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Wir helfen! Heute: Sven Junge von der Mobilen Zahnarztpraxis des DRK

Viel hilft viel – zumindest, wenn es um Soziales geht. An den ersten drei Montagen im November 2022 lassen wir an dieser Stelle immer eine:n von drei Hamburger:innen zu Wort kommen, die sich besonders einsetzen und von ihrer Arbeit erzählen. Heute: Sven Junge von der Mobilen Zahnarztpraxis des DRK

Protokoll: Anarhea Stoffel

 

Sven Junge

Sven Junge, Zahnarzt bei der Mobilen Zahnarztpraxis des DRK

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„Einfach für den Menschen da sein, das ist sehr wichtig“, sagt Sven Junge von der Mobilen Zahnarztpraxis des DRK (©privat)

„Ich bin erst seit Kurzem im Team der Mobilen Zahnarztpraxis. Zum Zahnmobil des DRK Altona&Mitte bin ich im Grunde durch einen Artikel im ,Hamburger Abendblatt‘ gekommen, den meine Frau entdeckte. Das Einsatzteam, also die Besatzung des Fahrzeugs besteht aus dem Fahrer oder der Fahrerin, welche sich neben dem Fahren des Fahrzeugs auch um die Technik kümmert und die Patientenannahme durchführt. Als zweite Person organisiert Melanie Wiegers alles rund ums Fahrzeug, wie zum Beispiel die technischen Wartungen und Reparaturen. Der oder die Dritte im Bunde ist dann die Zahnärztin oder der Zahnarzt, in diesem Fall also ich.

Wir als Team der Mobilen Zahnarztpraxis widmen uns in erster Linie der Behandlung von Obdachlosen. Das sind oft Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben; Menschen, die in der Regel keine Krankenversicherung besitzen. Uns ist wichtig, dass auch sie eine gute medizinische Versorgung erhalten. Für mich als Zahnarzt steht natürlich als erstes die zahnmedizinische Behandlung im Fokus. Allerdings kommen hier oft Patienten her, die eine ganz besondere Art von Betreuung benötigen. Wir versuchen, die Patienten neben der medizinischen Behandlung auch psychologisch zu unterstützen, zuzuhören und Ängste, insbesondere der Behandlung, zu nehmen. Einfach für den Menschen da sein, das ist sehr wichtig.

„Oft denke ich dann, wie gut es mir doch geht“

In dieser Arbeit gibt viele Einzelschicksale, die mich berühren und sehr nachdenklich machen. Sehr oft erfahren wir eine ganz besondere Form der Dankbarkeit nach einer Behandlung. Das gibt einem sehr viel mehr, als man es im gewöhnlichen Alltag in einer Zahnarztpraxis erfährt. Die Arbeit im Zahnmobil ist für mich nicht die Routine. Immer wenn ich nach dem Einsatz im Zug sitze und nach Hause fahre, denke ich über die Menschen, denen ich eben begegnet bin, nach. Das beschäftigt mich sehr. Oft denke ich dann, wie gut es mir doch geht. Und ich frage mich, warum so viele Menschen in so prekären Lebenssituationen leben. Vielleicht können wir mit dem Zahnmobil einen kleinen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität von ein paar Menschen erbringen, einfach die Welt ein bisschen besser machen. Ich hoffe, wir können dem einen oder anderen vielleicht einen schönen Tag bereiten, ihm zuhören und durch die Behandlung Schmerzen nehmen.“

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Seit Anfang Mai 2016 ist die Mobile Zahnarztpraxis des DRK unterwegs (©DRK Altona&Mitte)


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Südpol: Expedition Nachhaltigkeit

Beim diesjährigen Clubaward gewann das Südpol den Preis in der neuen Kategorie „Zukunft feiern“. Xenia Windauer, Vertreterin der Nachhaltigkeits-AG, über umgesetzte Maßnahmen im Feierkontext, notwendige Förderungen und darüber, was Clubbesuchende tun können

Interview: Ole Masch

 

SZENE HAMBURG: Xenia, Glückwunsch zum Clubaward. Wie hat die Jury die Wahl begründet?

Xenia Windauer: Wir freuen uns sehr darüber und möchten uns erneut ganz herzlich bei der Fachjury bedanken, dass unser Engagement gesehen wird. Sie hat bei der Verleihung hervorgehoben, dass der Südpol in vielen Bereichen nachhaltig agiert und dass es besonders schön ist mit anzusehen, dass dieses Engagement auch gleichzeitig Spaß machen kann. Die Bereiche, in denen wir uns engagieren, sind nicht nur ökonomisch, sondern vor allem auch mit sozialem Augenmerk verbunden.

Was macht ihr mit dem Preisgeld?

Das wird partizipativ innerhalb des Betreiber:innen-Kollektivs entschieden. Es stehen unterschiedliche Anschaffungen im Raum, wie zum Beispiel Solaranlagen und neue Speicher sowie die Splittung des Heizkreislaufes zur passgenauen Speicherung und im Hinblick auf den Sommer eine Anlage zur Regenwassergewinnung. Da es eine Vielzahl von Möglichkeiten für nachhaltigere Prozesse im Clubleben gibt, unterstützt uns das gewonnene Preisgeld für solche Investitionen.

Welche Maßnahmen wurden bereits umgesetzt?

Wir nutzen von Anfang an Ökostrom und sind bei einer nachhaltig wirtschaftenden Bank. Neben einer primär regionalen Getränkekarte verzichten wir seit Jahren auf Strohhalme, Einwegschnapsgläser, Dosen und Plastikflaschen. Dazu haben wir eine eigene Eismaschine, um Lieferwege zu sparen. Kühlschränke, die Heizung oder andere Stromfresser laufen nur zu den Veranstaltungen und wir verwenden ausschließlich LEDs in der Lichttechnik. Auch das Booking ist ein Bereich, der im Fokus steht. Internationale Artists werden vornehmlich gebucht, wenn sie sich bereits in der Region oder auf Tour befinden. So kamen wir im Jahr 2019 auf nur fünf Flugbuchungen.

 

Awareness, Barrierefreiheit und Kompostklos

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Verringert Fußabdrücke: Südpol in Hammerbrook (©Juha Hansen/Spektral 3000)

Wo findet sich das soziale Augenmerk?

Im Bereich soziale Nachhaltigkeit klären wir bereits an der Tür über unsere sozialen Werte auf, es besteht seit Jahren ein Awareness-Team und wir sind ein barrierefreier Club. Durch den Einsatz von Rampen und einer barrierefreien Toilette ist es möglich, dass auch Menschen im Rollstuhl bei uns feiern können. Neben dieser Toilette haben wir seit diesem Jahr auch Missoirs und Kompoletten (Anm. d. Red.: Hockurinale und Kompostklos) im Außenbereich. Was an diesen Maßnahmen deutlich wird, ist, dass der Bereich Nachhaltigkeit komplex ist und manche Maßnahmen klein scheinen können. Doch in der Fülle haben sie einen Impact.

Dieser Impact ist begrenzt, wenn nur ein Club etwas tut. Könnt ihr Vorbild für andere sein und vernetzt ihr euch?

Wir können nicht nur für Clubs, sondern auch für Einzelpersonen Vorbild sein, um den Impact zu steigern. Jedoch liegt es in vielen Punkten auch an der Politik, um Barrieren für nachhaltiges Agieren abzubauen. Da denken wir an Förderungsmöglichkeiten, Bauvorschriften, Mietverträge und Weiteres. An dieser Stelle möchten wir noch einmal das Engagement des Clubkombinats Hamburg hervorheben – das nicht nur bei diesem Thema einen super Job macht. Wir sind zunächst mit den Hamburger Unterzeichnenden des Code of Conducts „Zukunft feiern“ über die runden Tische verknüpft und besuchen regelmäßig andere Läden, um uns auszutauschen. Unsere AG war vor einigen Wochen in Berlin auf dem Future Party Lab von Clubtopia, hat auf dem Reeperbahn Festival die Panels zum Thema Nachhaltigkeit besucht und nimmt nun an deren Green-ClubSchulung teil.

