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Leo: „Wieso sind so viele Menschen so ruhig?“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Leo begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Mein Leben ist ziemlich ungeordnet. Ich habe einen Lebenslauf, der keinerlei Logik folgt, habe Studiengänge abgebrochen, mal hier und da geschaut, mittlerweile bin ich bei der Musik gelandet und, na ja, mal schauen, wo das hinführt. Es fühlt sich auf jeden Fall gut an. Ich brauche kein geordnetes Leben. Es ist okay, solange ich später nicht von mir selbst enttäuscht bin. Sodass ich irgendwann da sitze und denke, ich war nicht mutig genug und auf einmal Dinge sage wie: „Boah, hätte ich mal…“. Davor habe ich Angst. Vielleicht ist es auch die Angst davor Angst zu haben.

Die Musik fühlt sich gerade nach einem guten Weg an. Ich schreibe viele Songs über das Klima, über Geflüchtete oder andere Ungerechtigkeiten, die mich beschäftigen. So komme ich mit Themen emotional besser klar. Ich habe auch einen Song für Fridays For Future geschrieben, weil ich irgendwie das Gefühl hatte, der Bewegung fehlt noch der Sound, da muss ein Lied her. Es heißt „It’s Not Too Late“. Ich habe es sogar mal auf einer Demo vor 20.000 Leuten gespielt. Das war krass. In dem Moment war jegliche Unsicherheit und Aufregung weg, weil ich wusste, dass es richtig ist.

Wir als Musiker haben schließlich ein Sprachrohr. Das sollten wir auch nutzen. Ich frage mich eh häufig, warum die meisten Menschen so ruhig sind. Meiner Meinung nach haben wir Menschen sogar die Verantwortung, auf irgendeine Art aktivistisch unterwegs zu sein. Unser Leben, diese Nische, in der es die Menschheit gibt, ist nicht selbstverständlich. Aber wir leben so als wäre es das. Das geht so krass auf Kosten des globalen Südens, das muss doch langsam mal jeder verstehen. Diese Ungerechtigkeiten tun weh, wenn man mal richtig hingeschaut hat. Dann kann man auch nicht mehr wegschauen. Jedenfalls war’s bei mir so.

 

Andere Realitäten

 

Ich habe früh schon ganz andere Realitäten kennengelernt, weil ich in Japan geboren und aufgewachsen bin. Daher bin ich viel durch Asien gereist und habe eine Armut gesehen, die unvorstellbar ist. Im Altai-Gebirge habe ich Straßenkinder getroffen, die im Winter in Kanalisationen leben, weil es da wärmer ist. Solche Ungerechtigkeiten haben mich immer schon beschäftigt.

Als ich in der ersten Klasse war, bin ich dann mit meiner Mutter zurück nach Deutschland gegangen, zu meinem Vater habe ich heute keinen Bezug mehr. Er ist dageblieben.

Manchmal glaube ich, dass ich durch die Musik ein schweres Thema auch ein Stück weit schöner machen kann, das Thema quasi anders besetzen kann. Außerdem ist es eine besondere Form, um mit anderen Menschen in Kontakt zu treten.

Wenn ich hier auf der Straße spiele, schreiben mir oft Leute, dass sie berührt sind, wollen einen Song haben oder sprechen mich an – so wie du jetzt. Obendrein Geld damit zu verdienen, ist auch nicht ganz verkehrt. Heute müssten es so um die 80 Euro geworden sein. Morgen wollte ich mit einem Kumpel nach Schweden fahren. Damit ist die Hinfahrt schon mal drin. Wir wollen zwei Wochen wandern. Wie es danach weitergeht, schaue ich mal.“


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Anna: „Ich mag es allein zu sein“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Anna begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Ich bin allein und finde das auch richtig gut so. Meine Eltern leben in der Nähe von Luxemburg, dort bin ich aufgewachsen, ich wollte aber endlich mal raus und was Neues kennenlernen. Nun bin ich nach Hamburg gezogen und mein Leben hat sich ziemlich verändert. Ich studiere jetzt hier, in einer neuen Stadt mit neuen Leuten und bin weit weg von zu Hause.

Gerade genieße ich das alles sehr. Vor ein paar Jahren war ich mal in Hamburg übers Wochenende. Und hin und wieder kommt man ja in eine Stadt und hat so ein spezielles Gefühl. Das hatte ich bei Hamburg und dachte mir sofort: Hier möchte ich mal leben. Und jetzt bin ich da.

