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Jeremias: „Ich habe einen Job in meinem Heimathafen gefunden“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Für SZENEzeigen fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Jeremias begegnet

Text: Katharina Stertzenbach 

 

„Ich komme gerade von meiner Frühschicht. Jetzt sitze ich hier am Hafen und warte darauf, dass mein Training beginnt. Ich bin Schiffsmechaniker und mache seit zehn Jahren Parkour ­– das geht in Hamburg nicht nur draußen, sondern auch in einer Halle im Oberhafen. Dort sind Matten ausgelegt und da kann jede:r trainieren. Sport spielt eine wichtige Rolle in meinem Leben. Ich wohne in Billstedt und fahre oft, wenn ich Frühschicht habe, die zehn Kilometer mit dem Fahrrad in den Hafen zur Arbeit. Denn so früh fahren die Bahnen meistens noch nicht.

Unterwegs auf Schleppern

Parkour ist mein Hobby. Ich brauche das vor allem zum Ausgleich zu meiner Arbeit als Schiffsmechaniker. Die Ausbildung hat echt Spaß gemacht, doch was mir in den drei Jahren gefehlt hat, war ein Heimathafen. Als Azubi war ich auf Schleppern als Springer eingesetzt. Das heißt, da wo Arbeitskräfte gebraucht wurden, habe ich gearbeitet. Mal war ich in Bremerhaven, mal in Rostock und dann auch mal in Hamburg. Zwischendurch bin ich auch immer mal wieder rausgefahren und war zwei Wochen auf See im Einsatz. In der Zeit war für den Sport natürlich nicht so viel Zeit.

Der neue Job

Dann bin ich eines Tages in Hamburg mit der HVV-Fähre gefahren und habe auf dem Display eine Stellenanzeige für einen Schiffsmechaniker gesehen. Dann ging alles recht schnell. Meine Ausbildung habe ich im Juli dieses Jahres erfolgreich abgeschlossen und seit August arbeite ich im Hamburger Hafen. Ich bin in Hamburg geboren und konnte mir nie vorstellen für immer wegzugehen. Durch meine Ausbildung habe ich viele Orte und Menschen kennengelernt. Aber jetzt mit dem Job im Hafen, habe ich einen Job in meinem Heimathafen gefunden. Und das Beste: Ich habe auch endlich wieder Zeit für Parkour.“

 


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Chrissie: „Ich muss keinem Ideal entsprechen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Für SZENEzeigen fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Chrissie begegnet

Protokoll: Katharina Stertzenbach

,,Ich bin seit zehn Jahren Schauspielerin, das läuft mal mehr und mal weniger erfolgreich. Was aber immer kommt, ist die Frage: ‚Oh, wo sehe ich denn dann mal?‘ Das ist auf die Dauer wirklich nervig. Um als Schauspielerin erfolgreich zu sein, braucht es eine fundierte Ausbildung – am besten staatlich –, die richtigen Beziehungen und Glück. Was aber viele häufig vergessen und auch ich gerade erst festgestellt habe: Fast am wichtigsten ist Selbstwert und ein gutes Verständnis für sich selbst. Ohne das nützen dir die besten Kontakte nichts. Selbstvermarktung ist heute unglaublich wichtig. Egal ob mit oder ohne Agentur, du musst jeden Tag etwas für deine Karriere machen. Die Erkenntnis hat bei mir gedauert. Ich war zwischendurch tatsächlich aber auch eine faule Sau.

Das Schönheitsideal-Problem

Mittlerweile habe ich gelernt mich zu mögen. Vor Kurzem war das noch anders. Das war eine andere Chrissie, die gefallen wollte. Das ist auch wieder so ein Schauspiel-Problem: Zu Anfang möchtest du gefallen und in möglichst viele Rollen reinpassen. Ich hatte damals lange blonde Haare. Irgendwann meinte mein Friseur: ‚Mach die Haare ab, die brauchst du nicht.‘ Und ich dachte mir zunächst so: ‚Ja klar ich, als weiblich gelesene, absolute Blondine, immer gefärbt, das wäre ein Fehler.‘ Doch er hat mich überzeugt und ich habe mir die Haare abrasiert. Das war krass. Diese Veränderung hat mir den letzten Kick gegeben. Auf einmal kamen interessantere Anfragen rein. Am Ende musst du als Schauspielerin keinem Schönheitsideal entsprechen. Das habe ich lange genug versucht.

