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Liegeplatz gesucht

Seit 2013 liegt die MS Stubnitz in Hamburg. Eigentlich sollte es nach dem Lockdown wieder richtig losgehen, doch die Zukunft des Kultur- und Clubschiffs ist ungewiss. Wie die heranrückende Bebauung an den Liegeplatz in der HafenCity umfangreiches Programm unmöglich macht, ob die Stadt reagiert und welche Alternativen möglich wären, berichten die Crewmitglieder Hannah und Stefan

Interview: Ole Masch

SZENE HAMBURG: Hannah und Stefan, wie konnte die Stubnitz die Zeit des Lockdowns überstehen?

Stefan: Finanziell glücklicherweise wie viele andere Spielstätten mit dem Clubrettungsschirm der Kulturbehörde und den Überbrückungshilfen. Dazu kamen bewilligte Förderanträge über Neustart Kultur. Ideell haben wir die Zeit mit unserem Online-Format „Plattenfroster Television“ überstanden, was uns für den eigenen Crew-Zusammenhalt und für die Vernetzung nach außen wahnsinnig geholfen hat. Personell geht es uns wie allen; viele Leute sind weggebrochen.

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Es ist unklar, wie lange es die Konzerte im Schiffsbauch der MS Stubnitz am derzeitigen Liegeplatz noch geben wird (Foto: Stefan)

Was genau war Plattenfroster Television?

Hannah: Plattenfroster TV ist coronabedingt entstanden, so konnten wir die Arbeit, die uns am Herzen liegt, im Mai 2020 trotz Kulturschließung wieder aufnehmen. Die Sendung ist ein Live-Streamingformat mit mehreren Bausteinen. Konzerte, Dokumentationsvideos der Instandhaltungsprojekte, Gespräche mit Künstler:innen, Videoclips aus unserem Konzertarchiv und Gespräche mit Akteur:innen der Hamburger Kulturlandschaft darüber, was Musikkultur, Musiker:innen und Veranstaltungsstätten in Hamburg brauchen und wie sie leben. Ab Dezember 2020 konnten wir mit der Förderung durch Neustart Kultur 1 weitermachen, davor war, wie so oft, Ehrenamt und Enthusiasmus gefragt. Insgesamt haben wir bis Oktober 2021 33 Folgen produziert und so 119 Musiker:innen eine Bühne gegeben – ihrer Musik, aber auch ihren Gedanken zu aktuellen gesellschaftspolitischen, musikkulturellen Fragen. Dabei sind oft spannende Gespräche der Künstler:innen miteinander entstanden, ab September 2021 auch mit Live-Publikum unter Auflagen. Ziel der Sendung war es, einen Mehrwert zu schaffen, der über das reine Streamen von Konzerten hinaus geht. 

Stefan: Dass wir im Rahmen der Sendung aus dem bordeigenen, prallgefüllten Musikarchiv über 130 Clips ausspielen konnten, hat sowohl uns, als auch den Bands, die wir eigens und einzeln dazu angefragt haben, große Freude gebracht. Plötzlich waren auch London, Kopenhagen, Amsterdam und andere Projektphasen wieder ein klein wenig spürbar. Alle Folgen und Gespräche haben wir nach den Livestreams auf unserem YouTube Kanal veröffentlicht.

„Es braucht die Reize“

Ist so etwas in Zukunft wieder denkbar? 

Stefan: Es hat sehr viel Spaß gemacht, war aber in Teilen auch ein Kraftakt auf dem Drahtseil in Lockdownzeiten. Ohne die Förderung ist äußerst fraglich, ob wir so lange durchgehalten hätten. Als Projekt ist uns eine krude Medienaffinität und ‘do it yourself’ Attitüde ja in die DNA geschrieben, also ja. Denkbar ist ein Format, das gesprochenes Wort und Gespräch mit Musik verbindet, mit Mehrwert als Plattform für kultur-politischen Gedankenaustausch. 

Hannah: Wir hoffen aber natürlich, nicht wieder schließen zu müssen. Musikclubs sind für uns Orte, an denen sich Menschen begegnen und durch Musik aus ihrem Alltag heraustragen lassen können. Das funktioniert am Bildschirm bei einer Streaming-Sendung nicht, dafür brauchte es die sensorischen, akustischen, visuellen und ästhetischen Reize, die ein Live-Erlebnis ausmachen. 

Das Schiff ist bereit für weitere Abenteuer

Wie setzt sie sich die Crew heute zusammen?

Hannah: Wir sind ein gemeinnütziger Verein, die organisatorische Arbeit basiert weitestgehend auf Ehrenamt. Dadurch ist naturgemäß mehr Bewegung als bei einem Betrieb mit Angestellten. Unsere Leute haben mal mehr, mal weniger Zeit, weil sie sich auf ihre Lohnarbeit fokussieren müssen. Es gibt sehr wenige geringfügig angestellte Menschen – durch unsere finanziell angespannte Situation aber stets zu wenige. Leider fallen deshalb einzelne Verantwortlichkeiten und Gewerke immer wieder in sich zusammen. Aber wir sind seit Neuestem anerkannte Stelle für den Bundesfreiwilligendienst (Bufdi), eine erste Stelle konnte auf August besetzt werden, weitere sollen folgen, yeah! Und wir arbeiten aktuell an unserer Willkommenskultur, um es interessierten Menschen einfacher zu machen, ins Projekt einzusteigen. Denn neue Gesichter, die Lust haben mitzugestalten und zu frickeln, sind herzlich willkommen!

Personell geht es uns wie allen; viele Leute sind weggebrochen.

Stefan

Kurz vor der Pandemie musste die Stubnitz ins Trockendock. Ist das Schiff jetzt fit für die nächsten Jahre?

Stefan: Wir haben die Lockdownphasen genutzt und 2019 bis 2021 die umfassendsten Instandhaltungsmaßnahmen seit Beginn des zweiten Lebens der Stubnitz als Kulturschiff durchgeführt. Hier wurde vieles ersetzt und ausgebessert, durch genaues Draufschauen aber auch neue Probleme entdeckt. Wenn wir es schaffen, hier in den kommenden Jahren anzuknüpfen und den Reparaturrückstau vollends aufzuarbeiten, wäre das Schiff längerfristig technisch nachhaltig in Schuss und bereit für weitere Abenteuer. Wer sich ein bisschen reinnerden will: Auf unserem YouTube-Kanal sind unter dem Namen „Rust never sleeps“ spannende Clips zu finden und einen ausführlichen Bericht auf unserer Homepage gibt’s auch.

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„Die Akustik und Atmosphäre im Schiffsbauch ist etwas Besonderes“, sagt Stefan von der MS Stubnitz Crew (Foto: Stefan)

Zu viel Lärm in der HafenCity?

Bis wann wurde euch der aktuelle Liegeplatz am Kirchenpauerkai zugesichert?

Hannah: In der Nutzungsvereinbarung bis 2026.

Vor dem Lockdown konntet ihr dort weitestgehend ungestört Veranstaltungen durchführen. Was hat sich daran jetzt geändert?

Hannah: Der Bezug der Neubauten in der Baakenallee gegenüber der Stubnitz hat kurz vor dem ersten Lockdown begonnen. Dadurch ist ein absehbarer Interessenskonflikt entstanden, das wird besonders seit Wiederaufnahme des Live-Kulturprogrammes dieses Jahr deutlich. Es gibt nur wenige Nachbar:innen, die ihre Wünsche nach mehr Ruhe an uns, die Stadt und die HafenCity GmbH deutlich herantragen. Eine Lösung dieses Konflikts ist aber auch sehr in unserem Sinne. Es geht uns nicht darum, zu provozieren, es geht uns darum, Kulturarbeit zu machen, Live-Musikkultur in all seinen Facetten einen Experimentierort zu bieten und ein soziokultureller Ort als seetaugliches Industriedenkmal zu sein.

Mit welchen Einschnitten müsst ihr zurzeit leben?

