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Hamburger des Monats – Anne de Wolff

Die Musikerin Anne de Wolff spielte schon mit Popgrößen wie Bosse, Elif oder BAP zusammen. Eines ihrer Herzensprojekte neben der Musik ist das Benefizkonzert der Stiftung „Initiative Courage“

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Rene van der Voorden

SZENE HAMBURG: Anne, du hast ja einen traumhaften Wintergarten hier bei dir zu Hause …

Anne de Wolff: Danke. Ja, hier haben wir auch schon oft geprobt. Zum Beispiel mit Bosse die „Leise Landung“. Oder mit Mark Forster das zdf@bauhaus. Mit Elif, mit Tokunbo, Stoppok und sogar mit BAP. Natürlich alles nicht in voller Lautstärke. Aber dennoch: Wir haben sehr freundliche Nachbarn, die das geduldig aushalten.

Erzähl doch mal, was du als Musikerin genau machst.

Ich bin Multi-Instrumentalistin. Angefangen hat alles mit der Geige, doch da fühlte ich mich später musikalisch zu sehr eingeschränkt. Nicht jede Band braucht in jedem Song ein Geigengeräusch, deshalb hatte ich schnell Lust, meine klangliche Bandbreite zu erweitern und es kamen unter anderem Bratsche, Akkordeon, Percussion, Cello, ein bisschen Gitarre, Mandoline und Posaune dazu.

Du spielst nicht nur auf der Bühne, sondern arbeitest auch im Studio, das praktischerweise auch hier im Hause ist …

Genau. Vieles nehme ich hier zusammen mit meinem Mann Ulle (Gitarrist Ulrich Rode, Anm. d. Red.) auf. Es kommen oft Musiker zu uns, die noch Farben für ihr Album suchen, so wie letzte Woche zum Beispiel Fayzen. Für Niels Frevert und Johannes Oerding haben wir gerade ein paar Streicher aufgenommen. Momentan bereiten wir das neue BAP-Album vor.

 

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In ihrem Wintergarten hat Anne de Wolff (48) schon mit Bosse geprobt

 

Hast du dir schon einmal gewünscht, du hättest einen anderen Beruf?

Nein, Musik spielte schon in meiner Kindheit eine wichtige Rolle und ließ mich seitdem nie los. Dazu kam noch ein bisschen Glück. Eigentlich hätte ich nie gedacht, dass ich von Musik leben kann – erst recht nicht so lange. Ich dachte früher, Popmusik wäre eher etwas für junge Frauen, da ich quasi keine Instrumentalistinnen jenseits der 40 kannte.

Leider gibt es aber generell einfach ziemlich wenige „Sidefrauen“ – ich frage mich immer, warum? Mittlerweile spiele ich mit vielen unglaublich tollen, zum Teil auch erheblich jüngeren Musikern und Musikerinnen und empfinde dies als sehr bereichernd. Man kann sich gegenseitig inspirieren und voneinander lernen.

Ein anderes Thema. Du bist Schirmherrin der Stiftung Initiative Courage. Wie kam es dazu?

Ich habe die Initiatorin dieser Stiftung, Karin Schmedt, kennengelernt. Und als wir uns unterhalten haben, sprach sie mir so aus der Seele: Ich finde es schlimm, dass Leute sich die ganze Zeit über Missstände beschweren, ohne selbst initiativ zu sein. Dieses passive Gemecker strengt mich an. Ich habe lange nach etwas gesucht, wo ich mich engagieren kann.

Was macht die Stiftung?

Sie schenkt Kindern, denen das nicht möglich ist, schöne Momente. Momente, in denen sie respektiert und wertgeschätzt und dadurch gestärkt werden. Karin macht das beispielsweise für Kinder in Kinderheimen und für Flüchtlingskinder. Aber auch für Kinder, die es offensichtlich zuhause schwerer haben. Damit sie merken, dass es auch Gutes gibt.

 

Fußball-Camps und Reisen ins Wunderland

 

Welche Momente sind das?

Sie betreut mehrere kleinere Initiativen, für die sie Geld sammelt. Es gibt zum Beispiel ein Fußballcamp und die „Wunderlandreisen“, bei denen die Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit ihren Familien eine Woche in den Urlaub fahren können. Es gibt Trommelgruppen und auch eine Zusammenarbeit mit der HipHop Academy. Diese Aktionen unterstützen wir mit dem Geld, das wir unter anderem bei dem jährlichen Benefizkonzert einnehmen.

Und die Organisation des Konzertes ist dein Part …

Genau. Ich kümmere mich um die Bands und stelle das Programm auf. Und natürlich wickle ich die Koordination im Vorfeld ab. Woher kommt der Flügel, wer sponsert den, wie bekommen wir ihn in unsere Location, die Markthalle? Ist der Fahrstuhl groß genug? Es ist übrigens ganz wundervoll, wie schnell alle Musiker immer Lust hatten, dabei zu sein. Das waren in den letzten Jahren unter anderem Aino Löwenmark, Jon Flemming Olsen, das Tingvall Trio, von Brücken, Johannes Oerding, Fayzen, Tokunbo, Diane Weigmann, Phil Siemers …

Die Markthalle steht ja unter anderem auch für soziale Nachhaltigkeit. Eine perfekte Partner-Location …

Die Markthalle ist so großartig und unterstützt uns seit Anfang an – jetzt schon das fünfte Jahr. Bis 2018 war das Konzert eher eine Veranstaltung für Sponsoren, in diesem Jahr wollten wir das Ganze öffnen, um auch andere Menschen für das Thema zu sensibilisieren und weitere Spenden zu generieren. Wir hatten Spendenboxen aufgestellt, und die Eintrittsgelder gingen komplett an die Stiftung. Es war toll, mit den Leuten von der Markthalle zusammenzuarbeiten. Die haben uns den kompletten Tag alles für einen sehr geringen Unkostenbeitrag für Personal zur Verfügung gestellt.

Zurück zum passiven Meckern: Woran liegt es, dass viele Menschen zwar ständig nörgeln, aber nicht aktiv werden?

Gefühlt prasseln auf uns täglich Unmengen von Geschichten ein über Gewalttaten, Umweltsünden, Kriege und Menschen, die betrügen oder schlecht zueinander sind. Zudem fällt es immer schwerer, Dinge in Gut oder Böse einordnen zu können, da alles unheimlich komplex ist in diesen Zeiten der Globalisierung und des Internets. Angesichts dessen fühlt man sich oft überfordert und neigt dazu, immer misstrauischer zu werden. Daraus entstehen dann oft diese Wut und Hilflosigkeit, die unser Leben eigentlich traurig macht, weil das Geschimpfe am Ende nur uns selbst schadet.

Hast du einen Vorschlag, wie es besser gehen kann?

Ich halte es für ganz wichtig, trotz allem davon auszugehen, dass die meisten Menschen gut sind. Dabei hilft ungemein, selbst die Initiative zu ergreifen, sich im Kleinen irgendwie zu engagieren. An jeder Ecke gibt es Gruppierungen, man kann sich etwas aussuchen, das einem liegt. Das könnte das Einkaufen für eine Oma sein und Gespräche mit ihr. Man verbessert so nicht nur das soziale Miteinander, sondern auch das eigene Leben. Man lernt andere tolle, liebevoll engagierte Menschen kennen und spürt die Dankbarkeit und Freude der Menschen, die man unterstützt. Diese kleinen Dinge machen am Ende das große Ganze aus und damit unsere Welt besser.

Annedewolff.de

Sic-stiftung.de


Szene-Hamburg-juni-2019 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2019. Das Magazin ist seit dem 25. Mai 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats – Dannie Quilitzsch

Frauen vernetzen, Kinder in Krisengebieten stabilisieren, Wasser für alle – Dannie Quilitzsch zieht viele soziale Strippen. Ihr Antrieb: Die Welt ein bisschen besser machen und das am besten gemeinsam.

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Philipp Schmidt

SZENE HAMBURG: Dannie, du steckst in so vielen unterschiedlichen Projekten. Wie bezeichnest du dich?

Dannie: Das stimmt, ich habe mehrere Hüte auf, deshalb kommt es immer auf den Kontext an. Aber grundsätzlich bin ich Psychologin, Beraterin und Coach. Und arbeite hauptsächlich im Bereich Social Entrepreneurship als Gründerin und Unternehmerin, aber auch in beratender Funktion sowohl für große Dax-Unternehmen als auch für kleine Social Start-ups.

Wonach entscheidest du, an was und mit wem du zusammenarbeitest?

Es ist mir bei den Social Start-ups wichtig, dass die Idee und das Konzept innovativ auf dem Markt sind. Und ob es dafür überhaupt einen Bedarf gibt und somit eine reelle Wirkung nach sich zieht.

Vertraust du deiner Intuition, ob ein Projekt funktionieren wird?

Vieles entscheide ich aus dem Bauch heraus, wobei mein Bauch und mein Verstand sehr eng zusammenarbeiten. Durch meine jahrelange Erfahrung erkenne ich schnell, was Sinn macht. Natürlich prüfe ich auch, ob eine gute Marktanalyse gemacht wurde, ob Kompetenzen, Gründerpersönlichkeit und das Netzwerk vorhanden sind und wie hoch die Motivation ist. Oder zum Beispiel auch, ob die Idee so innovativ ist, dass sie Medienpartner und Multiplikatoren erreicht.

 

 

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Welcher Aspekt hat dich bei War Child gepackt?

Natürlich gibt es bereits viele Projekte, die sich um Kinder kümmern, auch War Child gibt es weltweit schon lange. Meine Partnerin und ich haben jetzt die Organisation nach Deutschland, mit Sitz in Hamburg, geholt. Für mich als Psychologin und Therapeutin ist es sehr interessant, dass War Child psycho-soziale Programme entwickelt, evaluiert und erforscht. Wir schaffen etwas Funktionierendes.

Dann teilen wir es mit anderen Organisationen wie Save the Children und Unicef. So erzeugen wir eine Reichweite in die ganze Welt, damit noch mehr Kindern in Krisengebieten geholfen werden kann, mehr als wir es alleine mit War Child schaffen könnten. Das ist, was mich an Social Entrepreneurship am meisten reizt – etwas zu kreieren, das über einen Skalierungseffekt einen reellen sozialen Wandel mit sich bringt.

Ein anderes deiner Projekte hier in Hamburg ist der Women’s Hub, an dem drei Mal im Jahr 50 Frauen einen Tag lang zusammenkommen. Was steckt dahinter?