 

„Wir hatten von Anfang an ein Augenmerk auf nachhaltiges Handeln “

Im März wart ihr Erstunterzeichnende des erwähnten Code of Conducts. Was ist seitdem passiert?

Wir haben durch das Clubkombinat davon erfahren. Für uns war direkt klar, dass wir unterzeichnen werden, da wir im Projekt von Anfang an ein Augenmerk auf nachhaltiges Handeln haben und immer wieder nachhaltige Neuerungen umsetzen – bereits vor und unabhängig von der Unterzeichnung. Nach der Unterzeichnung haben wir die geforderte Ausgangsbilanz angefertigt, in der zahlreiche Handlungsfelder abgefragt werden. Darüber hinaus haben wir intern und extern kommuniziert, dass wir uns für mehr Nachhaltigkeit im Clubleben engagieren und haben interne monatliche Plenen, um den Prozess weiter voranzutreiben.

„Wir klären bereits an der Tür über unsere sozialen Werte auf“
Xenia Windauer, Vertreterin der Nachhaltigkeits-AG des Südpol

Wie bildet ihr euch in puncto Nachhaltigkeit fort und woher kommt euer Know-how?

Als kollektiv organisiertes Projekt werden in alle Prozesse die jeweiligen Gewerke wie Bar, Garderobe, Tür, Awarness et cetera und deren Knowhow einbezogen und so auch immer wieder Feedback gegeben. Darüber hinaus haben wir eine NachhaltigkeitsAG gegründet, die sowohl ein kollektives als auch privates Interesse an dem Thema und zudem auch Wissen aus verschiedenen Bereichen mitbringt. Dazu gehört beispielsweise ein Studienabschluss in Soziologie, jahrelanges Know-how durch Aktivismus, ehemalige Mitarbeit bei Greenpeace und das Wissen durch die eigentliche Arbeit bei den Stadtwerken. Ein Teil der AG lässt sich aktuell als Green-Club-Manager:in ausbilden. In diesem Rahmen werden explizite Konzepte entworfen, die im Umkehrschluss auch anderen Clubs und Kulturstätten dienen können.

 

„Besuchende können sich informieren und reflektieren“

Gab es bereits Förderungen und welche wären notwendig?

Wir haben die Missoirs und Kompoletten über eine Förderung bekommen. Auch die Förderung für unseren Außenbereich haben wir erhalten und diese beinhaltet, dass die Begrünung ausgebaut wird. Grundsätzlich sind wir als Kulturbetrieb auf Förderungen angewiesen, gerade für die Bereiche neue Dämmung, Erneuerung der Heizanlage, Anschaffung von Speichern et cetera. Aktuell suchen wir nach einer Förder- und Finanzierungsmöglichkeit, um möglichst noch in diesem Jahr eine Photovoltaikanlage installieren zu können. Bisher sieht es leider sehr mau aus. Wir hoffen eine Lösung zu finden, um das Vorhaben schnellstmöglich realisieren zu können.

Wir haben jetzt viel erfahren, was ihr als Club macht. Was können Besuchende tun?

Grundsätzlich: sich informieren und reflektieren. Dafür muss natürlich ein Zugang geschaffen werden, aber es erfordert ebenfalls eine gewisse Eigeninitiative. Auch wenn Feiern Spaß macht, sollte uns allen bewusst sein, welchen Fußabdruck wir damit hinterlassen. Veranstaltungen werden wahrscheinlich nie komplett nachhaltig sein, jedoch können wir alle etwas dafür tun. Das sind schon Kleinigkeiten, wie das Wasser nicht so lange laufen zu lassen, wenig Papier zu verbrauchen, den Müll vernünftig zu entsorgen beziehungsweise gar nicht erst so viel Müll zu produzieren. Ein achtsamer Umgang mit Ressourcen und miteinander, nicht mit dem Auto anzureisen und stattdessen das Fahrrad oder die Öffentlichen zu nutzen. Unsere Nachhaltigkeits-AG plant neben der Partizipation der Mitarbeitenden auch die Möglichkeit, Gäst*innen einzubeziehen und somit noch mehr auf das Thema aufmerksam zu machen.

 

Die nächsten Expedition Südpol:

  • Vom 18. November 2022 23:59 Uhr bis 20. November gibt es wieder die Expedition Südpol mit Musik von Andi Valent, Happy Haken (Live), Milo fever, Tony Dia und vielen mehr

Tickets für die Events gibt’s an der Abendkasse – und bitte vorher einen Corona-Test machen


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Wir helfen! Heute: Malte Wittmann von Hanseatic Help

Viel hilft viel – zumindest, wenn es um Soziales geht. An den ersten drei Montagen im November 2022 lassen wir an dieser Stelle immer eine:n von drei Hamburger:innen zu Wort kommen, die sich besonders einsetzen und von ihrer Arbeit erzählen. Heute: Malte Wittmann von Hanseatic Help

Protokoll: Anarhea Stoffel

 

Malte Wittmann

Freiwilligenkoordinator bei Hanseatic Help

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„Engagement in der Stadt sollte auch außerhalb von Krisenzeiten beständig bleiben, das wünsche ich mir“, sagt Malte Wittmann von Hanseatic Help (©Rosemarie Schoenthaler)

„Ich war im Juni 2019 privat auf dem Hurricane Festival und habe dort mitbekommen, wie Hanseatic Help Isomatten, Schlafsäcke und Zelte für obdachlose Menschen gesammelt hat. Ich war damals gerade fertig mit meinem Studium der Sozialökonomie war und hatte viel Zeit. Dann habe ich mich im Anschluss dort einfach ehrenamtlich engagiert. Im Team wurde ich darauf angesprochen, dass gerade die Stelle des Freiwilligenkoordinators ausgeschrieben war. Da habe ich mich sofort beworben und im August 2019 hauptamtlich bei Hanseatic Help angefangen. Als Freiwilligenkoordinator bei Hanseatic Help bin ich, wie der Name schon sagt, für unsere vielen freiwilligen Helfer und Helferinnen zuständig.

Ich versuche einfach, möglichst viele Menschen für ehrenamtliches Engagement zu begeistern und ihnen zu zeigen, dass sie auch mit wenig Zeit viel Gutes tun können. Besonders wichtig ist mir, dass hier Menschen mit ganz unterschiedlichem Background zusammenkommen und gemeinsam in einem sehr hilfsbereiten Umfeld an etwas Gutem arbeiten. Es erfüllt mich, dass ich mit so vielfältigen Menschen zusammenarbeite, denen es wichtig ist, anderen zu helfen, wenn sie Unterstützung brauchen. Hanseatic Help ist Kleiderspenden-Annahmestelle, Soziallogistik-Zentrum und Begegnungsstätte für Menschen mit unterschiedlichsten Biografien.

„Hilfe wird immer gebraucht“

Wir versorgen mehr als 300 Organisationen in und um Hamburg mit Kleider- und Hygienespenden. Was regional nicht benötigt wird, senden wir in Krisenregionen weltweit – wie beispielsweise vermehrt in die Ukraine seit März dieses Jahres.

Ich wünsche mir, dass das Engagement in der Stadt auch außerhalb von Krisenzeiten beständig bleibt. Hilfe wird immer gebraucht. Wir stehen vor dem Winter, der härtesten Zeit des Jahres, und befinden uns in einer Situation, in der immer mehr Menschen in die Existenzgefährdung kommen. Wenn wir es schaffen, alle bedürftigen Menschen in Hamburg in einem würde- und verständnisvollen Umgang mit dem Nötigsten an Kleidung und Hygiene zu versorgen, hätten wir als Hanseatic Help schon viel erreicht. Und wenn viele Menschen dabei freiwillig mithelfen, weiß ich, dass meine Arbeit viel bewirkt.“

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Das große Lager von Hanseatic Help in der Großen Elbstraße (©Pedro Seixas)


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Wir helfen! Heute: Lea Simberg von StrassenBLUES e.V.

Viel hilft viel – zumindest, wenn es um Soziales geht. An den ersten drei Montagen im November 2022 lassen wir an dieser Stelle immer eine:n von drei Hamburger:innen zu Wort kommen, die sich besonders einsetzen und von ihrer Arbeit erzählen. Heute: Lea Simberg von StrassenBLUES e.V.

