Beiträge

Atmen: Von wegen nur Luft!

Von biblischen Metaphern zu Black Lives Matter: „Atmen“ ist die erste große Ausstellung weltweit, die zu diesem Thema Werke der Alten Meister mit der Kunst der Gegenwart zusammenbringt. Ein Gespräch mit der Kuratorin Brigitte Kölle über die politische Dimension des Atmens, kontaminierte Seifenblasen und Pandemie – und warum es ein gutes Zeichen ist, wenn wir nicht auf unseren Atem achten

Interview: Sabine Danek

 

SZENE HAMBURG: Brigitte Kölle, die Ausstellung „Atmen“ spannt einen beeindruckend weiten Bogen. Wie ist er entstanden?

Brigitte Kölle: In den letzten Jahren habe ich eine Reihe von Ausstellungen an der Kunsthalle kuratiert, die sich mit gesellschaftlich relevanten, teils auch tabuisierten Themen beschäftigen. „Besser scheitern“ machte den Anfang, dann kam „Warten“, dann „Trauern“. Für „Atmen“ habe ich meine Kollegin Sandra Pisot, die in der Kunsthalle die Sammlung der Alten Meister betreut, gefragt, ob wir nicht die Ausstellung gemeinsam machen wollen. Ich finde es spannend zu untersuchen, wie sich Künstler:innen mit kollektiven Erfahrungen auseinandersetzen – und wie sie das über die Jahrhunderte hinweg tun.

Hat sich das Bild des Atems über die Jahrhunderte grundsätzlich verändert?

Vieles von dem, was unsere Sicht bestimmt, ist schon vor Jahrhunderten angelegt. Beispielsweise das Verständnis des Atmens als Lebensspender, als Zeichen der Kreativität und Inspiration, als Voraussetzung für Kommunikation und Sprache. Die Problematisierung des Atmens hat sich heute jedoch verschärft: Umweltverschmutzung, Industrialisierung, der ungleiche Zugang zu frischer Luft, die Luft als Medium der Kontrolle, der Disziplinierung und der rassistischen Gewalt und vieles mehr. Das Atmen hat eine gesellschaftspolitische Relevanz und diese tritt heute deutlicher zutage. Und natürlich haben sich die Medien und Formen der Kunst selbst verändert. Wo es früher Bilder und Skulpturen gab, gibt es jetzt Soundpieces, Videos, Fotografien, Rauminstallationen, performative Werke.

„Das Atmen ist unsere unmittelbarste Beziehung zur Welt“

Sie sagen, dass „Atmen immer eine – mehr oder weniger offensichtliche – gesellschaftspolitische Aussage trifft“.

Es ist entscheidend, ob die Atmung als ein allgemeines Recht aller verstanden wird oder ein ungleich verteiltes Gut ist. Das haben wir in der Pandemie in der Frage nach dem Zugang zu nötigen Beatmungsgeräten erfahren. Und nicht von ungefähr ist der Satz „I can’t breathe“ zu einer sprichwörtlichen Anklage von institutioneller, rassistischer Gewalt geworden.

atmen Kunst Markus Schinwald_Phoebe_2017

Markus Schinwald: Phoebe, 2017 (Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2022)

Gerade auch durch die Pandemie ist der Atem viel stärker in unserer Bewusstsein gelang. Gibt es Arbeiten, die das thematisieren?

Am stärksten – so finde ich persönlich – ist unsere Erfahrung von Corona in den Bildern von Markus Schinwald erlebbar, die er interessanterweise jedoch einige Jahre vor COVID-19 angefertigt hat. Es sind alte Porträts, in die Schinwald Masken, Zangen, Stützen malerisch eingefügt hat. Das Interessante dabei ist jedoch nicht die Parallele zu den Attributen der Pandemie, sondern der Riss in unserer Beziehung zur Welt, den Corona erzeugt hat und für den Schinwald eine Bildsprache entwickelt hat. Das Atmen ist, wie es der Soziologe Hartmut Rosa formulierte, unsere unmittelbarste Beziehung zur Welt. Diese unhinterfragte, und oft unbewusste Form der Wechselbeziehung ist nun infrage gestellt worden.

„Vielleicht versuchen manche sogar die Luft anzuhalten“

Die Ausstellung erstreckt sich durch weite Teile der Kunsthalle. Zentral ist die radikale Installation von Teresa Margolles.

„En el Air“ ist eine unglaublich bezaubernde und zugleich schockierende Arbeit. Sie besteht aus Seifenblasen, die im Lichthof der Galerie der Gegenwart auf die Besucher:innen fallen. Schillernd, leicht, verführerisch. Doch die Seifenlauge ist mit einem Stoff infiziert, der wiederum mit den Orten von Gewalttaten in Berührung gekommen ist. Plötzlich bekommen die schönen Seifenblasen etwas Bedrohliches, Kontaminiertes. Wir können ihnen jedoch nicht ausweichen, sie zerplatzen auf unserer Haut, unserer Kleidung. Vielleicht versuchen manche sogar die Luft anzuhalten, um sie nicht einzuatmen, aber wir spüren, dass wir uns nicht entziehen können. Dass alles miteinander zusammenhängt und nicht unabhängig voneinander existiert. Von jeher sind Seifenblasen ein Sinnbild für die Vergänglichkeit des Lebens. Teresa Margolles fügt dem eine zwingende Komponente hinzu, die uns keine Möglichkeit zur Flucht gibt.

Auch Forensic Architecture haben eines ihrer Werke auf die Schau zugeschnitten.

Mit ihrer Arbeit „Cloud Studies“ untersucht Forensic Architecture Formen der Kriegsführung von Staaten und Unternehmen durch die Luft. Herbizide, Tränengas, Phosphor – allesamt Substanzen, die sich schlecht nachweisen lassen, da sie ihre Form verändern und eh fast unsichtbar sind. Anhand von Wolkenformationen versucht Forensic Architecture diese bildlich „zu fassen“ und zieht hier Parallelen zur Tradition der Wolkenbilder in der Kunstgeschichte. Wir haben daher ganz bewusst romantische Wolkenstudien von Caspar David Friedrich und anderen daneben gehängt. Plötzlich sieht man die so vertrauten Bilder mit anderen Augen!

Andreas Greiner hingegen hat, wie manche andere, extra eine Arbeit entwickelt.

Auf dem Vorplatz der Hamburger Kunsthalle stehen zwei riesige Platanen. Letzten Herbst haben wir Samenkugeln gesammelt, die Andreas Greiner in seinem Berliner Atelier über einige Monate gehegt und gepflegt hat. Die inzwischen ungefähr 15 cm großen Setzlinge sind in schwarze NASA-Säcke gepackt, die von der Decke hängen und gleichsam im Raum schweben. Sie begrüßen die Besucher:innen und machen auf den Kreislauf von Sauerstoff- und Kohlendioxid-Produktion aufmerksam, auf das faszinierende, aber auch fragile Ineinandergreifen von Mensch und Natur.

Lee Ufan koppelt den Malprozess an seinen eigenen Atem

Kunst Natalie Czech_Fact_True Fact_2020

Natalie Czech: True Fact, 2020 (Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2022)

Gibt es ein Werk, das Sie besonders überrascht hat?

Heute haben wir einen Raum mit Arbeiten von Lee Ufan eingerichtet. Er koppelt den Malprozess an seinen eigenen Atem: Beim Ausatmen setzt er einen Pinselstrich auf die Leinwand. Das sind sehr reduzierte und minimalistische, ja meditative Arbeiten, die eine enorme Präsenz im Raum entwickeln. Ungeheuer stark. Und es ist schon verrückt zu erleben, wie man intuitiv und emphatisch den eigenen Atemrhythmus dem des Künstlers angleicht.

In die Stadt hinein wird Jenny Holzers Arbeit „I can’t breathe“ leuchten, die an die Wand der Galerie der Gegenwart projiziert wird. Wie kam es dazu?

Jenny Holzer ist mit ihrem LED-Laufband, das sie bei Einrichtung der Galerie der Gegenwart vor 25 Jahren anbrachte, der Kunsthalle sehr verbunden. In der Ausstellung sind drei kleine bronzene Textarbeiten zu sehen. Und am 19. November wird sie eine riesige Außenprojektion auf die Galerie der Gegenwart werfen, die sie so noch nie realisiert hat: Es sind die letzten Worte von George Floyd und viele Namen der Opfer von rassistischer Gewalt. Das ist eine ephemere Arbeit, aber ein starkes Statement. Wegsehen geht nicht.

Wird man nach dem Besuch der Ausstellung anders auf seinen Atmen achten?

Ja, ganz bestimmt. Aber dann werden wir das Atmen auch wieder vergessen. Das ist doch gerade das Faszinierende: Wenn wir nicht auf unseren Atem achten, wenn er einfach so vonstattengeht ohne viel Beachtung oder Aufhebens, dann ist alles in Ordnung.

„Atmen“, noch bis zum 15. Januar 2023 in der Hamburger Kunsthalle


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

 

 

 

„Unsere Gesellschaft ist nicht gespalten“

Die Apotheke am Neuen Pferdemarkt gibt es seit 1825, der Vater von Dr. Maurice Khalil übernahm sie 1972. Dr. Khalil hat Zehntausende von Corona-Tests durchgeführt. Ein Gespräch über soziale Verantwortung, zufriedene Kunden und tätliche Übergriffe

Interview & Foto: Markus Gölzer

SZENE HAMBURG: Herr Khalil, war immer klar, dass Sie Apotheker werden wollen?

Dr. Khalil: Ja. Ich bin hier in der Schanze aufgewachsen, als Kind habe ich immer in der Apotheke gespielt. Seitdem wollte ich Apotheker werden. Früher war das so, dass hier kaum einer wohnen wollte. Hier war ein hoher Anteil an Zuwanderern, die Stück für Stück verdrängt wurden. Es war auch schwierig, Mitarbeiter zu finden.

Da hat Ihr Vater Pionierarbeit geleistet, wenn man so will.

Mein Vater war, man glaubt es kaum, der erste Nichteuropäer, der in Deutschland eine Betriebserlaubnis für eine Apotheke bekommen hat. Der Zweite Weltkrieg ist 1945 zu Ende gegangen. 1972 war ja nur eine Generation später. Das war damals für Nichtdeutsche schwer und ist es heute.

Es gibt auch für Spanier oder Portugiesen trotz EU abstruse Regeln, dass sie so und so lange in Deutschland gearbeitet haben müssen, um eine Betriebserlaubnis zu bekommen und eine Apotheke übernehmen zu dürfen. Viele Jahre waren Menschen mit anderer Hautfarbe ein seltenes Bild in einer Apotheke. Mit der Folgegeneration der ehemaligen Einwanderer hat sich das geändert.

Was haben Sie sich als Apotheker gedacht, als die ersten Berichte über ein neues Virus kamen?

Ich habe an eine Pandemie gedacht. Das war der 14. Januar. Da wurde ich von Kollegen ausgelacht, weil ich vieles umgestellt habe, mich nicht nur mit den wichtigsten Arzneimitteln bevorratet habe, sondern auch mit Schutzmasken und Desinfektionsmitteln.

Hintergrund war, dass mit Lieferengpässen zu rechnen war. Die auch kamen. Im Zuge der Gesundheitsreform werden nur noch wenige Arzneimittel in Deutschland hergestellt, sondern beispielsweise in Indien oder China. Das Bevorraten war ein enormes Risiko, weil wir vorfinanzieren mussten. Aber Kunden und Patienten waren dankbar. Die haben schnell bemerkt: Bei dem gibt’s das noch.

„Die Bundesregierung hätte die Preise deckeln müssen“

Dr. Maurice Khalil

Kam es zu Preissteigerungen?

Die Preise bei Arzneimitteln sind festgelegt. Bei Corona-Tests oder solchen Geschichten nicht. Da haben sich Ende letzten Jahres die Preise mindestens verdoppelt. Die Infektionen gehen nach oben, die Nachfrage steigt, die Preise auch. Das sehe ich als großen Fehler an. Die Bundesregierung hätte die Preise deckeln müssen.

Ganz extrem war es im Frühjahr vergangenen Jahres, als man für FFP2-Masken 25 oder 30 Euro bezahlen musste, die zu Nicht-Pandemiezeiten Cent-Artikel waren. Wir sind irgendwann ausgestiegen und haben keine Masken mehr verkauft, weil die Preise gar nicht vermittelbar waren.

Wer genau hat die Preise so erhöht?

Das waren die Importeure. Manchmal hatte man das Gefühl, dass die sich abgesprochen haben. Normalerweise gibt es so etwas im pharmazeutisch-medizinischen Bereich nicht, weil das ein ethischer Beruf ist. Es ist nicht zulässig, eine Empfehlung auszusprechen, nur weil ich einen höheren Gewinn an dem Medikament habe. Das hätte ich mir auch in dem Bereich medizinische Masken oder Desinfektionsmittel von den entsprechenden Behörden gewünscht. Das galt auch für Tests. Für einen kurzen Zeitraum waren diese kostenpflichtig. Wir haben das für acht Euro gemacht, während kommerzielle Anbieter zwischen 14 und 25 Euro genommen haben. Irgendwann im Oktober war das. Wir sind plus/minus null rausgegangen, weil wir das als unsere soziale Verantwortung gesehen haben. Das ist initial auch der Grund, warum wir die Tests jetzt noch durchführen.


