Beiträge

Pinkstinks: Aktivisten gegen Sexismus in der Werbung

Die Aktivisten von Pinkstinks sind im Einsatz gegen sexistische Werbung – denn an Sex sells glauben noch viele: Wer, warum, und was sich verändert hat, erzählt Pinkstinks-Redakteur Marcel Wicker

Interview: Markus Gölzer
Foto (o.): Mauricio Bustamante – Pinkstinks

SZENE HAMBURG: Marcel, das fängt ja gut an: Zwei Männer unterhalten sich über eine feministische Protest- und Bildungsorganisation. Wie bist du zu Pinkstinks gekommen und was macht ihr?

Marcel: Ich kenne Pinkstinks schon sehr lange und war auch vorher feministisch aktiv. Als ich gehört habe, dass Pinkstinks einen Redakteur sucht, habe ich mich einfach beworben. Ich bin ausgebildeter Journalist, habe vorher PR gemacht und empfinde es als irres Privileg, mit Aktivismus Geld verdienen zu können. Bei Pinkstinks geht es hauptsächlich darum, feministische Diskurse, die im linken Spektrum geführt werden, aufzugreifen und zu übersetzen. Sie sozusagen in den Mainstream zu holen. Damit es nicht eine elitäre Diskussion zwischen wenigen Leuten bleibt, sondern dass daraus ein gesamtgesellschaftlicher Protest werden kann.

Pink-Stinks-Plakat-c-Pinkstinks-Markus-Abele

So könnte Bikini-Werbung
auch aussehen / Foto: Markus Abele – Pinkstinks

Was war für die Gründung von Pinkstinks ausschlaggebend?

Stevie Schmiedel ist 2011 aktiv geworden. Die Stadt Hamburg hatte dem Außenwerber Ströer 2.500 Werbeleuchtflächen zur Verfügung gestellt. Dadurch wurde Werbung im öffentlichen Raum in Hamburg viel sichtbarer – und eben auch der Sexismus. Stevie hat eine Petition gestartet, sexistische Werbung bundesweit verbieten zu lassen, Demos organisiert, ist mit der Politik in Kontakt getreten. So ist Pinkstinks entstanden. 2016 hat sich die SPD dafür ausgesprochen, sexistische Werbung kontrollieren zu wollen, was dann erst mal in einem Monitoring mündete, das wir seit zwei Jahren durchführen.

Auf der Plattform „Werbemelder*in“ sammeln wir sexistische Werbung, um das Sexismusproblem in Deutschland mit konkreten Daten belegen zu können. Jeder kann über Werbemelder* in Werbung bei uns einreichen und wir prüfen sie nach unseren Kriterien.

Wo hört Nacktheit auf und fängt Sexismus an?

Wenn wir über Sexismus in der Werbung sprechen, was unser Hauptaugenmerk ist, dann hat Sexismus nicht zwangsläufig mit Nacktheit zu tun. Es gibt Produkte, die man mit viel Haut präsentieren muss, wie einen Bikini. Der wird natürlich auf der nackten Haut präsentiert. Das ist Sexualität, die eine Gesellschaft aushalten muss.

Sexismus sehen wir dann, wenn eine Diskriminierung aufgrund von Geschlecht vorliegt. Wir haben zusammen mit der Juristin Dr. Berit Völzmann konkrete Kriterien entwickelt, mit denen wir unterscheiden, wann etwas sexistisch ist und wann nicht. Wenn eine Frau zum Beispiel nur als sexualisierter Blickfang eingesetzt wird, wenn sexuelle Verfügbarkeit suggeriert wird oder bestimmte Eigenschaften oder Fähigkeiten ausschließlich einem Geschlecht zugeordnet werden, dann sprechen wir von Sexismus.

Gibt es Branchen, die sexistischer sind als andere?

Im Moment zeigt sich schon sehr deutlich, dass Sexismus oft im Mittelständischen vorkommt, weniger bei großen Unternehmen. Ganz viel im Handwerk, auf Lkw und Pkw.

