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Dendemann – Deutsch-Rap braucht den Schmutz

Nach dem „Neo Magazin Royale“ ist vor dem Solo-Comeback: Dendemann hat mit „da nich für!“ ein neues Album veröffentlicht und erklärt im Interview, wie sich seine Arbeitswelt seit dem TV-Engagement verändert hat.

Interview: Erik Brandt-Höge
Beitragsfoto: Nils Müller

SZENE HAMBURG: Dendemann, gleich im ersten Track deines neuen Albums, „Ich Dende also bin ich“, hälst du über dich fest: „Er stinkt nach Mythos.“ Wie ist dein Verhältnis zur eigenen Vergangenheit?

Dendemann: Was meine Zeit im Rap angeht, bin ich damit auf jeden Fall mehr im Reinen, als ich es eigentlich sein dürfte (lacht).

Wie meinst du das?

Ich empfinde auch für meine schwachen Momente so gut wie keine Scham. Mich stört fast nichts. Im Laufe meiner Karriere habe ich allerdings auch sehr darauf geachtet, dass ich das im Nachhinein sagen kann.

 

„Ich empfinde auch für meine schwachen Momente so gut wie keine Scham

 

Und das Genre Deutschrap an sich: Siehst du die Veränderungen, die es in den vergangenen 20 Jahren gab, ähnlich entspannt?

Wenn ich die heutige Gesamtsituation beschreiben sollte, würde ich sagen: Es gibt sowohl Sodom und Gomorrha als auch Milch und Honig. Was aber auch gut so ist. Früher war ich überzeugt, dass es am besten wäre, wenn es im Deutschrap nur Gutes geben würde. Das war aber eine ganz schwache Denke von mir.

Inwiefern?

Die Vielfalt bringt zwar auch alles Hässliche ans Tageslicht, aber dieses Genre braucht den Schmutz, damit Perlen daraus hervorgehen können.

Beide Extreme sind heute schnell verbreitet. Während du noch aus der Demo-Tapes-aus-dem-Kofferraum-verkaufen- Generation stammst, laden Kids heute fertig produzierte Tracks hoch und gelangen per Mausklick in jedes Jugendzimmer. Eine gute Entwicklung?

Letztendlich ist das doch sehr HipHop, weil es völlig frei ist und sich die Künstler niemandem gegenüber anbiedern müssen.

Hast du deine Arbeitsweise auch verändert?

Ja, und das ist vor allem durch mein Engagement beim Fernsehen passiert. Bis ich beim „Neo Magazin“ war, dachte ich, ich müsste nie etwas anders machen, müsste mich nicht von Projekt zu Projekt neu erfinden. Um den Slot in der Show aber zu erfüllen und dabei auch meinen Ansprüchen gerecht zu werden, musste ich umdenken.

 

„Ich habe schnell gelernt, dass jedes Thema ein Songthema ist“

 

Erzähl mal!

Ich sollte ja jede Woche ein kleines Lied abliefern, und das sollte auch noch immer zu einem bestimmten Thema passen. Ich habe also schnell gelernt, dass jedes Thema ein Songthema ist, aber auch, dass wenn das Thema brisant ist, also z. B. politisch aufgeladen, es gefühlt gleich doppelt so viel Arbeit macht.

Wie hast du dich also auf eine Sendung vorbereitet?

Immer dienstagsnachmittags kam eine Mail aus der Redaktion mit den neuen Themen. Dazu habe ich mir dann ein brauchbares fremdes Stück Musik aus den Neuheiten gepickt und bis zum Abend an die Band geschickt. Und mittwochs, auf dem Flug nach Köln, habe ich angefangen, den Songtext zu schreiben.

Klingt nach Stress. Wie gut kannst du unter Druck arbeiten?

Ich bin relativ druckresistent bei Sachen, die viele andere Leute unter Druck setzen – nicht aber bei der Bringschuld, die ich in der Show und gegenüber dem Gebührenzahler hatte. Anfänglich habe ich mich bei der Arbeit echt ein bisschen gequält.

 

„Ich hab mich bisher definitiv nicht kaputt gemacht “

 

Was hat es besser gemacht?

Ich habe einen Sinn und irgendwie auch eine Notwendigkeit in dem gesehen, was wir da auf die Beine gestellt haben. Und ich hatte den Rückhalt einer Satireshow mit dem Auftrag, den Zeigefinger voll auszufahren und dabei auch noch zynisch zu lachen. Das hat mir Sicherheit für bestimmte Themen gegeben, genau wie die Gewissheit, dass wir immer wieder etwas bewirken können.

Apropos Arbeit: Auf dem Album sticht jetzt ein weiterer Song heraus, nämlich „Menschine“. Darin geht es um ein Nur-noch-Arbeiten und ein Sich-selbst- Ausbeuten. Geschrieben aus eigener Erfahrung?

Nee, dieses Gefühl von zu viel Arbeit habe ich eigentlich schon immer und konstant verhindert, schon bevor ich etwas mit Rap gemacht habe. Ich habe mich bisher definitiv nicht kaputt gemacht und immer pausiert, wenn ich fand, dass es richtig war.

Liegt dir das saisonale Arbeiten, wie es in der Musikindustrie gepflegt wird, also besonders gut?

Genau. Die Seasons sind hier immer gleich: Promo-Rutsche, Veröffentlichung, Tour, Festivals. Wie diese Zahnräder ineinandergreifen, kann man sich gar nicht schöner ausdenken. Sie können eigentlich nur vom Burn-out angehalten werden. Deshalb ist es auch immer noch eine perfekt funktionierende Industrie. Ich kann nicht meckern (lacht).

26.+27.2.19, Mehr! Theater, 20 Uhr – SZENE HAMBURG verlost 2×2 Gästelistenplätze für den 27.2. E-Mail mit Betreff „Dende“ bis 15.2. an verlosung@vkfmi.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2019. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Auf einen Song mit … Jan Böhmermann

Denn Jan Böhmermann kennt einen gemeinen Ohrwurm und ein Lied zum Zufrieden-dazu-Schmunzeln.