SZENE HAMBURG Ein Jahr mit Corona 22/2021

  • Systemrelevant
  • Veranstaltungsstopp
  • Covid-19 Lockdown
  • Restaurantschliessungen
  • Inzidenzwert
  • Kulturkampf
  • Homeoffice
  • Grundversorgung
  • Impfstoff
  • Homeschooling

Heft hier in unserem Onlineshop kaufen


Bieten Sie noch PCR-Tests an?

Das war der Vorschlag des neuen Gesundheitsministers, dass es nur noch für Risikopatienten oder Berufe wie Krankenschwestern aufgrund eines vermuteten Engpasses bevorzugt die PCR bekommen sollen. Ob der Mangel wirklich so hoch ist, weiß ich nicht. Was ich weiß, ist, dass nicht jeder, der testet, auch PCR anbietet. Der Grund: Die Vergütung durch die Stadt Hamburg für Durchführung, Vorbereitung und Nachbereitung eines PCR-Tests ist extrem niedrig, das Infektionsrisiko extrem hoch. Dafür müssen Sie erst mal einen finden.

Unser Einzugsgebiet ist riesig. Es kommen Leute aus Norderstedt oder Harburg. Die sagen, sie sind schon den ganzen Tag rumgelaufen, weil das Kind in der Schule positiv getestet wurde, und keiner wollte das machen. Wir bieten den Menschen, die wir positiv testen, niedrigschwellig den Zugang zu einer PCR an.

„Bei uns geht es nicht nur um das reine Testen, sondern auch um die Beratung der Menschen“

Dr. Maurice Khalil

Wie viele Leute testen Sie pro Monat? Wie viele sind positiv?

Ich weiß es nicht genau, aber es sind Tausende im Monat, die wir testen und Hunderte, die wir positiv testen und denen wir den Weg zu einer PCR ermöglichen. Viele unserer Kunden haben keinen Zugang zu elektronischen Medien, können keinen QR-Code scannen. Oder sie haben Probleme zu schreiben. Da müssen Sie den Leuten richtig helfen. Das können Sie gar nicht mit dem, was die Stadt Hamburg dafür bezahlt.

Bei uns geht es nicht nur um das reine Testen, sondern auch um die Beratung der Menschen und am Ende auch um Qualitätsmanagement. Mit der PCR-Testung überprüfen wir gleichzeitig unsere Schnelltests. Wir haben viele Zehntausend Menschen getestet, und die, die wir falsch positiv getestet haben, waren eine Handvoll.

Wurden Sie schon von Corona-Leugnern bedroht?

Ja (lacht). Menschen lassen sich aus unterschiedlichsten Gründen testen. Die einen aus Gesundheitsvorsorge, auch wenn sie geimpft oder geboostert sind. Sie wollen andere nicht gefährden. Wir haben Menschen, die nicht geimpft sind und partout nicht geimpft sein wollen. Und wir haben ganz, ganz wenige, die sich testen müssen, sich aber weigern. Und das ist ganz, ganz anstrengend.

Es ist nicht angenehm, ein Stäbchen im Rachen oder in der Nase zu haben. Aber wenn Menschen anfangen rumzuschreien, obwohl sie das Stäbchen noch nicht richtig in der Nase haben, wissen Sie, wo die Geschichte hingeht. Alle, die dahinterstehen, gucken ganz erschrocken, sind geschockt. Und leider gibt es auch ein extremes Beispiel: Da kommt einer vorbei, stürmt hinten in die Apotheke und schlägt zu. Auch einer, der sich nicht testen lassen wollte, aber musste. Ich habe keinen Ton gesagt und schon die Faust im Gesicht gehabt. Der hat so zugeschlagen, dass ich erst mal ins Krankenhaus musste. Man muss aber sagen: Wir haben einige Zehntausend Menschen getestet – davon wurden vielleicht 30 auffällig.

Waren Sie traumatisiert?

Auf alle Fälle. Körperliche Schäden habe ich jetzt noch. Ich habe wochenlang ein Problem gehabt, Fremden gegenüberzutreten. Jemanden beim Testen zwanzig oder dreißig Zentimeter entgegenzukommen, ohne zu wissen, wie der tickt.

Zum Glück muss ich nicht mehr daran denken. Aber es war unglaublich, wie viele Menschen danach zur Apotheke gekommen sind. Ich habe unzählige Geschenke und Briefe bekommen. Von allen möglichen Leuten bis hin zu Prominenten. Ganz, ganz groß. Sonst hätte ich das gar nicht weitergemacht. Aber wie der Bundespräsident gesagt hat: Unsere Gesellschaft ist nicht gespalten. Die überwiegende Mehrheit der Menschen ist sich einig. Es ist eine kleine Minderheit von Corona-Leugnern, die anderer Meinung sind.

Schon Pläne für die Zeit nach Corona?

Ich habe seit sicher zwei Jahren keinen Urlaub mehr gehabt. Da fahr ich erst mal an die Ostsee. Da ist es schön (lacht).

pferdemarkt-apotheke.business.site

Corona trifft die, die schon vorher weniger hatten

Das Armutsrisiko in Hamburg steigt: Trotz staatlicher Unterstützung fallen viele Menschen während der Pandemie durchs Raster

Text: Andreas Daebeler

Flaschensammler bessern rund um Millerntor und Barclays Arena ihr Einkommen auf. Straßenmusiker erspielen sich auf dem Kiez ein paar Euro. Trinkgeld landet im Pott – und wird nach der Schicht unter allen, die an der Bar ackern, aufgeteilt. Das sind Bilder, die uns bis März 2020 vertraut waren. Sie sind seltener geworden.

Stadien sind leer, der Kiez ist weit weg vom Trubel früherer Jahre. Bars sind geschlossen. Corona hat gerade die, die schon vor der Pandemie nicht viel hatten und kreativ sein mussten, um im teuren Hamburg klarzukommen, noch ärmer gemacht. Eine Zahl belegt das. Sie prägt den vor wenigen Wochen präsentierten Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, in dem das erste Corona-Jahr beleuchtet wird. Demnach lag Hamburgs Armutsrisiko-Quote bei 17,8 Prozent und somit über dem bundesweiten Niveau von 16,1 Prozent. Das Risiko, in die Armut abzugleiten, stieg in Hamburg deutlich an – von 15 Prozent im Jahr zuvor.

Pandemiebedingte Mehrkosten

„Angesichts des wirtschaftlichen Einbruchs überrascht uns der Anstieg der Armutsquoten nicht“, so Kristin Alheit, die die Geschäfte beim Paritäten führt. Dass die Zahlen nicht dramatischer gestiegen seien, liege offensichtlich an den rasch von Bund und Hamburger Senat ergriffenen Maßnahmen wie dem Kurzarbeiter- und dem Überbrückungsgeld. Viele Menschen hätten zwar schmerzhafte Einbußen hinnehmen müssen, seien dank stattlicher Maßnahmen jedoch noch nicht in die Armut abgerutscht.

Wichtig sei allerdings, dass die Hilfen auch 2022 nicht gekappt würden. Denen, die schon vor Corona wenig hatten, helfen Förderungen jedoch eh kaum. „Ihre Not ist gewachsen, etwa durch das Verschwinden von Pfandflaschen aus dem öffentlichen Raum und das stark eingeschränkte Angebot der Tafeln insbesondere zu Beginn der Pandemie“, so Alheit. Hinzu kämen pandemiebedingte Mehrkosten, etwa für Desinfektionsmittel und Masken.

Besonders betroffen seien Frauen

Kristin Alheit_(c)Paritätischer Wohlfahrtsverband-klein
Kristin Alheit: Geschäftsführende Vorständin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Hamburg (Foto: Paritätischer Wohlfahrtsverband)

Die Belastung am untersten Rand dieser Gesellschaft war und ist auch in Hamburg besonders groß. Milliarden Euro schwere Konjunkturprogramme kommen bei vielen Menschen gar nicht erst an. So wurde der ausgezahlte Kinderbonus von 300 Euro pro Kind nicht mit Hartz-IVLeistungen verrechnet. Es dauerte bis zum Mai 2021, bis alle Beziehenden von Hartz IV und Altersgrundsicherung einen einmaligen Betrag von gerade einmal 150 Euro ausgezahlt bekamen. Besonders hoch ist das Armutsrisiko laut Statistik bei Familien mit drei und mehr Kindern (30,9 Prozent) sowie bei Alleinerziehenden (40,5 Prozent). Erwerbslose und Menschen mit niedrigen Bildungsabschlüssen sowie Migrationshintergrund sind ebenfalls stark überproportional betroffen.

„Die allgemeinen Folgen der Pandemie trafen Arme ungleich härter“, sagt auch der Präsident des Paritäten, Ulrich Schneider. Zudem seien insbesondere selbstständige Erwerbstätige die Einkommensverlierer der Corona-Krise. Das schlage sich auch in den Armutsquoten nieder. Dazu passt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaft, der zufolge die Pandemie für viele Selbstständige zu einem Einkommensschock führte. Der Anteil derer, die ihr Geschäft aufgeben und danach keinen sozialversicherungspflichtigen Job finden, sei von neun auf 15 Prozent gestiegen. Besonders betroffen seien Frauen. Dies erkläre sich wahrscheinlich dadurch, dass sie in den ersten Monaten der Pandemie branchenbedingt häufiger Einkommensverluste erlitten als selbstständige Männer.

Stadt der Kreativen

Damit entwickele sich die COVID-19-Pandemie mehr und mehr zu einer Krise für selbstständige Frauen. Dies wirke sich letztlich nicht nur auf die betroffenen Selbstständigen selbst aus, sondern ebenso auf deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie auf diejenigen Wirtschaftszweige, etwa das Gastgewerbe, den Handel oder auch das Beherbergungsgewerbe. Während Manager großer Onlinehändler ihr Geld zählen und Supermarktketten zu den Gewinnern der Krise gehören, wenn Menschen nicht mehr ins Restaurant gehen, trifft die Krise kleinere Unternehmer mit voller Wucht. Etwa in Hamburgs Gastro: Die Daniela Bar ist nur eines von vielen Beispielen.

„Zum Heulen ist uns jetzt ganz besonders, da wir nach 21 Monaten Pandemie, Lockdowns und etlichen Verordnungen mit unserer Kraft und Leidenschaft am Ende sind“, lauteten bei Instagram die Abschiedsworte der beiden Wirtinnen, Florence Mends-Cole und Patricia Neumann, bevor sie die Tür der 1992 eröffneten Institution vor einigen Tagen zum letzten Mal schlossen. Auch im altehrwürdigen Landhaus Walter am Stadtpark etwa drohen gerade die Lichter auszugehen. Hinter den Läden stehen nicht nur Betreiber, sondern auch Menschen, die oft für kleines Gehalt servieren, abräumen und freundlich sind. Trinkgelder machen oft einen erheblichen Teil der Einkünfte aus. Diese Einbußen tauchen in keiner Statistik auf. Hamburg ist eine Stadt der Kreativen, der Künstler, Musiker und Schauspieler. Viele von ihnen sitzen ohne Aufträge da, wechseln die Branche, um ihr Leben zu bestreiten und ein Auskommen zu haben. Somit droht auch kulturelle Verarmung.

Folgen noch nicht absehbar

Keine Frage, dass ein Hamburg ohne Konzerte, mit harten Einschnitten bei Ausstellungen und dem Theater an Lebensqualität einbüßt. Mal ganz abgesehen von den Menschen, die nahe am Kulturbetrieb leben, von Bühnenbauern, Beleuchtern und Ausstattern. Und den Clubs, Bars und Hallen, die oft gerade denen Jobs bieten, die es auf dem Arbeitsmarkt nicht so leicht haben. Immerhin gibt es Licht am Ende des Tunnels. So hat sich die Arbeitslosenquote in Hamburg von 8,8 Prozent im ersten Lockdown mittlerweile bei rund 6,5 Prozent stabilisiert.

Die Frage, wie weit Corona sich in puncto Armut auswirkt, kann allerdings noch längst nicht abschließend beantwortet werden. Etwa weil Kündigungen und Räumungsverfahren während der Pandemie ausgesetzt sind. Sie werden nachgeholt werden, sobald die gesundheitspolitische Lage sich entspannt. Viele, die durch Corona in akute Not geraten sind, werden auch dann noch kämpfen. Experten befürchten, dass dann viele Menschen ihre Wohnungen verlieren werden. Gerade in Hamburg, wo die durchschnittliche Miete sich trotz Pandemie in den vergangenen zwei Jahren um 7,3 Prozent erhöht hat.

Paritätischer Wohlfahrtsverband Hamburg


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Clubkinder: „NICHT unterkriegen lassen“

Der Verein feierte kürzlich Jubiläum. Seit seiner Gründung vor zehn Jahren und mit über 1.000 Freiwilligen hilft er, die sozialen Herausforderungen der Stadt zu meistern. Der neue Vorstand um Larissa Gebken, Eloise Bossen und Julian Lee stellt sich vor, berichtet über erfolgreiche Aktionen und Projekte in Pandemiezeiten

Interview: Ole Masch

SZENE HAMBURG: Eloise, Julian und Larissa, wie ist eure NachtlebenVerbindung und was sind eure Aufgaben im clubkinder e. V?

Eloise: Ich bin seit 2014 bei den clubkindern dabei, eit 2015 im Vorstand. Organisiere und plane seit Beginn meiner Tätigkeit sämtliche Events und Formate, bin somit sehr aktiv im Nachtleben. Bis heute bin ich die eine, hauptamtliche Angestellte im Verein, koordiniere die Freiwilligen, organisiere das Backoffice und regle alles, was anfällt.