Protokoll: Anarhea Stoffel

 

Lea Simberg

Sozialarbeiterin bei StrassenBLUES e.V.

Titelstory Foto Janine Meyer StrassenBLUES e.V.-klein

„Es existiert viel Unwissen über armutsbetroffene, wohnungslose und obdachlose Personen“, sagt Lea Simberg (©Janine Meyer/StrassenBLUES e.V.)

„Ich glaube daran, dass alles Wahre im Leben Begegnung ist. Gemeinschaft und einander wahrnehmen sehe ich also als zentral an. Menschen in Armut, wohnungslose und obdachlose Personen sind eine stark an den Gesellschaftsrand gedrängte und diskriminierte Gruppe. Gleichzeitig leben wir in diesem Teil der Welt in extremem Reichtum. Da juckt es mir in den Fingern, ich kann nicht nicht versuchen, etwas an diesem Umstand zu verändern.

Außerdem mag ich, dass die Menschen, mit denen ich arbeite, vielfältig sind und ich so unterschiedliche Lebensentwürfe kennenlernen darf. Meine Arbeit bei StrassenBLUES ist der Bereich Sozialarbeit. Das ist – ganz allgemein gesprochen – soziale Beratung und Begleitung von armutsbetroffenen Menschen sowie wohnungs- und obdachlosen Personen zu allerlei Terminen. Außerdem stehe ich im Kontakt mit Politiker:innen, anderen sozialen Diensten und Behörden.

„In Deutschland müsste kein Mensch in Armut und Obdachlosigkeit leben“

Mit all unseren zur Verfügung stehenden Ressourcen müsste kein Mensch in Deutschland in Armut und Obdachlosigkeit leben. Bei unserer ungeschickten Verteilung der Ressourcen allerdings leider schon. Das müssen wir besser hinbekommen! Dabei müssen wir weg von der Verwaltung von Armut und Wohnungs- sowie Obdachlosigkeit, hin zu schon existierenden Lösungsvorschlägen und ausgearbeiteten Konzepten. Hört den betroffenen Personen zu. Nichts über sie, ohne sie. Es existiert viel Unwissen über armutsbetroffene, wohnungslose und obdachlose Personen. Die darauf aufbauenden politischen Entscheidungen gehen teilweise an den Bedürfnissen der betroffenen Menschen vorbei.

Ich möchte mehr Teilhabe und ich möchte, dass Ressourcen und Macht sich gleichmäßiger verteilen. Ich verstehe das so, dass sich die Gesellschaft über die Zeit Regeln und Strukturen ausgedacht hat, die unser tägliches Verhalten, Tun und Lassen prägen. Diese Verhaltensweisen sind von Ausschluss und Bevorzugung geprägt. Ich möchte einen Teil dazu beitragen, dass die Hilfsangebote für von Armut betroffene Personen sich danach richten, was die tatsächlichen Bedürfnisse dieser Menschengruppen sind. Weniger Ausschluss und Ignoranz, mehr Teilhabe!“


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Krisengespräch: Wie sozial ist Hamburg, Melanie Leonhard?

Melanie Leonhard, die Senatorin für Arbeit, Gesundheit, Soziales, Familie und Integration im Gespräch über die derzeit größten Herausforderungen der Stadt 

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Melanie Leonhard, Pandemie, Krieg, Inflation, Energiekrise: Können Sie aus Senatorinnenperspektive derzeit überhaupt noch ruhig schlafen?

Melanie Leonhard: Jedenfalls ist es schwierig. Wenn man ein Thema einigermaßen im Griff hat, kommt schon ein neues. Aber da geht es mir als Senatorin nicht anders, als allen anderen Menschen: Man muss damit umgehen.

Gibt es denn aktuell ein Thema, das bei Ihnen besonders im Fokus steht?

Was uns zu Beginn des Herbstes sehr fordert, ist die Unterbringung von Geflüchteten. Schon im Sommer hatten wir eine erhebliche Zuwanderungsdynamik. Und auch wenn wir in Rekordzeit Plätze in öffentlichen Unterbringungen geschaffen haben, haben wir jetzt die Situation, dass wir gar nicht so schnell Immobilien oder Container in Betrieb nehmen können, wie die Menschen sie brauchen. Deswegen haben wir jetzt auch die ersten Zeltplätze in Betrieb genommen. Das ist nicht unser Anspruch, deswegen versuchen wir auch, schnell wieder andere Unterkünfte zu finden.

 

„Es fehlen vor allem Flächen“

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„Wir tun als Stadt sehr viel“, sagt Senatorin Leonhard (©Senatskanzlei/Daniel Reinhardt)

Erleben Sie eine generelle Willkommenskultur in der Stadt? Oder würden Sie sagen: Da geht noch mehr?

Mein Eindruck ist, dass es eine ganze Menge Hamburgerinnen und Hamburger gibt, die ganz unabhängig von eigenen Einschränkungen echt viel tun und sich enorm anstrengen in dieser schwierigen Zeit. Das reicht vom Bereitstellen von Unterkünften über die Hausaufgabenhilfe bis zum Vorbeibringen von Kinderspielzeug. Manchmal kann man sehen, dass es den Menschen gar nicht so leicht fällt, derzeit etwas abzugeben. Aber sie tun es und geben sich wirklich große Mühe.

Sie sagen, es mangelt an Unterkünften. Worauf ist dieser Mangel zurückzuführen? Auch auf fehlende Gelder?

Uns fehlen schlicht und ergreifend die Flächen. Wir sind in einem engen Stadtstaat, in dem die Fläche begrenzt ist. Wir haben auch keine großen Industriebrachen oder leer stehende Wohnblöcke in Hamburg. Und wo Wohnungsbau geplant ist, wird er auch erfolgen, alles andere wäre kontraproduktiv. Es sind also trotz der hohen Kosten, die wir stemmen müssen, nicht in erster Linie die Gelder, die fehlen, sondern vor allem fehlende Flächen.

Wir erzählen im November auch von Hamburgerinnen und Hamburgern, die sich besonders sozial engagieren. Gibt es Menschen, die Ihnen momentan sehr imponieren?

Ja, viele! Ich mag eigentlich niemanden besonders hervorheben, nur Beispiele nennen, etwa die Ukraine-Hilfe. Was da an ehrenamtlichem Engagement entfaltet wird, ist wirklich enorm. Zudem gibt es schon seit 2015 Initiativen, die sich für Geflüchtete einsetzen, im ganzen Stadtgebiet von „Harvestehude hilft“ bis „Willkommen in Süderelbe“. Auch viele dieser Initiativen haben nie nachgelassen. Das finde ich sehr beeindruckend. Ebenso wie den Förderverein Winternotprogramm, der Winter für Winter das Abendbrot für obdachlose Menschen zubereitet.

 

„Wir unternehmen große Anstrengungen, allen Obdachlosen zu helfen.“

Apropos Winternotprogramm an. Sie haben mal gesagt, niemand müsse im Winter auf der Straße schlafen …

… das ist so. Wir unternehmen große Anstrengungen, allen Obdachlosen zu helfen. Wer keine Möglichkeit hat, sich selbst zu helfen, bekommt von uns einen Schlafplatz angeboten. Aber Obdachlosigkeit hat häufig nicht nur mit einem fehlenden Dach über dem Kopf zu tun – es gibt oft verschiedene Gründe, warum Menschen das Angebot nicht annehmen können, darunter schwere psychische oder Suchterkrankungen.

„Wenn man ein Thema einigermaßen im Griff hat, kommt schon ein neues“, sagt Senatorin Melanie Leonhard

Ihr Satz, niemand müsse draußen schlafen, suggeriert letztlich, dass viele Hundert Menschen in Hamburg dies freiwillig tun.

