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Michael: „Wir könnten vernünftiger miteinander umgehen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Michael begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Meine Eltern haben sich früh getrennt, ich bin ohne Vater aufgewachsen. Stattdessen mit meiner Mama, meiner Oma und meiner Tante, also in einem richtigen Frauenhaushalt – mit unheimlich viel Liebe. Ich hatte eine bombastische Jugend, auch ohne meinen Vater.

Meine Kinder sind heute beide um die 40. Und klar: Ich wollte vieles anders machen, als ich es von meiner Geschichte kannte. Aber das sagt sich so leicht. Auch wenn ich von irgendwem höre, er habe den Entschluss gefasst ‘jetzt alles anders zu machen’, muss ich immer ein wenig schmunzeln. Ich war sehr krank bevor ich 30 war, hatte Krebs und hab es mit Chemotherapie und dem ganzen Programm überstanden. Damals habe ich mir auch gesagt, ich mache jetzt alles anders, lebe und erfreue mich daran, dass ich gesund bin. Die Anfangszeit, nachdem es überstanden war, war auch sehr besonders. Irgendwann bewegst du dich aber wieder auf deiner Schiene, hast deinen Trott, deinen Rhythmus. Ich befürchte, auch nach der Pandemie wird wieder alles so, wie es mal war.

Dabei könnten wir mal etwas vernünftiger miteinander umgehen und entspannter sein. So ein Rat ist wahrscheinlich etwas altersweise und sagt sich so daher, wenn man ein paar Jahre hinter sich hat. Vielleicht bekommt man für sowas auch erst spät einen Blick. Ich kenne das Gefühl der Jugend auch noch sehr gut. Da dachte ich, mir gehört die Welt, ich reiße Bäume aus, dreh die Welt um. Und irgendwann, wenn du älter bist, merkst du: ‘gut, einen ganzen Baum schaffe ich vielleicht gar nicht’.

 

„Ein Vorbild, das ich nie kannte“

 

Manchmal frage ich mich, was mein Großvater über dieses oder jenes gedacht hätte. Ich habe ihn eigenartigerweise immer als ein geheimes Vorbild gesehen. Und das, obwohl ich ihn gar nicht kennengelernt habe. Er ist gestorben, da war ich drei Jahre alt. Ich kenne ihn nur von einem Foto und den Erzählungen meiner Mutter: Ein Chefarzt im ehemaligen Bethanien-Krankenhaus in Eppendorf, klug, streng, sehr gerecht. Doch irgendwas hat mir dieses Bild von ihm immer gesagt. Ich habe zu ihm aufgesehen. Ich glaube, er hätte es aber nicht zu mir. Dafür war ich zu faul.

Auch wenn ich in meinem Leben ein paar Dummheiten gemacht habe, bin ich heute wahrhaft zufrieden. Ich habe mal eine Frau betrogen, in der Jugend hier und da Dinge ausprobiert, die nicht hätten sein müssen und halt so ein Zeug. Wenn du aber mit 74 in den Spiegel guckst und sagen kannst: So viel haste gar nicht verkehrt gemacht, dann ist das für mich eine Rechnung, die aufgeht.“


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Hamburger Nachwuchs: Zwischen Forschung und Fortnite

Aruna Sherma, 17, holte mit ihrer Arbeit über die Erforschung alternativer Kontrastmittel für die Kernspintomografie (MRT) den 1. Preis im Landeswettbewerb von Jugend forscht 2019 und diverse Sonderpreise. Moritz Ahrens, 18, sicherte sich mit Julian Jochens, 19, den 2. Preis samt Sonderpreis für ihr selbstfahrendes Fahrrad „Velo Autonomus“. SZENE HAMBURG sprach mit Aruna und Moritz über ausgezeichnetes Forschen und Tüfteln

Interview: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Aruna und Moritz, herzlichen Glückwunsch! Warum genau diese Projekte?

