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Zur Mühlenklause in Billhorn – Glück hinter Gardinen

Zur Mühlenklause: Die Kneipe kurz vor den Billhorner Elbbrücken ist Zufluchtsort und zweites Zuhause für Locals und Touris. Ein Ortsbesuch.

Text und Fotos: Erik Brandt-Höge

Die dicke, milchige Glastür aufgezogen, den mit Leder gesäumten Vorhang zur Seite geschoben und hinein in den schummerigen Lichtmix aus Bierreklame, Jukebox und Spielautomaten. Hier, in dichtem Rauch hinter graubraunen Gardinen, zwischen Dutzenden maritimen Malereien, Schiffsglocken, Geigen, Girlanden und allerhand anderem Gedöns, kann vom restlichen Rothenburgsort, ach, vom Rest der ganzen Stadt pausiert werden. Es gibt Getränke und Gesellschaft statt Sorgen und Nöte, jeden Tag von morgens bis nachts. Seit 60 Jahren ist die Mühlenklause, die kleine Kneipe kurz vor den Billhorner Elbbrücken, ein Zufluchtsort und zweites Zuhause für Locals und Touris. Erfolgsgeheimnis: Alles bleibt, wie es ist, nichts verändert sich.

 

Spielhallen und Schneiderei

 

„Die Bar lief und läuft immer gut“, sagt Betreiberin Christine Jürs, die es sich in einer der knarzigen Sitzecken gemütlich gemacht hat. „Das liegt einerseits am Festhalten an der Einrichtung, aber natürlich auch an den drei Hotels in der Nähe (Holiday Inn, Bridge und Elbbrücken; Anm. d. Red.).“ Vor neun Jahren hat Christine die Mühlenklause von ihren Eltern übernommen, ihr Vater ist verstorben, ihre Mutter regelt nach wie vor alle Büroangelegenheiten. Die Familie hat einiges hinter sich im Hamburger Unterhaltungsbetrieb. Angefangen mit Spielhallen, danach in Antiquitäten gemacht. „Wir hatten einen Laden in der Wandsbeker Chaussee“, erzählt die 44-Jährige und grinst, „der sah genauso aus wie die Kneipe heute, überall stand und hing oller Kram herum.“ Christine war gerade 17, als ihre Eltern die Mühlenklause kauften. „Ich habe damals eine Schneiderlehre gemacht, hätte bei Jill Sander anfangen können, in der Norderstedter Schneiderei. Aber mir ging es wie meinen Eltern: Mein Herz hing an der Kneipe.“

 

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„Ich liebe sie alle“: Betreiberin Christine über ihre Gäste. Foto: Erik Brandt-Höge.

 

Kurze in Knallfarben

 

Christine zieht an ihrer Zigarette, hat Zufriedenheit im Blick. „Es war die richtige Entscheidung. Und mein Mann Rolf, der im Hafen arbeitet, macht auch immer mit, hilft mir zum Beispiel an der Bar oder ist einfach nur da.“ In dem Moment steht er tatsächlich hinterm Tresen. „Warm oder kalt“, fragt er eine junge Frau, die Bier bestellt hat. Christine klärt auf: „Gibt ja Menschen mit Magenproblemen. Wir haben natürlich kühles Bier, aber auch einen Kasten auf Zimmertemperatur.“ Neben dem Kasten stehen allerhand bunte Kartons: Kleiner Kobold, Kleiner Klopfer, Kleiner Waldi. Die Kurzen in den knalligen Farben seien vor allem bei der Laufkundschaft beliebt, die zwischen Hotel und Kiez hin und her tingelt, sagt Christine. „Für die habe ich sogar angefangen, Mexikaner zu machen.“ Und mit etwas Stolz in der Stimme: „Den Doppelten gibt es hier schon für 2,50 Euro. Um die Ecke kostet der einen Euro mehr.“

 

Blind kuscheln

 

Ein Gast hat sein Kleingeld in die Jukebox gesteckt. Es kommt was von der Compilation „Kuschel-Klassik 1“, ein Schmachtfetzen von Mariah Carey. Neben dem Mann mit den Musikwünschen sitzt Brit, eine alte, blinde Hundedame, eingehüllt in einen weinroten Hundemantel. „Komm kuscheln!“, ruft Christine, und Brit kommt. Sie und ihr Herrchen zählen quasi zum Inventar, so Christine, während der Carey-Chorus seinen kitschigen Höhepunkt erreicht: „Zwei meiner Allerliebsten. Wobei ich sagen muss: Ich liebe sie alle, die Stammkunden genauso wie die Kiez-Touristen.“ Den typischen Mühlenklausen-Gänger gebe es eh nicht. Nur eines könne sie beobachten: „Die älteren Nachbarn kamen früher im Pyjama hierher. Mit den Jahren wurden die Gäste jünger. Liegt wohl daran, dass die Jugend heute auf so alte Kneipen steht, sie irgendwie kultig findet.“

 

ABBA und Augen zu

 

„Machst du mir ’n kleinen Sambi?“, ruft Christine Richtung Rolf, der gerade dabei ist, aus einem Haufen Bierdeckel ein Haus zu bauen. Für die Chefin lässt er alles liegen, gießt sofort Sambuca ein und gerät beim Servieren kurz ins Straucheln. Brits Herrchen hat sich für ein Solo-Tänzchen entschieden und wirbelt zu ABBAs „Mamma Mia“ wild durch die Klause, in einer Hand warmes Bier, die Augen genüsslich geschlossen. Der Anblick und der Schnaps euphorisieren Christine: „Das kannst du alles hier machen“, schwärmt sie, „das und noch mehr.“ In ihrem Lokal dürfe jeder sein, wie er eben ist. Und wahrscheinlich hat sie Recht: Der verrauchte Mikrokosmos hinter der Milchglastür ist ein Hort für Ausgelassenheit.

Zur Mühlenklause: Billhorner Mühlenweg 26


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Fatih Akin und „Der Goldene Handschuh“ – Hamburger Horror

Fatih Akins Verfilmung von Heinz Strunks „Der Goldene Handschuh“ über den Serienkiller Fritz Honka feierte auf der Berlinale Premiere. Produzentin Nurhan Sekerci-Porst hat uns von den Dreharbeiten, Sauf-Exzessen in der Kiezkneipe und Akins Vorliebe fürs Abseitige erzählt.

Text & Interview: Maike Schade
Foto (o.): Warner Bros.