Von Feuchtgebieten zur Erkenntnis

Denn letztendlich kommt alles zu seiner Zeit, daran glaube ich. Die Tür, die sich öffnet, ist in dem Moment auch die richtige. Ich bin mit Anfang zwanzig ins Schauspielbusiness eingestiegen. Ohne Plan und ohne Erfahrung. Am Anfang wurden mir viele Türen zugeschlagen. Das tat jedes Mal weh. Doch die Absagen haben mich letztendlich auch geschützt. Das beste Beispiel ist vielleicht dieses: Ich stand in der engeren Auswahl für die Hauptrolle in der Verfilmung von Charlotte Roches Roman „Feuchtgebiete“.

Ich hatte mich insgeheim schon darauf gefreut, mein Gesicht auf einer großen Kinoleinwand zusehen. Schlussendlich habe ich die Rolle nicht bekommen und war echt niedergeschlagen. Aber mittlerweile bin ich fein damit. Es wäre vielleicht auch nicht richtig gewesen. Ich weiß jetzt, dass, wenn ich eine Absage bekomme: Es liegt nicht an mir. Eine Ablehnung bedeutet keine Abwertung meiner Person. Es ist eben nur eine Tür, die nicht aufgegangen ist, dafür gibt es eine neue Chance. Diese Erkenntnis hat lange gedauert. Aber jetzt bin ich mir sicher, dass sich damit auch neue Türen öffnen werden.“


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Niklas: „Damit entsteht so ein nostalgischer 90s-Vibe“ 

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Für SZENEzeigen fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Niklas begegnet

Protokoll: Katharina Stertzenbach

„Ich bin 30 und arbeite seit mittlerweile sieben Jahren in der „Parzelle“ hier auf St. Pauli. In diesem ausgelassenen Nachtleben auf dem Kiez fühle ich mich wohl. Am besten wäre es, ich könnte hauptberuflich als Barleitung arbeiten, aber das geht nicht. Dafür ist die Arbeit auf dem Kiez einfach zu schlecht bezahlt. Unter der Woche arbeite ich deswegen als Sales Manager bei einem IT-Betrieb. Das ist ein guter Job und von dem Geld kann ich mir mein Leben gut finanzieren. Die Arbeit erfüllt mich nicht, ich bin auch kein Computerfreak, aber kann gut schnacken und das hilft. 

Der Sozialpädagoge hinterm Tresen

Auch bei der Arbeit hinterm Tresen muss man viel schnacken. Doch für den Job in der Parzelle brenne ich tausendmal mehr. Vor allem wegen der Leute. Manchmal siehst du dich in der Kneipe auch selbst als Sozialpädagoge. Wenn die Leute anfangen, dir ihre Probleme und Geschichten zu erzählen oder wenn du Konflikte lösen musst – egal ob verbal oder körperlich. Du wirst immer wieder mit neuen Situationen konfrontiert. Auch deswegen mache ich den Job im Nachtleben so gerne.

Echter 90s-Vibe

Mittlerweile hat sich sogar noch mehr entwickelt. Mit einem unserer DJs habe ich das DJ-Duo Two Solala ins Leben gerufen. Im Moment legen wir hauptsächlich in der Parzelle auf. Wir möchten uns mit der Musik – einem Mix aus Oldschool- und 90er-HipHop – von den Mainstream-Playlisten anderer Läden abheben. Deswegen legen wir auch selbst gebrannte CDs auf und machen die Übergänge zwischen den Tracks selbst. Damit entsteht so ein nostalgischer 90s-Vibe. Und man bleibt immer kreativ. Bei uns gibt es keine computergesteuerte Warteschlange, sondern nur den eigenen Kopf. Wir gucken genau, welche Leute im Laden sind, und reagieren spontan, worauf die Bock haben. Vor Kurzem kam ein Gast aus Berlin in die Parzelle und meinte zu mir: ‚Ey, Alter das hab’ ich seit zehn Jahren nicht mehr gehört.‘ Das ist das schönste Kompliment, das ich als DJ je bekommen habe.“


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Eglė: „Wir möchten zuhören und hinsehen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Eglė begegnet

Protokoll: Rosa Krohn

„Ich bin an der Ostsee in Klaipėda in Litauen aufgewachsen und vor einigen Jahren zum Studieren nach Hamburg gekommen. Hier fühle ich mich wohl, auch weil ich das Wasser um mich herum brauche. Das Element hat etwas Befreiendes, es ist immer in Bewegung. Das passt auch ganz gut zu mir: Schon früh habe ich gemerkt, dass ich mich nach mehr sehne – ich wollte raus in die Welt und raus aus meiner Komfortzone. Auch deswegen habe ich Außenwirtschaft studiert.