Interview: Erik Brandt-Höge
Foto: Heavy German Shit GmbH & Co KG

SZENE HAMBURG: Jan, wir brauchen deutschsprachige Musik mit Wumms, textlich wie musikalisch, und wenn es geht, wollen wir beim Hören auch mal grinsen oder sogar lachen. Was sind deine drei Empfehlungen?

Jan Böhmermann: Empfehlung 1: „Nummer unterdrückt“ von 187 Straßenbande-Boss Bonez MC. Ist mir überraschend bei Spotify über den Weg gelaufen. Musikalisch so Zwei minus, aber humoristisch ist der Text dafür ganz weit vorne.

Empfehlung 2: „Murmel“ von Blumfeld-Boss Jochen Distelmeyer. Wunderbare Zufriedenheitslyrik für Väter auf Spielplätzen. Der Song hat absolut keinen Wumms, aber ich muss immer schmunzeln eigentlich. Eher so ein zufriedenes Schmunzeln.

Empfehlung 3: „Meine (Ex-)Plodierte Freundin“ von Die Ärzte. Blutig, gemein und auch noch ein Ohrwurm. Als ich das Lied als Teenager zum ersten Mal gehört habe, habe ich mir gar nicht vorstellen können, dass man so ein Lied machen darf. Darf man aber, weiß ich inzwischen.

Auf welchen von deinen eigenen, wummsigen Texten bist du besonders stolz?

Uff. Darüber habe ich mir noch nie so richtig Gedanken gemacht. „Stolz“ ist vielleicht der falsche Ausdruck, aber bei einigen „Pol1z1stens0hn“- Tracks freue ich mich auch im Nachhinein noch über gelungene Textzeilen. Das dritte „Pol1z1stens0hn“-Stück „Recht kommt“ ist textlich zum Beispiel ein kleines Suchspiel für Juristen. Da steckt schon viel drin.

 

Hört hier „Recht kommt“ von Pol1z1stens0hn Jan Böhmermann

 

Kann man textlichen Wumms eigentlich lernen? Oder anders gefragt: Ist die deutschsprachige Radiopopdudelei-Szene noch zu retten? Kannst du sie vielleicht retten?

Nein, ich bin zum Glück nur ein Spaßvogel und muss gar nix retten. Im Gegenteil, für mich ist es umso besser, je beschissener die Texte und Songs sind. Das ist ja alles Material dann zum Drüberlustig-machen. Hihi.

Jan Böhmermann und das Rundfunk Tanzorchester Ehrenfeld: 28.1.19, Sporthalle, 20 Uhr


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2019. Das Magazin ist seit dem 21. Dezember 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


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Tim Mälzer – Ein Plädoyer für Zero Waste

Zero Waste ist mehr als nur Müllvermeidung. Es geht um nachhaltiges Konsumieren, ohne auf Genuss verzichten zu müssen. Tim Mälzer über bewusste Einkaufsplanung und die Kunst der Einfachheit.

Interview: Jasmin Shamsi
Beitragsbild: Frank Meyer

Das Überangebot an Lebensmitteln im Supermarkt kann überfordern. Einkaufsentscheidungen werden oft von Rabattaktionen abhängig gemacht. Warum uns dadurch ein Bewusstsein für den Wert von Lebensmitteln abhanden gekommen ist und was man dagegen tun kann, erklärt TV-Koch Tim Mälzer in seiner ARD-Sendung „Lebensmittel-Check“. Seine Devise: Selbst ist der Verbraucher!

SZENE HAMBURG: Was bedeutet bewusste Einkaufsplanung?

Tim Mälzer: Verbraucher wollen wissen, woher ihr Essen kommt – aber leider nur oberflächlich. Interesse allein reicht nicht, man muss sich gezielt informieren. Damit mag ein gewisser Aufwand verbunden sein, aber der zahlt sich definitiv aus. In unseren „Lebensmittel-Checks“ bereiten wir das Thema soweit vor, dass der Zuschauer alle wichtigen Informationen auf einen Schlag bekommt.

Auf deiner ARD-Sendungsseite findet man eine Menge nützlicher Tipps und entsprechende Links. Wie sieht dein Einkaufsverhalten aus?

Ich bewege mich täglich in einem relativ kleinen Radius. Aus Zeitgründen schaffe ich es oft nur zu einer Handvoll Läden in nächster Nähe. Dabei haben wir tolle Erzeuger in der Umgebung, etwa das Gut Wulksfelde in Tangstedt.

Gerade in Großstädten ist das ein bekanntes Problem: Nach der Arbeit schnell in den Supermarkt und ab nach Hause. Es scheint zu wenig Zeit für einen bewussten Einkauf zu sein.

Ich sitze hier seit zwei Stunden am Computer auf der Suche nach einem Urlaubsziel. Dieselbe Zeit hätte ich genauso gut für meine Einkaufsplanung verwenden können. Sicher ist: Die meisten Leute kaufen regelmäßig dieselben Produkte. Wir sprechen also von rund 25 Artikeln, die es wert sind, recherchiert zu werden. Es geht nicht darum, sofort alles richtig zu machen, sondern Schritt für Schritt ein Bewusstsein zu entwickeln.

 

„Preisnachlässe gehen immer auf Kosten der Erzeuger“

 

Warum bestimmen Großhandelsketten, wie viel wir für unsere Lebensmittel zahlen? Zahlen wir zu wenig?

Das hat etwas mit Kundenbindung zu tun. Gerade beliebte Produkte wie Milch und Fleisch werden oft rabattiert, um Kunden zunächst mal in den Supermarkt zu locken – in der Hoffnung, dass sie dort dann auch andere Produkte kaufen. Für Werbeaktionen sind wir sehr empfänglich. Absurd wird es, wenn man 20 Kilometer Fahrt in Kauf nimmt, weil das Bier gerade im Angebot ist. Wir dürfen uns nichts vormachen: Preisnachlässe gehen immer auf Kosten der Erzeuger.

Besteht die Lösung darin, Erzeuger und Verbraucher wieder näher zusammenzubringen?

Ja sicher. Die Schweiz geht da mit gutem Beispiel voran (Anm. Red.: Im Mai 2017 ist ein neues Lebensmittelrecht in Kraft getreten, das die Deklarationsvorschriften verschärft hat). Die Lebensmitteltransparenz macht die Konsequenzen unserer Kaufentscheidungen deutlicher. Wenn wir wissen, woher die Lebensmittel kommen, kaufen wir anders ein.