 

Das Zerdenken

 

Ich versuche, in wichtigen Situationen und Entscheidungen weitgehend gelassen zu sein und nehme es so, wie es kommt. Dann klappt meistens auch das, was man sich vornimmt.

Manchmal denkt man natürlich auch über Vergangenes nach und sagt sich vielleicht „hätte ich mal…“, aber ich mag es eigentlich nicht, so zu denken. Hinterher kannst du Dinge immer zerdenken und analysieren, aber es bringt dir in deiner momentanen Lebenslage letztendlich nichts. Du lernst daraus und vielleicht hilft es dir bei der nächsten Entscheidung, ansonsten kommst du damit nicht weit.

Klar, das sagt sich so einfach, aber es stimmt ja. Wenn man sich dann über wirklich wichtige Dinge wie Gesundheit, Familie oder Freunde Gedanken macht, Dinge, über die es sich lohnt tiefer nachzudenken, relativiert sich doch einiges. Dann fällt auf, wie unnötig es war, sich mit irgendwelchen Kleinigkeiten beschäftigt zu haben. Das, was wir haben, ist so viel wert.

Ich hatte lange einen Freund. Wir haben uns im April getrennt. Und für viele hört es sich vielleicht komisch an, aber mir macht es nichts aus, allein zu sein. Im Gegenteil, ich mag es. Und natürlich gibt es Situationen, wo das auch anders ist: Wenn ich schöne Dinge erlebe oder etwas Gutes koche und stolz darauf bin, aber da dann niemand ist, mit dem ich es teilen kann. Doch an der Stelle fängt das Zerdenken schon wieder an.“


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Hans-Christian: „Frauen kamen für mich sowieso nie in Frage”

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Hans-Christian begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„In Kürze werde ich 87 Jahre alt. Ein stolzes Alter ist das nicht, es ist ein hohes. Ich finde den Begriff Stolz immer ein bisschen schwierig. Der Stolz lässt auch nach im Alter. Für mich ist das eine Eigenschaft, die im Grunde gar nicht positiv ist.

Zufriedenheit finde ich den schöneren Begriff. Wenn ich nicht zufrieden wäre, dann wäre ich vermutlich schon gar nicht mehr da. Ich habe nämlich einen Trick, durch den es mit der Zufriedenheit gut klappt: Nicht zu hohe Ansprüche ans Leben stellen.

Ich habe selbst keine Familie gegründet, Frauen kamen für mich sowieso nie in Frage. Ich habe lange Zeit mit Männern zusammengelebt. Aktuell habe ich auch einen Freund, der wohnt allerdings in Travemünde und wir sehen uns nur in Abständen. Aber auch dabei darf man nicht zu anspruchsvoll sein. Was bedeutet das schon, jemanden fürs Leben zu finden? Ich selbst bin ja dieser jemand, mit dem ich ein Leben lang zusammen bin.

 

„Na und? Ich jammere doch auch nicht.”

 

Nein, so etwas brauchte ich nie. Ich war Zeit meines Lebens Jurist und habe immer mal wieder für ein paar Jahre im Ausland gelebt. In Amerika auf Vancouver Island, in Florenz und Meran, in der Schweiz. Das hat mich genügend erfüllt. Früher oder später hat es mich immer und immer wieder nach Hamburg zurückgezogen.

Nun wohne ich seit einer Ewigkeit am Isemarkt. Dort herrscht eine liebevolle Nachbarschaft. Ich freue mich, dass ich solch gute Leute um mich habe, mich noch immer austauschen kann, dass ich meine Sammel-Hobbys habe und mein Leben auf diese Weise weiterhin erfüllend gestalten kann.

Wenn ich mir die meisten Leute anschaue, verstehe ich nicht, wieso sie so erregt sind. Die Leute sind so dermaßen unzufrieden, dabei können sie doch auch mal versuchen, zufrieden zu sein mit dem, was sie haben.

Ich bin gesundheitlich auch nicht mehr so fit und mache gerade meine Runde, um Medikamente und neue Batterien für meine Hörgeräte zu kaufen. Na und? Ich jammere doch auch nicht, es ist schließlich herrliches Wetter. Vielmehr freue ich mich, gleich nach Hause zu kommen und auf meiner großen Terrasse ein Buch zu lesen. Und dann schaue ich mal, was das Leben noch so bietet.“


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Gabriel: „Freue dich, dass du lernen kannst!”

