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Naseri: „Mein Sohn kennt mich nicht“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Naseri begegnet.

Interview & Text: Max Nölke

 

„Ich war kein normaler Mensch in Afghanistan, ich war Soldat. Ich habe dort gegen die Taliban gekämpft. Mit Anfang 20 bin ich in ein Camp in Pakistan gekommen, in dem wir ausgebildet wurden. Da ging es im Wechsel: eine Woche in den Kampf, eine Woche Training. Wenn du Pech hattest, bist du nicht wieder ins Camp zurückgekehrt. Was es so schwierig im Krieg macht, ist, dass du nicht erkennst, wer dein Feind ist. Da kommt ein junger Typ, der aussieht wie ich, mit der gleichen Kultur, trägt die gleichen Klamotten und auf einmal schlägt er zu. Es sind so viele Freunde um mich herum gestorben, dass wir sie irgendwann nicht mal mehr beerdigt haben, weil die Bomben ihre Körper zerfetzt haben. ((42 Menschen habe ich erschossen. 42! Das macht deinen Kopf kaputt.)) ((Ich bin neun Monate lang mit einem Maschinengewehr von den Amerikanern herumgelaufen. Das macht dich kaputt.))

Vor fünf Jahren bin ich geflohen. Meine Mama hatte ihren Goldschmuck verkauft und dadurch 12.000 Dollar zusammenbekommen. Das hat sie mir für die Flucht gegeben. Mit 30 anderen Menschen bin ich in den Iran gegangen, von dort in die Türkei und über Bulgarien und Serbien nach Hamburg gekommen. Mit 12.000 Dollar hätte ich in Afghanistan alles machen können – stattdessen bin ich hier.

 

Ich will nach Hause

 

Es ist eine verrückte Welt. Heute arbeite ich als Abspüler in einem Restaurant. Vielleicht werde ich demnächst Pakete ausliefern oder als Securityguard arbeiten. Im Januar ziehe ich endlich in eine neue Wohnung in Barmbek. Und ich bete zu Gott, dass ich meine Aufenthaltsberechtigung bekomme. Dann kann ich meine Frau und meinen Sohn hierherholen. Er ist jetzt sieben Jahre alt und kennt mich nicht. Vielleicht kann er ja Ingenieur oder Arzt werden.

Was ich in Deutschland gelernt habe, ist, die Dinge nicht zu schwer zu nehmen. Hier sagen die Menschen immer: ‘Stück bei Stück.’ Und dann wird schon alles gut. Ich liebe die Leute hier. Die meisten waren sehr, sehr nett zu mir, das werde ich nie vergessen. Und keiner soll denken, wir wären hier, um Urlaub zu machen. Glaube mir, niemand von uns Afghanen wollte sein Land verlassen. Ich habe ein Haus in Kabul, eine Familie, Freunde, doch ich habe mein Leben dort aufgegeben und bin hier, weil ich überleben wollte.

Ich hatte viele Jahre ein richtiges Scheißleben, heute bin glücklich. Hamburg ist wunderschön, aber irgendwann will ich zurück nach Hause, in ein sicheres Afghanistan.”


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Lucie: „Ist es ethisch vertretbar, ein Kind in diese Welt zu setzen?“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Lucie begegnet.

Interview & Text: Max Nölke

 

“Die Menschheit merkt glaube ich gerade, dass sie vulnerabler ist, als sie vielleicht dachte. Es gibt dieses Virus und das ist größer als wir und niemand kann ihm trotzen. Ich bin Ärztin und würde gerade gerne auf den Stationen helfen. Allerdings bin ich in Elternzeit.

Man sagt oft über Wissenschaftler, dass sie vieles rationaler betrachten und in der Regel nicht so emotional an Dinge herangehen. Daher finde ich die Frage berechtigt, ob man in diese Welt, derer Gefahren man sich als Mediziner noch eher bewusst ist, noch ein Kind setzen soll. Ist das ethisch vertretbar? Oder ist es nicht egoistisch bei der Überbevölkerung, der Flüchtlingswellen und all der Probleme auf der Erde? Und sollte man nicht lieber ein Kind adoptieren, um ihm ein schöneres Leben zu schenken?