Moritz: Das war einfach eine lustige Idee, die mein Partner Julian und ich interessanterweise gleichzeitig hatten. Das war im Sommer 2018. Dann haben wir im Rahmen einer freien Projektarbeit in der Schule gesagt: „Lass uns das machen!“

Aruna: Ich habe mich mit Halbleitern, Magnetismus und speziell Kernmagnetismus beschäftigt. Der kommt in der MRT zum Einsatz. Ich bin durch Zufall auf einen Artikel über die Toxizität von MRT-Kontrastmitteln gestoßen. Dann habe ich geschaut: Was ist ein Kontrastmittel? Was muss das können? Dabei bin ich auf Nanotechnologie gestoßen und fand das einen vielversprechenden Ansatz für ein weniger belastendes Kontrastmittel.

Was war eure Motivation, bei Jugend forscht mitzumachen?

Aruna: Ich kannte den Wettbewerb gar nicht. Mein Betreuer im Schülerforschungszentrum (SFZ) hat mich aufmerksam gemacht. Ich habe mich dann einfach angemeldet. Mein Projekt war erst sechs Monate jung. Ich hatte nicht erwartet, dass ich soweit komme. Während des Wettbewerbs habe ich dann realisiert, dass ich gar nicht so schlecht bin, wie ich dachte.

Moritz: Ich war im Jahr davor schon mit einem anderen Projekt dabei, und dann haben wir uns überlegt: Hm. Das Projekt ist umfangreich und hat Potenzial. Wenn wir das schon als Projektarbeit machen, können wir das auch für Jugend forscht verwenden. Sportlicher Ehrgeiz war auch dabei. Wenn man bei einem Wettbewerb mitmacht, hat man Stress, und unter Stress kann man besser arbeiten. Und man kann gucken, was andere so Cooles machen.

 

„Sachen zusammengewürfelt ohne viel Ahnung“

 

Wie wurdet ihr unterstützt?

Moritz: Die Schule war eine große Unterstützung. Eine Lehrerin begleitete die Projektarbeit, eine andere kümmerte sich um den Wettbewerb. Sie war eingetragene Projektbetreuerin bei Jugend forscht und hat einen 3-D-Drucker für uns organisiert. In manchen Schulen werden Wahlkurse Jugend forscht angeboten, und die nehmen dann mit zehn Projekten teil. Meine Eltern waren schon deshalb eine Unterstützung, weil sie immer ertragen haben, dass Fahrrad, Schweißgerät und anderes Zeug den Flur blockieren.

Aruna: Ich habe zu Hause rumexperimentiert, Sachen zusammengewürfelt ohne viel Ahnung, was ich eigentlich tue. Es ist viel kaputtgegangen. Dann hat mir mein Klassenlehrer das Schülerforschungszentrum (SFZ) empfohlen. Er und eine andere Lehrerin haben einen Termin für mich vereinbart, ohne dass ich davon wusste. Plötzlich kam der Anruf: Aruna, Dienstag um 17 Uhr bist du im SFZ. Da war ich natürlich aufgeregt, weil ich nicht wusste, was mich erwartet. Aber dann war das wirklich ein guter Ort zum Arbeiten. Ich habe meinen Betreuer kennengelernt, der wollte, dass ich eine Leitfrage entwickle. Also genau sage, was ich machen will. Ich habe spontan gesagt: „Ich mache irgendwas mit Magnetismus.“ Auch mein Mathelehrer hat mich stark unterstützt. Ich bin nicht gut in Rechtschreibung, und er hat meine Arbeiten korrigiert. Er war immer da. Wenn ich ihm etwas geschickt habe, kam das innerhalb einer Stunde korrigiert zurück.

Wie seid ihr mit der Doppelbelastung aus Schule und Forschung klargekommen?

Moritz: Das ging eigentlich. Ich hatte sowieso das Glück, dass mir Schule immer leichtgefallen ist. Von daher hat das alles gepasst. Wir durften teilweise in der Woche vor Jugend forscht aus dem Unterricht raus und an dem Projekt weiterarbeiten.

Aruna: Das war schwierig, weil ich im Nebenjob auch noch kellnere. Zudem habe ich einen Schulweg von einer Stunde. Es war ziemlich stressig und ist ziemlich stressig. Meine Laborzeiten für Jugend forscht waren während der Unterrichtszeiten, weil meine Betreuer an der Uni abends keine Zeit hatten. Ich musste mich oft freistellen lassen, was dazu führte, dass ich viel Unterricht verpasst habe.

