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Offen gesagt: Hausbesetzer statt Hausbesitzer!

Hausbesetzer sind die besseren Hausbesitzer, behauptet Markus Gölzer. Warum das seiner Meinung nach so ist verrät er in seiner Kolumne

„Offen gesagt“, eine Kolumne von Markus Gölzer

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Markus Gölzer ist textender Exil-Bayer und lebt seit über 20 Jahren auf St. Pauli (Foto: privat)

Baugeschichte ist zum Plattmachen da. Hamburg pflegt sein architektonisches Erbe mit der Abrissbirne und ersetzt es durch Zweckklötze, deren Ästhetik an irgendwas zwischen Parkhaus und Mehrzweckhalle erinnert.
Einwände von Denkmalschützern oder gar Bürgerwünsche interessieren nicht. Wenn schon nicht mehr die schönste Stadt der Welt, dann halt die drögste. Wer das Aufregende sucht, soll einen Blick in den Mietspiegel werfen. Und doch gibt es auch Erfolgsmeldungen aus der verglasten Stadt: Denkmalpflege auf links.

Die Rote Flora: Geld gewinnt nicht immer

Die Rote Flora demonstriert als prominentes Gesicht des Schulterblatts seit 30 Jahren, dass Geld nicht immer gewinnt. Und hält im Alleingang das lukrative Gerücht aufrecht, die Schanze wäre noch links-alternativ. Darauf einen Sekt auf Eis auf der Piazza. Und einen Euro für den Schanzenmusikanten, damit der Bésame-Mucho-Loop aufhört, bevor man aus den Ohren blutet.

Selbstverwaltete Wohnprojekte

Bei den historischen Fachwerkhäusern des Gängeviertels hieß 2009 die Rettungsmaßnahme vor kaputten Investorenträumen Besetzung. Heute ist das Quartier saniert, selbstverwaltet und Kulturzentrum mit Tausenden von Besuchern. Das absurd schöne Ensemble Schröderstift von 1892 wäre 1980 dem Erdboden gleichgemacht worden, hätte sich nicht die „Mieterinitiative Schröderstift“ zur Wehr gesetzt. Sie steht als „Mieterselbstverwaltung Schröderstift“ auch 2022 stabil für kleine Mieten und große Erhaltungsleistung. Und die Hafenstraße? Bleibt! Als selbstverwaltetes Wohnprojekt „Alternativen am Elbufer“. Noch ein Tempo, Miethai?

Fazit: Wohnraum in die eigene Hand nehmen

Ich sage: Hausbesetzer sind die besseren Hausbesitzer. Vielleicht ist es an der Zeit, das Thema Wohnraum in die eigene Hand zu nehmen. Ich fange noch heute an und besetze die Couch meines Nachbarn mit seinem neuen Monsterbildfernseher davor. Ohne Molli, aber mit einer Flasche Weißwein in der geballten Faust. Aus seinem Kühlschrank, versteht sich.


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Denkmalschutz als Zukunftssicherung

Für Kristina Sassenscheidt ist Denkmalschutz Zukunftssicherung: Die Geschäftsführerin vom Hamburger Denkmalverein findet Altbauten nicht nur historisch und architektonisch wertvoll. Sie kritisiert, dass bei Neubauten die ökologischen Schäden der Abrisse nicht ausreichend berücksichtigt werden. Mit ihrer Arbeit wirbt sie für einen Paradigmenwechsel – und für nachhaltige Sanierungen

Interview: David Hock

SZENE HAMBURG: Kristina Sassenscheidt, wie wurden Sie zur Denkmalschützerin?

Kristina Sassenscheidt: Ich mochte Altbauten immer schon sehr gerne, deshalb habe ich auch Architektur studiert. Ich wollte gar nicht neu bauen, sondern mich intensiver mit Altbauten und ihrer Geschichte beschäftigen. Und so bin ich automatisch auf den Denkmalschutz gestoßen, weil der sich um die interessantesten Altbauten kümmert – nämlich die, die noch am meisten originale Substanz besitzen und die daher besonders viel Geschichte erzählen können.

Gibt es eine Anekdote aus Ihrer Kindheit, die Sie in Richtung Ihrer heutigen Tätigkeit geprägt hat?

Ich bin auf dem Johanneum in Winterhude zur Schule gegangen – ein wunderschönes Gebäude des ehemaligen Oberbaudirektors Fritz Schumacher. Und selbst wenn mir die Schule mal nicht so gefiel, bin ich immer gern in dieses Schulgebäude gegangen. Wenn ich mich im Unterricht gelangweilt habe, habe ich manchmal aus dem Fenster geschaut und Teile der Backsteinfassade abgezeichnet, daran erinnere ich mich noch. Und das zeigt auch, wie wichtig qualitätsvolle Schulgebäude für die baukulturelle Bildung von Kindern und Jugendlichen sind.

„Je mehr abgerissen wird, desto stärker wird der Denkmalschutz“

Denkmalschützerin Kristina Sassenscheidt

Seit 40 Jahren gibt es den Hamburger Denkmalschutzverein, seit mehr als drei Jahren sind Sie hauptamtliche Geschäftsführerin. Was ist das Anliegen Ihrer etwa 700 Mitglieder?

Wir setzen uns für einen stärkeren Denkmalschutz in Hamburg ein und versuchen, den Menschen die Bedeutung der alten Bauten als Geschichtszeugnisse und zentrale Bestandteile des gewachsenen Stadtbildes zu vermitteln. 

Die gesellschaftliche Unterstützung für Denkmalschutz und Denkmalpflege ist häufig auch eine Reaktion auf Verlusterfahrungen: Je mehr abgerissen wird, desto stärker wird auch der Denkmalschutz. Hamburg hat seit jeher eine selbstbewusste Zivilgesellschaft, was auch für unser Anliegen ein großes Pfund ist. Es gab immer wieder großen Widerstand aus der Bevölkerung, wenn sich die Hamburger Stadtplanung zu verselbstständigen drohte. Prominente Beispiele sind St. Georg und Ottensen, von denen in den 60er- und 70er-Jahren große Teile abgerissen werden sollten. Das wurde durch massiven Protest auf der Straße verhindert.

Veränderung der Stadtentwicklung

Bedeutet Denkmalschutz dann automatisch, kämpfen zu müssen?