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Gabriel begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Ich bin alt geworden, schon 50 Jahre. Jeden Tag stehe ich um sieben Uhr auf, mache meinen Kindern Frühstück, bringe meinen Sohn in den Kindergarten, fahre nach Hause, meistens mache ich noch Sport, esse schnell und gehe dann zur Arbeit. Jeden Tag.

Ich liebe meine Arbeit. Ich arbeite immer schon. Seitdem ich ein Kind bin, um genau zu sein. Damals habe ich noch in Ghana gelebt und meine Eltern mussten mich früh von der Schule nehmen, weil sie es sich nicht mehr leisten konnten. Also habe ich angefangen als Mechaniker zu arbeiten. Als Kind denkst du anders, da habe ich Ghana und mein Leben dort geliebt. Mit dem Alter habe ich dann gemerkt, dass es in Ghana für mich nicht weitergehen kann.

1989 bin ich in Frankfurt angekommen. Ich dachte damals, jetzt beginnt ein neues Leben. Neues Land, neue Sprache, neue Arbeit. Nach einem Jahr wurde ich abgeschoben und zurück nach Afrika geschickt. Die haben mir gesagt, in Ghana gäbe es keinerlei Probleme.

 

„Wir sehen uns nur alle paar Jahre”

 

Ich habe es schließlich nochmal versucht. Es ist eine lange Geschichte, aber nach ewigem Hin und Her und ständigem Warten, hatte ich meine Papiere und heute bin ich deutscher Staatsbürger.

Ich habe drei Kinder hier in Deutschland und eine Tochter in Ghana. Sie ist jetzt 26 und hat IT studiert. Wir sehen uns nur alle paar Jahre, wenn ich mal dort bin. Sie würde am liebsten auch nach Deutschland gehen, es gibt aber kaum eine Chance. Auch meine Eltern waren noch nie hier. Mein Papa ist jetzt 86, meine Mama 84. Manchmal vermisse ich sie sehr.

Trotzdem weiß ich, dass es richtig war, nach Deutschland zu gehen. Einer meiner Söhne geht mittlerweile auf die Stadtteilschule. Ich sage ihm immer: ‘Geh dort hin und freue dich, dass du lernen kannst!’ Es ist so eine große Chance. Ich konnte das irgendwann nicht mehr, sondern habe als Kind angefangen, als Mechaniker zu arbeiten.“


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Rose: „In den Achtzigern war es richtig geil”

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Rose begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Hagen ist jetzt nicht die schönste Stadt der Welt, aber glaube mir, in den Achtzigern war’s da richtig geil. Da sind die Leute aus dem Pott alle zu uns gekommen zum Tanzen. Ich habe dann in Dortmund studiert, auch das habe ich geliebt. Daher habe ich das Studium einfach sehr in die Länge gezogen. Als ich fertig war, habe ich angefangen in der Webebranche zu arbeiten.

Auch das war anfangs eine wilde Zeit. Nicht ganz so krass wie bei Mad Men, aber auch die Kokszeiten habe ich noch mitbekommen. Heute leben die Leute gesünder und bewusster. Ich bin auch nicht mehr so wild unterwegs wie früher, aber es passiert schon hier und da was. Vor allem wenn ich mit meinen Freunden aus der Heimat unterwegs bin. Die sagen dir ins Gesicht, was Sache ist. Mit denen gibt’s jedes Mal Jägermeister, braunen Tequila oder Korn. Hier in Hamburg läuft es alles ein bisschen diplomatischer ab.

Manchmal vermisse ich meine alten Freunde. Aber Hamburg ist auch geil. Dafür, dass die Stadt so reich ist, ist es gar nicht so geleckt, wie man vermuten könnte. Gerade hier in Altona leben arm und reich dicht an dicht. Du triffst von bis, das finde ich schön. Das hast du in Hagen genauso, nur von den Reichen gibt’s da nicht so viele.