Julian: Meine Verbindung zum Nachtleben ist das nebenberufliche Dasein als Musiker in der Band „Kill Strings“. Ich sehe meine Aufgabenfelder eher in der Konzeptionierung neuer Projekte und im Netzwerken. Also Ideen in die Welt pusten, wie Seifenblasen, und schauen, wie man diese umsetzen kann. Dabei ist es vor allem wichtig, dass ich mit Larissa und Eloise zwei Kolleginnen im Vorstand habe, die mich immer wieder einfangen und auf den Boden der Tatsachen zurückholen.

Larissa: Ich bin seit gut drei Jahren bei den clubkindern und war vorher hauptsächlich im Bereich Jugend unterwegs. Tatsächlich bin ich über meine Tätigkeit als Stadtführerin auf dem Kiez dazugekommen. Immer, wenn ich mit einer Tour in die Ritze gegangen bin, bin ich am Unterm Strich vorbeigekommen, habe es gegoogelt und bin so über die Website an Eloise geraten. Ich war ab der ersten Mail verliebt. Ansonsten bin ich in der Tischfußball-Szene in Hamburg noch recht aktiv. Bei den clubkindern werde ich mich zukünftig um die Ehrenamtskoordination und alles rund ums Thema Digitalisierung kümmern.

Sich selbst verwirklichen

Mit welchen Zielen seid ihr als neuer Vorstand angetreten?

Larissa: Menschen die Möglichkeit geben, sich selbst zu verwirklichen, selbstwirksam zu werden und Gutes zu tun. Insbesondere digital die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen, dass sich alle mit Freude beteiligen können. Darüber hinaus ist es mir ein persönliches Anliegen insbesondere bei Events Barrieren abzubauen und jedem Menschen die Möglichkeit zur Teilhabe zu geben.

Eloise: Die Pandemie weiterhin zu meistern, den Verein noch sichtbarer zu machen und das Netzwerk auszubauen. Wir wollen noch mehr eigene, soziale Projekte umsetzen; eine Richtung, in die wir uns schon seit 2019 entwickeln. Wir verstehen uns als Plattform für Menschen, die sich engagieren, eigene Ideen einbringen und selbst aktiv werden möchten. Einer unserer Schwerpunkte ist weiterhin junge Menschen, für das Ehrenamt zu begeistern.

Julian: Ehrenamtliches Engagement sollte so bunt sein wie Hamburg, und jeder Mensch sollte die Möglichkeit bekommen, zu spüren, wie gut es tut, sich für andere Menschen zu engagieren. Insbesondere die jüngere Generation, die die Welt verändern will, und der oftmals leider nicht genügend Gehör und Ressourcen dafür gegeben werden. Ich möchte dafür werben, gewisse Eigenschaften der jüngeren Generation bei uns Erwachsenen zu reaktivieren: Offenheit, Neugier und Mut. Ich habe noch nie ein rassistisches Kleinkind erlebt, was dafür spricht, dass Rassismus nicht in unserer Natur verortet ist, und wir im Kern offene, tolerante Menschen sind.

Tolle Aktionen

Welche Aktionen der vergangenen zehn Jahre sind euch besonders in Erinnerung?

Eloise: Puh, das sind so viele! Ich bin großer Fan unserer Tattoo Events. Unsere Welcome Dinner waren eine tolle Erfahrung und unsere sk8_Art 2020 war ein absolutes Highlight.

Julian: Meine absolute Lieblingsaktion war das ins Leben rufen des Sonnenschein Cafés. Ich kann mich noch genauer erinnern, wie Gülay, ewiges clubkind und Mitgründerin von GoBanyo, dazu aufrief, einen Ort für wohnungslose- und obdachlose Menschen zu schaffen, an dem sie sich aufwärmen und ausruhen können, sowie einfach mal Mensch sein dürfen. Die ersten zwei Wochen, in denen ich täglich beim Aufbau und der Umsetzung geholfen habe, haben mir so viel gegeben. Dort haben wir auch die mobilen Wagen für Obdachlose entworfen und gemeinsam mit Schüler:innen und obdachlosen Menschen gebaut.

Larissa: Für mich war es noch etwas ganz Besonderes die glänzenden Augen bei unseren Farb:Werk Kunstaktionen mit Kindern zu sehen. Aber auch unsere Kickerturniere im Kixx bei denen sich viele Menschen ganz schwerelos kennengelernt haben.

Von Bestehendem profitiert

Wie hat die Pandemie die Arbeit der clubkinder verändert?

Eloise: Uns fehlen Räume, in denen wir analog zusammenkommen können. Alle Veranstaltungen mit Publikum mussten wir absagen, was uns Sichtbarkeit kostet. Wir haben aber Glück und hatten auch vor der Pandemie schon eine digitale Struktur. Außerdem haben wir eigene Projekte aufgezogen, um Menschen, welche die Pandemie am schwersten getroffen hat, zu helfen. So konnten wir unser Sonnenschein Café in Altona größtenteils geöffnet lassen oder haben Kindern und Jugendlichen mit unserer KunstKladde Abwechslung nach Hause geschickt.

Julian: Wir haben uns nicht unterkriegen lassen und so schöne Projekte auf den Weg gebracht, wie etwa die KlangVisite, bei der beschäftigungslose Musiker:innen aus Hamburg für einsame Senior:innen spielten.

Eloise: Aktuell arbeiten wir hinter den Kulissen stark an unserer Zusammenarbeit mit Hamburger Schulen. Auch im kreativen Bereich brodelt es. Sobald wir dürfen und die Pandemielage es zulässt, möchten wir unsere Reihen wie zum Beispiel den Comicslam wieder aufleben lassen.

Es geht immer weiter

Wie können sich Leute bei euch beteiligen?

Julian: Das Sonnenschein Café hat weiterhin geöffnet und lädt dazu ein, nette Bekanntschaften zu schließen, Kaffee zu trinken und leckeren Kuchen zu essen! Jeden Sonntag von 13 bis 17 Uhr in der Kleine Rainstraße 11 in Altona. Dort kann man sich auch super ehrenamtlich engagieren und wir freuen uns über alle, die dort mit anpacken!

Larissa: Oder einfach eine Mail über die Website schicken, sich über Social Media melden oder bei unseren Events vorbeikommen und Teil der clubkinder werden!

Wird es mit dem Spenden-Club Unterm Strich irgendwann weitergehen?

Eloise: Der ist weiterhin da und wird auch bespielt, sobald dies für uns wirtschaftlich wieder möglich ist. Letztes Jahr haben wir immerhin zwei Partys der hoodkinder ausrichten können, was uns sehr gefreut hat. 2022 werden wir unsere eigenen Formate auch vermehrt Unterm Strich ausrichten.

„Lieber etwas herunterfahren und Leben schützen“

Waren Spendensammlungen in Pandemiezeiten überhaupt möglich?

Larissa: Ja, auf jeden Fall, wir mussten uns dafür neu erfinden. Unsere sk8_Art war eines unserer größten Projekte in den letzten Monaten. Dabei haben bekannte Künstler:innen Skatedecks neugestaltet. Diese wurden bei einer wundervollen Ausstellung in der Galerie Pfund und Dollar gezeigt.

Eloise: Wir hatten Glück und wissen seit 2020 auch die Klaus und Lore Rating Stiftung als Unterstützerin an unserer Seite. Außerdem haben wir ein sehr lebendiges Netzwerk und freuen uns sehr über den finanziellen und auch alles weitere an Support.

Wie steht ihr zu den aktuellen Corona-Maßnahmen der Politik?

Eloise: Wir als Verein möchten dazu beitragen, dass wir diese Pandemie mit möglichst wenig Schaden überstehen. Daher halten wir uns an alle Vorgaben und berücksichtigen bei unseren momentan nur wenigen Aktionen diese Maßnahmen. Wir freuen uns schon sehr darauf, wenn entspannte Gemeinsamkeit und Miteinander wieder möglich sind. Damit wir da wieder hinkommen, sind gewisse Einschränkungen leider notwendig.

Julian: Es ist natürlich schade, um all die Events, die nicht mehr stattfinden können, aber lieber etwas herunterfahren und Leben schützen, als unnötige Risiken einzugehen.

clubkinder.de


Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist Cover_SZ_2022-02-222x300.jpg

 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2022. Das Magazin ist seit dem 29. Januar 2022 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Ottensen: Der Kiez der Filmschaffenden

Vor 28 Jahren wurden die Zeise Kinos in Ottensen eröffnet, ein kultureller Hotspot in dem Viertel und überhaupt von ganz Hamburg. Seit 2019 hat hier Matthias Elwardt das Sagen. Er spricht über berühmte Schauspieler als Nachbarn, neue Technologie in den Sälen und sein Haus in Zeiten der Pandemie

Text: Andreas Daebeler

 

Wenn Matthias Elwardt sein Büro in Richtung Friedensallee verlässt, kann es gut passieren, dass er Hamburgs Kult-Regisseur Fatih Akin in die Arme läuft. Oder dem Schauspieler Peter Lohmeyer. „Ottensen ist längst zu einem Kiez der Filmschaffenden geworden, Hans Löw wohnt um die Ecke, Andrew Bird auch, Sibel Kekilli sitzt hier vor unseren Hallen“, sagt Elwardt. Für ihn ist das eine ziemlich willkommene Nachbarschaft. Führt er doch die Geschäfte in den Zeise Kinos, in denen das kulturelle Herz des Stadtteil besonders laut schlägt.

„Die Filmförderung gehört ebenfalls zu unseren Nachbarn, das kannte ich früher am Grindelhof so nicht“, erinnert sich der 58-Jährige. „Früher“ – das meint die Zeit vor 2019, als er nach fast 30 Jahren als Programmchef des Abaton Kinos das wuselige Uni-Viertel verließ, um kurz darauf seine beruflichen Zelte in Ottensen aufzuschlagen. Eingelebt hat er sich schnell. Um dann, wie alle anderen in seiner Branche, voll von Corona und den Lockdowns erwischt zu werden. Schotten dicht, kein Betrieb, keine Zuschauer – schwierige Zeiten.

 

Neue Ideen in der Pandemie

 

Den Blues hat Matthias Elwardt deswegen nicht. „Ich bin ziemlich resilient, das Wort habe ich in den vergangenen Monaten erst kennengelernt“, sagt er. „Man kann aber auch wirklich nicht sagen, dass die Kultur von der Politik im Stich gelassen wurde, da waren andere Branchen schlechter dran“, ergänzt der Zeise-Chef. „Für Filmkunstkinos gab es gute Hilfen.“ In Ottensen sei aus der Not sogar eine Tugend gemacht worden. Etwa indem neu aufgelegte Fördertöpfe genutzt worden seien. „Wir konnten einen Geburtsfehler unseres Kinos beheben, haben jetzt endlich eine Klimaanlage. Und die Tontechnik war immer gut, aber ist jetzt top.“ Zudem seien während Corona auch Ideen entstanden, die nach der Pandemie weiter funktionierten.

„Das Wunschkino wird es sicher auch weiterhin geben“, sagt Elwardt. Das Konzept ermöglicht es, einen der drei Säle samt Film für private Vorstellungen zu mieten. „Das hat sich nach dem ersten Lockdown angeboten und wird sehr gut angenommen, die Leute lieben das.“ Auch der Kultursommer mit Lesungen und Konzerten vor den ohnehin beliebten Open-Air-Vorführungen des Zeise im Innenhof des Altonaer Rathauses habe funktioniert. „Das werden wir sicher weiter so machen.“ Ein akutes, von der Pandemie geschaffenes Problem hingegen sei, dass große Tageszeitungen in Hamburg in den vergangenen Monate ihre Berichterstattung über Kino und Filme sehr stark reduziert hätten. „Ich weiß nicht, ob das mal wiederkommt, aber ich hoffe es. Vor allem für die kleinen Filme wäre das unheimlich wichtig.“

 

Das Zeise: Ein Kino mitten im Leben

 

Poetry Slam im Zeise mit Michel Abdollahi in der ersten Reihe. Zwei Reihen dahinter sitzt der heutige Geschäftsführer Matthias Elwardt, damals noch als Gast (Foto: Zeise Hamburg/Jan Brandes)

Poetry Slam im Zeise mit Michel Abdollahi in der ersten Reihe. Zwei Reihen dahinter sitzt der heutige Geschäftsführer Matthias Elwardt, damals noch als Gast (Foto: Zeise Hamburg/Jan Brandes)

Der Umbau der früheren Schiffsschraubenfabrik zum Zentrum für Stadtteilkultur ist ein Leuchtturmprojekt für Hamburg. Die Geburtsstunde des Kinos liegt mittlerweile 28 Jahre zurück. Damals galt der Umbau der ehemaligen Schiffsschraubenfabrik in Ottensen sowohl architektonisch als auch in puncto Stadtteilkultur als Leuchtturmprojekt. Die 1869 von Theodor Zeise erbauten Hallen atmen noch heute Hamburger Wirtschaftsgeschichte. Mehr als hundert Jahre wurden dort Antriebsschrauben hergestellt und in alle Welt exportiert.

