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Ferris MC: „Immer nonkonform“

Der Hamburger Rapper Ferris MC veröffentlicht seine Autobiografie „Ich habe alles außer Kontrolle“ – und ein neues Album. In den Songs auf „Alle hassen Ferris“ thematisiert er seine Antihelden-Position im Musikgeschäft

Interview: Erik Brandt-Höge

SZENE HAMBURG: Ferris, gab es einen konkreten Anlass, den Titelsong deines neuen Albums, „Alle hassen Ferris“, zu schreiben?

Ferris: Nein, es war ein Potpourri aus Erlebnissen und Kommentaren, die ich so mitgekriegt habe, die mich zum Schreiben bewegt haben. Ich hatte das Gefühl, überall nur verbrannte Erde hinterlassen zu haben und zur Persona non grata geworden zu sein. Es kam mir vor, als könnte ich machen, was ich wollte, so sehr abliefern, wie nur möglich: Und die Leute redeten trotzdem. Und wenn man dann während der Pandemie eingeschlossen in seinem Kämmerlein dasitzt, wird diese Wahrnehmung natürlich noch stärker. Deshalb der sehr plakative, aber natürlich auch humorvoll gemeinte Titel: „Alle hassen Ferris“.

Humorvoll, weil dir die Ansichten anderer am Ende doch nicht so wichtig waren und sind?

Genau. Ich mache nicht Musik, um es damit allen recht machen zu können. Das habe ich mal gemacht, aber damit bin ich komplett auf die Schnauze gefallen. Ich wollte dem gerecht werden, was die Leute von mir verlangten, aber das konnte ich ja gar nicht. Ich kann zum Beispiel nieman- dem den alten Ferris zurückgeben. Kein Künstler kann das. Man ist ja nicht der Lakai des Publikums, sondern drückt seiner Kunst den eigenen Stempel auf. Wobei ich sagen muss: Es ist jetzt auch nicht so, dass ich komplett darauf scheiße, was die Leute von mir denken. Wie jeder andere Künstler suche auch ich nach Anerkennung und Liebe.

„So fühle ich mich am wohlsten“

Im Song „Alles außer Kontrolle“ heißt es: „Meine Mukke folgt keinem Trend, deshalb verdien’ ich damit auch keinen Cent.“ Dieses Keinem-Trend- Folgen: Macht das vor allem Spaß oder ist es auch mal anstrengend?

Massentauglichkeit spült natürlich Geld in die Kassen, aber ich finde es wichtiger, es nicht darauf anzulegen, massentauglich zu sein. Also dass man zum Beispiel nicht ganz offensichtlich versucht, einen Chart-Hit zu produzieren, der dann vom Label noch in die Playlisten gepusht wird. Wenn man Geld in die Hand nimmt, kann man überall stattfinden und sich somit Erfolg auch erkaufen. Bei mir ist es so, dass man sich schon schlau machen muss, was ich gerade mache. Dann allerdings findet man High-End Quality – auf meine Art. Das ist der Weg, den ich immer gegangen bin, immer nonkonform. So fühle ich mich am wohlsten.

„Man ist ja nicht der Lakai des Publikums“

Ferris MC

Wobei man meinen möchte, der Refrain im Song „Was ist geblieben“, auch aus „Alle hassen Ferris“, ist geradezu dafür gemacht worden, dass er von Tausenden im Stadion mitgeschrien werden könnte. Textbeispiel: „Alles, was wir machten, war für die Ewigkeit.“ Könnte auch von den Toten Hosen sein …

Wenn die Toten Hosen, Die Ärzte oder die Broilers diesen Refrain gemacht hätten, also Künstler, die sich mit Gitarrenmusik längst etabliert haben, könnte er tatsächlich sehr erfolgreich werden. Wir – den Song habe ich zusammen mit Dag aufgenommen – machen aber Gitarrenmusik mit Rap und auch mit Rap Attitüde. Dabei müssen wir schon Glück haben, dass daraus ein Hit wird. Wir haben den Refrain gemacht, weil wir wollten, dass die Leute mitgenommen werden, denn die Strophen sind ja eher nicht zum Mitschreien.

„Es wird besser“

Nicht nur durch Textzeilen wie „Ich war schon vor Corona gefickt“ bleibst du auf diesem Album deinem Credo treu, nicht Rap-typisch den Helden, sondern den Antihelden zu geben. Nicht zu sagen, wie toll du bist, sondern was dir alles Negatives passiert ist. Kommt diese Attitüde ganz automatisch in deine Songs oder nimmst du sie dir gezielt vor?

Das passiert einfach. Aufgrund der letzten Niederschläge, die der Pandemie geschuldet waren, konnte ich auch wieder eine Brücke schlagen zu dem, wie ich angefangen habe: als Außenseiter, Loser, der, dem niemand wirklich geheuer ist. Eben der Antihelden-Position. Klar, es gab mal ein, zwei Jahre, als mir alles in den Schoß zu fallen schien und als es auch finanziell richtig lief. Da habe ich ganz anders geschrieben. Aber die besten Texte kann ich nach wie vor schreiben, wenn ich leide. Krisen machen mich kreativ und ich versuche immer, in ihnen eine Chance zu sehen. Sie halten meinen Prozess am Laufen. Wobei Corona natürlich nicht nur für mich ungeil war. Ich kenne niemanden, der sagt, dass er da richtig gut durchgekommen ist.

Apropos Chancen sehen: „Bye Bye Bye“ – zusammen mit Swiss – ist dann noch ein Hoffnungs- Track. Es wird alles vorbei- gehen und besser werden, so die Message in kurz …

Richtig, nach einem Tal geht es auch wieder einen Berg hoch. Klar, nach einem Tal kann auch noch eins kommen. Aber meine Erfahrung ist, dass wenn man nicht auf der Couch sitzen bleibt, sondern etwas für sich tut, kann es zwar mal eine Weile dauern, bis es besser wird, aber es wird besser. Ein Satz, den ich während der Pandemie immer wieder zu mir selbst gesagt habe, war: „Alles wird besser!“

„Alle hassen Ferris“ (Arising Empire/Missglückte Welt/Edel) erscheint am 17. Juni 2022; die Autobiographie „Ich habe alles außer Kontrolle“ (Edel Books) ist im Verbund mit Ferris’ Frau Helena Anna Reimann entstanden und am 1. April 2022 erschienen

Hier gibt‘s einen ersten Eindruck vom neuen Album:


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Tash Sultana beim MS Dockville Festival 2022

Das MS Dockville Festival 2022 hat 18 neue Künstler:innen bestätigt. Darunter neben Tash Sultana auch Leoniden und Die Orsons

Text: Felix Willeke

Vom 19. bis 21. August 2022 findet das MS Dockville Festival zum 14. Mal statt. Jetzt hat das Festival 18 neue Künstler:innen bestätigt. Und mit der Australierin „Tash Sultana“ kommt damit genreübergreifender und internationaler Glanz zum Dockville. Spielte die 26-jährige Multiinstrumentalistin vor ein paar Jahren noch auf den Straßen Melbournes, füllt sie mittlerweile die großen Arenen und vor Kurzem wurde ihr sogar die Ehre eines eigenen MTV Unplugged zu Teil – das Album zum Konzert erscheint am 3. Juni 2022. Jetzt kommt die Künstlerin, die sich als non-binär bezeichnet, also auch zum Dockville. Doch damit nicht genug. Neben Tash Sulatana geben sie mit „Leoniden“ auch echte Lokalmatadoren die Ehre. Erst im letzten Sommer hat die Kieler Indie-Rock-Band mit „Complex Happenings Reduced to a Simple Design“ ihr aktuelles Album veröffentlicht, dass sogar zeitweise auf Platz 1 der Albumcharts kletterte.

Tash Sultana bei ihrem MTV Unplugged in Melbourne

Ein würdiges Line-up

Neben Tash Sultana und Leoniden kommt mit „Die Orsons“ und „01099“ auch feinster Hip Hop & Rap zum MS Dockville 2022. Schon länger bekannt sind zudem die Auftritte des Schweizer Sängers „Faber“ und der Hamburgerin „Ali Neumann“. Aber wie immer gilt: There‘s still more to come – weiter Künstler:innen werden in nächster Zeit bekannt gegeben und damit steigt die Vorfreude auf das MS Dockville Festival 2022.

„New 68“ von Leoniden

Das MS Dockville Festival 2022 findet vom 19. bis 21. August in Hamburg-Wilhelmsburg statt, es gibt noch Tickets.


