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Rose: „In den Achtzigern war es richtig geil”

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Rose begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Hagen ist jetzt nicht die schönste Stadt der Welt, aber glaube mir, in den Achtzigern war’s da richtig geil. Da sind die Leute aus dem Pott alle zu uns gekommen zum Tanzen. Ich habe dann in Dortmund studiert, auch das habe ich geliebt. Daher habe ich das Studium einfach sehr in die Länge gezogen. Als ich fertig war, habe ich angefangen in der Webebranche zu arbeiten.

Auch das war anfangs eine wilde Zeit. Nicht ganz so krass wie bei Mad Men, aber auch die Kokszeiten habe ich noch mitbekommen. Heute leben die Leute gesünder und bewusster. Ich bin auch nicht mehr so wild unterwegs wie früher, aber es passiert schon hier und da was. Vor allem wenn ich mit meinen Freunden aus der Heimat unterwegs bin. Die sagen dir ins Gesicht, was Sache ist. Mit denen gibt’s jedes Mal Jägermeister, braunen Tequila oder Korn. Hier in Hamburg läuft es alles ein bisschen diplomatischer ab.

Manchmal vermisse ich meine alten Freunde. Aber Hamburg ist auch geil. Dafür, dass die Stadt so reich ist, ist es gar nicht so geleckt, wie man vermuten könnte. Gerade hier in Altona leben arm und reich dicht an dicht. Du triffst von bis, das finde ich schön. Das hast du in Hagen genauso, nur von den Reichen gibt’s da nicht so viele.

 

„Ich wollte nie Kinder haben”

 

Früher wollte ich unbedingt mal in Australien leben, das hat sich inzwischen irgendwie erübrigt. In Hamburg gibt’s schließlich auch alles, was ich brauche. Ich wollte nie Kinder, bin allein und damit total happy. Sowas wie Langeweile kenne ich gar nicht. Du hast die Nord- und Ostsee direkt um die Ecke. Und wenn das Wetter gut ist, gehe ich mit Freunden an die Elbe oder in den Park. Dann gibt’s auch da Jägermeister, braunen Tequila oder Korn.

Nächste Woche fahr ich nach Dänemark zum Kiten und Wellenreiten – also wenn der Wind passt. Was willst du denn mehr? Und wenn die Kohle irgendwann mal nicht mehr reichen sollte, ziehe ich halt zurück in den Pott. Ansonsten bleib ich einfach hier. Es ist doch alles nicht so kompliziert.

Zu Hause in Hagen sagen wir immer: Wie es in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Sei einfach freundlich und offen, dann bekommst du genau das auch zurück. Das habe ich mir mitgenommen und das werde ich mir immer beibehalten. Egal ob in Hagen oder Hamburg.“


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Jens: „Alles was du besitzt, besitzt irgendwann dich”

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Jens begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Du selbst bist der wichtigste Mensch in deinem Leben. Das zu begreifen, hat etwas gedauert. Wahrscheinlich ist es mein einziges Talent, mich wirklich reflektieren zu können. Aber auch das musste ich lernen. Genau wie ich vor zwei Jahren lernen musste, plötzlich alleine klarzukommen. Wir waren zehn Jahre zusammen, haben einen Sohn, Bruno. Aber wir haben uns schließlich gesagt, es ist besser alleine glücklich zu werden als zusammen unglücklich.

Das war eine harte Zeit, aber ich glaube eh nicht ans Perfekte. Man darf auch mehrmals im Leben lieben. Es war schon die richtige Entscheidung, gerade wegen Bruno. Der bekommt ja alles mit. Wenn’s mir schlecht ging, kam er oft zu mir und wollte mich mit irgendwelchen Witzen oder Geschenken aufheitern.