Auch dabei ist mein Antrieb, zu überlegen, wie man unsere Welt besser machen kann – das klingt zwar pathetisch, aber tatsächlich geht es genau darum. Ich bin überzeugt, dass wir unser ganzes Potenzial nur entfalten können, wenn wir es gemeinsam tun. Der Women’s Hub will eine Gemeinschaft aus Frauen sein, die sich gegenseitig unterstützen.

Beim Women’s Hub Day kommen 50 Frauen zusammen, fünf davon nutzen diesen Tag, um ihre Visionen oder Projektideen zu teilen, um sich Feedback darauf oder auch ganz konkrete Unterstützung für die Umsetzung einzuholen. Wir schaffen einen Raum, in dem sich Frauen trauen, ihre Ideen zu erzählen, sich auszuprobieren und gegenseitig zu inspirieren – nicht nur persönlich, wir schüren auch, dass die Frauen gemeinsam Business machen, sich gegenseitig buchen oder Aufträge vergeben, um sich so auch in diesem Bereich zu fördern.

 

„Weibliche Prinzipien müssen stärker in die Gesellschaft“

 

Warum brauchen Frauen dafür noch immer einen geschützten Raum?

Der geschützte Raum wird gebraucht, damit Frauen sich stärken können, um dann gemeinsam in die Welt rauszugehen. Wir sind nicht geübt darin, uns zusammenzuschließen. Wenn man sich Statistiken ansieht, ist die Redezeit von Männern in Runden noch immer länger, die Gehälter in vergleichbaren Positionen sind höher, Männer bekommen noch immer eher den Job, vor allem im Führungsbereich, bei gleicher Qualifikation. Es war lange so, dass die Frauen, die sich durchkämpfen konnten, die Prinzipien der Männer angenommen haben.

Jetzt geht es darum, die weiblichen Prinzipien wie Empathie und Intuition stärker in die Gesellschaft zu tragen. Denn jede Frau sollte sich bewusst sein und daran glauben, dass wir mit unserem weiblichen Verhalten stark sind – egal, in welchem Feld wir unterwegs sind, sei es als Angestellte, Freelancerin oder Mutter. Wir wollen Frauen stärken, um eine Gleichheit zu erzeugen.

Was tut die Stadt, um „Women Empowerment“ zu unterstützen?

Ich habe beim letzten N Klub, ein Netzwerktreffen für nachhaltige Ideen, unsere Sozialsenatorin Melanie Leonhard über das Thema sprechen hören, und ich finde sie in diesem Bereich sehr vorbildlich. Sie setzt sich ein, geht mit den richtigen Ideen nach vorne. Ansonsten ist es in diesem Bereich von Seiten der Institutionen, Behörden oder Stiftungen unheimlich schwer, Unterstützung zu bekommen. Generell, wenn man neue Themen nach vorne bringen will, ist es schwierig, die Stakeholder zu überzeugen, da muss insbesondere Frau einen echt langen Atem haben, sich den Mund fusselig reden und die Füße ablaufen.

Auch hier wird Männern viel schneller zugetraut, dass sie die richtige Idee für eine Unternehmensgründung oder ein Projekt haben. In Städten wie Berlin und auch im Ausland ist es wesentlich einfacher, weil in international orientierten Städten früher verstanden wurde, dass es wichtig ist, dass wir uns in diesem Bereich entwickeln. Ich liebe an Hamburg die traditionellen Werte wie Beständigkeit und Gewissenhaftigkeit, die stehen Innovationen und mutigen Ideen aber leider auch oft im Weg.

Was braucht es?

Ich wünsche mir noch mehr den Dialog zwischen den verschiedenen Instanzen: Regierung, Unternehmen, Medien, Institutionen, Zivilgesellschaft. Es gibt zwar kleinere Zusammen künfte wie das Zeitforum oder den N Klub, aber wir könnten noch viel mehr Potenzial wecken, wenn wir mehr in der Gemeinschaft gucken, wie wir Hamburg in die Zukunft entwickeln und gleich zeitig als lebenswerte Stadt für alle Bürger erhalten können.

 

„In Hamburg herrscht irre viel Social Empowerment“

 

Und wie ist dein Blick auf die Hamburger?

In der Stadt gibt es so viele wahnsinnig tolle Menschen. Hier herrscht irre viel Social Empowerment in Form von sozialen Projekten und Veranstaltungen. Das finde ich sehr beeindruckend. Ich lebe seit über 20 Jahren in Hamburg, und ich liebe es hier – die Haltung der Leute, wie sie ihre Stadt gestalten und tatsächlich etwas bewegen. Das zeigt es auch, wie hier mit Geflüchteten umgegangen wurde und wird – es haben sich viele zivilrechtliche Organisationen gebildet wie Hanseatic Help.

Hamburger sind oft leise, es wird nicht so viel darüber geredet, was sie machen, aber das, was passiert, hat eine echte Substanz. Das finde ich wirklich stark an der Stadt.

Welches Engagement berührt dich am meisten?

Mein absolutes Herzensprojekt ist ganz klar Viva con Agua. Seit 2007 bin ich dabei, mittlerweile als Aufsichtsratsvorsitzende. Für mich ist es das vorbildlichste, sowohl als Unternehmen als auch soziales Projekt, das ich kenne. Das liegt vor allem daran, dass Viva con Agua nie müde wird, sich immer wieder mit sich selbst zu beschäftigen, im Sinne der eigenen Optimierung, der Neuerfindung oder der Frage, wie sie die Welt verändern und Mitgestaltung für jeden ermöglichen können.

Apropos Welt verändern. Was wäre im Kleinen dazu dein Appell an die Menschen?

Dass sich die Menschen wieder mehr begegnen. Jeder Mensch ist auf seiner eigenen Reise, aber jeder kann mit seiner Geschichte und den eigenen Erfahrungen andere unterstützen und helfen. Geht einfach wieder mehr aufeinander zu, redet miteinander und hört euch wirklich zu.

www.danniequilitzsch.com


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats – Jana und Petja von Move the North

Hamburg, Kopenhagen, Malmö – drei Städte, ein Festival. Mit „Move the North“ bringen die Initiatoren Jana und Petja Pulkrabek die Menschen grenzübergreifend zusammen – was nicht nur der Kunst guttut.

Interview: Hedda Bültmann

SZENE HAMBURG: Jana und Petja, ihr betreibt gemeinsam die Produktionsfirma Manusart. Was steckt dahinter?

Petja: Wir produzieren Filme, Theaterstücke und Kultur. Jana kümmert sich etwas mehr um den Theaterbereich und meine Leidenschaft liegt vorrangig beim Film.

Und ihr habt eine internationale Plattform initiiert, die im Januar startet …

Jana: Genau, das „Move the North“-Festival. 2019 starten wir mit unserem ersten Cross-Border-Jahresprogramm. Neben Manusarts-Produktionen werden wir viele internationale Kulturprojekte zwischen Hamburg, Kopenhagen und Malmö hin und her schicken.

Petja: Das Festival beinhaltet aber nicht nur Veranstaltungen, sondern ist auch eine Plattform, auf der wir Leute aus den drei Ländern zusammen bringen und schauen, welche Möglichkeiten sich auftun. Wir hoffen, dass über internationale Kooperationen neue Impulse gesetzt werden wie beispielsweise länderübergreifende Trilogien. Sodass sich nicht nur die Kunst zwischen Ländern bewegt, sondern sich auch das Publikum mit uns bewegt, um die einzelnen Teile in den unterschiedlichen Städten zu sehen.

 

Eine Kultur-Achse über die Ostsee

 

Funktioniert Kultur als Brücke zwischen den Ländern?

Petja: Die Idee ist, dass sich Norddeutschland mit Skandinavien kulturell stärker vernetzt. Es finden ja bereits in der Wirtschaft, bei Studiengängen, in der Forschung viele Kooperationen statt. Ein nordeuropäisches Zentrum dynamischen Wachstums wird zwischen den großen Wirtschaftsräumen um Hamburg, Kopenhagen und Malmö kreiert. Aber der Bürger bekommt das gar nicht mit und für mich ist die Kultur ein Weg, das sichtbar zu machen, indem wir eine bewegte Kulturachse über die Ostsee schaffen.

Jana: Dass man zueinanderfindet, neugierig aufeinander ist, über Grenzen hinaus miteinander arbeitet. Aber auch, dass gemeinsame Werte wie zum Beispiel Gleichberechtigung und Meinungsfreiheit kommuniziert werden. Gerade die nordischen Regionen vereint eine ähnliche Haltung, die über Kultur gut vermittelt werden kann.

Jana, du leitest in Kopenhagen auch das House of International Theatre

Jana: HIT haben wir Anfang 2017 in Kooperation mit dem Kopenhagener Jeremy Thomas-Poulsen gegründet und das ist auch ein Grund, warum dieses Festival entstanden ist. Mit fünf deutsch-dänischen Koproduktionen im ersten Jahr haben wir in Kopenhagen eine feste Adresse für Kultur aus Hamburg etabliert und Manusarts wurde vom The Copenhagen Post für dieses Engagement mit dem dritten Platz als Trailblazer für internationales Theater gekürt. Das Festival ist jetzt der nächste Schritt, um größer zu denken und den Austausch in beide Richtungen zu generieren.

Petja: Es gibt viele Hamburger Künstler, die großes Interesse haben, in Kopenhagen aufzutreten und vice versa. Und von Kopenhagen ist es nur über eine Brücke rüber bis nach Malmö und so ist die Koppelung der drei Länder zustande gekommen. Mit dem geplanten Bau des Fehmarnbelttunnels sollen Hamburg und Kopenhagen zusammengeführt werden, Kultur kann dafür bereits im Vorfeld eine Weiche stellen.

Unterscheidet sich die Kulturszene in Kopenhagen von der in Hamburg?

Jana: In Kopenhagen scheint es so, als wenn Kultur ein Bürgerrecht wäre. Gerade im Sommer findet an allen Ecken Kultur statt, die für alle frei zugängig ist. Wie das Opera und das Jazz Festival, das Filmfestival. Kultur begegnet einem überall, nur wenn man durch die Straßen geht. Hamburg hat viele tolle große internationale Produktionen vom Thalia Theater oder dem Schauspielhaus. Aber dieses einladende, gemütliche zeichnet Kopenhagen aus.

Petja: Stichwort Hygge. Kopenhagen hat einen anderen Zugang zur Kultur.

Petja, du bist Filmemacher. Wie sind dafür die Bedingungen in Hamburg?

