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„Seefahrt ist für viele ein Befreiungsschlag“

Ein Duckdalben ist ein Pfahl, an dem Schiffe festmachen. Duckdalben international seamen’s club gibt Seeleuten aus aller Welt Halt. Im März hat Seemannsdiakon Sören Wichmann (28) nach 36 Jahren die Nachfolge des legendären Leiters Jan Oltmanns angetreten. Ein Gespräch über tödliche Taue, stündliches Neujahr und Seefahrt gegen das Patriarchat

Interview: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Sören, wie muss man sich das moderne Matrosenleben vorstellen? Ist da noch Platz für Seefahrerromantik?

Sören Wichmann: Das ist eher unrealistisch. 52 Prozent der Seeleute kommen von den Philippinen. Die sind an Bord, um zu arbeiten. Das Schiff ist Lebens- und Arbeitsplatz. Man soll sich mal vorstellen, mit seinen Kolleginnen und Kollegen neun Monate im Büro zu leben. Da ist wenig Platz für Privatsphäre. In den Liegezeiten geht’s um Laderaten. Da müssen Container von Bord, mal an Bord. Dann müssen Lebensmittel gebunkert werden. Das führt dazu, dass Seeleute nur zwei bis sechs Stunden Landgang haben. Dafür genießen sie es umso mehr.

Was bietet der Duckdalben in dieser kurzen Zeit?

Wir versuchen als Mischung aus Jugendzentrum, Eckkneipe und Museum den Seeleuten eine gute Freizeit abseits von Bord zu geben. Wir sind eine Tagesaufenthaltsstätte. Hauptsächlich für Seeleute von Handelsschiffen. Wir haben keine Unterbringung, die schlafen an Bord. Wir sind von 10 Uhr morgens bis 22.30 Uhr offen und können fast alle Schichtzeiten abdecken, die es an Bord so gibt. Dann haben wir den Bereich der Bordbetreuung. Das macht mein Kollege Jörn Hille. Das ist die aufsuchende Arbeit im Hamburger Hafen. Und es gibt als dritten Bereich die Seafarers’ Lounge. Die leitet mein Kollege Olaf Schröder. Die betreuen Seeleute auf Kreuzfahrtschiffen.

„Aber hey! Du bist nicht allein“

Was sind typische Situationen, in denen ihr seelsorgerlich helft?

Wir machen zum Beispiel klassische Krankenhausseelsorge. Fast alle Seeleute kommen nicht aus Deutschland und sitzen dann manchmal im Krankenhaus, wo keiner mit denen Englisch spricht. Da gibt’s kulturelle und sprachliche Barrieren. Die Seeleute fragen sich: Warum krieg ich immer so schwarzes Zeug mit einer weißen Creme drauf? Dann erklären wir, dass das Schwarzbrot mit Butter ist. Es geht drum zu zeigen: „Du bist im Ausland im Krankenhaus – eine gruslige Situation. Aber hey! Du bist nicht allein.“ Wir sind da. Andere Themen sind: „Meine Freundin ist schwanger und ich bin jetzt den elften Monat auf See“ über „Ich habe meine Heuer nicht bekommen“ bis zu „Meine Mama ist zu Hause gestorben. Was tue ich da?“. Es ist aber auch viel Schönes dabei. Ein Kugelschreiber kann Tränen auslösen. Endlich hat man nach zwei Monaten die Möglichkeit, seine Gedanken aufschreiben.

„An Bord kann sie trans sein, weil das alle okay finden“

Gibt’s auch Seefrauen?

In der Handelsschifffahrt zwei Prozent, Zahl langsam steigend. Auf Kreuzfahrtschiffen ist das deutlich anders. Fast das ganze Housekeeping ist weiblich. Bei einer Besatzungsstärke von 1500 Leuten ist man da locker bei 900 Frauen Es gibt den Satz: Seeleute von Kreuzfahrtschiffen verlassen ungern den Schatten ihres Schiffes. Die haben viele Schichtarbeitszeiten, wenig Ruhezeiten. Deshalb gibt’s in den Kreuzfahrtterminals Café-Ecken. Duckdalben in Mini. Da können die Seeleute hingehen, Kaffee trinken, neue Socken kaufen. Das ist der Bereich Seafarers’ Lounge, Seelsorge für Kreuzfahrt-Seeleute.

„Wenn sie den Dampfer nicht sauber halten, gammelt der ihnen unter dem Arsch weg im Salzwasser.“
Sören Wichmann

Welche Anliegen haben Seefrauen?

Auf Kreuzfahrtschiffen ist Schwangerschaft immer wieder ein Thema. Auf Handelsschiffen weniger. Ich hatte ein besonderes Erlebnis mit einer Seefrau. Zu Hause ist sie ein Filipino, ein Mann. Da ist es verpönt, trans zu sein. An Bord kann sie trans sein, weil das alle okay finden. Seefahrt ist auch ein Ermöglichungsspielraum. Wir haben einige indische Seefrauen. Zum Teil mitreisende Ehefrauen von Seeleuten. Das ist bei manchen Reedereien erlaubt und total schön. Oder Seefrauen sind als Ingenieurinnen an Bord. In patriarchalen Gesellschaften wie Indien ist das die Möglichkeit, sozialen Aufstieg zu erlangen, aus Kaste und Unterdrückungsmechanismen auszubrechen. Da ist Seefahrt für viele ein Befreiungsschlag.

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„You dip your finger into the sea and you are in touch with the whole world“ steht auf einem Container auf dem Parkplatz beim Duckdalben in Hamburg-Waltershof (©Nina Gollnick)

„Hafen ist ein menschenfeindlicher Industrieraum“

Du hast selbst an den Duckdalben gearbeitet. Nicht metaphorisch, sondern real als Festmacher. Wie viel Manpower steckt heute noch in der Seefahrt?

Hafenarbeit ist körperliche Arbeit. Container werden mit Metallklötzen gesichert, den Twistlocks. Oder Muddis und Papis, wie wir im Hafen sagen. Die wiegen 15 bis 20 Kilo. Die Arbeiter und Arbeiterinnen heben sie mit einer Hand hoch, hauen sie dem Container rein, dann wird das Ding mit einem Kran an Bord gehievt und mit einer Ratsche festgezogen. Fast alles ohne Maschinen. Seeleute an Bord müssen den ganzen Tag Rost klopfen und neu lackieren. Wenn sie den Dampfer nicht sauber halten, gammelt der ihnen unter dem Arsch weg im Salzwasser. Ich habe als Festmacher – platt gesagt – Leinen um Poller gelegt. Nur wiegt die Leine pro Meter gern 30 oder 40 Kilo. Wenn’s ein Drahtseil ist, auch mal deutlich mehr. Das ist nicht nur körperlich, sondern auch gefährlich.

Wo liegt die Gefahr? Dass das Tau reißt?

Taue reißen nicht. Die brechen, weil sie so stabil sind. Die werden mit einer Anpresskraft von 40 Tonnen festgezogen. Wenn die brechen, schlagen sie um sich wie eine Schlange. Zuvor fangen sie an zu surren beziehungsweise zu singen. Es gibt den Spruch: Sobald die Leine singt, ein Festmacher in den Hafen springt. Ich habe das zweimal erlebt. Bei dem einen Mal war Schneetreiben. Wir saßen im Auto, haben das Surren gehört und uns sofort in den Fußbereich gelegt. Mit der Kraft, die auf den Seilen liegt, machen die aus einem Auto ein Cabriolet. Das hat geknallt, als wäre nebenan eine Kanone losgegangen. Dann hat es neben Schnee Taureste geschneit. Eine Viertelstunde lang. Der Hafen wird immer als romantisch bezeichnet, ist aber härteste Arbeitsrealität. Hafen ist ein menschenfeindlicher Industrieraum. Da werden Waren umgeschlagen, der Mensch existiert als Mittel zum Zweck. Wir sind das Gegenprogramm.

„Ich bin Sozialarbeiter mit Leib und Seele“

Du kümmerst dich darum, dass andere Menschen nicht allein sind. Gibt’s Momente, in denen du dich einsam fühlst?

Ich habe das große Glück, eine tolle Freundin zu haben, die hinter mir und meiner Arbeit steht. Natürlich hat man Momente, in denen man zweifelt. Wenn man weiß, was man an Spendenaufkommen hat und was wir brauchen, um unsere Mitarbeiter hier zu bezahlen. Da schlackern einem manchmal die Knie: Wie kriege ich das jetzt wieder hin? Oder wenn ein Fahrzeug einen Unfall hat. Viele dieser Kolleginnen und Kollegen sind Freunde geworden über die Jahre. Man hat hohe Verantwortung. Da ist es doch manchmal büschen einsam (lacht). Aber ich bin Sozialarbeiter mit Leib und Seele. Es ist erfüllend zu sehen, dass unsere Arbeit wirkt. Die Seeleute kommen hier rein, Schultern hochgezogen, der Kopf ganz weit unten. Und wenn sie rausgehen, sind die Schultern wieder unten, sie sind ausgelassen. Das zeigt, dass wir etwas richtig machen.

Was macht ihr an Weihnachten?

Weihnachten wird auf fast allen Schiffen gefeiert. Whole Indian Crew, fast alles Hindus, und die haben einen Weihnachtsbaum bei sich stehen. Die bringen uns allen die Weihnachtsgeschenke: 90 Prozent aller Waren kommen über den Seeweg. Bei uns gibt es deshalb die Aktion „Christmas in the Box“: Gemeindemitglieder, große Betriebe, Kindergärten und viele Einzelpersonen schicken Boxen mit Geschenken, die wir zu den Schiffen bringen. Das sind Tausende von Päckchen.

