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Itsch Itsche Festival: Here to stay

Melissa Kolukisagil ist im badischen Oberkirch aufgewachsen, studierte in Hamburg Politikwissenschaft und organisiert in ihrem Wohnort Berlin das İç İçe Festival. Ein Gespräch über neue anatolische Musik, (post-)migrantische Kultur und einen Abend Anfang September im Knust

Interview: Ole Masch  

 

SZENE HAMBURG: Melissa, was heißt İç İçe wörtlich und welche Bedeutung hat der Begriff?

Melissa Kolukisagil: İç İçe, heißt so viel wie „ineinander verschränkt“ oder „miteinander verwoben“ sein. Für uns steht İç İçe für das Verschränken von hybriden Identitäten, das Leben in der postmigrantischen Gesellschaft. İç İçe steht somit auch für die Akzeptanz von Mehrfachzugehörigkeiten. Es geht um einen Raum in dem plötzlich vieles möglich ist.

Wie ist postmigrantische Gesellschaft definiert?

Der Begriff meint, dass unsere Gesellschaft durch die Erfahrung der Migration geprägt ist. So auch die Kulturlandschaft und das, obwohl migrantische Kunst oft nicht ihre Anerkennung erfährt, die sie verdient. Da sie oft nicht gefördert wurde und die Zugänge fehlten. Allmählich ändert sich das und İç İçe ist Teil von dieser Veränderung. Aber auch nur möglich, weil Jahre zuvor andere migrantische Personen schon hervorragende Arbeit geleistet haben. Es geht um politische, kulturelle und soziale Veränderungen, welche durch die Einwanderung, auch im Kontext der Gastarbeiter:innen, hervorgehen.

Wie könnte eine größere Anerkennung gelingen?

Eine große Schwierigkeit ist weiterhin die Diskriminierung von Menschen mit einem migrantischen Hintergrund. Die gesellschaftliche Akzeptanz, welche leider noch nicht vorhanden ist, entsteht auch aus der Tatsache, dass die Räume nicht gegeben sind. Deswegen arbeitet İç İçe daran, diese zu schaffen, um Menschen eine Möglichkeit zu geben gesehen und gehört zu werden, aber wo sie auch einfach ausgelassen feiern können.

Warum sind diese Räume so wichtig?

In eigenständigen Räumen kann Kunst entstehen, die freier ist von den Erwartungen der Dominanzgesellschaft. Hier kann kulturelles Leben selbstbestimmter stattfinden und Solidarität zwischen unterschiedlichen Communitys wachsen. Nur wenige andere Städte in Deutschland stehen so sehr für postmigrantische Kultur wie Berlin. Doch auch hier ist es für postmigrantisch kulturelle Räume schwer zu überleben oder gar zu entstehen – sei es aufgrund der rasanten Gentrifizierung, die Innenstädte homogenisiert oder einer weißen Kulturförderlandschaft.

 

 

Was ist das Neue an „neuer anatolischer Musik“?

Die anatolische Region ist seither ein Schmelztiegel für diverse kulturelle Strömungen und Musiktraditionen. Spätestens seit den 60er-Jahren entfalten sich diese in unserer unmittelbaren Nachbarschaft neu und beeinflussen, vom Underground bis in die Popkultur, unseren Alltag und das Nachtleben. Das „Neue“ daran ist, die Art und Weise wie Menschen die kulturellen Fragmente ihrer Herkunft neu interpretieren und sich innerhalb der Gesellschaften, die sie beheimaten, Platz verschaffen.

Was macht den Sound aus?

Neue anatolische Musik – es ist absichtlich offengehalten und kann alles sein. Es geht darum, Raum zu lassen für die Interpretation der Künstler:innen, die vor allem in zweiter und dritter Generation in der Diaspora leben. Anatolische Musik ist divers aufgestellt. Es variiert von Musik durch klassisch anatolische Instrumente wie der Bağlama, aber findet sich auch im Rap von beispielsweise Apsilon wieder, da Apsilon in Texten Fragen von Identität und Mehrfachzugehörigkeiten verhandelt. Da die anatolische Region schon immer ein Schmelztiegel war, ist eine konkrete Antwort schwer, anatolische Musik kann und darf alles sein. Wir möchten vor allem mit der oft eindimensionalen Erwartung brechen, wie anatolische Musik klingen soll.

Wie kamst du auf die Idee, daraus ein Festival zu machen?

Meine musikalische Sozialisation fand als Kind auf türkischen Hochzeiten statt. Aufgewachsen bin ich mit türkischen Pop-Hits. Natürlich muss hier Takan erwähnt werden, aber auch Klassiker wie Orhan Gencebay, den ich heute aufgrund seiner politischen Positionierung kritisch betrachte, waren Teil meines damaligen Repertoires. Das Lied „Kaderimin Oyunu“ von Orhan Gencebay hat bis heute eine besondere Bedeutung, denn es begleitete die Autoreise meiner Mutter, als diese als Braut aus der Türkei nach Deutschland kam.

Meine Mutter hat viel gesungen, was mich auch geprägt hat. In der Pubertät habe ich irgendwann fast gar keine anatolische Musik mehr gehört und befand mich irgendwo zwischen Auflehnung gegen meine Familie und Protest gegen die weiße Dominanzgesellschaft. Als ich dann auf einem Festival war und Altın Gün gehört habe, war das eine ganz besondere Erfahrung zu sehen, wie die Lieder, die ich aus meiner Kindheit kannte, von allen gefeiert wurden. Als ich selber begann in der Veranstaltungsbranche zu arbeiten, erlebte ich diese als sehr weiß, männlich und hierarchisch. Das war kein Umfeld, in dem ich bleiben wollte und deswegen mit İç İçe den Raum schaffen, der mir, beziehungsweise uns, fehlt.

Wer steckt noch dahinter?

İç İçe ist ein Team von insgesamt sieben Leuten. Wir arbeiten gemeinsam an dem Projekt mit viel Herz. Wir sind zudem ein sehr diverses Team, was nicht nur für uns persönlich, aber auch für İç İçe sehr gewinnbringend ist, da wir viele Perspektiven einbinden können. 

 

„Zwischen anatolischer Hochzeit und Technoclub“

 

Nun kommt ihr von Berlin nach Hamburg. Wie ist das entstanden?

Es war überwältigend, die Resonanz zu sehen und auch die Wichtigkeit, dass diese Räume existieren und geschaffen werden. Unser Publikum kam für İç İçe in Berlin aus ganz Deutschland angereist, kein Weg war unseren Besucher:innen zu weit. Der Wunsch, dass wir diesen Raum ausweiten können, ist damit weiter gewachsen und jetzt haben wir die Ehre in Hamburg dies zu ermöglichen. Tim aus dem Knust kam hierfür auf uns zu und ist ein toller Partner für die erste Ausgabe außerhalb Berlins.

Wie ist der Abend aufgebaut?

Er wird eine gewisse Dramaturgie haben. Mir ist es wichtig, nicht nur ein Konzert nach dem anderen zu zeigen, es soll um die Inhalte, das Gefühl gehen. Wir haben ein Programm gestaltet, welches ein Konzept der Plattform aufgreift und den Raum der Vernetzung erzeugt. Wir werden wunderbare Konzerte von zum Beispiel Nalan sehen. Gegen Abend werden dann auch DJs wie Hülya aus Hamburg auflegen. Adir Jan verschränkt Texte über homosexuelle Liebe mit mitreißenden psychedelischen Sounds von „klassisch“ anatolischen Instrumenten. Oder DJ Ipek, die immer einen tollen Mix hinbekommt – zwischen anatolischer Hochzeit und Berliner Technoclub.

Wie wählst du die Künstler:innen aus?

Das Line-up setzt sich aus vielen Aspekten zusammen. Ich möchte es schaffen, die ganze Bandbreite zu zeigen. Da anatolische Musik sehr breit zu denken ist, hat man da Spielraum. Wichtig ist uns auch, dass 60 Prozent des Line-ups keine cis männlichen Acts sind. Wir wollen Diversität leben, nicht nur denken.

Du hast in Hamburg studiert. Hast du damals bereits Einflüsse anatolischer Musik in der Clubkultur mitbekommen?

Ich habe mit dem Uni-Leben, um ehrlich zu sein, sehr gefremdelt. Ich habe mich arm und stark verunsichert gefühlt und trotzdem mein ganzes schmales Einkommen in Konzertkarten gesteckt – im besten Sinne in den Live-Konzert-Ort Hamburg. Manchmal war ich in einer Woche auf drei Konzerten, viel im Uebel & Gefährlich, im Molotow, in der Markthalle oder eben im Knust. Indie, Electronica und Singer-Songwriter war meine Musik. Einen Zugang zu anatolischer Musik und Communitys hatte ich nicht, es war eine andere Zeit, ich stand auch noch an einem anderen Punkt in meinem Leben. Der einzige Kontakt zu migrantischen Communitys war meine Arbeit am Hauptbahnhof an der Supermarktkasse. Ich finde es toll, jetzt nach Hamburg zurückzukommen und den Eindruck zu haben, dass auch Hamburg sich offener für mich zeigt und ich der Stadt womöglich was geben kann.

