Premiere beim Hamburger Buchhandlungspreis

Im Rahmen der Langen Nacht der Literatur wurden am 5. September 2022, erstmals drei Buchhandlungen mit dem Hamburger Buchhandlungspreis ausgezeichnet. Die Preise gingen nach Hamm, Harburg und Eimsbüttel

Text: Katharina Stertzenbach 

 

Seit 2014 verleiht die Behörde für Kultur und Medien alle zwei Jahre den Hamburger Buchhandlungspreis an besonders engagierte, inhabergeführte Buchhandlungen. Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien, betrachtet den Preis als „ehrenwerten Wanderpokal“ und fügt hinzu: „Der Buchhandlungspreis zeigt, wie lebendig die Orte der Literatur in den Hamburger Stadtteilen sind. Wir möchten mit der Auszeichnung ein Zeichen setzen und die wichtige Arbeit würdigen, die jede:r Buchhändler:in täglich leistet bei Lesungen und als kultureller Herzensort ihrer Stadtteile.“

Höhepunkt der Langen Nacht der Literatur

Zum feierlichen Höhepunkt der Langen Nacht der Literatur 2022 wurden am 5. September in der Hamburger Kunsthalle die „Buchhandlung am Sand“, die „Buchhandlung Seitenweise“ und der „Buchlanden Osterstraße“ mit dem Hamburger Buchhandlungspreis ausgezeichnet und erhielten ein Preisgeld 4.000 Euro. Bis in den späten Abend wurden die Preisträger:innen von zahlreiche Buchhänderler-Kolleg:innen, Literaturexpert:innen und Gästen gefeiert.

Die Jury

Die Jury des Hamburger Buchhandlungspreises, bestehend aus Thomas Andre (Hamburger Abendblatt), Daniela Dobernigg (cohen + dobernigg Buchhandel, Preisträgerin 2021), Dr. Antje Flemming (Behörde für Kultur und Medien), Volker Petri (Börsenverein des deutschen Buchhandels), Prof. Dr. Rainer Moritz (Literaturhaus Hamburg), Frauke Untiedt (Bücherhallen Hamburg) und Katja Weise (NDR Kultur), hatte zehn Buchhandlungen nominiert. Entschieden hat sich die Jury erstmals für drei Preisträger:innen.

Drei kulturelle Herzensorte ausgezeichnet

Die Buchhandlung Seitenweise in Hamm ist eine kleine, feine Buchhandlung und aus dem Stadtteil nicht mehr wegzudenken. Unweit der S-Bahn Hasselbrook führt Alexandra Kröger seit 2020 diese Institution im Stadtteil. Trotzdem sind ihre Vorgängerinnen Beatrix Holtmann und Elke Ehlert nicht weg. Sie stehen immer noch regelmäßig hinter dem Ladentisch.

Die Buchhandlung am Sand in Harburg wird seit rund 20 Jahren von Katrin Schmitt und ihrem Mann Georg geführt. In der Hölertwiete haben die beiden und ihr engagiertes Team seit 2020 sogar noch mehr Platz. Der Laden wurde vor zwei Jahren um 150 Quadratmeter, einen ebenerdigen Eingang und eine zweite Kasse erweitert.

„Lesen fängt links an“ ist Motto und Auftrag zugleich für den Buchladen Osterstraße in Eimsbüttel. Seit 1978 ist die Buchhandlung Treff- und Anlaufpunkt für politische Literatur, auch über Eimsbüttel hinaus. Wie auch die Buchhandlung am Sand und die Kolleginnen in Hamm war die Pandemie keine einfache Zeit für das Trio um Torsten Meinicke, Ute Meyer und Bettina Wittich. Aber da geht es ihnen, wie vielen und sie selbst sagten 2021 Frei nach Giuseppe Tomasi di Lampedusa: „Alles muss sich ändern, damit alles so bleibt, wie es ist.“

 


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„Es gibt nichts Reduzierteres als etwas aufzuschieben“

Seit über 20 Jahren sind sowohl Rasmus Engler als auch Jan Müller eng verwoben mit der Hamburger Musikszene. Nun haben die beiden Freunde ihren ersten gemeinsamen Roman „Vorglühen“ veröffentlicht, der – standesgemäß – in der Hamburger Musik­szene spielt. Und zwar im Jahr 1994

Interview: Daniel Schieferdecker

SZENE HAMBURG: Jan und Rasmus, wo und wie habt ihr euch kennengelernt?

Jan: 1998 war das. In einer Bar namens Snoopys Eck in Hamburg-Bahrenfeld. Dort spielte die Indieband Graf Zahl, Freunde von Rasmus. Organisiert war der Gig damals übrigens von unserem gemeinsamen Freund Thees Uhlmann. Ich bin nach einem Konzert der Rolling Stones da hin, da lag die Party aber bereits in den letzten Wehen. Von da aus startete dann aber noch eine sehr ausgiebige Tour durchs Hamburger Nachtleben – der Beginn einer bis heute andauernden Freundschaft.

Ihr habt auch mal zusammengewohnt, oder?

Jan: Ja, in einer WG in der Thalstraße 24; eine Adresse, die auch in „Vorglühen“ eine gewisse Rolle spielt.
Rasmus: Rein zufällig natürlich.

War das auch die Zeit, in der ihr angefangen habt, gemeinsam Musik zu machen?

Jan: Ja. 2001 kam die erste Single von Das Bierbeben.

„Wir wollten das Buch aber auf jeden Fall in der Vergangenheit ansiedeln, vor der Verbreitung von Mobiltelefonen und des Internets“

Jan Müller

Rasmus: Damals waren wir noch sehr angetrieben von jugendlicher Langeweile.
Jan: Unser Leben war auf jeden Fall sehr anders als heute. Ich hatte meine Band Tocotronic, mit der ich ein Auskommen hatte, Rasmus hat noch studiert. Damals konnten wir noch ein bisschen mehr in den Tag hinein- leben als heute. Für „Vorglühen“ war es uns aber wichtig, diese Zeit zu fiktionalisieren und nicht nur Erlebtes aufzuschreiben. Das hätte ich als zu fantasielos empfunden. Wir wollten das Buch aber auf jeden Fall in der Vergangenheit ansiedeln, vor der Verbreitung von Mobiltelefonen und des Internets.

Warum? Ein bekannter Tocotronic- Song und -Slogan lautet schließlich „Digital ist besser“?

Jan: Der Satz war damals bereits als Provokation gedacht. Das Digitale war in der Underground-Szene ja das Feindbild. Aber vieles, was wir im Roman konstruiert haben, wäre nach der Digitalisierung in der Form gar nicht mehr möglich gewesen. Die Probleme, die Liebesgeschichte und die Freundschaft im Roman sind aber natürlich zeitlos.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, gemeinsam ein Buch zu schreiben?

Rasmus: Das stand schon sehr lange zur Debatte. Und eines Tages kam dann unser Literaturagent von außen mit einer Idee auf uns zu …
Jan: Ein Lob an Daniel Wichmann.
Rasmus: …, durch die das Projekt plötzlich konkret wurde und Gestalt annahm.
Jan: Musizieren ist schon toll, aber diese ganzen Instrumente, Verstärker, Kompositionen – das ist auch alles Ballast. Ich fand daher die Idee schön, sich mal auf das Wesentliche zu beschränken. Es gibt ja nichts Reduzierteres, als irgendetwas aufzuschreiben. Und das mit Rasmus zu tun, fand ich toll.

War es schwierig, gemeinsam so einen Roman zu schreiben?

Rasmus: Nein, im Gegenteil. Durch das Imprägniert sein in Bands kennen wir das Arbeiten im Kollektiv ja sehr gut. Es verlief daher genauso offen und chaotisch wie die Arbeit an einer Platte.

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„Vorglühen“, 384 Seiten, Ullstein, 21,99 Euro (Cover: ullstein)


Jan: In der Literatur gibt es natürlich den Nimbus des Schriftstellers, der ganz alleine etwas schafft – weil es ja auch so ist, dass man im Grunde nichts anderes braucht als Papier und Stift. Das aufzubrechen, fand ich aber interessant. Mittlerweile wissen wir auch oft gar nicht mehr, wer eigentlich was geschrieben hat. Das ging sogar so weit, dass ich Rasmus mal für eine Formulierung total gelobt habe, und der mir dann sagte: „Danke, aber ehrlich gesagt: Das hast du selbst geschrieben.“

Welche Formulierung war das?

Jan: Im Buch bezeichnet die alte Dame, bei der der Protagonist wohnt, dessen Verstärker immer als Lautsprecher. Das ist letztlich nur ’ne Kleinigkeit, aber diese Kleinigkeiten machen ein gutes Buch eben aus.

Gab es denn etwas, das eure literarische von der musikalischen Arbeit deutlich unterschieden hat?

Rasmus: Es gab keine Bandproben.
Jan: Und ich fand es viel schwieriger, ein Ende zu finden. Unser Lektor hat irgendwann gesagt: „Stopp! Ihr seid fertig.“

Was hat es so schwer gemacht?

Jan: Weil ein Buch, zumindest für mich, noch eine andere Autorität hat als ein Tonträger. Ich habe mehr Respekt davor.
Rasmus: Das Medium selbst erlaubt sich auch mehr Dynamik.