Und damit hat er ja Recht, er ist jetzt neun und hat es verstanden. Ich sage ihm immer: Es ist egal was du machst, Hauptsache du wirst glücklich. Das klingt so spielerisch und naiv, aber mein Gott, darum geht es nun mal im Leben. Um nichts anderes. Nur Polizist oder Soldat darf er nicht werden, habe ich ihm gesagt. Alles andere liebend gerne. Und wenn er Balletttänzer werden will, kaufe ich ihm das Tutu.

 

„Du bist dein ganzes Leben lang nicht mehr alleine”

 

Ich besitze selbst wenig Materielles und bin damit sehr happy. Ich arbeite in der Livemusik-Branche, bin viel unterwegs und lebe minimalistisch, habe kein Auto, eine kleine Wohnung, ein Fahrrad und meinen Laptop. Das war’s. Alles was du besitzt, besitzt irgendwann dich. Ich selbst bin doch mein größter Wert, wie gesagt: Ich bin der wichtigste Mensch in meinem Leben. Genau wie du der wichtigste in deinem bist. Wenn ich nicht bei mir bin und glücklich bin, kann ich auch nicht für meinen Sohn da sein und dann geht’s ihm auch nicht gut.

Dass ich nicht trinke, nicht rauche, Sport mache und mich gesund ernähre, hat den ganz einfachen Grund, dass ich gesund sein muss. Für mich. Und damit für meinen Sohn. Ich habe ihm versprochen, dass ich zu seinem 60. Geburtstag komme.

Wenn ich an die Geburt zurückdenke, weiß ich noch, wie merkwürdig dieses Gefühl war. Du hast ein Kind auf dem Arm und denkst dir: Okay, kleiner Mann, du bist das also. Und dir wird klar, dass du dein ganzes Leben lang nicht mehr alleine sein wirst.

 

Bruno und Super Mario

 

Jetzt habe ich ständig so einen kleinen Kumpel dabei. Ich kann mit ihm mittlerweile über Jungssachen quatschen, er stellt schlaue Fragen, wir daddeln Mario Kart zusammen, nächste Woche macht er seinen Surfkurs und dann fahren wir gemeinsam nach Holland. Mütter haben ja häufig Angst davor, dass die Kinder größer werden und bald aus dem Haus sind. Ich hingegen finde die Vorstellung cool, mit ihm um die Häuser zu ziehen oder mit dem Wohnmobil durch Portugal zu fahren.

Er ist kein Baby mehr, was nur „Dudu“ und „Dada“ sagt, sondern ein richtiger Homie von mir. Hier, sieh mal, ich hab mir sogar seinen Namen auf den Oberschenkel tätowiert. Das ist seine Handschrift in Super-Mario-Farben. Das O in Bruno hat er selbst gestochen.“


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Caroline: „Läuft das jetzt noch zehn Jahre so weiter?“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Caroline begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Am Wochenende war ich mit ein paar Freunden das erste Mal wieder auf einem kleinen Festival. Wir waren mit meinem Bus unterwegs, den ich mir vor drei Monaten gekauft habe. Den musste ich erstmal entrosten, er ist noch überhaupt nicht ausgebaut, im Fußboden ist ein Loch und außer einem Teppich und einer Matratze ist da gar nichts drin. Aber trotzdem war es unheimlich schön.

Draußen schlafen, gemeinsam aufstehen, schwimmen gehen, zusammen kochen und abends auf einen kleinen Dancefloor im Wald: Es hat sich angefühlt wie aus einer anderen Zeit. Und auf einmal sitze ich am Montagmorgen wieder in der Bibliothek und schreibe Bachelorarbeit. Wenn ich könnte, würde ich sofort in meinen Bus steigen und Richtung Portugal fahren.

Oft habe ich das Gefühl, dass ich im Hier und Jetzt mit meinem Leben sehr gut bin, aber dass es nirgends drauf hinausläuft. Wenn ich dann versuche, mir einen Überblick zu verschaffen, kommen mir immer wieder die Gedanken: Läuft das jetzt noch zehn Jahre so weiter oder kommt da noch was? Und was kommt da überhaupt?