Stefan: Aktuell können wir das Achterdeck und die Außenbar nicht mehr bespielen. Wir werden häufig aufgefordert, den Bass herunterzudrehen, wobei das nur in begrenztem Maß möglich ist. Gerade in einer Großstadt gehen Menschen ja aus, um laute Musik zu hören und sich zu treffen – was im Wohnblock in der Bude ja so nicht geht. Das zu bieten ist unsere Arbeitsgrundlage. Letztendlich ist das größte Problem die Lärmemission des Publikums in der frühabendlich zur Ruhe kommenden HafenCity, wo sich Elbratte und Brückenspinne gute Nacht sagen. Richtig problematisch ist das bei Firmenfeiern und Club-Events mit mehreren Hundert Besucher:innen, hier haben wir große Sorge vor Rufschädigung, dass man bei uns nur noch im Flüsterton feiern kann. Ohne diese Veranstaltungen gelingt uns aber die Finanzierung des Gesamtprojektes Stubnitz nicht mehr.

„Wir haben die Wurfleine schon in Richtung Stadt geworfen“

Wäre ein anderer Liegeplatz die Lösung?

Hannah: Auf jeden Fall kann ein Liegeplatzwechsel die Probleme lösen, die durch die unmittelbare Nähe am Wohngebiet entstehen. Die Stubnitz hat den Vorteil, dass sie auch in Zukunft mit der Stadtentwicklung mitgehen und eben dort hingesetzt werden kann, wo es am besten passt. Wer kann das sonst schon außer Eiswägen? Wir wären ready für Fischmarkt, Landungsbrücken, Baakenhöft oder Nordseite Elbbrücken bei der S-Bahn-Station. Die Wurfleine dafür haben wir schon in Richtung Stadt und HPA geworfen.

„Was wir uns wünschen ist ein klares Signal der Stadt, dass die Stubnitz als Kulturort und gelistetes Industriedenkmal in Hamburg gewollt ist.“

Stefan

Hat sich das Programm bereits verändert? 

Stefan: Lange Club-Veranstaltungen oder solche mit viel Publikum werden problematischer, aber das sind natürlich die, von denen wir leben. Auf die können wir nicht verzichten. Kulturprogramm auf dem Außendeck ist leider gar nicht mehr möglich. Generell kann man bei vielen Stellschrauben darüber reden, an ihnen zu drehen – das kulturelle Programm ist aus unserer Sicht die falsche. 

„Die Stubnitz hat noch viel Potential“

Wie reagiert die Stadt?

Hannah: Wir sind an die Stadt herangetreten, um eine Verbesserung der Situation für alle Beteiligten zu erwirken. Dazu befinden wir uns wie gesagt in Gesprächen mit der Kulturbehörde und der HafenCity GmbH. Das Ergebnis bleibt abzuwarten. Stadtentwicklungstypisch ist hier leider kein Schnellschuss zu erwarten.

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Suchen nach Lösungen für die Stubnitz-Zukunft: Hannah (l.) und Stefan (r.) (Foto: Felix)

Was müssten die Verantwortlichen eurer Meinung nach tun?

Stefan: Was wir uns wünschen ist ein klares Signal der Stadt, dass die Stubnitz als Kulturort und gelistetes Industriedenkmal in Hamburg gewollt ist. Verbalen Zuspruch, insbesondere von der HafenCity, erleben wir schon jetzt. Aber wir glauben, dass es darüber hinausgehen und handfest werden muss. Hamburg hat die Chance einem seit 30 Jahren bestehenden, seefähigen Zentrum für Live-Musik, Musikkultur und besondere Veranstaltungen eine Perspektive zu bieten. Aus unserer Sicht sollte das sehr im Interesse der Stadt Hamburg als Hafenstadt und Musikmetropole sein, denn die Stubnitz hat als Experimentierort und Kunstprojekt für Kulturarbeit noch viel ungenutztes Potenzial. 

Hannah: An der Stelle muss man vielleicht mal sagen, dass wir uns freuen, mit Senator Brosda in Hamburg einen Kulturverantwortlichen zu haben, dem Musikclubs am Herzen liegen, denn wir unterstützen die Initiative „Clubs are Culture“ im Kampf dafür, dass Clubs endlich als vollwertiger Teil der Kultur anerkannt werden, genau so selbstverständlich wie es bei Opern, Theatern und Konzerthäusern schon lange der Fall ist. 

Die Stubnitz ist seetauglich

Welche Konsequenzen hätte die aktuelle Situation für die Zukunft, wenn nichts passiert?

Hannah: Dann könnten wir nicht mehr so veranstalten, dass wir wirtschaftlich überlebensfähig sind. Das liegt am Nachbarschaftskonflikt und an unserem Liegeplatz, der zu weit ab vom Schuss für die Ausgehgewohnheiten vieler Hamburger:innen ist. Es ist also allen Beteiligten klar, dass etwas passieren muss.

Könntet ihr auch in anderen Städten Kultur anbieten?

Stefan: Die Stubnitz ist seetauglich, das ist auch die Voraussetzung dafür, dass wir so veranstalten können, wie wir es aktuell tun. Wäre die Seetauglichkeit nicht gegeben, würden andere Auflagen greifen. Prinzipiell ist es also möglich, auch in anderen Städten Programm zu machen, zum Beispiel auch als Kulturbotschafterin Hamburgs.

„Es besteht durchaus der Wunsch, noch mal für ein oder mehrere Gastspiele loszufahren.“

Hannah

Sind in Zukunft wieder Fahrten möglich?

Hannah: Die Stubnitz ist seit 2013 nur zum Hafengeburtstag oder zu Unterwasseruntersuchungen gefahren. Große Teile der Crew betreiben und erhalten also ein Schiff, mit dem sie noch nie länger unterwegs waren. Es besteht somit durchaus der Wunsch, noch mal für ein oder mehrere Gastspiele loszufahren. Es erreichen uns auch immer wieder Anfragen aus dem Ausland, spruchreife Pläne gibt es allerdings nicht. Das größte Problem ist natürlich die Finanzierung eines solchen Vorhabens.

„Wir sind stubnifiziert“

Hat sich denn das Konzept von Förder-Patenschaften etabliert?

Stefan: Aktuell gibt es noch zwischen 25–30 monatliche Förderpatenschaften, hinzu kommen ab und an Einzelspender:innen. Darüber sind wir sehr dankbar – shout out an dieser Stelle an alle Unterstützer:innen der Stubnitz, ihr seid super! Allgemein bräuchte es von unserer Seite wohl mehr und beständigere Kommunikation nach außen, wo wieder das Problem der dünnen Personaldecke zu Tage tritt. Da draußen gibt es ja – eigentlich – echt viel finanzielle Mittel: Großspender:innen, Mäzen:innen, Stiftungen oder auch Mittel aus städtischen Kulturgeldern wie sie auch andere Häuser in Hamburg erhalten, könnten ein echter Gamechanger sein und plötzlich Perspektiven eröffnen.

Zum Schluss zum Programm. Welche Highlights sind in den nächsten Monaten geplant?

Stefan: Wir halten nicht viel von Sternschnuppenkultur, die einmal kurz hell leuchtet und dann wieder verschwindet. Gerade Künstler:innen, die neuen Sound aus Nischen- und Nonmainstream-Ecken machen, liegen uns am Herzen. Wir empfehlen: Schaut auf das Menü im Vorverkauf oder auf unserer anachronistischen Homepage. Das, was uns bei allen Rückschlägen immer wieder bei der Stange hält ist die Überzeugung, dass die Akustik und Atmosphäre im Schiffsbauch was Besonderes ist und etwas bei den Menschen auslöst, die sie erleben. Deshalb können wir das nur empfehlen, aber da sind wir natürlich auch stubnifiziert *zwinkersmiley*.

MS Stubnitz
Instagram: @ms.stubnitz


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Erinnerungen bei Sonnenuntergang

Den Sommer über taucht die Video- und Soundinstallation „how to live in the echo of other places“ der Hamburger Künstlerin Annika Kahrs den Schuppen 29 auf dem Baakenhöft in Geschichten und Erinnerungen verschiedenster Menschen – entstanden im Rahmen der 8 Triennale der Photografie strahlt sie noch bis September über das Wasser hinaus bis in die Stadt hinein

Text: Sabine Danek

SZENE HAMBURG: Annika Kahrs, was erwartet einen in der Halle des ehemaligen Speichers?

Annika Kahrs: Im Inneren der Halle kann man eine immersive Soundinstallation erleben. Ich habe für diese Installation mit zehn großartigen Musiker:innen aus Hamburg kooperiert, die alle jeweils ganz unterschiedliche Stücke entwickelt haben. Aus diesen Stücken entstand quasi eine Gesamtkomposition, die nun in der Halle zu hören ist.

