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Hey, hey, hey, Herr Stanišić!

„Hey, hey, hey, Taxi!“ heißt das neue Werk von Saša Stanišić. Es basiert auf Geschichten, die er sich zusammen mit seinem Sohn ausgedacht hat. Im Interview mit SZENE HAMBURG spricht der Buchpreisträger über den Entstehungsprozess, die anarchische Vorstellungskraft von Kindern – und er verrät, warum gerade dieses Buch ihm so viel bedeutet

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Saša Stanišić, nach der Lektüre Ihres neuen Buches kam mir die verwegene Idee, das Interview so zu führen, dass ich Fragen stelle – und Sie, wie einer der Charaktere im Buch, ausschließlich mit „Odjo, odjo“ antworten …

Saša Stanišić: (lacht) Das wäre für uns beide ein Spaß. Für die Leser wahrscheinlich weniger.

Zumindest würde das den Charakter Ihres neuen Buches unterstreichen. Es ist ja ein eher ungewöhnliches, sehr fantasievolles, fast absurd­komisches Kinderbuch geworden.

Ich habe viel Feedback zu der Geschichte mit dem „Odjo, odjo“ sagenden Taxifahrer erhalten. Die scheint besonders gut anzukommen. Kinder lieben das Abstrakte. Sie verstehen zwar nicht unmittelbar, was los ist, aber sie können sich gut vorstellen, dass trotz der unverständlichen Kommunikation etwas gut ausgehen wird.

Kinder können fehlende Informationen ganz gut ersetzen mit eigener Imagination. Die hören das „Odjo, odjo“ und bauen daraus eine sinnvolle Antwort für sich. Die Kommunikation ist zwar misslungen, aber der Weg zu einer Geschichte ist gelungen. (lacht)

Wann genau kamen Sie auf die Idee, ein Kinderbuch zu schreiben?

Die Idee kam, nachdem ich die „Taxi-Geschichten“ schon längere Zeit meinem Sohn erzählt hatte. Und da die ihm wirklich Spaß machten, dachte ich, dass sich das vielleicht auch auf andere Kinder übertragen lässt.

Wann wurde der Gedanke einer Veröffentlichung konkreter?

Mein Sohn hat nicht lockergelassen. Irgendwann schlug ich ihm vor, mehr aus Scherz, lass uns doch ein Buch mit den Geschichten machen. Er sagte: „Gut, aber ich darf entscheiden, was in das Buch kommt.“ Ja, so war das dann auch. Ich stellte das Projekt dem mairisch Verlag vor, und wir waren uns gleich einig, auch, dass es ein Bilderbuch werden sollte.

 

„Kinder haben eine sehr spannende Vorstellung von Logik“

 

Es muss schwer sein, die Geschichten einzufangen, wenn sie so spontan entstehen!?

Ich habe mir meist kurz nach dem Erzählen Notizen gemacht. Später entstanden daraus längere Textbausteine oder gleich fertige Texte. Das ist ein interessanter Prozess: Man schreibt die Erinnerung an die einzelne Geschichte auf, so gut man sie eben erinnert, und dichtet dann Details hinzu. Die Texte entsprechen oft nicht mehr zu einhundert Prozent dem, was ich meinem Sohn erzählt hatte.

Auch von der Unmittelbarkeit geht sicher etwas verloren. Sobald man die Formulierungsmaschinerie anwirft – bei mir ist das jedenfalls so – will man, dass jeder Satz der bestmögliche Satz ist. Das Spontane beim Geschichtenerzählen, geht dabei natürlich verloren.

Sie schreiben im Vorort (sic): „Im Zuhören ist ein Kind Architekt für Welten aus Sprache.“ Haben Kinder den Erwachsenen in dieser Hinsicht etwas voraus?

Sie sind auf jeden Fall freier, insofern, dass sie nicht wie wir Erwachsenen bestimmte Gewohnheitsstrukturen im Erzählen anwenden. Wir Erwachsene springen nicht unbedingt von A nach Z und wieder zurück, sondern halten eine gewisse Chronologie, einen linearen Verlauf. Auch was die Motive angeht, erzählen Erwachsene anders. Kinder sind anarchischer, unbekümmerter auch. Sie überraschen, haben eine sehr spannende Vorstellung von Logik. Das finde ich super.

Konnten Sie das auch bei ihrem Sohn Nikolai bemerken, wenn Sie ihm die Geschichten erzählten?

Ja. Als ich mit dem Geschichtenerzählen anfing und ich ihn bat, in die Geschichte mit einzusteigen, tat er immer so, als ob er mit einem Fahrzeug hinzukam. Dann setzte er sich auf einen Besen, nahm ein Auto und paddelte sich dazu und übernahm das Erzählen. Oft erweiterte er dabei alles, was ich zum Beispiel motivisch vorbereitet hatte, in ganz unerwartete Richtungen. Er brachte neue Figuren mit, erfand Gegenstände, die bei der Problemlösung hilfreich wurden, änderte auch mal das Problem an sich.

Die Geschichten nahmen häufig einen ganz eigenen, chaotischen, aber sehr sympathischen Weg zu ihrem Schluss. Manchmal hatte das auch nicht mehr viel zu tun mit dem, wie die Geschichte bis dahin verlaufen war.

 

Harmonie zwischen Text- und Bildsprache

 

Bei Kinderbüchern spielt neben der Qualität der Geschichten die Optik eine große Rolle. Die Illustrationen in „Hey, hey, hey, Taxi!“ sind nicht niedlich und süß, sondern eher verspielt und surreal. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Illustratorin Katja Spitzer?