 

„Psychologen wissen gar nicht mehr”

 

Um einige Dinge besser zu verstehen, habe ich vor ein paar Jahren mit Psychologie angefangen. Ich wollte auch wissen, warum so vieles blöd zwischen uns Menschen läuft. Tatsächlich ist das Studium dann aber sehr viel theoretischer und wissenschaftlicher, als ich gedacht hatte. Gefällt mir aber auch. Ganz ehrlich, Psychologen wissen gar nicht so viel mehr über andere Menschen. Wir bekommen bloß Theorien als Handwerkszeug mit auf den Weg.

So genau weiß ich auch noch gar nicht, was ich letztendlich damit machen möchte. Ich glaube einfach, dass ich ein Bedürfnis habe, andere Menschen zu verstehen. Das ist so ein bisschen mein Antrieb.“


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Johannes: „So bin ich ständiger Zaungast des Lebens“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Johannes begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Ich saß mit meiner Frau in Tansania an einem gottverlassenen Bahnhof, etwa 100 Kilometer westlich von Dodoma, irgendwo mitten im Land und wir haben den ganzen Tag auf einen Zug gewartet. Es war völlig unklar, ob er kommt oder nicht. Mit uns zusammen hat dort ein Massai gesessen, der auch auf diesen Zug gewartet hat. Dieser Mann hat eine Ruhe ausgestrahlt, das habe ich noch nicht erlebt. Mit diesem Menschen, mit dem wir überhaupt keinen Kontakt hatten, zusammen auf einen Zug zu warten, ungewiss, ob er überhaupt kommt und dann zu sehen, dass man dabei total ruhig und zufrieden sein kann: Das fand ich sehr beeindruckend.

Ich bin viel durch Afrika und Asien gereist. Eigentlich ist es unerträglich, in was für einem Wohlstand wir hierzulande leben. Wir halten Menschen von der Migration nach Deutschland ab und sind gleichzeitig nicht bereit, unseren Wohlstand zumindest mal zu begrenzen. Es ist nicht zulässig, Mieten ins Unerlässliche steigen zu lassen und Gewinne ohne Ende zu privatisieren. Mir geht es dabei ja nicht darum, den Sozialismus einzuführen, sondern ganz einfach um Wohlstandsgrenzen.

Ich definiere mich zeitlebens über das Recht, lebe nach Prinzipien und Strukturen, die ich in meinem Juristendasein gelernt habe. Vielleicht hätte ich auch etwas anderes machen sollen, denke ich manchmal. Dann wäre ich heute aber auch jemand anderes. So habe ich mich nun mal für das Recht entschieden und bin seit gut 40 Jahren Anwalt. Ich habe darüber Menschen, Betriebe und Beziehungen kennengelernt. Denn ich liebe es zu suchen. Sucht man etwa nach Motiven, wird vieles nachvollziehbar. Ich sage es gerne so: Durch den Beruf bin ich ein ständiger Zaungast des Lebens.

 

„Nach 39 Jahren zieht man nicht mehr weg“

 

Inzwischen bin ich seit drei Jahren in Rente, arbeite aber immer noch nebenbei. Ansonsten verbringe ich viel Zeit auf unserer kleinen Datsche, etwas außerhalb von Hamburg auf einem kleinen Bauernhof. Die hatte ein völlig krummes Dach, aber ich habe da oben ein Zimmer ausgebaut mit allem Drum und Dran: neuer Dachstuhl, neue Dachgaube, Fenster eingesetzt, eine Treppe angebaut. Das war höchst kompliziert für einen, der das nicht gelernt hat, aber es war letztendlich erfüllend.

Wenn ich mit meiner Frau da draußen bin, die Schafe und Alpakas um uns herumrennen, und in dem Wissen bin, bald kann ich mit meinem Enkel Trecker fahren, ist alles, was hier in der Stadt passiert, vergessen. Seit 39 Jahren wohne ich in Eppendorf. Erst in einer Wohngemeinschaft, später mit meiner Frau, irgendwann mit unserer Tochter. Da zieht man nicht mehr weg.

