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Wir helfen! Heute: Sven Junge von der Mobilen Zahnarztpraxis des DRK

Viel hilft viel – zumindest, wenn es um Soziales geht. An den ersten drei Montagen im November 2022 lassen wir an dieser Stelle immer eine:n von drei Hamburger:innen zu Wort kommen, die sich besonders einsetzen und von ihrer Arbeit erzählen. Heute: Sven Junge von der Mobilen Zahnarztpraxis des DRK

Protokoll: Anarhea Stoffel

 

Sven Junge

Sven Junge, Zahnarzt bei der Mobilen Zahnarztpraxis des DRK

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„Einfach für den Menschen da sein, das ist sehr wichtig“, sagt Sven Junge von der Mobilen Zahnarztpraxis des DRK (©privat)

„Ich bin erst seit Kurzem im Team der Mobilen Zahnarztpraxis. Zum Zahnmobil des DRK Altona&Mitte bin ich im Grunde durch einen Artikel im ,Hamburger Abendblatt‘ gekommen, den meine Frau entdeckte. Das Einsatzteam, also die Besatzung des Fahrzeugs besteht aus dem Fahrer oder der Fahrerin, welche sich neben dem Fahren des Fahrzeugs auch um die Technik kümmert und die Patientenannahme durchführt. Als zweite Person organisiert Melanie Wiegers alles rund ums Fahrzeug, wie zum Beispiel die technischen Wartungen und Reparaturen. Der oder die Dritte im Bunde ist dann die Zahnärztin oder der Zahnarzt, in diesem Fall also ich.

Wir als Team der Mobilen Zahnarztpraxis widmen uns in erster Linie der Behandlung von Obdachlosen. Das sind oft Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben; Menschen, die in der Regel keine Krankenversicherung besitzen. Uns ist wichtig, dass auch sie eine gute medizinische Versorgung erhalten. Für mich als Zahnarzt steht natürlich als erstes die zahnmedizinische Behandlung im Fokus. Allerdings kommen hier oft Patienten her, die eine ganz besondere Art von Betreuung benötigen. Wir versuchen, die Patienten neben der medizinischen Behandlung auch psychologisch zu unterstützen, zuzuhören und Ängste, insbesondere der Behandlung, zu nehmen. Einfach für den Menschen da sein, das ist sehr wichtig.

„Oft denke ich dann, wie gut es mir doch geht“

In dieser Arbeit gibt viele Einzelschicksale, die mich berühren und sehr nachdenklich machen. Sehr oft erfahren wir eine ganz besondere Form der Dankbarkeit nach einer Behandlung. Das gibt einem sehr viel mehr, als man es im gewöhnlichen Alltag in einer Zahnarztpraxis erfährt. Die Arbeit im Zahnmobil ist für mich nicht die Routine. Immer wenn ich nach dem Einsatz im Zug sitze und nach Hause fahre, denke ich über die Menschen, denen ich eben begegnet bin, nach. Das beschäftigt mich sehr. Oft denke ich dann, wie gut es mir doch geht. Und ich frage mich, warum so viele Menschen in so prekären Lebenssituationen leben. Vielleicht können wir mit dem Zahnmobil einen kleinen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität von ein paar Menschen erbringen, einfach die Welt ein bisschen besser machen. Ich hoffe, wir können dem einen oder anderen vielleicht einen schönen Tag bereiten, ihm zuhören und durch die Behandlung Schmerzen nehmen.“

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Seit Anfang Mai 2016 ist die Mobile Zahnarztpraxis des DRK unterwegs (©DRK Altona&Mitte)


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Wir helfen! Heute: Malte Wittmann von Hanseatic Help

Viel hilft viel – zumindest, wenn es um Soziales geht. An den ersten drei Montagen im November 2022 lassen wir an dieser Stelle immer eine:n von drei Hamburger:innen zu Wort kommen, die sich besonders einsetzen und von ihrer Arbeit erzählen. Heute: Malte Wittmann von Hanseatic Help

Protokoll: Anarhea Stoffel

 

Malte Wittmann

Freiwilligenkoordinator bei Hanseatic Help

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„Engagement in der Stadt sollte auch außerhalb von Krisenzeiten beständig bleiben, das wünsche ich mir“, sagt Malte Wittmann von Hanseatic Help (©Rosemarie Schoenthaler)

„Ich war im Juni 2019 privat auf dem Hurricane Festival und habe dort mitbekommen, wie Hanseatic Help Isomatten, Schlafsäcke und Zelte für obdachlose Menschen gesammelt hat. Ich war damals gerade fertig mit meinem Studium der Sozialökonomie war und hatte viel Zeit. Dann habe ich mich im Anschluss dort einfach ehrenamtlich engagiert. Im Team wurde ich darauf angesprochen, dass gerade die Stelle des Freiwilligenkoordinators ausgeschrieben war. Da habe ich mich sofort beworben und im August 2019 hauptamtlich bei Hanseatic Help angefangen. Als Freiwilligenkoordinator bei Hanseatic Help bin ich, wie der Name schon sagt, für unsere vielen freiwilligen Helfer und Helferinnen zuständig.

Ich versuche einfach, möglichst viele Menschen für ehrenamtliches Engagement zu begeistern und ihnen zu zeigen, dass sie auch mit wenig Zeit viel Gutes tun können. Besonders wichtig ist mir, dass hier Menschen mit ganz unterschiedlichem Background zusammenkommen und gemeinsam in einem sehr hilfsbereiten Umfeld an etwas Gutem arbeiten. Es erfüllt mich, dass ich mit so vielfältigen Menschen zusammenarbeite, denen es wichtig ist, anderen zu helfen, wenn sie Unterstützung brauchen. Hanseatic Help ist Kleiderspenden-Annahmestelle, Soziallogistik-Zentrum und Begegnungsstätte für Menschen mit unterschiedlichsten Biografien.

„Hilfe wird immer gebraucht“

Wir versorgen mehr als 300 Organisationen in und um Hamburg mit Kleider- und Hygienespenden. Was regional nicht benötigt wird, senden wir in Krisenregionen weltweit – wie beispielsweise vermehrt in die Ukraine seit März dieses Jahres.

Ich wünsche mir, dass das Engagement in der Stadt auch außerhalb von Krisenzeiten beständig bleibt. Hilfe wird immer gebraucht. Wir stehen vor dem Winter, der härtesten Zeit des Jahres, und befinden uns in einer Situation, in der immer mehr Menschen in die Existenzgefährdung kommen. Wenn wir es schaffen, alle bedürftigen Menschen in Hamburg in einem würde- und verständnisvollen Umgang mit dem Nötigsten an Kleidung und Hygiene zu versorgen, hätten wir als Hanseatic Help schon viel erreicht. Und wenn viele Menschen dabei freiwillig mithelfen, weiß ich, dass meine Arbeit viel bewirkt.“

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Das große Lager von Hanseatic Help in der Großen Elbstraße (©Pedro Seixas)


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Wir helfen! Heute: Lea Simberg von StrassenBLUES e.V.