„Wir feiern bis 7. Januar, weil wir die Orthodoxen dabeihaben.“
Sören Wichmann

Es ist herzerwärmend, wenn Oma Ernas Häkelclub 60 Wollmützen schickt. Wir freuen uns über alles, aber bitte kein Obst! Wir hatten mal sechs Kilo Mandarinen in einer Box. Die kamen im November, am 24.12. sind wir losgefahren, und das war echt eklig (lacht). Abends gibt’s hier für die Seeleute ein weihnachtliches Buffet und eine traditionelle christliche Andacht. Dann singen wir krumm und schief auf allen Ländersprachen „Stille Nacht, Heilige Nacht“ und das ist total schön. Wir feiern bis 7. Januar, weil wir die Orthodoxen dabeihaben. An Silvester wird zu jeder vollen Stunde Neujahr gefeiert. Wir müssen ja einmal um die ganze Welt (lacht).


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Hamburger des Monats: Werner Nothof

Werner Nothof ist Stromsparhelfer beim Stromspar-Check der Caritas. Er berät kostenlos Haushalte mit niedrigen Einkommen, wie sie ihren Verbrauch senken können. Ein Gespräch über alte Geräte, neue Perspektiven und rekordverdächtige Rückzahlungen

Interview: Markus Gölzer

 

Gratulation, Herr Nothof. Stromsparhelfer dürften aktuell zu den gefragtesten Berufsgruppen zählen. Was genau machen Sie bei Stromspar-Check?

Werner Nothof: Ja, im Moment ist richtig was los bei uns. Wir sind ja alle keine Ingenieure, sondern haben eine hundertstündige Schulung zum Stromsparhelfer gemacht. Jetzt versuchen wir, bei Hausbesuchen den Leuten zu helfen, Strom zu sparen. Zuerst kucken wir mit den Leuten zusammen die Rechnung durch: Wie viel Strom verbraucht dieser Haushalt pro Jahr? Dann sehen wir uns die Wohnung an: Wo sind die Stromverbraucher? Zum Beispiel der Kühlschrank: Wie alt ist er? Wir nehmen die Daten auf und ermitteln im Internet, wie viel er verbraucht pro Jahr.

Wenn das Gerät älter als zehn Jahre ist und der Besitzer kauft ein neues, energieeffizientes Gerät, kann er über uns von der Stadt Hamburg 100 Euro Energiesparprämie ausbezahlt bekommen. Wenn das neue Gerät mehr als 200 Kilowattstunden pro Jahr einspart, winkt sogar eine Prämie von 200 Euro. Dann kucken wir natürlich: Sind da noch irgendwo alte Lampen? Beim nächsten Besuch bringen wir neue LEDs mit – alles kostenfrei.

An wen wendet sich das Angebot von Stromspar-Check?

An Arbeitslosengeld-II-Empfänger, das berühmte Hartz IV. Dazu auch an Leute, die Grundsicherung, Kinderzuschlag oder Wohngeld kriegen. Und an alle, die ein Einkommen unter dem Pfändungsfreibetrag haben.

 

„Sie können Dienstagvormittag anfangen“

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Seit 2008 und der Einführung von Hartz IV gibt es den Stromspar-Check der Caritas (©unsplash/Julian Hochgesang)

Wie sind Sie Stromsparhelfer geworden?

Etwas kurios. Ich bin gelernter Maurer, hab 30 Jahre auf dem Bau gearbeitet.  Anfang 50 waren die Verschleißerscheinungen in den Knien so stark, dass ich nicht mehr arbeiten konnte. Ich habe über die Rentenversicherung eine Reha-Maßnahme gemacht, da waren aber keine guten Angebote dabei. Jobs wie Hausmeister gingen mit den Knien einfach nicht mehr.

Mit 54, nach zwei Monaten in Harz-IV-Bezug, hat mich das Jobcenter an das Jobcenter Ü-50 überwiesen. Der Herr, bei dem ich einen Termin hatte, war nicht da. Darüber war ich sehr erbost. Wenn man als Klient nicht hinkommt, kriegt man gleich eine dreimonatige Sperre. Der Herr hatte zwei Telefonnummern von mir und es nicht für nötig gehalten, mir kurz Bescheid zu geben. Ich habe mich dann wohl etwas laut auf dem Flur dazu geäußert. Eine Frau im Nebenzimmer hatte das mitgehört. Sie sagte: „Kommen Sie mal rein, mein Klient hat abgesagt, ich habe gerade Zeit.“ Wir sind ins Gespräch gekommen, sie hat mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, es bei Stromspar-Check zu versuchen. Ich hatte noch nie davon gehört, klang aber interessant. Ich habe meine erste E-Mail-Bewerbung losgeschickt und wurde zum Bewerbungsgespräch eingeladen.

Das lief dann nicht gut, wie zumindest ich fand. Dann habe ich erfahren, dass es außer mir noch sechs Bewerber gibt. Da habe ich innerlich schon abgewunken. Mein zukünftiger Teamleiter meinte, sie würden mir auf alle Fälle vor dem Wochenende Bescheid geben. Freitagvormittag hat er mich angerufen und gesagt: „Sie können Dienstagvormittag anfangen.“

 

„Wir haben jeden Tag Kontakt mit anderen Leuten“

Dann haben Sie mit Mitte 50 noch mal ein komplett neues Kapitel aufgeschlagen.

Jaaa! Ein Riesenglück gehabt. Das ist eine schöne Aufgabe. Ich war nie computeraffin, aber wir müssen ja hier mit Rechner arbeiten, die Dateneingaben machen. Das ist schon hochinteressant. Und wir haben jeden Tag Kontakt mit anderen Leuten.

Sie haben selbst schwierige Zeiten durchlebt. Ist das hilfreich im Umgang mit Haushalten mit geringem Einkommen?

Das war die Bedingung, dass wir den Job bekommen haben. Wir mussten über 50 Jahre und im Leistungsbezug sein. Das Arbeitslosengeld I war schon nicht toll, aber ALG II geht an die Substanz. Natürlich haben wir Verständnis für die Leute. Und wir sagen nicht einfach, du musst dir einen neuen Kühlschrank kaufen, um Geld zu sparen. Wo sollen die Leute das Geld hernehmen? Wir können da nur Empfehlungen geben oder Hinweise auf irgendwelche Stiftungen, die Leute unterstützen können. Das gehört zu unserem Job.

 

„Mit unserer Arbeit wurden schon Hunderttausende Tonnen CO2 eingespart“

Wie viel spart ein Haushalt im Durchschnitt?

Um die 150 Euro pro Jahr. Da spart dann nicht der Haushalt, sondern die Kommunen über Hartz IV oder Grundsicherung. Für die tun wir auch was Gutes. Neben Geld wurden mit unserer Arbeit schon Hunderttausende Tonnen CO2 eingespart. Wir haben ungefähr 400.000 Haushalte in ganz Deutschland durch den Stromspar-Check beraten. Den Stromspar-Check gibt’s seit 2008 und wurde auch wegen Hartz IV eingeführt.

Wegen Hartz IV?

Ja, das war der Auslöser. Die Leute bekommen bei Hartz IV Wohnung, Heizung und Wasser bezahlt. Den Strom müssen sie von ihrem Regelsatz bezahlen. Der war damals nicht ganz 400 Euro, und davon waren knapp 30 Euro für Strom eingepreist. Das reichte bei vielen Haushalten vorne und hinten nicht. Da hat die Caritas zusammen mit der Bundesregierung dieses Projekt gestartet und seitdem gibt’s das.

 

„Nach zwei Wochen hatten die Leute 2600 Euro auf dem Konto“, erzählt Werner Nothof.

Was war die größte Ersparnis, die Sie rausgeholt haben?

Ich habe Anfang 2022 einem Haushalt innerhalb von zwei Wochen zur Rückzahlung von 2600 Euro durch den Stromversorger verholfen. Das war mein persönliches Highlight. Das war toll! Aus irgendwelchen Gründen hat der Versorger eine maschinelle Schätzung vorgenommen. Das kommt vor. Zum Glück konnte ich an den Zähler gehen und den Zählerstand mit der Stromrechnung vergleichen. Völlig unterschiedlich. Die Leute sprachen nicht gut Deutsch, dann habe ich mit deren Erlaubnis beim Stromversorger angerufen. Der hat zugesagt, das innerhalb von zwei Wochen zu klären: Nach zwei Wochen hatten die Leute 2600 Euro auf dem Konto. Das darf ihnen das Jobcenter auch nicht wegnehmen, denn das hatten sie vorher ja zu viel bezahlt.

 

„Mir wird bewusst, wie viele ältere Menschen bitter wenig Geld haben“

Was lieben Sie besonders an Ihrem Job?

Die Abwechslung. Vormittags bin ich im Büro, nachmittags besuche ich die Haushalte. Das ist schön. Ich kann mit Bus und Bahn durch die Gegend fahren. Man sieht ganz andere Ecken, in die man sonst nie kommt. Wir machen ganz Hamburg, mal ist man in Bergedorf, mal in Harburg, mal in Lurup. Wir bearbeiten die ganze Stadt.

Haben Sie das Gefühl, dass die Hilfsbedürftigen mehr werden?

Ganz ehrlich gesagt: Ja. Das ist mir früher nicht so klar gewesen. Seit ich diesen Job mache, wird mir bewusst, wie viele ältere Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben oder Frauen, die Kindererziehungszeiten hatten, alleine dastehen und bitter wenig Geld haben. Ich denke schon, dass das mehr wird.


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„Unsere Gesellschaft ist nicht gespalten“

Die Apotheke am Neuen Pferdemarkt gibt es seit 1825, der Vater von Dr. Maurice Khalil übernahm sie 1972. Dr. Khalil hat Zehntausende von Corona-Tests durchgeführt. Ein Gespräch über soziale Verantwortung, zufriedene Kunden und tätliche Übergriffe

Interview & Foto: Markus Gölzer

SZENE HAMBURG: Herr Khalil, war immer klar, dass Sie Apotheker werden wollen?