Meine Tochter wohnt jetzt in der Neustadt im Gängeviertel, das ist eine ganz andere Atmosphäre als hier. Da riecht man morgens, dass es dem Stadtteil am Abend gut gegangen ist. Die Menschen stehen auf der Straße, trinken Kaffee zusammen, unterhalten sich. Mit unseren Bauern auf dem Land ist das genauso so. Man unterhält sich. Ganz anspruchslos, ganz normal, ohne gedankliche Tiraden.

In Eppendorf fehlt mir mitunter dieses Gefühl von Nachbarschaft. Dabei könnten wir alle mehr miteinander reden, auch einem Fremden mal einen freundlichen Blick schenken. Wenn ich dir eins mitgeben kann, dann genau hinzugucken, sich Zeit für andere Menschen zu nehmen. Manchmal urteilen wir zu schnell. Also: lieber zwei Mal hingucken. Und richtig zuhören.“


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Heike: „Das hat meinen Sohn und mich zusammengeschweißt“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Heike begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Wir sind zwar auch mal unterschiedlicher Meinung, aber er hat ein Talent, was den meisten Leuten abgeht. Mein Sohn sieht nicht bloß stur seine Meinung, sondern versucht auch die der anderen nachzuvollziehen. Er ist einfach sehr emphatisch. Ich glaube, das ist zum Teil ein Erfolg meiner Erziehung.

Dabei war es nicht immer einfach für uns beide. Ich habe mich von seinem Vater getrennt da war mein Sohn gerade vier. Der Vater ist dann irgendwann gestorben, das ist aber schon viele Jahre her. Damals musste ich ein Kind alleine großziehen. Ein Kind, das schwersterkrankt war an Neurodermitis. Heute glaube ich, dass meinen Sohn und mich das eng zusammengeschweißt hat. Wir haben beide diese Einstellung zum Leben, die auf Positivem fußt. Es wird schon alles gut.

 

Rente und Tischtennisspielen

 

Er lebt inzwischen in Kiel und studiert noch. Ich arbeite seit 39 Jahren als Versicherungskauffrau. Es gefällt mir noch immer, vor allem der Umgang mit Menschen. Und trotzdem freue ich mich auf die Rente, aufs Reisen, auf mehr Zeit. Ich denke, das wird mir gefallen. In meinen Augen ist Freizeit das höchste Gut. Für meine Freunde habe ich ständig viel zu wenig Zeit und auch das Reisen wird wesentlich entspannter.  Es gibt so viele schöne Gegenden in Deutschland, die ich noch nie gesehen habe, und vielleicht reise ich auch mal nach Afrika.

Bis dahin bleibt aber noch ein wenig Zeit. In etwa acht Jahre. Ich verbringe hoffentlich noch viel Zeit in dem kleinen Park, der direkt vor meiner Haustür liegt. Da kenne ich so viele nette Leute und wir spielen regelmäßig Tischtennis. Wenn ich aus dem Haus gehe, treffe ich sofort jemanden. Inzwischen hat sich eine soziale Gruppe entwickelt. Mittlerweile sind wir manchmal schon ein bisschen zu viele Leute an der Platte, aber dann sprechen wir uns eben ab. Rundlauf kommt dabei nicht in Frage. Das habe ich früher auch gespielt, aber heute fordert es mich nicht mehr genug. Ich will schließlich richtige Matches spielen.“


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Peppi: „Ich lebe seit 30 Jahren auf der Reeperbahn“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Peppi begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Mich kennt hier jeder. Ich lebe seit 30 Jahren auf der Reeperbahn. Ich habe gesehen, wie sie das Schmidt Theater neu gebaut haben, den Abriss vom Schwimmbad am Spielbudenplatz und wie die Esso Tankstelle verschwand. Ich habe das alles aus erster Reihe erlebt. Sogar die Polizisten kenne ich alle. Und sie mich. Ich glaube, ich bin ganz schön kompatibel, kann mich gut unterhalten. Mehr zwar nicht. Aber das reicht doch fürs Erste.

