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Film-Krise: „Ein schlechter Traum“

Helge Albers, Geschäftsführer der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, über die Situation der Filmbranche im Norden, das beschlossene Maßnahmenpaket zur Unterstützung der Filmbranche und das gespannte Verhältnis von Streaming und Kino

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Herr Albers, Sie haben vor knapp einem Jahr Ihre Karriere als Produzent aufgegeben, um Geschäftsführer der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein zu werden. Nun ist die Filmbranche aufgrund der Corona-Pandemie in argen Schwierigkeiten. Bereuen Sie Ihre Entscheidung?

Helge Albers: Ganz im Gegenteil. Es ist gerade jetzt wichtig, als Geschäfts­führer der Filmförderung die Situation der Produzenten zu kennen und ein Gespür für die Stimmungslage in der Branche zu haben. Das ist sicher von Vorteil, wenn es darum geht, über gezielte Förderungen und Hilfen zu entscheiden.

Das vergangene Jahr lief für den Filmstandort im Norden recht erfolgreich: „Systemsprenger“, „Der goldene Handschuh“, „Lindenberg! Mach dein Ding“ sind allesamt erfolgreiche, preisgekrönte Filme, Sie haben die Filmförderung neu aufgestellt und sogar Warner Bros. als Förderer gewonnen. Nun ist plötzlich die gesamte Filmbranche in Gefahr. Wie haben Sie die vergangenen Wochen erlebt?

Ich stehe jeden Morgen auf und denke: Das kann doch wohl nicht wahr sein! Das ist ein schlechter Traum! Corona trifft unsere Branche mit voller Härte – und zwar umfassend. In jedem Bereich, von der Produktion bis zur Auswertung in den Kinos und im Home Entertainment ist die Filmbranche be­troffen.

Ein Film entsteht in Teamar­beit, aber niemand darf mehr zusammen arbeiten. Wir sind auf Publikum angewiesen, aber niemand darf mehr ins Kino. Eine komplette Branche ist auf null heruntergefahren – und zwar von einem Tag auf den anderen.

Aus der Filmbranche ist zu hören, dass es sich um die größte Krise in der Geschichte des Films handelt. Wann haben Sie den Ernst der Lage erkannt?

Uns im Haus war sehr schnell klar, dass das ein absoluter Einschnitt ist, und wir uns schnell damit auseinander­setzen müssen. Wir haben direkt mit einer Umfrage in der Branche reagiert, um zu erkennen, welche Dimension an Ausfällen uns da erwartet.

Dann haben wir damit begonnen, die Hilfsprogramme aufzusetzen. Inzwischen sind wir mitten in der Umsetzung. Wir stehen in permanentem Kontakt zu unseren Antragstellern, ob Kinos oder Produzenten. Was wir nicht wissen, ist, wie und wann es weitergeht.

Stellen Sie denn durch das kürzlich beschlossene Maßnahmenpaket eine Beruhigung innerhalb der Branche fest?

Zum jetzigen Zeitpunkt können wir das noch nicht beurteilen. (Das Interview fand am 7. April statt, Anm. d. Red.) Wir hoffen aber, dass die Krise durch die Summe an Hilfsmaßnahmen auf ein erträgliches Maß reduziert wird. Wir müssen alle Maßnahmen so bündeln, dass sie wirklich helfen. Es muss helfen! Wir als Filmförderung leisten unseren Beitrag zur Stabilisierung. Wir können allerdings nicht alle Ausfälle komplett ersetzen.

 

„Die Ungewissheit macht es schwer, mit Corona umzugehen“

 

Das besagte Maßnahmenpaket, das Sie am 3. April gemeinsam mit den Kulturbehörden Hamburgs und Schleswig-Holsteins vorgestellten, hat einen Umfang von 3,7 Millionen Euro. Ohne die Summe kleinreden zu wollen: Für wie lange, schätzen Sie, reicht das?

Die Frage ist, bis wann muss es denn reichen? Da wir diese Größe nicht kennen, vermag ich die Frage auch nicht wirklich zu beantworten. Das Maßnahmenpaket ist eine Soforthilfe, gestrickt unter dem Eindruck einer akuten Schieflage, bei der sehr schnell gehandelt werden musste. Nicht mehr und nicht weniger. Der Faktor der Ungewissheit macht es schwer, mit Corona umzugehen. Das betrifft alle Beteiligten – nicht nur uns.