Gibt es es auch Unterschiede, ob Stadt oder dem ländlichen Bereich?

Ja, es kommt eher im Ländlichen vor. Es sind oft die Rohrverleger, die mit Wurfsendungen, an Baugerüsten und auf Fahrzeugen werben. Die ihre Werbung aus Kostengründen selber machen und dafür Ursel von nebenan bitten, sich mal für ein Foto über die Autoreifen zu legen. Wir können sagen, dass die großen Werbeagenturen nicht mehr das Hauptproblem sind, auch wenn sie häufig noch sehr stereotyp werben, was wiederum Sexismus befeuern kann. Das ist aber nichts, wogegen man rechtlich vorgehen könnte. Die Frage für uns ist: Wo ist die konkrete Diskriminierung?

Also funktioniert es nicht mehr so, dass Aufmerksamkeit immer gut ist, egal ob positiv oder negativ.

Es gibt immer noch Unternehmen, die das so sehen und die es drauf ankommen lassen. Aber sexistische Ausrutscher der wirklich großen Player können wir an einer Hand abzählen. Trotzdem leiden auch die unter dem schlechten Image, das sexistische Werbung schafft. Deshalb haben wir im letzten Jahr vermehrt mit Agenturen zusammengearbeitet.

 

Pinkstinks-Pinker-Pudel-Logo

Pinkstinks-Preis: Für faire Werbung gibt’s den „Pinken Pudel“

 

Inwiefern?

Wir haben den „Pinken Pudel“ gegründet, einen Positivpreis, mit dem wir Werbung auszeichnen, die mit Stereotypen bricht. Damit wollen wir stärken, was wir gut finden. Außerdem haben wir mit fünf der größten Werbeagenturen eine Kampagne gestartet, die „Herz fürs Handwerk“ heißt. Wir haben uns mit Kreativen zusammengesetzt und ihnen ein „Worst of Werbemelder*n“ gezeigt, also eine Auswahl der schlimmsten Werbemotive, die wir eingesendet bekommen haben. Und wir haben sie gebeten, für die Produkte eine neue, diskriminierungsfreie Werbeidee zu entwickeln. Das Ziel war, den Handwerksbetrieben zu zeigen: Man kann auch aus langweiligen Produkten wie einer Heizdecke coole Werbung machen, ohne zu diskriminieren. Auch mit geringen Mitteln.

Was war das schlimmste Motiv?

Was ich gern als Beispiel bringe ist ein Schlagbohrer mit einer halbnackten, breitbeinigen Frau daneben und dem Slogan: „Wie rammst du ihn rein?“. Das grenzt schon an sexualisierte Gewalt. Solche Motive sind zwar nicht die Regel, aber auch nicht so selten, wie man meinen mag.

Eigentlich müsste euren Job doch der Werberat machen.

Der Werberat ist selbstregulativ und besteht aus Leuten aus der Werbeindustrie. Er spricht Rügen aus und arbeitet ausschließlich reaktiv. Mit Pinkstinks wollen wir proaktiv, durch Sensibilisierung und Kampagnen, gegen Sexismus vorgehen.

Wie viel Einsendungen bekommt ihr? Wie viel der Werberat?

Wir haben über Werbemelder*in 2018 doppelt so viel Einsendungen bekommen wie der Werberat. Und das nur zum Thema Sexismus. Der Werberat sammelt ja Beschwerden zu allen möglichen Themen. Generell kann man sagen, dass durch die #MeToo-Debatte ein Umdenken eingesetzt hat. Leute sind sensibler für das Thema und es gibt sehr viel schneller den Shitstorm aus der Gesellschaft, ohne dass wir ihn mit unserer großen Online-Präsenz anführen müssen. Interessant ist auch, dass wir seit #MeToo wahnsinnig viel Unterstützung auch von Männern bekommen.