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Verlosung: Nina Chuba in der Elbphilharmonie

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Mit der Haspa Musik Stiftung in die Elbphilharmonie: Wir verlosen 2×2 Tickets für das Konzert von Nina Chuba im Kleinen Saal am 30. März 2022

Foto: Rico Zartner

Das Nachwuchsformat „Made in Hamburg“ in der Elbphilharmonie zeigt, was in Hamburg musikalisch alles los ist. Auf der Bühne des großen Konzerthauses stehen experimentierfreudige Künstler:innen, die sonst vor allem in Clubs, Kneipen, Off-Locations und Proberäumen am Sound der Zukunft feilen. Am 30. März 2022 erwartet die Besucher:innen das spannende Konzert von Nina Chuba.

Von den „Pfefferkörnern“ zu heißen Beats und Rhymes

Die Allrounderin begann ihre Karriere 2008 vorerst als Kinderschauspielerin in der Fernsehserie „Die Pfefferkörner“. Zeitgleich entdeckte die gebürtige Hamburgerin ihre Leidenschaft für die Musik. In den Folgejahren war sie noch im Deutschen Fernsehen in Serien wie „Das Traumschiff“ oder „Notruf Hafenkante“ zu sehen, arbeitete aber auch bereits an ihrer Karriere als Singer-Songwriterin.

Mit ihrer ersten EP „Power“, die im Juli 2020 veröffentlicht wurde, erreichte die Musikerin auf Spotify mehrere Millionen Streams. Ihre Musik: eine einzigartige Mischung aus Soul und Indie-Pop.

Die Haspa Musik Stiftung unterstützt den Hamburger Musiknachwuchs und ist darum auch Partner der Konzertreihe „Made in Hamburg“.

www.haspa-musik-stiftung.de


Wir verlosen zusammen mit der Haspa Musik Stiftung 2×2 Tickets für das bereits ausverkaufte Konzert von Nina Chuba am 30. März 2022 um 20:30 Uhr in der Elbphilharmonie!

Wie ihr mitmachen könnt? Na so:

Bitte gebt für die Teilnahme euren vollständigen Namen an.


Neonschwarz: „Rap geht auch anders“

Am 25. Februar 2022 erscheint das neue Album „Morgengrauen“ der vierköpfigen Hamburger Band Neonschwarz. Johnny Mauser und Marie Curry über Arschlöcher, Attitüden und Aktivismus.

Interview: Henry Lührs

SZENE HAMBURG: Johnny und Marie, am Wochenende dürfen die Clubs in Hamburg wieder öffnen, Freitag erscheint euer neues Album „Morgengrauen“. Perfektes Timing, oder?  

Marie Curry: Wir hoffen ganz stark, dass mit unserer Tour alles klappt. Wir haben mega Bock, nach so einer endlos langen Pause endlich wieder live zu spielen. 

Johnny Mauser: Im Vergleich zu anderen Bands haben wir aber Glück, bisher nichts verschieben zu müssen. Als Corona anfing, waren wir sowieso in die Arbeit an unserem Album eingebunden. Der Tourstart könnte tatsächlich haargenau funktionieren. 

Auf dem Song „War was“ singst du sogar, dass Lockdown auch etwas Gutes haben kann. Das wird dir an einer Raststätte bewusst…

Johnny Mauser: (lacht) In einer Zeit, in der du keine Menschen siehst, außer deine guten Freunde oder Verwandten, triffst du auch keine Arschlöcher. Wenn du aber an einer Raststätte in Deutschland anhälst, triffst du auf jeden Fall einen Idioten, da hängt der Querschnitt der Gesellschaft. 

Bildlich gedacht, ist der Song der erste Tag, an dem wir aus dem Winterschlaf aufwachen, wieder losfahren in die Wirklichkeit, wieder unter Menschen sind und merken „Fuck, es sind ja doch nicht alle Leute geil”.

Weniger Aktivismus, weniger Hängematten-Lifestyle

Auf dem Album kann man hören, dass ihr euch als Band weiterentwickelt habt. Sowohl stilistisch als auch textlich. Liegt das am Älterwerden?

Marie Curry: Ich glaube die neuen Songs sind nicht mehr so parolenlastig, sondern haben etwas mehr dahinter. 

Johnny Mauser: Es ist weniger Aktivismus. Wir kommen nicht mehr aus einer Studi-WG und rennen auf jede Demo. Von den Themen ist es jetzt breitgefächerter. Jeder von uns ist älter geworden. 

Weniger Aktivismus heisst aber nicht weniger politisch? 

Johnny Mauser: Auch wenn ich nach wie vor hinter dem Thema einer Demo stehe, schaffe ich es aber zum Beispiel nicht mehr, überall dabei zu sein und in der ersten Reihe rumzurennen. Auch wenn mich sowas nicht mehr so umtreibt wie damals, heißt das nicht, dass ich einer Ideologie oder einem Wert nicht weiterhin zustimmen würde. 

Marie Curry: Ich finde einen Idealismus, gerade bei jungen Menschen, die sich auf die Straße schmeißen und sich einsetzen, ungemein wichtig. Aber ich glaube auch nicht, dass man irgendwann mit Themen total glatt gebügelt umgehen muss. 

Textlich ist unser neues Album nicht weniger politisch als vorher. In Fast jedem Song ist etwas Politisches zu hören. 

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Foto: Julia Schwendner

Auf dem Song „Gimma“ singt Johnny Mauser “Gib mir mal bitte den Lifestyle, den ich in meinen Texten propagiere“. Wie stark ist der Kontrast bei euch als Band und Privatperson. 

Marie Curry: Wir leben nicht mehr den Hängematten-Lifestyle, mit dem wir angefangen habe. Uns fällt gerade auf, dass unsere Leben viel voller und stressiger geworden sind.  

Fernab von Kapitalismus und Leistungsdruck zu leben, ist natürlich Wunschdenken.

Johnny Mauser: Ich war noch nie dafür nichts zu machen. Wenn du nichts machst, dann machst du auch kein Album. Aber natürlich führen Familie und Geldverdienen dazu, dass man morgens nicht ausschlafen kann. In diesem Punkt weicht unsere Musik schon von der Realität ab.

Komplexe Themen statt Partysongs

Momentan überlagert eine Krise die nächste: Rechtsruck, Corona, Klimawandel und nicht zuletzt Krieg mitten in Europa. Viele Themen finden auf eurem Album Platz. Wie schafft man es, sich mit der aktuellen Weltlage auseinanderzusetzen, ohne sich damit zu überfordern?

Johnny Mauser:  Wir haben uns mit keiner Agenda an das Album gesetzt. Klimawandel ist zum Beispiel eher unfunky als Thema, da macht man eigentlich keinen Song drüber. Wir wollten mit dem Song „Hitzefrei“ aber einen coolen, bildsprachlichen Weg finden. „Wolkenkratzer“ ist dagegen eher klassische Kapitalismuskritik. So etwas haben wir lange nicht mehr gemacht. 

Ich glaube viele Menschen haben gerade ein Ohnmachtsgefühl. Im Worst-Case wird sich dann nicht mehr in den Medien informiert sondern abgeschaltet. Es ist aber die Realität und man muss diese Themen angehen, auch wenn sie noch so komplex sind. Wir hätten natürlich mit Ü30 auch nur noch Partysongs machen können. Das wäre dann zwar ein Ausweg gewesen, aber da haben wir uns dagegen entschieden. 

Marie Curry: Es ist eher die Verarbeitung der Themen, die überfordernd ist. Wenn du alles in zugespitzten, kurzen Nachrichten oder Tweets mitbekommst, geht alles durcheinander. Ich fand es interessant, das in dem Film „Don’t look up“ zu sehen. In dem Drama auf Netflix wird filmisch verdeutlicht, was ein Wirrwarr an Nachrichten mit dem Menschen machen kann. Wichtige von unwichtigen und richtige von falschen Informationen zu unterscheiden fällt zunehmend schwerer.

Auf den drei letzten Alben gab es jeweils einen Song mit dem aktuellen Jahr als Titel. Kritisiert habt ihr darin vor allem den Rechtsruck. Warum gibt es kein „2022“ auf dem neuen Album?

Johnny Mauser: Es hat uns aus künstlerischer Sicht nicht geschockt die Rolle zu haben, immer diesen Jahresrückblick zu schreiben. Das wird zwar oft gefordert, aber wenn man frei im Kopf bleiben möchte, dann muss man das nicht bedienen. Der Track „Einzelfall“ beleuchtet das ähnlich. Außerdem wäre es selbstentlarvend gewesen, dass wir vier Jahre lang kein Album gemacht haben (lacht).

Marie Curry: Gerade kommt auch so vieles zusammen, dass es einen Song wahrscheinlich sprengen würde. Wir haben uns darum lieber ein Thema rausgepickt, das wir in diesem Kontext als besonders wichtig empfanden. 