Aber letzten Endes komme ich immer bei derselben Antwort heraus: Für mich besteht der Sinn des Lebens darin, sich fortzupflanzen. Meinen Mann habe ich im ersten Semester kennengelernt. Beim Sezieren einer Leiche. Jetzt ist unsere zweite Tochter geboren und es ist das Schönste im Leben. Alles verschiebt sich, wenn ein Mensch in dir wächst. Man wird emotionaler, weicher und hat mehr Verständnis für Dinge, die man vorher nicht erkannt hat.

 

Die kleinen Oasen schaffen

 

Früher war ich härter, hatte meine Meinung, die mitunter sehr kategorisch war. Ich habe quasi Schubladen zugemacht. Mittlerweile sind die Schubladen auf, weil ich gelernt habe, dass der andere manches einfach besser weiß als du. Das lernst du aber nur, wenn du redest. Mir hat reden aus vielen Situationen geholfen. Sieh mal, wie viel ich jetzt schon wieder geredet habe.

Ich telefoniere jeden Tag mit meiner Schwester, meiner Mama und meiner Oma. Meist nur ganz kurz: ‚Was macht ihr? Alles gut? Ja. Ok. Ciao.‘ Und dann weiß ich, dass niemand von uns alleine ist.

Man muss sich eben seine kleinen Oasen schaffen. Ich freu mich über meinen täglichen Spaziergang durch den Stadtpark, den Wind, den Sonnenschein und dass meine Kinder gesund sind. Ich freue mich, nächstes Jahr wieder zu arbeiten, auf gutes Essen und guten Wein. Wenn ich abgestillt habe, dann setze ich mich abends hin, schenke mir ein großes Glas ein und trinke es aus. Und zwar endlich mal wieder komplett.”


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Jürgen: „Wir leben einen Angstporno“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten

Interview & Text: Max Nölke

 

„Wenn uns dieses Jahr eines gelehrt hat, dann, dass man jahrelang planen und alles richtig machen kann, innerhalb kürzester Zeit kann aber auch alles einstürzen. Ich hätte gerne gute Ratschläge, aber im Endeffekt bringen sie einen nicht weit. Die Zukunft ist so dermaßen ungewiss. Jeden Tag starten wir von vorne.

Angst braucht man davor aber nicht haben. Wenn ich mich so umschaue, herrscht viel zu viel Geschrei und Drama in diesen Zeiten, alles wirkt hysterisch, ja fast als würden wir einen Angstporno leben.

Die Medien rufen tagtäglich zu einer neuen Apokalypse aus, über Social Media entstehen neue Dynamiken und Emotionen, was die Nachrichtenlage angeht – das ist alles nicht gesund. Dabei mache ich mir weniger Sorgen wegen des Virus, Donald Trump oder anderer Themen. Es ist vielmehr die Polarisierung, die mich besorgt. Es gibt die Wutbürger und die Gutbürger. Und was ist dazwischen? Die Mitte, die alles etwas entspannter und realistischer sieht, die Leute, die die Bedrohungslage einschätzen und mit denen man reden kann? Ich habe im Gefühl, sie schwindet.

Gut, das Jahr war scheiße, auch für mich. Ich bin selbstständig, arbeite als Grafiker – aber ich arbeite. Meine Tochter findet keinen Studienplatz, weil alles überfüllt ist – dann eben nächstes Jahr. Irgendwann sind meine Kinder aus dem Haus – aber noch habe ich sie bei mir. Es ist doch alles gut. Warum soll ich mich jetzt aufregen? Weiter geht es eh immer.