1969 bin ich geboren, meine Mutter hat mich 1971 an eine Adoptivfamilie abgegeben. Ich hatte Angst vor ihnen, weil sie mich geschlagen haben. Also bin ich abgehauen und auf der Straße gelandet. Meiner richtigen Mutter habe ich irgendwann verziehen. Meinen Adoptiveltern nie.

Das Leben auf der Straße ist okay, die Leute mögen mich. Momentan schlafe ich in der U3. Irgendwann kommt Hilfe. Das sage ich mir zwar seit einer Ewigkeit, aber ich glaube immer noch dran. Manchmal kam die Hilfe auch schon, aber dann habe ich wieder irgendeinen Fehler gemacht. Neulich hatte ich einen Job, da habe ich für “Zwischenstopp Straße” gearbeitet. Dann habe ich was getrunken, jetzt sitze ich wieder hier. Sie haben mir daraufhin Dante weggenommen, meine französische Bulldogge. Bevor ich Dante bekommen habe, hatte ich einen Hund, der 17 Jahre bei mir gelebt hat. Sie war meine beste Freundin, immer an meiner Seite. Bis sie vor ein paar Jahren eingeschläfert werden musste.

 

Mit zwei Shetland Ponys an der irischen Küste

 

Meinen ersten Hund habe ich 1978 bekommen, ich weiß es noch genau, das war der schönste Tag in meinem Leben. Er hieß Asta, ich war neun und Asta war mein erster wirklicher Freund. Zu der Zeit habe ich noch bei meinen Adoptiveltern im Sauerland gelebt. Ich war jeden Tag mit Asta im Wald und er hat mir ein Gefühl gegeben, als würde er mich in den Arm nehmen und sagen „Ey Peppi, es ist alles gut!“

Aber wirklich gut ist es nur dann, wenn ich träume. Dann stelle ich mir vor, zwei Shetland Ponys zu haben und mit ihnen an der irischen Küste zu leben. Eins links, eins rechts und ich liege dazwischen im Gras. Mehr möchte ich gar nicht. Ich würde keinen Menschen vermissen, denn ganz ehrlich: Ich mag sie nicht. Es gibt tolle Menschen, aber ich kann mit ihnen nicht umgehen. Bei mir wurde eine posttraumatische Belastungsstörung festgestellt. Und obwohl ich mitten auf der Reeperbahn sitze, mich die Leute alle kennen, meine Brüder und Schwestern mich in den Arm nehmen, habe ich eine unheimliche Angst vor ihnen. Ich weiß, dass das paradox ist, aber ich habe so eine Angst vor Gewalt, das kannst du dir gar nicht vorstellen.

Dabei weiß ich ja eigentlich, dass mir keiner etwas tut. Ich tue ja auch keinem etwas. Vor mir braucht keiner Angst zu haben. Auch wenn das manche haben, weil ich so groß bin und vielleicht manchmal auch ein bisschen komisch. Die meisten wissen aber, wie nett ich bin. Deswegen akzeptieren sie mich. Wollen wir noch eine rauchen, bevor du gehst?”


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Anne: „Die Mitte von Konsequenz und Liebe finden“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Anne begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Man sagt ja immer, wenn man die Erfahrung und das Wissen von heute schon ein paar Jahre früher gehabt hätte, dann würde man vieles anders machen. Bei mir ist es ähnlich. Wahrscheinlich hätte ich einige Dinge anders gemacht, gerade in der Erziehung meiner Kinder.