Idealerweise kommt es gar nicht erst zu einem Konflikt. Wir bemühen uns immer darum, dass alle Beteiligten rechtzeitig die Anliegen der historischen Baukultur im Blick haben und in Planungen einbeziehen können. In den 1970er-Jahren gab es schon mal einen Paradigmenwechsel hin zu einer bestandsorientierteren Stadtentwicklung. Damals musste man feststellen, dass in den Nachkriegsjahrzehnten schon sehr viele Gründerzeit-Bauten verloren gegangen waren. Daraufhin wurden viele staatliche Stellen in den Denkmalämtern bundesweit geschaffen.

Jetzt sind wir gerade wieder in einer entscheidenden Phase: Der Immobilienmarkt läuft heiß, es wird wieder sehr viel abgerissen, und gleichzeitig gibt es mit dem fortschreitenden Klimawandel noch deutlich mehr Gründe, Gebäude zu erhalten als vor 50 Jahren.

Sie halten es also auch ökologisch für sinnvoller, ein Gebäude energetisch zu sanieren als einen energieeffizienten Neubau zu planen?

Ja, das Ziel muss es erst mal sein, den gebauten Bestand zu erhalten und qualifizieren. Deutschland war bisher viel zu einseitig auf die Betriebsenergie konzentriert und hat vor allem darauf geschaut: „Wie viel wird geheizt? Wie viel Strom wird verbraucht?“ Man muss aber viel stärker die ökologische Gesamtbilanz in den Blick nehmen.

Ein bereits bestehendes Gebäude ist ein gewaltiger Ressourcen- und Energiespeicher mit all den Materialien, die bei seinem Bau produziert und verbaut wurden. Alleine die Zementproduktion macht weltweit über acht Prozent des CO2-Ausstoßes aus. Wenn man Gebäude abreißt, vernichtet man die verbaute „graue“ Energie, erzeugt Bauschutt und stößt weiteres CO2 für Abtransport und Neubau aus. Sehr anschaulich wird das gerade am Deutschlandhaus in der Innenstadt, wo der Altbau abgerissen wurde und ein nahezu identischer Neubau entsteht.

Und wieso passiert so etwas dann noch?

Abriss ist zu billig, das macht den Neubau und die damit oft verbundene Optimierung der Flächenausnutzung wirtschaftlich attraktiv. Eine CO2-Abgabe auf die Vernichtung von grauer Energie und steuerliche Anreize für die Erhaltung von Altbauten sind aus meiner Sicht Beispiele für sinnvolle politische Weichenstellungen.

Denkmalwürdigkeit

Wie kann aus Ihrer Sicht ein gesundes Zusammenspiel zwischen Gebäudeerhalt und Entwicklung aussehen?

Ein schönes Beispiel ist das Pestalozzi-Quartier auf St. Pauli. Dort hat man die alte Pestalozzischule des Altonaer Stadtbaurates Gustav Oelsner aus den 1920er-Jahren saniert, zu Wohnungen umgewandelt und die Umgebung mit hochwertigen Neubauten nachverdichtet. Im Ergebnis ist ein sehr lebenswertes neues Stück Stadt mit einer gelungenen Mischung aus Alt und Neu entstanden.

Ein wichtiger Impuls für eine bestandsverträgliche Stadtentwicklung war die Rettung des historischen „Gängeviertels“ in der Neustadt. Die Stadt konnte keine greifbare Vision für dieses Areal entwickeln, und die zwölf Gebäude standen über Jahre größtenteils leer. Dann hat die Stadt sie an einen Investor verkauft, der wiederum im Zuge der Finanzkrise nicht mit seinem geplanten Bauvorhaben starten konnte, das einen Abriss von 80 Prozent der Altbauten vorsah. Und dann kam die Initiative „Komm in die Gänge“ mit der klaren und positiven Vision, einen kulturellen Ort für alle Hamburgerinnen und Hamburger zu schaffen.

Es war toll zu erleben, wie sich daraufhin sehr viele Menschen hinter diesem Gedanken versammelt haben und über Monate intensiv diskutiert wurde – bis die Stadt das Areal am Ende zurückgekauft hat und jetzt gemeinsam in enger Abstimmung mit einer Genossenschaft saniert, die aus der Initiative heraus entwickelt wurde.

Das Motto „Ein Konzerthaus für alle“ hat die Stadt der fünf Jahre alten Elbphilharmonie gegeben. Ist dieses neue Wahrzeichen bereits ein Denkmal? Was sind die formalen Kriterien?

Bei der Elbphilharmonie ist in meinen Augen vor allem die Symbolwirkung wichtig, also die Botschaft: „Hier ist das Neue in Ergänzung zum Alten entstanden.“ Ich finde es gut, dass vom dem Kaispeicher zumindest die historische Fassade erhalten wurde, wobei ich mir natürlich gewünscht hätte, dass man im Inneren noch deutlich mehr erhält und nicht für ein Parkhaus entkernt. Der Neubau ist in seiner architektonischen Kraft eigentlich schon denkmalwürdig. Aber Denkmalschützer:innen müssen sich immer 25 bis 30 Jahre Zeit nehmen, bis sie von einer „abgeschlossenen Epoche“ sprechen können, die sie mit der notwendigen Distanz bewerten können. Zuständig für Unterschutzstellungen ist das staatliche Denkmalschutzamt, in dem Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker den Baubestand erforschen und auf seine Denkmalwürdigkeit hin überprüfen.

Wenn ein Gebäude zum Denkmal wird, muss man Baumaßnahmen mit dem Amt abstimmen. Eine Unterschutzstellung hat allerdings auch viele Vorteile, wie Steuererleichterungen oder die Möglichkeit, sich um private und staatliche Fördertöpfe zu bewerben. Außerdem ist Denkmalschutz ja eine Art „Gütesiegel“, das bezeugt, dass man ein geschichtlich bedeutsames oder künstlerisch wertvolles Bauwerk besitzt – und darauf kann man als Eigentümerin oder Eigentümer stolz sein.