Wird es noch weitere İç İçe Festivals geben?

Wir merken immer mehr, wie der Wunsch und die Nachfrage an unserem Programm steigt. Pläne haben wir viele. Wir sind mit Städten wie München und Heidelberg im Gespräch. So viel kann gesagt werden: İç İçe is here to stay.

2.9., Knust, 18 Uhr; itsch-itsche.com


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Meet the Resident – ATAVEM

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Residents vor, diesmal: ATAVEM von Front Left Records – präsentiert von hamburg elektronisch

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman

SZENE HAMBURG : Wie würdest du deinen Sound beschreiben? 
Viel Ambient und experimentelle Musik. Das Ganze paare ich mit schnellen Rhythmen und hypnotischen Sphären. Das Wichtige für mich ist es, musikalische Grenzen zu überschreiten. 

Wie war es für dich wieder im Club zu spielen?
Das war am 7. Geburtstag des PAL. Ein sehr tolles Gefühl die Leute langsam in die Nacht zu begleiten und zu sehen wie sich der Club füllt.

Was sind für dich Hamburgs Stärken?
Sehr viele nette und herzliche Menschen, tolle Bars und einige schöne Clubs wie PAL, Pudel oder Südpol.

… und die Schwächen?

Schlechtes Wetter und teilweise schlimmer Sound der immer schneller und härter wird.

Auf wen sollte man momentan ein Auge haben? 

Piano Riffs, Lenard Klein, Space Drum Meditation und Stute für high quality Produktionen. Außerhalb von Hamburg: Assumption, Bidoben und Ikari.

Platte des Monats?
Arthur Robert – Metamorphosis Part 1 (Fav. Track: Mastermind).

Nachtleben Tipp im Juli?

Am 23.7. spielt FJAAK im PAL – hingehen! Und natürlich die Kinky Sundays.

Hört hier ein aktuelles Set von ATAVEM:

Instagram ATAVEM | Instagram hamburg elektronisch


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Meet the Resident – toğrul

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Residents vor, diesmal: toğrul von vibrational network  – präsentiert von hamburg elektronisch

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman

SZENE HAMBURG : Wie würdest du deinen Sound beschreiben? 
Im Studio verarbeite ich alle zeitgenössischen Referenzen, die mich zur jeweiligen Zeit faszinieren. Deshalb bezeichnet man meine Musik oft als Experimental. Ich würde sie irgendwo in die Bereiche Electronic, Abstract, Experimental einordnen. Live mehr in Electro, IDM, Experimental Techno. 

Wie war es für dich wieder im Club zu spielen?
Nicht so schön, ich habe während der Pandemiezeit lange alleine im Studio herumgebastelt, mein Livesetup stetig verkompliziert und mit der Zeit völlig vergessen was am live-Kontext wichtig ist. Ich habe das Limitieren wieder neu erlernen müssen. Inzwischen funktioniert mein Liverack wieder.

Was sind für dich Hamburgs Stärken?
Auf jeden Fall die familiäre Atmosphäre.

… und die Schwächen?

Die Akzeptanz gegenüber Störungen der Routinen könnte ein wenig ausgeprägter sein. Viele Künstler*innen leben dafür sich auf eine Soundsuche zu begeben und dem Publikum neue musikalische Themen und Timbres aufzuzeigen. Leider geht das verloren, wenn das Publikum schon vorab genau weiß was es will.

Platte des Monats?
Die Workaround LP von Beatrice Dillon oder Hyperaesthesia EP von object blue & TSVI. 


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Das Edelfettwerk: Im Wandel

Seit bald 20 Jahren wird in einer umgebauten Fabrikanlage in Eidelstedt gefeiert. Über die Veränderung von der Eventlocation zum Musikclub, Corona-Auswirkungen und das aktuelle Programm berichtet Alexander Müller, neuer Booker im Edelfettwerk

Interview: Ole Masch

SZENE HAMBURG: Alexander, wie wird man Booker im Edelfettwerk?

Alexander Müller: Ich habe bereits 2018 nach einer legalen Open-Air-Location in Hamburg gesucht und bin im Edelfettwerk gelandet. Das Besondere hier: Das Edelfettwerk befindet sich in einem Industriegebiet und man hat somit die Möglichkeit, etwas lauter zu sein als in anderen Locations. Dazu gibt es noch eine perfekte Anbindung durch die S-Bahn in Eidelstedt. Ich habe das Potenzial gesehen und bin zu Beginn der Pandemie, als alle Termine frei wurden, auf das Edelfettwerk zugegangen und habe angeboten, der erste Booker zu werden.

Was hast du vorher gemacht?

Im musikalischen Bereich bin ich seit 2016 als Veranstalter aktiv. In den vergangenen Jahren konnte ich durch eine Vielzahl von Veranstaltungen in über 20 Clubs und Locations eine Menge Erfahrungen sammeln. Außerdem lege ich selbst hin und wieder auf, deshalb weiß ich, was es bedeutet auf der Bühne zu stehen und was gegeben sein muss, damit man sich als Artist wohlfühlt.

Wo gehst du in Hamburg sonst feiern?

Ich persönlich hatte immer schöne Nächte im Südpol, aber bin auch hin und wieder überall dort anzutreffen, wo es sich Menschen zur Aufgabe gemacht haben, schöne Partys zu veranstalten.

„Es geht uns im Großen und Ganzen gut“

Dein Highlight seitdem du im Edelfettwerk bist?

Nachtleben Edelfettwerk Haupt Juni 2022 klein credit Anri Coza-klein
Macht das Booking im Edelfettwerk: Alexander Müller (Foto: Anri Coza)

Dass viele, die im Hamburger Nachtleben im Bereich der elektronischen Musik unterwegs oder aktiv sind, wahrnehmen, dass sich etwas Neues entwickelt und dem Laden eine Chance geben. Danke an dieser Stelle. Für Kritik, Fragen oder Verbesserungsvorschläge sind wir immer aufnahmebereit, schickt einfach eine Mail an: booking@edelfettwerk.de.

Wie seid ihr durch die Pandemie gekommen?

Durch die umfangreichen Förderprogramme auf Bundes- und Landesebene geht es uns im Großen und Ganzen gut. Hätte es diese nicht gegeben, würde das Edelfettwerk mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr existieren. Auf der anderen Seite haben wir über die Pandemie eine Menge Personal verloren, was uns heute sehr zu schaffen macht. Parallel erbringt das Kernteam derzeit Höchstleistungen, das muss man an dieser Stelle einfach sagen. Ich denke alles in allem können wir uns glücklich schätzen, dass wir zwei Open-Air-Flächen haben und trotz Auflagen einige Veranstaltungen durchführen konnten.

Fokus elektronische Musik

Gab es bauliche Veränderungen?

Die gibt es. Zuallererst möchte ich erwähnen, dass wir unseren Parkplatz (Backyard) mit einer Bühne ausgestattet haben und damit eine weitere Fläche für Open-Air-Events in Hamburg erschlossen haben. Die Kapazität dieser Fläche liegt bei etwa 1000 Personen, somit können hier auch etwas größere Events stattfinden. Unser Strand hat neben einer neuen Funktion-One-Anlage in diesem Jahr eine Überdachung bekommen, somit haben alle Beteiligten Planungssicherheit bei schlechtem Wetter. In den Innenbereichen haben wir neue Soundsysteme von BetaOne installiert, die WCs erneuert und jede Menge dunkle Farbe verbraucht. Derzeit bauen wir in unserem Nebengebäude einen dritten Dancefloor für etwa 300 Personen aus, dieser kann separat betrieben, oder bei größeren Indoor-Events als dritte Stage genutzt werden.

Und am Programm?

Es gibt eine neue Grundregel im Edelfettwerk: Öffentliche Veranstaltungs-Slots werden bis auf wenige Ausnahmen nur noch an Veranstalter aus dem Bereich der elektronischen Musik vergeben. Ansonsten sind wir derzeit mit einem Konzertveranstalter im Gespräch, der 2023 unter der Woche eine Vielzahl von Open-Air-Konzerten veranstalten möchte. Dazu kann ich leider noch nicht mehr sagen. Wir sind offen für Veranstalter, die sich entwickeln wollen und Visionen verfolgen, Veranstalter, für die eine schöne Party genauso wichtig ist, wie eine professionelle Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

Wie lockt man Leute an einem Donnerstag nach Eidelstedt?

Gute Frage: Wir bespielen die Donnerstage bis auf Weiteres nur noch mit unserem hauseigenen Open-Air-Konzept [Secret Garden]. Das bedeutet, dass wir eine Kontinuität für die Besucher:innen an diesem Tag schaffen möchten. Außerdem präsentieren wir im Rahmen dieser Reihe in diesem Jahr, an 14 ausgewählten Terminen, sehr interessante Künstler:innen wie Madmotormiquel, Marco Resmann oder die Power Suff Girls, die nicht wöchentlich im Hamburger Nachtleben anzutreffen sind.

Spontane Verlegung? Kein Problem!

