Ivy (Bella Ramsay) trägt ihren giftigen Namen zu Recht. Sie ist launisch und reizbar, ein typischer Teenager eben. Doch da ist noch mehr: Bis vor Kurzem litt die 17-Jährige an Leukämie. Aktuell ist sie in Remission, also symptomfrei, aber nicht zwingend geheilt. Aus Angst und Unsicherheit kapselt sie sich immer mehr ab. Ihre besorgten Eltern melden sie bei einem Ferienlager in Schottland an, dass jugendlichen Krebspatienten helfen soll, sozial wieder Fuß zu fassen. Ivy ist alles andere als begeistert über ihre Verklappung ins von ihr so betitelte „Chemo-Camp“. Doch siehe da, kaum schnuppert sie Highland-Luft, findet sie sich im Kreise einer brandneuen Freundesgruppe wieder. Sie sammelt frischen (Über-)Lebensmut und knüpft sogar zarte Liebesbande. Regisseur und Drehbuchautor George Jaques ist mit seinen 25 Jahren noch nah genug dran am jugendlichen Überschwang, um diesen gefühlt ungefiltert auf die Leinwand zu bannen.
Sunny Dancer: Ein lebensbejahender Film von George Jaques

Der euphorische „Jetzt oder nie“-Spirit in Ivys „Clique der Versehrten“ mag angesichts der beklemmenden Schicksale ihrer Mitglieder verwundern, macht aber durchaus Sinn. Alle im Camp sind hungrig auf positive Erfahrungen. Für Teens, die wissen, dass das K-Wort jederzeit in ihr Leben zurückkehren kann, hat dieser Hunger naturgemäß eine besondere Dringlichkeit. Die junge Schauspielerinnen- und Schauspielerriege hatte beim Dreh augenscheinlich großen Spaß. Statt sie auf ihre deprimierenden Diagnosen zu reduzieren, lässt der Film seine Heldinnen und Helden einfach Heranwachsende sein. Alle sind permanent aufgedreht, horny und ein bisschen „drüber“. Nur selten drehen sich Gespräche um das finstere Tal, das alle durchschritten haben. Bilder von sterilem Krankenhausinterieur, die Filme dieser Art sonst oft benutzen, sucht man folglich vergeblich. Und wenn man glaubt, in Ivys Outcast-Crew den obligatorischen Archetypus des Todgeweihten gespottet zu haben, hat man die Rechnung ohne das gewitzte Drehbuch gemacht. „Sunny Dancer“ ist ein fast schon schmerzhaft lebensbejahender Film, ebenso herrlich unberechenbar wie seine Heldin.
Trailer zum Film:
Dieser Artikel ist zuerst in der Printausgabe der SZENE 08/26 erschienen.

