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Hamburger des Monats – Nadine und Alessandro

Nadine Herbrich und Alessandro Cocco haben mit „recyclehero“ ein soziales Start-up gegründet. Die Idee: mit einem Lastenrad-Abholservice Langzeitarbeitslosen und Geflüchteten Arbeit zu verschaffen – und Haushalten die lästige Entsorgung von Altglas und Altpapier abzunehmen

Interview: Ulrich Thiele
Foto: Jakob Börner

 

SZENE HAMBURG: Nadine und Alessandro, ein Abholdienst für Altglas und Altpapier – auf die Idee seid ihr bestimmt gekommen, weil sich dieses bei euch selbst stapelt, oder?

Nadine: Absolut, es fing mit einer klassischen WG-Situation an: Viele Menschen, die gerne mal eine Party feiern und danach stapeln sich die leeren Flaschen auf dem Balkon. Irgendwann kommt immer die Frage auf, wer das mal endlich wegbringt. Alessandro sagte dann, es müsste einen Abholdienst dafür geben. Diese Idee haben wir dann mit dem sozialen Gedanken verbunden.

Wieso diese Verknüpfung?

Nadine: Uns war schon immer klar, wenn wir irgendwann mal ein eigenes Projekt starten, dann soll es nicht rein profitgetrieben sein.

Alessandro: Es ist ein gesellschaftlich brisantes Thema, dass viele Menschen – Langzeitarbeitslose und Geflüchtete etwa – keine richtige Eintrittsmöglichkeit in den Arbeitsmarkt haben. Eine, die auch Menschen mit geringen deutschen Sprachkenntnissen oder ohne Führerschein eingliedert.

Wie funktioniert das Ganze?

Alessandro: Sobald wir unser Konzept auf Privatkunden ausweiten, stellen wir ihnen eine Kiste zur Verfügung. Über das Kontaktformular kann die Adresse eingegeben werden und wir geben Bescheid, wann wir den Inhalt entsorgen. Man muss dafür nicht zu Hause sein, sondern kann die Kiste einfach vor die Wohnungstür stellen. Die Kiste wird dann von unserem Hero, wie wir unsere Mitarbeiter nennen, geleert und wieder zurückgestellt. Wir kommen entweder im regelmäßigen Rhythmus oder auf Abruf. Wir lassen auch gerade eine App entwickeln, die voraussichtlich im August fertig sein wird. Über die App können dann die Bestellungen aufgenommen werden.

Was kostet das?

Alessandro: Wir bieten die Abholung für 7,90 Euro pro Kiste an. Für Privathaushalte wollen wir in Zukunft noch kleinere Kisten für 4,90 Euro einrichten. Die Abholung verläuft bargeldlos, die Bezahlung wird über Rechnung abgewickelt. Die Kunden können auch ihre Pfandflaschen in die Kiste legen, als Trinkgeld für unsere Heroes. Heute hat unser Hero Mohammed ein Franzbrötchen und Pfandflaschen als Trinkgeld bekommen.

 

„Die Heroes sollen nicht ewig bei uns arbeiten“

 

Wie viele Heroes arbeiten bei euch?

Alessandro: Zwei. Bis Jahresende wollen wir acht bis zehn Mitarbeiter einstellen, wenn wir mehr Lastenräder haben. Wir besitzen momentan nur ein Lastenrad, haben aber gerade zwei weitere bestellt, nachdem wir bei einer Crowdfunding-Kampagne über 24.000 Euro eingesammelt haben. Ein Lastenrad kostet 6.000 Euro – und ist übrigens klimaneutral, was uns sehr wichtig ist.

Ihr seht diesen Job als Eintritt in die Arbeitswelt. Geht es dann weiter?

Nadine: Wir wollen ein Sprungbrett sein, die Heroes sollen nicht ewig bei uns arbeiten. In Zukunft wollen wir Veranstaltungen organisieren, auf denen unsere Kunden und unsere Mitarbeiter sich beispielsweise zwanglos bei einem Abendessen kennenlernen können.

Alessandro: Der Gedanke dahinter ist, dass unser Kunde zum Beispiel erfährt, warum Mohammed geflüchtet ist, dass er vorher in Syrien Schreiner war und was er in Zukunft gerne machen möchte. Die Idealvorstellung ist, dass der Kunde eventuell einen Onkel hat, der gerade für seine Schreinerei Arbeitskräfte braucht und bei dem er mal zur Probe arbeiten kann. Der Wunschgedanke ist, dass sie auf ihren Touren jemanden kennenlernen, der sie in ihren Wunschberuf vermittelt.

