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Villa Viva: Viva con Agua eröffnet Hotel

Das soziale Hilfsunternehmen Viva con Agua startet den Bau der „Villa Viva“ – einem Hotel, in dem man im Schlaf Gutes tun kann

Text: Felix Willeke

 

Viva con Agua setzt sich für den Zugang zu sauberem Trinkwasser, Sanitärversorgung und Hygiene ein. Mit der jährlichen Millerntor Gallery werden Spenden auch über eine Kunstausstellung im Stadion des FC St. Pauli gesammelt. Jetzt baut das soziale Hilfsunternehmen um Gründer Benny Adrion die „Villa Viva“, in der man im Schlaf Gutes tun kann

Im Münzviertel, direkt hinter dem Hamburger Hauptbahnhof, entsteht das neue Hotel von Viva con Agua. Finanziert von dem sozialen Unternehmen und bekannten Unterstützern wie Bela B. und Jan Delay, soll es ein Hotel für alle werden, wie Benny Adrion in einem Interview mit der Zeit berichtet. Neben dem Hotel sollen in dem Haus auch ein Studio für Podcasts und Musikaufnahmen, Büros für soziale Unternehmen, eine Rooftop-Bar und ein Restaurant Platz finden. Das zwölfstöckige Gasthaus mit circa 140 Übernachtungsbetten, einem Zauberkiosk, einem Office-Playground und Artrooms soll ein Ort der Kreativität und Innovation, der Interaktion und der Gastfreundschaft, des sozialen Engagements und der Zukunftsorientierung werden.

 

Schöne Träume ab 2023

 

Ziel ist es, Besucher:innen während der Übernachtung mit einem sozialen Aspekt bekannt zu machen und so Unterstützung für die vielen Projekte von Viva con Agua zu bekommen. Das Haus richtet sich laut Adrion nicht an eine spezielle Zielgruppe. Neben Familien, Menschen, die für weniger Geld auf der sogenannten Camping-Etage übernachten können, sind auch Gäste mit einem größeren Geldbeutel willkommen.

Der Baubeginn der „Villa Viva“ ist am 12. Juli 2021. Voraussichtlich Ende 2023 sollen sich die Türen des Hotels öffnen.

villaviva-gasthaus.de


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Viva con Agua: „Die Delle ist spürbar“

Händewaschen als Corona-Prävention: Für uns Alltag, für viele nicht machbar. Über 579 Millionen Menschen weltweit haben keinen Zugang zu sauberem Wasser. Und gerade jetzt brechen „Viva con Agua“ durch das bisherige Veranstaltungsverbot hohe Spendensummen weg. Wie die Hamburger NGO umdenkt, wo sie stehen und warum sie dennoch gesegnet sind, erzählt Mitgründer und Vorstand Tobias Rau

Interview: Hedda Bültmann

 

SZENE HAMBURG: Tobias, wie sieht’s bei euch aus?

Tobias Rau: Das Büro in Hamburg läuft seit März auf Minimalbetrieb. Aber damit geht es uns den Umständen entsprechend gut, weil wir schon vor Corona über die ganze Welt verteilt im Homeoffice gearbeitet haben, war die technische Infrastruktur bereits vorhanden. Wir haben uns schon vor langer Zeit flexibel aufgestellt, um auf äußere Einflüsse maximal schnell und agil reagieren zu können. Das kommt uns jetzt zugute. Aber wir haben auch ernsthafte Probleme, einen deutlichen Einbruch merken wir zum Beispiel bei den Spenden.

Spenden in Millionenhöhe, die ihr sonst auf Festivals und Veranstaltungen generiert habt. Auf der einen Seite fehlen Gelder, auf der anderen ist es gerade jetzt wichtig, den Zugang zu Hygieneeinrichtungen und Wasser zu schaffen. Wie geht ihr damit um?

Wir sind direkt im März mit unseren Partnern in den Projekt-Ländern in den Austausch getreten und haben besprochen, welche Projekte wirklich wichtig sind und welche auf das nächste Jahr geschoben werden können. Wir haben auch geschaut, wie sich unsere Budgets umverteilen lassen. Dennoch fehlen die bereits eingeplanten Gelder spürbar. Und da grundsätzlich alle Projekte weiterlaufen, sind wir darauf angewiesen, dass Spenden reinkommen, um diese auch weiterhin zu fördern und zu finanzieren.

Wie habt ihr die Projekte priorisiert?