Petja: Es ist toll in Hamburg. Die Zusammenarbeit mit der Filmförderung ist immer sehr angenehm, es gibt viele gute Filmleute in Hamburg, es gibt hier viele tolle Teams, eine gute Ausbildung in dem Bereich, die HMS ist eine wirklich sehr gute Filmschule. Hamburg ist schon die Filmstadt. Besser als Berlin (lacht). Es ist hier nicht so überlaufen.

 

Filmtage in Hamburg und Kopenhagen

 

Und was magst du am dänischen Film?

Petja: Das dänische Kino ist sehr besonders mit einer ganz eigenen Filmsprache und einem eigenwilligen, sehr guten Humor. Beim Filmfest in Hamburg werden jedes Jahr dänische Filme gezeigt, aber es gibt noch so viel mehr, die es zu schauen lohnt. Deshalb wollen wir im Rahmen von Move the North Filmtage in Hamburg und Kopenhagen etablieren, in Kooperation mit dem Metropolis Kino und dem Husets Biograf. Es wäre schön, wenn sie regelmäßig stattfinden würden, um das bisherige Angebot zu ergänzen.

Habt ihr Themen, die ihr künstlerisch umsetzen wollt?

Petja: Ich lass mich immer gerne überraschen, was so auf mich zukommt. Generell mag ich Geschichten, die verbinden, die das Menschliche zeigen. Wir haben zum Beispiel den preisgekrönten Kurzfilm „Occasus“ gemacht, der die Geschichte eines afrikanischen Flüchtlings auf seiner tragischen Odyssee nach Europa zeigt. Momentan arbeite ich an einem Stoff, der sich mit den unfairen Arbeitsbedingungen in der Modeproduktion in Indien auseinandersetzt.

 

Seht hier den Trailer zu „Occasus“

 

Jana: Die Art unserer Produktionen geht tendenziell in Richtung Arthouse. Künstlerisch hochwertig, etwas experimentell, aber unsere Geschichten haben immer eine Struktur. Man muss aufpassen, dass man in der eigenen kreativen Umsetzung das Publikum nicht aus den Augen verliert. Es sollte schon Entertainment bleiben, aber das schließt eine hochwertige Qualität und tiefgründige Themen nicht aus. Mit Move the North wollen wir Kultur transportieren, die bewegt.

Ihr seid ja Geschwister, wie klappt die Zusammenarbeit?

Petja: Jetzt gerade gut (lacht). Wir sind sehr unterschiedlich, aber gerade deshalb ergänzen wir uns auch total gut. Mittlerweile weiß ich ganz genau, was Janas Stärken sind, sie kennt meine und deshalb können wir auch die Arbeitsbereiche bestmöglich aufteilen. Das funktioniert und wir sind auf einem guten Weg unsere Manusarts-Projekte zu etablieren.

Jana: Petja ist der Strategische von uns beiden, ich sehr impulsiv, manchmal eigensinnig. Ich bin eben auch eine Schauspielerin, die auf der Bühne steht, während Petja lieber inszeniert. Manchmal auch mich (lacht).

www.manusarts.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2019. Das Magazin ist seit dem 28. März 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats – Jan Schierhorn

Wenn etwas Schönes um ihn herum passiert, bekommt Jan Schierhorn eine Gänsehaut – und die hat er oft. Kein Wunder bei den vielen sozialen und Herzens-Projekten, die er umsetzt. Ein Gespräch über die organische Revolution, Koexistenz und vergessene Menschen.

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Andrea Rüster

SZENE HAMBURG: Jan, neben den vielen Projekten, die du machst, ist „Das Geld hängt an den Bäumen“ deine große Liebe?

Jan Schierhorn: Genau. Damit verbringe ich auch 80 Prozent meiner Lebensarbeitszeit aus vollster Überzeugung. Wir sammeln mit, wie wir sie nennen, vergessenen Menschen, vergessenes Obst und machen daraus Säfte und Schorlen. Mit dem Verkaufsertrag schaffen wir neue Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung, Geflüchtete oder Langzeitarbeitslose. All diejenigen, die viel zu oft in ihrem Leben gehört haben, sie seien nichts wert, sie können nichts und werden das auch niemals. So werden aus Hilfe-Empfänger Steuerzahler.

Wie fangt ihr die Menschen, die bei euch arbeiten, auf?

Ich glaube nicht an Inklusion, solange mein Nachbar mir das größere Auto oder den Urlaub neidet. Da können noch so viele Gesetze geschrieben werden, das muss von der anderen Seite kommen. Gleichwohl finde ich es wichtig, dass sich Leute dafür einsetzen, um dieses Wort zu beleben. Unser Ansatz ist, dass jeder was kann. Und jeder, der hier was lernt wie Obstbaum- oder Gehölzschnitt, bringt es wiederum anderen bei.

Dadurch erfahren sie eine Wertigkeit, die dazu führt, dass einige unserer Mitarbeiter nicht mal mehr mit ihrem Therapeuten sprechen müssen, weil ihre Persönlichkeitsentwicklung so enorme Schübe macht, sie sich da durch beispielsweise von ihrer Tabletten- oder Alkoholsucht selbst heilen. Oder depressive Phasen treten nicht mehr auf. Durch ein fast familiäres Arbeitsumfeld, in dem freundschaftliches, soziales Miteinander stattfindet, entsteht ein sicherer Rahmen, in dem sie Ver trauen entwickeln, sodass sie sich auch in Konfliktsituationen öffnen. Das ist ein stabiles Fundament.

 

„Bei uns läuft vieles intuitiv“

 

Habt ihr begleitendes Fachpersonal oder ist es eine Art Therapie durch Arbeit?

Wir machen es nicht programmatisch. Bei uns läuft vieles intuitiv. Aber seit einem halben Jahr ist Johanna, eine Psychologin, bei uns, die an den wöchentlichen Gruppensitzungen teilnimmt. Weil wir mittlerweile so gewachsen sind, war uns ein professionelles Korrektiv wichtig, damit es weiterhin gut läuft, Spaß macht und sich auch Erfolge zeigen, sowohl auf der persönlichen, als auch der betriebswirtschaftlichen Seite.

Gab es einen Initialauslöser, dich vorrangig sozial zu engagieren?

Meine Kinder. Als von ihnen die ersten Fragen kamen, wieso ich im Leben das eine so, das andere so mache, wollte ich ihnen ehrlich antworten. Dabei habe ich festgestellt, dass meine fertigen Antworten auf die Lebensfragen, die eines Singles waren. Und nicht die eines Vaters, der nicht nur seine Generation auf dem Radar haben muss, sondern auch die nachkommenden. Da habe ich klar gespürt, die persönliche Verantwortung endet nicht an der eigenen Haustür, sondern zieht viel mehr Konsequenzen nach sich. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich diese Korrektur in meinem Leben schon vor etwa 13 Jahren machen durfte.

Du wirst im April 50, hast viel gemacht und erreicht. Sind deine Visionen ausgelebt?

Noch lange nicht. Ich möchte mich immer mehr ökonomisch-politisch einbringen, denn da liegt die Kraft der Veränderung. Und so den dringend notwendigen gesellschaftlichen Wandel mitgestalten. Ich lebe ja beide Seiten, die altruistische und die betriebswirtschaftliche. Und die wirtschaftlichen Mantren, die das ständige Weiterwachsen einfordern, sind totaler Schwachsinn, und werden vor allem von einer alten Generation aufrechterhalten.

Früher habe ich gedacht, es braucht eine Revolution, die mit ganz viel aggressiver Kraft das System verändert. Aber ich erlebe gerade, dass die Revolution schon voll im Gange ist. Es sind unsere Kinder, die plötzlich aufstehen und den alten Glaubenssätzen nicht mehr vertrauen. Unsere Kinder strecken die Hände aus und greifen nach dem Ruder der Gesellschaft. Dabei laufen mir die Tränen runter, denn das ist eine Revolution, die organisch ist, menschlich und gut für das Leben.

 

„Wozu brauche ich 20 Paar Turnschuhe?“

 

Könnte die Gemeinwohl-Ökonomie ein Teil des Wandels sein?

Ich bin Fan davon, regionale Kreisläufe aufzubauen. Ich muss keinen Saft nach München transportieren, die machen da auch tolle Säfte. Ich brauche auch kein Pangasiusfilet aus der Südsee. Wasser in Flaschen abzufüllen, einer der größten PR-Tricks, ist so ein großes ökonomisches und ökologisches Desaster, außer für die wenigen Shareholder. Es muss eine Evolution von alten in neue Geschäftsfeldern stattfinden. Nestlé zum Beispiel könnte das Geschäftsmodell „Wasser“ transformieren, indem sie an jede Kommune im Land Wasser-Förderanlagen vermietet. Es geht nicht darum zu beschneiden, es geht immer um Koexistenz und um eine intelligente und sinnhafte Ressourcennutzung.

Auch auf Seiten des Verbrauchers …

Wozu brauche ich 20 Paar Turnschuhe? Wofür brauche ich all den Mist, den ich anhäufe? Weil die innere Leere durch Äußeres gestillt wird. Das ist von unserer Wirtschaft, die wir alle mitanfeuern, so gewollt und auch deren Motor. Und wenn wir hier keine neuen Denkmodelle zulassen, wird unsere Gesellschaft die Konsequenzen zu tragen haben.

Aber eine deiner sechs Firmen, dein Moneymaker Baudek & Schierhorn, verteilt Produktproben für Markenartikler, die genau in diese Kerbe schlagen …

Ja, das stimmt. Und das ist meine größte Polarität, die ich im Leben habe. Aber keine meiner Firmen gauckelt etwas vor, was nicht ist. Es geht nie um Manipulation. Meine Agentur verteilt Produktproben in einem Umfeld, in das sie passen wie zum Beispiel beim Bäcker Frischkäseproben. Dabei brauchen wir keine künstlich geschaffenen Welten, denn der Kunde kann ein – fach das Produkt ausprobieren und sich frei entscheiden, ob er es mag oder scheußlich findet. Aber das grundsätzliche Spannungsfeld ist vorhanden.

Deshalb steht auch in der Satzung der meisten meiner Firmen, dass zehn Prozent des Erlöses an soziale Projekte gespendet werden.

Was wünscht du dir für dich?

Ich möchte ein guter Vater für meine Kinder sein. Und wahrhaftig durchs Leben gehen – mit klarem Verstand und offenem Herzen.

www.dasgeldhaengtandenbaeumen.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2019. Das Magazin ist seit dem 28. März 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats – Petra und Anne von KulturLeben

Mit kostenlosen Tickets für Theater und Konzerte will der Verein Kulturleben Hamburg prekär lebende Menschen aus der Vereinsamung holen. Vor Kurzem haben die Geschäftsführerin Petra Schilling (links) und Anne Busch, Projektkoordinatorin, den Kulturklub gegründet, der sich speziell an Kinder richtet.

