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Hamburgerin des Monats: Anne Krüger-Vonderau vom Mitternachtsbus

Im November feierte das spendenfinanzierte Projekt „Mitternachtsbus“ der Diakonie Hamburg seinen 25. Geburtstag – und Anne Krüger-Vonderau 20 Jahre Ehrenamt gleich mit. Ein Gespräch über gesellschaftliche Verantwortung

Text & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Frau Krüger-Vonderau, Gratulation zu 20 Jahren Mitternachtsbus!

Anne Krüger-Vonderau: Fast zwanzig Jahre. Ganz korrekt fehlen zwei Monate. Aber ich fühle mich schon als 20-Jährige (lacht). Ich wurde auch auf dem 25-jährigen Jubiläum, das wir vor dem Michel gefeiert haben, in die Gruppe aufgenommen, die schon seit 20 Jahren dabei sind.

Wie viele Einsätze sind Sie seit 2001 gefahren?

Wie die meisten fahre ich einmal im Monat. Wenn man berufstätig ist und denkt, ich will was für die Gesellschaft leisten, kann man das ganz gut machen. Also 20-mal 12 sind 240 Einsätze. So Pi mal Daumen (lacht).

Wie läuft ein Einsatz ab?

Wir bereiten gegen 18.45 Uhr die Tour vor. Um 20 Uhr starten wir, holen belegte Brötchen und Kuchen von einer Bäckerei, fahren zur Bahnhofsmission. Manchmal haben die Sachen für uns. Gegen 20.15 Uhr ab zur ersten Platte. Das geht tatsächlich bis Mitternacht. Manchmal auch bis 1 Uhr, je nachdem wie groß der Andrang ist. Und wie viele Gespräche stattfinden.

Platte ist der Ort, an dem Obdachlose schlafen?

Richtig. „Ich mach Platte“ heißt, ich schlafe, meist alleine, an einem Ort irgendwo versteckt. Das war ein Grund, warum der damalige Landespastor Dr. Stephan Reimers in den Neunzigern den Mitternachtsbus gegründet hat. Und das Spendenparlament und das Straßenmagazin „Hinz&Kunzt“: Als Folge der Wende herrschte Wohnungsnot, die Leute lagen überall verteilt in der Stadt, es gab viele Tote. Wir versuchen, diese Orte rauszukriegen, fahren die Platten ab. Unsere Idee der Betreuung ist Grundversorgung und Ansprache als aufsuchende Hilfe: Wenn jemand in seinem Schlafsack liegt, fragen wir ihn: Sollen wir Ihnen was bringen?

 

Das Ziel: Wohnungen für alle

 

Haben Sie noch Gäste der ersten Stunde?

Man lebt nicht so lange auf der Straße. Wenn man jemanden länger kennt, beobachtet man, dass die Verwahrlosung in Wellen stattfindet. Wenn man keine Wohnung hat und ein Alkoholproblem, stirbt man häufig auf der Straße. Es gibt wenig ganz Alte. Zum Volkstrauertag war auch ein ökumenischer Gedenkgottesdienst in Eimsbüttel für die auf der Straße Verstorbenen. Da kommen einige zusammen über das Jahr.

Ihre Gäste sind alle obdachlos?

Manche haben eine eigene Wohnung und kommen wegen der sozialen Kontakte. Die schauen vorbei, holen sich einen Kaffee, klönen und fahren mit der letzten S-Bahn nach Hause. Das Ziel sollte sein, dass alle eine Wohnung bekommen. Jetzt gibt es das erste Projekt von „Hinz&Kunzt“, wo 24 Obdachlose eine Wohnung haben. Nach 25 Jahren! Das ist doch Wahnsinn. Housing First heißt das. Wir konnten kurz vor dem Einzug das Haus besichtigen. Toll, dass das mit unserem Jubiläum zusammenfällt.

Wie wurde das Haus finanziert?

Einzelheiten zur Finanzierung kenn ich nicht. Alle Bewohner haben unbefristete Hamburger Mietverträge. Das können sie über den Verkauf von „Hinz&Kunzt“ oder andere Sachen finanzieren. Das Wichtigste bei Housing First, wie ich von Sozialarbeitern gelernt habe: Sobald man einen festen Ort hat, kann man sich endlich um die anderen Sachen kümmern. Viele haben Ansprüche wie Renten oder Arbeitslosengeld, aber keinen „Perso“. Jetzt haben sie einen Ort, wo man mit ihnen planen kann. Wo sie selbst Ziele entwickeln können. Das geht auf der Straße nicht.

 

Frauen auf der Straße sind unauffälliger

 

Haben sich die Gäste geändert in den Jahrzehnten?

Durch die europäische Grenzöffnung sind es viele Männer aus Osteuropa. Die können kein Deutsch, haben keine Chance auf dem Arbeitsmarkt und fallen durch das Netz. Wir haben viele Ältere. Es gibt auch Frauen auf der Straße, aber die sind unauffälliger. Jüngere Leute weniger, kommt aber auch vor.

Was machen Sie, wenn Stammgäste verschwinden?

Wir machen uns Sorgen, informieren die Straßensozialarbeiter. Die starten einen Rundruf in den Krankenhäusern. Viele sind natürlich, wie man früher sagte, Tippelbrüder. Die sind unterwegs. Manche sagen, ich war jetzt zwei Monate Richtung Süddeutschland unterwegs. Dann kehren sie zurück in die Anonymität der Stadt.

Obdachlose machen auch innerhalb der Stadt ganz schön Strecke.

In Hamburg gibt es unheimlich viele Anlaufstellen. Dafür müssen sie sich bewegen. In Harburg wird ein Superfrühstück angeboten, dann fährt man morgens dahin. Später zum Mittagstisch nach Altona. Die müssen schon ein büschen plietsch sein, um sich zu organisieren und sind dann wirklich in ganz Hamburgs unterwegs.

 

„Ich versuche, mich aus Selbstschutz zu distanzieren“

 

Sind in den Jahrzehnten Freundschaften entstanden?

Ich versuche, mich aus Selbstschutz zu distanzieren. Ich habe in der Schule als Beratungslehrerin gearbeitet, und weiß, dass das ganz wichtig ist. Dass man sich nicht in seinem Helfersyndrom verliert. Man muss das professionell machen, wenn man was bewirken will. Ansonsten wird man aufgesogen von den Bedürfnissen des anderen. Ich bin voll da, wenn ich fahre, aber ich würde keine Beziehungen aufbauen, die darüber hinausgehen.

Sind Sie noch anderweitig sozial engagiert?