Habt ihr bei den Open Airs kein Lärmproblem?

Es gibt bestimmte Gesetze für Immissionsorte außerhalb von Gebäuden. Diese Gesetze sind Grundlage für unsere Arbeit vor Ort. Hin und wieder erhalten wir trotzdem Anrufe, auch an Tagen wo gar keine Veranstaltungen stattfinden.

„Das Edelfettwerk ist derzeit im Wandel, von Eventlocation zum Musikclub“

Alexander Müller, Booker im Edelfettwerk

Geht es nachts indoor weiter?

Das ist immer abhängig von der jeweiligen Veranstaltung, wobei eigentlich alle Open Airs, die am Freitag oder Samstag stattfinden, auch eine After-Show-Party zur Folge haben. Manchmal sind die Partys auch nur indoor.

Könnt ihr auch bei Regen dahin switchen?

Ja. Das ist einer der Punkte, die ich persönlich als Veranstalter am meisten am Edelfettwerk zu schätzen weiß. Stell dir vor, wie praktisch es ist, wenn du ein Event nicht absagen musst, weil es spontan rein verlegt werden kann. Super gut!

Ein Spagat zwischen Mietlocation und Club mit Stammpublikum

Stehen in diesem Jahr noch weitere Veränderungen an?

Das Edelfettwerk ist derzeit im Wandel, von Eventlocation zum Musikclub. Die damit verbundenen konzeptionellen Änderungen sind genauso wichtig wie die Umsetzung vor Ort. Daran arbeiten wir gerade. Außerdem wird derzeit unser Brandschutzkonzept überarbeitet, der normale Gast wird im Nachhinein nichts merken, aber es handelt sich dabei um ein Projekt mit immensem Aufwand. So etwas zum Beispiel läuft im Hintergrund, kostet die Beteiligten jedoch enorm viel Energie und bindet derzeit Ressourcen.

Wie geht ihr mit dem Spagat zwischen Mietlocation und Club mit Stammpublikum um?

Neben der Praxis findet dieser aus meiner Sicht im Bereich der Kommunikation statt. Klar haben wir hin und wieder ein Firmenevent bei uns, allerdings muss man sich auch vor Augen führen, dass diese Events das Überleben und die Weiterentwicklung des Edelfettwerks als Kulturstandort sichern.


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Off the Radar: „Hurra, wir leben noch“

Mit drei Tagesveranstaltungen nahe Bordesholm trotzte der Hamburger Kulturund Musikverein OFF THE RADAR noch im letzten Jahr der Pandemie. Crew-Mitglied Tante Kerosine erzählt, warum das Festival den schleswig-holsteinischen Hof Ovendorf nun verlässt, was Ende Mai auf der Stubnitz geplant ist und mit welchen Alternativen sich der Verein für die Zukunft aufstellt

Interview: Ole Masch

SZENE HAMBURG: Tante Kerosine, warum gibt es in diesem Jahr kein OFF THE RADAR-Festival in Negenharrie?

Tante Kerosine: Sehr kurz gesagt: Weil wir mit unseren früheren Geschäftspartner:innen an Grenzen gestoßen sind, die für uns rote Linien darstellten. Und umgekehrt. Die Pandemie hat uns als Privatpersonen und Verein extrem viel abverlangt. Wir sind der Meinung, dass das Einhalten der Hygienerichtlinien inklusive Masken, Testungen, Abstand in Kombination mit Impfungen der langfristig sichere Weg aus der ganzen Geschichte sind. Dazu stehen wir nach wie vor.

Ihr habt viel Arbeit in den Hof Ovendorf gesteckt. Was passiert jetzt mit dem Gelände?

Ehrlich gesagt: Das ist uns jetzt egal. Wir haben lange gekämpft und hätten viel gegeben, um weiter in Ovendorf sein zu können. Wir haben den Ort geliebt – nur annähernd ließ sich im Sommer 2019, als wir zuletzt da „richtig“ veranstaltet haben, erahnen, in was der Hof noch alles zu verwandeln gewesen wäre. Unsere Crew hat dort Geburtstage gefeiert und ein Paar sogar geheiratet – wir verbinden Ovendorf mit krassen, schönen, herzzerreißenden und heftigen Erinnerungen. Wir wollen nicht mehr aufrechnen, wie viel Arbeit wir da reingesteckt haben – so heranzugehen macht auf Dauer die Psyche komplett kaputt. Schwamm drüber, weiter geht’s.

„Die derzeitige Entwicklung mit Jupibar und Stubnitz ist natürlich höchst erfreulich!“

Tante Kerosine, Crew-Mitglied bei OFF THE RADAR

„Wir haben gerade krass viel neuen Schwung“

Wie geht es euch insgesamt nach zwei Jahren Pandemie?

Die Stimmung schwankt zwischen „Hurra, wir leben noch!“ und „Woah, jetzt reißen wir so richtig alles ab“. Um zu sagen, wie es uns jetzt geht, müsste man vielleicht einmal kurz sagen, wie es unmittelbar vor der Pandemie war: Wir waren 2020 ausverkauft und, so dachten wir zumindest, aus dem Gröbsten raus. Unsere angespannte finanzielle Situation dürfte über Jahre über die Stadtgrenzen hinaus bekannt und belächelt worden sein. Aber dann kamen die Absage, unsere Startnextkampagne und 2021 unsere Entscheidung für drei Eintagesfestivals anstelle von einem großen. Das war natürlich keine rein freiwillige Entscheidung: Wir wollten unbedingt veranstalten und zum Genehmigungszeitpunkt war das die einzige Option.

Die letzten beiden Jahre haben schon extrem an unserer Substanz gezehrt. Andererseits haben wir gerade wieder krass viel neuen Schwung: Wir beschäftigen uns viel mit uns selbst, Awareness und wie wir miteinander sein und arbeiten wollen. Seit März machen wir monatlich einen Barabend in der Jupibar. Und schließlich wird es wohl doch noch so sein, dass wir zumindest ein kleineres Festival Ende des Sommers veranstalten werden.

Hamburg ist subkulturell ein eher abgegraster Landstrich

Ihr konntet eine alternative Fläche finden?

Ja, wie es derzeit aussieht, haben wir eine Fläche gefunden, die wir vielleicht auch für die nächsten Jahre bespielen können. Momentan arbeiten wir daran, dass wir schon Anfang September eine kleine OFF THE RADAR-Ausgabe in Bremen feiern können. Dazu wird es in den kommenden Tagen und Wochen immer mehr Infos geben, versprochen! Lange haben wir einfach nach einem 1:1 gleichen Gelände gesucht: ein Hof, mehr oder weniger im Speckgürtel von Hamburg. Ein Ort, an dem wir uns austoben und vielleicht auch bleibende Sachen schaffen können. Beziehungsweise da auch mal für eine Weile abtauchen können. Die Fläche, die wir jetzt in Aussicht haben, ist eine alte Industriebrache in Bremen – voraussichtlich fallen da einige Dinge weg, die wir früher immer hatten. Aber bisher fühlt sich alles dennoch sehr gut und sehr nachhaltig an. Wir haben Bock!

Gibt es in Hamburg keine geeigneten Flächen?

Es ist ja kein Geheimnis, dass Hamburg ein unsere Größe betreffend, sagen wir, subkulturell eher abgegraster Landstrich ist: Immer gibt es Nachbar:innen, die etwas gegen Lärm haben könnten, Lizenzen oder Genehmigungen, die entzogen werden könnten. Es gäbe Gelände, die sich eignen würden, so ist es ja nicht. Aber da braucht es dann auch immer den Mut und Willen von Anwohnenden, Behörden und anderen Mitspielenden. Oder das entsprechende „Kleingeld“. Wir haben das ein paar Mal versucht, aber haben immer wieder auf Granit gebissen – ehrlich gesagt, ist uns inzwischen unsere Energie dafür ein bisschen zu kostbar.

Nachtleben Mai 2022 klein credit Karin Kästner-klein
Von Hofdame zur Piratin: Tante Kerosine (Foto: Karin Kästner)

Im Mai: Zwei Tage OFF THE RADAR in Hamburg

Werdet ihr wieder auf der Fusion sein?

Klar, da sind wir auch dieses Jahr wieder: Seien wir ehrlich – eine Tube ohne uns ist eine absurde Vorstellung. Von allem anderen müssten sich geneigte Fusionist:innen selbst überzeugen. Ich sag mal so: In den letzten beiden Jahren haben wir vielleicht ein paar Dinge verlernt, unser Kerngeschäft aber noch lange nicht!

Was ist Ende Mai auf der MS Stubnitz geplant?

Am 27. und 28. Mai 2022 stechen wir vielleicht nicht in See, aber wir gehen dennoch aufs Schiff. Wir sind ja mit der Stubnitz-Crew alles in allem in hervorragender Wahlverwandtschaft und dementsprechend haben wir uns über die Maßen gefreut, als sie uns für den Weekender angefragt haben. An zwei Tagen OFF THE RADAR in Hamburg – mit fast allem, was da bisher auch immer so dazu gehörte: Apfelgarten-Techno, Punxstage-Matinee und Orbit-Schwelgerei, um nur ein paar Sachen zu nennen.