Die Frage der Illustration kam erst auf, als die Geschichten recht fortgeschritten waren. Ich bekam eine Liste von Vorschlägen und diese bin ich gemeinsam mit meinem Sohn durchgegangen. Er hat sofort gesagt: „Das will ich haben!“ Katja Spitzer. Er hat die Illustratorin quasi bestimmt.

Hey-hey-hey-Taxi-c-mairisch-verlagWie lief die Zusammenarbeit mit Katja Spitzer?

Im Grunde hatte Katja völlig freie Hand. Sie hat sich auf eine sehr verspielte Weise auf das Projekt eingelassen und wunderbare Ideen eingebracht. Sie hielt mich immer auf dem Laufenden und fragte immer wieder: „Geht das in die Richtung, die du dir vorstellst?“

Oft hat man bei Kinderbüchern ja das Gefühl, dass Text oder Bild überwiegen und das jeweils andere nur Beiwerk ist. Für ein gelungenes Bilder-Text-Buch bedarf es meines Erachtens einer Harmonie zwischen Text- und Bildsprache, und die war schnell mit Katjas Illus auch hergestellt.

Empfanden Sie es als leichter oder schwerer, ein Kinderbuch zu schreiben?

Für mich ist das Schöne, dass ich auch bei einem Kinderbuch meinem Handwerk nachgehe. Nur das Zielpublikum ist eben ein anderes. Ich arbeite aber auch hier an jedem Satz. Es mag leicht und unbeschwert erscheinen, aber jedes Wort muss am Ende wirklich sitzen. Da gibt es null Unterschied zu einem Erwachsenenbuch. Im Gegenteil: Ich habe bei „Hey, hey, hey, Taxi!“ sogar viel stärker erahnen wollen, wie die Texte ankommen könnten.

Ein Kinderbuch ist in dieser Hinsicht also voraussetzungsvoller als ein Roman. Aber die Schreibdauer ist kürzer, was angenehmer ist.

Wie viel Nikolai, wie viel Saša Stanišić steckt in dem Buch?

(lacht) Das ist schwer zu sagen. Es gibt Geschichten, die extra für das Buch entworfen worden sind, die ich ihm also gar nicht erzählt habe. Das sind vor allem diejenigen, die einen Meta-Charakter haben, zum Beispiel die Geschichte um die Heldin, die keine Heldin sein will oder die Eingangsgeschichte, die zusammenfasst, was kommen wird.

Je konkreter und abenteuerlicher ein Text, desto wahrscheinlicher ist, dass mein Sohn Rezipient war oder sich eingeschaltet hat. Pi mal Daumen war er bei etwa drei Viertel der Geschichten involviert.

Das Buch lädt dazu ein, eigene Erlebnisse in die Geschichten mit einzuflechten. Wie genau funktioniert das?

Ich improvisiere gern beim Vorlesen. Mein Sohn liebt das. Ich kann also nur dazu raten, die eigene Lebenswirklichkeit in diese meine Taxi-Welt zu bringen. Dazu muss im Text auch nicht explizit eine Anweisung stehen.

Das Taxi war für Nikolai und mich nur ein Symbol für einen Abschied. Denn darum geht es im Buch: Dass ein Elternteil weggeht und immer wieder zurückkommt. Solche Elemente können die Eltern also umwandeln und anpassen, um die Gemeinsamkeiten mit dem eigenen Kind sichtbarer zu machen. Denn die Kinder freuen sich darüber, in dem Spannungsverhältnis der überbordenden Fantasie und dem Alltag das eigene Leben zu erkennen.

War das Weggehen und Zurückkom­men nicht auch in Ihren früheren Werken wie „Herkunft“ das leitende Thema?

Zwei meiner Bücher kreisen in der Tat stark um das Thema der Ankunft. Die spielen allerdings auf einer anderen Ebene des Ankommens und berühren Fragen von Geflüchteten und politische Identitäten. In „Hey, hey, hey, Taxi!“ geht es mehr um den Abschied und das Nach-Hause-Kommen an sich, Nähe und Distanz also zwischen Eltern und Kindern im Alltag und durch den Beruf: Ob das nun der banale Weg in die Kita ist, der zur Arbeit oder eine Lesereise von zwei Tagen. Das beschäftigt Eltern gleichwohl wie die Kinder.

 

Verbunden durch das Erzählte

 

Erinnern Sie sich, wie Sie als Kind solche Abschiede erlebten?

Ich bin als Kind bei meiner Großmutter aufgewachsen. Ich hatte also nicht diese Art von Abschied und Ankunft, wie sie mein Sohn in der Kita ritualisiert hat. Es ist zentral, wie Kinder Abschiede erleben und internalisieren. Das Erzählen von Geschichten kann dabei helfen, diese Trennungen auf Zeit offener zu gestalten.

Und das muss nicht einmal durch fantastische Abenteuer geschehen, sondern geht auch über die Frage: „Was hast du heute alles erlebt?“ Abschied und Heimkehr sind die Marker am Anfang und Ende dieser Geschichten, die einen dann wieder verbinden.

Also bietet das gemeinsame Erzählen die Möglichkeit, verbunden zu bleiben, indem man die Erfahrungen, die man während des Getrenntseins macht, in Geschichten verpackt und miteinander teilt?

Genau darum geht es ja beim Geschichtenerzählen: Wir kommen zusammen und sind verbunden durch das Erzählte. Geschichten sind eine Form von Kommunikation – ein Angebot, Einblick in das eigene Leben zuzulassen oder in ein ausgedachtes – jedenfalls ein Angebot, das zusammenführt. Und so ist das Buch gemeint. Es ist ein Angebot für Erwachsene und Kinder, die vielleicht den halben Tag nicht zusammen waren, aber über gemeinsame Geschichten wieder zusammenkommen.