„Große Dinge passieren nur dann, wenn die Leute sich des Ausmaßes ihres Tuns als solches im Moment nicht bewusst sind“

Rasmus Engler

Im Klappentext eures Buches steht, das Buch gehe unter anderem um das „elektrisierende Gefühl, an dem Ort zu sein, an dem gerade etwas ganz Großes entsteht“. Wie oft habt ihr dieses Gefühl in eurem Leben selbst schon erlebt?

Rasmus: Das Ding ist ja: Menschen, die in so einem Moment dabei sind, wissen es währenddessen nicht. Große Dinge passieren nur dann, wenn die Leute sich des Ausmaßes ihres Tuns als solches im Moment nicht bewusst sind. Wer behauptet, live bei etwas ganz Großem dabei zu sein, ist entweder reif für die Klapse oder ein Vollidiot.
Jan: Ausgenommen sind allerdings Negativereignisse. 11. September. Oder der 24. Februar, als der Krieg in der Ukraine losging. Da war jedem klar, dass eine Zeitenwende anbricht.

Wie war das denn im Rückblick bei der Formung der Hamburger Schule, Jan?

Jan: Ach, damals haben sich viele Leute wichtiger genommen als sie wa- ren. Ich bin natürlich sehr froh, dass mein Leben mit der Band so verlaufen ist, aber ob ich das als etwas ganz Großes bezeichnen würde? Ich weiß nicht. Weder Dirk von Lowtzow, Arne Zank oder ich sind Elvis Presley oder die Beatles.

„Es ist eher der Zeitgeist, der nah an der Wirklichkeit ist, nicht die Figuren“

Jan Müller

Wie viel Autobiografisches steckt im Roman?

Rasmus: Wir haben versucht, das unter einem Prozent zu halten.
Jan: Es ist eher der Zeitgeist, der nah an der Wirklichkeit ist, nicht die Figuren. Der Roman ist in sehr reduzierter Form ja eine Heldenreise mit einer Entwicklung, und die sollte ausgedacht sein. Alles andere hätte ich als langweilig empfunden.

„Vorglühen“ ist ein schöner Titel. Wann habt ihr das letzte Mal vorgeglüht und wo seid ihr danach hingegangen?

Jan: Das muss in den Nullerjahren gewesen sein. Damals war ich sehr elektronikaffin, und das geht ja immer erst so spät los. Da habe ich tatsächlich öfter mal vorgeglüht, weil das nicht mein Stammterritorium war und ich mir dadurch häufig ein bisschen Mut angetrunken habe, um mich auf die Tanzfläche zu wagen.

Ein fertiges Album in Händen zu halten, ist für euch mittlerweile sicher nichts Besonderes mehr. War das beim ersten – gemeinsamen – Buch nun anders?

Rasmus: Die Kartons mit den Buchexemplaren für uns, die wir vom Verlag bekommen haben, sind auf jeden Fall sehr viel dicker und schwerer als bei Platten. Als mir der DHL-Bote das Paket in die Hand gedrückt hat, bin ich fast zusammengeklappt.
Jan: Und dabei war bloß ein Exemplar drin. (lacht)


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Buchtipps: Stoff für schöne Stunden

Sommerzeit ist Erholungszeit ist Lesezeit. Ob auf dem Balkon, im Freibad oder Café: Diese Bücher lesen SZENE HAMBURG-Autor:innen jetzt am liebsten

Egal ob Strand, Balkonien oder die Wiese im Park, gute Bücher wollen überall gelesen werden. Hier finden sich aktuelle und ältere Werke, die es im Sommer zu Lesen lohnt. Dabei gilt immer: Support your Local Bookstore. Natürlich gibt es alle vorgestellten Bücher online zu kaufen, warum aber nicht einfach beim Lieblingsbuchladen vorbei schauen, bestellen und noch ein bisschen stöbern.

„Schloss Gripsholm. Eine Sommergeschichte“ von Kurt Tucholsky

Leichtigkeit einer Sommerliebe – ein Buchtipp von Anna Meinke

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„Schloss Gripsholm. Eine Sommergeschichte“ von Kurt Tucholsky (Foto: Rowohlt)

Die 1931 veröffentlichte Erzählung des Berliner Autors ist wahrlich eine Sommergeschichte. Sie handelt von den Erlebnissen eines jungen Berliner Liebespaares während seines Sommerurlaubs in Schweden. Wenn sich Kurt, genannt Peter, und Lydia, die von ihrem Freund liebevoll „die Prinzessin“ gerufen wird, auf den Weg in ihr Sommerdomizil begeben, beginnt eine Reise voller melancholischer Heiterkeit, die den frisch Verliebten eigen ist. In der schwedischen Provinz erleben die zwei nicht viel – und dennoch macht die von Tucholsky liebevoll beschriebene Sommerfrische des Paares den Urlaub zu einem intimen Ereignis. Mit besonderem sprachlichem Feingefühl verwebt der Autor in den merkwürdig anmutenden Dialogen Berliner Dialekt mit plattdeutschen Wortspielen. Herauskommt ein unkonventionelles, oft lustiges Gerede. Gerade in der Figur und Ausdrucksweise der „Prinzessin“ zeigt sich die sommerlich-tänzelnde Leichtigkeit, die der Erzählung ihren Charme verleiht.

„Schloss Gripsholm. Eine Sommergeschichte“ von Kurt Tucholsky, Rowohlt, 160 Seiten, Taschenbuch 8 Euro

„After the Fall“ von Ben Rhodes

Gedanken zur aktuellen politischen Weltlage – ein Buchtipp von Marco Arellano Gomes

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„After the Fall“ von Ben Rhodes (Foto: Random House)

Dieser Literaturtipp für den Sommer ist keine leichte Kost, aber eine lohnenswerte. Wer nach dem Urlaub mit gewichtigen politischen Argumenten an den Schreibtisch zurückkehren möchte, kommt an diesem Werk kaum vorbei. „After the Fall“ heißt es und stammt von Ben Rhodes, dem einstigen Redenschreiber von US-Präsident Barack Obama. Dieser stellt darin die Frage, wie der Westen in die heutige, missliche Lage geraten konnte. Es fehlte nicht viel und es säße Marine Le Pen statt Emmanuel Macron an der Spitze des französischen Staates; es fehlte nicht viel und ein tölpelhafter Narzisst namens Donald Trump hätte die amerikanische Demokratie mittels eines Putsches aus den Angeln gehoben; und es fehlte nichts, damit der russische Präsident Wladimir Putin einen Angriffskrieg gegen die Ukraine vom Zaun brach.

Wer hat Schuld an diesen Entwicklungen? Wieso gelang es nicht, die Pax Americana – jene für den Westen verheißungsvolle Weltordnung mit Freihandel, Demokratie und Rechtsstaat – als Exportschlager nach 1989 aufrechtzuerhalten? Wie konnte diese Entwicklung in ihr Gegenteil umschlagen? Und welche Rolle spielen hierfür China, Indien, die Türkei, Saudi-Arabien und die Golf-Staaten? Dies sind die Fragen, die sich Ben Rhodes stellt. Besonders lobenswert ist, dass hierbei nicht nur auf die vermeintlich bösen anderen geschaut wird, sondern eben auch auf die eigenen Versäumnisse, Untätigkeiten und Fehlentscheidungen.

„After the Fall“ von Ben Rhodes, Random House, 358 Seiten, 14 Euro. Hinweis: Das Buch ist bisher nur in englischer Sprache erschienen

„Tigermilch“ von Stefanie de Velasco

Teenies auf der Überholspur – ein Buchtipp von Erik Brandt-Höge

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„Tigermilch“ von Stefanie de Velasco (Foto: Kiepenheuer&Witsch)

Als 2010 Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ erschien, war ich überzeugt: So was Schnelles, Fesselndes, sprachlich Fantastisches würde sich so bald nicht wieder lesen. Ich lag völlig falsch. Denn 2013 veröffentlichte die Wahl-Berlinerin Stefanie de Velasco ihren Debütroman „Tigermilch“ – und der hat mindestens genauso sehr in sich. Auch bei de Velasco sind es zwei Teenager, die einen wilden Sommer erleben, allerdings zwei Mädchen, die noch mehr Flausen im Kopf haben als die „Tschick“-Jungs.

Nini (Ich-Erzählerin) und Jameelah sind engste Freundinnen und machen sich Berlin zum Abenteuerspielplatz. Sie haben ihren eigenen Drink (aus Milch, Maracujasaft und Mariacron mixen sie „Tigermilch“) und ihre eigene Sprache (aus „mit Filter drehen“ machen sie „mit Folter drohen“). Allerdings haben sie auch ganz eigene Probleme. Ninis Mutter ist depressiv, ihr Vater meldet sich nicht bei ihr. Und Jameelah droht die Abschiebung in den Irak. Als die beiden dann auch noch Zeuginnen eines Mordes werden, wird ihr Leben vollends auf den Kopf gestellt. De Velasco bietet mit „Tigermilch“ vom ersten bis zum letzten Wort einen Coming-of-Age-Roman, der mich alles andere vergessen ließ: Es zählten nur noch Nini und Jameelah. Großartige Unterhaltung, berührend und beängstigend nah an so vielen Großstadtjugenden unserer Zeit.

„Tigermilch“ von Stefanie de Velasco, Kiepenheuer & Witsch, 288 Seiten, 10 Euro.