Heute verbindet sich das rustikale, ziegelrote Industrie-Hallen-Flair gekonnt mit moderner Glas-Stahl-Architektur. Umgeben von Kneipen, Cafés und jeder Menge Leben werden im Zeise häufig Filme jenseits des Mainstreams gezeigt. Arthouse hat hier ein Zuhause, der deutsche Film findet seine Bühne. Und eben auch die Akteure von vor und hinter der Kamera. Nur zu gern lädt Matthias Elwardt Regisseure, Schauspieler und Produzenten zu Werkstattgesprächen und Diskussionen ein. Hark Bohm, Lars Eidinger und Tom Schilling etwa waren schon da. Auch Campino, Wim Wenders, Roland Klick, Burhan Qurbani und Nora Fingscheidt kennen den großen Saal, den der Zeise-Chef als einen der schönsten seiner Art in Deutschland beschreibt. Auch und gerade weil er Platz für Veranstaltungen und Begegnungen bietet.

 

Von Detlev Buck zum Poerty Slam

 

Die am 3. März 1993 mit Detlev Bucks Film „Wir können auch anders“ eröffneten Zeise Kinos verfügen heute über drei Vorführsäle mit insgesamt 523 Sitzplätzen. Im großen Saal finden 367 Menschen vor der knapp 60 Quadratmeter großen Leinwand Platz. Aber Zeise ist mehr als nur Kino. Slams haben hier ihre eigene Geschichte. Warum das so ist, weiß Jan-Oliver Lange, der heute das Kultur-Unternehmen „Kampf der Künste“ leitet.

Lange erinnert sich an seine Anfänge als Veranstalter: „Die Idee entstand im Frühjahr 2005. Damals war das Kino in einer wirtschaftlichen Krise und die Geschäftsführerin hatte den Plan, die Spätvorstellung abzuschaffen.“ Er selbst habe damals an der Kino­kasse gejobbt und sich gedacht, das Kino sei so schön, es müsse doch möglich sein, ein Programm auf die Beine zu stellen, dass die Leute auch in die Spätvorstellung lockt. Er habe sich an ein Konzept gesetzt, den Titel „Zeise Latenight“ erfunden und zu seiner eigenen Überraschung das Go bekommen.

Slams sind von Anfang zentraler Bestandteil des Programms. „Ich wusste, dass Michel Abdollahi, mein alter Schulfreund aus der Grundschule Heidacker, eine Zeit lang immer als Bühnenautor zu Poetry Slams gegangen war und dachte, das könnte der richtige Moderator für diese Reihe sein“, erinnert Jan-Oliver sich heute. „Michel hatte zu der Zeit noch nie moderiert – aber er fand die Sache interessant und folgte meiner Einladung, als Moderator bei den Slams einzusteigen.“

 

Die Slams brachten den Aufschwung

 

Das Zeise erlebt vor 15 Jahren turbulente Zeiten, als parallel zur Startphase des Veranstaltungsprogramms eine Insolvenz droht, was die Gesellschafter aber letztlich dann doch abwenden. Es geht also weiter in den Hallen an der Friedensallee. Und ab April 2006 sind die Singer und Songwriter am Start, gleich mit 150 Besuchern. Der Modus für die Veranstaltungen im Zeise ist seitdem annähernd unverändert.

Am ersten Freitag im Monat gibt’s den Singer Slam, am zweiten Freitag sie die Poeten am Start. Der dritte Freitag im Monat gehört den Kurzfilm-Cracks, die sich im Shortfilm Slam messen. „Das Besondere daran ist, dass die Filme nur gezeigt werden, wenn die Filmemacher auch dabei sind“, sagt Elwardt. Anfangs wurden auch die kleinen Säle genutzt, seit Januar 2007 nur noch der große. Und das Zeise hat schon eine Menge Künstler gesehen, die mittlerweile zu Stars wurden. So waren etwa Marc-Uwe Kling, Julia Engelmann, Gisbert zu Knyphausen Torsten Sträter und Hazel Brugger zu Gast.

 

Schauspieler und Regisseure sind gern zu Gast

 

Matthias Elwardt ist seit 2019 Chef der Zeise Kinos. Zuvor war er 29 Jahre lang Programmchef und Geschäftsführer vom Abaton am Grindelhof (Foto: Zeise Hamburg/Heike Blenk)

Matthias Elwardt ist seit 2019 Chef der Zeise Kinos. Zuvor war er Programmchef und Geschäftsführer vom Abaton (Foto: Zeise Hamburg/Heike Blenk)

Doch zurück in die Gegenwart. Und zu Matthias Elwardt, der eine klare Vorstellung von Kino hat, das über das Zeigen von Filmen hinausgeht: „Es sollte ein Ort des Gesprächs und der Diskussion sein und es macht mir selbst großen Spaß, immer wieder neue Schauspieler und Regisseure kennenzulernen.“ Er bekomme oft zu hören, dass die Akteure nur zu gern im Zeise zu Gast seien.

„Lars Eidinger zum Beispiel hat bei uns sein einziges Publikumsgespräch in Deutschland für den Film ‚Persischstunden‘ geführt.“ Viele solcher Begegnungen blieben noch lange in Erinnerung, so Elwardt. „Kürzlich war Jella Haase für eine Vorführung ihres Films ‚Lieber Thomas‘ hier bei uns zu Gast, wir waren ausverkauft, eine junge Frau aus dem Publikum fragte die Schauspielerin, was sie aus der Arbeit an dem Film mitgenommen habe.“ Jella Haase habe spontan mit einer Gegenfrage geantwortet: „Hast du mich nicht letztes Jahr bei der Premiere von ‚Berlin Alexanderplatz‘ hier im Zeise gefragt, was Glück ist?“ Dass sich die Schauspielerin an ein Publikumsgespräch von vor einem Jahr so gut erinnern könne, sei doch „ein wirklich schönes Kompliment für uns und unser Publikum“, findet Elwardt.

 

„Ich glaube ans Kino und bin guter Dinge“

 

Hat er angesichts des Trends zu Streaming zunehmend Angst vor der Zukunft, wenn es um seine Branche geht? „Es ist nur schwer zu beurteilen, wie sich die Situation entwickeln wird. Dafür brauchen wir wieder normale Zeiten“, sagt Elwardt. Aber auch: „Kino wird die Lokomotive bleiben, es ist der unkomplizierteste Ort, wenn es um den Genuss von Kultur geht.“ Abgesehen davon seien Produktionen wie „James Bond“ nur mittels des Kinos überhaupt zu refinanzieren.

„Netflix bekommt eine Serie für 20 Millionen, aber eine Marvel-Verfilmung kostet eine Viertelmilliarde.“ Auch gehe er nicht davon aus, dass die Streamingdienste alle überleben. „Der neue ,James Bond‘ ist trotz Corona jetzt schon der dritterfolgreichste ,Bond‘ aller Zeiten, trotz aller Hindernisse und Beschränkungen, die wir aktuell haben. Ich glaube ans Kino und bin guter Dinge.“ Wo sieht er die besonderen Herausforderungen für das Zeise? Es müsse darum gehen, auch bei der Programmgestaltung die Balance zu halten. „Wir haben einen großen, sehr schönen Saal und zwei kleinere, um die Kosten zu decken, müssen wir sehen, dass wir den großen Saal immer halbwegs voll kriegen.“

 

Mehr Aufmerksamkeit für den deutschen Film

 

Und wo sieht ein Kinobetreiber und Fan wie Matthias Elwardt den deutschen Film im internationalen Vergleich? „Der hätte ganz klar mehr Aufmerksamkeit verdient“, antwortet er. „Es gibt viele tolle Filmemacher, wir haben etwa Andreas Dresen und Fatih, aber in Deutschland auch noch so ein althergebrachtes Verständnis von Kultur mit Ballett, Oper und Theater im Zentrum.“ Im Feuilleton werde der Film immer noch etwas stiefmütterlich behandelt.

zeise.de


 Die SZENE HAMBURG Lichtspiele 2021/2022 ist seit dem 11. Dezember 2021 im Handel und im Online Shop erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Forschung zu Protesten gegen Corona-Maßnahmen

Die Sozialwissenschaftlerin Prof. Dr. Christine Hentschel spricht im Interview über Resilienz in Zeiten der Pandemie, die Proteste gegen Corona-Maßnahmen und demokratische Möglichkeiten darauf zu reagieren

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Frau Prof. Dr. Hentschel, Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung unter anderem mit dem Thema Resilienz. Was versteht man überhaupt darunter?

Prof. Dr. Christine Hentschel: Widerstandsfähigkeit, Anpassungs­fähigkeit, auch eine gewisse Elastizität: die Fähigkeit, sich nach erlittenen Schocks oder dramatischen Ereignissen wieder zu erholen und sich dabei manchmal auch neu zu erfinden.

Wie zeigt sich das in der Pandemie?

In Bezug auf die Pandemie haben sich die Ratgeber überschlagen, die uns Tipps geben, wie wir nicht verrückt werden und uns motivieren, aus der Jogginghose rauszukommen und am besten noch eine neue Sprache zu lernen! Die Logik der Resilienz ruft uns gewissermaßen zu: „Sorry, das mit der Pandemie, der Flutkatastrophe oder dem Terroranschlag konnten wir nicht verhindern! Wichtig ist jetzt, wie ihr als Einzelne, als Communitys, als Gesell­schaften damit umgeht.“

Klingt nicht gerade entspannt …

Resilienz ist kein unproblemati­sches Paradigma, weil sie unsere Aufmerksamkeit ganz weg davon lenkt, was wir im Großen noch gestalten können – beispielsweise in Bezug auf die Klimakrise – und uns immer nur auffordert, irgendwie auf das zu reagieren, was kommt. Zoomt man raus, ist die Frage der Resilienz der Demokratie aber noch eine viel größere und hat damit zu tun, was die fast zwei Jahre Pandemie für Spuren an der Gesellschaft gelassen haben: Risse, Verletzungen, ein wachsendes Unver­ständnis füreinander, kaputte Existen­zen, gegenseitige Bezichtigungen, die Demokratie abzuschaffen und die Gesundheit der anderen aufs Spiel zu setzen. Aber auch die Frage, was Menschen für solidarische Netzwerke geschaffen haben, informelle Struk­turen und Plattformen, um hier irgendwie gemeinsam durchzukom­men. Als Sozialwissenschaftlerin interessieren mich vor allem diese gesellschaftlichen und politischen Fragen der Resilienz.

 

Verschärfte autoritäre Tendenzen

 

Für wie resilient halten Sie das demokratische System der Bundesrepublik Deutschland – gerade in Bezug auf die Corona-Pandemie?

Die neu aufflammenden Demon­strationen gegen die Maßnahmen, die immer auch Kundgebungen gegen das System sind, die unsere Demokratie faschistisch und verbrecherisch nennen und die der Wissenschaft keinen Glauben schenken, verweisen auf tiefe Verwerfungen in unserer Gesellschaft und ein Wacklig­-Werden der Demo­kratie. Und das reiht sich international in verschärfte autoritäre Tendenzen ein, auch in Ländern, die als Horte der Demokratie galten: USA, Frankreich, Großbritannien.

Sie haben vor knapp einem Jahr in der sozialwissenschaftlichen Fachzeitschrift „Leviathan“ einen Artikel zu den Bewegungen und Protesten gegen die Corona-Maßnahmen veröffentlicht. Was waren Ihre zentralen Erkenntnisse?

Ja, ich hatte die Proteste in Ham­burg seit etwa Mai 2020 beobachtet. Mich hat interessiert, wie in Zeiten einer so ausgedünnten urbanen Öffent­lichkeit während der Pandemie Men­schen überhaupt Demonstrationen neu erfinden, was sie antreibt, ärgert, wie sie sich in Szene setzen und mit welchen Claims sie arbeiten. Das reicht vom Inhalt und Stil der Reden über die selbst gestalteten Outfits und Plakate bis hin zu den Kreidezeichnungen auf dem Asphalt. Statt allein verschrobene Ideologien oder widersprüchliche Argumente nachweisen zu wollen, war mir wichtig, die Kundgebungen in ihrer affektiven und affizierenden Kraft zu verstehen: wie sich Frust, Hohn und Spaß, Absurditäten, Anklagen, Dro­hungen und Identitätsperformances in diesen Corona Publics vermischen. Und wie sich bestimmte Narrative kollektiv einüben und durch die Milieus hindurch eingeschliffen werden.

 

„ Storys sind absolut zentral“

 

Die Grenzen des Sagbaren scheinen sich verschoben zu haben (Foto: Christine Hentschel)

Die Grenzen des Sagbaren scheinen sich verschoben zu haben (Foto: Christine Hentschel)

In Ihrem Text weisen Sie explizit auch darauf hin, dass es bei diesen Protesten zu Vermischungen unterschiedlicher Strömungen kommt – esoterische, rechte, verschwörungstheoretische. Was ist der gemeinsame Kern dieser doch recht unterschiedlichen Strömungen?

Mich hat nicht so sehr die Frage interessiert, wer da ist, sondern wie Menschen über die unterschiedlichen Milieus hinaus zusammenfinden und sich dabei auf bestimmte Slogans und waghalsige Geschichten einlassen und öffentlich üben, Tabus zu brechen. Storys sind hier absolut zentral: Geschichten darüber, was die Impfung alles mit unseren Körpern anrichtet und was dagegen Vitalstoffe alles können, Märtyrerstorys, mit denen man sich in den Widerstand gegen das Nazi­-Regime einreihen kann, aber auch größere Motive wie „Das große Erwachen“ und vor allem der Fokus auf „meine Freiheit“, „meine Souveränität“, die große liebende „Menschheits­familie“ und das Motto „wir dürfen uns nicht spalten lassen“. Bei diesen größeren Narrativen schaue ich dann weiter: An was sind sie anschlussfähig, was wenden sie anders, womit haben sie zu tun und was lassen sie aus, obwohl es naheliegen würde? Und was sagt uns das über unsere Demokratie?