Worin besteht das Maßnahmenpaket denn?

Der Grundgedanke des Maßnahmenpaketes ist, dass man Ausfälle aus­gleichen muss. Im Produktionsbereich sind das zum Beispiel Ausfälle durch Drehabbrüche und -­verschiebungen. Ein Dreh ist ein sehr komplexes Gebilde, mit vielen Akteuren, und einem sehr hohen organisatorischen Aufwand und Vorlauf.

Es kann sein, dass die Produktionsteams bis zum Herbst oder Spätherbst warten müssen, bis sie wie­ der drehen können. Wir wollen ihnen, so gut es geht, unter die Arme greifen. Eine weitere Maßnahme sind die Soforthilfen für die Kinos in Hamburg: Hier sollen die aktuellen Erlösausfälle aufgefangen oder zumindest gemildert werden. Und die dritte Maßnahme – das sogenannte 3×3­-Programm – ist ein neues Förderprogramm mit dem wir in der Zeit des Stillstands mehr Drehbücher fördern und damit neue Filmprojekte anschieben.

Wie verhält es sich denn mit den Maßnahmen? Gilt das Prinzip, wer zuerst kommt, mahlt zuerst, oder wird nach konkreten Richtlinien priorisiert?

Wir haben zwei Grundsätze, nach denen wir alle unsere Entscheidungen treffen: Das ist zum einen die Qualität und zum anderen die Wirtschaftlichkeit. Wobei die Wirtschaftlichkeit in diesem Fall gesondert betrachtet werden muss: Anders als sonst, spielt hier die Frage der Bedürftigkeit eine Rolle. In einer konkreten Antragssituation schauen wir uns also Fall für Fall an, und wägen dann ab. Wir werden mit dem Geld, das bewilligt wird, nicht alle zu 100 Prozent befriedigen können. Das kann diese Summe einfach nicht leisten.

Sie sagten eingangs, dass sie in engem Austausch mit Produzenten stehen. Was sagen die zu den Maßnahmen?

Mein Eindruck ist, dass ein Großteil noch mit dem Sortieren und Analysieren der Lage zu tun hat, in der sie gerade stecken. Einige waren mitten im Dreh und mussten abbrechen, andere hatten den nächsten Dreh demnächst vor und müssen diesen nun auf unbestimmt verschieben. Andere wiederum waren erst im Development, und haben den Dreh ohnehin erst im Herbst geplant. Die rechnen entweder noch damit, dass sie weiter nach Plan arbeiten können, oder spekulieren damit, dass es anders kommt.

Insgesamt nehme ich eine große Unsicherheit wahr. Wir als Förderung sind deshalb gefragt, ein Stück weit Stabilität und Kontinuität zu gewährleisten und Pfeiler aufzustellen, die dabei helfen den Sturm zu überstehen.

Sprechen wir über einen dieser Pfeiler: Die Unterstützung für die Hamburger Kinos. Diese betrifft ja nur die Hamburger Lichtspielhäuser, die in den vergangenen drei Jahren mit dem Kinopreis ausgezeichnet wurden. Was ist mit den anderen?

Das Hilfsangebot gilt auch für Arthouse­ und Programmkinos, die keinen Kinopreis erhalten haben. Aus diesem Grund steht in der entsprechenden Passage auch ein weiterer Passus, der explizit weitere Kinos einbezieht.

In dem Absatz heißt es: „…sowie kulturell herausragenden stadtteilbezogenen Filmtheatern.“ Damit sind die UCI- und Cinemaxx-Gruppe wohl nicht gemeint, oder?

Das sind bundesweit agierende Unternehmen. Wir sind vor allem den kulturell agierenden Kinos gegenüber verpflichtet. Etwas überspitzt gesagt, denke ich, dass wir mit unserem Etat etwa die Monatsmieten der Cinemaxx­-Gruppe bedienen könnten. Das sind Player auf dem Markt, für die die Filmförderung nicht unbedingt gedacht ist und für die andere Hilfsmechanismen benötigt werden. Aber auch in diesem Segment möchte ich die Probleme nicht klein­reden. Corona ist da ein Gleichmacher, der die großen Häuser genauso trifft wie die kleinen.

 

„Ich rechne damit, dass wir ein tolles Filmfest in Hamburg haben werden“

 

Wird es in diesem Jahr eigentlich ein Filmfest in Hamburg geben?

