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Donnerbar – Die Reinkarnation des Kleinen Donner

Reinkarnation: Der Kleine Donner ist zurück. In den Räumen der ehemaligen Bar Rossi öffneten David Struck und Felix Piechotta Anfang August ihr neues Wohnzimmer – die Donner Bar.

Dröhnende HipHop Beats, Schweiß, der von der Decke tropft, ein von Zigarettenrauch verqualmter, überfüllter Raum. Das sind Erinnerungen an den Kleinen Donner, den Kellerclub unter dem Haus 73 in der Sternschanze. Im Dezember 2017 musste die beliebte Underground-Disco schließen. Grund waren andauernde Lärmbeschwerden der Nachbarn.

Nun kommt die Hamburger Hip-Hop-Perle im neuen Gewand zurück: Etwa 200 Meter weiter öffnete der Donner endlich wieder seine Türen. Und es hat sich viel verändert. Die neue Location, direkt an der Max-Brauer-Allee, Ecke Schulterblatt sieht mit einladenden Glasfronten und hübsch dekorierter Außenterrasse so gar nicht mehr nach dem etwas ranzigen, authentischen Untergrund-Club von früher aus. Einzig das schlichte Blitz-Logo über dem Eingang lässt Besucher wissen: Der Donner ist wieder da.

Donnerbar: Schwingende Hüften trotz kleiner Tanzfläche

Auch von Innen erinnert nur wenig an den Kleinen Donner: Der einladende Tresen, ordentlich bestückt mit einer großen Auswahl an Spirituosen bildet das Herzstück der Donner Bar. Die Einrichtung ist dunkel und schlicht aber stilvoll gehalten. Die Tanzfläche verhältnismäßig klein. Auch eine Woche nach der großen Eröffnung ist die Bar am Samstag schon zu früher Stunde gerappelt voll.

Das Konzept scheint aufzugehen: Der Übergang von entspannter Afterwork-Atmosphäre zum ausgelassenen Feiern verläuft fließend. Dass die Musik nicht ganz so laut ist, wie man es aus dem Donner kennt, scheint niemanden zu stören. Die kleine Tanzfläche platzt auch so aus allen Nähten. Musikalisch setzt der DJ an diesem Abend auf eine gute Mischung aus bekannten Tracks und Underground. Amerikanischer Hip-Hop, durchbrochen von dem einen oder anderen deutschsprachigen Song lässt das Publikum die Hüften schwingen.

Alte Leuchter, neue Bar.

SZENE HAMBURG: David, ihr seid mit dem neuen Laden von Club auf Barbetrieb umgestiegen. Warum?

David Struck: Als klar wurde, dass wir den Kleinen Donner am Schulterblatt nicht weiterführen können, haben wir den Laden zur Cocktail-Bar Chambre Basse umgebaut und trotzdem weiterhin nach einer Clubfläche gesucht. Das hat leider nicht geklappt. Entweder stimmte der Preis oder die Lage nicht. Nach einigen Exilveranstaltungen über dem PAL hatten wir schon mehr oder weniger damit abgeschlossen den Donner weiterzuführen – bis wir über diese Location gestolpert sind.

Wie ging es weiter?

In erster Linie wollten wir einfach die Fläche übernehmen, ohne zunächst ein Konzept zu haben. Nach langen Verhandlungen konnten wir den Laden bekommen und haben angefangen uns Gedanken zu machen. Den gleichen Club konnten wir nicht machen, weil wieder zu viel Nähe zu den Nachbarn besteht. Wir sind dann zu dem Schluss gekommen, den Donner wieder aufzumachen, aber eben als Bar und Nachbarschaftskneipe. Wir öffnen sieben Tage die Woche ab 17 Uhr. Am Wochenende werden wir spielen, worauf wir Bock haben, um auch die Leute abzuholen, die unsere Musik hören wollen – nur eben etwas leiser. Im Prinzip also ein neues Konzept aus dem Alten heraus.

Könnt ihr musikalisch dann noch das gleiche liefern wie im Kleinen Donner oder passt ihr euch dem Mainstream an?