Ravi Kuma, Livez, Liiek, Pogendroblem und viele mehr

Gibt es einen Act, auf den du dich ganz besonders freust?

Ravi Kuma ist sicherlich ein Act, auf den ich mich mit am meisten freue – extrem frische Produktion, live ein Erlebnis der Extraklasse, feministisch, wild. Neulich hab ich das über sie gelesen: „Ein Liebeskind, gezeugt in einem verlassenen Container als Ergebnis einer Dreierbeziehung zwischen Peaches, M.I.A. und Vince Staples.“ Kann ich eigentlich nur genauso unterschreiben. Ansonsten sind Infinite Livez, Liiek und sicherlich Pogendroblem für die eher punkige Schiene zu nennen. Wem Techno lieber ist, sollte sich unter anderem bereit machen für Ey.Rah, Elliver und Sportbrigade Sparwasser – auch wenn ich selbst davon nicht so viel Ahnung habe – aber das halte ich für eine mehr als solide Partymischung. Dazu gesellen sich ein paar OTR-Allstars und noch mehr neue Freund:innen. Wir sind schon ganz aus dem Häuschen!

Gibt es eine Pause zwischen Freitag und Samstag?

Zwischendurch machen wir einmal kurz die Schotten dicht – heißt das so, ich lerne noch das Piratinnenvokabular –, um das Deck zu schrubben und die Gläser zu polieren. Dann geht es aber Samstagnachmittags mit voller Schubkraft wieder los. Es gibt Tickets für beide Tage, aber, na klar, auch für jeden Tag einzeln.

„Wir merken, dass wir sehr vermisst werden“

Wie sieht es mit eurer Fördermitgliedschaft aus?

Ich hatte ja schon gesagt, dass unser klammer Geldbeutel geradezu legendär und über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist. Die Pandemie hat dazu natürlich noch mal einiges extra beigetragen, obwohl wir nicht wie gewohnt veranstalten konnten. Wir haben – wie viele Kolleg:innen auch – über alternative Wege, beziehungsweise letztlich auch eine, na ja, nachhaltigere Finanzierung nachgedacht. Die Fördermitgliedschaften waren zunächst also eine Idee, wie wir die OFF THE RADAR-Ultras, die es zweifellos gibt, enger an uns binden können, ohne andauernd um Kohle zu betteln. Es bedurfte dafür aber erst einmal einer Satzungsänderung, die derzeit dem Notariat vorliegt. Wenn die durch ist, haben wir dazu auch mehr Infos.

Werdet ihr in Zukunft vermehrt auf Partys in Hamburg setzen?

Die derzeitige Entwicklung mit Jupibar und Stubnitz ist natürlich höchst erfreulich! Wir merken schon auch, dass wir sehr vermisst werden. Das ist ein ziemlich schönes Gefühl. Und es ist vor allem auch ein gegenseitiges. Andererseits sind wir keine „One-Trick-Ponys“: Wir lieben und vermissen das Festivalorganisieren und –veranstalten extrem! Wir vermissen es, den Alltag für drei, vier Tage komplett auszuknipsen. Insofern wäre es schön, wenn wir zukünftig auf eine gesunde Mischkalkulation setzen könnten: Hier und da mal paar exquisite Partys in Hamburg und POW POW ein größeres OFF THE RADAR etwas außerhalb.

OFF THE RADAR On Tour, am 27. und 28. Mai 2022 ab 19 Uhr auf der MS Stubnitz


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„Wir haben eine Verantwortung“

Die Solidarität mit der Ukraine und mit den vor dem russischen Angriffskrieg fliehenden Menschen ist groß. Auch aus der erst kürzlich wieder hochgefahrenen Club- und Veranstaltungsszene gibt es Hilfe. John Schierhorn vom Schrødingers im Schanzenpark berichtet

Interview: Ole Masch

Benefiz-Flohmarkt im PAL, Ukraine Fundraiser-Party im Edelfettwerk oder der „Peace Please Soli-Rave“ am 1. April 2022 im Fundbureau sind nur einige Beispiele, wie innerhalb der Clubszene geholfen wird. Auch die Crew um John Schierhorn vom Schrødingers packt kräftig mit an. Bereits im letzten Jahr wurde das Kulturzentrum mit dem Sonderpreis des Club Awards geehrt. Diverse Soli-Veranstaltungen, unter anderem für Sea Watch, eine wöchentliche Essensausgabe für bedürftige Menschen oder im Winter Platz für ein Zeltlager, um Obdachlosen einen Ort zum Verweilen zu ermöglichen, waren Gründe für die Auszeichnung. In der aktuellen Situation, wo täglich Tausende Geflüchtete in Hamburg ankommen, konnte das Schrødingers sein Netzwerk ebenfalls nutzen, um Menschen direkt zu unterstützen.

„Erst einmal muss es meist schnell gehen“

SZENE HAMBURG: John, woher kommt der Antrieb immer wieder zu helfen?

John Schierhorn: Es wird halt gerade einfach Hilfe gebraucht. Wir sind ja nicht nur Konzertort, sondern vor allem auch Stadtteilkulturzentrum. Als solches haben wir eine Verantwortung. Und wir wissen: Die Welt wird nicht besser, wenn nicht alle daran mitarbeiten. Also begreifen wir uns als Team und Ort, an dem jeder Mensch mithelfen kann!

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„Es wird gerade einfach Hilfe gebraucht“ sagt John Schierhorn vom Schrødingers (Foto: ohne Credit)

Welche Hilfsaktionen habt ihr im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine initiiert?

Wir unterstützen die Helfenden an der Registrierungsstelle in Wandsbek. Dort sind jeden Tag mehrere Hundert Menschen. Wir haben ein kleines Logistikzentrum gebaut und koordi­nieren die Versorgung mit warmen und kalten Speisen, Hygieneartikeln, Decken et cetera mit. Zusätzlich werden wir ab dem Monatswechsel im Schrødingers eine Kinderbetreuung einrichten, damit die geflüchteten Kids ein wenig auf andere Gedanken kommen und die Eltern sich um Orga und so weiter kümmern können.

Wie baut man so eine Hilfsaktion auf ?

Erst einmal muss es meist schnell gehen. Dann aber geht es viel um Logistik. Es braucht eine gewisse Infrastruktur vor Ort, das erleichtert jeden weiteren Schritt erheblich. Dazu zählt auch allerhand Organisation. Dabei ist die freiwillige Mitarbeit von Menschen, die idealerweise eine solide Vorbildung haben, megawichtig. Insbesondere Menschen aus dem Veranstaltungsbereich haben natürlich einen guten Überblick, wie viele Menschen zu versorgen und die Abläufe zu planen sind.

Wie schafft ihr das neben dem eigent­lichen Betrieb?

Wir teilen uns auf, arbeiten richtig viel und haben Mut zur Lücke.

„Kriege einfach nicht mehr führen, wäre ganz geil“

Wie schätzt du die Solidarität inner­halb der Club­ und Veranstaltungs­szene ein?

Die Clubs sind gerade alle mitten in der Eröffnung. Aber viele stellen zum Beispiel ihre Bandappartements zur Verfügung und die Mitarbeitenden vor Ort sind oft Clubmenschen. Lieblingskommentar gerade gestern: „Eigentlich fehlt hier nur noch der DJ.“

Wie kann man sich als Einzelperson beteiligen?

Es gibt an allen Hilfsorten mittler­weile Orgateams, die über Facebook, Padlet und Whatsapp vernetzt sind. Im Zweifel einfach vor Ort vorbeischauen und dort fragen, wie man in die Gruppen kommt.

Was sollte man vermeiden?

Einfach mit irgendwelchen Sachen kommen. Insbesondere Klamotten­ spenden werden fast nirgends mehr angenommen. Vor Ort oder in den Gruppen nach den tagesaktuellen Bedarfen fragen. Oder gerne auch einfach Geld spenden, damit kann meist am schnellsten auf die aktuellen Bedarfe reagiert und in großen Mengen eingekauft werden.

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Kriege einfach nicht mehr führen, wäre ganz geil. Und dafür sorgen, dass alle Menschen ein Dach über dem Kopf und genug gesundes Essen haben. Das kann verdammt noch mal nicht so schwer sein, wenn alle mitmachen!

schroedingers.hamburg/spenden

Eine Übersicht über weitere Hilfsaktionen, Soli-Veranstaltungen der Kultur, Demonstrationen und Informationen für Geflüchtete und Helfende gibt es im Ukraine-Ticker der SZENE HAMBURG.


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„Wir brauchen ernsthafte Perspektiven“

Anna Lafrentz, zuständig für Durchführung und Personalorganisation im Südpol, und Felix Stockmar, Booking, Finanzen und Technik auf der MS Stubnitz, gehören seit Herbst 2020 zum Vorstand des Clubkombinats. Im Interview sprechen sie über die Situation der Hamburger Musikspielstätten nach zwei Jahren Pandemie

Interview: Ole Masch

SZENE HAMBURG: Anna und Felix, wieso lässt man sich mitten in der Pandemie in den Vorstand des Clubkombinat wählen?

