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Stephanie Lottermoser: Strukturierte Experimente

Stephanie Lottermoser ist Wahlhamburgerin – ein Gespräch über ihr neues Album „In-Dependence“ und den Spagat zwischen Singen und Saxofonspielen

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Stephanie, auf deinem neuen Album „In-Dependence“ ist der Titel Programm, es geht um das große Thema Unabhängigkeit. Die strebst du als Musikerin auch weiterhin in einer von Männern dominierten Branche an. Denkst du, es wird in den kommenden Jahren endlich bahnbrechende Veränderungen diesbezüglich geben?

Stephanie Lottermoser: Völlige Unabhängigkeit kann es ja gar nicht geben. Wir sind immer abhängig von verschiedenen Systemen, Beziehungen, Strukturen sowie inneren und äußeren Faktoren und Einflüssen. Die Unabhängigkeit, die ich anstrebe, ist eine, in der ich so frei wie möglich meine Musik weiterentwickeln, schreiben, veröffentlichen und auf die Bühne bringen kann. Auch hier bin ich von einem überwiegend männlichen System und männlichen Entscheidern umgeben, seien es Plattenfirmen, Veranstalter:innen oder Mitmusiker:innen. Bahnbrechende Veränderungen, denke ich, wird es erst geben, wenn alle Frauen überall auf der Welt ein selbstbestimmtes und gleichberechtigtes Leben führen können.

 

Meine größte Erwartung an mich selbst: authentisch sein

Was wäre auf dem Weg dorthin das Wichtigste, was passieren müsste?

Bildung, Aufklärung, Kommunikation, Bereitschaft zur Veränderung und zum gesellschaftlichen Wandel, ein Infrage-Stellen traditioneller Werte- und Gesellschaftsmuster und vor allem eine Zusammenarbeit und ein gemeinsamer Diskurs von Frauen und Männern, von weiblich und männlich gelesenen Personen.

Im Vorfeld der Veröffentlichung von „In-Dependence“ hast du auch vom Ziel gesprochen, dich frei zu sagen von dem, wie andere deine Musik haben wollen. Ist es für dich eine große Herausforderung, dich wegzudenken von Erwartungen an deine Kunst?

Ich weiß nicht, ob man sich als musikschaffender Mensch überhaupt ganz davon frei sagen kann oder ob das erstrebenswert ist. Manchmal höre ich sehr viel Musik, phasenweise auch gar nicht. Sehr oft frage ich mich, wo die Melodien in meinem Kopf eigentlich herkommen, manchmal sind ganze Songs einfach so da, wie ein kleines Wunder. Und die größten Erwartungen an meine Kunst habe sowieso ich selbst. Wenn ich nach einem Konzert mit mir unzufrieden bin, kann mich auch ein Raum voller applaudierender Menschen nicht vom Gegenteil überzeugen. Meine größte Erwartung an mich selbst ist, authentisch zu sein mit dem, was ich spielen und aussagen möchte, und auch das findet ja immer im Spannungsfeld statt zwischen allem, was man schon erlebt und gehört hat und dem, was aktuell auf einen einprasselt.

 

Vom Wiedergeben und Improvisieren

Einmal mehr bist du jetzt als Saxofonistin wie als Sängerin zu hören. Wobei Unabhängigkeit vermutlich viel leichter in der Improvisation am Saxofon als mit einem Text, den es zu singen gibt, entsteht, richtig?

Es gibt viele Kollegen und Kolleginnen, die ganz fantastisch als Sänger:innen improvisieren und ohne Text eher klangmalerisch arbeiten. Das war nie so recht mein persönlicher Zugang. Ich liebe nicht nur Musik, sondern auch Sprache sehr, beides sind große Kunstformen. Insofern stimmt das – ich improvisiere auf dem Saxofon, und wenn ich singe, gebe ich Texte wieder, die ich vorher so geschrieben habe. Allerdings geht es in den Texten dann eben teilweise thematisch um das Thema Unabhängigkeit. Ich brauche diese Kombination aus Experimenten und klaren Aussagen für meine Musik.

Aufgenommen wurde das Album im Quartett. Ging es in der Produktion vor allem um deine musikalische Unabhängigkeit oder sollten alle Beteiligten gleich viele Freiheiten haben?

Ich wähle meine Mitmusiker:innen immer danach aus, mit wem ich mich auf der Bühne am freisten und gleichzeitig am sichersten fühle. Freiheit bedeutet ja nicht das Ausbleiben von jeglicher Struktur, sondern vielmehr eine Struktur, die einem erlaubt, völlig davon wegzugehen, weil sie trotzdem da sein wird. Vertrauen, aufeinander hören, Offenheit und natürlich Zuneigung spielen da auch eine große Rolle. Im Studio sieht das so aus, dass ich die Songs mitbringe und natürlich eine Vorstellung davon habe, wie sie klingen könnten. In der Umsetzung versuche ich, so offen wie möglich für Änderungen und Verbesserungen zu sein, die oftmals erst auftauchen, wenn alle gemeinsam daran arbeiten.

„In-Dependence“ ist am 18. November 2022 bei Leopard erschienen
Live gibt es Stephanie Lottermoser am 24. November um 20 Uhr im Knust zu sehen (Tickets ab 20 Euro)


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„Alles ist möglich“

Fantasie, Rausch, Melancholie: Alles drauf auf „During My Lunch Break“, dem Debütalbum der Hamburger Jazzband Sir Bradley. Ein Kurz-Interview mit der Bandleaderin und Bassistin Maria Rothfuchs

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Maria, kurz vorweg: Es heißt, der Name eurer Band basiere auf einem Treffen mit der Rennradlegende Sir Bradley Marc Wiggins. Wann und wie war diese Begegnung?

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Die queer-feministische Hamburger Jazzband Sir Bradley (Foto: Steven Haberland)

Maria Rothfuchs: Wenn ich nicht am Bass stehe, sitze ich auf dem Rennrad. Im Sommer 2014 flitzte ich nach sechs Wochen Training auf Mallorca, also ganz gut in Form, zum letzten Mal meinen Lieblingspass hoch. In der vorletzten Kehre schoss plötzlich ein anderes Rennrad in atemberaubender Geschwindigkeit an mir vorbei. Oben auf dem Pass angekommen, erkannte ich, mit wem ich es da zu tun gehabt hatte: Bradley Wiggins, Tour-de-France-Gewinner 2012 – wow!  Ich zog den Helm vor ihm, verbeugte mich und wusste, mein nächstes Projekt wird irgendwie diese Begegnung feiern.

Sir Bradley: Eine queer-feministische Band

Wenn von der Jazzband Sir Bradley zu hören und zu lesen ist, wird immer wieder erwähnt, dass es sich um ein queer-feministisches Kollektiv handelt. Wie wichtig ist euch dieser Zusatz?

Er ist für uns selbstverständlich und wichtiger Bestandteil unseres Lebens. Alle Musiker*innen (*Frauen, intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans und agende Personen; Anm. d. Red.) dieser Band, die in den 80er-Jahren schon aus den Kinderschuhen rausgewachsen waren, sind seitdem queer-feministisch unterwegs und die Jungen sowieso. Es freut uns aber, in so einer geballten Power auf der Bühne Role Models für alle Finta* sein zu können. Alles ist möglich, zu jedem Zeitpunkt im Leben.

Ihr veröffentlicht euer erstes Album „During My Lunch Break“ zudem bei Pussy Empire Recordings, dem feministischen Label von Sir Bradley-Sängerin Catharina Boutari. Ein gewolltes Statement oder bot es sich durch Catharina einfach an?

Es ist absolut beabsichtigt. Noch nie habe ich ein Label erlebt, dass mit solch einem großen Engagement eine im Grunde unkommerzielle Musik wie unseren Final Straight Jazz unterstützt.

Musikalisch, heißt es, wollt ihr durchweg „demokratisch“ agieren. Ist das immer leicht bei sieben möglichen Solist*innen?

Demokratie bedeutet bei uns nicht mehr und nicht weniger als dass alle Musiker*innen der Band am künstlerischen Prozess beteiligt sind und das immer wieder aufs Neue. So haben wir beispielsweise, dank einer Förderung in diesem Frühjahr, an neuen musikalischen Konzepten, sogenannten Soundpools, gemeinsam gearbeitet, die jetzt starke Auswirkungen auf unsere Musik haben. Bei uns – und im Jazz überhaupt – geht es darum, dass die gesamte Band die jeweilige Solist*in trägt, inspiriert und befeuert. So sind alle am solistischen Prozess beteiligt. Außerdem lassen unsere Arrangements viel Raum für diverse Soli.

„Kommerzieller Erfolg hat nicht zwingend mit der Größe einer Bühne zu tun“

Euer Release-Konzert spielt ihr im recht intimen Rahmen im Haus 73. Dürfen es für euch auch schrittweise größere Auftrittsorte werden oder steht kommerzieller Erfolg bei euch deutlich hinter künstlerischen Ansprüchen?

Sir Bradley hat in den letzten Jahren super gerne auf großen Festival-Bühnen gespielt, zum Beispiel beim Jazz-Baltica, ebenso wie in kleinen Clubs, etwa dem B-Flat in Berlin und dem Hafenbahnhof in Hamburg. Kommerzieller Erfolg hat, unserer Erfahrung nach, nicht zwingend mit der Größe einer Bühne zu tun. Wir alle wären froh, wenn wir angemessen für unsere Arbeit bezahlt werden würden. Unseren künstlerischen Anspruch würden wir aber niemals dem Geld unterordnen. Also nein, wir hätten nichts dagegen, wenn Elbjazz uns im nächsten Jahr einen Slot auf der Hauptbühne gäbe und wir unsere Musik mit vielen begeisterten Jazzfans feiern könnten.

