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Die schönsten Weihnachtsmärkte der Stadt

Viele zieht es in der Vorweihnachtszeit nach draußen, nicht weil es etwa schön ist oder des Public Viewing zur Wüsten-WM ruft, sondern weil das Treffen mit Freund:innen und Familie auf dem Weihnachtsmarkt einfach dazugehört. Hier kommen zehn Märkte in und um Hamburg, die auch abseits der großen Klassiker einen Besuch wert sind

 

Adventsmesse Koppel 66

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Direkt bei Künstler:innen kaufen und Handwerk erleben, das geht am besten auf der Adventsmesse der Koppel 66 (©Michael Marczock)

Am 25. November ist es wieder so weit: Die Adventsmesse in der Koppel 66 öffnet wieder ihre Türen. An den vier Adventswochenenden präsentieren in diesem Jahr 55 Aussteller:innen jeweils freitags bis sonntags, von 11 bis 19 Uhr, ihre handgefertigten Taschen, Schmuck, Skulpturen, Leuchten, Schuhe, Textilwaren und vieles mehr. Auf drei Stockwerken und in den zwölf Ateliers der Koppel 66 finden die Besucher:innen Inspiration und vielleicht auch das ein oder andere Weihnachtsgeschenk. Zur Eröffnung am 26. November verleiht die Koppel um 15.30 Uhr ihren Förderpreis, mit dem besondere handwerkliche und gestalterische Fähigkeiten der Gastaussteller:innen honoriert werden. 14 Tage später, am 10. Dezember, findet ab 12 Uhr eine Kunst-Design-Tombola statt, zu der ausgewählte Unikate der Aussteller:innen verlost werden. Und jeden Sonntagnachmittag begleitet Livemusik die Besucher:innen über die Messe. Der Eintritt kostet 3 Euro pro Person (Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren haben freien Eintritt)

🎄 Adventsmesse Koppel 66: An den vier Adventswochenenden, Freitag bis Sonntag, jeweils von 11 bis 19 Uhr in der Koppel 66

 

Barmbeker Weihnachtsmarkt

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Ökologisch und voller schöner Schätze: der Öko-Weihnachtsmarkt am Museum der Arbeit (©Markt&Kultur)

Kleiner aber oho, so könnte man den Barmbeker Weihnachtsmarkt beschreiben. Der kleine Markt auf der Piazzetta-Ralph-Giordano unweit des U- und S-Bahnhof Barmbek ist ein echter Nachbarschaftstreff. Hier gibt es klassisch Glühwein und Bratwurst, aber auch der Spanferkelburger macht richtig satt. Dazu kommt allerlei Süßes von Crêpes über Mandeln bis zur klassischen Weihnachtsbäckerei. Wer nicht gerade einen Weihnachtsbaum shoppen geht, kann es sich in einer der beiden behaglichen Scheunen gemütlich machen – einer der kleinen klassischen Weihnachtsmärkte eben.
Ein besonderes Highlight im Stadtteil erwartet die Besucher:innen am ersten Adventswochenende: Gleich um die Ecke, vor dem Museum der Arbeit, ist vom 25. bis 27. November wieder Zeit für den ökologischen Weihnachtsmarkt. Hier gibt es ein großes Angebot an bestem Kunsthandwerk und leckerstem Bio-Essen. Wer nicht darauf warten will, kann ab jetzt bis Weihnachten immer von Freitag bis Sonntag (jeweils 16–21Uhr) Glühwein beim Kleinen Onkel des LüttLiv genießen.

🎄 Barmbeker Weihnachtsmarkt: Piazzetta-Ralph-Giordano, 17. November bis 30. Dezember, Mo–Sa 12–21 und So 12– 20 Uhr 
🎄 Ökologischer Weihnachtsmarkt
: Museum der Arbeit, 25. bis 27. November, Fr. 14–18, Sa 10–19 und So 19–18 Uhr

 

Bergedorfer Weihnachtsmarkt

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Der Bergedorfer Weihnachtsmarkt, das ist skandinavisches Winterfeeling pur (©Bergedorfer Weihnachsmarkt)

Bergedorf ist bei vielen Hamburger:innen völlig zu Unrecht nicht so richtig präsent, dabei hat der Stadtteil im Südosten eine wunderschöne Altstadt und bringt mit einem schönsten Weihnachtsmärkte der Stadt nordisch, kuschliges Feeling in die kalte Adventszeit. Von der Fußgängerzone bis zum Schloss Bergedorf gibt es vom 21. November bis 30. Dezember Lagerfeuer, rote Holzhütten und viel Gemütlichkeit. Denn der Bergedorfer Weihnachtsmarkt verwandelt alles in ein skandinavisches Weihnachtsmärchen. Dabei geht es auch kulinarisch nordisch zu. So gibt es von Lussebulle (weiche Brötchen mit Safran) über Æbleskiver (kleine dänische Lebkuchenpfannkuchen) und Risalamande (dänischer Milchreis mit Mandel) bis hin zu Köttbullar und norwegischem Flammlachs nahezu alles, was das Herz begehrt. Und wer ein bisschen genauer hinschaut, entdeckt versteckt im Tannenwald die Villa Kunterbunt, hier können Kinder basteln, backen und spielen.

🎄 Bergedorfer Weihnachtsmarkt: Von der Alten Holstenstraße bis zum Bergedorfer Schloss, vom 21. November bis 30. Dezember täglich 11–21 Uhr

 

Fleetinselweihnachtsmarkt

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Glühwein zwischen Elbe und Alster, das ist der Fleetinselweihnachtsmarkt (©Fleetinselweihnachtsmarkt)

Viele kennen die Fleetsinsel an der Stadthausbrücke vorm Biertrinken im Rheinischen Hafen oder weil sie mal im Steigenberger Hotel abgestiegen sind. Doch nicht nur zu Weihnachtszeit ist dieser Platz zwischen Alster und Elbe einer der schönsten der Stadt. Vom 21. November bis kurz vor Silvester ist hier der Fleetweihnachtsmarkt zu Hause. Die perfekte Alternative für alle diejenigen, denen die Weihnachtsmärkte am Rathaus oder Jungfernstieg zu trubelig sind. Neben Klassikern wie Glühwein gibt es auf der Fleetinsel auch zwei Segel-Oldtimer aus dem Museumshafen Oevelgönne, die im weihnachtlichen Lichterglanz erstrahlen. Während die Erwachsenen den Anblick der Segler bei einem Becher Glühwein genießen, kommen die Kinder bei einer Fahrt mit dem Kinderkarussell auf ihre Kosten.

🎄 Fleetinselweihnachtsmarkt: Fleetinsel an der Stadthausbrücke, 21. November bis 30. Dezember, Mo–Do 12–21, Fr–Sa 12–22 und So 12–21 Uhr

 

Harburger Weihnachtsmarkt

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Punsch in historisch-malerische Kulisse auf dem Harburger Weihnachtsmarkt (©WAGS Hamburg Events GmbH)

Auch Harburg hat zu Weihnachten eine historisch-malerische Kulisse zu bieten. Direkt vor dem 1892 erbauten Harburger Rathaus gibt es rund um die große Weihnachtstanne einen der größten Weihnachtsmärkte im Süden der Stadt. Hier duftet es nach Punsch, Schmlazgebäck und gebrannten Mandeln. Dazu gibt es täglich ein kleines Konzert, wenn der Sound der Turmbläser allabendlich über Markt schallt. Für die Kleinsten wird er Märchenhaft, wenn am 6. Dezember der Nikolaus vorbeischaut und die „Harburger Märchentanten“ die Kinder mit ihren Geschichten begeistern. Dazu gibt es natürlich auch allerlei Aktionen und verschiedenste Kunsthandwerker:innen und Vereine präsentieren sich auf dem Markt.

🎄 Harburger Weihnachtsmarkt: Auf dem Rathausplatz, 17. November bis 29. Dezember, Mo–Sa 11–21.30 und So 13–21.30 Uhr (Totensonntag 17 bis 21.30 Uhr & am 24./25.12. geschlossen)

 

Niendorfer Weihnachtsmarkt

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Hyggeligkeit am Tibarg: der Niendorfer Weihnachtsmarkt (©unsplash/Roman Kraft)

Wem Bergedorf zu weit ist, der findet in diesem Jahr auch wieder am Tibarg viel Hyggeligkeit. Die zur Weihnachtszeit von roten Holzhütten und skandinavischen Riesen-Tipis gesäumte Fußgängerzone am U-Bahnhof Niendorf-Markt lädt mit allerlei kulinarischen Köstlichkeiten zum Verweilen ein: Es gibt Deftiges, wie Germknödel, herzhafte Buchweizen Crêpes und leckere Bratwurst vom Schwenkgrill. Für die Süßen gibt es Schmalzkuchen, Nüsse und gebrannten Mandeln. Neu im Angebot sind 2022 die Dinkel-Pfannkuchen von „Goldmädchen“. Auch für die Kleinen ist am Tibarg so einiges geboten. Das Highlight ist dabei schon traditionell das nostalgische Kinderkarussell. Doch auch im neuen Wichtelwald gibt es einiges zu entdecken. Weihnachtsgeschenken stöbern können.