Sie haben auf Insta­gram geschrieben: „Es gibt wichtige Bücher und Bücher, die einem wichtig sind. Das ist ein Buch, das mir sehr wichtig ist.“ Was macht es für Sie so wichtig?

Ich habe das Gefühl, mein Sohn und ich haben durch „Hey, hey, hey, Taxi!“ miteinander eine Erinnerung geschaffen, die vielleicht jahrelang wichtig für uns sein könnte. Egal ob wir gerade eine Krise oder eine schöne Zeit haben: Diese Geschichten bleiben für immer. Mit dem Buch habe ich sie für uns archiviert.

Saša Stanišić, Katja Spitzer: „Hey, hey, hey, Taxi!“, mairisch, 69 Seiten, 18 Euro, ab 4 J.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2021. Das Magazin ist seit dem 27. MÄRZ 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Max Frisch fragt … Norbert Gstrein

Autoren der Gegenwart antworten auf den berühmten Fragebogen von Max Frisch. Dieses Mal antwortet der Autor Norbert Gstrein. In seinem neuen Roman „Der zweite Jakob“ (Hanser, 448 Seiten, 25 Euro) wird der Protagonist mit einer unangenehmen Frage konfrontiert: „Was ist das Schlimmste, das du je getan hast?“

 

Sind Sie ein Moralist?

Das würde mich und andere überfordern. Mein Problem ist, dass ich mir selbst in der Rolle nicht einmal die Wahrheit glauben würde.

Wissen Sie, woher Sie die moralischen Gesichtspunkte haben, d.h. wessen Interessen die betreffende Moral schützt?

Mit der entsprechenden Hardware auf die Welt gekommen, von Schulen, Literatur und wohl auch Religion mit Software versorgt. Wenn ich alles glauben würde, was man mir gesagt hat, und alle Vorgaben erfüllen würde, wäre das ein Problem. Dann denke ich aber immer, dass ich niemanden darum gebeten habe, geboren zu werden, und allein dadurch das Recht auf ein paar kräftige Verstöße gegen die guten Sitten habe.

Wenn Sie erkennen, dass Sie in einer amoralischen Gesellschaft leben: befriedigt es Sie, dass wenigstens Sie sich moralisch verhalten?

Es geht mir eher umgekehrt: Wenn ich erkenne, dass ich in einer Gesellschaft mit hohen moralischen Ansprüchen lebe, bin ich froh, dass ich wenigstens in der Literatur dagegen verstoßen kann. Aber manchmal geht es selbst da nicht mehr, und Sie werden für Gedanken haftbar gemacht, die nicht einmal Ihre Gedanken sind, sondern die Ihrer Figuren.

 

„Zu wenig zu leben, zu wenig zu lieben“

 

Haben Sie amoralische Einfälle?

Ich habe als Achtzehnjähriger „Atlas wirft die Welt ab“ von Ayn Rand gelesen. Das ist ein durch und durch amoralisches Buch. Die „Starken“ beschließen, die Welt zu verlassen und die „Schwachen“ in ihrem Elend zurückzulassen. Es gibt Tage, an denen ich die Zeitungen lese und vom Stillstand mancher Diskussionen so betrübt bin, dass ich denke, ich würde mit ihnen kommen, und mich selbstverständlich im nächsten Augenblick für diesen Gedanken geisele.

Angenommen, Sie entwickeln eine Erfindung, die das öffentliche Lügen unmöglich macht: wen können Sie sich als Geldgeber für Ihre kühne Forschung vorstellen?

Karl Lauterbach und die noch zu gründende Lauterbach Foundation, aber nur, falls die ein paar kleine Notlügen erlauben.

Was könnten Sie sich nicht verzeihen?

Zu wenig zu leben, zu wenig zu lieben. Schlechte Bücher zu schreiben. Zugeben zu müssen, dass mir Max Frisch, dem ich einmal begegnet bin und den ich als sehr gewitzten, sehr generösen, sehr klugen Menschen erlebt habe, inzwischen manchmal sehr auf die Nerven geht mit seiner schweizerischen Schülermoral.

Max Frisch: „Fragebogen. Erweiterte Ausgabe“, Suhrkamp, 127 Seiten, 10 Euro


SZENE-März-2021 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Februar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Andrea: „Glück ist, sich selbst aushalten zu können“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Andrea begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Als mein Vater 2005 starb, hatte ich ein Gefühl von ‘Jetzt ist es soweit. Jetzt bin ich endgültig für mein Leben zuständig. Jetzt ist niemand mehr da, der mich auffängt‘. Meine Mutter war schon früh gestorben und ohne Eltern auskommen zu müssen, hat mich sehr gebeutelt. Ich war orientierungslos.

Damals hatte ich einen Freund in Indien und das Gefühl, ich muss da jetzt hin. Dann bin ich für vier Wochen nach Indien gereist und dort in ein Achtsamkeitsseminar gestolpert. Dort habe ich erkannt, dass man zwischen einer Situation und sich selbst Raum schaffen kann. Heute weiß ich, dieser Meditationslehrer hat mein Leben nachhaltig verändert.