Viel hilft viel – zumindest, wenn es um Soziales geht. An den ersten drei Montagen im November 2022 lassen wir an dieser Stelle immer eine:n von drei Hamburger:innen zu Wort kommen, die sich besonders einsetzen und von ihrer Arbeit erzählen. Heute: Lea Simberg von StrassenBLUES e.V.

Protokoll: Anarhea Stoffel

 

Lea Simberg

Sozialarbeiterin bei StrassenBLUES e.V.

Titelstory Foto Janine Meyer StrassenBLUES e.V.-klein

„Es existiert viel Unwissen über armutsbetroffene, wohnungslose und obdachlose Personen“, sagt Lea Simberg (©Janine Meyer/StrassenBLUES e.V.)

„Ich glaube daran, dass alles Wahre im Leben Begegnung ist. Gemeinschaft und einander wahrnehmen sehe ich also als zentral an. Menschen in Armut, wohnungslose und obdachlose Personen sind eine stark an den Gesellschaftsrand gedrängte und diskriminierte Gruppe. Gleichzeitig leben wir in diesem Teil der Welt in extremem Reichtum. Da juckt es mir in den Fingern, ich kann nicht nicht versuchen, etwas an diesem Umstand zu verändern.

Außerdem mag ich, dass die Menschen, mit denen ich arbeite, vielfältig sind und ich so unterschiedliche Lebensentwürfe kennenlernen darf. Meine Arbeit bei StrassenBLUES ist der Bereich Sozialarbeit. Das ist – ganz allgemein gesprochen – soziale Beratung und Begleitung von armutsbetroffenen Menschen sowie wohnungs- und obdachlosen Personen zu allerlei Terminen. Außerdem stehe ich im Kontakt mit Politiker:innen, anderen sozialen Diensten und Behörden.

„In Deutschland müsste kein Mensch in Armut und Obdachlosigkeit leben“

Mit all unseren zur Verfügung stehenden Ressourcen müsste kein Mensch in Deutschland in Armut und Obdachlosigkeit leben. Bei unserer ungeschickten Verteilung der Ressourcen allerdings leider schon. Das müssen wir besser hinbekommen! Dabei müssen wir weg von der Verwaltung von Armut und Wohnungs- sowie Obdachlosigkeit, hin zu schon existierenden Lösungsvorschlägen und ausgearbeiteten Konzepten. Hört den betroffenen Personen zu. Nichts über sie, ohne sie. Es existiert viel Unwissen über armutsbetroffene, wohnungslose und obdachlose Personen. Die darauf aufbauenden politischen Entscheidungen gehen teilweise an den Bedürfnissen der betroffenen Menschen vorbei.

Ich möchte mehr Teilhabe und ich möchte, dass Ressourcen und Macht sich gleichmäßiger verteilen. Ich verstehe das so, dass sich die Gesellschaft über die Zeit Regeln und Strukturen ausgedacht hat, die unser tägliches Verhalten, Tun und Lassen prägen. Diese Verhaltensweisen sind von Ausschluss und Bevorzugung geprägt. Ich möchte einen Teil dazu beitragen, dass die Hilfsangebote für von Armut betroffene Personen sich danach richten, was die tatsächlichen Bedürfnisse dieser Menschengruppen sind. Weniger Ausschluss und Ignoranz, mehr Teilhabe!“


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Hamburger des Monats: Werner Nothof

Werner Nothof ist Stromsparhelfer beim Stromspar-Check der Caritas. Er berät kostenlos Haushalte mit niedrigen Einkommen, wie sie ihren Verbrauch senken können. Ein Gespräch über alte Geräte, neue Perspektiven und rekordverdächtige Rückzahlungen

Interview: Markus Gölzer

 

Gratulation, Herr Nothof. Stromsparhelfer dürften aktuell zu den gefragtesten Berufsgruppen zählen. Was genau machen Sie bei Stromspar-Check?

Werner Nothof: Ja, im Moment ist richtig was los bei uns. Wir sind ja alle keine Ingenieure, sondern haben eine hundertstündige Schulung zum Stromsparhelfer gemacht. Jetzt versuchen wir, bei Hausbesuchen den Leuten zu helfen, Strom zu sparen. Zuerst kucken wir mit den Leuten zusammen die Rechnung durch: Wie viel Strom verbraucht dieser Haushalt pro Jahr? Dann sehen wir uns die Wohnung an: Wo sind die Stromverbraucher? Zum Beispiel der Kühlschrank: Wie alt ist er? Wir nehmen die Daten auf und ermitteln im Internet, wie viel er verbraucht pro Jahr.

Wenn das Gerät älter als zehn Jahre ist und der Besitzer kauft ein neues, energieeffizientes Gerät, kann er über uns von der Stadt Hamburg 100 Euro Energiesparprämie ausbezahlt bekommen. Wenn das neue Gerät mehr als 200 Kilowattstunden pro Jahr einspart, winkt sogar eine Prämie von 200 Euro. Dann kucken wir natürlich: Sind da noch irgendwo alte Lampen? Beim nächsten Besuch bringen wir neue LEDs mit – alles kostenfrei.

An wen wendet sich das Angebot von Stromspar-Check?

An Arbeitslosengeld-II-Empfänger, das berühmte Hartz IV. Dazu auch an Leute, die Grundsicherung, Kinderzuschlag oder Wohngeld kriegen. Und an alle, die ein Einkommen unter dem Pfändungsfreibetrag haben.

 

„Sie können Dienstagvormittag anfangen“

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Seit 2008 und der Einführung von Hartz IV gibt es den Stromspar-Check der Caritas (©unsplash/Julian Hochgesang)

Wie sind Sie Stromsparhelfer geworden?

Etwas kurios. Ich bin gelernter Maurer, hab 30 Jahre auf dem Bau gearbeitet.  Anfang 50 waren die Verschleißerscheinungen in den Knien so stark, dass ich nicht mehr arbeiten konnte. Ich habe über die Rentenversicherung eine Reha-Maßnahme gemacht, da waren aber keine guten Angebote dabei. Jobs wie Hausmeister gingen mit den Knien einfach nicht mehr.