Ich bin ein optimistischer Mensch. Ich rechne also damit, dass wir im September/Oktober ein tolles Filmfest in Hamburg haben werden. Das Kurz­filmfestival wurde bereits auf November verschoben und wird in kleinerer Form stattfinden.

VRHAM! – das Virtual Reality & Arts Festival erarbeitet eine Online­-Variante als Ersatz, auf die ich sehr gespannt bin. Bei aller Schwierigkeit, die die ganze Situation um Corona mit sich bringt, glaube ich, dass die digitalen Möglichkeiten sich bei einigen verstärkt entwickeln und auch langfristig Wirkung zeitigen werden.

Was im Moment mehr als gut läuft, ist das Streaming. Die Steigerungsraten der Streaming-Anbieter sind in Corona-Zeiten immens. Nutzen auch Sie Streaming-Angebote?

Ja, ich nutze verschiedene Stream­ing-­Angebote, je nachdem was mich gerade interessiert. Ich schaue auch oft bei den Öffentlich­-Rechtlichen vorbei. „Bad Banks“ ist eine Serie, die ich gern gesehen habe. Kürzlich habe ich die Se­rie „Unorthodox“ gesehen. Mochte ich sehr. Ich glaube, es ist unerlässlich, dass man ein Verständnis dafür hat, was auf den Streaming-­Plattformen stattfindet.

Man hat das Gefühl, es ist zu einer Glaubensfrage zwischen praktizierenden Cineasten und Streaming-Jüngern geworden. Wie sehen sie das als Filmförderer?

Grundsätzlich ist es so, dass sich die Branche durch die Streaming-­Anbieter verändert hat. Vorher gab es ein ein­gespieltes Muster: Es war klar, wer was finanziert oder eben nicht, es gab klare Entscheidungs-­ und Handlungsabläufe – und das blieb auch weitestgehend so.

Dann kam ein großer, neuer Mitspieler auf den Markt, der über sehr viel Geld verfügt, sehr schnell agiert und sehr viel Freiräume lässt – gerade was das kreative Arbeiten angeht. Einerseits eröffnet diese Entwicklung einen Raum neuer Möglichkeiten, andererseits zieht jede Positivmeldung oft auch eine Negativ­meldung mit sich, die oft aber nicht weit durchsticht.

Zum Beispiel?

Es ist deutlich schwerer geworden, qualifizierte Mitarbeiter zu wettbe­werbsfähigen Preisen zu bekommen und langfristig zu binden – gerade für unabhängige, kleinere Produktionen. Und die Vertragsbedingungen der Streamer lassen manchmal sehr zu wünschen übrig.

Einige in der Branche sind der Ansicht, man dürfe nicht zulassen, dass die Krise den endgültigen Durchbruch für Netflix, Amazon und all die anderen Plattformen bedeutet. Wenn die Leute sich erst einmal daran gewöhnt haben, dass sie das Kino nicht brauchen, könne es sehr hart werden, sie vom Gegenteil zu überzeugen.

Die Entwicklung erhöht zumindest die Notwendigkeit, dass das Kino sein Alleinstellungsmerkmal stärker betont – und damit meine ich sowohl Filme, die im Kino laufen, als auch den Ort an sich. Wir stehen als Branche in der Pflicht, Filme zu produzieren, die kino­tauglich sind und nur an diesem Ort wirklich Sinn machen. Das Publikum weiß, dass man einige Erlebnisse nur im Kino voll genießen kann. Ich hoffe, dass nach der Zeit des Social Distancing die Leute wieder richtig Lust auf das Ge­ meinschaftserlebnis Kino haben.

Machen Sie sich Sorgen um das Kino?

Langfristig mache ich mir wenig Sorgen. Wir haben auch in den vergangenen zwei Jahren gesehen, dass das Kino durchaus widerstandsfähig ist, auch dem Streaming gegenüber.

Was macht Sie da so sicher?

Die große Stärke des Kinos ist das gemeinsame Erlebnis. Die Frage lautet für mich nicht ob, sondern wann das Publikum wieder in der Lage und bereit sein wird, ins Kino zu gehen. Ein Problem ist, dass die großen Filme alle erst mal nicht im Kino laufen werden, da sie in den Herbst oder gar ins nächste Jahr verschoben worden sind. Ein Kino braucht aber eine bestimmte Reihe starker Titel, die eine Masse an Publi­kum anzieht. Es wird für die Kinos also vorerst schwierig bleiben. Wichtig wird aber auch sein, dass die Kinos darüber nachdenken, wo digitale Geschäfte liegen, die in der Logik der Kinoaus­ wertung funktionieren.