Als ich damals zurück nach Hamburg gekommen bin, war das sensationell. Ich habe seinerzeit schon in einer Führungsposition in der Werbebranche gearbeitet, das mache ich heute noch. Ich hatte immer gelernt, über Macht und Aggression zu führen. Und auf einmal habe ich angefangen, anders zu denken. Ruhiger, aus anderen Perspektiven. Da dachte ich: Wow, diesen Meditationskram liest man nicht nur in Büchern, das funktioniert wirklich.

 

„Ich lebe frei“

 

Ich hadere häufig noch mit mir und bin mir gegenüber härter als anderen. Ich kann über Situationen oder Inkonsequenzen anderer lachen, bei mir bin ich hingegen sehr brutal, abkantend, fast bestrafend. Daher halte ich es für ein großes Glück, sich selbst aushalten zu können.

In kurzen Phasen bin ich schon auch mit mir im Frieden. Jetzt gerade zum Beispiel finde ich es ganz bezaubernd, hier auf der Alsterbank in der Sonne zu sitzen, dieses Buch zu lesen, das ich geschenkt bekommen habe. Es ist so lala, dafür stillt es meine Alpen-Sehnsucht.

Dann und wann vermisse ich nämlich meine oberbayerische Heimat, die Berge, die Biergärten. Aber ich lebe in Hamburg freier, als ich es je dort getan habe. Diese Mia-san-Mia-Mentalität ist mir schon als Kind auf die Nerven gegangen. Jeder hat eine Lebensberechtigung, aber bitte nicht bei uns, oder was? Ich wollte immer in Hamburg leben und arbeiten. Und was soll ich sagen: Hier bin ich.“


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Leseempfehlungen: 4 Bücher für die Auszeit

Jetzt ist die Zeit zum Lesen. Sich entspannen und in eine fremde Welt entfliehen geht hervorragend mit diesen vier Büchern

 

Herzklappen von Johnson & Johnson

Vom Theater des Lebens

 

Wie der kanadische Soziologe Erving Goffman schon klarstellte: Wir alle spielen Theater. Das Bild unserer Identität wird auf der Bühne des Lebens sichtbar, wir pflegen unser Image, nur auf der Hinterbühne dürfen wir aus der Rolle fallen. So verhält es sich auch in der Familie der kleinen Alma aus Valerie Fritschs neuem Roman „Herzklappen von Johnson und Johnson“.

herzklappen-fritsch-coverDie Kindheit des Mädchens ist durchsetzt von quälender Sprachlosigkeit, ihre Eltern und Großeltern scheinen eigens für sie Theater zu spielen. Insbesondere ihr Großvater beansprucht das Schweigen für sich: „Der Krieg hatte sein Leben in ein Davor und Danach geteilt.“ Erst im Erwachsenenalter entwickelt Alma eine „späte Liebe“ zu ihrer Großmutter, die das Schweigen der Familie bricht und über die Kriegsverbrechen des Großvaters berichtet.

Alma, inzwischen Ehefrau und Mutter, fasziniert die Leidensgeschichte der Großmutter. Gleichzeitig wächst ihre Sorge, ihr Sohn Emil könnte ebenso kalt und berechnend werden wie der Großvater – zumal Emil mit einem Gendefekt zur Welt kommt, der ihn keinen Schmerz spüren lässt. Wie kann man jemandem, der sich zu Demonstrationszwecken Stifte in den Arm rammt, das Schmerzempfinden anderer Menschen nachvollziehen lassen? Hier setzt sich das Theaterstück auch in der vierten Generation fort: Emil inszeniert, er lernt auswendig und setzt in den passenden Momenten ein schmerzverzerrtes Gesicht auf.

Fritsch besticht mit ihrer altmodischen und lakonischen Sprache. Die von der Grazer Autorin und Fotografin entworfenen Szenen sind wie vergilbte Polaroidfotos, welche die skurrilen Momente mit präzisem Blick umso klarer aufzeigen. Am Ende steht der große Aufbruch bevor, die Suche nach dem Ursprung des Familienschmerzes. Fritsch arbeitet hierbei mit kräftigen, mystischen, teils dystopischen Naturbeschreibungen. „Herzklappen von Johnson & Johnson“ ist ein Buch über Lebensrollen, über Empathie und vererbtes Schweigen. Fritsch selbst wird dabei ihrer Rolle als Schriftstellerin mehr als gerecht – mit eindringlichen Motiven und ungewöhnlichen Sprachbildern. Nach dem Zuklappen möchte man den Roman noch einmal lesen, die Sätze aufsaugen, wie ein Gedicht auswendig lernen und im Geiste nachhallen lassen.

/ Ingrun Gade

Valerie Fritsch: „Herzklappen von Johnson & Johnson“, Suhr- kamp, 174 Seiten

 

Fehlstart

Houellebecqs Erbin?

 

Marion Messinas Debütroman „Fehlstart“ wurde verkaufsfördernd als das neue „Ausweitung der Kampfzone“ angekündigt. Die Berechtigung des Houellebecq-Vergleichs liegt im Thema: die Übertragung der ökonomischen Marktlogik auf andere Lebensbereiche.

fehlstart-coverAurélie ist 18, als erste aus ihrer Familie hat sie das Abitur gemacht. Das Studium entpuppt sich für sie als trostlose Angelegenheit. Aurélie kann sich nicht einfügen, sie beherrscht nicht den Habitus der vergnügungssüchtigen „Bürgerkinder“ mit „netten Gesichtern ohne Zukunftsangst“. Messina beschreibt pointiert und kühl die Anarchie des Wohnungsmarktes, die unterschwelligen Codes des Bürgertums, die zum Bestehen auf dem Arbeitsmarkt gehören, die Lieblosigkeit der Fun-Kultur und die Selbstausbeutung des akademischen Prekariats.