Zurzeit arbeite ich als Group Process Managerin in einem Elektrotechnik-Unternehmen. Die Arbeit bereichert mich sehr, aber natürlich fällt mir auf, dass Diversität, die wir als Gesellschaft anstreben, in vielen Aspekten in den männerdominierten Branchen wenig vorhanden ist. Noch immer fördern Stereotype und Vorurteile alte Strukturen und hemmen Erneuerungen. Ich halte nichts davon, Menschen zu kategorisieren und in Schubladen zu stecken. Es ist schlicht kontraproduktiv. Es lenkt davon ab, sich darauf zu konzentrieren, was ein Team ausmacht, was Einzelne beisteuern und wo uns das hinführt. Darauf muss der Fokus liegen. 

Diversität leben

Diversität ist in allen Branchen ein Thema und kann auf kleinster Ebene gefördert werden. Gemeinsam mit einer Freundin habe deswegen vor knapp einem Jahr „Autarc Collective“ ins Leben gerufen. Wir sind ein soziales Projekt und wollen in Form von Tischgesprächen den unbefangenen Austausch unterschiedlichster Menschen ermöglichen. Diversität ist dabei für uns eine Loslösung von Kategorisierungen, ein Raum, in dem Kontroversen aufeinandertreffen können, angeeckt werden darf und sogar soll. Wir glauben, dass nur so bestimmte Gedanken und Ideen entstehen. Denn das ist im eigenen Umfeld, in dem man sich ja ständig spiegelt und bestätigt, gar nicht möglich. Dabei sind unsere Gesprächsrunden nicht geschlechts- oder berufsspezifisch.

Alle, die mit unserer Idee etwas anfangen können und sich nach einem solchen Austausch sehnen, sind willkommen. Was uns und viele andere vereint, ist die offene, neugierige Einstellung zum Leben. Wir möchten zuhören und hinsehen, statt aneinander vorbeizuleben. 

Liebe und Leidenschaft

Gerade haben wir unser Crowdfunding gestartet und hoffen, bald mit den Treffen loslegen zu können. Das kostete natürlich Zeit und Engerie, denn wir machen das neben unserem Privat- und Berufleben. Aber wenn man die Dinge in seinem Leben gerne macht, dann ist alles ganz leicht. Es braucht Liebe, Leidenschaft und ein übergeordnetes Ziel, das einem auch in schwierigeren Phasen den nötigen Halt gibt. Alles was ich mache, wird davon getragen und so kann ich gar nicht anders – ein bisschen wie das Wasser, das nicht anders kann als zu fließen.“


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Chantal: „Ich will einen Unterschied machen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Chantal begegnet

Protokoll: Rosa Krohn

„Ich mache gerade meine Facharztausbildung zur Kinderärztin auf einer Neugeborenen-Station. Für die Kindermedizin habe ich mich entschieden, weil die Patienten ihr ganzes Leben noch vor sich haben. Neugeborene sind nicht in Behandlung, weil sie sich falsch ernähren, rauchen oder trinken, sondern aus Gründen, für die sie nichts können. Jemanden im höheren Alter zu behandeln, der danach sofort wieder zu McDonald’s rennt und Bier trinkt, würde mich auf Dauer frustrieren.

Prävention als Schlüssel

Für mich spielt Prävention in der Medizin eine entscheidende Rolle. Wenn man zum Beispiel bei der Ernährung ansetzt, kann man viel bewegen. Es gibt sogenannte Blue Zones. Das sind Regionen auf der Welt, in denen Menschen signifikant länger leben als der Durchschnitt. Warum? Weil sie sich überwiegend pflanzlich ernähren, sich täglich bewegen und weil sie sozial eingebunden sind. Das sind Schlüsselfaktoren für die Gesundheit, die im Gesundheitssystem und auch in der medizinischen Ausbildung stärker mit einbezogen werden müssten. Ärzte haben meist keine Ahnung von Ernährung – sofern sie sich das Wissen nicht zusätzlich angeeignet haben – weil das Studium den Bereich kaum abdeckt.