„Kafka am Strand“ von Haruki Murakami

Absurd, surreal und einfach schön – ein Buchtipp von Alice von der Laden

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„Kafka am Strand“ von Haruki Murakami (Foto: Dumont)

Ja, zugegeben „Kafka am Strand“ ist schon 2004 erscheinen. Aber Haruki Murakami ist einer der bekanntesten Autoren und stand schon oft in der Diskussion um den Literaturnobelpreis. Grund genug, eines seiner älteren Werke zu empfehlen, warum? Weil es großartig ist. „Kafka am Strand“ ist dabei drei Erzählsprünge in einem Buch: Ein bisschen Entwicklungsroman, ein bisschen fantastisch und ein Hauch von griechischer Tragödie. Im Laufe der Erzählung finden die Stränge zusammen. Die eine Hauptfigur ist Kafka Tamura. Ein Junge, der mit 15 Jahren von Zuhause wegläuft und in eine einsame Bibliothek flüchtet. Als zweite Hauptfigur etablier Murakami Nakama, einen 60-jährigen Mann, der weder Lesen noch Schreiben, aber mit Katzen reden kann.

Das Buch ist und bleibt dabei ein vielleicht typischer Murakami. Es verliert sich oft in Phantasmen – zum Beispiel wenn es auf einmal Makrelen und Blutegel regnet –, die sich einem nicht sofort erschließen. Aber das ist auch die Stärke des Buches: Es ist ideal, um im Sommer in eine Fantasiewelt abzugleiten und sich zusammen mit Kafka Tamura und Nakama auf die Reise zu machen. Die taz schrieb einst über das Buch, es gehöre zu denen, die man möglichst langsam lesen solle, „vor lauter Angst, dass sie zu schnell zu Ende gehen und dann lange keins wie dieses mehr kommt“.

„Kafka am Strand“ von Haruki Murakami, Dumont, 640 Seiten, 28 Euro.

„Wenn’s einfach wär, würd’s jeder machen“ von Petra Hülsmann

Immer was los – ein Buchtipp von Josefine Touihri

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„Wenn’s einfach wär, würd’s jeder machen“ von Petra Hülsmann (Foto: Lübbe)

Der Roman „Wenn’s einfach wär, würd’s jeder machen“ handelt von der 27-jährigen Lehrerin Annika Paulsen, die an eine absolute Albtraumschule abgeordnet wird. Dort machen die Schüler alles lieber als Unterricht. Erst nach und nach findet sich Annika mit der neuen Herausforderung ab. Doch da ist noch was. Privat steht eine Entscheidung an zwischen Tristan, ihrer ersten großen Liebe, die Annika schon einmal das Herz gebrochen hat, und Sebastian, dem süßen Handwerker von nebenan, der in Annikas WG regelmäßig zu Gast ist. Autorin Petra Hülsmann beschreibt eindrucksvoll, dass das Leben nicht immer vorgeschrieben laufen muss. Auch wenn es kleine ungeahnte Abzweigungen nimmt, müssen diese nicht zwingend schlecht sein. Annikas Weg jedenfalls ist deshalb so spannend, weil nicht alles nach Plan läuft. Ein wirklich kurzweiliges Lesevergnügen und ein echter Sommer-Buchtipp.

„Wenn’s einfach wär, würd’s jeder machen“ von Petra Hülsmann, Lübbe, 575 Seiten, 11 Euro

„Born a Crime“ von Trevor Noah

Vom Aufwachsen in Zeiten der Apartheid – ein Buchtipp von Felix Willeke

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„Born a Crime“ (zu deutsch „Farbenblind“) von Trevor Noah (Foto: Blessing)

Trevor Noah ist in Südafrika geboren, im Township aufgewachsen und mittlerweile ein weltweiter Comedy-Superstar. Seit 2015 moderiert er die US-Late-Night-Show „The Daily Show“ und könnte mit Leichtigkeit eine Story nach dem Motto „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ erzählen, doch das tut er nicht. Sein Aufstieg und die Karriere in den USA wird in „Born a Crime“ mit keiner Silbe erwähnt.

Das Buch beginnt mit dem „Immoraliy Act“ (das Unsittlichkeitsgesetz) aus dem Jahr 1927. Er verbot in Südafrika den „außerehelichen Geschlechtsverkehr“ zwischen „einem europäischen Mann“ und einer „eingeborenen Frau“. Als Noah 1984 in Johannesburg geboren wird, ist das Gesetz noch in Kraft, es herrscht Apartheid. Als Sohn einer Xhosa und eines Schweizers ist er das Ergebnis eines Verbrechens – Born a Crime eben. Er erzählt von seiner Kindheit und Jugend in den Townships, von Armut, Hunger und vor allem von der unbändigen Liebe und Stärke seiner Mutter. „Born a Crime“ rührt zu Tränen vor Lachen, vor Trauer und vor Schock.

Es ist keine typische Comedy-Lektüre, wenn Noah von der Frage nach Zugehörigkeit schreibt: Als „mixed“ gehörte er nie zu 100 Prozent zur Black-Community, war kein Asiate und auch kein Weißer. Daher auch der deutsche Titel des Buches „Farbenblind“. Doch bei aller Ernsthaftigkeit, bleiben die komischen Momente nicht aus. Wenn er sich zum Beispiel über gefälschte Sneakers beschwert, bei denen am Adidas-Logo ein Streifen zu viel ist und seine Mutter antwortet: „Lucky you, you got one extra.“ Es ist genau dieser Humor, der „Born a Crime“ so klug, traurig und lustig macht.

„Born a Crime“ (zu deutsch „Farbenblind“) von Trevor Noah, Blessing, 336 Seiten, 20 Euro. Hinweis vom Tippgeber: „Born a Crime“ sollte man unbedingt auf Englisch lesen.

„Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“ von Rocko Schamoni

Über das Leben als Wartender und Suchender – ein Buchtipp von Anarhea Stoffel

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„Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“ von Rocko Schamoni (Foto: Dumont)

Für Sonntag gibt es keinen Platz mehr. Weder in seinem mittlerweile stillgelegten Kunststudium, noch im Wartezimmer seines Psychologen. Jeglicher Aufwand ist ihm bereits zu viel, wofür denn auch? Es gibt ja nicht so viel, wofür es sich zu träumen lohnt. Umso einfacher ist es da, sich treiben zu lassen auf den Straßen St. Paulis, zwischen all den Menschen, die genauso überflüssig sind wie er. Wie schnell man sich da verlieren kann, rasch vergeht mal ein ganzer Tag. Erst abends verlässt Sonntag dann wieder das Haus, schlendert rüber zur nächsten Kneipe, um dort dann die Nacht zu verbringen. Und morgen alles wieder von vorn. Wenn Sonntag die Straßen Hamburgs entlangläuft, beschreibt Schamoni auf tragisch komische Weise genau das Lebensgefühl, das Hamburg mit sich bringt. In keinem anderen Buch kann man sich so sehr zu Hause fühlen wie in diesem. 

„Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“ von Rocko Schamoni, Dumont, 256 Seiten, 10 Euro

„Normale Menschen“ von Sally Rooney

Einfach mal träumen – ein Buchtipp von Katharina Stertzenbach

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„Normale Menschen“ von Sally Rooney (Foto: Penguin Random House)

Wer von der britischen Sunday Times als junge Autorin des Jahres ausgezeichnet wird, der muss es drauf haben. Bei Sally Rooney ist das der Fall. Die mittlerweile 31-jährige Irin bekam den Preis 2017 verliehen, genau ein Jahr bevor ihr zweiter Roman „Normale Menschen“ erschien. Das Buch beschreibt die Liebe zwischen Cornell und Marianne. Ein ungleiches Paar aus einer irischen Kleinstadt. Cornell ist der Sport-Star und Marianne die Merkwürdige. Eine Liebe die beide bis in Ihre College-Zeit verbindet und so einige Höhen und Tiefen durchleben lässt.

„Normale Menschen“ ist die perfekte Lektüre für den Sommer. Denn Rooney verliert sich in ihrer Erzählung nicht in tiefen verkopften psychischen Analysen, sondern lässt die Dinge einfach geschehen. Die Figuren werden dabei auch nicht fertig visualisiert, sodass viel Raum für die eigene Fantasie bleibt. Die Stärke des Buches ist es, die Dinge unvorhersehbar und die vielleicht etwas klischeehaft wirkende Liebesgeschichte einfach passieren zu lassen. Genau diese Unverbindlichkeit macht das Buch so stark und lädt zum Träumen ein.

„Normale Menschen“ von Sally Rooney, Penguin Random House, 320 Seiten, 11 Euro

„Just Kids“ von Patti Smith

Von einer Seelenverwandtschaft und dem unbedingten Willen zur Kunst – ein Buchtipp von Karoline Gebhardt

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„Just Kids“ von Patti Smith (Foto: Kiepenheuer&Witsch)

Sie wird oft als „Godmother of Punk“ bezeichnet, doch ist Patti Smith viel mehr. Wenn man Wikipedia fragt, wird sie als Singer-Songwriterin, Lyrikerin, Künstlerin, Autorin und Fotografin beschrieben. Doch das, was sie zu der macht, was sie ist, ist ihre Geschichte. Sie wuchs in einem sehr religiösen Umfeld in einem Township im US-Bundesstaat New Jersey auf und zog mit Anfang 20 Jahren nach New York und genau hier beginnt die Erzählung von „Just Kids“. In dem im Jahr 2010 erschienenen Buch beschreibt Smith ihre ersten Jahre in New York und ihre Beziehung zu dem später weltberühmt Fotografen Robert Mapplethorpe. Beide sind gleichauf, als sie in den 1960er-Jahren in New York aufeinandertreffen. Sie führen eine Liebesbeziehung, aus der später eine tiefe Freundschaft wird. Zuerst leben beide in Brooklyn und ziehen später ins Chelsea Hotel. Hier lernen sie Größen wie Janis Joplin kennen.