Dr. Khalil: Ja. Ich bin hier in der Schanze aufgewachsen, als Kind habe ich immer in der Apotheke gespielt. Seitdem wollte ich Apotheker werden. Früher war das so, dass hier kaum einer wohnen wollte. Hier war ein hoher Anteil an Zuwanderern, die Stück für Stück verdrängt wurden. Es war auch schwierig, Mitarbeiter zu finden.

Da hat Ihr Vater Pionierarbeit geleistet, wenn man so will.

Mein Vater war, man glaubt es kaum, der erste Nichteuropäer, der in Deutschland eine Betriebserlaubnis für eine Apotheke bekommen hat. Der Zweite Weltkrieg ist 1945 zu Ende gegangen. 1972 war ja nur eine Generation später. Das war damals für Nichtdeutsche schwer und ist es heute.

Es gibt auch für Spanier oder Portugiesen trotz EU abstruse Regeln, dass sie so und so lange in Deutschland gearbeitet haben müssen, um eine Betriebserlaubnis zu bekommen und eine Apotheke übernehmen zu dürfen. Viele Jahre waren Menschen mit anderer Hautfarbe ein seltenes Bild in einer Apotheke. Mit der Folgegeneration der ehemaligen Einwanderer hat sich das geändert.

Was haben Sie sich als Apotheker gedacht, als die ersten Berichte über ein neues Virus kamen?

Ich habe an eine Pandemie gedacht. Das war der 14. Januar. Da wurde ich von Kollegen ausgelacht, weil ich vieles umgestellt habe, mich nicht nur mit den wichtigsten Arzneimitteln bevorratet habe, sondern auch mit Schutzmasken und Desinfektionsmitteln.

Hintergrund war, dass mit Lieferengpässen zu rechnen war. Die auch kamen. Im Zuge der Gesundheitsreform werden nur noch wenige Arzneimittel in Deutschland hergestellt, sondern beispielsweise in Indien oder China. Das Bevorraten war ein enormes Risiko, weil wir vorfinanzieren mussten. Aber Kunden und Patienten waren dankbar. Die haben schnell bemerkt: Bei dem gibt’s das noch.

„Die Bundesregierung hätte die Preise deckeln müssen“

Dr. Maurice Khalil

Kam es zu Preissteigerungen?

Die Preise bei Arzneimitteln sind festgelegt. Bei Corona-Tests oder solchen Geschichten nicht. Da haben sich Ende letzten Jahres die Preise mindestens verdoppelt. Die Infektionen gehen nach oben, die Nachfrage steigt, die Preise auch. Das sehe ich als großen Fehler an. Die Bundesregierung hätte die Preise deckeln müssen.

Ganz extrem war es im Frühjahr vergangenen Jahres, als man für FFP2-Masken 25 oder 30 Euro bezahlen musste, die zu Nicht-Pandemiezeiten Cent-Artikel waren. Wir sind irgendwann ausgestiegen und haben keine Masken mehr verkauft, weil die Preise gar nicht vermittelbar waren.

Wer genau hat die Preise so erhöht?

Das waren die Importeure. Manchmal hatte man das Gefühl, dass die sich abgesprochen haben. Normalerweise gibt es so etwas im pharmazeutisch-medizinischen Bereich nicht, weil das ein ethischer Beruf ist. Es ist nicht zulässig, eine Empfehlung auszusprechen, nur weil ich einen höheren Gewinn an dem Medikament habe. Das hätte ich mir auch in dem Bereich medizinische Masken oder Desinfektionsmittel von den entsprechenden Behörden gewünscht. Das galt auch für Tests. Für einen kurzen Zeitraum waren diese kostenpflichtig. Wir haben das für acht Euro gemacht, während kommerzielle Anbieter zwischen 14 und 25 Euro genommen haben. Irgendwann im Oktober war das. Wir sind plus/minus null rausgegangen, weil wir das als unsere soziale Verantwortung gesehen haben. Das ist initial auch der Grund, warum wir die Tests jetzt noch durchführen.


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Bieten Sie noch PCR-Tests an?

Das war der Vorschlag des neuen Gesundheitsministers, dass es nur noch für Risikopatienten oder Berufe wie Krankenschwestern aufgrund eines vermuteten Engpasses bevorzugt die PCR bekommen sollen. Ob der Mangel wirklich so hoch ist, weiß ich nicht. Was ich weiß, ist, dass nicht jeder, der testet, auch PCR anbietet. Der Grund: Die Vergütung durch die Stadt Hamburg für Durchführung, Vorbereitung und Nachbereitung eines PCR-Tests ist extrem niedrig, das Infektionsrisiko extrem hoch. Dafür müssen Sie erst mal einen finden.

Unser Einzugsgebiet ist riesig. Es kommen Leute aus Norderstedt oder Harburg. Die sagen, sie sind schon den ganzen Tag rumgelaufen, weil das Kind in der Schule positiv getestet wurde, und keiner wollte das machen. Wir bieten den Menschen, die wir positiv testen, niedrigschwellig den Zugang zu einer PCR an.

„Bei uns geht es nicht nur um das reine Testen, sondern auch um die Beratung der Menschen“

Dr. Maurice Khalil

Wie viele Leute testen Sie pro Monat? Wie viele sind positiv?

Ich weiß es nicht genau, aber es sind Tausende im Monat, die wir testen und Hunderte, die wir positiv testen und denen wir den Weg zu einer PCR ermöglichen. Viele unserer Kunden haben keinen Zugang zu elektronischen Medien, können keinen QR-Code scannen. Oder sie haben Probleme zu schreiben. Da müssen Sie den Leuten richtig helfen. Das können Sie gar nicht mit dem, was die Stadt Hamburg dafür bezahlt.

Bei uns geht es nicht nur um das reine Testen, sondern auch um die Beratung der Menschen und am Ende auch um Qualitätsmanagement. Mit der PCR-Testung überprüfen wir gleichzeitig unsere Schnelltests. Wir haben viele Zehntausend Menschen getestet, und die, die wir falsch positiv getestet haben, waren eine Handvoll.

Wurden Sie schon von Corona-Leugnern bedroht?

Ja (lacht). Menschen lassen sich aus unterschiedlichsten Gründen testen. Die einen aus Gesundheitsvorsorge, auch wenn sie geimpft oder geboostert sind. Sie wollen andere nicht gefährden. Wir haben Menschen, die nicht geimpft sind und partout nicht geimpft sein wollen. Und wir haben ganz, ganz wenige, die sich testen müssen, sich aber weigern. Und das ist ganz, ganz anstrengend.

Es ist nicht angenehm, ein Stäbchen im Rachen oder in der Nase zu haben. Aber wenn Menschen anfangen rumzuschreien, obwohl sie das Stäbchen noch nicht richtig in der Nase haben, wissen Sie, wo die Geschichte hingeht. Alle, die dahinterstehen, gucken ganz erschrocken, sind geschockt. Und leider gibt es auch ein extremes Beispiel: Da kommt einer vorbei, stürmt hinten in die Apotheke und schlägt zu. Auch einer, der sich nicht testen lassen wollte, aber musste. Ich habe keinen Ton gesagt und schon die Faust im Gesicht gehabt. Der hat so zugeschlagen, dass ich erst mal ins Krankenhaus musste. Man muss aber sagen: Wir haben einige Zehntausend Menschen getestet – davon wurden vielleicht 30 auffällig.

Waren Sie traumatisiert?

Auf alle Fälle. Körperliche Schäden habe ich jetzt noch. Ich habe wochenlang ein Problem gehabt, Fremden gegenüberzutreten. Jemanden beim Testen zwanzig oder dreißig Zentimeter entgegenzukommen, ohne zu wissen, wie der tickt.

Zum Glück muss ich nicht mehr daran denken. Aber es war unglaublich, wie viele Menschen danach zur Apotheke gekommen sind. Ich habe unzählige Geschenke und Briefe bekommen. Von allen möglichen Leuten bis hin zu Prominenten. Ganz, ganz groß. Sonst hätte ich das gar nicht weitergemacht. Aber wie der Bundespräsident gesagt hat: Unsere Gesellschaft ist nicht gespalten. Die überwiegende Mehrheit der Menschen ist sich einig. Es ist eine kleine Minderheit von Corona-Leugnern, die anderer Meinung sind.

Schon Pläne für die Zeit nach Corona?

Ich habe seit sicher zwei Jahren keinen Urlaub mehr gehabt. Da fahr ich erst mal an die Ostsee. Da ist es schön (lacht).

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Nicolaas Schmidt: „Da entstehen echte Momente“

Nicolaas Schmidt zeigt in seinem Film „FIRST TIME [The Time for All but Sunset – VIOLET]“ zwei junge Passagiere, die die U3 komplett durchfahren und bis auf einen Satz kein Wort verlieren. „First Time“ wurde mit dem Deutschen Kurzfilmpreis 2021 „Sonderpreis für mittellange Filme“ ausgezeichnet

Interview: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Nicolaas Schmidt, Gratulation zum Deutschen Kurzfilmpreis. Der dritte Hauptdarsteller von „First Time“ ist die U3. Warum?

Nicolaas Schmidt: Ich hatte damals viel Zeit im Haus verbracht. Abends, wenn die Sonne mein Fenster erreichte, kam so ein Drang: Ich muss noch raus! Die letzten Sonnenstrahlen! Wo ich wohnte, gab es außer dem Parkdeck der „Hamburger Meile“ keine größere Freifläche, wo so spät noch wärmende Strahlen den Boden erreichten. Da blieb nur die U3. Die fährt oft hoch und im Kreis. Man hat immer irgendwo einen Moment, in dem die Sonne auch zum Sunset ins Gesicht strahlt. Der Ausgangspunkt zum Film war, die Goldene Stunde zu dokumentieren. Auf diesen Rundfahrten kam mir die Idee zu der Geschichte, die entsteht, indem man – hoffentlich – das präsente Hafenpanorama wiedererkennt, das die Protagonisten zweimal durchfahren. Der Zuschauer bemerkt die Kreisfahrt, die keinen Sinn ergibt, wenn man sich fortbewegen will. Mindestens einer von beiden will nicht aussteigen– warum?