Und, was sagt das über unsere Demokratie aus?

Tja, zumindest, dass Leute leicht­fertig damit spielen, sie verhöhnen, bereit sind, sie als Diktatur, Sklaverei, Nazicamp zu bezeichnen und das alles im Namen der „Menschheitsfamilie“.

 

Die stärksten Erzählungen

 

Welche dieser Narrative haben die stärkste Wirkung?

Ich möchte mal zwei nennen, die uns noch immer begegnen: „Das große Erwachen“ und „Keine Spaltung“. „Das große Erwachen“ ist sozusagen ein Aha­-Moment, ein ungutes Gefühl: „Wir werden getäuscht, etwas stimmt nicht, nicht mit diesem Virus, nicht mit den ganzen Maßnahmen, das ist alles kein Zufall.“ Verbunden damit ist ein Gestus des Selber­-Nachforschens, des Zeichenlesens und des „Puzzelns“ und eine Wahrnehmung, dass „wir hier die einzigen mit einem kritischen Verstand“ sind. Dieses Motiv knüpft sowohl an spirituelle, aber auch an extrem rechte Narrative an. Und es hat immer etwas Apokalyptisches: als Erzählung vom bevorstehenden Ende, der Enthüllung und Aufdeckung der Wahrheit, als Erwartung des Jüngsten Gerichts und der finalen Abrechnung. Inhaltlich ist das Narrativ relativ durchlässig, die Wahrheit, zu der man sozusagen erwacht, wandelt sich und ist auch innerhalb der Bewegung unter­ schiedlich organisiert und verteilt.

Können Sie dies an einem Beispiel verdeutlichen?

Erinnern Sie sich noch an die mitgebrachten Grundgesetze und das Beharren auf unseren Grundrechten im Frühling 2020? Da sind im Laufe der Monate ganz andere „Erweckungs­ momente“ hineingekommen, zum Beispiel die Reichsbürgeridee, dass das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ja gar keine Gültigkeit hätte. Das ist auch ein Beispiel dafür, dass sich bestimmte Narrative durch die Milieus hindurch einschleifen.

Was hat es mit dem zweiten Narrativ, das sie erwähnen wollten, auf sich?

„Keine Spaltung!“: Das hat sich vom Anfang der Pandemie bis jetzt gehalten, wo unter dem Banner „Wir lassen uns nicht spalten!“ Tausende durch die Stadt laufen. Die Behauptung ist: Hier stehen wir gemeinsam, ob rechts oder links ist egal; die „Spaltung“ hingegen wird „uns“ von oben auferlegt, um „uns“ zu schwächen. Und zunehmend geht es hierbei um die Spaltung zwi­schen Geimpften und Ungeimpften.

 

„Sophie-­Scholl-­Anleihen kommen nicht aus der Mode“

 

Nach offiziellen Angaben versammelten sich am 11. Dezember etwa 2.000 Menschen, um gegen Corona-Maßnahmen zu protestieren (Foto: Marco Arellano Gomes)

Nach offiziellen Angaben versammelten sich am 11. Dezember etwa 2.000 Menschen, um gegen Corona-Maßnahmen zu protestieren (Foto: Marco Arellano Gomes)

Haben sich die Stimmung, die Themen und Narrative auf den Protesten seit 2020 verändert?

Klar, die Themen der Bewegung verändern sich mit dem, was passiert und was in der Öffentlichkeit debattiert wird. Seitdem die Impfpflicht diskutiert wird und sich die 2G­-Regel weitgehend durchsetzt, sehen sich viele in ihren Horrorszenarien bestätigt. Und das ist das beherrschende Thema auf den Reden und Plakaten der neu wieder rasant wachsenden Proteste in Hamburg und findet in drastischen Plakatslogans wie „Impfapartheid“ seinen Ausdruck. Die Stimmung habe ich zuletzt als eine gleichzeitig wütende und enthusiastische Aufbruchsstim­mung wahrgenommen: „wir sind viele“, „wir werden mehr“, „nicht mit uns!“

Wieso scheint sich auf den Protesten niemand daran zu stören, dass auch Rechte dabei sind, wenn es doch angeblich um die Verteidigung der Demokratie geht?

Das hat mich auch sehr beschäftigt: Vor allem hat mich interessiert, wie diejenigen ihre Abgrenzung nach rechts verhandeln, die sich nicht als rechts verstehen. Für viele sind hier Konstruk­te entstanden wie: Links-­Rechts, das seien alte Kategorien, die uns „die Mächtigen“ nur einreden wollen, um uns zu spalten, dagegen sind „wir“ hier zusammen, als „Menschheitsfamilie“ auf der Straße, für die „gemeinsame Sache“. Viele haben das Stigma auch schon angenommen: „Ja, ich bin ja rechts, ne?“, oder sie arbeiten mit Holocaust­- und Sklavereivergleichen, um ihre eigene Position zu beschreiben und behaupten, dass sie auf der einzig richtigen Seite seien: der des Wider­stands gegen ein Unrechtsregime. Die Sophie-­Scholl-­Anleihen kommen dabei nicht aus der Mode.

Und das nutzen rechte Bewegungen dann für sich aus?

Die Rechte kann im Angesicht der Frustration, der Unsicherheit, der zunehmenden Abkehr von offiziellen Narrativen und einer großen Protestlust ausgezeichnet Terrain erobern. Die Ver­achtung des Systems, die Inkaufnahme oder sogar Herbeibeschwörung des Untergangs der Demokratie hat die extreme Rechte schon lange im Programm, und das wird bei vielen in der Bewegung bewundert und passt gut in die Begeisterung für die Überwin­dung dessen, was wir jetzt haben hin zu etwas „ganz Neuem“. In diesem Gemisch sehe ich besonders viel Gefahrenpotenzial für die Demokratie.

 

„Die Dynamik ist von Eskalation gezeichnet“

 

Wie sehen Sie die Dynamik der Proteste in Hamburg im Vergleich zu Sachsen oder anderen Regionen im Osten?

In Hamburg gestalten sich die Proteste noch immer vergleichsweise moderat. Insgesamt müssen wir diese aber in eine Dynamik einordnen, die von Eskalation gezeichnet ist: Drohun­gen gegen Wissenschaftler:innen und Lokalpolitiker:innen, das Sammeln von Privatadressen in Telegram Chats, Impfzentren in Flammen, Attacken gegen Personal in Läden, die Impf­zertifikate kontrollieren müssen, der Mord an der Tankstelle in Idar-­Ober­ stein, die Bilder des bedrohlichen Fackelaufmarschs Anfang Dezember vor dem Wohnhaus der sächsischen Gesundheitsministerin in Grimma – das alles steht für eine zunehmende Eskalation, eine Aufwiegelung der Stimmung, bei der wir uns nicht darauf verlassen sollten „dass schon alles gut geht“.

Von langjährigen Beobachter:in­nen der Szene im Osten wissen wir, dass das kein spontanes Über-die-Stränge-­Schlagen ist, sondern gut organisierte Einschüchterungsprak­tiken gegenüber Politiker:innen und Institutionen, die der Rechten nicht passen und lang eingeübte In­-Szene­-Setzungen von lokalem Protest. Das heißt, die Verzahnung in die extrem-rechte Szene, die Verankerung in den vielen kleinen Städten, die Androhung und Ausübung von Gewalt und ein „Sich-ausgeklinkt-Haben“ aus dem demokratischen System, sind einige der wichtigsten Unterschiede, die ich hier ausmachen würde.

 

„Proteste und politisches Engagement müssen Spaß machen“

 

Was genau ist schiefgelaufen, dass so viele Menschen den demokratischen Staat in Frage stellen?

Puh, da gibt es viel: unverständliche und ungerechte Entscheidungen in der Pandemie, chaotisches Krisenmanagement, gebrochene Versprechen, darüber hinaus eine tiefe Ungleichheit in der Bildung und auf dem Arbeitsmarkt, die sich in der Pandemie besonders drastisch zeigt. Aber auch ein Verlust an Vertrauen, dass eine Regierung im Angesicht solch tiefer und in der Zukunft schlimmer werdender Krisen überhaupt noch was ausrichten kann. Diesen Pessimismus teilen inzwischen viele durch die Milieus hindurch: dass man eigentlich gar nicht mehr viel gestalten, retten oder abwehren kann. Und das ist auch eine offene Flanke für die wilden Storys und das Verabschieden von den Fakten.

Was kann gegen diese Entwicklungen getan werden?

Gegen crazy stories helfen nicht einfach Faktenchecks. Proteste und politisches Engagement müssen Menschen auch Spaß machen, sie bewegen. Dafür müssen wir an anderen, besseren Storys arbeiten. Wir brauchen Geschichten und Visionen, die Menschen Mut machen, sie mitreißen, die sich inhaltlich aber ganz anders ausrichten: auf Gestaltbarkeit von Zukunft und auf soziale Gerechtigkeit. Da hat die Klimabewegung, aber auch die Antirassismusbewegung in den letzten Jahren eine beeindruckende Mobilisierung, vor allem von jungen Menschen hingelegt.

Braucht es nicht vor allem politische Veränderungen?

Natürlich braucht es konkrete soziale, politische und materielle Infrastrukturen, in denen notwendiger Wandel stattfinden kann und die uns dabei helfen, nicht egoistisch zu werden, wenn es schlimm kommt. Und hier steht eine Regierung in der Pflicht, die sich Fortschritt auf die Fahne schreibt.


Zur Person

Prof. Dr. Christine Hentschel ist Professorin für Kriminologie, insbesondere Sicherheit und Resilienz, im Fachbereich Sozialwissenschaften der Universität Hamburg. Sie forscht zu neuen Protestpraktiken im urbanen Raum, autoritären und apokalyptischen Logiken der Gegenwart und dem Zusammenwirken von Klimakatastrophe und Unsicherheit.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2022. Das Magazin ist ab dem 22. Dezember 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

2G gleich A3: Ausgrenzung hoch drei

Das Vorhaben des Senats, Veranstaltern und Betreibern die Option zu geben, nur noch Geimpfte und Genesene zuzulassen, ist falsch. Ein Kommentar

Text: Erik Brandt-Höge

 

Die Senat’sche Corona-Politik bot freilich nicht bloß Glanzstunden. Dass etwa pickepackevolle Busse und Bahnen zu jedem Zeitpunkt seit Pandemiebeginn möglich waren, Gastronomen und Kulturschaffende mit tipptopp Sicherheits- und Hygienekonzepten hingegen zeitweise völlig in die Röhre gucken mussten, ist nur ein Beispiel der politischen Fehler. Nun soll es einen weiteren geben: das 2G-Optionsmodell.

Veranstalter und Betreiber bekommen ab kommenden Samstag, 28. August, die Chance, nur Geimpfte und Genesene in ihre Läden beziehungsweise zu ihren Veranstaltungen kommen zu lassen. Getestete wären also raus – ob sie nun in Zukunft für ihre Tests selbst zahlen müssen, oder nicht. Das ist schlichtweg Quatsch. Nicht nur, weil Geimpfte und Genesene weiterhin infektiös sein und erkranken können. Und weil Tests, auf die man doch von Seiten des Senats bisher so sehr vertraut hat, nicht schlechter werden. Sondern auch, weil Restaurants, Theater, Kinos, Konzertstätten für alle da sind. Niemand darf ausgegrenzt werden, weil er sich noch nicht impfen lassen wollte oder konnte, weil er noch nicht erkrankt und genesen ist. Jeder, der nachweisen kann, dass er nicht infiziert ist, muss auch dabei sein dürfen – überall, drinnen und draußen.

Und dass bei 2G-Veranstaltungen womöglich Auflagen wegfallen, etwa Maskenpflicht und Abstandsregeln, mag auf den ersten Blick reizvoll klingen, weil unter anderem wirtschaftlich attraktiv. Aber wer wünscht sich derzeit wirklich einen direkten Nachbarn im Kino oder Theater, 30 Zentimeter neben einem, zwei Stunden lang? Eher wenige. So weit sind die von der Pandemie und der dazugehörenden Senats-Politik geprägten Köpfe noch nicht. Die Nachfrage wird ausbleiben. Also: weg mit der 2G-Option, zurück zum 3G-Denken. Alles andere wäre Ausgrenzung hoch drei.


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Bahn-brechend: Hamburger Freibäder öffnen

Nach langer Corona-bedingten Schließung, öffnen ab dem 29. Mai neun Hamburger Freibäder wieder ihre Pforten. Tickets gibt’s im Vorverkauf

Text: Isabel Rauhut

 

Petrus schenkt Hamburg für das letzte Maiwochenende 19 Grad und Sonnenschein – Anlass für die Freibäder vom Bäderland ihre Türen zu öffnen! Vier Kombi-Freibäder (Finkenwerder, Bondenwald, Billstedt, das Kaifu-Bad), das Ganzjahresfreibad in Rahlstedt sowie die vier Sommerfreibäder Marienhöhe, Osdorfer Born, Neugraben und das Naturbad Stadtparksee freuen sich ab Samstag wieder auf belebte Schwimmbecken. Wann die übrigen Bäder nachziehen, steht noch nicht fest.

Ein Besuch im kühlen Nass ist – natürlich – an Maßnahmen geknüpft: Beim Einlass muss eine Impfbescheinigung oder ein offizieller Corona-Test vorgelegt werden. PCR-Tests dürfen maximal 48 Stunden alt sein, Schnelltests maximal zwölf Stunden. Der Vorverkauf für Tickets beginnt am heutigen Donnerstag um 12 Uhr.