Elf Lautsprecher sind dort so verteilt, dass man den einzelnen Stücken im Raum nicht nur akustisch, sondern auch physisch folgen kann. Die Halle ist ja wirklich riesig und wir haben uns ganz bewusst dazu entschieden sie – außer den Lautsprechern – komplett leer zu lassen. Durch den Klang wird man von einer Ecke in die andere gelockt und folgt einem Sound-Parcours, und dabei füllt sich der Raum mit einzelnen Geschichten und Erinnerungen.

Nur Hamburger Musiker:innen und Künstler:innen

Und auch die Außenfassade wird bei der Soundinstallation bespielt, oder?

Dort sieht man einen immer wiederkehrenden projizierten Sonnenuntergang, auf dem Erinnerungen verschiedener Menschen schriftlich manifestiert werden. Mal sind es ganz beiläufige, alltägliche Momente, mal deuten sie sehr komplexe und schwierige Lebensrealitäten an. Allen Erinnerungen liegt zugrunde, dass sie im Moment eines Sonnenuntergangs stattgefunden haben, und doch spielen sie an ganz unterschiedlichen Orten. Der Text wird Wort für Wort innerhalb des projizierten Sonnenuntergangs eingeblendet. Das hat etwas sehr Meditatives. Man braucht also etwas Zeit, um die Geschichten im Kopf bildlich entstehen zu lassen. Aber es ist ja Sommer: Man kann sich also gut mit einem Getränk ans Wasser setzen und den Sonnenuntergängen samt ihren Geschichten bis spät in die Nacht zuschauen.

„Ein immer wiederkehrender projizierter Sonnenuntergang, auf dem Erinnerungen verschiedener Menschen schriftlich manifestiert werden.“

Annika Kahrs

Dazu hört man Stücke von zehn Musiker:innen, darunter Derya Yıldırım und TinTin Patrone …

Mit Musiker:innen wie Derya Yıldırım oder Freja Sandkamm habe ich bereits ein paar Mal zusammengearbeitet. Mit anderen wollte ich schon immer mal etwas zusammen machen, oder sie sind mir im Laufe der Recherche begegnet. Ferdinand Försch, Douniah, Louis d’Heudières, Tam Thi Pham, Jesseline Preach, Nika Son und Carlos Andrés Rico sind die anderen, die dabei sind. Was alle Musiker:innen und Künstler:innen eint ist, dass sie aus Hamburg kommen oder einen Bezug zu Hamburg haben – und dass sie ein wichtiger Teil der musikalischen Lebensrealität der Stadt sind. Für die Soundinstallation haben wir uns alle mit ganz unterschiedlichen Menschen über ihre akustischen Erinnerungen an bestimmte Orte ausgetauscht.

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Annika Kahrs, 38, hat an der HFBK Hamburg studiert, in Los Angeles, Brasilien und Thessaloniki gearbeitet und zeigt mit ihrer Multimedia Installation im ehemaligen Kakaospeicher ihr bisher größtes Projekt (Foto: Helge Mundt)

Ein historischer Ort

Dabei ging es um Melodien oder Sounds, die einen geprägt haben, die man in sich behält und von einem Ort zu dem nächsten mitnimmt. Aus diesen Gesprächen sind einzelne Musikstücke entstanden, die diese Erinnerungen interpretieren. Es geht viel darum, wie uns die akustische Umgebung prägt, welche Rolle dabei Communitys und Familien, oder auch Migrationserfahrungen und Erlebnisse anderer Generationen spielen. Diese Auseinandersetzung ist natürlich besonders interessant an einem Ort, an dem gerade ein neuer Stadtteil entsteht. Und zwar einer, der nicht nach und nach gewachsen ist, sondern von Stadtplanern und Politikern im Ganzen gebaut wurde.

Wie kann man die Geschichte eines Ortes bewahren – kritisch sicht- und hörbar machen – wenn er so stark baulich verändert wird?

Annika Kahrs

Haben Sie sich den ehemaligen Kakaospeicher, der kolonialer Warenumschlagplatz war, für die Soundinstallation selber als Ort ausgesucht?

Vor gut zwei Jahren bin ich mit der Kuratorin Ellen Blumenstein durch die HafenCity gelaufen, um gemeinsam über ein mögliches Projekt nachzudenken. Mit dem Imagine the City entwickelt sie seit fünf Jahren Projekte in der HafenCity. Dabei zeigte sie mir auch den sogenannten Kakaospeicher auf dem Baakenhöft. Vom Ort war ich erst mal intuitiv begeistert, habe von dessen Geschichte aber nicht allzu viel gewusst. Als ehemaliger kolonialer Warenumschlagplatz ist das Baakenhöft aber historisch besonders aufgeladen. Dieser Aspekt wird in einem Stück auch explizit thematisiert, aber die Arbeit stellt den Umgang mit historischen Kontexten auch grundsätzlich infrage: Wie kann man die Geschichte eines Ortes bewahren – kritisch sicht- und hörbar machen – wenn er so stark baulich verändert wird? Es gibt ja in Hamburg viele solcher Orte, an denen man sich genau dies fragen müsste.

„Wir haben alle eine akustische Persönlichkeit“

Musik spielt eine besondere Rolle in Ihren Arbeiten. In der Hamburger Kunsthalle wurde gerade Ihre Arbeit „Infra Voice“ in der Sammlung aufgenommen, in der eine Giraffe den Klängen eines Oktobasses lauscht.

Über Musik und Sound kann ich extrem komplexe Zusammenhänge, Inhalte, Systeme und auch Emotionen beschreiben, die sehr unmittelbar den Betrachter erreichen. Musik als Kommunikationsform, als Element der Übersetzung, spielt für mich eine wichtige Rolle. Gerade über dieses Zeichensystem bestimmte Hörgewohnheiten aufzubrechen oder gegeneinander laufen zu lassen, macht Spaß. Sowieso mag ich das Arbeiten mit Musik oder mit Sound erst mal als solches sehr. Wir verbinden Geschichten, soziale Ereignisse mit dem Hören von bestimmten Geräuschen. Wir alle haben auch eine akustische Persönlichkeit, eine spezielle Art, wie wir Geräusche über unsere Handlungen produzieren und darüber Informationen herausgeben.

„How to live in the echo of other places“ von Annika Kahrs, produziert von Imagine The City, ist vom 1. Juni bis zum 4. September am Schuppen 29 auf dem Baakenhöft zu sehen.
Öffnungszeiten: Donnerstags und Freitags von 17 bis 20 Uhr und Samstags und Sonntags von 14 bis 20 Uhr.


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Der Elbtower – ein Kommentar

Hamburg ist bisher eine Millionenstadt ohne Wolkenkratzer. Das soll sich jetzt ändern. Vor wenigen Tagen gab es die Baugenehmigung für den Elbtower, ein Hochhaus mit einem fatalen Symbolcharakter – ein Kommentar

Kommentar: Felix Willeke

Hamburg ist die Stadt der ehrbaren Kaufleute. Eine Stadt mit vielen ungeschriebenen Regeln und Gesetzen. Eine davon besagt, dass in der Innenstadt nichts höher gebaut werden darf als der Michel (132 Meter). Daher gibt es in der Umgebung auch nur drei höhere Gebäude: Die Petrikirche, die Ruine der St. Nikolai Kirche und den Fernsehturm. Sogar die Elbphilharmonie und das Rathaus überragen die Hauptkirchen nicht. Mit diesem Grundsatz soll nun gebrochen werden: Am Eingang zur Innenstadt an den Elbbrücken soll der Elbtower entstehen. Ein Wolkenkratzer mit 245 Metern Höhe und geplanten Baukosten von mehr als 700 Millionen Euro. Die Planung steht, die Baugenehmigung wurde in Windeseile erteilt und dem Großprojekt HafenCity kann ein standesgemäßes Finale gebaut werden, könnte man meinen.

