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Erprobter Krisenbewältiger: Der Golden Pudel

Der Club wagt eine vorsichtige Öffnung. Draußen, mit Abstand, limitiert, pandemiekonform. Aber konträr zur sonst fest verankerten liberalen Türpolitik. Über diesen Widerspruch, kulturelle Förderungen und ihren August-Gast Jimi Tenor sprechen drei der Betreibenden

Inteview: Ole Masch

 

SZENE HAMBURG: Charlotte, Viktor und Ralf, der obere Golden Pudel, Barboncino Zwölphi, war erst ein halbes Jahr eröffnet. Dann kam Corona. Wie geht man damit um?

Viktor Marek: Das ist ein bisschen absurd. Früher hatten wir immer auf. Uns das auf die Fahnen geschrieben und auch nie Betriebsferien gemacht. Und plötzlich hat man ständig zu.

Ralf Köster: Wir hatten die Krise eigentlich vor der Pandemie. Mit unserer Vereinsstruktur und dem Kauf des Hauses sind wir recht krisenfest aufgestellt – gewissermaßen erprobte Krisenbewältiger.

Charlotte Knothe: Wir haben schon vieles erreicht. Grundstück und Gebäude sind über drei Stiftungen abgesichert und kein Vermieter sagt, dass wir rausfliegen.

Viktor: Trotzdem gibt es natürlich die monatlichen Kosten. Wir müssen alles weiterhin zahlen, uns kümmern, dass Sachen wieder reinkommen oder Hilfen beantragen.

Wie sahen die Corona-Hilfen für den Pudel aus?

Ralf: Ich war angenehm überrascht, dass es wohl wirklich den politischen Willen gibt, dass die Kultur dieser Stadt überlebt. Es ist zwar sehr anstrengend mit der ganzen Bürokratie, aber natürlich eine große Hilfe. Nicht nur für den Pudel, sondern für alle Kulturschaffenden. Wer ein bisschen hängenlassen wurde, sind Minijobber und Soloselbstständige.

Viktor: Für uns war vor allem das Kurzarbeitergeld wichtig, weil wir so die Angestellten durchbringen konnten.

Technisch Lösung im Jahr 2000, Jimi Tenor; Foto: Katja Ruge

Technisch Lösung im Jahr 2000, Jimi Tenor; Foto: Katja Ruge

Funktionierte die Förderung problemlos?

Viktor: Ganz einfach ist das natürlich nicht. Wir haben gerade etwas für den Kultursommer bekommen, aber manchmal fragt man sich, wer wird gefördert und aus wem besteht die Jury, die das entscheidet.

Ralf: Ich würde mir wünschen, dass alle Kulturinstitutionen ein Budget bekommen, damit sie völlig frei entscheiden können, was sie machen wollen. Das würde es total vereinfachen.

Viktor: Man müsste viel mehr an der Wurzel fördern. Es wäre richtig, wenn jemand eine gute Arbeit macht, dass die Miete sehr gering ist, das Haus vergesellschaftet wird oder der Stadt gehört und sie es günstig zur Verfügung stellt. Also eine Art Grundsicherung für solche Orte.

Ralf: Noch einfacher wäre die Befreiung der Kultur von der Umsatzsteuer. Und da rede ich natürlich nicht über irgendwelche Musicals auf Dampfschiffen. Aber von kleinen Kulturbetrieben, wo es mehr um die Liebhaberei geht.

Glaubt ihr, durch Corona wird sich daran etwas ändern?

Charlotte: Ich hoffe, es hat sich ein bisschen etwas an der Wahrnehmung von Clubs als kulturelle Orte geändert. Am Anfang hat mich sehr genervt, dass es hieß, es ginge nur um Party. Als sei ein Club nur ein Partyraum, wo du dich betrinkst. Es ist was ganz anderes. Hier treffen sich verschiedene Leute, die in diesem einem Sound sind. Bei einem Stück von Richard von der Schulenburg ist Musikgeschichte drin. Das ist nicht Ballermann. Ein Club ist ein offener demokratischer Raum. Die geflüchteten Jungs von der Hafenstraße sind sonst an keinem anderen Ort. Hier sind sie gleichwertig.