Leider opfert sie im Laufe ihres Romans die Form der politischen Botschaft. Die Analysen werden unmotiviert in die Monologe der Nebenprotagonisten gepresst, die Sprache wird unpräzise, Messina greift auf schwammige Superlative („grenzenlos“) zurück. Die schlafwandlerische Klarheit, die in Houellebecqs boshafter, gekonnter Mischung aus Erzählung und essayistischen Exkursen liegt, hat Messina nicht.

/ Ulrich Thiele

Marion Messina: „Fehlstart“, Hanser, 168 Seiten

 

 

Ganz nebenbei

Woody Allens Memoiren

 

Was für ein Wirbel: Menschen protestierten, Autoren boykottierten, der amerikanische Verleger stoppte die Veröffentlichung. Der Rowohlt Verlag hingegen publizierte trotz des Protests einiger seiner Autoren. „Apropos of Nothing“, in der deutschen Variante: „Ganz nebenbei“ – passend zum koketten Understatement des New Yorker Filmemachers Woody Allen. Sein Nimbus als Drehbuchautor und Regisseur ist – unabhängig von den privaten Anschuldigungen – unbestritten. Umso neugieriger stürzten sich Kritiker wie Fans auf sein Werk.

woody-allenEines vorweg: Das Buch ist eine Verweigerung aller modernen Lesegewohnheiten. Es gibt keine Kapitel, keine Zwischenüberschriften, nur Absätze und alle 30 bis 40 Seiten auch mal ein Initial. Woody Allen mutet dem Leser durchaus was zu. Doch schon nach wenigen Zeilen wird deutlich, dass er sein Handwerk – das Schreiben – versteht.

Es ist, als säße Woody Allen vor einem, an seinem Schreibtisch, in seinem Appartement in Manhattan, an seiner geliebten Olympia-Schreibmaschine: „Ich schweife wieder ab.“. „Wo war ich stehengeblieben?“ Allen schreibt wie er denkt – und so liest sich das Buch: sprunghaft, witzig, launisch. Mal ist er misanthropisch, mal euphorisch, mal herablassend, mal vernichtend.

Wer auf neue Erkenntnisse zum Missbrauchsvorwurf hofft, wird enttäuscht: Auf etwa 50 Seiten kaut Allen seinen bereits bekannten Standpunkt noch einmal ausführlich wieder. Ansonsten führt er in kurzen, griffigen Sätzen durch sein Leben, beginnend bei seiner Kindheit in Brooklyn. Viele Fragen werden anekdotisch beantwortet: Was treibt ihn an? Welche Frauen mochte er? Wer hatte Einfluss auf seine Filmkarriere? Welche Filmdrehs mochte er? Welche nicht? Das ist stellenweise trivial, dann wieder bewegend, hin und wieder auch deplatziert – aber stets in charmantem Allen-Stil vorgetragen. Wer eine kritische oder gar intellektuelle Selbstreflexion erwartet, wird enttäuscht. Wer schlichtweg eine fiese und zugleich unterhaltsame Erzählung eines „zum Filmemacher mutierten Witzboldes“ erwartet, wird seine Freude haben.

/ Marco Arellano Gomes 

Woody Allen: „Ganz nebenbei“, Rowohlt Verlag, 448 Seiten

 

 

Naturtrüb

Dadaistisches Bandtagebuch

 

Ei, ei, ei! Eigentlich ist damit das Buch schon ganz gut zusammengefasst. Tatsächlich ist überdurchschnittlich häufig die Zubereitung von Eierspeisen Thema dieser Sammlung abwechselnd geschriebener Tagebucheinträge mit dem schönen Titel „Naturtrüb“. Naturtrüb ist ja quasi das back to nature des kleinen Mannes, und auch die vier Männer über 50 – als da wären „Reverend“ Christian Dabeler, Timur Mosh Çirak, Gereon Klug und Maurice Summen – haben sich selbst für einige Tage in die Natur zurückgezogen, um eine Band zu gründen. Was erst mal etwas heikel klingt, gestaltet sich erfreulicherweise viel weniger schmierig als ihr Bandname OIL. Im Gegenteil, eher etwas trocken, geradezu sandig rieseln die vielen subjektiven Eindrücke ins Getriebe der Bandgründung und bringen sie hier und da ins Stocken.

naturtrübZu Beginn kreisen die Gedanken noch um die anderen Bandkollegen: „Er (Reverend Christian Dabeler, Anm. d. Red.) will das Sagen haben, den Hut aufhaben, ist Macher und Bestimmer. Das kommt aus seiner Jugend. Alles kommt aus seiner Jugend. Sein beschränkter Musikgeschmack, sein Essensgeschmack, sein Stilgeschmack. Alles hat sich seit seiner Adoleszenz nicht mehr verändert. Und er ist stolz darauf, hält Blues für die Wiege der Menschheit und Wurzel von allem.“ Doch mit der Zeit werden die Gedanken deeper: „Ich kann gar nicht mehr schnell gehen. Ich hab es mir irgendwann abgewöhnt, vielleicht aus Snobismus. Sich wie ein Dienstbote beeilen zu müssen, ist einfach nur grauenvoll. Selbst beim Autofahren stelle ich mir lieber vor, ich würde stillstehen und die Welt um mich herum bewegt sich wie Weltraumschrott an mir vorbei. Das beruhigt mich“, schreibt besagter Reverend an einer Stelle.