🎄 Niendorfer Weihnachtsmarkt: Am Tibarg, 23. November bis 24. Dezember, immer Mo–So 11–21 Uhr

 

Santa Pauli

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Geil, lecker und erotisch, das ist Santa Pauli (©Marius Röer)

St. Pauli ist anders und deswegen ist es auch nur logisch, dass es hier keinen der üblichen Weihnachtsmärkte gibt. Auf Santa Pauli, „Hamburgs geilstem Weihnachtsmarkt“, gibt es nicht nur ein StripZelt und Pornokaraoke. Hier wird auch Süßes mit Namen wie „Rotlicht-Ferkelei“ verkauft, es gibt anzüglichen Naschkram und wer will, kann auch das ein oder andere Spielzeug fürs Schlafzimmer erwerben. Das Highlight ist dabei aber die Atmosphäre selbst: Zwischen Stage Operettenhaus und Davidwache ist der Spielbudenplatz mit Holzspänen ausgelegt, was für warme Füße sorgt und die wohl beste Feuerzangenbowle der Stadt wärmt von innen. Besonders kuschelig wird es Jahr für Jahr auf dem Winterdeck auf der Bühne vorm Operettenhaus. Hier gibt es Glühwein und die traditionellen Apfelpunschsorten „Bordsteinschwalbe“ und „Nussknacker“.

🎄 Santa Pauli: Auf dem Spielbudenplatz, 14. November bis 23. Dezember, Mo–Mi 16–23, Do 16–24, Fr–Sa 13–1 und So 13–23 Uhr

 

Weihnachtsmarkt an der Apostelkirche

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Gemütlich und einfach schön: der Weihnachtsmarkt an der Apostelkirche (©Arne Buchholz & Stephan Bohn)

1894 erbaut, ist die Apostelkriche einer der Fixpunkte für die Menschen in Eimsbüttel. Nicht verwunderlich also, dass man hier zur Weihnachtszeit auch einen der schönsten Weihnachtsmärkte der Stadt finden kann. Hell erleuchtet strahlt die Kirche Abend für Abend im Viertel und lädt täglich ab der Mittagszeit auf seinen kleinen Markt. Hier gibt es neben allerlei Kunsthandwerk auch Musik, Lesungen und natürlich viel zu Essen und zu Trinken. Darunter die Klassiker wie Glühwein und Bratwurst, aber auch Flammkuchen, Waffeln, vegane Spezialitäten, gebrannte Mandeln, Schmalzgebäck und süßen, heißen Punsch. Für die Kinder ist dabei natürlich auch gesorgt.

🎄 Weihnachtsmarkt an der Apostelkirche: 17. November bis 22. Dezember, Mo–Mi 14.30–21, Do–Fr 14.30–22, Sa. 12–22 und So 12–22 Uhr

 

Winter Pride

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Anders und gerade deswegen the place to be: der Winter Pride (©Ahoi-Events)

Weihnachtsmärkte sind bunt und weit mehr als nur Last Christmas! Wer das nicht glaubt, kann sich bei der Winter Pride auf St. Georg überzeugen lassen. Neben einer bunten Glitzerdeko gibt es hier nicht die übliche Weihnachtsmusik, auf der Winter Pride sorgen jeden Freitag- und Samstagabend DJs für beste Weihnachtsstimmung. Dabei präsentieren sich hier viele Vereine und Gruppen aus der lesbisch-schwulen Community. Diese stehen von Montag bis Donnerstag auch für Gespräche bereit. Die größte Besonderheit bei der Winter Pride sind sicherlich die Miethütten. Drei Hütten warten täglich auf den Einzug kleiner und großer Gruppen zwischen 10 und 40 Personen. In diesem Sinne: Cheers!

🎄 Winter Pride: Lange Reihe/Ecke Kirchenallee, 21. November bis 20. Dezember, Mo–Do 12–22, Fr–Sa 12–24 und So 12–22 Uhr

 

Raus aus der Stadt: Weihnachten in Lüneburg

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Authentisch und ein echter Klassiker: der Historische Christmarkt in Lüneburg (©Mathias Schneide)

Auch südlich von Hamburg weihnachtet es. Besonders lohnt sich ein vorweihnachtlicher Ausflug nach Lüneburg. Einer der schönsten Weihnachtsmärkte Norddeutschlands wartet am Lüneburger Rathaus auf die Besucher:innen. In stimmungsvoll-winterlicher Atmosphäre gibt es allerlei Kunsthandwerk, duftende Lebkuchen und leckeren Glühwein. Natürlich dürfen auch Karussells und der Weihnachtsmann nicht fehlen. Ein besonderes Highlight sind die täglichen Weihnachtslieder, die vom Trompeter vom Turm des Alten Rathauses den Platz erfüllen.
Aber Weihnachten in Lüneburg wäre nichts ohne die reiche Historie der Stadt. So lädt der Arbeitskreis Lüneburger Altstadt e.V. auch 2022 am 3. und 4. Dezember wieder zum Historischen Christmarkt rund um die alte St. Michaeliskirche. 200 Mitwirkende in historischen Gewändern entführen die Besucher:innen in das Lüneburg des 16. Jahrhunderts. Fern ab von Lichterflut, Lärm und Kommerz gibt es hier Esskastanien, Schmalzbrot und Renaissance-Bratwurst.

🎄 Lüneburger Weihnachtsmarkt: rund ums Lüneburger Rathaus, 23. November bis 31. Dezember, Mo-Sa 10–20 und sonntags ab 11 Uhr
🎄 Historischer Christmarkt Lüneburg: St. Michaeliskirche zu Lüneburg, 3. Dezember von 12 bis 19 Uhr und 4. Dezember von 11 bis 17 Uhr

 

🎄🎄 PS: Noch mehr Weihnachtsmarkt-Tipps, gibt’s bei unseren Kolleg:innen vom Genuss-Guide Hamburg! 🎄🎄


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Lost Places – Eingestiegen in Ruinen

Sie sind verlassen, teils verfallen – und dennoch einen Besuch wert: Lost Places. Fünf Porträts von besonders spannenden, weil vom langen Leerstand gezeichneten Orten in und um Hamburg

Text: Erik Brandt-Höge, Anarhea Stoffel & Anna Schärtl

Stadtteilschule Stellingen

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In der Stadtteilschule Stellingen am Sportplatzring 73 ist die letzte Unterrichtsstunde schon eine Weile her… (Foto: Jasmin Tran)
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Ein Ausblick ohne Durchblick (Foto: Erik Brandt-Höge)

Abi-Scherze extrem? Revolution der Lehrer? Schlichtweg Vandalismus? Wer vor der Stadtteilschule Stellingen am Sportplatzring 73 steht, stellt sich allerhand Fragen. Eingeschlagene Turnhallenfenster, zertrümmerte Stühle und Tische auf dem Pausenhof, Graffiti-Kunst überall. Sport, Chemie, Physik, alle Fächer fallen hier wohl erst mal aus. Tendenz – für immer.

Seit zwei Jahren steht die Schule leer, wird seitdem von Partyvolk ebenso besucht und verziert wie von Insta-Abenteurern und Nachbarskindern, die den Gebäudekomplex für ausgedehnte Versteckspiele nutzen. Der Sprung über den Zaun ist schließlich nicht schwer. Der Gang durch eines der Zaunlöcher noch weniger. Ruck, zuck ist man drauf auf dem Areal, das enorm viel Spannung in sich birgt. Sind in den Chemiesälen noch die ein oder anderen Pulver für Experimente zu finden? Kommt man an Gratis-Bunsenbrenner? Ist vielleicht sogar eine der berühmten blauen Matten aus dem Kabuf im Sportbereich abzustauben? Von Diebstahl ist natürlich abzuraten. Er wäre zudem unmöglich. Die ganze Schule ist kernentrümpelt. Nichts mehr in den Schränken, nichts mehr auf dem Mattenwagen.

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Sport fällt aus (Foto: Erik Brandt-Höge)

Ein Besuch des Gebäudekomplexes, in dem einst die Sekundarstufe II der Stadtteilschule zu finden war (jetzt im Brehmweg 60), lohnt sich dennoch. Wo sonst kommt man so leicht an Nostalgiegefühle, an Erinnerungen an die eigene Schulzeit? Und wer weiß, wie lange das noch geht. Es heißt, ein Abriss für ein Neubaugebiet stehe an. 

Gummifabrik Harburg

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„Matador“ und „Triumph“ – nur zwei Namen der populären Kämme, die in der Gummifabrik Harburg hergestellt wurden (Foto: Anna Schärtl)

Über 200 Meter erstrecken sich die dreigeschossigen Backsteingebäude der Gummifabrik und werfen lange Schatten auf die Straßen. Sie passen gut in die Harburger Industrielandschaft. Doch je näher man auf die Gebäude zukommt, desto klarer wird: Was einst ein beeindruckender Industriebau war, verfällt mehr und mehr zur Ruine. Wenn massive Holzbretter den Blick in die Gebäude nicht gerade komplett versperren, findet man eingeschlagene Fenster und Löcher in den Fassaden. Wer sich reckt, um durch eine der zerschlagenen Scheiben zu schauen, entdeckt ein Mosaik aus Graffiti – einige Schriften schon verblasst, an anderen tropft fast noch die Farbe hinab. Durch die Gitter der Kellerfenster lässt sich erhaschen, wie die Räume mit Regenwasser volllaufen. Blätter und einige Plastikflaschen schwimmen auf dem Abwasser, der Putz an den Wänden bröckelt. So verfällt der Komplex, der einst Harburgs ganzer Stolz war.

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Aus dem einstigen Industriedenkmal ist eine Ruine geworden (Foto: Anarhea Stoffel)

1856 ist Hamburg die erste europäische Stadt mit einer Hartgummifabrik, das Patent für die Herstellung wurde gerade erst erworben. Unter Produktnamen wie „Hercules-Sägemann“, „Matador“ und „Triumph“ werden die Kämme der New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie (NYH) schnell bei Friseur:innen auf der ganzen Welt im Handel beliebt. Seit 1954 ist der Harburger Standort der NYH – die Fabrik in Barmbek wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt – für den Hauptteil der Produktion verantwortlich. Neue Gebäude werden errichtet, alte erweitert, die Flure der Fabrik sind voll mit Leben. Als die Produktion 2009 nach Lüneburg verlagert wird, hallt in den leeren Räumen nur noch die Frage nach: „Was wird jetzt aus der Gummifabrik?“ Bis heute ist das nicht geklärt. Über die vergangenen Jahre wechselte das Grundstück immer wieder den Besitzer. Denkmalschutz, Gesundheitsbehörde, die Stadtplanung Harburg und Investoren sind in einem ständigen Vor und Zurück, während die alten Mauern immer mehr an Halt verlieren.