Ich arbeite in der Flüchtlingshilfe, bin in der Christianskirche in Ottensen aktiv, auch seit über 20 Jahren im Chor (lacht). Da gibt es das Willkommenskulturhaus, wo Geflüchtete Sprachunterricht nehmen können. Es soll politische Bildung auf Augenhöhe stattfinden. Man kann sich auch mit wenigen Sprachkenntnissen über die Situation in ihren Ländern und in Deutschland austauschen.

Was treibt Sie an?

Ich habe fast 40 Jahre als Lehrerin gearbeitet. Ich habe eine gute Pension. Mir geht es gut. Ich finde, wir müssen mehr gesellschaftliche Aufgaben übernehmen. Auch wir Oldies. Ich muss nicht mit dem Wohnmobil durch Europa fahren. Ich denke: Ey, das kann doch nicht alles der Staat regeln. Früher haben wir immer diskutiert: Die Obdachlosen, das geht doch nicht, da müssen doch die Behörden was machen. Irgendwann legte sich der Schalter um: Wir sind Teil dieser Gesellschaft und dieser Behörde. Ich bin fit und will etwas zurückgeben. Ich will da auch kein Geld dafür. Wir würden sozial verwahrlosen, wenn wir alle nur noch individualistisch sind. Das soll jetzt nicht sozialromantisch klingen. Ich finde, man kann einfach was tun.

 

Das Angebot ist konstant

 

Hat sich das Angebot des Mitternachtsbusses im Lauf der Jahrzehnte verändert?

Das ist total witzig. Das ist konstant. Wir haben immer heiße Getränke an Bord. Kaffee, Tee, Kakao, alles Fairtrade. Korrekt und eine gute Qualität. Brühe und diese herrlichen, supersüßen Zitronentees (lacht). Coronabedingt zahlt die Sozialbehörde Lunchtüten. Dann gibt es immer Kleidung an Bord für den Notfall. Wenn da jemand liegt und der hat keine Socken an, dann kriegt er Socken von uns. Isomatten, Schlafsäcke und Decken natürlich. Damit die die nicht einfach liegen lassen, müssen sie einen kleinen Obolus entrichten.

Was gibt es an Weihnachten?

Da gibt es meist einen Schokoweihnachtsmann, wie an Ostern Ostereier. Heiligabend ist ja immer ein ganz besonderer Tag. Ich muss da natürlich mit meiner Familie feiern (lacht). Aber ich finde das so toll, dass einige sagen: Heiligabend bedeutet mir nichts, da fahr ich einfach in einem zusammengewürfelten Team die Platten ab.

mitternachtsbus-hamburg.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2021. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Nachbarschaftspreis für Hamburger des Monats

In der aktuellen Ausgabe der SZENE HAMBURG ist Kareem Ahmed der Hamburger des Monats, jetzt haben er und sein Team den Deutschen Nachbarschaftspreis für ihr Projekt „Silbersack Hood Gym“ gewonnen

Text: Felix Willeke

 

„Mein Bruder hat in der Corona-Zeit gesagt, dass wir wieder Sport machen müssen“, sagt Kareem Ahmed im Gespräch mit SZENE HAMBURG. Dieser Satz war der Beginn des sozialen Sportprojekts „Silbersack Hood Gym“ auf St. Pauli. Heute treibt Kareem das Projekt zusammen mit seiner Schwester Nassy Ahmed-Buscher und seinem Bruder Jameel Ahmed voran und mittlerweile trainieren über 50 Schüler:innen auf dem Sportplatz am Silbersack. Jetzt haben sie den mit 5.000 Euro dotieren Deutschen Nachbarschaftspreis gewonnen. Das Projekt gehe über das rein sportliche hinaus und fördere die soziale Vernetzung der Kinder aus der Nachbarschaft, so die Begründung der Jury. Das Preisgeld will das Projekt in die Miete einer Halle für den Winter investieren, eine passende Räumlichkeit in der Nähe wird noch gesucht.

 

Der Preis

 

Der Deutsche Nachbarschaftspreis wird seit 2017 von der nebenan.de Stiftung, einer Tochterorganisation des Berliner Sozialunternehmens Good Hood GmbH, verliehen. Die Insgesamt 57.000 Euro Preisgeld gingen 2021 an die Gewinner:innen in den Kategorien Generationen, Kultur & Sport, Nachhaltigkeit, Öffentlicher Raum, Vielfalt und an je ein Landessiegerprojekt.

Den Gewinnerfilm für das „Silbersack Hood Gym“, Gewinner in der Kategorie Kultur & Sport, gibt es hier:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Kareem Ahmed: „Ihr sollt nicht weggucken“

Der Hamburger des Monats Kareem Ahmed treibt mit seiner Schwester Nassy Ahmed-Buscher und seinem Bruder Jameel Ahmed das soziale Sportprojekt Silbersack Hood Gym voran. Durch Zufall entstanden, ist das Gym für die drei, ihr Team und über 50 Schüler zur Herzensangelegenheit geworden

Interview & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Kareem, warum macht Kampfsport Kinder friedlich?

Kareem Ahmed: Weil es sie auspowert, weil sie einschätzen können, was sie mit ihrer Kraft bewirken. Kinder ohne Kampfsport können sich oft nicht kontrollieren, schlagen voll zu. Durch den Sport lernen sie kennen, was sie da machen. Was es bedeutet, einen Schlag ins Gesicht zu bekommen. Wie es sich anfühlt, einstecken zu müssen. Auf einer sportlichen Basis lernen sie, dass sie keinem so etwas antun wollen, weil sie das selbst nicht erleben wollen.

Welche Kampfsportarten unterrichtet ihr?

Ich mache Muay Thai und Kickboxen, wir haben Boxtrainer. Immer, was gerade für Leute da sind. Escrima, Straßenkampf als pure Selbstverteidigung. Erst recht für kleine Mädchen, damit sie sich auf St. Pauli verteidigen können.

Wie läuft ein Training ab?

Wir machen uns warm. Manchmal sind die Kinder überdreht, dann haben wir erst mal Spaß, spielen Fußball. Dann geht’s los mit den Pratzen, Sparringtraining für die Erwachseneren und Partnerübungen. Ich will keine professionelle Haltung vermitteln. Ab und zu muss mal der Thrill-Sergeant rein, weil die Kinder hier oft disziplinlos sind. Wie man sich Kiezkinder vorstellt. Nicht bösartig. Sie testen ihre Grenzen aus. Zum Schluss reden wir über Rassismus, Mobbing, über Sachen, die nicht gehen als Kampfsportler. Dass wir keinen unterdrücken, dass wir anderen helfen, die unterdrückt werden. Einfache Sachen, mit denen jeder aufwachsen sollte. Zum Abschluss machen wir ein Bauch- oder ein Athletiktraining. Dann stellen wir uns in einer Reihe auf und verabschieden uns. Jeder gibt jedem einmal die Hand und bedankt sich fürs Training.