Mit 54, nach zwei Monaten in Harz-IV-Bezug, hat mich das Jobcenter an das Jobcenter Ü-50 überwiesen. Der Herr, bei dem ich einen Termin hatte, war nicht da. Darüber war ich sehr erbost. Wenn man als Klient nicht hinkommt, kriegt man gleich eine dreimonatige Sperre. Der Herr hatte zwei Telefonnummern von mir und es nicht für nötig gehalten, mir kurz Bescheid zu geben. Ich habe mich dann wohl etwas laut auf dem Flur dazu geäußert. Eine Frau im Nebenzimmer hatte das mitgehört. Sie sagte: „Kommen Sie mal rein, mein Klient hat abgesagt, ich habe gerade Zeit.“ Wir sind ins Gespräch gekommen, sie hat mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, es bei Stromspar-Check zu versuchen. Ich hatte noch nie davon gehört, klang aber interessant. Ich habe meine erste E-Mail-Bewerbung losgeschickt und wurde zum Bewerbungsgespräch eingeladen.

Das lief dann nicht gut, wie zumindest ich fand. Dann habe ich erfahren, dass es außer mir noch sechs Bewerber gibt. Da habe ich innerlich schon abgewunken. Mein zukünftiger Teamleiter meinte, sie würden mir auf alle Fälle vor dem Wochenende Bescheid geben. Freitagvormittag hat er mich angerufen und gesagt: „Sie können Dienstagvormittag anfangen.“

 

„Wir haben jeden Tag Kontakt mit anderen Leuten“

Dann haben Sie mit Mitte 50 noch mal ein komplett neues Kapitel aufgeschlagen.

Jaaa! Ein Riesenglück gehabt. Das ist eine schöne Aufgabe. Ich war nie computeraffin, aber wir müssen ja hier mit Rechner arbeiten, die Dateneingaben machen. Das ist schon hochinteressant. Und wir haben jeden Tag Kontakt mit anderen Leuten.

Sie haben selbst schwierige Zeiten durchlebt. Ist das hilfreich im Umgang mit Haushalten mit geringem Einkommen?

Das war die Bedingung, dass wir den Job bekommen haben. Wir mussten über 50 Jahre und im Leistungsbezug sein. Das Arbeitslosengeld I war schon nicht toll, aber ALG II geht an die Substanz. Natürlich haben wir Verständnis für die Leute. Und wir sagen nicht einfach, du musst dir einen neuen Kühlschrank kaufen, um Geld zu sparen. Wo sollen die Leute das Geld hernehmen? Wir können da nur Empfehlungen geben oder Hinweise auf irgendwelche Stiftungen, die Leute unterstützen können. Das gehört zu unserem Job.

 

„Mit unserer Arbeit wurden schon Hunderttausende Tonnen CO2 eingespart“

Wie viel spart ein Haushalt im Durchschnitt?

Um die 150 Euro pro Jahr. Da spart dann nicht der Haushalt, sondern die Kommunen über Hartz IV oder Grundsicherung. Für die tun wir auch was Gutes. Neben Geld wurden mit unserer Arbeit schon Hunderttausende Tonnen CO2 eingespart. Wir haben ungefähr 400.000 Haushalte in ganz Deutschland durch den Stromspar-Check beraten. Den Stromspar-Check gibt’s seit 2008 und wurde auch wegen Hartz IV eingeführt.

Wegen Hartz IV?

Ja, das war der Auslöser. Die Leute bekommen bei Hartz IV Wohnung, Heizung und Wasser bezahlt. Den Strom müssen sie von ihrem Regelsatz bezahlen. Der war damals nicht ganz 400 Euro, und davon waren knapp 30 Euro für Strom eingepreist. Das reichte bei vielen Haushalten vorne und hinten nicht. Da hat die Caritas zusammen mit der Bundesregierung dieses Projekt gestartet und seitdem gibt’s das.

 

„Nach zwei Wochen hatten die Leute 2600 Euro auf dem Konto“, erzählt Werner Nothof.

Was war die größte Ersparnis, die Sie rausgeholt haben?

Ich habe Anfang 2022 einem Haushalt innerhalb von zwei Wochen zur Rückzahlung von 2600 Euro durch den Stromversorger verholfen. Das war mein persönliches Highlight. Das war toll! Aus irgendwelchen Gründen hat der Versorger eine maschinelle Schätzung vorgenommen. Das kommt vor. Zum Glück konnte ich an den Zähler gehen und den Zählerstand mit der Stromrechnung vergleichen. Völlig unterschiedlich. Die Leute sprachen nicht gut Deutsch, dann habe ich mit deren Erlaubnis beim Stromversorger angerufen. Der hat zugesagt, das innerhalb von zwei Wochen zu klären: Nach zwei Wochen hatten die Leute 2600 Euro auf dem Konto. Das darf ihnen das Jobcenter auch nicht wegnehmen, denn das hatten sie vorher ja zu viel bezahlt.

 

„Mir wird bewusst, wie viele ältere Menschen bitter wenig Geld haben“

Was lieben Sie besonders an Ihrem Job?

Die Abwechslung. Vormittags bin ich im Büro, nachmittags besuche ich die Haushalte. Das ist schön. Ich kann mit Bus und Bahn durch die Gegend fahren. Man sieht ganz andere Ecken, in die man sonst nie kommt. Wir machen ganz Hamburg, mal ist man in Bergedorf, mal in Harburg, mal in Lurup. Wir bearbeiten die ganze Stadt.

Haben Sie das Gefühl, dass die Hilfsbedürftigen mehr werden?

Ganz ehrlich gesagt: Ja. Das ist mir früher nicht so klar gewesen. Seit ich diesen Job mache, wird mir bewusst, wie viele ältere Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben oder Frauen, die Kindererziehungszeiten hatten, alleine dastehen und bitter wenig Geld haben. Ich denke schon, dass das mehr wird.


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Die Hamburger Tafel braucht Spenden

In Zeiten von Krieg und Inflation kommt besonders der Hamburger Tafel eine immer größere Bedeutung zu – doch die Spenden werden knapp. Der NDR ruft jetzt zusammen mit der Tafel zur großen Spendenaktion auf

Text: Felix Willeke

Schon vor dem Krieg in der Ukraine arbeitete die Hamburger Tafel am Limit. Vor dem Hintergrund der Hamsterkäufe waren besonders Konserven in den vergangenen Monaten immer wieder Mangelware. Jetzt steigen die Lebensmittelpreise in Hamburg, immer mehr Geflüchtete sind auf die Tafel angewiesen und der Verein ist dringender denn je auf Spenden angewiesen. Deswegen rufen der NDR und die Tafel für den 21. April 2022 zur großen Spendenaktion auf. 