Gab es Momente, in denen ihr ans Aufhören dachtet?

Aruna: Ich hatte mir ein Gerät mit Temperaturregler und Sensoren gebaut. Ich wollte das magnetische Verhalten von verschiedenen Metallen untersuchen, um festzustellen, welche Materialien ich verwenden kann. Aber das Gerät hat einfach nicht funktioniert. Ich wusste nicht, warum, und das hat mich ziemlich entmutigt. Eine Zeit lang kam ich gar nicht weiter. Da fragte ich mich, ob ich vielleicht mal was anderes ausprobieren sollte. Informatik oder Mathematik vielleicht.

Moritz: Na ja. Wenn man den ersten Zeitplan ansieht, wären wir jetzt schon dreimal fertig. Es läuft eigentlich kaum was, wie man sich das im ersten Moment gedacht hat. Die Stützräder sind jetzt in der dritten oder vierten Version, weil sie entweder abgebrochen oder abgeknickt sind. Der Motor war anfangs zu klein. Der hat es gar nicht geschafft, anzufahren. Wir haben für alles mindestens zwei Anläufe gebraucht, aber dann doch weitergemacht.

Welche Pläne habt ihr nach der Schule?

jugend-forscht-Moritz-Ahrens-Julian-Jochens

Auch Moritz Ahrens (l.) und Julian Jochens wurden für ihr Projekt prämiert

Moritz: Mein Plan ist, nächstes Jahr im Wintersemester anzufangen, zu studieren. Es wird wohl Maschinenbau. Julian und ich können uns gut vorstellen, unser Projekt weiter zu betreiben. Vielleicht sprechen wir mal mit Fahrradherstellern. Im Moment ist das aber noch ein Spaßprojekt.

Aruna: Mein Traum ist die Forschung, aber ich finde die momentanen Bedingungen in Deutschland nicht so toll. Mir ist das zu unsicher mit diesen ganzen befristeten Verträgen. Ich weiß nicht, wie ich meine Zukunft planen soll, wenn ich nicht weiß, ob ich in zwei Jahren noch meinen Job habe. Da bin ich am Schwanken, ob ich nicht in die Wirtschaft gehe. Mein Zweitstudienwunsch neben Physik wäre Ingenieurwesen. Alles MINT-Studiengänge, die nach wie vor von Männern dominiert sind.

Wie sind da eure Erfahrungen?

Moritz: Ich bin mir nicht sicher. Ich habe aber nicht erlebt, dass man zu Jugend forscht fährt und Jungs da bevorzugt behandelt werden. Wenn es um Förderung in der Schule geht, wird drauf geachtet, dass das ungefähr ausgeglichen ist. Die Initiative NAT, die sich um die Förderung von Naturwissenschaften bei Schülerinnen und Schülern kümmert, hat das Programm mint:pink. Da werden explizit Mädchen angesprochen, um sie für Naturwissenschaften zu begeistern.

Aruna: Tatsächlich habe ich an der Uni gearbeitet und noch nie eine weibliche Physikerin gesehen. Es fällt auf, aber ich habe noch keine Probleme damit gehabt. Ich habe gehört, dass man als Frau unterschätzt wird von den männlichen Kollegen, aber ich habe es selbst zum Glück noch nicht erlebt. Ich glaube, das Hauptproblem liegt in der Kindheit. Es heißt ja schon früh, Jungs könnten besser logisch denken, Mädchen wären talentierter in Sprachen. Solche Vorurteile halten sich und beeinflussen einen in Schule und Studium.

Was macht ihr, wenn ihr nicht forscht?

Aruna: Ich mag Video-Ballerspiele wie Counterstrike oder GTA.

Moritz: Ich spiele seit ewigen Zeiten Klavier. Bevorzugt Klassik und Jazz.

Was gebt ihr Leuten mit auf den Weg, die bei Jugend forscht mitmachen wollen?

