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Zurück ins Club-Glück

Auf ein Neues: Endlich machen Hamburgs Clubs wieder auf. Carsten Brosda, Senator der Behörde für Kultur und Medien, im Gespräch über die Spuren des vergangenen Corona-Winters und das Tanzen in Zeiten weltpolitischer Krisen

Interview: Anna Meinke

SZENE HAMBURG: Carsten Brosda, am 4. März 2022 öffneten Hamburgs Clubs ihre Türen erneut. Unter 2G+-Bedingungen darf seitdem ohne Maske gefeiert werden. Haben Sie die neue Freiheit schon ausgenutzt und mal wieder so richtig das Tanzbein geschwungen?

Carsten Brosda: Noch nicht. Ich bin ohnehin eher einer von denen, die bei einem Konzert mit einem Bier in der Hand im Raum stehen und die Musik aufsaugen. Ich freue mich aber sehr, dass endlich wieder die Clubkultur gefeiert werden kann!

Gleichzeitig wurde Hamburg am 30. März zum Corona-Hotspot erklärt. Haben Sie trotzdem ein gutes Gefühl dabei, das Feiern wieder möglich gemacht zu haben, oder ist Ihnen auch ein wenig mulmig zumute?

Es ist gut, dass Hamburg angesichts der noch immer hohen Infektionszahlen vorsichtig ist. Schließlich ist Corona noch nicht vorbei, die Infektionszahlen sind hoch. Mit wenigen Maßnahmen können wir uns vergleichsweise wirksam schützen. Neben der Notwendigkeit zum Impfen ist es deshalb klug, auch weiterhin vorsichtig zu sein, gerade auch damit der ganze Wahnsinn nicht im Herbst wieder von vorne beginnt.

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„Viele haben in den letzten Monaten gemerkt, was alles fehlt“, sagt Kultursenator Carsten Brosda (Foto: Bertold Fabricius)

Das Personalproblem

Nach dem zehnwöchigen Winterschlaf ist das Bedürfnis bei vielen groß, sich ins Getümmel zu stürzen und die Nächte durchzutanzen. Was zeigt denn die Erfahrung der letzten Wochen – gibt es gerade eine regelrechte Party-Explosion?

Mein Eindruck ist schon, dass viele in den letzten Monaten gemerkt haben, was alles fehlt, wenn diese Orte wegfallen, an denen wir mit anderen zusammenkommen. Wir sehen das auch in anderen Kultureinrichtungen. Es macht einen Unterschied, ob ich auf dem Sofa Netflix gucke oder ob ich zum Beispiel im Theater ein einmaliges Live-Erlebnis habe. Und dann steht man im Anschluss mit anderen Menschen zusammen und tauscht sich aus. Das gilt natürlich erst Recht für Clubs, die ja gerade von dieser physischen Enge leben. Ich hoffe sehr, dass wir uns dieses Bewusstsein für den Wert des gemeinsamen Erlebens bewahren!

Irgendwelche nennenswerten Corona-Ausbrüche?

Wie gesagt: Generell sehen wir, dass die Zahlen weiter hoch sind und wir noch vorsichtig seien müssen. Insofern ist es gut, dass wir in den Clubs weiterhin die 2G+ Regelung gilt. Mein Eindruck ist, dass wir damit die Situation derzeit ganz gut im Griff haben.

Und wie sieht es hinter den Bars, am Eingang und an der Club-Garderobe aus? Machen sich Fachkräftemangel und Personalnot bemerkbar?

Das ist ein echtes Problem. Darum ist es auch gut, dass zum Beispiel die Clubs auf dem Kiez jetzt mit einer Kampagne gezielt Personal ansprechen. Daher war uns aber auch wichtig, dass wir mit unseren Hilfen immer so weit wie möglich nicht nur Einnahmeausfälle gezahlt haben, sondern vor allem weiter das Veranstalten unter Corona-Bedingungen ermöglichen wollten. So konnte wenigstens ein Teil des Personals gehalten werden.