Spenden: Was, wann und wo?

Dafür werden in Hamburg vier Zentren zur Abgabe von Lebensmittelspenden und Hygieneartikeln am 21. April 2022 eingerichtet:

Benötigt werden besonders folgende Lebensmittel:

  • Nudeln
  • Reis
  • Kartoffelprodukte
  • Mehl, Backpulver, Trockenhefe
  • Kaffee/Tee
  • Konserven (Erbsen, Bohnen, Mais, Möhren, …)
  • Gläser (Kirschen, Apfelmus, …)
  • H-Milch/H-Sahne/Kaffeesahne (keine Kühlprodukte)
  • Müsli/Cornflakes/Knäckebrot (kein frisches Brot/Brötchen)
  • Margarine (keine Butter)
  • Marmelade/Honig/Schoko-Aufstrich/Wurst/Käse (keine Kühlprodukte)
  • Gewürze

Und folgende Hygiene- und Reinigungsartikel:

  • Shampoo
  • Duschgel
  • Zahnpasta
  • Wasch- und Spülmittel
  • Toilettenpapier
  • Küchentücher
  • Taschentücher

Wer individuell Lebensmittel an die Tafel spenden möchte, kann hierfür unter 040 300 605 600 einen Termin vereinbaren. Darüber hinaus nimmt die Hamburger Tafel auch finanzielle Spenden entgegen.


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#StandWithUkraine – Aktuelles aus Hamburg

Die Ukraine wird von Russland angegriffen und in ganz Deutschland ist die Solidarität groß, auch in Hamburg. Seien es Spendenaktionen, Demonstrationen oder Links zu Portalen, die informieren. SZENE HAMBURG fasst die aktuellen Informationen für die Stadt in diesem Ticker zusammen

Spendenaktionen

Die aktuellen größeren Spendenaktionen in Hamburg:

Hanseatic Help ist eine der zentralen Anlaufstellen für Spenden für die Ukraine in Hamburg. Spendenannahme ist Dienstag bis Samstag von 10 bis 18 Uhr. Auch beim Sichten und Sortieren der Bestände wird fast immer Hilfe gebraucht.

Eine Liste mit Sammelstellen und Informationen, was gebraucht wird, findet sich auch beim Ukrainischen Hilfsstab

Listen mit geprüften Organisationen, die Spenden-Aktionen organisieren finden sich beim Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen.

Wer Geld spenden möchte kann sich auch an den Hamburger Hilfskonvoi e.V., die Aktion Deutschland Hilft, Ärzte ohne Grenzen oder #LeaveNoOneBehind wenden

Grundsätzlich empfiehlt die Menschenrechtsorganisation medico International, vor allem Geld zu spenden. Hintergrund: Sach- und Materialspenden verursachen zum Teil hohe Kosten. Hinzu kommen zeitaufwendige Prozesse wie die Sortierung und die Zollabfertigung. Mit Geldspenden können notwendige Produkte im Land selbst gekauft werden, sofern das möglich ist. Außerdem empfiehlt der Hamburger Senat keine privaten Transporter an die Grenze der Ukraine zu organisieren, da laut den Hilfsorganisationen vor Ort diese Fahrten die humanitäre Arbeit vor Ort erheblich behindern. Diese Hilfsorganisationen beraten im Einzelfall auch Menschen, die dies trotzdem planen.

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Demonstrationen

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Aktionen in Hamburg

Ein Überblick über aktuelle (Benefiz-)Veranstaltungen:

Noch bis zum 30. Juni 2022 läuft die Filmreihe „Perspectives of Ukrainian Cinema“ der Deutschen Kinemathek im Abaton Kino. Die Reihe zeigt aktuelle Filme aus der Ukraine. Zu jeder Filmvorführung sind ukrainische Moderator:innen anwesend, die im Anschluss an den Film Gespräche mit den Filmschaffenden führen. Der Eintritt zu allen Filmen der Reihe ist kostenfrei.

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Quellen für aktuelle Berichterstattung

Wer sich über die aktuelle Lage in der Ukraine informieren will, der findet hier Ticker, Hintergrundberichte und aktuelle Einschätzungen:

Noch mehr und ausführlichere Einordnungen und Hintergrundinformationen gibt es beim Podcast „das Politikteil“ der Zeit, beim Podcast „Acht Milliarden“ des Spiegel und vielen anderen Formaten.

Grundsätzlich gilt: Bei Informationen zur Ukraine den oben genannten Medien und anderen großen Leitmedien vertrauen. Diese Informationen sind eingeordnet und überprüft. Bei Informationen via Social media gilt:

  • Möglichst Inhalte von glaubwürdigen und unabhängigen Medien konsumieren.
  • Fotos und Videos von Quellen, die man nicht einschätzen kann, sind mit Skepsis zu betrachten.
  • Man sollte sich sehr gut überlegen, was, von wem und ob man etwas selbst verbreitet.

Nachrichten aus Hamburg

Hamburg und Kyjiw haben eine strategische Städtepartnerschaft vereinbart. Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher und Kyjiws Bürgermeister Vitali Klitschko haben dazu einen „Pakt für Solidarität und Zukunft“ unterzeichnet. Der Pakt soll dabei nicht nur im Lichte des Angriffskrieges auf die Ukraine ein Zeichen setzen, er soll auch die Unterstützung für den Wiederaufbau sichern. Während die humanitäre Hilfe zusammen mit Handelskammer Hamburg und in Kooperation mit der Initiative #WeAreAllUkrainians sowie dem Verein Hanseatic Help umgesetzt wird, sollen in der zweiten Phase besonders wirtschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Beziehungen gestärkt werden. „Diese Vereinbarung ist sehr wichtig für die Stadt Kyjiw. Ich bin der Stadt Hamburg dankbar, die für mich persönlich sehr viel bedeutet, für die weitere Bestätigung echter Freundschaft, Unterstützung und die Bereitschaft, der Stadt Kyjiw und der Ukraine zu helfen“, sagt Vitali Klitschko. „Mit dem Städtepakt schaffen wir jetzt ein offizielles und starkes Band zwischen Kyjiw und Hamburg, das zielgerichtet Hilfe leistet, aber auch ein Versprechen für die Zukunft ist“, ergänzt Peter Tschentscher.

Weitere Infos aus der Stadt

Für Ukrainer:innen die in Hamburg ankommen ist die Zentrale Erstaufnahmeeinrichtung im Bargkoppelweg 66a die erste Anlaufstelle. Hier wird die Registrierung vorgenommen und sich um Versorgung und Unterbringung der Geflüchteten gekümmert. Des Weiteren können sich Ukrainer:innen beim Call-Center des Ukrainisches Hilfsstabs melden. Die Nummer lautet: 0800 504 562 (und für Anrufe aus der EU: 00800 38 38 38 00). Helfer:innen können sich unter 00800 38 38 38 00 melden.