 

Gegen Rassismus. Gegen Ausgrenzung. Gegen Unterdrückung.

 

Welche Werte zählen bei euch?

Wir sind gegen Rassismus. Gegen Ausgrenzung. Gegen Unterdrückung. Wir sind für Zusammenhalt. Dafür, dass die Stärkeren den Schwächeren helfen. Und Schwächere stark werden können. Das ist alles eine Sache vom Kopftraining. Wir wollen in einer Zeit, in der alle nur noch auf ihr Handy schauen, sich hauptsächlich über soziale Medien austauschen, vermitteln, dass so etwas wie der Silbersack-Fußballplatz ganz wichtig ist. Für die Nachbarschaft, für alle. Für die, die dran vorbeilaufen, was Schönes sehen. Wir gehen kleine Schritte, aber wir gehen sie.

Welche Regeln vermittelst du deinen Schülern beim Thema Gewalt?

Ich sag ganz klar: Ihr sollt nicht weggucken. Außer, wenn Erwachsene auf dem Kiez streiten, Penner, Messerstechereien, dies, das. Dann nicht denken, sie wären Batman. Da sollen sie weglaufen. Wenn sie in der Schule Ungerechtigkeit sehen, sollen sie die Person ansprechen. Sie sollen sich nichts gefallen lassen, aber nicht schlagen, dass einer schwer verletzt wird. Ich sag denen nach dem Training immer: Als Kampfsportler hast du Verantwortung. Der musst du gerecht werden. Ihr firmiert als Silbersack Hood Gym unter Silbersack Hood Talentförderung.

 

„Ohne meine Schwester Nassy läuft gar nichts“

 

Welche Talente fördert ihr?

Neben Sport bieten wir auch Musikförderung und Nachhilfe an. Bald kommt Kunst, also Graffitikurse dazu.

Wie ist das Silbersack Hood Gym entstanden?

Mein Bruder hat in der Corona-Zeit gesagt, dass wir wieder Sport machen müssen. Wir haben mit Freunden auf dem Platz trainiert. Mohammed kam dazu, der kleine Junge, den du gerade gesehen hast. Der wollte mitmachen, hat zwei, drei Monate mit uns trainiert. Dann sind immer mehr Kinder gekommen. Heute sind wir rund 50 Schüler und ein Team aus zwölf Trainern und Trainerinnen.

Wer ist außer dir noch dabei?

Unser TrainerInnen-Team, der feste Kern besteht aus fünf Leuten, die immer am Start sind. Der Rest unterstützt flexibel, meist einmal wöchentlich. Mein Bruder Jameel alias BOZ hilft mir ganz viel, macht auch Musik. Ein angesehener Rapper. Und meine Schwester Nassy. Ohne sie läuft gar nichts. Sie hat dem Ganzen den Stempel aufgedrückt. Wir haben lange davon geredet, einen Verein zu gründen, aber dieses Unternehmen ist genau durchdacht. Wir sind sehr glücklich damit. Das hat uns noch mehr zusammengeschweißt. Meine Schwester ist der Kopf hinter der ganzen Sache. Wenn sie was will, dann erreicht sie das auch.

Erkennst du dich selbst in deinen Schülern?

Auf alle Fälle. Viele haben eine extrem schwere Autoritätsschwierigkeit, und die hatte ich auch. Respekt habe ich erst durch den Kampfsport gelernt. Außer meiner Mutter und meinem Vater waren meine ersten Autoritätspersonen meine Trainer.

 

„Ich bin ein Kiezmensch“

 

Du hast Einblick in schwierige familiäre Situationen. Gab es schon einen Punkt, an dem du überlegt hast, die Polizei einzuschalten, obwohl man auf dem Kiez Dinge lieber ohne regelt?

Nur bei Sachen wie einer Vergewaltigung würde ich die Polizei einschalten. Wenn ich sehe, dass einer sein Kind schlägt, dann gibt es richtig Probleme. Mit mir. Da würde ich persönlich hingehen. Ich glaube nicht, dass die Polizei bei bestimmten Sachen so viel regeln kann. Viele Kinder hier haben Omas, Opas, Familie. Womöglich wird das Kind aus seinem Umfeld gerissen, kommt ins Heim. Die können das auch nur im Rahmen des Gesetzes regeln, das von irgendwelchen Bürokraten gemacht ist. Die können Sätze auf Papier schreiben, haben aber keine Ahnung von der Realität. Ich bin ehrlich. Ich bin ein Kiezmensch. Wenn ich Sachen zu klären habe, klär ich sie. Immer zum Wohle des Kindes.

Du bist auf dem Kiez bekannt als Rapper Reeperbahn Kareem. Auf Insta läufst du unter kareeminell67. In deinen Texten geht’s zur Sache: Drogen, Knarren, Gewalt. Hat der Umgang mit den jungen Leuten Einfluss auf deine Musik?

Auf jeden Fall. Die nächste Musik, die von mir kommt, ist Musik, die man nicht von mir erwarten würde. Aber sie passt zu dem Bild, das ich lebe und vermittle. Ich will mit meiner Musik zeigen, wie die Realität ist. Jetzt bricht eine Phase an, in der ich durch dieses Projekt ein wenig Hoffnung vermitteln kann. Es wird auch melancholischere Töne geben, und meine nächste EP wird hauptsächlich mit diesem Thema hier zu tun haben.

instagram.com/silbersackhoodgym/


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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„Bildung darf kein Privileg sein“

Bildung wird oft als etwas Sebstverständliches angesehen. Doch noch haben zu viel Menschen – gerade durch soziale Barrieren – keinen ausreichenden Zugang. Integration durch Chancengleichheit lautet daher das Motto der SBB Kompetenz

 

Die Bildungsinstitution SBB Hamburg bietet Beratungs- und Weiterbildungsangebote an, um vor allem auch Menschen mit einem dringenden Bedarf an Unterstützung in eine bessere Ausgangssitution zu bringen. Damit sie entweder wieder in einen Beruf einsteigen oder überhaupt die nötigen Grundlagen für eine Ausbildung erwerben.

Mit der Geschäftsführerin Andrea Franke sprechen wir über die bildungs- und vor allem sozial- politischen Aufgaben der Institution. Ebenfalls gewährt sie einen Einblick in ihre Herausforderungen bei der pandemiebedingten Umstellung von Präsenz- auf Distanzunterricht und ihre gewonnen Erkenntnisse über den Einsatz digitaler Unterrichtsformate und -angebote.