Ein seelenloser Büroturm

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Der Elbtower: Ein Wolkenkratzer voller Büros (Foto: SIGNA Real Estate)

Zwar geht der Trend in Millionenstädten wie Hamburg immer mehr dahin in die Höhe zu bauen. Denn: Wohnraum ist knapp. Doch im Elbtower wird es keinen Zentimeter Wohnraum geben. An einem Standort, an den sich die meisten Hamburger:innen bisher verirrt haben, um die neue U- und S-Bahn-Haltestelle Elbbrücken zu bewundern, soll ein Büroturm (mit Hotel, Gastronomie und Einzelhandel) entstehen. Erst im November 2021 hatte der NDR berichtet, dass der Büro-Leerstand in Hamburg steigt und sich Arbeitsplätze ins Homeoffice und an den Stadtrand verlagern. Doch die Stadt hält eisern an dem Projekt fest und will „einen Ort schaffen, der die gesamte Gesellschaft anspricht und miteinander verbindet“, so der Vorstand des Bauherrn, der Signa Prime Selection AG, bei der Vorstellung des Projekts. An den Elbbrücken soll der Süden mit dem Norden der Stadt verbunden werden – der viel zitierte „Sprung über die Elbe“. Doch dafür hätte man auch die 2004 von Dieter Becken und Hadi Teherani erdachte „Living Bridge“ bauen können und keinen seelenlosen Büroturm, der vielleicht hübsch aussieht und für das gemeine Volk eine Aussichtsplattform zu bieten hat.

Alles andere ist Disneyland

Neben seiner „verbindenden“ Wirkung soll der Elbtower mit „internationalen Ausstellungen, Konzerten und Events die Kultur- und Kunstszene der Stadt mitprägen.“ Also eine Art Elbphilharmonie-Plus? Das ist schlichtweg eine Verkaufsmasche und wird so nicht funktionieren. Ein Büroturm für 700 Millionen Euro prägt nur eins: den Geldbeutel der Kapitalanleger:innen. Wenn der Turm 2026 fertig sein sollte, ist er nicht mehr als 65 Stockwerke gestapeltes Geld. Der Architekturkritiker Gert Kähler schrieb in einem Gastbeitrag im Hamburger Abendblatt: Dieser Turm ist eine „Hülle mit der einzigen Botschaft, dass privates Kapital stadtbildprägende Dominanz hat. Das ist überflüssig. Denn was uns die mittelalterliche Stadt lehrt, die wir doch so sehr lieben, ist, dass wir ihre Silhouette bewahren wollen. Alles andere ist Disneyland.“


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Entdecken & Kaufen: Die INCorporating art fair!

Vom 26. bis 29. August 2021 findet im Oberhafenquartier Hamburgs neuste Kunstmesse statt

Text: Felix Willeke

 

Begeistern, entdecken, fördern, informieren, motivieren: Darum geht’s bei der neuen Hamburger Kunstmesse „INCorporating art fair!“, die vom 26. bis 29. August 2021 im Oberhafenquartier stattfindet. „Kunst darf gefallen und Kunst darf gekauft werden“, sagt Veranstalter Raiko Schwalbe.

Die Messe spricht dabei ein möglichst breites Publikum an, denn das „erklärte Ziel ist, der lokalen professionellen Kunstszene einen Raum zur Präsentation gegenüber einer breiten Öffentlichkeit zu ermöglichen. Gerade in der aktuellen Zeit, in der Kunst- und Kulturschaffende vermehrt um ihre Existenz kämpfen, möchten wir unseren Beitrag leisten und ausgewählten Projekten und Künstlerinnen und Künstlern eine kostenlose Plattform bieten“, so Schwalbe weiter. Das heißt, bei der „INCorporating art fair!“ stehen ein Viertel der Ausstellungsfläche bestimmten Projekten kostenlos zur Verfügung. Darunter sind die L’apotheque aus St. Pauli und das Projekt „Millerntor Gallery“.

 

Absprung von Martina Hamrik; Foto: INCorporating art fair!

Absprung von Martina Hamrik; Foto: INCorporating art fair!

Schwerpunkte und eine Perspektive

 

Darüber hinaus setzt die Messe Schwerpunkte, etwa mit einer Sonderausstellung zum Thema Textilkunst, „Frauen in der Kunst“ – in Kooperation mit „Viva con Agua ARTS“ – und der Konkreten Kunst, vertreten durch die „chiemgau galerie augustin“.

Zudem beschäftigt sich die „INCorporating art fair!“ mit neuen Trends auf dem Kunstmarkt, um sich damit bis 2025 zur innovativsten Plattform für zeitgenössische Kunst in Norddeutschland zu entwickeln.

INCorporating art fair!: 26.–29.8., Oberhafenquartier Hamburg


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2021. Das Magazin ist seit dem 29. Juli 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Nachhaltige Bauprojekte: Die neue Holzklasse

Zwischen HafenCity und Elbbrücken entsteht ein Wolkenkratzer aus Holz. Nicht das einzige nachhaltige Bauprojekt in Hamburg, das sich Klimaneutralität bis 2050 verordnet hat. Der Nutzung von Solarenergie kommt eine Schlüsselrolle zu

Text: Andreas Daebeler

 

Ein Wolkenkratzer aus Holz Mitten in Hamburg. Das ist kein Traum eines Waldschrats. Das nennt sich „Roots“. Und ist womöglich die Zukunft des nachhaltigen Bauens. Sa- gen jedenfalls Architekten wie Jan Störmer, der das „Roots“ entworfen hat. Ein 18-stöckiges Holzhaus, das zwischen Elbbrücken und HafenCity hochgezogen wird. 140 Millionen Euro werden investiert. Nach der für 2023 geplanten Fertigstellung soll das Gebäude für Hunderte Menschen zum Zuhause werden und etlichen Unternehmen Platz bieten. Grandioser Ausblick inklusive.

Elbside: 2023 will Vattenfall die neue Zentrale in der HafenCity; Foto: EDGE

Elbside: 2023 will Vattenfall die neue Zentrale in der HafenCity; Foto: EDGE

„,Roots‘ steht für unsere Vision, die Stadt mit dem Baustoff Holz klimaneutral nachzuverdichten“, sagt Fabian von Köppen, Geschäftsführer der für das Projekt verantwortlichen Garbe Immobilien-Projekte GmbH.

Insgesamt werden für das 65 Meter hohe „Roots“ rund 5.500 Kubikmeter Nadelholz verbaut. Ein Weltrekord, wenn es um Häuser geht. Gearbeitet wird mit kompakten Fertigteilen. Damit trage diese Bauweise nicht nur zur Reduktion des CO2 -Fußabdrucks bei, sondern begrenze auch Lärmemissionen bei der Umsetzung, so von Köppen anlässlich des Baustarts Ende 2020. „Wir möchten mit der Holzhaus-Entwicklung für die Branche vorangehen und es in zehn Jahren gemeinsam geschafft haben, dass diese Art zu bauen kein Novum mehr ist.“

 

Holz speichert CO2, bei der Herstellung von Zement entsteht Treibhausgas

 

In Sachen Ökobilanz ist die Sache klar: Der nachwachsende Rohstoff Holz speichert CO2 . Bei der Herstellung von Zement hingegen entstehen rund acht Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emissionen. Außerdem wird dafür Sand im großen Stil benötigt. Dessen Abbau gefährdet vielerorts das Ökosystem. Die nahe liegende Vermutung, dass Holzhäuser gefährlicher sind, wenn es brennt, ist übrigens falsch. Vielmehr können dicke Holzbalken bei einem Brand sogar länger stabil bleiben als etwa Stahlträger. Als problematisch gilt eher mangelnder Schallschutz. Zudem ist es immer noch teurer, mit Holz zu bauen. Und es muss sehr genau geplant werden, Änderungen erst während der Bauphase sind schwierig.

„Technisch betrachtet gehört der Holzbau in diesen Dimensionen zur Königsklasse in der Projektentwicklung“, sagt „Roots“-Projektleiter Georg Nunnemann. Es gehe darum, der Natur wieder einen größeren Raum in unseren Städten zu geben. Das geschieht in Hamburg auch andernorts. Etwa an der Daimlerstraße in Bahrenfeld, wo in einem sechsgeschossigen Hybridbau ebenfalls viel Holz zum Einsatz kommt. Das Unternehmen Vattenfall baut in der HafenCity seine neue Konzernzentrale. Auf 21.800 Quadratmetern Nutzfläche werden ab spätestens 2023 so um die 1.200 Mitarbeiter arbeiten. Das 15-geschossige Gebäude entsteht ebenfalls in Holzhybridbauweise.