„Ich wünsche mir, dass diese Corona-Generation jetzt durchstartet“

Also, alles wie immer, getreu dem Motto „The Kiez is back“?

Ich bin mir nicht sicher, ob unser Ziel sein sollte, dass einfach alles zum Alten zurückkehrt. Wir können ja auch aus den Erfahrungen der letzten zwei Jahre lernen und manches besser machen. Vielleicht gehen wir mit den Kulturorten ja jetzt auch viel bewusster um und erkennen zum Beispiel den großen Wert der vielfältigen Clubkultur in der Stadt. Das wünsche ich mir jedenfalls. Vor allem aber muss sich das Publikum seinen Kiez jetzt wieder zurückerobern und mit Leben füllen. Man muss sich ja vor Augen führen, dass da jetzt auch eine Generation die Clubkultur ganz neu erleben wird, die eigentlich in den letzten Jahren die Nächte hätte erobern sollen, stattdessen aber zu Hause bleiben musste. Ich wünsche mir sehr, dass diese Corona-Generation jetzt durchstartet und die Erfahrungen machen kann, die man in dem Alter machen muss!

„How can we dance when our world is turning? How do we sleep while our beds are burning?“

Midnight Oil

Es hätte so schön sein können – bundesweit sinken die Fallzahlen und es darf endlich wieder getanzt werden. Doch vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges in der Ukraine stellt sich die Frage, inwiefern eine hemmungslose Feierei gerade überhaupt möglich ist. Gegen den Weltschmerz antanzen – ist das eine gute Idee?

In meiner Jugend haben Midnight Oil gefragt: „How can we dance when our world is turning. How do we sleep while our beds are burning.“ Die Frage stellt sich immer wieder. Aber die Geschichte zeigt ja auch, dass gerade die Popkultur Veränderung fördern kann. Deswegen finde ich die Idee, gegen den Weltschmerz anzutanzen, eigentlich recht schön. Auch das bedeutet ja, diesem Wahnsinn unsere Haltung von einer freien Kultur entgegenzustellen. Aber ich gebe zu, dass das schwerfällt – und dass die Form immer wieder überprüft werden muss.

Momente der Gemeinschaft

Welchen Stellenwert haben das gemeinsame Feiern und Live-Musik-Erlebnisse Ihrer Meinung nach? Und was bleibt vielleicht auf der Strecke, wenn wir nicht tanzen gehen können?

Für mich sind das Momente, in denen Gemeinschaft spürbar wird. Kae Tempest beschreibt in ihrem Buch „Verbundensein“, dass sich bei einem Konzert sogar der Puls der Anwesenden angleicht. Das Wissen darum, dass wir einander brauchen und aufeinander reagieren, ist wichtig.

Ich finde die Idee, gegen den Weltschmerz anzutanzen, eigentlich recht schön.

Kultursenator Carsten Brosda

Clubbetreiber:innen beklagten in den vergangenen zwei Jahren vielfach eine gewisse Leichtfertigkeit, die den Umgang der Politik mit der Schließung von Clubs vermeintlich prägte. Kommt mit der „neuen Feierei“ auch eine neue, vielleicht absehbarere Corona-Strategie für die Kulturszene?

Da haben wir in den letzten Monaten schon eine Menge voneinander gelernt. Ich denke noch mit Schrecken an die ersten Corona-Verordnungen, in denen die Kultur mit Freizeiteinrichtungen und Puffs auf eine Stufe gestellt wurde. Das hat zu Recht einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Inzwischen wird der besondere Stellenwert der Kultur erkannt. Bund und Länder haben auch deutlich gemacht, dass es sehr genauer Begründungen bedarf, wenn die Freiheit der Kunst eingeschränkt wird. Mit Blick auf die Live-Musik macht mir Mut, dass die neue Bundesregierung nun erstmals Clubs als Kulturorte anerkannt hat und auch entsprechend schützen will. Wir in Hamburg wissen schon lange, wie wichtig eine lebendige und vielfältige Club-Szene für die Kultur ist. Da kann es nur helfen, wenn da künftig Bund und Länder mit der Szene an einem Strang ziehen.


