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Ferris MC: „Immer nonkonform“

Der Hamburger Rapper Ferris MC veröffentlicht seine Autobiografie „Ich habe alles außer Kontrolle“ – und ein neues Album. In den Songs auf „Alle hassen Ferris“ thematisiert er seine Antihelden-Position im Musikgeschäft

Interview: Erik Brandt-Höge

SZENE HAMBURG: Ferris, gab es einen konkreten Anlass, den Titelsong deines neuen Albums, „Alle hassen Ferris“, zu schreiben?

Ferris: Nein, es war ein Potpourri aus Erlebnissen und Kommentaren, die ich so mitgekriegt habe, die mich zum Schreiben bewegt haben. Ich hatte das Gefühl, überall nur verbrannte Erde hinterlassen zu haben und zur Persona non grata geworden zu sein. Es kam mir vor, als könnte ich machen, was ich wollte, so sehr abliefern, wie nur möglich: Und die Leute redeten trotzdem. Und wenn man dann während der Pandemie eingeschlossen in seinem Kämmerlein dasitzt, wird diese Wahrnehmung natürlich noch stärker. Deshalb der sehr plakative, aber natürlich auch humorvoll gemeinte Titel: „Alle hassen Ferris“.

Humorvoll, weil dir die Ansichten anderer am Ende doch nicht so wichtig waren und sind?

Genau. Ich mache nicht Musik, um es damit allen recht machen zu können. Das habe ich mal gemacht, aber damit bin ich komplett auf die Schnauze gefallen. Ich wollte dem gerecht werden, was die Leute von mir verlangten, aber das konnte ich ja gar nicht. Ich kann zum Beispiel nieman- dem den alten Ferris zurückgeben. Kein Künstler kann das. Man ist ja nicht der Lakai des Publikums, sondern drückt seiner Kunst den eigenen Stempel auf. Wobei ich sagen muss: Es ist jetzt auch nicht so, dass ich komplett darauf scheiße, was die Leute von mir denken. Wie jeder andere Künstler suche auch ich nach Anerkennung und Liebe.

„So fühle ich mich am wohlsten“

Im Song „Alles außer Kontrolle“ heißt es: „Meine Mukke folgt keinem Trend, deshalb verdien’ ich damit auch keinen Cent.“ Dieses Keinem-Trend- Folgen: Macht das vor allem Spaß oder ist es auch mal anstrengend?

Massentauglichkeit spült natürlich Geld in die Kassen, aber ich finde es wichtiger, es nicht darauf anzulegen, massentauglich zu sein. Also dass man zum Beispiel nicht ganz offensichtlich versucht, einen Chart-Hit zu produzieren, der dann vom Label noch in die Playlisten gepusht wird. Wenn man Geld in die Hand nimmt, kann man überall stattfinden und sich somit Erfolg auch erkaufen. Bei mir ist es so, dass man sich schon schlau machen muss, was ich gerade mache. Dann allerdings findet man High-End Quality – auf meine Art. Das ist der Weg, den ich immer gegangen bin, immer nonkonform. So fühle ich mich am wohlsten.

„Man ist ja nicht der Lakai des Publikums“

Ferris MC

Wobei man meinen möchte, der Refrain im Song „Was ist geblieben“, auch aus „Alle hassen Ferris“, ist geradezu dafür gemacht worden, dass er von Tausenden im Stadion mitgeschrien werden könnte. Textbeispiel: „Alles, was wir machten, war für die Ewigkeit.“ Könnte auch von den Toten Hosen sein …

Wenn die Toten Hosen, Die Ärzte oder die Broilers diesen Refrain gemacht hätten, also Künstler, die sich mit Gitarrenmusik längst etabliert haben, könnte er tatsächlich sehr erfolgreich werden. Wir – den Song habe ich zusammen mit Dag aufgenommen – machen aber Gitarrenmusik mit Rap und auch mit Rap Attitüde. Dabei müssen wir schon Glück haben, dass daraus ein Hit wird. Wir haben den Refrain gemacht, weil wir wollten, dass die Leute mitgenommen werden, denn die Strophen sind ja eher nicht zum Mitschreien.

„Es wird besser“

Nicht nur durch Textzeilen wie „Ich war schon vor Corona gefickt“ bleibst du auf diesem Album deinem Credo treu, nicht Rap-typisch den Helden, sondern den Antihelden zu geben. Nicht zu sagen, wie toll du bist, sondern was dir alles Negatives passiert ist. Kommt diese Attitüde ganz automatisch in deine Songs oder nimmst du sie dir gezielt vor?

Das passiert einfach. Aufgrund der letzten Niederschläge, die der Pandemie geschuldet waren, konnte ich auch wieder eine Brücke schlagen zu dem, wie ich angefangen habe: als Außenseiter, Loser, der, dem niemand wirklich geheuer ist. Eben der Antihelden-Position. Klar, es gab mal ein, zwei Jahre, als mir alles in den Schoß zu fallen schien und als es auch finanziell richtig lief. Da habe ich ganz anders geschrieben. Aber die besten Texte kann ich nach wie vor schreiben, wenn ich leide. Krisen machen mich kreativ und ich versuche immer, in ihnen eine Chance zu sehen. Sie halten meinen Prozess am Laufen. Wobei Corona natürlich nicht nur für mich ungeil war. Ich kenne niemanden, der sagt, dass er da richtig gut durchgekommen ist.

Apropos Chancen sehen: „Bye Bye Bye“ – zusammen mit Swiss – ist dann noch ein Hoffnungs- Track. Es wird alles vorbei- gehen und besser werden, so die Message in kurz …

Richtig, nach einem Tal geht es auch wieder einen Berg hoch. Klar, nach einem Tal kann auch noch eins kommen. Aber meine Erfahrung ist, dass wenn man nicht auf der Couch sitzen bleibt, sondern etwas für sich tut, kann es zwar mal eine Weile dauern, bis es besser wird, aber es wird besser. Ein Satz, den ich während der Pandemie immer wieder zu mir selbst gesagt habe, war: „Alles wird besser!“

„Alle hassen Ferris“ (Arising Empire/Missglückte Welt/Edel) erscheint am 17. Juni 2022; die Autobiographie „Ich habe alles außer Kontrolle“ (Edel Books) ist im Verbund mit Ferris’ Frau Helena Anna Reimann entstanden und am 1. April 2022 erschienen

Hier gibt‘s einen ersten Eindruck vom neuen Album:


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Tash Sultana beim MS Dockville Festival 2022

Das MS Dockville Festival 2022 hat 18 neue Künstler:innen bestätigt. Darunter neben Tash Sultana auch Leoniden und Die Orsons

Text: Felix Willeke

Vom 19. bis 21. August 2022 findet das MS Dockville Festival zum 14. Mal statt. Jetzt hat das Festival 18 neue Künstler:innen bestätigt. Und mit der Australierin „Tash Sultana“ kommt damit genreübergreifender und internationaler Glanz zum Dockville. Spielte die 26-jährige Multiinstrumentalistin vor ein paar Jahren noch auf den Straßen Melbournes, füllt sie mittlerweile die großen Arenen und vor Kurzem wurde ihr sogar die Ehre eines eigenen MTV Unplugged zu Teil – das Album zum Konzert erscheint am 3. Juni 2022. Jetzt kommt die Künstlerin, die sich als non-binär bezeichnet, also auch zum Dockville. Doch damit nicht genug. Neben Tash Sulatana geben sie mit „Leoniden“ auch echte Lokalmatadoren die Ehre. Erst im letzten Sommer hat die Kieler Indie-Rock-Band mit „Complex Happenings Reduced to a Simple Design“ ihr aktuelles Album veröffentlicht, dass sogar zeitweise auf Platz 1 der Albumcharts kletterte.

Tash Sultana bei ihrem MTV Unplugged in Melbourne

Ein würdiges Line-up

Neben Tash Sultana und Leoniden kommt mit „Die Orsons“ und „01099“ auch feinster Hip Hop & Rap zum MS Dockville 2022. Schon länger bekannt sind zudem die Auftritte des Schweizer Sängers „Faber“ und der Hamburgerin „Ali Neumann“. Aber wie immer gilt: There‘s still more to come – weiter Künstler:innen werden in nächster Zeit bekannt gegeben und damit steigt die Vorfreude auf das MS Dockville Festival 2022.

„New 68“ von Leoniden

Das MS Dockville Festival 2022 findet vom 19. bis 21. August in Hamburg-Wilhelmsburg statt, es gibt noch Tickets.