Moritz: Ich glaube, es ist so ein Ding von Technikprojekten, dass man einfach so drauflos baut. Uns wurde bei den Wettbewerben gesagt, man könnte noch wissenschaftlicher rangehen. Wir haben mehr ausprobiert und sind weniger methodisch rangegangen. Schon unsere Vision, ein autonomes Fahrrad zu bauen, war ein dicker Brocken. Wenn man an allen Fronten gleichzeitig kämpft, kommt man nicht unbedingt weiter. Man muss sich strukturieren und auf die wichtigen Dinge konzentrieren. Bei uns zum Beispiel gingen zuerst nur die Blinker. Das Fahrrad konnte nicht fahren. Das war nicht so schlau.

Aruna: Ich würde mit viel Selbstvertrauen reingehen. Nicht von anderen Projekten beeindrucken lassen. Ich habe mich da eingeschüchtert gefühlt und hatte das Gefühl, dass das ein Hindernis war in meinem Vortrag. Ich konnte weniger frei sprechen. Man darf ruhig überzeugt sein von dem, was man macht. Egal, was die anderen machen.

jugend-forscht.de


Cover_SZ0121 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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„Der Defekt“: Leona Stahlmanns Debütroman über Identitäten

Am 11. Februar erscheint Leona Stahlmanns Debütroman „Der Defekt“. Darin schildert die Hamburger Autorin das Aufwachsen mit einer normabweichenden sexuellen Identität und setzt sich mit den großen Themen Heimat und Entwurzelung auseinander

Text: Ulrich Thiele

 

Mina liebt anders. Wenn sie ihre Freunde beim Flirten beobachtet, sieht sie „ein tumbes Gewirr von abgelaufenen Verhaltensregeln, versuchter Zwanglosigkeit und einem Geschlamper der Geschlechter“. Sie ist 16, als sie in den Sommerferien ein heimliches Verhältnis mit ihrem Mitschüler Vetko eingeht. Ein Einzelgänger und Sonderling mit gelben Zähnen, der Minas normabweichende Sexualität teilt. Sie unterwirft sich seinen Regeln, anfangs im Wald, später in einer leer stehenden katholischen Kapelle. Die Streifen auf ihren Oberschenkeln versteckt sie vor ihren Mitschülern und Eltern. Für Vetko sind sie nicht mit Scham verbunden: „Körper sind dafür gemacht, dass wir sie abnutzen. Bearbeiten. Leben darin aufbewahren. Wir können Gefühltes haltbar machen nur mit unseren Körpern.“

Leona Stahlmanns Debütroman „Der Defekt“ behandelt eine Form der Sexualität, die in der öffentlichen Wahrnehmung von Irrtümern überschüttet ist. „Ein noch immer verbreiteter Irrglaube ist, dass BDSM (Anm. d. Redaktion: „Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism“) eine behandlungsbedürftige psychische Störung ist“, sagt die Autorin über die Sexualität ihrer Protagonistin, die auch ihre eigene Sexualität ist. So wurde früher Homosexualität in Medizinbüchern beschrieben. BDSM wird es noch immer. Die Sexualität wird zum Ausgleich für etwas, was im Leben schiefgelaufen ist, degradiert. Woran schlechte Bestseller-Romane und Hollywoodfilme einen nicht unerheblichen Anteil haben. Ansonsten wird BDSM zum billigen Lack-und-Leder-Porno stereotypisiert und verzerrt. Oder zum Freizeitvergnügen für gelangweilte Ehepaare.