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Der Denkmalverein möchte auch loben – und damit Gebäudeerhalt attraktiv machen: Die jüngst erschienene Publikation „Stadt Neu!“ stellt herausragende Hamburger Sanierungs- und Umnutzungsprojekte vor, wie die Umwandlung eines Bürohochhauses in der City Nord in ein Apartmenthaus oder die Umnutzung der ehemaligen Arrestanstalt Wandsbek in Arbeitsräume für das benachbarte Amtsgericht. Das Buch kostet 12 Euro. Mehr Informationen und Bestellung unter denkmalverein.de

10 Techno Clubs in Hamburg

Rein ins Getümmel der Hamburger Clublandschaft. Raven ist wieder ausdrücklich erlaubt. Hier kommen 10 Spots für alle Liebhaber:innen von Techno und elektronischer Musik:

Waagenbau

Die Sternbrücke in Hamburg ist so etwas wie das klubkulturelle Drehkreuz mitten in der Stadt! Euphorische Techno-Nächte warten hier vor allem im Waagenbau. Direkt unter der Eisenbahnbrücke finden sich zwei unterirdische Dancefloors. Oben rattern die Züge, unten tropft der Schweiß von der Decke. Von Electro bis Drum n Bass gibts hier die unterschiedlichsten Beats auf die Ohren. Am Wochenende ist Techno allerdings Gesetz. An den Decks sind dann lokale Newcomer aber auch internationale Szene-Größen.

Waagenbau: Max-Brauer-Allee 204, 22769 Hamburg

Golden Pudel Club

Kein Club genießt in Hamburg größeren Kult-Status als der Golden Pudel Club. Seit 1995 wird in dem ehemaligen Schmugglergefängnis am Antonipark die alternative Musikszene überregional geprägt. Nachdem der von Schorsch Kamerun ins Leben gerufene Club, 2016 fast komplett abgebrannt war, wurde er aufwendig wieder aufgebaut und weiterentwickelt. Schon lange gehört der Pudel zu den bekanntesten Clubs Deutschlands. Underground-Kultur wird hier nicht nur in Form von Techno gelebt. In der Nacht zeigt sich elektronische Musik hier in all ihren Facetten. Nirgendwo lässt sich subkulturelle Entwicklung so gut beobachten wie hier.

Golden Pudel Club: St. Pauli Fischmarkt 27, 20359 Hamburg

PAL

Mittlerweile hat sich das PAL zu einer echten Techno-Institution entwickelt. Gut versteckt ist der Club in einem alten Backsteingebäude direkt an den Messehallen und quasi neben dem Fernsehturm gelegen. Getanzt wird hier in alter Techno-Tradition von Freitagnacht bis Sonntagabend. Um das Publikum im Gleichgewicht zu halten, wartet man gerne mal über Stunden in der Schlange, bis Türsteher und Selekteur entscheiden, ob es passt oder nicht. Aber das Anstehen kann sich lohnen, denn im PAL legen regelmäßig international gefeierte DJs auf und beschallen die zwei Floors mit feinsten Bässen. Besonders beliebt ist die queere Partyreihe „Kinky Sundays“, bei der auch ein Darkroom geöffnet ist.

PAL: Karolinenstraße 45, 20357 Hamburg

Südpol

Auf dem ehemaligen Betriebshof der Hamburger Wasserwerke in der Süderstraße holt der Südpol seit knapp acht Jahren den Techno nach Hammerbrook. Getanzt wird hier unabhängig von Zeit und Raum gerne mal vier Tage am Stück. Direkt am Bille-Kanal erstreckt sich ein großes Gelände mit Outdoor-Bereich und zwei Dancefloors. Gefeiert wird hier nach dem Motto Freiheit, Spaß und Respekt. Betrieben wird der Club im Kollektiv vom Träger „Kulturelles Neuland“. Neben Techno-Kultur gibt es zum Beispiel auch Kunsträume, Diskussionsabende, Tonstudios, Werkstätten und Ateliers. Besonders queere Clubkultur hat hier ein festes Zuhause gefunden.

Südpol: Süderstraße 112, 20537 Hamburg

Uebel & Gefährlich

Legendäre Techno-Nächte kann man in dem ehemaligen Schutzbunker an der Feldstraße erleben. Regelmäßig finden hier Technopartys wie „Oben Unten Alles“ statt. Schon im ikonischen Fahrstuhl geht es dann in einzelnen Gruppen zu elektronischer Musik hoch in den Club über den Dächern Hamburgs. Getanzt wird im schummrigen Uebel & Gefährlich bis in die frühen Morgenstunden. Gefeiert wird aber auch eine Etage höher im Ballsaal oder im Turmzimmer des Bunkers. Bei den Bunker-Raves treten immer wieder mal renommierte DJs wie Ben Clock oder Kollektiv Turmstraße auf. Auch hier lohnt sich das lange Warten in der Schlange.

Uebel & Gefährlich: Feldstraße 66, 20359 Hamburg

Fundbureau

Das Fundburau gehört definitiv zu den beliebtesten Clubs Hamburgs, wenn es um elektronische Musik geht. Zusammen mit der Astra Stube und dem Waagenbau bildet das Funbureau das Party-Delta an der Sternbrücke. Seit 1998 werden hier schon ekstasische Nächte in dem ehemaligen Fundbüro verbracht. Der Club steht für Partys und Konzerte elektronischer Musik aller Art. Auch wenn das Fundbeaurau sich im Laufe der Zeit immer wieder erneuert und professionalisiert hat, ist es seinem unkonventionellen familiärem Anspruch treu geblieben. Gerade deshalb wird viel Wert auf ein vielfältiges Programm gesetzt.

Fundbureau: Stresemannstraße 114, 22769 Hamburg

Bahnhof Pauli

Im Basement des Clubhaus St.Pauli feiert man wie in einem stillgelegten U-Bahn Schacht. Große Abluftschächte und Ventilatoren treffen auf moderne Laser und CO2-Kanonen und reichlich Moving-Heads. Von diesem Bruch lebt der Club und seine wechselnden Party-Reihen elektronischer Musik. An der Haltestelle des Bahnhof Pauli steigt man ein in wilde Nächte und kann selbst entschieden, wann es wieder tag werden soll. Bis zu 400 Gästen feiern hier ausgelassen, ohne das auch nur ein Mucks an die Oberfläche dringt. Gerade legen Gleisarbeiten das Programm auf Eis. Ab September geht der Club mit dem Electronic Red Light Festival wieder regulär an den Start.