Man kann in diesen Zeiten Fatalist werden oder das Beste draus machen. Die Hauptsache ist, dass man aktiv bleibt. Auch in meinem Alter noch. Am Ball bleiben, jeden Tag lernen, Veränderung voranbringen und sich weiterbilden. Aber vor allem: entspannt bleiben.

Manchmal hilft da auch einfach, einen guten Kaffee in der Schanze zu trinken und die letzten Sonnenstrahlen abzugreifen bevor der Schmuddelwinter kommt. Und dann haben wir es doch alle geschafft: Dann beginnt ein neues Jahr.“


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Rosi: „Mit 19 stand ich das erste Mal hinterm Tresen“

„Was willste denn ne 80-jährige Frau fragen, was die sich noch wünscht? Gar nichts. Ich habe doch alles. Meine Kneipe, meine Mädels hinter der Theke, schöne Klamotten. Die schicken Stiefel kann ich bestimmt auch noch fünf Jahre tragen und den Mantel habe ich von meinem Sohn geschenkt bekommen. Da musste ich nur die Knopfleiste versetzen. Sieht toll aus, oder?

1941 bin ich geboren, meine Mutter ist 1947 gestorben. Mein Vater war Kneipenwirt auf St. Pauli, da gab es für mich und meine beiden Schwestern kein Püppi und Prinzessin. Ich habe es mir mein Leben lang zwar nie einfach gemacht, immer aus dem Bauch entschieden und auch Fehler zwei Mal gemacht. Aber ich sage immer: ‚Wer die Scheiße von der Straße nicht gefressen hat, weiß auch nicht, wie sie schmeckt‘.

Mit 19 stand ich das erste Mal hinterm Tresen, damals noch im Kaiserkeller, dann im Star Club. Erst 1969 bin ich dann in Papas Laden gekommen. Damals hieß der noch „Zu den drei Hufeisen“ – inoffiziell heißt er immer noch so – aber den ganzen Engländern auf dem Kiez war das zu kompliziert, die haben immer nur gefragt: ‚Where is Rosi’s Bar?‘ und naja, seitdem steht‘s außen dran.

Als Barfrau warst du in den Sechzigern und Siebzigern die erste Anlaufstelle der ganzen Musiker. Die kamen an den Tresen, wollten dich abchecken, ein bisschen Kontakte knüpfen – so habe ich auch meinen Mann Tony Sheridan kennengelernt, den Matador der Hamburger Musikszene. Ich sage dir, ohne ihn hätte es die Beatles nie gegeben. Paul McCartney sagt heute noch, Tony sei der Teacher gewesen, mit dem alles anfing. Ein halbes Jahr haben die Beatles mit Tony im ehemaligen Top Ten Club gespielt. Wir haben damals zusammen unter einem Dach gewohnt: Hier haben Tony und ich, da Pete Best, da John Lennon, da George Harrison und gegenüber Paul McCartney geschlafen. Stuart Sudcliffe hat bei Astrid in Eimsbüttel gepennt. Was für eine Zeit!

Heute bin ich die Einzige, die aus diesen Tagen noch lebt. Meine beiden Schwestern sind früh gestorben, Tony ist tot. Und auch mein Sohn ist vor zwei Jahren viel zu jung verstorben. Ich sage zwar immer, ich vermisse nichts, aber so einfach ist es nicht. Natürlich vermisse ich meine Geschwister, die Gespräche, meine Blues- und Boogie-Connection, meine Eltern, Tony und meinen Sohn. Ich könnte die Elbe rauf und runter weinen, wenn ich an Ricky denke. Er war ein wunderschöner Typ mit einem feinen Charakter, viele haben ihn geliebt, er hat immer diese gestreiften Shirts getragen. Aber es ändert ja nichts daran, dass er weg ist. Man kann sich sentimental in so etwas hineinstürzen, aber so bin ich nicht. Wenn jemand nicht mehr lebt, kannst du dem Verlust nachjammern oder du erinnerst dich an ihn und sagst ‚Wow, war das ein toller Kerl‘. Tomorrow is another day. Boogie und Blues war ne schöne Zeit. Aber weißt du was? Heute ist auch ne schöne Zeit.”

