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Vladimir: „Ich dachte, ich gehe zurück nach St. Petersburg“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Vladimir begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Ich verstehe es so: Menschen haben Fragen. Und ein Leben lang bekommen sie auf die gleichen Fragen Antworten. Manchmal sind es die gleichen Antworten, oft sind sie auch unterschiedlich. Die Fragen sind aber immer gleich. Ich habe es für mich umgedreht und glaube, es kommt nicht auf die Antworten an, sondern ich versuche, die richtigen Fragen zu suchen.

Vor zwei Jahren bin ich Papa geworden. Seitdem kommen immer wieder Erinnerungen meiner Kindheit zurück. Ich denke an die Zeit früher in Russland, wie ein Loop kommt es mir vor. Durchs Vatersein habe ich ein neues Gefühl für Zeit bekommen.

Ich bin Ingenieur, meine Frau ist Chirurgin, eigentlich denkst du, du hast zwischen Beruf und Ehe für ein Kind gar keine Zeit. Und dann ist es auf der Welt und nimmt 90 Prozent deiner Zeit ein. Alles andere ordnest du dem unter. Es ist ein anstrengendes, aber schönes Zeitproblem.

 

17 Jahre später

 

Meine Frau und ich sind Kitesurfer und Snowboarder. So haben wir uns auch kennengelernt: Im Schnee in Tschechien. Seitdem wir Eltern sind, schaffen wir den Sport nur noch selten. Wir freuen uns beide darauf, irgendwann zu dritt in die Berge oder ans Meer fahren zu können.

Für Freunde bleibt momentan ebenso kaum Zeit. Auch meine Heimatbesuche sind weniger geworden. Ich komme aus St. Petersburg, dort leben meine Eltern, meine Schwestern und viele Freunde. Als ich vor 17 Jahren nach Hamburg gekommen bin, dachte ich, ich bleibe hier für ein, zwei Jahre und dann geht’s zurück. Jetzt ist es mein Zuhause geworden. Und mein Sohn Nikita ist ein echter Hamburger. Die Frage, wie ich glücklich werde, habe ich mir damit beantwortet.“


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Constanze: „Mit dem Kopftuch stehe ich für etwas“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Constanze begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Vor vier Jahren bin ich zum Islam konvertiert. Weil ich europäisch aussehe, irritiere ich manche Menschen mit dem Kopftuch. Meine Überzeugung ist aber stärker als die Unsicherheit, die andere darauf projizieren. Ich möchte mich mit dem Tuch ja zu erkennen geben, stehe für etwas.

Ich habe einen sehr besonderen Freund. Was er sagt, stößt so vieles an, er strahlt eine unglaubliche Tiefe aus, so eine absolute Grundgüte, und gleichzeitig ist er ein Mysterium. Manchmal sagt er nichts und sagt damit alles. Ich glaube, solche Eigenschaften in sich zu haben und sie dann auch noch nach außen tragen zu können, ist eine große Gabe. Wenn du dieses Authentische verkörperst, kommt der Rest von alleine. Das habe ich erst verstanden, als ich zum Islam gefunden habe.

Es fing auf einer Weltreise an. In Nepal, China, Laos, Neuseeland, Amerika, Mexiko und Osteuropa habe ich verschiedene Religionen kennengelernt, von denen mich aber keine angesprochen hat. Ich hatte aber immer das Gefühl, da ist irgendetwas, es gibt eine Spiritualität, etwas Übergeordnetes, das ich nicht greifen kann.

Zurück in Deutschland bin ich dann dem Islam nähergekommen, habe den Koran gelesen und Bekanntschaft mit einigen Flüchtlingen gemacht. Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass die ganzen Fragezeichen in meinem Kopf langsam verschwinden.

 

„Die Gräben werden tiefer”

 

Die meisten meiner Freunde und Teile meiner Familie haben es nie verstanden, was ich in einer fremden Religion hoffe zu finden. Gerade die ganzen Debatten, die sich um den Glauben im Islam spinnen, schrecken viele Leute ab. Er wird oft als Unterwerfung wahrgenommen, gerade für Frauen. Dabei habe ich es aus ganz freien Stücken entschieden.