Fatih Akin wurde 1973 geboren. Zwei Jahre später wurde Fritz Honka verhaftet – jener Serienkiller, der über Jahre hinweg in der Kiez-Kaschemme „Zum Goldenen Handschuh“ Frauen abgeschleppt, in seiner Wohnung in der Ottenser Zeißstraße ermordet, zerstückelt und die Leichenteile in seiner Mansarde versteckt hat. Das beispiellose Verbrechen erschütterte die Hamburger nachhaltig – lange noch ging Honka als Manifestation des sprichwörtlichen „Schwarzen Mannes“ in den Gedanken um.

Auch bei Fatih Akin, der in Altona aufgewachsen ist. Nun hat er Heinz Strunks Roman über die damaligen Geschehnisse verfilmt, in die Kinos kommt der Film ab 21. Februar. Premiere ist auf der Berlinale (7. bis 17. Februar). Hoffentlich. Schließlich geht es hier um den Goldenen Bären. Doch das Ganze ist ein ziemlich enges Höschen, der Horrorstreifen wird wohl erst kurz vor knapp fertig. Sehen konnten wir den Film deshalb noch nicht, Akin schraubte zu Redaktionsschluss noch mit Hochdruck daran. Von der Produzentin Nurhan Sekerci-Porst haben wir trotzdem eine Menge Interessantes über den Film erfahren.

SZENE HAMBURG: Nurhan, mit dem Buch und der Theaterinszenierung am Schauspielhaus ist das Thema Fritz Honka ja eigentlich schon ziemlich gut bedient. Warum wolltet ihr trotzdem diesen Film machen?

Nurhan Sekerci-Porst: Wir haben das beschlossen, gleich nachdem wir den Roman gelesen hatten. Fatih war total begeistert von dem Buch, er kennt ja auch Heinz Strunk und die Geschichte aus eigener Erfahrung – er ist in Altona aufgewachsen, dieser Serienmörder lebte also quasi in seiner Nachbarschaft. Er braucht immer einen persönlichen Zugang zu dem Stoff, den er verfilmt, und das war hier natürlich gegeben. Denn hinzukommt noch, dass die Griechen, die in der Wohnung unter Fritz Honka in der Zeißstraße lebten, Verwandte von Fatihs gutem Freund Adam Bousdoukos waren. Der Onkel, genauer gesagt. Und so entstand schnell die Idee, den Roman zu verfilmen, obwohl der sich mit all der Grausamkeit eigentlich gar nicht unbedingt dafür anbietet.

 

Die Nacktheit der Frauen und das Zersägen hat uns alle sehr mitgenommen

 

Wie war das denn bei dem Dreh? War es für dich überhaupt erträglich, bei der Zerstückelung der Leichen zuzusehen?

Das war für uns alle, für das gesamte Team und die Schauspieler, ziemlich krass. Diese Nacktheit der Frauen, dieses Abschlachten und Zersägen, das hat uns alle sehr mitgenommen. Deshalb hatte ich auch entschieden, dass ein Psychologe am Set sein sollte, wenn es an die expliziteren Szenen geht.

Habt ihr ihn – oder sie – gebraucht?

Das war Dr. Angélique Mundt, eine Psychologin. Es gab Gespräche mit ihr am Set, wenn auch eher genereller Natur. Aber Fatih ist ja auch ein sehr einfühlsamer Regisseur. Es war alles sehr respektvoll, er hat sich sehr viel Zeit genommen für die Szenen und ist erst einmal sehr technisch da rangegangen, um etwas mehr Abstand dazu zu haben. Dennoch war es gut und auch notwendig, dass die Psychologin dabei war.

Das klingt, als wäre es auch für die Zuschauer keine leichte Kost …

Nein, das ist nichts für zartbesaitete Seelen. Allerdings findet beim Zuschauer auch viel im Kopf statt, vieles hört man nur. Das geht aber voll unter die Haut, weil wir in Dolby Atmos gedreht haben, da haut dich der Sound wirklich um. Es ist ein Horrorfilm, das muss man ganz klar sagen.

Also nichts mit Sozialstudie oder so?

Nein. Wir ergründen auch nicht, warum Honka zum Serienmörder geworden ist. Im Grunde genommen ist es wie „Große Freiheit Nr. 7“ (Hans-Albers- Klassiker von 1944, Anm. d. Red.) als Horrorfilm.

Habt ihr den Roman eins zu eins verfilmt?

Nicht eins zu eins. Der Film hat eine stringentere erzählerische Struktur. Der Roman erzählt die Story um die Kneipe herum. Wir erzählen die Story um den Serienkiller. Die Reeder-Familie und den Reeder-Sohn, die in Strunks Roman ja durchaus eine größere Rolle spielen, haben wir beispielsweise weggelassen.

Ihr habt aber in den Originalkneipen gedreht? Also im Handschuh, dem Elbschlosskeller und dem HongKong Hotel?

Jein. Die Außenszenen auf der Reeperbahn und in der Zeißstraße haben wir an den Originalschauplätzen gedreht. Die Interieurs, also den Goldenen Handschuh und auch die Wohnung von Fritz Honka, hat unsere Ausstattungsabteilung komplett und eins zu eins im Überseezentrum nachgebaut. Sascha Nürnberg, einer der Besitzer des Goldenen Handschuhs und ein Enkel des damaligen Besitzers, war völlig geplättet, als er da hineinkam. Er meinte: „Krass, wie haargenau das hier aussieht wie bei uns. Ich fühle mich wie im Handschuh, es fehlt nur der Geruch.“

Warum habt ihr den Goldenen Handschuh denn nachgebaut, wenn es die Location noch gibt?

Es stimmt, und es sieht wohl auch noch genauso aus wie zu Honkas Zeiten. Aber es wäre sehr schwierig geworden, im Goldenen Handschuh zu drehen. Der Laden hat ja bis auf einen Tag im Jahr wirklich immer und rund um die Uhr auf, und die Besitzer wollten ihn nicht längerfristig schließen, er ist ja quasi das Zuhause von vielen Leuten. Und die wären dann vermutlich auf die Barrikaden gegangen, wir hätten dann sowieso nicht in Ruhe drehen können. Es war schon schwierig genug, mitten im Sommer auf dem Kiez zu drehen. Da braucht man super viel Geduld, man darf nicht ausflippen, wenn die Passanten einen anquatschen oder durchs Bild laufen wollen.

 

„ ‚Wenn ihr unartig seid, holt euch der Honka‘, hieß es in der Schule immer“

 

Aber der Kiez sieht doch ganz anders aus als damals, oder?

Ja, das kommt noch hinzu. Die Ausstattung musste vieles anfassen. Trotzdem, alles geht da natürlich nicht. Wir haben deshalb in der Postproduktion für VFX (visuelle Effekte, Anm. d. Red.) eine sehr hohe Summe ausgegeben, weil beispielsweise die Autos verdreckt, Schilder bearbeitet und Fenster retouchiert werden mussten. Oder die Häuserfassaden in der Zeißstraße, die so was von totsaniert wurden – es hat unheimlich viel Zeit und Geduld gekostet, das so nachzubearbeiten, dass es so original wie möglich wirkt.