Nadine: Für solche Veranstaltungen ist es aber noch zu früh. Das machen wir, wenn wir mehr Kunden und Heroes haben. Wir befinden uns derzeit noch in der erweiterten Pilotphase.

Wie lief die noch nicht erweiterte Pilotphase?

Nadine: Vor zwei Jahren haben wir beide unsere damaligen Jobs gekündigt. Ich war in der Bau- und Immobilienwirtschaft, Alessandro bei einer Privatbank. Wir brauchten eine Veränderung und wollten sieben Monate auf Reisen gehen. Allerdings trugen wir auch da schon die Idee für unser Social Start-up lose mit uns herum. Eines Tages fand im betahaus die Veranstaltung „Social Innovation Challenge“ vom Social Impact Lab Hamburg statt. Wir sind mit unserer noch rohen Idee dahin marschiert und haben neben fünf anderen Projekten, die schon viel weiter waren, unser Konzept vorgestellt. Man konnte ein Wochenende lang in einem Workshop das Konzept weiterentwickeln.

Dort haben wir auch entschieden, unser Angebot nicht ausschließlich auf obdachlose Menschen zu fokussieren – das war unser ursprünglicher Plan – sondern auch Geflüchtete und Langzeitarbeitslose miteinzubeziehen. Am Sonntag gab es dann einen Pitch, den wir tatsächlich gewonnen haben. Das war für uns der Beweis, dass wir an der Idee dranbleiben müssen.

Und habt eure Pläne für die Reise direkt über Bord geworfen?

Nadine: Nein, die Reise mit dem Camper haben wir trotzdem gemacht. Aber währenddessen weiter an unserer Idee gefeilt und in jedem Land, das wir besucht haben, Menschen von anderen sozialen Unternehmen getroffen, um von ihnen zu lernen. Als wir wieder zurückkamen, haben wir uns erst einmal wieder Jobs gesucht. Alessandro arbeitet derzeit noch, weil unser Projekt noch nicht rentabel ist, ich habe meinen Job gekündigt und konzentriere mich ganz auf recyclehero.

Wie habt ihr eure Heroes kennengelernt?

Alessandro: Neben dem direkten Kontakt zu Flüchtlingsunterkünften oder dem Schalten von Job-Inseraten, haben wir uns unter anderem letztes Jahr beim „Forum Flüchtlingshilfe“ auf Kampnagel mit unserem Lastenrad hingestellt und Menschen aus Eritrea und Nigeria angesprochen, ob sie eine Testfahrt machen wollen, um in Kontakt zu kommen. Wir haben uns mit Händen und Füßen verständigt und mit einem Interessenten sogar ein Kennlerngespräch vereinbart. Leider ist er aber nicht aufgetaucht.

 

„Wir haben in einem goldenen Käfig gelebt“

 

Kommen solche Fälle oft vor?

Nadine: Gerade heute morgen kam ein potenzieller Hero ein paar Stunden zu spät zum Probearbeiten, weil er den vereinbarten Zeitpunkt falsch verstanden hat – als er kam, hat er aber seinen Job super gemacht. Es geht uns generell darum, den Leuten keine Angst zu machen, sondern sie freundschaftlich zu unterstützen und zu zeigen: Wir meinen es nicht schlecht mit dir, wir sind zwar deine Arbeitgeber, aber wir sind auch Freunde oder Mentoren, die dir helfen wollen besser in der deutschen Gesellschaft und im deutschen Arbeitsmarkt zurechtzukommen.

Alessandro: Aber natürlich sind wir auch ein Unternehmen, ein sogenanntes Social Start-up, das davon abhängig ist, dass die Kunden einem wohlgesonnen sind. Deswegen müssen wir auf Pünktlichkeit und Verlässlichkeit bestehen. Vor allem die Restaurants, die wir bedienen, wissen um den sozialen Faktor, doch wenn sie wiederholt auf ihrem Altglas sitzen bleiben, verlieren sie natürlich die Geduld.

Wie ist es eigentlich, eine gesicherte Existenz aufzugeben?