„Resultat hätte ja auch sein können, dass einige Rapper aus ihren Labels fliegen.“

Johnny Mauser

Ein Feature ist in der Rapszene essentiell für die Reputation eines Künstlers oder einer Künstlerin. Mit eurem Song „Features“ nehmt ihr das Thema auf die Schippe und featured euch mit nachgeahmten Stimmen selbst. Habt ihr keinen Bock auf den Ego-Push?

Marie Curry: Wenn wir ein Feature machen, dann im Freundeskreis. Die Kritik geht nicht gegen das Feature als solches, sondern aus Marketingzwecken. Das ist einfach kapitalistischer Bullshit. Wir regen uns aber nicht auf, der Song ist eher aus Spaß entstanden. 

Johnny Mauser: Mit dem Song stellen wir fest, dass es etwas besonderes ist, dass wir alle vier als Band auf allen Tracks stattfinden wollen. Wir wollten zeigen, dass wir uns selbst geil finden und uns ausreichen. Wir sind vier verschiedene Charaktere auf einem Beat. Das hat etwas Spielerisches. 

Auf dem Song „Nix“ wird die Kritik an der Deutschrap Szene ernster. Problematisiert wird der Umgang mit minderjährigen Fans, Rape-Culture, Machtstrukturen und Sexismus. Deutschrap-MeToo hat im letzten Jahr eine große Debatte angestoßen. Seht ihr auch eine positive Entwicklung?

Marie Curry: Ich habe das Thema letztens nochmal gegoogelt und die ganzen Artikel waren vom Sommer 2021. Danach kam nix mehr und es ist die Frage, was bleibt davon. Ich glaube schon, dass sich dadurch etwas verändert hat. Manche Sachen bleiben jetzt zumindest nicht mehr unkritisiert stehen. 

Auch fand ich cool, dass sich Musiker wie LGoony oder Shirin David positioniert haben, die ich in dem Kontext so noch nicht kannte. Lange war das ein Nischenthema, bei dem Leute wie die Künstlerin Sookee laut und alle davon genervt waren oder es nicht ernst genommen haben. Hier hat sich eine Tür geöffnet. 

Johnny Mauser: Es ist krass, dass es Deutschrap-MeToo gab. Das hat einigen die Augen geöffnet. Es ist aber auch krass, wie schnell das wieder vorbei war. Aus diesem Loch entstand auch der Track. Resultat hätte ja auch sein können, dass einige Rapper aus ihren Labels fliegen. Von solchen Konsequenzen habe ich aber nicht viel mitbekommen. 

„Der Stempel Zeckenrap hat irgendwann genervt“

Johnny Mauser

Lange Zeit wurde euch das Narrativ „Zeckenrap“ zugeschrieben. Ihr habt euch den Begriff irgendwann ironisch selbst angeeignet. Wie zeitgemäß ist das noch?

Johnny Mauser: Das hatte seinen Impact, aber das Thema ist durch. Wir würden uns selbst so nicht mehr nennen. Der Stempel Zeckenrap hat irgendwann genervt und die Schublade steht uns nicht so gut. Rappende Sozialpädagogen mit erhobenem Zeigefinger, die den Takt nicht treffen – das traf auf viele anfangs schon zu. Das konnte man sich nicht anhören. 

Wir haben dann irgendwann größere Locations in Hamburg und Berlin gefüllt. Die Leute haben gesehen, dass wir eine gute Show machen, abliefern können und es auch anders funktioniert. Wir waren aber nicht die einzigen. Die Antilopen Gang zum Beispiel hat vorher auch nur Polit-Rap gemacht. 

Marie Curry: Das hat viel gebracht und hat vielen Leuten gezeigt, Rap geht auch anders. Viele Leute haben in dem Kontext, der Zeckenrap genannt wurde,  angefangen, überhaupt Musik zu machen. 

„Morgengrauen“ von Neonschwarz erscheint am 25. Februar 2022 bei Audiolith


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Gute Geschichte: Wie kam der Deutsch-Rap nach Hamburg? 

Chronik: Wie kam der Deutsch-Rap nach Hamburg? Von der 187 Strassenbande über Fettes Brot bis zum ersten HipHop-Club der Stadt spulen wir die Kassette drei Dekaden zurück

Text: Jan Wehn

 

Hamburg und HipHop, das ging schon Mitte der 80er Jahre los. Die Filme „Wildstyle“ und „Beatstreet“ flimmern in den bundesdeutschen Haushalten über die Mattscheiben und erklären einer ganzen Generation, was HipHop überhaupt ist und wie sich die neue Jugendkultur aus den Elementen Rap, DJing, Breakdance und Graffiti zusammensetzt. An HipHop-Musik ist zu der Zeit, wenn überhaupt, durch importierte Platten heranzukommen – oder sie läuft in der Sendung „Soultrain“ im NDR, wo Ruth Rockenschaub im Nachtprogramm regelmäßig Soul-, Funk- und auch immer mal wieder Rapsongs spielt. Rockenschaub ist es auch, die DJ Marius No. 1 im Jahr 1988 einen eigenen Sendeplatz verschafft.

Marius No. 1, der später der DJ von Cora E. werden soll, legt in seiner „Number One Mixshow“ Rap auf, aber stellt den Songs auch die originalen Sample-Quellen gegenüber und legt im ersten HipHop-Club der Stadt, dem Defcon Five, auf. Ungefähr zur gleichen Zeit formieren sich in Hamburg erste Crews: Dialektik oder in Halstenbek die Poets of Peeze, die mit Samplerbeiträgen und einer Mini-LP von sich reden machen.

 

 

Die Poets of Peeze rappen in englischer Sprache, bis ein Teil der Jungs sich 1992 – das Jahr, in dem Die Fantastischen Vier gerade mit „Die da?!“ im Radio rauf- und runterlaufen – dazu entscheidet, das mit dem Rappen doch mal in deutscher Sprache zu probieren und sich einen neuen Namen geben: Fettes Brot. Über den Musikmanager und Mailorder-Betreiber Jens Herrndorf entsteht der Kontakt zu André Luth von Yo Mama, wo Fettes Brot – damals noch zu fünft – kurz darauf die „Mitschnacker“-EP veröffentlichen.

1993 erscheint über das ursprünglich eher Punk orientierte Label Buback der Sampler „Kill The Nation With A Groove“ mit Songs von Cora E., Advanced Chemistry und einer Hamburger Gruppe mit dem Namen Absolute Beginner. Letztere veröffentlichen nach der „Gotting“-EP zwei Jahre später ihr Debütalbum „Flashinizm (Stylopath)“ und trotzen mit Band-Sound und Crossover-Anleihen den Realness-Dogmen der noch kleinen Szene. Auch Fettes Brot releasen mit „Auf einem Auge blöd“ zur gleichen Zeit ihre Debüt-LP, haben mit „Nordisch by Nature“ einen veritablen Hit vorzuweisen und feiern ein gutes Jahr später mit dem in bester Geschichtenerzähler-Manier ganz ähnlich gestrickten  „Jein“ und dem Album „Außen Top Hits, Innen Geschmack“ gleich die nächsten Erfolge.

 

Hamburg in den Charts

 

Während Fettes Brot schon Dauergäste in den Charts sind, formiert sich in Hamburg nach und nach eine vitale Szene an Rappern und Produzenten. Fischmob vermengen für „Männer können seine Gefühle nicht zeigen“ Partylaune mit mundgemischtem Plattdeutsch-Schnack, handfester Systemkritik und obskuren Soundspielereien. Der Tobi & Das Bo, die sich schon zuvor mit „Genie und Wahnsinn liegen dicht beieinander“ verdient gemacht hatten, bilden fortan mit marcnesium und DJ Coolmann Fünf Sterne deluxe. Dendemann zieht aus dem Sauerland in die Hansestadt, gründet mit DJ Rabauke das Duo Eins Zwo und die beiden setzen mit ihrer „Sport“-EP einen neuen Standard in Sachen Reim- und Samplefertigkeit.

Mit dem Künstlerkonglomerat Mongo Clikke um Rapper wie Eißfeldt, Samy Deluxe und Das Bo hat man außerdem eine Entsprechung zu der Kolchose in Stuttgart, wo mit dem Freundeskreis, den Massiven Tönen und Afrob etwa zur gleichen Zeit ein HipHop-Epizentrum entsteht. Aber die großen Plattenfirmen interessieren sich nicht wirklich für den eigenen Sound von Bands wie dem gerade frisch gegründeten Trio Dynamite Deluxe – also gründet Beginner-Drittel Eißfeldt 1997 kurzerhand das Label Eimsbush Entertainment und nimmt die Gruppe um Samy Deluxe dort unter Vertrag, die kurz darauf erste Angebote von den Majorriesen erhält.