Und dann ist da ja noch die Bandhündin Emma, die ihr ganz eigenes Abenteuer erlebt … Am Ende entstehen Songs mit Titeln wie „Derogation“, „Frack it“ oder „Wichsbold“, und man muss die Musik nicht mögen – aber das Buch, begleitet von diversen Zeichnungen, die den ganzen Wahnsinn dieser Unternehmung bebildern, geht direkt ins (Tomaten-)Mark der eigenen nichtigen Existenz.

/ Julia Kleinwächter

Die Gruppe OIL: „Naturtrüb“, Verbrecher Verlag, 224 Seiten


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Marc Degens’ Autofiktion: Oh, Kanada

Vier Jahre lang hat der Schriftsteller, Verleger und Neu-Hamburger Marc Degens in Kanada gelebt. Seine Aufzeichnungen sind in „Toronto“, erschienen im mairisch Verlag, zu lesen

Interview: Ulrich Thiele

 

Viel passiert nicht, zumindest auf der Plot­-Ebene. Degens berichtet in knappen Sätzen von Restaurant­ und Konzertbesuchen, Lesungen und entspannten Nachmittagen in Buchläden und Comicshops sowie von Reisen quer durchs Land. Zwischen den Zeilen passiert hingegen viel, denn diese charmante Zelebrierung des Lebens in einer offenen Gesellschaft macht glücklich und sehnsüchtig zugleich.

 

SZENE HAMBURG: Marc Degens, unter diesen Umständen stachelt „Toronto“ das Fernweh noch mehr an als ohnehin schon.

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Foto: Martina Steber

Marc Degens: Ich glaube, dass es ein Buch ist, mit dem man gut auf Reisen gehen kann, selbst wenn man zu Hause bleibt. Meine Hoffnung ist, dass es weniger ein Reiseführer ist, der anleitet, was man alles ma­chen könnte. Sondern dass man mit dem Buch tatsächlich eine Reise erlebt.

Sie sind seit zwei Jahren wieder in Deutschland. Was vermissen Sie am meisten?

Wunderbare Autofahrten mit Blicken auf Seen und bisher unbekannte Landschaften. Gerade in der jetzigen Zeit, in der ich auf meine eigenen vier Wände zurückgezogen lebe, vermisse ich das ganz deutlich.

Sie waren vier Jahre in Kanada, das Erlebte lesen wir in Ihrem Buch in verdichteter Form. Manche Ihrer Einträge schildern mehrere Tage am Stück, dann gibt es immer wieder mal einen Sprung von mehreren Wochen oder Monaten. Wie haben Sie Ihre Tagebucheinträge für das Buch selektiert?

In Hinsicht auf eine Pointierung. Die Frage war, was der rote Faden ist und welche Geschichte ich erzählen wollte.

Und zwar?

Die Facetten, die dieses Land aus­ machen, und wie man sie erlebt, wenn sie für einen Neuland sind. Also wie gesagt: Auf der einen Seite die Natur­erfahrung, die Weite und Schönheit dieses Landes.

Aber auf der anderen Seite auch die kanadische Mentalität in der Großstadt Toronto, die mich sehr berührt hat und die ich sehr einzigartig fand. Diese Herzlichkeit, Offenheit und Toleranz, die ich besonders in den Kulturveranstaltungen gespürt habe, und die Entspanntheit, die das Leben so angenehm macht.

In einer Szene schreiben Sie, wie Sie ein Bild auf Instagram als Erinnerung für Sie selbst veröffentlichen. „Dass andere das Foto auch sehen können ist allerdings ein schöner Nebeneffekt. Genauso verhält es sich mit dem Schreiben.“ Schreiben Sie also nur für Sie selbst?

Die Stelle bezieht sich auf mein Ta­gebuchschreiben. Dabei ist es tatsächlich so, dass es hauptsächlich einen Sinn für mich erfüllt. Indem ich auch ganz banale Dinge archiviere. Da ist auch der Bogen zu den sozialen Medien.

In­stagram wird gern als ein Medium der Selbstdarstellung gesehen, um Likes zu sammeln. Ich glaube aber, dass ein we­sentlicher Punkt des Postens wie beim Tagebuchschreiben das Archivieren für sich selbst ist. Und auf der Timeline kann man dieses Archiv dann immer wieder durchforsten.

Ich möchte aber nicht mein gesamtes Tagebuch veröffentlicht sehen. Das ist viel zu umfangreich und voller Banalitäten, die ich niemandem zumuten will. Deswegen die Selektion und Reduktion. Das ist dann der schriftstellerische Prozess: herauszufinden, was weggelassen werden kann.

Also das Kürzen als fast schon wichtigster schriftstellerischer Prozess?

Zumindest einer, der immer wich­tiger wird. Oft, wenn ich gefragt werde, woran ich schreibe, kann ich antworten: Ich schreibe gar nicht mehr, ich bin nur noch am Streichen.

 

„„Toronto“ ist ein Buch über das Glück.“

 

Hat das Schreiben umgedreht auch Ihren Blick auf Kanada geprägt?

Ich würde erst einmal bestreiten, dass die schriftstellerische Wahrnehmung zu einem anderen Erleben führt. Persönliche Vorlieben spielen eher eine Rolle als der Beruf. Bei mir ist es das Visuelle: Meine Liebe zu Comics zum Beispiel.

Das passt zu Ihrer Trennung von Kunst und Leben. Das Leben sei wichtiger als die Kunst, schreiben Sie.

Damit richte ich mich gegen dieses Bild, das man in Deutschland oft pflegt: vom gequälten Künstler, der sein eigenes Leben vernachlässigt, um große Kunst zu schaffen. Über Glück zu schreiben ist schwer und es wird eher selten gemacht.