Nadine: Für mich war die komfortable Situation mit gutem Einkommen schon ganz in Ordnung. Aber ich habe mir schon immer die Frage gestellt, ob mich das erfüllt. Ich habe dann irgendwann erkannt, dass ich nicht viel brauche und das, was ich wirklich brauche, meist keine Dinge sind. Alessandro und ich leben immer noch in einer WG, seit unserer Reise haben wir einen Hund, Viko, den wir in Griechenland adoptiert haben – die beiden und zu sehen, welchen Mehrwert unser Projekt recyclehero stiften kann, macht mich glücklich.

Alessandro: Ich habe auch jahrelang in einem goldenen Käfig gelebt. Für viele ist ja auch dieses abgesicherte Leben toll und richtig und sie mögen, dass alles planbar ist und es selten böse Überraschungen gibt. Ich will aber auch die bösen Überraschungen erleben und diese Ungewissheit wie es weiter geht wieder spüren. Das hält mich am Leben. Und auch der soziale Gedanke, einen gesellschaftlichen Mehrwert zu leisten, ist für mich erfüllender als die Arbeit in der Bank.

Recyclehero.de


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats – Jan Schierhorn

Wenn etwas Schönes um ihn herum passiert, bekommt Jan Schierhorn eine Gänsehaut – und die hat er oft. Kein Wunder bei den vielen sozialen und Herzens-Projekten, die er umsetzt. Ein Gespräch über die organische Revolution, Koexistenz und vergessene Menschen.

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Andrea Rüster

SZENE HAMBURG: Jan, neben den vielen Projekten, die du machst, ist „Das Geld hängt an den Bäumen“ deine große Liebe?

Jan Schierhorn: Genau. Damit verbringe ich auch 80 Prozent meiner Lebensarbeitszeit aus vollster Überzeugung. Wir sammeln mit, wie wir sie nennen, vergessenen Menschen, vergessenes Obst und machen daraus Säfte und Schorlen. Mit dem Verkaufsertrag schaffen wir neue Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung, Geflüchtete oder Langzeitarbeitslose. All diejenigen, die viel zu oft in ihrem Leben gehört haben, sie seien nichts wert, sie können nichts und werden das auch niemals. So werden aus Hilfe-Empfänger Steuerzahler.

Wie fangt ihr die Menschen, die bei euch arbeiten, auf?

Ich glaube nicht an Inklusion, solange mein Nachbar mir das größere Auto oder den Urlaub neidet. Da können noch so viele Gesetze geschrieben werden, das muss von der anderen Seite kommen. Gleichwohl finde ich es wichtig, dass sich Leute dafür einsetzen, um dieses Wort zu beleben. Unser Ansatz ist, dass jeder was kann. Und jeder, der hier was lernt wie Obstbaum- oder Gehölzschnitt, bringt es wiederum anderen bei.

Dadurch erfahren sie eine Wertigkeit, die dazu führt, dass einige unserer Mitarbeiter nicht mal mehr mit ihrem Therapeuten sprechen müssen, weil ihre Persönlichkeitsentwicklung so enorme Schübe macht, sie sich da durch beispielsweise von ihrer Tabletten- oder Alkoholsucht selbst heilen. Oder depressive Phasen treten nicht mehr auf. Durch ein fast familiäres Arbeitsumfeld, in dem freundschaftliches, soziales Miteinander stattfindet, entsteht ein sicherer Rahmen, in dem sie Ver trauen entwickeln, sodass sie sich auch in Konfliktsituationen öffnen. Das ist ein stabiles Fundament.

 

„Bei uns läuft vieles intuitiv“

 

Habt ihr begleitendes Fachpersonal oder ist es eine Art Therapie durch Arbeit?

Wir machen es nicht programmatisch. Bei uns läuft vieles intuitiv. Aber seit einem halben Jahr ist Johanna, eine Psychologin, bei uns, die an den wöchentlichen Gruppensitzungen teilnimmt. Weil wir mittlerweile so gewachsen sind, war uns ein professionelles Korrektiv wichtig, damit es weiterhin gut läuft, Spaß macht und sich auch Erfolge zeigen, sowohl auf der persönlichen, als auch der betriebswirtschaftlichen Seite.

Gab es einen Initialauslöser, dich vorrangig sozial zu engagieren?