Im Rahmen des Winternotprogramms machen wir eine Beratung, die darauf zielt, dass man seine Sozialleistungsansprüche auch realisiert, wieder zu Geld kommt und eine Meldeadresse erhält. Aber nicht immer sind die Menschen auch bereit dazu. Es gibt Dinge, die der Annahme von Hilfe entgegenstehen. Zum Beispiel, wenn man außerhalb der EU beheimatet ist und in Hamburg ohne Arbeit keinen Aufenthaltsstatus hat. Oder wenn man erhebliche Probleme hat, aber noch nicht bereit ist, sich diesen zu stellen.

Rund 50 Prozent der Menschen, die in Hamburg auf der Straße leben, haben keine Krankenversicherungskarte, sind aber wie alle anderen weiterhin von der Pandemie betroffen. Dürfen diese Menschen sich Hoffnung auf eine Auffrischungsimpfung gegen die Omikron-Variante machen?

Ja! Seit es das Impfen gibt, haben wir immer große Anstrengungen unternommen, um auch diese Menschen zu erreichen. Wir haben von Beginn an spezielle Impfangebote für obdach- und wohnungslose Menschen gemacht, die auch gut angenommen wurden. Man kann auch ohne Krankenversicherungskarte ins Impfzentrum kommen, und es gibt laufend mobile Einsätze unserer Impfteams.

 

Kommen die „Verbesserungen“ für Beschäftige im Gesundheitssystem zu spät?

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Viele Hamburgerinnen und Hamburger zeigen Flagge, bleiben solidarisch (©Erik Brandt-Höge)

Bleiben wir beim Thema Pandemie. Vor mehr als zwei Jahren wurden Hamburgerinnen und Hamburger, die im Gesundheitssystem arbeiten, von Balkonen aus beklatscht. Finden Sie, dass die Beklatschten vom Senat ausreichende und vor allem nachhaltige Wertschätzung erhalten haben?

Es liegt auf jeden Fall seitdem ein viel stärkerer Fokus auf ihrer Arbeit. Ob sich das immer in der Wertschätzung ausdrückt, die diese Menschen verdienen, ist schwer zu sagen. Es gibt eine Menge Menschen, die zum Beispiel in Pflegeheimen arbeiten, die sich nicht ausreichend gesehen fühlen. Es wird ihnen aber helfen, wenn wir die politischen Reformen jetzt zum Abschluss bringen.

Denken Sie nicht, dass „jetzt“ ein bisschen spät ist?

Es waren ja schon zu Beginn von Corona eine Menge Reformen in Kraft beziehungsweise angestoßen, etwa zum Thema Personaluntergrenzen. Durch Corona konnte eine solche Reform aber keine Wirkung entfalten, sie fiel weg, weil man sonst nicht so viele Patientinnen und Patienten hätte aufnehmen können. Jetzt kann das und einiges andere aber passieren.

Sie meinen also, dass aus politischer Sicht ausreichend für zum Beispiel Pflegekräfte getan wird?

Die ersten Schritte sind getan und die nächsten müssen jetzt getan werden. Unter anderem geht es darum, mehr Entlastung für das Personal in allen pflegerischen Bereichen zu schaffen. Und die tarifliche Bezahlung in der Altenpflege tritt auch jetzt erst in Kraft.

 

Corona: „Wir haben eine hohe Dunkelziffer“

Glauben Sie, die pandemische Lage in der Stadt wird sich im Herbst und Winter verbessern, wenn die Bürger weiterhin für Tests zahlen müssen und bereits fünf Tage nach einer Corona-Erkrankung wieder in der Öffentlichkeit unterwegs sein dürfen, wie es die aktuelle Pandemie-Politik besagt?

Es gibt auch heute nur noch wenige Bereiche, in denen man überhaupt noch Tests braucht. Wo man einen braucht, wird er weiterhin bezahlt, zum Beispiel bei Besuchen in Krankenhäusern oder nach einem positiven Schnelltest. Viele politische Kräfte meinen zwar, dass alle Vorgaben zur Isolationsdauer wegfallen sollten. Gesundheitsminister Karl Lauterbach ist einer der Wenigen, die überhaupt noch finden, dass Erkrankte fünf Tage in Isolation gehen sollen. Welche Entscheidung dazu getroffen wird, muss sich aber aus der wissenschaftlichen Einschätzung ergeben, und weniger eine politische Entscheidung sein.

Aber durch diese Politik können die vom Gesundheitsamt herausgegebenen Zahlen doch gar kein realistisches Abbild des Pandemiegeschehens sein.

Ja, es gibt kein exaktes Abbild: Wir haben eine hohe Dunkelziffer, weil wir nur noch die Test-Befunde erfassen, die im Labor bestätigt wurden. Das ist – so sagen es auch viele Wissenschaftler – aber ein Teil des Lebens mit der Pandemie.

 

Melanie Leonhard sagt: „Die Hamburgerinnen und Hamburger sind sehr sozial“

Leben müssen Hamburgerinnen und Hamburger auch mit explodierenden Energiekosten. Politische Maßnahmen gibt es, um ihnen zu helfen. Nur: Wie wollen Sie langfristige Unterstützung sichern?

Neben den Hilfen, die der Bund leistet, tun wir als Stadt sehr viel. Wir tragen zum Beispiel mit einem Notfallfonds für Energiekosten ab Dezember dazu bei, dass diejenigen, die nicht mehr wissen, wie sie ihre Rechnungen bezahlen sollen, Hilfe bekommen. Und diese Hilfe ist dauerhaft. Für alle Hilfeempfängerinnen und -empfänger zahlen wir die Heizkosten übrigens aus kommunalen Mitteln der Stadt sowieso. Auch damit tragen wir dazu bei, dass die Menschen sicher durch die Krise kommen.

Abschließend noch die Frage: Wie sozial ist Hamburg? Vielleicht können Sie Ihre Antwort auf einer Skala von eins bis zehn ansiedeln, wenn zehn sehr sozial ist.

Die allermeisten Hamburgerinnen und Hamburger sind sehr sozial. Deshalb: acht oder neun!


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Hamburger des Monats: Werner Nothof

Werner Nothof ist Stromsparhelfer beim Stromspar-Check der Caritas. Er berät kostenlos Haushalte mit niedrigen Einkommen, wie sie ihren Verbrauch senken können. Ein Gespräch über alte Geräte, neue Perspektiven und rekordverdächtige Rückzahlungen

Interview: Markus Gölzer

 

Gratulation, Herr Nothof. Stromsparhelfer dürften aktuell zu den gefragtesten Berufsgruppen zählen. Was genau machen Sie bei Stromspar-Check?

Werner Nothof: Ja, im Moment ist richtig was los bei uns. Wir sind ja alle keine Ingenieure, sondern haben eine hundertstündige Schulung zum Stromsparhelfer gemacht. Jetzt versuchen wir, bei Hausbesuchen den Leuten zu helfen, Strom zu sparen. Zuerst kucken wir mit den Leuten zusammen die Rechnung durch: Wie viel Strom verbraucht dieser Haushalt pro Jahr? Dann sehen wir uns die Wohnung an: Wo sind die Stromverbraucher? Zum Beispiel der Kühlschrank: Wie alt ist er? Wir nehmen die Daten auf und ermitteln im Internet, wie viel er verbraucht pro Jahr.

Wenn das Gerät älter als zehn Jahre ist und der Besitzer kauft ein neues, energieeffizientes Gerät, kann er über uns von der Stadt Hamburg 100 Euro Energiesparprämie ausbezahlt bekommen. Wenn das neue Gerät mehr als 200 Kilowattstunden pro Jahr einspart, winkt sogar eine Prämie von 200 Euro. Dann kucken wir natürlich: Sind da noch irgendwo alte Lampen? Beim nächsten Besuch bringen wir neue LEDs mit – alles kostenfrei.

An wen wendet sich das Angebot von Stromspar-Check?

An Arbeitslosengeld-II-Empfänger, das berühmte Hartz IV. Dazu auch an Leute, die Grundsicherung, Kinderzuschlag oder Wohngeld kriegen. Und an alle, die ein Einkommen unter dem Pfändungsfreibetrag haben.

 

„Sie können Dienstagvormittag anfangen“

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Seit 2008 und der Einführung von Hartz IV gibt es den Stromspar-Check der Caritas (©unsplash/Julian Hochgesang)

Wie sind Sie Stromsparhelfer geworden?