Ich habe während meines Studiums ein Praktikum in einem präventiven Zentrum für Erwachsene in den USA, in Washington D.C., gemacht. Der Fokus lag dabei auf Prävention durch Ernährung. In Folge der Behandlung konnten viele Patienten ihre Medikamente absetzen. Doch diese präventive Arbeit wird vom Gesundheitssystem häufig nicht unterstützt, weil Krankheit und Medikamente Geld bringen – jemanden auf anderen Wegen gesund zu machen nicht. 

Erfolg durch Ernährungsumstellung

In Washington habe ich damals direkt über einem Fitnessstudio gearbeitet. Eines Tages bin ich mit einem Mann um die 60 ins Gespräch gekommen. Er erzählte mir von seiner Diabeteserkrankung. Ich empfahl ihm, das präventive Zentrum zu besuchen, woraufhin er sofort protestierte: ‚Wie, kein Fleisch, kein Käse? Das geht auf keinen Fall!‘ Mit der Zeit konnte ich ihn überzeugen, mal zu einem der Kochkurse vorbeizuschauen. Jahre später bekam ich dann eine Mail von ihm, in der er mir berichtete, wie glücklich er sei. Dank der Ernährungsumstellung konnte er sein Insulin reduzieren. Das hat mir das Gefühl gegeben, wirklich einen Unterschied machen zu können. Wenn ich das immer machen könnte – das wär’s!“


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Jenifer: „Der Song schrieb mich, nicht ich ihn“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Jenifer begegnet

Protokoll: Rosa Krohn

„Ich bin Musikerin durch und durch. Aufgewachsen in San José, Kalifornien, habe ich danach in Los Angeles und auf einer thailändischen Insel gelebt, bevor ich nach Europa gekommen bin. In Hamburg bin ich eher zufällig gestrandet. Ich war gerade hier, als der Lockdown begann und so blieb ich. Ich spiele meine Musik auf der Straße, in kleinen Clubs oder Bars –hauptsächlich meine eigenen Songs. Der wichtigste ist 2002 in L.A. entstanden. 

Ein echter Hit

Die Akkordfolge zu ‚You want it, you got it‘ war so prägnant, dass ich sie nicht mal aufschreiben musste. Drei Tage später im Auto kamen Lyrics und Melodie hinzu. Ich fuhr nach Hause, nahm meine Gitarre, spielte die Akkorde, der Song schrieb mich, nicht ich ihn. Nach drei Minuten war alles fertig. Ich rief einen befreundeten Toningenieur an, der ein recht bekanntes Studio in L.A. besaß und spielte ihm den Song vor. Er sagte: ‚Das ist ein Hit, komm sofort her.‘ Wir nahmen noch am selben Abend auf und spielten die Rohfassung auf CD. 

Diese CD gab ich einem lokalen Radio-DJ und so kam der Song ins Radio. Es war ein voller Erfolg, alle wollten ihn hören. Es gab nur ein Problem: Die CD mit dem Song hatte keinen Barcode und war damit nicht urheberrechtlich geschützt und nachdem mein Freund weggezogen war, brach der Kontakt ab. Ich konnte also auch nicht noch eine Version mit Barcode machen. 

Magie

Ein paar Jahre später, ich lebte mittlerweile in Thailand, erzählten mir Leute auf meinen Shows, dass sie meinen Song aus dem Radio kennen würden. Ich dachte erst: ‚Die müssen aus L.A. sein‘, aber es stellte sich heraus, dass der Song mittlerweile weltweit im Radio gespielt wurde. Ohne mein Wissen war aus meinem Lied also ein internationaler Radio-Hit geworden. Doch ohne die Urheberrechte bekam ich kein Geld und bis heute habe ich für den Song keinen Cent bekommen.