Hättet ihr das Ganze nicht im Heute spielen lassen können?

Das haben wir tatsächlich ganz kurz diskutiert. Aber nee.

Kann sich Fatih eigentlich an die Geschehnisse damals erinnern?

Er sagt, dass er mit der Angst vor Fritz Honka aufgewachsen ist. In der Schule hieß es wohl immer: „Wenn ihr unartig seid, holt euch der Honka“ oder so ähnlich. An die Verhaftung Honkas erinnert er sich natürlich nicht, da war er ja erst zwei, drei Jahre alt. Aber das hing wohl wie ein Schatten über seiner Kindheit, schließlich war das der skrupelloseste, gewalttätigste Serienmörder der Bundesrepublik. Der hat über fünf Jahre hinweg mehrere Frauen ermordet, hat die Leichenstücke die ganze Zeit da in seiner Mansarde gehortet und immer nur Teile weggeschleppt, alles war abgeklebt und überall in der Wohnung hingen Wunderbäume, um den Geruch zu überdecken. Zu wissen, dass das nebenan passiert ist … Das ist ja das Finstere an der Geschichte: So etwas kann auch in deiner Nachbarschaft geschehen, auch heute noch, und keiner merkt es.

 

Seht hier den Trailer zu „Der Goldene Handschuh“

 

Adam Bouskoudos spielt doch auch mit – wen denn?

Er spielt seinen Onkel. Der hat Honka wegen des Gestanks mehrfach angesprochen und sich auch beim Vermieter beschwert. Aber niemand hat was unternommen. Nicht einmal die Polizisten, die vor Ort waren, weil eines der Opfer entkommen ist und ihn wegen versuchter Vergewaltigung angezeigt hat. Als die den Geruch ebenfalls bemerkt haben, hat Honka ja behauptet, der käme von den Griechen – also Adams Onkel –, die immer Hammelköpfe kochen würden. Das steht wirklich in den Polizeiakten. Und die sind dann einfach von dannen gezogen.

Die Rolle des knapp 40-jährigen Fritz Honka spielt Jonas Dassler (beim Dreh 22 Jahre alt, Anm. d. Red.). Wie seid ihr denn auf den gekommen, der ist doch viel zu jung und hübsch dafür?

Ja, das stimmt. Wir haben ihn bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises gesehen, wo er als Bester Nachwuchsschauspieler ausgezeichnet wurde. Wir waren so beeindruckt von seinem Auftreten. Er war zwar sehr nervös, dabei aber unglaublich charismatisch. Und da sagte Monique, Fatihs Frau, die auch das Casting für den „Goldenen Handschuh“ gemacht hat: Schade, wenn der ein paar Jahre älter wäre, wäre das dein Fritz Honka. Und da fing es bei Fatih an zu rattern, und er hat ihn zum Casting eingeladen. Eigentlich zuerst eine Schnapsidee, aber Jonas hat uns voll überzeugt.

Wie habt ihr ihn so hässlich und alt gemacht?

Da haben wir sehr, sehr lange getüftelt. Honka hatte ja mehrere Unfälle und ein sehr eingedrücktes, entstelltes Gesicht, und er hat geschielt. Das wollten wir entsprechend umsetzen. Das hieß für Jonas, dass er jeden Tag drei Stunden Maske durchziehen musste. Morgens musste er schon um fünf, sechs am Set sein, abends noch mal eine Stunde zum Abschminken.

 

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Kneipenbesuche waren Pflicht für Fatih Akin

 

Wie habt ihr das mit dem Schielen hinbekommen?

Wir haben in London von einer Expertin, die zum Beispiel auch für den „Fluch der Karibik“ arbeitet, eine riesengroße Linse anfertigen lassen, die die Iris nicht erkennen lässt, sodass wir damit das schielende Auge erzeugen konnten. Die konnte Jonas immer nur eine halbe Stunde am Tag für die Nahaufnahmen tragen – er musste sie nicht immer tragen, ging ja auch gar nicht, in der Kneipe wurde ja auch wirklich geraucht, und da bekam das Auge nicht genug Sauerstoff. Für ihn war das alles körperlich schon sehr, sehr anstrengend. Auch mental natürlich. Und er musste ja auch noch mit Akzent spielen. Aber er hat es wirklich großartig gemacht, und seine eigene Figur Honka mitentwickelt. Wirklich ein ganz, ganz toller Schauspieler, obwohl er ja noch gar nicht so viel Erfahrung hat.

Wie viele Fakos (Fanta-Korn, angeblich Honkas Lieblingsgesöff, Anm. d. Red.) habt ihr eigentlich während des Drehs getrunken?

(lacht) Oh, das waren einige. Natürlich nicht während des Drehs, beim Arbeiten gibt’s keinen Alkohol – nur die Komparsen, echte Gäste aus dem Goldenen Handschuh, haben da richtige Fakos bekommen, die durften das und brauchten es auch. Aber wir waren vor allem während der Vorbereitungszeit viel im echten Goldenen Handschuh und ich muss ganz ehrlich sagen: Du kannst in diesem Laden nicht nüchtern sein. Er lässt dich auch nicht nüchtern sein. Ich habe mir so oft vorgenommen: Heute Abend betrinke ich mich nicht. Aber der Laden hat eine so merkwürdige Energie, das macht irgendwas mit dir, du entkommst dem nicht.

Du beobachtest eigentlich nur die Leute, und irgendwann wirst du dann eins damit und erwischst dich dann am Ende des Abends Arm in Arm mit irgendwelchen Frauen, die du eigentlich gar nicht kennst und plötzlich erzählt man sich die traurigsten Lebensgeschichten. Wirklich eine ganz eigenartige Dynamik, ich kann das gar nicht richtig erklären.

Und wie schmeckt ein echter Handschuh-Fako?

Eigentlich gar nicht. Wir haben uns ja auch die richtige Mische zeigen lassen – nicht halbe-halbe, sondern es muss ein bisschen mehr Korn als Fanta sein. Der arme Jonas hat so viel Korn getrunken! Aus Recherchezwecken natürlich, er war sehr oft im Goldenen Handschuh. Ehrlich gesagt glaube ich, Fako ist eigentlich ein Fantasiegetränk von Heinz Strunk. Der war natürlich auch oft im Goldenen Handschuh, zusammen mit Fatih.