Jetzt noch wichtiger: sauberes Wasser (Bild: Henrik Wiards)

Natürlich haben aktuell Wasserprojekte und die Bereitstellung von Handwaschmöglichkeiten einen höheren Stellenwert als zum Beispiel Education-Training, was sonst auch ein wichtiger Teil unserer Projekte ist. Unsere regionalen Schwerpunkte liegen generell auf Südasien sowie Süd- und Ostafrika. Jetzt liegt ein besonderer Fokus auf Südafrika, da das Land sehr schlimm betroffen ist und Corona dort so richtig um sich greift, was es natürlich auch vor Ort schwieriger macht, die Projekte fortzuführen.

Wie sieht es aus vor Ort?

Südafrika ist im Lockdown. In den Townships zum Beispiel ist „Social Distancing“ nicht möglich, wenn vielköpfige Familien auf wenigen Quadratmetern leben müssen. Viele sind auch Tagelöhner, die raus müssen, um Geld zu verdienen, damit sie überhaupt was zu essen haben. Die Maßnahmen sind einfach nicht so konsequent durchsetzbar wie in Deutschland oder anderen europäischen Ländern. Die Situation wird immer dramatischer. Und es darf nicht sein, dass aufgrund eines ausgefallenen Festival-Sommers die Leute darunter leiden, die Unterstützung jetzt am nötigsten brauchen. Um so wichtiger ist es jetzt, dass wir dort unsere WASH-Projekte (WASH steht für Water, Sanitation and Hygiene, Anm. d. Red.) weiterhin finanzieren können.

Gab es bisher Alternativen, das Spendenloch aufzufangen?

Mit Stream-Formaten haben wir versucht, einen Ausgleich zu schaffen. Zum Beispiel war das digitale 36-stündige Festival „stream4water“ sehr erfolgreich, im Juli wurde die Millerntor Gallery zu einer virtuell begehbaren Ausstellung und Ende Juli haben wir die Online-Kampagne „Water is human Right“ noch Mal neu aufgesetzt. Vor zehn Jahren, am 28. Juli 2010, wurde Wasser von den Vereinten Nationen als Menschenrecht anerkannt. Die Kampagne beinhaltet drei Aspekte: eine Petition, die die Politik noch mal auffordert, das Ziel voranzutreiben. Mit „be part of the family“ rufen wir dazu auf, Fördermitglied von Viva con Agua zu werden. Und wir wollen gemeinschaftlich Spenden für unsere Projekte sammeln.

Bei euren Aktionen ist Spenden meist mit Begegnungen und ziemlich viel Spaß verbunden, auf Events wie der Millerntor Gallery, wo man unter anderem seinen Becherpfand Viva con Agua zukommen lassen kann. Momentan ist es nicht absehbar, ob und wann Veranstaltungen in dieser Form wieder machbar sind. Ist das ein Punkt, den ihr noch mal anders denken müsst?

Dieses Jahr digital: Die Millerntor Gallery

Da sind wir auf jeden Fall dran. Unsere Vision „Alle für Wasser, Wasser für alle“ beinhaltet auch Leute zu motivieren, sich mit Freude zu engagieren. In diesem Jahr ist das, für uns alle sehr unerwartet, leider ausgefallen, aber das heißt nicht, dass wir zukünftig darauf verzichten werden. Sollte auch im nächsten Jahr mit deutlichen Einschränkungen zu rechnen sein, was durchaus realistisch ist, müssen wir bis dahin Konzepte und Formate entwickeln, wie man dennoch persönlich zusammenkommen kann. Denn das analoge Leben, das uns allen so viel Spaß macht und die Freude am Engagement, der Community und dem Zusammensein, lässt sich nicht eins zu eins in den digitalen Raum übertragen.

Bis dahin brauchen wir alle vor allem eins: Geduld …

So doof das für Viva con Agua und für die Menschen ist, die in Deutschland oder Europa leben, sind wir trotzdem gesegnet mit stabilen Staaten, die Rettungsschirme spannen können, die Top-Gesundheitssysteme haben. Auf dem afrikanischen Kontinent und in vielen anderen Regionen ist es viel dramatischer, was das Gesundheitswesen und die fehlende Unterstützung vom Staat angeht. Und das war auch schon immer der Antrieb für Viva con Agua: Aus dieser Dankbarkeit heraus zu teilen.

Wirft die aktuelle Situation euch in der Entwicklung zurück?