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Hamburger Stadtteilkulturpreis verliehen

Am 5. April 2022 wurde zum 19. Mal der Hamburger Stadtteilkulturpreis verliehen – eine Gala mit vielen glücklichen Gewinner:innen

Text: Felix Willeke

Seit fast 20 Jahren verleiht Stadtkultur Hamburg den Hamburger Stadtteilkulturpreis. Er will Projekte fördern, die sich besonders um die Hamburger Stadtteilkultur verdient machen. Am 5. April 2022 verlieh Kultursenator Carsten Brosda den größten Preis an das Programm „Start a Revolution: Get to know your Neighbour!“ des Mikropol e.V. Der Verein eröffnete im Sommer 2019 als Reaktion auf den ersatzlosen Abriss des ehemaligen Stadtteilzentrums das Mikropol in einem ehemaligen Toilettenhäuschen auf einer Verkehrsinsel in Hamburg Rothenburgsort. Mit der Zeit wurde es zu einem offenen Raum für den Stadtteil umgebaut. Ziel ist es jetzt, langfristig ein großes Zentrum für den Stadtteil zu entwickeln. „Das Mikropol hat die Soziokultur neu- und wiedererfunden“, heißt es in der Begründung der Jury.

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Haben den größten Preis beim Stadtteilkulturpreis 2022 gewonnen: das Mikropol e.V. (Foto: Miguel Ferraz)

Ein Sonderpreis für das Goldbekhaus

Neben dem größten Preis wurden 2022 auch drei Sonderpreise vergeben. Ausgezeichnet wurden Stephanie Grau und Felicia Grau vom Theater Zeppelin und dem HoheLuftschiff, Bernd Haß aus dem Goldbekhaus und Clemens Hoffmann-Kahre aus der Motte. Der Stadtteilkulturpreis ist mit insgesamt 10.000 Euro dotiert und wird von der Hamburgischen Kulturstiftung, der Gabriele Fink Stiftung, der Patriotischen Gesellschaft von 1765 und der Behörde für Kultur und Medien gestiftet und unterstützt.


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Die Regierung in Berlin steht – Brosda bleibt in Hamburg

Der Hamburger Kultursenator Dr. Carsten Brosda bleibt in der Hansestadt und wechselt nicht als Kulturstaatsminister nach Berlin

Text: Felix Willeke

 

In den letzten Wochen war viel spekuliert worden: Der Hamburger Senator für Kultur und Medien könnte als Kulturstaatsminister – und damit Nachfolgerin der CDU-Politikerin Monika Grütters – nach Berlin wechseln. Dies ist jetzt aber ziemlich sicher vom Tisch. „Ich erinnere mich daran, dass ich Ihnen schon Anfang September sagte, dass ich auch künftig unter der Hamburger Vorwahl erreichbar sei. Die Perspektive ist schön“, schrieb Brosda auf Twitter auf die Frage eines Journalisten des Deutschlandfunks.

Im Koalitionsvertrag steht darüber hinaus: „Die Staatsministerin für Kultur und Medien stellt Bündnis 90 / Die Grünen.“ Damit bliebe der SPD-Politiker Brosda der Hamburger Kultur erhalten.

 

Meinungen

 

Schon vor dieser Entscheidung betonte Helge Albers, Geschäftsführer der MOIN Filmförderung, wie gerne er mit Senator Brosda zusammenarbeitet. Und Filmfest-Leiter Albert Wiederspiel bezeichnete ihn erst kürzlich in einem Podcast als den „klügsten Kultursenator der Welt“. „Alle“, so Wiederspiel, „beneiden uns um ihn.“

Dr. Carsten Brosda ist seit 2017 Senator für Kultur und Medien in Hamburg – er folgte damals auf die 2016 verstobene Barbara Kisseler. Seit November 2020 ist er zudem Präsident des Deutschen Bühnenvereins. Die offizielle Bestätigung seines Verbleibs steht unterdessen noch aus.