Es wirkt heute oft, als gäbe es nur dafür oder dagegen, Muslim oder nicht, schwarz oder weiß. Alles ist in Lager eingeteilt. Das macht mir Sorgen. Dass die Gräben zu tief werden und es sich nicht mehr kitten lässt.

Bei dieser Angst hilft mir die Religion ganz besonders. Sie umspannt den gesamten Tag, hilft in Stresssituationen oder wenn ich traurig bin. Ich habe eine neue Form von Dankbarkeit entwickelt und in vielem einen neuen Sinn gefunden. Mir fällt tatsächlich keine Situation ein, in der mir der Islam nicht hilft. Okay, außer vielleicht bei der Wohnungssuche.”


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Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Holger: „Punkrock und Taxifahren: Von beidem bin ich nie losgekommen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Holger begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Es gibt keinen Ort, an dem dir jemand Fremdes innerhalb kürzester Zeit, dermaßen intime Dinge erzählt, wie im Taxi. Nicht einmal im Beichtstuhl. Neulich hatte ich ein Erlebnis mit einer älteren Dame, die im Krieg aufgewachsen ist. Sie hat die Bombennächte in Hamburg miterlebt. Ich habe sie ein bisschen dazu ausgefragt und sie hat erzählt, wie es damals war. Als sie dann ausstieg, sagte sie: ‚Das habe ich so noch nie jemandem erzählt.‘ Solche Geschichten passieren nicht oft, aber ab und zu. Und das reicht. Das macht den Beruf aus.

Vor zwei Jahren habe ich morgens in Altona ein junges Pärchen eingesammelt, die hatten was von Bonnie und Clyde, waren völlig übernächtigt. Jedenfalls wollten sie nach Dänemark, um da zu heiraten. Er war Italiener, sie Deutsche. Wir haben dann an der Tankstelle noch Red Bull geholt und sind über die A7 nach Dänemark gebrettert.

Weil ich ja sowieso nach Hamburg zurückmusste, habe ich die zwei Stunden dort gewartet und sie mitzurückgenommen. Auf der Rückfahrt riss das Mädchen plötzlich bei Tempo 130 das Fenster auf und hat bei voller Fahrt aus dem Auto gekotzt. Sie hatte halt die Nacht durchgefeiert, entschlossen in Dänemark zu heiraten, aber vergessen, was Gescheites zu essen. Im Nachhinein war das schon ein klasse Ausflug.

 

Joschka Fischer und die Große Freiheit

 

Es gibt den Roman „Taxi“ von Karen Duve. Sie war selber Taxifahrerin in den Achtzigern, das Buch ist nicht besonders toll, aber es beschreibt ganz gut, was das seinerzeit für eine Szene war. Vielen erging es so wie mir: Frisch von zu Hause ausgezogen, ohne großen Masterplan, aber mit Lust, das pralle Leben kennenzulernen. Und weil man im Taxigewerbe ganz gut und einfach Geld verdient hat, haben viele während des Studiums einen Taxischein gemacht.

Es waren viele linke Intellektuelle unter den Taxifahrern. Joschka Fischer zum Beispiel auch. Da bin ich seinerzeit so mitgeschwommen. Ich wollte einfach nur raus aus dem Haus meiner Eltern, auf Punkrock-Konzerte in der Markthalle, Große Freiheit, Molotow, danach ins Subito. Und nebenbei eben mit dem Taxifahren ein bisschen Geld verdienen. Irgendwie bin ich bis heute nicht davon losgekommen. Vom Punkrock genauso wenig.

Ich wollte nie etwas anderes machen, und will es heute nicht. Auch wenn es natürlich eine komplett andere Zeit ist. Dieses Lebensgefühl damals, das Spontane, nicht zu überlegen, ob man am nächsten Morgen rechtzeitig fit ist: Das vermisse ich hier und da schon. Ich bin jetzt 60, da wird man träge, der Freundeskreis wird kleiner, viele in meinem Alter sind alleine. Es wird schwierig, sich für jemand anderen zu öffnen.