Aber ich schaue nach vorne, schließlich kann nicht jeder Künstler von sich behaupten, einen weltbekannten Hit geschrieben zu haben. Ich bin jetzt 66 Jahre alt und nehme hier in Hamburg gerade mein Album auf. Ich mache Musik, seitdem ich drei bin und wenn du das machst, was du liebst, ohne Hintergedanken, dann entsteht Magie. Ob auf der Straße oder auf irgendeiner Bühne, völlig egal. Ich bin in der Lage, die Leute, die an mir vorbeilaufen, zum Lachen zu bringen. Und das werde ich so lange machen, bis es nicht mehr geht.“


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Sabiha: „Ein Schmuckladen voller Erinnerungen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Sabiha begegnet

Protokoll: Rosa Krohn

„Hier im ‚Süßen Pavillion‘ duftet es immer wunderbar nach Anis. Ich arbeite seit fast zehn Jahren fest in dem Süßwarenbetrieb meiner Eltern hier am U-Bahnhof Schlump. Wir haben rund 130 Sorten Süßes im Sortiment, von fruchtigen Mischungen über spezielle Lakritze bis zu traditionellen regionalen Süßigkeiten, wie Hamburger Speck und mittlerweile sogar einen zweiten Stand im Busbahnhof Wandsbek-Markt. Mein Vater kam damals als Gastarbeiter aus der Türkei nach Hamburg und arbeitete erst in Fabriken. Durch Kollegen kam er auf die Idee, einen Süßigkeiten-Stand zu eröffnen und begann sich – gemeinsam mit meiner Mutter – mit nicht einmal 30 Sorten selbstständig zu machen.

Das war vor 32 Jahren. Seither haben meine Eltern immer viel gearbeitet. Deshalb ging es für uns Kinder nach der Schule meist direkt hierher. Während meine Geschwister andere Wege gegangen sind, hat es mich ins Familienunternehmen gezogen. Nach der Schule habe ich deshalb auch eine Ausbildung zur Verkäuferin gemacht und Erfahrungen gesammelt. Ein Teil der Geschichte meiner Familie zu sein, ist eine Herzensangelegenheit. Ich bin stolz, an der Seite meiner Eltern zu stehen und sie zu unterstützen. Damit kann ich etwas zurückgeben, denn sie haben immer hart für die Zukunft ihrer Kinder gekämpft und dabei viel geopfert. 

Süße Geschichten

Für mich war auch schon früh klar, dass es mich in den Verkauf verschlagen würde. Ich liebe es, mit Menschen in Kontakt zu sein. Schüchternheit oder Berührungsängste waren dabei nie ein Problem. Ich liebe es auch länger mit den Kunden zu reden. Es bleibt meist nie beim einfachen Verkaufsgespräch, denn gerade Süßwaren wecken viele Erinnerungen. Ältere Menschen erzählen mir oft, wie sie genau diese Bonbons damals als Kind für drei Pfennig im Glas bekommen haben und heute kommen sie mit ihren Enkelkindern zu uns.

Vor Kurzem kam eine Mutter mit ihrem Kind und erzählte, wie sie vor vielen Jahren als Studentin herkam und sich was Süßes kaufte. Das ist schon verrückt. Alles hier hat seine Geschichte. Mein Papa nennt unser Geschäft immer einen Schmuckladen. Ich finde, das ist ein passender Vergleich: Der Laden erleuchtet besonders am Abend den U-Bahnhof, hinter den Vitrinen funkelt es und wenn man genauer hinschaut, sieht man einen Ort voller wertvoller Geschichten und Erinnerungen: Unsere Familiengeschichte, die Geschichte der Hersteller, der Kunden, ihrer Kinder und Enkel. Bis heute bereue ich keinen Moment, in unserem Betrieb zu arbeiten. Wenn ich noch mal neu auf dieser Welt anfangen müsste, würde ich den gleichen Weg gehen.“


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Andreas: „Ich mag mich“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Andreas begegnet

Protokoll: Rosa Krohn

„Der Platz hier am Hühnerposten ist mein Lieblingsort. An kalten Tagen gehe ich meist in die Bücherhalle und bei gutem Wettersitze sitze ich einfach hier und füttere Tauben. Diese Friedlichkeit ist einfach schön. Ich bin jetzt 63 und seit vier Jahren arbeitslos. Damit mir zu Hause die Decke nicht auf den Kopf fällt, gehe ich gern raus. Zuletzt habe ich als leitender Buchhalter gearbeitet. Die Firma ist Konkurs gegangen und sich mit 60 noch mal zu bewerben, da ziehen die Leute nur die Augenbrauen hoch. Man könnte zwar von meiner jahrelangen Erfahrung profitieren, aber ich bin eben alt. Zwar wird es einem nie so direkt gesagt und am Anfang haben mich die Absagen und all die Ausreden auch wütend gemacht. Doch mittlerweile habe ich mich damit abgefunden. Auch bei der Arbeitsagentur haben sie akzeptiert, dass es für mich nichts mehr gibt. 