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Barbara Kisseler Theaterpreis 2021 vergeben

Der mit 50.000 Euro dotierte Barbara Kisseler Theaterpreis 2021 wurde am 31. Oktober im Ernst Deutsch Theater vergeben. Gewonnen hat die Hamburger Schauspielerin Stella Roberts für ihre Produktion „Der fröhliche Fischer“

Text: Felix Willeke

 

Stella Roberts ist die Gewinnerin des Barbara Kisseler Theaterpreises 2021. Die 32-jährige bekam ihre Auszeichnung am 31. Oktober 2021 im Ernst Deutsch Theater überreicht, wo ihre Schauspielkarriere in einem der hauseigenen Jugendclubs begann. Später spielte sie im Hamburger Jedermann und ist inzwischen auch an der Wiener Staatsoper zu sehen. Den mit 50.000 Euro dotierten Preis erhielt sie für ihre Produktion „Der fröhliche Fischer“, die im September 2021 am Rissener Leuchtturm aufgeführt wurde. Kultursenator Dr. Carsten Brosda lobte die Inszenierung, „die einen außergewöhnlichen Spielort in Hamburg theatral in Szene setzt und Theater somit unmittelbar in die Gesellschaft trägt“.

 

Auch das plattform-Festival ausgezeichnet

 

Kultursenator Dr. Carsten Brosda und die Gewinnerin 2021 Stella Roberts (Foto: Oliver Fantitsch)

Kultursenator Dr. Carsten Brosda und die Gewinnerin 2021 Stella Roberts (Foto: Oliver Fantitsch)

Ebenfalls ausgezeichnet wurde das plattform-Festival. Da die Verleihung 2020 Pandemie-bedingt ausfallen musste, überreichte Brosda den Preis für das vergangenen Jahr ebenfalls am 31. Oktober 2021. „Es ist ein mit viel Einsatz verbundenes Vorhaben, dafür Sorge zu tragen, dass Kinder und Jugendliche den Wert von Kultur für unsere Gesellschaft unmittelbar erfahren können. Das Team des plattform-Festivals setzt dies seit fast zehn Jahren engagiert um“, so der Kultursenator.

 

Ein Preis zu Ehren von Barbara Kisseler

 

Der Barbara Kisseler Theaterpreis wird seit 2017 zu Ehren der 2016 verstorbene Kultursenatorin vergeben, gefördert wird er dabei von der Hermann Reemtsma Stiftung. Mit dem Preis werden Privattheater oder Freie Gruppen für herausragende Leistungen von einer anonymen Jurorin oder einem anonymen Juror ausgezeichnet. Mit „Der fröhliche Fischer“ wurde erstmals die Realisation einer Produktionsidee ausgezeichnet.


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Kultursommer Hamburg: Abschluss mit Pauken und Trompeten

Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher und Kultursenator Dr. Carsten Brosda feiern mit Hamburger Publikum das Ende des Kultursommers bei einem lauen Sommerabend auf dem Rathausmarkt

 

Mit einer vom Generalmusikdirektor Kent Nagano dirigierten Hommage an Jacques Offenbach endete das Festival offiziell. Bürgermeister Peter Tschentscher und Kultursenator Carsten Brosda genossen als Zuhörer den trockenen Abend auf dem Rathausmarkt.

Um die 1.800 Veranstaltungen unter freiem Himmel hatten seit Mitte Juli in einer Vielzahl von Hamburger Spielstätten, darunter viele ungewöhnliche Orte in den Bezirken, stattgefunden. Nun richtet sich der Blick auf den kommenden Herbst, wenn Kultur wieder drin stattfinden soll.