„During My Lunch Break“ erscheint am 14. Oktober auf Pussy Empire Recordings/The Orchard/Timezone
Live gibt’s die Band am 1
5. Oktober um 19 Uhr im Haus 73 (Saal)


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Bergedorf: Zehn Mal wunderschön

Bergedorf im Hamburger Südosten wird viel zu oft übersehen, wenn von der Hansestadt die Rede ist. Dabei hat der Bezirk so einiges zu bieten: Von einer bewegenden Geschichte über in Hamburg seltene Fachwerkhäuser bis zum einzigen Schloss der Stadt

Das Bergedorfer Schloss

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Mitten im Zentrum steht das Bergedorfer Schloss (Foto: Mediaserver Hamburg/www.leemaas.de)

Was wäre Bergedorf ohne sein Schloss? Das im 13. Jahrhundert als Wasserburg an der Bille angelegte Schloss ist das einzige auf Hamburger Stadtgebiet erhaltet Gebäude seiner Art. Heute ist hier das Museum für Bergedorf und die Vierlande beheimatet. Die Dauerausstellung bietet einen Rundgang durch 850 Jahre regionale Geschichte. Dazu kommen Wechselausstellungen zu sozialgeschichtlichen Themen und Ausstellungen von Bergedorfer Künstler:innen. Außerdem ist das Bergedorfer Schloss eine einmalige Location für Veranstaltungen aller Art. Dazu zählen zweifelsohne auch die Schlosskonzerte. Wer nach diesem Anblick des Schlosses von historischen Bauten noch nicht genug hat, für den gibt es mit dem Schloss Reinbek nur wenige Kilometer entfernt, gleich hinter der Stadtgrenze, einen Residenzbau des herzoglichen Hauses Schleswig-Holstein-Gottorf aus dem 16. Jahrhundert zu bestaunen.

Einkaufen und Flanieren

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Die St. Petri und Pauli Kirche, ein Kleinod in der Fußgängerzone am Sachsentor (Foto: Ulrich Pinkernell)

Bergedorf wurde im zweiten Weltkrieg nicht so sehr zerstört wie andere Teile Hamburgs. Dadurch sind hier neben dem Schloss auch viele alte Gebäude erhalten geblieben. Dazu zählen auch die vielen Fachwerkhäuser am Sachsentor. Die Straße ist Synonym für die Bergedorfer Fußgängerzone und Haupteinkaufsstraße. Das Shoppingparadies beginnt am Bergedorfer Bahnhof, führt über den Serrahn und das Bergedorfer Schloss bis zum Mohnhof. Trotz des großen Shoppingcenters gleich um die Ecke haben sich hier viele Geschäfte gehalten und nach der Umgestaltung im Jahr 2004 zieht das Sachsentor heute mehr Menschen denn je an. Vorbei an der St. Petri und Pauli Kirche mit ihrem im 18. Jahrhundert erbauten Kupferturm gibt es jeden Dienstag und Freitag auch den klassischen Wochenmarkt direkt nebenan. In der Fußgängerzone selbst sind neben größeren Ketten auch echte Perlen zu finden. Darunter seit 1986 die Buchhandlung Sachsentor und seit wenigen Jahren nach seinem Umzug auch den Weltladen Bergedorf.

Boberger Dünen

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Sand in der Stadt: die Boberger Dünen (Foto: Marco Arellano Gomes)

Am Nordufer des früheren Elbstromtals zeugen einige alte Dünenlandschaften von der früher unbebauten Landschaft. Eine der bekanntesten und beliebtesten sind die Boberger Dünen. Das weitläufige Naturschutzgebiet im Nordwesten Bergdorfs liegt im Stadtteil Lohbrügge. Über 350 Hektar erstreckt sich das Gebiet und ist neben Wald und Dünen auch von seinem See geprägt. Der besonders beliebte Badesee ist 7,9 Hektar groß und maximal 11,5 Meter tief und wird durch Grundwasser gespeist. Daher rührt auch seine sehr gute Badequalität. Besonders im Sommer ist die Badestelle am nordöstlichen Ufer ein beliebtes Ausflugsziel. Am Südufer haben auch die Freund:innen des FKK ihren Platz. Doch auch wer nicht Baden will, kann die Boberger Dünen entweder durchwandern oder für einen Abstecher in die Luft nutzen. Der Hamburger Aero-Club Boberg bietet ab hier Mitfluggelegenheiten in seinen Segelfliegern an.

Jazz

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Bergedorf kann Jazz (Foto: unsplash/theo eilertsen photography)

Hamburg kann Jazz, das wissen mittlerweile alle. Doch das Bergedorf hier auch einiges zu bieten hat, ist noch viel zu vielen verborgen geblieben. In dem kleinen Stadtteil gibt es gleich zwei Locations mit richtig gutem Jazz in Angebot. Einer der beiden ist der White Cube Bergedorf. Der Club liegt etwas versteckt im Gewerbegebiet, ist aber nur knapp einen Kilometer vom Bahnhof Bergedorf entfernt. 2017 wurde das eigentliche Loftgebäude zu einem Club umgebaut. Pro Monat gibt es im Schnitt drei Konzerte im White Cube, hinzu kommen die mittlerweile etablierten Jamsessions. 

Deutlich mehr Geschichte hat indes der Jazzclub-Bergedorf. Seit 1963 verbinden die Jazzfreunde die beliebte Musik mit dem Stadtteil. Nach dem Tod ihres Gründers sind sie aktuell ohne feste Spielstätte. Doch das bedeutet nicht, dass es keine Konzerte gibt. Aktuell laden sie zumeist zu den kleinen Gigs ins Bergedorfer Schloss.

Aber auch darüber hinaus gibt es immer wieder kleine Jazzkonzerte im Stadtteil, so zum Beispiel im Kulturhaus Serrahn oder in der Lola.

Die Lola

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Die Lola ist eine Institution in Bergedorf (Foto: LOLA)

Das Kulturzentrum Lola gehört zu Bergedorf wie die Elbphilharmonie zu Hamburg. Seit 1992 gibt es das Haus. Weniger als einen Kilometer vom Bahnhof entfernt finden regelmäßig Konzerte, Comedy-Veranstaltungen, Kindertheater, Infoveranstaltungen, Initiativentreffen, Kurse und Workshops für Jung und Alt statt. Als Kulturzentrum ist die Lola darüber hinaus auch in jedem Jahr Spielstätte beim renommierteren Hamburger Comedypokal. Mittlerweile gehören auch das Improtheater „Anne Bille“ und die „Lola Band“ fest zum Repertoire. Hinzu kommen an jedem Wochenende „Beats united“ und der „Old Folks Boogie“. 2022 feiert die Lola zudem ihren 30. Geburtstag. Grund genug, ein vielfältiges Jubiläumsprogramm auf die Beine zu stellen.

Die Bille

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Die Bille lädt rum Radeln, Wandern und zum Paddeln ein, einfach schön (Foto: Noemi Smethurst)

Was der Hamburger Innenstadt die Alster ist, ist den Bergedorfer:innen die Bille. Der 65 Kilometer lange Fluss fließt in Bergedorf erstmals auf Hamburger Stadtgebiet und mündet an der Brandshofer Schleuse in der Nähe des Großmarkts in die Elbe. Besonders schön ist der Fluss von Bergedorf stromaufwärts in Richtung Sachsenwald. Das Billetal ist ein Paradies fürs Wandern, Radfahren und in Richtung Dove Elbe auch zum Paddeln. Wer durch das Tal in Richtung Reinbek wandert erlebt nahezu unberührte Natur und nach einem Abstecher zum Reinbeker Schloss geht es mit der S-Bahn zurück nach Bergedorf. Wer noch nicht genug hat, folgt dem kleinen Flusslauf weiter in Richtung Osten, vorbei am Sachsenwaldbad, in Richtung Aumühle und den Wäldern, die noch heute der Familie Bismarck gehören. So gelangt man schließlich auch in den Sachsenwald, das mit fast 60 Quadratkilometern größte zusammenhängende Waldgebiet in Schleswig-Holstein.

Lost Places und viel Grün

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Die Pulverfabrik Düneberg ist ein echter Lost Place (Foto: Anarhea Stoffel)

Was die Bille andeutet, setzt sich unter anderem im Bergedorfer Gehölz fort: Bergedorf ist Grün und das zeigt sich an den kleinen und großen Wäldchen in und um den Bezirk. Das Bergedorfer Gehölz liegt dabei zwischen Bille und Villenviertel und ist die grüne Oase des Stadtteils. Wer jedoch etwas weiter fahren möchte, entdeckt neben viel grün, Natur und Landwirtschaft auch noch einen echten Lost Place. Knapp zehn Kilometer südöstlich der Bergedorfer Innenstadt liegt direkt an der Hamburger Stadtgrenze das Naturschutzgebiet Besenhorster Sandberge. Hier finden sich ähnlich wie in den Boberger Dünen alte Dünenlandschaften des nördlichen Ufers des Elbstromtals.

Doch neben den Dünen und dem Wald gibt es hier auch alte Ruinen voll bunter Graffiti-Kunst. Es sind die Reste eines ehemaligen Fabrikgeländes, das als solches kaum noch zu erkennen ist. 1876 gegründet produzierte die ehemalige Pulverfabrik im Ersten Weltkrieg vor allem Schwarzpulver. Nach einer erneuten Hochpasse der Produktion im Zweiten Weltkrieg wird die Anlage im April 1945 durch Bombenangriffe zerstört. Daraufhin werden die Anlagen erst abgebaut, dann gesprengt, später entseucht und sind seitdem vollständig der Natur überlassen. Heute sind die Ruinen ein beliebtes Ziel für Graffiti-Künstler:innen, Spaziergänger:innen und Reiter:innen. 

Das Bergedorfer Villenviertel

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Im Bergedorfer Villenviertel reiht sich ein prächtiges Haus an das nächste, darunter einige Baudenkmäler (Foto: Ulrich Pinkernell)

Zwischen Bille und Gojenberg ist Bergedorf besonders schön. Hier reiht sich ein Baudenkmal an das nächste. Das Bergedorfer Villenviertel entstand Ende des 19. Jahrhunderts, als der Bezirk als Luft- und Badekurort vor allem bei Familien aus Hamburg – Bergedorf war damals noch eigenständig und gehört erst seit 1937 zur Stadt Hamburg – beliebt war. Im Villenviertel gilt: Desto weiter man nach Norden geht, desto beeindruckender werden die Gebäude. Besonders rund um den Reinbeker Weg finden sich etliche Baudenkmäler, die Ende des 19. Jahrhunderts erbaut wurden. Dazu kommt das Luisen-Gymnasium Bergedorf, das vom Hamburger Architekten und Stadtplaner Fritz Schumacher Anfang der 1930er-Jahre erdacht und erreichtet wurde.