 

SZENE HAMBURG: Erläutern Sie doch bitte einmal das Angebot, das Sie als SBB Kompetenz machen. Was ist das Ziel Ihrer Institution?

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Andrea Franke von der SBB Kompetenz

Wir sind eine Tochter der Stiftung Berufliche Bildung (SBB), unter deren Dach sich 22 Tochtergesellschaften mit unterschiedlichen Ausrichtungen befinden, die aber alle im Wesentlichen das Ziel haben, Menschen auf ihrem Weg in einen Beruf zu unterstützen und auch Soziale Teilhabe durch entsprechende Bildungsangebote zu erlangen.

Hier in Hamburg sind wir die größte Tochter für Erwachsenenbildung, man kann uns als Generaldienstleisterin der beruflichen Bildung bezeichnen. Wir sind primär für Menschen zuständig, die länger als ein Jahr arbeitssuchend sind und bieten dabei Sprach- und Integrationskurse, Coaching- und Beratungsangebote, Umschulungen, Fort- und Weiterbildungen sowie auch unterschiedliche Beschäftigungsgelegenheiten, für Menschen mit Anspruch auf eine entsprechende Förderung.

Wenn wir einmal den Bereich der beruflichen Fort- und Weiterbildung anschauen, gibtes dort Berufsfelder, auf die Sie sich fokussieren?

Ursprünglich haben wir mit Umschulungen im gewerblich-technischen Bereich begonnen und gehen heute verstärkt in den Bereich Büromanagement und Kaufleute für E-Commerce und damit immer mehr in den kaufmännischen Bereich und Berufsfelder mit Marketing- und Digitalisierungshintergrund. Daneben bleiben bewährte Angebote wie Umschulungen im Friseur- oder Gastronomiebereich natürlich bestehen.

Vor dem Hintergrund, dass auch viele klassische Berufe immer digitaler werden, bieten wir zum Beispiel auch Umschulungen in den Bereichen Lager, Handel und Spedition an, die diese Entwicklung berücksichtigen, um den neuen Marktansprüchen gerecht zu werden. Wir sind daher eher breit aufgestellt, als auf ein Feld spezialisiert und versuchen immer uns der allgemeinen Bedarfsentwicklung in der Berufswelt entsprechend anzupassen.

 

Technische Infrastruktur

 

Sie bereiten Ihre Teilnehmer immer stärker auf eine digitale Arbeitswelt vor. Wie gut waren Sie denn vorbereitet, als Sie den Unterricht komplett digital ausrichten mussten?

So traurig es klingt, wir mussten ja nun endgültig alle feststellen, dass wir keine gute technische Infrastruktur haben und wir, im europäischen Vergleich, einiges nachzuholen haben. Schlechte Internetverbindungen, extrem langsame Ladezeiten für Dokumente und auch wir als Lehrende und die Lernenden hatten sehr wenig Expertise im Umgang mit der Technik.

Deswegen mussten wir schnellstens unsere gut 250 Mitarbeiter nicht nur mit der Technik ausstatten, sondern ihnen den Umgang näher bringen und vor allem auch beibringen, wie man vor einem Laptop sitzend ein Seminar gut rüberbringt und die Teilnehmer virtuell einbindet. Wir haben sehr schnell auch einen Supportservice aufgebaut, um bei technischen Problem sofort reagieren zu können und den Unterricht immer am Laufen zu halten.

Viele Ihrer Teilnehmer gehören sicherlich nicht zu den sogenannten privilegierten Milieus und ein Distanzunterricht birgt hier sicherlich auch Gefahren, diese Menschen zu verlieren. Wie ist Ihre Erfahrung?

Das war auch meine größte Sorge und es war für uns enorm wichtig, möglichst viele Abbrüche zu verhindern. Daher haben wir uns sehr viel Zeit genommen, einzelne Teilnehmer auch immer wieder telefonisch zu kontaktieren, um die persönliche Bindung aufrechtzuerhalten und Nähe herzustellen.

Unser Auftrag war aber im Prinzip immer schon mehr, als ein reines Ausbildungsangebot zu machen. Es ging immer auch darum diese Milieus, die weder technisch noch sozial so gut aufgestellt sind, nicht nur bildungspolitisch, sondern auch sozialpolitisch aufzufangen.

 

Basiskompetenzen

 

Was konnten Sie denn im aktuellen Fall dann konkret noch machen, um ihre Teilnehmer bestmöglich zu unterstützen?

Wir haben uns dringlichst darum gekümmert, dass erst einmal eine technische Ausstattung zur Verfügung gestellt werden konnte. Ebenfalls haben wir dafür gesorgt, Räume zur Verfügung zu stellen, wenn es bei unseren Teilnehmern zu Hause nicht möglich war, in Ruhe an unseren digitalen Unterrichtseinheiten teilzunehmen.

Die ganze Situation zeigt eben auch, dass wir uns insgesamt noch viel stärker bemühen müssen, dort wo diese Menschen leben, noch mehr räumliche und technisch ausgestattete Angebote zu machen, um sich beruflich weiterbilden zu können.

Wir müssen auf die Menschen noch mehr zugehen und nicht warten, bis vielleicht zu uns finden. Dafür benötigt es auch entsprechend mehr öffentliche Mittel.

Überspitzt formuliert, reicht es also nicht aus, alle mit Laptops auszustatten und dann ist alles gut.

Ganz sicher nicht. Einem Großteil müssen zum Beispiel auch erst einmal digitale Basiskompetenzen vermittelt werden. Wir begleiten Menschen, die sehr weit weg von der allgemeinen Bildung und dem Arbeitsmarkt entfernt sind. Was vielleicht für viele Abiturienten aus Mittel- und Oberschichts-Elternhäusern normal ist, ist es in diesen Lebenswelten definitiv nicht.

Umschulungen machen bei uns circa 20 Prozent unseres Portfolios aus. Der Rest unseres Angebotes konzentriert sich darauf, Menschen die entscheidenden Grundlagen zu vermitteln, um im Arbeitsmarkt überhaupt eine Chance zu haben.

SBB Hamburg


SH_Ausbildung_Titel_2021 SZENE HAMBURG Ausbildung, 2021. Das Magazin ist seit dem 31. März 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburgerin des Monats: Andrea de Luna von „Deintopf“

Im März 2020 wurde der erste Lockdown ausgerufen. Suppenküchen schlossen – und Andrea de Luna eröffnete die soziale Essens- und Lebensmittelausgabe „Deintopf“ im Karoviertel

Interview: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Andrea, Glückwunsch zum Einjährigen. Was steht heute auf dem Speiseplan?