Josi Miller, Trettmann-DJ, die auch am Eröffnungswochenende aufgelegt hat, war schon früher oft bei uns. Die würde ich musikalisch eher in den Underground einordnen. Im Prinzip haben wir in dem Bereich nicht viel verändert. Natürlich gibt es die Schwierigkeit, unser altes Booking fortzuführen. Im Donner hatten wir oft internationale Gast-DJs, die wir gerade so mit dem Clubeintritt querfinanzieren konnten. Das wird uns hier nicht mehr möglich sein, weil wir keinen Eintritt nehmen. Das Ambiente hat sich schon verändert.

Wolltet ihr weg vom Kellerclub-Image?

Weiß ich gar nicht. Das war alles recht ungeplant. Wir haben keinen Innenarchitekten beauftragt und gesagt, was wir haben wollen oder so. Ein Kumpel, der Architekt ist, hilft uns da ein bisschen. Im Prinzip schauen wir uns einfach die Fläche an und gucken, was möglich ist und unseren Geschmack trifft. Wir greifen zum Beispiel mit dem Holz das Donner-Thema ein bisschen auf. Aber wollen uns natürlich auch weiterentwickeln. Die Kronleuchter sind tatsächlich noch aus der Bar Rossi, die einfach so geil sind, dass wir sie haben hängen lassen. Wir wollen mit unserer Einrichtung nicht irgendein Image verkörpern – machen das eher so, wie wir auch unsere Wohnungen einrichten würden.

Das Schulterblatt weist eine immense Bardichte auf. Gerade mit Läden wie der Katze nebenan eine riesen Konkurrenz. Wie wollt ihr euch durchsetzen?

Ich glaube das passiert von alleine. Mir würde jetzt kein Laden auf dem Schulterblatt einfallen, der ein ähnliches Konzept hat. Klar, es ist eine Bar und es gibt Getränke, aber musikalisch gibt es nichts Vergleichbares hier auf der Ecke – außer vielleicht die Bernstein Bar, die großartig ist, aber selbst da sind jetzt keine wirklichen Überschneidungspunkte. Außerdem sehen wir das eher als Symbiose, nicht als Konkurrenz. Je mehr Läden in eine ähnliche Richtung gehen wie wir, desto besser eigentlich. Die Szene ist groß genug.

Am Eröffnungswochenende war der Laden gerammelt voll. Wie habt ihr das Publikum wahrgenommen?

Am Freitag war so ziemlich jeder da, den wir kennen. Ob vom Sehen oder persönlich. Das war wirklich krass. Samstag war es ein bisschen anders, weil das Spektrum Festival parallel lief. Es war schon ein bisschen mehr vom klassischen Schanzenpublikum am Start. Die haben natürlich auch mitbekommen, dass wir da sind und wollten den Laden mal auschecken. Aber grundsätzlich würde ich schon sagen, dass wir wieder mehr auf das Donner-Publikum zählen als mit dem Chambre Basse.

Ihr tretet ein großes Erbe an. Die Bar Rossi war jahrelang eine regelrechte Institution in der Schanze. Wie steht ihr mit eurem Laden zu den Veränderungen und der laufenden Gentrifizierung im Viertel?

Schwieriges Thema. Ganz klar treten wir hier in große Fußstapfen. Die Rossi war, würde ich behaupten, eine der erfolgreichsten Bars in ganz Hamburg. Das Thema Wandel des Viertels ist nicht einfach zu beurteilen. Alles verändert sich. Wir sind nicht die größten Kritiker was das angeht. Wir versuchen einfach das zu machen, worauf wir Bock haben und freuen uns, wenn es Leute gibt, die da auch Bock drauf haben. Solange das der Fall ist, machen wir weiter.

Text & Interview: Eylin Heisler
Fotos: Ole Masch

Donner Bar, Max-Brauer-Allee 279, Mo-So ab 17 Uhr


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2018. Das Magazin ist seit dem 30. August 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


 

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Die Kogge – Verknarzter Punk-Charme in Gefahr

Auch Rock-’n’-Roller müssen mal schlafen. In Hamburg gibt es dafür seit 15 Jahren einen Ort in der Bernhard-Nocht-Straße – gleichzeitig Hotel und punkige Kneipe. Jetzt sehen sich die Betreiber in ihrer Existenz bedroht, denn der Mietvertrag läuft aus. Zwei Jahre müssen überbrückt werden, ehe eine Fläche auf dem ehemaligen Esso-Häuser-Gelände bezogen werden kann. Und auch dort gibt es Unstimmigkeiten: Die Kogge soll lediglich einen Rohbau bekommen.