Es gibt einen Satz von Marcel Reich­-Ranicki, der sinngemäß anmerkte, dass immer nur Romane über unglückliche Lieben geschrieben werden, aber nie über glückliche Ehen. Ich wollte etwas thematisieren, was ich in Kanada erfahren habe, nämlich ein großes Gefühl des Glücks und auch der Dankbarkeit. „Toronto“ ist ein Buch über das Glück.

Sie haben in Ihrem Verlag SUKULTUR eine Reihe für Autofiktionen gestartet. Ist „Toronto“ auch Autofiktion?cover-toronto-marc-degens

Das Tagebuch ist ja ein klassisch autobiografisches Format, das es schon gab, bevor es die Autofiktion gab. Autofiktion hat immer auch den Aspekt, dass sich zu dem autobiografischen Geschehen eine literarische Fiktion hinzu­gesellt. In „Toronto“ gibt es nur wenige Stellen, die in Richtung Fiktion gehen, etwa wenn Erinnerungen aufkommen und diese sich zu einer Geschichte ent­wickeln.

Der Begriff ist also literaturwissenschaftlich unscharf, aber wir wissen, was damit gemeint ist: Eine Form des autobiografisch verbürgten Schreibens, die im Gegensatz zum rein Fiktiven steht. Insofern ist „Toronto“ auch Autofiktion.

Warum ist autobiografisch gefärbtes Erzählen derzeit so populär?

Weil traditionelle Literaturgattungen wie der Roman ein bisschen in die Krise geraten sind. Heute wird sich weniger darüber ausgetauscht, welche Romane man gelesen hat, sondern welche Fernsehserien man gesehen hat.

Der Roman ist nicht tot, aber er hat mehr Konkurrenz, weil das epische Erzählen durch die veränderte Medienlandschaft andere Ausformungen bekommen hat. Dadurch sind andere literarische Formen im Aufwind, zum Beispiel kleine Beobachtungen in kurzen, pointierten Formen.

 

„In Hamburg ist das Fernweh am geringsten“

 

In Interviews mit berühmten Schriftstellern entsteht oft der Eindruck, dass sie über das Autobiografische als Stilmittel nicht reden wollen, weil sie die Frage danach als kränkende Nicht-Anerkennung ihrer Fantasiefähigkeit sehen. Teilen Sie den Eindruck?

Ich habe vor einigen Mo­naten das Buch „Das Tagebuch und der moderne Autor“ aus den 1960er Jahren gelesen. Darin melden sich Schriftstellergrößen wie Arno Schmidt, Heinrich Böll und Elias Can­etti zu Wort und man merkt noch deutlich ihre Reserviertheit gegenüber diesem Medium. Arno Schmidt etwa hat das Tagebuch-­Schreiben als literarische Kunstform komplett abgelehnt.

In den Ablehnungen schwingt oft auch noch diese alte Genieästhetik mit. Also die Annahme, dass das Genie von der Muse befeuert wird und dabei Kunst herauskommt, die schon immer da war und nur freigelegt werden müsse. Das ist ein recht überholter Gedanke.

Viele Texte beschreiben heute, unter welchen Schwierigkeiten und von welchen gesellschaftlichen Faktoren beeinflusst Kunst hergestellt wird. Kunst als etwas vom Menschen und nicht vom Genie Gemachtes zu sehen, ist in meinen Augen aber die zeitgemäßere und richtige Lesart.

„Die kanadische Freundlichkeit und das permanente Entschuldigen haben mich für das Leben in Berlin unbrauchbar gemacht“, schreiben Sie an einer Stelle. Sie leben seit letztem Jahr nicht mehr in Berlin, sondern in Hamburg. Was hat Sie hergezogen?

Tatsächlich war Hamburg seit Jahrzehnten ein Sehnsuchtsort für mich, obwohl ich nur selten hier war. Aber die Erfahrungen, die ich hier gemacht habe, waren immer außergewöhnlich.

Hamburg hat eine reiche und diverse Kunst­ und Kulturszene, und es herrscht eine Freundlichkeit in der Stadt, die mich sogar an Toronto erinnert. Ich dachte, wenn schon zurück nach Deutschland, dann ist Hamburg die ideale Stadt. Das Fernweh ist hier am geringsten. Ich befürchte aber, dass ich merken werde, wie sehr mir die weiten kanadischen Landschaften fehlen, wenn ich Ausflüge ins Umland mache.

Was ist das Schönste an der Rastlosigkeit?

(überlegt) Dass sie nicht zu Ende geht.

Marc Degens: „Toronto“, mairisch, 144 Seiten, 12 Euro


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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„Fälle und Fallen“: Der schöne Eigensinn von Worten

In „Fälle und Fallen“ entwirft Wolfgang Hegewald 20 vor Sprachlust übersprudelnde Capriccios

Text & Interview: Ulrich Thiele

 

Der Straßenhund Enrico will Opernsänger werden, aber daraus wird nichts. Am Ende schlägt er eine alternative Musikerkarriere ein und spielt in einem Krankenwagen das Martinshorn in den Straßen von „New Hamburg“. In einem anderen Capriccio erfährt man, dass Mittelmeergrillen, sobald sie zu zirpen beginnen, automatisch ihr Gehör ausschalten. „Was für eine durchtriebene Selbstoptimierung dieser mit scharfem Schall bewaffneten Krieger aus dem Süden!“ Auf einem Festball gehen die jungen Leute mit der Mode und zeigen sich „mit Vorliebe in der Tracht der Prügel“. Das sind nur wenige Beispiele aus Wolfgang Hegewalds kurzen, ungeheuer lustigen Capriccios.