Ralf: Der Club ist der Ort, wo zuerst die gesellschaftlichen Fragen diskutiert werden. Zum Beispiel wie sich Sprache verändert oder Diversität. Das passiert genau hier, wo junge Leute sind und neue Dinge ausprobieren. Dies gibt einen Impuls in die Gesellschaft, der nicht zu unterschätzen ist.

Viktor: Auch Kneipen sind solche sozialen Orte. Wo Leute aufeinandertreffen, die sich vielleicht sonst nicht treffen. Es ist spannend, wenn es eine Reibung gibt. Wir wünschen uns auch immer eine Mehrgenerationen-Idee. Das soll im Barboncino noch mal mehr gefördert werden. Als eine Art Bar, wie es die Pubs in Großbritannien oder die Cafés in Italien sind. Aber die ganze Gentrifizierung macht es natürlich schwer, neue Orte aufzumachen.

Konzertankündigung Jimi Tenor im Pudel im Jahr 2000; Foto: Katja Ruge

Konzertankündigung Jimi Tenor im Pudel im Jahr 2000; Foto: Katja Ruge

Mit welchen Folgen?

Ralf: Zum Beispiel, dass sich die Meinungsbildung ins Internet verlegt und bestimmte Algorithmen bestimmen, was sich durchsetzt. Ich diskutiere doch lieber mit jemanden an der Bar, als dass ich mich im Internet beschimpfen lasse. Da hängt etwas schief in der Gesellschaft. Und die sozialen Kontakte, die wir bieten, die fehlen.

Habt ihr diese Reibung schon wieder erlebt?

Charlotte: Na ja … Alle sind zurückhaltend, weil sie die Regeln verinnerlicht haben. Wegen der Sperrstunde ist auch um 23 Uhr Schluss.

Ralf: Vieles wird sich erst zeigen, wenn die Clubs wirklich wieder öffnen. Kommen die Leute alle wieder? Kommen andere und wie werden die sich verhalten? Das sind Fragen, denen wir uns dann stellen müssen.

Wie steht ihr zur Sperrstunde?

Ralf: Ich bin gegen eine Sperrstunde. Aber natürlich dafür, dass soziale Kontakte, besonders drinnen, möglichst vermieden werden, solange nicht alle geimpft sind. Grundsätzlich unterstütze ich die Maßnahmen. Über die Umsetzung kann man sich gerne streiten. Es ist gerade wie ein zäher Neustart.

 

Der Pudel im Kultursommer Hamburg

 

Ein erster Schritt sind Veranstaltungen im Barboncino als Teil des Kultursommers …

Charlotte: … vor dem Barboncino. Auf der Terrasse. Alles findet draußen statt und FKK.

FKK?

Ralf: Funkhörer, Kopf, Kultur. Wir sind froh, dass wir jetzt diese Terrasse haben. Wo Kunst, Kultur, Film und Lesungen laufen – mit Kopfhörern. Dadurch erreichen wir eine Limitierung, weil nur so viele Leute kommen können, wie wir Funkkopfhörer haben. Der Club wird nicht öffnen, solange es Abstand und Maskenpflicht gibt.

Aber das Tanzverbot ist doch aufgehoben …

Ralf: Ja, nur man müsste Quadrate auf den Boden malen und für jedes Quadrat einen Security hinstellen. Hier auf dem kleinen Gelände möchte das doch keiner kontrollieren. Tanzpolizei? Nein, danke!

Viktor: Deswegen machen wir mit den Kopfhörern auch keine Silent Disco. Das sind hauptsächlich Lesungen. So stellen wir uns einen Club auch gar nicht vor. Wir wollen erst wieder öffnen, wenn man sich von Mund zu Mund die Eiswürfel austauschen kann. Die Grundförderung muss eben so lange bestehen bleiben.

Welche Veranstaltungen sind geplant?

