tauschen uns über unsere Kulturen aus. Viele Ehrenamtliche aus dem Viertel, geben Deutschkurse. Vor Kurzem haben wir eine neue Lesereihe gestartet, die regelmäßig im Thalia Gaußstraße stattfinden wird. Geflüchtete Menschen haben ihre Erfahrungen aufgeschrieben, die auf Deutsch und Arabisch vorgelesen werden. Wir versuchen die Sprache nicht nur über Bücher, sondern vor allem in der Praxis zu vermitteln.

Was für einen Ort möchtest du mit Embassy of Hope erschaffen?

Als wir 2015 eröffnet haben, waren wir ein Ort, an dem die Menschen aus den Erstunterkünften sich wohlfühlen sollten. Ein bisschen durchatmen konnten und zurück ins Leben fanden. Meine Vision ist, dass es nicht nur ein Ort bleiben wird, der Flüchtlinge willkommen heißt, sondern einfach Menschen. Es wäre toll, wenn wir alle einen Schritt weitergehen, und Menschen nicht mehr durch Begriffe definieren. Wir sollten uns alle, Neuankömmlinge und Deutsche, auf gleicher Augenhöhe begegnen. Denn wir können gegenseitig von uns lernen, wenn wir wollen. Nicht nur die Neuankömmlinge von den Hamburgern, auch umgekehrt. Hier im Café zum Beispiel, versuchen die Nachbarn, die kommen, auch auf Arabisch zu kommunizieren. Wir kommen uns alle entgegen.

Wie gut hat hier im Café die Integration funktioniert?

Wir arbeiten nach dem Prinzip des Austausches. Das Thalia Theater setzt Vertrauen in mich, auch wenn ich erst ein paar Jahre in Deutschland bin und die Sprache nicht perfekt beherrsche. Aber sie akzeptieren meine Vision und unterstützen diese. Ich kann hier meine Kultur einbringen. Und das möchte ich weitergeben. Wir haben viel dafür getan, dass sich die Kulturen im Embassy mischen. Und ab September wird der Samstag zum Familientag, damit auch Kinder mitkommen können, was zurzeit nicht möglich ist. Durch die vielen Möglichkeiten, die wir hier haben, konnten wir Impulse setzen und einige sind von hier in einen neuen Alltag gestartet. Zum Beispiel haben sich aus unserer Kochgruppe ein paar Leute zusammengetan und mittlerweile einen Catering-Service für arabisches Essen gegründet.

Was muss sich noch verändern?

Vieles läuft schon gut. Aber wir brauchen mehr Projekte, die sich um die Wohnungssituation der Neuankömmlinge kümmern. Ich habe sechs Monate lang in einer Erstunterkunft gelebt, was für den Zeitraum absolut akzeptabel war. Aber, wie einige, drei Jahre lang? Das ist schlimm. Das verhindert auch Integration. Ich hatte viel Glück, denn ich wohne in einem Umfeld, wo viele Deutsche wohnen. Deshalb habe ich die Sprache ohne Kurs und Lehrer gelernt. Aber die Menschen, die in den Containern leben, bleiben unter sich.

Du arbeitest auch noch bei der GWA St. Pauli e. V. …

Ja, ich leite dort das Projekt „Yalla – Rein in die Stadt“. Jugendliche produzieren Videos über Orte in Hamburg, die wir entdeckt haben und stellen diese ins Internet. Jeder, der wenig Geld hat und/oder neu in der Stadt ist, findet so tolle Möglichkeiten, trotzdem was zu unternehmen.

Was magst du an Hamburg?

Die Leute sind offen und nehmen teil. In Hamburg gibt es viele Vereine, wie Kampnagel und GWA St. Pauli, die offen sind für Integrationsprojekte. Viele Hamburger wollen etwas von mir lernen, es ist ein Geben und Nehmen. Ich kann hier ich selbst sein. Und fühle ich mich zu Hause.

Das Embassy of Hope – Café International findet ihr in der Gaußstraße 190 (Ottensen).