Geflüchtete die privat unterkommen, können sich auch zur Registrierung im Amt für Migration in Wandsbek (Hammer Straße 32-34) melden. Geöffnet ist es zu diesem zweck ab sofort täglich (auch am Wochenende) von 8 bis 17 Uhr.

Außerdem bietet der FC St. Pauli in den Fanräumen des Millerntor Stadions jeden zweiten und vierten Dienstag im Monat von 15 bis 19 Uhr eine kostenlose anwaltliche Beratung für Geflüchtete an. Eine Übersicht der Termine bis Juni 2023 gibt es auf fcstpauli.com.

Der Ethem Yilmaz Verlag hat zusammen mit tabmag und der niedersächsischen Lotto-Stiftung zur Zeit an einen Sprachguide für die geflüchteten Menschen aus der Ukraine entwickelt. Dieser ist unter wegbegleiter-ukraine.de zu finden.

Wer sich um Geflüchtete kümmern möchte oder private Unterkünfte anbieten will, kann sich beim Bündnis Hamburg Flüchtlingsinitiativen, der Aktion #LeaveNoOneBehind, der Initiative #Unterkunft für Menschen aus der Ukraine oder dem Verein Mission Lifeline melden.

Für Ehrenamtliches Engagement gibt es ebenfalls einige Anlaufstellen in der Stadt. Eine Liste mit Organisationen aus Hamburg und Norddeutschland, die immer ehrenamtliche Helfer:innen suchen, findet sich bei der Landesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen Hamburg.

Wer nicht direkt vom Krieg in der Ukraine betroffen ist, sich aber trotzdem Sorgen macht oder Ängste hat, kann sich an die Telefonseelsorge wenden. Unter 0800 / 111 01 11 oder 0800 / 111 02 22 ist diese 24 Stunden am Tag erreichbar.
Ein für Eltern, Kinder und Jugendliche spezialisiertes Anbot bietet die Nummer gegen Kummer. Kinder und Jugendliche können unter der Nummer 116 111 von montags bis Samstag von 14 bis 20 Uhr Hilfe in Anspruch nehmen. Für Eltern ist dies montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr und dienstags und donnerstags bis 19 Uhr unter 0800 / 111 05 50 möglich.

Dieser Ticker erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wer noch Tipps und Informationen zu Demos, Spendenaufrufen oder anderen Aktionen in der Stadt hat, kann sich gerne via Instagram oder Facebook an SZENE HAMBURG wenden.


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„Wir haben eine Verantwortung“

Die Solidarität mit der Ukraine und mit den vor dem russischen Angriffskrieg fliehenden Menschen ist groß. Auch aus der erst kürzlich wieder hochgefahrenen Club- und Veranstaltungsszene gibt es Hilfe. John Schierhorn vom Schrødingers im Schanzenpark berichtet

Interview: Ole Masch

Benefiz-Flohmarkt im PAL, Ukraine Fundraiser-Party im Edelfettwerk oder der „Peace Please Soli-Rave“ am 1. April 2022 im Fundbureau sind nur einige Beispiele, wie innerhalb der Clubszene geholfen wird. Auch die Crew um John Schierhorn vom Schrødingers packt kräftig mit an. Bereits im letzten Jahr wurde das Kulturzentrum mit dem Sonderpreis des Club Awards geehrt. Diverse Soli-Veranstaltungen, unter anderem für Sea Watch, eine wöchentliche Essensausgabe für bedürftige Menschen oder im Winter Platz für ein Zeltlager, um Obdachlosen einen Ort zum Verweilen zu ermöglichen, waren Gründe für die Auszeichnung. In der aktuellen Situation, wo täglich Tausende Geflüchtete in Hamburg ankommen, konnte das Schrødingers sein Netzwerk ebenfalls nutzen, um Menschen direkt zu unterstützen.

„Erst einmal muss es meist schnell gehen“

SZENE HAMBURG: John, woher kommt der Antrieb immer wieder zu helfen?

John Schierhorn: Es wird halt gerade einfach Hilfe gebraucht. Wir sind ja nicht nur Konzertort, sondern vor allem auch Stadtteilkulturzentrum. Als solches haben wir eine Verantwortung. Und wir wissen: Die Welt wird nicht besser, wenn nicht alle daran mitarbeiten. Also begreifen wir uns als Team und Ort, an dem jeder Mensch mithelfen kann!

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„Es wird gerade einfach Hilfe gebraucht“ sagt John Schierhorn vom Schrødingers (Foto: ohne Credit)

Welche Hilfsaktionen habt ihr im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine initiiert?

Wir unterstützen die Helfenden an der Registrierungsstelle in Wandsbek. Dort sind jeden Tag mehrere Hundert Menschen. Wir haben ein kleines Logistikzentrum gebaut und koordi­nieren die Versorgung mit warmen und kalten Speisen, Hygieneartikeln, Decken et cetera mit. Zusätzlich werden wir ab dem Monatswechsel im Schrødingers eine Kinderbetreuung einrichten, damit die geflüchteten Kids ein wenig auf andere Gedanken kommen und die Eltern sich um Orga und so weiter kümmern können.

Wie baut man so eine Hilfsaktion auf ?

Erst einmal muss es meist schnell gehen. Dann aber geht es viel um Logistik. Es braucht eine gewisse Infrastruktur vor Ort, das erleichtert jeden weiteren Schritt erheblich. Dazu zählt auch allerhand Organisation. Dabei ist die freiwillige Mitarbeit von Menschen, die idealerweise eine solide Vorbildung haben, megawichtig. Insbesondere Menschen aus dem Veranstaltungsbereich haben natürlich einen guten Überblick, wie viele Menschen zu versorgen und die Abläufe zu planen sind.

Wie schafft ihr das neben dem eigent­lichen Betrieb?

Wir teilen uns auf, arbeiten richtig viel und haben Mut zur Lücke.

„Kriege einfach nicht mehr führen, wäre ganz geil“

Wie schätzt du die Solidarität inner­halb der Club­ und Veranstaltungs­szene ein?

Die Clubs sind gerade alle mitten in der Eröffnung. Aber viele stellen zum Beispiel ihre Bandappartements zur Verfügung und die Mitarbeitenden vor Ort sind oft Clubmenschen. Lieblingskommentar gerade gestern: „Eigentlich fehlt hier nur noch der DJ.“

Wie kann man sich als Einzelperson beteiligen?

