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„Sexismus ist etwas, was wir alle internalisiert haben“

Hamburger Nachwuchs: Hamburg Music Award Krach+Getöse für Nachwuchsmusiker, Show bei „Fast ein Festival“ von MS Dockville, frisch gesignt bei Europas erstem Female-MC-Label – die Rapperin Mariybu, 27, startet durch. Mit queerfeministischen Texten, starker Stimme und DIY-Producing

Interview: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Mariybu, wie lange gibst du dem Patriarchat noch?

Mariybu: Ouh. In meinem Traum gebe ich dem Ganzen noch ein paar Tage. In der Realität ist das unrealistisch. Aber man darf ja träumen, nä?

Deine Texte verhandeln männliche Machtstrukturen auf verschiedenen Ebenen. Sexuell, emotional, geschäftlich. Du klingst dabei stark und verletzlich zugleich. Wie viel eigene Erfahrungen schwingen da mit?

Nur. Meine Texte sind alle eigene Erfahrungen. Songtexte schreiben ist wie Tagebuchschreiben für mich. Es ist nicht so, dass ich denke, ich will über das schreiben, dann schreibe ich darüber. Es ist das, was mich gerade beschäftigt. Dann wird daraus ein Song. Dass es politisch wird, ist nicht beabsichtigt. Das Persönliche wird dann politisch.

Wann und wie bist du zum Rap gekommen?

2018. Als Kind hab ich Tic Tac Toe und so gehört, dann aber lange keinen Rap mehr. Ich kannte nur noch frauenverachtende Texte, wie von Bushido und Sido. Ich habe nicht gecheckt, warum ich mir Texte geben soll, die mich beleidigen. Ich habe spät meinen Weg zurückgefunden. Das hat angefangen mit einem Konzert von Finna, eine queerfeministische Rapperin und Aktivistin aus Hamburg. Das hat mich super berührt. Ich habe angefangen, Texte zu schreiben, habe mich mit Finna getroffen. Dann kam der 365Female*MCs-Blog von Mona Lina. Der startete Ende 2018. Lina Burghausen hat ganz, ganz viele gepostet, die ich mir als Vorbilder nehmen konnte. Das hat mich empowered, selber weiterzumachen. Dann habe ich vor zweieinhalb Jahren angefangen, zu produzieren.

 

Gegen strukturelle Benachteiligung

 

Du bist auch auf dem Label 365XX von Lina „Mona Lina“ Burghausen gesignt.

Das Label ist einfach geil. Es signt nur FLINTA*s: Frauen, Lesben, Inter-, Nicht-binäre-, Trans-, Agender-Personen – also Menschen, die aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität patriarchal diskriminiert werden. 365XX sagt nicht: Wir wollen Cis-Männer, also Männer, die sich mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurden, ausschließen. Aber wir sehen, dass FLINTA*s strukturell benachteiligt sind. Deshalb supporten wir sie. Das finde ich einfach krass, weil es so ein Label bisher noch nicht gab. Ich finde es super-beeindruckend, dass sie das machen, wie sie das machen und dass sie sich das trauen.

Welche Vorbilder hast du neben Finna?

Ebow war und ist für mich ein Riesenvorbild. Die ist unglaublich. Sie steht als queere Person in der Öffentlichkeit, macht voll ihr eigenes Ding, ohne sich was vorschreiben zu lassen. Auch ein ganz großes Vorbild: KeKe aus Wien. Was ich auch bei ihr krass finde: Sie ist stark und verletzlich zugleich.

Gibt’s auch sexistische Rapperinnen? Cardi B und Megan Thee Stallion waren in der Diskussion mit ihrem Wet-Ass-Pussy Song.

Wet-Ass-Pussy finde ich gar nicht sexistisch. Das ist superempowernd. Die eigene Sexualität, den eigenen Körper feiern wie auch Shirin David, da seh ich keinen Sexismus. Natürlich gibt es auch sexistische Rapperinnen. Sexismus ist ja etwas, was wir alle internalisiert haben. Ich selber bin an bestimmten Punkten auch noch sexistisch und lerne dazu, weil wir einfach alle im Patriarchat aufgewachsen sind. Das ist ein ewig langer Lernprozess.

Du kämpfst nicht allein für Feminismus, sondern mit dem Rap-Kollektiv Fe*Male Treasure und im Duo mit Girrrlitas. Kämpft ihr ausschließlich musikalisch oder noch mit anderen Waffen?

Ich bin Feministin 24/7. Wenn ich auf der Straße bin und irgendwas mitbekomme, mische ich mich ein. Wenn mir irgendwas passiert, führe ich Diskussionen. Es ist jeden Tag politische Arbeit. Ich geh auf Demos, wir treten auf Demos auf, bei Soli-Veranstaltungen. Femrep ist auch eine ganz tolle Gruppe. Da war ich mal, bin aber leider nicht mehr aktiv. Es ist nicht nur die Musik. Ich betreibe neben ihr auch noch Lohnarbeit, und in dem Unter- nehmen, wo ich arbeite, sind leider öfter Situationen, die echt scheiße sind. Und die spreche ich dann an. Das betrachte ich auch als feministische Arbeit.

 

Sexismus

 

Was war die sexistischste Scheiße, die du dir je anhören musstest?

„Ich kann kein Sexist sein, ich mag doch Sex.“ Das war auf der Familienfeier von einem Ex-Freund. Da wusste ich nicht genau, wo ich ansetzen sollte. Da hab ich gemerkt: Gut, da fehlt viel Wissen (lacht).

Deine Generation treibt Veränderungen voran wie wenige vor ihr. #MeToo, Black Lives Matter, Fridays for Future. Gleichzeitig hält eine neue Strenge Einzug. Amanda Gorman, die junge Dichterin von Bidens Inauguration, darf nur von Schwarzen übersetzt werden. In den Amazon Studios sollen nur noch Homosexuelle Homosexuelle spielen.

Dass Schwarze nur von Schwarzen übersetzt werden dürfen, kann ich total nachvollziehen. Das ist ein Job. Wenn die sagen, es geht auch darum, uns untereinander zu supporten, dann finde ich das gut. Es ist superindividuell. Kann sein, dass ich ein Feature nur mit einer queeren Person machen will. Ich arbeite aber auch mit anderen Leuten. Allerdings nur, wenn die nicht gegen meine grundlegenden moralischen Werte sind. Ich würde nie mit einem sexistischen Rapper ein Feature machen. Ich arbeite aber auch mit Cis-Männern. Einige meiner Videos macht ein Cis Mann. Er supportet, wofür ich stehe, ist kein Arschloch. Deshalb mach ich das mit ihm. Aber wenn ich für einen Job eine queere und eine nichtqueere Person habe, die gleich gut sind, würde ich die queere Person nehmen. Einfach, weil sie strukturell benachteiligt ist, nicht die gleichen Chancen hat.

Der Kapitalismus ist auf den Bewusstseins-Zug aufgesprungen: Großbanken geben Kreditkarten in Regenbogenfarben aus, Werbung wird immer diverser. Ärgerlich oder halb so schlimm, weil die richtige Botschaft transportiert wird?

Ich steh superambivalent dazu. Einerseits finde ich es ätzend, dass einen Monat lang überall Regenbogenflaggen bei irgendwelchen Scheißunternehmen flattern, dann ist der Monat vorbei und es wieder aus den Köpfen weg. Die Diskriminierung innerhalb des Unternehmens ist aber noch da. Das finde ich scheiße. Cool wäre, wenn sie weiter darüber hinausdenken. Wenn es nicht nur um Geld geht. Wenn sie sagen, ok, wir hissen hier die Flagge, und im Teammeeting sprechen wir über die Diskriminierung von queeren Menschen und wie wir das verändern können. Dann finde ich das geil. Aber nur als kapitalistisches Verkaufsding ist es zu kurz. Aber wer weiß, vielleicht ändert sich dadurch trotzdem was in den Köpfen. Ich hoffe es.