Etwas kurios. Ich bin gelernter Maurer, hab 30 Jahre auf dem Bau gearbeitet.  Anfang 50 waren die Verschleißerscheinungen in den Knien so stark, dass ich nicht mehr arbeiten konnte. Ich habe über die Rentenversicherung eine Reha-Maßnahme gemacht, da waren aber keine guten Angebote dabei. Jobs wie Hausmeister gingen mit den Knien einfach nicht mehr.

Mit 54, nach zwei Monaten in Harz-IV-Bezug, hat mich das Jobcenter an das Jobcenter Ü-50 überwiesen. Der Herr, bei dem ich einen Termin hatte, war nicht da. Darüber war ich sehr erbost. Wenn man als Klient nicht hinkommt, kriegt man gleich eine dreimonatige Sperre. Der Herr hatte zwei Telefonnummern von mir und es nicht für nötig gehalten, mir kurz Bescheid zu geben. Ich habe mich dann wohl etwas laut auf dem Flur dazu geäußert. Eine Frau im Nebenzimmer hatte das mitgehört. Sie sagte: „Kommen Sie mal rein, mein Klient hat abgesagt, ich habe gerade Zeit.“ Wir sind ins Gespräch gekommen, sie hat mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, es bei Stromspar-Check zu versuchen. Ich hatte noch nie davon gehört, klang aber interessant. Ich habe meine erste E-Mail-Bewerbung losgeschickt und wurde zum Bewerbungsgespräch eingeladen.

Das lief dann nicht gut, wie zumindest ich fand. Dann habe ich erfahren, dass es außer mir noch sechs Bewerber gibt. Da habe ich innerlich schon abgewunken. Mein zukünftiger Teamleiter meinte, sie würden mir auf alle Fälle vor dem Wochenende Bescheid geben. Freitagvormittag hat er mich angerufen und gesagt: „Sie können Dienstagvormittag anfangen.“

 

„Wir haben jeden Tag Kontakt mit anderen Leuten“

Dann haben Sie mit Mitte 50 noch mal ein komplett neues Kapitel aufgeschlagen.

Jaaa! Ein Riesenglück gehabt. Das ist eine schöne Aufgabe. Ich war nie computeraffin, aber wir müssen ja hier mit Rechner arbeiten, die Dateneingaben machen. Das ist schon hochinteressant. Und wir haben jeden Tag Kontakt mit anderen Leuten.

Sie haben selbst schwierige Zeiten durchlebt. Ist das hilfreich im Umgang mit Haushalten mit geringem Einkommen?

Das war die Bedingung, dass wir den Job bekommen haben. Wir mussten über 50 Jahre und im Leistungsbezug sein. Das Arbeitslosengeld I war schon nicht toll, aber ALG II geht an die Substanz. Natürlich haben wir Verständnis für die Leute. Und wir sagen nicht einfach, du musst dir einen neuen Kühlschrank kaufen, um Geld zu sparen. Wo sollen die Leute das Geld hernehmen? Wir können da nur Empfehlungen geben oder Hinweise auf irgendwelche Stiftungen, die Leute unterstützen können. Das gehört zu unserem Job.

 

„Mit unserer Arbeit wurden schon Hunderttausende Tonnen CO2 eingespart“

Wie viel spart ein Haushalt im Durchschnitt?

Um die 150 Euro pro Jahr. Da spart dann nicht der Haushalt, sondern die Kommunen über Hartz IV oder Grundsicherung. Für die tun wir auch was Gutes. Neben Geld wurden mit unserer Arbeit schon Hunderttausende Tonnen CO2 eingespart. Wir haben ungefähr 400.000 Haushalte in ganz Deutschland durch den Stromspar-Check beraten. Den Stromspar-Check gibt’s seit 2008 und wurde auch wegen Hartz IV eingeführt.

Wegen Hartz IV?

Ja, das war der Auslöser. Die Leute bekommen bei Hartz IV Wohnung, Heizung und Wasser bezahlt. Den Strom müssen sie von ihrem Regelsatz bezahlen. Der war damals nicht ganz 400 Euro, und davon waren knapp 30 Euro für Strom eingepreist. Das reichte bei vielen Haushalten vorne und hinten nicht. Da hat die Caritas zusammen mit der Bundesregierung dieses Projekt gestartet und seitdem gibt’s das.

 

„Nach zwei Wochen hatten die Leute 2600 Euro auf dem Konto“, erzählt Werner Nothof.

Was war die größte Ersparnis, die Sie rausgeholt haben?

Ich habe Anfang 2022 einem Haushalt innerhalb von zwei Wochen zur Rückzahlung von 2600 Euro durch den Stromversorger verholfen. Das war mein persönliches Highlight. Das war toll! Aus irgendwelchen Gründen hat der Versorger eine maschinelle Schätzung vorgenommen. Das kommt vor. Zum Glück konnte ich an den Zähler gehen und den Zählerstand mit der Stromrechnung vergleichen. Völlig unterschiedlich. Die Leute sprachen nicht gut Deutsch, dann habe ich mit deren Erlaubnis beim Stromversorger angerufen. Der hat zugesagt, das innerhalb von zwei Wochen zu klären: Nach zwei Wochen hatten die Leute 2600 Euro auf dem Konto. Das darf ihnen das Jobcenter auch nicht wegnehmen, denn das hatten sie vorher ja zu viel bezahlt.

 

„Mir wird bewusst, wie viele ältere Menschen bitter wenig Geld haben“

Was lieben Sie besonders an Ihrem Job?

Die Abwechslung. Vormittags bin ich im Büro, nachmittags besuche ich die Haushalte. Das ist schön. Ich kann mit Bus und Bahn durch die Gegend fahren. Man sieht ganz andere Ecken, in die man sonst nie kommt. Wir machen ganz Hamburg, mal ist man in Bergedorf, mal in Harburg, mal in Lurup. Wir bearbeiten die ganze Stadt.

Haben Sie das Gefühl, dass die Hilfsbedürftigen mehr werden?

Ganz ehrlich gesagt: Ja. Das ist mir früher nicht so klar gewesen. Seit ich diesen Job mache, wird mir bewusst, wie viele ältere Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben oder Frauen, die Kindererziehungszeiten hatten, alleine dastehen und bitter wenig Geld haben. Ich denke schon, dass das mehr wird.


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Hamburgerin des Monats: Anne Krüger-Vonderau vom Mitternachtsbus

Im November feierte das spendenfinanzierte Projekt „Mitternachtsbus“ der Diakonie Hamburg seinen 25. Geburtstag – und Anne Krüger-Vonderau 20 Jahre Ehrenamt gleich mit. Ein Gespräch über gesellschaftliche Verantwortung

Text & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Frau Krüger-Vonderau, Gratulation zu 20 Jahren Mitternachtsbus!

Anne Krüger-Vonderau: Fast zwanzig Jahre. Ganz korrekt fehlen zwei Monate. Aber ich fühle mich schon als 20-Jährige (lacht). Ich wurde auch auf dem 25-jährigen Jubiläum, das wir vor dem Michel gefeiert haben, in die Gruppe aufgenommen, die schon seit 20 Jahren dabei sind.

Wie viele Einsätze sind Sie seit 2001 gefahren?

Wie die meisten fahre ich einmal im Monat. Wenn man berufstätig ist und denkt, ich will was für die Gesellschaft leisten, kann man das ganz gut machen. Also 20-mal 12 sind 240 Einsätze. So Pi mal Daumen (lacht).

Wie läuft ein Einsatz ab?

Wir bereiten gegen 18.45 Uhr die Tour vor. Um 20 Uhr starten wir, holen belegte Brötchen und Kuchen von einer Bäckerei, fahren zur Bahnhofsmission. Manchmal haben die Sachen für uns. Gegen 20.15 Uhr ab zur ersten Platte. Das geht tatsächlich bis Mitternacht. Manchmal auch bis 1 Uhr, je nachdem wie groß der Andrang ist. Und wie viele Gespräche stattfinden.

Platte ist der Ort, an dem Obdachlose schlafen?