/ Max Nölke


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Sayed: „Ich habe sie zum ersten Mal am Tag unserer Verlobung gesehen“

„Zu Hause spreche ich Persisch. Obwohl meine Frau seit 20 Jahren in Hamburg ist, hier zur Schule gegangen ist, studiert hat und unsere Kinder hier geboren sind. Ich bin erst vor drei Jahren nach Hamburg gekommen, Amin schon vor neun. Er ist mein einziger Freund hier, und der einzige, mit dem ich Deutsch spreche. Daher ist meins leider nicht so gut wie seins. Aber wenn wir es von Afghanistan bis hier geschafft haben, schaffen wir den Rest auch, nicht wahr?

Wir haben von unserer Heimat nur Krieg gesehen. Und trotzdem lieben wir sie. Jeden Tag vermisse ich mein Zuhause, meine Freunde, meine Familie. Gleichzeitig weiß ich: Nirgends auf der Welt ist es besser als in Deutschland. Hier habe ich meine Frau und meine Kinder.

Bei uns Afghanen ist es üblich, dass wir Ehen mit entfernten Verwandten schließen. Ich habe meine Frau zum ersten Mal am Tag unserer Verlobung gesehen, vorher nur über Skype. Zwei Jahre später haben wir in Afghanistan geheiratet, richtig kennengelernt habe ich sie erst hier. In Hamburg.

Das mag für euch seltsam klingen, aber für uns ist es normal schon mit Anfang 20 zu heiraten. Wir dürfen nämlich keine lockeren Partnerschaften führen. Unsere Religion verbietet es uns. Seit einigen Jahren gibt es sogar ein Gesetz in Afghanistan, das es Männern erlaubt, vier Frauen gleichzeitigzu haben. Absurd, oder? Aber so ist das mit Gesetzesreligionen in muslimischen Ländern. Das Gesetz ist quasi eins mit dem Koran.

Ich will jedenfalls keine zweite Frau. Wallah, ich liebe meine sehr, von Tag zu Tag mehr. Und jetzt, da die Kinder da sind, haben wir eine endlose Zukunft. Weißt du, ich bin davon überzeugt, dass es zwei Welten gibt. Die, bevor du Kinder hast. Da bist du ein Junge, der alles hat, eine eigene Welt. Du kannst Mist machen, mit Freunden in die Disco gehen und so weiter. Dann bekommst du ein Kind und alles ist vorbei.

Und dann beginnt das Paradies.“

/ Max Nölke


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Kinnari: „Ich bin für ihn nach China gezogen“

„Treffen sich eine Inderin und ein Österreicher in China und heiraten – so klingt meine Lovestory. Verrückt, oder? Es war eine dieser Meant-to-be-Situationen. Und es klingt zwar ziemlich cheesy, aber wenn zwei Menschen füreinander bestimmt sind, dann ist es super einfach. Es gibt keine komplizierten Spielchen. Du fragst dich nicht: Soll ich ihm jetzt schreiben oder nicht? Auch die Entfernung spielt keine Rolle, weil du immer eine Lösung finden wirst, damit es funktioniert. Daher bin ich vor zehn Jahren für ihn nach China gezogen.

Ich komme ursprünglich aus Mumbai, lebe aber seit gut 20 Jahren schon nicht mehr dort. Trotzdem wird das immer mein zu Hause sein. Ich könnte aber nie nur an einem Ort der Welt leben. Meine Mama sagt immer, ich würde das Leben zu sehr komplizieren. Dabei will ich einfach die ganze Komplexität des Lebens kennenlernen und es immer spannend halten.