Schilleroper

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Von der Schilleroper wird nur das denkmalgeschützte Stahlgerüst bleiben – und die Geschichten (Foto: Erik Brandt-Höge)

Unter dem Namen Circus Busch beginnt 1889 Geschichte der Schilleroper. Ihr Erbauer Paul Busch eröffnet den Zirkus mit einer Galavorstellung, doch das Zirkusprogramm ist nur von kurzer Dauer. Herr Busch zieht mit seiner Truppe weiter und das Bauwerk wird zu einem Theater umgebaut, indem 1905 mit der Premiere von Schillers „Wilhelm Tell“ das erste Stück auf die Bühne kommt. Zur Feier seines 100. Geburtstags im selben Jahr wird das Bauwerk kurzerhand in Schiller-Theater und später Schilleroper umbenannt. Das Haus zeigt bis in die 1920er-Jahre Inszenierungen mit namhaften Schauspielern wie Hans Albers. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wird der Theaterbetrieb eingestellt und das Gebäude zum Lager für italienische Kriegsgefangene.

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Seit März 2021 wird die alte Schilleroper abgerissen (Foto: Erik Brandt-Höge)

Nach Ende des Krieges dient die Schilleroper dann als Notunterkunft für Geflüchtete und später als Hotel. Als 1975 ein Brand große Teile des Gebäudes zerstört, ist erst einmal Schluss. Seither kann sich keine Idee für die Schilleroper wirklich durchsetzen. In den Neunzigern dient sie für kurze Zeit erneut als Geflüchtetenunterkunft. Jedoch sind die Bedingungen im bereits heruntergekommenen Gebäude so schlecht, dass es zu politischen Auseinandersetzungen kommt. Es folgt ein erfolgreicher Subkulturclub in den frühen 2000ern, seit 2006 ist der Bau jedoch absolut ungenutzt. Jegliche Zukunftspläne werden weiter abgelehnt. Weil die Eigentümerin kein Interesse an den Aufforderungen zur Sanierung zeigt, wird das Gebäude seit März 2021 Stück für Stück abgerissen. Das Stahlgerüst bleibt jedoch, denn es ist denkmalgeschützt. Die Schilleroper hat viele Leben gelebt, sie erzählt von vergangenen Zeiten. Und womöglich werden ihre Geschichten das Einzige sein, das von ihr bleibt.

Mausoleum Baron von Schröder/ Kretschmer

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Das Sonnenlicht scheint durch die verbliebenen Bleiglasfenster des größten Mausoleums Nordeuropas (Foto: Erik Brandt-Höge)

Es ist leicht, sich auf den verzweigten Wegen zwischen Kapellen, Gräbern und dem dichten Grün des Ohlsdorfer Friedhofs zu verlieren. Begibt man sich jedoch ein wenig auf die Suche, findet man die berühmten Mausoleen des Friedhofes, die Grabstätten der einflussreichsten Familien Hamburgs. Eine befindet sich direkt vor der Kapelle 7 und fällt besonders ins Auge. Sie ist größer als die anderen, aber auch deutlich verfallener: das Mausoleum Baron von Schröder/Kretschmer. Nah am bröckelnden Bauwerk steht die Marmorskulptur von Hugo Lederer „Das Schicksal“. Eine Frau, die zwei Menschen hinter sich her in den Tod zieht. Errichtet wurde das Mausoleum 1906 von Charles von Schröder, Sohn des Unternehmers Johann Heinrich von Schröder. Die Gruft blieb im Besitz der Familie Schröder bis zur letzten Beisetzung 1958. Dann passierte lange Zeit nichts mehr.

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Im Inneren macht sich das Moos über den ehemals verzierten Decken und Wänden breit (Foto: Erik Brandt-Höge)

Schließlich übernahm Investor Klausmartin Kretschmer im Jahr 2009 die Patenschaft für das Mausoleum. Er verpflichtete sich, den Bau zu sanieren und plante, dort verschiedene öffentliche Events zu veranstalten. Einige fanden auch statt, zum Beispiel eine Vorstellung des Vampir-Romans „Hymne an die Nacht“ von Sylvia Madsack im April 2014. Doch plötzlich stoppten die Bauarbeiten, ohne eine Erklärung. Heute steht das Mausoleum zwar noch, es bleibt aber fraglich, wie lange. Die Plane, die eigentlich das Dach bedecken sollte, ist abgefallen. Feuchtigkeit dringt ins Innere und lässt alles schimmeln.

Eine Grundsanierung würde mehrere Millionen Euro kosten, sich aber lohnen. Denn das größte Mausoleum Nordeuropas ist in seinem Bau einzigartig, die detaillierten Verzierungen aus Sandstein im Innenraum erzählen biblische Geschichten, genauso wie die bunten Bleiglasfenster, durch die sich das Sonnenlicht auf den gemusterten Steinboden fällt. All diese Details gehen aber durch den Verfall verloren, und so wird diese Grabstätte immer mehr zu einem unheimlichen Ort der Vergänglichkeit.

Pulverfabrik Düneberg

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Keine Fabrikarbeiter mehr in der Pulverfabrik Düneberg, dafür Graffiti-Kunst und Ausflügler:innen (Foto: Anarhea Stoffel)

Das Naturschutzgebiet Besenhorster Sandberge in Geesthacht ist idyllisch: Zwischen hohen Kiefern erstrecken sich weite Sanddünen, die von der Elbe flankiert werden. Die Dünen entstanden nach der letzten Eiszeit, als sich durch das abfließende Wasser Sand in den Wäldern ablagerte und aufgeweht wurde. Neben der einzigartigen Natur fällt hier noch etwas ins Auge: alte Ruinen voll bunter Graffiti-Kunst. Wie Schatten tauchen sie immer wieder zwischen den Baumgruppen auf. Es sind die Reste eines ehemaligen Fabrikgeländes, das als solches kaum noch zu erkennen ist. 1876 gründet Max von Duttenhofer die Pulverfabrik auf Land, das er von Otto von Bismarck pachtet. Im Ersten Weltkrieg wird vor allem Schwarzpulver produziert. Die Fabrik beschäftigt zu diesem Zeitpunkt mehr als 20.000 Menschen.

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Wo früher Schwarzpulver produziert wurde, hat heute die Natur übernommen (Foto: Anarhea Stoffel)

Das Gelände wird zwar nach dem Krieg stillgelegt, um 1934 nimmt die Produktion in der NS-Zeit aber wieder Fahrt auf. Der Bedarf an Schwarzpulver ist hoch. Im Zweiten Weltkrieg wird die Anlage sogar um einige Gebäude erweitert, im April 1945 jedoch durch Bombenangriffe zerstört. Ab dann geht alles ganz schnell: Nach Kriegsende werden die Anlagen abgebaut, gesprengt, später entseucht. Seitdem sind sie vollständig der Natur überlassen. Heute sind die Ruinen ein beliebtes Ziel für Graffiti-Künstler:innen. Ihre grellbunten Werke sind das Einzige, dass die Betonreste noch von der Natur abhebt. Auf den Dächern der ehemaligen Werkstätten wachsen Bäume in die Höhe. Ab und zu übt noch das Technische Hilfswerk in der ehemaligen Fabrik für ihre Katastrophenschutzeinsätze. Ansonsten herrscht Ruhe in den Besenhorster Sandbergen. Nur einige Spaziergänger:innen und Reiter:innen haben das Gebiet noch auf ihrer Route. 

Die fünf Lost Places in der Übersicht:


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„Wo ist denn die Wohnung, in die die Menschen ziehen sollen?“

Der Sozialverband Deutschland setzt sich als Lobbyist für eine bessere Sozialpolitik ein. Was Armut verursacht, die soziale Spaltung vergrößert und was sich ändern muss, erzählt Klaus Wicher, Landesvorsitzender Hamburg und Mitglied im Bundesvorstand

Interview: Hedda Bültmann 

SZENE HAMBURG: Herr Wicher, wen trifft Armut?

Klaus Wicher: Armutsgefährdet, wie es heißt, ist man, wenn 60 Prozent eines mittleren Einkommens nicht erreicht werden. Das sind ungefähr 340.000 Menschen in der Stadt. Die Anzahl steigt seit dem Jahre 2005 kontinuierlich und steil an. Dann gibt es rund 190.000 Hartz-IV-Empfänger. Hier sind auch Studenten erfasst, die aktuell kein Geld verdienen können, aber durch eine gute Bildung die Chance haben, aus der Armut wieder rauszukommen. Zudem können rund 47.000 Rentnerinnen und Rentner nicht von ihrer Rente beziehungsweise Erwerbminderungsrente leben und haben eine Grundsicherung beantragt.

Wir haben festgestellt, dass etwa 39 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in sogenannten atypischen Beschäftigungen tätig sind. Atypisch ist zum Beispiel Zeitarbeit bei Frauen, die auch oft in Teilzeit arbeiten. Selbst wenn sie einen hohen Stundenlohn erhalten, aber nur die Hälfte der Arbeitszeit tätig sind, werden sie nie eine ausreichende Rente erzielen. Aktuell erhalten in Hamburg nur 4,3 Prozent eine Rente von 2000 Euro oder mehr. Und viele Hamburger arbeitet in 450 Euro-Jobs. All das ergibt eine relativ hohe Armutsquote. Wir gehen davon aus, dass es etwa 500.000 Menschen in Hamburg, vorsichtig ausgedrückt, nicht gut geht. Das ist für so eine reiche Stadt wie Hamburg ein Armutszeugnis, denn Hamburg gehört zu den reichsten Metropolen Europas.