Ich bin sieben Jahre nach Kriegsende geboren, damals bekam ich eine Obrigkeitshörigkeit mit auf den Weg. Dinge wie Ordentlichkeit, Pünktlichkeit, Normalität waren entscheidend. Aber was heißt das denn? Ich habe das erst Jahre später genauer hinterfragt. Als meine Tochter geboren wurde, war ich Ende 20, da kam gerade das “Summerhill”-Modell heraus, die Idee einer antiautoritären Erziehung. Für mich bestand die Aufgabe darin, zwischen Autorität und Antiautorität einen guten Grad zu finden. Die Mitte von Konsequenz und Liebe zu finden. Leider habe ich das nie richtig hingekriegt. Dieses Obrigkeitsgehörige ist ganz stark in mir verwurzelt, ich habe als junge Mutter versucht dagegen anzukämpfen und tue es auch im Alter noch.

Heute ist das Verhältnis zu meiner Tochter sehr gut. Sie lebt mit ihrem Mann und meinem Enkel an der Ostsee. Mein Sohn ist vor drei Jahren gestorben. Er wurde 27.

Ich glaube, ich besitze die Gabe, mich aus Situationen herauszumanövrieren. Diese Zeit war schlimm, aber ich habe sie irgendwie überstanden. Auch weil ich viel gearbeitet habe und weil ich Menschen auf meiner Arbeit Gutes tue und ich mir im Gegenzug genauso. Ich bin Pflegehelferin.

 

Es sind die Berge, nicht die See

 

Ab Januar möchte ich aber erst einmal Pause von allem machen. Meine Schwester lebt in Spanien, unterhalb von Alicante. Dort will ich sie gerne ein paar Monate besuchen, weg von der Arbeit, von Hamburg, von der Familie und einfach mal für mich selbst da sein.

Ich war schon ein paar Mal in Spanien, auch mal in Thailand und in der Türkei. Am besten hat es mir aber tatsächlich im Schwarzwald gefallen. Da hatte ich so ein Gefühl, das ich erst im fortgeschrittenen Alter gespürt habe: Ich bin gar nicht so der See-Typ, obwohl ich aus Hamburg komme, sondern es sind die Berge, die ich noch viel toller finde.

Wenn Herz und Bauch im Einklang sind, dann ist es das richtige Gefühl. Ich habe gelernt, dass im Leben Wendungen kommen, dass man sich aber immer treu bleiben muss, nicht nach dem Wind gehen muss und auch nicht schauen muss, was der und der redet. Meine Erfahrungen und mein Wissen aus 69 Lebensjahren haben mich letztendlich gelehrt: Wenn ich Schuhe brauche und da fünf Paar Schuhe zur Auswahl stehen, dann kaufe ich das Paar, bei dem ich zuerst ein gutes Gefühl spüre.“


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Tim: „Wir haben gekündigt und zwei One-Way-Tickets gebucht”

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Tim begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Wir waren beide super frustriert von unseren Jobs, haben keinen Bock mehr gehabt und gedacht: Wie geil wäre es, wenn wir einfach in den Flieger steigen und am anderen Ende der Welt wieder aussteigen?! Beide jung, ungebunden, haben keine krasse Verantwortung daheim. Also: Wenn, dann jetzt! Zwei Tage später habe ich gekündigt, drei Tage später hat mein Kumpel gekündigt, wir haben all unser Erspartes in die Rucksäcke gesteckt und zwei One-Way-Tickets nach Bangkok gebucht.

Vielleicht war das ein Anflug einer Midlife-Crisis, aber so haben wir 2016 eben sechs Monate in Südostasien verbracht – ohne danach irgendetwas Neues in der Hand zu haben. Das war schon ‘ne coole Zeit. Aber ganz ehrlich, jetzt ist auch ‘ne coole Zeit. Ich bin seit drei Jahren in Hamburg, mache gerade eine Weiterbildung zum Online-Marketing-Manager, das gibt mir viel Zeit, wenig Sorgen und ich kann hier am Altonaer Balkon sitzen und diesen Frühling – oder was das darstellen soll – genießen.