Richtig. „Ich mach Platte“ heißt, ich schlafe, meist alleine, an einem Ort irgendwo versteckt. Das war ein Grund, warum der damalige Landespastor Dr. Stephan Reimers in den Neunzigern den Mitternachtsbus gegründet hat. Und das Spendenparlament und das Straßenmagazin „Hinz&Kunzt“: Als Folge der Wende herrschte Wohnungsnot, die Leute lagen überall verteilt in der Stadt, es gab viele Tote. Wir versuchen, diese Orte rauszukriegen, fahren die Platten ab. Unsere Idee der Betreuung ist Grundversorgung und Ansprache als aufsuchende Hilfe: Wenn jemand in seinem Schlafsack liegt, fragen wir ihn: Sollen wir Ihnen was bringen?

 

Das Ziel: Wohnungen für alle

 

Haben Sie noch Gäste der ersten Stunde?

Man lebt nicht so lange auf der Straße. Wenn man jemanden länger kennt, beobachtet man, dass die Verwahrlosung in Wellen stattfindet. Wenn man keine Wohnung hat und ein Alkoholproblem, stirbt man häufig auf der Straße. Es gibt wenig ganz Alte. Zum Volkstrauertag war auch ein ökumenischer Gedenkgottesdienst in Eimsbüttel für die auf der Straße Verstorbenen. Da kommen einige zusammen über das Jahr.

Ihre Gäste sind alle obdachlos?

Manche haben eine eigene Wohnung und kommen wegen der sozialen Kontakte. Die schauen vorbei, holen sich einen Kaffee, klönen und fahren mit der letzten S-Bahn nach Hause. Das Ziel sollte sein, dass alle eine Wohnung bekommen. Jetzt gibt es das erste Projekt von „Hinz&Kunzt“, wo 24 Obdachlose eine Wohnung haben. Nach 25 Jahren! Das ist doch Wahnsinn. Housing First heißt das. Wir konnten kurz vor dem Einzug das Haus besichtigen. Toll, dass das mit unserem Jubiläum zusammenfällt.

Wie wurde das Haus finanziert?

Einzelheiten zur Finanzierung kenn ich nicht. Alle Bewohner haben unbefristete Hamburger Mietverträge. Das können sie über den Verkauf von „Hinz&Kunzt“ oder andere Sachen finanzieren. Das Wichtigste bei Housing First, wie ich von Sozialarbeitern gelernt habe: Sobald man einen festen Ort hat, kann man sich endlich um die anderen Sachen kümmern. Viele haben Ansprüche wie Renten oder Arbeitslosengeld, aber keinen „Perso“. Jetzt haben sie einen Ort, wo man mit ihnen planen kann. Wo sie selbst Ziele entwickeln können. Das geht auf der Straße nicht.

 

Frauen auf der Straße sind unauffälliger

 

Haben sich die Gäste geändert in den Jahrzehnten?

Durch die europäische Grenzöffnung sind es viele Männer aus Osteuropa. Die können kein Deutsch, haben keine Chance auf dem Arbeitsmarkt und fallen durch das Netz. Wir haben viele Ältere. Es gibt auch Frauen auf der Straße, aber die sind unauffälliger. Jüngere Leute weniger, kommt aber auch vor.

Was machen Sie, wenn Stammgäste verschwinden?

Wir machen uns Sorgen, informieren die Straßensozialarbeiter. Die starten einen Rundruf in den Krankenhäusern. Viele sind natürlich, wie man früher sagte, Tippelbrüder. Die sind unterwegs. Manche sagen, ich war jetzt zwei Monate Richtung Süddeutschland unterwegs. Dann kehren sie zurück in die Anonymität der Stadt.

Obdachlose machen auch innerhalb der Stadt ganz schön Strecke.

In Hamburg gibt es unheimlich viele Anlaufstellen. Dafür müssen sie sich bewegen. In Harburg wird ein Superfrühstück angeboten, dann fährt man morgens dahin. Später zum Mittagstisch nach Altona. Die müssen schon ein büschen plietsch sein, um sich zu organisieren und sind dann wirklich in ganz Hamburgs unterwegs.

 

„Ich versuche, mich aus Selbstschutz zu distanzieren“

 

Sind in den Jahrzehnten Freundschaften entstanden?

Ich versuche, mich aus Selbstschutz zu distanzieren. Ich habe in der Schule als Beratungslehrerin gearbeitet, und weiß, dass das ganz wichtig ist. Dass man sich nicht in seinem Helfersyndrom verliert. Man muss das professionell machen, wenn man was bewirken will. Ansonsten wird man aufgesogen von den Bedürfnissen des anderen. Ich bin voll da, wenn ich fahre, aber ich würde keine Beziehungen aufbauen, die darüber hinausgehen.

Sind Sie noch anderweitig sozial engagiert?

Ich arbeite in der Flüchtlingshilfe, bin in der Christianskirche in Ottensen aktiv, auch seit über 20 Jahren im Chor (lacht). Da gibt es das Willkommenskulturhaus, wo Geflüchtete Sprachunterricht nehmen können. Es soll politische Bildung auf Augenhöhe stattfinden. Man kann sich auch mit wenigen Sprachkenntnissen über die Situation in ihren Ländern und in Deutschland austauschen.

Was treibt Sie an?

Ich habe fast 40 Jahre als Lehrerin gearbeitet. Ich habe eine gute Pension. Mir geht es gut. Ich finde, wir müssen mehr gesellschaftliche Aufgaben übernehmen. Auch wir Oldies. Ich muss nicht mit dem Wohnmobil durch Europa fahren. Ich denke: Ey, das kann doch nicht alles der Staat regeln. Früher haben wir immer diskutiert: Die Obdachlosen, das geht doch nicht, da müssen doch die Behörden was machen. Irgendwann legte sich der Schalter um: Wir sind Teil dieser Gesellschaft und dieser Behörde. Ich bin fit und will etwas zurückgeben. Ich will da auch kein Geld dafür. Wir würden sozial verwahrlosen, wenn wir alle nur noch individualistisch sind. Das soll jetzt nicht sozialromantisch klingen. Ich finde, man kann einfach was tun.

 

Das Angebot ist konstant

 

Hat sich das Angebot des Mitternachtsbusses im Lauf der Jahrzehnte verändert?

Das ist total witzig. Das ist konstant. Wir haben immer heiße Getränke an Bord. Kaffee, Tee, Kakao, alles Fairtrade. Korrekt und eine gute Qualität. Brühe und diese herrlichen, supersüßen Zitronentees (lacht). Coronabedingt zahlt die Sozialbehörde Lunchtüten. Dann gibt es immer Kleidung an Bord für den Notfall. Wenn da jemand liegt und der hat keine Socken an, dann kriegt er Socken von uns. Isomatten, Schlafsäcke und Decken natürlich. Damit die die nicht einfach liegen lassen, müssen sie einen kleinen Obolus entrichten.

Was gibt es an Weihnachten?

Da gibt es meist einen Schokoweihnachtsmann, wie an Ostern Ostereier. Heiligabend ist ja immer ein ganz besonderer Tag. Ich muss da natürlich mit meiner Familie feiern (lacht). Aber ich finde das so toll, dass einige sagen: Heiligabend bedeutet mir nichts, da fahr ich einfach in einem zusammengewürfelten Team die Platten ab.

mitternachtsbus-hamburg.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2021. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Nachbarschaftspreis für Hamburger des Monats

In der aktuellen Ausgabe der SZENE HAMBURG ist Kareem Ahmed der Hamburger des Monats, jetzt haben er und sein Team den Deutschen Nachbarschaftspreis für ihr Projekt „Silbersack Hood Gym“ gewonnen

Text: Felix Willeke

 

„Mein Bruder hat in der Corona-Zeit gesagt, dass wir wieder Sport machen müssen“, sagt Kareem Ahmed im Gespräch mit SZENE HAMBURG. Dieser Satz war der Beginn des sozialen Sportprojekts „Silbersack Hood Gym“ auf St. Pauli. Heute treibt Kareem das Projekt zusammen mit seiner Schwester Nassy Ahmed-Buscher und seinem Bruder Jameel Ahmed voran und mittlerweile trainieren über 50 Schüler:innen auf dem Sportplatz am Silbersack. Jetzt haben sie den mit 5.000 Euro dotieren Deutschen Nachbarschaftspreis gewonnen. Das Projekt gehe über das rein sportliche hinaus und fördere die soziale Vernetzung der Kinder aus der Nachbarschaft, so die Begründung der Jury. Das Preisgeld will das Projekt in die Miete einer Halle für den Winter investieren, eine passende Räumlichkeit in der Nähe wird noch gesucht.