„Von Armut betroffene Menschen infizieren sich häufiger mit Corona“

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In Hamburg fehlt die Durchmischung, sagt der Sozialverband Deutschland (Foto: Erik Brandt-Höge)

Die sogenannte soziale Spaltung.

Eine grobe Schätzung besagt, dass es in Hamburg etwa 42.000 Vermögensmillionäre gibt. Natürlich kann man sagen, wenn einer eine Million hat, so richtig reich ist er nicht. Aber wenn man auf sein eigenes Konto guckt, ist das schon ein beachtlicher Betrag, der einen ruhig schlafen lässt. Und es gibt einige Tausende, deren Einkommen die Million im Jahr überschreitet. Hier zeigt sich das extreme Auseinanderdriften der Gesellschaft, das sich auch in den Stadtteilen widerspiegelt.

Von Nienstedten bis Veddel …

Nienstedten ist der reichste Stadtteil in Hamburg. Dort liegt das Durchschnittseinkommen pro Jahr bei etwa 150.000 Euro. Einer der ärmsten Stadtteile ist Veddel mit einem Durchschnittseinkommen von etwa 17.000 Euro. Im Hamburger Westen sind Rissen, Blankenese, Klein Flottbek und Ottensen reiche Stadtteile. Im Norden Volksdorf und Wohldorf-Ohlstedt. Besonders von Armut betroffene Bereiche sind Hamburg-Mitte und Harburg. Hier haben sich aufgrund der Armut, die Menschen auch besonders stark mit Corona infiziert. Sie haben weniger Möglichkeiten, sich zu schützen.

„Es braucht eine Durchmischung“

Das sind die Extreme, aber wie bewerten Sie die Durchmischung der Stadtteile?

In den Sechzigerund Siebzigerjahren gab es einen Bauboom, in dem sehr uniform gebaut wurde. In dieser Zeit sind Hochhaussiedlungen mit ausschließlich Sozialwohnungen entstanden. Der gute Wille war zwar da, aber, dadurch, dass alle auf einem Fleck gebaut wurden, haben sich ProblemStadtteile entwickelt. Dort wohnen überwiegend Menschen mit kleinen Einkommen und dadurch ist auch keine Kaufkraft vorhanden. Das Einkaufszentrum in Steilshoop zum Beispiel ist völlig heruntergekommen. Wie sollen da die Händler zurechtkommen? Es braucht eine Durchmischung von Eigentumswohnungen, normalen Mietwohnungen und Sozialwohnungen. Wobei mindestens 5000 Sozialwohnungen pro Jahr gebaut werden müssen, damit der Wohnungsbestand im sozialen Bereich überhaupt mal steigt. Das aktuelle ein Drittel ist zu gering.

Mieten sind ein Thema, das uns Hamburger seit Langem umtreibt.

Die Mieten sind ein weiterer Aspekt, warum es in Hamburg höhere Armut gibt. Ein großer Anteil der Bewohner muss 30, 40, 50 Prozent und mehr seines Einkommens für Mieten ausgeben. Je kleiner das Einkommen, umso größer ist der Anteil für die Miete. Für die, die Hartz IV oder eine Grundsicherung erhalten, wird eine angemessene Miete vom Staat bezahlt. Aber auch hier gibt es Quadratmeter-Höchstzahlen und nur wer diese einhält, wird voll gefördert. Wenn jemand eine größere Wohnung hat, wird der Antragsteller aufgefordert, umzuziehen. Dann kommen die Betroffenen oft zu uns in die soziale Rechtsberatung. Wenn wir Widerspruch einlegen, wird die Aufforderung meist zurückgezogen, denn wir fragen immer: Wo ist denn die Wohnung, in die die Menschen ziehen sollen? Die gibt es ja gar nicht.

Ein anderer Aspekt ist die Preissteigerung der Energiekosten, der man nicht ausweichen kann. Menschen, die wenig haben, können es sich nicht leisten, wenn der Gaspreis plötzlich um 100 Prozent erhöht wird. Das macht sich aktuell bemerkbar, denn die Tafeln, die kostenfrei Essen und Lebensmittel anbieten, haben Hochkonjunktur. Auch in dem Sozialkaufhaus, das wir in Osdorfer Born betreiben, merkt man zunehmende Armut und ein höheres Aufkommen der Menschen.

Solidarität

Sollten in unserer sozialen Gesellschaft reiche Menschen mehr zur Verantwortung gezogen werden?

Mit unserer neuen Bundesregierung ist die Diskussion der Umverteilung noch einmal hochgekommen beziehungsweise wurde gedeckelt. Eine Steuerpolitik, die diejenigen, die mehr Geld haben, etwas stärker belastet, kommt ja nicht zustande. Das wäre aber notwendig. Wir fordern natürlich eine starke Umverteilung und eine Veränderung der Steuerpolitik ist der Weg, der eingeschlagen werden muss. Es muss eine Vermögenssteuer eingeführt werden. Der Spitzensteuersatz, die sogenannte Reichensteuer, muss erhöht werden. Es werden unglaublich hohe Erbschaften weitergegeben, auf die nur so ein paar kleine Steuern fällig werden. Wenn all das geändert werden würde, könnte man locker im Jahr 50 Milliarden oder je nachdem wie hoch die Veränderungen wären, auch 100 Milliarden einnehmen. Auf der anderen Seite gibt es Leute, die sagen, dass dies ihnen persönlich schadet.

Dagegen behaupten wir, wenn jemand mit beispielsweise einem Jahreseinkommen von 250.000 Euro zwei, drei Prozent mehr Steuern zahlen muss, bemerkt er das in dieser Größenordnung gar nicht. Wir haben in Deutschland einen unglaublichen Reichtum von 7,3 Billionen Privatvermögen. Und das ist in der Pandemie noch einmal gestiegen. Während die Anzahl derjenigen am unteren Ende, die nichts haben oder sogar Schulden, deutlich ansteigt. Das heißt, die Schere, die wir bereits oben erwähnt haben, geht in der Gesamtgesellschaft auseinander. Und das beobachten wir auch in Hamburg. Deshalb ist die Solidarität der Gesellschaft eine Grundforderung, damit es denjenigen, den es nicht so gut geht, ein bisschen besser geht.

Existenzängste

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Klaus Wicher hat 2019 das Buch „Lebenswertes Hamburg. Eine attraktive und soziale Stadt für alle?“ herausgegeben (Foto: Henning Scheffen)

Gibt es eigentlich noch die sogenannte Mittelschicht?

Ja, die gibt es noch. Aber auch hier wird ein sehr starker Abstieg verzeichnet und sie wird dünner. Früher hieß es, dass es aus der Mittelschicht allenfalls nach oben geht. So ist das heute nicht mehr. Das hat die Pandemie noch mal deutlich gezeigt. Solo-Selbstständige und Kleingewerbetreibende, die zum Teil eine gute Perspektive hatten und zurechtgekommen sind, mussten schließen. Und plötzlich waren sie arbeitslos und da sie meistens nicht in die Arbeitslosenversicherung einbezahlt haben, bekamen sie direkt Hartz IV. Das geschieht aber auch in normalen Zeiten. Und es gibt nicht mehr die Sicherheit: Ich bin im Mittelstand mit gutem Verdienst, baue ein Häuschen und wenn ich alt bin, dann lebe ich in dem Häuschen. Das ist leider so nicht mehr und erzeugt Existenzängste.

Mit was für Anliegen oder Sorgen kommen die Menschen zum Sozialverband Hamburg?

Das ist sehr unterschiedlich. Wir machen ja soziale Rechtsberatung, also keine Sozialberatung im eigentlichen Sinne. Acht Juristinnen und Juristen beraten und prüfen, ob die Fälle, die an uns herangetragen werden, rechtens sind und ob etwas dagegen unternommen werden kann. Zum Beispiel, wenn die Krankenkasse Anträge ablehnt oder die Erwerbsminderungsrente zu niedrig ist. Aber auch wenn der Grad einer Behinderung nicht richtig eingeordnet wurde und die Person dadurch Nachteile hat. Dann legen wir Widerspruch ein und notfalls klagen wir auch vor dem Sozialgericht. Es geht um Sozialrecht und um Leistungen, die einem zustehen. Wir können nicht immer etwas tun, manchmal sind auch uns die Hände gebunden, weil die Gesetze einfach nicht gut sind.

Viele Probleme, wenig Kommunikation

Außerdem betreibt der Sozialverband klassische Lobbyarbeit, oder?

Genau. Bundesweit haben wir ungefähr 620.000 Mitglieder und in Hamburg, der größte Stadtverband im Verbund, etwa 24.000. Wir gehen auf die Politik zu, äußern unsere Bedenken und machen Vorschläge. Auf Bundesebene kümmern wir uns, und das betrifft nicht nur die Abgehängten in der Gesellschaft, um das Rentensystem, Krankensystem, Pflegesystem, Arbeitslosensystem und das System der behinderten Menschen. Das sind die fünf großen Bereiche der klassischen Sozialversicherung. Zum Beispiel hat die neue Bundesregierung ein anderes Rentensystem vor Augen, sie wollen ja sozusagen die Rente mit Aktien stützen (lacht). Zu genau diesem Punkt nehmen wir Stellung, um den Menschen am Schluss eine vernünftige Rente präsentieren zu können. In Hamburg ist es unter anderem das Thema Pflege-Aufsicht, um das wir uns kümmern. Pflegeheime müssen, gesetzlich vorgeschrieben, kontrolliert werden. Das wurde eine Zeit lang sehr vernachlässigt und die Frage ist, wie baut man das nach der Pandemie wieder auf?