Es gibt an allen Hilfsorten mittler­weile Orgateams, die über Facebook, Padlet und Whatsapp vernetzt sind. Im Zweifel einfach vor Ort vorbeischauen und dort fragen, wie man in die Gruppen kommt.

Was sollte man vermeiden?

Einfach mit irgendwelchen Sachen kommen. Insbesondere Klamotten­ spenden werden fast nirgends mehr angenommen. Vor Ort oder in den Gruppen nach den tagesaktuellen Bedarfen fragen. Oder gerne auch einfach Geld spenden, damit kann meist am schnellsten auf die aktuellen Bedarfe reagiert und in großen Mengen eingekauft werden.

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Kriege einfach nicht mehr führen, wäre ganz geil. Und dafür sorgen, dass alle Menschen ein Dach über dem Kopf und genug gesundes Essen haben. Das kann verdammt noch mal nicht so schwer sein, wenn alle mitmachen!

schroedingers.hamburg/spenden

Eine Übersicht über weitere Hilfsaktionen, Soli-Veranstaltungen der Kultur, Demonstrationen und Informationen für Geflüchtete und Helfende gibt es im Ukraine-Ticker der SZENE HAMBURG.


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Mathias: „Ich will aus Ideen Realität werden lassen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Mathias begegnet.

Protokoll: Rosa Krohn

„Ich habe in Lüneburg studiert. Erst Angewandte Kulturwissenschaften und dann Umweltwissenschaften. Schon im Studium habe ich angefangen, viel nebenbei zu machen: 1994 haben wir zum Beispiel die Kaserne in Lüneburg besetzt. Zwei Monate später sind wir mit 60 Leuten eingezogen. Daraufhin hat das Land gesagt: ‚Na gut, wenn die Studierenden schon mal dort sind, dann zieht die Uni da halt auch hin.‘ Seitdem weiß ich: Man braucht ’ne lustige Idee zur richtigen Zeit, ein paar Leute – noch nicht einmal Geld – und dann kann man schon ’ne ganze Menge machen. 

„Wilhelmsburg – da geht was!“

Anfang 2000 kam ich dann nach Hamburg. Die Stadt hat mich schon immer gereizt. Ich habe damals auf die Karte geschaut und dachte sofort: ‚Wilhelmsburg ist das Spannendste überhaupt: Dieses Gebiet zwischen Norder- und Süderelbe – da geht was!‘ Ich habe aber auch sofort das Problem gesehen: Zu wenig Wohnfläche und dadurch auch zu wenig Menschen. So kam es, dass ich mich nach und nach in der Regionalentwicklung engagiert habe. Denn es war klar, es braucht Wohnraum. Anfang der 2000er-Jahre stieß ich auf eine Studie, die gezeigt hat, dass eine Verlegung der Wilhelmsburger Reichsstraße viel Platz schaffen würde. Da bin ich aktiv geworden und habe mit ein paar Leuten der Stadt unsere Wunschvorstellung von Wilhelmsburg präsentiert. Mittlerweile ist das Ganze Realität geworden.

„Ich brauche keine Reichtümer“

Über die Jahre war ich an vielen weiteren Projekten beteiligt. Aktuell versuchen wir mit 20 Haushalten und 40 Leuten eine Baugemeinschaft zu gründen. Damit wollen wir besonders denen helfen, die von Altersarmut betroffen sein werden. Das Projekt ist für mich ein Ansporn immer weiterzumachen: Vor über 20 Jahren habe ich gesehen, wie viel Potenzial Wilhelmsburg hat und jetzt die Früchte zu ernten, das ist schon toll. Ich habe keine Kinder, ich brauche keine Reichtümer, ich muss nichts vererben. Ich will weiter mit vielen lustigen Menschen experimentieren und aus Ideen Realität werden lassen. Denn damit kann man viele Menschen beglücken.“


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Hamburgerin des Monats: Anne Krüger-Vonderau vom Mitternachtsbus

Im November feierte das spendenfinanzierte Projekt „Mitternachtsbus“ der Diakonie Hamburg seinen 25. Geburtstag – und Anne Krüger-Vonderau 20 Jahre Ehrenamt gleich mit. Ein Gespräch über gesellschaftliche Verantwortung

Text & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Frau Krüger-Vonderau, Gratulation zu 20 Jahren Mitternachtsbus!

Anne Krüger-Vonderau: Fast zwanzig Jahre. Ganz korrekt fehlen zwei Monate. Aber ich fühle mich schon als 20-Jährige (lacht). Ich wurde auch auf dem 25-jährigen Jubiläum, das wir vor dem Michel gefeiert haben, in die Gruppe aufgenommen, die schon seit 20 Jahren dabei sind.

Wie viele Einsätze sind Sie seit 2001 gefahren?

Wie die meisten fahre ich einmal im Monat. Wenn man berufstätig ist und denkt, ich will was für die Gesellschaft leisten, kann man das ganz gut machen. Also 20-mal 12 sind 240 Einsätze. So Pi mal Daumen (lacht).

Wie läuft ein Einsatz ab?

Wir bereiten gegen 18.45 Uhr die Tour vor. Um 20 Uhr starten wir, holen belegte Brötchen und Kuchen von einer Bäckerei, fahren zur Bahnhofsmission. Manchmal haben die Sachen für uns. Gegen 20.15 Uhr ab zur ersten Platte. Das geht tatsächlich bis Mitternacht. Manchmal auch bis 1 Uhr, je nachdem wie groß der Andrang ist. Und wie viele Gespräche stattfinden.

Platte ist der Ort, an dem Obdachlose schlafen?

Richtig. „Ich mach Platte“ heißt, ich schlafe, meist alleine, an einem Ort irgendwo versteckt. Das war ein Grund, warum der damalige Landespastor Dr. Stephan Reimers in den Neunzigern den Mitternachtsbus gegründet hat. Und das Spendenparlament und das Straßenmagazin „Hinz&Kunzt“: Als Folge der Wende herrschte Wohnungsnot, die Leute lagen überall verteilt in der Stadt, es gab viele Tote. Wir versuchen, diese Orte rauszukriegen, fahren die Platten ab. Unsere Idee der Betreuung ist Grundversorgung und Ansprache als aufsuchende Hilfe: Wenn jemand in seinem Schlafsack liegt, fragen wir ihn: Sollen wir Ihnen was bringen?

 

Das Ziel: Wohnungen für alle

 

Haben Sie noch Gäste der ersten Stunde?