Ich habe aber meistens Glück gehabt: Ich bin gesund und lebe in einer schönen Beziehung. Dass ich mich noch einmal so verlieben kann, hätte ich auch nicht gedacht. Vor einem halben Jahr bin ich dann auch noch Opa geworden. Den Lütten sehe ich gerade nicht so oft, weil meine Tochter in Hessen lebt und das Reisen schwierig ist. Ich freue mich aber unheimlich, dass er da ist.“


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Cordula: „Jeder muss zuerst sich selbst verstehen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Cordula begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Eben sind ein paar Kinder an mir vorbeigelaufen und haben gesagt: ‚Guck mal, was die Oma da macht‘. Damit meinten sie mich. Dabei kam ich mir gerade so flott und fit beim Langlauf vor – und keineswegs omahaft.

Heute scheint die Sonne so schön, da dachte ich, ich hole mal die Skier raus und laufe hier am Kaifu entlang. Das ewige Spazierengehen ist ja auf Dauer langweilig und das Niendorfer Gehege habe ich so langsam mal durch. Jetzt laufe ich zwar seit 2 Stunden immer hin und her, aber das ist ja quasi so, wie im Sommer nebenan im Schwimmbad seine Bahnen zu ziehen.

Seit einem Jahr bin ich Rentnerin, daher habe ich mittags nun Zeit und Muße hier herumzuspazieren. Von Beruf bin ich Psychologin und habe viele Jahre im Kinderschutzzentrum gearbeitet. Da ging es viel darum, Krisen und Notlagen von Familien zu verstehen.

 

„Das entschwundene Land“

 

Vielleicht ist das Verstehen-Wollen eine Art Berufskrankheit, die ich mitgenommen habe. Dabei halte ich es eigentlich für alles andere als eine Krankheit, sondern für essentiell. Es geht darum, andere Menschen zu verstehen, nicht zu analysieren – auch wenn das viele über Psychologen denken. Dafür muss ein jeder sich natürlich zuallererst selbst verstehen. Aber auch uns Psychologen gelingt das mal mehr und mal weniger.

Mir hat die Literatur immer sehr dabei geholfen, Lebenswelten zu verstehen. Kennen Sie „Das entschwundene Land“ von Astrid Lindgren? Darin beschreibt sie drei zentrale Erfahrungen aus ihrer Kindheit: die Liebe ihrer Eltern zueinander, das Aufwachsen in einer bäuerlichen Hofgemeinschaft und die Bedeutung von Büchern und Phantasie. Lindgren hatte eine Haltung zum Leben, die für mich sehr wichtig und richtig ist. Kann man das so sagen? Dann würde ich jetzt nämlich noch ein paar Runden weiterfahren.“


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Michael: „Wir könnten vernünftiger miteinander umgehen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Michael begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Meine Eltern haben sich früh getrennt, ich bin ohne Vater aufgewachsen. Stattdessen mit meiner Mama, meiner Oma und meiner Tante, also in einem richtigen Frauenhaushalt – mit unheimlich viel Liebe. Ich hatte eine bombastische Jugend, auch ohne meinen Vater.

Meine Kinder sind heute beide um die 40. Und klar: Ich wollte vieles anders machen, als ich es von meiner Geschichte kannte. Aber das sagt sich so leicht. Auch wenn ich von irgendwem höre, er habe den Entschluss gefasst ‘jetzt alles anders zu machen’, muss ich immer ein wenig schmunzeln. Ich war sehr krank bevor ich 30 war, hatte Krebs und hab es mit Chemotherapie und dem ganzen Programm überstanden. Damals habe ich mir auch gesagt, ich mache jetzt alles anders, lebe und erfreue mich daran, dass ich gesund bin. Die Anfangszeit, nachdem es überstanden war, war auch sehr besonders. Irgendwann bewegst du dich aber wieder auf deiner Schiene, hast deinen Trott, deinen Rhythmus. Ich befürchte, auch nach der Pandemie wird wieder alles so, wie es mal war.

Dabei könnten wir mal etwas vernünftiger miteinander umgehen und entspannter sein. So ein Rat ist wahrscheinlich etwas altersweise und sagt sich so daher, wenn man ein paar Jahre hinter sich hat. Vielleicht bekommt man für sowas auch erst spät einen Blick. Ich kenne das Gefühl der Jugend auch noch sehr gut. Da dachte ich, mir gehört die Welt, ich reiße Bäume aus, dreh die Welt um. Und irgendwann, wenn du älter bist, merkst du: ‘gut, einen ganzen Baum schaffe ich vielleicht gar nicht’.