Charlotte: Zum Beispiel kommt Jens Rachut. Es gibt eine Lesung mit Rocko Schamoni & Gereon Klug. Oder Veranstaltungen von HfBK-Studierenden.

Viktor: Wir haben erst mal aus dem eigenen Netzwerk geschöpft. Mit mehr Zeit wäre es möglich internationaler zu denken.

 

Pudel statt Elbphilharmonie

 

Aber Jimi Tenor kommt …

Ralf: Ja, der hat glücklicherweise ziemlich schnell zugesagt. Der Pudel, nicht das Barboncino, macht in diesem Jahr noch vier Open-Air-Konzerte. Pudel Garden Live. Auch das sind keine Tanzveranstaltungen, sondern bestuhlt und man wird sich vorher ein Ticket abholen müssen. Es geht nicht anders.

Jimi Tenor im Jahr 2000 im Pudel; Foto: Katja Ruge

Tenor sollte im Januar mit Bigband in der Elphi spielen. Jetzt spielt er unterhalb der Zwöphi. Wie schafft man das?

Ralf: Es gibt diesen Kontakt seit 1995. Das war als er „Take me Baby“ auf Sähkö rausgebracht hat und bei MFOC in der Lounge, in der Gerhardstraße/Ecke Herbertstraße im Keller, ausschließlich Platten aufgelegt hat, wo er das Cover gut fand. Dann hat er 2000 und 2015 noch mal hier im Pudel gespielt. Das ist das Repertoire des Pudels. Wir können immer wieder auf Artists zurückgreifen, die schon mal hier waren. Auch, wenn gerade Pandemie ist und wir jemanden brauchen, der im Garten spielt.

Was ist musikalisch zu erwarten?

Ralf: Er hat gerade ein Album rausgebracht. Aus seiner Space-Travelling-Phase. Das sind eher schlecht gepresste Platten, die neu gemastert wurden. Sehr trashiger Space-Alien-Jazz. Teilweise funky melodiös. Ich mag diese „My first piano plastic trash“-Ästhetik sehr. Da wird aus cheapem Shit großartige Musik gemacht.

Ohne Bigband?

Ralf: Er kommt alleine, aber sein Technik-Rider lässt viel erwarten.

Viktor: So schließt sich der Kreis. 2000 war er das erste Mal hier und hat noch bei mir in der WG am Hein-KöllischPlatz gepennt. Er passt so gut zu uns, weil diese Mischung so gut passt. Dieses Elektronische, dieses Organische, Unberechenbare. Die Mischung zwischen sehr fettem und sehr traurigem Sound.

Ralf: Eigentlich der optimale Posterboy für uns.

Und was kostet der Spaß?

Ralf: Unsere Open-Air-Veranstaltungen waren immer als Geschenk für das Viertel gedacht. Vermutlich müssen wir einen Euro Schutzgebühr nehmen. Aber das ist hier mitten im Park Fiction, eine soziale Skulptur, und soll da reinwirken.

Viktor: Eigentlich widerspricht das völlig unserer grundlegenden Türpolitik, dass jeder reinkommt und man keinen ausschließt. Jetzt müssen wir uns auf einmal überlegen, wie viele Leute wir reinlassen. Einerseits völlig richtig, aber leider irgendwie auch gegen unsere Idee.

Pudel Garden Live XIX mit Jimi Tenor: 13. August 2021, nähere Infos inklusive Ticketverkauf voraussichtlich bei Instagram

Wer ist Jimi Tenor? Das ist er, live in seiner finnischen Heimat (2011):


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2021. Das Magazin ist seit dem 29. Juli 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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JazzHall: Ein neuer Jazz-Tempel für Hamburg

Am 17. Juni 2021 eröffnet die JazzHall – Hamburgs neuer Konzertsaal an der Hochschule für Musik und Theater

Text: Felix Willeke

 

Das Hafenklang, die Elbphilharmonie oder das Birdland – Hamburg hat viele Orte, an denen guter Jazz gespielt wird. Jetzt kommt noch einer hinzu: Nach 15 Jahren Planung und mehr als zwei Jahren Bauzeit eröffnet am 17. Juni 2021 die JazzHallPandemie-bedingt nur virtuell. Die ersten öffentlichen Konzerte sind ab Juni 2021 geplant und im Sommer 2022 soll es dann mit einer musikalischen Festwoche richtig losgehen.