 

Vertrauen und radikale Hingabe

 

Der romantische oder philosophische Zugang, den Stahlmann zeigt, ist in der Populärkultur so gut wie nie zu sehen. „In meinen Augen ist konsensueller BDSM-Sex eine Art zu lieben, die eher mit intellektuellen Konstrukten spielt als mit Körperlichkeiten“, sagt Stahlmann. Körperliche Attraktivität spielt eine untergeordnete Rolle, im Zentrum stehen Vertrauen, radikale Hingabe von beiden Seiten, Unterwerfung, spielerische Bestrafung, Lustschmerz, Auflösung des Egos. „Was jemand in meinem Kopf auslöst, ist wichtiger, als wie er oder ich dabei aussehen.“

Eine in Fiktion gehüllte Autobiografie ist „Der Defekt“ trotz der Parallelen nicht. Stahlmanns Debüt lebt mehr von den poetischen Naturbeschreibungen als vom Plot. Was schlüssig ist: Wörter sind es, die Mina helfen, ihre Sexualität zu verstehen. Die Sexszenen sind ein nahtloser Teil des lyrischen Flusses. Allein deswegen wäre die Bezeichnung BDSM-Roman unzutreffend. Stahlmann hebt die Sexualität nicht explizit hervor. Sie ist ein natürlicher Teil des Ganzen und wird nicht – anders als in unserer Gesellschaft, wo BDSM ein Schattendasein in Hinterzimmern fristet – in getrennte Bereiche verlagert.

 

Das Motiv der Begrenzung

 

Die ästhetische Grundlage des Romans bildet Minas Heimatdorf im Schwarzwald. Eine Landschaft, die nicht die Heimat der Autorin ist, die sie aber zugleich abstoße und fasziniere. Mit Dorfgemeinschaften, als wären die Uhren stehen geblieben, und Bäumen, so dicht, dass es wirkt, als dringe die Zeit nicht durch. Ein Gegenentwurf zur technisierten Welt.

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Die Brennnessel ist ein Hauptmotiv in „Der Defekt“

Das Motiv der Begrenzung reicht über das Feld der BDSM-Sexualität hinaus in ein gesellschaftliches Phänomen. Stahlmann stellt die großen Fragen in all ihrer Ambivalenz: Heimat, Entwurzelung, Identität. In der Figur des Vetko verdichtet sich die Widersprüchlichkeit am prägnantesten. „Heimat bedeutet: nicht reisen müssen“, ist er überzeugt, und tatsächlich ist er der einzige, der nach dem Schulabschluss nicht in die Stadt zieht. Durch seine Entscheidung grenzt er sich von den anderen ab, die orientierungslos in alle Richtungen ausstreuen.

So wie Mina, die nach ihrem Bruch mit Vetko in eine größere Stadt zieht und auf der Suche „nach langbeiniger Freiheit“ im „Wirbel des Möglichen“ steckt und fühlt, „wie ihre Waden dicker und kürzer“ werden. Demgegenüber hatte ihre Beziehung zu Vetko einen Vorteil, sie basierte auf dem Grundprinzip: Die Freiheit ist die Beschränkung. „Ehrlich gesagt: Ich glaube das auch“, sagt Stahlmann.

 

„Heimat ist von Beginn an der eigene Körper und die Sprache, die er spricht“

 

Doch Vetko verbohrt sich in seine Ansichten. Anders als Mina, sieht er seine Sexualität nicht als Defekt, sondern als einzige Wahrheit. Mitunter driften seine Ansichten ins Identitäre ab. Anfangs sieht Mina noch die Vorteile von Vetkos Ansichten, die ihr Halt und ein beruhigendes Erklärungsmuster geben. Doch sie durchschaut, dass er vieles ausblendet und keine endgültige Wahrheit für sich gepachtet hat – stabile Identitäten gibt es eben nicht. Vetko und Mina sind zwei Menschen mit derselben Disposition, mit der sie jedoch völlig unterschiedlich umgehen. „Heimat, das ist kein Ort auf einer Landkarte. Das ist zuerst und von Beginn an: der eigene Körper und die Sprache, die der Körper spricht, wie er geliebt und berührt und genährt werden will“, schlussfolgert Mina am Ende des Romans.

Stahlmann spricht an Minas Beispiel auch ein Lebensgefühl an, das viele junge Erwachsene kennen – den Umzug vom Land in die Stadt. Stahlmann selbst ist in einer Kleinstadt in Hessen aufgewachsen, viele aus ihrem Umfeld seien auch ländlich aufgewachsen und früher oder später in größere Städte gezogen. „Wir brauchten das, um uns vom Ufer abzustoßen“, sagt sie. Doch sie seien leichtfertig und ohne Übergang fortgezogen. „Man verliert eine Haut, dann muss die nächste nachwachsen. Aber es dauert, bis in der neuen Stadt eine Haut nachwächst zwischen all diesen Reizen, an denen wir uns aufreiben. Das macht mehr mit uns, als wir uns eingestehen.“ Auf St. Pauli wurde es ihr durch die Touristen irgendwann zu hektisch und zu künstlich, heute lebt sie in Barmbek-Süd.