 

Der Preis

 

Der Deutsche Nachbarschaftspreis wird seit 2017 von der nebenan.de Stiftung, einer Tochterorganisation des Berliner Sozialunternehmens Good Hood GmbH, verliehen. Die Insgesamt 57.000 Euro Preisgeld gingen 2021 an die Gewinner:innen in den Kategorien Generationen, Kultur & Sport, Nachhaltigkeit, Öffentlicher Raum, Vielfalt und an je ein Landessiegerprojekt.

Den Gewinnerfilm für das „Silbersack Hood Gym“, Gewinner in der Kategorie Kultur & Sport, gibt es hier:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Kareem Ahmed: „Ihr sollt nicht weggucken“

Der Hamburger des Monats Kareem Ahmed treibt mit seiner Schwester Nassy Ahmed-Buscher und seinem Bruder Jameel Ahmed das soziale Sportprojekt Silbersack Hood Gym voran. Durch Zufall entstanden, ist das Gym für die drei, ihr Team und über 50 Schüler zur Herzensangelegenheit geworden

Interview & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Kareem, warum macht Kampfsport Kinder friedlich?

Kareem Ahmed: Weil es sie auspowert, weil sie einschätzen können, was sie mit ihrer Kraft bewirken. Kinder ohne Kampfsport können sich oft nicht kontrollieren, schlagen voll zu. Durch den Sport lernen sie kennen, was sie da machen. Was es bedeutet, einen Schlag ins Gesicht zu bekommen. Wie es sich anfühlt, einstecken zu müssen. Auf einer sportlichen Basis lernen sie, dass sie keinem so etwas antun wollen, weil sie das selbst nicht erleben wollen.

Welche Kampfsportarten unterrichtet ihr?

Ich mache Muay Thai und Kickboxen, wir haben Boxtrainer. Immer, was gerade für Leute da sind. Escrima, Straßenkampf als pure Selbstverteidigung. Erst recht für kleine Mädchen, damit sie sich auf St. Pauli verteidigen können.

Wie läuft ein Training ab?

Wir machen uns warm. Manchmal sind die Kinder überdreht, dann haben wir erst mal Spaß, spielen Fußball. Dann geht’s los mit den Pratzen, Sparringtraining für die Erwachseneren und Partnerübungen. Ich will keine professionelle Haltung vermitteln. Ab und zu muss mal der Thrill-Sergeant rein, weil die Kinder hier oft disziplinlos sind. Wie man sich Kiezkinder vorstellt. Nicht bösartig. Sie testen ihre Grenzen aus. Zum Schluss reden wir über Rassismus, Mobbing, über Sachen, die nicht gehen als Kampfsportler. Dass wir keinen unterdrücken, dass wir anderen helfen, die unterdrückt werden. Einfache Sachen, mit denen jeder aufwachsen sollte. Zum Abschluss machen wir ein Bauch- oder ein Athletiktraining. Dann stellen wir uns in einer Reihe auf und verabschieden uns. Jeder gibt jedem einmal die Hand und bedankt sich fürs Training.

 

Gegen Rassismus. Gegen Ausgrenzung. Gegen Unterdrückung.

 

Welche Werte zählen bei euch?

Wir sind gegen Rassismus. Gegen Ausgrenzung. Gegen Unterdrückung. Wir sind für Zusammenhalt. Dafür, dass die Stärkeren den Schwächeren helfen. Und Schwächere stark werden können. Das ist alles eine Sache vom Kopftraining. Wir wollen in einer Zeit, in der alle nur noch auf ihr Handy schauen, sich hauptsächlich über soziale Medien austauschen, vermitteln, dass so etwas wie der Silbersack-Fußballplatz ganz wichtig ist. Für die Nachbarschaft, für alle. Für die, die dran vorbeilaufen, was Schönes sehen. Wir gehen kleine Schritte, aber wir gehen sie.

Welche Regeln vermittelst du deinen Schülern beim Thema Gewalt?

Ich sag ganz klar: Ihr sollt nicht weggucken. Außer, wenn Erwachsene auf dem Kiez streiten, Penner, Messerstechereien, dies, das. Dann nicht denken, sie wären Batman. Da sollen sie weglaufen. Wenn sie in der Schule Ungerechtigkeit sehen, sollen sie die Person ansprechen. Sie sollen sich nichts gefallen lassen, aber nicht schlagen, dass einer schwer verletzt wird. Ich sag denen nach dem Training immer: Als Kampfsportler hast du Verantwortung. Der musst du gerecht werden. Ihr firmiert als Silbersack Hood Gym unter Silbersack Hood Talentförderung.

 

„Ohne meine Schwester Nassy läuft gar nichts“

 

Welche Talente fördert ihr?

Neben Sport bieten wir auch Musikförderung und Nachhilfe an. Bald kommt Kunst, also Graffitikurse dazu.

Wie ist das Silbersack Hood Gym entstanden?

Mein Bruder hat in der Corona-Zeit gesagt, dass wir wieder Sport machen müssen. Wir haben mit Freunden auf dem Platz trainiert. Mohammed kam dazu, der kleine Junge, den du gerade gesehen hast. Der wollte mitmachen, hat zwei, drei Monate mit uns trainiert. Dann sind immer mehr Kinder gekommen. Heute sind wir rund 50 Schüler und ein Team aus zwölf Trainern und Trainerinnen.

Wer ist außer dir noch dabei?

Unser TrainerInnen-Team, der feste Kern besteht aus fünf Leuten, die immer am Start sind. Der Rest unterstützt flexibel, meist einmal wöchentlich. Mein Bruder Jameel alias BOZ hilft mir ganz viel, macht auch Musik. Ein angesehener Rapper. Und meine Schwester Nassy. Ohne sie läuft gar nichts. Sie hat dem Ganzen den Stempel aufgedrückt. Wir haben lange davon geredet, einen Verein zu gründen, aber dieses Unternehmen ist genau durchdacht. Wir sind sehr glücklich damit. Das hat uns noch mehr zusammengeschweißt. Meine Schwester ist der Kopf hinter der ganzen Sache. Wenn sie was will, dann erreicht sie das auch.

Erkennst du dich selbst in deinen Schülern?

Auf alle Fälle. Viele haben eine extrem schwere Autoritätsschwierigkeit, und die hatte ich auch. Respekt habe ich erst durch den Kampfsport gelernt. Außer meiner Mutter und meinem Vater waren meine ersten Autoritätspersonen meine Trainer.

 

„Ich bin ein Kiezmensch“

 

Du hast Einblick in schwierige familiäre Situationen. Gab es schon einen Punkt, an dem du überlegt hast, die Polizei einzuschalten, obwohl man auf dem Kiez Dinge lieber ohne regelt?

Nur bei Sachen wie einer Vergewaltigung würde ich die Polizei einschalten. Wenn ich sehe, dass einer sein Kind schlägt, dann gibt es richtig Probleme. Mit mir. Da würde ich persönlich hingehen. Ich glaube nicht, dass die Polizei bei bestimmten Sachen so viel regeln kann. Viele Kinder hier haben Omas, Opas, Familie. Womöglich wird das Kind aus seinem Umfeld gerissen, kommt ins Heim. Die können das auch nur im Rahmen des Gesetzes regeln, das von irgendwelchen Bürokraten gemacht ist. Die können Sätze auf Papier schreiben, haben aber keine Ahnung von der Realität. Ich bin ehrlich. Ich bin ein Kiezmensch. Wenn ich Sachen zu klären habe, klär ich sie. Immer zum Wohle des Kindes.