„Die JazzHall kann zu einem Publikumsliebling werden – im Herzen der Stadt und mit Blick auf die Alster“, sagt Bürgermeister Peter Tschentscher. Die neue Konzerthalle ist dabei Teil der Hochschule für Musik und Theater. „Jazz-Studierende sowie nationale und internationale Stars der Szene bekommen einen exzellenten Ort, um neue Konzertformate zu entwickeln und ihr Publikum zu begeistern“, sagt die Wissenschaftssenatorin und Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank. Die 550 Quadratmeter große Konzerthalle bietet Platz für 300 Gäste und steht neben Konzerten auch der Hochschule für den regulären Studienbetrieb zur Verfügung.


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Stephanie Lottermoser: Tiefenentspannte Stadt-Hommage

Die Wahlhamburger Saxofonistin und Sängerin hat ein Album aufgenommen, das nicht nur „Hamburg“ heißt, sondern die Stadt auch musikalisch widerspiegelt – mit zurückgelehnten Jazz-, Soul- und Funk-Nummern

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Stephanie Lottermoser, dass der Titel deines neuen Albums „Hamburg“ wurde, lag nicht zuletzt an zwei anderen Städten, richtig?

Stephanie Lottermoser: Das stimmt. Ich stamme aus einer Kleinstadt südlich von München, habe in München an der HMTM studiert und 2013 den Bayerischen Kunstförderpreis in Form eines Stipendiums für Paris bekommen. Dort war ich dann auch für ein halbes Jahr. In Paris habe ich unter anderem gemerkt, wie sehr mich Orte beeinflussen, wenn ich Musik schreibe. Etwas später, zurück in München, ist dann ja auch mein Album „Paris Songbook“ erschienen.

Beschreib doch mal dein halbes Jahr in Paris.

Es war meine erste große Reise weg von München. Dieser Perspektivwechsel allein war schon mal ziemlich gut, fand ich. Und der kreative Input, den die Stadt liefert, ist unglaublich. Ich habe in der Cité Internationale des Arts gelebt, einem Gebäudekomplex, in dem gut 300 Künstler aus 50 Ländern untergebracht waren. Jazzmusiker, klassische Musiker, Bildende Künstler – alle Tür an Tür. Wir waren in einem ständigen Austausch. Zudem machen ja alle großen Stars Halt in Paris, wenn sie auf Tour sind. Einen Großteil des Taschengeldes, dass ich bekommen habe, habe ich für Konzertkarten ausgegeben.

Bist du selbst auch in Paris aufgetreten?

Ja, nachdem ich mich irgendwann überwunden hatte, mal zu einer Jam-Session zu gehen. Das musste ich mich erst mal trauen, auch sprachlich, ich hatte nie Französisch in der Schule. Aber es war dann wirklich toll, und ich habe danach immer wieder mit ganz unterschiedlichen Musikern gespielt, viele waren im Funk und Soul verankert, was ja auch meine musikalischen Baustellen sind.

Zurück in München, erschien dir die Stadt plötzlich als zu klein, heißt es.

(lacht) Ja, und es gibt auch einen passenden Song dazu auf „Paris Songbook“, nämlich „Model Railroad Landscape“, also „Modelleisenbahnlandschaft“. Der erste Song, den ich nach meiner Rückkehr geschrieben habe. Es soll jetzt überhaupt nicht despektierlich gegenüber München klingen, aber mir kam die Stadt wirklich etwas zu klein und auch zu brav vor.