Anna: Wann denn sonst? Jetzt ist es akut und Arbeit, die reingesteckt wird, macht sich schnell bemerkbar. Wir können hier wirklich was für unsere Clubs erreichen und das macht neben der Anstrengung einfach super viel Spaß.
Felix: In der großen Pause ist ja eben auch ’ne Menge Luft, um sich mal aus seinem eigenen Kosmos rauszubewegen und für die Konzert- und Clublandschaft generell etwas zu bewegen. Das eigene Wissen mit anderen zu teilen, zu unterstützen und in eine gemeinsame Zukunftsgestaltung mit einzubringen.

Genervt und müde

Mit welchen Zielen seid ihr angetreten?

Anna: Meine persönlichen Ziele waren unter anderem mehr politische Wertearbeit – hier haben wir vergangenes Jahr eine wichtige Satzungsänderung in der Mitgliederversammlung verabschiedet. Zudem lag mein Fokus viel auf Öffentlichkeitsarbeit, also Pressemitteilungen oder Interviews. So haben wir die Hamburger Clubs in die bundesweiten Nachrichten gebracht und konnten zur öffentlichen Wahrnehmung unserer Kulturorte beitragen. Mein dritter Schwerpunkt ist die Awareness-Arbeit. Hier gründen wir gerade einen Round Table zum Thema und entwickeln mit weiteren Akteuren ein Weiterbildungsprogramm.
Felix: Ich habe mich vor allem viel mit der Zukunft der Live-Musik und Clubbranche auseinandergesetzt. Denn dieser große Einschnitt birgt auch die Chance, Dinge und Strukturen neu zu denken. Sich mal die Frage zu stellen: „Wollen wir bloß so ,prekär‘ weitermachen wie vor der Pandemie, oder schaffen wir es, dass sich Post-Corona wirklich strukturell etwas ändert.“ Durch den Stillstand ist vielen erstmals bewusst geworden, was die Kultur jenseits des durchsubventionierten kulturellen Erbes, die sonst ja immer selbstverständlich da war, eigentlich für einen Wert hat. Dieses Bewusstsein auch in die Politik und damit auch in Gesetzesänderungen zu bringen, ist immens wichtig.

Wie geht es der Hamburger Clublandschaft nach zwei Jahren Corona?

Anna: Ich würde sagen „erschöpft“ trifft es ganz gut. Klar sitzen wir auch in den Startlöchern, aber die letzten zwei Jahre waren für alle sehr kräftezehrend. Wenig war möglich und das mit enorm hohen Auflagen verbunden. Leere Tanzflächen und eine Absage nach der nächsten, das zieht enorm viel Energie.
Felix: Ja, genervt und müde. Das viele Hin und Her, die zunehmend fehlende Logik und Struktur hinter der Pandemiebekämpfung und das ständige „für die Tonne-Arbeiten“ wird immer frustrierender.

„Wann geht es endlich wirklich um die Menschen?“

Wie lange kann es noch so weitergehen?

Anna: Wir in Hamburg haben mit den bundesweiten Hilfen und dem Hamburger Club-Rettungsschirm erst mal alle laufenden Kosten gedeckt. Schwierig ist es, das Personal zu halten oder wiederzufinden, denn gerade selbstständige Veranstaltungsleute sind schon lange in andere Branchen abgewandert. Außerdem: Was sind die Clubs ohne die Bars und Kneipen? Da geht gerade ein großer Schwung unter, einige halten sich noch luftschnappend an der Kante. Ohne die Vielfalt dieser Läden ist auch der Clubbesuch nicht mehr dasselbe. Um eine Kultur der Nacht zu erhalten, muss sich schnell was ändern.
Felix: Ja, die finanziellen Hilfen decken vieles, aber das Geld ist im Kulturleben auch nur eine Seite. Die andere besteht darin, für andere Menschen durch kulturelle Inhalte besondere und vor allem auch soziale Erlebnisse zu schaffen. Das ist das Eigentliche, für das wir leben und das uns Kraft gibt. Je länger dieser Teil fehlt, desto schwieriger wird es die Energie zum Durchhalten aufzubringen.

Was fordert ihr von der Politik?

Anna: Wir brauchen ernsthafte Perspektiven und ehrliche Zusagen. Nach zwei Jahren und Impfungen stehen wir immer noch vor lauter Fragezeichen. Soll das jetzt jeden Herbst so gehen? Die Temperaturen sinken, die Zahlen steigen, die Läden gehen wieder zu? Wann endlich bekommen kulturelle Erlebnisse denselben Stellenwert wie Lohnarbeit? Wann geht es endlich wirklich um die Menschen und nicht nur um die Wirtschaft?
Felix: Ständig wiederholen wir die formalen Forderungen nach Inhaber:innengehalt, Lebensunterhalt für Selbstständige, keine Rückforderungen der ersten Corona-Hilfen (!), Abschaffung des bundesweiten Flickenteppichs, klare Perspektiven, Gleichbehandlung der Kultursparten und grundsätzlich die Anerkennung der Wichtigkeit von Kunst, Musik und Kultur für unsere Gesellschaft.

Es braucht Einheitlichkeit, bundesweit

Auf welche kurzfristigen Perspektiven hofft ihr?

Anna: Wir hoffen natürlich, dass wir bald wieder tanzen dürfen, mit vielen Leuten und ohne Abstand.
Felix: Mit Blick auf Frühjahr und Sommer wünschen wir uns unkomplizierte und frühzeitige Open-Air-Förderungen und sowieso eine Verlängerung der aktuellen Förderungen in vollem Umfang. Die Wiedereröffnungsszenarien müssen bundeseinheitlich geplant und rechtzeitig und transparent kommuniziert werden, sodass uns Zeit bleibt, uns vorzubereiten. Und dass diese Vorbereitung von einem wie auch immer gearteten „Konjunkturpaket“, Vorschläge an die Politik gibt es zur Genüge, begleitet wird.

Habt ihr bei den Öffnungen im Herbst Unterschiede zur Zeit vor der Pandemie bemerkt?

Anna: Die Freude der Menschen war unfassbar groß! So viel angestaute Energie, so viel Hunger nach anderen Leuten, Begegnungen, Ekstase, Rausch, laute Musik und beim Tanzen die Welt da draußen einmal kurz vergessen machen. Und damit Energie sammeln, um weiter durchzuhalten. Wie ich das bei unseren Openings beobachtet habe, fielen die ersten Unsicherheiten nach ein bis zwei Stunden im Laden von den Leuten ab. Körper und Kopf erinnern sich und lassen los. Gleichzeitig war genauso schnell bemerkbar, als die Infektionszahlen wieder stiegen. Gäste blieben vermehrt aus, enorm viele „No-Shows“, also Tickets, die nicht wahrgenommen werden. Na ja, und dann haben wir ja auch alle direkt wieder zugemacht.

Es gab auch Vorteile

Wie geht’s es euren Läden?

Anna: Puh! Viele Baustellen. Wir haben die Zeit genutzt, um uns strukturell neu aufzustellen, das wird jetzt in der Praxis geübt. Der Club ist erst mal gesichert, aber fast alle unserer Mitarbeitenden mussten sich andere Jobs suchen. Zu unserer kurzen Öffnung war unser Team zwar komplett mit vielen alten und vielen neuen, aber ohne klare Perspektive mussten die sich schnell wieder was anderes suchen. Das zehrt an den letzten Energiereserven. Aber wir haben Bock und freuen uns auf das Frühjahr mit neuen Überraschungen. Ich hoffe eigentlich nur, dass wir im Herbst nicht wieder schließen müssen und zurück in einen Rhythmus finden.
Felix: Auf der Stubnitz gab und gibt es auch eine Menge Baustellen. Die Corona-Zeit hatte diesbezüglich neben allen Nachteilen auch ein paar Vorteile, weil wir uns stark auf die Instandsetzung konzentrieren konnten. Die weitere Lebenserwartung unseres Denkmal- und Kulturschiffes ist damit ein gutes Stück vorangekommen. Vieles was im laufenden Betrieb gerne hinten überfällt wurde angegangen. Aber inzwischen sind wir heiß darauf, dass es im März bei uns wieder losgeht. Ich bin optimistisch, dass wir wieder voll loslegen und viele Menschen glücklich machen können.

Hat die Pandemie noch weitere Vorteile gebracht?

Anna: Ja! Die globale Erfahrung, dass sich alles ganz schnell ändern kann. Egal ob „das schon immer so war“. Das finde ich toll, denn es zeigt: alles ist möglich, auch die guten Veränderungen! Und persönlich weiß ich noch mal mehr, wieso ich das alles tue: für gemeinsame ästhetische Erlebnisse, die die Welt einfach zu einem besseren Ort machen. Ist so.
Felix: Dem habe ich nichts hinzuzufügen!

clubkombinat.de


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Clubszene: Wie „G“-eht es weiter?