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Swutscher: Von mystischen Nächten

Pop, Rock, Honky Tonk, Country – alles drauf auf dem neuen Album von Swutscher, das schlicht nach der Band benannt ist. Textlich fallen zwei Themen auf: Rauchen und Trinken. Wieso, weshalb, warum? Erzählen Swutscher im Interview

Interview: Erik Brandt-Höge

SZENE HAMBURG: Sascha, Martin, Velvet, Mike und Seb, gerade sitzt ihr alle zusammen, um allerhand Exemplare eures neuen Albums zu signieren. Wie oft finden denn generell Swutscher-Treffen während der Pandemie statt?

Sascha: Wenn nicht gerade eine Tour ansteht, kommt es schon mal vor, dass wir uns einen Monat lang nicht sehen. Aber Gott sei Dank geht es ja bald wieder mit Konzerten los, und dann proben wir alle zwei Wochen.

Euer Proberaum befindet sich in Hamm. Vermutlich ein Raucher-Proberaum …

Mike: (lacht) Na ja, so halb, wir können vor der Tür rauchen. Aber ich werde eh erst nach dem fünften Bier zum Raucher.

Ein prominenter Fan

Rauchen und Trinken – das sind die beiden großen Themen zweier Single-Auskopplungen im Vorfeld der Album-Veröffentlichung, nämlich „Tabak“ und „Palm Royal“. Zwei Oden, die einfach mal geschrieben werden mussten?

Sascha: Bei „Tabak“ ging es anfangs gar nicht ums Rauchen, sondern um das Parfüm. Um diesen alten Herrenduft, den mein Großvater schon trug, und den ich auch ab und zu getragen habe. Als ich diesen Duft dann auch noch bei einigen anderen von Swutscher bemerkte, dachte ich: Da sollten wir vielleicht mal einen Text drüber schreiben. Die Zweideutigkeit, also der Bezug auch zum Rauchen, entwickelte sich erst mit der Zeit.

Ein prominenter Swutscher-Fan ist Jan Müller von Tocotronic, der über „Tabak“ schrieb, er, der seit 2005 Nichtraucher wäre, würde sich nach dem Hören am liebsten eine anstecken. Jan hat zudem eine sehr wohlwollende Presse-Info zum Album geschrieben. Wie kam es zur Verbindung Swutscher und Jan Müller?

Martin: Jan ist irgendwie auf uns aufmerksam geworden und hat uns nach einem Interview gefragt. Später hat er uns auch bei einem Konzert in 68 (Mike von Swutscher) Berlin besucht. Mit der Zeit ergab es sich, dass wir öfter mal geschnackt und uns gut verstanden haben.

„Diese Nächte kommen von selbst“

Zurück zu den beiden Singles, jetzt zu „Palm Royal“, benannt nach einem belgischen Bier. Der Songtext deutet an, dass du, Sascha, das Bier während eines Wanderurlaubs entdeckt hast – stimmt das?

Sascha: Ja – und danach wurde es natürlich schwieriger, es zu bekommen. Aber: Es gibt ja „Getränke Hoffmann“ – Grüße gehen raus! – der kriegt alles, und so kommen wir ab und an noch mal in den Genuss von „Palm Royal“, natürlich in Maßen (alle lachen).

Im Song „Rocker“ scheint der Genuss durchaus auch mal über ein, zwei „Palm Royal“ hinauszugehen („Meine Leber leidet leise“), in „Mystische Nächte“ dreht sich vieles rund um „Kräuter und Absinth“. Geht es in Letzterem um ganz bestimmte mystische Nächte, die erlebt wurden, oder verbringt ihr solche Nächte immer mal wieder und theoretisch überall?

Seb: Immer mal wieder und theoretisch überall. Wir brauchen da eigentlich keinen bestimmten Anlass. Diese Nächte kommen von selbst. Und wenn sie kommen, dann weiß man schon Bescheid (lacht).

„Wir sind große Freunde des Pub-Rock“

In „Tohuwabohu“ besingt ihr dann etwas ganz Anderes, Ernsteres, und zwar die Pandemie („Die Welt im Wandel“). Wie hart hat Corona denn Swutscher erwischt?

Velvet: Megahart, muss man schon sagen. Corona hat uns ausgebremst. 2020 haben wir eine EP veröffentlicht, wollten auf Tour gehen – aber das ging halt nicht. Vielleicht war das aber auch ganz gut, denn davor waren wir zwei Jahre dauerhaft unterwegs. Und mittlerweile fühlt es sich zumindest schon wieder wie ein kleiner Neustart an.

Geplant ist, dass ihr „Swutscher“ Ende April im Molotow präsentiert, quasi eurem Hamburger Stamm-Auftrittsort. Könntet ihr euch vorstellen, in Hamburg auf lange Sicht immer dort zu spielen, oder strebt ihr schon auch die größeren Läden der Stadt an?

Mike: Wir mögen das Molotow nach wie vor sehr, dort sind einfach wunderbare Leute. Wir haben aber auch nichts gegen größere Läden. Am allerliebsten spielen wir jedoch nach wie vor im Pub. Wir sind alle große Freunde des Pub-Rock.

„Swutscher“ von Swutscher ist am 25. Februar 2022 auf La Pochette Surprise/Membran/The Orchard erschienen; Live am 30. April 2022 um 20 Uhr im Molotow


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„Brave New Woman“: Leslie Clio über Feminismus in der Musikbranche

Ein neues Album und ein neues Ich. Mit „Brave New Woman“ präsentiert Leslie Clio ihre wiedergefundene Stärke. Die selbsternannte „Ultra-Feministin“ hat ihr eigenes Label mit einem ausschliesslich weiblichen Kernteam gegründet und spricht im Interview über ihren Neuanfang

Interview: Henry Lührs

SZENE HAMBURG: Leslie, Self-Care steht für dich an erster Stelle. Was machst du während Corona, um bei dir zu bleiben?

Leslie Clio: An allererster Stelle steht für mich die Kreativität. Ich glaube, ich habe aus der gesamten Corona-Zeit das Beste gemacht. Ich konnte sogar noch kreativer sein, da es so wenig Ablenkung und Neues gab. Gerade als Musikerin bin ich sonst viel unterwegs – jetzt konnte ich Zeit am Klavier und im Studio verbringen. Das hat mich als Produzentin wachsen lassen. 

Du hast dein eigenes Musiklabel gegründet und arbeitest mit einem ausschließlich weiblichen Team zusammen. Warum?

Ich finde es hart, dass Frauen in der Musikindustrie immer noch benachteiligt sind. Durch die Gründung eines eigenen Labels, habe ich mich das erste Mal in der Position gesehen, das Problem aktiv angehen und ein rein weibliches Team besetzen zu können.

Ich bin eine Ultra-Feministin. Ich gucke nach Frauen, die mich inspirieren und mit denen ich zusammenarbeiten möchte. Ich freue mich, damit ein Statement setzen zu können.

Inwiefern hat die Musikindustrie ein Problem mit patriarchalen Strukturen? 

Alles, was ich als Künstlerin darstellen will, ist der ‘Mut zur Kante‘. In der Musikindustrie gibt es nicht besonders viel Diversität. Es ist ein sehr einseitiges Frauenbild, und ein super einheitlicher Typ Frau hat in der Branche Erfolg. Das entspricht aber nicht der Realität, denn es gibt alle möglichen Arten von Frauen.

Ich glaube, der Grund dafür, dass es nur klassische Frauenbilder an die Spitze schaffen, sind Männer, die die Entscheidungen über Erfolg treffen.

Neuanfang

Bei deinem Albumtitel „Brave New Woman“ denkt man unweigerlich an den Romanklassiker von Aldous Huxley…

Der Titel ist auf jeden Fall daran angelehnt. Im Buch und auf meinem Album geht es um die Geschichte eines beendeten Lebensabschnittes und um Neuanfang.

Im Song „Good Trouble” heißt es „I gotta get out“. Das Video hast du auf YouTube damit angekündigt, radikaler sein zu wollen. Was meinst du damit konkret?

Die Zeile ist vom Lockdown und all dem, was seit zwei Jahren die neue Realität ist, geprägt. Aus dem Stand heraus soll das aber auch ein progressiverer Song als andere sein. Man geht los und reißt alles ab. Reißt die Mauern ein, die einen einsperren. Quasi die Trennung von allem, was nicht mehr gebraucht wird und einem nicht gut tut.