Ende 2017 hatte ich dann ein Konzert in Hamburg. Ich saß in meinem Hotelzimmer am Fenster, konnte von dort aus über die ganze Stadt gucken – und habe nur gedacht: Ich will hier wohnen! Ich hatte keinen konkreten Grund, nach Hamburg zu kommen, nur dieses Gefühl.

 

„In Hamburg ist es egal, ob jemand Soul und Funk oder Avantgarde-Jazz macht“

 

Kannst du dieses Gefühl etwas näher beschreiben?

Es war ein Gefühl von Freiheit, was nicht zuletzt durch die Lage der Stadt, die Wassernähe, den Hafen kam. Und dieses Gefühl hat sich nach meinem Umzug 2018 nach Hamburg bestätigt: Ich fühle mich hier einfach total frei und gut aufgehoben.

Kamst du auch in der Hamburger Musikszene schnell zurecht?

Ich kannte erst mal nur ein paar Musiker in Hamburg, habe aber tatsächlich sehr schnell erfahren dürfen, wie gut vernetzt und vor allem hilfsbereit Hamburger Musiker sind. Das ist nicht selbstverständlich, ich kann das gar nicht hoch genug halten. In Hamburg ist es egal, ob jemand Soul und Funk oder Avantgarde-Jazz macht: Sobald da wer ist, der Bock auf Musikmachen und kreatives Arbeiten hat, wird er schon irgendwie irgendwo untergebracht. Es herrscht eine große Aufgeschlossenheit in der Szene.

 

 

Hast du dann sehr bald entschieden, dass dein nächstes Album schlicht nach deiner neuen Wahlheimat benannt wird?

Der Titel für ein Album kommt mir immer während des Schreibens. Und als ich den jetzigen quasi Titelsong geschrieben habe, „Morgen (Hamburg)“, habe ich mich einmal mehr gefreut, dass ich hier sein kann – und gar nicht mehr über andere Albumtitel nachgedacht. Das Album hieß dann einfach so: „Hamburg“.

Im Titelsong spielst du das erwachende Hamburg auf dem Saxofon nach, mit den ersten leichten Wellen am Elbstrand, dem langsam aufkeimenden Leben, dem Puls der Stadt. Alles: extrem entspannt. Genau wie der Rest des Albums. Empfindest du Hamburg auch so: superentspannt?

Ja. Ich habe mir nicht vorgenommen, total entspannte Songs zu schreiben. Meine Entspannung ist eher automatisch in die Musik übergegangen. Als ich in Bayern davon erzählt habe, kam oft das Klischee als Antwort: „Sind in Hamburg nicht alle eher total unterkühlt?“ Ich finde: nein! Was manche unterkühlt nennen, nenne ich ehrlich. Im Norden guckt man einfach erst mal, wie jemand drauf ist, wartet ab und beurteilt erst dann, wenn man es kann.

Du hast dein Instrument auch einmal als sehr „ehrlich“ beschrieben“ …

… richtig! Weil ich mich damit austoben und so sein kann, wie ich eben bin. Klar, als Musiker kann man covern, etwas nachmachen oder weiterentwickeln. Aber ich wollte immer Musik machen, um etwas von mir zu zeigen.

„Hamburg“ erschien am 5.3. auf Leopard Records

Release-Show im Knust
12.3.2021, 20 Uhr


SZENE-März-2021 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Februar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Lisa Bassenge: Musik von Müttern

„Mothers“ heißt das neue Album der Berliner Jazz-Sängerin. Darauf interpretiert sie die Songs von Künstlerinnen, die ihr besonders wichtig sind, von Carole King bis Billie Eilish. Geplante Konzerte fallen aktuell aus – aber über „Mothers“ konnten wir mit ihr sprechen

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Lisa, erinnerst du dich, wann du zum ersten Mal beim Hören von Musik einer Künstlerin das Gefühl hattest: Die ist es – die ist ab sofort so etwas wie eine musikalische Ziehmutter für mich?

Lisa Bassenge: Ich war zwölf, als ich das Madonna-Album „Like A Virgin“ zum ersten Mal hörte (erschienen 1984; Anm. d. Red.). Das hat mich sofort und total hineingezogen in die Welt dieser Künstlerin.