Es gibt ja erste Angebote, wie Kino on Demand oder #hilfdeinemkino. Haben Sie da Rückmeldungen bekommen, inwieweit diese Aktionen den Kinos helfen?

Was ich weiß, ist, dass diese Aktio­nen ganz gut angenommen werden. Es gibt hohe Klickzahlen und eine wahn­sinnig große Bereitschaft vom Publikum, über Gutschein­-Käufe, Crowd­funding­-Aktionen, oder Video on Demand­-Kooperationen den Kinos zu helfen. Die Kundenbindung zwischen den Kinos und den Zuschauern erweist sich als sehr stark. Kinogänger sind sehr loyal.

 

Pelkanblut-filmszene

Der Starttermin des Kinofilms „Pelikanblut“ mit Schauspielerin Nina Hoss (Mitte) musste, wie viele andere auch, vorerst verschoben werden

 

Angenommen alles pendelt sich wieder ein: Wo möchten Sie mit der Filmbranche im Norden in fünf Jahren gern stehen?

(Längere Pause) Die Frage hätte ich vor vier Wochen sicherlich anders be­antwortet als im Moment. Vom jetzigen Zeitpunkt aus gesehen, wünsche ich mir vor allem eine stabile Branche, die klare, sichere Finanzierungs­ und Auswertungsperspektiven hat.

Grundsätzl­ich wünsche ich mir eine Branche, die am Puls der Zeit ist und sich offen zeigt für neue Modelle, die mutig ist in den Stoffen, die sie anfasst und in den For­maten, die sie wählt. Das betrifft sowohl die Produzenten als auch die Kinos und Verleiher. Es tut gut, immer wieder den Horizont zu erweitern und neue Ansät­ze zuzulassen, eine Veränderung zu akzeptieren und darauf zuzugehen statt sie sofort auszuschließen und abzublocken.

Auf welchen Film, der nun im Kino wäre, hatten Sie sich am meisten gefreut?

„Pelikanblut“ von Katrin Gebbe. Das ist ein Verlust. Der wird nun erst mal verschoben. Aber er wird ins Kino kommen, da bin ich mir sicher. Der lohnt sich wirklich. Ein toller Film.

Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Aktion Hoffnungsbrief: Worte wie Umwarmungen

Die Diakonie-Stiftung MitMenschlichkeit lädt Hamburger ein, Briefe an Senioren zu schreiben, die momentan nicht besucht werden dürfen. Vor allem Kinder freuen sich über diese Möglichkeit

Text: Erik Brandt-Höge

 

Mitte März wurden Besuchseinschränkungen für stationäre Pflegeeinrichtungen beschlossen. Menschen in Alten­ und Pflegeheimen leben seitdem isoliert von ihren Lieben. Ei­nen kleinen, aber feinen Lichtblick bietet die Diakonie-­Stiftung MitMenschlich­keit. Sie hat kurzerhand die „Aktion Hoffnungsbrief “ gestartet. Und die geht so: Hamburger dürfen den über 3.200 Senioren, die in den 23 teilnehmen­ den Diakonie-­Einrichtungen zu Hause sind, ihre Gedanken in Zeiten von Corona schicken, vor allem natürlich ihre guten Wünsche und Hoffnungen.

Marta-hoffnungsbriefSeit dem 23. März wird jede Einrichtung wö­chentlich vom Diakonie­-Team beliefert – und das hat ordentlich zu tun. Bis Mitte April gingen rund 2.700 Briefe, Postkarten und Bilder ein. „Ich bin begeistert von den vielen liebevollen Briefen“, sagt Jutta Fugmann­-Gutzeit, Geschäftsführerin Diakonie-­Stiftung MitMenschlichkeit Hamburg und Initiatorin der „Aktion Hoffnungsbrief “. „Kleine Kunstwerke von Kindern sind dabei, Kitas senden Basteleien, Studentinnen schreiben über ihren Alltag. Da ist wirklich zu spüren, dass es darum geht, den älteren Menschen eine Freude zu machen. Das finde ich toll, gerade in dieser Zeit.“ Steht ein Absender auf der Hoffnungs­-Post, haben die Senioren zudem die Möglichkeit, sich zu bedanken und in den Austausch zu gehen.