Es gibt diese – von Stereotypen überladene – Floskel „Die Waffen einer Frau“. Dein Song „Girl with a Gun“ erzählt aber eher eine Geschichte der Selbstfindung …

Es ist, glaube ich, eine Mischung aus beidem. Was sind die Waffen einer Frau? Die Waffen einer Frau sind nicht ihr Dekolleté, sondern die gleichen Waffen, die Männer auch haben. Auf sich selbst zu setzen, Durchsetzungsvermögen, Treue und das eigene Ding machen. 

Der Song war für mich eine Art Realisation im Sinne von: Ich habe lange im Schatten gestanden, mich verwirren lassen und war angeschossen. Ich habe aber überlebt und ‚I stick to my guns’. Das ist eine Momentaufnahme, in der ich beschlossen habe, auf meine Stärken zu setzen.

„Die Idee entscheidet, wo ich hingehe“ 

Du reist normalerweise viel in der Welt umher und schreibst deine Songtexte überwiegend in den USA. Wo und von wem hast du dich während Corona inspirieren lassen?

Der Vorteil Künstlerin zu sein ist es, dass man das eigene Album nie zum ersten Mal hört. Daher weiß ich auch gar nicht genau, was sich verändert hat. Ich habe einfach das gemacht, was sich gut für mich angefühlt hat. 

Ich gehe da nicht intellektuell ran und sage: ‘Das ändere ich jetzt’. Ich vertrete oft die Meinung, dass man Sachen auch einfach in die Welt setzt und die Leute können das interpretieren, wie sie wollen. Mit wem ich zusammengearbeitet habe oder wo ich Songs geschrieben habe, hat wenig damit zu tun, wie das Album klingt. Alben sind eigentlich immer Lebensabschnittsgefährten. Als Künstlerin folge ich dabei einfach meinen Impulsen. 

Ich habe kein Interesse daran, etwas nochmal zu machen, nur weil es kommerziell funktioniert hat. Ich habe bewusst entschieden, so nicht weiterzumachen. Die Idee entscheidet, wo ich hingehe.

„Die Prinzessin ist ein eigener Held“

„Brave New World“ ist bissiger und experimenteller. Es ist kein musikalischer Mittelfinger geworden, aber ein Song heißt zumindest „Abcdef*ck Off”. Traust du dich mittlerweile, wütender zu sein?

Da sind wir wieder bei dem Thema, dass man als Frau auch Kante zeigen darf. Es gibt jetzt eine Pink oder vielleicht in den 90ern eine Alanis Morissette – aber grundsätzlich sind Wut und Aggressionen Gefühle, die Frauen nicht gestattet werden. Wut ist ein wahnsinnig kräftiges Gefühl und ein Leitthema bei meinen Sachen. In der Zukunft möchte ich da noch viel mehr reingehen. 

Es gestaltet sich allerdings schwerer als gedacht, wütende Songs zu schreiben. Es gibt nicht viele Beispiele von wütenden Frauen in der Musikkultur. Niemand möchte eine wütende Frau sehen. Ich finde es aber schön wütend sein zu können. Wütend sein motiviert. In Zukunft möchte ich Frauen zeigen, dass sie das dürfen. Wut sollte man nie unterdrücken, die kommt immer woanders raus.

Du hast letztes Jahr den offiziellen Song der Disney Prinzessin – Kampagne gesungen. Der Micky-Maus-Konzern wird oft für sein Rollen- und besonders sein Frauenbild kritisiert. Wie passt die Rolle der Disney Prinzessin zur Brave New Woman?

Ich bin der absolut größte Ultra-Hardcore-Disney-Fan. Das nur am Rande. Ich sehe das nicht so. Wenn du dir den Song anhörst, dann wird eigentlich relativ schnell klar, dass es ein selbstbestimmtes, mutiges, starkes Mädchen ist, was da singt: „Das Mädchen, das ich sehe, wenn ich in den Spiegel schaue hat keine Angst, denn sie will hoch hinaus, weiß, wo es lang geht, und sie zeigt mir den Weg“, heißt es zum Beispiel.

Die Story von Disney ist auch vom Branding her schon Jahre nicht mehr: ‚Ich brauche einen Prinzen und warte hier in einem Glaskasten, bis er kommt und mich rettet‘. Jede Disney-Prinzessin der letzten Jahre, aber auch schon Pocahontas, setzt immer auf sich selbst. 

Die Prinzessin ist ein eigener Held. Ich habe den Song aus dem Englischen übersetzt. Das ist alles Aktivismus und Bestärkung von jungen Mädchen. Deswegen passt das auch total in meine Geschichte. Es ist eine andere Zielgruppe, aber es bleibt dieselbe Message. 

Sind Geschlechterrollen aber nicht weiterhin ein Problem von Disney? Es wird beispielsweise fast immer die klassisch hübsche, schlanke, junge Frau mit großen Augen und langen Wimpern gezeichnet…

Die Revolution liegt doch immer im Kleinen. Ich bin so froh, diesen Song gemacht zu haben. Meine Patenkinder stehen vorm Spiegel und singen ‚Ich flieg’ los‘ und haben das größte Selbstbewusstsein. Das ist doch viel wichtiger, als dass die gezeichnete Prinzessin dick ist. Das ist alles richtig, was du sagst, aber man muss auch die kleinen Dinge feiern. 

Hamburg im Herzen

Deine Tour startet Ende März 2022. Am 4. April spielst du ein Konzert im Hamburger Mojo. Was bedeutet es für dich in deiner Heimatstadt zu spielen?

Hamburg ist mein treuester Fan, hier verkaufen sich die Tickets auch am schnellsten! Ich komme immer gerne wieder zurück – bin der Stadt im Herzen treu geblieben. Für das, was ich beruflich vor hatte, war Hamburg mir einfach ein bisschen zu klein und daher war es die beste Wahl dafür nach Berlin zu gehen.

Die erste Single „Good Trouble“ vom Album „Brave New Woman“ als Acoustic Version:


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Tocotronic: „Liebe war uns ganz wichtig“

Die Rockband Tocotronic hat ihr 13. Album „Nie wieder Krieg“ veröffentlicht. Ein Gespräch mit Bassist Jan Müller über „Pandemie-Konzerte“, Politik per Musik und ein Gefühl, das die neuen Songs unbedingt transportieren sollen

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Jan, Live-Konzerte fielen und fallen immer wieder aus, was zahlreiche Musikerinnen und Musiker auf mehreren Ebenen belastet. Wie schwer hat Corona Tocotronic getroffen?

Jan Müller: Wir haben zwar noch GEMA- und Streaming-Einnahmen, aber unsere wesentlichen Einkünfte stammen aus dem Live-Geschäft, was ja gerade nicht möglich ist. Die Corona-Hilfen gleichen nicht aus, was uns weggefallen ist. Vereinfacht gesagt, haben wir ein Jahr verloren. „Nie wieder Krieg“ sollte ja eigentlich auch schon im Januar 2021 rauskommen.

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Das neue Album von Tocotronic „Nie wieder Krieg“ ist am 28. Januar 2022 erschienen

Alternativen zur gewohnten Live-Show, etwa Autokino-Konzerte, schienen euch nicht zu reizen …

Das kann man so sagen. Wir haben 2021 einige Pandemie-Konzerte gespielt, wie ich sie mal nennen will, an die wir mit sehr geringen Erwartungen gegangen sind. Bestuhlte Konzerte mit unserem alten Programm aus der Hamburger Zeit – das kam uns schon sehr dialektisch vor. Letztlich hat es aber toll funktioniert. Es war auch schön zu sehen, dass sich die Leute darauf einließen. Am 28. Januar werden wir im SO36 unser Release-Konzert als Streaming-Konzert spielen, was die nächste Herausforderung ist. Als Band verkapselt man sich ja lange im Studio und Proberaum, um etwas zu erschaffen, das man irgendwann mit seinem Publikum teilt. Wenn das Publikum dann aber nicht da ist, ist das schon ein Manko. Ich persönlich bin jetzt aber nicht der Typ, der für sein Leben die Bühne braucht. Bei einigen Kolleginnen und Kollegen haben sich fast Entzugserscheinungen eingestellt. So ging es mir und den anderen in der Band nicht.

 

Haltung

 

Gab es weitere Erkenntnisse während der Pandemie?