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Endlich wieder Kunst und Kultur!

Die Hamburger Museen haben seit dem 18. Mai ihre Türen wieder geöffnet. Nach monatelanger Schließung können jetzt etliche Ausstellungen wieder besucht werden. Aus diesem Anlass präsentiert SZENE HAMBURG die Sonderaktion: „Ausgestellt“. Hier zeigen wir aktuelle Highlights ausgesuchter Museen und Kunsthäuser der Stadt.

 „Die Chance ist glücklicherweise da, neben neuen Ausstellungen auch Präsentationen zu entdecken, für deren Wahrnehmung bisher noch viel zu wenig Gelegenheit war”, so Prof. Dr. Hans-Jörg Czech, Direktor und Vorstand der Stiftung Historische Museen Hamburg. „Wir werden mit allem Engagement danach streben, dass der Besuch in unseren Einrichtungen wieder zu einem gewohnt angenehmen und zugleich sicheren Erlebnis werden kann.“

Saftey first:

  • Besucher müssen einen negativen Coronatest (PCR: nicht älter als 48 Stunden oder ein Schnelltest einer zugelassenen Testeinrichtung: nicht älter als 12 Stunden)  
  • oder einen Impfnachweis vorlegen. Kinder unter sechs Jahren sind von dieser Regelung ausgenommen.  
  • Zudem gilt die Pflicht zum Tragen einer medizinischen Maske. 
  • Um Wartezeiten zu vermeiden, bitten die Häuser um eine telefonische Anmeldung. 
  • Terminvergaben sind auch digital über die Internetseiten der Museen möglich.  
  • Die Museumsgastronomien bleiben vorerst noch geschlossen. 
  • Die Kontaktverfolgung ist sichergestellt.

Museum für Hamburgische Geschichte

Der Fotograf Max Halberstadt. “… eine künstlerisch begabte Persönlichkeit.“
bis 3. Januar 2022

kunst-hamburg-max-halberstadt-wurststand-auf-dem-altonaer-fischmarkt-sammlung-rosenthal

Abb: Wurststand auf dem Altonaer Fischmarkt, Max Halberstadt, undatiert, Sammlung Rosenthal, USA

Max Halberstadt (1882-1940) war in den 1920er-Jahren einer der renommiertesten Porträtfotografen Hamburgs. Seine Popularität verdankte sich nicht zuletzt den Aufnahmen seines Schwiegervaters Sigmund Freud, die zu den bis heute weltweit publizierten Porträts des Vaters der Psychoanalyse avancierten. Doch auch wenn seine Freud-Porträts fortwährende Verwendung finden, ist der Name Max Halberstadt heute leider fast vergessen – in den einschlägigen Fotografenlexika sucht man ihn vergeblich.

Nach einer vielseitigen Karriere als Porträt- und Architekturfotograf, u.a. für die Jüdische Gemeinde in Hamburg, erfuhr Max Halberstadt nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten im Jahr 1933 und der damit einhergehenden antisemitischen Ausgrenzungs- und Verfolgungspolitik sehr bald eine dramatische Verschlechterung seiner wirtschaftlichen und sozialen Lebenssituation. Nach dem erzwungenen Verkauf seines Ateliers emigrierte er 1936 nach Südafrika. Im Exil gelang ihm zwar die Neugründung eines Ateliers, doch war es ihm nicht vergönnt, seine Karriere auch nur annähernd erfolgreich fortzusetzen.

Max Halberstadt starb im Alter von nur 58 Jahren in Johannesburg. Die von dem Literaturwissenschaftler und Publizisten Dr. Wilfried Weinke kuratierte Ausstellung will dem Fotografen die gebührende Würdigung und den verdienten Platz in der Fotogeschichte Hamburgs verschaffen. Ein Film zur digitalen Eröffnung bietet erste Einblicke in die Ausstellung: shmh.de

Museum für Hamburgische Geschichte
Holstenwall 24, 20355 Hamburg (Neustadt)
Telefon: 040 428132100
Öffnungszeiten: Mo, Mi–Frei 10–17 Uhr, Sa–So 10–18 Uhr, Dienstag geschlossen
Eintritt: 9,50 Euro, 6 Euro ermäßigt, freier Eintritt für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren


Museum der Arbeit

Grenzenlos. Kolonialismus, Industrie und Widerstand
bis 18. Juli 2021

grenzenlos-museum-der-arbeit-c-diana-ejaita

Blick in die Ausstellung „Grenzenlos“ im Museum der Arbeit, Illustrationen von Diana Ejaita (Foto: SHMH)

Das Ziel der aktuellen Sonderausstellung ist es, einen Beitrag zur Debatte über den Umgang der Hansestadt Hamburg mit ihrer kolonialen Geschichte und zur Diskussion über die Folgen kolonialer Herrschaftsstrukturen für unsere globalisierte Ökonomie zu leisten. Den historischen Ausgangspunkt der Ausstellung bildet die Verarbeitung von Kautschuk, Palmöl und Kokosöl durch hamburgische Unternehmen, die unter anderem auf dem heutigen Gelände des Museums der Arbeit, der ehemaligen New-York Hamburger Gummiwaaren-Fabrik, aber auch in Harburg und Wandsbek ansässig waren.

Vor diesem Hintergrund stellt die Ausstellung dem gängigen und verharmlosenden Narrativ einer hanseatischen „Kaufmannsindustrie“ die gewaltvollen Realitäten des Kolonialismus, aber auch die Widerständigkeit der betroffenen Menschen gegenüber. Damit verbunden ist der Anspruch, einen eurozentristischen Blickwinkel auf das Thema konsequent herauszufordern und die Perspektiven der Menschen in kolonisierten Ländern sowie ihrer Nachfahren in die Ausstellung mit einzubeziehen.

Das Konzept und die Inhalte der Ausstellung wurden deshalb gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Expertinnen und Experten erarbeitet. Ihre Partizipation hat die Arbeit des Museumsteams um Wissensbestände und Erfahrungen ergänzt, die dort bisher noch unterrepräsentiert sind: eine intensive Beschäftigung mit der hamburgischen Kolonialgeschichte und deren Spuren in der Stadt, biographische Bezüge in die ehemalige Kolonialgebiete sowie Rassismus-Erfahrungen in einer weißen Mehrheitsgesellschaft. Zur Ausstellung wird ein umfangreiches digitales Begleitprogramm angeboten. Sämtliche Informationen dazu finden sich unter: shmh.de   

Museum der Arbeit
Wiesendamm 3, 22305 Hamburg (Barmbek-Nord)
Telefon: 040 4281330
Öffnungszeiten: Mo 10–21 Uhr, Mi–Frei 10–17 Uhr, Sa–So 10–18 Uhr, Dienstag geschlossen
Eintritt: 8,50 Euro, 5 Euro ermäßigt, freier Eintritt für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren


Jenisch Haus

Werkmeisters Welt. Ein Künstler und seine Sammlung
bis 18. Oktober 2021

Werkmeister-hamburg-ausstellung-kunst

Wolfgang Werkmeister neben einem Gemälde von Benito Rebolledo Correa (Foto: Bertold Fabricius)

Wolfgang Werkmeister ist in der deutschen Gegenwartskunst in erster Linie als Meister der Radierung bekannt. In der Sonderausstellung des Jahres 2021 präsentiert das Jenisch Haus den in Altona tätigen Künstler als jahrzehntelangen Sammler. Anlässlich von Werkmeisters 80. Geburtstag wird seine umfangreiche Kunstsammlung gezeigt, in der sich zahlreiche Arbeiten befinden, die sein künstlerisches Schaffen maßgeblich inspiriert haben.

Seine Sammlung umfasst Gemälde und Grafiken aus dem 17. Jahrhundert bis heute, die mit anspruchsvollen Techniken und mit hoher gestalterischer Präzision ausgeführt wurden. Unter den Arbeiten sind Werke des Landschaftsmalers Ascan Lutteroth, des chilenischen Malers Benito Rebolledo Correa, des dänischen Künstlers Niels Simonsen und des Leipziger Grafikers Walter Zeising. Dazu gesellen sich in der Ausstellung Arbeiten von Zeitgenossen Werkmeisters wie die Grafiker Ralf Escher, Thomas Wüsten und Paul Wunderlich sowie Gemälde von Jan Peter Tripp, Michael Mau und Fritz Kreidt. Zum digitalen Atelierbesuch beim Künstler und Sammler lädt ein Film ein unter: shmh.de

Jenisch Haus
Baron-Voght-Straße 50, 22609 Hamburg (Othmarschen)
Telefon: 040 828790
Öffnungszeiten: Mo 11–18 Uhr, Mi–So 11–18 Uhr, Dienstag geschlossen
Eintritt: 7 Euro, 5 Euro ermäßigt, freier Eintritt für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren


Archäologisches Museum

„Gladiatoren – Helden des Kolosseums“
bis 17. Oktober 2021

gladiator-ausstellung-c-gallo-römisches-museum

Sonderausstellung „Gladiatoren – Helden des Kolosseums“ im Archäologischen Museum (Foto Gallo Römisches Museum)

Wer dachte, er hätte die Ausstellung „Gladiatoren – Helden des Kolosseums“ aufgrund der vorübergehenden Schließung des Museums leider verpasst, darf sich freuen: Das Museum konnte die erfolgreiche Schau verlängern. Besucher haben nun noch bis zum 17. Oktober die Möglichkeit, sich die Ausstellung anzusehen und damit einen spannenden Einblick in die Welt der antiken römischen Kampfarenen und ihrer Helden zu erhalten. Gezeigt werden originale römische Fundstücke und spektakuläre Rekonstruktionen. Lebensgroße Figuren, Filme und interaktive Stationen lassen das Römische Reich mit den Mitteln der Gegenwart zu neuem Leben erwachen und vermitteln dabei auch Überraschendes.

Auch die Ausstellung „Harburger Geschichten: Die 50er-Jahre“ ist weiterhin zu sehen. Die Schau zeigt mehr als 50 Schwarz-Weiß-Fotografien aus den reichhaltigen Sammlungsbeständen des Museums und ermöglicht einen lebensnahen und lebendigen Blick auf die Dekade in Hamburgs Süden. Das Archäologische Museum Hamburg lädt seine digitalen Besucher außerdem ein, nochmal einen Streifzug durch die letzte Hit-Sonderausstellung „hot stuff – Archäologie des Alltags“ zu machen. Von der heimischen Couch aus lassen sich Flokati-Teppich, Motiv-Tapeten und jede Menge technische Trends der letzten Jahrzehnte nun jederzeit online genießen. Einen Überblick zu den interaktiven Online-Angeboten des Museums und die aktuellen Regelungen zum Besuch des Museums finden sich unter amh.de.

Archäologisches Museum
Museumsplatz 2, 21073 Hamburg (Harburg)
Öffnungszeiten: Di– So 10–17 Uhr, Montag geschlossen
Eintritt: 6 Euro, ermäßigt 4 Euro, bis 17 Jahre frei


Freilichtmuseum am Kiekeberg

Kultur auf dem Land

tankstelle-freilichtmuseum-kiekeberg-c-FLMK

1950er Jahre Tankstelle in der Dämmerung (Foto: FLMK)

Einmal raus aus der Stadt, eintauchen in die ländliche Kultur: Das Freilichtmuseum am Kiekeberg südlich von Hamburg im idyllischen Rosengarten – nur 30 Minuten vom Hamburger Hauptbahnhof entfernt. Vom Bauernhaus bis zur 1950er-Jahre-Tankstelle: Über 40 historische Gebäude und Gärten auf einem zwölf Hektar großen Freigelände erzählen von der Lebensweise der vergangenen 300 Jahre.

Das Museum ist einfach über die Autobahnen A7 und A 261 erreichbar, nur fünf Minuten von der Abfahrt HH-Marmstorf entfernt. Außerdem fährt der HVV-Bus 340 hält direkt vor der Tür. Reetdach-Bauernhöfe und Scheunen, Bauerngärten und vom Aussterben bedrohte Haustierrassen zeigen das Leben der Bauern seit dem 17. Jahrhundert. Auf großen Acker- und Weideflächen wachsen alte Getreide- und Gemüsesorten. Die bunte Bauern- und Blumengärten, Streuobstwiesen und Weiden ergeben ein Bild vom früheren Leben auf dem Lande. Dazu machen unter anderem Ramelsloher Blaubeine, Bunte Bentheimer Schweine und Landschafe das Freilichtmuseum zu einem lebendigen Erlebnis.

Ein besonderer Hingucker: die rot-weiße Gasolin-Tankstelle von 1955. Sie steht in der neuen „Königsberger Straße“, in der Häuser aus der Nachkriegszeit in das aufkommende Wirtschaftswunder entführen – inklusive Quelle-Fertighaus, Siedlungshaus und Geschäftszeile mit Fotoladen und Textilgeschäft. Was gibt es noch: Das Agrarium, Deutschlands einzige Themenwelt zu Landwirtschaft und Ernährung, auf über 3.000 qm, die bezaubernde Ausstellung „Spielwelten“, die Erwachsene und Kinder in die letzten 100 Jahre Spielen zurückführt, die Ausstellungen zu alten und neuen Handwerken und zur Geschichte der Metropolregion.