 

HipHop-Hochburg

 

Mit der richtigen Infrastruktur und einer vielschichtigen Szene mausert sich Hamburg 1998 mit der Veröffentlichung des zweiten Beginner-Albums „Bambule“ endgültig zur HipHop-Hochburg. Mit Denyo und Eißfeldt als MCs, DJ Mad an den Turntables und Gastbeiträgen von Das Bo, Samy Deluxe und Dendemann ist das Album so etwas wie eine eindrucksvolle Standortbestimmung des HipHop aus der Hansestadt. Parallel dazu verkaufen Fünf Sterne Deluxe nach der Single „Dein Herz schlägt schneller“ von ihrem Debütalbum „Sillium“ über 150.000 Einheiten, ehe im Jahr darauf Eins Zwo mit „Gefährliches Halbwissen“ nachlegen und Doppelkopf mit „Von Abseits“ eindrucksvoll unter Beweis stellen, dass auch düster-atmosphärische Outness eine Berechtigung in der noch jungen Hamburger HipHop-Szene hat.

Plötzlich interessieren sich auch die Medien für das, was da in Sachen HipHop im hohen Norden geht. Das Jugendmagazin Bravo versucht sich regelmäßig an der mehr schlecht als recht gearteten Berichterstattung. Aber die Hamburger HipHop-Szene, allen voran die Beginner, haben keine Lust auf den Ausverkauf: Sie verweigern Interviews, schicken Doubles zu ihren Fernsehauftritten und veröffentlichen mit dem Allstar-Song „KZwo“ an der Seite von Das Bo, Dendemann, Falk, Ferris MC, Illo und Samy Deluxe eine Abrechnung mit der sensationsgeilen und anbiedernden Teeniepresse.

Anfang 2000 veröffentlichen Dynamite Deluxe ihr Debüt „Deluxe Soundsystem“, landen damit auf Platz 4 der Charts und werden im Anschluss mit einem Echo-Musikpreis und einer goldenen Schallplatte ausgezeichnet. Mit Ferris MC, Deichkind, Mr. Schnabel, Illo, Digger Dance, Nico Suave und den Moqui Marbles rücken immer neue Künstler nach, die Szene wächst und wächst bis das stadteigene Hip-Hop-Festival Flash im Jahr 2000 mit 18.000 Besuchern im Millentorstadion seinen Höhepunkt erreicht. Es gibt jetzt kein Vorbeikommen mehr an Hamburg, jener Stadt aus der mit „Füchse“, „Ladies & Gentlemen“, „Jein“, „Susanne zur Freiheit“, „Bon Voyage“ und die Beteiligung von Ferris MC an „Reimemonster“ bis heute die wohl größten HipHop-Hits kommen.

Rap-Rarität: Erste Promokassette zum Album "Bambule", veröffentlicht vom Independet-Label Buback

Rap-Rarität: Erste Promokassette zum Album “Bambule”, veröffentlicht vom Independet-Label Buback

Die HipHop-Hochphase in der Hansestadt wird auch in Berlin wahrgenommen, wo Rapper wie Kool Savas bis dato weitestgehend ein Schattendasein abseits der deutschlandweiten Szene fristen. Der Unmut über den Erfolg der spaßig-sorglosen und brav-biederen Partymusik aus den beiden HipHop-Metropolen Hamburg und Stuttgart wächst. In Kombination mit der Ignoranz der Berliner Szene durch Medien und Fans werden Samy Deluxe oder Eißfeldt immer wieder zur Zielscheibe für Seitenhiebe auf Songs der Berliner Rapper.

 

Egotrips

 

Gänzlich unbeeindruckt von Vorfällen dieser Art, machen insbesondere die beiden Letztgenannten dort weiter, wo sie aufgehört haben – allerdings auf Solopfaden. Samy Deluxe veröffentlicht sein gleichnamiges Debütalbum und stellt einmal mehr unter Beweis, dass er einer der besten Battlerapper des Landes mit humorvollen und arroganten Punchlines gleichermaßen ist, während Eißfeldt nach dem Erfolg seiner Coverversion zu Nenas „Irgendwie Irgendwo Irgendwann“ als Jan Delay das Reggae-Album „Searching For The Jan Soul Rebels“ herausbringt.

Eißfeldts einvernehmlicher Egotrip in Dancehall-Gefilde ist vielleicht das erste Anzeichen dafür, dass etwas im Busch ist – nicht bei den Beginnern, sondern in Bezug auf Rap im Allgemeinen. Straßenrap aus der Hauptstadt wird immer populärer und Labels wie Aggro Berlin laufen dem größtenteils gutgelaunten HipHop aus Hamburg mit Künstlern wie Bushido oder Sido den Rang ab. In der Folge versucht Samy Deluxe sich mit „Verdammtnochma“ an einer Übersetzung amerikanischer HipHop-Sounds ins Deutsche, während die Beginner für „Blast Action Heroes“ mit eklektischen Sounds experimentieren und nach den Fantastischen Vier mit „4:99“ die zweite Nummer 1 für ein deutschsprachiges Rap-Album in den Charts holen.

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Samy Deluxe: Ist heute nicht nur Rapper sondern auch Gastronom | Foto: Pascal Kerouche

Danach wird es ziemlich ruhig um Rap aus Hamburg. Dendemann, Samy Deluxe und Jan Delay veröffentlichen in den Jahren darauf weiterhin gute Platten, aber der Hype der frühen 2000er scheint endgültig vorbei zu sein. Auch an anderen Ecken und Enden der Republik steckt Rap in einer Sinnkrise. Von der breiten Öffentlichkeit als Soundtrack für die Unterschicht belächelt bis verteufelt, fehlte es zeitweilig sogar innerhalb der Szene an Bemühungen, den eingefahrenen Status Quo aufzubrechen. Die Folge: Nach dem Erfolg von deutschem Straßenrap stagnieren schließlich auch dessen Verkäufe – niemand hat mehr Lust auf stumpfe Räuberpistolen und Betonromantik.

 

Waffen, Sex und Drogen

 

In den Jahren sind es vor allem die hanseatischen Produzenten, die von sich reden machen. Monroe, seines Zeichens für große Hits von Kool Savas und Azad verantwortlich, vereint auf seinen Alben „Your Favorite Rappers Favorite Producer“ und „Movement“ von Samy Deluxe über Curse bis Aphroe und Eko Fresh alles, was in der deutschen Rap-Szene Rang und Namen hat. PhreQuincy baut nicht mehr nur noch Beats für deutsche MCs, sondern erhält für seine Beteiligung am Album „Ouest Side“ des französischen Rappers Booba eine Platinauszeichnung und streckt danach seine Fühler in Richtung USA aus, um Beats für Künstler auf Eminems Label Shady Records zu produzieren.

Ganz ähnlich m3, der nicht nur Deutschrap-Koryphäen wie Kollegah, Bushido, Haftbefehl oder Sido mit Beats beliefert, sondern auch mit den französischen Größen Sefyu und dem schon erwähnten Booba oder US-Rappern wie Talib Kweliund Ace Hood zusammenarbeitet und 2007 gemeinsam mit Azad die Titelmusik zur RTL-Erfolgsserie „Prison Break“ beisteuert. Sein Kollege Farhot teilt sich derweil mit Nneka, Haftbefehl und Talib Kweli, aber auch Culcha Candela, den Fantastischen Vier und Fettes Brot das Studio.

Erst im Sommer 2010 tut sich auch in Sachen Rap wieder was. Nämlich dann, als plötzlich mit dem Song „Waffenfreiezone“ jemand aus dem Hamburger Karoviertel auf der Bildfläche erscheint, der das eintönige Straßenrap-Vokabular der immer gleichen Schilderungen über den Alltag in den Problembezirken um neue musikalische und inhaltliche Ansätze anreichert. Sein Name: Nate 57. Zwar rappt auch er über Waffen, Sex und Drogen – aber eben anders. Das über das Label Rattos Locos veröffentlichte Mixtape „Stress auf dem Kiez“ erreicht aus dem Stand Platz 37 in den deutschen Charts.

Gzuz ist bekanntestes Mitglied der 187 Straßenbande | Foto: Bobby Analog

Gzuz ist bekanntestes Mitglied der 187 Strassenbande | Foto: Bobby Analog

Im Jahr darauf macht erneut ein Hamburger von sich reden. Nachdem Marteria und Casper das darbende Genre Deutschrap wiederbelebt haben, ist auch Platz für eine ganze Reihe junger Talente. Eines davon heißt Ahzumjot. Sein Debütalbum „Monty“ ist ein mutiger Markt der Möglichkeiten, für den er Spandau Ballet, Cults und Lady Gaga samplet und mit Oldschool-Drums und futuristischen Bässen verschneidet. Das in bester DIY-Manier selbst vertriebene Album, lässt erste Labels aufhorchen, in der Folge spielt Ahzumjot Touren mit Cro und Rockstah, begleitet Casper live und wird als eines der nächsten großen Dinger gehandelt.