 

„Ein Vorbild, das ich nie kannte“

 

Manchmal frage ich mich, was mein Großvater über dieses oder jenes gedacht hätte. Ich habe ihn eigenartigerweise immer als ein geheimes Vorbild gesehen. Und das, obwohl ich ihn gar nicht kennengelernt habe. Er ist gestorben, da war ich drei Jahre alt. Ich kenne ihn nur von einem Foto und den Erzählungen meiner Mutter: Ein Chefarzt im ehemaligen Bethanien-Krankenhaus in Eppendorf, klug, streng, sehr gerecht. Doch irgendwas hat mir dieses Bild von ihm immer gesagt. Ich habe zu ihm aufgesehen. Ich glaube, er hätte es aber nicht zu mir. Dafür war ich zu faul.

Auch wenn ich in meinem Leben ein paar Dummheiten gemacht habe, bin ich heute wahrhaft zufrieden. Ich habe mal eine Frau betrogen, in der Jugend hier und da Dinge ausprobiert, die nicht hätten sein müssen und halt so ein Zeug. Wenn du aber mit 74 in den Spiegel guckst und sagen kannst: So viel haste gar nicht verkehrt gemacht, dann ist das für mich eine Rechnung, die aufgeht.“


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Andrea: „Glück ist, sich selbst aushalten zu können“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Andrea begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Als mein Vater 2005 starb, hatte ich ein Gefühl von ‘Jetzt ist es soweit. Jetzt bin ich endgültig für mein Leben zuständig. Jetzt ist niemand mehr da, der mich auffängt‘. Meine Mutter war schon früh gestorben und ohne Eltern auskommen zu müssen, hat mich sehr gebeutelt. Ich war orientierungslos.

Damals hatte ich einen Freund in Indien und das Gefühl, ich muss da jetzt hin. Dann bin ich für vier Wochen nach Indien gereist und dort in ein Achtsamkeitsseminar gestolpert. Dort habe ich erkannt, dass man zwischen einer Situation und sich selbst Raum schaffen kann. Heute weiß ich, dieser Meditationslehrer hat mein Leben nachhaltig verändert.

Als ich damals zurück nach Hamburg gekommen bin, war das sensationell. Ich habe seinerzeit schon in einer Führungsposition in der Werbebranche gearbeitet, das mache ich heute noch. Ich hatte immer gelernt, über Macht und Aggression zu führen. Und auf einmal habe ich angefangen, anders zu denken. Ruhiger, aus anderen Perspektiven. Da dachte ich: Wow, diesen Meditationskram liest man nicht nur in Büchern, das funktioniert wirklich.

 

„Ich lebe frei“

 

Ich hadere häufig noch mit mir und bin mir gegenüber härter als anderen. Ich kann über Situationen oder Inkonsequenzen anderer lachen, bei mir bin ich hingegen sehr brutal, abkantend, fast bestrafend. Daher halte ich es für ein großes Glück, sich selbst aushalten zu können.

In kurzen Phasen bin ich schon auch mit mir im Frieden. Jetzt gerade zum Beispiel finde ich es ganz bezaubernd, hier auf der Alsterbank in der Sonne zu sitzen, dieses Buch zu lesen, das ich geschenkt bekommen habe. Es ist so lala, dafür stillt es meine Alpen-Sehnsucht.

Dann und wann vermisse ich nämlich meine oberbayerische Heimat, die Berge, die Biergärten. Aber ich lebe in Hamburg freier, als ich es je dort getan habe. Diese Mia-san-Mia-Mentalität ist mir schon als Kind auf die Nerven gegangen. Jeder hat eine Lebensberechtigung, aber bitte nicht bei uns, oder was? Ich wollte immer in Hamburg leben und arbeiten. Und was soll ich sagen: Hier bin ich.“


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Christoph: „Das Angeln eint uns Drei“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Christoph begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Wenn ich zu dieser Jahreszeit abends durchgefroren nach Hause komme, ordentlich geschafft, aber zufrieden, weil ich was Schönes mitbringe, dann war es das mal wieder wert, stundenlang am Wasser zu stehen. Die meisten Fische, die man hier aus dem Hafenbecken holt, sind gesund. So einen schönen Zander kann man richtig gut verwerten. Der wird dann geschuppt, auf Haut gebraten, dazu gibt’s Kartoffelpüree, meine Frau macht leckeren Sauerkraut – wunderbar!