Andrea de Luna: Es gibt Fischfrikadelle mit Kartoffelsalat, Gulaschsuppe mit Kartoffeln oder Spätzlepfanne Veggie mit Gemüse und Rahmsoße. Wir haben immer drei bis vier Gerichte zur Auswahl, damit für jeden Geschmack, aber auch für jede Verträglichkeit was dabei ist. Und immer auch was Vegetarisches.

Wie viele Gäste habt ihr pro Tag?

Das ist verschieden. Am Monatsende sind es mehr Gäste als am Monatsanfang. Das ist auch immer bisschen wetterabhängig, aber wir sprechen hier von einer Zahl von 100–200 Gästen pro Ausgabe.

Hat sich die Gästestruktur seit Beginn der Pandemie verändert?

30 Prozent unserer Gäste sind Menschen ohne festen Wohnsitz. Ich kenne viele von meinem Ehrenamt bei Hanseatic Help, Kältebus, Café mit Herz und Alimaus. Es kommen immer mehr alte Menschen und Alleinerziehende. Die brauchen das wirklich. Die einen für ihre Familien und die Älteren, damit sie überhaupt noch etwas zu essen haben.

Kümmert ihr euch auch um Gäste, die nicht mobil sind?

Ja, das bieten wir an. Wir liefern mit Lastenfahrrädern. Anfangs waren das mehr Gäste. Inzwischen ist es nur noch ein Herr, den wir auch von Anfang an versorgen. Unser Angebot besteht aber weiterhin: Wenn jemand nicht mobil ist, soll er sich bitte melden. Wir bringen das Essen vorbei. Allerdings begrenzt auf das Karoviertel.

Sind Freundschaften mit Gästen entstanden?

Man muss schon so professionell sein, dass man sich ein bisschen abgrenzt. Punkt A: Wir wollen niemanden bevorzugen. Die Gäste achten stark drauf, dass sich keiner vordrängelt oder einer mehr kriegt als der andere. Und B: Es sind es halt Menschen, und hinter jedem Menschen steht ein Schicksal. Diese Schicksale sind manchmal sehr traurig.

Man muss auf sich achten, dass man nicht zu viel davon mit nach Hause nimmt. Aber natürlich haben viele Gäste zu uns ein freundschaftliches Verhältnis. Die Helfer sind ja immer die gleichen. Die bauen Beziehung auf, die freuen sich darüber. Wenn jemand zwei Wochen nicht da ist, fragen sie auch, wo ist denn der? Es sind immer drei Helfer draußen. Die Gäste lieben das, sich einfach mit ihnen zu unterhalten, auch mal Spaß zu machen.

 

„Mich motiviert es, rauszugehen, was zu tun“

 

Du bist im Hauptberuf Erzieherin. Wie kriegst du das alles hin?

Das Wichtige ist ja, diese Projekte anzustoßen, aufzubauen. Wenn sie gut laufen, dann laufen sie halt auch. Und ich habe großes Vertrauen in meine Helfer. Wir treffen uns einmal die Woche im digitalen Meeting, besprechen alles. Jeder soll sich einbringen – ich bin Freund von Schwarmintelligenz.

Die Helfer können sich so mit dem Projekt identifizieren und machen das ein Stück weit zu ihrem eigenen Projekt. Innerhalb des Teams haben sich Freundschaften gebildet, wir haben ja ein sehr harmonisches und liebevolles Miteinander. Das ist uns wichtig. Gut miteinander umzugehen. Das ist Ehrenamt, und wenn man im Ehrenamt genauso gestresst ist wie im Job, dann möchte man es irgendwann nicht mehr machen.

Was ist deine Motivation?

Meine Motivation ist, Menschen zu helfen. Ich weiß, wie sich das anfühlt, wenn man nicht genug zu essen hat oder es einem schlecht geht. Und ich kann das schwer aushalten, wenn ich sehe, dass es Menschen schlecht geht. Ich werde dann aktiv. Es nützt ja niemandem was, wenn ich zu Hause sitze und grüble. Mich motiviert es, rauszugehen, was zu tun. Ich überleg mir dann Dinge, die ich machen kann, um diesen Zustand zu verbessern.

Aus wie vielen Leuten besteht Deintopf?

Wir sind ein Team aus etwas über 50 Menschen. Wir arbeiten mit einem festen Dienstplan, in den sich jeder selber eintragen kann. Die Schichten sind genau aufgeteilt. Man kann nicht einfach herkommen und sagen, ich helfe jetzt mal mit, weil ich Lust zu habe. Außer man bleibt dann die ganze Zeit draußen, weil wir natürlich auch Auflagen haben und darauf achten müssen, dass es in den Räumen nicht zu voll wird. Zum Eigenschutz und zum Schutz unserer Gäste.

Wie ist der Anteil von Frauen und Männern?

Wir haben inzwischen auch schon sehr viele motivierte Männer dabei. Tatsächlich ist es aber so, dass der Großteil Frauen sind. Ich bin ja noch bei anderen Sachen aktiv. Das sehe ich überall im Ehrenamt.

Wie erklärst du das?

Ich will das nicht pauschalisieren, aber ich glaube, Frauen sind doch oft empathischer als Männer. Sie können mehr nachvollziehen, haben eher das Gefühl, dass sie helfen möchten. Es wurde uns irgendwie schon in die Wiege gelegt, dass wir uns immer gut um alle und alles kümmern.

Wer kocht für euch?

Zu Beginn hat der Foodeventclub sehr viel für uns gekocht. Auch die Flora Volksküche ist von Anfang an dabei. Außerdem das Buddels Restaurant, die Passage Gastronomie und die Juwelier Espressobar. Es wechselt auch immer mal. Wir können uns nicht beklagen.

Es möchten noch viel mehr Leute für uns kochen, aber wir haben gar nicht die Kapazitäten, das alles zu verteilen.

Welche Rolle spielt der Gesundheits­aspekt?

Es gibt immer ein vegetarisches oder veganes Gericht. Wir bieten kein Schweinefleisch an. Jeder Gast sucht sich selbst aus, was er mitnimmt. Auch an Lebensmitteln. Wir packen hier keine Taschen. Jeder Mensch kann nach Geschmack und Verträglichkeit selbst auswählen.

 

„Alles wäre erst gut, wenn es das Ehrenamt nicht mehr bräuchte“

 

Hast du da Unterstützung durch Behörden bekommen?

Also, ich habe zumindest vom Bezirksamt Mitte alle Genehmigung bekommen. Das ist ja schon mal gut. Ich bekomme auch Dankesschreiben (lacht). Ansonsten ist es natürlich so, dass Behördenmühlen langsam mahlen. Die sind auf alle Fälle bemüht.