Wie findest du die Golden-Era-Rap-Generation? Biggie, Eminem, Wu-Tang und Kollegen? Die waren ja durchaus homophob und sexistisch in ihren Texten.

Die Dinge, wofür die gekämpft haben, sind ganz andere. Natürlich waren das Wegbereiter, die haben gute Sachen gemacht, für krasse Sachen gekämpft. Man muss es auch immer zeitlich einordnen. Trotzdem: Das ist keine Entschuldigung. Homophobe Scheiße geht auf keinen Fall. Das war damals auch schon scheiße.

Wann ist mit deinem ersten Album zu rechnen?

Meine erste EP erscheint am 3. September. Album, mal gucken. Es ist noch nichts in Planung direkt, aber es ist nicht auszuschließen, dass da noch ein Album kommt.

instagram.com/mariybu_


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2021. Das Magazin ist seit dem 28. August 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Top-Liste: Fünf Plattenläden für gute Musik

Vor 70 Jahren, am 31. August 1951, wurde in Deutschland die erste Langspielplatte veröffentlicht. Grund genug, sich die Plattenladenlandschaft in Hamburg anzuschauen. Wir präsentieren euch fünf Adressen, wo es sich zu stöbern lohnt

Text: Felix Willeke

 

Hamburg ist eine Musikstadt – und das nicht zuletzt seit den Beatles oder legendären Läden wie dem Onkel Pö oder dem Molotow. Zu einer Musikstadt gehört neben der Live-Szene auch eine gut vernetzte Plattenladenlandschaft. Die friedliche Koexistenz einiger Läden in der Hansestadt führt dabei so weit, dass sie sich gegenseitig den Kund:innen weiterempfehlen, denn jeder Laden hat seine eigene Expertise. Wir stellen euch fünf Anlaufstellen für gute Musik vor.

 

Ju-Ju Trumpet

Noch relativ neu und schon etabliert: Seit Dezember 2018 ist Ju-Ju Trumpet in Eppendorf zu Hause. Der kleine Laden in der Erikastraße wird von Michael Grüßing liebevoll geführt. War der ehemalige Manager vorher in den oberen Etagen von Unternehmen tätig, merkt man, dass er sich mit seinem eigenen Plattenladen jetzt einen Traum erfüllt hat. Für Liebhaber:innen der Jazzmusik ist Ju-Ju Trumpet sicherlich eine der besten Adressen der Stadt.

Ju-Ju Trumpet, Erikastraße 50a, 20251 Hamburg, Di. – Fr. 11:30 – 18:30, Sa. 10:00 – 14:30 Uhr; jujutrumpet.de

 

Michelle Records

We call it a Klassiker: Seit 1977 gibt es Michelle Records, die 2014 sogar den Musikpreis Echo gewonnen haben. Der Laden steht nach wie vor für gute Musik auf geliebtem Vinyl (und CD). Hervorzuheben ist nicht nur die enge Bindung zu den Stammkund:innen, legendär sind auch die in unregelmäßigen Abständen stattfindenden Schaufensterkonzerte. Kleiner Tipp: Ruhig mal nach den hauseigenen Samplern fragen.

Michelle Records, Gertrudenkirchhof 10, 20095 Hamburg, Mo. – Fr. 11 – 20, Sa 11 – 19 Uhr; facebook.com/michelle.records.hamburg/

 

Groove City Recordstore

Rap, HipHop, Soul, Jazz, Musik vom afrikanischen Kontinent, elektronische Musik, die Auswahl ist schier endlos. Der Groove City Recordstore wartet neben dem breiten Sortiment auch mit viel Expertise auf. Marga Glanz und ihr Team helfen dabei neben Klassikern wie Aretha Franklin auch neue Schätze zu entdecken.

Groove City Recordstore, Marktstraße 114, 20357 Hamburg, Mo-Fr 13 – 19 Uhr, Sa 11 – 18 Uhr; groovecityrecordstore.com

 

Hanseplatte

„Musik von hier“ könnte über der Hanseplatte stehen. Der kleine Laden auf dem Lattenplatz an der Feldstraße ist für seine dezidiert lokale Musikauswahl bekannt. Sei es die neue Platte von Bosse oder die ersten Werke der Hamburger Schule, hier bekommt man alles. Neben Musik gibts außerdem schicke Klamotten, Bücher und allerlei Hamburgensien, wie etwa das Katastrophen Quartett.

Hanseplatte, Neuer Kamp 32, 20357 Hamburg, Mo-Sa 12 – 18 Uhr; hanseplatte.com/

 

Zardoz Records

Seit über 30 Jahren zählt Zardoz Records zu den führenden Hamburger Platten-Vollsortimentern, der alles anbietet: jede musikalische Richtung von gängigem Mainstream bis zu total einmalig. Nach ihrem Umzug 2018 in die Marktstraße 55 mussten sie sich noch einmal neu sortieren. Die gute Beratung, das große Angebot und die gute Musikauswahl sind aber geblieben. Also egal ob die alte Rolling-Stones-Platte für die Mutter oder das neue Album von Kanye West für den Sohn, hier findet man alles.

Zardoz Records, Marktstraße 55, 20357 Hamburg, Mo – Fr 12 – 18, Sa: 11 – 18 Uhr; zardoz-schallplatten.de


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Bosse: „Ordentlich träumen und dann machen“

Der Hamburger Popstar veröffentlicht mit „Sunnyside“ sein achtes Studioalbum. Die textlichen Themen: alle großen dieser Zeit. Ein Entweder-oder

Text: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Moll oder Dur?

Bosse: In der Musik immer Moll. Im Leben lieber Dur.

Drama oder Komödie?

Drama ist gut. Da fühlt man was. Bringt Schwung und Lehrreiches in die Komödie.

Melancholie oder Euphorie?

Tiefe Euphorie. Melancholie nur am Tag nach dem Rotwein.

Zeitreise: zurück oder nach vorne?

Immer nach vorne. Da hinten soll man nix verändern können. Würde schon manchmal gern wissen, wo ich als Opa so rumsitze und wer um mich rumsitzt.

Träumen oder Machen?

Ordentlich träumen und dann machen.

Höher, schneller, weiter oder Genügsamkeit?

Entspannt weiter, sonst wird das nix. Genügsamkeit nur, wenn es keine Kapitulation ist.

Songs schreiben: Im Kellerstudio oder unterwegs?

Im Lockdown hab ich mich da so wohlgefühlt. Ich nehme den Keller.

In Writing-Sessions mit anderen oder alleine?

Immer alleine. Krieg ich sonst nicht gesungen. Gibt so viel gute Leute, aber ich muss es alleine schaffen, sonst fühl’ ich da nix.

Studio oder Tourbus?

Geschlossene Räume sind schon schwierig. Das Studio wirkt bei mir nach drei Wochen oft wie ’ne Knastzelle. Dann lieber den Bus. Da kann man an die frische Luft.

Tour oder Urlaub?

Mal abgesehen von den Konzerten am Abend, ist Touren wie Urlaub. Gute Reisegruppe und viel Zeit, plus die Vorfreude auf den Abend. Ich nehme die Tour.

Auf Tour: Wild oder gediegen?

Seitdem das Ticket mehr als zwölf Euro kostet, gediegen. Niemand hat es verdient, mich verkatert und durchfeiert zu sehen. Ich versuche schon, jeden Abend so fit zu sein wie am ersten. Da verzichte ich auf jede Fete und jeden Gin.

Im Urlaub: Rastlos oder Poolliege?

Erst erkunden, dann in den Pool.

Autogramm oder Selfie?

Gibt es noch Autogramme?

Hohe Chart-Platzierung oder Live-Applaus?

Applaus ist die wahre Währung.