Mit Einführung des 2G-Modells konnten Hamburgs Clubs Ende August erstmals wieder ohne Sperrstunde und Tanzverbot öffnen. Warum die neuen Möglichkeiten trotzdem heiß diskutiert werden und welches Modell für ihren Laden im Oktober gilt, erzählen Clubbetreibende aus Molotow, Nochtspeicher und Waagenbau

Text&Interview: Ole Masch

 

Am 28. August war es so weit. Hamburg wurde bundesweit Vorreiter bei der Einführung des sogenannten 2G-Optionsmodells. Weil es mittlerweile problemlos möglich ist, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen, haben zahlreiche Bundesländer nachgezogen. Grundsätzlich gilt für Clubs: Wenn nur Geimpfte und Genesene eingelassen werden, entfällt Sperrstunde, Abstandswahrung und Tanzverbot. Wie immer ist die Umsetzung der Länder unterschiedlich. Für viele Musikclubs in Hamburg ist das Modell, wie es Mitte September galt, wirtschaftlich schwierig. Anders als in Berlin bestand eine Obergrenze von 150 Feiernden (in Berlin sind es 1.000) und Masketragen beim Tanzen war obligatorisch. Das Clubkombinat forderte eine Aufhebung der Maskenpflicht, die Anhebung der Kapazitätsgrenzen und Ausnahmeregelungen durch PCR-Tests für Menschen, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können. Kurz vor Redaktionsschluss wurden Maskenpflicht und Personenbeschränkungen aufgehoben. Fenja Möller, Constantin v. Twickel und Claudia Mohr berichten, wie sie mit den neuen Möglichkeiten in ihren Läden umgehen.

 

Fenja Möller, Molotow

 

Fenja Möller, Molotow (Foto: Katrin Arfmann)

Fenja Möller, Molotow (Foto: Katrin Arfmann)

SZENE HAMBURG: Fenja, welches Modell gilt bei euch im Oktober?

Fenja Möller: Wir haben sowohl Veranstaltungen unter den 3G- als auch 2G-Regelungen. Welches Modell gilt, ist sehr von der Veranstaltung abhängig. Bei den Konzerten muss, um das 2G-Modell anzuwenden, die ganze Band geimpft sein, was noch nicht immer der Fall ist. Bei einigen Konzerten wenden wir aber auch das 2G-Modell an. Unsere Partys am Wochenende finden komplett 2G statt, da mit der 3G-Regelung noch ein Ausschankverbot ab 23 Uhr besteht, könnten wir diese gar nicht anders realisieren.

Warum habt ihr euch so entschieden?

Die nutzbaren Ressourcen aus Förderungen, Spenden und Merchverkäufen gehen langsam zur Neige, weshalb wir finanziell auf das 2G-Modell angewiesen sind. Außerdem stecken hinter dem Molotow viele Mitarbeitende, die seit Monaten auf ihre Einnahmen verzichten mussten. Darum konnten und wollten wir die Situation so nicht weiterführen.

Kritisiert ihr etwas an den aktuellen Bestimmungen?

Wir hoffen sehr, dass es möglichst bald eine Regelung für alle Menschen gibt, die sich wirklich nicht impfen lassen können.

Welche Erfahrungen habt ihr bei den ersten 2G-Abenden gemacht?

Insgesamt war das Feedback sehr positiv. Der Großteil unserer Gäste versteht den Schritt und hat sich sehr gefreut, endlich mal wieder im Molotow tanzen zu können und einen einigermaßen normalen Partyabend zu erleben. Für viele Anwesenden war es der erste Abend im Molotow nach fast zwei Jahren Pause. Auch für uns war es ein schönes Gefühl, endlich unsere Stammgäste wieder im Laden begrüßen zu dürfen und eine belebte Tanzfläche zu haben.

 

Constantin v. Twickel, Nochtspeicher

 

Constantin v. Twickel, Nochtspeicher (Foto: Martin D.)

Constantin v. Twickel, Nochtspeicher (Foto: Martin D.)

SZENE HAMBURG: Constantin, was macht ihr im Oktober?

Constantin v. Twickel: Wir haben uns im Nochtspeicher für die Hybrid-Variante entschieden. Also wahlweise nach Absprache mit Künstler*innen und Agenturen 2G oder 3G.

Warum?

Durch das Hybrid-Modell sind wir flexibel. Wirtschaftlich sind beide Varianten nicht, und es gibt auch derzeit nicht die optimale Lösung für alle. Das 2G-Modell ermöglicht uns zumindest die Möglichkeit einer höheren Auslastung und ein Näherkommen einer Vollauslastung. Die beiden Modelle 2G und 3G ermöglichen uns, zumindest für den Übergang wieder indoor zu veranstalten. Hier geht es in erster Linie darum, Kultur wieder stattfinden zu lassen, unser Publikum zu begeistern und alle Beteiligten wieder in Lohn und Brot zu bekommen. Die Kulturbranche liegt seit über anderthalb Jahren brach, mit ein paar Ausschlägen im Open-Air-Bereich.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft?

Wir sind uns über den Ernst der Lage bewusst, jedoch benötigen wir mehr Perspektiven und wünschen uns mehr Austausch mit der Politik. In unserer Branche sind so viele erfahrene Fachkräfte bezüglich Veranstaltungen, sodass wir da mit Sicherheit helfen können, praxisnahe Modelle zu entwickeln und umzusetzen.

 

Claudia Mohr, Waagenbau

 

Claudia Mohr, Waagenbau (Foto: Claudia Mohr)

Claudia Mohr, Waagenbau (Foto: Claudia Mohr)

SZENE HAMBURG: Claudia, wie geht der Waagenbau mit der Situation um?

Claudia Mohr: Wir werden tatsächlich abwarten, ob und wie sich die Reglementierung weiterentwickelt, von daher: So, wie jetzt im Moment die 2G-Regelung aufgebaut ist, ergibt es für uns größere Clubs wenig Sinn aufzumachen. 150 tanzende Menschen mit Maske im Waagenbau sind unwirtschaftlich, unsolidarisch den Menschen gegenüber, die sich aus wichtigem Grund nicht impfen lassen können und nicht wirklich das, was wir unter einer „normalen“ Clubsituation verstehen.

Was heißt das für die Zukunft?

Wir stecken gerade in einer klassischen Pattsituation: Natürlich haben wir Bock, endlich wieder ausgelassen zu feiern. Die so wichtige Parallelgesellschaft gemeinsam mit den Menschen in den durchtanzten und durchfeierten Nächten zu kreieren, die einen so entscheidenden Gegenentwurf zum Hamsterrad des Kapitalismus und der Monotonie des immer gleichen Alltags der meisten Menschen darstellt. Um das in der jetzigen Gesetzeslage zu realisieren, müssten wir Menschen von der Teilhabe ausschließen, wo doch unser Credo und unser Schaffen auf Grenzenlosigkeit, Freiheit, Liebe und Gleichheit ausgerichtet ist. Da wir aber auch einen gewissen wirtschaftlichen Druck haben, stehen wir vor der schwierigen Entscheidung: Insolvenz anmelden – sobald die Wirtschaftshilfen wegfallen – oder 2G.

 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2021. Das Magazin ist seit dem 30. September 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Das Nachtleben impft

Selten war eine Gästeliste so begehrt, wie die des Hamburger Impfzentrums. Wer es bis ins Innere geschafft hat, berichtet häufig von der guten Stimmung. Neben dem schützenden Piks, sind dafür vor allem die Mitarbeitenden verantwortlich. Weil das Nachtleben noch immer brachliegt, stammen viele von ihnen aus der Veranstaltungs- und Clubszene

Inteview & Fotos: Ole Masch

David Asante (AsanteBoM3Beat/Asante Jr.)

Seit Mitte März im Impfzentrum, seit ungefähr vier Jahren in der Musik tätig

David Asante hilft im Hamburger Impfzentrum © Ole Masch

Wie kam es zur Arbeit im Impfzentrum?

Ich bin Produzent, aber dann kam Corona und bei mir lief es nicht mehr so gut. Viele meiner Freunde arbeiten im Impfzentrum und ich habe mich ebenfalls beworben, um ein Teil des Projektes und Fortschritt in Hamburg zu sein.

Welche Aufgabe im Impfzentrum?

Ich bin Teil des Care-Teams. Unsere Aufgabe ist es, dass die Impflinge sich gut bei uns fühlen.

Schönste Impfzentrum-Anekdote?

Wahrscheinlich der Tag, an dem ich meine Lehrer aus meiner alten Schule getroffen habe. Ich gehe stark davon aus, dass keiner von uns gedacht hätte, dass wir uns im Impfzentrum wieder sehen werden.

Seit wann im Musikbereich?

Seit drei bis vier Jahren. Ich bin ein Producer aus Hamburg mit ghanaischen Wurzeln. Ich bin derzeit ein Teil von BpMusic, GFG und RapWoo und habe schon mit Artists und Produzenten wie ManLikeStunna (GFG), Jaij Hollands, Moris Beat, Brasco, Mark Griffin & Yunees Mocro und Daimzy (BP MUSIC), Kwontlose und vielen mehr gearbeitet.