Du bist auf dem Kiez bekannt als Rapper Reeperbahn Kareem. Auf Insta läufst du unter kareeminell67. In deinen Texten geht’s zur Sache: Drogen, Knarren, Gewalt. Hat der Umgang mit den jungen Leuten Einfluss auf deine Musik?

Auf jeden Fall. Die nächste Musik, die von mir kommt, ist Musik, die man nicht von mir erwarten würde. Aber sie passt zu dem Bild, das ich lebe und vermittle. Ich will mit meiner Musik zeigen, wie die Realität ist. Jetzt bricht eine Phase an, in der ich durch dieses Projekt ein wenig Hoffnung vermitteln kann. Es wird auch melancholischere Töne geben, und meine nächste EP wird hauptsächlich mit diesem Thema hier zu tun haben.

instagram.com/silbersackhoodgym/


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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„Bildung darf kein Privileg sein“

Bildung wird oft als etwas Sebstverständliches angesehen. Doch noch haben zu viel Menschen – gerade durch soziale Barrieren – keinen ausreichenden Zugang. Integration durch Chancengleichheit lautet daher das Motto der SBB Kompetenz

 

Die Bildungsinstitution SBB Hamburg bietet Beratungs- und Weiterbildungsangebote an, um vor allem auch Menschen mit einem dringenden Bedarf an Unterstützung in eine bessere Ausgangssitution zu bringen. Damit sie entweder wieder in einen Beruf einsteigen oder überhaupt die nötigen Grundlagen für eine Ausbildung erwerben.

Mit der Geschäftsführerin Andrea Franke sprechen wir über die bildungs- und vor allem sozial- politischen Aufgaben der Institution. Ebenfalls gewährt sie einen Einblick in ihre Herausforderungen bei der pandemiebedingten Umstellung von Präsenz- auf Distanzunterricht und ihre gewonnen Erkenntnisse über den Einsatz digitaler Unterrichtsformate und -angebote.

 

SZENE HAMBURG: Erläutern Sie doch bitte einmal das Angebot, das Sie als SBB Kompetenz machen. Was ist das Ziel Ihrer Institution?

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Andrea Franke von der SBB Kompetenz

Wir sind eine Tochter der Stiftung Berufliche Bildung (SBB), unter deren Dach sich 22 Tochtergesellschaften mit unterschiedlichen Ausrichtungen befinden, die aber alle im Wesentlichen das Ziel haben, Menschen auf ihrem Weg in einen Beruf zu unterstützen und auch Soziale Teilhabe durch entsprechende Bildungsangebote zu erlangen.

Hier in Hamburg sind wir die größte Tochter für Erwachsenenbildung, man kann uns als Generaldienstleisterin der beruflichen Bildung bezeichnen. Wir sind primär für Menschen zuständig, die länger als ein Jahr arbeitssuchend sind und bieten dabei Sprach- und Integrationskurse, Coaching- und Beratungsangebote, Umschulungen, Fort- und Weiterbildungen sowie auch unterschiedliche Beschäftigungsgelegenheiten, für Menschen mit Anspruch auf eine entsprechende Förderung.

Wenn wir einmal den Bereich der beruflichen Fort- und Weiterbildung anschauen, gibtes dort Berufsfelder, auf die Sie sich fokussieren?

Ursprünglich haben wir mit Umschulungen im gewerblich-technischen Bereich begonnen und gehen heute verstärkt in den Bereich Büromanagement und Kaufleute für E-Commerce und damit immer mehr in den kaufmännischen Bereich und Berufsfelder mit Marketing- und Digitalisierungshintergrund. Daneben bleiben bewährte Angebote wie Umschulungen im Friseur- oder Gastronomiebereich natürlich bestehen.

Vor dem Hintergrund, dass auch viele klassische Berufe immer digitaler werden, bieten wir zum Beispiel auch Umschulungen in den Bereichen Lager, Handel und Spedition an, die diese Entwicklung berücksichtigen, um den neuen Marktansprüchen gerecht zu werden. Wir sind daher eher breit aufgestellt, als auf ein Feld spezialisiert und versuchen immer uns der allgemeinen Bedarfsentwicklung in der Berufswelt entsprechend anzupassen.

 

Technische Infrastruktur

 

Sie bereiten Ihre Teilnehmer immer stärker auf eine digitale Arbeitswelt vor. Wie gut waren Sie denn vorbereitet, als Sie den Unterricht komplett digital ausrichten mussten?

So traurig es klingt, wir mussten ja nun endgültig alle feststellen, dass wir keine gute technische Infrastruktur haben und wir, im europäischen Vergleich, einiges nachzuholen haben. Schlechte Internetverbindungen, extrem langsame Ladezeiten für Dokumente und auch wir als Lehrende und die Lernenden hatten sehr wenig Expertise im Umgang mit der Technik.

Deswegen mussten wir schnellstens unsere gut 250 Mitarbeiter nicht nur mit der Technik ausstatten, sondern ihnen den Umgang näher bringen und vor allem auch beibringen, wie man vor einem Laptop sitzend ein Seminar gut rüberbringt und die Teilnehmer virtuell einbindet. Wir haben sehr schnell auch einen Supportservice aufgebaut, um bei technischen Problem sofort reagieren zu können und den Unterricht immer am Laufen zu halten.

Viele Ihrer Teilnehmer gehören sicherlich nicht zu den sogenannten privilegierten Milieus und ein Distanzunterricht birgt hier sicherlich auch Gefahren, diese Menschen zu verlieren. Wie ist Ihre Erfahrung?

Das war auch meine größte Sorge und es war für uns enorm wichtig, möglichst viele Abbrüche zu verhindern. Daher haben wir uns sehr viel Zeit genommen, einzelne Teilnehmer auch immer wieder telefonisch zu kontaktieren, um die persönliche Bindung aufrechtzuerhalten und Nähe herzustellen.

Unser Auftrag war aber im Prinzip immer schon mehr, als ein reines Ausbildungsangebot zu machen. Es ging immer auch darum diese Milieus, die weder technisch noch sozial so gut aufgestellt sind, nicht nur bildungspolitisch, sondern auch sozialpolitisch aufzufangen.

 

Basiskompetenzen

 

Was konnten Sie denn im aktuellen Fall dann konkret noch machen, um ihre Teilnehmer bestmöglich zu unterstützen?

Wir haben uns dringlichst darum gekümmert, dass erst einmal eine technische Ausstattung zur Verfügung gestellt werden konnte. Ebenfalls haben wir dafür gesorgt, Räume zur Verfügung zu stellen, wenn es bei unseren Teilnehmern zu Hause nicht möglich war, in Ruhe an unseren digitalen Unterrichtseinheiten teilzunehmen.

Die ganze Situation zeigt eben auch, dass wir uns insgesamt noch viel stärker bemühen müssen, dort wo diese Menschen leben, noch mehr räumliche und technisch ausgestattete Angebote zu machen, um sich beruflich weiterbilden zu können.

Wir müssen auf die Menschen noch mehr zugehen und nicht warten, bis vielleicht zu uns finden. Dafür benötigt es auch entsprechend mehr öffentliche Mittel.

Überspitzt formuliert, reicht es also nicht aus, alle mit Laptops auszustatten und dann ist alles gut.

Ganz sicher nicht. Einem Großteil müssen zum Beispiel auch erst einmal digitale Basiskompetenzen vermittelt werden. Wir begleiten Menschen, die sehr weit weg von der allgemeinen Bildung und dem Arbeitsmarkt entfernt sind. Was vielleicht für viele Abiturienten aus Mittel- und Oberschichts-Elternhäusern normal ist, ist es in diesen Lebenswelten definitiv nicht.

Umschulungen machen bei uns circa 20 Prozent unseres Portfolios aus. Der Rest unseres Angebotes konzentriert sich darauf, Menschen die entscheidenden Grundlagen zu vermitteln, um im Arbeitsmarkt überhaupt eine Chance zu haben.

SBB Hamburg


SH_Ausbildung_Titel_2021 SZENE HAMBURG Ausbildung, 2021. Das Magazin ist seit dem 31. März 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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