Die Sternwarte

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Die Sternwarte Bergedorf beherbergt eine der wohl schönsten Bibliotheken Hamburgs (Foto: UHH/Denstorf)

Im Süden des Villenviertels auf dem Gojenberg, liegt die von der Universität Hamburg betriebene Sternwarte. Eingeweiht im Jahr 1912, war die Sternwarte lange eines der bedeutendsten Observatorien Europas. Heute wird sie immer noch von der Universität Hamburg genutzt und Forschende blicken von hier aus, wenn auch häufig mit Hilfe anderer Teleskope in die Sterne. Neben den Forschungseinrichtungen verfügt die Sternwarte über eine der schönsten Bibliotheken der Stadt. Ein echter Geheimtipp für Studierende, die ohnehin in Bergedorf wohnen: Wohl nirgendwo lässt es sich besser und in schönerer Umgebung arbeiten als hier.

Doch damit nicht genug. Die Sternwarte strebt nach mehr. 2012 gab es den ersten Versuch, das Ensemble auf die sogenannte Tentativliste zu setzen. Auf dieser Liste stehen die Kulturdenkmäler und Schutzgebiete, für die eine Nominierung als UNESCO-Welterbe angestrebt wird. Bisher ist in Hamburg nur die Speicherstadt mit dem Kontorhausviertel UNESCO-Welterbe – und als Teil des Wattenmeers auch die Insel Neuwerk. Jetzt hat die Stadt Hamburg bei der Begründung, warum die Sternwarte UNESCO-Welterbe werden soll, nachgebessert und 2023 gibt es einen neuen Versucht. Dann soll die Sternwarte auf der Tentativliste und mit ein bisschen Glück als weltweit achte Sternwarte zum UNESCO-Welterbe werden.

Gedenkstätte KZ Neuengamme

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Das Klinkerwerk war zentraler Teil des ehemaligen KZ Neuengamme (Foto: Alexander Glaue)

Nur rund fünf Kilometer südlich der Sternwarte liegt ein Ort, der noch mehr Geschichte und Geschichten erzählt als die Teleskope auf dem Gojenberg. Das KZ Neuengamme war zur Zeit des NS-Regimes ein Arbeitslager der Nationalsozialisten. 1938 errichtet, war es zwischen 1940 und 1945 das zentrale Konzentrationslager Nordwestdeutschlands. Kurz vor Auflösung des Lagers waren hier 100.000 Häftlinge registriert. Heute ist das ehemalige KZ eine Gedenkstätte. Zum 60. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus wurde sie nach umfangreicher Renovierung im Mai 2005 neu eingeweiht. Die Gedenkstätte umfasst mit knapp 57 Hektar fast das komplette historische Lagergelände. Dabei wurden 17 Gebäude aus der Zeit des Konzentrationslagers erhalten und so ist die Gedenkstätte eine der größten in Deutschland. Der Eintritt zum Gelände und den zahlreichen Ausstellungen ist frei.


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Elbphilharmonie

Erst Traumschloss, dann Millionengrab, heute eines der Wahrzeichen Hamburgs. Die Elbphilharmonie ist noch keine zehn Jahre alt und hat jetzt schon eine bewegte Geschichte

Text: Felix Willeke

Die Elbphilharmonie zählt heute zu den bekanntesten Wahrzeichen Hamburgs. Sie hat der Stadt in der Musikwelt neue Bedeutung verliehen. Doch ihr Bau war umstritten. Für das Konzerthaus auf dem historischen Kaispeicher A brauchte es zehnmal mehr Geld als gedacht, einen langen Atem und doch lockt die Elphi, wie sie auch genannt wird, heute bis zu einer Million Konzertbesucher:innen pro Jahr an. Eine bewegte Geschichte, die mit einer Postkarte begann.

Entstehung

Von der ersten Idee zur Elbphilharmonie Anfang der 2000er-Jahre bis zur Eröffnung 2017 gab es eine lange Anlaufzeit, Bauverzögerungen, Kostenexplosionen und Rechtsstreitigkeiten. Viele Hürden für Hamburgs neues Wahrzeichen. 

Idee

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Die Architekten des neuen Hamburger Wahrzeichens: Jacques Herzog. Pierre de Meuron und Ascan Mergenthaler (v. l.n.r.) (Foto: Maxim Schulz)

Ende der 1990er-Jahre plante Hamburg einen neuen Stadtteil: Die HafenCity. Zu Beginn war jedoch unklar, was genau mit dem alten Kaispeicher A passieren sollte. Das frühere Lager für Kaffee und Kakao sollte entweder kulturell genutzt werden oder es sollte, wie von der Politik gewollt, mit dem MediaCityPort ein Bürokomplex entstehen. Während Mieter:innen für das neue Gebäude gesucht wurden, hielt im Hintergrund eine Gruppe um den Architekten Alexander Gérard und seine Frau Jana Marko an den Plänen für eine kulturelle Nutzung fest.

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Gibt es einen besseren Ort für ein Konzerthaus als den Kaiserhöft? (Foto: Thies Rätzke)

Seit 2001 waren beide auf der Suche nach Untersützer:innen für ihre Idee, ein Konzerthaus anstelle des Kaispeichers zu errichten. Dafür reisten sie Ende desselben Jahres in die Schweiz, um sich mit den Stararchitekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron in Basel zu treffen. Gérard legte dabei keine fertigen Baupläne vor, sondern zeigte lediglich eine Postkarte des Kaispeichers. Die Architekten erkannten das Potenzial des Standorts sofort und Jacques Herzog zeichnet eine Welle auf das Dach des Speichers: Die erste grobe Skizze der Elbphilharmonie. 

Doch politisch wurde weiter der Bürokomplex favorisiert. Während die Politik in der Hansestadt sich unter dem neuen Bürgermeister Ole von Beust (CDU) und nach 40 Jahren SPD-Regierung neu sortierte, ließen sich auch Gérard, Marko und ihre Mitstreiter:innen Zeit. Schlussendlich dauerte es zwei Jahre, bis sie die Pläne zur Elbphilharmonie erstmals öffentlich präsentieren. Die Pläne wurden begeistert bei der Bevölkerung aufgenommen, sodass sich auch die Politik immer mehr mit der Idee anfreundete. Ende 2003 gab es dann den ersten offiziellen Beschluss, die Elbphilharmonie zu bauen. Auch Zahlen wurden erstmals genannte: Das Konzerthaus sollte 53 Millionen Euro kosten.

Finanzierung

Dabei blieb es bekanntlich nicht und die 53 Millionen Euro waren auch nur ein erster Richtwert. Als der Senat 2005 den Bau endgültig am heutigen Standort beschließt, sind es bereits 186 Millionen Euro, wobei sich die Stadt mit maximal 77 Millionen Euro beteiligen will. Doch auch diese Summe hat nur ein Jahr bestand. Ende 2006 verkündet Bürgermeister von Beust neue Zahlen: Jetzt sind es 241,3 Millionen ingesamt und 114,3 Millionen Euro von der öffentlichen Hand. Vor dem Hintergrund dieser Summe stimmt die Bürgerschaft 2007 für den Bau des Konzerthauses und noch im gleichen Jahr wird der Grundstein gelegt. 

Was folgt, ist ein Bau voller Hindernisse. Zuerst verkündet das Bauunternehmen Hochtief 2011 einen Baustopp aufgrund von Sicherheitsbedenken, es folgen Rechtsstreitigkeiten und auf der Baustelle bewegt sich ein Jahr lang fast nichts. Der ursprünglich anvisierte Eröffnungstermin im Jahr 2010 ist längst verstrichen als der neue Bürgermeister Olaf Scholz im April 2013 nach einer Einigung mit Hochtief die endgültigen Kosten für die Elbphilharmonie bekannt gibt. Nach anfänglich weniger als 100 Millionen Euro kostet das Konzerthaus die Stadt schlussendlich 789 Millionen Euro, inklusive einiger Großspenden belaufen sich die Gesamtkosten auf 866 Millionen Euro. 

Bau

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Früher war der Kaispeicher A ein Lager für Kakao und Kaffee, heute steht nur noch die Fassade und oben thront die Elbphilharmonie (Foto: Zoch)

Doch nicht nur Rechtsstreitigkeiten und Bauverzögerung haben die Elbphilharmonie derartig teurer werden lassen. Ein weiterer Grund sind die baulichen Herausforderungen sowie die architektonischen Besonderheiten. So steht der historische Kaispeicher A auf 1.111 im Hafenschlick versengten Betonpfählen. Diese allein tragen aber kein Gebäude wie die Elbphilharmonie, das rund 200.000 Tonnen wiegt. So mussten, nachdem der historische Speicher entkernt worden war, 634 weitere Pfähle bis zu 15 Meter tief in den Boden versenkt werden. Dann wurde der alte Speicher, dessen denkmalgeschützte Backsteinfassade erhalten wurde, um ein Stockwerk erweitert und das neue Dach des Speichers ist heute die Plaza der Elbphilharmonie. Das eigentliche Konzerthaus wurde auf den Speicher gebaut und ist mit seinen 110 Metern Höhe das achthöchste Gebäude der Hansestadt.