Ich kann da nur für mich sprechen und sagen, dass ich froh bin, dass sich in der Pandemie in der Musikszene von wenigen Ausnahmen abgesehen sehr wenig Nihilismus breit gemacht hat. Unter anderem gab es eine tolle, von der Band Die Ärzte initiierte Impfkampagne. Die konstruktive Haltung der Musikszene ist vielleicht auch dadurch zu erklären, dass Musikerinnen und Musiker oft in Gruppen arbeiten und dadurch antiaufklärerische Schwurbelei, die ja meist auch viel mit Vereinzelung und Narzissmus zu tun hat, zurückgedrängt wird.

Kommen wir zum angesprochenen „Nie wieder Krieg“, dem mittlerweile 13. Tocotronic-Album. Daraus wurden bereits Singles veröffentlicht, etwa „Jugend ohne Gott gegen Faschismus“. Sicher kein Zufall, dass dieser Song kurz vor der Bundestagswahl 2021 und der damit verbundenen Entscheidung, wie viel Macht die AfD bekommen würde, erschienen ist …

Genau. Wir sind keine Band, die sich parteipolitisch engagiert, auch wenn wir viele Anfragen bekommen. Das ist nicht unser Stil. Aber gerade, wenn man in unserem Alter ist und noch Parteien wie die Republikaner miterlebt hat, die nur eine kurzlebige Vorankündigung waren, so ist es schon sehr schockierend, zu erleben, wie sich nun eine rechtsextreme Partei dauerhaft im Parlament festsetzt und dort ihre Zersetzungsarbeit betreibt. Die Veröffentlichung von „Jugend ohne Gott gegen Faschismus“ zur Bundestagswahl war daher auch ein bescheidener Versuch, ein Statement zu setzen.

Du hast von vielen Anfragen gesprochen. Kam auch mal eine von der AfD?

Nein – wenn die uns überhaupt kennen. Diese Partei hat ja auch kulturell keine große Kompetenz. Und wenn sie von uns wissen, dann wissen sie auch, dass wir am anderen Ende der Skala stehen.

 

Die Sensorik von Dirk von Lowtzow

 

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Tocotronic haben Lust auf die Live-Bühne, aber keine Entzugserscheinungen (Foto: Gloria Endres de Oliveira)

Der weitere textliche Inhalt von „Nie wieder Krieg“ handelt von einer grundsätzlichen Verwundbarkeit, Einsamkeit, von Existenzängsten – und dann doch von Liebe. Klingt ein bisschen wie eine ungewollt geschriebene Corona-Bilanz, und das sogar vor den pandemischen Ereignissen.

(lacht) Dirk hat ein Talent dafür, immer ein wenig früher Sachen zu kommentieren, als sie passieren. Ich denke da auch an das Album „Kapitulation“ (2007 erschienen; Anm. d. Red.), das mit seiner Kritik am neo-kapitalistischen System einen gewissen Zeitgeist schon vorweggenommen hat. Die Texte von „Nie wieder Krieg“ sind alle vor der Pandemie entstanden, insofern ist es wirklich eine Sensorik von Dirk, mit der er etwas erfasst hat, das so in der Luft schwebte. Wenn das Album denn eine Corona-Bilanz sein soll, wäre es natürlich schön, wenn Liebe das vorherrschende Gefühl beim Hören sein würde.

Liebe war uns auf diesem Album ganz wichtig. Es gibt so viel Hass in dieser Gesellschaft. „Freiburg“, das erste Stück auf unserem ersten Album, beginnt mit der Zeile: „Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse“ (erschienen 1995; Anm. d. Red.). Es war für uns damals sehr lustig, uns unserem Hass auf läppische Nervereien hinzugeben. Aber jetzt, wo der Hass vielerorts so dominant wütet, scheint es uns angebrachter, sanftere Saiten zum Schwingen zu bringen.

 

Es wird nicht mehr, wie es mal war

 

„Nie wieder Krieg“ wird hoffentlich schnellstmöglich auch vor Publikum live präsentiert werden. Entzugserscheinungen, hast du schon gesagt, gibt es nicht – aber womöglich bestimmte Tocotronic-Live-Szenarien, auf die deine Vorfreude besonders groß ist?

Ich freue mich auf Konzerte, wie wir sie immer gemacht haben – wenn es die Umstände denn zulassen: eng und schwitzig. Manche Sachen wird es aber nie wieder geben. Wir mögen es nicht, wenn es auf der Bühne zieht, also haben wir bisher immer die Lüftungsanlage im Saal ausstellen lassen. Deshalb war es bei unseren Konzerten auch immer besonders heiß. Es war toll, wenn dieses Körperliche, das die Rockmusik eh in sich hat, sich auch in der Raumtemperatur widerspiegelt. Wir haben nun mit Demut bilanziert, dass vermutlich nie wieder Konzerte mit deaktivierter Lüftungsanlage stattfinden werden.

„Nie wieder Krieg“ von Tocotronic ist am 28. Januar 2022 auf Vertigo Berlin/Universal Music erschienen

Live gibt es Tocotronic am 16. April 2022 in der Edel-Optics Arena zu sehen (es gibt noch Karten). Außerdem kommen sie am 19. August in den Hamburger Stadtpark (ausverkauft).

Das Release-Konzert im re-live gibt’s hier:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2022. Das Magazin ist ab dem 29. Januar 2022 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Lina Maly: „Ich hab Mut, du auch“

Die Sängerin und Songschreiberin hat mit „Nie zur selben Zeit“ ein neues Album veröffentlicht – und mit „Schmerz vereint“ einen berührenden Song für Betroffene von sexueller Gewalt

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Lina, zwei Jahre ist es her, als du zuletzt ein Album veröffentlicht hast. Mehr als anderthalb davon waren von der Pandemie geprägt. Wie hat Corona den Entstehungsprozess von „Nie zur selben Zeit“ beeinflusst?

Lina Maly: Corona hat dazu geführt, dass ich mir ein ganz kleines Team gesucht habe, bestehend aus nur zwei Leuten: Florian Sievers und mir. Es gab keine Musiker oder Musikerinnen, die vorbeikamen, um mal etwas einzuspielen. Wir haben alles selbst gemacht. „Nie zur selben Zeit“ ist also eine Co-Produktion von Florian Sievers und mir, bei der ich zum ersten Mal mitproduziert habe. Die Pandemie hat zudem die Themen des Albums beeinflusst.

Inwiefern?

Ich hatte einfach sehr viel Zeit für mich und habe mich Themen geöffnet, die ich ansonsten vielleicht nicht besungen hätte. Ich war nicht wie sonst ständig unterwegs, nicht abgelenkt. So konnte ich vieles sacken lassen und verarbeiten. Ein positiver Nebeneffekt von dem ganzen Mist.

 

„Manchmal singe ich mich auch in einen Rausch“

 

Und an der Motivation, am Album zu arbeiten, hat die Pandemie auch nichts geändert?

Nein. Es war so, dass ich bis März 2020 noch eine Tour gespielt habe und meine Pläne gar nicht groß von der Pandemie durchkreuzt wurden. Ich hatte eh vor, danach an Songs zu schreiben und ins Studio zu gehen. Und die Motivation, Musik zu machen, fehlt mir sowieso nie. Ich schreibe sehr oft Songs und das auch sehr schnell. Während der Pandemie war meine Motivation sogar noch größer, weil ich so viel alleine war und Zeit hatte. Und: Was hätte ich auch anderes machen sollen? (lacht)

Das neue Album von Lina Maly: „Nie zur selben Zeit“

Das neue Album von Lina Maly: „Nie zur selben Zeit“

Du sagst, du schreibst sehr oft und sehr schnell. Hattest du bestimmte Schreibroutinen für „Nie zur selben Zeit“?

Meine generelle Routine ist, mich an ein Instrument zu setzen und einfach irgendetwas zu machen. Als würde ich alleine jammen. Manchmal sitze ich dann zehn Minuten da, manchmal drei Stunden. Manchmal singe ich mich auch in einen Rausch. Wenn mir irgendetwas von all dem gefällt, nehme ich es als Sprach-Memo auf. Die Memos höre ich mir später alle an und gucke, was ich davon am besten finde. Das ist mal schon ein halber Song, mal nur eine Klaviermelodie. Damit tobe ich mich dann am Computer aus, spiele Chöre ein, auch Bässe. Und dann geht es zu Florian Sievers.

 

Kraft aus Geschichten

 

War denn Hamburg wichtig im Entstehungsprozess?

Natürlich! Meine Heimatstadt! Viele Ideen sind mir in Hamburg gekommen. Meine Wahlheimat Berlin ist mir während der Pandemie auch ein bisschen über den Kopf gewachsen, weshalb ich drei Monate in Hamburg gewohnt habe. Es ist mein Zufluchtsort.