Bewohnerinnen und Bewohner von Hamburger Alten- und Pflegeeinrichtungen dürfen ab heute, 18. Mai, wieder Besuch empfangen. Allerdings nur sehr eingeschränkt und nur mit einem Termin. Geschrieben werden kann daher weiterhin an diese Adresse:

Diakonie-Stiftung Mit Menschlichkeit, „Hoffnungsbrief “, Königstr. 54, 22767 Hamburg


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Peter Tschentscher: „Die ersten zehn Sekunden sind vorbei“

Kurz nach der Bestätigung als Hamburgs Erster Bürgermeister muss Peter Tschentscher die Stadt durch eine Zeit schiffen, in der viele unterschiedliche – psychologische und existenzielle – Bedürfnisse gehört werden wollen. Ein Gespräch über die zwei Seiten der Krise und seine Hoffnung, wie die Stadt nach der Pandemie aussieht

Interview: Hedda Bültmann & Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Peter Tschentscher, bezogen auf die wirtschaftliche Lage Hamburgs haben Sie die Corona-Krise kürzlich mit einem Luftanhalten verglichen: Die ersten zehn Sekunden würden noch recht leichtfallen, die nächsten zwanzig wären schon schwieriger. Welche Sekunde zählen Sie denn aktuell?

Peter Tschentscher: Die ersten zehn Sekunden sind vorbei. Es wird jetzt immer schwieriger, das alles durchzuhalten, auch im Hinblick auf die wirt­schaftlichen Folgen. Ein Unternehmen kann vielleicht einige Wochen ohne Umsatz überstehen. Aber je länger die Krise andauert, desto stärker steigt das Risiko, dass es zu Insolvenzen kommt und Arbeitsplätze verloren gehen.

Das Hilfspaket von Bund und Ländern soll dabei unterstützen, die­se Zeit zu überbrücken. Dazu gehören das Kurzarbeitergeld, das Unternehmen mit hohen Lohnkosten sofort entlastet, und zinslose Steuerstundungen. Über die Hamburger Corona-Soforthilfe können Selbstständige, kleine und mittlere Unternehmen Zuschüsse bis zu 30.000 Euro erhalten, die nicht zurückgezahlt werden müssen. Wir wollen vermeiden, dass es in der Wirtschaft zu strukturellen Schäden kommt.

Eine Angst der Hamburger ist, ob wir ausreichend medizinisch versorgt werden können. Aktuell (Stand 20.4.) werden 220 Hamburger mit COVID-19 stationär behandelt, davon 75 intensivmedizinisch. Inwieweit sind die Hamburger Krankenhäuser ausgelastet?

Derzeit gibt es ausreichend Behandlungskapazitäten. Die genannten Zahlen beziehen sich auf ganz Hamburg. Wir haben 1,8 Millionen Einwohner, rund 12.500 Krankenhaus­ betten und über 700 Intensivplätze. Das Coronavirus führt bei den meisten Infizierten zu keiner oder nur zu einer leichten Erkrankung.

Aber es gibt eben auch Personen, bei denen das Risiko einer schweren Erkrankung höher ist, vor allem ältere Menschen oder Patienten mit Vorerkrankungen. Die Maßnahmen, die wir treffen, sollen die Ausbreitung des Virus so ver­langsamen, dass nicht zu viele Men­schen gleichzeitig schwer erkranken und unser Gesundheitssystem mit ihrer Behandlung dann überfordert ist. Deswegen erhöhen wir die Zahl der Intensivbetten unserer Krankenhäuser. Wir wollen eine Lage wie in Italien verhindern, wo selbst schwerkranke Patienten nicht mehr behandelt wer­ den konnten.

Konkret heißt das, es gibt in Hamburg noch ausreichend Krankenhausbetten?

Ja. Die Krankenhäuser verschieben derzeit planbare Eingriffe, wenn es aus ärztlicher Sicht möglich ist. Also solche Eingriffe und Behandlungen, die nicht dringlich sind und auch in den nächsten Monaten nicht zu einem Notfall werden. Damit schonen wir das Gesundheitssystem, Personal und Schutzausrüstung wie Gesichtsmasken, die wir bei einem stärkeren Anstieg von COVID-­19­-Patienten noch benötigen.