Einmalige Architektur

Das neue Wahrzeichen der Stadt sollte kein einfaches Hochhaus werden. Die Architekten Herzog & de Meuron entschieden sich für den Entwurf, den Herzog schon 2001 auf der Postkarte skizziert hatte: Eine sich-brechende Welle. Die Schaumkrone ist das Dach des Hauses. Es besteht aus rund 5.800 Dachpalietten, die aus Aluminium gefertigt wurden. Während das Dach den Schaum auf der sich brechenden Welle symbolisiert, steht die Fassade für das Wasser innerhalb der Welle. Insgesamt sind rund um die Elbphilharmonie rund 1.100 Glaselemente mit zwei bis drei Scheiben angebracht. Fast ein Drittel dieser Scheiben sind dabei sphärisch gebogen, sodass sie von außen betrachtet, wie Luftbläschen im Wasser wirken. Mit 48 Millimeter Scheibenstärke halten die Fenster auch den stärksten Unwettern stand. Um das Gebäude einmal komplett von außen zu reinigen, braucht eine Spezialfirma mit Fassadenkletterern rund drei Wochen.

Besuch

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Die Tube ist die längste Rolltreppe Westeuropas und weltweit die einzig gebogene (Foto: Michael Zapf)

Wer am Haupteingang die Elbphilharmonie betritt, fährt zuerst mit der längsten Rolltreppe Westeuropas, der Tube, rund vier Minuten bis zu einer Zwischenebene. Von hier aus gelangt man einerseits zum Störtebeker Restaurant in der Elbphilharmonie, wie auch zur gleichnamigen Bar. Nach einer weiteren Rolltreppe betreten die Besucher:innen die Plaza auf 27 Metern Höhe. Die (noch) kostenlose Plattform ist für alle zugänglich, egal ob sie in der Elbphilharmonie wohnen, ein Konzert besuchen oder nur die Aussicht genießen wollen.

Die Plaza eröffnete bereits vor dem Konzerthaus im November 2016 ihre Tore und bietet einen Rundumblick über die Stadt: Im Norden schaut man vom Hamburger Dom, dem Stadtteil St. Pauli und den Hauptkirchen bis zur historischen Speicherstadt. Im Osten schließt sich die HafenCity an und mit etwas Glück lassen sich sogar die Elbbrücken erkennen. Während die Besucher:innen im Süden über das riesige Hafengebiet bis zu den Harburger Bergen blicken können, erwartet sie im Westen ein Panoramablick über die Elbe und die Landungsbrücken.

Zu Beginn waren die Tickets für Konzerte in der Elbphilharmonie über Monate, wenn nicht sogar Jahre im Voraus vergriffen. Auch wenn noch heute fast jedes Konzert ausverkauft ist, wird es immer einfacher, an Karten zu kommen. Wer jedoch im Vorverkauf kein Glück hatte, für den gibt es einen bewährten Trick. Einfach rund zwei Stunden vor Konzertbeginn an der Konzertkasse vorbeischauen. Oft kommen hier zurückgegebene Karten wieder in den Verkauf und so lässt sich spontan noch Musik genießen. 

Das Konzerthaus

Wer sich vom Außenbereich der Plaza wieder nach innen begibt, findet inmitten des Gebäudes zwei Eingänge, hier gelangen die Besucher:innen zu den zwei Foyers der beiden Konzertsäle und damit zu noch mehr architektonischen Highlights. 

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Der Große Saal fasst über 2.000 Zuschauer:innen und dank des Weinberg-Prinzips haben alle freie Sicht (Foto: Michael Zapf)

Großer Saal

Der große Konzertsaal der Elbphilharmonie verfügt über rund 2.100 Sitzplätze, die in Terrassen nach dem „Weinberg-Prinzip“ angeordnet sind. So haben alle Gäste, egal ob sie Sitzplatz für 10 Euro in der obersten Etage gekauft haben oder für deutlich mehr Geld in der ersten Reihe sitzen, freie Sicht auf den Dirigenten in der Mitte der Bühne. Der Große Saal erstreckt sich dabei vom 12. Stock – die Plaza ist im 8. Stockwerk – bis zum 16. Stock. 

Der Kleine Saal wird auch liebevoll Schuhkarton genannt (Foto: Michael Zapf)

Kleiner Saal

Der Kleine Saal ist im Gegensatz zu seinem großen Nachbarn nur einstöckig und liegt unterhalb des Großen Saals im 10. Stock. Er bietet Platz für bis zu 550 Gäste. Aufgrund seiner Architektur wird er liebevoll auch als Schuhkarton bezeichnet. Der Saal ist länglich gezogen und man blickt aus einer Richtung auf die Bühne, je nach Anordnung. Während im großen Saal viele klanggewaltige Ensembles und Orchester zu Gast sind, wird der kleine Saal für die intimen Konzerte und kleine Formationen genutzt.

Kaistudio

Noch kleiner als der kleine Saal ist nur das Kaistudio. Als einziges befinden sich die für Musikvermittlung und als Proberaum genutzten Studios im alten Kaispeicher unterhalb der Plaza und bieten bei Konzerten Platz für bis zu 170 Menschen.  

Der perfekte Klang

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Akustiker Yasuhisa Toyota im Großen Saal der Elbphilharmonie (Foto: Michael Zapf)

Der für die Elbphilharmonie verantwortliche Akustiker Yasuhisa Toyota ist Spezialist für die im Großen Saal verwendete „Weinberg-Prinzip“. Seine Ideen sorgten dafür, dass die Elbphilharmonie für jeden Gast auf jedem Platz das gleiche Hörerlebnis bietet – zumindest bei nicht-verstärkter Musik. Dafür ließ Toyota im Vorfeld ein Modell der Säle bauen, indem die Akustik getestet wurde. Letztendlich wurde in den Sälen auf jedes Detail geachtet, um für den perfekten Klang zu sorgen: Von den Stühlen bis zu den Deckenleuchten ist alles im Sinne des Klangs designt.

Als besonderen Kniff hat Toyota für den Großen Saal die „Weiße Haut“ erdacht. Der Große Saal ist mit rund 10.000 Gipsfaserplatten verkleidet, die alle als Unikat gefräst wurden – beim Kleinen Saal besteht die Wand aus individuell gefrästen Eichenholzpaneelen. Diese Wandkonstruktion sorgt jeweils dafür, dass sich der Klang gleichmäßig im Saal verteilt. Dazu kommt. Dass die Säle selbst vom Rest des Gebäudes entkoppelt sind. Um Einflüsse von außen zu minimieren, wurde für beide Säle zuerst ein Hohlraum konstruiert (die Außenschale), in den das Gerüst für den jeweiligen Saal eingebaut wurde. Dieses Gerüst ist nur über Stahlfederpakete – beim großen Saal 632, beim kleinen 56 – mit dem Rest des Gebäudes verbunden. So dringt keinerlei Schall von außen in den Saal und auch nicht vom Saal in den Rest des Gebäudes.

Die Musik

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Das Oslo Philharmonic Orchestra unter Leitung von Klaus Mäkelä am 31. Mai 2022 im Großen Saal der Elbphilharmonie (Foto: Daniel Dittus)

Als Philharmonie ist die Elbphilharmonie in erster Linie der klassischen Musik gewidmet. Mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester unter dem Chefdirigenten Alan Gilbert ist eines der renommiertesten Orchester Deutschlands hier beheimatet. Darüber hinaus residiert in der Elbphilharmonie mit dem Ensemble Resonanz auch ein Kammerorchester von Weltrang. Außerdem sind neben dem Philharmonischen Staatsorchester und den Symphonikern Hamburg – dem Residenzorchester der Laeiszhalle – auch immer wieder Ensembles und Orchester aus aller Welt zu Gast.

Doch wer jetzt denkt: „Die Elbphilharmonie, das ist doch nur Klassik“, dem beweist das Programm der Elbphilharmonie seit der Eröffnung im Januar 2017 das Gegenteil. Die Bandbreite der Musik reicht von Klassik über Pop, Rock, Jazz, Funk bis hin zu Weltmusik. So waren neben der US-Sängerin Solange Knowles auch schon die Berliner Band Einstürzende Neubauten und Jazzlegenden wie John Zorn zu Gast. 

Orgel

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Die Orgel der Elbphilharmonie erstreckt sich über mehrere Stockwerke (Foto: Michael Zapf)

Die Bonner Orgelbauwerkstatt Johannes Klais hat schon die Orgel im Pekinger Nationaltheater, in der St. Petersburger Philharmonie wie auch in der Kölner Philharmonie und etlichen Kirchen gebaut. Auch für das Instrument im Großen Saal der Elbphilharmonie sind sie verantwortlich. Die Orgel ist 15 Meter hoch und 15 Meter breit, sie wiegt 25 Tonnen und besteht aus 4765 Pfeifen, wovon 380 aus Holz gefertigt wurden, der Rest aus Zinnlegierungen. Die kürzeste Pfeife ist dabei nur elf Millimeter lang und die längste ganze zehn Meter. Gespielt wird die Orgel entweder vom mechanischen Orgeltisch direkt am Instrument oder von einem mobilen in der Mitte des Saals. 

Wohnen und Leben

Neben der Musik gibt es in der Elbphilharmonie aber auch noch mit dem Westin ein Luxushotel sowie 44 Eigentumswohnungen mit Blickrichtung Landungsbrücken.

Hotel

Das Westin Hotel in der Elbphilharmonie gehört mittlerweile zu den besten Adressen der Stadt. Eine Nacht in einer der 244 Zimmer kostet ab 225 Euro aufwärts. Ein Preis für den sich die Gäste neben einem Spa Bereich auch auf ein Restaurant mit 170 Plätzen und eine fantastische Aussicht freuen dürfen. 

Wohnungen

Um einen Teil der Kosten für die Elbphilharmonie zu refinanzieren, waren ein Hotel und Luxuswohnungen von Beginn an Teil des Plans. Liegt das Hotel im Osten der Philharmonie, so haben alle 44 Luxuswohnungen die Blickrichtung Westen. Mit bis zu 38.588 Euro pro Quadratmeter gehören sie zu den teuersten Wohnungen in ganz Hamburg. Daher versteht es sich, dass die Bewohner:innen neben einem eigenen Foyer mit Servicepersonal auch über einen eigenen Parkbereich im Parkhaus der Elbphilharmonie verfügen. 

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Die Plaza bietet einen einmaligen Blick auf die Elbe und die Landungsbrücken (Foto: Michael Zapf)

Wie viel kostet eine Nacht in der Elbphilharmonie?