„Zurück auf null“

In meinem Berufsleben bin ich viel rumgekommen. Eine Weile war ich als freiberuflicher Dozent im Osten von Dresden bis nach Bergen auf Rügen unterwegs. Die Lehrtätigkeit war meine Berufung. In den 1990er-Jahren durfte ich sogar mal eine Klasse mit Einzelhandelskaufleuten übernehmen. Da kam ich rein, habe mich vorgestellt und mich nach dem Wissensstand der Klasse erkundigt. Ein Desaster. Ich bat sie, alles wegzuschmeißen. Zurück auf null. Und dann habe ich mit ihnen von vorn angefangen. Wenn ich mal mitbekam, dass es abseits des Unterrichts Probleme gab, mit Behörden oder dem Arbeitsamt, dann haben wir auch solchen Dingen mal eine Stunde gewidmet. Mein Problem war irgendwann, dass die Arbeit nicht mehr so gut bezahlt wurde und das Hin und Her hat sich nicht mehr gelohnt. Also habe ich die Stelle in der Buchhaltung angenommen. 

Offen für Australien

Als die Firma vor knapp drei Jahren Konkurs ging, kam mir das gelegen. Ich hatte keine Lust mehr auf den Job. Eine Zeit lang habe ich noch freiberuflich Nachhilfe gegeben. Tja, und inzwischen macht es mir Spaß, Tauben zu füttern (lacht). Ich stehe morgens gegen 8 Uhr auf, telefoniere mit Freunden und gehe frühstücken. Immer mit dabei: mein kleines Radio und meine Kopfhörer. Ich setze mich dann in einen Laden in der Mönckebergstraße und schaue, wie die Leute vorbeischlendern. Dann komme ich hier her. Ich fühle mich pudelwohl allein. Es wird so oft gesagt: ‚Allein gleich einsam.‘ Aber ich komm unheimlich gut mit mir klar, ich mag mich. Natürlich habe auch ich Phasen, in denen ich sage: ‚Andreas, du siehst scheiße aus‘. Aber solche Phasen hat doch jeder. Gerade kann eigentlich alles so bleiben. Ich bin aber immer offen für Neues. Wenn mich jemand fragt, ob ich Lust hätte, ’n Jahr mit nach Australien zu gehen, würde ich das machen – aber nur in der Sommerzeit!“


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Beatrixe: „Bis sie mich mit den Füßen voran aus dem Bus tragen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Beatrixe begegnet

Protokoll: Rosa Krohn

„Ich bin seit 26 Jahren eine Stewardess am Boden. Ich arbeite als Reisebegleiterin in sogenannten Bistrobussen. Auf unseren Reisen quer durch Europa sitzen die Gäste oben und werden unten im Bistro verwöhnt. An den Zielen betreue ich die Gruppe dann bei den geplanten Programmpunkten. Lange Zeit habe ich das gemeinsam mit meinem zweiten Ehemann hauptberuflich gemacht. 

Einen Spitzenjob aufgeben, um Würstchen zu verkaufen?

Ich war damals Anfang 40 als er auf mich zukam und sagte: ‚Ich will einen Busschein machen.‘ Er fing an als Fahrer für Reiseunternehmen zu arbeiten und ich hatte damals noch eine gut bezahlte Stelle als Filialleiterin in einem Modegeschäft. Als er mir dann vorschlug, ich solle doch als Servicekraft mitkommen, war ich mir eigentlich sicher, dass ich meinen Spitzenjob nicht aufgeben will, um Würstchen zu verkaufen! Doch er überredete mich, es mal auszuprobieren: vier Tage Paris. Da war es um mich geschehen: die Leute, die Stadt, die Seine und anstatt Geld dafür zu bezahlen, verdiente ich welches. Meine Kinder waren zu dem Zeitpunkt bereits erwachsen und am Ausziehen. Ich habe also meinen Job gekündigt und meinen Mann begleitet. Er war zehn Jahre jünger als ich. Irgendwann hatte er das Gefühl, dass noch etwas Anderes kommen müsste. Er hatte sich neu verliebt und mir alles erklärt. Ich wusste, dass ich niemanden halten kann, der gehen möchte.