 

 

Und es hört nicht auf: 2014 hat sich auch Straßenrap von seinem Tief erholt und einer der Gründe dafür ist Kalim, dessen „Sechs Kronen“-Mixtape eine gekonnte Verbeugung vor dem US-Gangsterrap der 90er ist. Ungefähr zur gleichen Zeit, macht sich der linkspolitisch sozialisierte Disarstar auf seiner EP „Tausend in einem“ und dem anschließenden Debütalbum „Kontraste“ Gedanken über das gesellschaftliche Ungleichgewicht und die Rapperin Haiyti kommt mit einem Sound um die Ecke, der Kiezkneipenromantik und zeitgeistige Beats zu einer gänzlichen eigenen Melange verbindet.

Und dann ist da schließlich auch noch die 187 Strassenbande. Lange unter dem Radar geflogen und als asoziale Unterschichtenmusik von Kleinkriminellen abgetan, steigen die beiden Mitglieder Gzuz und Bonez MC 2014 mit ihrem gemeinsamen Album „High & Hungrig“ zum ersten Mal in den Charts ein und setzen diese Erfolgssträhne auch mit der anschließenden Veröffentlichung „Obststand“ von LX & Maxwell fort. Warum? Weil die Strassenbande sich einen Dreck darum schert, was im HipHop gerade wie gemacht werden muss. Sie erinnern mit ihrem ganz eigenen Humor an den vollkommen überdrehten Vibe der frühen Jahre von Aggro Berlin, aber halten in beinahe jedem Song auch die Fahne für Hamburg hoch.

Vermutlich einer der Gründe, warum die Beginner sich für „Ahnma“, die erste Single ihres Comebackalbums „Advanced Chemistry“ neben Gentleman auch Gzuz als Feature geholt haben. Die Proteste der Fans waren groß, allerorts machte sich Unverständnis darüber breit, dass die Beginner plötzlich gemeinsame Sache mit den bösen Straßenrappern machen – aber der gemeinsame Song zeigt, was HipHop aus Hamburg 2016 heißt: Er ist immer noch da und vor allem auch so vielschichtig wie nie zuvor.


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Foto: Jens Oellermann

Der Autor Jan Wehn ist Gründer des HipHop-Onlinemagazins ALL GOOD. Davor war er Autor für Juice sowie Kolumnist und Redakteur bei Spex und De:Bug. 2013 und 2015 wurde er mit dem Rocco-Clein-Preis für Musikjournalismus ausgezeichnet


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„Sexismus ist etwas, was wir alle internalisiert haben“

Hamburger Nachwuchs: Hamburg Music Award Krach+Getöse für Nachwuchsmusiker, Show bei „Fast ein Festival“ von MS Dockville, frisch gesignt bei Europas erstem Female-MC-Label – die Rapperin Mariybu, 27, startet durch. Mit queerfeministischen Texten, starker Stimme und DIY-Producing

Interview: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Mariybu, wie lange gibst du dem Patriarchat noch?

Mariybu: Ouh. In meinem Traum gebe ich dem Ganzen noch ein paar Tage. In der Realität ist das unrealistisch. Aber man darf ja träumen, nä?

Deine Texte verhandeln männliche Machtstrukturen auf verschiedenen Ebenen. Sexuell, emotional, geschäftlich. Du klingst dabei stark und verletzlich zugleich. Wie viel eigene Erfahrungen schwingen da mit?

Nur. Meine Texte sind alle eigene Erfahrungen. Songtexte schreiben ist wie Tagebuchschreiben für mich. Es ist nicht so, dass ich denke, ich will über das schreiben, dann schreibe ich darüber. Es ist das, was mich gerade beschäftigt. Dann wird daraus ein Song. Dass es politisch wird, ist nicht beabsichtigt. Das Persönliche wird dann politisch.

Wann und wie bist du zum Rap gekommen?

2018. Als Kind hab ich Tic Tac Toe und so gehört, dann aber lange keinen Rap mehr. Ich kannte nur noch frauenverachtende Texte, wie von Bushido und Sido. Ich habe nicht gecheckt, warum ich mir Texte geben soll, die mich beleidigen. Ich habe spät meinen Weg zurückgefunden. Das hat angefangen mit einem Konzert von Finna, eine queerfeministische Rapperin und Aktivistin aus Hamburg. Das hat mich super berührt. Ich habe angefangen, Texte zu schreiben, habe mich mit Finna getroffen. Dann kam der 365Female*MCs-Blog von Mona Lina. Der startete Ende 2018. Lina Burghausen hat ganz, ganz viele gepostet, die ich mir als Vorbilder nehmen konnte. Das hat mich empowered, selber weiterzumachen. Dann habe ich vor zweieinhalb Jahren angefangen, zu produzieren.

 

Gegen strukturelle Benachteiligung

 

Du bist auch auf dem Label 365XX von Lina „Mona Lina“ Burghausen gesignt.

Das Label ist einfach geil. Es signt nur FLINTA*s: Frauen, Lesben, Inter-, Nicht-binäre-, Trans-, Agender-Personen – also Menschen, die aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität patriarchal diskriminiert werden. 365XX sagt nicht: Wir wollen Cis-Männer, also Männer, die sich mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurden, ausschließen. Aber wir sehen, dass FLINTA*s strukturell benachteiligt sind. Deshalb supporten wir sie. Das finde ich einfach krass, weil es so ein Label bisher noch nicht gab. Ich finde es super-beeindruckend, dass sie das machen, wie sie das machen und dass sie sich das trauen.

Welche Vorbilder hast du neben Finna?

Ebow war und ist für mich ein Riesenvorbild. Die ist unglaublich. Sie steht als queere Person in der Öffentlichkeit, macht voll ihr eigenes Ding, ohne sich was vorschreiben zu lassen. Auch ein ganz großes Vorbild: KeKe aus Wien. Was ich auch bei ihr krass finde: Sie ist stark und verletzlich zugleich.

Gibt’s auch sexistische Rapperinnen? Cardi B und Megan Thee Stallion waren in der Diskussion mit ihrem Wet-Ass-Pussy Song.

Wet-Ass-Pussy finde ich gar nicht sexistisch. Das ist superempowernd. Die eigene Sexualität, den eigenen Körper feiern wie auch Shirin David, da seh ich keinen Sexismus. Natürlich gibt es auch sexistische Rapperinnen. Sexismus ist ja etwas, was wir alle internalisiert haben. Ich selber bin an bestimmten Punkten auch noch sexistisch und lerne dazu, weil wir einfach alle im Patriarchat aufgewachsen sind. Das ist ein ewig langer Lernprozess.

Du kämpfst nicht allein für Feminismus, sondern mit dem Rap-Kollektiv Fe*Male Treasure und im Duo mit Girrrlitas. Kämpft ihr ausschließlich musikalisch oder noch mit anderen Waffen?

Ich bin Feministin 24/7. Wenn ich auf der Straße bin und irgendwas mitbekomme, mische ich mich ein. Wenn mir irgendwas passiert, führe ich Diskussionen. Es ist jeden Tag politische Arbeit. Ich geh auf Demos, wir treten auf Demos auf, bei Soli-Veranstaltungen. Femrep ist auch eine ganz tolle Gruppe. Da war ich mal, bin aber leider nicht mehr aktiv. Es ist nicht nur die Musik. Ich betreibe neben ihr auch noch Lohnarbeit, und in dem Unter- nehmen, wo ich arbeite, sind leider öfter Situationen, die echt scheiße sind. Und die spreche ich dann an. Das betrachte ich auch als feministische Arbeit.

 

Sexismus

 

Was war die sexistischste Scheiße, die du dir je anhören musstest?

„Ich kann kein Sexist sein, ich mag doch Sex.“ Das war auf der Familienfeier von einem Ex-Freund. Da wusste ich nicht genau, wo ich ansetzen sollte. Da hab ich gemerkt: Gut, da fehlt viel Wissen (lacht).

Deine Generation treibt Veränderungen voran wie wenige vor ihr. #MeToo, Black Lives Matter, Fridays for Future. Gleichzeitig hält eine neue Strenge Einzug. Amanda Gorman, die junge Dichterin von Bidens Inauguration, darf nur von Schwarzen übersetzt werden. In den Amazon Studios sollen nur noch Homosexuelle Homosexuelle spielen.