Ich denke, dass die Stadt Hamburg mehr machen könnte. Eigentlich wäre es ja alles erst gut, wenn es das Ehrenamt nicht mehr bräuchte. Wobei wir das alles gerne tun. Manchmal ist es schwierig mit den Behörden. Wenn ich erst mal 20 Anträge und Passierschein 53 B beantragen muss um 100 Euro zu kriegen, dann lass ich das lieber, weil ich eigentlich auf anderen Wegen auf größere Summen komme.

 

Deintopf finanziert sich ausschließlich durch Spenden?

Ja, hier ist alles durch Spenden finanziert. Wir haben ja auch keine Verwaltungskosten, weil wir Gott sei Dank immer noch mietfrei hier sind. Wenn wir endlich Räume gefunden haben, sind Miete und Betriebskosten schon gesichert, weil die Reimund C. Reich Stiftung uns angeboten hat, diese zu übernehmen. Das ist eine große Stiftung in Hamburg, die sich im Bereich Armutsbekämpfung stark macht und viele Projekte unterstützt. Das Problem ist, das wir keine Räume finden.

Arbeitet ihr mit anderen Projekten zusammen?

Wir haben alle zwei Wochen ein großes digitales Meeting. Da sind ich und eine Helferin zusammen mit anderen Initiativen drin. Wir sprechen über wichtige Themen, was sind die Bedarfe, wie können wir noch helfen? Wir arbeiten gemeinsam an Konzepten. Oder jemand schreibt, ich habe 1.000 FFP2-Masken gekriegt. Lass uns die teilen!

Im Sommer, als die Wasserversorgung auf der Straße so schlecht war, haben wir gemeinsam Wasser bestellt. Hanseatic Help hat das alles für uns eingelagert. Wir konnten das dann jederzeit abrufen.

Wie waren die Reaktionen, als du mitten im ersten Lockdown Deintopf gegründet hast?

Von Seiten der Gäste her natürlich positiv. Viele haben wirklich geweint und gesagt, Gott sei Dank, das war meine erste warme Mahlzeit seit zwei Wochen. Diesen Menschen sind ja auch sämtliche sozialen Netzwerke weggebrochen. Meine Familie war zwiegespalten: Oh Gott, es ist Pandemie und du bist da immer mit Menschen! Aus Helferkreisen kam vereinzelt: Alle machen zu und du machst auf? Denkst du, du kannst das besser als die anderen? Ich weiß, dass man gerade zu Pandemiezeiten aufpassen muss. Das ist für uns alle neu.

Ich wusste aber auch, dass ich das gewisse Know-how habe, weil ich seit fünf Jahren ehrenamtlich arbeite und mich auf den Bereich Mobile Aufgaben spezialisiert habe. Jetzt kann ich ein bisschen stolz sagen: Ja, da haben wir das meiste richtig gemacht.

facebook.com/Deintopf


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2021. Das Magazin ist seit dem 27. MÄRZ 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburger des Monats – Nadine und Alessandro

Nadine Herbrich und Alessandro Cocco haben mit „recyclehero“ ein soziales Start-up gegründet. Die Idee: mit einem Lastenrad-Abholservice Langzeitarbeitslosen und Geflüchteten Arbeit zu verschaffen – und Haushalten die lästige Entsorgung von Altglas und Altpapier abzunehmen

Interview: Ulrich Thiele
Foto: Jakob Börner

 

SZENE HAMBURG: Nadine und Alessandro, ein Abholdienst für Altglas und Altpapier – auf die Idee seid ihr bestimmt gekommen, weil sich dieses bei euch selbst stapelt, oder?

Nadine: Absolut, es fing mit einer klassischen WG-Situation an: Viele Menschen, die gerne mal eine Party feiern und danach stapeln sich die leeren Flaschen auf dem Balkon. Irgendwann kommt immer die Frage auf, wer das mal endlich wegbringt. Alessandro sagte dann, es müsste einen Abholdienst dafür geben. Diese Idee haben wir dann mit dem sozialen Gedanken verbunden.

Wieso diese Verknüpfung?

Nadine: Uns war schon immer klar, wenn wir irgendwann mal ein eigenes Projekt starten, dann soll es nicht rein profitgetrieben sein.

Alessandro: Es ist ein gesellschaftlich brisantes Thema, dass viele Menschen – Langzeitarbeitslose und Geflüchtete etwa – keine richtige Eintrittsmöglichkeit in den Arbeitsmarkt haben. Eine, die auch Menschen mit geringen deutschen Sprachkenntnissen oder ohne Führerschein eingliedert.

Wie funktioniert das Ganze?

Alessandro: Sobald wir unser Konzept auf Privatkunden ausweiten, stellen wir ihnen eine Kiste zur Verfügung. Über das Kontaktformular kann die Adresse eingegeben werden und wir geben Bescheid, wann wir den Inhalt entsorgen. Man muss dafür nicht zu Hause sein, sondern kann die Kiste einfach vor die Wohnungstür stellen. Die Kiste wird dann von unserem Hero, wie wir unsere Mitarbeiter nennen, geleert und wieder zurückgestellt. Wir kommen entweder im regelmäßigen Rhythmus oder auf Abruf. Wir lassen auch gerade eine App entwickeln, die voraussichtlich im August fertig sein wird. Über die App können dann die Bestellungen aufgenommen werden.

Was kostet das?

Alessandro: Wir bieten die Abholung für 7,90 Euro pro Kiste an. Für Privathaushalte wollen wir in Zukunft noch kleinere Kisten für 4,90 Euro einrichten. Die Abholung verläuft bargeldlos, die Bezahlung wird über Rechnung abgewickelt. Die Kunden können auch ihre Pfandflaschen in die Kiste legen, als Trinkgeld für unsere Heroes. Heute hat unser Hero Mohammed ein Franzbrötchen und Pfandflaschen als Trinkgeld bekommen.

 

„Die Heroes sollen nicht ewig bei uns arbeiten“

 

Wie viele Heroes arbeiten bei euch?

Alessandro: Zwei. Bis Jahresende wollen wir acht bis zehn Mitarbeiter einstellen, wenn wir mehr Lastenräder haben. Wir besitzen momentan nur ein Lastenrad, haben aber gerade zwei weitere bestellt, nachdem wir bei einer Crowdfunding-Kampagne über 24.000 Euro eingesammelt haben. Ein Lastenrad kostet 6.000 Euro – und ist übrigens klimaneutral, was uns sehr wichtig ist.

Ihr seht diesen Job als Eintritt in die Arbeitswelt. Geht es dann weiter?

Nadine: Wir wollen ein Sprungbrett sein, die Heroes sollen nicht ewig bei uns arbeiten. In Zukunft wollen wir Veranstaltungen organisieren, auf denen unsere Kunden und unsere Mitarbeiter sich beispielsweise zwanglos bei einem Abendessen kennenlernen können.