Das Leben hier in Hamburg ist das komplette Gegenteil von dem, wie ich groß geworden bin. Ich komme ursprünglich vom Bodensee, aus einem 1200-Seelen-Dorf mit einer Stunde Fahrt zur nächsten größeren Stadt. Keine Frage, so ein Landleben ist schön. Ich hatte eine sehr behütete Kindheit in einem gesettelten Umfeld. Die Freunde aus Kindheitstagen sind noch immer meine engsten. Manche von ihnen sind dorthin zurückgegangen und leben mit ihren eigenen Familien nun wieder da, wo wir aufgewachsen sind.

 

„Ich bewundere meine Eltern“

 

Mich hat es irgendwann aber nicht mehr erfüllt, dort unten zu leben. Wenn ich noch einmal vor der Entscheidung stünde, würde ich vielleicht ein paar Jahre eher nach Hamburg gehen. Insgesamt habe ich jetzt acht Jahre als Ingenieur im Vertrieb gearbeitet, bereuen tue ich es nicht, denn der Job hat mich in die schönste Stadt der Welt gebracht. Aber es war bisher eben nur Arbeit und keine Leidenschaft. Das habe ich 50 Stunden die Woche gemacht und dann geguckt, dass ich die zwei, drei Stunden Feierabend so gestalte, dass sich der Tag doch noch zum Positiven wendet. Das möchte ich gerne ändern und stelle mich neu auf, damit ich künftig einen Job mache, der mich komplett erfüllt.

Ich bewundere viele meiner Freunde für das, was sie erreicht haben. Auch meine Eltern bewundere ich dafür, dass sie seit einer Ewigkeit zusammen sind. Gleichzeitig kann ich mich selbst gut einschätzen und weiß, dass ich auch stolz auf mich sein kann. Ich habe gelernt, dass ich mich an niemandes Glück messen muss, außer an meinem eigenen.“


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Johannes: „Ich spiele nicht durch, was in der Zukunft passiert”

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Johannes begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„In gewisser Weise ist das Leben in Episoden eingeteilt. Ich habe so ein paar Stationen durchlaufen, die grundverschieden waren, daher fühlt sich das für mich teilweise so an. Ich bin in Wiesbaden geboren, aber habe die meiste Zeit in Köln gelebt, meine Eltern sind dann irgendwann nach Münster gezogen, ich habe meinen Bachelor in Textil- und Bekleidungsmanagement gemacht, bin dann 2009 für den BWL-Master nach Hamburg gekommen, war eine Zeit in Kopenhagen, dann in Bayern. Inzwischen arbeite ich als Webentwickler. Und alles hat so seine Vor- und Nachteile. Missen möchte ich nichts davon. Und wer weiß, vielleicht ist die nächste Episode eine Familie zu gründen.

Aber so konkret spiele ich das gar nicht durch, was in der Zukunft passiert. Ich bin Quereinsteiger, daher versuche ich mich gerade im Job zu festigen, Corona endlich mal hinter mich zu bringen und was danach ansteht, wird man sehen. Heute Abend gibt’s erst mal was Leckeres zu essen. Aber nicht mal dafür habe ich wirklich einen Plan im Kopf. Gestern gab’s Spargel, vielleicht geht das heute noch mal in die Richtung. Mal sehen.

 

„Dann hält das Glück auch länger an“

 

Du kannst eh wenig erzwingen und solltest dir eine gewisse Leichtigkeit beibehalten, auch mal spontan entscheiden. Das heißt nicht, dass man nicht auch mal reflektieren sollte, um zu schauen, was man in der Vergangenheit hätte anders machen können. Das geht dann schon in Richtung Selbstoptimierung. Ist ja auch ein angesagtes Thema.