Bei aller Kürze hat der Film etwas Meditatives.

Das liegt wohl an der Redundanz des Musiksamples im ersten Track. Durch Wiederholungen, Loops hatte ich bereits in früheren Kurzfilm-Experimenten eine Inhaltslosigkeit hinbekommen, die Abdriften oder Meditieren ermöglicht, aber zunächst den Zuschauenden fordert – man muss sich darauf einlassen können. Ein guter Slowloop schafft das. Dieser Spagat ist das Interessante für mich am Kurzfilm. Narrative Sachen finde schwierig im klassischen Kurzfilm bis 15 Minuten Dauer, da bleibt kaum Zeit, Inhaltslosigkeiten oder Banalitäten einzusetzen. „First Time“ geht über 49 Minuten. Da konnte ich ein wenig narrativ arbeiten und dennoch mit diesen Mittel spielen.

 

„Mich interessieren Sachen, die man nicht einordnen kann“

 

Das Intro mit dem Coke-Clip aus den Achtzigern, der mit Robin Becks „First Time“ die Jugend feiert, fand ich etwas lang.

Ich wollte neben einem Werbeclip als Vorfilm, dass man schon eine erste Hürde nimmt für das, was danach kommt. Mit der Musik und der ultrakitschigen Werbeästhetik funktioniert das super. Die Bilder ähneln sich alle auch so schön. Wenn man es schafft, die Werbung durchzugucken, schafft man auch den Film. Und es gibt diesen krassen Kontrast – Coke Commercial vs. the real thing.

Deine Filme wie das bereits 2017 erschienene Sequel von „First Time“, „Final Stage“, spielen oft in Übergangssituationen: in der S-Bahn, am Bahnhof, auf den Korridoren einer Mall. Oder auch im Herbst, nach Trennungen oder in der Pubertät.

Mich interessieren vor allem Graubereiche, Ambivalenz, die man nicht so einfach einordnen kann. Deshalb auch keine Junge-Mädchen-Konstellation. Wenn es Zuschauende schaffen, sich darauf einzulassen, finde ich es richtig, auch ein Angebot zu machen, ins Grübeln kommen – rein optional. Filme können super inspirierend sein. Ich denke, das ist etwas Schönes. Doch mittlerweile gibt’s ja kaum noch Momente, wo man die Muße und die Zeit dafür hat. Kino hat da mega Potenzial. Dochbei vielen Filmen muss man 100 Prozent dabei sein, um den Handlungsstrang oder etliche davon zu kapieren. Oder es gibt so viel Action, dass man gar nicht abtauchen kann. Dann ist der Film vorbei, und zack, ist man wieder im echten Leben. Was bleibt da hängen?

 

Eine Liebesgeschichte? Villeicht

 

Nicolaas Schmidt Credit Nicolaas Schmidt-klein

Erhielt den Deutschen Kurzfilmpreis 2021: Nicolaas Schmidt (Foto: Nicolaas Schmidt)

Bei „First Time“ bleibt die Frage hängen, ob es eine Liebesgeschichte ist. Vielleicht.

Deshalb möchte ich diese Frage besser nicht beantworten. Ja, vielleicht ist das nur eine weitere Liebesgeschichte.

Oder einfach eine konzeptionelle Videoarbeit oder ein Experimentalfilm? Tragödie? Oder gar Komödie? Mir wurde schon gesagt, dass es komische Momente gibt. Oder Kapitalismuskritik? Im Abteil hängt ein ein Poster von „Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit“, einer Platte von „Ja Panik“.

Dieses Plakat ist das Filmposter eines früheren Kurzfilms meines guten Freundes Ray Juster und mir. Wir haben echte Werbung damit überklebt. Bei der Montage des Films fanden meine Dramaturgin Anne Döring und ich den Spruch schwierig, weil zu eindeutig.

Der Film scheint ohne Schnitt durchgefilmt zu sein.

Nicht jede U3 fährt unterbrechungsfrei im Kreis. Manchmal muss man in Barmbek umsteigen. Ich hatte mir daher eine Schnittmöglichkeit offen gehalten. Wir sind aber durchgefahren im Kreis.

 

Freiraum für Zufälle

 

Waren die anderen Fahrgäste auch Schauspieler?

Es gibt die beiden Schauspieler und etliche Statisten. Die haben wir auch gebraucht, um das Wagenabteil abzublocken vor den echten Passanten. Das war auch das Spannende, zu probieren: Klappt es oder kommen Leute rein. Da entstehen echte Momente, die hätte man sich nicht besser ausdenken können. Das finde ich interessant: Was passiert, mit dem entsprechenden Risiko. Die erste der drei Fahrten war zur Probe. Die zweite war gut, aber es war etwas zu früh. Da wollte die Sonne noch nicht so (lacht). Die dritte Fahrt hat geklappt, mit sehr viel Glück natürlich. Aber wenn alles exakt vorbereitet, alle möglichen Problemstellen gecheckt sind und das meiste feststeht, kann man so ein Risiko eingehen. Wir wussten genau, welches Abteil wir benutzen, wo die Bahn hält, wie viel Zeit zwischen den Stationen ist, wann was passiert – da kann man auch Freiraum für Zufälle lassen.

Was gab es für Zufälle?

In der U-Bahn-Station St. Pauli hält der Zug vor einem Kiosk. Der füllt exakt das Fenster aus. Der genaue Standpunkt des Abteils beim Halten war in der Dopplung dann wohl Glück. Das Interessante ist auch der dokumentarische Aspekt: Diesen Kiosk gibt’s mittlerweile nicht mehr. Die Werbeposter auf den Bahnsteigen sind natürlich auch Zeitdokumente. In einem anderen Moment steht ein Passant ziemlich im Hintergrund am Gleis. Wie künstlich platziert und sehr einsam dabei. Wäre das inszeniert, hätte man es eventuell platt gefunden. Ebenfalls ganz toll: In der Station Hamburger Straße ist eine Bank zentriert im Fenster-Bild, auf der zwei erwachsene Männer nebeneinandersitzen – wunderbar korrespondierend zu den beiden Jungs in der Bahn. Aber: nicht geplant. Da gab es viele Sachen.

 

Zu sehen – hoffentlich bald

 

Auch die Musik spielt eine wichtige Rolle.

Ja, den ersten Instrumental-Track „Delta Roth“ in einem Album meines früheren HFBK-Kommilitonen Iason Joumkos zu entdecken, war wichtig für den Film. Er hat den Song dafür noch verlängert und für den zweiten Teil des Films darauf einen weiteren Track „Omega Roth“ komponiert.

Aktuell stehen in Hamburg keine Festivals an, auf denen „First Time“ gezeigt werden könnte. Kann man ihn wenigstens schon im Netz sehen?

Leider nein. Es geht darum, den Film komplett unterbrechungsfrei schauen zu können, nicht aufzugeben und bestenfalls abzutauchen. Ich möchte möglichst vielen Menschen die Chance dazu geben. Wie gesagt, man muss sich erst mal darauf einlassen und dazu braucht es Kino – den Raum, die anderen Zuschauer, die Dunkelheit, die Soundanlage. Ich hoffe sehr, es wird sich hier ein Festival in 2022 finden, denn wegen Corona gab es nicht mal eine kleine Teampremiere in Hamburg.

endjoy.org/firsttime


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2022. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburgerin des Monats: Anne Krüger-Vonderau vom Mitternachtsbus

Im November feierte das spendenfinanzierte Projekt „Mitternachtsbus“ der Diakonie Hamburg seinen 25. Geburtstag – und Anne Krüger-Vonderau 20 Jahre Ehrenamt gleich mit. Ein Gespräch über gesellschaftliche Verantwortung

Text & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Frau Krüger-Vonderau, Gratulation zu 20 Jahren Mitternachtsbus!

Anne Krüger-Vonderau: Fast zwanzig Jahre. Ganz korrekt fehlen zwei Monate. Aber ich fühle mich schon als 20-Jährige (lacht). Ich wurde auch auf dem 25-jährigen Jubiläum, das wir vor dem Michel gefeiert haben, in die Gruppe aufgenommen, die schon seit 20 Jahren dabei sind.

Wie viele Einsätze sind Sie seit 2001 gefahren?

Wie die meisten fahre ich einmal im Monat. Wenn man berufstätig ist und denkt, ich will was für die Gesellschaft leisten, kann man das ganz gut machen. Also 20-mal 12 sind 240 Einsätze. So Pi mal Daumen (lacht).

Wie läuft ein Einsatz ab?

Wir bereiten gegen 18.45 Uhr die Tour vor. Um 20 Uhr starten wir, holen belegte Brötchen und Kuchen von einer Bäckerei, fahren zur Bahnhofsmission. Manchmal haben die Sachen für uns. Gegen 20.15 Uhr ab zur ersten Platte. Das geht tatsächlich bis Mitternacht. Manchmal auch bis 1 Uhr, je nachdem wie groß der Andrang ist. Und wie viele Gespräche stattfinden.

Platte ist der Ort, an dem Obdachlose schlafen?

Richtig. „Ich mach Platte“ heißt, ich schlafe, meist alleine, an einem Ort irgendwo versteckt. Das war ein Grund, warum der damalige Landespastor Dr. Stephan Reimers in den Neunzigern den Mitternachtsbus gegründet hat. Und das Spendenparlament und das Straßenmagazin „Hinz&Kunzt“: Als Folge der Wende herrschte Wohnungsnot, die Leute lagen überall verteilt in der Stadt, es gab viele Tote. Wir versuchen, diese Orte rauszukriegen, fahren die Platten ab. Unsere Idee der Betreuung ist Grundversorgung und Ansprache als aufsuchende Hilfe: Wenn jemand in seinem Schlafsack liegt, fragen wir ihn: Sollen wir Ihnen was bringen?

