Beiträge

Gängeviertel: Das gallische Dorf bleibt

Die Stadt und die Gängeviertel Genossenschaft haben sich auf einen Erbbaurechtsvertrag über 75 Jahre geeinigt. Christine Ebeling, Sprecherin der Initiative „Komm in die Gänge“, über die gesicherte Zukunft eines Ortes für alternative Lebenskonzepte

Interview: Hedda Bültmann

 

SZENE HAMBURG: Christine, was bedeutet für dich Freiheit?

Gaengeviertel-Kutscherhof-2019

Der Kutscherhof im Gängeviertel

Christine Ebeling: Freiheit bedeutet für mich ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Selbstverständlich innerhalb der Grenzen dessen, was gemeinschaftlich ausgehandelt wird, in demokratischen Prozessen.

Autonomie wird auch als Erstes mit dem Gängeviertel assoziiert. Wie wird diese hier gelebt?

Täglich von Anbeginn, bereits in den monatelangen Vorbereitungen haben wir eine Struktur gebildet, die bis heute lebt. Das Plenum ist entscheidend bei übergreifenden Beschlüssen wie zum Beispiel bei der Neuvergabe von Räumen. Spezifische Fragen wie die Programmgestaltung werden in den AGs abgestimmt, die sich zu unterschiedlichen Themen wie Programm, Kommunikation, Gartengestaltung oder Kuratoren gegründet haben. Die Selbstverwaltung war vom ersten Tag an das Ziel, welches nun endlich auch für die Zukunft gesichert ist.

Einen langen Weg habt ihr hinter euch. Was war entscheidend für diesen Meilenstein?

Das ist schwierig zu beantworten, viele Faktoren haben dazu beigetragen. Seit Jahren haben wir versucht, in Verhandlungen eine langfristige Sicherung der Selbstverwaltung zu erreichen, das Gängeviertel langfristig dem Markt zu entziehen und damit vor Privatisierung sowie wechselnden politischen Konjunkturen zu schützen. Nach fast zehn Jahren konnten wir nun endlich überzeugen.

 

Raum für neue Konzepte und Ideen

 

Skizziere doch mal kurz die Entwicklung der letzten zehn Jahre.

Kurz geht eigentlich gar nicht: Damals zwölf verfallende Häuser, 200 Menschen, ein Wochenende Hoffest, bei dem alle Häuser geöffnet wurden, gefolgt von unzähligen Verhandlungsrunden mit unterschiedlichen Behörden und dem Bezirk Mitte, immer mehr fantastische Menschen, die sich angeschlossen haben, unglaublich viel Arbeit aus der ein Verein, eine Genossenschaft und ein einzigartiger Ort mit den verschiedensten Blüten entstanden ist.

Wodurch unterscheidet sich der Ort?

Für viele fühlt es sich an wie das berühmte „gallische Dorf “, so richtig will es nicht zwischen diese Bürobauten in der Innenstadt passen und es will sich auch nicht dem kommerziellen Umfeld gleich machen. Es bietet viel an Kultur, Bildung und vor allem bietet es Raum für neue Lebenskonzepte und Ideen, die auch mal scheitern dürfen. Viele dieser Ideen sind aber sehr erfolgreich und bekommen Kinder.

Welche sind das?

Mit Blick auf den Oberhafen zum Beispiel oder auch durch andere selbstbestimmte Projekte wie die Fux eG hat sich schon seit Jahren gezeigt, dass ein Umdenken für mehr Raum für Kultur, Politik und Soziales stattfindet. Die Stadt braucht Orte, die sich immer wieder selbst erfinden können. Das bedeutet aber auch Verantwortung, Geduld, Offenheit und die schon zu Beginn angesprochene Freiheit, die für alle gelten sollte. Das ist leider noch nicht überall gegeben, doch hoffen wir, dass es bald noch mehr dieser Viertel geben wird.

Das braucht Verbündete mit den gleichen Zielen …

Die Initiative „Recht auf Stadt“ spielt dabei eine große Rolle, ohne dieses Netzwerk würde Hamburg sicherlich um einiges ärmer sein. Viele erkämpfte Orte gäbe es wohl nicht mehr, wie zum Beispiel das Centro sociale. Allerdings sollte sich die Politik und die Verwaltung viel öfter starkmachen. Prozesse und Ergebnisse wie bei dem transdisziplinären Planungsbüro „Planbude“, das innovative Pläne zum Beispiel für die Esso-Häuser entwickelt hat, sollten beispielhaft für die Zukunft sein und auch umgesetzt werden.

Welche Vision wollt ihr realisieren?

Im besten Falle ein Ort bleiben, an dem Modelle für die Zukunft ausprobiert werden können, ein Ort, der sich immer wieder verjüngt und der sich politisch einmischt.