„Just Kids“ ist ein Buch, das von einer Zeit erzählt, die die Musik von heute geprägt hat, wie kaum eine andere. Und nur wenige vermögen es, so davon zu erzählen wie Patti Smith. Doch dabei ist dieser Buchtipp keine Rockmusikerinnen-Biographie. Gespickt von Bildern, Gedichten und Geschichten erzählt es von der tiefen Verbundenheit zweier Menschen, dem unbedingten Willen zur Kunst. Das Buch endet mit dem Tod Mapplethorpes im Jahr 1989. Nur zwei Jahre zuvor protokolliert Smith ein Gespräch zwischen den beiden: „‚Wir hatten nie Kinder‘, sagte er wehmütig. ‚Unsere Arbeit waren unsere Kinder.‘“

„Just Kids“ von Patti Smith, Kiepenheuer & Witsch, 352 Seiten, 20 Euro

„To Shake the Sleeping Self“ von Jedidiah Jenkins

Eine Reise von Oregon nach Patagonien – ein Buchtipp von Noemi Smethurst

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„To Shake the Sleeping Self“ von Jedidiah Jenkins (Foto: Random House)

Es ist Sommer, DIE Zeit für Fernweh. Man bekommt Lust auf Reisen, neue Menschen und neue Erfahrungen. Wie wäre es also, wenn man einfach mal Jedidiah Jenkins kennenlernt? Der US-Amerikaner hat das gemacht, was in der aktuellen Vanlife-Selbstfindungs-Freiheits-Blase so viele propagieren: Er hat es einfach gemacht. Kurz vor seinem 30. Geburtstag kündigt Jenkins seinen Traumjob, schnappt sich sein Fahrrad und fährt los. Vom US-Bundesstaat Oregon bis nach Patagonien. Ein Trip über mehr als 10.000 Kilometer und fast zwei Jahre.

In seinem Buch lässt er kein Thema aus. Er schreibt über Menschen, Grenzen und Glauben. Beim Lesen kommen einem selbst Fragen in den Kopf, die man mit sich ausmachen muss. Jenkins ist ein Wanderer, dem wir bei seiner Reise zum eigenen Ich zuschauen dürfen. Dabei kommt neben den tiefen Fragen auch die Sehnsucht nach Neuem auf und sicherlich erwischt sich der oder die ein oder andere Leser:in dabei, das Buch kurz wegzulegen und nach Flügen in Richtung der Orte zu suchen, die Jenkins beschreibt.

„To Shake the Sleeping Self“ von Jedidiah Jenkins, Random House, 336 Seiten, ab 13 Euro. Hinweis: Das Buch ist bisher nur in englischer Sprache erschienen


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Max Frisch fragt … Michael Göring

Autoren der Gegenwart antworten auf den berühmten Fragebogen von Max Frisch. Dieses Mal antwortet der Literaturwissenschaftler und Autor Michael Göring – sein aktueller Roman „Dresden. Roman einer Familie“ ist im Osburg Verlag erschienen

Genießen Sie moralische Entrüstungen?

Nur sehr selten. Ich erlebe bei denjenigen, die sich entrüsten, immer häufiger Selbstüberschätzung, Selbstgefälligkeit und Unehrlichkeit.

Wie viel Heimat brauchen Sie?

Sehr viel. Den Menschen, den Musikwerken und den Orten, die mir Heimat bieten, bleibe ich unbedingt verbunden. Da bin ich äußerst treu.

Kann Ideologie zu einer Heimat werden?

Ja, aber es kann dabei gefährlich eng werden. Besser ist es, wie Hesses Siddharta sich von vorgegebenen Ideologien zu befreien und offen den eigenen Weg zu finden mit allen Höhen und Tiefen, aber voll von eigenen Erfahrungen. Ich habe mit Sigmund, dem Protagonisten in „Hotel Dellbrück“, eine Person zeigen wollen, die über ihr Tun zur Identität findet, sich die Heimat selbst erschafft.

„Religionen sind wichtig für unsere emotionale Balance“

Muss eine Hoffnung, damit Sie in ihrem Sinn denken und handeln, nach Ihrem menschlichen Ermessen erfüllbar sein?

Nicht unbedingt. Religionen wie allgemeine spirituelle Sehnsüchte leben mit und von Hoffnungen, deren Erfüllbarkeit vage bleibt und vor unserem Verstand nicht standhält. Dennoch sind Religionen, also das Streben nach Rückbezug, nach Verankerung, und Spiritualität wichtig für unsere Balance von Ratio, dem emotionalen Wunsch nach Sinn und der Freude am Tag.

Was stört Sie an Begräbnissen?

Nichts. Begräbnisse sind kulturell verschieden ausgeprägt, durchlaufen auch bei uns einen Wandel, konfrontieren uns aber mit dem Endgültigen, dem Abschied. Begräb­nisse gehen mir schrecklich nahe, wenn sehr junge Menschen begraben werden.

Überzeugt Sie Ihre Selbstkritik?

Am meisten dann, wenn sie sich allmählich im Gespräch mit anderen bei mir herausschält.

Autoren der Gegenwart antworten auf den berühmten Fragebogen von Max Frisch

Michael Göring liest am 20. Mai 2022 im kleinen Michel und am 19. Juni um 11.30 Uhr auf der Sonntags-Matinée im Heine Haus aus seinem Buch „Dresden. Roman einer Familie“

Max Frisch: „Fragebogen. Erweiterte Ausgabe“, Suhrkamp, 127 Seiten, 10 Euro


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„Ich wusste nie, ob wir bloß vorsichtig waren oder schon paranoid“

In „Die Diplomatin“ schreibt Lucy Fricke, Autorin des Bestsellers „Töchter“, aus Sicht einer deutschen Konsulin, die an die Grenzen der Diplomatie stößt. Ein Gespräch über das Leben im politisch aufgeheizten Istanbul, den geringen Frauenanteil im Auswärtigen Amt und im Verborgenen organisierte Fluchten

Interview: Ingrun Thiele

SZENE HAMBURG:  Frau Fricke, die Handlung Ihres neuen Romans „Die Diplomatin“ spielt im zweiten Teil in Istanbul. Entstand die Idee zum Buch vor Ort?

Lucy Fricke: Ich war sehr lange in Istanbul, mehrere Monate, verteilt auf fast zwei Jahre. Zunächst hatte ich gar nicht den Plan, in der Form über Istanbul zu schreiben, sondern bin vollkommen „leer“, ohne Idee für einen neuen Roman, dort hingefahren. Durch mein vorheriges Buch „Töchter“ hatte ich ein turbulentes Jahr hinter mir mit fast 70 Lesungen – ich bin vollkommen erschöpft in der Türkei angekommen. Das, was ich dort gesehen habe, hat mich dann so sehr beschäftigt, dass ich darüber schreiben wollte. Mich haben die Geschichten hinter den Nachrichten interessiert.

Was genau hat Sie interessiert?

Die Schicksale der Menschen in autoritären Verhältnissen, wie etwa unter Anklage stehende oder inhaftierte Türken und Deutsch-Türken oder deutsche Staatsangehörige, die mit einer Ausreisesperre in der Türkei festsaßen. Aus einer türkischen Perspektive habe ich es nicht erzählen können, deswegen habe ich aus der Sicht der deutschen Diplomatin Fred geschrieben. Sie stößt auf die Grenzen der Rechtsstaatlichkeit, auf staatliche Willkür und Machtlosigkeit.

„Diplomatie ist immer eine Politik der kleinen Schritte“

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„Die Diplomatin“ von Lucy Fricke erzählt von schwieriger Diplomatie und einer Frau in eine Männerwelt

Ihre Protagonistin, Fred, wollte mit ihrem Job als Botschafterin die Welt ein Stück verbessern. Wusste sie, auf was für ein Leben sie sich einlässt?

Sie ist nicht naiv, sie wusste schon zu Beginn ihrer Karriere, dass sie in ihrem Job einen sehr engen Handlungsspielraum hat und begrenzte Möglichkeiten. Die Diplomatie ist immer eine Politik der kleinen Schritte, des Miteinanderredens und Verhandelns. Daran glaubt sie. Wenn allerdings auf der anderen Seite niemand mehr den Hörer abhebt, wird es schwierig mit dem Reden.

Die Arbeit in der Welt der Diplomatie bestimmt Freds Leben, auch blieb sie deswegen kinder- und partnerlos. Hat sie ihren Lebensweg bereut?

Na ja, es ist sicherlich ein Roman der Ernüchterung. In dieser Generation musste vieles für den Job aufgeben werden, besonders als Frau. Fred kommt eines Tages an den Punkt, an dem sie sich fragt, ob es das wert war. Als sie an ihren Beruf den Glauben verliert, bricht im Prinzip ihr Leben zusammen, weil alles darauf aufbaut.

Würden Sie sagen, dass Karriere und Einsamkeit unweigerlich einhergehen?