Wie läuft die Zusammenarbeit mit Hamburgs Politikern?

Wenigstens einmal im Jahr setze ich mich mit den Parteispitzen der Bürgerschaft für ein Orientierungsgespräch zusammen und weise sie auf das hin, was im Argen liegt und präsentiere unsere Vorschläge, damit es weitergeht. Wir sprechen mit allen Parteien außer mit der AfD, das hat keinen Sinn, denn sie hat nichts zu bieten. Dann spreche ich natürlich auch hin und wieder mit unserer Sozialsenatorin Frau Dr. Leonhard und den Staatsräten wie Herrn Schulz aus der Schulbehörde. Und wir tauschen uns aus mit den Fachsprechern aus. Zum Beispiel haben wir der Fachsprecherin für öffentlich geförderte Beschäftigung, zu der Frage, wie man aus Hartz IV rauskommt, einen Vorschlag unterbreitet, den sie gut fand. Da bleiben wir dann dran.

Ein anderes Beispiel: Bei der Grundsicherung im Alter gibt es die Möglichkeit, dass die Stadt diese aus eigenen Mitteln aufstockt. München macht das bereits seit sieben Jahren und stockt mit 21 Euro im Monat auf. Das scheint nicht viel, aber Menschen, die nichts haben, leben eine Woche davon. Die Stadt Hamburg macht das nicht. Und dazu sind wir jetzt in einer schärferen Auseinandersetzung mit Frau Dr. Leonhard.

„Wir sehen eine Bedrohung unserer Gesellschaft“

Armut macht mit dem Menschen ja was. Wie wirkt sich das auf die Gesellschaft aus?

Das Hauptproblem, das wir sehen, ist eine Bedrohung unserer Gesellschaft. Das sind nicht nur Menschen, die, was ich auch verstehe, Angst vor der Impfung haben. Sondern, und das wird jetzt sehr sichtbar, Menschen, die unsere Gesellschaft gar nicht wollen. Natürlich haben auch wir Kritik an unserem Wirtschaftssystem. Aber grundsätzlich finden wir die Gesellschaft in Ordnung. Doch die wollen raus aus der Gesellschaft. Das sind nicht alles Faschisten, aber auch. Das heißt, die wollen eine Diktatur errichten. Oder die Reichsbürger würden gerne wieder einen Kaiser haben.

Und dann gibt es Menschen, die sind enttäuscht von dieser Gesellschaft. Die in der Pandemie so gelitten haben und nun das Gefühl haben, dass jetzt auch mal was zurückkommen muss. Deshalb haben wir dazu aufgefordert, dass die Stadt den Menschen mit Grundsicherung und Hartz-IV-Empfängern jeweils 80 Euro im Monat geben soll, solang die Pandemie andauert. Darauf erfolgte keine Reaktion. Unsere Sorge ist, dass sich die Menschen immer weiter von dieser Gesellschaft entfernen.

Die sozialpolitischen Leitlinien und mehr finden sich beim Sozialverband Deutschland


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Kunstverein Harburg: Aber bitte mit Gefühl

Träume und Traumata von Adam Christensen im Kunstverein Harburger Bahnhof

Text: Sabine Danek

 

Wenn Adam Christensen zum Akkordeon greift, wird es mucksmäuschenstill. Seelenlaute scheint der dänische Künstler, der heute in England lebt, an die Oberfläche zu holen. Melancholisch und augenzwinkernd, mal im Glitzeroutfit oder nur spärlich bekleidet hoch oben auf einer Holztreppe. So persönlich wie exaltiert sind auch seine Videoarbeiten, seine Textilbilder, Kurzgeschichten und Installationen, die während des ersten Lockdowns in seiner Londoner WG entstanden. „Küss mich bevor du gehst“ die Christensens erste Einzelausstellung in Deutschland und zeigt, wie lustvoll er persönliche Erlebnisse in kunstvoll gesponnene Geschichten verwandelt, Hollywoodcharaktere zitiert und gleichzeitig Rollenklischees aufhebt, das Private zum Spektakel werden lässt – und das alles mit sehr viel Gefühl.

Adam Christensen: Küss mich bevor du gehst bis 14. November im Kunstverein Harburger Bahnhof, Performance mit Adam Christensen & Deniz Unal am 12. November um 19 Uhr


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2021. Das Magazin ist seit dem 30. September 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Zu Hause: So lebt es sich in Hamburgs Bezirken

In Hamburg leben fast zwei Millionen Menschen auf einer Fläche, die mehr als sieben Mal so groß ist wie die Stadt Paris. Es gibt also viele schöne Bezirke in denen es sich zu leben lohnt, wir stellen sie euch vor

Text: Andreas Daebeler

 

Hamburg kann urban, szenig und laut sein. Aber auch grün, beschaulich und verträumt. Hängt ganz davon ab, welchen der Bezirke man sich zum Wohnort wählt. Sieben gibt es davon. Die Gliederung besteht schon seit 1951. Und in den Bezirken gibt es 104 Stadtteile, die gleichmäßig verteilt sind. Auf der Gesamtfläche der Freien und Hansestadt Hamburg leben und wohnen aktuell rund 1,85 Millionen Menschen. Damit ist die Metropole an der Elbe nach Berlin die zweitgrößte Stadt Deutschlands. Die Grenze zu Niedersachen und Schleswig-Holstein verläuft entlang 755 Quadratkilometern Stadtfläche. Und mitten durch fließt der Strom, der Hamburg so besonders macht

 

Bezirk Altona

 

Hamburg-Blankenese; Foto: iphotoclick/Pixabay

Hamburg-Blankenese; Foto: iphotoclick/Pixabay

Altona kann Altbau, Stuck und dicht geparkte Wohnstraße. Aber Altona kann auch moderne Architektur und autoarm – wie in der Mitte Altona. Der Bezirk, in dem rund 275.000 Menschen auf rund 78 Quadratkilometern leben und zu dem Villenviertel mit Elbblick ebenso gehören wie Hochhäuser in Lurup, bietet fraglos Abwechslung. Auf der Schanze wird gefeiert und gecornert, wenn nicht gerade eine Pandemie das verhindert. Andernorts geht’s eher beschaulich und bodenständig zu. Manchmal sogar ziemlich elitär, wie in Othmarschen.

Der grandiose Blick vom Altonaer Balkon ist nicht nur bei Touristen beliebt. Das Bahnhofsumfeld bietet mit dem Mercado und vielen kleinen Läden alles, was Shopping-Fans lieben. Schicke Bars gibt es ebenso wie urige Spelunken. Grün geht in Altona auch: Etwa im traumhaften Jenischpark mit dem Ernst Barlach Haus oder im Loki-Schmidt-Garten. Nicht zu vergessen das zauberhafte Blankenese mit seinem Treppenviertel. Im Schnitt leben die Menschen im Bezirk auf rund 80 Quadratmetern pro Wohnung, Kinder gibt es nur in jedem fünften Haushalt.

Das Schulterblatt im Schanzenviertel; Foto: Johanna Zobel

Das Schulterblatt im Schanzenviertel; Foto: Johanna Zobel

Urkundlich wurde Altona schon im 16. Jahrhundert erwähnt. Seit 1938 zählt die ehemalige Fischersiedlung zu Hamburg. Zuvor lag sie seit dem Dreißigjährigen Krieg unter dänischer Verwaltung. Fläche und Verlauf entsprechend weitestgehend dem Zustand kurz vor der Eingliederung in die Hansestadt. Seit den 1920er-Jahren verläuft der Bezirk mit seinen westlichen Elbvororten Blankenese, Nienstedten, Othmarschen und Rissen zu einem großen Teil entlang des Elbstrandes mit einem beeindruckenden Blick auf die Docks und den Strom.


Altona
Einwohner: 275.265
Fläche: 77,9 Quadratkilometer
Haushalte mit Kindern: 19,9 %
Durchschnittliche Wohnfläche je Wohnung: 81,2 Quadratmeter
Pkw: 90.034
14 Stadtteile: Altona-Altstadt, Altona- Nord, Bahrenfeld, Blankenese, Groß Flottbek, Iserbrook, Lurup, Nienstedten, Osdorf, Othmarschen, Ottensen, Rissen, Sternschanze und Sülldorf, Elbstrand // Övelgönne


 

Bezirk Hamburg-Mitte

 

Gehört auch zu Hamburg-Mitte, das Watt um die Insel Neuwerk; Foto: inextremo96/pixabay

Gehört auch zu Hamburg-Mitte, das Watt um die Insel Neuwerk; Foto: inextremo96/pixabay

Ganz schön groß: Hamburg-Mitte ersteckt sich über satte 142 Quadratkilometer. Mehr Stadtteile hat kein anderer Hamburger Bezirk. Und schon gar keine Nordseeinsel. Zu Mitte hingegen werden das in der Elbmündung liegende Neuwerk sowie die bei Vogelkundlern bekannten Nigehörn und Scharhörn gerechnet. So ruhig wie auf Neuwerk mit seinen 30 Einwohnern geht es im restlichen Bezirk natürlich nicht zu.

Knapp 300.000 Menschen leben in den 19 Stadtteilen, die mit U- und S-Bahn weitgehend gut erschlossen sind und bei den Immobilienpreisen die gesamte Bandbreite anbieten. Während es in Wilhelmsburg so manche bezahlbare Geschosswohnung gibt, gehen für top-sanierte Altbauwohnungen in der City oder das Penthouse in der HafenCity schon mal Millionen über den Tisch. Bei Touristen ist der Bezirk ein Hotspot. Schließlich gehören sowohl die Shoppingmeile Mönckebergstraße als auch der Michel, die Landungsbrücken und die Reeperbahn hierher. Hamburg-Mitte hat reichlich Kultur zu bieten. Und das nicht nur auf dem Kiez auf St. Pauli, sondern auch ein paar Kilometer weiter östlich, wo im idyllischen Elbpark Entenwerder etwas das nachhaltige Festival Futur 2 sein Zuhause hat und nach Corona wieder haben soll.