Mein Mann und ich haben uns jetzt entschieden, China zurückzulassen, wir wollen etwas Neues machen. Daher bin ich gerade in Hamburg, weil wir vielleicht hierherziehen. Ich liebe die Stadt, die Architektur ist wunderschön, die Menschen akzeptieren dich, alles ist international.

Es ist nicht so, dass ich keine Sorgen davor habe, hierherzuziehen und mein Leben wieder einmal umzukrempeln. Aber ich habe gelernt, dass meine Sorgen auch immer bedeuten, dass etwas Aufregendes in meinem Leben passiert. Und danach lebe ich. Daher ist Sorge meist mit positiven Dingen verbunden.“

/ Max Nölke


Cover_SZ1020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2020. Das Magazin ist seit dem 27. September 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Daniel: „Ich lasse mir von dieser Scheiße nicht mein Leben kaputtmachen“

„Retinitis pigmentosa. Simpel erklärt, bedeutet das, deine Sehsinneszellensterben sukzessiv ab. Bis zu meinem 18. Lebensjahr hatte ich ein Sehvermögen von 20 Prozent. Das hört sich wenig an, ist aber noch eine ganze Menge. Damals konnte ich noch Fahrrad fahren und inlineskaten. Heute habe ich auf beiden Augen das zentrale Sehen verloren, ich sehe nur noch peripher. Um Dinge zu erkennen, muss ich also die Augen hochrollen, weil ich quasi nur noch über den Rand des Gesichtsfeldes sehe. Der natürliche Krankheitsverlauf sieht vor, dass ich irgendwann komplett erblinden werde.

Die Momente sind selten, aber es gibt sie, an denen ich denke, es ist traurig, dass es mich getroffen hat oder, dass ich dieses und jenes nicht mehr machen kann. Logischerweise sind da tausend Sachen, die ich vermisse, aber eigentlich verbiete ich mir diese Gedanken. Ich kann es ja eh nicht ändern. Ich habe gelernt, dass es unheimlich vieles gibt, das auch ohne Augen funktioniert. Ich schreibe, mache Podcast und produziere Musik. Früher war ich stinkfaul, habe wenig gelesen, mich nicht so sehr fürdas Weltgeschehen interessiert wie ich es heute tue. Weil irgendwann viele meiner Hobbys weggefallen sind, lese ich heute viel mehr. Gut, ich lasse mir das meiste über Sprachausgaben vorlesen. Aber das zählt als lesen, finde ich. Den Großteil meiner Bildung habe ich auf den Metern gemacht, nachdem meine Augen mich im Stich gelassen haben.

Als die Krankheit schlimmer wurde, habe ich schnell klargestellt: Ich lasse mir von der Scheiße nicht mein Leben kaputtmachen. Also habe ich sofort die Blindenschrift gelernt und mir Skills antrainiert, die mich – soweit das möglich ist – normal weiterleben lassen. Das Schwierigste war dabei die Sache mit dem Stolz. Zu Bachelor-Zeiten habe ich den Leuten teilweise gar nichts erzählt von meiner Sehbehinderung, man sieht es mir auf den ersten Blick auch gar nicht an. Dann dachten die sich: Das ist dieser Weirdo, mit dem irgendetwas nicht stimmt, was genau es ist, wusste aber keiner. Bis vor einem Jahr kam es für mich auch nicht infrage, mit Blindenstock herumzulaufen. Ich wollte mich nicht so fühlen, als wäre ich auf einen Stock angewiesen. Jetzt ist es normal, weil, nun ja, ich bin es ja auch.