Dass Schwarze nur von Schwarzen übersetzt werden dürfen, kann ich total nachvollziehen. Das ist ein Job. Wenn die sagen, es geht auch darum, uns untereinander zu supporten, dann finde ich das gut. Es ist superindividuell. Kann sein, dass ich ein Feature nur mit einer queeren Person machen will. Ich arbeite aber auch mit anderen Leuten. Allerdings nur, wenn die nicht gegen meine grundlegenden moralischen Werte sind. Ich würde nie mit einem sexistischen Rapper ein Feature machen. Ich arbeite aber auch mit Cis-Männern. Einige meiner Videos macht ein Cis Mann. Er supportet, wofür ich stehe, ist kein Arschloch. Deshalb mach ich das mit ihm. Aber wenn ich für einen Job eine queere und eine nichtqueere Person habe, die gleich gut sind, würde ich die queere Person nehmen. Einfach, weil sie strukturell benachteiligt ist, nicht die gleichen Chancen hat.

Der Kapitalismus ist auf den Bewusstseins-Zug aufgesprungen: Großbanken geben Kreditkarten in Regenbogenfarben aus, Werbung wird immer diverser. Ärgerlich oder halb so schlimm, weil die richtige Botschaft transportiert wird?

Ich steh superambivalent dazu. Einerseits finde ich es ätzend, dass einen Monat lang überall Regenbogenflaggen bei irgendwelchen Scheißunternehmen flattern, dann ist der Monat vorbei und es wieder aus den Köpfen weg. Die Diskriminierung innerhalb des Unternehmens ist aber noch da. Das finde ich scheiße. Cool wäre, wenn sie weiter darüber hinausdenken. Wenn es nicht nur um Geld geht. Wenn sie sagen, ok, wir hissen hier die Flagge, und im Teammeeting sprechen wir über die Diskriminierung von queeren Menschen und wie wir das verändern können. Dann finde ich das geil. Aber nur als kapitalistisches Verkaufsding ist es zu kurz. Aber wer weiß, vielleicht ändert sich dadurch trotzdem was in den Köpfen. Ich hoffe es.

Wie findest du die Golden-Era-Rap-Generation? Biggie, Eminem, Wu-Tang und Kollegen? Die waren ja durchaus homophob und sexistisch in ihren Texten.

Die Dinge, wofür die gekämpft haben, sind ganz andere. Natürlich waren das Wegbereiter, die haben gute Sachen gemacht, für krasse Sachen gekämpft. Man muss es auch immer zeitlich einordnen. Trotzdem: Das ist keine Entschuldigung. Homophobe Scheiße geht auf keinen Fall. Das war damals auch schon scheiße.

Wann ist mit deinem ersten Album zu rechnen?

Meine erste EP erscheint am 3. September. Album, mal gucken. Es ist noch nichts in Planung direkt, aber es ist nicht auszuschließen, dass da noch ein Album kommt.

instagram.com/mariybu_


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Rapper Duzoe: Von Liebe und Angst

Der Hamburger Rapper Duzoe leidet an Depressionen. Auf seinem Debütalbum „watchmeburn“ verarbeitet Duzoe enorm offen und ehrlich seine psychischen Erfahrungen – und möchte damit nicht nur sich, sondern auch seinen Hörern helfen

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Duzoe, es ist eine echte Seltenheit im Musik­geschäft, dass sich ein Künstler schon im Vorfeld einer Albumveröffentlichung von manchen Lyrics darauf distanzieren möchte. Bei dir ist das der Fall, wie du auf Instagram erklärt hast. Warum?

Duzoe: Einige der Songs auf dem Album sind in einer Zeit entstanden, in der ich nicht voll und ganz meiner besten Form entsprochen habe. Manches, was ich darin erzähle, habe ich später noch mal überdacht. Die Songs zeigen mir selbst eine Entwicklung auf. Das Album im Ganzen ist eine Art Selbsthilfe für mich. Ich mache Musik nicht, damit andere sie später nur genießen können, sondern für mich und mit der Hoffnung, dass ich Menschen damit helfen kann.

Zusammengenommen würden die Songs deine Erfahrungen zwischen 2017 und 2020 widerspiegeln, hast du einmal gesagt – der „vermutlich intensivsten Phase in meinem Leben“. Was hast du in diesen Jahren über dich gelernt?

Dass ich mich nicht umbringen sollte. Ich hatte viele Probleme mit meiner Psyche, und ich habe versucht, einen Weg zu finden, der eben nicht in Suizidgedanken endet.

Tatsächlich ist „watchmeburn“ textlich extrem intensiv. Es geht unter anderem um Panik, Depression, Selbsthass. Wie war es für dich, sich mit diesen Themen schreiberisch zu beschäftigen?

Mich ganz konkret damit auseinanderzusetzen und meine Gedanken in Worte zu fassen und aufzuschreiben, sie also nicht nur im Kopf zu lassen, hat mir auf jeden Fall sehr geholfen.

 

 

Du beschreibst dich selbst als „Therapie­zentrum für Leute, die nicht wissen, wohin mit sich“. Das gilt sicher nicht bloß für deine Kunst, sondern auch für deine Arbeit neben der Musik, nämlich als Sozialpädagoge. Kannst du diese Arbeit ein bisschen beschreiben?

Ich war in der Jugendhilfe tätig und habe in Wohnhäusern versucht, Menschen mit psychischen Störungen und anderen Beeinträchtigungen dabei zu helfen, ihren Alltag zu gestalten und durchs Leben zu finden. Mit dieser Arbeit habe ich eine Zeit lang pausiert. Ich musste mir zwangsläufig eine Pause einräumen und mir die Zeit nehmen, an mir zu arbeiten. Ich werde aber weiter als Sozialpädagoge arbeiten.

Könntest du dich zwischen Sozialpäda­gogik und Musik entscheiden?

Ich würde mich nicht entscheiden wollen. Denn: Meine Musik ist nicht mein Beruf. Ich würde nicht wollen, dass mich Musik in eine Drucksituation bringt, also, dass ich Musik machen muss, um Geld verdienen zu können.

Hast du denn Ziele – außer der Hilfe und Selbsthilfe – die du mit deiner Musik verfolgst?

Mein Ziel ist, dass die ganze Welt davon mitbekommt, dass ich Musik mache, und sich jeder ein eigenes Bild davon macht. Jedem ist natürlich selbst überlassen, ober er meine Songs gut findet oder nicht. Aber es wäre schön, wenn zumindest jeder von den Songs wüsste.

Und was Live­-Shows mit „watchme­burn“ angeht: Schützt dich die Kunst vor Aufregung und Unsicherheit auf der Bühne?

Ich muss gestehen, dass ich bei Auftritten psychisch gar nicht unbedingt anwesend bin. Ich blende dann meistens alles aus und spiele so einen Film ab. Mich strengt es unglaublich an, im Mittelpunkt zu stehen und beobachtet zu werden. Das Einzige, was mir in solchen Situationen Sicherheit gibt, ist, dass ich weiß, dass die Menschen, die vor der Bühne stehen, da sind, weil sie mich mögen. Das nimmt mir ein bisschen die Prüfungsangst, wie man sie aus der Schule kennt. Was ich liebe, ist der Kontakt nach Auftritten, wenn mir Leute erzählen, dass sie Spaß hatten und sich freuen, mich zu sehen. Also: Einerseits liebe ich das ganze Szenario, andererseits habe ich eine panische Angst davor.

Wie würdest du dir denn ein perfektes Live-­Szenario für „watchmeburn“ in Hamburg vorstellen?

Ich habe so ein Bild davon im Kopf, wie ich irgendwo stehe, brenne und mein Album spiele (lacht). Ich könnte mir vorstellen, es auf jeder Hamburger Bühne zu spielen. Ich liebe die gesamte Stadt. Vielleicht wäre ein Theater oder eine Oper ein passender Rahmen für eine Live-Premiere. Dort könnten sich die Leute die Zeit nehmen, mir zuzuhören und einfach zu genießen, ohne große Ausraster. Ich habe aber an sich kein Problem mit einem ausrastenden Publikum.

„watchmeburn“ ist am 9. Juli 2021 auf Corn Dawg Records/Virgin Music erschienen


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Lukas Dührkoop: Der rappende Werber

Lukas Dührkoop, 20, hat als Schüler der Hamburg School of Ideas beim diesjährigen Art Directors Club (ADC) drei Awards gewonnen – sogenannte Nägel. Ein Gespräch über Ideen, Doubletime-Rap und Werbung

Inteview & Fotos: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Lukas, Gratulation zu zwei Silbernägeln und einem Bronzenagel. Mit welcher Idee hast du abgeräumt?

Lukas Dührkoop: Der Funkspot hieß „Autofahrer Workout“ für die Radiosender 97,1 FM und Rock Antenne Hamburg mit meiner Praktikumsagentur thjnk. Ich bin Rapper. Die Idee kam von meinem CD (Creative Director) Constantin Sossidi, der von meinen Rap-Sachen wusste.