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Ana Maria Arevalo 

Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Hamburger des Monats: Dominik Bloh

Als Obdachloser kam Dominik Bloh 2015 in die Kleiderkammer, um den geflüchteten Menschen zu helfen, obwohl er selbst Hilfe brauchte. Dort fand er Anschluss und Unterstützung, und wurde Gründungsmitglied des Vereins Hanseatic Help. Mittlerweile hat der 29-Jährige einen Job, eine Wohnung und das Buch „Unter Palmen aus Stahl“ über seine Geschichte veröffentlicht. Er möchte für die Notleidenden auf den Straßen sensibilisieren

SZENE HAMBURG: Dominik, wenn du einen Wunsch frei hättest, mit dem du dem Leben von Obdachlosen mehr Perspektive geben könntest, welcher wäre das?
Dominik Bloh: Ich würde mir wünschen, dass jeder eine zweite Chance und ein Dach über dem Kopf bekommt.

In „Unter Palmen aus Stahl“ erzählst du von deiner Zeit als Obdachloser. Welche Reaktionen hast du bekommen?
Es gibt fast nur positives Feedback. Ich bekomme ganz viele Nachrichten oder erfahre in Gesprächen, dass tatsächlich Menschen mit anderen Augen durch ihre Stadt gehen und ihre Umwelt bewusster wahrnehmen. Das war auch mein Ziel für das Buch.

Also ist es dir gelungen, Menschen für das Thema zu sensibilisieren …
Vor Kurzem hat mir der Geschäftsführer der Tagesaufenthaltsstätte „herz as“ erzählt, dass er beim Amtsbesuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bürgermeister Olaf Scholz beiden mein Buch geschenkt und ihnen herzlich die Lektüre empfohlen hat. Das finde ich sehr verrückt. Das Buch soll eine Stimme sein für Leute, deren Stimmen nicht gehört werden. Dass jetzt sogar Politiker davon erfahren, ist ein schönes Gefühl.

Viele wissen nicht, wie sie mit einem Obdachlosen umgehen sollen, der um Geld bittet. Man kann ja nicht jedem Geld geben. Was rätst du ihnen?
Es geht immer darum, wie wir miteinander umgehen. Wir sollten mehr Empathie haben und aufeinander zugehen. Das braucht eine Prise Mut. Wir haben alle unsere vorgefertigten Bilder von Gruppen oder Menschen. Aber ich selbst lerne auch jeden Tag, dass, sobald man ins Gespräch kommt und jemanden näher kennenlernt, sowohl Ängste als auch das Gefühl von etwas Fremden verloren gehen. Und plötzlich werden aus Fremden Freunde. Ich gebe jedem Menschen Geld, der mich fragt. Ich bin nicht der Richter dieser Menschen und entscheide nicht, was sie damit machen. Für mich ist Betteln eine Form von um Hilfe bitten. Das kann mit am schwierigsten sein und deswegen habe ich Demut entwickelt vor Menschen, die das tun. Wer kein Geld geben kann oder möchte, kann trotzdem etwas tun: Das Schönste, was man schenken kann, kostet kein Geld und das sind Aufmerksamkeit und sich auf Augenhöhe begegnen. Ein bisschen Zeit miteinander zu verbringen, kann Hoffnung spenden und zum schönsten Moment des Tages werden.

Oft sind die Menschen aber auch nur in Eile …
Es ist wichtig, dass man etwas tut. Ich kann, wie jeder andere auch, nur bis zu meiner Grenze der Belastbarkeit helfen. Es gibt für mich auch Momente, in denen mir etwas zu viel ist und dann kann ich jemandem auch nicht weiterhelfen. Aber ich weiß, dass ich eine Minute am Tag überhabe. Die stört meine Termine nicht, wenn ich mich entscheide, jetzt hier eine Minute stehen zu bleiben, so gestresst kann ich gar nicht sein.

Aber wäre es nicht höhnisch, wenn man einen Obdachlosen anlächelt, der gerade bettelt?
Ein Lächeln ist kostbar und etwas Positives. Auf der Straße bist du die ganze Zeit mit negativen Gedanken beschäftigt, weil du das Gefühl hast, nicht wahrgenommen zu werden. Dann ist es etwas Besonders, wenn dich jemand anlächelt. Eine der schlimmsten Sachen auf der Straße ist die soziale Isolation, das Gefühl ganz unten zu sein und alle anderen sind darüber. Ich nehme mir die Zeit, jemandem mit Respekt zu begegnen. Für mich ist Respekt der kleinste gemeinsame Nenner im Umgang mit Menschen. Ich muss nicht gut finden, was jemand macht, aber ich respektiere jeden als Mensch. Wenn ich das auf Augenhöhe vermittle, kommt das nicht höhnisch oder zynisch rüber, sondern, dann ist es genau das: eine Geste der Menschlichkeit.