Unweigerlich sicherlich nicht. Aber ich glaube schon, dass Einsamkeit und Erfolg oft zusammenhängen. Besonders, wenn der Beruf das Einzige im Leben ist und das Leben bestimmt. Männer in solchen Positionen haben öfter begleitende Ehefrauen, die den eigenen Beruf erst mal ruhen lassen. Fred ist gezwungen, alle paar Jahre den Ort zu wechseln, sie ist rund um die Uhr in dieser Funktion als Botschafterin, sie repräsentiert Deutschland im Ausland und das permanent. Als öffentliche Figur hat sie so gut wie keine Privatsphäre, sie lebt hinter ihrer Fassade und weiß nicht, wem sie überhaupt vertrauen kann. Das macht einsam.

Nur 20 Prozent Diplomatinnen

Sie schreiben, Fred sei weder eine gescheiterte Frau noch eine egoistische Karrieristin. Was ist sie dann?

Nun ja, sie hatte zwei Fehlgeburten. Sie wurde von ihrem Mann verlassen. Kinderlosen Frauen wird immer unterstellt, sie hätten sich explizit dafür entschieden, um ihre Freiheit zu genießen oder Karriere zu machen. Es ist aber nicht unbedingt eine bewusste oder freiwillige Entscheidung. Manchmal klappt es nicht oder es ergibt sich einfach nicht. Darum ging es mir an der Stelle. Zu sagen, dass Fred nicht diese Karrierefrau ist, sondern dass sie einfach nicht das Glück hatte, schwanger zu werden. Aber das ist kein Scheitern. Es ist möglich, auch ohne eigene Familie und Kinder ein erfülltes Leben zu führen.

Es ist eher ungewöhnlich, mit Fred eine Frau in dieser Position zu sehen.

Nur etwa 20 Prozent dieser Positionen sind von deutscher Seite mit Frauen besetzt. Die Frauenquote soll nun angehoben werden auf 50 Prozent, langsam ändert sich etwas – das Problem ist, dass es noch nicht genügend Frauen auf dieser Ebene gibt. Man muss schon 20, 25 Jahre beim Auswärtigen Amt sein, um überhaupt Botschafterin werden zu können, die Veränderungen kommen also sehr zeitversetzt an. Genau das fand ich spannend: Eine Frau einzusetzen in einer noch männerdominierten Welt der Diplomatie.

Im Laufe des Buchs verliert sie den Glauben an die Diplomatie und findet andere Wege am Rande der Legalität. Was müsste Ihres Erachtens geändert werden?

Die Abhängigkeiten müssten reduziert werden. Darum geht es aktuell in den Beziehungen zu Russland, aber auch die Verflechtungen zwischen Deutschland und der Türkei sind immens. Wirtschaftliche oder geopolitische Abhängigkeiten schränken den Handlungsspielraum eines Landes enorm ein. In Krisen- und Kriegszeiten fliegt einem das um die Ohren. Ich wünsche mir außerdem, dass noch stärker, immer und überall, die Einhaltung und Durchsetzung der Menschenrechte verhandelt wird.

„Genau das fand ich spannend: Eine Frau einzusetzen in einer noch männerdominierten Welt der Diplomatie.“

Lucy Fricke

Politik als offenes Buch

Dass Diplomaten verurteilten Menschen zur Flucht verhelfen, basiert auf wahren Fällen?

Wenn sie verurteilt sind, ist es meistens zu spät. Oftmals steht eine Anklage im Raum, ein nahender Prozess, in dieser Zeit kann man noch handeln. Das, was Fred tut, haben auch Diplomaten in der Vergangenheit getan und die sind auch noch alle im Beruf. Nur wird das nicht öffentlich gemacht, damit Kontakte und Fluchtrouten nicht verraten werden und die Wege weiterhin offengehalten werden können. Es ist absolut nötig, im Verborgenen zu arbeiten. Heiko Maas hat „Die Diplomatin“ auch besprochen und bestätigt die Realitätsnähe. Ich glaube nicht, dass er das als amtierender Außenminister hätte sagen dürfen.

Die Politik ist eine verschlossene Welt für sich. Wie haben Sie Zugang dazu erhalten?

Erstaunlicherweise war sie gar nicht so verschlossen, wie man immer denkt. Ich stellte mich als Schriftstellerin vor und bat direkt um ein Gespräch. Ich bekam relativ schnell Termine mit Diplomaten, Botschaftern, aber auch mit Journalisten und Anwälten. Zu meinem Erstaunen haben sie ziemlich offen erzählt.

Woran liegt das?

Vielleicht, weil ich Schriftstellerin bin und keine Journalistin. Ich glaube, viele waren froh, dass jemand Interesse daran zeigt, wie das Ganze funktioniert und nicht bloß aus der Ferne einen Roman darüber schreiben will. Ich habe mich für die ganzen Details interessiert. Diese Offenheit hatte allerdings die klare Grenze, dass ich die Gespräche nicht aufzeichnen und keine Namen nenne durfte. Zudem war ich lange dort, die Gespräche zogen sich teilweise über Monate, in denen wir uns immer wieder trafen, sodass Vertrauensverhältnisse entstanden.

Türkei-Depression

Haben Sie diese politisch angespannte Atmosphäre, die Sie in Ihrem Roman beschreiben, auch in Ihrem dortigen Alltag wahrgenommen?

Sie war für mich allgegenwärtig. Ich hatte dort ein Stipendium der Kulturakademie Tarabya, die sich auf dem Gelände der Sommerresidenz des deutschen Botschafters befindet. Dieses Grundstück grenzt direkt an eine andere Residenz, und zwar an die von Erdoğan. Wenn ich das Apartment verließ, sah ich seine Soldaten, die das Gelände sicherten. Im Café gegenüber saß immer wieder der Geheimdienst. In den Gesprächen mit Türken wurde der Name des Präsidenten so gut wie nie ausgesprochen. Ich lernte Menschen kennen, die Freunde bei sich zu Hause versteckten, die untergetaucht waren, um dem Gefängnis zu entgehen. Viele wussten, dass sie überwacht wurden. Es wurde normal, dass wir gewisse Textnachrichten sofort nach dem Lesen löschten. Bei manchen Gesprächen schalteten wir die Handys aus, legten sie nebenan ins Schlafzimmer. Ich wusste nie, ob wir bloß vorsichtig waren oder schon paranoid. Nach zwei Monaten hatte ich meine erste Türkei-Depression. So ging es hin und her. Ich liebe Istanbul, es ist die schönste Stadt, die ich kenne und es wimmelt dort von wunderbaren Leuten. Es war schön und beängstigend zugleich. Erst als ich wieder in Berlin war, habe ich gemerkt, wie sehr mir das alles in die Knochen gegangen ist.

Dann war die Recherche wohl sehr intensiv?

Sehr. Zugleich war sie aber sehr befriedigend. Ich habe unglaublich viel gelernt und erfahren. Ich habe bewundernswerte Menschen getroffen, die ihren Glauben, ihre Liebe und ihren Humor nicht verloren haben, die nicht aufhören, zu kämpfen. Das Schreiben an diesem Roman hat mich definitiv klüger und demütiger gemacht.

Lucy Fricke: „Die Diplomatin“, Ullstein-Verlag, 256 Seiten, 22 Euro.


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„Die Züchtigung hatte etwas erotisches“

In der autobiographischen Erzählung „Der unterbrochene Wald“ erinnert sich Georges-Arthur Goldschmidt an seine Kindheit und Jugend während des Holocaust und an seine Flucht vor dem Naziregime. Ein Gespräch über erregende Strafrituale, die Bedeutung von Heimat und darüber, was die permanente Angst ums Leben mit einem Menschen macht

Interview: Ingrun Thiele

SZENE HAMBURG: Herr Goldschmidt, Ihr vorheriges Buch, „Der versperrte Weg“, haben Sie auf Deutsch geschrieben, „Der unterbrochene Wald“ nun auf Französisch. Wieso der Sprachwechsel?

Georges-Arthur Goldschmid: Für mich ist es eine befreiende Sprache, weil die Franzosen mich vor der Deportation der Nazis beschützt haben. Ich bin kein Jude, sondern ein sogenannter „Nicht-Arier“ und wurde von den Deutschen gesucht. Die Franzosen haben ihr Leben riskiert, um mich zu verstecken, nur ihretwegen habe ich überlebt.

Schreiben Sie deshalb, dass die französische Sprache „Redefreiheit“ bedeutet?

Frankreich unterlag der Okkupation des Nazi-Deutschlands, doch hat sich mit Gebrüll davon befreit. Dadurch habe ich gelernt, dass die Regierung gegen die Unterwerfung rebellieren kann. Als ich ein Knabe war, sprach niemand von Freiheit, es war verboten und selbst als 16-Jähriger bestand noch immer die Gefahr für mich, deportiert und verhaftet zu werden. Die Befreiung im September 1944 bedeutete daher für mich die endgültige Erleichterung und deswegen ist Französisch für mich die Sprache der Befreiung und der Freiheit.

Flucht nach Italien und Frankreich

Wie sah Ihre Flucht aus?

Ich bin in einer bürgerlichen, sehr kultivierten Familie geboren, die in Hamburg seit mehr als 200 Jahren lebte. Mein Vater war Oberlandesgerichtsrat in Hamburg. Als die Nicht-Arier 1938 nicht mehr existieren durften, hatten meine Eltern das Glück, Kontakte nach Florenz zu haben, sodass ich nach Italien geschickt wurde. Als ich von dort erneut vor den Nazi-Schergen flüchten musste, kam ich ins Internat nach Frankreich und als Savoyen von den Deutschen besetzt wurde, hielten mich Bergbauern versteckt. Dadurch waren Sie dem Gefühl einer existenziellen Ortlosigkeit ausgesetzt.