Bahnhof Pauli: Spielbudenpl. 21-22, 20359 Hamburg

Gängeviertel & Rote Flora

In Hamburg trifft Techno traditionell auch auf Gegenkultur und alternatives Leben. Techno-Partys werden im Gängeviertel oder der Roten Flora meistens von Initiativen, Kollektiven oder politischen Gruppen veranstaltet. Feiern wird hier mit Aktivismus verbunden. Auf allen Veranstaltungen gibt es eine klare Absage an Sexismus, Homophobie und Rassismus. Fernab von kommerzieller Ausrichtung können hier legendäre Partys und Raves erlebt werden. Wer übrigens glaubt, dass sich hier keinen guten Soundsysteme finden, hat weit gefehlt!

Gängeviertel: Valentinskamp 34A, 20355 Hamburg // Rote Flora: Schulterblatt 71, 20357 Hamburg

Hafenklang

Neben wilden Konzertabenden ist das Hafenklang vor allem für seine Drum and Bass Partyreihe Drumbule bekannt. In dem Live-Musik Club in direkter Nähe zum Fischmarkt treten aber immer wieder Mal Bands wie Egotronic oder Björn Peng, an der Schnittstelle von Techno, Elektro und Punk auf. Wer also zur Abwechslung mal das Stampfen durch Pogen ersetzen möchte, ist hier genau richtig. In regelmäßigen Abständen finden außerdem DJ-Abende statt, bei denen zum Beispiel Record-Release-Partys gefeiert werden oder der Laden von anderen Veranstaltern bespielt wird.

Hafenklang: Große Elbstraße 84, 22767 Hamburg

Edelfettwerk

Das Edelfettwerk ist ursprünglich eine historische Fabrik für Edelfette gewesen. Nachdem die Produktion Ende des 19 Jahrhunderts eingestellt wurde, hat man die Fabrikanlage in einen modernen Club mit Industriecharme umgewandelt. Hier kommen mittlerweile alle Techno-Fans auf ihre kosten, die kein Problem damit haben, wenn das gesamte Setting etwas schicker und kommerzieller ausfällt. Auf die Besucher warten verschiedene Club- und Loungebereiche und auf 400 Quadratmeter haben bis zu 4000 Feiernde Platz. Musikalisch bewegt sich der Sound häufig zwischen Electro, House und Drum’n’Bass.

Edelfettwerk: Schnackenburgallee 202, 22525 Hamburg


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Rationale Körper

Sexed Power: Gruppenschau zum Internationalen Frauentag im Gängeviertel

Text: Sabine Danek

Seit 2018 kuratieren Hamburger Künstlerinnen zum Internationalen Frauentag eine Ausstellung, die sich mit „den politischen Forderungen feministischer Aktivistischen solidarisiert“. Und auch in diesem Jahr ist sie so spannend wie hochkarätig. Die Arbeiten kreisen diesmal um das Thema Körper und Wahrheit und gehen der gesellschaftlichen Zuschreibung nach, dass der weibliche Geist dort ist, wo der Körper ist. Neben einem Animationsfilm der großen österreichischen Malerin Maria Lassnig aus den 1970ern sind Arbeiten von Cordula Ditz, von Franziska Opel, dem Cake & Cake Collective und anderen Künstlerinnen zu sehen. Historische Positionen stehen dabei aktuellen gegenüber, die Materialien sind sehr unterschiedlich, das Programm sehr interessant. Eröffnet wird die Ausstellung von Anna Nowak vom Kunsthaus und begleitet von einem Vortrag von der Philosophin Dr. Heidi Salaverria, es findet eine Performance von Elena Victoria Pastor statt und im Anschluss ein Konzert in der Fabrique. Best place to be am Frauentag!

„Sexed Power“ im MOM art space des Gängeviertel, Eröffnung am 8. März um 19 Uhr, Finissage am 13. März um 19 Uhr mit einer Performance von Suse Itzel


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Niels: „Hamburg hat ein enormes Potenzial“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Niels begegnet.

Protokoll: Kevin Goonewardena

 

„In den 1990er-Jahren dachte ich, ich würde den Rest meines Lebens in Berlin verbringen. Dann bekam ich einen Job bei einer Zeitung in Hamburg, die Freundin war weg, alles war doof und aus zwei Jahren Hamburg sind mittlerweile 23 Jahre auf St. Pauli geworden. Hier habe ich erfahren, welch enormes Potenzial diese Stadt hat. Ein Potenzial, das sich in Diversem widerspiegelt: Wie in den Netzwerken ‚Recht auf Stadt‘, ‚Es regnet Kaviar‘, bei den Park-Fiction-Leuten, dem CentrO Sociale und vielem mehr. Alle waren in den 2000er-Jahren vom Konzept der ‚wachsenden Stadt‘ unter den verschiedenen Beust-Senaten angepisst. Sie wollten sich gegen die Art und Weise des Wachstums und den damit einhergehenden Begleiterscheinungen, die unter dem Begriff Gentrifizierung abgeheftet werden, wehren.

 

Der Klang nach mehr

 

Bei dem Gründungstreffen von ‚Recht Auf Stadt‘ im Jahr 2009 wurde der Begriff auch gleich neu geframet. Es hieß nicht mehr ‚Gegen Gentrifizierung‘, sondern ‚Für das Recht auf Stadt (für alle)‘. Niemand wusste, was das eigentlich heißen soll. Aber es klang nach einer besseren, gerechteren und sozialeren Stadt.
Jetzt, zwölf Jahre später, sind wir um diverse Erfahrungen reicher. Was das Mitspracherecht für alle angeht, empfinde ich Hamburg als lernresistent: Wer am lautesten schreit, bekommt zwar manchmal etwas zugesprochen, wie beim Gängeviertel oder beim Abriss der Esso-Häuser. Aber kaum ist so was dann durch, sagen viele in der Politik: ‚Das muss aber eine Ausnahme bleiben.