„Sunnyside“ ist am 27.8. auf Vertigo Berlin/Universal Music erschienen


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2021. Das Magazin ist seit dem 28. August 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hawel/McPhail: „Wir machen das jetzt – oder nie“

Zwei alte Hasen im Hamburger Musikgeschäft machen gemeinsame Sache: Rick McPhail (zum Beispiel Tocotronic und Mint Mind) und Frehn Hawel (unter anderem Tigerbeat und The Last Things) veröffentlichen ihr Debütalbum „Transmissions From The Upper Room“. Ein Gespräch über den Zufall, der sie zum Duo machte

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Rick und Frehn, ihr kennt euch seit zwei Jahrzehnten, hattet euren ersten musikalischen Kontakt 2001, als eure damaligen Bands Venus Vegas und Tigerbeat gemeinsam tourten …

Frehn Hawel: … und zwar in einem Bus. Wir nannten ihn den „Love Bus“ (lacht).

Habt ihr damals schnell gegenseitigen Respekt für die musikalische Expertise des jeweils anderen entwickelt?

Frehn: Ja! Wir haben uns grundsätzlich gut verstanden und kamen auch schnell ins Gespräch über Effektgeräte und die Suche nach bestimmten Sounds. Das Interesse an solchen Sachen teilt man ja auch nicht mit jedem.

Habt ihr euch auch schon während der Tour für danach verabredet?

Rick McPhail: Nein, wir haben uns danach erst mal gegenseitig Verstärker verkauft, das ging hin und her (lacht).

Frehn: Aber Hamburg ist ja klein, und man begegnete sich immer wieder. Und irgendwann hatte Rick den „Upper Room“ – ab dann haben wir uns dort regelmäßig getroffen.

 

„Beer and gear“

 

Der „Upper Room“ in Ricks Wohnung ist ein Paradies für Gitarren- und Zubehör-Liebhaber, ein echtes Musiklabor. Wenn ihr euch dort getroffen habt, wie lief das genau ab?

Rick: Wir haben immer direkt die Verstärker angeschmissen …

Frehn: … und unser neues Zeug getestet. Zwischendurch wurde neben dem Fachsimpeln natürlich auch über das Leben geschnackt – und noch mehr neues Zeug geordert. Rick: „Beer and gear“ nannten wir es (lacht).

Wurde auch über die Bands gesprochen, die ihr gerade hattet? Habt ihr euch Feedback gegeben?

Frehn: Na ja, ich habe früh gemerkt, dass Ricks komplexe musikalische Denke nicht die ist, die ich so habe. Aber ich habe verstanden, wo er damit hin wollte – und umgekehrt genauso. Wir haben auch unsere jeweiligen Live- Shows besucht, das war immer gut.

Rick: Kritisiert haben wir uns übrigens nie (lacht).

 

 

Und wann habt ihr beschlossen, gemeinsam Musik zu produzieren?

Frehn: Das hat etwas gedauert. Ich hätte mich niemals getraut, Rick zu fragen, ob wir das mal machen wollen. Es war tatsächlich ein Zufall: Ich stand kurz vor einem Konzert, das ich im Duo mit einem online gefundenen Drummer spielen wollte. Im „Upper Room“ probierten Rick und ich gerade aus, welche Effekte für mich als einzigem Gitarristen beim Auftritt am besten passen könnten – und dann sagte der Typ plötzlich ab. Rick meinte: „Du weißt schon, dass ich Schlagzeug spielen kann?!“ Und es war klar: Wir machen das jetzt – oder nie.

Wie war die erste Probe?

Frehn: Ich war mega aufgeregt. Ich dachte: Was mache ich eigentlich, wenn das überhaupt nicht funktioniert? Aber: Es hat sofort hingehauen! Auch weil Rick ja nicht nur Schlagzeuger ist, sondern auch Songwriter, Sänger und eben in der Lage, technisches Gerät zu bedienen und gleichzeitig mitzusingen. Ein so gutes Setting hatte ich bis dahin noch nie.

Und nach dem Auftritt?

Frehn: Wir sind dann zu Rick, und ich hatte schon Sorgen, dass er seinen Kram auslädt – und das war’s. Aber er meinte nur: „Lass’ mal hoch, wir machen weiter!“

Rick: Für mich hat einfach alles gepasst. Nach Bands, in denen ich Keyboard und Gitarre spielen sowie zusätzlich singen musste, also etwas am Platz festgenagelt war, hatte ich wieder Lust, Schlagzeug zu spielen. Das ist einfach viel körperlicher.

 

Gemischt und gemastert

 

Nun erscheint mit „Transmissions From The Upper Room“ in Kürze euer erstes Album: zügige Garage-Rock-Songs mit melodiösen, griffigen Refrains. Wie war der Workflow dafür?

Frehn: Über die Klangästhetik mussten wir nie großartig nachdenken oder reden, die ist einfach so passiert. Einzig unser Pedalboard haben wir noch mal extrem erweitert, um für jeden Song reichlich Möglichkeiten zu haben. Und Rick hat dann alles aufgenommen, gemischt und gemastert. Er weiß ja sehr genau, was er da tut, und so musste ich nur daneben sitzen und sagen, wie ich es finde. Übrigens war es auch mal ganz gut, beim Songwriting, das meine Aufgabe ist, einen Native Speaker an der Seite zu haben, der checken konnte, ob auch wirklich deutlich wird, was ich mit meinen Texten ausdrücken will (lacht).

Habt ihr bestimmte Ziele mit Hawel/ McPhail?

Frehn: Erst mal das Album vorstellen und Interesse wecken. Wir haben keine festgesteckten Ziele. Natürlich will ich am liebsten, dass eine Million Leute unsere Musik hören – aber wenn es 5.000 sind, ist das auch okay. Wichtig ist, dass wir von den Songs überzeugt sind und sie gerne teilen möchten. Und das ist hier absolut der Fall.

„Transmissions From The Upper Room“ erscheint am 21.5. auf La Pochette Surprise Records


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2021. Das Magazin ist seit dem 29. April 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Stephanie Lottermoser: Tiefenentspannte Stadt-Hommage

Die Wahlhamburger Saxofonistin und Sängerin hat ein Album aufgenommen, das nicht nur „Hamburg“ heißt, sondern die Stadt auch musikalisch widerspiegelt – mit zurückgelehnten Jazz-, Soul- und Funk-Nummern

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Stephanie Lottermoser, dass der Titel deines neuen Albums „Hamburg“ wurde, lag nicht zuletzt an zwei anderen Städten, richtig?

Stephanie Lottermoser: Das stimmt. Ich stamme aus einer Kleinstadt südlich von München, habe in München an der HMTM studiert und 2013 den Bayerischen Kunstförderpreis in Form eines Stipendiums für Paris bekommen. Dort war ich dann auch für ein halbes Jahr. In Paris habe ich unter anderem gemerkt, wie sehr mich Orte beeinflussen, wenn ich Musik schreibe. Etwas später, zurück in München, ist dann ja auch mein Album „Paris Songbook“ erschienen.

Beschreib doch mal dein halbes Jahr in Paris.

Es war meine erste große Reise weg von München. Dieser Perspektivwechsel allein war schon mal ziemlich gut, fand ich. Und der kreative Input, den die Stadt liefert, ist unglaublich. Ich habe in der Cité Internationale des Arts gelebt, einem Gebäudekomplex, in dem gut 300 Künstler aus 50 Ländern untergebracht waren. Jazzmusiker, klassische Musiker, Bildende Künstler – alle Tür an Tür. Wir waren in einem ständigen Austausch. Zudem machen ja alle großen Stars Halt in Paris, wenn sie auf Tour sind. Einen Großteil des Taschengeldes, dass ich bekommen habe, habe ich für Konzertkarten ausgegeben.

Bist du selbst auch in Paris aufgetreten?