 

„Ich wollte nie Kinder haben”

 

Früher wollte ich unbedingt mal in Australien leben, das hat sich inzwischen irgendwie erübrigt. In Hamburg gibt’s schließlich auch alles, was ich brauche. Ich wollte nie Kinder, bin allein und damit total happy. Sowas wie Langeweile kenne ich gar nicht. Du hast die Nord- und Ostsee direkt um die Ecke. Und wenn das Wetter gut ist, gehe ich mit Freunden an die Elbe oder in den Park. Dann gibt’s auch da Jägermeister, braunen Tequila oder Korn.

Nächste Woche fahr ich nach Dänemark zum Kiten und Wellenreiten – also wenn der Wind passt. Was willst du denn mehr? Und wenn die Kohle irgendwann mal nicht mehr reichen sollte, ziehe ich halt zurück in den Pott. Ansonsten bleib ich einfach hier. Es ist doch alles nicht so kompliziert.

Zu Hause in Hagen sagen wir immer: Wie es in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Sei einfach freundlich und offen, dann bekommst du genau das auch zurück. Das habe ich mir mitgenommen und das werde ich mir immer beibehalten. Egal ob in Hagen oder Hamburg.“


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Jens: „Alles was du besitzt, besitzt irgendwann dich”

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Jens begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Du selbst bist der wichtigste Mensch in deinem Leben. Das zu begreifen, hat etwas gedauert. Wahrscheinlich ist es mein einziges Talent, mich wirklich reflektieren zu können. Aber auch das musste ich lernen. Genau wie ich vor zwei Jahren lernen musste, plötzlich alleine klarzukommen. Wir waren zehn Jahre zusammen, haben einen Sohn, Bruno. Aber wir haben uns schließlich gesagt, es ist besser alleine glücklich zu werden als zusammen unglücklich.

Das war eine harte Zeit, aber ich glaube eh nicht ans Perfekte. Man darf auch mehrmals im Leben lieben. Es war schon die richtige Entscheidung, gerade wegen Bruno. Der bekommt ja alles mit. Wenn’s mir schlecht ging, kam er oft zu mir und wollte mich mit irgendwelchen Witzen oder Geschenken aufheitern.

Und damit hat er ja Recht, er ist jetzt neun und hat es verstanden. Ich sage ihm immer: Es ist egal was du machst, Hauptsache du wirst glücklich. Das klingt so spielerisch und naiv, aber mein Gott, darum geht es nun mal im Leben. Um nichts anderes. Nur Polizist oder Soldat darf er nicht werden, habe ich ihm gesagt. Alles andere liebend gerne. Und wenn er Balletttänzer werden will, kaufe ich ihm das Tutu.

 

„Du bist dein ganzes Leben lang nicht mehr alleine”

 

Ich besitze selbst wenig Materielles und bin damit sehr happy. Ich arbeite in der Livemusik-Branche, bin viel unterwegs und lebe minimalistisch, habe kein Auto, eine kleine Wohnung, ein Fahrrad und meinen Laptop. Das war’s. Alles was du besitzt, besitzt irgendwann dich. Ich selbst bin doch mein größter Wert, wie gesagt: Ich bin der wichtigste Mensch in meinem Leben. Genau wie du der wichtigste in deinem bist. Wenn ich nicht bei mir bin und glücklich bin, kann ich auch nicht für meinen Sohn da sein und dann geht’s ihm auch nicht gut.

Dass ich nicht trinke, nicht rauche, Sport mache und mich gesund ernähre, hat den ganz einfachen Grund, dass ich gesund sein muss. Für mich. Und damit für meinen Sohn. Ich habe ihm versprochen, dass ich zu seinem 60. Geburtstag komme.

Wenn ich an die Geburt zurückdenke, weiß ich noch, wie merkwürdig dieses Gefühl war. Du hast ein Kind auf dem Arm und denkst dir: Okay, kleiner Mann, du bist das also. Und dir wird klar, dass du dein ganzes Leben lang nicht mehr alleine sein wirst.

 

Bruno und Super Mario

 

Jetzt habe ich ständig so einen kleinen Kumpel dabei. Ich kann mit ihm mittlerweile über Jungssachen quatschen, er stellt schlaue Fragen, wir daddeln Mario Kart zusammen, nächste Woche macht er seinen Surfkurs und dann fahren wir gemeinsam nach Holland. Mütter haben ja häufig Angst davor, dass die Kinder größer werden und bald aus dem Haus sind. Ich hingegen finde die Vorstellung cool, mit ihm um die Häuser zu ziehen oder mit dem Wohnmobil durch Portugal zu fahren.