 

Das Ziel: Wohnungen für alle

 

Haben Sie noch Gäste der ersten Stunde?

Man lebt nicht so lange auf der Straße. Wenn man jemanden länger kennt, beobachtet man, dass die Verwahrlosung in Wellen stattfindet. Wenn man keine Wohnung hat und ein Alkoholproblem, stirbt man häufig auf der Straße. Es gibt wenig ganz Alte. Zum Volkstrauertag war auch ein ökumenischer Gedenkgottesdienst in Eimsbüttel für die auf der Straße Verstorbenen. Da kommen einige zusammen über das Jahr.

Ihre Gäste sind alle obdachlos?

Manche haben eine eigene Wohnung und kommen wegen der sozialen Kontakte. Die schauen vorbei, holen sich einen Kaffee, klönen und fahren mit der letzten S-Bahn nach Hause. Das Ziel sollte sein, dass alle eine Wohnung bekommen. Jetzt gibt es das erste Projekt von „Hinz&Kunzt“, wo 24 Obdachlose eine Wohnung haben. Nach 25 Jahren! Das ist doch Wahnsinn. Housing First heißt das. Wir konnten kurz vor dem Einzug das Haus besichtigen. Toll, dass das mit unserem Jubiläum zusammenfällt.

Wie wurde das Haus finanziert?

Einzelheiten zur Finanzierung kenn ich nicht. Alle Bewohner haben unbefristete Hamburger Mietverträge. Das können sie über den Verkauf von „Hinz&Kunzt“ oder andere Sachen finanzieren. Das Wichtigste bei Housing First, wie ich von Sozialarbeitern gelernt habe: Sobald man einen festen Ort hat, kann man sich endlich um die anderen Sachen kümmern. Viele haben Ansprüche wie Renten oder Arbeitslosengeld, aber keinen „Perso“. Jetzt haben sie einen Ort, wo man mit ihnen planen kann. Wo sie selbst Ziele entwickeln können. Das geht auf der Straße nicht.

 

Frauen auf der Straße sind unauffälliger

 

Haben sich die Gäste geändert in den Jahrzehnten?

Durch die europäische Grenzöffnung sind es viele Männer aus Osteuropa. Die können kein Deutsch, haben keine Chance auf dem Arbeitsmarkt und fallen durch das Netz. Wir haben viele Ältere. Es gibt auch Frauen auf der Straße, aber die sind unauffälliger. Jüngere Leute weniger, kommt aber auch vor.

Was machen Sie, wenn Stammgäste verschwinden?

Wir machen uns Sorgen, informieren die Straßensozialarbeiter. Die starten einen Rundruf in den Krankenhäusern. Viele sind natürlich, wie man früher sagte, Tippelbrüder. Die sind unterwegs. Manche sagen, ich war jetzt zwei Monate Richtung Süddeutschland unterwegs. Dann kehren sie zurück in die Anonymität der Stadt.

Obdachlose machen auch innerhalb der Stadt ganz schön Strecke.

In Hamburg gibt es unheimlich viele Anlaufstellen. Dafür müssen sie sich bewegen. In Harburg wird ein Superfrühstück angeboten, dann fährt man morgens dahin. Später zum Mittagstisch nach Altona. Die müssen schon ein büschen plietsch sein, um sich zu organisieren und sind dann wirklich in ganz Hamburgs unterwegs.

 

„Ich versuche, mich aus Selbstschutz zu distanzieren“

 

Sind in den Jahrzehnten Freundschaften entstanden?

Ich versuche, mich aus Selbstschutz zu distanzieren. Ich habe in der Schule als Beratungslehrerin gearbeitet, und weiß, dass das ganz wichtig ist. Dass man sich nicht in seinem Helfersyndrom verliert. Man muss das professionell machen, wenn man was bewirken will. Ansonsten wird man aufgesogen von den Bedürfnissen des anderen. Ich bin voll da, wenn ich fahre, aber ich würde keine Beziehungen aufbauen, die darüber hinausgehen.

Sind Sie noch anderweitig sozial engagiert?

Ich arbeite in der Flüchtlingshilfe, bin in der Christianskirche in Ottensen aktiv, auch seit über 20 Jahren im Chor (lacht). Da gibt es das Willkommenskulturhaus, wo Geflüchtete Sprachunterricht nehmen können. Es soll politische Bildung auf Augenhöhe stattfinden. Man kann sich auch mit wenigen Sprachkenntnissen über die Situation in ihren Ländern und in Deutschland austauschen.

Was treibt Sie an?

Ich habe fast 40 Jahre als Lehrerin gearbeitet. Ich habe eine gute Pension. Mir geht es gut. Ich finde, wir müssen mehr gesellschaftliche Aufgaben übernehmen. Auch wir Oldies. Ich muss nicht mit dem Wohnmobil durch Europa fahren. Ich denke: Ey, das kann doch nicht alles der Staat regeln. Früher haben wir immer diskutiert: Die Obdachlosen, das geht doch nicht, da müssen doch die Behörden was machen. Irgendwann legte sich der Schalter um: Wir sind Teil dieser Gesellschaft und dieser Behörde. Ich bin fit und will etwas zurückgeben. Ich will da auch kein Geld dafür. Wir würden sozial verwahrlosen, wenn wir alle nur noch individualistisch sind. Das soll jetzt nicht sozialromantisch klingen. Ich finde, man kann einfach was tun.

 

Das Angebot ist konstant

 

Hat sich das Angebot des Mitternachtsbusses im Lauf der Jahrzehnte verändert?

Das ist total witzig. Das ist konstant. Wir haben immer heiße Getränke an Bord. Kaffee, Tee, Kakao, alles Fairtrade. Korrekt und eine gute Qualität. Brühe und diese herrlichen, supersüßen Zitronentees (lacht). Coronabedingt zahlt die Sozialbehörde Lunchtüten. Dann gibt es immer Kleidung an Bord für den Notfall. Wenn da jemand liegt und der hat keine Socken an, dann kriegt er Socken von uns. Isomatten, Schlafsäcke und Decken natürlich. Damit die die nicht einfach liegen lassen, müssen sie einen kleinen Obolus entrichten.

Was gibt es an Weihnachten?

Da gibt es meist einen Schokoweihnachtsmann, wie an Ostern Ostereier. Heiligabend ist ja immer ein ganz besonderer Tag. Ich muss da natürlich mit meiner Familie feiern (lacht). Aber ich finde das so toll, dass einige sagen: Heiligabend bedeutet mir nichts, da fahr ich einfach in einem zusammengewürfelten Team die Platten ab.

mitternachtsbus-hamburg.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2021. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Nachbarschaftspreis für Hamburger des Monats

In der aktuellen Ausgabe der SZENE HAMBURG ist Kareem Ahmed der Hamburger des Monats, jetzt haben er und sein Team den Deutschen Nachbarschaftspreis für ihr Projekt „Silbersack Hood Gym“ gewonnen

Text: Felix Willeke

 

„Mein Bruder hat in der Corona-Zeit gesagt, dass wir wieder Sport machen müssen“, sagt Kareem Ahmed im Gespräch mit SZENE HAMBURG. Dieser Satz war der Beginn des sozialen Sportprojekts „Silbersack Hood Gym“ auf St. Pauli. Heute treibt Kareem das Projekt zusammen mit seiner Schwester Nassy Ahmed-Buscher und seinem Bruder Jameel Ahmed voran und mittlerweile trainieren über 50 Schüler:innen auf dem Sportplatz am Silbersack. Jetzt haben sie den mit 5.000 Euro dotieren Deutschen Nachbarschaftspreis gewonnen. Das Projekt gehe über das rein sportliche hinaus und fördere die soziale Vernetzung der Kinder aus der Nachbarschaft, so die Begründung der Jury. Das Preisgeld will das Projekt in die Miete einer Halle für den Winter investieren, eine passende Räumlichkeit in der Nähe wird noch gesucht.

 

Der Preis

 

Der Deutsche Nachbarschaftspreis wird seit 2017 von der nebenan.de Stiftung, einer Tochterorganisation des Berliner Sozialunternehmens Good Hood GmbH, verliehen. Die Insgesamt 57.000 Euro Preisgeld gingen 2021 an die Gewinner:innen in den Kategorien Generationen, Kultur & Sport, Nachhaltigkeit, Öffentlicher Raum, Vielfalt und an je ein Landessiegerprojekt.

Den Gewinnerfilm für das „Silbersack Hood Gym“, Gewinner in der Kategorie Kultur & Sport, gibt es hier:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Kareem Ahmed: „Ihr sollt nicht weggucken“

Der Hamburger des Monats Kareem Ahmed treibt mit seiner Schwester Nassy Ahmed-Buscher und seinem Bruder Jameel Ahmed das soziale Sportprojekt Silbersack Hood Gym voran. Durch Zufall entstanden, ist das Gym für die drei, ihr Team und über 50 Schüler zur Herzensangelegenheit geworden

Interview & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Kareem, warum macht Kampfsport Kinder friedlich?

Kareem Ahmed: Weil es sie auspowert, weil sie einschätzen können, was sie mit ihrer Kraft bewirken. Kinder ohne Kampfsport können sich oft nicht kontrollieren, schlagen voll zu. Durch den Sport lernen sie kennen, was sie da machen. Was es bedeutet, einen Schlag ins Gesicht zu bekommen. Wie es sich anfühlt, einstecken zu müssen. Auf einer sportlichen Basis lernen sie, dass sie keinem so etwas antun wollen, weil sie das selbst nicht erleben wollen.

Welche Kampfsportarten unterrichtet ihr?

Ich mache Muay Thai und Kickboxen, wir haben Boxtrainer. Immer, was gerade für Leute da sind. Escrima, Straßenkampf als pure Selbstverteidigung. Erst recht für kleine Mädchen, damit sie sich auf St. Pauli verteidigen können.