Ja, nachdem ich mich irgendwann überwunden hatte, mal zu einer Jam-Session zu gehen. Das musste ich mich erst mal trauen, auch sprachlich, ich hatte nie Französisch in der Schule. Aber es war dann wirklich toll, und ich habe danach immer wieder mit ganz unterschiedlichen Musikern gespielt, viele waren im Funk und Soul verankert, was ja auch meine musikalischen Baustellen sind.

Zurück in München, erschien dir die Stadt plötzlich als zu klein, heißt es.

(lacht) Ja, und es gibt auch einen passenden Song dazu auf „Paris Songbook“, nämlich „Model Railroad Landscape“, also „Modelleisenbahnlandschaft“. Der erste Song, den ich nach meiner Rückkehr geschrieben habe. Es soll jetzt überhaupt nicht despektierlich gegenüber München klingen, aber mir kam die Stadt wirklich etwas zu klein und auch zu brav vor.

Ende 2017 hatte ich dann ein Konzert in Hamburg. Ich saß in meinem Hotelzimmer am Fenster, konnte von dort aus über die ganze Stadt gucken – und habe nur gedacht: Ich will hier wohnen! Ich hatte keinen konkreten Grund, nach Hamburg zu kommen, nur dieses Gefühl.

 

„In Hamburg ist es egal, ob jemand Soul und Funk oder Avantgarde-Jazz macht“

 

Kannst du dieses Gefühl etwas näher beschreiben?

Es war ein Gefühl von Freiheit, was nicht zuletzt durch die Lage der Stadt, die Wassernähe, den Hafen kam. Und dieses Gefühl hat sich nach meinem Umzug 2018 nach Hamburg bestätigt: Ich fühle mich hier einfach total frei und gut aufgehoben.

Kamst du auch in der Hamburger Musikszene schnell zurecht?

Ich kannte erst mal nur ein paar Musiker in Hamburg, habe aber tatsächlich sehr schnell erfahren dürfen, wie gut vernetzt und vor allem hilfsbereit Hamburger Musiker sind. Das ist nicht selbstverständlich, ich kann das gar nicht hoch genug halten. In Hamburg ist es egal, ob jemand Soul und Funk oder Avantgarde-Jazz macht: Sobald da wer ist, der Bock auf Musikmachen und kreatives Arbeiten hat, wird er schon irgendwie irgendwo untergebracht. Es herrscht eine große Aufgeschlossenheit in der Szene.

 

 

Hast du dann sehr bald entschieden, dass dein nächstes Album schlicht nach deiner neuen Wahlheimat benannt wird?

Der Titel für ein Album kommt mir immer während des Schreibens. Und als ich den jetzigen quasi Titelsong geschrieben habe, „Morgen (Hamburg)“, habe ich mich einmal mehr gefreut, dass ich hier sein kann – und gar nicht mehr über andere Albumtitel nachgedacht. Das Album hieß dann einfach so: „Hamburg“.

Im Titelsong spielst du das erwachende Hamburg auf dem Saxofon nach, mit den ersten leichten Wellen am Elbstrand, dem langsam aufkeimenden Leben, dem Puls der Stadt. Alles: extrem entspannt. Genau wie der Rest des Albums. Empfindest du Hamburg auch so: superentspannt?

Ja. Ich habe mir nicht vorgenommen, total entspannte Songs zu schreiben. Meine Entspannung ist eher automatisch in die Musik übergegangen. Als ich in Bayern davon erzählt habe, kam oft das Klischee als Antwort: „Sind in Hamburg nicht alle eher total unterkühlt?“ Ich finde: nein! Was manche unterkühlt nennen, nenne ich ehrlich. Im Norden guckt man einfach erst mal, wie jemand drauf ist, wartet ab und beurteilt erst dann, wenn man es kann.

Du hast dein Instrument auch einmal als sehr „ehrlich“ beschrieben“ …

… richtig! Weil ich mich damit austoben und so sein kann, wie ich eben bin. Klar, als Musiker kann man covern, etwas nachmachen oder weiterentwickeln. Aber ich wollte immer Musik machen, um etwas von mir zu zeigen.

„Hamburg“ erschien am 5.3. auf Leopard Records

Release-Show im Knust
12.3.2021, 20 Uhr


SZENE-März-2021 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Februar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburger Nachwuchs: Sängerin Zoe Wees im Interview

Vor drei Jahren war Zoe Wees bei „The Voice Kids“ zu bestaunen. Auch wenn sie damals nicht gewann, ist die 18-Jährige mit der rauen Soulstimme nicht mehr aus dem nationalen Pop-Geschehen wegzudenken. Mehr noch: Zoe Wees, die in ihrer Kindheit mit Rolando-Epilepsie zu kämpfen hatte, strebt eine Weltkarriere an

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Zoe, du warst 15, als du an „The Voice Kids” teilgenommen hast. Was hast du von deinem Ausflug ins Casting-TV gelernt?

Zoe Wees: „The Voice Kids“ war auf jeden Fall eine interessante Erfahrung und hat Spaß gemacht. Aber es hat mir eigentlich nur gezeigt, dass ich lieber selbst Schritt für Schritt eine eigene Karriere aufbauen möchte, mit einem starken Team, das mich unterstützt.

Was würdest du denn generell jungen Talenten empfehlen, um ins Musikgeschäft einzusteigen: die Teilnahme an einer Castingshow oder Eigenmarketing per Social Media? 

Das muss, glaube ich, jeder selbst für sich herausfinden. Ich persönlich finde, man sollte versuchen, sich selbst etwas aufzubauen. Über Social Media zu gehen, ist meiner Meinung nach der beste Weg dafür. Jeder hat eine Chance verdient, und jeder hat dort die Möglichkeit, kreativ zu werden und sich eine Fanbase aufzubauen, vor allem auf Plattformen wie Tiktok oder Instagram.

Nicht fehlen dürfen sicherlich auch Mentoren auf dem frühen Karriereweg. Eine Förderin besingst du in deiner Single „Control“: deine ehemalige Grundschullehrerin. Inwieweit hat sie dich unterstützt?

Sie war damals immer für mich da, wenn es mir schlecht ging. Jedes Mal, wenn ich einen epileptischen Anfall hatte, hat sie mich an die Hand genommen und ist mir zur Seite gestanden. Sie hat sich viel Zeit für mich genommen, was nicht selbstverständlich ist. Dafür bin ihr unendlich dankbar, und darum habe ich den Song „Control“ auch für sie geschrieben. Es war ein sehr emotionaler Moment, als ich ihr den Song zum ersten Mal vorgespielt habe.

 

„Ich habe gelernt, mit der Krankheit zu leben”

 

In „Control“ erzählst du von eben diesen Erfahrungen mit Rolando-Epilepsie. Steht diese deiner Karriere heute noch im Weg? 

Nicht direkt. Die Rolando-Epilepsie ist eine Krankheit, die in den meisten Fällen während der Pubertät ausheilt, und das war glücklicherweise auch bei mir so. Aber auch heute habe ich morgens manchmal noch das Gefühl und die Angst, dass ich einen Anfall haben könnte, obwohl ich eigentlich weiß, dass es nicht sein kann. Das verfolgt mich also weiterhin, aber ich habe gelernt, damit zu leben.

Und wenn besagte Karriere ein Wunschkonzert wäre: Wo genau würdest du als Musikerin bestenfalls noch überall landen? 

In ein paar Jahren würde ich am liebsten auf Welttour gehen und auf den größten Bühnen stehen. Mein größter Traum ist es, vor einer riesigen Menschenmenge aufzutreten und gemeinsam mit den Leuten meine Songs zu singen. Außerdem will ich so viel Musik wie möglich releasen!