Er ist kein Baby mehr, was nur „Dudu“ und „Dada“ sagt, sondern ein richtiger Homie von mir. Hier, sieh mal, ich hab mir sogar seinen Namen auf den Oberschenkel tätowiert. Das ist seine Handschrift in Super-Mario-Farben. Das O in Bruno hat er selbst gestochen.“


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Caroline: „Läuft das jetzt noch zehn Jahre so weiter?“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Caroline begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Am Wochenende war ich mit ein paar Freunden das erste Mal wieder auf einem kleinen Festival. Wir waren mit meinem Bus unterwegs, den ich mir vor drei Monaten gekauft habe. Den musste ich erstmal entrosten, er ist noch überhaupt nicht ausgebaut, im Fußboden ist ein Loch und außer einem Teppich und einer Matratze ist da gar nichts drin. Aber trotzdem war es unheimlich schön.

Draußen schlafen, gemeinsam aufstehen, schwimmen gehen, zusammen kochen und abends auf einen kleinen Dancefloor im Wald: Es hat sich angefühlt wie aus einer anderen Zeit. Und auf einmal sitze ich am Montagmorgen wieder in der Bibliothek und schreibe Bachelorarbeit. Wenn ich könnte, würde ich sofort in meinen Bus steigen und Richtung Portugal fahren.

Oft habe ich das Gefühl, dass ich im Hier und Jetzt mit meinem Leben sehr gut bin, aber dass es nirgends drauf hinausläuft. Wenn ich dann versuche, mir einen Überblick zu verschaffen, kommen mir immer wieder die Gedanken: Läuft das jetzt noch zehn Jahre so weiter oder kommt da noch was? Und was kommt da überhaupt?

 

„Psychologen wissen gar nicht mehr”

 

Um einige Dinge besser zu verstehen, habe ich vor ein paar Jahren mit Psychologie angefangen. Ich wollte auch wissen, warum so vieles blöd zwischen uns Menschen läuft. Tatsächlich ist das Studium dann aber sehr viel theoretischer und wissenschaftlicher, als ich gedacht hatte. Gefällt mir aber auch. Ganz ehrlich, Psychologen wissen gar nicht so viel mehr über andere Menschen. Wir bekommen bloß Theorien als Handwerkszeug mit auf den Weg.

So genau weiß ich auch noch gar nicht, was ich letztendlich damit machen möchte. Ich glaube einfach, dass ich ein Bedürfnis habe, andere Menschen zu verstehen. Das ist so ein bisschen mein Antrieb.“


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Johannes: „So bin ich ständiger Zaungast des Lebens“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Johannes begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Ich saß mit meiner Frau in Tansania an einem gottverlassenen Bahnhof, etwa 100 Kilometer westlich von Dodoma, irgendwo mitten im Land und wir haben den ganzen Tag auf einen Zug gewartet. Es war völlig unklar, ob er kommt oder nicht. Mit uns zusammen hat dort ein Massai gesessen, der auch auf diesen Zug gewartet hat. Dieser Mann hat eine Ruhe ausgestrahlt, das habe ich noch nicht erlebt. Mit diesem Menschen, mit dem wir überhaupt keinen Kontakt hatten, zusammen auf einen Zug zu warten, ungewiss, ob er überhaupt kommt und dann zu sehen, dass man dabei total ruhig und zufrieden sein kann: Das fand ich sehr beeindruckend.

Ich bin viel durch Afrika und Asien gereist. Eigentlich ist es unerträglich, in was für einem Wohlstand wir hierzulande leben. Wir halten Menschen von der Migration nach Deutschland ab und sind gleichzeitig nicht bereit, unseren Wohlstand zumindest mal zu begrenzen. Es ist nicht zulässig, Mieten ins Unerlässliche steigen zu lassen und Gewinne ohne Ende zu privatisieren. Mir geht es dabei ja nicht darum, den Sozialismus einzuführen, sondern ganz einfach um Wohlstandsgrenzen.