Es gibt aber auch Tage wie heute. Da stehe ich seit zehn Uhr hier und es hat noch kein Fisch angebissen.

Mein Vater hat mich als kleinen Jungen im Masuren-Urlaub zum Angeln gebracht. Als Jugendlicher habe ich es dann sein lassen, weil ich eher den Mädchen als den Fischen hinterhergelaufen bin. Als ich dann selbst Vater wurde und mein Sohn mit vier Jahren plötzlich meinte, er wolle angeln, ging es wieder los. Seitdem ist das eine Art Familien-Event bei uns. Da vorne steht meine Frau, sie hat vor ein paar Jahren ihren Angelschein gemacht.

Für mich ist Angeln ein aktives Warten. Werfen, Beobachten, Köder heraussuchen, Methoden ausprobieren. Langweilig wird es nie. Ich stehe beim Angeln dauerhaft unter Anspannung. Meist sind es Bruchteile von Sekunden, in denen der Fisch anbeißt und wenn man da nicht reagiert, ist er wieder weg.

Ein schöner Effekt dabei ist, dass man sehr bei sich ist. Ich gehe oft mit meiner Frau angeln. Da wird nicht viel geredet, wir sind quasi getrennte Leute, jeder ist konzentriert hinter seinem Fisch her.

 

Petri Heil!

 

Wir haben uns 1997 kennengelernt. Sie hatte eine Anzeige in der Szene gesetzt, die ich lustig fand. Sie war in Reimen verfasst, ich habe mit Reimen geantwortet, das hat ihr gefallen. Es hat dann noch gut ein Jahr gedauert, bis wir zusammengekommen sind. Heute ist unser Sohn 14 Jahre alt. Und das Angeln eint uns drei seit jeher.

Beruflich bin ich in der Elektrotechnik unterwegs und muss Kraftwerke auf der ganzen Welt besuchen, bin für die Steuerung und Reglungstechnik verantwortlich. Das kann hin und wieder sehr stressig sein, denn durch so einen Kraftwerk-Schornstein wird ziemlich viel Geld gepumpt. Daher ist das Angeln ein schöner Ausgleich. Man braucht ein Hobby, wenn man 40 ist. Gerade, wenn man Familie hat und viel arbeitet. Kann man das Hobby dann auch noch mit der ganzen Familie ausleben, hat man gewonnen. In diesem Sinne: Petri Heil!“


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Sahra: „Man muss sich vermissen können“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Sahra begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Ich bin Halb-Amerikanerin und als Kind regelmäßig zwischen Deutschland und den USA hin- und hergeflogen. So entstand der Traum, Flugbegleiterin zu werden. Und es sollte sich rausstellen, dass der Beruf genauso schön ist, wie ich es mir immer vorgestellt hatte.

Am Anfang war es verrückt, aus dem Flugzeug zu steigen und am anderen Ende der Welt zu sein, irgendwann ist es normal. Du gewöhnst dich daran, rumzukommen. Vor allem gewöhnst du dich daran, keinen Alltag zu haben, Ereignisse zu verpassen, viele Abstriche machen zu müssen. Und auch daran, für dich zu sein.

In der Regel kennt man seine Crew an Board nicht, connected aber auf eine Art, die Außenstehende nicht verstehen können. Wir gehen in Shanghai zusammen feiern, in New York shoppen, wandern durch Kanada oder trinken Caipirinhas am Strand von Rio. Dann gehen wir wieder an Board, reisen zurück und es verfliegt in gewisser Weise. Manchmal entsteht eine Freundschaft, oft sieht man sich aber nie wieder.