Eine Nacht im Westin Hotel in der Elbphilharmonie kostet mindestens 225 Euro.

Kann man ohne Ticket in die Elbphilharmonie?

Ja, man kann ohne Konzertkarte die Plaza der Elbphilharmonie (noch) kostenfrei besuchen. Man muss nur ein Ticket für die Plaza haben, das allerdings kostenlos ist. Wer sich einen Konzertsaal anschauen möchte, braucht entweder eine Konzertkarte oder macht eine Führung.

Wie teuer ist ein Ticket für die Elbphilharmonie?

Ein Ticket für die Plaza ist zurzeit noch kostenlos. Karten für die Konzerte gibt es ab 10 Euro. 


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Elbjazz 2022: Jazz für alle

Das Elbjazz 2022 ist Geschichte. Ein Festival mit Highlights für alle, Lowlights für Jazzer:innen und Luft nach oben

Text: Felix Willeke

Zwei Jahre hat es gedauert, doch zu Pfingsten war das Elbjazz wieder zurück und brachte Musik in die St. Katharinenkirche, in und vor die Elbphilharmonie und natürlich auf das Werftgelände von Blohm & Voss. Schon vorab versprach das Line-Up die gewohnte Starbesetzung. So hatten sich mit Melody Gardot, Myles Sanko, Max Herre und Nils Landgren echte Publikumsmagneten angesagt. Und die bis zu 13.000 Besucher:innen wurden nicht enttäuscht.

Die Großen überzeugen

Natürlich ließe sich an dieser Stelle viel über den grandiosen Myles Sanko, mit seiner Mischung aus Soul und Jazz schreiben oder über die sympathisch-divenhafte Melody Gardot, die spielerisch zwischen Französisch, Englisch und Portugiesisch changiert oder über das Jazz-Urgestein Nils Landgren, der mit seiner Funk Unit das Publikum zum Tanzen bringt. Doch dass die Stars beim Elbjazz 2022 die Massen anziehen, verwundert wenig. Schön sind die unerwarteten Momente, wie ein Max Herre, der bei seinem Auftritt mit Web Web in der Elbphilharmonie kaum rappt und stattdessen dem Sound und seinem grandiosen Arrangeur Roberto Di Gioia die Bühne überlässt.

Die „Kleinen“: Highlights

Ein Festival ist nunmal auch mehr als seine Stars. Festivals können vor allem eines: neugierig machen. Neugierig auf Musik, die noch und häufig zu unrecht vielen unbekannt ist. So zum Beispiel das Trio Bobby Rausch. Die drei Berliner waren am Festivalfreitag das zweite Konzert in der, meist überfüllten, Schiffbauhalle. Mit ihrer Mischung aus Baritonsaxophon (Oleg Hollmann), Bassklarinette (Lutz Streun) und Schlagzeug (Jürgen Meyer) sorgten sie schon früh am Abend für richtig dicke Beats. Bei ihrem Auftritt verzichteten die drei jedoch auf die sehr experimentellen elektronischen Klänge – zu denen sie durchaus in der Lage sind. Es war der Clubsound, der am Ende die Halle zum Tanzen brachte.

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Grandios und über alle Maßen talentiert: Matthew Whitaker (Foto: Jacob Blickenstaff)

Vielleicht die größte Entdeckung des Festivals war Matthew Whitaker. „Er ist ein Genie und wird es weit bringen, passt auf“, sagt der Grammy-Gewinner Jon Batiste über den 21-jährigen. Wie weit der US-Amerikaner schon heute ist und welches Show-Talent er hat, bewies er beim Elbjazz 2022. Mit einer Mischung aus Funk, Jazz und R&B erspielte er sich mit seiner Band schnell das Publikum. Und wer sich an das Zitat von Bill Evans erinnert: „Es nervt mich, wenn Leute versuchen, Jazz als intellektuelles Theorem zu analysieren. Das ist er nicht. Er ist ein Gefühl“, der wird spätestens nach diesem Auftritt wissen, wie viel Wahrheit darin steckt. Matthew Whitaker, ein Name, den man sich merken sollte.

Der Hamburger Jazzpreis für Silvan Strauss

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Gewinner des Hamburger Jazzpreises Silvan Strauss (l.) mit Réka Csorba, Geschäftsführerin des Jazzbüro Hamburg (m.) sowie Sängerin und Jazzpreis-Laudatorin Maria João (r.) (Foto: Jazzbüro Hamburg)

Beim Elbjazz gibt es neben der Musik alle zwei Jahre auch noch etwas zu feiern: den Hamburger Jazzpreis. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis wird an in Hamburg wirkende Jazzer:innen vergeben. 2021 ging er an den Schlagzeuger Silvan Strauss, der ihn pandemie-bedingt in diesem Jahr überreicht bekam. Der 31-jährige Allgäuer hat in Hamburg Jazz studiert, spielt neben seiner Band ToyToy auch in der Combo der Bassistin Lisa Wulff (Jazzpreisträgerin 2019) und steht regelmäßig mit dem Pianisten Omer Klein auf der Bühne. Beim Elbjazz 2022 spielte er zusammen mit ToyToy, der NDR Big Band und Gästen wie Omer Klein und der Sängerin Maria João ein grandioses Set. Wer mehr von Silvan Strauss sehen und hören möchte: Am 9. Juli 2022 spielt er mit ToyToy Open Air am Schloß Agathenburg.

Das Elbjazz kann mehr

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Auf mehr Vielfalt beim Elbjazz 2023? (Foto: Noemi Smethurst)

Das Elbjazz: Hier treffen eingefleischte Jazzer:innen auf Familien, auf Teenager und auf mit Falthockern bewaffnete Übergangsjackenträger:innen. Es ist ein Festival für alle. Das ist eine Stärke und gleichzeitig ein Problem. Denn Jazz ist experimenteller, schräger und verrückter. Doch will das Festival-Publikum mehr als den massentauglichen Jazz? Ist es bereit, seine Hörgewohnheiten auf die Probe zu stellen? Wenn man das testen möchte, braucht es Mut, doch das Elbjazz sollte das Risiko eingehen. Jazz ist schließlich vielfältig und ein Festival sollte die Bühne für diese Vielfalt sein: Es kann Raum bieten und Lust auf Neues machen. Insbesondere für die junge Hamburger Jazzszene ist das Elbjazz eine Chance, wenn sie mehr Raum bekommt, als „nur“ auf der Young Talents Bühne an der Elbphilharmonie.
Vielleicht gelingt im nächsten Jahr die Mischung aus weniger großen Namen und mehr Neuem. Dass das Elbjazz das kann, hat es schon bewiesen.


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Jazz erleben in Hamburg

Jazz reicht von Improvisation bis hin zu Dixieland und live ist er natürlich am besten. Wir zeigen zehn Orte, an denen es in Hamburg richtig guten Jazz auf die Ohren gibt – darunter das Elbjazz Festival, das Birdland und der Cotton Club

Text: Felix Willeke

Wo genau Jazz entstanden ist, lässt sich nicht sicher bestimmen. Wie viele andere Musikstile entspringt auch er einer Entwicklung. Das Zentrum dieser wird am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts in New Orleans verortet. Hier waren es Afro-amerikanische Communities, die basierend auf unter anderem Blues und Ragtime den Jazz entwickelten. Und was macht Jazz bis heute aus? Vor allem eines: seine Vielfältigkeit. Dabei spielt besonders die Improvisation und die Einzigartigkeit des Spontanen eine große Rolle. Das Vorurteil, Jazz sei elitäre Musik ist dabei völlig falsch. Denn wie sagte schon der amerikanische Jazzpianist Bill Evans: „Es nervt mich, wenn Leute versuchen, Jazz als intellektuelles Theorem zu analysieren. Das ist er nicht. Es ist ein Gefühl.“ Und fühlen kann man Jazz am besten live.

Birdland: Ein klangvoller Name

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Das Birdland: eine Institution der Hamburger Jazz-Landschaft (Foto: Noemi Smethurst)

An einer der holz-vertäfelten Wände steht „Don’t look at the time. Have a drink and enjoy real music“. Damit ist das Motto für das Birdland gesetzt. Diese Hamburger Jazz-Institution gibt es seit 1985.

Nachdem die Gründer 2013, nach mehr als 4.700 Konzerten mit Gästen wie Chet Baker, Diana Krall oder Rebekka Bakken, in den Ruhestand gingen, schien der legendäre Club vor dem Aus. Doch Dank einer der Söhne und einem der Gründer des Freundlich+Kompetent, lebt das Birdland weiter – vielleicht mehr als je zuvor.

Neben regelmäßen Jam- und Vocal Sessions gibt es im Birdland hauptsächlich Modern Jazz zu hören. Dazu kommen Pop-Konzerte und seit Kurzem auch die Schnack Comedy, eine Stand-Up Comedyshow.

Gemütlich im Brückenstern

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Jazz ist entspannt, erst recht im Brückenstern (Foto: unsplash/Bogomil Mihaylov)

Der Brückenstern ist schon fast Kult, seit Jahren führt Kwesi Asiama die kleine Musikkneipe an der Sternbrücke. Waren hier früher viele Künstler der Hamburger Off-Szene zu Gast, ist seit 2019 die JazzKitchen im Brückenstern zu Hause.

Bei gutem Bier und noch besserem Essen gibt es hier richtig gute Musik in Wohnzimmeratmosphäre. Und alleine Kwesi Asiamas Gastfreundschaft ist immer einen Besuch wert.

Cotton Club: Ein echter Klassiker

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Eine Legende erfindet sich 2022 neu: der Cotton Club (Foto: Felix Willeke)

In einem der ältesten Jazz-Clubs der Stadt hat sich etwas verändert: Am 26. März 2022 feierte Dieter Roloff nach über 60 Jahren seinen Abschied vom Cotton Club. Der 1951 eröffnete Club hat seit dem 1. April 2022 neue Betreiber, die den Club in Roloffs Sinne erhalten, aber auch weiter entwickeln wollen. Dabei soll die musikalische Ausrichtung beibehalten werden.