Das große Ferienprogramm für jedes Alter: Beim „Sommerspaß am Kiekeberg“ (3. Juli bis 22. August) gibt es tägliche Aktionen zum Mitmachen, Probieren, Experimentieren, Zuhören und Genießen. Sieben Wochen Sommerspaß ohne Anmeldung, ohne Gebühr – einfach vorbeikommen und mitmachen.

Der Museumsladen zählt zu den besten Einkaufsadressen im Norden: Hier gibt es Altbewährtes und längst Vergessenes, wertvolle handgearbeitete Dinge von hausgemachter Marmelade bis zu feinster Seife, ausgewählte Literatur über Land- und Gartenthemen, Blechspielzeug und vieles andere mehr im Jugendstil- Ambiente. Die Museumsgastronomie bezaubert mit der passenden Ländlichkeit: Im Gasthaus „Stoof Mudders Kroog“ gibt’s norddeutsche Spezialitäten und ein bisschen „neemod’schen Kraam“. Im Rösterei-Café Koffietied kredenzt das Team geröstete Kaffeespezialitäten, selbst gebackene Kuchen und ein einmaliges Ambiente. Einen Überblick zu den aktuellen Regelungen zum Besuch des Museums finden sich unter kiekeberg-museum.de

Freilichtmuseum Kiekeberg
Am Kiekeberg 1, 21224 Rosengarten (Niedersachsen)
Telefon: 040 7901760
Öffnungszeiten: Di– Fr 9–17 Uhr, Sa+So 10–18 Uhr
Eintritt: 9 Euro, bis 18 Jahre frei


Museum Kunst der Westküste

Ob auf der Insel Föhr oder von zuhause aus: Drei Ausstellungen im Museum Kunst der Westküste erleben

sjoerd_knibbeler_in_elements_sjoerd_knibbeler_vortex_2014_in_elements-c-lukas_spoerl

Sjoerd Knibbeler, In Elements, 2014 (Foto: Lukas Spoerl)

Rund um die Uhr ist das Museum Kunst der Westküste (MKdW) auf digitalem Weg über die Website via „MKdW-3D“ begehbar. Während des virtuellen Rundgangs durch die drei aktuellen Ausstellungen lassen sich sehr viele verschiedene Programmpunkte aus Kurzfilmen und Hörstationen über Meisterwerke oder Künstler*innen anklicken. Aber das MKdW lässt sich auch vor Ort auf der schönen grünen Insel Föhr erleben.

Beginnend mit der Schau „Neue Schätze im MKdW. Von Max Liebermann bis Jochen Hein“ wird eine Auswahl bedeutender neuer Werke, die in den vergangenen fünf Jahren in die Sammlung gekommen sind, gezeigt. Die Sammlung umfasst mehr als 900 Gemälde, Ölskizzen, Grafiken, Skulpturen, Videos, Objekte und Fotoarbeiten aus der Zeit von 1830 bis zur Gegenwart. Übrigens: rund 200 davon sind neuerdings auf der Website als „Sammlung Online“ zu erforschen.

Die Ausstellung „Sjoerd Knibbeler. In Elements“ ist wiederum die erste museale Schau des niederländischen Künstlers in Deutschland. Der in Amsterdam lebende Sjoerd Knibbeler (* 1981) war mehrere Male als Artist in Residence zu Gast am MKdW und hat auf Föhr eine ganz neue Werkserie begonnen. In seinen Arbeiten befasst er sich mit der Sichtbarmachung natürlicher Erscheinungen wie Wind oder Licht. Er fängt fotografisch ein, was sich vom menschlichen Auge für gewöhnlich nicht erfassen lässt.

Seit zehn Jahren lädt das Museum Kunst der Westküste aktiv Künstler*innen als Artists in Residence nach Alkersum ein. Die Ausstellung „Made on Föhr. Fotografie aus dem Artist-in-Residence-Programm: Nicole Ahland, Elina Brotherus, Thomas Wrede“ bildet als dritte aktuelle Schau den Auftakt zu einer neuen, das Programm zukünftig begleitenden Ausstellungsreihe. Die Gruppenschau zeigt eine Auswahl von überwiegend erstmals öffentlich gezeigten Fotoarbeiten von Nicole Ahland, Elina Brotherus und Thomas Wrede.

Das Museumsrestaurant Grethjens Gasthof rundet den Besuch bestens ab. Im schönen Rosengarten lässt sich in einem Strandkorb das hausgemachte Tagesgericht oder Kaffee und Kuchen genießen. Einen Überblick zu den aktuellen Regelungen zum Besuch des Museums finden sich unter mkdw.de.

Museum der Künste
Hauptstraße 1, 25938 Alkersum/Föhr (Schleswig-Holstein)
Telefon: 04681 747400
Öffnungszeiten: Di–So 11–16 Uhr, Montag geschlossen
Eintritt: 10 Euro, ermäßigt 5 Euro, bis 18 Jahre frei


Auswanderermuseum Ballinstadt

2.500 Quadratmeter zum zeitlosen Thema Migration

auswanderer-museum-hamburg-ballinstadt-statue-of-liberty-c-patrick-lux

Die Statue of Liberty im Auswanderermuseum Ballinstadt (Foto: Patrick Lux)

Hamburg hat mehr Brücken als jede andere Stadt der Welt. Aber die längste und wichtigste Brücke ist die Verbindung zur Neuen Welt. Der Hafen der Stadt, der als Hafen der Träume bezeichnet wird, war die letzte Station von Millionen von Migranten, bevor sie vor allem nach Amerika reisten. Diese Reise über Hamburg führte ab 1901 auch über die Auswandererhallen der Hapag Reederei auf der Veddel, wo sich heute das Auswanderermuseum BallinStadt befindet – benannt nach Albert Ballin, einem der erfolgreichsten Geschäftsleute der Kaiserzeit. Ballin war ein echter Kosmopolit und eine der wichtigsten Persönlichkeiten der Hamburger Geschichte.

Im Auswanderermuseum folgenden die Besucher den Spuren der Auswanderer. Sie entdecken bewegende persönliche Geschichten, genealogische Aufzeichnungen und eine erlebnisreiche historische Ausstellung. Auf rund 2.500 qm erfahren die Gäste an historisch authentischem Ort in Hamburg mehr über das zeitlose Thema Migration. Neben einem wichtigen Teil der Hamburger Geschichte erleben die Besucher die Etappen der Auswanderung über die Jahrhunderte hinweg. In 14 Themenräumen erfahren sie mehr über die Migrationsgeschichte. Die Besucher können in einer erlebnisreichen und interaktiven Ausstellung in verschiedenen Auswandererbiographien stöbern, Pull- und Push-Faktoren für Migration kennenlernen und in die Bedingungen der Reise und den Herausforderungen nach der Ankunft eintauchen.

Vom 18. September bis 30. Dezember 2021 ist zudem die Sonderausstellung „BallinStadt – Hamburger Hafen deutsch-jüdischer Geschichte“ im Rahmen des Jubiläumsjahres „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ zu sehen. Einen Überblick zu den aktuellen Regelungen zum Besuch des Museums finden sich unter ballinstadt.de

Auswanderermuseum Ballinstadt
Veddeler Bogen 2, 20539 Hamburg (Veddel)
Telefon: 040 31979160
Öffnungszeiten: Mi–So 10–16.30 Uhr, Montag und Dienstag geschlossen
Eintritt: 13 Euro, ermäßigt 11 Euro, Kinder (5-12 Jahre): 7 Euro


Deutsches Salzmuseum

Auf den Spuren Lüneburgs ruhmreicher Vergangenheit

salzmuseum

Salz ist weiß, Salz macht durstig, Salz ist geruchlos, Salz kostet nicht viel. Salz ist ein unscheinbares weißes Körnchen. Doch erst dieses Körnchen ermöglicht das Leben auf der Erde. Als eines der ältesten Kulturgüter hat es die Geschichte der Menschheit entscheidend geprägt. Grund genug, es gebührend zu zeigen! Aber warum in Lüneburg? Lüneburg ist die Salzstadt im Norden. Über 1000 Jahre lang bestimmte das Salz das Leben der Stadt. Es machte sie reich und mächtig. In der Stadt hinterließ es viele Spuren. Erst 1980 schloss das Salzwerk seine Pforten. Es war einer der ältesten Industriebetriebe Europas. Das Deutsche Salzmuseum erinnert an seine ruhmreiche Vergangenheit. Wissenswertes, Interessantes, Spannendes und auch Kurioses zum Thema Salz erfährt der Besucher auf anschauliche und gar nicht „museale“ Weise. Fühlen Sie, riechen Sie, schmecken und sehen Sie selbst! Salz kennt nicht jeder! Einen Überblick zu den aktuellen Regelungen zum Besuch des Museums finden sich unter salzmuseum.de.

Deutsches Salzmuseum
Sülfmeisterstraße 1, 21335 Lüneburg
Telefon: 04131 720 65 13
Öffnungszeiten: Di–So 10–17 Uhr, Montags geschlossen
Eintritt: 8 Euro, ermäßigt 4 Euro, bis 18 Jahre frei


Museum Lüneburg

Archäologie entdecken, Natur erkunden, Geschichte erleben

museum-lüneburg-c-martin-baeuml-fotodesign

Foto: Martin Bäuml Fotodesign

Kinder und Erwachsene gehen in sieben großzügigen Abteilungen auf eine spannende Zeitreise durch die Natur- und Kulturgeschichte der Region, von der Eiszeit bis heute. Zu sehen sind besondere Stücke wie die monumentale Kopie der Ebstorfer Weltkarte aus dem 13. Jahrhundert, die einem großen Wimmelbild gleicht und auf der man immer wieder neue Details entdeckt.

Exponate wie der sieben Meter lange Falttisch aus der herzoglichen Burg erzählen spannende Geschichten. Auch die Tierwelt der Elbtalaue und Heide kann man sich im Museum aus nächster Nähe ansehen. Wechselnde Sonderausstellungen, Vorträge, Konzerte, (Puppen-)Theater gehören zu den rund 200 Veranstaltungen jährlich und machen das Museum zu einem besonderen Ort der Begegnung für Groß und Klein. Eine Stärkung erwartet die Gäste im Museumscafé LUNA, das leckeren Kuchen und Kaffee sowie Frühstück an den Wochenenden serviert – mit vielen regionalen Zutaten. Einen Überblick zu den aktuellen Regelungen zum Besuch des Museums finden sich unter museumlueneburg.de

Museum Lüneburg
Willy-Brandt-Straße 1, 21335 Lüneburg
Telefon: 04131 7206580
Öffnungszeiten: Di+Mi+Fr 11–18 Uhr, Do 11–20 Uhr, Sa+So 10–18 Uhr, Montags geschlossen
Eintritt: 8 Euro, ermäßigt 4 Euro, bis 18 Jahre frei


Deichtorhallen Hamburg

Internationale Fotografie zum Thema Familie
bis 18. Juli

deichtorhallen-hamburg-elinor-carucci-three-generations-2016

Foto: Elinor Carucci, Three Generations, 2016

Mehr als 20 internationale fotografische Positionen greifen das Thema „Familie“ in der Ausstellung „Family Affairs – Familie in der aktuellen Fotografie“ im Haus der Photographie der Deichtorhallen Hamburg auf. Die Ausstellung zeigt aktuelle künstlerische Projekte, die sowohl die Diversität fotografischer Herangehensweisen als auch die Verschiedenartigkeit familiärer Modelle, Lebensweisen und komplexen Dynamiken sichtbar machen.

Der fotografische Blick durchbricht dabei das Alltägliche und stellt vorherrschende Normen infrage. Überkommene und neue Rollenbilder, intime Momente des Elternseins und des Älterwerdens, Überforderung und Chaos werden ebenso thematisiert wie Liebe, Halt und Verzweiflung an der eigenen Familie.

Die Gruppenausstellung „Family Affairs“ ist noch bis zum 18. Juli 2021 im Haus der Photographie zu sehen. Einen Überblick zu den aktuellen Regelungen zum Besuch des Museums finden sich unter deichtorhallen.de.

Deichtorhallen Hamburg
Deichtorstraße 1 − 2, 20095 Hamburg (St. Georg)
Telefon: 040 321030
Öffnungszeiten: Di-So 11–18 Uhr, Montags geschlossen
Eintritt: 12 Euro, ermäßigt 7 Euro, bis 18 Jahre frei


Internationales Maritimes Museum Hamburg

Eine spannende Reise durch Hamburgs ältesten Kaispeicher

maritimes-museum-hamburg

Schon die Lage ist Programm – genau an der Grenze zwischen dem UNESO Welterbe Hamburger Speicherstadt und der modernen HafenCity lädt das Internationale Maritime Museum Hamburg zur Reise durch 3.000 Jahre Menschheits- und Schifffahrtsgeschichte. Im historischen Kaispeicher B, dem ältesten noch erhaltenen Speichergebäude Hamburgs, hält die weltweit größte maritime Privatsammlung auf neun Stockwerken – im Museum Decks genannt – viele einmalige Schätze bereit.

Im Mittelpunkt stehen natürlich die Schiffsmodelle. Von ihnen gibt es rund 1.000 große und 50.000 Miniaturmodelle aus aller Welt. Zu den Highlights zählt die „Santa Maria“ aus purem Gold, das Flaggschiff, mit dem Christopher Columbus 1492 Amerika entdeckte. Und die meterlangen Werftmodelle begeistern mit ihrer Detailtreue die großen und kleinen Schifffahrtfans gleichermaßen.