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Torben Averkorn

SZENE HAMBURG: Petra und Anne, welche Vision steht hinter Kulturleben Hamburg?

Petra: Kulturleben Hamburg wurde Anfang 2011 als Verein gegründet und die ersten vier Jahre komplett ehrenamtlich betrieben. Der Impuls für die Idee kam damals aus der Tafel-Bewegung, denn das Prinzip lässt sich ja auf viele Bereiche in unserer Gesellschaft übertragen, in denen Teilhabe für Menschen mit geringem Einkommen nicht oder nur sehr begrenzt möglich ist.

Von unseren Kulturpartnern bekommen wir Eintrittskarten als Spende, die wir kostenfrei an unsere Kulturgäste weitervermitteln. Da die Vermittlung über uns läuft, muss niemand an der Abendkasse etwas vorweisen wie einen ALG II-Bescheid, das ist für die meisten sehr wichtig.

Mittlerweile haben sich rund 8.000 Kulturgäste bei euch angemeldet. Wuppt ihr das noch immer ehrenamtlich?

Petra: Aktuell engagieren sich bei uns rund 50 Menschen ehrenamtlich. Alles, was für unsere Arbeit an Kosten anfällt wie Miete, Telefonanschlüsse, Flyer bezahlen wir aus Spendengeldern. Mitte 2015 konnte der Verein dank einer Projektförderung von der Sozialbehörde die Teilzeitstelle schaffen, auf der ich heute arbeite. Das Hauptamt hat noch mal ganz neue Energien freigesetzt, denn in den letzten beiden Jahren ist die Anzahl der Teilnehmer um 60 Prozent gestiegen.

Die Nachfrage ist immens hoch und steigt weiter. Rein ehrenamtlich wäre das mittlerweile nicht mehr machbar. Aber im Kern bleiben wir eine Organisation, die vom Ehrenamt getragen wird. Das ist ein wichtiger Teil unseres Selbstverständnisses.

 

„Wir möchten Kultur als gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen“

 

Wie geht es weiter?

Petra: Wir wollen unser Angebot so vielen Menschen wie möglich zugängig machen. Im kommenden Jahr steht für uns daher die Gewinnung neuer Kulturpartner und der Ausbau unseres bereits bestehenden Netzwerks ganz oben auf der Agenda. Kurz gesagt, wenn die Gästezahlen steigen, brauchen wir auch mehr Kartenspenden, damit wir unser Angebot in gleicher Qualität aufrechterhalten können. Denn wir möchten ja nicht nur zwischendurch mal ein schönes Einzelerlebnis anbieten, sondern regelmäßig Kultur als gelebte gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen.

Ihr habt eine Einkommensgrenze festgelegt, die dazu berechtigt, sich bei euch anzumelden. Dabei fallen einige durchs Raster, die gerade so daran vorbeirutschen und sich dennoch keine Kultur leisten können …

Petra: Ja, die gibt es bestimmt. Aber wir mussten eine für uns vertretbare Grenze ziehen. Auch die Kulturhäuser, die öffentliche Gelder erhalten, müssen nachweisen, an wen sie Karten umsonst abgeben. Wir bemühen uns, eine gute Mitte zu finden, so dass wir möglichst viele Menschen mitnehmen, aber auf der Anbieterseite kein Haus verlieren.

Ihr vergebt eure Karten paarweise. Warum?

Petra: Ja genau, in der Regel bekommt jede Person zwei Karten. So können unsere Kulturgäste jemanden ihrer Wahl als Begleitung mitnehmen. Zum einen wirkt das der Vereinsamung entgegen, und zum anderen können die Leute so auch mal wieder jemanden einladen. Das bekommen wir oft zurückgespiegelt, dass es für die Menschen ein besonders schönes Erlebnis ist, mal wieder in der Lage zu sein, einem anderen etwas zu schenken, da viele ja schon seit Jahren prekär leben.

 

„Für viele ist schon das Überschreiten der Stadtteilgrenze ein ungewohnter Schritt“

 

Leben Menschen an der Armutsgrenze oft einsam?

Anne: Ja, Armut ist stark mit Isolation und Einsamkeit verbunden. Die Betroffenen ziehen sich immer mehr zurück. Wir möchten dagegen anarbeiten und den Menschen eine Möglichkeit geben, wieder teilzuhaben. An der Kultur, aber auch an der Gesellschaft. Die Gelegenheit, mal rauszukommen, über den Tellerrand zu blicken und mal was anderes zu sehen. Für viele ist schon das Überschreiten der eigenen Stadtteilgrenze ein ungewohnter und manchmal auch herausfordernder Schritt. Hier wollen wir Mut machen.

Bewirkt die Armut in der Familie auch bei den Kindern Rückzug?

Anne: Oft leben auch die Kinder isoliert. Das hat auch viel mit Scham zu tun. Ein Grund kann der beengte Wohnraum sein oder das, was es bei ihnen zu Hause zu Essen gibt. Die Scham führt dazu, dass sie keine Freunde mit nach Hause bringen mögen. Das fängt früh an, dass sich die Kinder dann ins Familiäre zurückziehen. Gleichzeitig sind die Familien aber auch mehrfach von enormen Stressfaktoren belastet.

Deshalb habt ihr im letzten Jahr den Kulturklub gegründet, der speziell Kinderveranstaltungen vermittelt?

Anne: Wir haben letztes Jahr das Pilotprojekt auf St. Pauli gestartet und wollen jetzt unser Netzwerk, das auf Kinder und Familien ausgerichtet ist, auf andere Stadtteile ausweiten. Auf Seiten der Sozialpartner kooperieren wir beispielsweise mit der GWA auf St. Pauli, der Ganztagsschule im Viertel und mehreren Beratungsstellen für Familien. Für Kinder ist die kulturelle Teilhabe enorm wichtig und kann Weichen für die Zukunft stellen. Der Kulturklub will dazu beitragen, die bestehende sozial bestimmte Chancen-Ungerechtigkeit für Kinder auszugleichen.

 

„Wir bauen auf die Neugierde von Kindern“

 

Kultur hat dazu die Kraft?

Anne: Sie ist auf jeden Fall ein Teil des Pakets, das notwendig ist, um Kinder zu bestärken und aus ihrem Alltag herauszuholen, in dem sie oft mit schwerwiegenden Problemen konfrontiert sind. Beim Theater- oder Konzertbesuch finden sie vielleicht neue Anstöße zu Themen, die sie beschäftigen. Gleichzeitig haben sie einen Raum, ihre Erlebnisse zu reflektieren und eine neue Perspektive zu entdecken. Das kann den Bildungsweg weiter ebnen. Wir bauen auf die Neugierde von Kindern und hoffen, dass sie von dem Angebot profitieren und daraus etwas für ihre Zukunft mitnehmen.

Wenn schon das Verlassen des eigenen Stadtteils eine Herausforderung ist, wie schwer fällt es euren Gästen, ein Theater zu betreten?

Petra: Wir bekommen häufig mit, dass die Hemmschwelle da ist. Das ist auch der Grund, warum wir noch ganz altmodisch den Telefonhörer in die Hand nehmen und nicht online vermitteln. Viele unserer angemeldeten Kulturgäste würden ohne unseren Anruf nicht losgehen. Das liegt auch an teilweise ganz alten Bildern. Dass man zum Beispiel nur im Pelzmantel in die Oper gehen oder im Schauspielhaus keine Jeans tragen darf. Unser Team versucht im Vorfeld, die vorhandenen Schwellen ängste abzubauen und die Menschen zu motivieren, sich auf das Wagnis Kultur einzulassen.

KulturLeben Hamburg e.V.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburgerin des Monats – Navina Nicke von Safe Night

Laute Musik, Nebel, eine ungewollte Hand am Hintern – bei Übergriffen im Nachtleben sind Betroffene oft hilflos. Akute Unterstützung bei Gewalt-Erfahrung bietet in einigen Clubs der Verein Safe Night. Die Mitinitiatorin und Türsteherin Navina Nicke über stereotypische Erwartungen und wie harmlose Momente ganz schnell kippen können.

Interview: Hedda Bültmann
Beitragsbild: Jakob Börner

SZENE HAMBURG: Navina, wer steht hinter Safe Night?

Navina Nicke: Das ist ein Zusammenschluss aus vier Clubs und einigen Freien, wie ich. Mit dabei sind das Uebel & Gefährlich, Moloch, Hafen- klang und Kulturelles Neuland e. V., die den Südpol betreiben. Den Verein haben wir Mitte 2017 gegründet und wir vom Club-Plenum arbeiten seit zweieinhalb Jahren ehrenamtlich.

Warum nur vier?

Das sind die, die sich anfangs zusammengetan haben und Lust dazu hatten. Mittlerweile gibt es auch Anfragen von anderen Clubs, aber wir können momentan leider strukturell nicht noch mehr Clubs aufnehmen.

Wo hakt es?

Die Mitarbeiter der Clubs würden dann mit im Plenum sitzen, das sich re- gelmäßig tri , um zu besprechen, wie wir weiterarbeiten können. Das wäre ein noch größerer Orga-Aufwand. Und diese Clubs würden auch das Aware- ness-Team für seine Partys buchen. Außerdem würden wir auch die Mitarbeiter der Clubs schulen wollen zum Umgang mit sexualisierter Gewalt oder Handlungsstrategien bei Verdacht auf K.O.-Tropfen. Dafür haben wir aber zurzeit keine Kapazitäten.

 

„Ich weiß nicht, wie oft ich verfickte Feministin genannt wurde.“

 

Wofür ist das Awareness-Team auf Partys zuständig?

Das ist eine Dienstleistung, die wir anbieten und die ein Club buchen kann. Das Team ist verkürzt gesagt der Gegenpol zur Tür. Wenn in einem Club etwas passiert, gibt es eine gewaltausübende Person, die von der Tür rausgeschmissen wird. Aber es gibt ja auch eine betroffene Person, um die sich niemand im Club kümmern kann. Dafür ist das Awareness-Team da. Sie unterstützen Betroffene, wenn diese das möchten.

Wer ist das Awareness-Team?

Mittlerweile haben wir einen Pool von über 20 Leuten, die ausgebildet wurden in Krisenintervention und Gesprächsführung und die sich viel untereinander austauschen, wie sie Betroffene in Clubs unterstützen können.

 

„Wir helfen nicht nur Frauen.“

 

Wie kann man sich das vor Ort vorstellen?