,Arbeiten hat nichts mit dem Alter zu tun‘

Zwei Jahre arbeitete ich noch weiter als Reisebegleiterin in dem Betrieb, aber es tat mir zu sehr weh. Dann ging ich zurück in meine Heimat und fand erneut eine Stelle als Filialleitung in einem kleinen Modegeschäft, in dem ich bis zur Rente gearbeitet habe. Über die ganze Zeit ist der Kontakt zu meinen alten Kollegen im Reiseunternehmen aber nie abgerissen. 2017 bin ich dann in Rente gegangen und sie haben gefragt, ob ich noch mal Lust hätte, als Stewardess zu arbeiten. Tja, und jetzt bin ich 68 Jahre alt und arbeite in meinem Traumberuf einfach so lange weiter, bis sie mich mit den Füßen voran aus dem Bus tragen. Arbeiten hat für mich nichts mit dem Alter zu tun, sondern mit der Einstellung und Reisen hält jung! Man hat mit gut gelaunten Urlaubern zu tun und sieht viel von der Welt. Ich fühle mich überall zu Hause. Mein Mann und ich sind getrennte Wege gegangen, aber das Reisen lässt mich nicht mehr los. Heute bin ich alleinstehend, geheiratet habe ich nicht noch mal – reiselustige Männer können sich also gerne melden! (lacht)“ 


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Camran: „Ich komm’ nicht am Kino vorbei“

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Protokoll: Rosa Krohn

„Ich arbeite neben meinem Studium im Passage Kino. Ich bin absolut filmbegeistert und kann mit dem Job einen Teil meiner Leidenschaft ausleben. Als Mitarbeiter im Kino ist man meist unsichtbar und trotzdem ist es großartig, ein Teil von Hamburgs Kinowelt zu sein. 2017 habe ich hier das erste Mal einen Film gesehen und sofort nach offenen Stellen gefragt. Seitdem bin ich im Ticketverkauf oder an der Bar tätig. Was ich aber am liebsten mache, ist der Job des Platzanweisers. Damit ist man am nächsten an dem dran, was tatsächlich im Kinosaal passiert. Auf der Leinwand können dabei Dinge stattfinden, die so tief in das Leben oder in das, was man sich vom Leben erhofft, eindringen, wie es der Realität oft nicht gelingt. Man reist durch die Zeit und durch die Welt. 

Der Film und die Stadt

Neben meiner Arbeit hier gehe ich selbst zwei- bis dreimal wöchentlich ins Kino. Dabei liegen mir besonders die Programmkinos am Herzen. Sie führen mich durch die Stadt. Das Schöne am Film ist, dass man nach dem Kinobesuch ganz anders mit der Stadt interagiert. Ich liebe das wiederkehrende Gefühl, nach einem guten Film zurück ins Leben zu gehen. Auf Hamburgs Straßen zu spüren, wie man durch das, was man soeben im Saal erlebt hat, geprägt ist. Zu sehen, wie die Stadt darauf reagiert. Mal ist Hamburg dann eine italienische Stadt in den 1960er-Jahren, mal New York im Winter oder eine Wüste im Iran. Die Stadt hat die Fähigkeit, Gesehenes zu erweitern und zu verschönern, ohne es naiv zu idealisieren. Ich habe mich schon oft vor einem Film schlecht gefühlt und danach wieder gut. 

Die Realität bleibt wichtiger

Der gemeinsame Nenner guter Filme liegt für mich darin, wie persönlich sie sind, so beschrieb es auch der norwegische Regisseur Joachim Trier kürzlich in einem Interview. Für mich kann ein Film unabhängig von Genre und Form gut sein. Wenn er mich einnimmt und auffordert, dem Wunsch nachzugehen, innerlich zu handeln und zu erfahren, was uns ausmacht, was schön und was gut ist. Trotzdem ist es mir wichtig zu betonen, dass ich das Leben dem Film immer vorziehe. Die Realität ist und bleibt wichtiger. Letztlich ist das Kino für mich nüchtern betrachtet mein Arbeitsplatz und dennoch: Als die U3 lange Zeit nicht fuhr, kam ich auf dem Nachhauseweg täglich mit dem Bus hier entlang und stieg jedes Mal aus. Immer. Ich komm’ einfach nicht am Kino vorbei.“


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