Pink-Stinks-Werbemelder

Auf der Plattform „Werbemelder*in“ lässt sich sexistische Außenwerbung markieren

Gibt es auch Sexismus gegen Männer?

Ob es Sexismus gegen Männer gibt, ist im Feminismus eine heikle Diskussion. Sicher ist, dass eine sexistische Gesellschaft immer auch Auswirkungen auf Männer hat. Wenn Männern erzählt wird, dass sie keine Gefühle haben dürfen, außer vielleicht Wut, dann führt das dazu, dass sich Männer eher das Leben nehmen, dass sie eher an einer Sucht erkranken, dass sie eher Straftaten begehen.

Ob man das „Sexismus“ nennt oder nicht, ist eine Definitionsfrage. Ihn abzuschaffen ist aber ein Gewinn für alle.

Neben Werbung kümmert ihr euch auch um Bildung …

Für uns ist Sensibilisierung auf möglichst vielen Ebenen wichtig. Wir machen Theaterarbeit an Schulen mit dem Stück „David und sein rosa Pony“. Im Stück wird ein Junge wegen seines rosa Kuscheltiers in der Schule gemobbt und am Ende von seinem coolen Fußballkumpel davon überzeugt, dass Rosa für alle da ist und auch Jungs zart sein dürfen. Damit versuchen wir, das Rosa-Blau-Gefälle in der Grundschule infrage zu stellen. Wir haben auch eine sehr umfangreiche Broschüre für Kitas und Eltern herausgebracht, in der es um gendersensible Erziehung geht. Für jugendliche Mädchen haben wir den YouTube-Kanal „Lu Likes“, in dem unsere Moderatorin Lara Themen wie Essstörungen oder „Germanys Next Topmodel“ aufgreift und bespricht. Und natürlich sind wir sehr stark in sozialen Medien aktiv.

Seid ihr Anfeindungen ausgesetzt?

Täglich. Wir bekommen ständig E-Mails, Kommentare und Nachrichten über Facebook oder Instagram, in denen wir angefeindet werden. Wenn wir eine neue Kampagne launchen oder ein neues Video online geht, kann man den Hatern dabei zusehen, wie sie sich zusammenrotten und organisiert trollen. Das kennen alle Organisationen und Personen, die sich im Netz für Vielfalt und Diversität einsetzen. Mich persönlich können die gerne beschimpfen und kacke finden, damit können wir als Team gut umgehen. Aber sie sollen unsere Community in Ruhe lassen. Da fühlen wir eine große Verantwortung. Pinkstinks-Kanäle sollen Orte für alle sein.

Pinkstinks.de


Szene-Hamburg-juni-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juni 2019. Titelthema: Was ist los, Altona?
Das Magazin ist seit dem 25. Mai 2019 im Handel und zeitlos im 
Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

 

Further Festival – Club-Festival mit weiblichem Line-Up

Ausschließlich weibliche Acts (u. a. Schnipo Schranke, Sookee, Ebo, Preach und Natascha P., Klitclique) werden auf der Bühne stehen, wenn das Further Festival im Uebel & Gefährlich steigt. Ein Gespräch mit Friederike Meyer aus dem Organisationsteam.

Further-Festival-Friederike-Meyer-c-SIMONE-SCARDOVELLI

Es ist „der nächste Schritt, den man machen muss“, sagt Friederike Meyer. Foto: Simone Scardovelli

SZENE HAMBURG: Friederike, ihr veranstaltet ein Festival mit ausschließlich weiblichen Künstlern. Warum erst jetzt?

Friederike Meyer: Eine berechtigte Frage, die ich mit keinem konkreten Grund beantworten kann. Wir haben die Idee vom Festival jedenfalls schon länger mit uns herumgetragen. Als Booking-Agentur sind wir natürlich auch häufig auf Festivals, und nicht erst seit den Erhebungen in den vergangenen Jahren, die das Ungleichgewicht von männlichen und weiblichen Acts aufgezeigt haben, wussten wir, dass es an der Zeit ist, dieses Festival auf die Beine zu stellen.