 

„Superhelden interessieren ihn nicht“

 

Ach, das hat Fatih aber doch bestimmt gefallen? Bei den Dreharbeiten zu „Tschick“ hat er doch gesagt: „Auch wenn ich mit Jugendlichen drehe: Ich rauche, ich saufe und ich fluche trotzdem.“

Ja, ja, total. Diese rauen Außenseitergeschichten, abgehangene Leute, die der Gesellschaft oft egal sind, das ist so voll seins – er liebt ja auch Bukowski, genau wie Heinz Strunk. Superhelden interessieren ihn nicht.

Du arbeitest schon seit 2005 mit Fatih zusammen. Was nervt dich an ihm?

Tja … Also, er ist ja Künstler. Und das bedeutet, dass man Dinge immer wieder ausdiskutieren muss. Und es ist aber nicht so, dass dann etwas besprochen und abgehakt ist, sondern drei Tage später ist alles wieder ganz anders. Doch genau das ist es ja auch, was das Arbeiten mit Künstlern so spannend macht – auch wenn einem an manchen Tagen schier die Haare ausfallen vom Raufen. Doch wenn das Ergebnis stimmt, und das tut es bei Fatih immer, dann war es das Ganze auch wert.

Ab 21.2; Premiere mit Akin, Schauspielern und Crew am 20.2., 20 Uhr, roter Teppich ab 19 Uhr, Astor Film Lounge.

 24.2., Sondervorstellung mit den Maskenbildnerinnen, Zeise Kinos, 20 Uhr; 27.2., Sondervorstellung mit Heinz Strunk, Zeise Kinos, 19.30 Uhr.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2019. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Donnerbar – Die Reinkarnation des Kleinen Donner

Reinkarnation: Der Kleine Donner ist zurück. In den Räumen der ehemaligen Bar Rossi öffneten David Struck und Felix Piechotta Anfang August ihr neues Wohnzimmer – die Donner Bar.

Dröhnende HipHop Beats, Schweiß, der von der Decke tropft, ein von Zigarettenrauch verqualmter, überfüllter Raum. Das sind Erinnerungen an den Kleinen Donner, den Kellerclub unter dem Haus 73 in der Sternschanze. Im Dezember 2017 musste die beliebte Underground-Disco schließen. Grund waren andauernde Lärmbeschwerden der Nachbarn.

Nun kommt die Hamburger Hip-Hop-Perle im neuen Gewand zurück: Etwa 200 Meter weiter öffnete der Donner endlich wieder seine Türen. Und es hat sich viel verändert. Die neue Location, direkt an der Max-Brauer-Allee, Ecke Schulterblatt sieht mit einladenden Glasfronten und hübsch dekorierter Außenterrasse so gar nicht mehr nach dem etwas ranzigen, authentischen Untergrund-Club von früher aus. Einzig das schlichte Blitz-Logo über dem Eingang lässt Besucher wissen: Der Donner ist wieder da.

Donnerbar: Schwingende Hüften trotz kleiner Tanzfläche

Auch von Innen erinnert nur wenig an den Kleinen Donner: Der einladende Tresen, ordentlich bestückt mit einer großen Auswahl an Spirituosen bildet das Herzstück der Donner Bar. Die Einrichtung ist dunkel und schlicht aber stilvoll gehalten. Die Tanzfläche verhältnismäßig klein. Auch eine Woche nach der großen Eröffnung ist die Bar am Samstag schon zu früher Stunde gerappelt voll.

Das Konzept scheint aufzugehen: Der Übergang von entspannter Afterwork-Atmosphäre zum ausgelassenen Feiern verläuft fließend. Dass die Musik nicht ganz so laut ist, wie man es aus dem Donner kennt, scheint niemanden zu stören. Die kleine Tanzfläche platzt auch so aus allen Nähten. Musikalisch setzt der DJ an diesem Abend auf eine gute Mischung aus bekannten Tracks und Underground. Amerikanischer Hip-Hop, durchbrochen von dem einen oder anderen deutschsprachigen Song lässt das Publikum die Hüften schwingen.

Alte Leuchter, neue Bar.

SZENE HAMBURG: David, ihr seid mit dem neuen Laden von Club auf Barbetrieb umgestiegen. Warum?

David Struck: Als klar wurde, dass wir den Kleinen Donner am Schulterblatt nicht weiterführen können, haben wir den Laden zur Cocktail-Bar Chambre Basse umgebaut und trotzdem weiterhin nach einer Clubfläche gesucht. Das hat leider nicht geklappt. Entweder stimmte der Preis oder die Lage nicht. Nach einigen Exilveranstaltungen über dem PAL hatten wir schon mehr oder weniger damit abgeschlossen den Donner weiterzuführen – bis wir über diese Location gestolpert sind.

Wie ging es weiter?

In erster Linie wollten wir einfach die Fläche übernehmen, ohne zunächst ein Konzept zu haben. Nach langen Verhandlungen konnten wir den Laden bekommen und haben angefangen uns Gedanken zu machen. Den gleichen Club konnten wir nicht machen, weil wieder zu viel Nähe zu den Nachbarn besteht. Wir sind dann zu dem Schluss gekommen, den Donner wieder aufzumachen, aber eben als Bar und Nachbarschaftskneipe. Wir öffnen sieben Tage die Woche ab 17 Uhr. Am Wochenende werden wir spielen, worauf wir Bock haben, um auch die Leute abzuholen, die unsere Musik hören wollen – nur eben etwas leiser. Im Prinzip also ein neues Konzept aus dem Alten heraus.

Könnt ihr musikalisch dann noch das gleiche liefern wie im Kleinen Donner oder passt ihr euch dem Mainstream an?

Josi Miller, Trettmann-DJ, die auch am Eröffnungswochenende aufgelegt hat, war schon früher oft bei uns. Die würde ich musikalisch eher in den Underground einordnen. Im Prinzip haben wir in dem Bereich nicht viel verändert. Natürlich gibt es die Schwierigkeit, unser altes Booking fortzuführen. Im Donner hatten wir oft internationale Gast-DJs, die wir gerade so mit dem Clubeintritt querfinanzieren konnten. Das wird uns hier nicht mehr möglich sein, weil wir keinen Eintritt nehmen. Das Ambiente hat sich schon verändert.

Wolltet ihr weg vom Kellerclub-Image?

Weiß ich gar nicht. Das war alles recht ungeplant. Wir haben keinen Innenarchitekten beauftragt und gesagt, was wir haben wollen oder so. Ein Kumpel, der Architekt ist, hilft uns da ein bisschen. Im Prinzip schauen wir uns einfach die Fläche an und gucken, was möglich ist und unseren Geschmack trifft. Wir greifen zum Beispiel mit dem Holz das Donner-Thema ein bisschen auf. Aber wollen uns natürlich auch weiterentwickeln. Die Kronleuchter sind tatsächlich noch aus der Bar Rossi, die einfach so geil sind, dass wir sie haben hängen lassen. Wir wollen mit unserer Einrichtung nicht irgendein Image verkörpern – machen das eher so, wie wir auch unsere Wohnungen einrichten würden.