Wie läuft ein Training ab?

Wir machen uns warm. Manchmal sind die Kinder überdreht, dann haben wir erst mal Spaß, spielen Fußball. Dann geht’s los mit den Pratzen, Sparringtraining für die Erwachseneren und Partnerübungen. Ich will keine professionelle Haltung vermitteln. Ab und zu muss mal der Thrill-Sergeant rein, weil die Kinder hier oft disziplinlos sind. Wie man sich Kiezkinder vorstellt. Nicht bösartig. Sie testen ihre Grenzen aus. Zum Schluss reden wir über Rassismus, Mobbing, über Sachen, die nicht gehen als Kampfsportler. Dass wir keinen unterdrücken, dass wir anderen helfen, die unterdrückt werden. Einfache Sachen, mit denen jeder aufwachsen sollte. Zum Abschluss machen wir ein Bauch- oder ein Athletiktraining. Dann stellen wir uns in einer Reihe auf und verabschieden uns. Jeder gibt jedem einmal die Hand und bedankt sich fürs Training.

 

Gegen Rassismus. Gegen Ausgrenzung. Gegen Unterdrückung.

 

Welche Werte zählen bei euch?

Wir sind gegen Rassismus. Gegen Ausgrenzung. Gegen Unterdrückung. Wir sind für Zusammenhalt. Dafür, dass die Stärkeren den Schwächeren helfen. Und Schwächere stark werden können. Das ist alles eine Sache vom Kopftraining. Wir wollen in einer Zeit, in der alle nur noch auf ihr Handy schauen, sich hauptsächlich über soziale Medien austauschen, vermitteln, dass so etwas wie der Silbersack-Fußballplatz ganz wichtig ist. Für die Nachbarschaft, für alle. Für die, die dran vorbeilaufen, was Schönes sehen. Wir gehen kleine Schritte, aber wir gehen sie.

Welche Regeln vermittelst du deinen Schülern beim Thema Gewalt?

Ich sag ganz klar: Ihr sollt nicht weggucken. Außer, wenn Erwachsene auf dem Kiez streiten, Penner, Messerstechereien, dies, das. Dann nicht denken, sie wären Batman. Da sollen sie weglaufen. Wenn sie in der Schule Ungerechtigkeit sehen, sollen sie die Person ansprechen. Sie sollen sich nichts gefallen lassen, aber nicht schlagen, dass einer schwer verletzt wird. Ich sag denen nach dem Training immer: Als Kampfsportler hast du Verantwortung. Der musst du gerecht werden. Ihr firmiert als Silbersack Hood Gym unter Silbersack Hood Talentförderung.

 

„Ohne meine Schwester Nassy läuft gar nichts“

 

Welche Talente fördert ihr?

Neben Sport bieten wir auch Musikförderung und Nachhilfe an. Bald kommt Kunst, also Graffitikurse dazu.

Wie ist das Silbersack Hood Gym entstanden?

Mein Bruder hat in der Corona-Zeit gesagt, dass wir wieder Sport machen müssen. Wir haben mit Freunden auf dem Platz trainiert. Mohammed kam dazu, der kleine Junge, den du gerade gesehen hast. Der wollte mitmachen, hat zwei, drei Monate mit uns trainiert. Dann sind immer mehr Kinder gekommen. Heute sind wir rund 50 Schüler und ein Team aus zwölf Trainern und Trainerinnen.

Wer ist außer dir noch dabei?

Unser TrainerInnen-Team, der feste Kern besteht aus fünf Leuten, die immer am Start sind. Der Rest unterstützt flexibel, meist einmal wöchentlich. Mein Bruder Jameel alias BOZ hilft mir ganz viel, macht auch Musik. Ein angesehener Rapper. Und meine Schwester Nassy. Ohne sie läuft gar nichts. Sie hat dem Ganzen den Stempel aufgedrückt. Wir haben lange davon geredet, einen Verein zu gründen, aber dieses Unternehmen ist genau durchdacht. Wir sind sehr glücklich damit. Das hat uns noch mehr zusammengeschweißt. Meine Schwester ist der Kopf hinter der ganzen Sache. Wenn sie was will, dann erreicht sie das auch.

Erkennst du dich selbst in deinen Schülern?

Auf alle Fälle. Viele haben eine extrem schwere Autoritätsschwierigkeit, und die hatte ich auch. Respekt habe ich erst durch den Kampfsport gelernt. Außer meiner Mutter und meinem Vater waren meine ersten Autoritätspersonen meine Trainer.

 

„Ich bin ein Kiezmensch“

 

Du hast Einblick in schwierige familiäre Situationen. Gab es schon einen Punkt, an dem du überlegt hast, die Polizei einzuschalten, obwohl man auf dem Kiez Dinge lieber ohne regelt?

Nur bei Sachen wie einer Vergewaltigung würde ich die Polizei einschalten. Wenn ich sehe, dass einer sein Kind schlägt, dann gibt es richtig Probleme. Mit mir. Da würde ich persönlich hingehen. Ich glaube nicht, dass die Polizei bei bestimmten Sachen so viel regeln kann. Viele Kinder hier haben Omas, Opas, Familie. Womöglich wird das Kind aus seinem Umfeld gerissen, kommt ins Heim. Die können das auch nur im Rahmen des Gesetzes regeln, das von irgendwelchen Bürokraten gemacht ist. Die können Sätze auf Papier schreiben, haben aber keine Ahnung von der Realität. Ich bin ehrlich. Ich bin ein Kiezmensch. Wenn ich Sachen zu klären habe, klär ich sie. Immer zum Wohle des Kindes.

Du bist auf dem Kiez bekannt als Rapper Reeperbahn Kareem. Auf Insta läufst du unter kareeminell67. In deinen Texten geht’s zur Sache: Drogen, Knarren, Gewalt. Hat der Umgang mit den jungen Leuten Einfluss auf deine Musik?

Auf jeden Fall. Die nächste Musik, die von mir kommt, ist Musik, die man nicht von mir erwarten würde. Aber sie passt zu dem Bild, das ich lebe und vermittle. Ich will mit meiner Musik zeigen, wie die Realität ist. Jetzt bricht eine Phase an, in der ich durch dieses Projekt ein wenig Hoffnung vermitteln kann. Es wird auch melancholischere Töne geben, und meine nächste EP wird hauptsächlich mit diesem Thema hier zu tun haben.

instagram.com/silbersackhoodgym/


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Crazy Horst: Der faire Mann vom Kiez

Seit 1974 betreibt Horst Schleich, 76, die Bar Crazy Horst auf St. Pauli. Er war mit Domenica befreundet, ist eng mit Ulrich Tukur, hatte Gäste von Drafi Deutscher bis Brad Pitt. Ein Gespräch über Sanktpaulianismus und das Leben im Hier und Jetzt

Inteview & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Horst, du wolltest als Kind evangelischer Pfarrer werden. Heute bist du die Kiezlegende Crazy Horst. Was war da los?

Horst Schleich: Ich habe seit meinem 13. Lebensjahr die Ferien bei meiner Tante in Hamburg verbracht. Das erste Mal Hamburg war wie ein Urknall. Nicht so wie im Dorf, wo man die Jalousien hochgemacht hat, damit der Nachbar nicht denkt, man würde am Sonntag bis halb neun schlafen. Das hat mich dann mehr interessiert als die Theologie. 1966, mit 22, nach der Bundeswehr, bin ich endgültig hergezogen. Meine Tante hat mich mit offenen Armen aufgenommen.

Wie kamst du in die Gastronomie?

Ich war zuerst Staubsauger-, dann Getränkeautomatenvertreter. Irgendwann bin ich zu Karstadt, wo mich Hoover als Waschmaschinenverkäufer abgeworben hat. Da habe ich im ersten Monat 8.000 Mark verdient. Bei 100 Mark Miete. Anfang der 70er wurde mir die Hafenarbeiterkneipe. „Kiek Ut“ („Guck raus“ auf Plattdeutsch; Anm. d. Red.) angeboten. Da gab es jeden Morgen Aufrufe im Radio: „Wir brauchen 3.000 Hafenarbeiter.“ Die haben die Nacht bei mir gepennt in der Kneipe, sind zum Hafen, haben gearbeitet, sind zurückgekommen und haben ihren Zettel gezahlt. Wunderschöne Zeit mit herzlichen Menschen. 1974 war ich schon in der Otzenstraße als Crazy Horst. Da hat mich aber der Name der Straße gestört. Dann habe ich in die Hein-Hoyer-Straße gewechselt. Und da bin ich bis heute.

 

Den Kiez geprägt

 

Du hast ja auch das legendäre Molotow eröffnet.

Beim Vorbesitzer war es eine Schlagerdisco. Das lief nicht. Dann wurde es mir angeboten. Ich habe von Bookern ein Konzept entwickeln lassen. Das hat vom ersten Moment an geballert. Wir haben Punk gespielt. Ich wusste, wie man Punk schreibt, aber nicht, was es ist. Ich musste lernen, was Pogo ist. Ich habe meine Security gerufen, wenn die ins Publikum gesprungen sind: „Guckt mal, die hauen sich.“ Da haben die gesagt: „Nee, Alter, das macht man so.“ Das war 1989. Wir haben auch die ersten SM-Partys in Deutschland veranstaltet. Da kamen sie aus ganz Europa. Und ich mittendrin in Lederklamotten für 1.000 Mark, völlig fehl am Platz. SM ist Liebe. Wussten alle da. Nur ich nicht.

Du bist, wenn man so will, der Letzte deiner Art.