Fühlen Sie sich heute eher Deutschland oder Frankreich heimatlich verbunden?

Diese Frage ist typisch deutsch! Heimat ist kein fixer Begriff und sie ist nicht nur der Ort, wo man geboren worden ist. Für mich ist Heimat da, wo ich glücklich gewesen bin, daher fühle ich mich zu all diesen Orten verbunden. Ich habe heimatliche Erinnerungen an Orte, an denen ich nur zwei Tage gewesen bin oder ich erinnere mich an den Blick auf den Mont Blanc, den ich von dieser Seite noch nie gesehen hatte. So gesehen hat jeder Mensch Tausende Heimatbilder, die sich eingeprägt haben, unabhängig vom Geburtsort. Und heute fühle ich mich hier in Paris bei meiner Frau wunderbar beheimatet.

„Fünf Franzosen haben ihr Leben für mich aufs Spiel gesetzt“

Wie kamen Sie zu dem Bergbauern, der Sie vor den Nazis versteckte?

Er lebte sehr zurückgezogen in einem schwer zugänglichen Tal. Er hatte fürchterliche Angst und hat mich bald bei einem anderen Bauern unterkommen lassen. Er hatte nicht nur mich, sondern auch andere bei sich versteckt. Vermittelt wurde ich von einem alten, katholischen Missionar. Fünf Franzosen haben ihr Leben für mich, einen verpinkelten Jüngling, aufs Spiel gesetzt, um mich vor der Deportation zu bewahren. Das finde ich unerhört und so was vergisst man nicht.

Beim Lesen wird nicht ganz deutlich, wie genau Ihre persönliche Bindung zu ihm und seiner Familie war.

Es war keine Art Familienersatz, aber ich war absolut fremd und trotzdem war es für ihn und viele andere Franzosen selbstverständlich, uns einen Unterschlupf zu geben. Dadurch bin ich ihm und Frankreich sehr verbunden.

Dann waren Sie keine Ausnahme?

Frankreich ist das Land, in dem die meisten Juden versteckt worden sind. Von den 320.000 in Frankreich lebenden Juden wurden dadurch „nur“ 75.000 in die Vernichtungslager deportiert.

Jude sein, Flucht und Erklärungen eines Kindes

Ihre Eltern haben nie darüber gesprochen, was es heißt, Jude zu sein.

In der Schule lernten wir einmal das Gedicht „Die Loreley“ von Dichter Unbekannt – das war von Heinrich Heine, aber der war Jude. Und es war unmöglich, zu sagen, dass das bekannteste deutsche Gedicht von einem Juden sei, selbst meine Eltern haben es mir nicht gesagt, sie haben sich davor gehütet!

Haben Sie bei der Verabschiedung trotzdem geahnt, wieso Sie weggeschickt wurden?

Als sie mich an den Bahnhof brachten, das ist der vielleicht traurigste Tag in meinem Leben gewesen. Ich ahnte, wieso sie mich wegschickten, aber ich verstand nicht. Ich hatte Schuldgefühle, weil ich als kleiner Junge an mir rumgefummelt habe und brachte das damit in Verbindung. Ich versuche immer, das in meinen Schmökern zu erklären, aber ich weiß selbst nicht mehr genau, wie das gewesen ist.

Sind Sie damals von einem Wiedersehen ausgegangen?

Diese Frage erweckt in mir unterschiedliche Gedanken … Ich glaube nicht. Ich nehme an, ich wusste, dass ich meine Eltern nie wieder sehen würde, zumindest unterbewusst. Kinder wissen immer Bescheid, sie ahnen alles. Ich habe das wohl irgendwie herausgeschnüffelt.

„Man empfand zugleich ein Leiden und eine Lust“

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Stand 2021 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises: „Der unterbrochene Wald“ von Georges-Arthur Goldschmidt (Foto: Wallstein Verlag)

In dem Internat, in dem Sie in Frankreich untergebracht worden sind, mussten Sie traumatisierende Gewalterfahrungen erleiden.

Die Situation war natürlich fürchterlich, ich war nackt und wurde blutig geschlagen. Aber es war für mich nicht so schlimm, wie es aus der heutigen Sicht erscheint. In der damaligen Zeit, vor allem in katholischen Internaten, war es gang und gäbe, dass man auf den Po geschlagen wurde. Und nicht nur dort, es war auch selbstverständlich, dass es in jeder Familie einen gelben Onkel gab.

Was ist ein „gelber Onkel“?

Das war eine Rute, um Kinder zu schlagen. In jeder Nation wurden Kinder gezüchtigt. Das Thema spielte für alle Menschen meiner Generation eine große Rolle, nur spricht keiner darüber, was man dabei empfand.

Sie meinen, dass die Züchtigung etwas Erregendes für Sie hatte?

Es war ein zweideutiges Unternehmen, man empfand zugleich ein Leiden und eine Lust, die Züchtigung hatte etwas Erotisches. Mit 18 war ich selbst noch ein Kind, ich hätte dagegen revoltieren können, doch ich war zu faul oder zu feige, dagegen anzugehen. Ich ließ es geschehen. Heute hält man nichts mehr davon und es ist zum Glück verboten und vergessen.

Wie denken Sie heute über Ihre Peiniger?

Die Direktorin des Heims hat mich vor der Deportation gerettet. Es machte ihr zwar Spaß, Kindern auf den Hintern zu schlagen, sie ergötzte sich an Jünglingen. Aber das war nun mal diese Zeit, ich nehme ihr das nicht übel. Ich hege allgemein keine Rachegefühle gegen jemanden, Menschen sollte man nichts übelnehmen. Die Leute, die die Befehle ausgeben, sind gefährlich, aber nicht die armen Schlucker, die gehorchen müssen.

„Angst ist so fürchterlich“

Sie schreiben in Ihrem Buch von einer inneren Unruhe und einem allgegenwärtigen Verfolgungswahn, die das Seinsverbot mit sich zogen – merken Sie das heute noch?

Eigentlich war das kein Wahn, das war Realität. Es wurde nach meinem Leben getrachtet und diese verrückte Hitlerei führte dazu, dass alle Juden, Halbjuden, Nicht-Arier mit einer Boshaftigkeit ohnegleichen behandelt wurden. Ich selbst bin protestantisch erzogen worden, hätte deutscher gar nicht sein können und trotzdem wurde ich verfolgt. Die Hitlerei ist das schlimmste Verbrechen in der Geschichte der Menschheit. Der Antisemitismus hat Millionen Menschen das Leben gekostet und das ohne Grund. Das hat mich natürlich geprägt und es ist noch irgendwie in mir.

Haben Sie ein Beispiel?

Meine Frau meinte, ich hätte manchmal komische Reaktionen. Wenn ich mich in einem öffentlichen Raum befinde, sitze ich immer nahe der Tür, ein Fluchtinstinkt. Das sind Verhaltensweisen und Reaktionen, die ich selbst gar nicht bemerke.

Entstand daraus die Vorstellung, sich „im Ohr eines Pferdes verkriechen“ zu wollen?

Mein großer Bruder reihte sich in den Widerstand ein, ich versteckte mich und hatte ständige Angst, von den Deutschen gefunden zu werden. Angst ist so fürchterlich. In jedem Löchlein möchte man verschwinden, man sucht überall mögliche Verstecke. Und das Ohr eines Pferdes, da hat man doch wunderbar Platz, man ist gegen den Regen geschützt und es ist warm – wie im Märchen. Aber es ist natürlich nur eine illusorische Sicherheit, ein körperliches Bedürfnis. Diese Wunschvorstellung schützt einen nicht, aber sie gab mir eine innere Sicherheit.

Georges-Arthur Goldschmidt: „Der unterbrochene Wald“, Wallstein, 133 Seiten, 20 Euro


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Max Frisch fragt … Bjarne Mädel

Autoren der Gegenwart antworten auf den berühmten Fragebogen von Max Frisch. Dieses Mal antwortet der Schauspieler Bjarne Mädel. Am 7. April 2022 um 20 Uhr liest er im Schauspielhaus aus Sven Strickers „Sörensen am Ende der Welt“. Für die Verfilmung des ersten Teils der Sörensen-Reihe, „Sörensen hat Angst“, übernahm Mädel Regie und Hauptrolle.

Welche Erfahrungen, die Sie unter Alkohol gemacht haben, möchten Sie keinesfalls missen?

Den Salto damals und mit geschlossenen Augen Motorrad fahren, aber ich kann mich nur dunkel erinnern …

Irritieren Sie die Leute, die nichts trinken?

Mich irritieren eher die Leute, die trinken und nicht merken, dass sie keinen Alkohol vertragen und dann Dinge tun, an die sie sich später nicht erinnern können.

Möchten Sie lieber mit Bewusstsein sterben oder überrascht werden von einem fallenden Ziegel, von einem Herzschlag, von einer Explosion usw.?

Sollte ich schmerzvoll sterben, gern schnell und ohne Vorankündigung. Sollte ich das große Glück haben, friedlich zu gehen, dann stelle ich mir das Ableben vor, wie das Einschlafen nach einem extrem langen und anstrengenden Tag, das kann dann in Ruhe zwei Minuten dauern … und gern mit Applaus.