Kampagnen-Foto mit Tobias Rau (Bild: Lars Jockumsen)

Das wird die Zeit zeigen, ich hoffe nicht. Aber diese Delle ist deutlich spürbar. Wir sind unverbesserliche Optimisten und versuchen, das Beste daraus zu machen. Im März haben wir sehr schnell beschlossen, dass alles, was wir jetzt machen, auf drei wichtige Ziele einzahlen muss: Verbesserung der digitalen Infrastruktur, Kommunikation, um in den Köpfen und Herzen der Menschen zu bleiben und Fundraising. Und hoffen, dass wir ein paar Samen auf fruchtbaren Boden werfen konnten.

Ihr habt mittlerweile verschiedene Standorte in Europa und Uganda, kürzlich ist Südafrika dazu gekommen. Wie wichtig ist Hamburg noch als Standort?

Sehr wichtig. Viva con Agua ist nicht aus Hamburg wegzudenken und die Stadt ist engst mit unserer Gründungsgeschichte verwoben. Hamburg wird auch zukünftig einen zentralen Stellenwert haben, hier ist unser Headquarter. Wir werden zwar immer mehr zur dezentralen, internationalen Organisation, aber Hamburg ist und bleibt unsere Base.

Infos und Spenden unter vivaconagua.org/spende 

 

Water is a human Right! Seit 15 Jahren verfolgt die Hamburger NGO „Viva con Agua“ ihre Vision „Alle für Wasser, Wasser für alle“. Vor zehn Jahren wurde das Recht auf Zugang zu sauberem Wasser von den Vereinten Nation als Menschenrecht anerkannt. Und 2015 in der Sustainable Development Agenda als sechstes Ziel „Ensure acces to water and sanitation for all“ aufgenommen, die auf 15 Jahre angelegt ist. Dennoch haben weltweit über 579 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und über zwei Milliarden zu sanitärer Grundversorgung wie sicheren Toiletten. Der Mangel an sauberem Wasser und Hygiene gehört nach wie vor zu den häufigsten Todesursachen bei Kindern unter fünf Jahren. „Wasser wurde völlig zu Recht vor zehn Jahren als Menschenrecht deklariert“, so Tobias Rau, „Wasser ist wie die Luft zum Atmen, Grundlage jeden Lebens und sollte daher jedem Menschen in ausreichender und guter Qualität zur Verfügung stehen.“

 

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Millerntor Gallery #9: Wenn aus Kunst Trink-Wasser wird

Zum neunten Mal verbinden Viva con Agua und der FC St. Pauli Kunst und Musik für einen guten Zweck bei der Millerntor Gallery. Warum sich jede Mühe dafür lohnt, erzählt der Geschäftsführer von Viva con Agua Arts, Arne Vogler

Text und Interview: Hedda Bültmann

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Viva con Agua Arts Chef Arne Vogler (Foto: Andirn Fretz)

SZENE HAMBURG: Arne, von der Schnapsidee zum festen Bestandteil der Hamburger Kulturszene. Wie geht das?

Es kamen mehrere Fakto­ren zusammen. Zum einen der nicht zu bremsende Akti­vismus der Gründer von Viva con Agua, die alles dranset­zen, eine Idee zu verwirkli­chen. Gemeinsam mit dem freudvollen Engagement un­serer Ehrenamtlichen. Zum anderen die Unterstützung unseres Partners FC St. Pauli, der von der ersten Stunde an dabei war. Die Offenheit und die Bereitschaft sich als Fußballverein und als Unter­nehmen auf das Projekt ein­ zulassen, ist einmalig und hat uns vieles ermöglicht.

Dieses Jahr lautet das Motto „Water is a Human Right“. Wie spiegelt sich das in der Ausstellung wider?

Die gezeigten Werke wer­den von den Künstlern aus aller Welt exklusiv für die Gal­lery entworfen. In der Ver­gangenheit hatten wir eher komplex formulierte Themen wie „Identikey“, was dazu führte, dass nicht alle Künstler themenbezogen gearbeitet ha­ben. Das wollten wir ändern.

Menschenrecht ist ein kon­kretes Thema und bietet nicht nur den Künstlern viele Anknüpfungspunkte, auch unser Kurations-­Team kann noch mehr einem roten Faden fol­gen, um über die Ausstellung eine Geschichte zu erzählen. Einige Künstler werden zum Beispiel Wasser als Thema wählen oder eine politische Herangehensweise, sodass ein schöner Mix unterschied­licher Umsetzungen und Genres zu sehen sein wird.