Der Cotton Club war schon immer die Anlaufstalle für den traditionellen Jazz, Oldtime, Dixieland und Swing. Hinzu kommen neue Ideen, eine für den Sommer 2022 geplante Renovierung und weiter viel Leidenschaft für die Musik.

Gesellig am Wasser im Hafenbahnhof

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Gemütlich und etwas versteckt, der Hafenbahnhof (Foto: Felix Willeke)

Früher gab es Bahngleise direkt am Hafen, davon zeugt neben dem Alten Bahntunnel zwischen Fischmarkt und Altona auch der Hafenbahnhof. Das kleine Haus zwischen Kaistraße und Großer Elbstraße ist neben Partylocation auch eine Anlaufstelle für Jazzfans. Jeden Montag gibt es hier Live-Jazz im Jazzraum.

Wenn das Wetter stimmt, finden die Konzerte in der Regel auch Open Air statt. Los geht es jede Woche montags um 19.30 Uhr (Einlass um 18.30 Uhr) und kostet 9 Euro (ermäßigt 6 Euro).

Halle 424: Schick und szenig

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Hier treten auch die Großen auf, in der Halle 424 (Foto: Jürgen Carstensen)

Der Oberhafen ist nicht erst seit gestern ein beliebtes Kulturquartier. In Mitten von alten Lagerhallen, Restaurants und Ausstellungen befindet sich auch die Halle 424, die sich selbst als Ort für „Jazz- und Klassikkonzerte im Oberhafen“ bezeichnet.

Vielleicht lässt sich nirgendwo besser ein Jazz-Abend erleben, als in so einem historischen Gemäuer, das mit liebevollen Details zu einer wirklich schicken Konzert-Location gemacht wurde. 

Der neue Tempel: Jazz Hall

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Ein Tempel für den Jazz, die Jazz Hall (Foto: Noemi Semthurst)

Hamburgs neuster Jazz-Tempel liegt direkt an der Alster. Mit der Jazz Hall hat die Hochschule für Musik und Theater (HfMT) endlich seine eigene Konzerthalle bekommen. 15 Jahre wurde geplant, zwei Jahre gebaut und seit Juni 2021 ist sie endlich da. Corona-bedingt war das erste Jahr noch wenig los, das ändert sich in diesem Sommer.

Im Mai fand das JazzHall Festival statt, bei dem große Stars und Studierende der HfMT auf der Bühne begeisterten. Jetzt geht es weiter mit dem bewährten Mix aus Größen der Szene – zumeist präsentiert von der Jazz Federation – und den Konzerten der Studierenden. 

Höchstes Niveau bei den großen Drei

Wer in Hamburg an die großen Häuser für Jazz denkt, dem fallen sofort drei Namen ein: Die Elbphilharmonie, die Laeiszhalle und das Rolf Liebermann Studio. 

Die Elbphilharmonie

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Im Kleinen Saal der Elbphilharmonie gibt‘s immer wieder großartigen Jazz, wie hier von der US-Trompeterin Jamie Branch im April 2022 (Foto: Daniel Dittus)

In Hamburgs wohl bekanttestem Konzerthaus geben sich nicht nur beim Elbjazz das who is who des Jazz die Klinke in die Hand. Auch außerhalb der Festivals gibt es hier regelmäßig Jazz der Spitzenklasse. Der Andrang auf die Elbphilharmonie ist dabei längst nicht mehr so groß wie am Anfang und so gibt es für einige Konzerte auch kurzfristig noch Tickets, auch an der Abendkasse.

Und während der Große Saal für viele ein Sehnsuchtsort ist, sollte man den Kleinen Saal nicht unterschätzen: Besonders kleine Ensembles bekommen hier genau den richtigen Rahmen. 

Die Laeiszhalle

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Ein intimer Rahmen: Der kleine Saal in der Laeiszhalle (Foto: Thies Ratzke)

Das Haus ist mittlerweile über 110 Jahre alt und hat nichts von seiner Faszination verloren. In die Laeiszhalle kommen sie alle: Von Klassik-Superstars über Größen des Pop bis hin zu Neuentdeckungen des Jazz. Dabei verhält es sich hier ähnlich wie in der Elbphilharmonie: Der große Saal beeindruckt und der Kleine ist perfekt für die intimeren Konzerte. 

Das Rolf Liebermann Studio

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Früher eine Synagoge, heute gibt‘s im Rolf Liebermann Studio Jazz und mehr (Foto: Felix Willeke)

Der Klang in der Elbphilharmonie ist nahezu perfekt, doch ist er nicht mit der Qualität eines Tonstudios zu vergleichen. Der „Große Sendesaal“ des NDR ist eine ehemalige Synagoge und trägt seit 2000 den Namen des jüdischen Komponisten Rolf Liebermann.

Das große Studio des NDR ist das Wohnzimmer der NDR Bigband und in der Reihe NDRJazz finden hier pro Jahr sechs bis sieben Konzerte statt. Darunter finden sich Auftritte von Newcomer:innen genauso wie etablierten Stars – oft begleitet von der NDR Bigband.

Jazz im Süden: White Cube Bergedorf

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Jazz in Clubatmosphäre im White Cube in Bergedorf (Foto: unsplash/Theo Eilertsen)

Jazz gibt es in Hamburg nicht nur rund um die Alster, auch in Bergedorf kann man richtig guter Musik lauschen. Einer der besten Orte dafür ist zweifelsfrei der White Cube Bergedorf.

Der Club liegt etwas versteckt im Gewerbegebiet, ist aber nur knapp einen Kilometer vom Bahnhof Bergedorf entfernt. 2017 wurde das eigentliche Loftgebäude zu einem Club umgebaut. Pro Monat gibt es im Schnitt drei Konzerte im White Cube, hinzu kommen die mittlerweile etablierten Jamsessions. 

Klein und fein: Yoko Club

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Alternativ mit Jazz: der Yoko Club (Foto: Felix Willeke)

Wer in Hamburg Cotton sagt, muss auch Yoko sagen. Neben dem Cotton Club gehört der Yoko Club direkt neben dem Gängeviertel zu einem der besten Jazz-Clubs der Stadt. Von außen sieht das Yoko zwar klein aus, aber hier haben schon ganze Ensembles gespielt. Auch für diejenigen, die neu im Jazz sind, lässt es sich hier bestens reinhören.

Open Air: Jazz geht auch draußen

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Im September gibt‘s wieder Jazz unter freiem Himmel bei den Jazz Open (Foto: Jazz Open)

Seit 2010 gibt’s das Elbjazz fast in jedem Jahr mit Stars und viel Neuem auf dem Werftgelände von Blohm & Voss. Nach einer Pause im Jahr 2016 haben mittlerweile die großen Hamburger Konzertveranstalter übernommen. Unter der Leitung von Karsten Jahnke und Folkert Koopmanns (FKP Skorpio) gab es Besucherrekorde und große Namen wie Jamie Cullum, Kamasi Washington oder in diesem Jahr Web Web mit Max Herre.

Auch neben dem Elbjazz gibt es Musik unter freiem Himmel: Das Jazzbüro veranstaltet seit einigen Jahren die Jazz Open Hamburg in Planten un Blomen. 2022 findet das kleine aber feine Festival am 3. und 4. September statt.

Wer jetzt Lust auf Jazz hat, findet die aktuellen Konzerthighlights in der Stadt auf den Homepages der Clubs und Konzerthallen oder beim Konzertkalender von jazzmoves.de.


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JazzHall Festival – der Jazz-Tempel lädt ein

Etwas mehr als ein Jahr ist die neue JazzHall nun alt. Nach einem Corona-bedingt eingeschränktem Programm läuft zur Zeit das JazzHall Festival: Weltklasse Jazz direkt an der Alster

Text: Felix Willeke

Hamburgs neuster Jazz-Tempel liegt direkt an der Alster. Mit derJazzHall hat die Hochschule für Musik und Theater (HfMT) endlich seine eigene Konzerthalle bekommen. 15 Jahre wurde geplant, zwei Jahre gebaut und seit Juni 2021 ist sie endlich da. Im Mai 2022 bekommt sie mit dem JazzHall Festival auch endlich seinen ersten großen Auftritt vor vollem Haus.

Vom 4. bis 20 Mai 2022 sind viele Größen des Jazz zu Gast und stehen teilweise zusammen mit Studierenden und Absolvent:innen der HfMT auf der Bühne. So spielt am 6. Mai um der Finne Kalle Kalima ab 19 Uhr mit dem JazzHall Ensemble, am 7. Mai ist Dieter Glawischnig mit seinem Projekt „Cercle“ zu Gast und am 8. Mai geben sich der Pianist Florian Weber & Kenan Azmeh die Ehre.

Konzerte bis zum 20. Mai und darüber hinaus

Noch bis zum 20. Mai sind unter anderem das Lisa Wulff Quartett, Björn Atle Anfinsen mit Arve Henriksen, Dan Gottschalk, Kenny Garrett, die NDR Bigband sowie Nils Landgren mit China Moses zu Gast. Das komplette Programm gibt es unter jazzhall.hfmt-hamburg.de.


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Top 10: Events über Ostern in Hamburg

Ostern 2022 findet nicht mehr im kleinsten Kreis und mit nächtlicher Ausgangssperre statt, deswegen gibt es auch wieder mehr zu Erleben. Die besten Events in Hamburg gibt’s hier:

Freitag, 15.04. | Theater | Don Carlos | Ernst Deutsch Theater

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Sebastian Eggers als Don Carlos (mitte) und Hannes Hellmann als König Philipp II. (rechts) am Ernst Deutsch Theater (Foto: Oliver Fantitsch)

Drei Stunden spanischer Hof, das ist Don Carlos im Ernst Deutsch Theater. Regisseurin Mona Kraushaar bringt Schillers Klassiker auf die Bühne. Während Sebastian Egger als Kronprinz Don Carlos mit dem Liebeskummer ringt, spielt Hannes Hellmann einen König zwischen verletztem männlichen Ego und der Macht des Einzelnen. Im Stück wird dabei nicht weniger als die Zukunft Europas verhandelt. Durch die aktuellen Ereignisse hat dieses Thema nur noch mehr an Relevanz gewonnen. Noch bis zum 16. April ist die Inszenierung an der Mundsburg zu sehen.