Als 2015 so viele Flüchtlinge ins Land kamen, forderten viele, die eigenen Notleidenden, die Obdachlosen, nicht zu vergessen. Wieso wolltest du trotz deiner Situation sofort helfen?
Menschen, die mal wenig hatten, die geben auch viel, das habe ich gelernt. Wahrscheinlich, weil sie die Erfahrung geteilt haben. In meinem Fall war das so, dass ich gesehen habe, wie die Menschen aus den Kriegsgebieten in der Wandelhalle ankamen. Sie hatten eine schlimme Flucht hinter sich und waren traumatisiert. Sie lagen dort auf Isomatten und ich wusste, wie sie sich fühlten, denn so lebte auch ich damals seit zehn Jahren. Aber ich wusste auch, dass es ein schwieriger Weg für die Menschen wird, hier anzukommen. Im Gegensatz zu mir können sie nicht die Landessprache. Ich wollte mit dem, was ich bereits erfahren hatte, etwas tun für diese Menschen. Am Ende des Tages war es die beste Entscheidung, die ich treffen konnte: Ich habe Gutes getan und seitdem kommt Gutes zurück. Für mich haben sich dadurch Türen geöffnet.

Welche anderen Erkenntnisse hast du aus deiner Zeit auf der Straße noch gewonnen?
Ich habe gelernt, dass es eine gute Kombination ist, die Wahrheit zu sagen, an sich selbst zu glauben und Gutes zu tun, um ein glückliches Leben führen zu können. In der Vergangenheit habe ich viel gelogen. Jetzt weiß ich, die Wahrheit ist das Wichtigste überhaupt. Und dank meiner Großeltern, die immer an mich geglaubt haben, habe ich dann auch wieder an mich glauben können.

Um ein Leben führen zu können, braucht man aber auch ein bisschen Geld für seinen Lebensunterhalt. Wie bestreitest du den jetzt?
Seit Mitte 2016 habe ich ein Konto, das hatte ich jahrelang nicht. Als ich mein erstes Gehalt überwiesen bekommen habe, war das ein verrückter Tag für mich. Heute habe ich drei Jobs: Ich bin Lehrdozent und arbeite mit verhaltensauffälligen Jugendlichen, die auch um die 15 und 16 Jahre alt sind, so wie ich früher, als ich zum ersten Mal auf die Straße gekommen bin. Ich sehe heute zum ersten Mal, wie jung ich war, dass eigentlich ein Kind mit zwei Koffern im Park geschlafen hat und morgens in die Schule gekommen ist und sich auf dem Schulklo noch kurz gewaschen hat. Es ist schön, dass ich den Kids jetzt helfen kann. Dieser Job bezahlt meinen Lebensunterhalt. Ich habe aber auch noch einen Job auf der Baustelle, der meine Krankenversicherung bezahlt. Durch das Veröffentlichen meines Buches und Blog Posts im Ankerherz Verlag kann ich die Miete zahlen. Ich habe endlich etwas zu tun.

Damit so viele Jobs auch funktionieren, muss man auch seinen Alltag strukturieren können und Termine einhalten. Fällt dir das schwer?
Das geht immer zwei Schritte vor und einen zurück. Ich bin stolz, dass ich die Termine mit Buch und Arbeit ganz gut einhalte. Aber dann gibt es auch Tage, an denen gar nichts läuft und ich keine Briefe aufmache. Die Straße ist im Kopf. Sie ist schwer abzuschütteln. Auch das Ankommen ist nicht leicht. Wie ich im Buch schreibe, liegen meine Sachen immer noch in Taschen in der Wohnung und nicht im Regal. Ich schlage mich momentan auch immer noch mit meinen Schulden von früher rum und kann mich noch nicht so richtig auf längerfristige Zeiträume einstellen. Es braucht Zeit. Aber es geht in die richtige Richtung und das ist das Schöne.