Ihr habt zum ersten Mal nicht nur das Thema konkreter formuliert, sondern auch wohin die Erlöse fließen …

Ja, genau. In der Vergan­genheit gingen die Spenden allgemein an den Verein. Diesmal haben wir im Vor­feld festgelegt, dass die Erlöse in das Oratta­-Projekt in den Provinzen Cabo Delgado und Nampula fließen. Dort, im Norden vom Mosambik, set­zen wir uns bereits seit 2015 für sauberes Trinkwasser und bessere Hygienebedin­gungen ein. Wir glauben, dass die Motivation der Künstler, Supporter und Besucher noch größer ist, wenn sie nicht nur für einen allgemein guten Zweck arbeiten oder spenden, sondern genau wissen für wen. Wir hoffen, so un­ser Spendenergebnis aus dem letzten Jahr von etwa 90.000 Euro zu übertreffen.

 

Millerntor Gallery #9: So bunt wird’s im Millerntor-Stadion

 

 

Innerhalb weniger Monate stelltet ihr eine Ausstellung mit mehr als 90 Künstlern auf die Beine. Klingt nach einem chronisch hohen Stresspegel?

Die acht bis zehn Wochen der Produktionsphase im Sta­dion sind schon eine enorme Belastung für die Familie und Freunde. Währenddessen bleibt kein Raum für anderes. Es ist, als würde man sich mit einem schweren Rucksack auf den Weg machen und es ist klar, für eine gewisse Zeit sieht man weder seine Fami­lie noch Freunde, es sei denn, man bindet sie als Helfer mit ein.

Doch das Ziel ist es auf je­den Fall wert. Die Gallery ver­braucht viele Ressourcen, aber sie ist auch wie ein Akku, ein Ort, der ganz viel Kraft gibt.

Was ist es, das sie so besonders macht?

Sie ist eine ganz besondere Veranstaltung, weil die soziale Grundhaltung aller Beteiligten besonders ist. Eine Galerie, die Kunst mit Musik verbindet, in einem Fußball­stadion mitten in der Stadt. Und das in einem Viertel, dessen Bewohner grundsätzlich eher gesellschaftskritisch und sozial engagiert sind.

Die Millerntor Gallery ist die Möglichkeit, die Grund­sätze von Viva con Agua zu erleben, das Freudvolle und Aktivistische. Wir kümmern uns um eine positive Verän­derung der Welt, aber auf eine spielerische Weise, indem wir die universelle Sprache von Kunst, Musik und Sport nut­zen, um die Menschen für unsere Themen zu erreichen und zum Mitmachen zu bewegen. Die Gallery ist sozusagen der Schmelztiegel von allem, was den Verein ausmacht.

 

„Unser Traum: den heiligen Rasen nutzen“

 

Der enorme Zulauf aus der Stadt mit 17.000 Besuchern im letzten Jahr, gibt euch Recht. Ruht ihr euch darauf aus, oder ist es eher ein Ansporn neu zu denken?

Natürlich sprechen wir je­des Jahr mit dem FC St. Pauli, ob und wie wir weitere Teile des Stadions in die Millern­tor Gallery einbinden können. Unser Traum wäre natürlich, irgendwann mal den heiligen Rasen nutzen zu können. Auch möchten wir zukünftig vermehrt ein Gleichgewicht zwischen den Genres schaffen, auf der einen Seite Street­ Art und HipHop, gleichzeitig im Kunstbereich die Grenzen erweitern. Noch liegt der Aus­stellungsfokus auf Street Art, aber in diesem Jahr haben wir darüber hinaus einige Hoch­karäter aus der bildenden Kunst dabei.

Was löst Kunst bei dir aus?

Emotionen. Die ganze Palette: von Erstaunen und Begeisterung über Glück bis hin zur Ruhe. Aber auch Trauer. Gerade bei dem dies­jährigen Kurationsprozess habe ich wieder gemerkt, dass Kunst für mich ein Vehikel für einen Perspektivenwech­sel sein kann, so als würde ich mir eine Brille aufsetzen und ein Thema nochmal ganz an­ders entdecken.

Millerntor Gallery #9: 4.-7.7.2019, Millerntor-Stadion (St. Pauli)


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2019 im Handel und zeitlos im 
Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats – Dannie Quilitzsch

Frauen vernetzen, Kinder in Krisengebieten stabilisieren, Wasser für alle – Dannie Quilitzsch zieht viele soziale Strippen. Ihr Antrieb: Die Welt ein bisschen besser machen und das am besten gemeinsam.