In einer Mitteilung von euch heißt es: „Unser Ansatz ist ein feministischer.“ Was steckt alles dahinter?

Ich finde es schon mal einen ziemlich feministischen Ansatz zu sagen, dass wir uns ausschließlich auf weibliche Acts konzentrieren – und trans- sowie nicht-binäre Künstler wären natürlich auch willkommen. Man könnte meinen, in der Musikbranche wären wir schon recht weit in Sachen Emanzipation. Das stimmt aber nicht, es gibt immer noch ein großes Ungleichgewicht.

Welche Gründe siehst du dafür?

Das Ende der Fahnenstange ist immer dann erreicht, wenn es ums Geld geht. Wollen Festivalmacher den größtmöglichen Gewinn erwirtschaften, ist ein feministischer Gedanke schnell verworfen, auch wenn er eben noch auf die eigenen Fahnen geschrieben wurde. Außerdem bewegen sich viele Booker schon viel zu lang in Komfortzonen und buchen immer wieder die gleichen männlich besetzten Bands.

Ihr macht es anders – aber könnt ihr mit diesem Festival auch nachhaltig etwas bewirken?

Das Further Festival ist der nächste Schritt, den man machen muss, um Künstlerinnen eine größere Plattform zu bieten. Wir wollen die Wirklichkeit abbilden, die von Festivalmachern sonst teils verschoben wird. Zudem möchten wir Newcomerinnen unterstützen und ihnen eine größere Bühne ermöglichen.

Wobei Schnipo Schranke und Sookee, die beim Further Festival auftreten, jetzt nicht so große Booking-Probleme haben, oder?

Wir brauchten natürlich auch Künstlerinnen, mit denen wir die Leute abholen und die Hütte vollkriegen können. Wir haben im Vorfeld ja keinen Aufruf gestartet, nach dem Motto: „Wer fühlt sich in der Branche besonders schlecht vertreten?“ Am Ende, denke ich, haben wir einen guten Mix gefunden aus bekannten Acts und welchen, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen. Vielleicht tauschen sie sich hinter der Bühne oder auf der After-Show-Party auch aus und wollen sich gegenseitig pushen, in dem sie sich zum Beispiel als Support mit auf Tour nehmen. Das gehört auf jeden Fall auch zu unserem „feministischen Ansatz“.

Und aufs große Ganze bezogen: Was sollte nach dem Further Festival noch passieren?

Es kann gar nicht genug passieren! Female Festivals sollte es in jedem Bundesland und in jeder Stadt geben. Die Zeit ist einfach reif.

Interview: Erik Brandt-Höge
Fotos: Calcio (Beitragsbild), Simone Scardovelli

Further Festival, 2.+3.11., Uebel & Gefährlich; www.furtherfestival.com



 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2018. Das Magazin ist seit dem 29. September 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


Lust auf mehr Stories aus Hamburg?


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Fuck Yeah Sexshop – Klischees? Kann man sich klemmen!

Fuck Yeah: Im Gängeviertel hat Hamburgs erster feministischer Sexshop aufgemacht. Das Konzept setzt sich für Diversität ein – weg vom typischen Porno-Sex.

Viele gute Ideen entstehen am Küchentisch. So auch die der Freunde Fränky, Flo, Rosa und Zarah. Vor rund fünf Jahren stellen sie dort im Gespräch fest – niemand von ihnen geht wirklich gerne in Sexshops. Ruckzuck stand das Konzept: Mit „Fuck Yeah“ haben die vier Ende Juli einen Laden im Gängeviertel eröffnet, der sich abseits der klassischen Geschlechteridentitäten gegen eingestaubte Klischees wehrt. Neben einer ganzen Reihe von Toys bieten die vier auf der kleinen Ladenfläche auch Bücher und andere Medien, vegane BDSM-Accessoires und eine ganze Reihe von Workshops an, wie zum Beispiel „Sex und Sprache“ oder einen Sextoy-Upcycling-Kurs. Beratungsgespräche finden inklusive einer Tasse Kaffee in der Sofaecke statt. Warum wir in einer übersexualisierten Gesellschaft realistischer über unsere Vorlieben und Bedürfnisse sprechen sollten, und warum es schon am Sexualkundeunterricht mangelt, erzählen Fränky und Flo.