Thematisch geht es auf dem Album um alles, was im Zwischenmenschlichen passieren kann: Lieben, Fallenlassen, Trennen, Trauern. Sind alle Songs in den vergangenen zwei Jahren entstanden?

Ja, aber die Geschichten sind nicht nur aus diesen Jahren. „Wo sind die Jahre hin“ zum Beispiel, der letzte Song auf dem Album, handelt von einer Begegnung mit meiner Großtante. Das war vor zehn Jahren, ich war 15. Es war ein Moment, der mir wahnsinnig viel bedeutet. Wir haben uns nie davor und nie danach gesehen, weil sie in Amerika wohnte. Sie war schon sehr alt und krank, aber geistig noch total fit. 82 In ihrem Leben war sie immer unterdrückt worden und hat viele Entscheidungen, die sie getroffen hat, im Nachhinein bereut. Wir saßen in einem Strandkorb im Garten meiner Eltern, sie hat mir die Hände gehalten und gesagt: „Lass dich nicht unterkriegen! Hör auf dein Herz!“ Klingt floskelhaft, aber sie konnte das alles mit Geschichten untermauern. Das hat mir superviel Kraft gegeben, gibt es mir bis heute.

 

„Diejenigen, die uns das angetan haben, haben uns nicht kaputt gemacht“

 

Ein Song sticht aus „Nie zur selben Zeit“ heraus: „Schmerz vereint“. Einerseits transportiert er viel Schmerz, andererseits auch viel Stärke. Es geht um die Erfahrung von sexueller Gewalt und die Verbundenheit mit anderen Betroffenen. Es heißt darin: „Ich hab Liebe, die holt mich daraus, ich hab Kraft, die baut sich noch auf, ich hab Mut, du auch.“ Dieser Text klingt so klar und so bei sich. Aber es war bestimmt nicht leicht, die richtigen Worte zu finden, oder?

Ich habe den Song geschrieben, nicht lange, nachdem mir selbst etwas Schlimmes passiert ist. Die Worte sind sehr schnell aus mir herausgekommen. Mir hat nur das Ende nicht gefallen. Ich habe auch nie darüber nachgedacht, den Song zu veröffentlichen. Es war ein Tabuthema für mich, und ich wollte das nicht teilen. Ich war noch gar nicht gefestigt und wollte nicht darüber reden, weil das zu schmerzhaft für mich gewesen wäre.

Irgendwann kam ich aber an den Punkt, als ich angefangen habe, alles zu verarbeiten und zu therapieren. Ich habe gemerkt, dass dieser Song anderen helfen könnte. Also habe ich das Ende umgeschrieben, unter anderem die Zeilen, die du gerade erwähnt hast. Ich habe das Lied nur für Betroffene geschrieben und mich am Ende selbst so stark gefühlt. Ich dachte: Der Mann, der mir das angetan hat, nimmt mir nicht auch noch das, also dass ich den Song anderen Betroffenen schenke. Wir haben alle eine schlimme Erfahrung gemacht, aber: Wir schaffen das! Diejenigen, die uns das angetan haben, haben uns nicht kaputt gemacht.

Sicherlich hast du viel Feedback bekommen von anderen Betroffenen …

… total viel tolles Feedback. Viele haben mir geschrieben, wie sehr der Song ihnen hilft, wie sehr er einfängt, was sie fühlen. Auch dass sie es selbst nicht geschafft haben, diese Erfahrungen so auszudrücken. Das tat so gut. Ich wusste dann: Es war die richtige Entscheidung, den Song zu veröffentlichen.

Am 2. Dezember spielt Lina Maly ein exklusives Redaktionskonzert bei SZENE HAMBURG. Aufgrund der aktuellen Corona-Lage gibt’s das Konzert ab 19 Uhr im Livestream bei Facebook und Instagram.

Live gibt es sie dann wieder am 4. Februar 2022 um 21 Uhr im Knust.

Für alle die noch nicht genug haben, hier kommt das Video zu „Nie zur selben Zeit“:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2021. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Die Cigaretten: „Macht süchtig!“

Die Hamburger Band hat kürzlich ihr neues Album „Emotional Eater“ auf Audiolith veröffentlicht. Gespräch übers Rauchen, über Punk und die Soundästhetik der neuen Songs

Interview: Henry Lührs

 

SZENE HAMBURG: Michi und Micha, ihr sagt ja immer, ihr raucht nicht. Überraschenderweise habt ihr euch gerade beide eine Zigarette angesteckt …

Micha: Wir rauchen nicht!

Ist Rauchen Punk?

Micha: Nee.

Michi: Ich finde eher, Nichtrauchen ist Punk. Rauchen ist scheiße, ungesund. Man tut sich ja nichts Gutes. Man steckt sein Geld in riesige Unternehmen. Was soll daran Punk sein?

Micha: Wenn ich unseren Bandnamen lese, verbinde ich den auch nicht mit Rauchen und Zigaretten. Wir fanden es eher klanglich ganz geil und waren überrascht, dass es noch keine Band mit dem Namen gab. Mit dem „C“ sieht es auch fresh aus.

Viele Künstler rauchen öffentlich. Etwa bei Danger Dan, Kurt Krömer und Benjamin von Stuckrad-Barre sind Zigaretten sogar Teil von Bühnenshows. Wird mit dem Rauchen das Gefühl von Gegenkultur suggeriert?

Michi: Ich kenne die erwähnten Leute nicht persönlich und weiß nicht, warum sie rauchen. Die Zigarettenindustrie hat aber nicht nur das Rauchen als cool dargestellt, sondern auch vermittelt, dass es ein Ausgleich ist, wenn dich irgendwas abfuckt. Das wiederum passt ganz gut zu unserer Band. Das, wofür Zigaretten stehen, übernehmen wir selbst und bieten auch so etwas an. Wenn dich bisher etwas abgefuckt hat, hast du zur Zigarette gegriffen – jetzt kannst du auf Play drücken.

 

„Die Platte ist ein emotionales Substitut“

 

Für Zigaretten gilt: „Rauchen ist tödlich.“ Welcher Warnhinweis gilt denn für euer neues Album?

Michi: Macht süchtig!

Der Albumtitel lautet „Emotional Eater“. „Emotional Eating“ meint ja durch Nahrung negative Gefühle zu kompensieren. Hört man die Songs, entsteht aber vielmehr der Eindruck, dass es um das Wegfressen der eigenen Emotionen von außen geht …

Micha: Es gibt dieses Phänomen „Emotional Eating’“, so wie du es beschreibst. Ein „Emotional Eater“ ist aber tatsächlich eher eine Person, die von einem Emotionen isst. So wie bei dem Modebegriff „Toxic“. Im Titelsong wird das gut beschrieben: „Ich bin emotional vampire.“ Es geht nicht um dieses „ich esse Schokolade, weil ich so depressiv bin“, sondern eher darum, dass es Leute gibt, die eben „Emotional Eater“ sind und einem die Emotionen wegfressen.

Michi: Für mich ist es beides. Es ist eine Doppeldeutung. Einmal Leute oder Umstände, die emotional an einem saugen. Gleichzeitig aber auch dieses Phänomen, dass du beschreibst. Das geht ein bisschen in die Richtung unseres Bandnamens. Du suchst dir ein Substitut, dass aber auch Musik sein kann. Leute versuchen, über jeden Scheiß Identität zu stiften. Musik ist da eigentlich das beste Mittel. Die Platte ist ein emotionales Substitut. Du kannst sowohl deinen Frust rausschreien bei einigen Songs, andere positive Songs wandeln diesen Frust aber auch wieder um. Der Mensch ist ein emotionales Wesen. Ob es Schokolade ist oder härtere Sachen, die man braucht: Auf der Platte findet man sie.

„Emotional Eater“, so heißt das neue Album von Die Cigaretten (Foto: Katja Ruge)

„Emotional Eater“, so heißt das neue Album von Die Cigaretten (Foto: Katja Ruge)

 

Nicht Oldschool

 

Mal zur Soundästhetik von „Emotional Eater“. Euer Label bringt da Genre-Titel à la „Problemkind-Pop“ und „Cyber-Grunge“ ins Spiel. Gleichzeitig werdet ihr auch immer wieder mit großen Bands wie Queens of the Stone Age verglichen. Nervt das?