Nashville Pussy, Murder Junkies, Electric Eel Shock, The Cynics, The Mars Volta. Der Hamburger Kiez hat schon unzählige Gitarrenbands mit klangvollen Namen in dreckigen Kaschemmen auftreten sehen. Ist der letzte Ton verklungen, die letzte Hi-Hat verstaut und der letzte Kümmelschnaps geleert, stellt sich für die nassgeschwitzten Musiker noch die Frage: weiterziehen oder pennen gehen?

Für oben genannte ging es bei mindestens einem Hamburg-Besuch zum Schlafen in die Bernhard-Nocht-Straße 59. Hier, in Spuckweite von Reeperbahn und Elbe, liegt die Kogge. Seit 15 Jahren steht der Name für eine Bar, mit täglichem DJ-Programm von Psychedelic Rock bis HipHop, und für ein Rock-’n’-Roll-Hotel im Stockwerk darüber, zwölf teils winzige Zimmer mit jeweils völlig unterschiedlicher Gestaltung. Da gibt es die Hochzeitssuite ganz in Weiß genauso wie „Honeckers Herrenzimmer“ mit lindgrünem Ohrensessel nebst Blumenmuster-Stehlampe.

Negativer Countdown: Tage bis Mietvertragsende. Foto: Sophia Herzog

Die Kneipe ist eine Attraktion für sich. Durch eine wie aus Schiffsbohlen gezimmerte, mit Aufklebern übersäte Tür geht es in einen kleinen Bar-Raum mit hölzernem Tresen hinein. Über der Bar thront eine zur Piratin umdekorierte Marilyn-Monroe-Büste. Stilecht begrüßt sie den Besucher mit Augenklappe und Kogge-Tattoo. Weiter rechts hängt eine Digitaluhr: Ein Countdown zählt Tage, Stunden, Minuten und Sekunden herunter. Stand 15. Juni 2018: Es sind noch 380 Tage bis der Mietvertrag der Kogge ausläuft.

Ende Juni 2019 werden die Betreiber Riikka Beust und Gernot Krainer die Bernhard-Nocht-Straße wohl verlassen müssen. Der aktuelle Vermieter scheint die Bar loswerden zu wollen und zeigt sich nicht gesprächsbereit. Die in Aussicht gestellte Fläche im sogenannten Paloma-Viertel am Spielbudenplatz (Ex-Esso-Häuser) wird frühestens 2021 bezugsfertig. Per Chatfunktion aus dem Urlaub in Montana, USA, zugeschaltet, erzählt Riikka Beust von ihrer Beziehung zur Nachbarschaft und von der unsicheren Zukunft einer Kiez-Institution.

SZENE HAMBURG: Riikka, wie kamst du zur Kogge?

Riikka Beust: Schon als ich 16 Jahre alt war, habe ich dort Zigaretten gekauft. Damals war das eine heruntergewirtschaftete Nachbarschaftskneipe. Eine Seemannskaschemme mit angeschlossenen Prostituiertenzimmern. Ich hatte dann gleich bei der Besichtigung des leer stehenden Ladens im Jahr 2003 die Vision, dort ein Rock-’n’-Roll- Hotel zu machen. Mit der Hilfe von 50 St. Paulianern haben wir die Kogge dann flottgemacht.

Das Viertel und seine Bewohner waren also stets involviert?

Der Laden hat eine Vergangenheit, die zum Viertel gehört, deshalb haben wir auch den Namen übernommen. Man kann sich nicht einfach vornehmen, St. Pauli zu sein, das ist etwas, das man in sich trägt und was nur mit nachbarschaftlicher Einbindung funktioniert. Hier treffen Anwohner an der Bar auf ein internationales Musikpublikum. Es gibt einen kollektiven Gedanken, und unsere Leute haben ein Händchen für Musik, Kultur und Kunst. Wir arbeiten eng mit Live-Clubs zusammen, die darauf angewiesen sind, für ihre Bands bezahlbare Zimmer zu finden. Somit sind wir ein sozialer wie auch kultureller Standort.

Ungewöhnlich: Die Bar ist gleichzeitig die Hotelrezeption.