Fuck-Yeah-Sexshop-3-c-Sophia-Herzog

Fränky (l.) und Flo bilden die Hälfte des Gründerteams.

SZENE HAMBURG: Fränky und Flo, euren Sexshop „Fuck Yeah“ beschreibt ihr als Sex-positiv. Was bedeutet das?

Flo: Das heißt in erster Linie, dass wir Sex als etwas Tolles wahrnehmen, was alle Menschen gleichermaßen erfahren dürfen. Deswegen bieten wir in unserem Shop Produkte an, die sich nicht nur an Männer und Frauen richten, sondern an alle Geschlechteridentitäten. In unseren Büchern und Pornos und auch auf den Verpackungen sind außerdem auch Menschen zu sehen, die nicht den klassischen Körperformen und Schönheitsidealen entsprechen.

Ein feministischen Ansatz – heißt das, Männer und Frauen sind in unserer Gesellschaft nicht sexuell gleichberechtigt?

Fränky: Wir leben in einer patriarchalischen Kultur. Dementsprechend dreht sich beim Sex viel um Cis-Männer (Anm. d. Red.: Cis bedeutet, dass sich eine Person mit dem Geschlecht identifiziert, das bei der Geburt zugewiesen wurde. Gegenteil von Transgender). Frauen oder anderen Gruppen, wie zum Beispiel Menschen mit Behinderung, wird ihre Sexualität oft abgesprochen. Und es gibt auch viele Cis-Männer, die sich mit dem gesellschaftlichen Bild, das von Männern und Sex existiert, gar nicht identifizieren können. In Mainstream-Pornos wird ihnen vermittelt, dass „richtige“ Männer dominant sind, einen großen Penis und einen muskulösen Körper haben. Viele passen aber gar nicht in diese Stereotypen.

Kann euer Shop-Angebot überhaupt den vielen verschiedenen Sexualitäten und Geschlechteridentitäten gerecht werden?

Flo: Natürlich kann man nicht immer allen alles bieten, vor allem auf unserer kleinen Ladenfläche.

Fränky: Gerade sind wir noch im Bestellprozess, wir haben also noch gar nicht alles erhalten, was wir gerne im Laden stehen hätten. Viele der Sachen kommen aus Amerika, Penisprothesen für Trans-Männer beispielsweise. Die Produkte sind auf der anderen Seite des Ozeans einfach schon besser. Dann werden wir hoffentlich mehr Leuten gerecht. Wir sind aber immer offen für Bestellwünsche und hören uns die Bedürfnisse unserer Kunden an.

Das klingt, als wären eure Kunden euch gegenüber ziemlich offen.

Fränky: Ja und nein. Viele Menschen, auch in meinem Umfeld, sind schüchtern und fühlen sich prüde, wenn sie nicht so offen über Sex sprechen können. Auch die Kunden im Beratungsgespräch.

Flo: Aber das legt sich meistens ganz schnell, sobald die Menschen merken, dass sie ernst genommen werden.

Fränky: Ja, klar. Für uns ist das Sprechen über Sex ja ganz normal und selbstverständlich. Wenn ich berate, versuche ich auch immer Anekdoten aus meinem persönlichen Sexleben zu erzählen. Indem ich etwas von mir preisgebe, schaffe ich eine Situation, in der sich der oder die andere nicht mehr so fremd fühlt und offener sprechen kann. Die Workshops bieten auch immer einen netten Rahmen mit lockerer Atmosphäre, da fällt es vielen leicht ins Gespräch zu kommen.

Für jeden Nippel die passende Klemme.

Müssten wir mehr über Sex sprechen?