 

Das Fab City-Projekt

 

Man packt Hamburg am besten immer dann, wenn sich die Stadt im Wettbewerb mit anderen befindet oder wenn die Leute das Gefühl haben, man könnte was machen, was noch keine deutsche Stadt gemacht hat. Wie etwa das Fab City-Projekt. Dabei geht es darum, dass eine Stadt dahin kommen soll, für fast alles selbst zu sorgen, was die Menschen benötigen. Es wird nichts importiert oder exportiert, nicht einmal Müll. Das ist eine krass utopische Vision für 2054. Wir sind mit dem Fab Lab im Oberhafen ein Teil der Initiative. Mit Spenden und eigenem Geld haben wir uns in den letzten zehn Jahren einen Maschinenpark aufgebaut.

 

Man muss sich nicht mit allem zufriedengeben

 

Als wir 2014 mit einem 3-D-Drucker vier Wochen lang Open-Source-Handys gebaut, sind die Leute da voll drauf angesprungen. Dabei wurde mir klar, dass man Leuten manchmal auch eine Idee geben muss. In Hamburg läuft in diesem Punkt noch einiges falsch, aber es gibt ein enormes Potenzial. Was könnte Hamburg für eine Stadt werden? Was können wir anschieben? Wo beißen wir uns die Zähne aus? Diese Fragen bewegen mich. Es gibt genug Sachen, mit denen man sich nicht zufriedengeben muss. Und manchmal kommt man auch wie die Jungfrau zum Kinde, wie bei meiner anderen aktuellen Baustelle: Ich habe im letzten Jahr das Barkombinat mitgegründet.“


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Das Gängeviertel feiert 12. Geburtstag

Vom 19. bis 22. August 2021 feiert das Gängeviertel seinen 12. Geburtstag. Unter dem Motto „Access All Spaces: Raum in all seinen Facetten“ gibt es Ausstellungen, Musik, Workshops und Lesungen

Text: Felix Willeke

 

Besonders in der Zeit der Pandemie bekam der Begriff Raum eine ganz neue Bedeutung: Sei es durch Verlagerung von Arbeitsraum, durch Verknappung von Raum durch eingeschränkte Bewegungsfreiheit oder durch fehlenden Raum für Künstler:innen. Hier setzt das Gängeviertel mit dem Motto „Access All Spaces: Raum in all seinen Facetten“ zu seinem 12. Geburtstag vom 19. bis 22. August 2021 an. Musikalisch, performativ und diskursiv wollen sie etablierte und ungewohnte Ecken des Viertels ausleuchten.

 

Ausstellungen, Lesungen, Diskussionen und Musik

 

Das Programm reicht von Ausstellungen und Workshops über Lesungen bis zu Musik. Los ging es am Donnerstag, den 18. August 2021 mit einem Softopening, die Performance mit dem Titel „All my Loving“ orientierte sich an dem Roman „Wie wir begehren“ von Carolin Emcke. Dabei gingen sie auf eine kleine Zeitreise und verbanden die eigene Geschichte mit den Themen aus Emckes Buch. Das Ganze ist am Freitag um 18.30 Uhr nochmals zu sehen. Ebenfalls am Freitag ist unter anderem der Journalist und Autor Christoph Twickel mit einer Lesung und Podiumsdiskussion zum Thema Gentrifidingsbums 2021 zu Gast.

Am Sonntag liest Hengameh Yaghoobifarah aus ihrem Buch „Ministerium der Träume“. Darüber hinaus gibt es Musik von „Rapfugees“, „Knarf Rellöm“ und vielen anderen. Alle Veranstaltungen sind kostenlos, bei vielen ist Corona-bedingt eine Voranmeldung nötig.

 

Das f.e.t.t. Kollektiv

 

Eines der Highlights des Geburtstags ist der interaktive Theater-Walk des f.e.t.t. Kollektiv. Das 2018 gegründete Kollektiv nimmt die Besucher:innen mit auf eine Reise durch das Internet. Dabei verarbeiten sie die Ambivalenzen dieses schier unendlichen Raumes mit einem interdisziplinären Team an Künstler:innen. Zu sehen nach Voranmeldung.

 

Das Gängeviertel auf der Suche

 

Mit diesem 12. Geburtstag beginnt für das Viertel eine neue Zeit: „Nachdem wir vor zwei Jahren den Erbpachtvertrag für 75 Jahre mit der Stadt abgeschlossen haben, haben wir unser Hauptziel erreicht: Das Gängeviertel zu retten. Nun geht es darum, sich zu überlegen, was für ein Ort wir in Zukunft sein wollen“, sagt Lena Frommeyer vom Gängeviertel. Als nächstes steht die Renovierung des vierten von zwölf Gebäuden an.

In einer Zeit der Wiederöffnung des kulturellen Lebens hat sich auch das Gängeviertel über die Förderung durch den Kultursommer gefreut. Sie wünschen sich allerdings, dass sich diese Förderung verstetigt. Das Viertel will sich unterdessen weiter öffnen und weiter entwickeln. „Wir sind eine Schlange, die sich gut häutet. Ständig kommen neue und oft auch junge Leute ins Viertel und prägen es. So lange wir immer wieder durch neue Ideen und Ansätze überrascht werden, dann geht es uns gut.“

Access All Spaces: Raum in all seinen Facetten, der 12. Geburtstag des Gängeviertels; 19. bis 22. August


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Johannes: „So bin ich ständiger Zaungast des Lebens“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Johannes begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Ich saß mit meiner Frau in Tansania an einem gottverlassenen Bahnhof, etwa 100 Kilometer westlich von Dodoma, irgendwo mitten im Land und wir haben den ganzen Tag auf einen Zug gewartet. Es war völlig unklar, ob er kommt oder nicht. Mit uns zusammen hat dort ein Massai gesessen, der auch auf diesen Zug gewartet hat. Dieser Mann hat eine Ruhe ausgestrahlt, das habe ich noch nicht erlebt. Mit diesem Menschen, mit dem wir überhaupt keinen Kontakt hatten, zusammen auf einen Zug zu warten, ungewiss, ob er überhaupt kommt und dann zu sehen, dass man dabei total ruhig und zufrieden sein kann: Das fand ich sehr beeindruckend.

Ich bin viel durch Afrika und Asien gereist. Eigentlich ist es unerträglich, in was für einem Wohlstand wir hierzulande leben. Wir halten Menschen von der Migration nach Deutschland ab und sind gleichzeitig nicht bereit, unseren Wohlstand zumindest mal zu begrenzen. Es ist nicht zulässig, Mieten ins Unerlässliche steigen zu lassen und Gewinne ohne Ende zu privatisieren. Mir geht es dabei ja nicht darum, den Sozialismus einzuführen, sondern ganz einfach um Wohlstandsgrenzen.