Und in welche Richtung soll es sonst gehen? Wie möchtest du zukünftig über Obdachlosigkeit aufklären und informieren oder möchtest du mit dem Thema abschließen?
Ich werde nicht vergessen, wo ich herkomme. Das hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Ich möchte etwas für die Menschen tun, die noch da draußen sind. Für mich gingen die Türen auf. Mein Ziel ist es, für andere die Türen zu öffnen. Housing First Projekte (Anm. d. Red.: ein neuer Ansatz der Wohnungslosenhilfe, bei dem eine feste Unterkunft an erster Stelle steht, bevor alles andere Bürokratische geregelt wird) und der Duschbus, der durch die Stadt fährt und den Menschen die Gelegenheit gibt, sich zu waschen, sind mir sehr wichtig. Waschen ist Würde, das ist für mich eins der ganz großen Themen. Ich möchte natürlich auch weiterschreiben. Das mache ich, seit ich ein Kind bin und es gibt noch viel, was ich schreiben kann. Es hat sich also noch nicht ausgeschrieben.

Interview: Melina Seiler

Foto: Jakob Börner 

www.facebook.com/ankerschmerz; „Unter Palmen aus Stahl“, Ankerherz Verlag, 191 Seiten, 20 Euro

Dominik Bloh war elf Jahre lang überwiegend obdachlos. Mit 16 Jahren wurde er von seiner psychisch kranken Mutter rausgeworfen. Trotz Obdachlosigkeit hat er Abitur gemacht. Seit 2015 schreibt er beim Ankerherz Verlag einen Blog über das Leben auf der Straße


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Hamburgerin des Monats: Hannah und der Schwer-in-Ordnung-Ausweis

Hannahs Gegenentwurf zum Schwerbehindertenausweis ist ein viraler Hit im Netz. Als sie und ihre Eltern die Chance erkennen und anderen mit dieser Botschaft helfen, wird aus der Idee der 14-Jährigen eine Tatsache. Die Hamburger Sozialbehörde will den „Schwer-in-Ordnung-Ausweis“ jetzt offiziell ausstellen. Nicht als Ersatz. Aber als Zeichen. Ein Gespräch mit der Urheberin und ihren Eltern

„Alle sind besonders…“

SZENE HAMBURG: Hannah, du hast einen Schwerbehindertenausweis bekommen. Dann hast du dir einen „Schwer-in-Ordnung-Ausweis“ gemacht, weil du dachtest, der andere passt gar nicht zu dir. Warum?
Hannah Kiesbye: Na ja, weil eben alle schwer in Ordnung sind. Egal, was für Besonderheiten sie haben.

Du bist also mit 14 Jahren bereits eine „Ausweiserfinderin“ – weißt du schon, was du später machen möchtest?
Hannah: Ich bin noch am Überlegen. Ich hab schon viele Ideen, was ich mal werden könnte. Zum Beispiel Lehrer oder Arzt oder Friseur oder so. Oder vielleicht sogar Bäcker … dann muss ich zwar früh aufstehen, aber das stört mich nicht.

Vielleicht hast du ja ein Hobby, das du irgendwann mal gern den ganzen Tag machen würdest?
Hannah: Mein größtes Hobby ist Zirkus. Da mach ich Springseil und
Diabolo. Mit den zwei Stäben und in der Mitte das Diabolo, das wirft man dann hoch. Und mit Pois mache ich auch viel, das sind so Teile mit Tüchern dran, die man sich um die Hand legt und dann umherschwingt und Tricks macht.

„…normal ist man deswegen trotzdem“

Du hast also ganz schön viele Ideen und lässt dich auch gar nicht einschränken. Du weißt, was du willst. Welchen Tipp würdest du Menschen geben, die andere Menschen ausgrenzen, nur, weil diese anders sind?
Hannah: Meine Eltern und ich haben neulich einen Film geguckt, der heißt „ein Tick anders“. Das Mädchen, das diese Ticks hat, heißt Eva und jedes Mal, wenn sie aufgeregt ist oder sauer oder traurig oder nicht weiterweiß, dann spricht sie Wörter aus, die gar nicht zu dem Satz passen. Wie „Überfall“ oder so. Das ist ihre Besonderheit.