Neben dem Ausflug in die große maritime Welt steht natürlich der „Heimathafen Hamburg“ immer wieder im Fokus. Noch bis Ende August läuft die Sonderausstellung „Die Howaldtswerke in der Zeit des Wirtschaftswunders 1953 – 1967“. Die Fotoausstellung gibt recht ungewöhnliche und überraschende Einblicke in den Werftalltag. Anfang November präsentiert das Maritime Museum dann eine große Sonderausstellung anlässlich des 150jährigen Jubiläums der Reederei Hamburg Süd.

Außer den Sonderausstellungen machen zahlreiche Führungen,  Familienveranstaltungen sowie ein professioneller Schiffsführungssimulator das Museum abwechslungsreich und lebendig. Schifffahrtsbegeisterte Besucher aus aller Welt sind der beste Beweis. Einen Überblick zu den aktuellen Regelungen zum Besuch des Museums finden sich unter imm-hamburg.de

Internationales Maritimes Museum Hamburg
Koreastraße 1, 20457 Hamburg
Telefon: 040 300 92 30 0
Öffnungszeiten: täglich 10–18 Uhr
Eintritt: 15 Euro, ermäßigt 11 Euro


Museum am Rothenbaum

Kulturen und Künste der Welt
bis 31. Dezember/ 7. November

Mantel-und-Wandbehang_Presse(c)Paul-Schimweg_MARKK

Foto: Paul Schimweg / MARKK

Mit der neuen Ausstellung „Hey Hamburg, kennst Du Duala Manga Bell?“ greift das MARKK  die Themen Rassismus, Kolonialismus und Erinnerungskultur für junge Besucher:innen und Familien auf. Erzählt werden die Lebensgeschichten der kamerunischen Königsfamilie Duala Manga Bell und die Auswirkungen des Kolonialismus auf persönliche Lebenswege, Familien und Gesellschaft sowie die Dynamiken von internationalen Widerstandsnetzwerken. In Kooperation mit Prinzessin Marilyn Douala Manga Bell, Urenkelin von Rudolf Duala Manga Bell, entstand diese experimentelle Ausstellung. Sie erzählt die tragische, aber wahre Geschichte von Rudolf Duala Manga Bell und seinen Mitstreiter*innen Rudolf Ngoso Din und Maria Mandessi Bell und deren friedlichen Widerstand gegen die Gier der Kolonialherren und Kaufleute. Die Skrupellosigkeit, mit der diese ihre eigenen Regeln brechen, wird Rudolf Duala Manga Bell zum Verhängnis. Bis zuletzt glaubten sie an die Gleichheit aller Menschen und wehrten sich gegen die Enteignungspläne der Deutschen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die Graphic Novel „Die Vergangenheit ist ein Weg“ des nigerianischen Künstlers Karo Akpokiere. Darüber hinaus werden historische Archiv- und Fotobestände, zeitgenössische Kunstwerke, Objekte der Duala-Sammlung des MARKK und herausragende Leihgaben anderer Museen zusammengebracht. Eine Ausstellung von großer Relevanz: Denn die Geschichte ist nicht zu Ende. Menschen kämpfen weiter für ihre Rechte und eine neue Beziehung mit der Welt.

Prachtvolle Stoffe und Ikatwebereien aus Seide, Tee und „Wilde Äpfel“ fanden über die mythenumwobenen, oft romantisierten Handelsrouten der Steppen und Seidenstraßen ihren Weg nach Europa. Heute sind die Transport- und Handelsverbindungen unter anderen Vorzeichen von Interesse. Großangelegte Infrastrukturprojekte prägen die asiatischen Regionen der Steppen und Seidenstraßen und fördern nicht nur Staub, sondern auch Rohstoffe wie Kohle und Gold an die Oberfläche.

Ausstellungsstücke aus verschiedenen Museumssammlungen sind in einer weiteren Ausstellung im MARKK, „Steppen & Seidenstraße“, Zeugnisse der historischen Verbindungen und des Austauschs zwischen Ost und West und spiegeln die Interessen der Reisenden, die sie nach Europa gebracht haben. Eindrucksvolle Film und Fotoaufnahmen, Interviews und Reisenotizen aus aktueller Forschung setzen die historischen Betrachtungen und Themen in Beziehung zu heutigen Fragestellungen und Lebenswelten.

In dieser Verbindung aktueller Perspektiven mit historischem Material – ethnografischen sowie archäologischen Objekten und alten Fotografien – sowie zeitgenössischen Kunstwerken werden überraschende und kaum beachtete Geschichten erzählt. Die als begehbare imaginäre Karte gestaltete Ausstellung lädt Besucher*innen ein, Wege und Bewegungen zwischen Ost und West nachzuvollziehen und neue Verbindungen zwischen Themen und Orten herzustellen. Einen Überblick zu den aktuellen Regelungen zum Besuch des Museums finden sich unter markk-hamburg.de.

Museum am Rothenbaum
Rothenbaumchaussee 64, 20148 Hamburg (Harvestehude)
Telefon: 040 42 88 79 0
Öffnungszeiten: Di-So 10–18 Uhr, Do bis 21 Uhr, Montags geschlossen
Eintritt: 8,50 Euro, ermäßigt 4,50 Euro


Dialoghaus Hamburg

Einmal die Welt wechseln

dialog-im-dunkeln-hamburg

Im bekanntesten Erlebnis des Dialoghaus Hamburg sind die blinden Gastgeber die „Sehenden“. Sie führen die Teilnehmer in kleinen Gruppen mit maximal 8 Personen durch den lichtlosen Ausstellungsparcours. Ausgestattet mit einem Langstock entdeckt man hier eine scheinbar gewohnte Welt neu. Man hört, fühlt, und orientiert sich in nicht-visuellen Alltagssituationen: bei einem Spaziergang durch einen Park oder dem Überqueren einer Straßenkreuzung in einer Stadt. Nun möchten wir noch nicht zu viel verraten, aber die Gastgeber sorgen dafür, dass man sich in diesem ungewohnten Szenario sehr wohlfühlt. Die Tour endet in der Dunkel-Bar. Bei einem Getränk kommt man ins Gespräch. Viele Fragen tauchen während der Tour auf, die die Guides an dieser Stelle beantworten werden. Mit diesem Austausch klingt dieses ungewöhnliche Erlebnis nach 60 Minuten aus und man betritt langsam wieder das Licht des Foyers.

Ich schmecke was, was Du nicht siehst!

Das Dinner in the Dark ist mindestens genauso bekannt wie die Ausstellung und es wird oft versucht zu kopieren. Im Dialoghaus gibt es das Original DINNER IN THE DARK zu erleben! Bei diesem Dunkel-Erlebnis steht nicht einfach nur ausgewähltes und erstklassiges Essen auf der Karte. Es ist vielmehr eine außergewöhnliche Erfahrung, die voll und ganz aufs Sehen verzichtet – und dadurch andere Sinne wie Riechen, Fühlen und vor allem Schmecken noch intensiver anregt. Das Dinner ist für jeden Teilnehmer eine ganz besondere und intensive Erfahrung und ein unvergessliches Geschmackserlebnis.

Das besondere Geburtstags-Event für kleine Geburtstagkinder

Im Dunkeln lässt sich gut munkeln, das wusste man schon in Kindheitstagen, deshalb feiern Geburtstagskinder und Ihre Gäste hier ihre ganz eigene Tour! Ausgestattet mit einem Langstock und geführt von einem sehbehinderten Guide entdeckt die kleine Geburtstags Gang eine neue Welt. Der Klangraum und einige kleine Herausforderungen sind die Überraschungen, auf die sich Alle freuen können. So ein außergewöhnlicher Geburtstag bleibt auf jeden Fall in guter Erinnerung, weil er einfach mal ganz anders gefeiert wurde. Am Ende der Geburtstagstour gibt es noch ein kleines Geschenk für das Geburtstagskind! In Kürze im Ticketshop buchbar. Derzeit auf Anfrage info@dialog-im-dunkeln.de 

Dialog im Stillen – Die beeindruckende Welt der Gehörlosenkultur

Mit den Händen sprechen und den Augen hören? Geht das. Na klar! Mit schalldichten Kopfhörern ausgestattet erlebt man hier die Welt der Menschen, die nichts oder wenig hören können. Gehörlose Guides führen die Teilnehmer durch mehrere Erlebnisstationen mit sehr lebendiger Kommunikation. Das Erlebnis im Stillen ist ein sehr lebhafter und ausdrucksstarker Austausch in nonverbaler Kommunikation – mit den Experten in Körper- und Gebärdensprache.

Man kann dort die Kraft und Eleganz der Gebärden lieben lernen. Wenn man sich auf den Kontakt zwischen der Welt der Hörenden und der Gehörlosen einlässt und in sie eintaucht werden Berührungsängste abgebaut. Diese Erfahrung gibt einem die Möglichkeit mutiger, toleranter und offener zu werden.

Einen Überblick zu den aktuellen Regelungen zum Besuch des Museums finden sich unter dialog-in-hamburg.de

Dialoghaus Hamburg
Alter Wandrahm 4, 20457 Hamburg (HafenCity)
Telefon: 040 3096340
Öffnungszeiten:Fr-So 9:30–16 Uhr, Sa 12–18:30 Uhr, Mo-Do geschlossen
Eintritt: 13,50 Euro


Rindermarkthalle St. Pauli

Dauerausstellung zeigt die Geschichte der Rindermarkthalle, des Schlachthofes und der sie umgebenden Viertel

 rindermarkthalle-hamburg-ausstellung-geschichte

Wussten Sie, dass bis Ende der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts am U-Bahnhof Feldstrasse eine pittoreske Windmühle stand? Oder, dass vom Heiligengeistfeld bis zum Bahnhof Sternschanze einstmals eine Bahnlinie verlief, und an der Rindermarkthalle die Rinder und Schweine die Feldstraße mittels eines Trifttunnels unterquerten? Oder, dass die am 16. Juni 1951 eröffnete Rindermarkthalle als größte freitragende Hallenkonstruktion in Europa galt? Anlässlich der Fertigstellung der Rindermarkthalle vor jetzt genau 70 Jahren zeigt ab dem 4. Juni eine Dauerausstellung Geschichte und Geschichten der Halle und des ehemaligen Schlachthofes. Zu finden ist die in einer Koproduktion vom St. Pauli Archiv und dem Schaff Verlag entstandene öffentliche Ausstellung im Seiteneingang der Rindermarkthalle St. Pauli (neben dem Restaurant Marktkönig).

„Die Rindermarkthalle und der Schlachthof haben den Charakter des Schanzen- und des Karoviertels entscheidend geprägt. Wer die Viertel wirklich verstehen will, sollte den Zusammenhang zwischen Leben und Arbeiten einmal im historischen Kontext erlebt haben. Die Geschichte der Menschen und der Gebäude ist so toll, dass wir sie unbedingt erzählen wollten“, erklärt Martin Bo Ahlers, Centermanager der Rindermarkthalle. Finanziell ermöglicht wurde das Projekt von der Edeka Nord.

Die Ausstellungsmacher:innen: „Rund um Schlachthof und Rindermarkthalle siedelten sich Lokale an. Seit 1904 gibt es schon die Schlachterbörse, die früher übrigens „Zum gemütlichen Schlachterheim“ hieß. Erikas Eck ist das einzig erhalten gebliebene Frühlokal. Hier geht man seit jeher nach der Spät und Nachtschicht hin, um sich zu stärken. Diese Tradition wurde weitergeführt, und neben den alten Lokalen sind im Schanzen- und Karolinenviertel zahlreiche neue hinzugekommen.

Die Veränderung des gesamten Areals hat viel Leben in die ehemaligen Industriedenkmäler gebracht. Das sorgt aber bis heute auch für soziale Kontroversen. Uns ist wichtig, in dieser Ausstellung auch die Schattenseiten der Umwandlung zu thematisieren.“ Mehr Informationen gibt es im St. Pauli Archiv.

Über die Rindermarkthalle St. Pauli

Umgeben vom Schanzen- und Karoviertel bietet die 12.500 Quadratmeter große Rindermarkthalle St. Pauli eine aufregende Reise durch die nationale- und internationale Küche. Getreu dem Claim „Hier schmeckt das Leben“, gibt es über 30 individuelle Konzepte rund um das Thema Genuss und Frische mit Läden wie „Brot und Stulle“, der Confiserie Paulsen, der Fleischmanufaktur „Metzgers“ oder dem Zero Waste Laden „Stückgut“.

Neben einem BUDNI, ALDI und der Bio Company, befindet sich im Erdgeschoss der historischen Halle Hamburgs größtes EDEKA Frischecenter, das auf seinen 4.500 Quadratmetern neben regionalen Produkten über 3.000 internationale Produkte, eine Getränkeabteilung mit über 50 Sorten Craft-Beer sowie eine besonders große Auswahl an veganen und glutenfreien Produkten präsentiert.

Zusätzlich zu vielfältiger Kulinarik finden die wöchentlich rund 70.000 Besucher hier auch Handcrafted Design oder Hamburgensien wie den Troyer oder echte Fischerhemden. Daneben locken jährlich wiederkehrende innovative Events wie die Fahrradmesse Kunst- und Antikflohmarkt, der Festland Designmarkt oder der „Wintergarten St. Pauli“.

Rindermarkthalle St. Pauli
Neuer Kamp 31, 20359 Hamburg (St. Pauli)
Telefon: 040 3096340
Öffnungszeiten:Mo-Sa 10–20 Uhr, So geschlossen


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.