Bei uns wird niemand mit einem aufgesetzten Lächeln empfangen. Jeder, der bei uns arbeitet, behandelt die Gäste so, wie sie ihm begegnen. Unser Leitspruch ist: Der Gast ist Kunde – nix mit König. Wer sich blöd verhält, bekommt das direkt um die Ohren. Ich möchte Menschen hinterm Tresen haben, die auch mal die Klappe aufreißen, wenn’s nötig ist. Das wissen fast alle unsere Gäste zu schätzen.

Bei Bewertungsportalen gibt es Kritik: Das Hotel sei verwohnt, die Einrichtung entspräche eher einer Jugendherberge.

Wir kommunizieren bei den Buchungen ganz klar, dass wir anders sind. Dass es auch mal lauter werden kann, man aber dafür eine einzigartige Atmosphäre bekommt. Es gibt dennoch immer wieder Leute, die nur buchen, weil es günstig ist und nahe bei den Musicals liegt. Die Zimmer sind klein, das Mobiliar ist nicht neu, die Einrichtung eher spartanisch. Für Schränke ist gar kein Platz. Aber sauber ist es immer – ich lasse nichts auf unsere Bettenhasen kommen, die jeden Tag putzen! Im Übrigen liegen bei uns immer Ohrenstöpsel auf den Betten. Von denen immer nur sehr wenige gebraucht werden, so schlimm kann es also nicht sein.

Die Rocker benehmen sich nie daneben?

Natürlich! Einmal wurde der Feuerlöscher zum Partyspielzeug zweckentfremdet. Der gesamte Inhalt schmückte in schönsten Mustern den Hotelflur. Die Spur führte zur aufstrebenden Band im Viererzimmer. Der Bassist kuschelte friedlich schnarchend mit dem Feuerlöscher im Arm! Ich habe sie dann mit Kopfschmerztabletten fröhlich geweckt, und die weinenden Jungs unter strenger Aufsicht putzen lassen.

Kommen wir zu ernsteren Themen. Wie ist die aktuelle Lage?

Die Endlichkeit steht vor der Tür, unser Mietvertrag läuft in genau einem Jahr aus. Der Vermieter hat schon gerichtlich versucht, uns loszuwerden, es scheint nicht möglich, noch einmal zu verlängern.

Nun ist die Kogge bei den Entwürfen der Planbude von Anfang an dabei gewesen und hat eine Zukunft im Neubau auf dem ehemaligen Esso-Gelände. Problem: Das Paloma-Viertel wird erst zwei Jahre nach dem Auslaufen eures Mietvertrages fertig.

Selbst, wenn im Paloma-Viertel alles gut gehen sollte, müssten wir die Zeit von 2019 bis 2021 überbrücken. Wir können nicht einfach ein Hotel finden, in dem wir ein Exil-Quartier aufbauen. Und nur eine Bar zu machen, würde nicht unserem Alleinstellungsmerkmal entsprechen, wir verlören Mitarbeiter und Kundenstamm.

Was muss passieren?

Die Politik müsste auf den Vermieter einwirken, damit wir mindestens zwei Jahre länger an diesem Standort bleiben können. Wir würden uns schon freuen, wenn wir in Verhandlung gehen könnten. Offenbar besteht ein öffentliches Interesse am Erhalt der Kogge, das haben ja die Umfragen der Planbude gezeigt.

Was sagst du denn zu den Plänen für das Paloma-Viertel?

Es ist toll, dass eine Stadtentwicklung möglich ist, die nicht an den Bürgern und Nachbarn vorbeigeht. Leider gibt es Unwahrheiten, was den Planungsstand für die Kogge betrifft. Da wurde verkündet, wir wären sicher ab 2021 im Neubau dabei. Dabei sollen wir lediglich einen Rohbau ohne Heizung und sanitäre Anlagen bekommen. Das ist, als würde man ein Auto ohne Lenkrad übernehmen! Wenn wir noch Kredite über 500.000 Euro aufnehmen müssen, ist das wirtschaftlich für uns nicht tragbar.

Kann die Kogge in einem schicken Neubau überhaupt funktionieren?

Der Geist der Kogge ist verbunden mit diesem leicht verruchten Seemannscharme. Das würde schon einen etwas offizielleren Hotelcharakter bekommen. Aber die liebevolle Verknarztheit der Kogge würden wir dem schon irgendwie einprügeln.