Gängeviertel Jubiläumsfestival: 22.- 25.8.


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

 

Hamburger des Monats: Konzertveranstalter Karsten Jahnke

Karsten Jahnke setzt seit den 1960er Jahren auf sein Bauchgefühl – und hat damit nicht nur seine Konzertagentur groß gemacht, sondern von Herbert Grönemeyer bis Depeche Mode auch zig Künstlerkarrieren aufgebaut. Diesen Monat feiert Jahnke seinen 80. Geburtstag. Ein Gespräch über Jazz in der Blütezeit, Agenten auf Abwegen und den „schönsten Veranstaltungsort Hamburgs“

SZENE HAMBURG: 
Karsten Jahnke, mal 
was ganz Einfaches zu Beginn: Nennen Sie die Top 3 der aktuellen Media Control Charts.

Karsten Jahnke: Die kenne ich nicht (lacht).

Andrea Berg, Helene Fischer und Mert. Legen Sie keinen besonderen Wert darauf zu wissen, was der breiten Masse gerade gefällt?

Das habe ich eigentlich noch nie. Ich bin nämlich der Meinung, dass 
eine hohe Chartplatzierung nicht 
unbedingt bedeutet, dass es auch konzertmäßig läuft. Klar, bei Helene Fischer und Andrea Berg ist es anders, aber es gab auch schon Künstler, die waren Nummer eins, aber deren Konzerte besuchte niemand.

Sehen Sie den Zeitgeist grundsätzlich als sekundär wichtig im Konzertgeschäft?

Zumindest ist es doch bezeichnend, dass die alten Stars wie Elton John immer noch die Säle füllen. Ein weiteres Beispiel ist der mittlerweile leider verstorbene Joe Cocker. Deren Publikum kommt seit Jahrzehnten, um sie zu sehen, und akzeptiert inzwischen auch Eintrittspreise, von denen man vor 20 Jahren noch dachte: never, ever.

Ich war immer stolz auf mein Bauchgefühl

Die gestiegenen Preise sind die Reaktion der Künstler und Veranstalter auf den Zerfall der Musikindustrie: Ausbleibende Plattenverkäufe werden durch teure Tickets aufgefangen.

Richtig. Früher sind die Leute auf Tour gegangen, damit sie ihre Platte weitere 1 Million mal verkaufen konnten. Heute sind Chartkünstler froh, wenn sie zumindest 8.000 Kopien loswerden. Erstaunlich ist allerdings, dass ein Künstler wie Gregory Porter, der zudem ja eindeutig dem Genre Jazz zuzurechnen ist, 250.000 Exemplare von seinem „Liquid Spirit“-Album in Deutschland verkauft hat. In meinen Augen einen erfreuliche Entwicklung …

… sicher auch, weil Ihnen das Genre seit Jahrzehnten bekanntlich am Herzen liegt.

Genau. Ich habe ja noch die Blütezeit in den 50ern mitgemacht. Damals gab es eigentlich nur Jazz, Rock kam erst ein Jahrzehnt später auf.

In den 60er Jahren  haben Sie dann auch begonnen, neben Ihrer Arbeit als Kaufmann erste Konzerte zu veranstalten. Wie hat sich damals der eine mit dem anderen Job die Waage gehalten?

Es war mein Vater, der meinte, ich solle etwas Vernünftiges lernen. Also habe ich eine Ausbildung zum Im- und Exportkaufmann gemacht und als solcher auch zehn Jahre gearbeitet. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie einige meiner damaligen Kollegen und ich es geschafft haben, regelmäßig nach Feierabend Konzerte zu organisieren. Irgendwann sagte jedenfalls mein Chef zu mir, ich solle mich mal selbstständig machen – als Konzertveranstalter.

Wobei Ihnen Ihre Kaufmannslehre 
sicher nicht geschadet hat.

Im Gegenteil, sie war enorm wertvoll. Es gibt ja genügend Beispiele in der Musikbranche, wo Leute zwar tolle Ideen hatten, aber nicht kalkulieren konnten. Die sind dann über den Jordan gegangen.

Sie hingegen hatten dauerhaft Erfolg. Was hat Ihnen dabei denn mehr geholfen: Der Sinn fürs Wirtschaftliche oder ein Händchen für die richtigen Künstler?

Ich war immer stolz auf mein Bauchgefühl. Klar, kein Mensch ist davor gefeit, sich zu irren, aber wenn man wirklich überzeugt von einer Band ist, ist es nicht so schlimm, wenn es mit ihr konzerttechnisch nicht gut läuft. Schlimm ist, wenn man eine Band angeboten bekommt, die man gar nicht haben will, sie aber trotzdem annimmt, und man dann Verluste macht. Ich habe immer Bands auf Tour geschickt, zu deren Konzerten ich selbst gerne gegangen wäre. Deshalb habe ich mich auch nie geärgert, wenn ich Geld verloren habe.