Wie kann man Zwischenhändler und damit lange Transportwege vermeiden?

Der Gang zum Wochenmarkt ist schon mal ein guter Anfang. Unter einer anonymen Marke lässt sich nämlich viel leichter Mist verkaufen, als von Angesicht zu Angesicht. Wirklich gute Produkte mögen ein, zwei Euro mehr kosten, aber es lohnt sich, weil der Geschmack einfach besser ist.

Wie wäre es mit einer einheitlichen und übersichtlichen Plattform, auf der man all dieses Wissen bündelt?

Die Idee finde ich super. Es gibt ja für alles Plattformen: für Unterkünfte, Restaurantbewertungen etc. Da sollte es doch nicht so kompliziert sein, ein digitales Nachschlagewerk bzw. einen Einkaufsratgeber für Verbraucher ins Leben zu rufen. Wo findet man gute Hofläden, wo einen guten Bäcker? Es muss ja nicht immer Bio sein – ich kenne viele Landwirte mit toller, konventioneller Ware, die einen großartigen Job machen.

 

„Erst, wenn mein Kühlschrank leer ist, wird wieder eingekauft.“

 

Stichwort Lebensmittelverschwendung: Wir werfen jährlich Tonnen Lebensmittel in den Müll. Was uns nicht mehr appetitlich erscheint, kommt weg. Sind wir übersättigt?

Wir leben in einer Überflussgesellschaft, das muss man sich klarmachen. Vor Kurzem habe ich zu Hause das Experiment gestartet, meinen Kühlschrank leer zu essen. Ich habe nämlich festgestellt, dass ich eine Menge Lebensmittel wegschmeiße. Einfach, weil ich mich von meiner Lust auf bestimmte Produkte leiten lasse. Diesen Teufelskreis wollte ich unterbrechen. Erst wenn mein Kühlschrank vollständig leer ist, wird wieder eingekauft. Das Beste: Ich spare damit auch noch wahnsinnig viel Geld!

Welche Tipps hast du?

Nicht mit Appetit einkaufen zu gehen! Außerdem sollte man sich einen Speiseplan machen. Wenn ich zum Beispiel weiß, dass ich heute Nudeln esse, koche ich gleich ein paar mehr für ein Gratin am nächsten Tag. Dasselbe mache ich mit Kartoffeln. Die kann man am nächsten Tag für Bratkartoffeln oder Kartoffelsalat verwenden. Oder mal versuchen, den Kühlschrank leer zu essen, der Kreativität freien Lauf lassen. Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen? Einfach mal aufmachen, gucken, probieren, riechen!

Wie stehst du zu radikaler Resteverwertung?

Von radikalen Bewegungen halte ich nichts. Genauso, wie ich dem Gastrotrend „brutal lokal“ nichts abgewinnen kann. Gut, solche Trends schaffen die nötige Aufmerksamkeit – aber sie müssen auch im Alltag umzusetzen sein, sonst werden sie sich bei der Masse nicht durchsetzen.

Aber sowas wie Stiele von Kräutern und Schalen von Gemüse, die man in Suppen oder Ähnlichem weiterverarbeitet: Ist das zu radikal?

Ja gut, das ist für mich als Koch natürlich eine Selbstverständlichkeit. Die Stängel von Petersilie sind für mich noch richtig Gemüse und kein Rest. Wichtig ist, dass wir unseren Horizont erweitern und ein bisschen mehr Bereitschaft zeigen, unsere Gewohnheiten zu ändern.

 

„Das Überangebot an Lebensmitteln ist omnipräsent.“

 

In Frankreich und Italien ist es Supermärkten untersagt, noch genießbare Lebensmittel weg­zu­schmeißen. Durch Steuererleichterungen werden Geschäfte dazu animiert, an wohltätige Organisationen oder Tafeln zu spenden. Sollte man so etwas auch in Deutschland einführen?

Ich bin auf jeden Fall dafür, behutsamer mit Ressourcen umzugehen. Wir haben mal in der Guten Botschaft den Versuch gestartet, kleinere Portionen anzubieten. Unsere Gäste waren anfangs richtig sauer, weil sie nach dem Essen nicht pappsatt waren. Dabei muss man nur zehn Minuten warten, bis das Sättigungsgefühl eintritt. Dann ist man richtig geil satt und nicht vollgestopft wie ein Masthuhn (lacht). Aber zurück zu deiner Frage: Man muss an die großen Handelsketten ran, weil die die Möglichkeiten und Macht haben. Was soll das denn eigentlich mit den verlängerten Einkaufszeiten? Als sei das Überangebot an Lebensmitteln nicht schon omnipräsent genug. Vor Feiertagen sieht es im Supermarkt immer aus, als sei der Krieg ausgebrochen. Als ob man wochenlang um eine Nachlieferung bangen müsste (lacht). Jeden Ansatz, diese „Zustände“ zu ändern, finde ich gut.

Wenn man auswärts isst, bleiben häufig Reste übrig. Doggybags sind da eine super Erfindung. Nehmen deine Gäste diese Möglichkeit wahr?

Vielen Gästen ist es unangenehm, danach zu fragen. Wir bieten es proaktiv an, weil es schade um das Essen ist und wir es sonst wegschmeißen müssten. Zu Hause würde man sich das Essen vom Vortag ja auch noch mal warm machen! Obwohl wir darauf eingestellt sind, ist die Nachfrage nicht besonders groß.

Vielleicht muss man an der Verpackung arbeiten? Sie irgendwie schicker und nachhaltiger gestalten?

Ich bin tatsächlich gerade dabei, ein wertiges Verpackungssystem zusammen mit dem Designer Peter Schmidt zu entwickeln. Die Sache ist allerdings extrem kostenintensiv. Niemand würde einsehen, so viel Geld für eine Verpackung zu zahlen. Pfandsysteme funktionieren ja momentan leider nur lokal.