Die Landungsbrücken in Hamburg-Mitte; Foto: Karsten Bergmann/Pixabay

Die Landungsbrücken in Hamburg-Mitte; Foto: Karsten Bergmann/Pixabay

Apropos Elbe: Die zieht sich quer durch den Bezirk, der als Wohnort vor allem Abwechslung bietet. Man nehme nur den scharfen Kontrast zwischen dem urbanen St. Georg, wo rund um den Hauptbahnhof in den Bars und Kneipen das Leben tobt, und dem immer noch dörflichen und verschlafenen Finkenwerder auf der anderen Seite des Stroms. Als besonders spannend gilt das einst verrufene Billstedt, das sich dank vieler sozialer Initiativen und Projekte immer mehr zu einer Perle mausert.


Hamburg-Mitte
Einwohner: 301.546
Fläche: 142,3 Quadratkilometer
Haushalte mit Kindern: 16,9 %
Durchschnittliche Wohnfläche je Wohnung: 66,2 Quadratmeter
Pkw: 77.906
19 Stadtteile: Hamburg-Altstadt, Billbrook, Billstedt, Borgfelde, Finkenwerder, HafenCity, Hamm, Hammerbrook, Horn, Kleiner Grasbrook, Neustadt, Neuwerk (Exklave), Rothenburgsort, St. Georg, St. Pauli, Steinwerder, Veddel, Waltershof und Wilhelmsburg


 

Bezirk Wandsbek

 

Wandsbek mit viel Grün; Foto: AdobeStock/Gerckens Photo

Wandsbek mit viel Grün; Foto: AdobeStock/Gerckens Photo

Rund 440.000 Menschen wohnen in Wandsbek. Das sind mehr als in jedem anderen der sieben Hamburger Bezirke. Liegt nicht zuletzt daran, dass diese Verwaltungseinheit auch die Walddörfer umfasst, die schon seit dem Mittelalter zu Hamburg gehören. Zum Wohnen bietet Wandsbek so ziemlich alles.

In Duvenstedt etwa finden sich weitläufige Grundstücke mit großzügigen Einfamilienhäusern und charmante Reetdach-Katen. Es gibt sogar einen wöchentlicher Bauernmarkt. Rund um den Wandsbek Markt hingegen ist so richtig Großstadt angesagt. Es gibt jede Menge Geschäfte, Gastro und das Einkaufszentrum Quarree. Nicht weit entfernt ist Bramfeld, der bevölkerungsreichste Hamburger Stadtteil, der dicht bebaut ist. Dort wird nicht nur in den einst als Problemviertel gesehenen und heute sanierten Hochhäusern von Steilshoop gewohnt, sondern auch in kleinen Stadthäusern. Ein Beleg dafür, wie viel Abwechslung der Nordosten der Stadt bietet.

Es gibt insgesamt 18 Stadtteile, die sich über knapp 150 Quadratkilometer verteilen. Anerkannt als eigenständiger Teil Hamburgs ist Wandsbek erst seit knapp 70 Jahren. Durch die Bombenangriffe von 1943 wurde der Bezirk stark in Mitleidenschaft gezogen, das hat den Charakter geprägt. Nach dem Krieg musste vieles schnell wieder aufgebaut werden, denn die hier lebenden Arbeiter brauchten dringend Wohnungen. Vor allem Rahlstedt und Farmsen-Berne sind noch stark von Nachkriegs- bauten geprägt. Wenn man genau hinsieht, ist der Bezirk allerdings auch überdurchschnittlich grün. In Wandsbek gibt es drei Naturschutzgebiete, zwei Moore und etliche Parks.


Wandsbek
Einwohner: 441.015
Fläche: 147,5 Quadratkilometer
Haushalte mit Kindern: 19,7 %
Durchschnittliche Wohnfläche je Wohnung: 83,6 Quadratmeter
Pkw: 173.270
18 Stadtteile: Bergstedt, Bramfeld, Duvenstedt, Eilbek, Farmsen-Berne, Hummelsbüttel, Jenfeld, Lemsahl-Mellingstedt, Marienthal, Poppenbüttel, Rahlstedt, Sasel, Steilshoop, Tonndorf, Volksdorf, Wandsbek, Wellingsbüttel und Wohldorf-Ohlstedt


 

Bezirk Hamburg-Nord

 

Mächtig was los auf der Alster; Foto: Erik Brandt-Höge

Mächtig was los auf der Alster; Foto: Erik Brandt-Höge

Mitten in der Stadt, jede Menge Schulen und Kitas, coole Restaurants, prima Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr – das ist der Bezirk Nord. Plus Alster. Die ist hier allgegenwärtig. Fließt an den funktionalen Backsteinbauten Fritz Schumachers ebenso vorbei wie an den Villen der Millionäre und Fußballprofis, die sich das schicke Eppendorf als Zuhause gewählt haben.

Im Zentrum des 58 Quadratkilometer großen Bezirks findet sich der Stadtpark mit seinen knapp 150 Hektar. Dort holt Hamburg Luft. Es gibt Spielplätze, Festwiesen, den Badesee, Grillplätze, botanische Anlagen und viel Gastro, wie etwa das Landhaus Walter mit seinem urigen Bluesclub. Die Stadtteile Eppendorf, Hoheluft und Winterhude mit ihrem vielen Jugendstil, den edlen Boutiquen, Cafés und dem grandiosen Holthusenbad gehören zu den gefragtesten und teuersten Wohngegenden Hamburgs. Barmbek war mal klassisches Arbeiterviertel, wird aber immer szeniger. Vor allem bei jungen Leuten ist der Stadtteil mit dem kultigen Kulturzentrum Kampnagel beliebt. Denn hier sind die Mieten noch halbwegs erschwinglich.

Das Goldbekhaus in Winterhude; Foto: Mona Dahme

Das Goldbekhaus in Winterhude; Foto: Mona Dahme

Das gilt noch mehr für die nördlichen Stadteile des Bezirks. Langenhorn und Fuhlsbüttel haben sich zudem einen dörflichen Charakter bewahrt. Und derzeit wird viel gebaut im Bezirk Nord. So etwa in Winterhude, wo mit dem Pergolenviertel ein ganzer Stadtteil mit 1.400 Wohnungen und nachhaltigem Konzept entsteht. In Eppendorf sind kleinere Flächen im Fokus, es wird vor allem nachverdichtet. Etwa im Bereich zwischen Salomon-Heine-Weg und Meenkwiese. Insgesamt leben derzeit etwas mehr als 300.000 Menschen im Bezirk Nord.


Nord
Einwohner: 314.595
Fläche: 157,8 Quadratkilometer
Haushalte mit Kindern: 14,1 %
Durchschnittliche Wohnfläche je Wohnung: 68,7 Quadratmeter
Pkw: 98.690
13 Stadtteile: Alsterdorf, Barmbek-Nord, Barmbek-Süd, Dulsberg, Eppendorf, Fuhlsbüttel, Groß Borstel, Hohenfelde, Hoheluft- Ost, Langenhorn, Ohlsdorf, Uhlenhorst und Winterhude


 

Bezirk Eimsbüttel

 

Die Rombergstraße in Eimsbüttel; Foto: Ilona Lütje

Die Rombergstraße in Eimsbüttel; Foto: Ilona Lütje

Rund um die erst vor wenigen Jahren umgebaute Osterstraße schlägt das Herz von Eimsbüttel. Es gibt jede Menge Boutiquen, schnuckelige Cafés und eines der letzten großen Kaufhäuser. Der mit rund 50 Quadratkilometern kleinste Bezirk Hamburgs hat sich gemausert und zählt gerade bei jungen Menschen zu den beliebtesten Wohnorten in der Stadt. Kein Wunder, können die aktuell 265.000 Menschen, die in einem der neun Stadtteile leben, sich doch an vielen Parks, einem üppigen gastronomischen Angebot, vielen Schulen und Kitas sowie einer prima ausgebauten Infrastruktur mit Bundesstraßen und U-Bahn erfreuen.

In Eimsbüttel gibt es wohlhabende Ecken wie Rotherbaum und Harvestehude, aber auch alternative Viertel und reine Wohngebiete wie Stellingen und Schnelsen, wo die Mieten noch nicht ganz so stark angezogen haben wir etwa in den Altbauten zwischen Heußweg und Generalsviertel. Ein besonderer Hingucker sind die 60 Hochhäuser der Lenzsiedlung, die Mitte der 1970er-Jahre gebaut wurden. Damals waren die modernen Wohnungen begehrt. Dann folgte der Abstieg, doch dank sozialer Projekte und vergleichsweise günstiger Mieten ist das Quartier heute wieder angesagt.

Nicht weit entfernt, in Blickrichtung Hagenbeck, wird aktuell viel neu gebaut. Und auch die Planungen für die Umgestaltung des Beiersdorf-Geländes laufen. Zwischen Unnastraße und Quickbornstraße, wo heute noch die alte Konzernzentrale des Unternehmens Beiersdorf beheimatet ist, sollen voraussichtlich ab 2022 Wohnhäuser hochgezogen werden. 900 Wohnungen werden entstehen. Eimsbüttel, das seit 1894 zum Hamburger Stadtgebiet gehört, wächst also. Und vielleicht ziehen ja künftig auch mehr Familien zu, deren Anteil liegt bislang nur bei 16 Prozent.