Ich definiere mich zeitlebens über das Recht, lebe nach Prinzipien und Strukturen, die ich in meinem Juristendasein gelernt habe. Vielleicht hätte ich auch etwas anderes machen sollen, denke ich manchmal. Dann wäre ich heute aber auch jemand anderes. So habe ich mich nun mal für das Recht entschieden und bin seit gut 40 Jahren Anwalt. Ich habe darüber Menschen, Betriebe und Beziehungen kennengelernt. Denn ich liebe es zu suchen. Sucht man etwa nach Motiven, wird vieles nachvollziehbar. Ich sage es gerne so: Durch den Beruf bin ich ein ständiger Zaungast des Lebens.

 

„Nach 39 Jahren zieht man nicht mehr weg“

 

Inzwischen bin ich seit drei Jahren in Rente, arbeite aber immer noch nebenbei. Ansonsten verbringe ich viel Zeit auf unserer kleinen Datsche, etwas außerhalb von Hamburg auf einem kleinen Bauernhof. Die hatte ein völlig krummes Dach, aber ich habe da oben ein Zimmer ausgebaut mit allem Drum und Dran: neuer Dachstuhl, neue Dachgaube, Fenster eingesetzt, eine Treppe angebaut. Das war höchst kompliziert für einen, der das nicht gelernt hat, aber es war letztendlich erfüllend.

Wenn ich mit meiner Frau da draußen bin, die Schafe und Alpakas um uns herumrennen, und in dem Wissen bin, bald kann ich mit meinem Enkel Trecker fahren, ist alles, was hier in der Stadt passiert, vergessen. Seit 39 Jahren wohne ich in Eppendorf. Erst in einer Wohngemeinschaft, später mit meiner Frau, irgendwann mit unserer Tochter. Da zieht man nicht mehr weg.

Meine Tochter wohnt jetzt in der Neustadt im Gängeviertel, das ist eine ganz andere Atmosphäre als hier. Da riecht man morgens, dass es dem Stadtteil am Abend gut gegangen ist. Die Menschen stehen auf der Straße, trinken Kaffee zusammen, unterhalten sich. Mit unseren Bauern auf dem Land ist das genauso so. Man unterhält sich. Ganz anspruchslos, ganz normal, ohne gedankliche Tiraden.

In Eppendorf fehlt mir mitunter dieses Gefühl von Nachbarschaft. Dabei könnten wir alle mehr miteinander reden, auch einem Fremden mal einen freundlichen Blick schenken. Wenn ich dir eins mitgeben kann, dann genau hinzugucken, sich Zeit für andere Menschen zu nehmen. Manchmal urteilen wir zu schnell. Also: lieber zwei Mal hingucken. Und richtig zuhören.“


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Heike: „Das hat meinen Sohn und mich zusammengeschweißt“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Heike begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Wir sind zwar auch mal unterschiedlicher Meinung, aber er hat ein Talent, was den meisten Leuten abgeht. Mein Sohn sieht nicht bloß stur seine Meinung, sondern versucht auch die der anderen nachzuvollziehen. Er ist einfach sehr emphatisch. Ich glaube, das ist zum Teil ein Erfolg meiner Erziehung.

Dabei war es nicht immer einfach für uns beide. Ich habe mich von seinem Vater getrennt da war mein Sohn gerade vier. Der Vater ist dann irgendwann gestorben, das ist aber schon viele Jahre her. Damals musste ich ein Kind alleine großziehen. Ein Kind, das schwersterkrankt war an Neurodermitis. Heute glaube ich, dass meinen Sohn und mich das eng zusammengeschweißt hat. Wir haben beide diese Einstellung zum Leben, die auf Positivem fußt. Es wird schon alles gut.

 

Rente und Tischtennisspielen

 

Er lebt inzwischen in Kiel und studiert noch. Ich arbeite seit 39 Jahren als Versicherungskauffrau. Es gefällt mir noch immer, vor allem der Umgang mit Menschen. Und trotzdem freue ich mich auf die Rente, aufs Reisen, auf mehr Zeit. Ich denke, das wird mir gefallen. In meinen Augen ist Freizeit das höchste Gut. Für meine Freunde habe ich ständig viel zu wenig Zeit und auch das Reisen wird wesentlich entspannter.  Es gibt so viele schöne Gegenden in Deutschland, die ich noch nie gesehen habe, und vielleicht reise ich auch mal nach Afrika.