Text & Interview: Jan Paersch
Fotos: Sophia Herzog

Bernhard-Nocht-Straße 59 (St. Pauli)


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2018. Das Magazin ist seit dem 29. Juni 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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#7 Kellerkneipe: Herr Buhbe

Zeit zum Luft holen, Abhängen und Runterkommen. Am besten bei einem kühlen Pils in einer lauschigen Bar. Wir zeigen darum unsere liebsten Kellerkneipen. Nummer 7: Herr Buhbe.

Wir ziehen den Bauch ein, stellen uns auf die Zehenspitzen und machen uns so dünn wie möglich, damit wir durch den Türspalt im vollgestellten Hinterzimmer passen. Von hier aus führt uns Chefin Tina Popovic eine schmale Treppe hinunter in die Katakomben des Herr Buhbe. Vor uns liegt ein langer Laubengang. Rechts reiht sich eine Nische an die nächste, links gelangt man in einen großzügigen Kellerraum. Anfang des 20. Jahrhunderts lagerte der Gastronom und Winzer Eduard Buhbe hier unten seine Weinfässer. In den 00er Jahren fanden in dem Haus, dessen Eigentümerin die SAGA ist, geheime Sadomaso-Partys statt.

Tina Popovic, die mit ihrer Mutter Dubravka Popovic seit 2007 das Thämers ein Stockwerk höher und seit 2012 das Herr Buhbe betreibt, erinnert sich noch an einschlägig gekleidete Gäste, die manchmal vor der Tür Schlange standen, als Herr Buhbe noch SittsaM hieß. Erst seit 2012 geht es hier tatsächlich sittsam zu.

Die Frauen Popovic haben einen charmanten Umgang mit den Fußstapfen ihrer Vorgänger gefunden. Die holzvertäfelten Wände, das alte Mobiliar, Weinflaschen aus den 70er Jahren mit vergilbten Etiketten. Herr Buhbe ist mehr Restaurant als Kneipe. Man kann hier gut Bratkartoffeln oder Burger essen, aber mindestens genauso gut am Abend einen Gin Tonic trinken. Wirklich besonders ist die familiäre Stimmung, die das Lokal verbreitet. Herr Buhbe und das Thämers sind heute sowas wie die Seele der Neustadt. Nur wer die Augen offen hält, findet hier und da einen Hinweis auf vergangene Tage.

Kneipengründungsjahr: 1898 Weinstube Buhbe, seit 2012 Herr Buhbe
Fassbiere: Ratsherrn Pils, Zwickel, Rotbier, Pale Ale, Augustiner
Musikstil: Chansons, Indie, Pop, Hauptsache modern
Rauchen: Im Raucherraum oder vor der Tür
Besonderheit: Katakomben & Tradition (Eduard Buhbe & Söhne)

Text: Alessa Pieroth

Foto: Michael Kohls

Herr Buhbe: Wexstraße 42 (Neustadt), Tel 34 66 89, Mo-Fr 12–15 und 18–24; Sa 18–24 Uhr, Küche bis 23 Uhr; www.thaemers.de

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Januar 2018. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#6 Kellerkneipe: Nowa Huta

Zeit zum Luft holen, Abhängen und Runterkommen. Am besten bei einem kühlen Pils in einer lauschigen Bar. Wir zeigen darum unsere liebsten Kellerkneipen. #6 Nowa Huta.

Nowa Huta ist ein Stadtteil Krakaus, der dem Muster einer Planstadt folgend in Form eines halben Achtecks mit zentralem Platz angelegt wurde. Der zentrale Platz der Nowa Huta in Eimsbüttel ist selbstverständlich die Bar, die neben den typisch polnischen Spirituosen so besondere Schätze wie selbst gemachte Sirups (Sanddorn, Quitte, Cassis, Petersilie), Birkenschnaps und Moosbeersaft bereithält. Daraus werden fantasievoll klingende Drinks à la Rosa Albrecht, das letzte Einhorn und – als zeitgenössisches Special – Covfefe Royal (Gin Tonic mit Moosbeersaft) kreiert.