 

Preisverdächtige Module werden wie Legosteine aufeinandergestapelt

 

Aus Holzmodulen wie ein Legohaus gebaut: Dafür wurde das „Woodie“ mit dem Immobilien-Oscar ausgezeichnet; Foto: Jan Bitter

Aus Holzmodulen wie ein Legohaus gebaut: Dafür wurde das „Woodie“ mit dem Immobilien-Oscar ausgezeichnet; Foto: Jan Bitter

Das weitgehend aus Holz errichtete Studentenwohnheim „Woodie“ in Wilhelmsburg gewann 2019 den Mipim Award, der als „Immobilien-Oscar“ gilt. Das siebengeschossige Gebäude wurde aus 371 Holzmodulen errichtet, die wie Legosteine aufeinandergestapelt wurden. Auch bei den Planungen für einen neuen Stadtteil auf dem Grasbrook spielt der Baustoff aus den Nutzwäldern eine wichtige Rolle. Im Koalitionsvertrag haben SPD und Grüne nachhaltiges Bauen als Ziel festgeschrieben. Bei jedem Projekt wird hinterfragt, wie Klima und Ressourcen bestmöglich geschont werden können. Das ist auch ein Ansatz, der verfolgt wird, wenn es um neue Wohnviertel geht.

Die konnten früher so richtig öde sein, mit grauem Waschbeton, winzigen Grünflächen und vor jeder Tür drei Autos. Doch Hamburg steuert um. An viele Orten im Stadtgebiet entstehen Gegenentwürfe zu Bausünden früherer Jahrzehnte. Eine wichtige Grundlage bietet das Klimaschutzgesetz, das erst Ende 2020 vom Senat noch einmal nachgeschärft wurde. Etwa wenn es um Energiegewinnung geht. Beispiel: 2023 bereits müssen auf sämtlichen Neubauten Photovoltaikanlagen zur Stromproduktion installiert werden. Der Senat erhofft sich eine Einsparung von 60.000 Tonnen CO2 bis zum Jahr 2030.

 

2026 ist für den Energieträger Heizöl Schluss

 

Und das Gesetz schreibt trotz anhaltender Proteste aus der Wohnungswirtschaft noch mehr vor. Wenn Heizungen ausgetauscht werden, müssen 15 Prozent des Energiebedarfs aus erneuerbaren Quellen stammen. Ölheizungen im Neubau sollen ab 2022 nicht mehr zulässig sein, beim Austausch bestehender Anlagen ist für den Energieträger Heizöl ab 2026 Schluss. Gebäude der öffentlichen Hand sollen in vorbildhafter Weise energieeffizient errichtet und saniert werden. „Bis spätestens 2050 soll Hamburg klimaneutral werden. Bis dahin ist es ein weiter Weg und die Herausforderungen sind groß. Aber wir gehen jetzt voran“, so Umweltsenator Jens Kerstan anlässlich der Fortschreibung des Klimaplans. Doch geht’s um Nachhaltigkeit, sind nicht nur ökologische Aspekte von Bedeutung. Vielmehr ist auch das soziale Miteinander einer der Pfeiler zukunftsorientierter Planung.

 

Soziale Nachhaltigkeit in Quartieren wird immer wichtiger

 

Zum Beispiel im Pergolenviertel, das in den vergangenen Jahren an der Grenze von Winterhude und Barmbek gewachsen ist. Dort gibt es Arkadengänge, lichtdurchflutete Innenhöfe und jede Menge Grün. Beteiligung der Bürger war von Anfang Kernthema. Sieben Hektar des Per- golenviertels hatten die Architekten für Parkflächen, Spiel- und Bolzplätze reserviert. Der Bestand an größeren Laubbäumen blieb weitgehend erhalten. Im Quartier gibt es Wohngruppen für Senioren und Menschen mit Behinderung. Sozialprojekte haben eine Heimat gefunden.

Arkadengänge, lichtdurchflutete Innenhöfe und viel Grün: Pergolenviertel; Foto: Bezirksamt Hamburg-Nord

Arkadengänge, lichtdurchflutete Innenhöfe und viel Grün: Pergolenviertel; Foto: Bezirksamt Hamburg-Nord

Die Planer verfolgten das Ziel, dass viele der 4.000 Bewohner auf ein Auto verzichten. Das Areal hat bundesweiten Modellcharakter für den Radverkehr. Vier Millionen Euro steuerte der Bund bei. „Klimaschutz durch Radverkehr“ nennt sich das Förderprogramm, das darauf setzt, in Stadtteilzentren die Lebensqualität zu verbessern und Luftverpestung einzudämmen. Auch Altonas Neue Mitte ist autoarm geplant worden. Öko-Standards haben beim Bau der Häuser eine wichtige Rolle gespielt. Allerdings gibt es auch Kritiker, die darauf hinweisen, dass der Baustoff Holz kaum eine Rolle gespielt hat. Und dass viel zu eng und lieblos geplant wurde.

Nachhaltige Stadtentwicklung muss neben den Baustoffen, die genutzt werden, viele weitere Faktoren berücksichtigen. Bezahlbarer Wohnraum ist ebenso von Bedeutung wie Diversität und Projekte, die ein Miteinander fördern. Grün und sozial soll es sein. Lärm soll vermieden werden, Teilhabe ermöglicht und ein Zusammenspiel von anspruchsvoller Architektur und energetischer Bauweise gewährleistet werden. Neue Projekte stehen bereits in den Startlöchern. Etwa im Stadtteil Groß Borstel. Dort soll auf einer Fläche von 60.000 Quadratmetern der sogenannte Petersen Park entstehen, ein Quartier mit 330 Wohnungen. Zwischen den Häusern sollen parkähnliche Grünzonen entstehen, auch die Dächer sollen begrünt werden.

Doch zurück zum gigantischen Holzhaus nahe der HafenCity. Ins „Roots“ werden nicht nur Mieter und Firmen einziehen. Sondern auch eine Ausstellung, die den ökologischen Anspruch des Projekts unterstreichen soll, wird dort eine Heimat finden. Die Deutsche Wildtier Stiftung wird Besuchern einen Einblick in die Themenfelder Natur und Artenschutz bieten. Ein Signal der Bauherren. Mehr sicher nicht. Aber vielleicht ist es ein nachhaltiges.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2021. Das Magazin ist seit dem 29. Juli 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Wohnungsbau in Hamburg: „Jedes Jahr eine neue Kleinstadt“

Die steigenden Mietpreise sind – neben Covid-19 und dem Klimawandel – das brennende Thema der Stadt. Wir sprachen mit der Stadtsoziologin Prof. Dr. Ingrid Breckner über die bisherige Entwicklung, Erfolge und Misserfolge und die Schwierigkeit, Bauen und Nachhaltigkeit unter einen Hut zu bekommen

Interview: Marco Arellano Gomes

 

 

SZENE HAMBURG: Frau Prof. Dr. Ingrid Breckner, wann haben Sie zuletzt in Hamburg eine Wohnung gesucht?

Prof. Dr. Ingrid Breckner: Das ist schon lange her. Das war, als ich nach Hamburg zog, also im Jahr 1995.

Da sahen die Preise fürs Wohnen wahrscheinlich anders aus, oder?

Ja, aber es war schon damals nicht einfach, eine Wohnung zu finden. Der Wohnungsmarkt war angespannt. Ich bin dann durch Freunde und Zufall an meine erste Hamburger Wohnung gekommen.

Die Miet- und Kaufpreise steigen in Hamburg seit Jahren. Von 1999 bis 2019 sind die durchschnittlichen Nettokaltmieten von 5,70 Euro/m² auf 8,66 Euro/m² gestiegen. Bei Neuvermietungen sind es 13,40 Euro/m². Ist Wohnen ein Luxusgut geworden?Lukas, Gratulation zu zwei Silbernägeln und einem Bronzenagel. Mit welcher Idee hast du abgeräumt?

Es gibt im Bereich der mittleren Einkommen viele Menschen, die die gestiegenen Wohnkosten in der Stadt nicht mehr bezahlen können oder bei denen die Mietbelastung 40 bis 50 Prozent des Einkommens ausmacht. Eigentlich gelten 30 Prozent des Einkommens als verträgliche Mietbelastung.

Warum ist das Wohnen in den Städten so teuer geworden?