Der Letzte und der Längste. Zuerst waren hier Jugendliche, die wir um 22 Uhr rausgeschmissen haben. Dann kamen die Zuhälter. Da war das ganze Haus voll mit den Jungs. Stefan Hentschel wohnte hier. Das war der mit dem ausgestochenen Auge. Der hat vor laufender Kamera mal einen niedergeboxt. „Hast’n Problem?“ War ein Hit auf Youtube. Peinlich. Eigentlich war das ein ganz liebenswerter Mensch. Domenica hat auch hier gewohnt. Mit der war ich sieben Jahre ganz gut befreundet. Also, befreundet. Und sonst nichts. Wir haben ganz viel zusammen gemacht. Ich habe sie begleitet, als sie ihr Lokal am Fischmarkt eröffnete. Aber sie war halt keine Geschäftsfrau. Aber ein Riesenherz. Größer als der Busen.

Hast du heute noch Kontakt zu Kiezgrößen?

Ja, zum schönen Klaus zum Beispiel. Mit dem haben wir neulich was gedreht zu Kiezprominenz. Klar, ich kenne die ja alle. Aber die sind halt alle alt und haben kein Geld mehr. Ich kenne einen einzigen von den Früheren, der noch Geld hat. Und der ist an die 90. Der macht nicht mehr viel.

 

Der Schlichter

 

Du galtst und giltst ja als der faire Mann vom Kiez.

Ja, ich habe immer bei Streitereien geschlichtet. Und als in den 80ern die Pinzner-Mordserie auf dem Kiez war, haben sich die Insider immer hier in der Bar getroffen, um ungestört zu reden. Ich wusste da einiges drüber. Und hier vorne war ein Pfandhaus. Wenn einer diskret Schmuck versetzen wollte, habe ich das für ihn gemacht. Der Ruf hängt mir heute noch an.

In welchem Jahrzehnt waren die Partys am besten?

Die waren immer anders. Ich war mal mit Domenica bei der Schauspielerin Inge Meysel. Und die hat gesagt: „Gestern ist vorbei. Heute lebe ich. Und morgen macht der liebe Gott.“ Da hat sie recht gehabt. Ich hänge nicht dem Vergangenen hinterher. Ich kümmere mich ein wenig um die Zukunft, aber ich lebe jetzt. Und dann geh ich aus der Tür und mir schmeißt einer einen Blumentopf auf den Kopf. Das ist mir wirklich mal passiert. Hat aber zum Glück nicht getroffen.

Was bedeutet St. Pauli für dich?

Ich denke sanktpaulianisch. Die Gesetze von damals habe ich heute noch drin. Wenn du eine Frau hast, dann schlaf ich nicht mit der. Man verpetzt keinen. Man ruft die Polizei erst dann, wenn es ums Leben geht. Ich sage immer: „Ich komme aus der Nähe von Kassel. Das ist meine Heimat. Auf St. Pauli bin ich zu Hause.“

 

Der Kiez heute

 

Die Veränderungen auf St. Pauli sind ein großes Thema. Was sagst du dazu?

Ich war 15 Jahre im Sanierungsbeirat. Wir waren zuständig, die Gentrifizierung zu verhindern, aber das haben wir nicht geschafft. Als ich Mitte der 70er hergezogen bin, hat meine Viereinhalbzimmer-Wohnung 307 Mark gekostet. Und als ich ausgezogen bin, nach 30 Jahren, 1.190 Euro. Die Wohnung über mir hat zu Beginn meiner Zeit hier 40.000 D-Mark gekostet. Die Nachfolgerin hat jetzt 225.000 Euro dafür bezahlt. Für 46 Quadratmeter.

Was war für dich die größte Bausünde auf St. Pauli?

Die größte Sünde waren die Essohäuser. Da mussten 2013 alle raus wegen Einsturzgefahr, mitten in der Vorweihnachtszeit. Bewohner, Bars und Clubs, unter anderem auch das Molotow.

Der Besitzer, die Bayerische Hausbau, hatte da ja alles Mögliche versprochen.

Ja, Beteiligungsprozesse von Bürgern und so weiter. Da gibt es ja auch die Planbude, aber da wurde nichts erreicht. Da ist bis heute nichts passiert. Das Molotow dürfte zurück. Für 30.000 Euro Miete im Monat. Das geht ja gar nicht.

Man kann sagen, dass dir nach 40 Jahren St. Pauli nichts Menschliches fremd ist. Bleibt bei so viel Realismus noch Platz für Spiritualität?

Ja, da bin ich ganz schlimm drin. Als 1983 meine Oma gestorben ist, hatte ich ein Jahr oder länger mit der Trauer zu tun. Wenn ein Bild von der Wand fiel, dachte ich, das wäre sie. Und als ich auf Mallorca war, hat mich ein Hypnotiseur verfolgt bis hierher, weil ich so empfänglich bin. Der wollte mich als Medium mit auf Tournee nehmen. Ich habe in Trance Zitronen gegessen und dachte, es wäre eine Apfelsine. So überm Stuhl gehangen als schwebende Jungfrau. Mit mir geht so was wunderbar.

 

Die Folgen der Pandemie

 

Du hattest seit den 70ern fast durchgehend Barbetrieb. Dann kam der Lockdown. Hast du dich isoliert gefühlt?

Nein. Ich bin allein, aber nicht einsam. Ich hab ganz engen Kontakt zu meinem Bruder. Der lebt in Köln und war da im Entwicklungshilfeministerium Direktor. Schwägerin auch. Die haben auch noch eine Tochter, die ist auch schon wieder 40. Und die Schwester meiner Mutter, die ist so alt wie ich. Oder zwei Jahre älter. Die lebt noch. Und da telefonieren wir auch die ganze Woche hin und her.

Was sagst du zu den Corona-Maßnahmen in der Gegend mit ihren Regelungen, die sich von Straße zu Straße ändern?

Das ist gequirlte Scheiße. Keiner blickt da durch. Ich kenne ja auch die Leute. Ich kenne den Andy Grote. Und den Platzbecker, den Abgeordneten für unseren Bezirk. Ich krieg da keine richtige Auskunft. Herr Tschentscher ist ja jetzt ein büschen merkelhaft. Immer schön abwarten. Und gleichzeitig gnadenlos.

Du hast vermutlich einen unerschöpflichen Fundus an Anekdoten. Gibst du eine zum Besten?

In den 80ern wurde zur Umsatzsteuer die Getränkesteuer als Steuer obendrauf in Hamburg eingeführt. Da gab es eine Demo dagegen. Ich bin kein Typ für Demos. Ich bin da nicht hingegangen. Aber ich habe gesagt: „Nach der Demo machen wir geschlossene Gesellschaft bei Crazy Horst.“ Domenica war auch eingeladen und kam in einem Nerzmantel. Mit nichts drunter. Den hat sie dann aufgemacht, und das war ein Auftritt, den keiner erwartet hatte. Sensationell.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2021. Das Magazin ist seit dem 29. Juli 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburgerin des Monats: Köchin Cornelia Poletto

Die Hamburger Star-Köchin Cornelia Poletto steht für Genuss – soweit, so bekannt. Aber nicht alle wissen um ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten. Ein Gespräch über Entenkeulen für Senioren und einen Instagram-Takeover für Ärzte und Pfleger des Altonaer Kinderkrankenhauses

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Cornelia Poletto, kürzlich ist die zweite Ausgabe Ihres eigenen Magazins erschienen. Bereits im ersten „Cornelia Poletto“-Heft las man in Ihrem Editorial, Sie wollten damit ein wenig Leichtigkeit und Dolce Vita verschenken in einem herausfordernden Jahr. Schauen wir doch mal auf Ihr 2020: Was war zu Pandemiebeginn für Sie die erste große Herausforderung?

Cornelia Poletto: Konsequent Entscheidungen zu treffen. Auch zu handeln, zu motivieren, Mitarbeiter abzuholen. Und natürlich sich selbst ständig zu informieren, was da eigentlich gerade los ist. Wobei ich in Sachen Pandemie einen kleinen zeitlichen Vorteil hatte.

Weil Sie auch in Shanghai ein Restaurant mitbetreiben und den dortigen Umgang mit der Pandemie kannten?

Genau. Die Menschen dort waren uns Corona-technisch ja zwei Monate voraus. Ich wusste dadurch, was bei uns in Hamburg im März richtig war, nämlich unser Restaurant in Hamburg zu schließen und uns auf Abholung und Lieferung zu konzentrieren.

Diese Alternativen brauchen etwas Vorbereitungszeit. Und da wir das Restaurant bereits vier Tage vor dem offiziellen Lockdown geschlossen haben, konnten wir Delivery und Take-away als eines der ersten Hamburger Restaurants anbieten.

 

„Ich ziehe aus allem das Positive“

 

Hatten Sie in den Frühjahrsmonaten vor allem Sorgen oder eher optimistische Gedanken à la „Wir schaffen das schon!“?

Ich war voll auf die Zukunft fokussiert. Viel Zeit zum Nachdenken hatte ich eh nicht und wollte einfach das Beste aus der Situation machen, genau wie wir es in Shanghai gemacht haben. Ich bin jemand, der aus allem das Positive zieht.

Zum Beispiel, dass ich in den angesprochenen Monaten endlich mal wieder Zeit hatte, mit meinen Mitarbeitern im Restaurant kreativ zu sein. Das hat mir sehr viel Freude bereitet. Wir haben zum Beispiel unsere Kochboxen aufgebaut, die sehr erfolgreich wurden. Bis Weihnachten werden wir noch über 1.000 Stück verschicken.

Was neue Ideen in der Corona-Zeit angeht, habe ich mich auch mit anderen Hamburger Gastronomen ausgetauscht. Es war schön zu sehen, dass in dieser schwierigen Phase niemand nur geschaut hat, wie er oder sie da irgendwie alleine durchkommt, sondern dass alle gemeinsam überlegt haben, wie es gehen könnte.

Sie haben in den ersten Corona-Monaten zudem für ein paar Glücksmomente bei Senioren gesorgt, als Sie Poletto-Mittagessen in Pflegeheimen ablieferten.