Michi: Die Vergleiche fasse ich inzwischen als Kompliment auf. Ich habe von Ramones über Asian Dub Foundation bis hin zu Queens of the Stones Age schon alles gehört. Irgendwann habe ich begriffen, dass viele uns nicht ganz einordnen können und eigentlich nur ausdrücken wollen, dass sie gut finden, was wir machen. Oldschool finde ich uns aber nicht. Als oldschool kann man eigentlich alles ansehen, weil sich die Dinge eben entwickeln. Alles ist ja immer eine neue Mischung aus schon Dagewesenem. Zwölf Töne werden immer wieder neu gemischt.

Für das Musikvideo der Singleauskopplung „Immer ist Irgendwas” sitzt ihr in einer fiktiven Talkrunde mit Bärbel Schäfer. Diese war ja vor allem in den 90er Jahren eine TV-Ikone – womit wir wieder bei oldschool wären. Welche Verbindung habt ihr zu der Moderatorin?

Micha: Wir kennen die, weil wir solche Boomer sind …

Michi: Weil uns diese 90er Zitate oft nachgesagt werden, fangen wir an, den Ball zurückzuspielen. Wir mussten bei dem Song immer an Talkshows denken. Wir wollten es aber nicht so politisch umsetzen. Wir haben dann Bärbel Schäfer einfach gefragt und die hatte Bock. Dieses Element von Talkshow greift die Bedeutung des Songs total gut auf. Wahrscheinlich hätten wir auch Facebook-Kommentarspalten abfilmen können. Viel entsteht bei uns durch Zufall und das wollen wir auch. Das ist bei Musikvideos so, aber auch im Aufnahmeprozess.

 

„Wir passen da ganz gut rein“

 

Zusammen mit Bands wie Ducks on Drugs, Sorry 3000 und Olympya seid ihr bei eurem Label Audiolith so etwas wie die neue Generation, der neue Sound des Labels …

Micha: Audiolith stellt sich breiter auf und es ist nicht mehr nur noch in einer Szene zu verorten. Das ist jetzt viel mehr Kunstmusik. Ich finde das cool und glaube, wir passen da ganz gut rein.

Michi: Die haben eine Entwicklung durchgemacht, wir aber auch. Wir haben uns dann wortwörtlich dabei getroffen. Lars Lewerenz (Labelchef von Audiolith; Anm. d. Red.) hat uns im Docks gesehen und fand uns cool. Wir haben miteinander gequatscht und so sind wir letztendlich auch dahin gekommen.

Micha: Diese Docks-Show haben wir nur bekommen, weil Fenja vom Molotow uns dort beim Clubaward reingelabert hat. Fenja haben wir letztendlich das Label zu verdanken.

 

Professionalisierung und ein gutes Timing

 

Ihr habt euch erst 2018 als Band zusammengefunden. Geprobt habt ihr anfänglich teils auf einer Verkehrsinsel, weil die Proberäume im Otzenbunker dicht gemacht wurden. Konntet ihr euch mit der Zeit professionalisieren? 

Micha: Also wir sind eine Firma!

Michi: Eine knallharte Firma!

Micha: Wir schreiben Rechnungen und machen die Steuer und so.

Michi: Das ist schon spannend, was dieses Jahr passiert ist. Wir hatten massive Probleme – allein damit, in Hamburg etwas zum Proben zu finden. Zwischendurch waren wir im Otzenbunker, jetzt sind wir in einem Proberaum da in … wie heißt der Stadtteil? Hamm, glaube ich. Auf einer Verkehrsinsel haben wir tatsächlich eine Zeit lang gespielt, weil wir einfach nichts gefunden haben. Inzwischen hat sich das aber gegeben. Ich finde, dass in Hamburg inzwischen viel für Musik getan wird. Klubs wie das Molotow ziehen außerdem heimische Bands hoch und supporten die mit Auftrittsmöglichkeiten. In Hamburg gibt es dadurch nicht nur Musical-Tourismus, sondern auch Sachen mit Seele. 

Corona hat, gerade wenn es um Live-Kultur geht, bei vielem einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wie seid ihr bisher durch die Pandemie gekommen?

Micha: Wir hatten zum Glück ein gutes Timing. Als Corona anfing, hatten wir noch nichts in Planung, sondern waren dabei, das Album aufzunehmen. Dann hat die Pandemie drei, vier Monate weggefressen, weil man gar nicht spielen konnte. Dann kam der Sommer, und es ging draußen etwas. Ich will damit sagen, dass es uns persönlich gar nicht so hart getroffen hat.

Michi: Ich finde, es war noch ok. Die Unterstützung war großartig. Was eine Unterstützung natürlich nicht leisten kann, ist, dass Leute einen live sehen. Ein Live-Konzert zu spielen, ist einfach etwas ganz Anderes, als im Proberaum zu sein. Das hat uns sogar extrem hart getroffen. Wenn einen als Band keine Leute sehen, dann wird man nicht besser und kann nichts tun. Man füllt Anträge aus, anstatt Gitarre zu spielen. Wir wollten eigentlich im März ein Album rausbringen, was „Crashkid“ heißen sollte. Das ist dadurch nur eine Digital-EP geworden. Im Schlimmen hatten wir großes Glück und ich fand es toll, dass sich die Kulturschaffenden untereinander organisiert haben. Aber das, was hätte stattfinden sollen, konnte nicht ersetzt werden. Sowohl aus Sicht eines Musikfans, als auch aus Sicht einer Band.

„Die Cigaretten“ 2. Dezember 2021 um 20.30 Uhr in der Astra Stube


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„Ich bin hervorragend im Selbstbetrug“

Der Hamburger Sänger und Songschreiber Wolfgang Müller veröffentlicht mit „Die Nacht ist vorbei“ ein klanglich leichtes, lyrisch tief in die Künstlerseele blickendes Album. Ein Gespräch über textliche Bildarbeit, Frieden finden beim Schreiben und Live-Auftritte als enorme Herausforderung

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Wolfgang, du hast mal gesagt, du würdest nach jedem fertig produzierten Album denken: „Das ist mein letztes, nie wieder.“ Nach den Aufnahmen für „Die Nacht ist vorbei“, heißt es, sollst du diesen Gedanken nun nicht haben. Warum nicht?

Wolfgang Müller: Weil ich dieses Mal den Entstehungsprozess und vor allem das Ergebnis so schön finde, dass nicht die Erschöpfung, sondern die Freude überwiegt. Dieses „Nie wieder“-Gefühl stellt sich tatsächlich nicht ein. Ein „Bitte nicht gleich nächstes Jahr wieder“-Gefühl allerdings schon (lacht).

Kann man in Kurzform sagen: Du warst noch nie so zufrieden mit der eigenen Kunst? 

Das klingt mir etwas zu eitel. Was ich sagen kann: Ich war schon lange nicht so glücklich mit einem Album, das ich gemacht habe.

Produziert wurde dieses Album innerhalb eines halben Jahres in deinem Dachzimmer. Wie muss man sich das so vorstellen?

Es liegt in der Schanze, von dort aus hat man einen ganz guten Blick über die Stadt. Es ist mein Refugium, dort arbeite ich, dort schreibe ich, dorthin ziehe ich mich zurück. Ich finde es ganz gemütlich.

 

Auseinandersetzung mit Dämonen

 

Hattest du dort oben beim Produzieren von „Die Nacht ist vorbei“ immer diese tiefe, innere Ruhe, die die Songs jetzt ausstrahlen?

Ja. Geschrieben habe ich die Songs in einem Zeitraum von dreieinhalb bis vier Jahren. Ich lebe nicht ausschließlich von der Musik, habe noch einen anderen Job, und wenn ich den nicht ausübe, spiele ich über den Tag verteilt immer wieder Gitarre, dichte und texte. Wenn man das sehr lange so gemacht hat, ergibt sich eine innere Ruhe ganz automatisch. Man braucht in meinen Augen auch einfach Zeit, um zu merken, was man wirklich aufnehmen möchte. Und ich habe mir diese Zeit dieses Mal genommen. Die innere Ruhe, die ich am Ende im Dachzimmer hatte, musste also erst mal entstehen.

Wobei man im Fall von „Die Nacht ist vorbei“ unterscheiden muss zwischen einer extrem zurückgelehnten Grundstimmung in der Klangästhetik und den textlichen Inhalten, die oft eine große innere Unruhe widerspiegeln. Ein Song, der heraussticht, ist „Sag Ja“. Der lädt geradezu zum Mitleiden ein, wenn es etwa heißt: „Bisweilen tut mir die Seele weh, und das in Wellen und an Stellen, wo andere nicht mal Stellen haben.“ Bedeutet das, du hattest das Gefühl, niemandem könnte es annähernd so schlecht gehen wie dir?