Obendrein sensibilisiert es die Leute um mich herum, wenn sie mich mit Stock sehen. Jeder weiß sofort, woran er bei mir ist. Manchmal vergessen die Leute aber, dass blinde Menschen keine dummen Menschen sind. Keiner muss laut und deutlich mit mir reden. Bei mir ist alles intakt. Nur halt meine Augen nicht. Daher soll auch jeder checken, dass er mich ruhig anfassen und über die Straße, an der Baustelle vorbei oder in den Supermarkt geleiten darf. Ich erwarte das nicht, weil sich ja jeder seinem eigenen Kosmos angemessen verhält. Und in diesem Kosmos ist man im Normalfall eben nicht blind. Aber es ist jedes Mal schön, wenn man den Blick für mich hat. Eigentlich will ich gar nicht mehr, als dass man mir auf Augenhöhe begegnet. Und auch für einen Blinden-Witz bin ich immer zu haben. Wenn er gut ist.“

/ Max Nölke


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Jakob: „Wir rennen Problemen hinterher“

„Das Bild ist etwas abgedroschen, aber stell dir mal einen Löwen vor, der in einem Käfig lebt. Dem geht’s gut, er kriegt Futter, wird umsorgt und lebt passabel vor sich hin. Guckt er aber raus, wird er traurig, weil da so viel mehr ist. So habe ich mich jahrelang gefühlt. Ich war festangestellt, hab jeden Tag im Büro gesessen, gutes Geld verdient, aber irgendwann bin ich beinahe durchgedreht und musste raus. Das hatte schon Anflüge einer Depression. Dann habe ich meinen Koffer gepackt und bin zwei Jahre gereist, war in Afrika, Japan, Südkorea, Kambodscha, Italien und Österreich. Ich glaube, ich weiß seitdem, worauf es wirklich ankommt.

Natürlich brauchst du Geld, um dein Leben vernünftig leben zu können. Aber nicht, weil du dir damit dein Netflix-Abo oder ein Auto leisten kannst. Sondern weil Geld Zeit bedeutet. Und Zeit bedeutet Leben. Wenn ich Geld habe, ist das für mich die Möglichkeit, meine Zeit gut zu nutzen, zu verreisen und schöne Dinge zu erleben.

Seitdem ich im März von meiner Reise zurückgekommen bin, arbeite ich wieder in Festanstellung. Und das ist okay so. Meine Freundin und ich haben geplant, noch eineinhalb Jahre richtig zu ackern und dann nach Afrika zu reisen, um dort eine Zeit zu leben. Da ist das Leben so viel einfacher, obwohl es so viel schwieriger ist. Das klingt paradox, ne? Es ist aber so. Wir rennen hier Problemen hinterher und wenn wir keine haben, dann suchen wir uns welche, weil alles immer perfekt sein muss. Ich denke mir auch, es geht immer noch ein Stückchen besser. Und in Afrika sind die Menschen glücklich mit dem, was sie haben und nicht unglücklich wegen dem, was sie nicht haben.

Die Menschen dort teilen ihre Freude. Hier bei uns teilt niemand etwas. Versuch mal, dir das Fahrrad deines Nachbarn zu leihen – der guckt dich dumm an. Ganz ehrlich: Es ist nicht besser, alles zu haben.

Wie du merkst, habe ich einen krassen Prozess hinter mir und unheimlich viel über mich gelernt. Du kannst Geld natürlich in Aktien investieren, kannst es aber auch in dich selbst investieren und reisen gehen – so wie ich. Dieses Erlebnis sich 35 Stunden in ein Flugzeug zu setzen, irgendwo hinzufliegen, dort auszusteigen und alles um dich herum ist neu: Das kann dir keiner nehmen. Ich könnte heute meinen Koffer packen und wieder abhauen.