Das hat mehrere Ursachen. Ein zentraler Punkt ist die Verknappung des Bodens und die damit einhergehenden Steigerungen der Bodenpreise. Die machen einen hohen Anteil der Kosten beim Wohnungsbau aus. Ein weiterer Grund ist, dass Investitionen in Immobilien spätestens seit der Finanzkrise als lukrativ angesehen werden, um Vermögenswerte aufzubauen. Ein dritter Grund für die Anspannung im preisgünstigeren Segment ist der Rückgang des Anteils von Sozialwohnungen, infolge geringen Neubaus und auslaufender Belegungsbindungen binnen 15 bis 30 Jahren. Hamburg hatte mal 40 Prozent Sozialwohnungen. Heute sind wir bei knapp über zehn Prozent. Dabei ist ein großer Prozentsatz der städtischen Bevölkerung darauf angewiesen.

Wie viele Menschen betrifft das in Hamburg?

In Hamburg haben etwa 50 Prozent der Einwohner einen Anspruch auf eine Sozialwohnung.

Ist das für eine wohlhabende Stadt nicht ein Armutszeugnis?

Die Entwicklungen der Löhne und Wohnkosten laufen seit Jahren auseinander. Dadurch rutschen viele in die Kategorie hinein, in der man einen Wohnberechtigungsschein bekommen kann.

 

Politische Maßnahmen

 

Über das „Bündnis für das Wohnen“ ist es in Hamburg zumindest gelungen, knapp 10.000 Baugenehmigungen pro Jahr zu erteilen. Ein zentrales Element hierbei ist der sogenannte Drittelmix. Reicht das, um die Entwicklung zu korrigieren?

Das dürfte wahrscheinlich nicht reichen. In einzelnen Projekten wird der Drittelmix daher auch nicht mehr angestrebt, sondern ein Halbmix von bis zu 50 Prozent.

Ist das „Bündnis für das Wohnen“ ein Erfolg?

Es ist eine Strategie, die das Bundesland Hamburg mit privaten Bauherren, Genossenschaften und Mietervereinen verfolgt, um die ehrgeizigen Ziele im Wohnungsneubau zu erreichen. Die Stadt alleine würde es sicher nicht schaffen, weil sie dann eigene Wohnungsunternehmen aufbauen müsste, die sie überhaupt nicht hat. Insofern ist die Stadt darauf angewiesen, Kompromisse auszuhandeln.

Tatsächlich wurden seit dem Jahr 2011 etwas mehr als die Hälfte der genehmigten Wohneinheiten fertiggestellt. Ist das Bündnis eine Mogelpackung?

Das mag auf dem ersten Blick so aussehen, aber die baurechtliche Feststellung und Genehmigung ist nur ein Aspekt beim Wohnungsbau, ein anderer ist der Bau selbst. Der hängt von vielen weiteren Faktoren ab. In der jüngeren Vergangenheit waren das Lieferengpässe durch Corona, Holzknappheit sowie gestiegene Bodenpreise. Da kann es passieren, dass ein Bauherr sagt: „Ich warte noch ein bisschen, bis sich die Situation beruhigt, um nicht teurer bauen und entsprechend mehr Miete verlangen zu müssen.“

Was kann Hamburg noch tun, um der Mietpreisentwicklung entgegenzuwirken?

Es gibt die Möglichkeit des Vorkaufsrechts. Dieses können Städte vor allem in sozialen Erhaltungsgebieten wahrnehmen, in Hamburg gibt es 16 davon. Das Problem mit dem Vorkaufsrecht ist bloß, dass die Städte nicht genug Geld haben, um dieses in großem Maßstab wahrzunehmen. Und es stellt sich die Frage, ob man bei den derzeit überhöhten Preisen Vorkaufsrechte überhaupt wahrnehmen sollte. Man setzt hier immerhin Steuergelder ein – und befeuert im ungünstigsten Fall zusätzlich die Preisentwicklung.

Klingt nach einem Teufelskreis. Was kann noch getan werden?

Alle Formen, die Wohnfläche zu reduzieren, helfen natürlich auch. Es gibt zunehmend neue Gemeinschaftswohnformen, die weniger Platz brauchen. Da hat dann nicht jeder ein privates Gästezimmer, sondern es gibt ein gemeinschaftliches.

Up in the air: In Hamburg dürfte in Zukunft mehr in die Höhe gebaut werden, wie hier in der östlichen HafenCity; Illustration: Hosoya Schaefer/Chipperfield

Up in the air: In Hamburg dürfte in Zukunft mehr in die Höhe gebaut werden, wie hier in der östlichen HafenCity; Illustration: Hosoya Schaefer/Chipperfield

Wie sieht es denn mit dem Mietpreisdeckel aus?

Der Mietpreisdeckel ist in Berlin gescheitert, weil das Land diesen eingeführt hat. Laut Verfassungsgericht darf dies aber nicht auf Landesebene beschlossen werden, sondern nur auf Bundesebene. Es bräuchte also einen bundesweiten Mietendeckel. Nachdem wir gesehen haben, wie schwer in der Pandemie einheitliche Entscheidungen auf Bundesebene zu treffen waren, befürchte ich, dass eine solche bundeseinheitliche Regelung so schnell nicht zustande kommt.

Wie steht es zumindest um die Mietpreisbremse?

Die Mietpreisbremse hat sich als nicht sonderlich schlagkräftig erwiesen, weil es zu viele Schlupflöcher gibt, um sie zu umgehen. Da müsste man nachjustieren, aber das ist wohl politisch nicht mehrheitsfähig.

Was ist mit Enteignungen?

An Enteignungen stellt das Grundgesetz sehr hohe Anforderungen. Ich bezweifle auch, dass Enteignungen bei großen Wohnungseigentümern durchsetzbar sind. Die Initiativen betonen ja ausdrücklich, dass sie keine generelle Enteignung wollen, sondern nur partielle – speziell im Falle der großen, spekulativen Wohnungsunternehmen. Aber auch da muss der Staat sehr genau nachweisen, warum eine Enteignung denkbar und möglich ist. Ich halte das für kein geeignetes Instrument.

 

Der Markt

 

Nun wollen zwei große Immobilienunternehmen, Vonovia und Deutsche Wohnen, fusionieren.

Da sieht man, wie hart bereits darum gekämpft wird, wer im Wohnungsmarkt die Oberhand hat. Auf der einen Seite private Immobilienbesitzer und auf der anderen Seite kommunale, föderale und nationale Institutionen.

Der Immobilienmarkt ist nicht gerade ein Musterbeispiel für Transparenz, oder?

Es gibt tatsächlich ein Defizit in der Transparenz über den Bodenbesitz. Die Stadt weiß zwar durch ihr Grundstückskataster sehr wohl, wer die Eigentümer sind. Diese Informationen sind allerdings nicht öffentlich zugänglich. Niemand will die Immobilienbesitzer in die Hände von Protestgruppen liefern. Hierbei spielt auch der Datenschutz eine Rolle. Das ist eine Abwägung zwischen dem Schutzbedürfnis von Eigentümern und dem öffentlichen Informationsbedürfnis.

In Hamburg gibt es etwa 720.000 Wohnungen, davon sind 440.000 in Privatbesitz, 130.000 in städtischer Hand und ebenfalls um die 130.000 gehören Baugenossenschaften. Der Großteil also ist in Privatbesitz. Liegt da das Problem?

Grundsätzlich spricht nichts gegen einen hohen Prozentsatz privaten Wohnungseigentums, nur gibt es unterschiedliche Qualitäten von privat. Es gibt diejenigen, die eine Immobilie gekauft haben, um von den Mieteinnahmen zu leben und sich für das Haus verantwortlich fühlen. Und es gibt auf der anderen Seite des Spektrums Investoren, die eher aus Spekulationsgründen Immobilien erwerben, um bei einem Wiederverkauf gute Renditen zu erzielen.

Wie kann man Letzteres unterbinden oder zumindest reduzieren?

Die Politik geht zunehmend dazu über, Erbbaurechte zu vergeben, also städtischen Boden zu verpachten, statt zu verkaufen. Das ist sinnvoll, denn wenn Städte ihren Boden verkaufen, haben sie keine Interventionsmöglichkeit mehr. Das hat man beispielsweise im Gängeviertel gesehen, wo ein internationaler Investor das Objekt gekauft hat und dann sechs Jahre lang nichts unternahm. Erst nach der künstlerischen Besetzung hat sich die Stadt dazu bereit erklärt, das Grundstück zurückzukaufen.

 

Gute Beispiele und Möglichkeiten

 

Gibt es Städte, die Hamburg als Vorbild dienen können?