Alessandro: Der Gedanke dahinter ist, dass unser Kunde zum Beispiel erfährt, warum Mohammed geflüchtet ist, dass er vorher in Syrien Schreiner war und was er in Zukunft gerne machen möchte. Die Idealvorstellung ist, dass der Kunde eventuell einen Onkel hat, der gerade für seine Schreinerei Arbeitskräfte braucht und bei dem er mal zur Probe arbeiten kann. Der Wunschgedanke ist, dass sie auf ihren Touren jemanden kennenlernen, der sie in ihren Wunschberuf vermittelt.

Nadine: Für solche Veranstaltungen ist es aber noch zu früh. Das machen wir, wenn wir mehr Kunden und Heroes haben. Wir befinden uns derzeit noch in der erweiterten Pilotphase.

Wie lief die noch nicht erweiterte Pilotphase?

Nadine: Vor zwei Jahren haben wir beide unsere damaligen Jobs gekündigt. Ich war in der Bau- und Immobilienwirtschaft, Alessandro bei einer Privatbank. Wir brauchten eine Veränderung und wollten sieben Monate auf Reisen gehen. Allerdings trugen wir auch da schon die Idee für unser Social Start-up lose mit uns herum. Eines Tages fand im betahaus die Veranstaltung „Social Innovation Challenge“ vom Social Impact Lab Hamburg statt. Wir sind mit unserer noch rohen Idee dahin marschiert und haben neben fünf anderen Projekten, die schon viel weiter waren, unser Konzept vorgestellt. Man konnte ein Wochenende lang in einem Workshop das Konzept weiterentwickeln.

Dort haben wir auch entschieden, unser Angebot nicht ausschließlich auf obdachlose Menschen zu fokussieren – das war unser ursprünglicher Plan – sondern auch Geflüchtete und Langzeitarbeitslose miteinzubeziehen. Am Sonntag gab es dann einen Pitch, den wir tatsächlich gewonnen haben. Das war für uns der Beweis, dass wir an der Idee dranbleiben müssen.

Und habt eure Pläne für die Reise direkt über Bord geworfen?

Nadine: Nein, die Reise mit dem Camper haben wir trotzdem gemacht. Aber währenddessen weiter an unserer Idee gefeilt und in jedem Land, das wir besucht haben, Menschen von anderen sozialen Unternehmen getroffen, um von ihnen zu lernen. Als wir wieder zurückkamen, haben wir uns erst einmal wieder Jobs gesucht. Alessandro arbeitet derzeit noch, weil unser Projekt noch nicht rentabel ist, ich habe meinen Job gekündigt und konzentriere mich ganz auf recyclehero.

Wie habt ihr eure Heroes kennengelernt?

Alessandro: Neben dem direkten Kontakt zu Flüchtlingsunterkünften oder dem Schalten von Job-Inseraten, haben wir uns unter anderem letztes Jahr beim „Forum Flüchtlingshilfe“ auf Kampnagel mit unserem Lastenrad hingestellt und Menschen aus Eritrea und Nigeria angesprochen, ob sie eine Testfahrt machen wollen, um in Kontakt zu kommen. Wir haben uns mit Händen und Füßen verständigt und mit einem Interessenten sogar ein Kennlerngespräch vereinbart. Leider ist er aber nicht aufgetaucht.

 

„Wir haben in einem goldenen Käfig gelebt“

 

Kommen solche Fälle oft vor?

Nadine: Gerade heute morgen kam ein potenzieller Hero ein paar Stunden zu spät zum Probearbeiten, weil er den vereinbarten Zeitpunkt falsch verstanden hat – als er kam, hat er aber seinen Job super gemacht. Es geht uns generell darum, den Leuten keine Angst zu machen, sondern sie freundschaftlich zu unterstützen und zu zeigen: Wir meinen es nicht schlecht mit dir, wir sind zwar deine Arbeitgeber, aber wir sind auch Freunde oder Mentoren, die dir helfen wollen besser in der deutschen Gesellschaft und im deutschen Arbeitsmarkt zurechtzukommen.

Alessandro: Aber natürlich sind wir auch ein Unternehmen, ein sogenanntes Social Start-up, das davon abhängig ist, dass die Kunden einem wohlgesonnen sind. Deswegen müssen wir auf Pünktlichkeit und Verlässlichkeit bestehen. Vor allem die Restaurants, die wir bedienen, wissen um den sozialen Faktor, doch wenn sie wiederholt auf ihrem Altglas sitzen bleiben, verlieren sie natürlich die Geduld.

Wie ist es eigentlich, eine gesicherte Existenz aufzugeben?

Nadine: Für mich war die komfortable Situation mit gutem Einkommen schon ganz in Ordnung. Aber ich habe mir schon immer die Frage gestellt, ob mich das erfüllt. Ich habe dann irgendwann erkannt, dass ich nicht viel brauche und das, was ich wirklich brauche, meist keine Dinge sind. Alessandro und ich leben immer noch in einer WG, seit unserer Reise haben wir einen Hund, Viko, den wir in Griechenland adoptiert haben – die beiden und zu sehen, welchen Mehrwert unser Projekt recyclehero stiften kann, macht mich glücklich.

Alessandro: Ich habe auch jahrelang in einem goldenen Käfig gelebt. Für viele ist ja auch dieses abgesicherte Leben toll und richtig und sie mögen, dass alles planbar ist und es selten böse Überraschungen gibt. Ich will aber auch die bösen Überraschungen erleben und diese Ungewissheit wie es weiter geht wieder spüren. Das hält mich am Leben. Und auch der soziale Gedanke, einen gesellschaftlichen Mehrwert zu leisten, ist für mich erfüllender als die Arbeit in der Bank.

Recyclehero.de


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats – Jan Schierhorn

Wenn etwas Schönes um ihn herum passiert, bekommt Jan Schierhorn eine Gänsehaut – und die hat er oft. Kein Wunder bei den vielen sozialen und Herzens-Projekten, die er umsetzt. Ein Gespräch über die organische Revolution, Koexistenz und vergessene Menschen.

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Andrea Rüster

SZENE HAMBURG: Jan, neben den vielen Projekten, die du machst, ist „Das Geld hängt an den Bäumen“ deine große Liebe?

Jan Schierhorn: Genau. Damit verbringe ich auch 80 Prozent meiner Lebensarbeitszeit aus vollster Überzeugung. Wir sammeln mit, wie wir sie nennen, vergessenen Menschen, vergessenes Obst und machen daraus Säfte und Schorlen. Mit dem Verkaufsertrag schaffen wir neue Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung, Geflüchtete oder Langzeitarbeitslose. All diejenigen, die viel zu oft in ihrem Leben gehört haben, sie seien nichts wert, sie können nichts und werden das auch niemals. So werden aus Hilfe-Empfänger Steuerzahler.