Wenn das Team für eine Party gebucht wird, haben sie dort einen festen Stand. Dort können sie angesprochen werden, auch, wenn sich jemand generell für die Arbeit interessiert. Aber sie laufen im Club rum und sind durch ein leuchtendes A auf der Kleidung gekennzeichnet. Allerdings greifen sie nicht in akuten Situationen ein, sondern vermitteln den Leuten, dass sie da sind, wenn Unterstützung gewünscht wird. Es sind zweier Teams, die alle sechs Stunden wechseln.

Und welche Rolle spielt dabei Safe Night?

Der Verein kümmert sich zum einen um die Awareness-Teams und zum anderen veranstalten wir zukünftig Schulungen für Mitarbeiter der Clubs. Damit Leute vor Ort sind, die im Ernstfall vorbereitet sind. Die Bar zum Beispiel sieht am meisten, da sie am dichtesten am Dancefloor ist. Die Tür ist am weitesten weg, ist aber eigentlich dafür da, als erstes zu intervenieren, wenn etwas passiert. Deshalb ist es total wichtig, die Mitarbeiter zu schulen, wie sie bei Konflikten unterstützen können.

 

„Leider ist Gewalt schon lange normalisiert, auch im Kontext einer Party.“

 

Es scheint immer wichtiger zu werden, Frauen zu unterstützen …

Wir helfen nicht nur Frauen, es gibt auch Gewalt beispielsweise gegenüber Queers und Transmenschen. Viel Gewalt findet im Nachtleben statt, aber das war schon immer so. Nur wird das Bewusstsein dafür größer, Betroffene werden lauter und die öffentliche Aufmerksamkeit ist da. Dadurch werden dringend notwendige Diskussionen angestoßen. In der Vergangenheit wurde darüber einfach nicht geredet.

Aber im Nachtleben scheint es eine besondere Dringlichkeit zu haben …

Partys sind ein sehr spezieller Raum, der sich unkontrollierbar anfühlt. Dort ist viel Nebel, laute Musik, die Leute sind berauscht und für manche ist es ein Freibrief, um an anderen Gewalt auszuüben. Die ist oft so normalisiert ist, dass sie nicht wahrgenommen wird, wie zum Beispiel die Hand am Hintern. Oft ist es ein vermeintlich geregelter Ablauf, man geht in eine Bar, trinkt, fängt an zu knutschen und dann versucht man mit irgendjemand nach Hause zu gehen. Das ist ein großer Teil von dem, was Leute vom Feiern wollen. Was aber auch zur Katastrophe führen kann.

Da es ab einem gewissen Punkt ausartet?

Leider ist Gewalt schon lange normalisiert, auch im Kontext einer Party. Es liegt an der weit verbreiteten stereotypen Vorstellung, wie es abzulaufen hat und die nicht auf Konsens ausgelegt ist. Männern wird vermittelt, wenn sie sich auf eine bestimmte Weise verhalten, dann passt das schon bei der Frau. Wenn nicht, dann ist sie eine Spaßbremse. Wir leben in einer Gesellschaft, die Männern jederzeit ermöglicht, Gewalt auszuüben, ohne dass dies irgendeine Form von Sanktionierung erfährt.

Scheitert das Finden eines Konsenses oft am Alkohol?

Es scheitert an den nicht gestarteten Versuchen. Es ist ein allgemeines gesellschaftliches Problem, dass in bestimmten Situationen vorausgesetzt wird, dass beide Parteien einverstanden sind und beide dasselbe wollen. Und klar,ab einem bestimmten Pegel ist es nicht mehr möglich, eine bewusste Entscheidung zu treffen.

Stimmt der äußere Eindruck, dass meist Männer auffällig werden?

Wenn es um sexualisierte Gewalt geht, ja, dann sind es meistens Männer, die gegenüber Nicht-Männern gewalttätig werden.

Wie reagieren Männer, wenn du, als weibliche Türsteherin, sie aus einer sexuell übergriffigen Situation raus aus dem Club ziehst?

Ich weiß nicht, wie oft ich allein gestern Nacht während meiner Schicht an der Tür, verfickte Feministin genannt wurde. Ich bekomme keine einzige Beleidigung ab, die nicht darauf abzielt, dass ich eine Frau bin. Letztens wurde ich Punkerfotze genannt und fand das mal eine Abwechslung (lacht).

 

„Die Tür ist das Medium, worüber der Club vermittelt, was für ein Ort er sein will.“

 

Wie wirkt sich die Türpolitik auf das Geschehen im Club aus?

Ich bemühe mich immer sehr, eine Anti-Rassistische und Feministische Türpolitik zu fahren und gucke, wie die Leute auf bestimmte Fragen von mir reagieren, wie sie überhaupt drauf sind, oder ob schon extrem betrunken. Die Tür ist das Medium, worüber die Kommunikation zwischen Club und Publikum stattfindet, wo der Club vermittelt, was für ein Ort er sein will. Einer, an dem sich alle Menschen wohlfühlen können, an dem darauf geachtet wird, dass alle miteinander respektvoll umgehen. Somit kann ich auch Einfluss darauf nehmen, welches Publikum im Laden ist oder aber auch als Argumentation, wenn ich jemanden rauswerfe.

Gibt es noch viele Türen, die anders handeln und denken als du?

Ich glaube, es gibt viele Orte, die sich dringend mit diesem Thema befassen sollten und das überhaupt nicht auf dem Radar haben, weil es einfach nicht Teil ihrer Philosophie ist.

Es muss also an beiden Seiten gearbeitet werden, die Einstellung der Gäste und der Clubs?

Genau. Die Philosophie der Clubs zeigt sich dann aber an vielen Stellen, wie beispielweise die Frauen-Männer- Quote beim Line-up. Das sind ganz viele Faktoren, die auf das gleiche abzielen aber sehr unterschiedlichen Einfluss auf die faktische Party haben.

Hat eure Arbeit in den Clubs schon etwas merklich bewirkt?

Ja. Vor allem erlebe ich es in dem Club, wo ich an der Tür stehe, und das Awareness-Team regelmäßig arbeitet. In dem letzten halben Jahr hat sich viel verändert. Anfangs war seitens der Gäste viel Neugierde da, aber auch ein kleiner Schock nach dem Motto: „Ist es hier so schlimm, dass ihr das braucht?“ Was nicht der Fall war, aber die Betreiber und die Mitarbeiter wollen, dass es den Gästen gutgeht und sie einfach eine gute Zeit haben können. Es ist eher wie ein Goodie obendrauf. Die Gäste haben es dann sehr schnell angenommen und mittlerweile es auch oft ein Kriterium für die Leute geworden, ob sie in den Club gehen oder nicht.

Safe Night e.V.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2019. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats – Hebamme Romana Dietrich

In Hamburg gibt es mehr Geburten, aber immer weniger Hebammen. Eine, die dabeibleibt, ist Romana Dietrich – trotz schwierigster Umstände.

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Michael Kohls

SZENE HAMBURG: Romana, die Betreuung nach einer Geburt durch eine Hebamme ist so wichtig, weil …

Romana Dietrich: Die Mütter haben ganz viele Fragen nach einer Geburt, vor allem zum Alltag, zum Handling mit dem Säugling wie Baden, Nabelpflege und so weiter. Zudem sollte die Rückbildung bis zu einem bestimmten Zeitpunkt kontrolliert werden sowie das Gewicht des Neugeborenen. Der Nachsorge-Frauenarzttermin findet ja erst sechs bis acht Wochen nach der Geburt statt. Bis dahin können einige Komplikationen auftreten. Wir organisieren quasi den Familienalltag etwas mit. Zwölf Wochen haben die Frauen auf die Nachsorge Anspruch.

 

Geburtsbetreuung: Ein großer Batzen an Fixkosten

 

Die Anzahl der Hebammen, die ihren Job ausführen, ist rückläufig. Warum?

Die Bezahlung ist ein großes Thema. Wir bekommen Pauschalen für die Wochenbettbesuche. Egal wie lange der Besuch dauert, es sind immer 38,46 Euro brutto pro Termin. Davon gehen natürlich noch alle Abzüge runter und laufende Kosten, wie zum Beispiel Fahrtkosten und Praxismiete. Wer Geburtshilfe macht, muss einen wahnsinnig hohen Versicherungsbeitrag zahlen, dadurch übernehmen nur noch wenige Kolleginnen freiberuflich Hausgeburten oder arbeiten als Beleghebamme. Denn die über 8.000 Euro im Jahr für die Haftpflichtversicherung muss man erst mal aufbringen können.

Ich übe keine Geburtshilfe aus und zahle deshalb nur knapp 600 Euro im Jahr. Aber dazu kommen noch 500 Euro, die wir jährlich in den Deutschen Hebammenverband einzahlen müssen. Das ist schon mal ein großer Batzen an Fixkosten.

Kann man überhaupt von dem Job leben?

Dieser Job lohnt sich in Teilzeit fast gar nicht mehr, weil man mehr Ausgaben als Einnahmen hat. Um davon leben zu können, muss man eigentlich Vollzeit arbeiten, denn die Kosten für die Versicherungen bleiben gleich hoch, egal ob man 20 oder 40 Stunden arbeitet. Nur Vollzeit ist für Frauen, die selbst Kinder haben, oft nicht möglich.

Der Hebammenverein hat eine Landkarte der Unterversorgung veröffentlicht. Wie sieht es in Hamburg aus?

Jede vierte Frau in Hamburg ist nach der Geburt ohne Hebamme. Was dazu führt, dass sich alle sehr früh bei uns in der Praxis melden, in der Regel in der sechsten Schwangerschaftswoche. Es gab auch schon Paare, die bei uns Kapazitäten angefragt haben, obwohl sie erst in der Planung der Schwangerschaft waren, was schon makaber ist.

Das klingt nach Druck, da ihr ja auch nur ein begrenztes Zeitkontingent habt?

Ja, das stimmt. Es kommen immer mehr Frauen auf uns zu. Wir versuchen unserer Kapazitäten zu erweitern, aber haben natürlich unsere Grenzen. Im Sommer habe ich zehn Wochen am Stück durchgearbeitet und war am Ende. Ein Wochenbettbesuch nach der Geburt ist von den Krankenkassen mit 45 Minuten angesetzt inklusive An- und Abfahrt. Das ist kaum machbar, dann hat man etwa 20 Minuten Zeit für die Frau, was bei den ersten Besuchen nach der Geburt überhaupt nicht ausreicht. Wir dürfen 20 Besuche in den ersten zehn Tagen machen und legen aus praktischen Gründen oft zwei Termine direkt nacheinander und haben dadurch 90 Minuten.