Hier könnt ihr in Zoe Wees’ Debüt-Single „Control“ reinhören:


Cover_SZ1020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2020. Das Magazin ist seit dem 27. September 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Lisa Bassenge: Musik von Müttern

„Mothers“ heißt das neue Album der Berliner Jazz-Sängerin. Darauf interpretiert sie die Songs von Künstlerinnen, die ihr besonders wichtig sind, von Carole King bis Billie Eilish. Geplante Konzerte fallen aktuell aus – aber über „Mothers“ konnten wir mit ihr sprechen

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Lisa, erinnerst du dich, wann du zum ersten Mal beim Hören von Musik einer Künstlerin das Gefühl hattest: Die ist es – die ist ab sofort so etwas wie eine musikalische Ziehmutter für mich?

Lisa Bassenge: Ich war zwölf, als ich das Madonna-Album „Like A Virgin“ zum ersten Mal hörte (erschienen 1984; Anm. d. Red.). Das hat mich sofort und total hineingezogen in die Welt dieser Künstlerin.

Was hat dir daran so sehr gefallen?

Ich fand den Stil der Songs irre toll! Und Madonna an sich. Sie war damals ja ein weibliches Rollenmodell, das es so vorher im Pop-Bereich noch nicht gegeben hatte: Eine starke Künstlerin, die sich positioniert und so ein „Selbst ist die Frau“-Ding macht. Mich hat das extrem fasziniert.

Warst du fortan Fan und wolltest mehr und mehr über Madonna wissen?

Ja, ich war schon ein richtiger Fan und wusste irgendwann tatsächlich so ziemlich alles über sie. In einem damaligen Bravo-Quiz konnte ich alle Fragen beantworten (lacht).

 

 

Glaubst du, dass es generell wichtig ist, die Biografie einer Künstlerin zu kennen, um ihre Musik voll und ganz verstehen zu können?

Kommt darauf an. Musik sollte immer einen Aspekt haben, der die Allgemeinheit anspricht, also in dem sich jeder wiederfinden kann, ohne große Künstlerinnenrecherche zu betreiben. Wenn man ein musikalisches Werk aber wirklich interpretieren möchte, ist es natürlich ratsam, auch mehr über die Künstlerin zu erfahren.

Für „Mothers“ hast du nun zwölf Songs von Künstlerinnen ausgesucht, die dich und die Pop-Musik ganz generell stark beeinflusst haben: Joni Mitchell, Carole King, Suzanne Vega, aber auch die blutjunge Billie Eilish sind dabei. Nach welchen Kriterien bist du bei der Auswahl vorgegangen?

Ich habe Stücke ausgewählt, zu denen ich einen Bezug habe, die mich berühren. Und natürlich musste ich mir sicher sein: Ich kann etwas daraus machen, das nach mir klingt und passend für meine Stimme ist. Es gab auch Songwriterinnen in der engeren Auswahl, die ich sehr mag, zum Beispiel Regina Spektor, die aber so eigen sind, dass ich ihre Stücke nicht auf meinen Stil umwandeln kann. Es überlagern sich auf „Mothers“ ja ganz verschiedene Pop-Welten, allein zeitlich.

Meinst du, jemand wie Billie Eilish hätte auch in der Zeit und Welt von Carole King bestanden?

Hmm, den Vergleich würde ich lieber nicht ziehen. Es gibt eben ganz klassische Songwriterinnen, von denen man sagen kann: Die hat auf jeden Fall ihre Hausaufgaben gemacht und ihr Handwerk gelernt. Jemand wie Carole King zum Beispiel. Und Billie Eilish hat sich einfach mal guerillaartig übers Internet nach oben katapultiert, ohne sich dabei den Strukturen zu bedienen, die im Musikgeschäft bis heute gängig sind, etwa einen Major-Label-Deal.

Vielleicht hätte Billie Eilish in die Welt von Madonna gepasst?

Den Vergleich finde ich schon besser. Zwei Künstlerinnen, die zu Pop-Phänomenen wurden und mit ihrer Musik vor allem junge Menschen ansprechen. Bei Billie Eilish wird das besonders deutlich. Zu ihren Konzerten gehen ja nicht nur Erwachsene und pubertierende Jugendliche, sondern teilweise sogar Kinder.

 

 

Könntest du eigentlich auch einen Bravo-Test über Billie Eilish bestehen?

Nein, überhaupt nicht. Von ihr weiß ich gar nicht so viel. Ich finde einfach ihre Musik super.

Hast du ihr deine Interpretation ihres Songs „All The Good Girls Go To Hell“ zugeschickt?

Nein, dazu bin ich zu bescheiden.

Und wenn sie ihn hören würde: Wäre es dir wichtig, dass er ihr gefällt?

Oh ja, natürlich! Es wäre furchtbar, wenn er ihr nicht gefallen würde!

Deine „Mothers“-Songs sind nun musikalisch sehr einheitlich: reduzierte Arrangements, Klavier im Fokus, sehr jazzig gehalten – typisch Lisa Bassenge …

… auch weil es mir darum ging, groß produzierte Pop-Stücke in eine kleine Form zu bringen. Darum, die Essenz des Songs herauszuarbeiten und etwas Eigenes daraus zu machen. Dafür ist die Trio- Konstellation, in der wir „Mothers“ aufgenommen haben, auch genau richtig. Der Schwede Jacob Karlzon ist mit ganzem Herzen Jazz-Pianist und leistet einen ebenso großen Beitrag wie mein Mann Andreas Lang am Bass.

Besteht eigentlich in Zukunft auch die Chance auf ein „Fathers“-Album?

Ach, es gibt so viele Männer in der Musikwelt und auch so sehr männliche Strukturen, dass ich denke: Ein „Fathers“-Album ist nicht unbedingt nötig. Mit „Mothers“ möchte ich jetzt lieber ein Augenmerk auf die weiblichen Teilnehmer an der Musikwelt richten.

„Mothers“ ist am 13.3. erschienen


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2020. Das Magazin ist seit dem 28. März 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Rick McPhail über sein Musikprojekt Mint Mind

Rick McPhail, bekannt als Tocotronic-Gitarrist und -Keyboarder, setzt mit seinem Musikprojekt Mint Mind auf simple Riffs und deutliche Botschaften

Interview: Erik Brandt-Höge

 

Verstärker, Pedale, Platten, Kabel und, vor allem: Gitarren, in jeder Ecke Gitarren. Rick McPhails Proberaum, den er sich in seinem Altonaer Zuhause eingerichtet hat, ist ein regenbogenbuntes, pickepackevolles Musiklabor. Hier hat der gebürtige US-Amerikaner auch die Songs für „Thoughtsicles“ ausgetüftelt, das neue Album seines Drei-Mann- Projekts Mint Mind. Geradliniger Garage-Rock ist die Basis für McPhails Texte, in denen es auch um aktuelle Politik geht.

 

SZENE HAMBURG: Rick, es heißt, deine Ziele für das neue Mint-Mind-Album wären gewesen: wenig Ambition, viel Spaß. Geht das so leicht?

Rick McPhail: Eigentlich schon. Ich glaube, ich kann einfache Songs eh besser schreiben, als welche für, zum Beispiel, mein vorheriges Projekt Glacier. Die Texte für Glacier waren immer sehr ernst, die Musik auch, und das hat wahnsinnig viel Arbeit gemacht.

Klar, einige Texte für Mint Mind sind schon auch ernst, aber doch mit einem Augenzwinkern zu nehmen.

Du sagst, du kannst einfache Songs besser schreiben. Bedeutet das auch schneller?

Auf jeden Fall. Wir haben „Thoughtsicles“ innerhalb von nur einem Monat fertig gemacht. Einerseits sind die Texte sehr schnell gekommen, und dann haben wir die Stücke auch noch sehr Riff-basiert arrangiert, in einer Dreierbesetzung ohne Bassist, das hat es uns zusätzlich vereinfacht.

 

„Ich habe ganz klare Vorstellungen“

Rick McPhail

 

Die Dreierbesetzung machen Schlagzeuger Tim Wenzlick und Gitarrist Christian Klindworth komplett. Gibt es in der Band eine klare Hierarchie?