Aber erstmal möchte ich mehr Zeit mit meiner Familie verbringen. Das habe ich in der Vergangenheit ziemlich schleifen lassen, habe nur gearbeitet, war ständig genervt von meiner Familie und habe irgendwie immer Streit gesucht. Mittlerweile bin ich gechillter und weiß, wie dumm das alles war.“

/ Max Nölke


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Mala: „Es ist doch cool, anders zu sein“

„Wenn mich jemand fragt, wo ich herkomme, sag ich, ich bin zugezogen. Aus Niedersachsen. Und dann kommt oft sowas wie: ‘Nee, ich meine das andere.’ Das andere – also meine Wurzeln. Meistens stört mich die Frage nicht. Gleichwohl gibt es Situationen, in denen nehme ich das durchaus als rassistisch wahr. Aber verbal bekomme ich Rassismus echt selten ab. Wenn, dann sind es Blicke, aber auch das kann ich ab. Dabei sage ich mir dann einfach, ich kann stolz auf meine Wurzeln sein. Mein Papa kommt aus Nigeria, meine Mama aus Deutschland. Es ist doch cool, anders zu sein – nicht nur äußerlich.

Ich weiß nicht, ob ich früher auch so gedacht hätte. Dass ich Dinge so akzeptiere, wie sie sind, Situationen annehme und zufrieden bin, ist glaube ich das Beste, was ich in letzter Zeit gelernt habe. Ich bin happy mit allem, was gerade so ist. Ich arbeite in einer Bar, fange wohl bald an zu studieren und hänge viel in der Schanze ab. Das ist für mich irgendwie die absolute Harmonie zurzeit.

Wahrscheinlich habe ich in Australien gelernt, so zu denken. Jetzt denkst du dir wieder: Toll, sie war in Australien – wie es alle waren. Aber fahr da ruhig mal hin. Es hat schon seine Gründe, warum so viele dort hinwollen. Es ist einfach geil. Ein komplett anderes Leben.

Aber gut, hier in der Schanze ist es auch toll.“

/ Von Max Nölke

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Walter: „Ey, ihr Ärsche, meldet euch mal bei eurem Papa!“

„Meine Söhne sind 20 und 22. Erst gestern habe ich mit ihrer Mutter telefoniert, wir leben getrennt. Und während wir so gequatscht haben, dachte ich: Wir haben echt vieles richtig gemacht. Die Zwei sind völlig normale Jungs, nicht hochintelligent, der eine hat ein sauschlechtes Abi gemacht, der andere hat die Schule nach der Mittleren Reife abgebrochen, zwei faule Socken, beide Raucher, aber absolut gerade Typen.

Der Ältere macht eine Ausbildung zum Elektroniker und der Jüngere beginnt demnächst eine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger. Sie bauen sich gerade ihr Fundament, haben Freunde, leben ihr leben und niemand würde die beiden für irgendeine krumme Geschichte rumkriegen. Da darf man als Vater schon mal stolz sein. Auch, wenn ich ihnen das nie zeige.

Als ich in ihrem Alter war, habe ich mich kaum bei meinen Eltern gemeldet. Heute rüge ich das, dann sag ich den beiden immer: Ey, ihr Ärsche, meldet euch mal bei eurem Papa. Darin sehe ich den Auftrag, den ich jetzt noch als Vater habe: Da zu sein und interessiert an ihrem Leben teilzuhaben. Wo es entlang geht, entscheiden sie selber.

Manchmal denke ich, ich hätte nochmal Bock auf Kinder. Blöderweise habe ich mich sterilisieren lassen. Andererseits ist es auch nicht so leicht in meinem Alter nochmal eine junge Frau zu finden. So werde ich wohl warten müssen bis die Enkelkinder kommen. Aber ich will mich auch nicht beschweren.

Das Leben ist aufregend, sag ich dir. Irgendwann kommst du in ein Alter, da fängst du an zu überlegen, ob du überhaupt noch einen Apfelbaum pflanzen kannst oder ob es vorher schon zu Ende ist. Mit 40 denkst du: Oh, das war schon die Hälfte. Mit 50 denkst du: Na hoffentlich war das wirklich die Hälfte. Mit 60 denkst du: Scheiße, das ist alles andere als die Hälfte. Ein guter Freund von mir hat immer gesagt: Da, wo die Angst ist, geht’s entlang. Vielleicht ist da mehr dran, als ich immer dachte.“

/ Max Nölke


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