Man lebt nicht so lange auf der Straße. Wenn man jemanden länger kennt, beobachtet man, dass die Verwahrlosung in Wellen stattfindet. Wenn man keine Wohnung hat und ein Alkoholproblem, stirbt man häufig auf der Straße. Es gibt wenig ganz Alte. Zum Volkstrauertag war auch ein ökumenischer Gedenkgottesdienst in Eimsbüttel für die auf der Straße Verstorbenen. Da kommen einige zusammen über das Jahr.

Ihre Gäste sind alle obdachlos?

Manche haben eine eigene Wohnung und kommen wegen der sozialen Kontakte. Die schauen vorbei, holen sich einen Kaffee, klönen und fahren mit der letzten S-Bahn nach Hause. Das Ziel sollte sein, dass alle eine Wohnung bekommen. Jetzt gibt es das erste Projekt von „Hinz&Kunzt“, wo 24 Obdachlose eine Wohnung haben. Nach 25 Jahren! Das ist doch Wahnsinn. Housing First heißt das. Wir konnten kurz vor dem Einzug das Haus besichtigen. Toll, dass das mit unserem Jubiläum zusammenfällt.

Wie wurde das Haus finanziert?

Einzelheiten zur Finanzierung kenn ich nicht. Alle Bewohner haben unbefristete Hamburger Mietverträge. Das können sie über den Verkauf von „Hinz&Kunzt“ oder andere Sachen finanzieren. Das Wichtigste bei Housing First, wie ich von Sozialarbeitern gelernt habe: Sobald man einen festen Ort hat, kann man sich endlich um die anderen Sachen kümmern. Viele haben Ansprüche wie Renten oder Arbeitslosengeld, aber keinen „Perso“. Jetzt haben sie einen Ort, wo man mit ihnen planen kann. Wo sie selbst Ziele entwickeln können. Das geht auf der Straße nicht.

 

Frauen auf der Straße sind unauffälliger

 

Haben sich die Gäste geändert in den Jahrzehnten?

Durch die europäische Grenzöffnung sind es viele Männer aus Osteuropa. Die können kein Deutsch, haben keine Chance auf dem Arbeitsmarkt und fallen durch das Netz. Wir haben viele Ältere. Es gibt auch Frauen auf der Straße, aber die sind unauffälliger. Jüngere Leute weniger, kommt aber auch vor.

Was machen Sie, wenn Stammgäste verschwinden?

Wir machen uns Sorgen, informieren die Straßensozialarbeiter. Die starten einen Rundruf in den Krankenhäusern. Viele sind natürlich, wie man früher sagte, Tippelbrüder. Die sind unterwegs. Manche sagen, ich war jetzt zwei Monate Richtung Süddeutschland unterwegs. Dann kehren sie zurück in die Anonymität der Stadt.

Obdachlose machen auch innerhalb der Stadt ganz schön Strecke.

In Hamburg gibt es unheimlich viele Anlaufstellen. Dafür müssen sie sich bewegen. In Harburg wird ein Superfrühstück angeboten, dann fährt man morgens dahin. Später zum Mittagstisch nach Altona. Die müssen schon ein büschen plietsch sein, um sich zu organisieren und sind dann wirklich in ganz Hamburgs unterwegs.

 

„Ich versuche, mich aus Selbstschutz zu distanzieren“

 

Sind in den Jahrzehnten Freundschaften entstanden?

Ich versuche, mich aus Selbstschutz zu distanzieren. Ich habe in der Schule als Beratungslehrerin gearbeitet, und weiß, dass das ganz wichtig ist. Dass man sich nicht in seinem Helfersyndrom verliert. Man muss das professionell machen, wenn man was bewirken will. Ansonsten wird man aufgesogen von den Bedürfnissen des anderen. Ich bin voll da, wenn ich fahre, aber ich würde keine Beziehungen aufbauen, die darüber hinausgehen.

Sind Sie noch anderweitig sozial engagiert?

Ich arbeite in der Flüchtlingshilfe, bin in der Christianskirche in Ottensen aktiv, auch seit über 20 Jahren im Chor (lacht). Da gibt es das Willkommenskulturhaus, wo Geflüchtete Sprachunterricht nehmen können. Es soll politische Bildung auf Augenhöhe stattfinden. Man kann sich auch mit wenigen Sprachkenntnissen über die Situation in ihren Ländern und in Deutschland austauschen.

Was treibt Sie an?

Ich habe fast 40 Jahre als Lehrerin gearbeitet. Ich habe eine gute Pension. Mir geht es gut. Ich finde, wir müssen mehr gesellschaftliche Aufgaben übernehmen. Auch wir Oldies. Ich muss nicht mit dem Wohnmobil durch Europa fahren. Ich denke: Ey, das kann doch nicht alles der Staat regeln. Früher haben wir immer diskutiert: Die Obdachlosen, das geht doch nicht, da müssen doch die Behörden was machen. Irgendwann legte sich der Schalter um: Wir sind Teil dieser Gesellschaft und dieser Behörde. Ich bin fit und will etwas zurückgeben. Ich will da auch kein Geld dafür. Wir würden sozial verwahrlosen, wenn wir alle nur noch individualistisch sind. Das soll jetzt nicht sozialromantisch klingen. Ich finde, man kann einfach was tun.

 

Das Angebot ist konstant

 

Hat sich das Angebot des Mitternachtsbusses im Lauf der Jahrzehnte verändert?

Das ist total witzig. Das ist konstant. Wir haben immer heiße Getränke an Bord. Kaffee, Tee, Kakao, alles Fairtrade. Korrekt und eine gute Qualität. Brühe und diese herrlichen, supersüßen Zitronentees (lacht). Coronabedingt zahlt die Sozialbehörde Lunchtüten. Dann gibt es immer Kleidung an Bord für den Notfall. Wenn da jemand liegt und der hat keine Socken an, dann kriegt er Socken von uns. Isomatten, Schlafsäcke und Decken natürlich. Damit die die nicht einfach liegen lassen, müssen sie einen kleinen Obolus entrichten.

Was gibt es an Weihnachten?