Das Schulterblatt weist eine immense Bardichte auf. Gerade mit Läden wie der Katze nebenan eine riesen Konkurrenz. Wie wollt ihr euch durchsetzen?

Ich glaube das passiert von alleine. Mir würde jetzt kein Laden auf dem Schulterblatt einfallen, der ein ähnliches Konzept hat. Klar, es ist eine Bar und es gibt Getränke, aber musikalisch gibt es nichts Vergleichbares hier auf der Ecke – außer vielleicht die Bernstein Bar, die großartig ist, aber selbst da sind jetzt keine wirklichen Überschneidungspunkte. Außerdem sehen wir das eher als Symbiose, nicht als Konkurrenz. Je mehr Läden in eine ähnliche Richtung gehen wie wir, desto besser eigentlich. Die Szene ist groß genug.

Am Eröffnungswochenende war der Laden gerammelt voll. Wie habt ihr das Publikum wahrgenommen?

Am Freitag war so ziemlich jeder da, den wir kennen. Ob vom Sehen oder persönlich. Das war wirklich krass. Samstag war es ein bisschen anders, weil das Spektrum Festival parallel lief. Es war schon ein bisschen mehr vom klassischen Schanzenpublikum am Start. Die haben natürlich auch mitbekommen, dass wir da sind und wollten den Laden mal auschecken. Aber grundsätzlich würde ich schon sagen, dass wir wieder mehr auf das Donner-Publikum zählen als mit dem Chambre Basse.

Ihr tretet ein großes Erbe an. Die Bar Rossi war jahrelang eine regelrechte Institution in der Schanze. Wie steht ihr mit eurem Laden zu den Veränderungen und der laufenden Gentrifizierung im Viertel?

Schwieriges Thema. Ganz klar treten wir hier in große Fußstapfen. Die Rossi war, würde ich behaupten, eine der erfolgreichsten Bars in ganz Hamburg. Das Thema Wandel des Viertels ist nicht einfach zu beurteilen. Alles verändert sich. Wir sind nicht die größten Kritiker was das angeht. Wir versuchen einfach das zu machen, worauf wir Bock haben und freuen uns, wenn es Leute gibt, die da auch Bock drauf haben. Solange das der Fall ist, machen wir weiter.

Text & Interview: Eylin Heisler
Fotos: Ole Masch

Donner Bar, Max-Brauer-Allee 279, Mo-So ab 17 Uhr


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2018. Das Magazin ist seit dem 30. August 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


 

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Die Kogge – Verknarzter Punk-Charme in Gefahr

Auch Rock-’n’-Roller müssen mal schlafen. In Hamburg gibt es dafür seit 15 Jahren einen Ort in der Bernhard-Nocht-Straße – gleichzeitig Hotel und punkige Kneipe. Jetzt sehen sich die Betreiber in ihrer Existenz bedroht, denn der Mietvertrag läuft aus. Zwei Jahre müssen überbrückt werden, ehe eine Fläche auf dem ehemaligen Esso-Häuser-Gelände bezogen werden kann. Und auch dort gibt es Unstimmigkeiten: Die Kogge soll lediglich einen Rohbau bekommen.

Nashville Pussy, Murder Junkies, Electric Eel Shock, The Cynics, The Mars Volta. Der Hamburger Kiez hat schon unzählige Gitarrenbands mit klangvollen Namen in dreckigen Kaschemmen auftreten sehen. Ist der letzte Ton verklungen, die letzte Hi-Hat verstaut und der letzte Kümmelschnaps geleert, stellt sich für die nassgeschwitzten Musiker noch die Frage: weiterziehen oder pennen gehen?

Für oben genannte ging es bei mindestens einem Hamburg-Besuch zum Schlafen in die Bernhard-Nocht-Straße 59. Hier, in Spuckweite von Reeperbahn und Elbe, liegt die Kogge. Seit 15 Jahren steht der Name für eine Bar, mit täglichem DJ-Programm von Psychedelic Rock bis HipHop, und für ein Rock-’n’-Roll-Hotel im Stockwerk darüber, zwölf teils winzige Zimmer mit jeweils völlig unterschiedlicher Gestaltung. Da gibt es die Hochzeitssuite ganz in Weiß genauso wie „Honeckers Herrenzimmer“ mit lindgrünem Ohrensessel nebst Blumenmuster-Stehlampe.

Negativer Countdown: Tage bis Mietvertragsende. Foto: Sophia Herzog

Die Kneipe ist eine Attraktion für sich. Durch eine wie aus Schiffsbohlen gezimmerte, mit Aufklebern übersäte Tür geht es in einen kleinen Bar-Raum mit hölzernem Tresen hinein. Über der Bar thront eine zur Piratin umdekorierte Marilyn-Monroe-Büste. Stilecht begrüßt sie den Besucher mit Augenklappe und Kogge-Tattoo. Weiter rechts hängt eine Digitaluhr: Ein Countdown zählt Tage, Stunden, Minuten und Sekunden herunter. Stand 15. Juni 2018: Es sind noch 380 Tage bis der Mietvertrag der Kogge ausläuft.

Ende Juni 2019 werden die Betreiber Riikka Beust und Gernot Krainer die Bernhard-Nocht-Straße wohl verlassen müssen. Der aktuelle Vermieter scheint die Bar loswerden zu wollen und zeigt sich nicht gesprächsbereit. Die in Aussicht gestellte Fläche im sogenannten Paloma-Viertel am Spielbudenplatz (Ex-Esso-Häuser) wird frühestens 2021 bezugsfertig. Per Chatfunktion aus dem Urlaub in Montana, USA, zugeschaltet, erzählt Riikka Beust von ihrer Beziehung zur Nachbarschaft und von der unsicheren Zukunft einer Kiez-Institution.

SZENE HAMBURG: Riikka, wie kamst du zur Kogge?

Riikka Beust: Schon als ich 16 Jahre alt war, habe ich dort Zigaretten gekauft. Damals war das eine heruntergewirtschaftete Nachbarschaftskneipe. Eine Seemannskaschemme mit angeschlossenen Prostituiertenzimmern. Ich hatte dann gleich bei der Besichtigung des leer stehenden Ladens im Jahr 2003 die Vision, dort ein Rock-’n’-Roll- Hotel zu machen. Mit der Hilfe von 50 St. Paulianern haben wir die Kogge dann flottgemacht.

Das Viertel und seine Bewohner waren also stets involviert?