 

„Das Kind bleibt dabei auf der Strecke“

 

Gibt es Alternativen, wenn man keine Hebamme zur Nachsorge findet?

Das ist das nächste Problem. Mittlerweile werden auch ambulante Wochenbett-Betreuungen angeboten, dazu müssen die Frauen mit ihren Neugeborenen in die Praxis kommen. Ein Modell gegen das ich strikt bin. Ich finde die Vorstellung furchtbar, dass die Mütter, gerade aus der Klinik zu Hause angekommen, ohne Plan und Alltagsabläufe, am nächsten Tag pünktlich da sein müssen. Das ist totaler Stress, der sich auch auf das Kind auswirkt, was dabei leider auf der Strecke bleibt.

Entweder lassen sich die Frauen darauf ein, oder sie vertrauen auf das Wissen ihrer Mütter, was in der Großstadt wiederum auch schwierig ist, weil viele ohne ihre Familien hier leben. Die Frauen sind nach der Geburt immer mehr auf sich alleine gestellt.

Und wie sieht es bei der Vorsorge aus?

Das ist in der Tat ein großes Thema. Wir Hebammen dürfen natürlich auch die Vorsorgen durchführen und erfüllen laut Mutterschaftsrichtlinien genau die gleichen Kriterien wie in einer Frauenarztpraxis, außer dem Ultraschall, für den wir keine Zulassung haben. Einige Frauen nehmen mittlerweile eine geteilte Vorsorge in Anspruch, bei dem jeder zweite Termin bei einer Hebamme stattfindet.

Warum ist das ein großes Thema?

Viele Gynäkologen lassen sich nicht auf eine geteilte Vorsorge ein, sondern bestehen darauf, dass diese bei ihnen in der Praxis stattfindet, weil sie sonst angeblich bestimmte Posten nicht abrechnen können und ihnen dann Geld im Quartal fehlt. Allerdings haben sie ein ganz anderes Abrechnungssystem als wir Hebammen und können die Leistungen auch deutlich anders erheben. Wir würden uns überhaupt nicht in die Quere kommen, aber die Praxen versuchen die Frauen an sich zu ziehen.

Ist die Versorgung in den Kreißsälen der Krankenhäuser besser?

Als Angestellte ist die Bezahlung noch schlechter als bei uns Freien und dazu kommt auch noch der Schichtdienst. Im Krankenhaus herrscht absoluter Hebammenmangel. Deshalb leidet auch die Qualität der Geburtshilfe immer mehr. Es ist teilweise so, dass eine Hebamme fünf Frauen parallel betreuen muss. Und das ist keine Betreuung mehr, sondern Abfertigung. Die werdenden Eltern sind unter der Geburt alleingelassen, denn zwar kommt die Hebamme in der akuten Phase rein, wenn es losgeht, aber davor wäre es ebenso wichtig, dass jemand da wäre, der hilft und unterstützt.

Unser Bundesgesundheitsminister will den Beruf der Hebamme akademisieren. Was bringt das?

Gar nichts. Das Hebammenwesen ist ein Handwerk, das man erlernen muss. Und man braucht dafür ganz ganz viel Praxis. Und es ist im Beruf egal, ob du in der Lage bist, irgendwas mit einer Studie zu belegen. Letztendlich kommt es darauf an, dass man in Situationen in der Geburtshilfe reagieren kann, oder ein schlechtes Kind im Wochenbett erkennst. Dabei hilft dir keine Theorie, das braucht ganz viel Erfahrung.

Verbessert sich die Bezahlung für Hebammen mit einem akademischen Abschluss?

Überhaupt nicht. Diese Akademisierung läuft ja schon, aber welchen Vorteil die Hebammen davon haben, steht noch überhaupt nicht fest. Außer, dass sie sich Bachelor of Science Hebamme nennen dürfen. Es gibt keine bessere Bezahlung, keine besseren Arbeitsbedingungen.

Also der falsche Ansatz?

Absolut. Die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen müssen attraktiver gestaltet werden. Als Hebamme bleiben deine Familie und Freizeit total auf der Strecke. Denn ich muss ständig an den Wochenenden, an den Feiertagen arbeiten, egal ob mein Kind oder mein Mann Geburtstag hat, ich muss immer los. Entweder man macht es mit Herzblut und steckt viel Energie rein, oder man sollte es bleiben lassen.

 

„Ich bringe es nicht übers Herz, die Mütter alleine zu lassen“

 

Kannst du das als Selbstständige nicht etwas steuern?

Ja klar, könnte ich das. Aber wenn eine Familie am Freitag aus dem Krankenhaus entlassen wird, was die Kliniken gerne machen, damit sie wieder einen Puffer haben, bin ich natürlich am Samstag und Sonntag bei ihnen zu Hause. Es gibt tatsächlich einige Kolleginnen, die strikt am Wochenende nicht arbeiten. Aber wenn ich mich in die Mütter hineinversetze, dann bringe ich es nicht übers Herz, sie alleine zu lassen.

Neben einer besseren Bezahlung, was würde den Beruf attraktiver machen?

In so einer großen Stadt wie Hamburg, müssten sich viele Hebammen zusammenschließen, um ein Vertretungsnetz zu bilden. Sodass man tatsächlich auch zwei Wochenenden im Monat freimachen könnte. Eine verbesserte Zusammenarbeit mit den Gynäkologen würde auch helfen.

Noch kurz zum Schluss: Was ist das Schöne an deinem Job?

Das Schöne ist, dass ich in einem ganz besonderen Moment oder einer oft ganz wichtigen Zeit für die Familien dabei sein darf und sie begleiten darf. Es wird mir oft emotional viel abgefordert, aber in den meisten Fällen bekommt man das doppelt wieder zurück, wenn ich merke, wie wichtig dieser Halt den Familien ist und wie viel Wert sie auch auf unsere Meinungen zu bestimmten Themen legen. Oft kommt noch mal eine Nachricht von den Eltern zum ersten Geburtstag des Kindes, in der sie zurückblicken auf die manchmal nicht so leichte Anfangszeit mit einem netten Danke.

Romana Dietrich arbeitet bei der Hebammenpraxis Amandastraße; www.hebammen-amandastrasse.de


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2018. Das Magazin ist seit dem 29. November 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats – Benjamin Wenke von Bracenet

„Save the seas, wear a net!“ Zwei Hamburger fertigen aus Geisternetzen, die aus den Ozeanen gezogen werden, zeitlose Armbänder. Wie diese dazu beitragen, die Meere zu retten, erzählt Benjamin Wenke im Interview

SZENE HAMBURG: Benjamin, wie ist das Ganze entstanden?

Benjamin Wenke: Auf die Idee kamen wir vor drei Jahren, als Madeleine und ich an der Ostküste von Afrika unterwegs waren. Wir sind dort häufig am Strand gewesen, sind viel geschnorchelt, getaucht, und wir haben da überall diese Fischernetze gesehen. Große, tief unter Wasser, aber auch Stücke am Strand. In allen Farben, wir waren wirklich überrascht, in welcher Farbenpracht es diese Netze gibt. In einigen hatten sich Schildkröten verfangen, es war grauenvoll, und da war uns klar, dass wir etwas tun wollten. Und dass es aber nicht reichen würde, Videos und Fotos ins Internet zu stellen – da sieht man dann zwar ein schockierendes Bild, scrollt aber weiter und hat das nächste lustige Katzenvideo auf dem Schirm, über dem man alles schon wieder vergisst. Wir haben also eine andere Idee gesucht.

 

„Irgendwann haben wir uns ein Stück Netz über das Handgelenk gelegt“

 

… und das waren dann die Armbänder.

Genau. Wir wollten etwas daraus herstellen, was genauso beständig ist wie die Netze selbst. Man kann daraus beispielsweise feines Yarn fabrizieren, das dann in Teppiche oder Polyester-Kleidung eingearbeitet wird. Bei uns sollte das Produkt aber noch als Netz erkennbar sein. Wir saßen also da in Afrika am Strand, haben gegrübelt und uns irgendwann ein Stück Netz über das Handgelenk gelegt. Da war gleich klar, wir machen Armbänder daraus: Bracenet – Save the seas. Wear a net. Und so war die Idee geboren.

Und dann?

Dann haben wir den Rest des Urlaubs damit verbracht, so viele Netze einzusammeln wie möglich. Im letzten Dorf, in dem wir waren, in Tansania, haben wir alles, was wir in den Rucksäcken hatten, verschenkt und diese mit Netzen vollgestopft. Zu Hause haben wir weiter zum Thema Geisternetze oder ghostnets recherchiert und landeten dann bei zwei Organisationen: Healthy Seas und Ghostfishing, die zwei größten niederländischen Meeresschutzorganisationen in diesem Bereich. Zu der Zeit gab es etwa 50 freiwillige Taucher, die regelmäßig Netze geborgen haben, vor allem in der Nordsee vor den Niederlanden und im Mittelmeer. Die haben wir dann kontaktiert und bei unserem Meeting war Healthy Seas direkt begeistert von der Idee.

 

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Und mit denen arbeitet ihr immer noch zusammen?

Ja, genau. Seitdem hat sich eine ganz, ganz enge Partnerschaft gefestigt. Wir gehen gemeinsam auf Bergungsfahrten von Netzen. Aus denen, die sich eigenen, stellen wir dann die Armbänder her. Zehn Prozent des Verkauf-Erlöses geht wieder an Healthy Seas zurück, damit noch mehr Geisternetze aus dem Meer geholt werden können. Mittlerweile können sie, unter anderem auch durch unsere Spenden, 150 Taucher beschäftigen, und es sind viel mehr Einsatzgebiete dazugekommen: im Libanon, in Neuseeland, in Griechenland.

Wie groß sind die Netze denn, die aus dem Meer gezogen werden?

Sehr unterschiedlich. Manches sind nur kleine Stücke, andere sind aber mehrere hundert Meter lang.

Wieso landen überhaupt so viele Netze im Meer?

Es gibt zwei Hauptursachen. Eine ist das absichtliche Versenken. Wenn die Netze so defekt sind, dass sie nicht mehr geflickt werden können, werden sie einfach über Bord entsorgt, ist ja am einfachsten. Oder, was immer häufiger der Fall ist: Weil sich die Fischbestände durch die Überfischung zurückziehen und sich bei Wracks oder an Riffen verstecken, folgen die Fischer ihnen. Und da ist die Gefahr, mit dem Netz hängen zu bleiben, natürlich um einiges größer. Aus Sicherheitsgründen muss das Netz dann gekappt werden, da das Schiff sonst kentern könnte. Melden tut das natürlich dann kaum einer.