Ich bin kein Nostalgiker

Irgendwelche anderen Ärgernisse?

Sie erwähnten meine Vorliebe für Jazz. In der Vergangenheit kam es vor, dass manche Künstleragenten diese Vorliebe überhöht und mich als reinen Jazz-Veranstalter gesehen haben, was natürlich nicht stimmte. Wir wollten zum Beispiel mal Jamie Cullum nach Hamburg holen, haben ihn aber nicht bekommen, weil sein Agent „nicht mit einem reinen Jazz-Veranstalter“ zusammenarbeiten wollte. Das hat mich schon sauer gemacht. Ich meine, wir haben ja wirklich Konzerte von Acts aus jedem denkbaren Genre veranstaltet …

… bis auf Klassik.

Ja, denn da kenne ich mich nicht aus. Man könnte mir sagen: „Das hier ist der bedeutendste japanische Konzertpianist aller Zeiten!“ Und ich würde ihn weder kennen noch beurteilen können.

Hat das Geschäft in den 60ern und 70ern womöglich generell mehr Spaß gemacht, weil der Kontakt zwischen Künstlern und Veranstaltern noch deutlich enger war?

Tatsächlich hatte man damals als Veranstalter noch das Gefühl, man säße mit den Künstlern in einem Boot. Natürlich, es musste Geld eingespielt werden, aber man hat immer gemeinsam geguckt, wie man zum Beispiel Kosten reduzieren kann. Heute, speziell im internationalen Geschäft, hat man vor einer Tour gar nicht mehr die Möglichkeit, die Künstler zu sprechen – und wehe, man tut es trotzdem und auf eigene Faust, dann sind die Agenten und Manager stinkig.

Und die nationalen Künstler: Wie 
ist das generelle Verhältnis zu ihnen derzeit?

Mit denen konnte und kann man nach wie vor gut reden und auch vernünftige Deals machen. Jemand wie Johannes Oerding geht bei uns ein und aus. Dadurch kann man Ideen, die man für eine Tournee hat, auch viel besser kommunizieren.

Kennen Sie denn Nostalgie-Gefühle?

Ich bin kein Nostalgiker. Klar, es gab in den 70ern diesen einmaligen Deal mit Insterburg & Co., der war ein Traum. Die haben jedes ihrer jährlich 150 Konzerte ausverkauft – und das acht Jahre lang. Wir haben dann immer alles durch fünf geteilt, weshalb wir in der Konzertagentur auch immer Geld hatten und die Verluste aus anderen Tourneen auffangen konnten. Ich war und bin aber niemand, der Geld anhäuft. Der Laden muss nur laufen, das ist das Wichtigste.

Allgemein glaube ich, dass es keinen schöneren Beruf gibt als meinen

Ihr Gewinn war das Finanzielle, der Gewinn der Künstler waren langlebige Karrieren. Auf welche blicken Sie besonders gerne zurück?

Wir haben ja 20 Jahre Grönemeyer gemacht, und am Anfang haben wir eine Tournee organisiert mit nur 80 Besuchern pro Abend. Es gab sogar ein Konzert in Berlin, vor dem mich der Tourleiter anrief und meinte: „Wir haben jetzt 14 Karten verkauft, und wenn wir bis 21 Uhr auf 20 kommen, spielen wir.“ Eine Minute nach neun waren dann tatsächlich 21 Karten verkauft, und Grönemeyer musste vier Zugaben spielen (lacht). Auf so was bin ich schon ein bisschen stolz. Auch Westernhagen haben wir aufgebaut. Und Depeche Mode! Die füllen immer noch Stadien – nur leider nicht mit uns.

Depeche Mode haben in den 80er Jahren unter anderem  auf der Freilichtbühne im Stadtpark gespielt, die Sie als schönsten Veranstaltungsort Hamburgs bezeichnen …

… und das trotz Elbphilharmonie. Ich habe auch mal davon geträumt, im Winter, bei Schnee, dort etwas zu machen. Aber der Charme der Freilichtbühne liegt ja vor allem in dieser wunderbaren grünen Buchenhecke. Wenn die im Herbst und Winter braun oder gar nicht zu sehen ist, fehlt etwas.

Nun haben Sie für Ihre veranstalterischen Errungenschaften schon zig Preise bekommen, wurden „Hamburger des Jahres“ und für Ihr „Lebenswerk“ geehrt. Was hat Ihnen bisher am meisten geschmeichelt?

Allgemein glaube ich, dass es keinen schöneren Beruf gibt als meinen, weil ich unzählige Leute glücklich machen kann, indem ich Konzerte für sie veranstalte. Das bedeutet mir am meisten.

Interview: Erik Brandt-Höge / Foto: Steven Haberlandt

www.kj.de