Eimsbüttel
Einwohner: 267.053
Fläche: 49,8 Quadratkilometer
Haushalte mit Kindern: 16,6 %
Durchschnittliche Wohnfläche je Wohnung: 76,3 Quadratmeter
Pkw: 90.082
9 Stadtteile: Eidelstedt, Eimsbüttel, Harvestehude, Hoheluft-West, Lokstedt, Niendorf, Rotherbaum, Schnelsen und Stellingen


 

Bezirk Bergedorf

 

Curslack im Bezirk Bergedorf, Foto: AdobeStock/NEWSundART

Curslack im Bezirk Bergedorf, Foto: AdobeStock/NEWSundART

Bergedorf ist grün. Und Bergedorf ist blau. An Natur mangelt es in Hamburgs Osten mit seine Wäldern, Seen und der verträumten Dove Elbe wahrlich nicht. Der Bezirk im Südosten der Hansestadt ist auf der Höhe der Zeit und atmet trotzdem Geschichte. Auf knapp 155 Quadratkilometern haben rund 130.000 Menschen ihr Zu- hause. Sie leben in ländlicher Idylle oder im Stadtteil Bergedorf, der geschäftig ist und viel zu bieten hat – etwa einen Besuch der ältesten Gaststätte Hamburgs, Ausflüge zum einzigen Schloss Hamburgs und zur restaurierten Mühle. Relaxen im Bille-Park und auf eine Shoppingtour in die beliebte Einkaufsstraße Sachsentor. Theater, Kunst und das überregional bekannte Kulturzentrum LOLA – das alles ist Bergedorf, das als vergleichsweise modern durchgehen darf.

Das historische Zentrum von Bergedorf; Foto: Monika Schroeder/Pixabay

Das historische Zentrum von Bergedorf; Foto: Monika Schroeder/Pixabay

Denn in dem Bezirk leben überdurchschnittlich viele junge Erwachsene und unterdurchschnittlich wenig Bürger über 65 Jahre. Das liegt vielleicht auch an der Melange aus viel Natur und dennoch der Nähe zur Metropole. Die Hamburger Innenstadt ist nur zehn S- Bahn-Minuten entfernt, obwohl die Bergedorfer von Äckern und Wäldern umgeben sind. Für coole Kultur muss aber niemand unbedingt in die City reisen. Die drei Kilometer nach Allermöhe etwa tun es zuweilen auch. Dort pilgern im Sommer viele zum Eichbaumsee, um das Festival Wutzrock zu besuchen. Wenn sie nicht grad mit dem Fahrrad am Moorfleeter Deich unterwegs sind. Oder im zauberhaften Kirchwerder.


Bergedorf
Einwohner: 130.260
Fläche: 154,7 Quadratkilometer
Haushalte mit Kindern: 22,1 %
Durchschnittliche Wohnfläche je Wohnung: 83,6 Quadratmeter
Pkw: 50.878
14 Stadtteile: Allermöhe, Altengamme, Bergedorf, Billwerder, Curslack, Kirchwerder, Lohbrügge, Moorfleet, Neuallermöhe, Neuengamme, Ochsenwerder, Reitbrook, Spadenland und Tatenberg


 

Bezirk Harburg

 

Harburg Palmspeicher; Foto: Jan Kornstädt/Hamburg Mediaserver

Harburg Palmspeicher; Foto: Jan Kornstädt/Hamburg Mediaserver

Der Bezirk Harburg hat 17 Stadtteile – und einen Hafen. Einen eigenen wohlgemerkt, da legen die Menschen hier Wert drauf. Zwar nicht so groß wie der Hamburger, dafür aber sehr beschaulich. Und einst Heimat für den 2017 verstorbenen Country-Sänger und Lebemann Gunter Gabriel. Der hatte hier sein ziemlich runtergewirtschaftetes Hausboot liegen, bevor Fynn Kliemann und Olli Schulz sich entschieden, auf dem Kahn klar Schiff zu machen.

Rund um den Binnenhafen hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Es gibt interessante Wohnprojekte, viele Gebäude wurden dem Denkmalschutz entsprechend saniert. Und Firmen haben sich angesiedelt. Geht es um Gewerbe, ist Harburg eh ein Hotspot. Beiersdorf ist in Hausbruch vertreten, die zur Continental gehörenden Phoenix Gummiwerke im Stadtteil Harburg. Und auch die Carlsberg-Brauerei ist seit 2019 im Bezirk beheimatet. Harburg ist mit einer guten Verkehrsanbindung ausgestattet, hat eine eigene Universität mit angeschlossener Bibliothek und nicht zuletzt den Elbcampus, ein Bildungszentrum der Handwerkskammer Hamburg.

Knapp 170.000 Menschen leben mittlerweile im knapp 125 Quadratkilometer großen Bezirk, zu dem ländlichere Gebiete wie Neugraben-Fischbek und Marmstorf gehören. Auch das als Tor zum Alten Land geltende Cranz ist noch Teil der Verwaltungsgemeinschaft. Im Gegensatz zu den urbanen Stadtteilen wie Harburg-City gibt es hier noch Hofläden, Obstplantagen und Fachwerk zu sehen.


Harburg
Einwohner: 169.426
Fläche: 125 Quadratkilometer
Haushalte mit Kindern: 29,2 %
Durchschnittliche Wohnfläche je Wohnung: 77,5 Quadratmeter
Pkw: 56.389
17 Stadtteile: Altenwerder, Cranz, Eißendorf, Francop, Gut Moor, Harburg, Hausbruch, Heimfeld, Langenbek, Marmstorf, Moorburg, Neuenfelde, Neugraben-Fischbek, Neuland, Rönneburg, Sinstorf und Wilstorf


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Kultur in Harburg: „Sommer im Park“ auf der Freilichtbühne

Vom 20. bis 29. August 2021 gibt es beim „Sommer im Park 2021“ auf der Freilichtbühne in Harburg ein vielfältiges Programm: Von Theater über Poerty Slam bis Livemusik werden viele Genre bedient

Text: Felix Willeke

 

2018 wurde zum ersten Mal auf der Freilichtbühne im Harburger Stadtpark unter dem Motto „Sommer im Park“ gefeiert. Nachdem 2020 das Fest nicht wie geplant stattfinden konnte, geht es 2021 wieder los. Vom 20. bis 29. August 2021 steht viel Kultur auf dem Programm: Neben Livemusik gibt es auch Kabarett. Am Samstag gibt sich zum Beispiel der Musikkabarettist Johannes Kirchberg die Ehre, gefolgt von der 1999 gegründeten Hamburger Rockband „Nine-T-Nine“. Den Abschluss am Sonntag macht „Antigone“ in einer Inszenierung unter der Regie von Lars Henriks mit Nisan Arikan, Imke Frieda Sander und Siddhii Lagrutta.

 

Highlight zum Schluss

 

Nachdem es am Abschlusswochenende unter anderem mit der Coverband „Songs of U2“ und der dänischen Soul-Formation „D/Troit“ noch einmal musikalisch zur Sache geht, wartet am Sonntag der krönende Abschluss: Beim „Harburger Vielfaltsfest 2021“ treffen am 29. August von 13 bis 18 Uhr Menschen aller Kulturen, Generationen, Geschlechter und Hintergründe in entspannter Atmosphäre zusammen.

Dabei gibt es neben jiddischer Musik, arabischen Liedern und russischer Folklore auch die Verleihung des SIKO-Preises, der Einzelpersonen, Institutionen oder Vereine auszeichnet, die sich in der Vergangenheit in vorbildlicher Weise um Sicherheit und Sauberkeit im Bezirk Harburg gekümmert haben.

Sommer im Park: 20. bis 29. August 2021


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Hamburger Hausboote: Wasser unterm Fußboden

Im Harburger Hafen ist allerhand los – nicht zuletzt auf den vielen Hausbooten. Die kann man mieten, kaufen und bewohnen. Wir haben uns vier besonders schöne Objekte genauer angesehen

Texte & Fotos: Anna Meinke & Erik Brandt-Höge

 

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Mietobjekt „Wilma“ ist so detailverliebt eingerichtet, als hätte man sie fürs Titelshooting eines Interieur-Hochglanzhefts fertig gemacht

 

Hausboothafen-Hamburg-1-Credit-Erik-Brandt-Hoege

Gibt weniger schöne Stege: Der des Hausboothafens Hamburg hat neben reichlich Idylle natürlich auch ziemlich hübsche Boote zu bieten (etwa „Wilma“). Hier kann man mieten, aber auch Boote in Auftrag geben, die dann in der Hausboothafen-Manufaktur gebaut werden; hausboot-hafen-hamburg.de

 

Hausboothafen-Hamburg-5-Credit-Erik-Brandt-Hoege

Nächstes Mietboot des Hausboothafens: die „Arche“. Schlichtschick gehalten, hat sie nordisches Understatement inne

 

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Über einen Steg gelangt man auf das schwimmende Zuhause von Werner Pfeifer und seiner Freundin Cornelia. Die „Stadersand“ – eine 27 Meter lange ausgemusterte Hafenfähre – wurde 1955 gebaut

 

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1990 kaufte Werner die Hafenfähre anstatt einer Eigentumswohnung. Gemeinsam mit seinen Freunden machte er sich an die Restauration der Schiffsruine. Schon etwa ein Jahr später war sie dann bewohnbar

 

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Ursprünglich wollte Rolf Niebur in seiner alten Getreideschute eine schwimmende Hafenkneipe eröffnen. Das Projekt legte er jedoch wegen behördlicher Schwierigkeiten auf Eis. Im Obergeschoss des Schiffes wohnt der passionierte Bastler mit seiner Freundin Angela

 

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Im selbst zusammengeschusterten Hausboot, das seit 2016 im Harburger Hafen liegt, lebt es sich ganz wunderbar, findet Rolf. Ein Leben an Land kann er sich nicht mehr vorstellen. Das Hafenflair und die Nähe zum Wasser haben es ihm angetan

 


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Hamburger Menetekel – Zukunft aus der Spraydose

Schüler von sieben Schulen haben die Graffitis ihrer Stadtteile analysiert – und daraus mit dem Projekt „Hamburger Menetekel“ unheilvolle Prognosen für die Zukunft formuliert.