Ich definiere mich zeitlebens über das Recht, lebe nach Prinzipien und Strukturen, die ich in meinem Juristendasein gelernt habe. Vielleicht hätte ich auch etwas anderes machen sollen, denke ich manchmal. Dann wäre ich heute aber auch jemand anderes. So habe ich mich nun mal für das Recht entschieden und bin seit gut 40 Jahren Anwalt. Ich habe darüber Menschen, Betriebe und Beziehungen kennengelernt. Denn ich liebe es zu suchen. Sucht man etwa nach Motiven, wird vieles nachvollziehbar. Ich sage es gerne so: Durch den Beruf bin ich ein ständiger Zaungast des Lebens.

 

„Nach 39 Jahren zieht man nicht mehr weg“

 

Inzwischen bin ich seit drei Jahren in Rente, arbeite aber immer noch nebenbei. Ansonsten verbringe ich viel Zeit auf unserer kleinen Datsche, etwas außerhalb von Hamburg auf einem kleinen Bauernhof. Die hatte ein völlig krummes Dach, aber ich habe da oben ein Zimmer ausgebaut mit allem Drum und Dran: neuer Dachstuhl, neue Dachgaube, Fenster eingesetzt, eine Treppe angebaut. Das war höchst kompliziert für einen, der das nicht gelernt hat, aber es war letztendlich erfüllend.

Wenn ich mit meiner Frau da draußen bin, die Schafe und Alpakas um uns herumrennen, und in dem Wissen bin, bald kann ich mit meinem Enkel Trecker fahren, ist alles, was hier in der Stadt passiert, vergessen. Seit 39 Jahren wohne ich in Eppendorf. Erst in einer Wohngemeinschaft, später mit meiner Frau, irgendwann mit unserer Tochter. Da zieht man nicht mehr weg.

Meine Tochter wohnt jetzt in der Neustadt im Gängeviertel, das ist eine ganz andere Atmosphäre als hier. Da riecht man morgens, dass es dem Stadtteil am Abend gut gegangen ist. Die Menschen stehen auf der Straße, trinken Kaffee zusammen, unterhalten sich. Mit unseren Bauern auf dem Land ist das genauso so. Man unterhält sich. Ganz anspruchslos, ganz normal, ohne gedankliche Tiraden.

In Eppendorf fehlt mir mitunter dieses Gefühl von Nachbarschaft. Dabei könnten wir alle mehr miteinander reden, auch einem Fremden mal einen freundlichen Blick schenken. Wenn ich dir eins mitgeben kann, dann genau hinzugucken, sich Zeit für andere Menschen zu nehmen. Manchmal urteilen wir zu schnell. Also: lieber zwei Mal hingucken. Und richtig zuhören.“


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Neuer Club: Aus Moloch wird die Anderswelt

Das Oberhafenquartier ist ständig im Wandel. Über fünf Jahre war das Moloch ein subkultureller Club-Stachel in der fortschreitenden Bebauung der HafenCity. Nun verkündete die Betreiber-Crew das Ende. Doch es geht spannend weiter. Für mindestens zehn Monate wird aus Moloch die Anderswelt.

Interview und Fotos: Ole Masch

Lange wurde gehofft, spekuliert, Gerüchte gestreut. Es folgte Abschiedsparty nach Abschiedsparty. Anfang September war es offiziell. Die Kerncrew des beliebten Underground Clubs Moloch, von Gästen liebevoll Mutti genannt, verkündete ihr „Closing ohne Closing“ und beendete damit nach fünf Jahren ein Projekt unzähliger legendärer elektronischer Nächte (und Tage). Man sei sich mit dem Gängeviertel, welches die Fläche verwaltet, nicht über die Modalitäten zur Fortführung einig geworden.

 

Neues Clubprojekt

 

Damit verliert Hamburg eines der innovativsten und mehrfach ausgezeichneten Clubprojekte der letzten Jahre – und gewinnt gleichzeitig etwas Neues. Wie das Gängeviertel mitteilte, geht im Oberhafen die Anderswelt an den Start: „Ein kollektiver, partizipativer und basisdemokratischer Ort für kulturelle und künstlerische Projekte und natürlich exzessive Clubkultur“.

Mehrere Wochen sei von zahlreichen Kollektiven und über 100 Beteiligten geplant, gebaut und entworfen worden. SZENE HAMBURG sprach mit Freya und Gwen vom Anderswelt-Kollektiv über das neue Kulturprojekt.

 

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Die Tür zur Anderswelt steht offen (Foto: Ole Masch)

 

SZENE HAMBURG: Freya und Gwen, wer genau macht die Anderswelt?

Freya: Es ist ein Projekt des Gängeviertel e. V., welches aus einem neuen internen Betreiber-Kollektiv und vielen weiteren ehrenamtlichen Helfern aus der subkulturellen Club- und Kreativszene besteht.

Wir als Kollektiv wollen einen Freiraum für Kunst und Kultur aller Art schaffen und sehen uns nicht nur als reinen Club-, sondern auch als Kreativbetrieb, den man in Form von Dekoration, Licht, Ton und Entertainment in zehn verschiedenen Welten erleben kann. Ein bisschen Hippie-Charme ist auch dabei (grinst).

Wofür steht der Name?

Freya: Anderswelt klingt so schön unkonventionell. Nach Utopie, nach Freiheit und nach Möglichkeiten. In unserem Fall durch Partizipation im Projekt in vielerlei Form, besonders bei der Gestaltung.

Die keltische Mythologie hinter dem Begriff haben wir erst danach entdeckt, finden sie aber auch sehr inspirierend – unsere erste Welt hatte diesen mystischen Look, die nächste wird ganz anders, versprochen!

 

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Arbeit im Kollektiv: neuer Außenbereich (Foto: Ole Masch)

 

Welche Veränderungen gibt es gegen­ über des Molochs?

Gwen: Musikalisch wollen wir ein breiteres Publikum ansprechen, das dennoch in die Location passt. Also Countrymusic wird es nie werden (lacht). Beim Opening hatten wir zum Beispiel das erste Mal eine reine Bassnight mit Trap, Grime und ordentlich Ghetto-Tech! Auch Psy-Trance, DnB, und eine Menge Live-Acts sind geplant.