Wie fangt ihr die Menschen, die bei euch arbeiten, auf?

Ich glaube nicht an Inklusion, solange mein Nachbar mir das größere Auto oder den Urlaub neidet. Da können noch so viele Gesetze geschrieben werden, das muss von der anderen Seite kommen. Gleichwohl finde ich es wichtig, dass sich Leute dafür einsetzen, um dieses Wort zu beleben. Unser Ansatz ist, dass jeder was kann. Und jeder, der hier was lernt wie Obstbaum- oder Gehölzschnitt, bringt es wiederum anderen bei.

Dadurch erfahren sie eine Wertigkeit, die dazu führt, dass einige unserer Mitarbeiter nicht mal mehr mit ihrem Therapeuten sprechen müssen, weil ihre Persönlichkeitsentwicklung so enorme Schübe macht, sie sich da durch beispielsweise von ihrer Tabletten- oder Alkoholsucht selbst heilen. Oder depressive Phasen treten nicht mehr auf. Durch ein fast familiäres Arbeitsumfeld, in dem freundschaftliches, soziales Miteinander stattfindet, entsteht ein sicherer Rahmen, in dem sie Ver trauen entwickeln, sodass sie sich auch in Konfliktsituationen öffnen. Das ist ein stabiles Fundament.

 

„Bei uns läuft vieles intuitiv“

 

Habt ihr begleitendes Fachpersonal oder ist es eine Art Therapie durch Arbeit?

Wir machen es nicht programmatisch. Bei uns läuft vieles intuitiv. Aber seit einem halben Jahr ist Johanna, eine Psychologin, bei uns, die an den wöchentlichen Gruppensitzungen teilnimmt. Weil wir mittlerweile so gewachsen sind, war uns ein professionelles Korrektiv wichtig, damit es weiterhin gut läuft, Spaß macht und sich auch Erfolge zeigen, sowohl auf der persönlichen, als auch der betriebswirtschaftlichen Seite.

Gab es einen Initialauslöser, dich vorrangig sozial zu engagieren?

Meine Kinder. Als von ihnen die ersten Fragen kamen, wieso ich im Leben das eine so, das andere so mache, wollte ich ihnen ehrlich antworten. Dabei habe ich festgestellt, dass meine fertigen Antworten auf die Lebensfragen, die eines Singles waren. Und nicht die eines Vaters, der nicht nur seine Generation auf dem Radar haben muss, sondern auch die nachkommenden. Da habe ich klar gespürt, die persönliche Verantwortung endet nicht an der eigenen Haustür, sondern zieht viel mehr Konsequenzen nach sich. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich diese Korrektur in meinem Leben schon vor etwa 13 Jahren machen durfte.

Du wirst im April 50, hast viel gemacht und erreicht. Sind deine Visionen ausgelebt?

Noch lange nicht. Ich möchte mich immer mehr ökonomisch-politisch einbringen, denn da liegt die Kraft der Veränderung. Und so den dringend notwendigen gesellschaftlichen Wandel mitgestalten. Ich lebe ja beide Seiten, die altruistische und die betriebswirtschaftliche. Und die wirtschaftlichen Mantren, die das ständige Weiterwachsen einfordern, sind totaler Schwachsinn, und werden vor allem von einer alten Generation aufrechterhalten.

Früher habe ich gedacht, es braucht eine Revolution, die mit ganz viel aggressiver Kraft das System verändert. Aber ich erlebe gerade, dass die Revolution schon voll im Gange ist. Es sind unsere Kinder, die plötzlich aufstehen und den alten Glaubenssätzen nicht mehr vertrauen. Unsere Kinder strecken die Hände aus und greifen nach dem Ruder der Gesellschaft. Dabei laufen mir die Tränen runter, denn das ist eine Revolution, die organisch ist, menschlich und gut für das Leben.

 

„Wozu brauche ich 20 Paar Turnschuhe?“

 

Könnte die Gemeinwohl-Ökonomie ein Teil des Wandels sein?

Ich bin Fan davon, regionale Kreisläufe aufzubauen. Ich muss keinen Saft nach München transportieren, die machen da auch tolle Säfte. Ich brauche auch kein Pangasiusfilet aus der Südsee. Wasser in Flaschen abzufüllen, einer der größten PR-Tricks, ist so ein großes ökonomisches und ökologisches Desaster, außer für die wenigen Shareholder. Es muss eine Evolution von alten in neue Geschäftsfeldern stattfinden. Nestlé zum Beispiel könnte das Geschäftsmodell „Wasser“ transformieren, indem sie an jede Kommune im Land Wasser-Förderanlagen vermietet. Es geht nicht darum zu beschneiden, es geht immer um Koexistenz und um eine intelligente und sinnhafte Ressourcennutzung.

Auch auf Seiten des Verbrauchers …

Wozu brauche ich 20 Paar Turnschuhe? Wofür brauche ich all den Mist, den ich anhäufe? Weil die innere Leere durch Äußeres gestillt wird. Das ist von unserer Wirtschaft, die wir alle mitanfeuern, so gewollt und auch deren Motor. Und wenn wir hier keine neuen Denkmodelle zulassen, wird unsere Gesellschaft die Konsequenzen zu tragen haben.

Aber eine deiner sechs Firmen, dein Moneymaker Baudek & Schierhorn, verteilt Produktproben für Markenartikler, die genau in diese Kerbe schlagen …

Ja, das stimmt. Und das ist meine größte Polarität, die ich im Leben habe. Aber keine meiner Firmen gauckelt etwas vor, was nicht ist. Es geht nie um Manipulation. Meine Agentur verteilt Produktproben in einem Umfeld, in das sie passen wie zum Beispiel beim Bäcker Frischkäseproben. Dabei brauchen wir keine künstlich geschaffenen Welten, denn der Kunde kann ein – fach das Produkt ausprobieren und sich frei entscheiden, ob er es mag oder scheußlich findet. Aber das grundsätzliche Spannungsfeld ist vorhanden.

Deshalb steht auch in der Satzung der meisten meiner Firmen, dass zehn Prozent des Erlöses an soziale Projekte gespendet werden.

Was wünscht du dir für dich?

Ich möchte ein guter Vater für meine Kinder sein. Und wahrhaftig durchs Leben gehen – mit klarem Verstand und offenem Herzen.

www.dasgeldhaengtandenbaeumen.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2019. Das Magazin ist seit dem 28. März 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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