Es gab einen Aufruf von der AWO, eine Patenschaft zu übernehmen, also zum Beispiel Einkäufe für Senioren zu erledigen. Ich habe mich dann einfach mal angemeldet, und es vergingen keine zwei Stunden, da rief man bei mir an: „Frau Poletto, sind Sie es selber? Großartig wäre ja, wenn Sie mal für unsere Senioren kochen könnten!“ Das haben wir dann auch gemacht.

600 Essen haben wir während des ersten Lockdowns zubereitet, unterstützt von Stammgästen, und zusammen mit einem Mitarbeiter habe ich alles verteilt. Zum zweiten Lockdown haben wir diese ehrenamtliche Arbeit wieder aufgenommen, seitdem bringen wir Senioren in zwei Einrichtungen an den Adventssonntagen 100 leckere Entenkeulen.

 

„Dann komme ich eben zu euch nach Hause“

 

Kamen Sie bei all dem Engagement auch noch dazu, im Altonaer Kinderkrankenhaus vorbeizuschauen, das Sie als Schirmherrin unterstützen?

Es ist schwierig, direkt vor Ort zu sein bei den kleinen Patienten, man muss da wirklich sehr vorsichtig sein. Aber: Wir haben gemeinsam mit den dortigen Ärzten und Pflegern eine schöne Aktion auf die Beine stellen können, die auch ohne Besuch funktionierte. Ich habe ihnen eine Woche lang meinen Instagram-Account überlassen, um ihnen eine Plattform zu bieten, ihre tägliche Arbeit zu zeigen. Das war unsere Alternative zum gemeinsamen Plätzchenbacken und Kochen, was wir sonst immer machen.

Eine Alternative für die Kochkurse in Ihrer „Cucina Cornelia Poletto“ haben Sie auch entwickelt: Live-Events, die online genossen werden können. Erzählen Sie doch mal, wie Sie Ihre Kochschule digitalisiert haben.

Es rieselte Absagen von Kursen, und mein Palazzo-Zelt findet dieses Jahr auch nicht statt. Zudem können wir mit Delivery und Take-away bei Weitem nicht das Weihnachtsgeschäft abdecken, das wir normalerweise haben. Mir geht es um die Pflege meiner Gäste, die nicht bei mir zusammenkommen können, weder bei Kochkursen, noch bei Weihnachtsfeiern.

Also habe ich gesagt: „Dann komme ich eben zu euch nach Hause!“ Von heute auf morgen habe ich mit meinen Mitarbeitern ein Küchenstudio aufgebaut, mit Kameras, Licht, Schaltpult und vielem mehr. Seitdem können wir wieder alle gemeinsam kochen und lustige wie leckere Live-Events feiern.

cornelia-poletto.de


Cover_SZ0121 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Hamburger des Monats: Hundeführerin Yvonne Mennesclou

Yvonne Mennesclou ist ehrenamtliche Hundeführerin in einer Rettungsstaffel beim Roten Kreuz. Die 40-Jährige und ihr Australian Shepherd Mila werden gerufen, wenn Menschen im Wald oder unter Trümmern vermisst werden

Interview: Matthias Greulich 

 

SZENE HAMBURG: Frau Mennesclou, wie läuft ein Einsatz ab?

Yvonne Mennesclou: Meistens ist es so, dass man gerade schläft, wenn der Alarm losgeht. Wir fahren los und treffen dann unsere Einsatzleitung vor Ort, die mit der Polizei kommuniziert. Wir kriegen unser Gebiet vorgegeben und gehen mit den Hunden in die Suche. Wir suchen vermisste Menschen, Demenzkranke, kleine Kinder und Leute mit suizidalen Absichten. Gerade in den Wintermonaten werden wir schnell gerufen, weil die Kälte für die Vermissten gefährlich ist. Unsere Hunde laufen frei im Wald. Sie zeigen uns alle Menschen, die liegen, hocken oder sitzen an. Wir haben aber auch noch ,Mantrailer‘, die einen speziellen Geruchsstoff suchen. Die sind meist in der Stadt mit einer zehn Meter langen Leine unterwegs und verfolgen eine einzelne Spur. Wenn die Spur abbricht, zeigen es uns die Hunde an.

Beim Fototermin, der am Waldrand in Rissen stattfand, haben Ihre Hunde Mila und Baya vorbeikommende Jogger keines Blickes gewürdigt.

Genau. Auch Fahrradfahrer, Reiter oder Spaziergänger ignorieren die Hunde. Sie wissen, dass sie keine lau­fenden Personen suchen sollen. Das lernen sie in der Ausbildung, in der sich Baya auch noch befindet.

Auf wie viele Einsätze kommen Sie im Monat? 

Das ist ganz unterschiedlich. In den dunklen, kalten Jahreszeiten sind es deutlich mehr. Es gibt mal Wochen, da habe ich drei Einsätze und auch mal Wochen, in denen wir nicht gerufen werden.

Wo wird die Rettungshundestaffel des DRK Kreisverbands Hamburg-Mitte und Altona eingesetzt? 

In Hamburg, wenn wir von anderen Staffeln zur Unterstützung gerufen werden, sind wir auch mal außerhalb. Wir sind aber nicht mehr bei den Aus­landseinsätzen dabei. Andere Staffeln fliegen durchaus noch ins Ausland, wenn internationale Hilfe angefordert wird.

 

„Die Polizei ist froh, dass sie uns hat“

 

Bekommen Sie Anerkennung, wenn Sie einen vermissten Menschen finden? 

Die Polizei ist froh, dass sie uns hat. Meistens sind die Angehörigen nicht vor Ort. Von ihnen hören wir hinterher eher wenig. Ich mache es nicht wegen der Wertschätzung, sondern weil ich anderen Menschen helfen will. Generell ist es aber schwierig für uns, ausreichende Trainingsmöglichkeiten in und um Hamburg zu finden. Viele möchten keine Rettungshunde in ihren Forst- oder Waldgebieten haben. Wir würden uns über neue Angebote sehr freuen.

Wie sind Sie zur Hundestaffel gekommen? 

Ich war mit meinem Hund bereits eine ganze Weile beim Rettungs­hundesport aktiv – ohne an Einsätzen teilzunehmen. Als ich einige DRK-Teams in Wittstock auf einem Trümmergelände sah, war ich beeindruckt. Ich hatte schon länger darüber nach­gedacht, ehrenamtlich bei einer Rettungsstaffel mitzumachen, wenn dort ein gutes Team ist. Jetzt bin ich bereits seit vier Jahren dabei. Man muss sich etwas umstellen, es ist etwas anders als im Sport, weil es um Menschenleben geht. Meine Hunde werden „dual geführt“, das heißt ich führe sie sportlich und im Einsatz. Es ist ein schöner Ausgleich zum Beruf, bei dem ich für ein großes schwedisches Modeunternehmen in der Logistik arbeite.

Ist es schwierig, einen Hund zu trainieren?

Man muss es wollen und es muss Spaß machen. Wenn ich dem Hund vermittele, dass es toll ist, was wir machen, dann findet der Hund das auch. Nur so schafft er es, ohne ein Leckerli längere Zeit bei Fuß zu laufen.

Erkennt man den Charakter der Tiere bereits im Welpenalter? 

Mila habe ich mit zehn Wochen gekriegt. Ich habe schnell gemerkt, dass sie überlegt und mutig ist. Wir haben sie über einen Steg laufen lassen und durch eine Röhre aus Metall. Man kann das also relativ schnell herausfinden, aber sie entwickeln sich natürlich noch. Generell muss ganz viel in der Sozialisierung tun. Damit sie in Situationen klarkommen, in denen man 100 Meter weg ist. Dass sie sich auch mal trauen, über einen Trümmerkegel zu laufen. Es ist viel Arbeit, die Tiere müssen Höchstleistung bringen.

Welche Hunderassen können bei der Suche eingesetzt werden? 

Generell ist fast jeder Hund dazu geeignet. Ich würde allerdings von kurzschnäuzigen Hunden abraten, die Atemprobleme kriegen können. An­sonsten ist es was für jeden, der sich ehrenamtlich beteiligen und etwas gemeinsam mit dem Hund machen will. In unserer Staffel ist alles bunt gemischt. Es sind Angestellte und Selbstständige. Viele kommen aus dem Hamburger Umland, aber wir haben immerhin vier Mitglieder aus Hamburg. Darunter bin auch ich als Billstedterin. Im Stadtverkehr bin ich lange zum Training, das in Rissen stattfindet, unterwegs. Aber ich freue mich immer auf das Training und die Gemeinschaft.

Achten Ihre Hunde nur auf Ihre Kom­mandos oder auch auf Ihre Körper­sprache?

Sowohl als auch. Sie achten sehr stark auf die Körpersprache des Hundeführers. Und auch auf die Stimmung. Wenn ich schlecht gelaunt bin, kann ich davon ausgehen, dass der Hund nicht so gut arbeitet. Da sind sie sehr feinfühlig. Ich mache dann gar nichts mit meinen Hunden. Das bringt nichts. Das muss man lernen. Ebenso aufzuhören, wenn es am schönsten ist. Denn nach perfekt gibt es immer nur schlecht. Und dann lasse ich eine Übung so stehen, wenn sie super gewesen ist.

Hundetrainer wie Martin Rütter sind mittlerweile Stars, weil viele mit ihrem Haustier offenbar nicht klarkommen. Haben Sie Erziehungstipps?

Ich empfehle den Besuch einer guten Hundeschule. Es gibt Fälle, da klappt es ohne. Aber es gibt eben auch Hunde, denen eine Hundeschule gut tun würde. Gerade wenn sie Menschen anbellen oder nicht sozialverträglich sind. Dann kann man lernen, die Hunde zu führen. Und die Hunde lernen, sich auf den Hundehalter zu verlassen. Es gibt Menschen, bei denen dürfen die Hunde alles. Bei mir läuft das ein bisschen anders.

drk-altona-mitte.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2020. Das Magazin ist seit dem 29. Oktober 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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