Welche Aufgabe hast du dort?

Ich kümmere mich um die Produktion der Beats, sprich von den Drums bis zu den Melodien und zunehmend derzeit auch um den Mix & Master.

Was vermisst du am meisten an dieser Aufgabe?

Die Gruppen-Sessions und die Trips. Bei den Gruppen-Sessions kann man am kreativsten arbeiten. Da hat jeder seinen eigenen Input und am Ende hat man einen geilen Track. Die Trips waren gut für mich, um Inspiration zu kriegen und mit Leuten, die man zufällig trifft, zu connecten.

Machst du nach den Einschränkungen damit weiter?

Definitiv! Ich hatte Zeit an mir selber zu pfeilen und meine Pläne zu schmieden. Die Reise beginnt für mich wieder.

Welche Pläne hast du für den Sommer?

Gerade wird die erste Season von „UNSEEN“ gedroppt. Daran habe ich mit Lionel Sam und Kwontlose schon länger gesessen. Des Weiteren freue ich mich auf meine Releases mit meinen Artists und eventuell einen eigenen Track.

Felix Mörl (DJ SMUT/Uebel & Gefährlich/Audiolith)

Seit Mitte Februar im Impfzentrum, seit 2004 im Nachtleben

Wie kam es zur Arbeit im Impfzentrum?

Die anhaltende Pandemie und aussichtslose Entwicklung der Veranstaltungs- und Gastrobranche hat zu einer temporären Umorientierung geführt. Die Möglichkeit etwas zu machen, was zu einer positiven Entwicklung unserer Lage beiträgt, hat mich motiviert. Auch fand ich den Gedanken Menschen in einer von Entbehrung und Isolation geprägten Zeit etwas Positives zu vermitteln schön und erfüllend.

Welche Aufgabe hast du dort?

Vom Springer über Cluster Koordination bis zur Leitung des Care-Team (mit Florian, Anna und Laura).

Schönste Anekdote?

„Haben Sie eine Oma, wenn nein – darf ich Sie adoptieren?“ Viele Ü80-Impflinge haben wahrscheinlich selten so einen freundlichen Kontakt zur jüngeren Generation gehabt und mit Glück, wird das etwas sein, woran sie sich die letzten Jahre ihres Lebens erinnern. Die Jugend ist nicht schlecht!

Deine Aufgabe im Nachtleben?

Unter anderem Booker im Uebel & Gefährlich, Artist-Care Dockville, Spektrum/Vogelball, Garbicz, Habitat Festival und andere.

Was vermisst du am meisten?

Den Pragmatismus, die Spontanität und den Blick in glückliche, verschwitzte und hypnotisierte Gesichter.

Machst du nach den Einschränkungen weiter?

Klar! Sobald es geht und so langsam nimmt es Fahrt auf. Club-Veranstaltungen dann, wenn es Full Flavour weitergeht – 2022.

Welche Pläne hast du für den Sommer?

Einen soften oder auch harten Return in meinen Job. Glück geben, Glück erleben.

Teresa Hähn (Pfund&Dollar/Dschungel/Act Aware e.V.)

Seit Februar im Impfzentrum. Seit 2015 im Festivalbereich. Schon immer an diversen Tresen

Teresa Hähn hilft im Hamburger Impfzentrum © Ole Masch

Wie kam es zur Arbeit im Impfzentrum?

Es war ein Sommer mit diversen Jobs auf Festivals geplant. Natürlich wurde alles abgesagt. Als ich hörte, dass sich hier die halbe Hamburger Veranstaltungs-Szene tummelt, habe ich mich sofort beworben.

Welche Aufgabe hast du dort?

Ich bin eine der Koordinator*innen des Care-Teams.

Schönste Anekdote?

Hier arbeitet mindestens ein*e Kolleg*in aus jedem Veranstaltungsjob, den ich je in Hamburg gemacht habe.

Deine Aufgabe im Nachtleben?

Auf Festivals: Produktion, Crew-Koordination, Kunstvermittlung oder Radlader fahren. Außerdem arbeite ich hinterm Tresen vom Dschungel St. Pauli, schreibe mit meinem Verein Act Aware e. V. Awareness-Konzepte für Veranstaltende und betreibe mit ein paar Leuten die Galerie Pfund&Dollar mit angeklinktem Label für experimentelle Musik.

Was vermisst du am meisten?

Ich liebe es, in einer tollen Crew intensiv an einem Projekt zu arbeiten und am Ende viele leuchtende Augen und glückliche Menschen zu sehen.

Machst du nach den Einschränkungen weiter?

Ob ich damit weitermache stand nie in Frage. Dafür brenne ich viel zu sehr für alles, was mit Nachtleben, Veranstaltungen und Kunst zu tun hat.

Welche Pläne hast du für den Sommer?

Im Dschungel geht es ab sofort weiter, mein Awareness-Projekt konnte die ganze Zeit digital weiterlaufen und in der Galerie Pfund&Dollar starten wir ein einmonatiges Programm im Rahmen des „Kultursommers“ der Stadt.

Jakob Seidensticker (Wareika/We R The Aliens)

Seit Anfang März im Impfzentrum, seit circa 1998 im Nachtleben

Jakob-Seidensticker-credit-Ole-Masch

Wie kam es zur Arbeit im Impfzentrum?

Ich hatte keine Lust auf weitere Corona-Hilfen zu hoffen und als ich hörte, dass es Bedarf im Impfzentrum gab, dachte ich, ich bewerbe mich direkt.

Welche Aufgabe hast du dort?

Ich kümmere mich um alle Belange der Menschen. Gerade die Älteren sind häufig ein wenig eingeschüchtert, wenn sie die große Halle mit den langen Wegen und die vielen Menschen sehen. Im Gespräch kann man viele Ängste nehmen.

Schönste Anekdote?

Zu sehen, dass viele Menschen gerade während Corona sehr alleine sind, macht schon traurig. Es gab sehr viele Momente, wo ich mich persönlich austauschen konnte und merkte, wie sehr diese sich mir gegenüber öffneten. Wann spricht man schon mal mit völlig fremden Menschen über die Freuden und das Leid des Lebens?

Deine Aufgabe im Nachtleben?

Ich bin DJ, spiele mit Henrik Raabe & Florian Schirmacher als Wareika live weltweit auf unterschiedlichen Bühnen, habe jahrelang selbst Partys veranstaltet.

Was vermisst du am meisten?

Mit Freunden und auch unbekannten Menschen zu sprechen, zu tanzen, zu weinen und zu trinken! Und das Reisen in vermeintlich ganz andere Kulturkreise, um festzustellen, dass sich Menschen doch recht ähnlich sind.

Machst du nach den Einschränkungen weiter?

Ja klar! Zum Glück melden sich bereits einige Veranstalter bei uns und das macht mich wirklich sehr froh.

Welche Pläne hast du für den Sommer?

Ich werde noch ein wenig im Impfzentrum unterstützen und dann wieder in meine alte Tätigkeit reingleiten, um mit der Musik meinen Lebensunterhalt verdienen.

Romina Tiedtke (Froggys)

Seit Mitte März im Impfzentrum, seit 2017 im Nachtleben, parallel zum Studienbeginn

Romina Tiedtke hilft im Hamburger Impfzentrum © Ole Masch

Die Studentin Romina Tiedtke war vor ihrer Zeit im Hamburger Impfzentrum Barkeeperin in Eimsbüttel © Ole Masch

Wie kam es zur Arbeit im Impfzentrum?
Ich habe zu dem Zeitpunkt mit dem Gedanken gespielt, mein Studium für ein Semester zu pausieren. Dann stieß ich über Social Media auf die Stellenanzeige und hatte einen spontanen Impuls, dass das für den Moment genau das Richtige sein könnte. Spontan beworben, spontan vorgestellt und spontan ein Angebot für das Feel-Good-Team bekommen. Ich folge gerne solchen Impulsen und bin sehr dankbar über den Job und über die tollen Menschen, die ich dort kennenlernen durfte.

Welche Aufgabe hast du dort?
Ich versorge Kolleg*innen mit allem was das Herz begehrt: Snacks, kühlen Getränken und einer Prise guter Laune – im Prinzip ein bisschen das, was ich vor Corona auch gemacht habe.

Schönste Anekdote?
Ich habe gemerkt, wie faszinierend ich von dieser Parallelgesellschaft bin. In meinem „Tanzbereich“ gibt es recht viele Schnittmengen zum „echten“ Leben. Zum Beispiel ein DJ, der bei uns im Lager die „Tanzfläche“ leerfegt – nur eben in einem anderen Kontext.

Deine Aufgabe im Nachtleben?
Ich bin Barkeeperin in der Eckkneipe Froggys in Eimsbüttel.

Was vermisst du am meisten daran?
Unsere Gäste, den Kontakt zu den Menschen, ihre Geschichten, die Geschichten, die diese Kneipe schreibt. Wir sind ein sehr familiäres Team, haben viele Stammgäste und ich freue mich über jeden neuen Menschen, der diese Kneipe kennen- und lieben lernt. Ich bin Barkeeperin aus Leidenschaft, ich bin gerne Gastgeberin und gehe häufig nach Feierabend nicht sofort nach Hause. Es ist mein zweites Zuhause.