(lacht) Ja und nein. Ich bin grundsätzlich jemand, der sich gerne mit seinen inneren Dämonen auseinandersetzt, aber trotzdem ein positiver Mensch ist. Ich würde mich nicht als ständig leidend beschreiben. Was ich in dem Song ausdrücken möchte, ist, dass es meiner Erfahrung nach bestimmte seelische Themen gibt, die andere Leute nicht verstehen. Es gibt ja Menschen, die eine total geile Kindheit hatten, die sich immer prächtig mit ihren Eltern verstanden haben, bei denen einfach alles immer gut war. Und wenn man mit denen über gewisse Sachen redet, verstehen sie gar nicht, was man meint. Sie haben da gar nicht diese Stellen. Es ist, als wenn man sagen würde: „Mein dritter Arm tut mir ständig weh.“ Und das Gegenüber sagt: „Stell ich mir schlimm vor, aber ich habe selbst nie so einen dritten Arm gehabt.“

 

„Meine Musik ist persönlich, aber nicht privat“

 

Hilft das Aufschreiben solcher Gefühle gegen eben solche?

Ja. Ich sage immer: Meine Musik ist persönlich, aber nicht privat. Jemand, der sie hört, wird vieles nachvollziehen können, aber natürlich nicht wissen, wie zum Beispiel meine Beziehungen so gelaufen sind. Meine Songs sind keine Tagebücher. Für mich hat das Schreiben durchaus etwas Therapeutisches. Wenn ich etwas in Worte fasse, also benenne, geistert es mir nicht mehr so diffus in der Seele herum.

Viele benötigen für eine therapeutische Wirkung jemanden, der mit ihnen spricht. Meinst du, du kriegst durch das Schreiben die zweite Stimme selbst hin?

Ich bin ein großer Fan von echten Therapien und würde jedem dazu raten, wenn er gerade nicht klarkommt. Meiner Meinung nach sollten Gesprächstherapien sogar zur Grundausstattung gehören. Beim Schreiben arbeite ich allerdings viel mit Bildern, und ich habe gemerkt, dass ich dadurch ein Gefühl formuliert kriege, das in einer Gesprächstherapie keinen Raum hätte. Dieses Gefühl findet auf einer anderen Ebene statt, es wird nicht intellektuell hergeleitet. Und das bringt mir teils mehr Frieden, als wenn ich mit jemand anderem zwanzig Mal auseinanderbastele, warum dieses oder jenes denn so ist. Ich versuche auch, mir bei der Arbeit nicht so viel durchgehen zu lassen. Ich bin überzeugt davon, dass es keinen Sinn macht, etwas zu ignorieren – alles kommt irgendwann zurück. Ich möchte den Sachen deshalb auf den Grund gehen, daran habe ich auch eine große Freude.

 

Live spielen als Herausforderung

 

Dennoch singst du einmal auf dem Album, du wärst ziemlich gut im Selbstbetrug …

… genau, das ist mein innerer Antagonist. Ich bin sogar hervorragend im Selbstbetrug. Und eben diesen Betrug versuche ich mir nicht immer durchgehen zu lassen. Das ist aber nicht immer von Erfolg gekrönt. Jeder verarscht sich schließlich immer wieder, ich mich auch.

Ein neues Album bedeutet jetzt auch die Möglichkeit, neue Songs live zu präsentieren. Das falle dir aber allgemein gar nicht so leicht, heißt es …

… das stimmt. Live spielen stellt mich immer wieder vor eine große Herausforderung. Mir macht es Spaß, in der Retrospektive herumzuwühlen, aber das dann im Kontakt mit mehreren Menschen aufzuführen, empfinde ich als sehr anstrengend. Es gibt Künstler, die für die Bühne atmen. Die man geradezu festbinden muss, damit sie nicht ständig irgendwo spielen. Ich bin der Gegenpart. Acht Termine habe ich für dieses Album gemacht, und manchmal denke ich schon: „Gut, wenn ich die geschafft habe.“ Grundsätzlich machen mir Konzertabende aber auch viel Freude. Vielleicht wie so eine Bergtour: Die ist viel Arbeit, aber sie fühlt sich auch oft toll an.

„Die Nacht ist vorbei“ erschien am 19. November 2021 auf Fressmann/Indigo

Lust auf mehr, hier gibt’ das Video zu „Die nacht ist vorbei“:

 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Karim Eid: Von St. Georg in die Welt

Der 22-jährige Newcomer macht Popmusik mit internationaler Relevanz. Ein Kurzes Gespräch über St. Georg, wo Karim Eid aufwuchs und sich künstlerisch dorthin entwickelte, wo er heute ist

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Karim, du bist als Sechsjähriger von Köln nach Hamburg gezogen, in St. Georg aufgewachsen. Inwieweit, denkst du, hatte und hat der Stadtteil Einfluss auf deine künstlerische Entwicklung?

Karim Eid: St. Georg ist für mich meine Kindheit. Ich habe dort meine gesamte Schulzeit verbracht, habe verschiedenste kulturelle Einflüsse mitnehmen können und tue dies bis heute. In diesem Stadtteil kriegt man von allem etwas mit, sei es der Steindamm, der Hansaplatz, die Lange Reihe, die Alster, der Lohmühlenpark: Es sind die verschiedensten Kreise, die auf engstem Raum miteinander zu tun haben. Es entsteht eine Offenheit gegenüber allem, was einem – vor allem als Kind – vorerst nicht bekannt ist. Und ich denke, diese Offenheit gegenüber unbekannten Dingen habe ich in mein künstlerisches Dasein übernehmen können. Ich verarbeite die mir bekannten Dinge, experimentiere aber auch sehr gerne mit Neuem und scheue mich nicht davor, noch mehr zu entdecken.

 

Mit Freunden zur Leidenschaft

 

Hast du in in St. Georg schnell musikalische Anlaufpunkte und vielleicht auch eine Art Szene gefunden, mit denen beziehungsweise mit der du dich identifizieren konntest?

Als ich elf Jahre alt war, habe ich in der Schule mit Schlagzeugspielen angefangen. Da ich auf einer Kulturschule war (Klosterschule; Anm. d. Red.), wurde auf Musik ein großer Schwerpunkt gelegt. Dadurch bin ich immer mehr in die Musik gerutscht, habe Freunde gefunden, die die gleichen Ambitionen hatten wie ich, und die mich angespornt haben, Musik zu einer lebenserfüllenden Leidenschaft werden zu lassen. Dann kam das Produzieren, und Freunde von mir fingen an, in Richtung Rap zu gehen, was mich fasziniert hat. Davon habe ich definitiv Inspirationen gezogen, und mit dieser Szene kann ich mich persönlich auch identifizieren, auch wenn meine Musik in eine Richtung einschlägt.

 

Musik die Glücklich macht

 

Mit „Love You More Than I Hate What You Did“ erscheint nun deine erste EP. Du hast kürzlich gesagt, du würdest es als „größten Segen“ verstehen, dass niemand auf deine Musik wartet – weil du eben Newcomer bist. Hast du womöglich Angst davor, dass die Erwartungen schlagartig steigen, wenn du mit der EP erfolgreich wirst?

Angst würde ich es nicht nennen, wohl eher eine Sorge, die aber hoffentlich dann nur eine solche bleibt. Ich versuche mein Bestes, die Musik zu erschaffen, die mich glücklich macht und an der ich Spaß habe. Ich habe kein festes Genre, in dem ich mich bewege. Was ich musikalisch mache, hängt von der Stimmung und der Situation ab, in der ich mich zu der Zeit befinde. So lange ich mit meiner Musik zufrieden bin und mich selbst in meinen Liedern hören kann, habe ich kein Problem damit, wenn es gewisse Erwartungen nicht erfüllt. Dennoch freue ich mich sehr darauf, wenn das, was ich mache, auch bei anderen Anklang findet.

„Love You More Than I Hate What You Did“ von Karim Eid ist am 29. Oktober 2021 auf Lauter Lauter/The Orchard erschienen

Einen Vorgeschmack gefällig? Hier gibt‘s das Video zum Song „what you did“:


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„Sexismus ist etwas, was wir alle internalisiert haben“

Hamburger Nachwuchs: Hamburg Music Award Krach+Getöse für Nachwuchsmusiker, Show bei „Fast ein Festival“ von MS Dockville, frisch gesignt bei Europas erstem Female-MC-Label – die Rapperin Mariybu, 27, startet durch. Mit queerfeministischen Texten, starker Stimme und DIY-Producing

Interview: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Mariybu, wie lange gibst du dem Patriarchat noch?