Wer sich einmal entschieden hat, kann sein Getränk direkt am Tresen, in kleinen gemütlichen Sitznischen oder im Sommer auch draußen auf dem großzügigen und mit bunten Lichterketten dekorierten Vorplatz einnehmen und den Klängen wechselnder DJs lauschen. Die Zeiten, in denen in der Huta Klassiker der polnischen Küche wie Borschtsch, Soljanka oder Bigos angeboten wurden, sind zwar vorbei, aber so ein Cocktail mit Dill und Gurke ist ja auch ’ne halbe Mahlzeit. Na zdrowie!

Kneipengründungsjahr: 2011
Fassbiere: Pilsener Urquell
Musikstil: Je nach Barkeeper oder DJ, meist HipHop, Soul oder Elektro
Rauchen: Nein
Besonderheit: Selbst gemachte Sirups und polnische Spirituosen-Spezialitäten

Text: Julia Kleinwächter 

Foto: Michael Kohls

Lindenallee 37 (Eimsbüttel), Mi-Sa 19–3 Uhr; www.facebook.com/HutaNowa

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Januar 2018. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!


#5 Kellerkneipe: Mutter

Zeit zum Luft holen, Abhängen und Runterkommen. Am besten bei einem kühlen Pils in einer lauschigen Bar. Wir zeigen darum unsere liebsten Kellerkneipen. #5 Mutter.

Meine Mutter. Immer da, wenn man sie braucht. Umgibt einen mit ihrer Wärme. Hat ein Ohr. Stellt ein kühles Pilsner Urquell auf den Tisch und fragt, wie’s so läuft. Immer freundlich, nie aufdringlich. Aber besonders gastfreundlich: Die Bude ist immer voll. Nachbarn aus der Schanze, Musiker, Medienmacher, Bohemiens, manchmal auch Touristen. Das Szene-Volk, jung und alt, fühlt sich hier im Souterrain zu Hause. Ja, auf die Mutter ist Verlass. Öffnet abends um 20 Uhr. Schließt nie vor 4 Uhr morgens. „Und wenn wir hier nur einen Gast haben, die Mutter bleibt offen“, sagt Knut und zieht genüsslich an der Zigarette. Vor 19 Jahren hat er die Bar zusammen mit Eike, dem auch das Kitty und der Salon Stoer gehören, gegründet. Ihr Erfolgsrezept: Sein und sein lassen.

Was die Mutter nicht ist: ein Baggerschuppen. „#Metoo, so was gibt’s hier nicht“, sagt der 51-Jährige. „Frauen wissen, dass sie hier ihre Ruhe haben.“ Die finden sie in einer der vielen Ecken, denn die Mutter ist geschnitten wie alle Wohnungen in dem Haus: viele kleine Räume und ein langer Flur. Die begehrtesten Plätze sind die am Tresen. Mit Blick auf die Straße und nah am Zapfhahn. Das Glas in der einen Hand, den Kopf in der anderen, lässt sich hier die Zeit verquatschen. Der Job, die Liebe, das Leben. Und plötzlich ist es wieder morgen. Nur am Sonntag, da müssen wir leider woanders hin. 

Kneipengründungsjahr: 1998
Fassbiere: Jever
Musikstil: Wer hinterm Tresen steht, entscheidet, was läuft. „Zum Glück mag niemand von uns Schlager.“
Rauchen: Ja
Besonderheit: Zuverlässig bis 4 Uhr morgens geöffnet, „auch wenn wir hier allein sitzen“.

Text: Ilona Lütje

Foto: Michael Kohls

Stresemannstraße 11 (Sternschanze), Mo-Sa 20–4 Uhr; www.facebook.com/MutterHH

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Januar 2018. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!


#4 Kellerkneipe: Menschenzoo

Zeit zum Luft holen, Abhängen und Runterkommen. Am besten bei einem kühlen Pils in einer lauschigen Bar. Wir zeigen darum unsere liebsten Kellerkneipen. #4 Menschenzoo.

Als ich vor vier Jahren nach Hamburg kam, war der „Menschenzoo“ eine der ersten Kneipen, die ich betrat und quasi mein erster Kontakt mit St. Pauli. Gut, damals hieß es noch Skorbut, wenn ich mich recht entsinne. Aber egal, wie der Schuppen heißt, sein Charakter (Charme klingt hier zu weichgespült) blieb mir in Erinnerung. Niedrige Decke, warm, laut, zwanglos, mit gemütlichen Ecken und gefestigten Menschen.