Ja, leider (lacht).

Wieso leider?

Na ja, ich hätte die Rollen schon gerne gleichmäßiger verteilt, vielleicht kommt das auch noch. Aber wenn ich momentan Lieder schreibe, habe ich schon alles im Kopf. Ich habe ganz klare Vorstellungen, wie die Songs am Ende klingen sollen. Also nehme ich Demos auf, verschicke sie an die anderen, und die müssen das dann lernen (lacht).

Womöglich schauen die beiden anderen ja auch zu dir auf, also zu dem Rockstar, der auf den ganz großen Bühnen steht?

Ach, das weiß ich nicht. Tim zum Beispiel ist, glaube ich, nicht unbedingt ein Tocotronic-Fan (lacht). Außerdem haben wir uns als ganz normale Menschen kennengelernt, nicht als Rockstars oder Nicht-Rockstars.

Wie habt ihr euch denn gefunden?

Diese Band hatte schon viele Besetzungen, und ich wollte irgendwann etwas Festes, also eine Gruppe von Leuten, mit denen man aufnehmen und auf Tour gehen kann, wenn es denn soweit ist. Und ich wollte eine Band, bei der die Aufgaben klar verteilt sind. Das halten wir bei Tocotronic auch so, wo Dirk die Lieder schreibt und ich mich um das Equipment und die Roadies kümmere.

Gibt es einen Austausch zwischen Tocotronic-Autor Dirk von Lowtzow und Mint Mind-Autor Rick McPhail?

Nein, ich zeige Dirk meine Texte nicht. Er bekommt immer eine fertige Platte von mir – wobei ich gar nicht genau weiß, ob er sie auch hört (lacht).

 

 

Zurück zu „Thoughtsicles“. Nicht durchgängig sind die Lyrics leicht und locker, es gibt auch eine politische Ebene, etwa im Song „The Hassle From The Man“, in dem „Man“ offensichtlich für eine Regierung steht. Gab es etwas Politisches, was du unbedingt ausdrücken wolltest?

„The Hassle From The Man“ handelt tatsächlich von politischen Protesten und Polizeibrutalität. Es geht dabei um vieles: die „Black Lives Matter“-Bewegung ebenso wie G20 und Greta Thunberg. Ich habe gesehen, welche heftigen Reaktionen es zuletzt in Amerika auf Greta gab, wo Leute mit SUVs durch die Gegend fuhren, aus deren Kofferräumen Zöpfe hingen und auf deren Scheiben stand: „The solution to the problem with Greta.“ Und dann habe ich angefangen, etwas dazu zu schreiben.

War Wut der Antrieb beim Schreiben?

Ja, schon. Ich hatte auch schnell die Musik aus alten Biker-Filmen im Ohr, aus „Die wilden Engel“ zum Beispiel, mit Peter Fonda. Und da ich schon immer einen Bongo-Song machen wollte, kam mir das Instrument auch gerade recht.

Hattest du eigentlich Schreibroutinen?

Ich muss mich beim Schreiben grundsätzlich sehr zusammenreißen, weil ich dazu neige, es vor mir herzuschieben.

Woher kommt das?

Vielleicht, weil ich oft Angst davor habe, dass ein Songtext nicht gut genug wird, und dann fange ich gar nicht erst an (lacht). Ich kann ewig in meinem Musikzimmer herumdaddeln, weil es Spaß macht. Liederschreiben sehe ich eher als Arbeit an, und dafür brauche ich den Druck, den eine Deadline mit sich bringt. Dann kann ich auch jeden Tag einen Song schreiben, so war es auch bei „Thoughtsicles“.

Und wenn so ein Album herauskommt: Hoffst du, der sehr erfolgsverwöhnt ist, dass der kommerzielle Durchbruch schnell passiert?

Natürlich wünsche ich mir, dass wir mit Mint Mind auch außerhalb von Deutschland, Österreich und der Schweiz stattfinden können. Aber ich bin kein Snob, der nur vor Tausenden von Leuten auftreten will. Jede Publikumsgröße ist gut, ich freue mich auch sehr über 150 Menschen vor der der Bühne.

Komet: Erichstraße 11 (St. Pauli), 27.+28.2., 22 Uhr


Szene_Hamburg_Februar_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Januar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Neues Album „Bang“: Mando Diao im Interview

Die schwedische Erfolgsband Mando Diao veröffentlichte mit „Bang“ kürzlich ein neues Album. Frontmann Björn Dixgård und Bassist Carl-Johan Fogelklou über die Einfachheit der Songs, Freiheitsgefühle und ein verändertes Tourleben

Interview: Erik Brandt-Höge 

 

SZENE HAMBURG: Björn und Carl-Johan, euer neuer Song „Get Free“ ist der erste der Band, in dem es um das große Thema Freiheit geht. Warum gerade jetzt solch ein Text?

Björn: Das ist einfach so passiert. Wir haben immer zuerst die Musik und spielen dann mit Lyrics herum, dabei kam ich auf das Thema Freiheit. Ich habe darüber nachgedacht, was das eigentlich bedeutet, Freiheit, und wie man frei wird.

Carl-Johan: Außerdem wollten wir einen Song, der den Leuten ein Gefühl von Freiheit gibt, beim Hören und dazu Tanzen. Wir wollten auch mal eine Freiheitshymne machen. Ich darf in dieser Sachen David Hasselhoff zitieren: „I’ve been looking for freedom.“ (lacht)

Hat sich eure Definition von Freiheit eigentlich mit den Jahren verändert?

Carl-Johan: Schon. Wenn man älter wird, hat man allgemein mehr Verantwortung, allein dadurch bekommt Freiheit einen höheren Stellenwert. Wir haben jetzt sicherlich etwas mehr Respekt vor der Freiheit, die wir haben, als in früheren Bandjahren. Der Rock ’n’ Roll-Lebensstil, den ihr schon lange pflegt, gilt ja als sehr frei.

Gibt es dennoch etwas, das euch aktuell noch freier fühlen lässt als euer Job?

Carl-Johan: Die Natur. Ein Spaziergang durch den Wald, am Strand oder einem schönen See ist wahnsinnig viel wert.

Björn: Da stimme ich zu. Wenn man in der Natur ist, bekommt man sofort das Gefühl, ein Teil von etwas zu sein, das viel größer, viel wichtiger ist als alles andere. Und wenn ich darüber nachdenke, dass ich mit meinem Lebensstil auch viel von eben dieser Natur zerstöre, durchs Fliegen und die Müllproduktion, spüre ich umso mehr Demut, wenn ich dort draußen bin. Die Natur ist gut fürs Ego. Sie zeigt einem, dass man nur ein winziges Staubkorn auf dieser Welt ist.

Denkt ihr, Erfolg macht auch frei?

Björn: Erfolg macht vieles einfacher, auch das Geld, das oft mit Erfolg kommt. Damit konnten wir als Band noch mehr Musik produzieren und auch mal in einem schicken Studio abhängen. Allerdings würde ich behaupten, dass wir niemals aufhören würden, Musik zu machen, wenn wir plötzlich nicht mehr so erfolgreich wären und nur noch in kleinen Clubs auftreten. Das, was wir machen, müssen wir machen, es ist ein innerer Drang.

Dazu zählt auch das regelmäßige Touren – ebenfalls etwas, das Freiheit mit sich bringt. Wenn ihr jetzt wieder unterwegs seid, wie muss man sich das vorstellen: Noch so wild und partyreich wie zu Karrierebeginn?

Björn: Wir feiern schon noch ab und an.

Carl-Johan: Aber nicht mehr so hart.

Björn: Das stimmt. Ich kann auch nicht mehr so gut singen, wenn ich lange gefeiert habe. Wenn wir eine Show am nächsten Tag haben, bin ich vorsichtig. Der Rest kann von mir aus machen, was er will (lacht).