Inge Kiesbye, Hannahs Mutter: Ich hätte vielleicht noch ein Beispiel. Wenn ein Mädchen aus eurer Mädchengruppe geärgert wird, weil es anders ist als andere. Zum Beispiel, weil es immer Fragen stellt und dann kommt jemand, der sagt: „Oh, du nervst mit deinen Fragen“. Was würdest du zu der Person sagen?

Hannah: Ich würde sagen: Hey, hör mal auf, die zu ärgern. Die ist doch auch normal, es gibt doch eigentlich keinen Grund, die so zu belästigen. Und jetzt hör mal bitte auf damit. Oder wenn jetzt jemand diese Eva aus dem Film ärgern sollte, dann würd ich sagen: Hey, die Eva ist doch auch normal, auch wenn sie vielleicht ein bisschen irritiert – kann ja sein – aber normal ist man deswegen ja trotzdem.

Ich finde das Wort „normal“ ganz schön schwierig. Aber vielleicht hast du ja eine Idee, was normal ist …
Hannah: Mmmh … das fällt mir grad auch nicht ein …

Hast du schon mal mit jemandem darüber gesprochen, was normal ist und was nicht?
Hannah: Nicht so ausführlich.

Kai Bruhn, Hannahs Vater: Wir sprechen viel über Besonderheiten. Das ist ein Begriff, der interessanter ist als „normal“.

Hannah: Ja, zum Beispiel meine Freundin L. Die kann nicht immer vollständige Sätze machen. Wenn sie erzählt, was sie erlebt hat, dann sagt sie eher so einzelne Wörter.

Verstehst du sie trotzdem?
Hannah: L. kenn ich ganz gut und darum habe ich mich auch schon daran gewöhnt. Eine andere Klassenkameradin zum Beispiel macht oft laute Schluckgeräusche, wenn es ganz ruhig in der Klasse ist.

Inge: Und was ist deine Besonderheit? Hast du eine?

Hannah: Soll ich einfach mal den Namen dieser Besonderheit nennen? Trisomie 21.

Du bist in einer Mädchengruppe, in der alle eine Besonderheit haben – kommen da auch mal neue Mädchen dazu, oder ist die immer schon gewesen, wie sie jetzt ist?

Hannah: Die war von Anfang an so. Ich kannte meine Freundinnen aus der Gruppe schon vorher. Die sind auch auf meiner Schule. Aber S. und A. hab ich in der Gruppe neu kennengelernt.

„Das war schon ungewohnt und ein bisschen schwierig“

Musstest du dich an die Besonderheiten von den beiden erst gewöhnen?
Hannah: Da kann ich mich nicht mehr so richtig dran erinnern …

Inge: Die Gruppe gibt es jetzt auch schon drei Jahre. Aber wenn zum Beispiel jemand neu zum Zirkus dazukommt, wie zum Beispiel A., wie ist das für dich?

Hannah: Sie hat die Besonderheit, dass sie immer ganz offen auf andere zugeht. Wie bei mir. Direkt: „Moin, hallo, ich bin A.“ Das war schon ungewohnt und ein bisschen schwierig.

Du hast jetzt viele interessante Sachen über deine Hobbys erzählt. Magst du uns noch etwas über deine Schule erzählen?
Hannah: Ich geh auf die Schülerschule in Pinneberg. Da mag ich am liebsten die Fächer Mathe und Lebenspraktisches Projekt. Da lernt man was Praktisches für seinen Alltag später. Zum Beispiel kochen, auf den Markt gehen, bügeln und so.

Was macht dir daran so viel Spaß?
Hannah: Die Lehrerin, die das leitet, die mag ich gerne. Und die Kinder, die da mitmachen, sind meine Freunde.

Fast geschafft, Hannah. Eine letzte Frage: Wie würdest du dich selbst beschreiben?
Hannah: Meine Hobbys sind Zirkus, die Mädchengruppe und reiten. An mir mag ich mein Lächeln, meine Klamotten und dass ich ’ne Brille aufhabe. Und wenn ich mein Kleid angezogen habe, finde ich auch, dass ich schick aussehe.

Interview: Jenny Wirschky / Foto: Jakob Börner

 


Mehr Geschichten rund um das Thema Inklusion gibt es in unserem Special “Vielfalt leben”, das zusammen mit der Dezember-Ausgabe der SZENE HAMBURG erschienen ist. Hier geht’s zum PDF der ersten Ausgabe aus Juni 2017.