Ja, die Leute hier haben alle eine Richtung eingeschlagen, ziehen am selben Strang und rasten zur gleichen Musik aus. Sie verbinden gleiche Werte und ein Scheißsystem, wogegen es anzustänkern gilt. Ich fühle mich hier pudelwohl. Zum Lachen geh ich gern in den Keller. Denn der Menschenzoo hier drinnen ist mir viel lieber als so mancher Affe da draußen.

Kneipengründungsjahr: 2015. Der Keller in der Hopfenstraße 34 hat schon viel gesehen und gehört. In den 90ern war hier das Tiefenrausch – ein „flauschiger Technokeller“, wie Besitzer Dominik sagt. Es folgten unter anderem das Skorbut und der Kraken. Seit zehn Jahren steht der Laden für Punkrock
Fassbiere: Keine
Musikstil: Punkrock, Hardcore, Ska-Punk, Irish Folk-Punk
Rauchen: Ja
Besonderheit: Zugetaggt bis unter die Decke, ein Flipper (Attack from Mars), ein Kicker, veganer White Russian (6 Euro), Donnerstags gibt es entweder einen DJ auf die Ohren oder „Zoff im Zoo“ – die streiterprobte Podiumsdiskussion über Themen aus Politik und Musik

Text: Christiane Mehlig

Foto: Michael Kohls

Hopfenstraße 34 (St.Pauli), Di-Do 21–2, Fr-Sa 21–4 Uhr; www.menschenzoo.com


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Januar 2018. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#3 Kellerkneipe: meine kleinraumdisko

Zeit zum Luft holen, Abhängen und Runterkommen. Am besten bei einem kühlen Pils in einer lauschigen Bar. Wir zeigen darum unsere liebsten Kellerkneipen. #3 Kleinraumdisko.

Auf die Frage, ob es in Hamburg die perfekte Bar gibt, kann ich nur heftig mit dem Kopf nicken. Die Kleinraumdisko – meine Rettungsinsel vom Massentourismus in der Schanze. Nur ein paar Stufen von der Feldstraße abwärts, stolpert man durch die Tür, direkt an den Tresen. Und sofort, eingelullt in rotes Licht und Kerzenschein, setzt der Entspannungsprozess ein. Charmant- gemütlich sind die vielen Sitzecken mit lässigen Ledersofas und Cocktailtischen unter stilvollen Hängelampen, alles Originale aus den 70er Jahren. On top: die außergewöhnliche und gute Musik. „Subkulturell geprägte Untergrund- musik“, wie der Betreiber Jörn sie nennt, Stichwort: Nick Cave.

Wenn er hinter dem Tresen steht, braucht es Glück oder Geduld, um einen der wenigen Thekenplätze zu erwischen. Doch es lohnt sich, denn während er die Gläser füllt, lässt er sich ein bisschen von seinem unglaublichen Wissen über Gin und Whiskey entlocken, auch wenn beides manchmal dafür sorgt, dass das ein oder andere Detail nicht hängenbleibt. Jeder Abend kann anders sein: Mit dem Kopf auf der Theke (der Doppelwacholder ist eine Wucht), verliebt in der Knutschecke (eine in die Wand eingelassene Zweier-Couch) oder mit Freunden einfach nur die Zeit genießen – hier ist der perfekte Ort, um Erinnerungen zu schaffen.

Kneipengründungsjahr: 2007
Fassbiere: Keine
Musikstil: Subkulturell geprägte Untergrundmusik
Rauchen: Ja
Besonderheit: Sehr coole Einrichtung im 70er Style und fast alles Orginalteile, kein Retro-Schrott

Text: Hedda Bültmann

Foto: Michael Kohls 

Neuer Kamp 17 (St. Pauli), Telefon 18 20 15 09, Di-Do 20–2, Fr-Sa 2–4 Uhr; www.facebook.com/meine.kleinraumdisko

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Januar 2018. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#2 Kellerkneipe: Birdland

Zeit zum Luft holen, Abhängen und Runterkommen. Am besten bei einem kühlen Pils in einer lauschigen Bar. Wir zeigen darum unsere liebsten Kellerkneipen. #2 Birdland.