Was hat dir daran so sehr gefallen?

Ich fand den Stil der Songs irre toll! Und Madonna an sich. Sie war damals ja ein weibliches Rollenmodell, das es so vorher im Pop-Bereich noch nicht gegeben hatte: Eine starke Künstlerin, die sich positioniert und so ein „Selbst ist die Frau“-Ding macht. Mich hat das extrem fasziniert.

Warst du fortan Fan und wolltest mehr und mehr über Madonna wissen?

Ja, ich war schon ein richtiger Fan und wusste irgendwann tatsächlich so ziemlich alles über sie. In einem damaligen Bravo-Quiz konnte ich alle Fragen beantworten (lacht).

 

 

Glaubst du, dass es generell wichtig ist, die Biografie einer Künstlerin zu kennen, um ihre Musik voll und ganz verstehen zu können?

Kommt darauf an. Musik sollte immer einen Aspekt haben, der die Allgemeinheit anspricht, also in dem sich jeder wiederfinden kann, ohne große Künstlerinnenrecherche zu betreiben. Wenn man ein musikalisches Werk aber wirklich interpretieren möchte, ist es natürlich ratsam, auch mehr über die Künstlerin zu erfahren.

Für „Mothers“ hast du nun zwölf Songs von Künstlerinnen ausgesucht, die dich und die Pop-Musik ganz generell stark beeinflusst haben: Joni Mitchell, Carole King, Suzanne Vega, aber auch die blutjunge Billie Eilish sind dabei. Nach welchen Kriterien bist du bei der Auswahl vorgegangen?

Ich habe Stücke ausgewählt, zu denen ich einen Bezug habe, die mich berühren. Und natürlich musste ich mir sicher sein: Ich kann etwas daraus machen, das nach mir klingt und passend für meine Stimme ist. Es gab auch Songwriterinnen in der engeren Auswahl, die ich sehr mag, zum Beispiel Regina Spektor, die aber so eigen sind, dass ich ihre Stücke nicht auf meinen Stil umwandeln kann. Es überlagern sich auf „Mothers“ ja ganz verschiedene Pop-Welten, allein zeitlich.

Meinst du, jemand wie Billie Eilish hätte auch in der Zeit und Welt von Carole King bestanden?

Hmm, den Vergleich würde ich lieber nicht ziehen. Es gibt eben ganz klassische Songwriterinnen, von denen man sagen kann: Die hat auf jeden Fall ihre Hausaufgaben gemacht und ihr Handwerk gelernt. Jemand wie Carole King zum Beispiel. Und Billie Eilish hat sich einfach mal guerillaartig übers Internet nach oben katapultiert, ohne sich dabei den Strukturen zu bedienen, die im Musikgeschäft bis heute gängig sind, etwa einen Major-Label-Deal.

Vielleicht hätte Billie Eilish in die Welt von Madonna gepasst?

Den Vergleich finde ich schon besser. Zwei Künstlerinnen, die zu Pop-Phänomenen wurden und mit ihrer Musik vor allem junge Menschen ansprechen. Bei Billie Eilish wird das besonders deutlich. Zu ihren Konzerten gehen ja nicht nur Erwachsene und pubertierende Jugendliche, sondern teilweise sogar Kinder.

 

 

Könntest du eigentlich auch einen Bravo-Test über Billie Eilish bestehen?

Nein, überhaupt nicht. Von ihr weiß ich gar nicht so viel. Ich finde einfach ihre Musik super.

Hast du ihr deine Interpretation ihres Songs „All The Good Girls Go To Hell“ zugeschickt?

Nein, dazu bin ich zu bescheiden.

Und wenn sie ihn hören würde: Wäre es dir wichtig, dass er ihr gefällt?

Oh ja, natürlich! Es wäre furchtbar, wenn er ihr nicht gefallen würde!