Wien wird gern genannt. Dort wurde in den vergangenen 100 Jahren der größte durch die Kommune steuerbare Bestand an Wohnimmobilien aufgebaut. Diese Immobilien sind nicht alle im Eigentum des Landes und der Stadt Wien, sondern auch von Bauträgern, die die Wohnungspolitik des Landes Wien mittragen.

Hat Hamburg diese Steuerungsmöglichkeit nicht in Bezug auf die SAGA?

Es ist ein Glück, dass die SAGA nicht verkauft worden ist. Das stand ja schon mal zur Debatte. Im Unterschied zu vielen anderen Städten, die ihren kommunalen Wohnungsbestand veräußert haben, um Schulden zu tilgen, wie beispielsweise Dresden oder Berlin, hat Hamburg rechtzeitig die Bremse gezogen. München kauft inzwischen wieder Wohnungen zu hohen Preisen zurück.

Ziemlich beliebt bei Mietern sind Genossenschaften, weil die Mieten dort vergleichsweise moderat steigen. Wie schaffen die das?

Genossenschaften planen von vornherein für den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes und kümmern sich um die notwendigen Instandhaltungsmaßnahmen. Das führt dazu, dass ein Gebäude eine hohe Lebensdauer erreicht. Genossenschaften entstanden vor allem im Kaiserreich als kollektive Nothilfeeinrichtung, als der Wohnraum knapp war und der Zuzug in die Städte zunahm.

Das erinnert doch stark an die gegenwärtige Situation?!

Es gab in den vergangenen Jahren in der Tat einen sehr starken Zuzug in Städte, wodurch Angebot und Nachfrage im Wohnungsmarkt ganz klar aus dem Gleichgewicht kamen. Bis 2019 wuchs Hamburg jährlich um 20.000 Menschen. Das ist jedes Jahr eine neue Kleinstadt.

Wenn es in Hamburg einen Zuzug von 20.000 Menschen gibt, dann reichen doch weder die Genehmigung von 10.000 noch der tatsächliche Bau von etwa 5.000 Wohneinheiten aus.

Der Zuzug ist in den letzten beiden Jahren zumindest etwas zurückgegangen. Das kann aber auch mit Corona zusammenhängen. Dadurch, dass so viel Wohnungsbestand im bezahlbaren Segment fehlt, denke ich, dass man da mit Sicherheit nachlegen muss. Das hängt aber von vielen weiteren Faktoren ab, wie den Wanderungsbewegungen, der wirtschaftlichen Entwicklung, den Alters- und Haushaltstrukturen.

Hamburg gilt als Single-Hauptstadt. Welche Rolle spielt das bei den Mietpreisen?

Das spielt durchaus eine Rolle. Wenn immer mehr Menschen alleine in einer Wohnung leben, dann wird mehr Wohnraum pro Person verbraucht, weil jeder nun mal ein Badezimmer, eine Küche und einen Schlafraum hat. Das Single-Dasein betrifft in Hamburg immerhin 50 Prozent aller Haushalte, wobei nicht alle Singles alleine wohnen.

 

Modernisierung und Verdrängung

 

Über einen wichtigen Aspekt haben wir noch nicht gesprochen: Modernisierungen. Es ist vielen unbegreiflich, wie man zulassen konnte, dass Vermieter sich die hohen Investitionen zu großen Teilen mit Steuergeldern fördern lassen und im Anschluss acht Prozent der entstandenen Kosten auf die Miete aufschlagen – und zwar ohne zeitliches Limit. Wer hat sich denn solchen Irrsinn ausgedacht?

Das ist schon ein Stück weit verrückt. Eigentlich rechnet man ja damit, dass pro Jahr mindestens fünf Prozent der Mieteinnahmen für Instandhaltung aufgewendet beziehungsweise angespart werden. Viele Immobilienbesitzer blieben aber lange Zeit untätig oder kauften mit den Ersparnissen weitere Immobilien, die ebenfalls nicht modernisiert wurden. Als dann genug Anreize da waren, schlugen sie alle zu, brachten die Wohngebäude auf den aktuellen Standard – mit entsprechend hohen Modernisierungskosten und -forderungen. Eigentlich hätte man die Summe der unterlassenen Instandhaltung von den Modernisierungskosten abziehen müssen. Dem Mieter hätte auch nur der Anteil berechnet werden dürfen, der tatsächlich eine Verbesserung darstellt…

… stattdessen fühlen sich die betroffenen Mieter verzweifelt. Ältere Menschen sehen sich gezwungen, an den Rand der Stadt ziehen.

Ja, für diese Menschen bedeutet das den Verlust ihres Zuhauses, ihres Freundeskreises, ihres vertrauten Wohnumfeldes. Die müssen sich komplett neu orientieren. Das ist eine große Belastung.

Durch den „Vertrag für Hamburgs Stadtgrün“ verpflichtet sich der Senat, die Grünflächen der Stadt beim Wohnungsbau stärker zu schützen. Erschwert das nicht den Wohnungsbau?

Als der Naturschutzbund (NABU) diese Idee erstmals vorbrachte, empfand ich es als absurde Konfrontationsstellung. Die Verhandlungen sind aber ein wichtiger Schritt, um Wohnen und Umwelt gemeinsam zu denken. Es hat ja niemand etwas davon, wenn man eine Wohnung hat, aber keine saubere Luft atmen kann.

 

Nachverdichtung

 

Nicht wenige sehen Nachverdichtungen kritisch. Wie sehen Sie das?

Die entscheidende Frage ist, wie nachverdichtet wird. In welchen Gebieten? Auf welche Weise? Und in welchem Ausmaß? Hamburg hat viele Einfamilienhaus-Gebiete. Das sind Flächenfresser. Je nachdem wie die Grundsteuerbemessungen ausfallen, werden einige überlegen, ob man nicht zwei oder dreigeschossig bauen kann. An den Magistralen und am Hafen gibt es viele unterausgenutzte Grundstücke. Viele Gebäude in der Stadt wird man auch abreißen müssen. Es gibt also noch Möglichkeiten zum Wohnungsbau.

Was halten Sie von der Idee, in die Höhe zu bauen?

Im verdichteten städtischen Raum scheint es mir nicht verkehrt, zumindest in Richtung vier bis sechs Stockwerke zu denken. Das ist ja in Stadtteilen wie Eimsbüttel längst üblich – und schlecht wohnt man da ja nicht. Das muss man von Ort zu Ort diskutieren: An welcher Stelle sind welche Höhen möglich und passend? Wie wirkt sich das auf die Umgebung aus?

Ist eine Nachverdichtung angesichts der Pandemie nicht ohnehin fragwürdig?

Da müsste man sich anschauen, welche Möglichkeiten man hat, in Zukunft darauf zu reagieren. Als wir Professoren Studierende in einer Lehrveranstaltung fragten, wie sie mit dem Home-Learning zurechtkommen, haben sie geantwortet: „Sie haben wahrscheinlich einen Balkon! Wir sitzen in unserem 20-QuadratmeterZimmer und müssen darin kochen, arbeiten, essen und schlafen.“

Und haben Sie einen Balkon?

Ich habe einen Balkon, ja. (lacht)


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2021. Das Magazin ist seit dem 29. Juli 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Christoph: „Das Angeln eint uns Drei“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Christoph begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Wenn ich zu dieser Jahreszeit abends durchgefroren nach Hause komme, ordentlich geschafft, aber zufrieden, weil ich was Schönes mitbringe, dann war es das mal wieder wert, stundenlang am Wasser zu stehen. Die meisten Fische, die man hier aus dem Hafenbecken holt, sind gesund. So einen schönen Zander kann man richtig gut verwerten. Der wird dann geschuppt, auf Haut gebraten, dazu gibt’s Kartoffelpüree, meine Frau macht leckeren Sauerkraut – wunderbar!

Es gibt aber auch Tage wie heute. Da stehe ich seit zehn Uhr hier und es hat noch kein Fisch angebissen.

Mein Vater hat mich als kleinen Jungen im Masuren-Urlaub zum Angeln gebracht. Als Jugendlicher habe ich es dann sein lassen, weil ich eher den Mädchen als den Fischen hinterhergelaufen bin. Als ich dann selbst Vater wurde und mein Sohn mit vier Jahren plötzlich meinte, er wolle angeln, ging es wieder los. Seitdem ist das eine Art Familien-Event bei uns. Da vorne steht meine Frau, sie hat vor ein paar Jahren ihren Angelschein gemacht.