Flo: Eigentlich widerspricht sich das: Zum einen ist unsere Gesellschaft total übersexualisiert, überall geht’s um Sex. Auf den Titelseiten von Hochglanzmagazinen geht es immer um die Frage, wie wir besseren Sex haben können. Aber das ist ja nie an die wirklichen Bedürfnisse der Menschen angepasst. Wann wird schon mal realistisch darüber gesprochen? Wann können die Menschen wirklich frei über ihre Vorlieben sprechen, ohne Vorurteile und Schamgefühl?

Fränky: Ich finde, das fängt schon mit der Wortwahl an. Die Begriffe der deutschen Sprache für Geschlechtsteile sind entweder total klinisch, übersexualisiert oder kindlich-niedlich. Muschi, Pussy, Scheide … Da ein Wort zu finden, mit dem man sich selbst identifiziert und wohlfühlt, ist schwierig.

Kann ein kleiner Sexshop wie eurer überhaupt etwas daran ändern?

Fränky: Ich glaube, das ist wie mit jedem gesellschaftlichen Thema, an dem man etwas verändern möchte. Man muss an vielen kleinen Rädchen drehen, wir sind eben eins davon. Wir versuchen mit unserer Arbeit natürlich die vorherrschenden Strukturen aufzubrechen, einen Raum zu schaffen, in dem man über das Thema reden kann. Wenn wir in diesem Rahmen mit Leuten ins Gespräch kommen, und einen Denkanstoß geben, dann können diese Menschen wiederum anderen einen Denkanstoß geben.

Sollte so ein offener Diskurs nicht schon viel früher passieren?

Flo: Ja, meiner Meinung nach gibt es da schon in der Schule Defizite. Was hast du im Aufklärungsunterricht über Sex gelernt, dass dich auch später noch begleitet hat?

Nicht viel.

Flo: Eben. In unserem Bildungssystem ist da noch einiges aufzuholen, vor allem im Bezug auf den eigenen Körper. Unserer Meinung nach wird zu wenig detailliertes Wissen über Anatomie, Hormonhaushalte oder den Zyklus vermittelt. Viele kennen ihren Körper ja selber nicht so richtig gut. Aber auch die kulturelle und soziale Seite von Sexualität wird zu wenig beleuchtet. Welche Vorstellungen haben die Jugendlichen von Sex, und inwiefern entsprechen die der Realität? Wie spricht man über Sex und auch beim Sex? Wie funktioniert Konsens?

Fränky: Und auch später wissen viele nicht, was für Toys und Accessoires es gibt und wie man sie einsetzen kann. Zum Beispiel haben viele noch nie darüber nachgedacht, Gleitgele zu benutzen, was total luststeigernd sein kann. Wir haben auch Kurse, in denen wir mit den Teilnehmern Sexspielzeug selber basteln. Mit solchen spielerischen Dingen kann man einfach die Kreativität der Menschen anregen. Man muss nicht immer nur das machen, was man aus den Medien kennt oder schon immer so gemacht hat, sondern eben auch mal kreativ werden. So setzt man sich auch intensiver mit seinen Wünschen und Fantasien auseinander.

Fotos, Text & Interview: Sophia Herzog

www.fuckyeah.shop


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2018. Das Magazin ist seit dem 30. August 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


 

Das könnte dich auch interessieren:

 

Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Frauen dieser Stadt, vereinigt euch!

Frauenpower! Beim Women’s Hub inspirieren sich Frauen gegenseitig. Das Event findet nun erstmals auch in Hamburg statt.

Frei nach dem geflügelten Wort der Frauenbewegung

“Sisterhood is Powerful”

hat Hamburg ab sofort ein neues Event für Frauen: den Women’s Hub. Vernetzung für Frauen. Wer will, stellt das eigene Projekt vor und hört, was andere dazu denken. Es ist aber auch möglich, sich einfach nur anstecken zu lassen von der positiven Energie, dem „Inspirational Talk” zu lauschen und viele kreative Köpfe kennenzulernen.