Mariybu: Ouh. In meinem Traum gebe ich dem Ganzen noch ein paar Tage. In der Realität ist das unrealistisch. Aber man darf ja träumen, nä?

Deine Texte verhandeln männliche Machtstrukturen auf verschiedenen Ebenen. Sexuell, emotional, geschäftlich. Du klingst dabei stark und verletzlich zugleich. Wie viel eigene Erfahrungen schwingen da mit?

Nur. Meine Texte sind alle eigene Erfahrungen. Songtexte schreiben ist wie Tagebuchschreiben für mich. Es ist nicht so, dass ich denke, ich will über das schreiben, dann schreibe ich darüber. Es ist das, was mich gerade beschäftigt. Dann wird daraus ein Song. Dass es politisch wird, ist nicht beabsichtigt. Das Persönliche wird dann politisch.

Wann und wie bist du zum Rap gekommen?

2018. Als Kind hab ich Tic Tac Toe und so gehört, dann aber lange keinen Rap mehr. Ich kannte nur noch frauenverachtende Texte, wie von Bushido und Sido. Ich habe nicht gecheckt, warum ich mir Texte geben soll, die mich beleidigen. Ich habe spät meinen Weg zurückgefunden. Das hat angefangen mit einem Konzert von Finna, eine queerfeministische Rapperin und Aktivistin aus Hamburg. Das hat mich super berührt. Ich habe angefangen, Texte zu schreiben, habe mich mit Finna getroffen. Dann kam der 365Female*MCs-Blog von Mona Lina. Der startete Ende 2018. Lina Burghausen hat ganz, ganz viele gepostet, die ich mir als Vorbilder nehmen konnte. Das hat mich empowered, selber weiterzumachen. Dann habe ich vor zweieinhalb Jahren angefangen, zu produzieren.

 

Gegen strukturelle Benachteiligung

 

Du bist auch auf dem Label 365XX von Lina „Mona Lina“ Burghausen gesignt.

Das Label ist einfach geil. Es signt nur FLINTA*s: Frauen, Lesben, Inter-, Nicht-binäre-, Trans-, Agender-Personen – also Menschen, die aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität patriarchal diskriminiert werden. 365XX sagt nicht: Wir wollen Cis-Männer, also Männer, die sich mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurden, ausschließen. Aber wir sehen, dass FLINTA*s strukturell benachteiligt sind. Deshalb supporten wir sie. Das finde ich einfach krass, weil es so ein Label bisher noch nicht gab. Ich finde es super-beeindruckend, dass sie das machen, wie sie das machen und dass sie sich das trauen.

Welche Vorbilder hast du neben Finna?

Ebow war und ist für mich ein Riesenvorbild. Die ist unglaublich. Sie steht als queere Person in der Öffentlichkeit, macht voll ihr eigenes Ding, ohne sich was vorschreiben zu lassen. Auch ein ganz großes Vorbild: KeKe aus Wien. Was ich auch bei ihr krass finde: Sie ist stark und verletzlich zugleich.

Gibt’s auch sexistische Rapperinnen? Cardi B und Megan Thee Stallion waren in der Diskussion mit ihrem Wet-Ass-Pussy Song.

Wet-Ass-Pussy finde ich gar nicht sexistisch. Das ist superempowernd. Die eigene Sexualität, den eigenen Körper feiern wie auch Shirin David, da seh ich keinen Sexismus. Natürlich gibt es auch sexistische Rapperinnen. Sexismus ist ja etwas, was wir alle internalisiert haben. Ich selber bin an bestimmten Punkten auch noch sexistisch und lerne dazu, weil wir einfach alle im Patriarchat aufgewachsen sind. Das ist ein ewig langer Lernprozess.

Du kämpfst nicht allein für Feminismus, sondern mit dem Rap-Kollektiv Fe*Male Treasure und im Duo mit Girrrlitas. Kämpft ihr ausschließlich musikalisch oder noch mit anderen Waffen?

Ich bin Feministin 24/7. Wenn ich auf der Straße bin und irgendwas mitbekomme, mische ich mich ein. Wenn mir irgendwas passiert, führe ich Diskussionen. Es ist jeden Tag politische Arbeit. Ich geh auf Demos, wir treten auf Demos auf, bei Soli-Veranstaltungen. Femrep ist auch eine ganz tolle Gruppe. Da war ich mal, bin aber leider nicht mehr aktiv. Es ist nicht nur die Musik. Ich betreibe neben ihr auch noch Lohnarbeit, und in dem Unter- nehmen, wo ich arbeite, sind leider öfter Situationen, die echt scheiße sind. Und die spreche ich dann an. Das betrachte ich auch als feministische Arbeit.

 

Sexismus

 

Was war die sexistischste Scheiße, die du dir je anhören musstest?

„Ich kann kein Sexist sein, ich mag doch Sex.“ Das war auf der Familienfeier von einem Ex-Freund. Da wusste ich nicht genau, wo ich ansetzen sollte. Da hab ich gemerkt: Gut, da fehlt viel Wissen (lacht).

Deine Generation treibt Veränderungen voran wie wenige vor ihr. #MeToo, Black Lives Matter, Fridays for Future. Gleichzeitig hält eine neue Strenge Einzug. Amanda Gorman, die junge Dichterin von Bidens Inauguration, darf nur von Schwarzen übersetzt werden. In den Amazon Studios sollen nur noch Homosexuelle Homosexuelle spielen.

Dass Schwarze nur von Schwarzen übersetzt werden dürfen, kann ich total nachvollziehen. Das ist ein Job. Wenn die sagen, es geht auch darum, uns untereinander zu supporten, dann finde ich das gut. Es ist superindividuell. Kann sein, dass ich ein Feature nur mit einer queeren Person machen will. Ich arbeite aber auch mit anderen Leuten. Allerdings nur, wenn die nicht gegen meine grundlegenden moralischen Werte sind. Ich würde nie mit einem sexistischen Rapper ein Feature machen. Ich arbeite aber auch mit Cis-Männern. Einige meiner Videos macht ein Cis Mann. Er supportet, wofür ich stehe, ist kein Arschloch. Deshalb mach ich das mit ihm. Aber wenn ich für einen Job eine queere und eine nichtqueere Person habe, die gleich gut sind, würde ich die queere Person nehmen. Einfach, weil sie strukturell benachteiligt ist, nicht die gleichen Chancen hat.

Der Kapitalismus ist auf den Bewusstseins-Zug aufgesprungen: Großbanken geben Kreditkarten in Regenbogenfarben aus, Werbung wird immer diverser. Ärgerlich oder halb so schlimm, weil die richtige Botschaft transportiert wird?

Ich steh superambivalent dazu. Einerseits finde ich es ätzend, dass einen Monat lang überall Regenbogenflaggen bei irgendwelchen Scheißunternehmen flattern, dann ist der Monat vorbei und es wieder aus den Köpfen weg. Die Diskriminierung innerhalb des Unternehmens ist aber noch da. Das finde ich scheiße. Cool wäre, wenn sie weiter darüber hinausdenken. Wenn es nicht nur um Geld geht. Wenn sie sagen, ok, wir hissen hier die Flagge, und im Teammeeting sprechen wir über die Diskriminierung von queeren Menschen und wie wir das verändern können. Dann finde ich das geil. Aber nur als kapitalistisches Verkaufsding ist es zu kurz. Aber wer weiß, vielleicht ändert sich dadurch trotzdem was in den Köpfen. Ich hoffe es.

Wie findest du die Golden-Era-Rap-Generation? Biggie, Eminem, Wu-Tang und Kollegen? Die waren ja durchaus homophob und sexistisch in ihren Texten.

Die Dinge, wofür die gekämpft haben, sind ganz andere. Natürlich waren das Wegbereiter, die haben gute Sachen gemacht, für krasse Sachen gekämpft. Man muss es auch immer zeitlich einordnen. Trotzdem: Das ist keine Entschuldigung. Homophobe Scheiße geht auf keinen Fall. Das war damals auch schon scheiße.

Wann ist mit deinem ersten Album zu rechnen?

Meine erste EP erscheint am 3. September. Album, mal gucken. Es ist noch nichts in Planung direkt, aber es ist nicht auszuschließen, dass da noch ein Album kommt.

instagram.com/mariybu_


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2021. Das Magazin ist seit dem 28. August 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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