Ich habe eine Affinität zum Schnellrappen. Doubletime-Rap nennt man das. Das heißt, dass man zum Takt eine Stufe schneller rappt als normal. Das haben wir versucht zu nutzen. Ich spreche zum Autofahrer und beschreibe, was er unterwegs sieht: Links ist eine Ampel, rechts parkt ein Auto und so weiter. Das wird immer schneller. Final ist es so schnell, dass man nicht mehr hinterherkommt. In der schnellsten Stufe haben wir einen kleinen Jungen versteckt, der auf der Straße einem Ball hinterherrennt. Am Ende kommt die Frage: „Und? Hast du mitbekommen, wie der Junge über die Straße gelaufen ist? Dann runter vom Gas.“

Wie lange rappst du schon?

Ich mach Mucke, seit ich zwölf bin. Ich finde meine Beats auf YouTube oder BeatStars. Ich arbeite auch mit jungen Producern aus Hamburg, die mir den einen oder anderen Beat gebaut haben. Aber seit zwei Jahren eher alles alleine von zu Hause. Mein Mikro steht in einem Kleiderschrank. Den habe ich mit Eierkartons schalldicht gemacht.

Hast du einen Künstlernamen?

Ja, Doktor Lukas Frank. Von Frank Lucas. Das war ein Gangster aus New York, der vor ein, zwei Jahren gestorben ist. Weil ich Lukas heiße, überhaupt nicht wie ein Gangster aussehe und keinen Doktor habe. Meinen Künstlernamen kann man nicht weniger authentisch verkörpern.

Hast du schon was veröffentlicht?

Aktuell ist meine neue EP „Rapmonument“ überall im Stream. Spotify, Amazon, Apple Music, Youtube. Wenn die Leute Lust haben – gerne anhören.

 

 

Wie bist du rappender Werber geworden?

Durch meinen Klassen­lehrer. Ich war in der Schule nicht so ein krasser Über­flieger. Aber ich konnte Laberfächer immer ganz gut. Deutsch, Philosophie und solche Geschichten. Mein Klassenlehrer wusste, dass ich eine Affinität zum kreativen Schreiben habe. Er hat mir irgendwann so einen Zettel in die Hand gedrückt für einen Unitag. Da hat sich die Hamburg School of Ideas vorgestellt. Ich habe gefragt, ob ich da schulfrei hätte. Er meinte: „Yo, alles klar.“ Ich dachte mir: „Wenn ich da nicht zur Schule muss an dem Tag, umso besser.“

Ich habe mir die Hamburg School of Ideas angesehen und fand es ganz cool. Das war nicht der erste Plan nach der Schule, ich wollte eigentlich den Rettungs­sanitäter machen. Aber das war dann ja mit Corona alles schwierig.

Musstest du einen Aufnahmetest machen?

Ja, zuerst gab es einen „5­Minuten­Kreativcheck“ und danach ein „Aufnahme­ briefing“, so nennen die das. Das sollten wir von zu Hause aus machen. Wenn die Tests einigermaßen gut ausgefallen sind, wurde man zu einem Assessment-­Termin eingela­den. Da gab es dann noch mal einen Kreativtest vor Ort und persönliche Gespräche. Das war die letzte Stufe, dann wurde entschieden, wer in den Jahrgang rein darf und wer nicht. Da habe ich, glaube ich, eine ganz okaye Figur gemacht.

Wie sieht dein Tag so aus?

Es ist relativ eng getaktet. Man absolviert zwei Vollzeit­ praktika. Das Erste habe ich von Oktober bis März bei thjnk gemacht. Das sind acht Stunden von 9 bis 17. Um 18 geht die Vorlesung los. Das geht dann so bis 20, 21 Uhr. Corona­-bedingt ist das meiste immer noch von zu Hause aus. Aber das weicht sich jetzt auch schon wieder auf. Die Inzidenz­ zahlen sinken, jetzt habe ich seit einer Woche schon wieder Präsenzunterricht.

Sind Freundschaften entstanden in der Schule?

Freundschaft ist ein großes Wort. Gute Bekanntschaften habe ich geschlossen. Die Stärke von der Schule ist: Man hat fast jeden Abend einen neuen Dozenten zu Gast. Die wenigsten Dozenten sind zweimal da. Ich glaube, 150 sind es an der Zahl, die man über ein Jahr hinweg kennenlernt. Plus natürlich die 40 anderen Leute aus dem Jahrgang. Am Ende der Ausbildung hat man ein gutes berufliches Netzwerk.

Was haben deine Mitschüler zuvor gemacht?

Die meisten sind Quer­einsteiger. Wir haben eine ehemalige Apothekerin, eine andere hat Kirchenfenster gebaut. Beim Assessment lernte ich eine Lehrerin kennen.

 

Mucke machen

 

Was treibt dich an?

Ich würde sagen: die Begeisterung fürs Schreiben. Klingt total kitschig natürlich, aber ich rappe halt, seit ich zwölf bin. Schon vor dem Rappen habe ich als Kind Ge­schichten aufgeschrieben. Das ist das, was mir am meisten Spaß macht. Also tatsächlich, wenn’s spezifisch ums Schrei­ben geht. Kampagnenideen ausdenken, kann auch Spaß machen. Aber ich arbeite am liebsten ganz direkt mit Worten.

Geht das noch in digitalen Zeiten mit ihren knappen Texten?

Das kann man zum Teil schon machen. Natürlich hat Social Media krass übernom­men. Man muss viele Posttexte verfassen. Da kann man rhetorisch nicht allzu kreativ sein. Es gibt solche und solche Agenturen. Ich bin auf der Suche nach einer Agentur, wo ich im Oktober anfangen kann als Juniortexter. Am Montag war ich bei Fuse, die sitzen in der Stadthausbrücke. Die haben einen großen redaktio­nellen Anteil. Die machen ein Aida­-Magazin. Das ist immer noch Werbung, aber mit viel Worten.

Hast du einen Trick, wie du auf Ideen kommst?

Schwierig. Ich persönlich glaube gar nicht so an Tipps und Tricks bei der Kreativität. Wir haben viel Dozenten, die Vorlesungen halten, wie man schnell kreativ sein kann. Da gibt’s ja wirklich tolle Techni­ken. Ich glaube, und ich weiß natürlich nicht, ob ich da richtig liege: Entweder man ist kreativ oder man ist es nicht. Und wenn man eine Schreib­blockade hat und auf nichts kommt, dann ist die beste Medizin, nicht zu schreiben. Einfach was anderes machen.

Wie merkst du, dass eine Idee gut ist?

Wenn sie mir gefällt, ist das natürlich schon eine gute Voraussetzung (lacht). Aber die Frage ist dann natürlich, ob sie dem CD auch gefällt. Die besten Ideen sind die, die einem einen Tag später oder nach einer Woche noch gefallen. Wenn man sie mit mehr Abstand und weniger euphorisiert betrachtet. Und ich glaube, gute Ideen zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich schnell runterschreiben lassen.

Meine Erfahrung war sowohl beim Muckemachen als auch in der Werbung: Die Sachen, an denen man so lange hängt, wo man nicht weiterkommt und permanente Blockaden hat, selbst wenn man das durchspielt und zu Ende schreibt – so richtig geil wird’s dann eigentlich nicht. Die Sachen, in denen man 100 Prozent Qualität findet, die schreiben sich am schnellsten runter – ist mein Eindruck.

Welche Kampagne findest du aktuell gut.

Ich finde es geil, wie die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) die sozialen Medien bespielen. Das seh ich mir gern an. Auch fritz kola macht viele coole Sachen.

Es gibt viele Vorurteile gegen Werber. Welche sind falsch?

Also, „Mad Men“ ist schon mal ganz falsch, wenn man davon ausgeht, dass da nur gekokst und gesoffen wird. Das habe ich nicht kennengelernt bisher. Vielleicht noch nicht die richtigen Agenturen gesehen. Ein Vorurteil, das nicht ganz richtig ist, ist, dass man den ganzen Tag nur den geilen Award-­Scheiß macht und heftige Werbefilme auffährt. Die Realität ist, dass man sich als Juniortexter erst mal hocharbeiten muss. Die geilen Sachen sind bestenfalls 10 Prozent. Die restlichen 90 Prozent sind PoS­-Texte, Flyer ausdenken, Markenvor­teile interessant verpacken.

Hast du nach dem ADC-Gewinn Jobangebote bekommen?

Büschn was kam tatsäch­lich auf mich zu. Bin gerade selbst auf der Suche, es gab auch ein, zwei Agenturen, die sich von sich aus gemeldet haben. Ich habe aber noch keinen Vertrag unterschrieben.

Was war der beste Tipp, den du in der Ausbildung bekommen hast?