Und wie wird aus den herausgefischten Netzen dann ein Bracenet? Die sind doch bestimmt total spakig, wenn sie aus dem Wasser kommen. Reinigt ihr die selber?

Da kommt unser dritter Partner ins Spiel, die norwegische Firma Nofir. Dort werden die Netze gesammelt, durchgewaschen und selektiert. Die wissen mittlerweile, welche Netze nur noch zum Recyceln taugen und welche wir gut verarbeiten können. Gut erhaltene Netze, in tollen Farben werden inzwischen direkt für uns zur Seite gelegt. Sobald ein Lkw in Richtung Deutschland fährt und noch einen freien Platz hat, mieten wir uns diesen an.

Ihr bastelt die Armbänder aber nicht mehr alle selber zusammen, oder?

Mittlerweile arbeiten wir mit vier Behindertenwerkstätten in Hamburg, Duisburg und Neumünster zusammen, die uns neben unserem eigenen achtköpfigen Team unterstützen.

 

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Gib mir mal eine Hausnummer, welchen Umfang hat das Ganze denn? In Netzen und Geld?

Wir haben mittlerweile knapp drei Tonnen Netze zu Armbändern verarbeitet. Und die letzte große Spende haben wir während der Fußball-WM auf der großen Bühne der Berliner Fanmeile übergeben, fünf Minuten, bevor das Deutschland-Spiel angefangen hat. Das waren 20.000 Euro an Healthy Seas. Und 4.000 Euro an Sea Shepherd, mit denen wir eine Kooperation zum Schutz der Schweinswale in der Ostsee hatten. Es gibt noch etwa 500 Schweinswale und da haben wir eine Special-Edition mit 500 Bracenets mit Schweinswal-Anhänger hergestellt, wovon pro Stück jeweils acht Euro an die Organisation gingen.

Wer kauft denn so ein Bracenet?

Ein großer Teil wird über unsere Website oder über unsere Retailer erworben, die sich eines bestellen. Es gibt aber auch viele Firmen, die auf uns zukommen. Vor kurzem haben wir Bracenet zum Beispiel bei der Otto-Group und dem Forschungsinstitut Senckenberg vorgestellt und auf das Problem der Geisternetze und der Vermeidung von Plastik aufmerksam gemacht. Auch mit der Körber Stiftung haben wir zusammengearbeitet. 2017 haben wir ein Event zum Schutz der Ozeane begleitet, bei dem bundesweit 600 Schüler teilgenommen haben. Jeder Schüler trägt seitdem ein Bracenet und so konnten wir bei der sehr wichtigen jungen Generation auf das Problem der Meeresverschmutzung aufmerksam machen.

Ihr versucht also nicht nur, über den Verkauf der Bracenets Spenden zu generieren, sondern auch das Bewusstsein der Menschen für das Problem zu schärfen?

Ja, genau, und auch bei unseren Firmenkunden. Wir versuchen immer, gemeinsam mit ihnen zu überlegen, wie auch sie selbst ein Stück nachhaltiger agieren können. Zum Beispiel gehören aktuell 16 große Airlines zu unseren Kunden, die Bracenets in ihren Bordshops verkaufen. Nun sind Airlines ja aber nicht ganz unschuldig an der Umweltverschmutzung und deshalb haben wir in Gesprächen gemeinsam nach Lösungen gesucht, wie sie grüner werden können – wenn das Thema Nachhaltigkeit wichtig ist, reicht es nicht, nachhaltige Produkte zu vertreiben. Wir wollten nicht, dass sie sich sozusagen von ihrer Verantwortung freikaufen, indem sie Bracenets anbieten.

Was sind das für Lösungen?

Island Air beispielsweise bringt jetzt den ersten Flieger in die Luft, der komplett plastikfrei sein wird, ohne Plastikbesteck oder -becher. Und die Netze an den Sitzen, in denen die Zeitschriften aufbewahrt werden, könnten künftig aus unseren Geisternetzen bestehen. Insgesamt verlagert sich unser Schwerpunkt immer mehr in Richtung Prävention, damit gar nicht so viele Netze in den Ozeanen landen. Damit verbringen wir immer mehr Zeit, mittlerweile fast 50 Prozent.

Was tut ihr da so?

Wir haben zum Beispiel zwei Studenten, die ihre Master-Thesis aufgrund von Bracenet zu dem Thema „präventive Arbeit“ schreiben. Die entwickeln ein Netz, das trackbar ist und sich wesentlich früher auflöst als ein herkömmliches und somit eine geringere Gefahr für die Meerestiere darstellt – die Netze, die bislang verwendet werden, zerfallen erst nach 600 bis 800 Jahren, und auch dann nur zu Mikroplastik. Diese neuartigen Netze werden wir mit einer irischen, nachhaltigen Fischerei testen, mit der wir bereits zusammengearbeitet haben.

Die Fischer stehen dem Ganzen also auch positiv gegenüber?

Manche. Wir versuchen, die beiden Welten miteinander zu vernetzen, und das gelingt immer besser. Mittlerweile gibt es sogar Fischer, die sich bei uns oder einem unserer Partner melden und uns ihre alten Netze anbieten, statt sie wie bisher im Meer zu versenken. Oder es gibt Familien, die von uns gehört haben, und im Urlaub am Strand Netze sammeln.

 

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Wart ihr schon vorher im Umweltschutz tätig?

Nein. Ich war zuletzt bei Bosch und habe da das Marketing für zwei Startups in der Automotive-Industrie geleitet. Und Madeleine war Head of Art Buying bei BBDO, einer großen, internationalen Kommunikationsagentur.

Der Background war bestimmt nützlich …

Ja, auf jeden Fall. Wir hatten Bracenet nebenberuflich als Herzensprojekt, gestartet bei dem wir etwas Gutes tun konnten. Und standen dann aber irgendwann am Scheideweg: Sollten wir das Ganze weiter nebenbei laufen lassen, mit Nachtschichten, weil es doch immer mehr wurde. Oder ob wir unser Erspartes, was eigentlich für eine Weltreise nach unserer Hochzeit gedacht war, in Bracenet investieren, unsere Jobs kündigen und das ohne zu wissen, ob alles klappt, wie wir es uns gewünscht haben.

Und es passiert offenbar einiges. Aber warum habt ihr keinen Laden, in dem ihr die Bracenets verkauft?

Das würde eine Unmenge Geld für Miete, Inventar und Personal kosten. Das wollen wir nicht, denn für die Summe kann man eine Menge Netze aus den Ozeanen holen. Aber wir haben mittlerweile viele Partner, Juweliere und vor allem auch Surf- und Tauch- Shops, die Bracenets verkaufen. Das ist für uns die bessere Lösung.

Interview: Maike Schade
Foto: Bracenet

Hier werden Bracenets verkauft: Ringe Anke Baumgarten, Colonnaden 43 (Neustadt); bracenet.net



 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2018. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Ines und David vom Welcome Dinner – Hamburger des Monats

Sich einfach mal kennenlernen, hilft sich zu verstehen, finden Ines und David. Dafür organisieren sie „Welcome Dinner“, um Hamburger und Geflüchtete für einen Abend an einen Tisch zu bringen.

SZENE HAMBURG: Ines und David, nach drei Jahren und mehr als 2.500 Dinner, die ihr organisiert habt, welche Bilanz zieht ihr?

David: Ich bin stolz darauf, was Welcome Dinner geleistet hat. 2.500 Dinner bedeuten etwa 10.000 Hamburger, Einwohner und Gäste, die mitgemacht haben. Davon haben sich laut unserer Umfrage mehr als die Hälfte der Teilnehmer ein zweites Mal oder öfter wiedergetroffen. Es sind Freundschaften und Beziehungen entstanden. Das hat eine enorme Wirkung.

Ines: Ich bin beeindruckt, wie viele Hamburger mitgemacht haben, dass so viele Leute bereit waren, zu sich nach Hause einzuladen. Denn das ist ja was sehr Persönliches. Und wir Deutschen sind oft keine großen Gastgeber und laden nicht wie in anderen Ländern sofort zu uns nach Hause ein. Aber auch, dass die Erlebnisse so positiv waren, hat mich überrascht. Als wir gestartet sind, habe ich eigentlich damit gerechnet, dass es auch mal heikel werden könnte.

Gab es noch nie Schwierigkeiten?

Ines: Nichts Gravierendes. Natürlich gab es mal Rückmeldungen, dass es dem Gast nicht geschmeckt hat oder dass er zu spät war. Es kam auch schon mal vor, dass Gäste kurzfristig abgesagt haben. Aber die allermeisten Dinner laufen sehr gut. Um Missverständnisse zu vermeiden, raten wir jedem Gastgeber, vorher kurz mit dem Gast zu sprechen. Wir schicken den Gastgebern vorab auch ein PDF mit Tipps, zum Beispiel steht da, was Halāl bedeutet. Aber Flüchtlinge definieren Halāl so unterschiedlich. Einige trinken sogar Alkohol, obwohl sie „halal“ angekreuzt haben.

Wie wird man Gastgeber?

David: Das geht ganz einfach. Auf unserer Internetseite kann sich jeder, der möchte, mit einem Wunschtermin eintragen. Wir melden uns dann etwa vier Tage vor dem Dinner und vermitteln den Gast. Es soll für alle einfach sein. Es reicht, beim üblichen Abendbrot einfach zwei Teller dazuzustellen. Es geht nicht darum, ein üppiges Essen zuzubereiten. Es zählt die Geste und das Zusammenkommen.

Ines: Die Dinner haben schon in verschiedensten Locations stattgefunden, bei Familien, einmal haben Bewohner eines Seniorenzentrums eingeladen, WGs, Firmen, Schulklassen. Zwar ist unser Ansatz, dass die Leute nach Hause einladen, weil es ein starkes Zeichen ist, die eigene Tür zu öffnen, aber wir sind offen für alles.

Ihr habt sicherlich auch Dinner bei euch veranstaltet?

David: Am Anfang haben wir einige Dinner gegeben und uns mit einer Familie, die wir darüber kennengelernt haben, oft getroffen. Aber wir haben uns schnell darauf konzentriert, all unsere Kapazität in Welcome Dinner als Organisation zu stecken. Weil wir da einen viel größeren Hebel unserer Wirkung haben.