Freya: Außerdem möchten wir die Diversität von Geschlechtern, Herkunft und so weiter zur Normalität werden lassen – das ist uns ein großes Anliegen.

Und räumlich?

Freya: Wie es bei uns aussieht? Kommt vorbei! Wir haben zwei neu gestaltete Floors und einen neuen Außenbereich, drei Bühnen, Installationen und interaktives Geschehen, das sich jeden Monat verändert und erweitert.

Es geht also auch draußen weiter?

Gwen: Ja! Wir hoffen, den goldenen Oktober nutzen zu können, um noch mal ein bisschen Festival-Feeling in den Herbst zu holen – ansonsten geht es im nächsten Frühjahr draußen weiter. Vielleicht überlegen wir uns auch noch was für den Winter, lasst euch überraschen!

 

„Die Anlagen sind der Shit und die Halle scheppert nicht mehr!“

 

Kämpft ihr für eine dauerhafte Nutzung?

Freya: Das ist geplant, ja. Wir sind in Gesprächen mit den entsprechenden Stellen wie Kreativgesellschaft oder Hafencity GmbH und generell daran interessiert, dass Hamburg wichtige subkulturelle Orte erhalten bleiben. Wie genau eine langfristige Nutzung der Fläche aussehen kann, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.

Wann endet die aktuelle Betriebs­erlaubnis?

Freya: Im Juni 2020.

Das Moloch hatte immer wieder mit Lärmbeschwerden zu kämpfen. Wie geht ihr damit um?

Gwen: Wir haben ein paar Dinge an der Soundtechnik und den Einbauten so verändert, dass wir Lautstärke einsparen können, aber nicht auf besten Klang verzichten müssen. In anderen Worten: Die Anlagen sind der Shit und die Halle scheppert nicht mehr!

Außerdem hoffen wir auf die Akzeptanz eines Clubbetriebs, der auf ein Veranstaltungswochenende im Monat reduziert ist und kommunizieren so viel wie möglich mit unseren Nachbarn im Oberhafen.

Und wie öffnet ihr an diesen Wochen­enden?

Gwen: Die Winteröffnungszeiten – je nach Wetterlage ab Oktober oder November – sind: Freitag 24 Uhr – Samstag 11 Uhr, dann wieder Samstag 24 Uhr – Sonntag 22 Uhr. Ab dem Frühjahr werden wir wieder durchgängig drei Tage geöffnet haben. Das Ganze von September 2019 bis Juni 2020. Zehn Monate, zehn Parallelwelten.

 

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Die Discokugel dreht sich schon (Foto: Ole Masch)

 

Welche Gäste wünscht ihr euch?

Freya: Wie schon erwähnt, versuchen wir musikalische Vielfalt anzubieten, daher auch ein breiteres Spektrum an Gästen. Das kann auch mal bunt werden, aber so und nicht anders, soll es ja auch sein. Das gilt auch für unsere Clubpolitik: Generell wollen wir die größtmögliche Freiheit für jeden; und niemanden – abgesehen von Rassisten, Sexisten, Homophoben und andere – aufgrund von Äußerlichkeiten oder Verhalten ausschließen.

Wir haben während der Veranstaltungen ein Awarenessteam, Psy-Care und Deutschlands einzige reine Frauentürstehercrew, die sich um Wohlbefinden und Sicherheit kümmern. Aber allem voran schreien wir „Rave on, Hamburg!“.

Anderswelt: Stockmeyerstraße 43 (HafenCity), Anderswelt #Zwei, 11.-13.10., 24 Uhr


Szene-Oktober-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Oktober 2019. Titelthema: Neu in Hamburg. Das Magazin ist seit dem 28. September 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Gängeviertel: Das gallische Dorf bleibt

Die Stadt und die Gängeviertel Genossenschaft haben sich auf einen Erbbaurechtsvertrag über 75 Jahre geeinigt. Christine Ebeling, Sprecherin der Initiative „Komm in die Gänge“, über die gesicherte Zukunft eines Ortes für alternative Lebenskonzepte

Interview: Hedda Bültmann

 

SZENE HAMBURG: Christine, was bedeutet für dich Freiheit?

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Der Kutscherhof im Gängeviertel

Christine Ebeling: Freiheit bedeutet für mich ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Selbstverständlich innerhalb der Grenzen dessen, was gemeinschaftlich ausgehandelt wird, in demokratischen Prozessen.

Autonomie wird auch als Erstes mit dem Gängeviertel assoziiert. Wie wird diese hier gelebt?

Täglich von Anbeginn, bereits in den monatelangen Vorbereitungen haben wir eine Struktur gebildet, die bis heute lebt. Das Plenum ist entscheidend bei übergreifenden Beschlüssen wie zum Beispiel bei der Neuvergabe von Räumen. Spezifische Fragen wie die Programmgestaltung werden in den AGs abgestimmt, die sich zu unterschiedlichen Themen wie Programm, Kommunikation, Gartengestaltung oder Kuratoren gegründet haben. Die Selbstverwaltung war vom ersten Tag an das Ziel, welches nun endlich auch für die Zukunft gesichert ist.

Einen langen Weg habt ihr hinter euch. Was war entscheidend für diesen Meilenstein?

Das ist schwierig zu beantworten, viele Faktoren haben dazu beigetragen. Seit Jahren haben wir versucht, in Verhandlungen eine langfristige Sicherung der Selbstverwaltung zu erreichen, das Gängeviertel langfristig dem Markt zu entziehen und damit vor Privatisierung sowie wechselnden politischen Konjunkturen zu schützen. Nach fast zehn Jahren konnten wir nun endlich überzeugen.

 

Raum für neue Konzepte und Ideen

 

Skizziere doch mal kurz die Entwicklung der letzten zehn Jahre.

Kurz geht eigentlich gar nicht: Damals zwölf verfallende Häuser, 200 Menschen, ein Wochenende Hoffest, bei dem alle Häuser geöffnet wurden, gefolgt von unzähligen Verhandlungsrunden mit unterschiedlichen Behörden und dem Bezirk Mitte, immer mehr fantastische Menschen, die sich angeschlossen haben, unglaublich viel Arbeit aus der ein Verein, eine Genossenschaft und ein einzigartiger Ort mit den verschiedensten Blüten entstanden ist.