Meine Kinder. Als von ihnen die ersten Fragen kamen, wieso ich im Leben das eine so, das andere so mache, wollte ich ihnen ehrlich antworten. Dabei habe ich festgestellt, dass meine fertigen Antworten auf die Lebensfragen, die eines Singles waren. Und nicht die eines Vaters, der nicht nur seine Generation auf dem Radar haben muss, sondern auch die nachkommenden. Da habe ich klar gespürt, die persönliche Verantwortung endet nicht an der eigenen Haustür, sondern zieht viel mehr Konsequenzen nach sich. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich diese Korrektur in meinem Leben schon vor etwa 13 Jahren machen durfte.

Du wirst im April 50, hast viel gemacht und erreicht. Sind deine Visionen ausgelebt?

Noch lange nicht. Ich möchte mich immer mehr ökonomisch-politisch einbringen, denn da liegt die Kraft der Veränderung. Und so den dringend notwendigen gesellschaftlichen Wandel mitgestalten. Ich lebe ja beide Seiten, die altruistische und die betriebswirtschaftliche. Und die wirtschaftlichen Mantren, die das ständige Weiterwachsen einfordern, sind totaler Schwachsinn, und werden vor allem von einer alten Generation aufrechterhalten.

Früher habe ich gedacht, es braucht eine Revolution, die mit ganz viel aggressiver Kraft das System verändert. Aber ich erlebe gerade, dass die Revolution schon voll im Gange ist. Es sind unsere Kinder, die plötzlich aufstehen und den alten Glaubenssätzen nicht mehr vertrauen. Unsere Kinder strecken die Hände aus und greifen nach dem Ruder der Gesellschaft. Dabei laufen mir die Tränen runter, denn das ist eine Revolution, die organisch ist, menschlich und gut für das Leben.

 

„Wozu brauche ich 20 Paar Turnschuhe?“

 

Könnte die Gemeinwohl-Ökonomie ein Teil des Wandels sein?

Ich bin Fan davon, regionale Kreisläufe aufzubauen. Ich muss keinen Saft nach München transportieren, die machen da auch tolle Säfte. Ich brauche auch kein Pangasiusfilet aus der Südsee. Wasser in Flaschen abzufüllen, einer der größten PR-Tricks, ist so ein großes ökonomisches und ökologisches Desaster, außer für die wenigen Shareholder. Es muss eine Evolution von alten in neue Geschäftsfeldern stattfinden. Nestlé zum Beispiel könnte das Geschäftsmodell „Wasser“ transformieren, indem sie an jede Kommune im Land Wasser-Förderanlagen vermietet. Es geht nicht darum zu beschneiden, es geht immer um Koexistenz und um eine intelligente und sinnhafte Ressourcennutzung.

Auch auf Seiten des Verbrauchers …

Wozu brauche ich 20 Paar Turnschuhe? Wofür brauche ich all den Mist, den ich anhäufe? Weil die innere Leere durch Äußeres gestillt wird. Das ist von unserer Wirtschaft, die wir alle mitanfeuern, so gewollt und auch deren Motor. Und wenn wir hier keine neuen Denkmodelle zulassen, wird unsere Gesellschaft die Konsequenzen zu tragen haben.

Aber eine deiner sechs Firmen, dein Moneymaker Baudek & Schierhorn, verteilt Produktproben für Markenartikler, die genau in diese Kerbe schlagen …

Ja, das stimmt. Und das ist meine größte Polarität, die ich im Leben habe. Aber keine meiner Firmen gauckelt etwas vor, was nicht ist. Es geht nie um Manipulation. Meine Agentur verteilt Produktproben in einem Umfeld, in das sie passen wie zum Beispiel beim Bäcker Frischkäseproben. Dabei brauchen wir keine künstlich geschaffenen Welten, denn der Kunde kann ein – fach das Produkt ausprobieren und sich frei entscheiden, ob er es mag oder scheußlich findet. Aber das grundsätzliche Spannungsfeld ist vorhanden.

Deshalb steht auch in der Satzung der meisten meiner Firmen, dass zehn Prozent des Erlöses an soziale Projekte gespendet werden.

Was wünscht du dir für dich?

Ich möchte ein guter Vater für meine Kinder sein. Und wahrhaftig durchs Leben gehen – mit klarem Verstand und offenem Herzen.

www.dasgeldhaengtandenbaeumen.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2019. Das Magazin ist seit dem 28. März 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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