Wissen Sie, was Sie brauchen?

Oft. Mehr Zeit.

Wenn Sie spüren, dass Ihnen jemand mit Antipathie begegnet: was gelingt Ihnen dann eher, Witz oder Humor?

Bei grundloser Antipathie bin ich ratlos und mir fehlt der Humor. Ich erlebe das zum Glück sehr sehr selten. Ich nehme das dann aber auch nicht persönlich, da bei den Hassern dann ja oft große Mengen Alkohol im Spiel sind.

Was ertragen Sie nur mit Humor?

Interview-Fragebögen im Speziellen und das Leben im Allgemeinen.

Bjarne Mädel liest am 7. April 2022 um 20 Uhr im Schauspielhaus aus Sven Strickers „Sörensen am Ende der Welt“

Max Frisch: „Fragebogen. Erweiterte Ausgabe“, Suhrkamp, 127 Seiten, 10 Euro


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„Er war einfach ein Kauz“

Monika Helfers „Löwenherz“ ist das dritte Buch ihrer Familientrilogie. Ein Gespräch über die Kunst des Lügens, wandelnde Erziehungsstile und das entrissene Lebensglück ihres Bruders, der mit 30 Jahren den Freitod wählte

Interview: Ingrun Thiele

Die Figuren in Monika Helfers Büchern haben Mut, Überlebenswillen und den gesunden Trotz eines Kindes, nämlich den Trotz, sich von gesellschaftlichen Wertvorstellungen und Kategorisierungen nicht beirren zu lassen“, hieß es in Dorothea Zanons Laudatio für die Autorin, als dieser 2016 das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst verliehen wurde. Auch in ihrem neuen Buch „Löwenherz“ behält Helfer ihren persönlichen und zugleich ungeschminkten Schreibstil bei. Egal, ob es um ihr offenkundiges Fremdgehen in vergangenen Zeiten geht oder um hässliche Babys – Helfer schreibt stets ungezwungen über gesellschaftlich verpönte Denkweisen und tabuisierte Themen.

Eine Hommage – nicht ganz einfach

SZENE HAMBURG: Frau Helfer, fällt es Ihnen leichter, über reale Personen zu schreiben als sich Figuren auszudenken?

Monika Helfer: Nein, bei fiktiven Figuren bin ich gelassener, weil sie weiter weg sind. Aber ich habe das Gefühl, dass ich inniger schreibe, wenn ich mit Herzblut dabei bin.

Haben Sie sich deswegen entschieden, über Ihren Bruder zu schreiben?

Ja, wir waren uns sehr nah. „Löwenherz“ ist ja das dritte Buch meiner Familientrilogie. Nachdem ich bereits über meinen Vater und meine Vorfahren geschrieben habe, ist mir als nächstes gleich Richard eingefallen. Er ist eine so besondere und interessante Figur, die sich für ein weiteres Buch gut geeignet hat. Ich wollte eine Hommage an ihn schreiben, was allerdings nicht einfach war, weil Richard so viele Facetten hatte.

„Erfinden ist nicht immer etwas Schlechtes“

Meinen Sie damit, dass Ihr Bruder ein „Schmähtandler“ war – also ein Mensch, der trickst und lügt?

Ja, Richard hat ständig Geschichten erfunden.

Haben Sie ein Beispiel?

Unzählige! Einmal hat er sich beim Betreten eines Ladens als Blinder ausgegeben, damit sein Hund als Blindenhund mit reindurfte. Die beiden waren unzertrennlich.

Gleichzeitig bezichtigen Sie ihn nie der böswilligen Lüge.

Das Erfinden ist nicht immer etwas Schlechtes, oft hat Richard Personen durch seine Geschichten sogar aufgewertet. Sein Erfinden war für alle eher eine Freude, ein Spaß.

Konnten Sie dabei immer unterscheiden, wann er die Wahrheit sagt und wann er fabuliert?

Nicht immer, aber meistens. Aber das war mir auch egal. Ich war nie darauf gefasst, die Wahrheit zu hören und wenn man das weiß, kann man damit leben.

„Ich glaube, dass sich Richard nie richtig geliebt gefühlt hat“

Was hat Richard dabei angetrieben?

Ach, er war einfach ein Kauz. Er hatte eine schwierige Kindheit: Erst starb unsere Mutter, dann kam er zu einer Tante, weil unser Vater sich aus unseren Leben zurückgezogen hatte. Diese Tante hatte einen Ehemann, der immer laut gebrüllt hat, um seine Blindheit zu kompensieren – ein riesiger Mensch mit einer unglaublich tiefen, lauten Stimme, das war für ein Kind natürlich angsteinflößend. Meine Schwestern und ich waren bei einer anderen Tante untergekommen, sodass wir getrennt von ihm waren, er war also allein. Ich glaube, dass sich Richard nie richtig geliebt gefühlt hat.

Wenn man dem Buch glaubt, hat ihn seine Tante doch geliebt?

Die Liebe zu Kindern war damals so eine Sache … Kindern werden heutzutage wie selbstverständlich Wünsche erfüllt und sie werden von den Eltern geküsst – früher waren Kinder eher wie kleine Erwachsene und wurden strenger erzogen. Auch meine Geschwister und ich sind so aufgewachsen, wir sind nie verhätschelt worden.

„Er hat nicht gern gelebt“

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In „Löwenherz“ erzählt Helfer von ihrem Bruder.

Er hat sich dort also nie wohlgefühlt?

Ich glaube nicht. Als Fünfjähriger war er mal eine Woche verschwunden und seine Tante hatte Angst, dass man ihr vorwerfen würde, sie hätte schlecht auf ihn aufgepasst. Deswegen meldete sie es nicht der Polizei, erst am fünften Tag stand eine Vermisstenanzeige in der Zeitung. Wie sich herausstellte, hatte er sich eine Höhle im Wald gesucht und sich dort versteckt. Es war Sommer, er hatte eine Wolldecke mitgenommen und genügend Proviant, er fühlte sich in dieser Höhle wohl.

Waren seine Lügengeschichten auch eine Art Flucht vor der Wirklichkeit?

Er wollte mit der Welt nichts zu tun haben. Er hat nicht gern gelebt. Er hat zwar gerne als Schriftsetzer gearbeitet und in seiner Freizeit gemalt, aber glücklich war er nie. Das änderte sich, als ihm der Hund zulief, den er bei sich aufnahm und als Kitti ihm später das Kind gab, das nicht sein eigenes war.

„Kitti hat etwas Dämonisches“

Richard lernte die schwangere Kitti kennen, die gleich ihr erstes Kind „Putzi“ an ihn abdrückte, obwohl sie sich gar nicht richtig kannten. Wieso ließ er sich so von ihr ausnutzen?

Das fragt man sich, das versteht kein Mensch. Im Buch habe ich es natürlich etwas übertrieben dargestellt, aber Kitti hat etwas Dämonisches. Sie wollte einfach nur Spaß am Leben haben und die beiden Kinder waren ihr lästig. Eines Tages kam sie an und wollte auch ihr Neugeborenes loswerden. Weil Richard aber nicht mit Babys umgehen konnte, wurde es kurzerhand bei mir und meinem Mann untergebracht, was ihr vollkommen gleichgültig war. Dieses Verhalten ist kriminell.

Und Sie haben nichts unternommen?

Wir haben zu Richard immer wieder gesagt: „Richard, du musst zur Polizei gehen, es ist nicht dein Kind, du kannst Schwierigkeiten bekommen!“ Aber er hat es schlichtweg nicht gemacht. Und das Merkwürdige ist, dass wir uns irgendwann selbst daran gewöhnt hatten. Das Baby – Putzi 2 – wurde nach einer Woche wieder von ihr abgeholt, aber Putzi 1 gehörte dann zu Richard dazu. Sie war so reizend und entzückend, wir haben sie alle geliebt.

Putzi 1 und Putzi 2

Was hat es eigentlich mit diesen seltsamen Namen auf sich?

Das Verrückte ist, dass Richard nie wusste, wie das Kind hieß! Kitti nannte ihre Kinder immer nur Putzi 1 und Putzi 2 und konnte sich den komplizierten richtigen Namen von Putzi 1, den deren Vater ihr gab, vermutlich gar nicht merken. Ich glaube, sie hat nicht mal gewusst, von welchem Mann das zweite Kind war, sie ist ja mit jedem ins Bett gegangen.

Und deswegen wurde kein offizieller Adoptionsantrag gestellt?

Ja, eines Tages hat Richard Tanja geheiratet, eine Anwältin. Sie dachte, genau wie alle anderen, dass Putzi sein Kind wäre. Als sie es dann herausfand, wollte sie versuchen, das Kind zu adoptieren. Das Problem war, dass man ein Kind nicht adoptieren kann, dessen Namen man nicht weiß und er war nicht mal der leibliche Vater. Also schrieb Tanja einen Brief direkt an Kitti und bat um die Adoption, woraufhin diese aber wenige Tage später mit Verstärkung vor der Tür stand und Richard das wie am Spieß schreiende Kind entzog.

Das muss furchtbar für ihn gewesen sein.

Seine Zuneigung zu Tieren und zu Kindern war typisch für ihn, Putzi und der Hund waren sein Lebensglück. Als der Hund starb und ihm Putzi genommen wurde, hatte er keinen Grund mehr gehabt zu leben und hat sich dann auch mit 30 Jahren von der Welt verabschiedet.