 

Zwölf Tage frei

 

Bevor ich bei der Lufthansa angefangen habe, hatte ich einen Freund. Auf Dauer hat es mit dem unterschiedlichen Alltag nicht funktioniert. Mit meinem jetzigen Freund funktioniert es hingegen wunderbar. Ich habe ungefähr zwölf Tage im Monat frei, an den restlichen Tagen fliege ich die Welt ab, vor allem Langstrecke. Wenn ich aber zu Hause bin, dann bin ich es vollkommen. Alles andere wird so zur Nebensache.

Wer weiß, vielleicht ist es sogar gut, einander nicht immer zu sehen. Ich finde, man muss sich auch vermissen können.“


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Gündogan: „Meine Frau ist krank und ich bin alt”

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Gündogan begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Meine Frau ist zuckerkrank, ich bin alt, unsere Kinder sind aus dem Haus. So spielt die Zeit, es ist normal. Vor 30 Jahren sind wir aus der Türkei gekommen, der Rest meiner Familie lebt noch in unserem Dorf – 600 Kilometer von Istanbul entfernt.

Meine beiden Söhne arbeiten hier in Hamburg bei der Hochbahn, fahren U- und S-Bahnen. Als ich nach Hamburg kam, habe ich angefangen für eine Eisfirma zu arbeiten, später dann 15 Jahre Tofu und Soja für ein chinesisches Unternehmen produziert, heute bin ich bei der Stadtreinigung.

Ich habe außerdem eine Tochter und sieben Enkelkinder. Einer von ihnen ist vor kurzem 18 geworden. Er spielt sehr gut Geige. Manchmal gibt er Konzerte, dann mache ich eine Flasche Raki auf, dazu gibt es Salat und guten Fisch. Es fühlt sich an wie zu Hause in der Türkei.

 

Zurück nach Hause

 

Wenn Recep Tayyip Erdoğan weg ist, werde ich zurückgehen. Aber so lange er an der Macht ist, kann ich nicht. Dieser Mann ist schrecklich, ein Idiot, der mit dem Kopf im Osmanischen Reich ist. Die Türkei muss wieder demokratisch werden. Es braucht jemanden wie Mustafa Kemal Atatürk, er war ein Demokrat und hat unser Land vorwärts gebracht. Erdoğan reißt es runter.

Aber ich bleibe zuversichtlich: Irgendwann geht es zurück nach Hause, dann sehe ich meine Schwestern und Brüder wieder, baue endlich unser Haus fertig, mache eine Flasche Raki auf und schaue aufs Wasser.”


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Jacqueline: „Kinder zeigen uns, wie Glück funktioniert“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Jacqueline begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Kinder haben offene Gedanken, sie beschränkt kaum etwas. Das macht die Arbeit mit ihnen aus. Es ist wirklich erfüllend. Weil ich als Erzieherin mehr von ihnen lernen kann als von sonst wem, denn Kinder können einem zeigen wie Glück funktioniert. Wir Erwachsenen haben viel zu hohe Ansprüche und brauchen mehr, um wirklich glücklich zu sein. Kinder sind offen für alles – und brauchen doch nur kleine Dinge.

Seit September arbeite ich in einer Ganztagsgrundschule, bin also Berufsanfängerin. Das ist für mich ein ganz neues Lebensgefühl. In der Ausbildung hatte ich kaum Geld, weil die Arbeit nicht vergütet wird. Das hieß für mich, dass ich in den letzten Jahren bei vielem zurückstecken musste. Ich war zum Beispiel ewig nicht im Urlaub, weil ich in den Ferien gearbeitet habe, um mich über Wasser zu halten.

 

Zeit alleine verbringen

 

Heute bin ich unabhängig, bekomme ein geregeltes Einkommen und fühle mich sicher. Ich könnte kein einziges Problem nennen, das ich momentan habe. Klar, da ist Corona. Aber ein wirkliches Problem? Für mich? Es gibt keins.

Ich erfreue mich viel zu sehr an dem, was ich habe, dass ich gesund bin und jetzt zur Arbeit laufe. Bald wird man auch wieder reisen können und dann möchte ich mich alleine auf den Weg machen. Denn ich glaube, es gibt unheimlich viel an dir selber zu entdecken. Es lohnt sich, Zeit alleine zu verbringen. So wie Kinder das ständig tun.“


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