Wodurch unterscheidet sich der Ort?

Für viele fühlt es sich an wie das berühmte „gallische Dorf “, so richtig will es nicht zwischen diese Bürobauten in der Innenstadt passen und es will sich auch nicht dem kommerziellen Umfeld gleich machen. Es bietet viel an Kultur, Bildung und vor allem bietet es Raum für neue Lebenskonzepte und Ideen, die auch mal scheitern dürfen. Viele dieser Ideen sind aber sehr erfolgreich und bekommen Kinder.

Welche sind das?

Mit Blick auf den Oberhafen zum Beispiel oder auch durch andere selbstbestimmte Projekte wie die Fux eG hat sich schon seit Jahren gezeigt, dass ein Umdenken für mehr Raum für Kultur, Politik und Soziales stattfindet. Die Stadt braucht Orte, die sich immer wieder selbst erfinden können. Das bedeutet aber auch Verantwortung, Geduld, Offenheit und die schon zu Beginn angesprochene Freiheit, die für alle gelten sollte. Das ist leider noch nicht überall gegeben, doch hoffen wir, dass es bald noch mehr dieser Viertel geben wird.

Das braucht Verbündete mit den gleichen Zielen …

Die Initiative „Recht auf Stadt“ spielt dabei eine große Rolle, ohne dieses Netzwerk würde Hamburg sicherlich um einiges ärmer sein. Viele erkämpfte Orte gäbe es wohl nicht mehr, wie zum Beispiel das Centro sociale. Allerdings sollte sich die Politik und die Verwaltung viel öfter starkmachen. Prozesse und Ergebnisse wie bei dem transdisziplinären Planungsbüro „Planbude“, das innovative Pläne zum Beispiel für die Esso-Häuser entwickelt hat, sollten beispielhaft für die Zukunft sein und auch umgesetzt werden.

Welche Vision wollt ihr realisieren?

Im besten Falle ein Ort bleiben, an dem Modelle für die Zukunft ausprobiert werden können, ein Ort, der sich immer wieder verjüngt und der sich politisch einmischt.

Gängeviertel Jubiläumsfestival: 22.- 25.8.


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Meet the Resident – Budiratsch

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Residents vor, diesmal: Budiratsch, auch bekannt als Gerald Steyr – präsentiert von hamburg elektronisch

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman
Foto: Ben Zin

Wer ist Budiratsch?

Mit diesem Alter-Ego-Projekt öffne ich mir die Tür zu einem musikalischen Kosmos jenseits des Drum’n’Bass. Ich umarme damit meinen Wunsch, sich verstärkt der grenzenlosen Vielfalt in der Clubmusik zu widmen. Budiratsch steht für FuckGenre, Gerald Steyr für Drum’n’Bass.

Kannst du den Begriff FuckGenre näher definieren?

Der Begriff steht für keine Einsortierung, keine Schublade möglich. Auf Regeln und jegliche Schranken wird verzichtet. Die FuckGenre-Bewegung verbindet Künstler ausschließlich aus einem freiheitlichen Denken und einer Spiritualität heraus. Ich sehe es als einen Aufruf zu einer gelebten Diversität in der Musikkultur. Als Budiratsch spiele ich Shows quer durch elektronisches BämBäm zwischen BumBum und TschakTschak.

Warum wählst du dafür ein Pseudonym?

Es ist die ewig selbst gestellte Frage von Artists, die ein breites Spektrum abbilden, ob sie sich für verschiedene Ausdrucksarten Pseudonyme erschaffen, oder nicht. Wenn sich ein Musikprojekt extrem weit vom vorherigen Schaffen abgrenzt, ist eine zusätzliche Identität sehr hilfreich. So kann ich mich meinem bisherigen Selbst weiter widmen und zeitgleich neue Wege mit diesem Alias erschließen. Wir beide profitieren voneinander, Budiratsch inspiriert Gerald Steyr und andersherum.

 

Shows rocken und im Studio schrauben

 

Wo siehst du dich in einem Jahr?

Ich sehe tolle und unfassbar gut aussehende Menschen. Ich sehe Leidenschaft, die Farbe Orange. Die Grünen stellen die Bürgermeisterin und keiner singt mehr mit Autotune. Ha ha, nee. Im Ernst, neue Musikprojekte sind immer offen im Prozess. Ich liebe es, Shows zu rocken und im Studio zu schrauben. Die erste Budiratsch EP ist in Arbeit, im Herbst ist eine Clubnacht angedacht.

Welcher Auftritt ist dir besonders im Gedächtnis geblieben?

Mein fünf Stunden FuckGenre-Gig bei Maschine Brennt im Gängeviertel vor ein paar Monaten, in der Nacht ist Budiratsch gezeugt worden. Und eine Show vor ein paar Jahren im Pudel, wo ich die Audience mit syrischer Hochzeitsmusik zum Extremtanz verführt habe – sehr sexy.

Deine Platte des Monats?

Die neue archaische Ambient Electronica EP von Cid Poitier ist der perfekte Ein- und Ausstieg rasanter Nächte.

Welchen Act würdest du gerne mal (wieder) in Hamburg sehen?

Ich habe mich immer gewundert, warum Deekline noch nie in Hamburg gespielt hat. Er ist für mich der Inbegriff des Multistyle Artist. Sein Output umfasst House, UK Funky, Tropical, Jungle, Oldskool, Dubstep, Breaks und Garage – sehr stark. Wenn ihn jemand nach Hamburg einlädt, bin ich in der ersten Reihe. Roska möchte ich auch gerne wieder sehen. Und immer wieder Omar Souleyman.

Was sind für dich Hamburgs Stärken?

Hamburg ist sehr überschaubar, es scheinen sich irgendwie alle zu kennen, oder man kennt jemanden, der den anderen kennt und vernetzt einen. Wer aktiv aufgechlossen ist, kann schnell andocken.

Und die Schwächen?

Hamburg ist sehr überschaubar.

 

Hier hört ihr ein aktuelles Set von Budiratsch – im Podcast von hamburg elektronisch

Budiratsch: 26.7., Kinky Galore, Waagenbau, ab 23 Uhr


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2019 im Handel und zeitlos im 
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