 

„Jeder erlebt diese Zeit anders und ist auf seine eigene Art betroffen“

Peter Tschentscher

 

Existenzsorgen bleiben, und sind bei einigen bereits auf die emotionale Ebene gerutscht. Es gibt Ohnmacht, Wut, Trauer, Hoffnungslosigkeit, aber natürlich auch viel Mitgefühl. Welche Gefühle herrschen denn bei Ihnen aktuell vor?

Ich bin konzentriert. Es gibt mehr zu tun und zu entscheiden als sonst. Jeder erlebt diese Zeit anders und ist auf seine eigene Art betroffen. Wir haben zum Beispiel viele Beschäftigte im Gesundheitswesen und im Lebensmitteleinzelhandel, die jetzt sehr viel mehr arbeiten. Auf der anderen Seite haben wir Leute, die gerne arbeiten würden und es nicht dürfen, zum Beispiel Restaurant-­ und Clubinhaber. Einige sitzen zu Hause und wissen noch nicht, wie es weitergehen soll.

Jede Lage ist schwierig und hat seine psycholo­gischen Besonderheiten. Ich verstehe, dass einige ungeduldig sind und fra­gen, ob diese harten Einschränkungen wirklich nötig sind. Wir müssen aber vorsichtig bleiben und dürfen die Ein­schränkungen nur sehr vorsichtig lo­ckern, um den Erfolg unserer Strategie nicht zu riskieren. Letztlich kommen wir am besten durch diese schweren Wochen und Monate, indem wir auf guten Zusammenhalt und gegenseitiges Verständnis setzen.

Was genau bedeutet denn „durchkommen“? Wie sieht die Stadt danach aus?

Ich hoffe, dass wir in der gleichen Art und Weise in Hamburg weiterleben können wie vorher. Die Krise überstehen bedeutet, dass wir die sozialen und wirtschaftlichen Folgen begrenzen und strukturelle Schäden verhindern. Wir versuchen, diese Phase kurz zu halten und die Maßnahmen so zu gestalten, dass man sie durchhalten kann. Deswe­gen haben wir keine absolute Ausgangssperre wie in anderen Ländern. Alle sollen die Möglichkeit haben, sich an der frischen Luft zu bewegen – mit dem nötigen Abstand zu anderen. Wir bie­ten wirtschaftliche Unterstützung und Hilfen über telefonische Hotlines und psychologische Beratung.

Um Verständnis zu erwirken, ist es unerlässlich, die Menschen zu informieren. Es gab in den letzten Wochen aber auch vereinzelt Schelte für eine gewisse Form der Berichterstattung. Wie empfinden Sie diese von den Hamburger Medien?

Ich sehe nicht, was an der Hamburger Berichterstattung zu kritisieren ist. Es wird angemessen über die Ereignisse und Entscheidungen berichtet, die uns in Hamburg und ganz Deutschland betreffen. Information und Transparenz sind wichtig, damit die Einschränkungen akzeptiert und eingehalten werden. Wir können die Ausbreitung des Virus nur in den Griff bekommen, wenn sich alle an die Kontaktbeschränkungen im öffentlichen Raum halten.

Dort, wo Maßnahmen nicht sinnvoll sind, ist Kritik auch berechtigt – wenn zum Beispiel Fußgänger oder Radfahrer von Polizeikontrollen an den Landes­grenzen zurückgeschickt werden. Das sind Maßnahmen, die nicht abgespro­chen waren und die jetzt auch nicht fortgeführt werden.

 

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Für zukünftige Notfälle dieser Art werde man sich „in bestimmten Punkten besser vorbereiten“ (Foto: Senatskanzlei Hamburg)

 

Wie ist denn gerade die Stimmung zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein?

Ich habe mit Ministerpräsident Da­niel Günther vereinbart, dass Schles­wig-­Holstein auf unnötige und unverhältnismäßige Maßnahmen dieser Art verzichtet. Wir sind uns einig, dass es für Beschränkungen unserer Freiheit immer wichtige Gründe geben muss.

Überregionale touristische Reisen sol­len nicht stattfinden, weil es dadurch zu neuen Infektionsketten und einer ver­ stärkten Ausbreitung des Virus kommen kann. Naherholung, Spaziergänge oder Radtouren in der Nähe des Wohnortes sind aber weiterhin gestattet. Mein Wunsch ist, dass nach dieser Krise keine Verstimmungen zwischen den Bun­desländern zurückbleiben und wir unser partnerschaftliches Miteinander in der Metropolregion fortführen.