Über den Women’s Hub

Seit 2016 gibt es den Women’s Hub in München. Dannie Quillitzsch und Lena Carstensen, die mit den dortigen Organisatorinnen befreundet sind, waren von der Veranstaltung so begeistert, dass sie sie nun selbst nach Hamburg holen. Hier hält Manuela Maurer, die Gründerin des Cateringservice Chickpeace, einen inspirierenden Vortrag. Was für Projekte und Frauen werden sich sonst noch vorstellen? Das zeigt sich am großen Tag, bei dem es außerdem für Drinks und Schnacks viel Freiraum gibt.

Organisatorinnen des Women's Hub in Hamburg: Lena Carstensen und Dannie Quilitzsch

Lena Carstensen und Dannie Quilitzsch. Foto: Anne Kaiser

Drei Fragen an die Organisatorinnen

SZENE HAMBURG: Was macht ihr eigentlich beim Women’s Hub?
Dannie Quilitzsch: Beim Women’s Hub können alle Frauen ihre Träume und Wünsche teilen. Es muss dabei nicht um Berufliches gehen, sondern können auch ganz persönliche Geschichten sein. Es ist nämlich kein Vortragstag. Eigentlich profitiert eher die Speakerin vom Feedback der anderen Frauen. Außerdem wollen wir nicht nur ein Event veranstalten, sondern eine Gemeinschaft, die sich auch danach supportet und austauscht.
Was ist besonders an einer Veranstaltung nur mit Frauen?
Wir sind keine männerhassenden Feministinnen. Aber in unserer heutigen Kultur ist es einfach so, dass Frauen sich eher trauen, aus sich heraus zu gehen und sich zu zeigen, wenn keine Männer dabei sind, die sie bewerten. Da entsteht viel Kraft.
Für welche Frauen ist das Event geeignet?
Bei uns ist jede richtig.

2.6.2018, 9–20:30, 25-Hours-Hotel (Hafencity) www.womenshub.de
zweiter Termin: 17.11.2018


Text: Sabrina Pohlmann
Fotos: Anne Kaiser

Emanzipation & Dogma

Was als notwendiger Kampf für die Rechte der Frau beginnt, entwickelt sich in den 1980er Jahren zur haarigen Frauenbewegung und erlebt im neuen Millennium einen fragwürdigen Zenit. Gedanken zu Simone de Beauvoir und der Frauenbewegung, ausgelöst von Julia Korbiks Buch „Oh, Simone!”

Will man über Feminismus reden, sollte man sich – wie bei allem – seine Entstehung ansehen. Die liegt Ende des 18. Jahrhunderts, noch begrifflos, im Kopf eines Mannes: Charles Fourier bemängelt die soziale Stellung der Frau. Der französische Sozialkritiker sieht einen direkten Zusammenhang zwischen der Befreiung des weiblichen Geschlechts und der gesamtgesellschaftlichen Emanzipation. Und genau darum geht es dann dem Feminismus die nächsten Dekaden: Um die Freiheit des Einzelnen zum Zwecke des gesamtgesellschaftlichen Fortkommens.

Aus weiblicher Sicht protestiert Olympe de Gouges 1791 gegen die Benachteiligung der Frau und fordert freies Rederecht für beide Geschlechter. Ihr Todesurteil. Der Kampf für Gleichberechtigung hat spätestens da sein argumentatives Fundament: die Guillotine für politische Meinungsäußerung? Aller sozialen Reformbewegung, aller Aufklärung zum Trotz? Eigentlich sollten Vernunft, Gleichheit und Objektivität im Denken angekommen sein. Zumindest im Denken der Philosophie. Doch wie Marx schon ähnlich sagte, kommt es nicht nur darauf an, die Welt philosophisch zu interpretieren, sondern auch, sie zu verändern. So setzt sich der Kampf für Frauenrecht fort und erhält 1882 endlich einen Namen: die französische Sozialistin Hubertine Auclert bezeichnet sich erstmals selbst als Feministin.