Text: Sophia Herzog
Foto (o.): Jérome Gerull

Sie sind überall: Auf Hauswänden und Brückenpfeilern, Stromkästen, S-Bahnen und Mülltonnen – Graffitis. Für die einen sind sie die Schandflecken Hamburgs, für die anderen Kunst. Insgesamt 2.401 Graffitis wurden zwischen Januar und September 2018 offiziell erfasst, Spitzenreiter sind die Bezirke Altona und Mitte mit jeweils über 500. Das geht aus einer „kleinen Anfrage“ des CSU-Politikers Michael Westenberger an den Senat von Mitte Januar dieses Jahres hervor. Stadt, Unternehmen und Privatleute lassen die Farbe für ein Vermögen von den Wänden schrubben – nur um bald das nachfolgende Kunstwerk entfernen zu müssen.

Dabei gab es Graffitis schon lange vor der Erfindung der Spraydose: In den Ruinen von Pompeji wurden an die 10.000 Wandzeichnungen freigelegt, die vor über 2.000 Jahren in den Stein geritzt wurden. Beliebteste Themen: Sex und Gladiatorenkämpfe. Fundorte von prähistorischen Wandmalereien wie in den Lascaux oder Chauvet-Höhlen in Frankreich zählen zu den bedeutendsten archäologischen Fundorten der Welt. Sind die heutigen Graffitis also die Wandmalereien unserer Zeit?

Christian Tschirner findet: Ja. Der Dramaturg vom Deutschen Schauspielhaus arbeitet seit letztem Herbst mit seinen Kollegen am Projekt „Hamburger Mentekel“, einer Kooperation des Theaters mit der Künstlergruppe Graffitimuseum. Zusammen mit Schülergruppen aus den sieben Hamburger Bezirken hat er Graffitis in Hamburg dokumentiert, gesammelt, analysiert und für alle Bezirke eine Zukunftsprognose aufgestellt. Die Ergebnisse der Arbeit präsentieren Schüler und Schauspielhaus an drei Kongresstagen im Mai.

 

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Auf einer Pressekonferenz stellen die Schüler ihre Prognosen vor. Foto: Sinje Hasheider

 

„Die meisten Graffitis bestehen aus Buchstaben, Kürzeln, Akronymen und Namen“, erklärt Tschirner. „Also aus Sprachspielereien.“ Die Lesart als „Menetekel“ liege auf der Hand, „nach der berühmten Bibel-Geschichte“, so Tschirner. Im Buch Daniel des Alten Testaments erscheint Belsazar, dem babylonischen Prinzen, eine Geisterhand, die den Schriftzug „Mene mene tekel u-parsin“ an die Wand zeichnet. Keiner von Belsazars Gelehrten kann die Schrift entziffern, nur der Weise Daniel schafft es schließlich, das Omen zu deuten – und prophezeit Belsazar seinen nahen Tod und den Untergang seines zReiches.

In der biblischen Überlieferung wird er noch in der gleichen Nacht ermordet, und das babylonische Königreich zwischen Persern und Medern geteilt. Der mysteriöse Schriftzug ist auch heute noch in unserem Sprachgebrauch verankert: Als „Menetekel“ werden unheilvolle Omen und Zukunftsprognosen bezeichnet. Im 21. Jahrhundert malen zwar keine Geisterhände Schriftzüge an die Wände, dafür aber Graffitikünstler. Für Tschirner und das Team der „Hamburger Menetekel“ ist die naheliegende Frage also: „Was ist, wenn die Graffitis an unseren Wänden Mentekel sind, und wenn man aus diesen Graffitis etwas über unsere Zukunft ablesen könnte?“

 

Keine rosige Zukunft – laut Graffitis

 

Rosig sieht die Zukunft nicht aus, die die Schüler und Schülerinnen für die Bezirke daraus vorhersagen. Auf den Wänden Altonas tauchen immer wieder die Worte „Ehek“, „Labor“, „Raus“ oder „Lüge“ auf. Das Fazit: Hier wird vor der drohenden Antibiotikaresistenz gewarnt. Aus „Chaos“ und „TEK DGR“ auf einer Wandsbeker Backsteinmauer wird „TechniK ist omnipräsent, DiGitale Realität“ – eine Zukunft, in der die Welt von Maschinen beherrscht wird? In Harburg ist der Klimawandel ein präsentes Thema, Hamburg-Nord beschäftigt die Rückkehr des Nationalismus.

„Die Schüler haben auch positive Zeichen gefunden, aber die standen immer in Verbindung mit einer Krise“, berichtet Tschirner. Das hätte aber auch an der Herangehensweise des Projekts gelegen. In Projektwochen haben sich die Schüler mit der biblischen Geschichte Belsazars und dem Untergang des babylonischen Reichs beschäftigt, und die Graffitis stark unter diesem Aspekt gelesen. „Das ist aber auch das Wesen des Menetekels“, führt Tschirner fort. „Sie werfen zunächst kein zu optimistisches Licht auf die Dinge.“

 

Hamburger-Menetekel-c-Hamburger-Menetekel

Graffiti in Altona: Kunst oder Sachbeschädigung? Foto: Hamburger Menetekel

 

Weltuntergangsstimmung, nur wegen ein paar bunten Graffitis? Tschirner zieht den Forscher Stephan M. Maul heran, der sich mit der Zeichendeutung im Orient beschäftigt hat. Damals wurden die Entscheidungen eines Herrschers durch die Deutung mit Tiereingeweiden abgesegnet. „Da stellt sich die Frage, warum ein System, das auf einer so obskuren Technik beruht, 8.000 Jahre stabil bleiben konnte?“, so Tschirner. „Wir können uns sehr viel wissenschaftlicheren Methoden bedienen, haben aber Probleme überhaupt die nächsten hundert Jahre zu überstehen.“

Beim Thema Klima oder der Antibiotikaresistenz stünden die Prognosen der Wissenschaft schon lange im Raum, ohne, dass die Gesellschaft adäquat darauf reagieren würde. Hier zieht Tschirner wieder Parallelen zwischen der biblischen Überlieferung von Belsazar und der Gegenwart. Denn der babylonische Prinz wusste, was die Zeichen bedeuten, ignorierte die Warnung trotzdem. Tschirner will die Deutung der Graffiti dabei aber keinesfalls wissenschaftlichen Forschungen gleich setzen. „Natürlich gibt es grundlegende Unterschiede, insbesondere zur Naturwissenschaft“, betont er. „Aber auch Naturwissenschaften sind nicht in der Lage, die Zukunft vorherzusagen.“

Sie könnten nur bestimmte Zusammenhänge darstellen, etwa zwischen CO2-Gehalt und Klimaerwärmung. „Wie wir, als Gesellschaft mit diesem Wissen umgehen, und wie wir unsere Zukunft gestalten, ist eine andere Frage.“

Ebendies soll auch zentrales Thema beim Kongress im Mai sein – hier wollen die Schüler nicht nur unheilvolle Zukunftsprognosen verkünden, sondern auch Lösungen entwickeln. In sieben Panels werden die Vorhersagen der jeweiligen Bezirke von den Schülern vorgestellt und anschließend mit Experten und Wissenschaftlern diskutiert. „Zu jeder Krise wollen wir dann gerne drei Handlungsoptionen für Hamburg formulieren“, so Tschirner.

 

„Hört auf die Zeichen!“

 

Bei einer anschließenden Abschlussgala werden die Ergebnisse zur „Zukunftsoper“: Ein Sprechchor der teilnehmenden Schüler verknüpft die verschiedenen Aspekte des Kongresses mit einer Neukomposition von Händels „Belshazzar“, aufgeführt von den Jungen Symphonikern. Die „Hamburger Menetekel“ wirken auf den ersten Blick zwar wie Kaffeesatzleserei, dahinter verbirgt sich aber eine viel eindringlichere Nachricht. „Hört auf die Zeichen!“ rufen nicht nur die Schüler aus Hamburg, sondern aus der ganzen Welt – ganz aktuell bei den „Fridays for Future“- Protesten gegen den Klimawandel.

Und was bedeutet das alles für die Graffitis an Hamburger Hauswänden? In einem offenen Brief fordert die Gruppe der „Hamburger Mentekel“ das Ende der Graffiti-Zerstörung. Denn in ihnen sieht die Gruppe die moderne Form der uralten Schätze, die weltweit an Höhlendecken und -wände gemalt wurden. „Graffiti stehen damit in einer 30.000 Jahre alten Tradition, den Zeitgeist auf Stein festzuhalten und Botschaft sowohl für die Gegenwart als auch für die Zukunft zu sein“, schreibt das Kollektiv.

„Für uns sind die Graffitis Offenbarungen“, fügt Tschirner hinzu. „Die Ängste und Hoffnungen, die wir in uns tragen, werden bei der Deutung des Graffitis gespiegelt.“ Gerade deshalb hätten die Wandmalereien einen Wert, „weil wir dadurch wichtige Erkenntnisse aus ihnen ziehen können“. Dass Graffitis nicht nur Kunst, sondern oft Sachbeschädigung sind, ist für Tschirner eine Werteabwägung: „Ist Privatbesitz wichtiger als unsere Zukunft?“

www.hamburgermenetekel.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2019. Das Magazin ist seit dem 28. März 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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