Auch da könnte die Vernetzung mit anderen Partnern der Schlüssel sein …

Absolut – das tut gut, mal ein bisschen zu brainstormen! Toll wäre, wenn man weitere Gastronomien mit ins Boot holen würde. So ein kostspieliges Projekt ist nur durch Fördergelder realisierbar, eventuell durch staatliche Subventionen. Das hat mit dem Mehrweg-Pfandbecher-Poolsystem in Hamburg auch geklappt.

Gar nicht so abwegig. Die Bundesregierung hat ein großes – auch wirtschaftliches – Interesse daran, die Lebensmittel­verschwendung einzudämmen. Kampagnen wie „Zu gut für die Tonne“ beweisen das. Entsprechende Unternehmen könnten wiederum mit ihrem Know-how von Nutzen sein.

Das ist ein guter Ansatz. Wir können von kleinen Gastronomien einfach nicht verlangen, dass sie von der geringen Marge, die ihnen übrigbleibt, auch noch in bessere Verpackungen investieren. Ich würde ja gerne mal zum Runden Tisch von der Verbraucherschutzbehörde eingeladen werden. Da könnte man all diese Themen ausführlich besprechen und sich mit Partnern zusammentun. Ich finde, wir sollten alle an einem Strang ziehen!

 


Foto: Philipp Jung

Unsere Kollegin Jasmin Shamsi schlemmt sich für uns durch Hamburg. Als Food-Redakteurin schlägt ihr Herz für Kultur und Kulinarik – die zwei großen Ks, für die sie brennt. Für uns spürt sie die Geschichten über Macher und Marken auf, serviert sie brühwarm und immer neu gewürzt – in jeder Ausgabe der SZENE HAMBURG und auf Instagram unter @szenehamburg.essentrinken 


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Homophobie im Profisport – Thema im Film Mario

Fußballer sind echte Kerle. Muskulös. Hart im Nehmen. Homosexualität ist in dieser Branche ein Tabuthema wie in kaum einer anderen, auch wenn sich einige wenige Vereine wie der 1. FC St. Pauli klar für eine offene Geisteshaltung aussprechen. Welche Seelenqualen das für einen schwulen Spieler bedeutet, zeigt Marcel Gislers Drama „Mario“. Wir haben mit dem Regisseur gesprochen

Zuerst sieht Mario (Max Hubacher) den Neuen in der Mannschaft nur als Konkurrenten. Auch Leon (Aaron Altaras) ist Stürmer, und nur einer von ihnen beiden – wenn überhaupt – wird den begehrten Profivertrag für die kommende Saison erhalten, auf den alle Spieler der U21-Mannschaft des Berner Clubs YB Young Boys schon ihr ganzes Leben lang hingearbeitet haben. Entsprechend erbittert ist der Konkurrenzkampf unter den jungen Männern.

Doch spätestens, als Mario sich mit Leon eine Spielerwohnung teilen muss, verändern sich seine Gefühle. Aus Misstrauen und Ablehnung wird Freundschaft, schließlich aus Freundschaft Liebe. Eine unmögliche Liebe, die sie öffentlich nicht zeigen dürfen – Sponsoren, Fans, sie alle würden das Paar verurteilen.

Mario, der Film über zwei schwule Fußballer Foto: Pro Fun Media

Die beste Freundin muss als Alibipartnerin herhalten. Foto: Pro Fun Media

Ihr Marktwert? Im Keller. Die Karriere vorbei, bevor sie richtig begonnen hat. „Es gibt Sachen, die gehen einfach nicht!“, faucht Marios Berater ihn an, als die Beziehung schließlich doch auffliegt. Homosexualität ist dabei aus seiner Sicht in einer Liga mit Drogen oder Sex mit Minderjährigen zu sehen. Das Versteckspiel, der innere Kampf gegen die eigenen Gefühle, die Sticheleien der Mannschaftskollegen werden immer unerträglicher, bis Mario und Leon daran zu zerbrechen drohen und eine Entscheidung fällen müssen.

Die Geschichte, die Regisseur Marcel Gisler selber mitgeschrieben hat und in der auch der 1. FC St. Pauli eine Rolle spielt, scheint zu Beginn sehr absehbar. Doch einige überraschende Twists, eine feinfühlige Kamera und vor allem die tolle Schauspielleistung Max Hubachers, der scheinbar mühelos die komplette emotionale Bandbreite von glücklicher Verliebtheit bis hin zu abgrundtiefer Verzweiflung abrufen kann, lassen den Zuschauer intensiv an der zermürbenden Seelenqual des Protagonisten teilhaben. Während Homosexualität in unserer heutigen Gesellschaft weitgehend akzeptiert ist, hinkt die Fußballwelt hier noch weit hinterher. Gut, dass Marcel Gisler das einmal auf so beeindruckende Weise auf die Leinwand holt.


Marcel Gisler, Regisseur Mario, Foto: Pro Fun Media

Marcel Gisler, Regisseur Mario, Foto: Pro Fun Media

Regisseur Marcel Gisler im Interview

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Further Festival – Club-Festival mit weiblichem Line-Up

Ausschließlich weibliche Acts (u. a. Schnipo Schranke, Sookee, Ebo, Preach und Natascha P., Klitclique) werden auf der Bühne stehen, wenn das Further Festival im Uebel & Gefährlich steigt. Ein Gespräch mit Friederike Meyer aus dem Organisationsteam.

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Es ist „der nächste Schritt, den man machen muss“, sagt Friederike Meyer. Foto: Simone Scardovelli

SZENE HAMBURG: Friederike, ihr veranstaltet ein Festival mit ausschließlich weiblichen Künstlern. Warum erst jetzt?

Friederike Meyer: Eine berechtigte Frage, die ich mit keinem konkreten Grund beantworten kann. Wir haben die Idee vom Festival jedenfalls schon länger mit uns herumgetragen. Als Booking-Agentur sind wir natürlich auch häufig auf Festivals, und nicht erst seit den Erhebungen in den vergangenen Jahren, die das Ungleichgewicht von männlichen und weiblichen Acts aufgezeigt haben, wussten wir, dass es an der Zeit ist, dieses Festival auf die Beine zu stellen.

In einer Mitteilung von euch heißt es: „Unser Ansatz ist ein feministischer.“ Was steckt alles dahinter?