Deine „Mothers“-Songs sind nun musikalisch sehr einheitlich: reduzierte Arrangements, Klavier im Fokus, sehr jazzig gehalten – typisch Lisa Bassenge …

… auch weil es mir darum ging, groß produzierte Pop-Stücke in eine kleine Form zu bringen. Darum, die Essenz des Songs herauszuarbeiten und etwas Eigenes daraus zu machen. Dafür ist die Trio- Konstellation, in der wir „Mothers“ aufgenommen haben, auch genau richtig. Der Schwede Jacob Karlzon ist mit ganzem Herzen Jazz-Pianist und leistet einen ebenso großen Beitrag wie mein Mann Andreas Lang am Bass.

Besteht eigentlich in Zukunft auch die Chance auf ein „Fathers“-Album?

Ach, es gibt so viele Männer in der Musikwelt und auch so sehr männliche Strukturen, dass ich denke: Ein „Fathers“-Album ist nicht unbedingt nötig. Mit „Mothers“ möchte ich jetzt lieber ein Augenmerk auf die weiblichen Teilnehmer an der Musikwelt richten.

„Mothers“ ist am 13.3. erschienen


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2020. Das Magazin ist seit dem 28. März 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Auf einen Song mit … Sepalot

Der einstige Blumentopf-DJ Sepalot führt mit dem Sepalot Quartet Beats und Jazz zusammen und gibt Empfehlungen aus beiden musikalischen Lagern.

Interview: Erik Brandt-Höge
Foto: Nico Reger

SZENE HAMBURG: Sepalot, wir brauchen Beats und Bässe! Welche drei Tracks hauen uns von jetzt auf gleich vom Hocker?

Son Lux: „Easy“. Ich liebe den arty und verspulten Ansatz von Son Lux. Ist einfach eine super interessante Band. Von „Easy“ gibt es auch eine gute Orchesterversion, zusammen mit Woodkid.

Uffe: „My Love Was Real“. Das ganze Album „Radio Days“ ist sehr fein. Ich mag die Mischung aus BoomBap-Sample-Ästhetik und UK Dance Music.

World’s Fair: „Elvis’ Flowers (On My Grave)“. Das ist der Rap-Song, der mich 2018 am meisten umgehauen hat. So schön durchgeknallt. Wie ein Update von „ The Pharcyde“.

 

„HipHop hat sich schon immer viel beim Jazz ausgeborgt.“

 

Okay, und jetzt wieder runterkommen – am liebsten mit Jazz! Hast du hierfür auch drei Stücke parat?

Web Web: „Land Of Arum Flower“. Web Web ist das Jazz-Projekt meines geschätzten Kollegen Roberto Di Gioia aus München. Roberto ist ein begnadeter Pianist. Diese Platte im Stil des Spiritual Jazz der 70er Jahre ist einfach fantastisch.

Fazer: „White Sedan“. Das Münchner Quintett um Martin Brugger (a. k. a. Occupanther) ist New Generation Jazz. Die Jungs sind sowohl mit Clubmusik als auch mit dem Jazz bestens vertraut.

Matthias Lindermayr: „Massave“. Schon wieder ein Münchner! Ja, es tut sich gerade was in der Stadt. Matthias hat nicht nur den schönsten Trompetensound, er ist auch ein Teil des Sepalot Quartets und hat 2018 sein zweites Soloalbum „New Born“ über Enja Records veröffentlicht.

Du mixt nun auf der Bühne die Vom-Hocker-Hauer-Beats mit Jazz. Warum gehören diese musikalischen Puzzleteile zusammen?

Ich war viele Jahre im HipHop zu Hause. Ein Genre, dass sich schon immer viel beim Jazz ausgeborgt hat. Und jetzt, da ich nach meiner Zeit bei Blumentopf ohne Rapper auf der Bühne stehe, ist wieder Platz in meiner Musik. Der Jazz schließt die Lücke, und es fühlt sich ganz natürlich an.

Sepalot: 15.2.19, Birdland, 20 Uhr

 

Hört hier „Rainbows“ von Sepalot


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2019. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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