Für mich ist Angeln ein aktives Warten. Werfen, Beobachten, Köder heraussuchen, Methoden ausprobieren. Langweilig wird es nie. Ich stehe beim Angeln dauerhaft unter Anspannung. Meist sind es Bruchteile von Sekunden, in denen der Fisch anbeißt und wenn man da nicht reagiert, ist er wieder weg.

Ein schöner Effekt dabei ist, dass man sehr bei sich ist. Ich gehe oft mit meiner Frau angeln. Da wird nicht viel geredet, wir sind quasi getrennte Leute, jeder ist konzentriert hinter seinem Fisch her.

 

Petri Heil!

 

Wir haben uns 1997 kennengelernt. Sie hatte eine Anzeige in der Szene gesetzt, die ich lustig fand. Sie war in Reimen verfasst, ich habe mit Reimen geantwortet, das hat ihr gefallen. Es hat dann noch gut ein Jahr gedauert, bis wir zusammengekommen sind. Heute ist unser Sohn 14 Jahre alt. Und das Angeln eint uns drei seit jeher.

Beruflich bin ich in der Elektrotechnik unterwegs und muss Kraftwerke auf der ganzen Welt besuchen, bin für die Steuerung und Reglungstechnik verantwortlich. Das kann hin und wieder sehr stressig sein, denn durch so einen Kraftwerk-Schornstein wird ziemlich viel Geld gepumpt. Daher ist das Angeln ein schöner Ausgleich. Man braucht ein Hobby, wenn man 40 ist. Gerade, wenn man Familie hat und viel arbeitet. Kann man das Hobby dann auch noch mit der ganzen Familie ausleben, hat man gewonnen. In diesem Sinne: Petri Heil!“


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Meßmer Momentum: Teehaus muss schließen

Das beliebte Tee-Erlebniszentrum in der HafenCity stellt seinen Betrieb bis Ende März 2021 ein. Der Grund für die Schließung sind die anhaltenden Einschränkungen durch die Corona-Maßnahmen.

Der Betreiber des Meßmer Momentum, die Laurens Spethmann Holding, erklärte die Schließung damit, dass das Teehaus aufgrund der erneuten Einstellung des Betriebes im Lockdown light und absehbarer auch längerfristiger Auswirkungen wirtschaftlich nicht mehr tragbar sei.

„Mit großem Bedauern haben wir uns dazu entschieden, das Meßmer Momentum bis Ende März 2021 zu schließen“, so das Unternehmen in einem Statement im Hamburger Abendblatt. Den 21 Beschäftigen des beliebten Teehauses, die sich bereits in Kurzarbeit befinden, steht damit die Kündigung bevor.

 

Aus für das beliebte Tee-Erlebniszentrum in der HafenCity

 

Das Meßmer Momentum bestand elf Jahre lang als Tee-Erlebniszentrum am Kaiserkai in der HafenCity. Zu den über 250 Teesorten konnten hier auch Kuchen, Sandwiches und Gebäck verköstigt werden. Außerdem gehörten Tee-Schulungen und verschiedene Events sowie ein Shop mit den hauseigenen Marken zum Programm des Teehauses.

 

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Elliott Landy’s Woodstock Vision: Erinnerungen an die Liebe

Das Woodstock-Festival 1969 war eine XXL-Demonstration der damaligen Friedensgeneration. Unvergessen bleibt deren Lebensgefühl auch dank Ausstellungen wie „Elliott Landy’s Woodstock Vision“

Text: Erik Brandt-Höge

 

Eine Milchfarm bei New York sollte vom 15. bis 17. August 1969 zur Kulisse eines Mega-Events werden. Das Woodstock-Festival stand an, und nicht weniger als eine halbe Million Menschen strömte heran, um für Liebe und Frieden zu protestieren und nicht zuletzt den passenden Live-Soundtrack von Musikgrößen à la Jimi Hendrix, Joan Baez, Janis Joplin, Santana und Joe Cocker zu zelebrieren.

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Woodstock, meine Liebe (Foto: Elliott Landy)

Auf den grünen Hügeln vor der Bühne machte es sich eine Generation gemütlich, die vom Vietnamkrieg, von der Kuba-Krise und allerhand ähnlichen sie verstörenden Ereignissen schlichtweg die Schnauze voll hatte. Während einige der größten Hits der Rockmusik übers Areal schallten, schalteten alle Anwesenden einfach mal ab vom Weltwahnsinn und setzten voll und ganz auf Harmonie.

Festgehalten wurden diese Glücksmomente vom amerikanischen Fotografen und Autor Elliott Landy, der zu den wenigen zählte, die nicht bloß vor, sondern auch auf der Woodstock-Bühne Bilder machen durften. „Elliott Landy’s Woodstock Vision“ ist nun der Titel einer Ausstellung im Überseeboulevard 5, die in vier Sektionen („I Vision of a Generation“, „II Stars and Stones“, „III Hight on Musik“, „IV Woodstock“) den Zeitgeist der späten 60er Jahre ins Hier und Jetzt hievt. Zu erleben sind etwa meterhohe Porträts der Live-Acts, eine audiovisuelle Psychdelic Show und ein Woodstock Café.

Elliott Landy’s Woodstock Vision: 1.8.–31.10., Überseeboulevard 5, täglich 14–20 Uhr, Fr–Sa 14–21 Uhr


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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foodlab: Hamburgs neues Gastro-Kreativlabor

Hamburger Gastronomen und Food-Unternehmen haben ein neues Tüftel-Zuhause im foodlab

Text: Michelle Kastrop

 

Das Waterkant-Gebäude in der HafenCity: Hier ist kürzlich das foodlab mit einem weltweit neuen Konzept eröffnet worden. Auf 1.200 Quadratmetern umfasst es ein von Hanseatic Coffee Roasters betriebenes Café mit Mini­-Shop, ein Pop­-up­-Restaurant, in dem alle vier Wochen wechselnde Restaurants ihre Konzepte und Gerichte vorstellen, einen Co­working­-Space mit Arbeitsplätzen für allerhand Unternehmen aus der Food­-Szene, mehrere Testküchen und ein Media-­ und Eventstudio für Shootings.

Das foodlab-­Konzept stammt von Christin Siegemund. Die Marketingexpertin begann 2013 mit ihrem Blog „Hambur­ger Deern“, sich mehr und mehr ihrer Leidenschaft für gutes Es­sen und die Hamburger Food­-Szene zu widmen. Bald habe sie gemerkt, dass viele Betriebe sich mit ähnlichen Fragen und Problemen konfrontiert sehen, speziell im Bereich Infrastruktur und Netzwerk: „So entstand die Idee von foodlab.“

 

Das foodlab als Begegnungsstätte

 

Die Unternehmen, die Sie­gemund ansprechen will, sollen das foodlab „als Begegnungsstätte“ verstehen. Ihr Mietobjekt, das Waterkant­-Gebäude mit seiner großzügigen Fensterfront, die besten Blick auf die Elbe erlaubt, sei dafür der perfekte Ort.

Eines der Start­ups, dass bereits im foodlab zu Hause ist, ist Newbaked. Seit der Gründung Ende Juni produziert es gemeinsam mit der Bäckerei Bah­de Feinschmecker-­Brote für die gehobene Gastronomie, Hotellerie und in Feinkostläden. Mit seinem Konzept kam Newba­ked-­Chef Wodz zu Siegemund – und profitiert seitdem sehr vom foodlab-­Netzwerk. „Es war genau der richtige Schritt, ins foodlab einzuziehen und dort mitzumischen“, schwärmt er von den neuen Möglichkeiten.

Übrigens: Im foodlab kön­nen sich Food-­Start­ups auch für ein Accelerator­-Programm bewerben. Daran teilneh­menden Unternehmen wird ein halbes Jahr lang ein Arbeitsplatz gestellt und ein individuelles Training geboten. Siegemund: „In unserem Accelerator­ Programm, holen wir sie quasi an dem Punkt ab, wo sie gerade in ihrem Prozess sind und stellen dann die passenden Coaches zur Verfügung.“ Vo­raussetzung, um dabei zu sein: Es müsse „ein Bu­sinessplan und am bes­ten schon ein erstes Produkt vorhanden sein“.

foodlab 
Überseeallee 10 (HafenCity)


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