Ich finde es schon mal einen ziemlich feministischen Ansatz zu sagen, dass wir uns ausschließlich auf weibliche Acts konzentrieren – und trans- sowie nicht-binäre Künstler wären natürlich auch willkommen. Man könnte meinen, in der Musikbranche wären wir schon recht weit in Sachen Emanzipation. Das stimmt aber nicht, es gibt immer noch ein großes Ungleichgewicht.

Welche Gründe siehst du dafür?

Das Ende der Fahnenstange ist immer dann erreicht, wenn es ums Geld geht. Wollen Festivalmacher den größtmöglichen Gewinn erwirtschaften, ist ein feministischer Gedanke schnell verworfen, auch wenn er eben noch auf die eigenen Fahnen geschrieben wurde. Außerdem bewegen sich viele Booker schon viel zu lang in Komfortzonen und buchen immer wieder die gleichen männlich besetzten Bands.

Ihr macht es anders – aber könnt ihr mit diesem Festival auch nachhaltig etwas bewirken?

Das Further Festival ist der nächste Schritt, den man machen muss, um Künstlerinnen eine größere Plattform zu bieten. Wir wollen die Wirklichkeit abbilden, die von Festivalmachern sonst teils verschoben wird. Zudem möchten wir Newcomerinnen unterstützen und ihnen eine größere Bühne ermöglichen.

Wobei Schnipo Schranke und Sookee, die beim Further Festival auftreten, jetzt nicht so große Booking-Probleme haben, oder?

Wir brauchten natürlich auch Künstlerinnen, mit denen wir die Leute abholen und die Hütte vollkriegen können. Wir haben im Vorfeld ja keinen Aufruf gestartet, nach dem Motto: „Wer fühlt sich in der Branche besonders schlecht vertreten?“ Am Ende, denke ich, haben wir einen guten Mix gefunden aus bekannten Acts und welchen, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen. Vielleicht tauschen sie sich hinter der Bühne oder auf der After-Show-Party auch aus und wollen sich gegenseitig pushen, in dem sie sich zum Beispiel als Support mit auf Tour nehmen. Das gehört auf jeden Fall auch zu unserem „feministischen Ansatz“.

Und aufs große Ganze bezogen: Was sollte nach dem Further Festival noch passieren?

Es kann gar nicht genug passieren! Female Festivals sollte es in jedem Bundesland und in jeder Stadt geben. Die Zeit ist einfach reif.

Interview: Erik Brandt-Höge
Fotos: Calcio (Beitragsbild), Simone Scardovelli

Further Festival, 2.+3.11., Uebel & Gefährlich; www.furtherfestival.com



 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2018. Das Magazin ist seit dem 29. September 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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FoodSZENE – Ramen schlürfen mit Bedacht

Methodisch und zügig: Wie Ramen gegessen werden und welche Philosophie dahintersteckt, erzählt Herr Naraoka, Chefkoch in der Ramen Bar Zipang.

SZENE HAMBURG: Herr Naraoka, wo­rauf kommt es bei guten Ramen an?

Herr Naraoka: Die Suppe muss heiß sein, wenn sie serviert wird. Und die Nudeln sollten noch etwas Biss haben und zeitnah gegessen werden, damit sie sich nicht mit der Brühe vollsaugen. Ramen sind ja nie gleich: Es gibt verschiedene Brühen, Geschmacksrichtungen und Nudeln. Die Vielfalt macht den Wesenskern der japanischen Nudelsuppe aus. Und die Zubereitung von Ramen ist ein fortwährender Prozess.

Wie hat sich dieser Pro­zess bei Ihnen gezeigt?

Am Anfang hatte ich eine dicke, fette Brühe als Basis. Den Hamburgern war das zu fettig und kräftig – also habe ich das geändert. Grundsätzlich passe ich meine Rezepte ein-, zweimal im Jahr neu an.

“Jeder ein­zelnen Zutat wird Wertschätzung entgegengebracht”

Herr Naraoka von der Ramen Bar Zipang in Hamburg. Foto: Rie Okada

Foto: Rie Okada

 

Welche Zutaten sorgen für den speziellen Umami­ Geschmack?

Wir benutzen keine Geschmacksverstärker und halten uns an die Vorgaben der traditionellen japanischen Küche. Die Qualität der Zutaten und der Faktor Zeit spielen eine große Rolle, um alle Aromen zur Geltung zu bringen. Zu den Grundzutaten für jede Brühe beziehungsweise jedes Dashi zählen Bonito-Flocken und Kombu. Wichtig sind auch die Aminosäuren, die in Fleisch, Gemüse und Algen enthalten sind.

In dem Film „Tampopo“ ist Ramen mehr als nur eine Nudelsuppe, dahinter steckt eine eigene Philosophie. Wie sehen Sie das?

In der ersten Szene wird gezeigt, wie man Ramen isst: Zuerst probiert man von der Brühe, dann die Nudeln, zum Schluss das Fleisch. Man schau­felt Ramen nicht einfach so in sich hinein, sondern arbeitet sich fast schon methodisch und dennoch zügig vor. Jeder ein­zelnen Zutat wird Wertschätzung entgegengebracht. Das zu sehen, war auch für mich als Japaner interessant. Die Zubereitung von Ramen braucht Zeit, bei uns einen ganzen Tag.

Spielt die Ästhetik eine Rolle?

In der japanischen Küche werden die Teller nach dem Berg-­Tal­-Schema angerichtet. Der Gast muss alles sehen können. Bei Ramen, die in ei­ner Schüssel serviert werden, funktioniert das so natürlich nicht. Am ehesten noch bei den scharfen Ramen, genannt Kara-­Miso Ramen, die mit Zwiebeln, Hackfleisch und einem Ei garniert werden.

“Es macht mich traurig, dass ich meinen Gästen nicht ab und zu ins Gesicht schauen kann”

In japanischen Ramen-Bars sitzt man dem Koch häufig direkt gegenüber, sodass man immer Blickkontakt hat. Hier ist die Küche etwas versteckter. Geht da eine gewisse Nähe verloren?