 

SZENE HAMBURG: Herr Hegewald, was ist ein Capriccio?

Wolfgang Hegewald: Die Tradition des Capriccios findet sich eher in der Musik und in der Bildenden Kunst als
in der Literatur, wiewohl ein veritabler Meister wie E.T.A. Hoffmann da sofort missbilligend den Kopf schüttelt, zu Recht. Ich denke an Paganini und seine Capriccios; überbordende und zugleich formbewusste Virtuosität. Primat des Spiels vor der Bedeutung. Ich denke an Tiepolo und Goya, gerade noch in der Kunsthalle zu sehen.

Szenen, die einem durch ihre abgründige Mehrdeutigkeit zu denken geben. Elemente des Alltäglichen, Burlesken, Grotesken, Skurrilen und Fantastischen verquicken sich zu Tableaus, in denen sich auf ästhetische Weise ein Aufklärungsinteresse zu erkennen gibt. Aufklärungsinteresse auch an dem, was kategorisch unaufklärbar ist.

Cover-HegewaldWarum haben Sie diese Form gewählt?

Mir und meinem Schreiben entsprechen diese auskristallisierten Prosakobolde, die mal spielerisch, auch sprach- spielerisch, mal scharfkantig boshaft daherkommen. Bei Julio Cortázar heißt es einmal sinngemäß, das Fantastische sei eine Möglichkeit, das Wirkliche zu überprüfen.

Im ersten Capriccio heißt es: „Capriccios neigen nicht zur Flucht. Wohin auch.“ Sie mit einem Zaun, einer Form zu umschließen, sei deswegen sinnlos. Warum?

Capriccios neigen weder zur Sesshaftigkeit noch respektieren sie ihnen angewiesene Territorien. Sie einsperren zu wollen, ist sinnlos; ein Kategorienfehler der Verhaftung. Günter Eich hat Prosagedichte mit dem Untertitel „Maulwürfe“ veröffentlich. Da deutet sich womöglich eine Verwandtschaft an.

Sie haben Ihrem Buch ein Zitat von Samuel Beckett vorangestellt: „Bei den Ausdrücken ‚historische Notwendigkeit‘ und ‚deutsches Schicksal‘ kommt mir das Kotzen.“ Beckett verliebte sich zugleich in die deutsche Sprache. Ihre Sprachspiele zeugen auch von Freude an der deutschen Sprache – teilen Sie das gespaltene Verhältnis Becketts zu Deutschland?

Ich habe eine doppel-deutsche Biografie und kann Deutschland nicht im Singular denken. Deutschland an sich bedeutet mir nichts. Eine offene Gesellschaft, ein Rechtsstaat auf deutschem Boden eine Menge. Und die deutsche Sprache, das „portative Vaterland“, wie Heinrich Heine sagte, ist der einzige Heimatbegriff, an dem ich hänge. Als ich 1983 aus der DDR in die Bundesrepublik kam, habe ich mich aus Gründen der semantischen Präzision nie als Flüchtling rubriziert. Ich habe meine Sprache nicht verloren, und ich trat sofort in eine komfortable Staatsbürgerschaft ein.

Wird deswegen in Ihren Capriccios immer wieder völkisches Denken verspottet?

Wir sind, auch schon vor und jenseits von Corona, in eine Zeit geraten, in der allenthalben im Gemeinwesen und in der Welt tektonische Risse und Verwerfungen sichtbar und spürbar werden, Horizonteintrübungen und -verdunkelungen, für die wir noch keine Begriffe haben.

Schreiben heißt für mich auch und nicht zuletzt, dass ich ein spezifisches Erkenntnisinteresse verfolge, das mit den Mitteln und Möglichkeiten der Poesie agiert. In undeutlichen Zeiten scheint mir eine Form wie das Capriccio besonders dazu zu taugen.

 

„Das Groteske ist für mich Stilhaltung und Ausdrucksmittel“

Wolfgang Hegewald

 

Ist Sprache per se anti-identitär?

Ja! Literatur ist für mich in Sprache modellierte Menschheitserfahrung, die nie eindeutig ist. Ansonsten haben kluge Leute schon alles Nötige gesagt: Für Adorno ist Identität die Urform von Ideologie. Bei Lothar Baier las ich einst, im Begriff der Identität gäben sich Biologismus und Polizeisprache ein Stelldichein.

Können Rechte Humor haben?

Keine Ahnung. Komik als existentielle Kategorie, wie bei Kafka, Robert Walser oder Chaplin, eher nicht.

Ihre Capriccios sind oft irritierend grotesk. Was kann die Irritation bewirken oder ist sie bloßer Selbstzweck?

Das Groteske ist für mich Stilhaltung und Ausdrucksmittel, nicht Selbstzweck. Wenn Irritation bedeuten soll, die Leser lassen für die Dauer ihrer Lektüre einmal das Gängelband ihrer Sprachkonventionalität locker und beginnen zu staunen – warum nicht. Wir sind alle von Kindheit an sprachdressiert und auf Bedeutung und Sinn getrimmt und wenig darin geübt, den schönen Eigensinn von Worten und Sätzen zu entdecken.

Mögen Sie Ihren Humor?

In diese Falle, die Sie meinem Narzissmus stellen, tappe ich nicht!

Wolfgang Hegewald: „Fälle und Fallen“, Wallstein, 79 Seiten, 16 Euro


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2020. Das Magazin ist seit dem 28. März 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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