 

„Anything goes ist vorbei“

 

Der Umgebungs-Bruch bleibt nicht folgenlos. „Wir sehnen uns nach Verbindlichkeit, sind aber trotzdem überfordert von dem Übermaß an Optionen“, glaubt Stahlmann. Viele ersetzen die verloren gegangene Verbindlichkeit, indem sie sich in vermeintliche Verbindlichkeiten stürzen.

Die Ü30-Generation hat das Heiraten für sich entdeckt, die Geburtenrate steigt, Freundschaften werden aufgewertet, andere wenden sich der Esoterik und der Astrologie zu. „Wir stellen fest, dass eben nicht alles geht, dass die Welt immer prekärer und fragmentarischer wird. Durch den Druck von außen bewegen wir uns immer weiter nach innen in unsere kleinen Stammeskulturen. Anything goes ist vorbei.“

Das drückt sich in den Nebenfiguren aus, die sozusagen Archetypen für von Stahlmann beobachteten Phänomene sind. Niklas zum Beispiel, der beliebte Anwaltssohn mit Standard-Zukunftsplänen: von Papa finanzierte Weltreise nach dem Abi, danach vielleicht BWL- oder Jura-Studium, mal gucken. Sein überraschender Tod ist mutmaßlich ein Suizid. War es der Druck, sich für etwas entscheiden zu müssen und nicht zu wissen, wofür, weil alles da ist? Hat dieses große Alles, das von außen auf ihn gefallen ist, ihn erdrückt und immer kleiner gemacht, bis er sich wünschte, keine Option mehr zu haben?

Oder Minas Freundin Malene, die sich mit gebrochenem Herzen nach Indien absetzt. Deren Kernproblem nicht Herzschmerz, sondern ihre Gefallsucht ist. Die in Schönheit vergeht, in dem Bild gefangen ist, dass ihre Umgebung von ihr hat. „Es braucht sehr viel Sprengkraft oder innere Verzweiflung, um ein Muster wirklich radikal abzustreifen“, sagt Stahlmann. Selbst heute, wenn wir angeblich unsere Identitäten zertrümmern, täten wir das oft aus einem bestimmten Kalkül, um in ein anderes Muster zu fallen. „Wir glauben alle, wir würden uns so verletzlich machen und nackt herumlaufen, aber de facto haben wir woanders noch Schneckenhäuser liegen, in die wir kriechen.“

 

„BDSM ist für mich etwas Spirituelles“

 

An dieser Stelle schließt sich die Klammer zur BDSM-Sexualität. Sie zwinge sie, aus ihrem Schneckenhaus zu kommen, sich auszuliefern, zumindest kurz nackt zu sein und sich roh zu fühlen. „Diese Erfahrung kann man in dieser Welt kaum noch machen“, sagt sie. „BDSM ist für mich etwas Spirituelles.“

Mit „Der Defekt“ ist für Stahlmann das Thema publizistisch abgeschlossen. Nach 16 Jahren intensiver Auseinander- setzung und fünf Jahren Arbeit am Ro- man reicht es. Am liebsten wäre es ihr, wenn BDSM als norma- ler Teil von Sexualität be- trachtet wird und nicht weiter darüber geredet werden muss. „Dieses Buch ist wie der Schlussstein eines Gebäudes, das ich über Jahre aufgebaut habe.“ Vielleicht ja eine leer stehende katholische Kapelle.

Leona Stahlmann: „Der Defekt“, Kein & Aber, 272 Seiten, 22 Euro. Buchpremiere mit der Autorin am 26.2. im Literaturhaus, 19.30 Uhr


Szene_Hamburg_Februar_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Januar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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