Schock 2013: Die Betreiber gehen in Rente, das Birdland macht zu! Geht gar nicht, schließlich ist das seit den 80ern der Jazzclub in Hamburg. Hier haben schon Weltstars wie Art Blakey, Brad Mehldau, Chet Baker, Ray Brown, Joe Henderson oder Diana Krall gespielt. Und ich habe bei der donnerstäglichen Jamsession unzählige mehr oder weniger feucht-fröhliche, inspirierende, beschwingende Abende mit Freunden verbracht. Doch hip, hip, hooray: 2014 übernehmen die Söhne von Dieter und Heidi Reichert, Wolff und Ralph, den Laden, zusammen mit zwei Freunden vom Freundlich + Kompetent eröffnen sie das Birdland wieder.

Seitdem gibt’s nicht nur reinrassigen Jazz, sondern auch Singer-Songwriter,-Soul, Funk, HipHop oder Reggae zu hören. Und das in der gewohnten, zauberhaften, gemütlichen Atmosphäre: Das etwas schraddelige Holzgestühl, an den Wänden die von Heidi Reichert selbst gemalten, bunten Jazzmusiker-Porträts und Unterschriften unzähliger Künstler, kuscheliges Licht, Glitzerlichter hinter der Bühne. Und so ist ein Abstieg in den Musikkeller immer noch das, was er früher war: Ein Ausflug in eine heimelige, nostalgische Welt mit fantastischem Soundtrack. Ein bisschen La La Land für die Seele …

Kneipengründungsjahr: 1985 von Dieter und Heidi Reichert als Jazzclub gegründet, 2014 von den Söhnen Wolff Reichert und Ralph Reichert sowie den beiden Gastronomen des Freundlich+ Kompetent Julius Horn und Julian Jasper-Koch übernommen mit erweitertem musikalischem und neuem Barkonzept
Fassbiere: Keine
Musikstil: Jazz, Singer/Songwriter, Funk, Soul, Reggae, HipHop
Rauchen: Nein
Besonderheit: Jeden 1. und 3. Mittwoch: Birdland Vocal Session und jeden Donnerstag: Birdland Jam Session bei freiem Eintritt

Text: Maike Schade

Foto: Michael Kohls

Gärtnerstraße 122 (Hoheluft-West), Telefon 40 52 77, Mi 19.30–1 , Do-Sa 19.30–2 Uhr; www.birdlandhamburg.de


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#1 Kellerkneipe: Eldorado

Zeit zum Luft holen, Abhängen und Runterkommen. Am besten bei einem kühlen Pils in einer lauschigen Bar. Wir zeigen darum unsere liebsten Kellerkneipen. #1 Eldorado.

Klar, das Eldo ist ganz schön verraucht und oft fröstelt es mich in den ersten paar Minuten, so frisch ist es. Aber dann: fläzen ohne Ende auf den durch- gesessenen Ledersofas und roten Kinosesseln. In immer kürzeren Abständen zum Kupfertresen und der schön geschwungenen Zapfanlage, um eine neue Runde Jever vom Fass zu holen. Rage Against the Machine, Blur, Red Hot Chili Peppers – Rock ist hier definitiv tonangebend. Durch das Fenster über unseren Köpfen ist von der Außenwelt – bis auf vorbeieilende Beine und angeleinte Hunde – nicht viel mitzukriegen.

Umgeben von Retro-Tapeten und -Möbeln, eingehüllt in Rauch und warmes Licht ist dieser Ort zeitlos, eine Art schwarzes Loch, das einen nach Stunden wieder ausspuckt, als wäre nichts gewesen. Anfang letzten Jahres wurde das Eldorado von Redakteur Bernd, Otzen- treff-Besitzer Jan und Henning vom St. Pauli Tourist Office übernommen. Neben den gewohnten DJs am Wochenende gibt es jetzt sonntags New Wave und Pfeffi für kleines Geld. Außerdem, so wurde mir versprochen, wird die Heizung ab sofort höher gedreht.

Kneipengründungsjahr: 1904/ Neuübernahme Anfang 2017
Fassbiere: Jever, Ratsherrn Zwickel, Astra
Musikstil: Rock
Rauchen: Ja
Besonderheit: Retro-Tapete und Kupfertresen

Text: Jasmin Shamsi

Foto: Michael Kohls

Wohlwillstraße 50 (St. Pauli), Telefon 0151/10364351, So-Do 20-2, Fr-Sa 20-4 Uhr, www.eldoradostpauli.de 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Januar 2018. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!