„Putzi 1 – wir haben sie alle geliebt“

Interessiert Sie, was aus Putzi 1 und Kitti geworden ist?

Was aus Putzi geworden ist, wüsste ich schon gerne. Bei Kitti – um Himmels willen, ich will nichts mit ihr zu tun haben. Irgendwann kam mal eine Frau bei einer Lesung zu mir und meinte, sie würde Kitti kennen. Ich habe sofort abgewunken. Ich möchte nichts mit ihr zu tun haben, sie soll mich nur in Ruhe lassen.

Blut ist demnach nicht immer dicker als Wasser?

Also Putzi 1 – lieber hätte man ein Kind gar nicht haben können, wir haben sie alle geliebt. Ich halte nichts von diesem Spruch, dass Blut dicker sei als Wasser. Ich war sehr mit Richard verbunden und bin es noch, aber es gibt auch viele Fälle, in denen sich der Spruch nicht bewahrheitet. Ich glaube, man liebt jeden, der gut zu einem ist, das gilt als Erwachsener und bei Kindern sogar noch stärker.

Monika Helfer: „Löwenherz“, Hanser, 192 Seiten, 20 Euro


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Die Freiheit einer Frau

Shootingstar der Literatur, Édouard Louis, zeichnet in seinem neuen Buch „Die Freiheit einer Frau“ das Porträt einer Mutter

Text: Ulrich Thiele

Édouard Louis misstraut der Literatur: „Man hat mir gesagt, die Literatur dürfe niemals versuchen, die Wirklichkeit zu erklären, sondern sie nur illustrieren, aber ich schreibe, um das Leben meiner Mutter zu verstehen“, beschreibt der Franzose an einer Stelle sein antiliterarisches Programm.

Seine Herkunft, das Arbeitermilieu, Armut, die Herablassung der Intellektuellen gegenüber der Landbevölkerung, die rauen und engen Rollenverhältnisse im Arbeitermilieu – all das waren schon in seinem ersten Roman, „Das Ende von Eddy“, die zentralen Themen. Nachdem er sich zuletzt in „Wer hat meinen Vater umgebracht?“ seinem Vater näherte und wie die Klassenverhältnissen ihn durchdrängten, porträtiert er in „Die Freiheit einer Frau“ nun also seine Mutter – wieder zärtlich und wütend mit einem (meist) schnörkellosen Stil, den man emphatisch-soziologisch nennen könnte.

Kein glattes Happy End

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Die Freiheit einer Frau von Édouard Louis

Ausgangspunkt ist ein Bild seiner Mutter in jungen Jahren, das das Cover ziert: „Sie frei zu sehen, mit ganzem Körper in die Zukunft projiziert, rief meine Erinnerung an ihre mit meinem Vater geteilten Lebensjahre wach, die von ihm ausgegangenen Demütigungen, die Armut, zwanzig Jahre ihres Lebens versehrt und fast zerstört durch die männliche Gewalt und das Elend.“ Als Mädchen hatte sie davon geträumt, Köchin zu werden. Sie blieb ohne Ausbildung, war zweimal verheiratet, bekam fünf Kinder und war „gefangen im häuslichen Rahmen.“ Doch wie auch sein Vater, dessen spätes Infragestellen seiner Männlichkeitsvorstellungen Louis in „Wer hat meinen Vater umgebracht?“ schildert, findet seine Mutter zumindest teilweise einen Weg aus der Ohnmacht. Mit 45 Jahren verlässt sie ihren Mann, zieht vom Dorf nach Paris, findet einen Partner.

Es ist kein glattes Happy End. „Die bourgeoisen Frauen aus ihrer Straße“ begegnen ihr „voller Herablassung“, manchmal langweilt sie sich, doch sie sei glücklich, sagt sie. Am Schluss stellt Louis die Frage, ob die Fähigkeit, Glück zu empfinden, eine Grundbedingung sein könnte für individuellen und gesellschaftlichen Wandel. Womöglich wird Louis ihr in seinem nächsten Buch nachgehen.

Édouard Louis: „Die Freiheit einer Frau“, Fischer, 96 Seiten, 17 Euro. Autorenlesung und Gespräch am 4. März, 19:30 Uhr im Schauspielhaus


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Literaturpunks

Um kommerzielle Zwänge fernzuhalten und künstlerisch frei zu sein, haben die Schriftsteller Klaus Ungerer und Andreas Baum eine eigene Buchreihe gegründet: die edition schelf

Text: Ulrich Thiele

Mit großen Verlagen ist das so eine Sache. Sie haben die Mittel, um Literatur in großem Stil unter die Menschen zu bringen, doch sie müssen sich an Verkaufszahlen orientieren. Mit der Verkaufszahlenorientierung beginnt das Sicherheitsdenken, worunter die Kreativität leiden kann. Cover und Buchtitel sind oft im Sinne der Vermarktbarkeit, nicht im Sinne des Autors, und „Roman“ muss auf jeden Fall draufstehen, Novellen verkaufen sich nicht.

„Wir haben uns letztes Jahr im Frühjahr zusammengesetzt und gesagt: Wenn die Verlage unsere Herzensprojekte nicht machen wollen, dann machen wir den Scheiß eben selbst“, sagt der Schriftsteller Klaus Ungerer. Mit „Wir“ meint er sich und seinen Schriftstellerkollegen Andreas Baum. Im Herbst 2021 haben die beiden eine Buchreihe im Eigenverlag gegründet: Die edition schelf versammelt Erzählungen in klassischer Novellenlänge, ungefähr 100 Seiten. Zusammen mit der Grafikerin Anusch Thielbeer werden die Bücher in enger Zusammenarbeit und zur Zufriedenheit aller erstellt. Die Produktionskosten sind gering, Ungerer und Baum haben das Lektorat selbst übernommen, zudem müssen sie keine hohen Auflagen drucken, da alles nach On-Demand-Prinzip abläuft.

Zwei eigene Novellen

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Klaus Ungerer: „Das Fehlen“, 108 Seiten, 8,99 Euro, erschienen bei edition schelf

Den Anfang machten die Gründer im Herbst mit zwei eigenen Novellen. Klaus Ungerers „Das Fehlen“ ist eine Geschichte über Einsamkeit im Großstadtgetriebe, die nicht von einem Plot, sondern von Atmosphäre getragen wird. Ein namenloser Erzähler schlendert durch Berlin und denkt nach über das, was fehlt: Mutterliebe, erotische Liebe, gesellschaftliche Utopie, verstorbene Menschen. Ungerers Flanierstil ist heiter-melancholisch, manchmal zum Loslachen komisch, dann wiederum tieftraurig, etwa in der Erinnerung an die Freundin Sylvia, die an Krebs erkrankte und „nach und nach Dinge und Personen aus ihrem Leben“ verabschiedete: „Nun war ich dran.“ Wie wahrhaftig Ungerer in wenigen Passagen der ganzen wehmütigen Wucht der letzten gemeinsamen Tage bis zum Abschied Raum gibt, gehört zu den Höhepunkten seiner Einsamkeitsnovelle.

Ganz woanders ist Andreas Baums „Hier bist du sicher“ angesiedelt. Die „afghanische Novelle“ spielt im Herat des Jahres 2004. Nach den Unruhen haben fast alle Ausländer die Stadt verlassen. Der Erzähler, ein deutscher Lehrer, ist geblieben. Die Amerikaner haben sich zurückgezogen, Aufständische übernehmen die Stadt, die Straße zum Flughafen ist gesperrt. In seiner Pension mit dem grünen Innenhof sei der Lehrer sicher, sagen die Wachen am Tor und sein Dolmetscher Karim.

„edition schelf ist wie eine Bandgründung

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Andreas Baum: „Hier bist du sicher“, 96 Seiten, 8,99 Euro, erschienen bei edition schelf

Wie Ungerers Novelle prägt Baums „Hier bist du sicher“ eine ungeheuer dichte Atmosphäre, an der Baum, der 2004 selbst einige Monate in Herat verbrachte, jahrelang gefeilt hat. Dies zeigt sich zum einem in der poetisch-präzisen Beschreibung kultureller Riten und der staubigen Stadtlandschaft. Zum anderen im Gefühl der Bedrohung: „Ich habe das Gefühl, dass ich, solange ich in der Stadt bin, in großer Gefahr bin. Jemand hat mir eine Schlinge um den Hals gelegt. Und irgendwann zieht er zu“, sagt der Lehrer. Im Laufe der Geschichte zieht die Schlinge sich weiter zu, die ihm ohnehin nicht verständliche Umgebung wird für den Lehrer immer bedrohlicher. Kann er seinen Freunden trauen? Gehört er zu den Geiseln, ohne es zu merken? Ein Kommentar zu westlichen Interventionen bei gleichzeitigem Unvermögen, die afghanische Kultur zu verstehen, schwingt unaufdringlich mit.

Wie geht es nun weiter mit der edition schelf? Im Frühjahr soll eine Liebesnovelle von Ungerer erscheinen, eine weitere Novelle von Baum liegt ebenfalls bereit, andere Autoren folgen. Alles weitere ist offen. „Wenn zwei oder drei Leute gut miteinander funktionieren, dann braucht man erst mal keinen großartigen Plan, wie es weitergeht“, sagt Ungerer. „edition schelf ist wie eine Bandgründung – wir nehmen die Instrumente in die Hand und spielen drauf los.“

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 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2022. Das Magazin ist seit dem 29. Januar 2022 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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