 


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Carsten Brosda: „Wir müssen unsere Geschichten besser erzählen“

Mit Unterstützung der Hamburger Band Das Weeth Experience trat Kultursenator Dr. Carsten Brosda im Rahmen des Kultursommers auf der Rollschuhbahn Planten un Blomen auf und laß aus seinen Schriftstücken vor

Text: Isabel Rauhut

 

Den sommerlichen Freitagabend am 23. Juli auf der Bühne an der Rollschuhbahn Planten un Blomen eröffnet die Band Swearing at Motorists. Nach einer gerissenen Gitarrensaite und guten Sprüchen betritt im Anschluss an die Vorband Carsten Brosda mit Band die Bühne. Hamburgs Kultursenator ist neben seiner politischen Arbeit auch als Schriftsteller tätig. Drei Bücher zum Stand der Republik, Kunst, zum Thema Digitales und Rechtsautoritäres hat er bereits veröffentlicht. Carsten Brosda laß dem Publikum im Rahmen der Konzertreihe „Knust2go“ beim Kultursommer Hamburg mit musikalischer Begleitung von Das Weeth Experience vor.

 

Musik und Literatur

 

Der Plan, Improv-Instrumentalmusik simultan mit einer Lesung zu kombinieren, entstand während des Frühjahr-Shutdowns 2020. Das Weeth Experience ist die Band der beiden Michelle Records Macher Christof Jessen und Andre Frahm – dem Hamburger Plattenladen in dem sich Herr Brosda beim Plattenstöbern gern mal vom Regieren erholt. Und da kommt man dann beim Schnacken auf künstlerische Ideen.

Gegründet in den frühen 1990er Jahren war die Hamburger Band Das Weeth Experience auf der ganzen Welt unterwegs. Mehrere US-Tourneen führten zu Freundschaften mit Bands wie Yo La Tengo oder Giant Sand. Bands, mit deren musikalischem Ansatz sich die Band eher verbunden fühlte, als mit vielem Heimischen. Aktuell ist eine fünfte Platte in Vorbereitung.


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Untreue in der Fabrik? Neue Entwicklungen

Am Vormittag des 31. Mai 2021 hatte die Hamburger Polizei und Staatsanwaltschaft die Fabrik Hamburg und die Privaträume ihrer Geschäftsführerin durchsucht. Der Verdacht der Veruntreuung von Stiftungsgeldern und Spenden steht seitdem im Raum. Jetzt hat sich Kultursenator Carsten Brosda zu den Vorfällen geäußert  

Text: Felix Willeke

Laut dem Hamburger Abendblatt gibt es neue Entwicklungen rund um die Fabrik in Altona. Das Blatt hatte schon im Juli 2021 von einer Razzia im Mai 2021 berichtet, die auf den Vorwurf der Untreue zurückgeht. Der Fabrik-Leiterin wurden die Veruntreuung von Stiftungsgeldern und Spenden vorgeworfen. Konkret geht es bei den Anschuldigungen laut dem Abendblatt um die Abrechnung von vermeintlich privaten Flug- und Zugreisen, von Wohnungsumzügen und anderen vermeintlich privaten Ausgaben. Jetzt hat sich der Kultursenator zu diesem Sachverhalt geäußert.

Brosda fordert Veränderungen

Laut dem Abendblatt fordert Kultursenator Carsten Brosda Veränderungen in der Fabrik. „Die im Raum stehenden Vorwürfe wiegen schwer, und ich hoffe sehr, dass die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen bald abgeschlossen sind“, so zitiert das Abendblatt Brosda. Man habe der Fabrik und seinem Stiftungsrat „geraten, die Aufsichtsstrukturen zu verändern“. Jetzt bleibt das Ergebnis der Ermittlungen abzuwarten. Unterdessen geht der Konzert- und Veranstaltungsbetrieb in der Fabrik weiter. Das Kulturzentrum wird zwar von der Stadt gefördert, trägt sich aber zum größten Teil selbst.


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Hamburger Kultursommer: Carsten Brosda im Interview

Der Senator der Behörde für Kultur und Medien, Carsten Brosda, über den Kultur-Neustart, den Hamburger „Kultursommer“ und die Vorfreude auf einen ganz bestimmten Live-Kultur-Moment

Interview: Erik Brandt-Höge

 

Zweiundzwanzig Millionen Euro ist dem Senat der Kultur-Neustart wert. Ein Teil davon fließt in den Hamburger „Kultursommer“, für den allerhand Veranstalter und Künstler gefördert werden und die Stadt vom 15. Juli bis 16. August mit kulturellen Leben fülle.