Da gibt es meist einen Schokoweihnachtsmann, wie an Ostern Ostereier. Heiligabend ist ja immer ein ganz besonderer Tag. Ich muss da natürlich mit meiner Familie feiern (lacht). Aber ich finde das so toll, dass einige sagen: Heiligabend bedeutet mir nichts, da fahr ich einfach in einem zusammengewürfelten Team die Platten ab.

mitternachtsbus-hamburg.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2021. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Kita-Helferin: „Das ist ein gesellschaftliches Problem“

Mit der Qualifikation als Kita-HelferIn erhalten junge lernbeeinträchtigte Menschen die Chance, auf dem Arbeitsmarkt teilzuhaben. Ganz barrierefrei ist das inklusive Bildungsangebot allerdings nicht

Text: Sarah Seitz

 

Die Menschen werden auf dem Arbeitsmarkt ganz stark auf ihre Defizite reduziert“, sagt Birthe Nowak. Sie ist Abteilungsleiterin für die Qualifikation als Kita-HelferIn an der Staatlichen Fachhochschule für Sozialpädagogik FSP2. Seit fast 20 Jahren bietet sie mit dem Bildungsangebot für HelferInnen in Kindertagesstätten jungen Menschen, die sich am Rand des leistungsorientierten Arbeitsmarktes entlanghangeln, eine Alternative.

Saskia N., 19, angehende Kita-Helferin (Foto: Christiane Koch-Engelhorn)

Saskia N., 19, angehende Kita-Helferin (Foto: Christiane Koch-Engelhorn)

In enger Zusammenarbeit mit den Elbe-Werkstätten soll die deutschlandweit einzigartige Qualifikation der Kita-HelferIn für mehr Inklusion am Arbeitsmarkt sorgen. Die SchülerInnen der FSP2 werden während der vierjährigen Bildungsmaßnahme ganz individuell gefördert – je nach Beeinträchtigung. Denn die Qualifikation richtet sich ausschließlich an junge Menschen mit Behinderung. Eine von ihnen ist Saskia N. Die 19-Jährige ist im zweiten Lehrjahr. Neben der Kita-Kompetenz hat sie in dieser Zeit auch viel für sich selbst gelernt. „Ich halte mich nicht mehr so zurück“, erzählt sie. In der Kita, in der sie arbeitet, fühle sie sich mittlerweile als richtige Kollegin. So wie Saskia geht es auch den aktuell insgesamt 23 weiteren angehenden Kita-HelferInnen. Durch die Arbeit mit den Kindern und Erziehenden fühlen sie sich gesellschaftlich bedeutsam, werden mutiger und selbstbewusster.

 

SpielpartnerInnen, TrösterInnen oder WegbegleiterInnen

 

Neben der persönlichen Entwicklung eignen sich die angehenden Kita-HelferInnen viel fachliche Kompetenzen an. Von Beginn an sind sie, parallel zur Schule, auf die 19 aktuell teilnehmenden Hamburger Kitas verteilt. Dort sind sie als SpielpartnerInnen, TrösterInnen oder WegbegleiterInnen im Einsatz. „Und das können sie unwahrscheinlich gut, weil sie einfach aus einer anderen Lebenswelt kommen. Mit neuen Impulsen und ihrer anderen Denkweise bringen sie uns manchmal ganz tolle Dinge näher, auf die wir selbst gar nicht erst gekommen wären“, erzählt Nowak. Im ständigen Wechsel von Theorie und Praxis konzentriert sich die erste Hälfte der Qualifikation auf die sogenannte Berufsvorbereitung. Anschließend folgt im dritten und vierten Jahr der Berufsbildungsbereich. Die Jugendlichen lernen den Umgang mit Säuglingen und Kleinkindern. Aber auch hauswirtschaftliche Aufgaben, die Orientierung im Berufsalltag oder Musik, Sport und Spiel stehen auf dem Lehrplan. So haben mittlerweile 74 KitaHelferInnen ausgelernt.

Ob als Unterstützung für das Fachpersonal oder auch im Austausch mit den Kindern – viele Betriebe, die KitaHelferInnen beschäftigen, sind begeistert. Doch es fehle leider an Offenheit und Bereitschaft, klagt Nowak. Denn trotz des inklusiven Bildungsangebots bleibt es für die SchülerInnen hart auf dem deutschen Arbeitsmarkt.

 

Schwierige Finanzierung

 

Abteilungsleiterin für die Qualifikation als Kita-HelferIn an der Staatlichen Fachhochschule für Sozialpädagogik FSP2: Birthe Nowak (Foto: Christiane Koch-Engelhorn)

Abteilungsleiterin für die Qualifikation als Kita-HelferIn an der Staatlichen Fachhochschule für Sozialpädagogik FSP2: Birthe Nowak (Foto: Christiane Koch-Engelhorn)

Bürokratische Hürden erschweren den Sprung aus der Qualifikation in die Festanstellung. Vor allem in den letzten Jahren sei es schwieriger geworden, Kitas zu finden, die die ausgelernten HelferInnen übernehmen, erzählt Nowak. Denn in der vierjährigen Bildungsmaßnahme gibt es weder Klausuren noch Tests. Das könnten viele der SchülerInnen nicht leisten, erklärt Nowak. Keine Abschlussprüfung bedeutet allerdings auch keine anerkannte Ausbildung. Hinzu kommt: Kita-HelferInnen sind nicht im Landesrahmenvertrag für Kindertagesstätten aufgeführt – was die Finanzierung der HelferInnen für die Kitas schwer macht. Unterstützung leistet da zum einen das Hamburger Budget für Arbeit, das Kitas mit festangestellten HelferInnen bezuschusst. Zum anderen bieten die Elbe-Werkstätten, als Kooperationspartner der Qualifikation, sogenannte Außenarbeitsplätze. Das heißt, die Kindertagesstätten beschäftigen die HelferInnen, Hauptarbeitgeber sind aber die Elbe-Werkstätten.

 

Im kommenden Sommer geht es weiter

 

Aber auch Vorurteile machen es den Kita-HelferInnen schwer. „Erwachsene Frauen und Männern mit Beeinträchtigung werden immer als Synonym für das dritte Kind gesehen. Wir haben häufig gar nicht die Chance, Schülerinnen und Schüler zu verorten, damit sie überhaupt zeigen können, was in ihnen steckt“, erklärt Nowak. Für sie ist es ein gesellschaftliches Problem: „Es braucht eine Bewusstseinsveränderung bei uns allen, nicht nur bei den ArbeitgeberInnen, sondern auch tatsächlich bei den KollegInnen, bei den MitarbeiterInnen.“

Im kommenden Sommer startet eine neue Klasse der Kita-HelferInnen. Bewerben können sich SchülerInnen, die eine Integrationsklasse oder eine Schule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung besuchten und sich gut in ihrem Umfeld orientieren können. „Jeder und jede, der und die sich bewirbt und orientieren kann, wird genommen. Das ist unser Ansinnen“, versichert Nowak.

fsp2-hamburg.de


 VIELFALT LEBEN ist in Zusammenarbeit mit dem Inklusionsbüro Hamburg entstanden und liegt der SZENE HAMBURG aus dem Dezember 2021 bei. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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