Einen Selbstoptimierungstipp habe ich sogar: Koch dir heute Abend mal was Leckeres! Was das ausmacht, unterschätzen viele Leute. Ganz ehrlich: Man kann beim Kochen so vieles rausholen. Ich war heute wieder den ganzen Tag mit dem Kopf zugange und beim Kochen kannst du dich ausleben, du kannst es teilen und am Ende tust du dir selbst auch noch was Gutes. Ich finde das eine feine Sache. Ah, und noch einen Tipp: Iss nicht so schnell, dann hält das Glück auch länger an.“


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Margot: „Ich lag zehn Tage im Koma”

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Margot begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Mütter und Söhne: Das sind schöne Beziehungen, aber sie sind auch kompliziert. Ich habe selbst zwei und gerade mit dem Ersten hat es seine Zeit gebraucht, bis wir unsere Positionen zurechtgerückt hatten. Ich wollte lange zu sehr eine Art Freundin für ihn sein anstatt Mutter. Er ist mir sehr nachgeschlagen, genauso neugierig, umtriebig. Da gab es immer schon so viele Parallelen, die sich eben gekebbelt haben. Hinzu kam, dass ich erst 19 war, als ich ihn bekommen habe. Mein Leben war damals mit vielen Unsicherheiten verbunden.

Heute bin ich selbst meine größte Sicherheit. Ich habe gelernt, mich auf mich selbst zu verlassen. Das hat maßgeblich mit einem Erlebnis zu tun: Vor acht Jahren hatte ich eine schwere Lungenentzündung, es ist Wasser ins Herzen und in die Lunge gelangt. Ich lag zehn Tage im Koma, aber erinnere mich sehr genau an diese Zeit. Vielleicht hört es sich komisch an, aber ich war mir der Situation bewusst und musste mich entscheiden, ob ich gehe oder bleibe. Da waren aalglatte Wände um mich herum und ich musste es schaffen, sie hochzukrabbeln, um aus dem Dunkeln zu kommen.

Als ich dann aufgewacht bin, ist ein Schalter umgeklappt. Seitdem lebe ich anders, bewusster und ich sehe in jedem Tag etwas Schönes. Auch habe ich verstanden, dass das Sterben zum Leben gehört. Ich kann offen drüber sprechen, ich habe die Angst davor überwunden. Wenn man so will, bin ich ein weiser Mensch geworden. Das ist das Schöne am Älterwerden. Es ist nichts für Feiglinge, aber wenn man seine Erfahrungen zu schätzen lernt, ist das wirklich befreiend.

 

„Woher nimmst du die Hoffnung?”

 

Bekannte von mir sagen immer: ‚Margot, du hast immer so große Hoffnung, wo nimmst du die her?‘ Es ist wahr. Auch dass ich krank geworden bin, sehe ich heute als Möglichkeit. Es hat mich darauf stoßen lassen, Menschen anders anzugehen, meine Ernährung umzustellen, keinen Alkohol mehr zu trinken und emphatischer zu werden.

Vor zehn Jahren habe ich meinen Wunschtraum wahr gemacht: Ich bin nach Hamburg gezogen. Und wenn Corona überwunden ist, erfülle ich mir meinen nächsten Wunschtraum und gehe nach Griechenland. Dort gibt es eine kleine Insel: Sifnos. Sie ist sehr untouristisch, ein paar Fährenstunden von Athen entfernt. Irgendetwas ruft mich da. Ich begegne diesem Ort seit einiger Zeit immer wieder in Büchern, in Filmen oder im Völkerkundemuseum. Am liebsten würde ich für drei Monate bleiben, vielleicht aber auch nur 14 Tage. Hauptsache, ich finde heraus, warum sie mich so anzieht. Diese Neugier habe ich mir als weiser gewordener Mensch auf jeden Fall beibehalten.

Und wenn mir heute etwas passieren würde, ich müsste sterben, dann könnte ich mit aller Ernsthaftigkeit sagen: Was habe ich für ein tolles, spannendes Leben gehabt. Auch wenn es nicht immer leicht war. Aber deshalb kann ich hier auch so gemütlich auf der Treppe sitzen, kann meinen Kaffee und die Sonne genießen.”


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