Bis dahin bleibt aber noch ein wenig Zeit. In etwa acht Jahre. Ich verbringe hoffentlich noch viel Zeit in dem kleinen Park, der direkt vor meiner Haustür liegt. Da kenne ich so viele nette Leute und wir spielen regelmäßig Tischtennis. Wenn ich aus dem Haus gehe, treffe ich sofort jemanden. Inzwischen hat sich eine soziale Gruppe entwickelt. Mittlerweile sind wir manchmal schon ein bisschen zu viele Leute an der Platte, aber dann sprechen wir uns eben ab. Rundlauf kommt dabei nicht in Frage. Das habe ich früher auch gespielt, aber heute fordert es mich nicht mehr genug. Ich will schließlich richtige Matches spielen.“


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Peppi: „Ich lebe seit 30 Jahren auf der Reeperbahn“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Peppi begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Mich kennt hier jeder. Ich lebe seit 30 Jahren auf der Reeperbahn. Ich habe gesehen, wie sie das Schmidt Theater neu gebaut haben, den Abriss vom Schwimmbad am Spielbudenplatz und wie die Esso Tankstelle verschwand. Ich habe das alles aus erster Reihe erlebt. Sogar die Polizisten kenne ich alle. Und sie mich. Ich glaube, ich bin ganz schön kompatibel, kann mich gut unterhalten. Mehr zwar nicht. Aber das reicht doch fürs Erste.

1969 bin ich geboren, meine Mutter hat mich 1971 an eine Adoptivfamilie abgegeben. Ich hatte Angst vor ihnen, weil sie mich geschlagen haben. Also bin ich abgehauen und auf der Straße gelandet. Meiner richtigen Mutter habe ich irgendwann verziehen. Meinen Adoptiveltern nie.

Das Leben auf der Straße ist okay, die Leute mögen mich. Momentan schlafe ich in der U3. Irgendwann kommt Hilfe. Das sage ich mir zwar seit einer Ewigkeit, aber ich glaube immer noch dran. Manchmal kam die Hilfe auch schon, aber dann habe ich wieder irgendeinen Fehler gemacht. Neulich hatte ich einen Job, da habe ich für “Zwischenstopp Straße” gearbeitet. Dann habe ich was getrunken, jetzt sitze ich wieder hier. Sie haben mir daraufhin Dante weggenommen, meine französische Bulldogge. Bevor ich Dante bekommen habe, hatte ich einen Hund, der 17 Jahre bei mir gelebt hat. Sie war meine beste Freundin, immer an meiner Seite. Bis sie vor ein paar Jahren eingeschläfert werden musste.

 

Mit zwei Shetland Ponys an der irischen Küste

 

Meinen ersten Hund habe ich 1978 bekommen, ich weiß es noch genau, das war der schönste Tag in meinem Leben. Er hieß Asta, ich war neun und Asta war mein erster wirklicher Freund. Zu der Zeit habe ich noch bei meinen Adoptiveltern im Sauerland gelebt. Ich war jeden Tag mit Asta im Wald und er hat mir ein Gefühl gegeben, als würde er mich in den Arm nehmen und sagen „Ey Peppi, es ist alles gut!“

Aber wirklich gut ist es nur dann, wenn ich träume. Dann stelle ich mir vor, zwei Shetland Ponys zu haben und mit ihnen an der irischen Küste zu leben. Eins links, eins rechts und ich liege dazwischen im Gras. Mehr möchte ich gar nicht. Ich würde keinen Menschen vermissen, denn ganz ehrlich: Ich mag sie nicht. Es gibt tolle Menschen, aber ich kann mit ihnen nicht umgehen. Bei mir wurde eine posttraumatische Belastungsstörung festgestellt. Und obwohl ich mitten auf der Reeperbahn sitze, mich die Leute alle kennen, meine Brüder und Schwestern mich in den Arm nehmen, habe ich eine unheimliche Angst vor ihnen. Ich weiß, dass das paradox ist, aber ich habe so eine Angst vor Gewalt, das kannst du dir gar nicht vorstellen.

Dabei weiß ich ja eigentlich, dass mir keiner etwas tut. Ich tue ja auch keinem etwas. Vor mir braucht keiner Angst zu haben. Auch wenn das manche haben, weil ich so groß bin und vielleicht manchmal auch ein bisschen komisch. Die meisten wissen aber, wie nett ich bin. Deswegen akzeptieren sie mich. Wollen wir noch eine rauchen, bevor du gehst?”


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