Carl-Johan: Ach, wir sind mittlerweile alle erwachsener und verhalten uns partytechnisch angemessener als früher. Heute sitzen wir nach einer Show oft da, einer holt einen ach so besonderen Whiskey heraus, wir nippen nur ein bisschen daran und fachsimpeln über den Geschmack (lacht).

Björn: Ich tue immer nur so, als könnte ich fachsimpeln.

Carl-Johan: Okay, ich ehrlich gesagt auch (lacht).

Es heißt, der „Bang“-Song „Long Long Way“ wäre im Tourbus entstanden – wo bei euch normalerweise nicht geschrieben wird …

Björn: … und es lag dieses Mal auch nur daran, dass ich nicht schlafen konnte. Die anderen saßen hinten, jammten angetrunken an ihren Instrumenten, es war laut. Also habe ich angefangen, zur Musik etwas zu schreiben. Der Song handelt davon, dass man manchmal nicht so genau weiß, wo man herkommt und wo es hingeht, also dass man auf einer ständigen Reise ist. Ich habe ein bisschen herumphilosophiert. Passte auf jeden Fall zu der Tourbus-Situation.

Noch ein Song sticht hervor auf „Bang“: „Society“. Darin thematisiert ihr unter anderem einen fehlenden Weitblick der Gesellschaft in Sachen Umwelt und Mitmenschlichkeit. Ihr fragt wörtlich: „Werden wir uns jemals ändern?“ Was könnt ihr als Band tun, um Veränderungen zu bewirken?

Björn: Ich bin leider nicht Greta Thunberg, habe nicht das Wissen, das nötig ist, um bestimmte Veränderungen einzuleiten. Und das einzige, das wir als Band dafür tun können, um die Stimmung einiger Menschen etwas aufzuhellen, ist Musik. Wir bieten den Leuten die Möglichkeit, in einen Club oder eine Halle zu gehen und zu unseren Songs zu tanzen. Und wenn wir sehen, dass sich das Publikum bei uns gut aufgehoben fühlt, kommt die Wärme, die wir ein Konzert lang geben, auch zu uns zurück.

Was den Sound von „Bang“ angeht, scheint es, als hättet ihr jede Art von Schnörkel und Spielerei vermeiden wollen. Gab es im Vorfeld der Albumarbeit klare Vorstellungen, wie die Songs sein sollten?

Carl-Johan: Simpel sollten sie sein! Wir wollten uns aufs Nötigste konzentrieren.

Björn: Wir wollten gute Gitarrenriffs, schlichte Drums – mehr nicht. Ein bisschen wie bei AC/DC (lacht). Die haben tatsächlich den gleichen einfachen Drum-Beat in all ihren Songs (stampft und klatscht). Mir hat der Gitarrist von The Hives erzählt, dass er mal mit dem Schlagzeuger von AC/DC im Flugzeug saß, und selbst dort hätte der diesen Rhythmus geklatscht und gestampft (lacht). Den kompletten Flug von Europa nach Australien! Jedenfalls: Das wollten wir auch – Einfachheit.

Mando Diao: 22.11.19, Sporthalle, 20 Uhr


szene-hamburg-november-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, November 2019. Titelthema: Sexualität. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Thees Uhlmann: „Schöne Kunst kommt aus dem Zweifel“

Nach dem Roman ist vor dem Album: Thees Uhlmanns neue Platte „Junkies und Scientologen“ erscheint am 20. September

Interview: Erik Brandt-Höge
Fotos: Andreas Hornoff

 

Die Songs heißen „Fünf Jahre nicht gesungen“, „Avicii“, „Was wird aus Hannover“ und „Katy Grayson Perry“. Der Sänger heißt Thees Uhlmann, Ex-Tomte-Frontmann, Bestseller-Autor und Wahlberliner mit Hamburg im Herzen. Ein Gespräch über Fan-Liebe und Selbstekel, große Grübelei und die Wichtigkeit von Angst.

SZENE HAMBURG: Thees Uhlmann, wer singt derzeit am schönsten, weil am härtesten über Liebe?

Thees Uhlmann: Zurzeit ist das, meiner Meinung nach, Billie Eilish. Sie kam aus dem Nichts, machte einfach wundervolle Musik und wurde damit wahnsinnig schnell zum Superstar. Sie singt den Soundtrack für den Gymnasiastenschulhof, vor allem für die fünfte bis zehnte Klasse. Eilishs Texte haben so eine schöne Dunkelheit. Ich glaube, sie können das Leben junger Menschen nachhaltig verändern.

Inwiefern?

Die Texte sagen: Du bist in Ordnung! Deine Gefühle sind in Ordnung! Wenn jemand was anderes sagt, weiche ihm aus!

Du sagtest schon zu Beginn deiner Karriere, du würdest immer versuchen wollen, so hart über Liebe zu singen, wie möglich. Hat sich an diesem Ziel mit der Zeit etwas verändert? 

Überhaupt nichts. Einzig für dieses neue Album hat sich eine Herangehensweise ans Schreiben verändert. Meine Idee war anfänglich: Um 8.10 Uhr, wenn meine Tochter in der Schule ist, habe ich eine gute Idee und bis 11 Uhr einen Song daraus gemacht. Ich wollte dieses Mal über Spontanität gehen, zack, zack, zack.

Und?

Ist nichts draus geworden. Es hat sechs Jahre gedauert, bis ich ein Album zusammen hatte. Ich habe ein fast fertiges Album weggeschmissen, ein ganzes Jahr nachgedacht und dann neu angefangen. Das war hart und tat weh. Ist wohl meine Art der Tätowierung …

… die beim Publikum ankommt, dein Gesang über Liebe kommt immer lauter zurück. Neben deiner Musik wurde auch dein 2015 erschienener Roman „Sophia, der Tod und ich“ von der breiten Masse sehr gemocht. Was macht so viel Liebe mit dir?

(überlegt lange) Ich glaube, nichts. Ein Großteil der Leute, die mich liebhaben, scheißt sich nichts, wie man auf Österreichisch sagen würde.

Was meinst du damit?

Die Leute sagen sich halt: Bei einem Thees-Uhlmann-Konzert wird keine Karriere geplant, der Typ singt einfach nur über das, was in seinem Kopf vor sich geht. Das entspannt sie und zieht sie gleichzeitig in eben diese Liebe zu meiner Musik.

 

 

Klingt nach Fan-­Zuneigung als Zufalls­produkt.

Ach, ich habe auch schon mal versucht, eine richtige Single zu schreiben.

Deiner Meinung nach mit Erfolg?

Nein, es war grauenvoll! Das Grauenvollste, was ich jemals gemacht habe. Ich habe es geschrieben, am nächsten Tag durchgelesen, und es hat mich fast umgehauen, wie schlecht das war. Da habe ich echt künstlerischen Selbstekel entwickelt.

Gab es weitere Single­-Versuche?

Nee, das mit der Single habe ich aufgegeben. Ich singe einfach, was ich will, nämlich über kleine und große Beobachtungen.

Das erste Stück auf deinem neuen Al­bum hat den Titel „Fünf Jahre nicht ge­sungen“, hätte aber auch heißen kön­nen: „Zwei Jahre nicht gesungen“. An­geblich hattest du schon 2016 das ange­sprochene fertige Album.

Richtig. Allerdings ist mir die Platte in meinen Händen zerronnen. Als Künstler hat man ja ziemlich schnell eine Ahnung, wenn etwas nicht so richtig gut ist, und mir hat das damals nicht gefallen, deshalb ist es nicht erschienen. Mein Umfeld hat das verstanden, ich durfte noch mal von vorne anfangen.

Dazu muss man sagen, dass es ein ganz schön großes finanzielles Unterfangen ist, wenn ich sage, dass es in dem Jahr noch nichts mit einer neuen Platte wird – und in dem darauf auch nicht.

Was genau hat dich an der ersten Albumversion gestört?