Ein Dozent hat mal zu uns gesagt: Wenn’s mal nicht klappt, entspannt euch. Es ist nur Werbung.


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Hamburger Trio Olympya: Echos aus der Jugend

Das Hamburger Trio vermengt auf seinem ersten Album „Auto“ Post- Punk, Dark Wave, HipHop und NDW. Ein Gespräch mit den Bandmitgliedern Marcus – zuvor bekannt als Rapper Pierre Sonality – und Andi über die Soundästhetik ihres Langspieldebüts und große Karrierepläne

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Marcus und Andi, mit „Auto“ erscheint Ende Februar das erste Olympya-Album. Wobei es heißt, dass es sogar schon eines zuvor gegeben hätte – nur dass ihr es nicht veröffentlichen wolltet …

Marcus: … was stimmt. Wir kommen ja ursprünglich vom Rap und haben in dem Bereich schon viele Alben gemacht. Irgendwann war uns aber nach etwas Neuem. Rap war uns einfach zu limitiert. Wir haben dann ins Blaue hinein Dinge ausprobiert, und nach gut anderthalb Jahren hatten wir ein Album fertig.

Wir sind dann sogar nach Hongkong und nach Bangkok geflogen, um dort Videos zu drehen. Als wir wieder zurück waren, haben wir alles unseren Freunden gezeigt – und die waren gar nicht mal so begeistert (lacht).

Warum nicht?

Andi: Weil wir im Grunde genommen weiterhin Rap-Musik gemacht haben, die nur etwas melodischer war als zuvor. Das Album hat uns einfach nicht richtig repräsentiert. Wir standen nicht so sehr dahinter, wie wir anfangs noch dachten. Also haben wir Album und Videos in den Müll geschmissen und uns an neue Sound-Facetten herangewagt.

Marcus: Kurz: Wir haben unsere Komfortzone verlassen und auf in uns schlummernde Echos gehört. Echos aus der Zeit, in der wir groß geworden sind.

Zählt zu diesen Echos auch die NDW? Deren Soundästhetik ist neben Post-Punk, Dark Wave und HipHop auf „Auto“ herauszuhören.

Andi: Zur NDW: Es ist kein rotes Tuch für uns, den Begriff in Bezug auf unsere Musik zu verwenden, man erahnt darin ja auch tatsächlich kleine Nuancen davon. Aber NDW ist jetzt keine konkrete Blaupause für den Olympya-Sound gewesen.

Wir sehen uns nicht als Retro-Band. Alles, was wir machen, ist mit einem sehr progressiven Denken verbunden, ohne dabei gänzlich auf Experimente zu setzen. Wir verlassen uns einfach auf unseren persönlichen Musikgeschmack.

Marcus: Wenn ich an NDW denke, denke ich auch gleich an Künstler wie Fräulein Menke, also einer Art von NDW, von der wir uns distanzieren möchten. Es war einfach auch viel Schrott dabei damals.

Trotzdem noch einmal plakativ gedacht: Kommt ihr mit der Gleichung The Clash plus Falco plus Kraftklub gleich Olympya klar?

Marcus: Ja, das würden wir dann als Kompliment verstehen. Eine Gleichung, die uns schmeichelt. Die textlichen Themen auf „Auto“ reichen nun vom Umgang mit einer Trennung in „Tabletten“ bis zu Mobbing samt Rachefantasien in „Rocky“.

 

„Wir streben Großes an!“

 

Waren euch bestimmte Themen besonders wichtig, mit „Auto“ zu transportieren?

Marcus: Das ist nicht unsere Herangehensweise an Musik. Wenn wir uns an ein Demo setzen, wissen wir noch nicht einmal, ob es ein schneller oder ein langsamer, ein lauter oder leiser Song werden wird. Was die Texte angeht, leitet uns das Instrumentelle meist zu den Geschichten. Wir hören die Musik und überlegen uns, wovon wir dazu erzählen können. Es gab also nichts, was wir unbedingt ansprechen wollten.

Wobei man dazu sagen muss, dass unsere Texte schon auch mit uns und unserer Sozialisierung zu tun haben. Klar, da gibt es Fiktion, aber die Geschichten sind fundiert. „Rocky“ ist zum Beispiel ein sehr intimer Song für uns, der auch von unserer Jugend zwischen den Plattenbauten von Magdeburg und Leipzig kurz nach der Wende handelt. Eine mindestens komplizierte Zeit.

Andi: Es gibt eine Handvoll ethischer und moralischer Motive, die wir gerne in unsere Musik einbauen. Aber vor einer Session legen wir uns nicht auf, unbedingt einen empathischen Song zu machen.

Ihr habt eure Heimatstädte Magdeburg und Leipzig angesprochen. Welchen Einfluss hatte denn Hamburg auf „Auto“?

Andi: Hamburg ist eine sehr offene Stadt und eine, in der wir uns frei von irgendwelchen Rastern künstlerisch entfalten können.

Marcus: Zudem haben wir in Hamburg geile Musiker für unsere Band gefunden, mit denen wir sehr entspannt arbeiten können. Ich würde also nicht unterschreiben, dass „Auto“ irgendwo anders so geworden wäre, wie es jetzt ist.

Andi: „Auto“, mit seiner großen klanglichen und textlichen Bandbreite, spiegelt auch diese vielfältige Stadt sehr gut wieder.

Und wo wollt ihr mit „Auto“ und Olympya noch hin? Gibt es Karriereziele mit der Band?

Marcus: Unser Karrieredenken ist schon im Bandnamen erkennbar: Uns ist es wichtig, mit unserer Musik möglichst viel zu reißen. Wir finden auch, dass unsere Songs das Potenzial haben, vielen Leuten etwas mit auf den Weg zu geben – ohne dass wir sie dabei belehren wollen. Zudem sind die Songs so konzipiert, dass sie live, vor allem open air, funktionieren. Von daher: Wir streben Großes an!

„Auto“ erscheint am 26.2. auf Audiolith


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Auf einen Song mit … Sepalot

Der einstige Blumentopf-DJ Sepalot führt mit dem Sepalot Quartet Beats und Jazz zusammen und gibt Empfehlungen aus beiden musikalischen Lagern.

Interview: Erik Brandt-Höge
Foto: Nico Reger

SZENE HAMBURG: Sepalot, wir brauchen Beats und Bässe! Welche drei Tracks hauen uns von jetzt auf gleich vom Hocker?

Son Lux: „Easy“. Ich liebe den arty und verspulten Ansatz von Son Lux. Ist einfach eine super interessante Band. Von „Easy“ gibt es auch eine gute Orchesterversion, zusammen mit Woodkid.

Uffe: „My Love Was Real“. Das ganze Album „Radio Days“ ist sehr fein. Ich mag die Mischung aus BoomBap-Sample-Ästhetik und UK Dance Music.

World’s Fair: „Elvis’ Flowers (On My Grave)“. Das ist der Rap-Song, der mich 2018 am meisten umgehauen hat. So schön durchgeknallt. Wie ein Update von „ The Pharcyde“.

 

„HipHop hat sich schon immer viel beim Jazz ausgeborgt.“

 

Okay, und jetzt wieder runterkommen – am liebsten mit Jazz! Hast du hierfür auch drei Stücke parat?

Web Web: „Land Of Arum Flower“. Web Web ist das Jazz-Projekt meines geschätzten Kollegen Roberto Di Gioia aus München. Roberto ist ein begnadeter Pianist. Diese Platte im Stil des Spiritual Jazz der 70er Jahre ist einfach fantastisch.

Fazer: „White Sedan“. Das Münchner Quintett um Martin Brugger (a. k. a. Occupanther) ist New Generation Jazz. Die Jungs sind sowohl mit Clubmusik als auch mit dem Jazz bestens vertraut.

Matthias Lindermayr: „Massave“. Schon wieder ein Münchner! Ja, es tut sich gerade was in der Stadt. Matthias hat nicht nur den schönsten Trompetensound, er ist auch ein Teil des Sepalot Quartets und hat 2018 sein zweites Soloalbum „New Born“ über Enja Records veröffentlicht.

Du mixt nun auf der Bühne die Vom-Hocker-Hauer-Beats mit Jazz. Warum gehören diese musikalischen Puzzleteile zusammen?

Ich war viele Jahre im HipHop zu Hause. Ein Genre, dass sich schon immer viel beim Jazz ausgeborgt hat. Und jetzt, da ich nach meiner Zeit bei Blumentopf ohne Rapper auf der Bühne stehe, ist wieder Platz in meiner Musik. Der Jazz schließt die Lücke, und es fühlt sich ganz natürlich an.

Sepalot: 15.2.19, Birdland, 20 Uhr

 

Hört hier „Rainbows“ von Sepalot


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2019. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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