Es macht mich schon ein bisschen traurig, dass ich meinen Gästen nicht ab und zu mal ins Gesicht schauen kann. Mich interessiert auch, ob etwas und was genau übrig bleibt. Daher bitte ich meine Mitarbeiter im Service regelmäßig um Feedback. Gerade am Anfang war das für mich extrem wichtig. Nach vier Jahren kann ich es mittlerweile ganz gut einschätzen, was meine Gäste mögen.

Wo finden Sie Inspiration?

Wenn eine neue Ramen-Bar eröffnet, gehe ich natürlich hin. In Deutschland habe ich so ziemlich jede Nudelsuppe getestet. Außerdem probiere ich auch in Japan immer wieder neue Läden aus, um auf dem Laufenden zu bleiben. Es gibt unendlich viele Abwandlungen von Ramen: Bei Tsukemen tunkt man die separat servierten Nudeln in eine dicke Brühe, bei Abura Soba hat man nur Nudeln mit einer Art fettiger, dicker Sauce, die den Geschmack auf die Nudeln bringt. Ich kann mir gut vorstellen, dass Abura Soba auch einigen meiner Gäste schmecken würde.

Interview: Jasmin Shamsi
Beitragsfoto: Ramen Bar Zipang

Ramen Bar Zipang, Eppendorfer Weg 62 (Eimsbüttel), Telefon 30 70 37 77; www.ramen-bar.de


Who the fuck is…

Foto: Philipp Jung

Unsere Kollegin Jasmin Shamsi schlemmt sich für uns durch Hamburg. Als Foodredakteurin schlägt ihr Herz für Kultur und Kulinarik – die zwei großen Ks, für die sie brennt. Für uns spürt sie die Geschichten über Macher und Marken auf und serviert sie brühwarm und immer neu gewürzt – online, in jeder Ausgabe der SZENE HAMBURG und auf Instagram unter @szenehamburg.essentrinken 


 Dieser Text stammt aus dem SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2018. Das Magazin ist seit dem 30. August 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

 

 

 


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Antú Romero Nunes – Schönheit macht die Welt erst sinnvoll

Regisseur Antú Romero Nunes inszeniert zum Spielzeitauftakt am Thalia Theater „Orpheus“ und erprobt ein neues Theater der Sinnlichkeit und Emotionalität.

SZENE HAMBURG: Antú, deine Auftaktinszenierung zur neuen Spielzeit ist „Orpheus“, allerdings frei nach dem Mythos. Was heißt das?

Antú Romero Nunes: Ich arbeite gern mit mythischen Stoffen, nehme sie zum Ausgangspunkt. Man kann schauen, was der Probenprozess daraus macht. Das Theater braucht langsam neue Stücke. Uns gehen die guten Stoffe aus. Der Mythos ist der Ausgangspunkt, um frei anzudocken. Die Proben wer­ den dadurch gewissermaßen zu einem Schreibprozess mit den Schauspielern. Sie haben dann viel weniger Halt und müssen gucken. Das ist auch gut für sie, weil das wach hält und ihr Talent kitzelt.

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Dieser Artikel stammt aus der SZENE HAMBURG 9/18. Hier können Sie die gesamte Ausgabe lesen.

Was interessiert dich an Orpheus?

Das Thema von Orpheus ist toll, weil es die erste Trauerverarbeitung in der Menschengeschichte ist, genauso wie die erste Märtyrerfigur. Dabei ist Orpheus auch noch der Künstler, er ist ja in der Mythologie auch der Sänger und gleichzeitig der Märtyrer. Er singt, weil er leidet. Die Welt ist nur durch Leiden erfahrbar, genauso wie die Liebe…

… Orpheus steigt hinab in die Unterwelt zu seiner Geliebten, Eurydike, und dreht sich um, was er laut der Götter nicht darf.

Das ist eben das Rätsel. Es ist ja nicht erklärbar. Er kriegt sie. Hat alles, was er will – und er dreht sich um und verliert sie wieder. Das Schicksal ist nun mal stärker, könnte man deuten. Das andere ist aber, dass das ein großes Opfer ist. In dem Moment, wo er sich zum Märtyrer macht, ist er frei. Er dreht sich vielleicht nur um, um sich selbst zu definieren. Er hat sie bekom­men und gibt sie wieder weg. Er de­finiert sich als Mensch. Er erkämpft sich das Unmögliche und er schmeißt es wieder weg. Mich interessiert die Haltung: Ich dreh mich um, weil ich lasse mir nichts vorschreiben. Als Akt der Selbstbestimmung.

“Weniger erklären, mehr spüren.”

Die Musik wird in deiner Inszenierung eine große Rolle spielen…

Ja, die Musik muss eine große Rol­le spielen. Orpheus ist der erste Sänger der Geschichte. Die ganze Geschichte orphisch zu erzählen, also über Musik, ist der einzige Weg. Ich denke an ein Theater, das beinahe nur über Emoti­onen läuft – eine Art Forschungsreise von mir ist es gerade: Kann man rein emo­tionales Theater machen? Weniger erklä­ren, mehr spüren?

Welche Musik wird das auf der Bühne sein?

Anna Bauer und Johannes Hoffmann, die teils auch die Musik zu „Don Giovan­ni“ gemacht haben, komponieren wild herum und werden eine Art Roadtrip die Welt erst sinnvoll in den Hades liefern. Auf der Probe spielen sie Musik. Wir legen Szenen drauf und andersrum. Wir schreiben das Stück im Prinzip gemeinsam wie in einer rie­sigen Jamsession. Wir versuchen alles im Moment zu machen und zu erfassen. Wir haben ja so viele talentierte Menschen da, die wissen, wo es langgehen kann. Da kommt viel zusammen, Was als Nächstes kommt, kann keiner so genau wissen, wie im Leben.

Du bist gerade in Sizilien, während wir telefonieren. Bringst Du von dort Inspiration oder ein Gefühl für die Inszenierung mit?