SZENE HAMBURG: Carsten Brosda, der „Kultursommer“ steht an. Welche Aufgaben haben Sie im Vorfeld zu erledigen?

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Foto: Bertold Fabricius

Carsten Brosda: Erst mal haben wir uns im Senat darauf verständigt, dass wir einen „Kultursommer“ machen wollen. Jetzt kümmern sich die Kolleginnen und Kollegen in der Behörde zusammen mit Stadtkultur Hamburg und den zahlreichen Veranstaltern um die Umsetzung.

Ich freue mich, dass sich insgesamt über 200 Veranstalter beworben haben und über 100 Konzepte für eine Förderung ausgewählt wurden. Es geht nun darum, dass diese mehr als 100 Orte auch bespielt werden können, und darum Künstlerinnen und Künstler, die sich für die freien Slots beworben haben, mit den Veranstaltern zusammenzubringen.

Ich bin momentan vor allem damit befasst, die Rahmenbedingungen für den Neustart zu klären und allen Beteiligten Zuversicht zu vermitteln, dass es ein richtig praller, kulturvoller Sommer werden kann.

Wer hat denn bestimmt beziehungs­weise wer bestimmt noch, wer gefördert wird – und mit welchem Betrag?

Wir mussten mit einer relativ sportlichen Antragsfrist zur Bewerbung aufrufen, damit der Kultursommer kein Kulturherbst wird. Dann gab es eine Jury, die die Förderungen beschlossen hat. Darin saßen ein Vertreter der Kulturbehörde sowie Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen kul­turellen Sparten. Ziel war es, gemeinsam mit Partnerinnen und Partnern zu entscheiden, die das kulturelle Leben in der Stadt gestalten. Den „Kultursommer“ haben wir uns auch ein bisschen aus Wien abgeguckt, wo es im vergangenen Jahr etwas Ähnliches gegeben hat.

 

Geldfluss

 

Vom Senat werden 22 Millionen für den Neustart der Kultur ausgegeben. Ist das in Ihren Augen ausreichend für eine so große Kulturstadt wie Hamburg?

Es ist ein Baustein von vielen. Seit Beginn der Pandemie haben wir allein in Hamburg rund 100 Millionen Euro ausgegeben, um Kultur zu fördern. Das betraf sowohl die Soforthilfen, als auch das Aufstocken von bestehenden Förderinstrumenten, den Defizitausgleich von Institutionen, und, und, und. Nach diesen Logiken wird auch weiter Geld fließen.

Die 22 Millionen sind jetzt dafür da, in diesem Sommer besonders darauf aufmerksam zu machen, dass kulturelles Leben wieder geht, und dieses auch zu ermöglichen. Von den 22 Millionen fließt ja nicht alles in den „Kultursommer“, sondern zum Beispiel auch in weitere Live-Veranstaltungen sowie in Festivals, die im August, September und Oktober stattfinden sollen, und das unter Umständen noch unter Pandemiebedingungen.

Wir wollen auch in diesem und im nächsten Jahr der Kultur dabei helfen, auch zu veranstalten, wenn die Bedingungen noch nicht so sind, dass es sich wie vor der Pandemie rechnet.

Waren und sind Sie auch mit der Schnelligkeit der Hilfen für Kulturschaffende zufrieden?

In Hamburg hatten wir das erste Förderprogramm bereits Ende März letzten Jahres fertig, dann begannen auch die Auszahlungen. Zu einem Zeitpunkt, als überall sonst in Deutschland noch darüber diskutiert wurde, wie Förderprogramme überhaupt aussehen könnten, hatten hier zum Beispiel schon Clubs und Theater die Zusicherung einer Förderung.

Zudem haben wir in Hamburg eine Sofort­hilfe von 2.500 Euro und eine Neustart-Prämie von 2.000 Euro für Künstler ausgezahlt sowie viele Einzelprogramme aufgelegt, etwa einen Gagenfonds für Musikerinnen und Musiker.