Machst du nach den Einschränkungen weiter?
Auf jeden Fall. Wir haben unseren Außenbereich bereits wieder geöffnet und ich freue mich, dass es endlich wieder losgehen kann.

Welche Pläne hast du für den Sommer?
Bisher habe ich noch nichts Konkretes geplant, aber im „Urlaubssemester“ auch mal ein bisschen Urlaub zu machen, wäre schön. Und vielleicht ein kleines Festival besuchen und mal wieder ein bisschen tanzen.

Roman Adam (Bildet mit Jörg Wittekindt das DJ-Duo Kuestenklatsch)

Vom ersten Tag im Impfzentrum, seit über 20 Jahren DJ und Veranstalter

Roman Adam hilft im Hamburger Impfzentrum © Ole Masch

Roman Adam ist Teil des Venue Managements im Hamburger Impfzentrum © Ole Masch

Wie kam es zur Arbeit im Impfzentrum?
Über den ganz normalen Bewerbungsweg Mitte Dezember. Die Stellenausschreibung wurde online gestellt und einen Tag später hatten wir gleich unser Vorstellungsgespräch.

Welche Aufgabe habt ihr im Impfzentrum?
Ich arbeitete im Venue Management und bin zuständig für die gesamte Warenwirtschaft im Impfzentrum. Von der Warenannahme, über die Logistik bis hin zur Koordinierung der Verteilung. Jörg, der zweite Teil von Kuestenklatsch, ist Koordinator in der Dokumentation sowie im Impf-Cluster. Die Dokumentation ist die letzte Instanz vor der Übermittlung der Daten an das RKI. Hier wird alles auf Richtigkeit geprüft, bevor die Daten weitergeleitet werden. Als Cluster Koordinator ist er für eine reibungslosen Ablauf und dem Zusammenspiel aller Gewerke im Impfcluster zuständig.

Schönste Anekdote?
Der Moment, wenn man das erste Mal die ganzen Leute im Impfzentrum gesehen hat, die du sonst aus dem Nachtleben kennst. Zum Beispiel der Türsteher der sonst grimmig an der Clubtür steht und hier im Impfzentrum die Impflinge freundlich empfängt und ihnen den Weg weist. Das aber wohl schönste Beiwerk am Impfzentrum ist, dass man so unfassbar viele unterschiedliche Menschen über die letzten Monate kennengelernt hat.

Aufgabe im Nachtleben?
DJ und Produzenten Duo im Tech-House Bereich.

Was vermisst ihr am meisten?
Das Auflegen vor Menschen und die Energie die während der Sets zwischen uns und den Gästen entsteht. Am allermeisten jedoch ist es das direkte Feedback der Gäste, das Jubeln und Applaudieren, die dunklen Clubs, die laute Musik, feiernde und tanzende Menschen – einfach das gesamte Club-Feeling. Das kann dir kein Stream geben.

Macht ihr nach den Einschränkungen weiter?
Ja klar! Wir haben nie aufgehört während der Pandemie. Ganz im Gegenteil, wir haben die Zeit genutzt und haben uns förmlich ins Studio eingeschlossen. Wir haben uns die Finger wund produziert und das Jahr 2020 mit 62 offiziellen Track Releases abgeschlossen. Dazu haben wir unser Label weiterhin vorangebracht und uns einfach jeden Tag mit unserer Musik beschäftigt

Welche Pläne habt ihr für den Sommer?
Sehr viele ehrlich gesagt. Wir sind gerade mitten in der Umbenennung unseres Künstlernamens. Der Name Kuestenklatsch hat uns nun lange begleitet. Da wir aber hauptsächlich auf internationalen Labels releasen und auch sehr viel im Ausland spielen, macht ein international verständlicher Name einfach Sinn für die kommenden Jahre. Momentan drehen wir gerade mit einem kleinen Film-Team eine kurze Documentary über uns, in der es um die Umbenennung geht. Mitte Juli soll es dann so weit sein und dann wollen wir den neuen Projektnamen launchen.

Philipp Wolgast (Such A Saint)

Seit Ende März im Impfzentrum, seit 1988 im Nachtleben

Philipp Wolgast hilft im Hamburger Impfzentrum © Ole Masch

Philipp Wolgast ist Teil des Care-Teams im Hamburger Impfzentrum und war vorher DJ © Ole Masch

Wie kam es zur Arbeit im Impfzentrum?
Mein lieber Freund Jakob Seidensticker erzählte mir, dass er dort anfängt. Dann habe ich mich flux auf der Seite jobs.hamburgimpft.de beworben. Als kreativer Nachtschaffender kam mir diese Gelegenheit gerade recht.

Welche Aufgabe hast du dort?
Ich gehöre zum sogenannten Care Team, dessen Aufgabe es ist, für einen angenehmen und reibungslosen Aufenthalt der Impflinge zu sorgen. Ich selbst stehe allerdings vor allem am Ausgang, um die Leute sanft vom Gelände zu geleiten.

Schönste Impfzentrum-Anekdote?
Das Kennenlernen einer 106-jährigen Dame, die ich begleiten durfte. Sie hatte eine Menge zu erzählen, kam dort ganz allein, ohne Unterstützung, angewackelt, und hat mein Herz im Sturm erobert. Ich habe – wieder einmal – erfahren, wie wichtig es ist, Respekt vor älteren Leuten zu haben. Wenn ein solches Maß an Lebenserfahrung mit einem klaren Geist gekoppelt ist, dann können Leute wie ich einfach nur noch zuhören.

Welche Aufgabe im Nachtleben?
DJ, Live-Act, Veranstalter

Was vermisst du am meisten an dieser Aufgabe?
Die Aufgabe selbst. Hier ins Detail zu gehen, würde den Rahmen sprengen.

Machst du nach den Einschränkungen damit weiter?
Ich habe mich bereits eine Weile vor Corona umorientiert und eine Ausbildung zum Sozialtherapeuten absolviert. In diesem Beruf arbeite ich allerdings leider zum Mindestlohntarif, was ein Auskommen quasi unmöglich macht. Wie es mit dem Künstlerdasein für mich weitergeht, kann ich zurzeit noch nicht sagen. Aber wirklich aufhören, ein Künstler zu sein, tut ein Künstler nie.

Welche Pläne hast du für den Sommer?
Ich werde mich, nach dem Job im Impfzentrum, erst einmal in die Schweiz zu meinen Kindern begeben. Alles weitere steht in den Sternen.

Tito (Elbrausch Equipment)

Vom 17. Mai bis 13. Juni im Impfzentrum, seit 2005 im Veranstaltungsbereich

Tito hilft im Hamburger Impfzentrum © Ole Masch

Tito half im Warteraum des Hamburger Impfzentrums © Ole Masch

Wie kam es zur Arbeit im Impfzentrum?
Hartz 4 war nicht genug und der Job war vor der Tür

Welche Aufgabe hattest du dort?
Warteraum-Aufsicht

Schönste Anekdote?
Das digitale Impfzertifikat kommt mit der Post

Deine Aufgabe im Nachtleben?
Lautsprecherverleih und Veranstaltungsmanagement

Was vermisst du am meisten?
Laute Musik, das Gefühl von gelebter Freiheit, kreative neue Menschen

Machst du nach den Einschränkungen weiter?
Auf jeden Fall! Ich setze mich für die Aufhebung des Tanzverbots ein, am 19. Juni fanden dazu in zehn Städten Demonstrationen statt.

Welche Pläne hast du für den Sommer?
Ich werde Open-Airs veranstalten.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Juni 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Meet the Resident – Usus

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Residents vor, diesmal: Usus von Step2 und WobWob  – präsentiert von hamburg elektronisch

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman

 

SZENE HAMBURG: Wie würdest du deinen Sound beschreiben?

UK Bassmusik: Wilde Mischung aus Garage, Jungle, Breaks, Dub(step), Halftime und am liebsten alles dazwischen.

Wann ist deine Lieblingsplaytime?

Die Abenddämmerung im Freien und sonst zwischen 2 und 5 Uhr.

Wann war dein letzter Gig vor Live-Publikum?

WobWob im Januar 2020.

Was war dein größter Moment als DJ?

Am schönsten waren immer spontane B2B-Sessions mit holprigen Übergängen am Ende der Nacht im Goldenen Salon (Hafenklang). Und natürlich der Fakt dieses Jahr mein erstes Vinyl Release in den Händen halten zu können!

 

Was ist für dich die Platte des Monats?

Proc Fiskal – Lothian Buses

Hast du einen Wochenend-Tipp im Club-Lockdown?

Lecker kochen, Musik machen oder anderweitig kreativ werden. Zum Beispiel mit Freunden ein eigenes Hörspiel kreieren.

 

Ein aktuelles Set von Usus hört ihr hier:

https://soundcloud.com/hamburg-elektronisch/podcast-45-usus


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2021. Das Magazin ist seit dem 29. April 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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