Was gerade guttut, ist die große Hilfsbereitschaft, die überall in der Stadt zu spüren ist, von „Danke“-Plakaten auf Balkonen über Briefe von Kindern an Seniorenresidenzen bis zu Gastro-Unternehmen, die Obdachlose mit Essen versorgen. Wann hätten Sie zuletzt gerne einen oder mehrere Hamburger in den Arm genommen, um selbst einmal danke zu sagen, durften es aber natürlich nicht?

Ich erlebe an vielen Stellen großen Einsatz und Hilfsbereitschaft. Neulich war ich in einem Hamburger Gesundheitsamt, um zu sehen, wie dort in der Corona­-Krise gearbeitet wird. Da wa­ren Beschäftigte, die eigentlich jetzt in Rente gegangen wären, das aber ver­schoben haben, um ihre Erfahrung und Arbeitskraft noch einzubringen. Viele Mitarbeiter haben sich aus anderen Dienststellen in das Gesundheitsamt versetzen lassen, weil dort jetzt viel zu tun ist.

Zugleich haben sich Medizin­studenten gemeldet, die mit ihren fort­geschrittenen medizinischen Kenntnis­sen gut unterstützen können. Das sind alles Leute, die nicht nur sagen, man müsste helfen, sondern die dann auch wirklich dabei sind. Das zeigt den großen Zusammenhalt in der Stadt.

Führt dieser Effekt dazu, dass die Stadt nach der Krise stärker sein wird als vorher?

Ich denke schon. Krisen sind auch immer eine Chance, man kann aus ihnen lernen. Wir werden uns in bestimmten Punkten auf jeden Fall besser vorbereiten auf Epidemien und Notfälle dieser Art. Wenn sich Menschen in einer Krise gegenseitig helfen, stärkt das den Zusammenhalt. Bürgerliches Engagement und Solidarität gab es in Hamburg schon immer, sie werden aber durch die Krise noch einmal gestärkt. Jetzt geht es erst mal darum, die Krise zu überstehen. Danach werden wir zu­ rückschauen auf das, was gut lief und was wir noch verbessern müssen.

 

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„Es gibt mehr zu tun und mehr zu entscheiden als sonst“: Tschentscher im Rathaus (Foto: Senatskanzlei Hamburg)

 

Und wie könnte man in Zukunft stärker mit einer Krise wie dieser umgehen?

Wir hatten Pandemie­- und Notfallpläne, aber die wurden ohne praktische Erfahrung gemacht. Man konnte nicht alles vorhersehen, was uns jetzt Pro­bleme macht, denn eine so umfassende Krise gab es bisher noch nicht. Selbst die Sturmflut 1962 ist nicht vergleichbar. Das war ein räumlich und zeitlich sehr begrenztes Ereignis. Im Vergleich dazu haben wir heute mehrere Krisen gleich­zeitig: in der Wirtschaft, in der Kultur, im Bildungssystem.

Das gesamte öffentliche und private Leben ist betroffen. Dazu kommt, dass es sich um eine in­ternationale Krise handelt. Der Bedarf an Medizinprodukten und Schutzklei­dung ist weltweit sprunghaft angestiegen und die gewohnten Lieferketten sind unterbrochen. Das ist derzeit eines unserer größten praktischen Probleme. In Zukunft müssen wir dafür sorgen, dass wir kritische Produkte auf Vorrat haben und eine Produktion im eigenen Land möglich ist.

Was fehlt denn akut am meisten?

Derzeit sind es vor allem medizini­sche Schutzmasken, die in den Kran­kenhäusern und Pflegeeinrichtungen gebraucht werden. Wir versuchen auf verschiedenen Wegen, größere Bestände zu beschaffen, bei Herstellern in Deutschland sowie international. Auch der Bund hat zugesagt, die Länder dabei zu unterstützen.

Wenn es denn soweit ist, dass diese Krise als überstanden gilt: Worauf freuen Sie sich für diese Zeit am meisten?

Darauf, dass wir uns wieder frei be­wegen und begegnen können. Die Le­bensqualität in Hamburg besteht gerade in der Vielfalt der Begegnungen, in den Restaurants, Cafés und Clubs, in Thea­tern und Kinos, auf den vielen Veranstaltungen, die bei uns normalerweise jeden Tag stattfinden.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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