Don Carlos im Ernst Deutsch Theater
15. & 16. April 2022, jeweils 19:30 Uhr

Freitag, 15.04. | Nachtleben | Friday I’m in love | Molotow

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Molotow: Getanzt wird immer (Foto: Erik Brandt-Höge)

Tanzverbot an Karfreitag? Gibt‘s auf‘m Kiez nicht! Deswegen lädt das Molotow ab 23 Uhr auch zu einem „Feuerwerk aus 60 Jahren Rock’n’Roll und Pop“. Bei Friday I’m in love legen die DJ‘s Axelmania und Jet Boy alles auf, was das Tänzer:innenherz begehrt. Der Eintritt kostet 5 Euro für alle Floors und das Ganze ist eine 2G-Plus-Veranstaltung.

Friday I’m in love
15. April 2022, 23 Uhr

Samstag, 16.04. | Musik | Dan Gotthalls‘s – Artful Earfull | Birdland

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Steht bei Dan Goothall’s – Artful Earful mit auf der Bühne: Die Hamburgerin Sandra Hempel (Foto: Natascha Protze)

Altehrwürdig und ein Klassiker, das ist das Birdland in Hamburg. Seit 1985 gibt es im Kellerclub in der Gärtnerstraße besten Jazz, so auch am Ostersamstag. Bei „Dan Gotthalls‘s – Artful Earfull“ geben sich fünf außergewöhliche Künstler:innen die Ehre. Neben dem Posaunisten Dan Gottshall sind unter anderem die Hamburger Gitarristin Sandra Hempel und der Kieler Pianist Buggy Braune mit von der Partie. Das Konzert ist eine 2G-Plus-Veranstaltung und kostet 19,90 Euro.

Dan Gotthalls‘s – Artful Earfull
16. April 2022, Einlass 19 Uhr und Beginn 20:30 Uhr

Samstag, 16.04. | Sonstiges | Osterfeuer | Ganz Hamburg

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2022: Die Osterfeuer sind zurück in Hamburg (Foto: pixabay/floerio)

Egal ob im eigene garten, bei Freunden oder am Elbstrand: Das Osterfeuer gehört zu Ostern wie das Eiersuchen. Dieses Jahr ist es auch wieder möglich, denn die Kontaktbeschränkungen wie 2021 gibt es nicht mehr. Neben den traditionsreichen Feuern in Blankenese gibt es noch viele weiter öffentliche, zum Beispiel im Strandbad Farmsen oder an der Kreuzkirche in Stellingen.

Osterfeuer in Hamburg
16. April 2022, diverse Orte, Beginn meistens zum Sonneruntergang

Samstag, 16.04. | Nachtleben | Hip-Hop | Chief Brody

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Im Chief Brody gibt‘s zu Ostern was zum Tanzen (Foto: unsplash / Sam)

Auch im Kellerclub auf der Schanze darf zu Ostern natürlich getanzt werden. Im Fokus: Richtig guter Hip-Hop. Während sich Karfreitag Ticklish & Buzz-T die Ehre geben, gibt es am Ostersamstag von Dipped in Colors & Draft X was auf die Ohren. Los geht‘s um 23 Uhr, der Eintritt kostet 10 Euro und das Ganze ist eine 2G-Plus-Veranstaltung.

Dipped in Colors & Draft X im Chief Brody
16. April 2022, jeweils 23 Uhr

Sonntag, 17.04. | Sonstiges | Street Food Festival | Landhaus Walter

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Es geht auch mexikanisch beim Street Food Festival am Landhaus Walter (Foto: unsplash)

Ostern kann man fein dinieren, brunchen oder einfach mal neues Ausprobieren. Viel Neues gibt es beim Street Food Festival am Landhaus Walter unter dem Motto „New Yorker Food Klassiker“. Von Süßem über mexikanische Leckerbissen bis zum klassischen Hot Dog ist für jede:n etwas dabei. Der Eintritt kostet 5 Euro, alle unter 12 Jahren kommen gratis rein.

Street Food Festival
17. April 2022, 11:30 bis 18:30 Uhr

Sonntag, 17.04. | Sonstiges | U96 mit Claude-Oliver Rudolph | Planetarium

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Führt als Nautilus durch die Jules Verne Experience: Claude Oliver-Rudolph (Foto: The Jules Verne Experience)

Jules Vernes Science-Fiction-Romane haben Millionen fasziniert. 150 Jahre nach der Erstausgabe von „20.000 Meilen unter dem Meer“ haben die Elektronik-Band U96 daraus ein bild- und klanggewaltiges Unterwasser-Erlebnis geschaffen. Schauspieler Claude-Oliver Rudolph entführt das Publikum als Kapitän Nemo an Bord der Nautilus in eine fantastische Unterwasserwelt – eine 360-Grad-Tauchfahrt in nie gehörte und nie gesehene phantastische Welten. Das 60-minütige Erlebnis kostet 14 Euro und ist für Menschen ab 10 Jahren empfohlen.

U96 mit Claude-Oliver Rudolph – 20.000 Meilen unter dem Meer
17. April 2022, 17:30 Uhr & weitere Termine

Sonntag, 17.04. | Nachtleben | Soul Allnighter | Mojo Club

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Ein Klassiker kehrt zurück: Der Soul Allnighter (Foto: unsplash/Vishnu R Nair)

Corona ist gefühlt schon fast vorbei. Höchste Zeit, das Nüske & Berge aus der Corona-Pause zurückkehren. Beim mittlerweile traditionellen und fast schon legendären Soul Allnighter legen die beiden wieder so lange auf, bis alle tanzen und jede Sohle qualmt. Am 17. April ab 22 Uhr darf also wieder bester Soul genossen werden, für 10 Euro Eintritt und natürlich unter 2G-Plus-Bedingungen.

Soul Allnighter
17. April 2022, 22 Uhr

Montag, 18.04. | Sonstiges | Kulturflohmarkt | Museum der Arbeit

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Flohmarkt geht immer (Foto: pixabay)

Feiertag, Zeit zum Stöbern, Feilschen und Entdecken. Am besten geht das auf einem der vielen Flohmärkte der Stadt. Ein guter alter Bekannter ist dabei der Kulturflohmarkt am Museum der Arbeit. Am Ostermontag ist Start für die Saison 2022. Bei hoffentlich bestem Wetter lässt es sich auf dem Gelände nach Lust und und Laune verweilen, schlendern und echte Schätze entdecken.

Kulturflohmarkt am Museum der Arbeit
18. April 2022, 9 bis 16 Uhr

Montag, 18.04. | Musik | Soulounge | Fabrik

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Soulounge in der Fabrik: Ein Live-Erlebnis für die Seele (Foto: Marcus May)

Wie kommt man am besten raus aus dem Osterwochenende? Mit Musik für die Seele! Genau das gibt es am Ostermontag in der Fabrik. Hier feiern Soulounge ihr 20-jähriges Bandjubiläum. Alle, die die Band schonmal erlebt haben wissen, Soulounge ist ein ganz besonderes Live-Erlebnis – auch nach 20 Jahren. Einlass für das Konzert in der Fabrik ist um 19 Uhr, Konzertbeginn um 20 Uhr und die Tickets kosten 19 Euro im Vorverkauf. Auch dieses Konzert ist eine 2G-Plus-Veranstaltung.

Soulounge in der Fabrik
18. April 2022, 20 Uhr


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Kunstperformance: SILK::ROAD experience

Vom Oberhafen auf die Seidenstraße führt die Performance beim Silkroad-Festival

Text: Felix Willeke

 

Die Seidenstraße, das ist doch das mit Marco Polo? Ja, auch, aber noch mehr, das beweist die SILK::ROAD experience. Im Oberhafen lädt das gleichnamige Festival vom 8. bis 10. Oktober (immer jeweils von 18 bis 22 Uhr in der Halle 3) dazu ein, den transkulturellen Austausch entlang der alten Handelsroute mit allen Sinnen nachzuerleben. Bei dem Festival verbinden sich Konzerte mit Installationskunst und Tanz und Tradition mit Innovation. Die Künstler aus aller Welt bedienen sich dabei der verschiedensten Stilrichtungen, von Weltmusik über Traditional und Elektro bis hin zu viel Jazz. Dabei will das Festival Grenzen und Vorurteile musikalisch, künstlerisch und gesellschaftlich abbauen. Die Tickets gelten immer für den gesamten Abend und kosten pro Tag 22,22 Euro.

silkroad-festival.com


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2021. Das Magazin ist seit dem 30. September 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Erprobter Krisenbewältiger: Der Golden Pudel

Der Club wagt eine vorsichtige Öffnung. Draußen, mit Abstand, limitiert, pandemiekonform. Aber konträr zur sonst fest verankerten liberalen Türpolitik. Über diesen Widerspruch, kulturelle Förderungen und ihren August-Gast Jimi Tenor sprechen drei der Betreibenden

Inteview: Ole Masch

 

SZENE HAMBURG: Charlotte, Viktor und Ralf, der obere Golden Pudel, Barboncino Zwölphi, war erst ein halbes Jahr eröffnet. Dann kam Corona. Wie geht man damit um?

Viktor Marek: Das ist ein bisschen absurd. Früher hatten wir immer auf. Uns das auf die Fahnen geschrieben und auch nie Betriebsferien gemacht. Und plötzlich hat man ständig zu.

Ralf Köster: Wir hatten die Krise eigentlich vor der Pandemie. Mit unserer Vereinsstruktur und dem Kauf des Hauses sind wir recht krisenfest aufgestellt – gewissermaßen erprobte Krisenbewältiger.

Charlotte Knothe: Wir haben schon vieles erreicht. Grundstück und Gebäude sind über drei Stiftungen abgesichert und kein Vermieter sagt, dass wir rausfliegen.