Ich habe mir einfach ein paar Wochen genommen und bin mit dem Auto hier hergekommen, ich wollte allein sein, und jetzt bin ich unerwartet in einer riesigen Community gelandet, habe plötzlich interessante Menschen gefunden. Das ist irgendwie gut. Ich arbeite weniger, als ich wollte. Die deprimierenden Philosophen lese ich für „Orpheus“ zwar immer noch – und danach habe ich immer Leute um mich rum, die mich auslachen, weil ich so viel lese. Gewissermaßen ist es sehr orphisch hier. Das regt mich an, ob ich überhaupt Text in die Inszenierung reinbringe oder nicht den Zugang kom­plett über die Emotionalität lege. Es ist sehr physisch, über den Körper zu erzäh­len, und der Schauspieler nicht die ganze Zeit plappert. Für die Schauspieler eine Herausforderung.

Noch mal konkret zur Inszenierung. Orpheus ist in deiner Inszenierung eine Frau?

Ja, ich erzähle das mit zwei Frauen. Ich fand, dass das sehr gut passt, wenn es um die Liebe geht. Man kann so gut auf die Liebe schauen, weil die Normen, der Mann muss jetzt aber dieses und jenes tun, oder die Frau das und das, die kann man ganz gut beiseitelassen.

“Die Probenprozesse werden chaotischer und freier.”

Orpheus im Thalia Theater Foto: Thalia Theater

Wo steht die „Orpheus“-Inszenierung in deiner eigenen Entwicklung als Regisseur?

Die Probenprozesse werden immer chaotischer und freier. Jeder Mensch, der da ist, gestaltet mit. „Don Giovanni“ trägt ja auch den Untertitel eine Bastard­komödie. Jetzt machen wir noch mal ei­nen Bastard, aber anders, eine Tragödie, ohne Libretto. Ich probe wie gesagt gerade mit Theaterformen, die nicht so diskur­siv sind, sondern bei denen nicht so viel erklärt wird, bei denen geguckt wird auf das wirklich Wichtige, das Menschliche. Das war ja auch schon bei der Odyssee so, Sprache war verständlich durch Handlung und Tonfall. „Orpheus“ lässt sich nur über Musik erzählen, wie auch der „Don Giovanni“, aber diesmal eben ohne Libretto. Die Sinnlichkeit und den Körper zu erzählen, das ist für die Schauspieler, wie ins kalte Wasser zu springen.

Gibt es einen idealen Zuschauer für dein neues Theater?

Salopp gesagt: Der Zuschauer soll sich entspannen. Man merkt den Erfolg immer daran, dass es Menschen gibt, die dich unentwegt kritisieren. Man kann eben alles kaputt machen. Ich frage mich dann immer, warum einige Menschen das Leben so sehr hassen. Ich kann jeden Film und jedes Theater kaputt reden und jede Liebe übrigens auch, und dann ist sie kaputt und der Sex schlecht… Wie kriege ich überhaupt Menschen dazu, wieder auf das Leben zu schauen, frage ich mich für mein Theater? Wir reden immer vom pädagogischen Auftrag des Theaters.

“Kunst und Kultur können helfen, die Scheiße aus dem Kopf zu kriegen.”

Und, was wäre er sonst?

Die Aufgabe des Theaters besteht glaube ich darin, die Zuschauer wieder sinnlich aufs Leben schauen zu lassen. Die Schönheit wieder zu erkennen. Diese ist nicht zu unterschätzen: Eine schöne Handlung ist immer selbstlos und meistens gut. Mach doch schöne Dinge und sei ein schöner Mensch. Die Welt ist ein sinnloses Konstrukt und nur als sinnlich erfahrbares Objekt überhaupt sinnvoll. Also lasst uns um die Sinnlichkeit kümmern. Schönheit ist das, was das Leben lebenswert macht. Keine hässlichen Beschwerden, sondern schauen, was dem Leben Schönheit bringt. Das bedeutet ganz konkret handeln. Dafür ist emotionales Theater da.

Hast du eine Definition von Kunst und Kultur?

Vielleicht so, Kunst und Kultur können helfen, die Scheiße aus dem Kopf zu kriegen. Man darf nicht unterschätzen, was es bedeutet, zerstreut zu werden von dem ganzen Chaos im Leben, und den ganzen Mist um uns herum aus dem Kopf zu schaffen. Es gibt uns die Möglichkeit, die Welt auf den Kopf zu stellen, durchuschütteln und zu schauen, was übrigbleibt. Über das unendliche Universum kann man nicht sprechen, man muss es gestalten. Wie der Urknall, eine langandauernde Explosion eben.

Interview: Stefanie Maeck
alle Fotos: Thalia Theater

Orpheus läuft noch bis zum 13.1.2019 im Thalia Theater.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2018. Das Magazin ist seit dem 30. August 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

 

 

 

 


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Max Frisch fragt… Maren Schönfeld

In unserer Reihe „Max Frisch fragt…“ kommt der alte Meister der Literatur mit den Wortkünstlern der Gegenwart ins Gespräch. Dieses Mal mit Maren Schönfeld. Die Lyrikerin hat gerade ihr neues Buch veröffentlicht. Es trägt den Titel “Töne, metallen, trägt der Fluss – eine lyrische Elbreise”.

Können Sie sich ein leichtes Sterben denken?

Ja, als Wechsel in die nächste Welt.

Halten Sie die Dauer einer Freundschaft, die Unverbrüchlichkeit, für ein Wertmaß der Freundschaft?

Nein. Nähe und gegenseitiges Verständnis sind mir wichtiger.

Welche Hoffnung haben Sie aufgegeben?

Dass der Klimawandel noch aufzuhalten ist.

Was gefällt Ihnen am Neuen Testament?

Dass die Liebe das Größte ist (1. Kor. 13,13).

Wie stellen Sie sich Armut vor?

Beklemmend, weil alles gut überlegt sein will, man immer vernünftig und kostenbewusst haushalten muss – sicherlich auf Kosten der Spontaneität und der eigenen Wünsche.

Wem wären Sie lieber nie begegnet?

Niemandem. Ich habe auch oder gerade aus unliebsamen Begegnungen sehr viel gelernt.

Interview: Jenny V. Wirschky

Lesung am 20.9.2018 ab 19:30 im Kulturzentrum Motte
www.lyrischeelbreise.com


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Mehr Literatur?

Ring & Wrestling – Göttersoap in der Staatsoper

Eine Telenovela auf der Opernbühne nennt sich, logisch, „operanovela“. Das neue Serien-Format der Staatsoper „Ring & Wrestling“ startet mit fünf Folgen. SZENE HAMBURG sprach mit dem Regisseur Dominik Günther, selbst ehemaliger Wrestler.