 

„Das große politische Problem wird plötzlich menschlich“

 

Ines: Uns fehlte irgendwann die Zeit, weil wir so viel organisieren und auch das Team zusammenhalten und entwickeln wollten. Wir konnten jetzt gerade zwei Minijobber einstellen mit Geldern, die wir von der Robert Bosch Stiftung bekommen haben und mithilfe eines Preisgeldes der Google Impact Challenge. Wir erhoffen uns durch die zusätzliche Arbeitskraft, dass das Welcome Dinner noch mal einen Push bekommt. Denn momentan gibt es viel mehr Flüchtlinge, die gerne teilnehmen würden, als angemeldete Gastgeber.

Kann ein einzelnes Abendessen überhaupt etwas bewirken?

David: Das Abendessen dreht alles. Das große abstrakte politische Problem wird plötzlich menschlich. Die Hamburger haben nach den Begegnungen nicht mehr „die Flüchtlingswelle“ und „die Flüchtlinge“ im Kopf, sondern „ihren Mohamed“, von dem sie genau wissen, aus welchen Gründen er nach Deutschland gekommen ist. Sie kennen dann einen konkreten Menschen mit seinen Problemen, seinen Stärken und Schwächen. Wenn wir die Menschlichkeit in das Thema reinkriegen, haben wir gewonnen. Und dann können wir auch alle politischen Fragen diskutieren.

Ines: Für viele war der Abend horizonterweiternd. Die meisten Flüchtlinge finden es toll, eine deutsche Wohnung und ein deutsches Abendessen kennenzulernen und die Möglichkeit zu haben, einfach mal Fragen zu stellen und ihr Deutsch zu üben. Viele erzählen uns, dass sie seit Jahren hier leben, aber noch nie eingeladen wurden. Und dass der Abend für sie der schönste seit ihrer Ankunft war. Auch die Flüchtlinge sind verunsichert, was die Deutschen von ihnen denken. Die Stimmung ist aufgeheizt und es steht so viel in der Presse.

Also Integration auf kleinster Ebene …

Ines: Es stärkt das Verständnis füreinander. Wir sagen nicht, dass alles rosig ist, aber wir alle sind Menschen mit Problemen und Sorgen. Natürlich kann man auf politischer Ebene für Abschiebungen sein, aber der Mensch dahinter sollte trotzdem gesehen, seiner Geschichte mitfühlend begegnet werden, unabhängig von der politischen Meinung. Wir wollen das Menschliche im Miteinander stärken.

Braucht es dies vermehrt in Hamburg?

Ines: Es hat sich schon sehr viel in Hamburg und ganz Deutschland verändert. Es gibt viel Schwarz-Weiß-Denken, viel Ablehnung und auch Hass.

 

„Empathie wird schnell mit Naivität gleichgesetzt“

 

Woran machst du das fest?

Ines: Das, was Leute bereit sind zu sagen, und was mittlerweile toleriert wird, hat sich stark ausgeweitet. Gerade die „Merkel muss weg“-Demos zeigen auch, dass Hamburg nicht nur bunt und tolerant ist, sondern, dass die Stadt auch eine andere Seite hat.

David: Die Debatten sind viel schärfer und die Gräben sind tiefer geworden. Ich bemerke in jeder Diskussion eine Aggressivität, die es oft nicht mehr zulässt, dass man am Ende zusammen ein Bierchen trinkt, wie es früher möglich war. Egal, welche politische Meinung jeder hat.

Ines: Vor allem die Empathie geht momentan verloren. Jeder sollte anderen Menschen mit Respekt begegnen und erst einmal zuhören. Dann kann man sich immer noch eine Meinung bilden. Aber Empathie wird schnell mit Naivität gleichgesetzt. Und Verständnis mit Gutmenscherei. Das ärgert mich sehr oft.

Wer setzt das gleich?

Ines: Die Menschen, die skeptisch gegenüber Flüchtlingen sind, und die wir versuchen zu überzeugen, bei Welcome Dinner mitzumachen.

Kann man diese überzeugen?

Ines: Ja, wir haben auch schon öfter erlebt, dass den Leuten, die anfänglich skeptisch waren, ein Treffen die Augen geöffnet hat. Sie haben verstanden, womit die Menschen, die hierherkommen, zu kämpfen haben.

Liegt es an dem geschützten Raum, in dem die Dinner stattfinden?

Ines: Man muss schon sehr gefühlskalt sein, wenn man seinem direkten Gegenüber sagt: „Ich lehne dich ab.“ Diese Ablehnung passiert meist auf einer abstrakten Ebene, denn da ist es einfach.

David: Wir fordern gerade auch Menschen auf, ein Dinner zu geben, die kritisch gegenüber Grenzöffnungen sind. Denn auch die Menschen, die nicht Hurra schreien, wenn Merkel sagt, „Wir schaffen das“, sollten einen Abend lang mal ihr Herz aufmachen, denn am Ende des Abends sind sie schlauer und reicher.

Ein anderes Thema. Ihr habt euch für den Deutschen Nachbarschaftspreis beworben, der Anfang September an 48 Stunden Wilhelmsburg ging. Bis vor Kurzem war Horst Seehofer Schirmherr. Findet ihr den Gedanken nicht absurd, möglicherweise einen Preis entgegenzunehmen, dessen Schirmherr für Abschottung steht – also entgegengesetzt eurer Ziele?

Als wir uns beworben haben, stand noch nicht fest, dass Seehofer Innenminister und damit Schirmherr wird. Aber wir haben ein Ziel, das wir verfolgen, und finden das wichtiger als Herrn Seehofer. Und wenn uns die Nominierung für diesen Preis mehr Gastgeber bringt, lassen wir uns nicht von einem Herrn Seehofer ablenken, der meint, er müsse sich mit populistischen Sprüchen profilieren. Auf die Schirmherrschaft haben wir reagiert, indem wir ihn eingeladen haben, ein Dinner zu geben. Leider haben wir noch keine Antwort bekommen.

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Michael Kohls

Anmeldungen und weitere Infos unter www.welcome-dinner.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2018. Das Magazin ist seit dem 29. September 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats – Jennifer Schulze a. k. a. Maku Gold

Die Tänzerin Jennifer Schulze a. k. a. Maku Gold war Deutsche Meisterin sowie Europameisterin im Breakdance, ist Theater-Choreografin und bringt seit Jahren Kindern und Jugendlichen das Tanzen bei. Ein Gespräch mit der 24-Jährigen über HipHop als Möglichkeit zur Selbstverwirklichung.

SZENE HAMBURG: Jenny, kann Breakdance die Welt bewegen?

Jenny Schulze: Definitiv!

Inwiefern?

Breakdance ist ein Element der HipHop-Kultur, und im HipHop geht es darum, aus dem, was man macht und ist, etwas Neues zu schaffen. Das ist bewegend, und wenn man es größer fast: weltbewegend.

Du hast als 13-Jährige mit dem Tanzen angefangen. Hattest du damals schon große Ambitionen?

Ja. Ein Jahr später war ich bereits deutschlandweit auf Bühnen unterwegs, drei Jahre später habe ich erste Tanzkurse gegeben, und mit 19 habe ich mich selbstständig gemacht.

Klingt extrem ehrgeizig. Woher kommt das?

Ich habe Sport schon mit vier Jahren leistungsbezogen betrieben, damals war es Rhythmische Sportgymnastik. Mit neun habe ich angefangen, Fußball zu spielen, auch als Leistungssport, weil ich mal etwas nicht so klischeehaft Mädchenmäßiges machen wollte. Mein Zimmer war zwar rosarot, doch beim Sport wollte ich kein typisches Mädchen sein, sondern mit den Jungen auf einer Stufe stehen.

Harte Schale, weicher Kern?

So war es früher, in der Pubertät gab es damit aber einen Bruch. Seitdem kam ich auch nach außen meiner Identität als Mädchen näher.

War das in der Zeit, in der du HipHop für dich entdeckt hast?

Genau. Bei einer Workshop-Woche, wo ich außer dem DJing alle HipHop-Sparten ausprobieren konnte, also Rap, Graffiti und Breakdance. Nach drei Tagen habe ich meinem Trainer gesagt: Ich will für immer Breakdance machen! Fußball lief allerdings noch parallel, und so hatte ich achtmal Training pro Woche.

Wann und warum hast du mit dem Fußball aufgehört?

Ich wurde gerade zu den Damen hochgeholt, als mein Fußball-Trainer starb. Kurz vor seinem Tod hat er zu mir gesagt: „Mache eine Sache zu hundert Prozent, also entscheide dich: Fußball oder Breakdance?“ Er hat mir ein Jahr Zeit gegeben, und nach nicht ganz einem Jahr entschied ich mich für Breakdance …

… bei dem du bis heute geblieben bist. Wie sieht dein Alltag als Tänzerin und Tanzlehrerin heute aus?

Neben Training, Auftritten und Battles gebe ich montags bis freitags zehn Nachwuchskurse an Schulen, Tanzschulen und Häusern der Jugend. Weil ich weiß, dass man viel vom Tanzen hat, wenn man früh anfängt. Ich setze also auf Nachhaltigkeit.

Und auf soziale Aspekte. U. a. unterrichtest du Tanzen an einer Blindenschule.

Das wollte ich unbedingt machen. Ich ging deshalb zum Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte. Dort ist es eine ganz andere Arbeit, als ich sie sonst mache. Ich muss viel sprechen, viel anleiten, auch in Berührung mit den Schülern gehen. Einmal hatte ich einen Schüler, der mich nach einem halben Jahr Unterricht fragte: „Hey, Jenny, kannst du eigentlich sehen?“

Wie sah der Unterricht mit ihm konkret aus?

Er war lange Zeit klein und verhalten, ist wie eine Maus über den Schulhof getapst. Dann habe ich ihm einen Raum zum Tanzen abgesteckt – und er ist voll aus sich herausgekommen. Weil er wusste: Dort passiert ihm nichts, dort kann er er selbst sein, und er wollte bald am liebsten nichts anderes mehr machen.

Den Gewinn von Selbstsicherheit durch Tanzen kennst du bestimmt auch.

Sport an sich gibt einem ja viel Halt, aber das Tanzen, bei dem man nicht immer eine Mannschaft im Rücken hat, ist schon eine große Herausforderung. Ich war lange Zeit schüchtern, musste beim Tanzen aber immer wieder in Kreisen und auf Bühnen performen, also vor anderen zeigen, was ich gelernt hatte. Das hat mich selbstsicher gemacht.

Was hast du vom Tanzen noch gelernt, das du jetzt anderen lehrst?

Wie man auf Augenhöhe mit Menschen umgehen und sie abholen kann. Dafür bin ich sehr dankbar.

Interview: Erik Brandt-Höge
Foto: Michael Kohls


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


 

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