Kritisiert haben Sie hingegen Anfang des Jahres das Bundeswirtschafts­ministerium für dessen verspätete Hilfeleistungen.

Auch andere haben das Bundeswirtschaftsministerium damals etwas angezählt, weil das Programmieren der Überbrückungshilfen und die Möglichkeiten, diese zu beantragen, teilweise recht lange gedauert haben. Das hat zu existenzbedrohenden Lücken geführt.

Haben Sie die Wertschätzung von Kultur auf Seiten des Bundes manchmal angezweifelt?

Zunächst muss man sagen, dass der Bund für Kulturpolitik nicht primär zuständig ist. Insofern bin ich mit Vorwürfen vorsichtig. Unter an­de­rem mit seinen Neustart-Kultur­paketen, dem jetzigen Sonderfonds, den Überbrückungshilfen und der Neu­­startprämie von bis zu 7.500 Euro für Solo-Selbstständige hat der Bund viele wichtige und sinnvolle Instrumente geschaffen. Eine Sorge allerdings habe ich, nämlich dass Kultur in ihrem Eigenwert nicht immer richtig verstanden wurde.

 

„Kommen die wieder?“

 

Woher stammt diese Sorge?

Daher, dass der besondere Wert der Kultur zum Beispiel beim so genannten „Lockdown Light“ und bei der Notbremse nicht ausreichend berücksichtigt wurde. Da bekommt man schon ein bisschen das Gefühl, dass Kultur für manche etwas ist, dass man mal mitmacht, wenn die Zeiten gut sind, und wenn sie schlecht sind, kann man’s auch lassen. Dieser Gestus hat einige aufgeregt, mich auch.

Ich erinnere mich noch gut an den Gottesdienst der Künste, den wir im Thalia Theater am letzten Tag der möglichen Öffnungen abgehalten haben. Es hat ein ganz buntes, genreübergreifendes Programm gegeben. Man spürte deutlich, dass sich viele Künstlerinnen und Künstler nicht ausreichend gesehen fühlten. Es wäre schön gewesen, wenn die Politik mehr reflektiert hätte, was bestimmte Entscheidungen bezüglich Kultur für die Gesellschaft bedeuten. Das müssen wir nachholen.

Fakt ist: Die Pandemie hat in der Hamburger Kulturlandschaft Spuren hinterlassen. Wo sehen Sie im Moment die größten Beschädigungen?

Tatsächlich wissen wir das noch nicht genau. Was wir wissen, ist, dass wir in bestimmten Bereichen, in denen wir sonst nicht fördern, weil wir dort in normalen Zeiten gar nicht gebraucht werden, in Krisenzeiten Hilfen geben konnten – aber eben nicht an jeder Stelle.

Wir bekommen ja oft auch erst in den Momenten des Wiederaufmachens mit, dass jemand nicht mehr da ist. In Berlin hat eine Umfrage gezeigt, dass ein Drittel der professionellen Musi­kerinnen und Musiker mittlerweile etwas anderes machen und möglicherweise nicht mehr in den Musikbereich zurückkehren werden. Es wäre dramatisch, wenn sich eine solche Zahl auch in Hamburg zeigen würde.

Die Beschädigungen sind sicherlich dort am größten, wo es nicht um Institutionen, sondern um einzelne, freie Künstlerinnen und Künstler geht. Die Frage ist: Kommen die wieder? Ich hoffe das sehr.

 

Glücksgefühle

 

Zeigt denn die Bewerbungsanzahl der Künstlerinnen und Künstler für den „Kultursommer“, dass in Hamburg viele weiterhin kulturell arbeiten möchten?

Ja. Sie zeigt, wie lebendig und vielfältig die Szene noch immer ist und wie sehr alle daraufhin gefiebert haben, dass es wieder losgeht. Es steht aber noch eine weitere Frage im Raum: Kommt das Publikum auch wieder? Ich hoffe sehr, dass die Begeisterung, die jetzt erkennbar ist, da etwa Theater und Museen wieder zu besuchen sind, auch anhalten und noch mehr werden wird.