Da muss ich etwas ausholen. Ich mache Kunst nicht alleine. Ich mag es, wenn mich Freunde beraten, und jemand meinte vor dem Schreiben der ersten Songs zu mir: „Komm, mach mal wieder so Tomte-mäßige Texte!“ Also habe ich es probiert – und es hat überhaupt nicht funktioniert. Im Unterstrom kam dann das Nachdenken über einen riesigen Komplex.

Welchen Komplex?

Ich erzähle mal die Kurzversion: Ich bin 1974 geboren, habe 1986 angefangen, zu denken. 1989 ging die Mauer auf, kurz danach kamen Grunge und Riot Grrrl. Dann wurde Europa größer und Obama gewählt. Als er Präsident wurde, war das ein in meinen Augen riesiger Hoffnungsschimmer für die Welt – und dann gab es plötzlich Trump, Brexit und AfD, und ich dachte: Das kann doch nicht angehen!

 

„Ich habe meine Sprache härter gemacht“

 

Wie hast du das alles verarbeitet?

Das Erste bei Trump war, dass meine Tochter mich gefragt hat, wie so jemand gewählt werden konnte. Also ein Mensch, der sich komplett gegen ihre und meine Erziehungsrichtlinien richtet: Anstand, Moral, alle Menschen erst mal gleich. Erklär das mal einer Siebenjährigen: Trump, gewählt von Frauen, von Männern, nach Nirvana, nach der Maueröffnung und nach 150 Jahren Philosophie. Ich habe konstant jede Sekunde darüber nachgedacht. Am Ende ging das Schreiben einer Tomte-mäßigen Platte einfach nicht mehr.

Und dann?

Ich habe meine Sprache verlängert, direkter und irgendwie härter gemacht. Sodass diese Aufruhr, diese Unrast in mir irgendwie kanalisiert und wiedergegeben werden konnte.

Du bist also distanzloser geworden?

Ich kann verstehen, dass man das so empfindet, aber ich kann mein Schreiben selbst nicht erklären. Ich kann nur sagen, dass ich die Songs, wie sie jetzt sind, super finde. Mehr Leute sollten singen, was ich gerade singe (lacht). Oder zumindest so lange nachdenken, wie ich.

Eine Formel, die für die neue Songsammlung gelten kann, ist: Aus Klein mach Groß, aus Groß mach Klein. Etwa singst du, das Leben sei kein Highway, sondern die B73 …

… was eine der letzten Zeilen war, die wir im Studio für die Platte geschrieben haben, und danach hat es richtig Fäuste gehagelt vor Freude. Ich meine: Wir sind im Instagram-Zeitalter, die Leute fotografieren ihr beschissenes Essen und schreiben darunter 20 Hashtags, warum das geil ist. Die armen Gerichte!

Es suggeriert ein gutes Leben und die Bitte, das alles genauso zu machen. Aber: So ist das Leben nicht. Das Leben ist kein Highway, es ist die B73. Alles andere ist eine Lüge.

 

„Schöne Kunst kommt immer aus dem Zweifel“

 

Auffällig ist auch, dass es gleich zwei Songs auf dem Album über Angst gibt: „Danke für die Angst“ und „Menschen ohne Angst wissen nicht, wie man singt“. Ist es einfach passiert, dass dieses Thema so präsent ist?

Ja, ist einfach passiert. Für „Danke für die Angst“ hatte ich Lust, über Stephen King zu schreiben, weil er mir wahnsinnig viel bedeutet. Meine Tochter hat keine Angst mehr vor Monstern. Sie hat Angst vor anderen Sachen, ja, und ich weiß noch nicht so genau, wovor, darüber denke ich noch nach.

Ich dagegen hatte als Kind panische Angst vor Monstern. Ich habe Stephen King gelesen und „Twin Peaks“ auf VHS-Kassetten geguckt, und ich habe Angst bekommen, dass fortan irgendwas hinter mir ist.

Und was steckt hinter „Menschen ohne Angst“? 

Da wollte ich über diese Herrenmenschenscheiße schreiben, die viele zurzeit so toll finden, auch viele Künstler. Immer, wenn ein Sänger das Wort loyal in den Mund nimmt, bekomme ich eine Gänsehaut. Ich meine: Du kannst doch keine nachhaltige Kunst erschaffen, wenn du ständig darüber singst, dass du keine Angst hast und alle immer zusammenstehen. Das ist nämlich Quatsch. Schöne Kunst kommt immer aus dem Zweifel, aus dem Nachdenken und eben auch aus der Angst. Zum Glück habe ich keine Probleme mit Angstzuständen, aber ich finde, Angst an sich ist ein wichtiges, tolles Gefühl.

Kommen wir zu ein paar anderen Albumthemen. Sprich doch mal fol­gende Sätze zu Ende: Käme Katy Perry zu mir und fragte nach einem Duett, wäre meine Antwort …

Ja!

Unser Song hieße …

„Wir waren gestern Nacht mit Marcus Wiebusch tanzen“. (lacht) Nee, mal im Ernst, den Titel dürfte sie sich natürlich aussuchen. Ich möchte nur, dass sie den Song ohne Produzententeam schreibt, stattdessen nur mit Marcus und mir. Das wird dann so ein Disco-Hauer mit Akustikgitarren.

Eine Welt ohne Aviciis wäre …

Vorweg: Mein Song „Avicii“ ist komplett ironiefrei. Ich habe Avicii immer in der Tradition von ABBA gesehen, und ABBA sind für mich so wichtig wie Andy Warhol, ganz weit oben im Pantheon der Kunst. Manche Menschen sind einfach von irgendwem beschenkt worden, haben ein riesiges Talent.

Außerdem: Musik wird nicht schlecht, nur weil sie viele hören. Die Geschichte von Avicii ist mir so nahegegangen, dass es einen Song darüber geben musste. Und ich sage: Aviciis wird es ewig geben.

 

 

Hannover ist wichtig, weil …

Hannover ist nicht wichtig. Aber ich glaube, dass alle Hannoveraner und Hannoveranerinnen einen Deal gemacht haben. Die haben sich irgendwann mal unterm Schwanz getroffen und vereinbart: „Wir sagen das nicht weiter, wie geil das hier ist, sonst kommen die ganzen Arschlöcher hierher.“ Hannover ist grün, cool, man kann sich noch was leisten, aber alle außerhalb denken, dass es ein Deppenkaff ist.

Junkies-und-Scientologen-Thees-Uhlmann-Cover

„Junkies und Scientologen“ erscheint am 20.9.19 bei Grand Hotel van Cleef

In fünf Jahren singe ich bestimmt über …

Weiß ich noch nicht. Ich habe jetzt anderthalb Jahre an dieser Platte gearbeitet, und wenn mir vorher jemand gesagt hätte, dass es die längsten Songtexte werden würden, die ich bisher geschrieben habe, hätte ich es ihm nicht geglaubt. Andererseits: In fünf Jahren werde ich wahrscheinlich ein Wohnungsgesuch in Hamburg singen, mit Vorstellungen. Es wird heißen: „Bitte mit Elbblick.“

Apropos Hamburg, auch wenn hier ein älterer Song bemüht wird: Wie sieht’s aus in Hamburg? 

Das kriege ich inzwischen fast nur noch aus der Ferne mit. Meine Zeit ist knallhart aufgeteilt zwischen Tochter und Kunst. Da sind zwei Tage Abhängen in Hamburg zwischendurch einfach nicht mehr drin. Und wenn ich zu Heimspielen vom FC St. Pauli fahre, nehme ich den letzten Zug zurück nach Hause. Darunter leiden Freundschaften, was mir wahnsinnig weh tut. Ich muss aber auch sagen: Sobald ich auch nur an Hamburg vorbeifahre, zuckt mein Herz ganz schön.

Thees Uhlmann: 27.9.19, Große Freiheit 3617.+18.12.19, Große Freiheit 36


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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