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Philipp Schmidt

SZENE HAMBURG: Dannie, du steckst in so vielen unterschiedlichen Projekten. Wie bezeichnest du dich?

Dannie: Das stimmt, ich habe mehrere Hüte auf, deshalb kommt es immer auf den Kontext an. Aber grundsätzlich bin ich Psychologin, Beraterin und Coach. Und arbeite hauptsächlich im Bereich Social Entrepreneurship als Gründerin und Unternehmerin, aber auch in beratender Funktion sowohl für große Dax-Unternehmen als auch für kleine Social Start-ups.

Wonach entscheidest du, an was und mit wem du zusammenarbeitest?

Es ist mir bei den Social Start-ups wichtig, dass die Idee und das Konzept innovativ auf dem Markt sind. Und ob es dafür überhaupt einen Bedarf gibt und somit eine reelle Wirkung nach sich zieht.

Vertraust du deiner Intuition, ob ein Projekt funktionieren wird?

Vieles entscheide ich aus dem Bauch heraus, wobei mein Bauch und mein Verstand sehr eng zusammenarbeiten. Durch meine jahrelange Erfahrung erkenne ich schnell, was Sinn macht. Natürlich prüfe ich auch, ob eine gute Marktanalyse gemacht wurde, ob Kompetenzen, Gründerpersönlichkeit und das Netzwerk vorhanden sind und wie hoch die Motivation ist. Oder zum Beispiel auch, ob die Idee so innovativ ist, dass sie Medienpartner und Multiplikatoren erreicht.

 

 

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Welcher Aspekt hat dich bei War Child gepackt?

Natürlich gibt es bereits viele Projekte, die sich um Kinder kümmern, auch War Child gibt es weltweit schon lange. Meine Partnerin und ich haben jetzt die Organisation nach Deutschland, mit Sitz in Hamburg, geholt. Für mich als Psychologin und Therapeutin ist es sehr interessant, dass War Child psycho-soziale Programme entwickelt, evaluiert und erforscht. Wir schaffen etwas Funktionierendes.

Dann teilen wir es mit anderen Organisationen wie Save the Children und Unicef. So erzeugen wir eine Reichweite in die ganze Welt, damit noch mehr Kindern in Krisengebieten geholfen werden kann, mehr als wir es alleine mit War Child schaffen könnten. Das ist, was mich an Social Entrepreneurship am meisten reizt – etwas zu kreieren, das über einen Skalierungseffekt einen reellen sozialen Wandel mit sich bringt.

Ein anderes deiner Projekte hier in Hamburg ist der Women’s Hub, an dem drei Mal im Jahr 50 Frauen einen Tag lang zusammenkommen. Was steckt dahinter?

Auch dabei ist mein Antrieb, zu überlegen, wie man unsere Welt besser machen kann – das klingt zwar pathetisch, aber tatsächlich geht es genau darum. Ich bin überzeugt, dass wir unser ganzes Potenzial nur entfalten können, wenn wir es gemeinsam tun. Der Women’s Hub will eine Gemeinschaft aus Frauen sein, die sich gegenseitig unterstützen.

Beim Women’s Hub Day kommen 50 Frauen zusammen, fünf davon nutzen diesen Tag, um ihre Visionen oder Projektideen zu teilen, um sich Feedback darauf oder auch ganz konkrete Unterstützung für die Umsetzung einzuholen. Wir schaffen einen Raum, in dem sich Frauen trauen, ihre Ideen zu erzählen, sich auszuprobieren und gegenseitig zu inspirieren – nicht nur persönlich, wir schüren auch, dass die Frauen gemeinsam Business machen, sich gegenseitig buchen oder Aufträge vergeben, um sich so auch in diesem Bereich zu fördern.

 

„Weibliche Prinzipien müssen stärker in die Gesellschaft“

 

Warum brauchen Frauen dafür noch immer einen geschützten Raum?

Der geschützte Raum wird gebraucht, damit Frauen sich stärken können, um dann gemeinsam in die Welt rauszugehen. Wir sind nicht geübt darin, uns zusammenzuschließen. Wenn man sich Statistiken ansieht, ist die Redezeit von Männern in Runden noch immer länger, die Gehälter in vergleichbaren Positionen sind höher, Männer bekommen noch immer eher den Job, vor allem im Führungsbereich, bei gleicher Qualifikation. Es war lange so, dass die Frauen, die sich durchkämpfen konnten, die Prinzipien der Männer angenommen haben.