Viktor: Trotzdem gibt es natürlich die monatlichen Kosten. Wir müssen alles weiterhin zahlen, uns kümmern, dass Sachen wieder reinkommen oder Hilfen beantragen.

Wie sahen die Corona-Hilfen für den Pudel aus?

Ralf: Ich war angenehm überrascht, dass es wohl wirklich den politischen Willen gibt, dass die Kultur dieser Stadt überlebt. Es ist zwar sehr anstrengend mit der ganzen Bürokratie, aber natürlich eine große Hilfe. Nicht nur für den Pudel, sondern für alle Kulturschaffenden. Wer ein bisschen hängenlassen wurde, sind Minijobber und Soloselbstständige.

Viktor: Für uns war vor allem das Kurzarbeitergeld wichtig, weil wir so die Angestellten durchbringen konnten.

Technisch Lösung im Jahr 2000, Jimi Tenor; Foto: Katja Ruge

Technisch Lösung im Jahr 2000, Jimi Tenor; Foto: Katja Ruge

Funktionierte die Förderung problemlos?

Viktor: Ganz einfach ist das natürlich nicht. Wir haben gerade etwas für den Kultursommer bekommen, aber manchmal fragt man sich, wer wird gefördert und aus wem besteht die Jury, die das entscheidet.

Ralf: Ich würde mir wünschen, dass alle Kulturinstitutionen ein Budget bekommen, damit sie völlig frei entscheiden können, was sie machen wollen. Das würde es total vereinfachen.

Viktor: Man müsste viel mehr an der Wurzel fördern. Es wäre richtig, wenn jemand eine gute Arbeit macht, dass die Miete sehr gering ist, das Haus vergesellschaftet wird oder der Stadt gehört und sie es günstig zur Verfügung stellt. Also eine Art Grundsicherung für solche Orte.

Ralf: Noch einfacher wäre die Befreiung der Kultur von der Umsatzsteuer. Und da rede ich natürlich nicht über irgendwelche Musicals auf Dampfschiffen. Aber von kleinen Kulturbetrieben, wo es mehr um die Liebhaberei geht.

Glaubt ihr, durch Corona wird sich daran etwas ändern?

Charlotte: Ich hoffe, es hat sich ein bisschen etwas an der Wahrnehmung von Clubs als kulturelle Orte geändert. Am Anfang hat mich sehr genervt, dass es hieß, es ginge nur um Party. Als sei ein Club nur ein Partyraum, wo du dich betrinkst. Es ist was ganz anderes. Hier treffen sich verschiedene Leute, die in diesem einem Sound sind. Bei einem Stück von Richard von der Schulenburg ist Musikgeschichte drin. Das ist nicht Ballermann. Ein Club ist ein offener demokratischer Raum. Die geflüchteten Jungs von der Hafenstraße sind sonst an keinem anderen Ort. Hier sind sie gleichwertig.

Ralf: Der Club ist der Ort, wo zuerst die gesellschaftlichen Fragen diskutiert werden. Zum Beispiel wie sich Sprache verändert oder Diversität. Das passiert genau hier, wo junge Leute sind und neue Dinge ausprobieren. Dies gibt einen Impuls in die Gesellschaft, der nicht zu unterschätzen ist.

Viktor: Auch Kneipen sind solche sozialen Orte. Wo Leute aufeinandertreffen, die sich vielleicht sonst nicht treffen. Es ist spannend, wenn es eine Reibung gibt. Wir wünschen uns auch immer eine Mehrgenerationen-Idee. Das soll im Barboncino noch mal mehr gefördert werden. Als eine Art Bar, wie es die Pubs in Großbritannien oder die Cafés in Italien sind. Aber die ganze Gentrifizierung macht es natürlich schwer, neue Orte aufzumachen.

Konzertankündigung Jimi Tenor im Pudel im Jahr 2000; Foto: Katja Ruge

Konzertankündigung Jimi Tenor im Pudel im Jahr 2000; Foto: Katja Ruge

Mit welchen Folgen?

Ralf: Zum Beispiel, dass sich die Meinungsbildung ins Internet verlegt und bestimmte Algorithmen bestimmen, was sich durchsetzt. Ich diskutiere doch lieber mit jemanden an der Bar, als dass ich mich im Internet beschimpfen lasse. Da hängt etwas schief in der Gesellschaft. Und die sozialen Kontakte, die wir bieten, die fehlen.

Habt ihr diese Reibung schon wieder erlebt?

Charlotte: Na ja … Alle sind zurückhaltend, weil sie die Regeln verinnerlicht haben. Wegen der Sperrstunde ist auch um 23 Uhr Schluss.

Ralf: Vieles wird sich erst zeigen, wenn die Clubs wirklich wieder öffnen. Kommen die Leute alle wieder? Kommen andere und wie werden die sich verhalten? Das sind Fragen, denen wir uns dann stellen müssen.

Wie steht ihr zur Sperrstunde?

Ralf: Ich bin gegen eine Sperrstunde. Aber natürlich dafür, dass soziale Kontakte, besonders drinnen, möglichst vermieden werden, solange nicht alle geimpft sind. Grundsätzlich unterstütze ich die Maßnahmen. Über die Umsetzung kann man sich gerne streiten. Es ist gerade wie ein zäher Neustart.

 

Der Pudel im Kultursommer Hamburg

 

Ein erster Schritt sind Veranstaltungen im Barboncino als Teil des Kultursommers …

Charlotte: … vor dem Barboncino. Auf der Terrasse. Alles findet draußen statt und FKK.

FKK?

Ralf: Funkhörer, Kopf, Kultur. Wir sind froh, dass wir jetzt diese Terrasse haben. Wo Kunst, Kultur, Film und Lesungen laufen – mit Kopfhörern. Dadurch erreichen wir eine Limitierung, weil nur so viele Leute kommen können, wie wir Funkkopfhörer haben. Der Club wird nicht öffnen, solange es Abstand und Maskenpflicht gibt.

Aber das Tanzverbot ist doch aufgehoben …

Ralf: Ja, nur man müsste Quadrate auf den Boden malen und für jedes Quadrat einen Security hinstellen. Hier auf dem kleinen Gelände möchte das doch keiner kontrollieren. Tanzpolizei? Nein, danke!

Viktor: Deswegen machen wir mit den Kopfhörern auch keine Silent Disco. Das sind hauptsächlich Lesungen. So stellen wir uns einen Club auch gar nicht vor. Wir wollen erst wieder öffnen, wenn man sich von Mund zu Mund die Eiswürfel austauschen kann. Die Grundförderung muss eben so lange bestehen bleiben.

Welche Veranstaltungen sind geplant?

Charlotte: Zum Beispiel kommt Jens Rachut. Es gibt eine Lesung mit Rocko Schamoni & Gereon Klug. Oder Veranstaltungen von HfBK-Studierenden.

Viktor: Wir haben erst mal aus dem eigenen Netzwerk geschöpft. Mit mehr Zeit wäre es möglich internationaler zu denken.

 

Pudel statt Elbphilharmonie

 

Aber Jimi Tenor kommt …

Ralf: Ja, der hat glücklicherweise ziemlich schnell zugesagt. Der Pudel, nicht das Barboncino, macht in diesem Jahr noch vier Open-Air-Konzerte. Pudel Garden Live. Auch das sind keine Tanzveranstaltungen, sondern bestuhlt und man wird sich vorher ein Ticket abholen müssen. Es geht nicht anders.

Jimi Tenor im Jahr 2000 im Pudel; Foto: Katja Ruge

Tenor sollte im Januar mit Bigband in der Elphi spielen. Jetzt spielt er unterhalb der Zwöphi. Wie schafft man das?

Ralf: Es gibt diesen Kontakt seit 1995. Das war als er „Take me Baby“ auf Sähkö rausgebracht hat und bei MFOC in der Lounge, in der Gerhardstraße/Ecke Herbertstraße im Keller, ausschließlich Platten aufgelegt hat, wo er das Cover gut fand. Dann hat er 2000 und 2015 noch mal hier im Pudel gespielt. Das ist das Repertoire des Pudels. Wir können immer wieder auf Artists zurückgreifen, die schon mal hier waren. Auch, wenn gerade Pandemie ist und wir jemanden brauchen, der im Garten spielt.

Was ist musikalisch zu erwarten?

Ralf: Er hat gerade ein Album rausgebracht. Aus seiner Space-Travelling-Phase. Das sind eher schlecht gepresste Platten, die neu gemastert wurden. Sehr trashiger Space-Alien-Jazz. Teilweise funky melodiös. Ich mag diese „My first piano plastic trash“-Ästhetik sehr. Da wird aus cheapem Shit großartige Musik gemacht.

Ohne Bigband?

Ralf: Er kommt alleine, aber sein Technik-Rider lässt viel erwarten.

Viktor: So schließt sich der Kreis. 2000 war er das erste Mal hier und hat noch bei mir in der WG am Hein-KöllischPlatz gepennt. Er passt so gut zu uns, weil diese Mischung so gut passt. Dieses Elektronische, dieses Organische, Unberechenbare. Die Mischung zwischen sehr fettem und sehr traurigem Sound.

Ralf: Eigentlich der optimale Posterboy für uns.

Und was kostet der Spaß?

Ralf: Unsere Open-Air-Veranstaltungen waren immer als Geschenk für das Viertel gedacht. Vermutlich müssen wir einen Euro Schutzgebühr nehmen. Aber das ist hier mitten im Park Fiction, eine soziale Skulptur, und soll da reinwirken.

Viktor: Eigentlich widerspricht das völlig unserer grundlegenden Türpolitik, dass jeder reinkommt und man keinen ausschließt. Jetzt müssen wir uns auf einmal überlegen, wie viele Leute wir reinlassen. Einerseits völlig richtig, aber leider irgendwie auch gegen unsere Idee.

Pudel Garden Live XIX mit Jimi Tenor: 13. August 2021, nähere Infos inklusive Ticketverkauf voraussichtlich bei Instagram

Wer ist Jimi Tenor? Das ist er, live in seiner finnischen Heimat (2011):


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2021. Das Magazin ist seit dem 29. Juli 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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