Der Laden hat eine Vergangenheit, die zum Viertel gehört, deshalb haben wir auch den Namen übernommen. Man kann sich nicht einfach vornehmen, St. Pauli zu sein, das ist etwas, das man in sich trägt und was nur mit nachbarschaftlicher Einbindung funktioniert. Hier treffen Anwohner an der Bar auf ein internationales Musikpublikum. Es gibt einen kollektiven Gedanken, und unsere Leute haben ein Händchen für Musik, Kultur und Kunst. Wir arbeiten eng mit Live-Clubs zusammen, die darauf angewiesen sind, für ihre Bands bezahlbare Zimmer zu finden. Somit sind wir ein sozialer wie auch kultureller Standort.

Ungewöhnlich: Die Bar ist gleichzeitig die Hotelrezeption.

Bei uns wird niemand mit einem aufgesetzten Lächeln empfangen. Jeder, der bei uns arbeitet, behandelt die Gäste so, wie sie ihm begegnen. Unser Leitspruch ist: Der Gast ist Kunde – nix mit König. Wer sich blöd verhält, bekommt das direkt um die Ohren. Ich möchte Menschen hinterm Tresen haben, die auch mal die Klappe aufreißen, wenn’s nötig ist. Das wissen fast alle unsere Gäste zu schätzen.

Bei Bewertungsportalen gibt es Kritik: Das Hotel sei verwohnt, die Einrichtung entspräche eher einer Jugendherberge.

Wir kommunizieren bei den Buchungen ganz klar, dass wir anders sind. Dass es auch mal lauter werden kann, man aber dafür eine einzigartige Atmosphäre bekommt. Es gibt dennoch immer wieder Leute, die nur buchen, weil es günstig ist und nahe bei den Musicals liegt. Die Zimmer sind klein, das Mobiliar ist nicht neu, die Einrichtung eher spartanisch. Für Schränke ist gar kein Platz. Aber sauber ist es immer – ich lasse nichts auf unsere Bettenhasen kommen, die jeden Tag putzen! Im Übrigen liegen bei uns immer Ohrenstöpsel auf den Betten. Von denen immer nur sehr wenige gebraucht werden, so schlimm kann es also nicht sein.

Die Rocker benehmen sich nie daneben?

Natürlich! Einmal wurde der Feuerlöscher zum Partyspielzeug zweckentfremdet. Der gesamte Inhalt schmückte in schönsten Mustern den Hotelflur. Die Spur führte zur aufstrebenden Band im Viererzimmer. Der Bassist kuschelte friedlich schnarchend mit dem Feuerlöscher im Arm! Ich habe sie dann mit Kopfschmerztabletten fröhlich geweckt, und die weinenden Jungs unter strenger Aufsicht putzen lassen.

Kommen wir zu ernsteren Themen. Wie ist die aktuelle Lage?

Die Endlichkeit steht vor der Tür, unser Mietvertrag läuft in genau einem Jahr aus. Der Vermieter hat schon gerichtlich versucht, uns loszuwerden, es scheint nicht möglich, noch einmal zu verlängern.

Nun ist die Kogge bei den Entwürfen der Planbude von Anfang an dabei gewesen und hat eine Zukunft im Neubau auf dem ehemaligen Esso-Gelände. Problem: Das Paloma-Viertel wird erst zwei Jahre nach dem Auslaufen eures Mietvertrages fertig.

Selbst, wenn im Paloma-Viertel alles gut gehen sollte, müssten wir die Zeit von 2019 bis 2021 überbrücken. Wir können nicht einfach ein Hotel finden, in dem wir ein Exil-Quartier aufbauen. Und nur eine Bar zu machen, würde nicht unserem Alleinstellungsmerkmal entsprechen, wir verlören Mitarbeiter und Kundenstamm.

Was muss passieren?

Die Politik müsste auf den Vermieter einwirken, damit wir mindestens zwei Jahre länger an diesem Standort bleiben können. Wir würden uns schon freuen, wenn wir in Verhandlung gehen könnten. Offenbar besteht ein öffentliches Interesse am Erhalt der Kogge, das haben ja die Umfragen der Planbude gezeigt.

Was sagst du denn zu den Plänen für das Paloma-Viertel?

Es ist toll, dass eine Stadtentwicklung möglich ist, die nicht an den Bürgern und Nachbarn vorbeigeht. Leider gibt es Unwahrheiten, was den Planungsstand für die Kogge betrifft. Da wurde verkündet, wir wären sicher ab 2021 im Neubau dabei. Dabei sollen wir lediglich einen Rohbau ohne Heizung und sanitäre Anlagen bekommen. Das ist, als würde man ein Auto ohne Lenkrad übernehmen! Wenn wir noch Kredite über 500.000 Euro aufnehmen müssen, ist das wirtschaftlich für uns nicht tragbar.

Kann die Kogge in einem schicken Neubau überhaupt funktionieren?

Der Geist der Kogge ist verbunden mit diesem leicht verruchten Seemannscharme. Das würde schon einen etwas offizielleren Hotelcharakter bekommen. Aber die liebevolle Verknarztheit der Kogge würden wir dem schon irgendwie einprügeln.

Text & Interview: Jan Paersch
Fotos: Sophia Herzog

Bernhard-Nocht-Straße 59 (St. Pauli)


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2018. Das Magazin ist seit dem 29. Juni 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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#7 Kellerkneipe: Herr Buhbe

Zeit zum Luft holen, Abhängen und Runterkommen. Am besten bei einem kühlen Pils in einer lauschigen Bar. Wir zeigen darum unsere liebsten Kellerkneipen. Nummer 7: Herr Buhbe.

Wir ziehen den Bauch ein, stellen uns auf die Zehenspitzen und machen uns so dünn wie möglich, damit wir durch den Türspalt im vollgestellten Hinterzimmer passen. Von hier aus führt uns Chefin Tina Popovic eine schmale Treppe hinunter in die Katakomben des Herr Buhbe. Vor uns liegt ein langer Laubengang. Rechts reiht sich eine Nische an die nächste, links gelangt man in einen großzügigen Kellerraum. Anfang des 20. Jahrhunderts lagerte der Gastronom und Winzer Eduard Buhbe hier unten seine Weinfässer. In den 00er Jahren fanden in dem Haus, dessen Eigentümerin die SAGA ist, geheime Sadomaso-Partys statt.

Tina Popovic, die mit ihrer Mutter Dubravka Popovic seit 2007 das Thämers ein Stockwerk höher und seit 2012 das Herr Buhbe betreibt, erinnert sich noch an einschlägig gekleidete Gäste, die manchmal vor der Tür Schlange standen, als Herr Buhbe noch SittsaM hieß. Erst seit 2012 geht es hier tatsächlich sittsam zu.