Mit dem „Kultursommer“ wollen wir Lust machen, Kultur wieder im Alltag zu erleben und den Leuten zeigen, wie großartig es ist, vor einer Bühne zu sitzen oder zu stehen, auf der Leute spielen – und zwar in echt – und wenn man Teil des Ganzen ist.

Auf was freuen Sie sich persönlich beim Kultur-Neustart?

Ich freue mich darauf, wenn ich mal wieder in einem Club stehe und das passiert, was ich vor der Krise für mein Wohlbefinden nicht unbedingt immer gebraucht habe: Wenn man da ein­gezwängt vor der Bühne ist und sich links und rechts schwitzende Menschen an einem reiben. Ich kann mir vor­stellen, dass das enorme Glücks­gefühle in mir auslösen wird.

hamburg.de/bkm/hamburger-kultursommer


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Kultursenator Dr. Carsten Brosda im Interview

Der Senator der Behörde für Kultur und Medien im Kurzinterview über Hilfen und Chancen für die Hamburger Kulturlandschaft

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Herr Brosda, schon in einem der neuen Autokinos gewesen?

Leider noch nicht. Eigentlich schade, nachdem wir alle Hände voll damit zu tun hatten, die überhaupt wieder möglich zu machen.

Die Open-Air-Kultur mit Abstand ist eine Überbrückungsmöglichkeit für viele Kulturschaffende, letztlich aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wie erleben Sie die Situation derzeit aus Senatorensicht?

Das ist schon eine extrem schwierige Zeit. Insbesondere für die vielen engagierten Künstlerinnen und Künstler und Kreativen. Es ist aber beeindruckend, wie verständnisvoll fast alle mit der Situation umgehen und wie schnell und kreativ sich viele auf die neuen Bedingungen eingestellt haben und Kultur zunächst online und nun zunehmend auch wieder live erlebbar machen.

Der Rückgang der Infektionszahlen ermöglicht es uns zum Glück jetzt, in eine neue Phase einzutreten, in der es nicht mehr nur darum geht, entstandene Verluste auszugleichen, sondern wieder vermehrt darum, Kultur zu ermöglichen. Das macht Spaß zu sehen, wie sehr alle darauf brennen, wieder auf den Bühnen zu stehen und Kultur zu erleben.

 

„Ziel ist es, Hamburg als Kulturstadt gut durch die Krise zu führen“

 

Dürfen Kulturschaffende, von großen Häusern bis Solo-Selbstständige, denn auf erweiterte Corona-Hilfsmaßnahmen des Senats hoffen?

Wir haben sehr schnell reagiert und zum Glück in Hamburg Kunst und Kultur von Anfang an bei den Hilfen mit berücksichtigt. Natürlich werden wir den Künstlerinnen und Künstlern und den Kultureinrichtungen weiterhin helfend zur Seite stehen.

Dabei wird es jetzt vor allem darum gehen, zum einen die Hilfen der Stadt klug auf das Neustart-Kulturpaket abzustimmen, das der Bund im Rahmen des Konjunkturpaketes beschlossen hat. Zum anderen wollen wir gezielt dabei helfen, wieder die Produktion von Kunst zu ermöglichen, auch wenn dies unter den Corona-Bedingungen schwieriger geworden ist.

In dieser Zeit setzt sich der Senat ja regelmäßig Etappenziele. Welches ist Ihr nächstes?

Das Ziel ist immer klar, nämlich Hamburg als Kulturstadt gut durch die Krise zu führen und künftig weiter auszubauen. Denn wir haben Kunst und Kultur so viel zu verdanken, von der Innovationskraft, die in der Kreativität steckt, bis zu den immer wieder notwendigen Interventionen durch die Kunst. Gegenwärtig sind die Etappen dadurch gekennzeichnet, das möglich zu machen, was vernünftig ist.

Nachtrag: Einmalige Hilfe in Höhe von 2000 Euro für Mitglieder der Künstlersozialkasse: Hier können Berechtigte die Neustartprämie für Künstlerinnen, Künstler und Kreative beantragen. 


Szene_Juli_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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