Und wir bleiben in Frankreich. Es sieht aus, als hätten uns die Nachbarn damals einiges voraus: Simone de Beauvoir, die heute vielleicht bekannteste feministische Literatin, setzt auf die befreiende Kraft der Bildung und bewegt sich damit auf einem undogmatischen Gemeinplatz, denn Wissen ist seit jeher für alle befreiend. Nur: Sie wird den Frauen damals nicht selbstverständlich zugestanden. „Schon früh hat Simone begriffen, dass sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen muss – Bildung bot den Weg aus der Armut, Entschlossenheit den Weg zum Erfolg“, schreibt die Bloggerin Julia Korbik über die existenzialistische Philosophin in ihrem Buch „Oh, Simone“.

Dass de Beauvoir auch Idol von selbsternannten Rachegöttinnen ist, die ihre Zeitschrift Emma nennen, davon wollen wir hier nicht reden: Simone de Beauvoirs Sicht auf die Freiheit der Frauen hat nichts mit einer Absage an die sozial konstruierte Weiblichkeit zu tun. Ihre erste Gehaltsinvestition: rouge et poudre. De Beauvoir kauft sich Make-up! Überhaupt: Zum Geld hat sie eine für heutige feministische Verhältnisse unkonventionelle Einstellung: Mit ihrem Jean-Paul Sartre teilt sie nicht nur das Bett, sondern auch das Konto – gemeinsames Leben, gemeinsames Geld. Schließlich geht es bei der Selbstbefreiung nicht um die Abschottung von anderen, sondern um das Vertrauen in die eigene Stärke. Egal, was die Konvention sagt.

Man muss aber in der Lage sein, Möglichkeiten zu erkennen und Chancen zu ergreifen. Simon de Beauvoir, die weiß, dass sie damals noch eine „Ausnahmefrau“ ist, proklamiert deshalb, „dass es dem Menschen zusteht, und nur ihm allein, seinem Leben einen Sinn zu geben, und dass er dieser Aufgabe gewachsen ist“. Dieser Sinn kann viel sein: Schreiben, Auto fahren, Bier trinken, Kunst, Liebe … Frauen wie de Beauvoir haben verständig, respektvoll und mit Blick auf das Wesentliche dafür gekämpft, dass Hedonismus, Bildung und Autonomie zum sinnstiftenden Selbstverständnis des weiblichen Geschlechts gehören.

Was den heutigen „Radikalfeminismus“ angeht … Es ist ein Trauerspiel. Von der kratzbürstigen Alice zum motzigen Globuli-Girl: Der negierte Gendersprech erfordert vor verschwörungsverliebten Opfern des Patriarchats eine permanente Rechtfertigung und Halleluja! mit dem Wort Blowjob im Mund blicken wir Hedonisten nolens volens auf Medusas Schlangenhaupt. Es scheint fast so, als sei heute nicht der Kampf für die Gleichheit, sondern für die Distinktion des Weiblichen, nicht gegen Sexismus, sondern gegen Sexualität up-to-date – eine „zeitgenössische hegemoniale Sexualfeindlichkeit“ attestiert der Sprachphilosoph Robert Pfaller treffend.

Um der Vernunft und der Lust willen sollten wir endlich zu einem Freiheitsbegriff zurückfinden, der nicht Geschlechter fokussiert, sondern den Menschen in seiner Menschlichkeit fordert. Keine Zeit mit sprachlichen Musthaves verlieren! Der Kampf für Humanität ist zu elementar, um Dogmen zu etablieren, die vom Wesentlichen ablenken: davon, das wir alle gleich verschieden sind.

Text: Jenny V. Wirschky 

Julia Korbik: „Oh, Simone“,Rowohlt Verlag, 320 Seiten, 12,99 Euro; Robert Pfaller: „Erwachsenensprache“, Fischer Verlag, 256 Seiten, 14,99 Euro

Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!