Die Frauen Popovic haben einen charmanten Umgang mit den Fußstapfen ihrer Vorgänger gefunden. Die holzvertäfelten Wände, das alte Mobiliar, Weinflaschen aus den 70er Jahren mit vergilbten Etiketten. Herr Buhbe ist mehr Restaurant als Kneipe. Man kann hier gut Bratkartoffeln oder Burger essen, aber mindestens genauso gut am Abend einen Gin Tonic trinken. Wirklich besonders ist die familiäre Stimmung, die das Lokal verbreitet. Herr Buhbe und das Thämers sind heute sowas wie die Seele der Neustadt. Nur wer die Augen offen hält, findet hier und da einen Hinweis auf vergangene Tage.

Kneipengründungsjahr: 1898 Weinstube Buhbe, seit 2012 Herr Buhbe
Fassbiere: Ratsherrn Pils, Zwickel, Rotbier, Pale Ale, Augustiner
Musikstil: Chansons, Indie, Pop, Hauptsache modern
Rauchen: Im Raucherraum oder vor der Tür
Besonderheit: Katakomben & Tradition (Eduard Buhbe & Söhne)

Text: Alessa Pieroth

Foto: Michael Kohls

Herr Buhbe: Wexstraße 42 (Neustadt), Tel 34 66 89, Mo-Fr 12–15 und 18–24; Sa 18–24 Uhr, Küche bis 23 Uhr; www.thaemers.de

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Januar 2018. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#6 Kellerkneipe: Nowa Huta

Zeit zum Luft holen, Abhängen und Runterkommen. Am besten bei einem kühlen Pils in einer lauschigen Bar. Wir zeigen darum unsere liebsten Kellerkneipen. #6 Nowa Huta.

Nowa Huta ist ein Stadtteil Krakaus, der dem Muster einer Planstadt folgend in Form eines halben Achtecks mit zentralem Platz angelegt wurde. Der zentrale Platz der Nowa Huta in Eimsbüttel ist selbstverständlich die Bar, die neben den typisch polnischen Spirituosen so besondere Schätze wie selbst gemachte Sirups (Sanddorn, Quitte, Cassis, Petersilie), Birkenschnaps und Moosbeersaft bereithält. Daraus werden fantasievoll klingende Drinks à la Rosa Albrecht, das letzte Einhorn und – als zeitgenössisches Special – Covfefe Royal (Gin Tonic mit Moosbeersaft) kreiert.

Wer sich einmal entschieden hat, kann sein Getränk direkt am Tresen, in kleinen gemütlichen Sitznischen oder im Sommer auch draußen auf dem großzügigen und mit bunten Lichterketten dekorierten Vorplatz einnehmen und den Klängen wechselnder DJs lauschen. Die Zeiten, in denen in der Huta Klassiker der polnischen Küche wie Borschtsch, Soljanka oder Bigos angeboten wurden, sind zwar vorbei, aber so ein Cocktail mit Dill und Gurke ist ja auch ’ne halbe Mahlzeit. Na zdrowie!

Kneipengründungsjahr: 2011
Fassbiere: Pilsener Urquell
Musikstil: Je nach Barkeeper oder DJ, meist HipHop, Soul oder Elektro
Rauchen: Nein
Besonderheit: Selbst gemachte Sirups und polnische Spirituosen-Spezialitäten

Text: Julia Kleinwächter 

Foto: Michael Kohls

Lindenallee 37 (Eimsbüttel), Mi-Sa 19–3 Uhr; www.facebook.com/HutaNowa

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Januar 2018. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!


#5 Kellerkneipe: Mutter

Zeit zum Luft holen, Abhängen und Runterkommen. Am besten bei einem kühlen Pils in einer lauschigen Bar. Wir zeigen darum unsere liebsten Kellerkneipen. #5 Mutter.

Meine Mutter. Immer da, wenn man sie braucht. Umgibt einen mit ihrer Wärme. Hat ein Ohr. Stellt ein kühles Pilsner Urquell auf den Tisch und fragt, wie’s so läuft. Immer freundlich, nie aufdringlich. Aber besonders gastfreundlich: Die Bude ist immer voll. Nachbarn aus der Schanze, Musiker, Medienmacher, Bohemiens, manchmal auch Touristen. Das Szene-Volk, jung und alt, fühlt sich hier im Souterrain zu Hause. Ja, auf die Mutter ist Verlass. Öffnet abends um 20 Uhr. Schließt nie vor 4 Uhr morgens. „Und wenn wir hier nur einen Gast haben, die Mutter bleibt offen“, sagt Knut und zieht genüsslich an der Zigarette. Vor 19 Jahren hat er die Bar zusammen mit Eike, dem auch das Kitty und der Salon Stoer gehören, gegründet. Ihr Erfolgsrezept: Sein und sein lassen.

Was die Mutter nicht ist: ein Baggerschuppen. „#Metoo, so was gibt’s hier nicht“, sagt der 51-Jährige. „Frauen wissen, dass sie hier ihre Ruhe haben.“ Die finden sie in einer der vielen Ecken, denn die Mutter ist geschnitten wie alle Wohnungen in dem Haus: viele kleine Räume und ein langer Flur. Die begehrtesten Plätze sind die am Tresen. Mit Blick auf die Straße und nah am Zapfhahn. Das Glas in der einen Hand, den Kopf in der anderen, lässt sich hier die Zeit verquatschen. Der Job, die Liebe, das Leben. Und plötzlich ist es wieder morgen. Nur am Sonntag, da müssen wir leider woanders hin. 

Kneipengründungsjahr: 1998
Fassbiere: Jever
Musikstil: Wer hinterm Tresen steht, entscheidet, was läuft. „Zum Glück mag niemand von uns Schlager.“
Rauchen: Ja
Besonderheit: Zuverlässig bis 4 Uhr morgens geöffnet, „auch wenn wir hier allein sitzen“.

Text: Ilona Lütje

Foto: Michael Kohls

Stresemannstraße 11 (Sternschanze), Mo-Sa 20–4 Uhr; www.facebook.com/MutterHH

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Januar 2018. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!


#4 Kellerkneipe: Menschenzoo

Zeit zum Luft holen, Abhängen und Runterkommen. Am besten bei einem kühlen Pils in einer lauschigen Bar. Wir zeigen darum unsere liebsten Kellerkneipen. #4 Menschenzoo.

Als ich vor vier Jahren nach Hamburg kam, war der „Menschenzoo“ eine der ersten Kneipen, die ich betrat und quasi mein erster Kontakt mit St. Pauli. Gut, damals hieß es noch Skorbut, wenn ich mich recht entsinne. Aber egal, wie der Schuppen heißt, sein Charakter (Charme klingt hier zu weichgespült) blieb mir in Erinnerung. Niedrige Decke, warm, laut, zwanglos, mit gemütlichen Ecken und gefestigten Menschen.