Jetzt geht es darum, die weiblichen Prinzipien wie Empathie und Intuition stärker in die Gesellschaft zu tragen. Denn jede Frau sollte sich bewusst sein und daran glauben, dass wir mit unserem weiblichen Verhalten stark sind – egal, in welchem Feld wir unterwegs sind, sei es als Angestellte, Freelancerin oder Mutter. Wir wollen Frauen stärken, um eine Gleichheit zu erzeugen.

Was tut die Stadt, um „Women Empowerment“ zu unterstützen?

Ich habe beim letzten N Klub, ein Netzwerktreffen für nachhaltige Ideen, unsere Sozialsenatorin Melanie Leonhard über das Thema sprechen hören, und ich finde sie in diesem Bereich sehr vorbildlich. Sie setzt sich ein, geht mit den richtigen Ideen nach vorne. Ansonsten ist es in diesem Bereich von Seiten der Institutionen, Behörden oder Stiftungen unheimlich schwer, Unterstützung zu bekommen. Generell, wenn man neue Themen nach vorne bringen will, ist es schwierig, die Stakeholder zu überzeugen, da muss insbesondere Frau einen echt langen Atem haben, sich den Mund fusselig reden und die Füße ablaufen.

Auch hier wird Männern viel schneller zugetraut, dass sie die richtige Idee für eine Unternehmensgründung oder ein Projekt haben. In Städten wie Berlin und auch im Ausland ist es wesentlich einfacher, weil in international orientierten Städten früher verstanden wurde, dass es wichtig ist, dass wir uns in diesem Bereich entwickeln. Ich liebe an Hamburg die traditionellen Werte wie Beständigkeit und Gewissenhaftigkeit, die stehen Innovationen und mutigen Ideen aber leider auch oft im Weg.

Was braucht es?

Ich wünsche mir noch mehr den Dialog zwischen den verschiedenen Instanzen: Regierung, Unternehmen, Medien, Institutionen, Zivilgesellschaft. Es gibt zwar kleinere Zusammen künfte wie das Zeitforum oder den N Klub, aber wir könnten noch viel mehr Potenzial wecken, wenn wir mehr in der Gemeinschaft gucken, wie wir Hamburg in die Zukunft entwickeln und gleich zeitig als lebenswerte Stadt für alle Bürger erhalten können.

 

„In Hamburg herrscht irre viel Social Empowerment“

 

Und wie ist dein Blick auf die Hamburger?

In der Stadt gibt es so viele wahnsinnig tolle Menschen. Hier herrscht irre viel Social Empowerment in Form von sozialen Projekten und Veranstaltungen. Das finde ich sehr beeindruckend. Ich lebe seit über 20 Jahren in Hamburg, und ich liebe es hier – die Haltung der Leute, wie sie ihre Stadt gestalten und tatsächlich etwas bewegen. Das zeigt es auch, wie hier mit Geflüchteten umgegangen wurde und wird – es haben sich viele zivilrechtliche Organisationen gebildet wie Hanseatic Help.

Hamburger sind oft leise, es wird nicht so viel darüber geredet, was sie machen, aber das, was passiert, hat eine echte Substanz. Das finde ich wirklich stark an der Stadt.

Welches Engagement berührt dich am meisten?

Mein absolutes Herzensprojekt ist ganz klar Viva con Agua. Seit 2007 bin ich dabei, mittlerweile als Aufsichtsratsvorsitzende. Für mich ist es das vorbildlichste, sowohl als Unternehmen als auch soziales Projekt, das ich kenne. Das liegt vor allem daran, dass Viva con Agua nie müde wird, sich immer wieder mit sich selbst zu beschäftigen, im Sinne der eigenen Optimierung, der Neuerfindung oder der Frage, wie sie die Welt verändern und Mitgestaltung für jeden ermöglichen können.

Apropos Welt verändern. Was wäre im Kleinen dazu dein Appell an die Menschen?

Dass sich die Menschen wieder mehr begegnen. Jeder Mensch ist auf seiner eigenen Reise, aber jeder kann mit seiner Geschichte und den eigenen Erfahrungen andere unterstützen und helfen. Geht einfach wieder mehr aufeinander zu, redet miteinander und hört euch wirklich zu.

www.danniequilitzsch.com


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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