Ja, die Leute hier haben alle eine Richtung eingeschlagen, ziehen am selben Strang und rasten zur gleichen Musik aus. Sie verbinden gleiche Werte und ein Scheißsystem, wogegen es anzustänkern gilt. Ich fühle mich hier pudelwohl. Zum Lachen geh ich gern in den Keller. Denn der Menschenzoo hier drinnen ist mir viel lieber als so mancher Affe da draußen.

Kneipengründungsjahr: 2015. Der Keller in der Hopfenstraße 34 hat schon viel gesehen und gehört. In den 90ern war hier das Tiefenrausch – ein „flauschiger Technokeller“, wie Besitzer Dominik sagt. Es folgten unter anderem das Skorbut und der Kraken. Seit zehn Jahren steht der Laden für Punkrock
Fassbiere: Keine
Musikstil: Punkrock, Hardcore, Ska-Punk, Irish Folk-Punk
Rauchen: Ja
Besonderheit: Zugetaggt bis unter die Decke, ein Flipper (Attack from Mars), ein Kicker, veganer White Russian (6 Euro), Donnerstags gibt es entweder einen DJ auf die Ohren oder „Zoff im Zoo“ – die streiterprobte Podiumsdiskussion über Themen aus Politik und Musik

Text: Christiane Mehlig

Foto: Michael Kohls

Hopfenstraße 34 (St.Pauli), Di-Do 21–2, Fr-Sa 21–4 Uhr; www.menschenzoo.com


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Januar 2018. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#3 Kellerkneipe: meine kleinraumdisko

Zeit zum Luft holen, Abhängen und Runterkommen. Am besten bei einem kühlen Pils in einer lauschigen Bar. Wir zeigen darum unsere liebsten Kellerkneipen. #3 Kleinraumdisko.

Auf die Frage, ob es in Hamburg die perfekte Bar gibt, kann ich nur heftig mit dem Kopf nicken. Die Kleinraumdisko – meine Rettungsinsel vom Massentourismus in der Schanze. Nur ein paar Stufen von der Feldstraße abwärts, stolpert man durch die Tür, direkt an den Tresen. Und sofort, eingelullt in rotes Licht und Kerzenschein, setzt der Entspannungsprozess ein. Charmant- gemütlich sind die vielen Sitzecken mit lässigen Ledersofas und Cocktailtischen unter stilvollen Hängelampen, alles Originale aus den 70er Jahren. On top: die außergewöhnliche und gute Musik. „Subkulturell geprägte Untergrund- musik“, wie der Betreiber Jörn sie nennt, Stichwort: Nick Cave.

Wenn er hinter dem Tresen steht, braucht es Glück oder Geduld, um einen der wenigen Thekenplätze zu erwischen. Doch es lohnt sich, denn während er die Gläser füllt, lässt er sich ein bisschen von seinem unglaublichen Wissen über Gin und Whiskey entlocken, auch wenn beides manchmal dafür sorgt, dass das ein oder andere Detail nicht hängenbleibt. Jeder Abend kann anders sein: Mit dem Kopf auf der Theke (der Doppelwacholder ist eine Wucht), verliebt in der Knutschecke (eine in die Wand eingelassene Zweier-Couch) oder mit Freunden einfach nur die Zeit genießen – hier ist der perfekte Ort, um Erinnerungen zu schaffen.

Kneipengründungsjahr: 2007
Fassbiere: Keine
Musikstil: Subkulturell geprägte Untergrundmusik
Rauchen: Ja
Besonderheit: Sehr coole Einrichtung im 70er Style und fast alles Orginalteile, kein Retro-Schrott

Text: Hedda Bültmann

Foto: Michael Kohls 

Neuer Kamp 17 (St. Pauli), Telefon 18 20 15 09, Di-Do 20–2, Fr-Sa 2–4 Uhr; www.facebook.com/meine.kleinraumdisko

 


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#2 Kellerkneipe: Birdland

Zeit zum Luft holen, Abhängen und Runterkommen. Am besten bei einem kühlen Pils in einer lauschigen Bar. Wir zeigen darum unsere liebsten Kellerkneipen. #2 Birdland.

Schock 2013: Die Betreiber gehen in Rente, das Birdland macht zu! Geht gar nicht, schließlich ist das seit den 80ern der Jazzclub in Hamburg. Hier haben schon Weltstars wie Art Blakey, Brad Mehldau, Chet Baker, Ray Brown, Joe Henderson oder Diana Krall gespielt. Und ich habe bei der donnerstäglichen Jamsession unzählige mehr oder weniger feucht-fröhliche, inspirierende, beschwingende Abende mit Freunden verbracht. Doch hip, hip, hooray: 2014 übernehmen die Söhne von Dieter und Heidi Reichert, Wolff und Ralph, den Laden, zusammen mit zwei Freunden vom Freundlich + Kompetent eröffnen sie das Birdland wieder.

Seitdem gibt’s nicht nur reinrassigen Jazz, sondern auch Singer-Songwriter,-Soul, Funk, HipHop oder Reggae zu hören. Und das in der gewohnten, zauberhaften, gemütlichen Atmosphäre: Das etwas schraddelige Holzgestühl, an den Wänden die von Heidi Reichert selbst gemalten, bunten Jazzmusiker-Porträts und Unterschriften unzähliger Künstler, kuscheliges Licht, Glitzerlichter hinter der Bühne. Und so ist ein Abstieg in den Musikkeller immer noch das, was er früher war: Ein Ausflug in eine heimelige, nostalgische Welt mit fantastischem Soundtrack. Ein bisschen La La Land für die Seele …

Kneipengründungsjahr: 1985 von Dieter und Heidi Reichert als Jazzclub gegründet, 2014 von den Söhnen Wolff Reichert und Ralph Reichert sowie den beiden Gastronomen des Freundlich+ Kompetent Julius Horn und Julian Jasper-Koch übernommen mit erweitertem musikalischem und neuem Barkonzept
Fassbiere: Keine
Musikstil: Jazz, Singer/Songwriter, Funk, Soul, Reggae, HipHop
Rauchen: Nein
Besonderheit: Jeden 1. und 3. Mittwoch: Birdland Vocal Session und jeden Donnerstag: Birdland Jam Session bei freiem Eintritt

Text: Maike Schade

Foto: Michael Kohls

Gärtnerstraße 122 (Hoheluft-West), Telefon 40 52 77, Mi 19.30–1 , Do-Sa 19.30–2 Uhr; www.birdlandhamburg.de


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