SZENE HAMBURG: Dominik Günther, „Der Ring des Nibelungen“ mit jenem Ring zusammenzubringen, in den die Wrestler steigen, liegt nicht unbedingt auf der Hand. Ist der Begriff Ausgangspunkt für Gemeinsamkeiten?

Dominik Günther: Nein, da gibt es andere. Beides ist martialisch, kraftvoll und nutzt Pathos. Eine Soap dreht sich meist um eine Familie, in diesem Fall sind es die Götter aus Wagners Opern: Wotan, seine Ehefrau Fricka, Wotans Tochter Brünnhilde, die er allerdings mit Erda zeugte, und Donner, ein Security-Mann, der in Brünnhilde verliebt ist. Zu dieser Riege stoßen in jeder Folge neue Gäste, wie man das aus Telenovelas kennt. Freya, zum Beispiel, Frickas Schwester.

“die klassische Oper mit der Hamburger Subkultur verbinden”

Inhaltlich geht es ja da weiter, wo Wagner aufhört: Den Göttern dämmert’s, dass sie nicht mehr gebraucht werden, doch das wollen sie nicht hinnehmen…

Walhall ist abgebrannt, die Götter sind auf der Flucht, wollen aber ihre Macht unbedingt zurückgewinnen. Dabei soll ihnen ein Held, ein neuer Siegfried helfen. Hier kommen die Wrestler aus der Kultveranstaltung „Rock & Wrestling“ von St. Pauli ins Spiel. Kandidaten wie The One and Only und Pinkzilla bewerben sich, aber auch Haidi Hitler, die große Wagner-Kennerin.

Wird es eine Persiflage auf Wagner-Opern?

Nein, wir nehmen die Arbeit sehr ernst, das Genre wird keineswegs niedergemacht. Mich als Regisseur interessieren dabei verschiedene theatralische Ausdrucksformen. Wrestling hat viel von einer griechischen Tragödie, vom Kampf Gut gegen Böse. Es sind Haltungen, die gegeneinander antreten. Ich wollte die klassische Oper mit der Hamburger Subkultur verbinden.

“Richard Wagner hätte Quadrophonie genutzt”

Was passiert musikalisch oder: Wie viel Wagner bleibt?

Anteilig kann ich das nicht benennen. Der musikalische Leiter Leo Schmidthals, bekannt als Bassist der Band Selig, nimmt Puzzleteile aus Wagner-Kompositionen. Die spielt ein fünfköpfiges Orchester live, verfremdet durch elektronische Musik. Ich bin sicher, auch Richard Wagner hätte Quadrophonie genutzt, wenn er die Chance gehabt hätte – er war Künstler. Außerdem ist Punkrock aus der Westling-Szene zu hören sowie Rezitative aus den Opern, also in beiden Fällen extreme Musik.

Die einen singen göttergleich, die anderen bewegen sich in ihrem Metier, wie verbinden sie sich?

Die Opernsänger entwickelten während der Proben eine Affinität zum Wrestling, sie wollten wissen, wie es möglich ist, jemanden auf den Kopf zu knallen, ohne ihm das Genick zu brechen. Dahinter stecken ja Tricks, eine bestimmte Technik und choreografierte Bewegungsabläufe, wie beim Ballett. Darsteller aus beiden Metiers erzählen Geschichten auf der Bühne, spielen Theater.

Haben Zuschauer ohne Kenntnisse des Wagner-Kosmos den gleichen Genuss?

Ganz sicher, jeder Abend wird spektakulär. Wir erzäh­len keine Story à la Nibelun­gen. Vielleicht haben Wagner­-Kenner manchmal mehr da­ von, weil sie in Pinkzilla den Drachen Fafner oder Facetten von Alberich in Wotan er­kennen, aber andererseits gibt es auch Anspielungen auf die Wrestling­-Szene.

Für seinen „Ring des Nibelungen“ sah Wagner vier Abende vor, Sie planen fünf Folgen von „Ring & Wrestling“ an aufeinander folgenden Samstagabenden; wird erwartet, dass das Publikum dranbleibt?

Zu Beginn erzählt immer jemand, was bisher geschah, man kann also jederzeit ein­steigen.

“Das Publikum ist eingeladen, Position zu beziehen”

Wrestling hat eine große Fangemeinde, und Wagner-Musik Legionen von Anhängern – aber gibt es eine Schnittmenge im Publikum?

Vielleicht jetzt noch nicht. Aber das Publikum über­nimmt bei „Ring & Wrestling“ ja ebenfalls eine Rolle, es spielt die Fans der jeweiligen Helden und ist eingeladen, Position zu beziehen, seine Favoriten anzufeuern. Ich hoffe sehr, dass sich Zuschauer aus beiden Bereichen treffen.

Wird schließlich ein Siegfried-Nachfolger gefunden?

Ich will nicht zu viel ver­raten. Aber: Am Ende ist ein neues Walhall in Sicht!

Interview: Dagmar Ellen Fischer
Beitragsfoto: Frank Egel

Opera stabile, Premiere am 7.9., 15., 22., 29.9. www.staatsoper-hamburg.de


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Mehr Hamburger Theater?


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Kolonialismus – Spuren der Ausbeutung

Hamburg als Hafenstadt gilt als „Tor zur Welt“. Früher war es das Tor zur Unmenschlichkeit. Die der Stadt viel Reichtum brachte. Ein düsteres Kapitel, das gerne vergessen wird.

Die Donnerstraße im schicken Ottensen, das Straßenschild um­geben von Altbaufassaden. Da­runter das Hinweisschild: „Fa­milie D. (18. bis 20. Jh.) – För­derer gemeinnütziger Einrich­tungen“. Das klingt erst einmal gut. Nach einer Familie, die sich um das Gemeinwohl verdient gemacht hat. Und in der Tat: Die wohlhabende Kaufmannsfami­lie um Conrad Hinrich Donner (1774–1854) ging großzügig mit ihrem Vermögen um und un­terstützte unter anderem die Altonaer Sonntagsschule zur fachlichen Weiterbildung von Handwerkern und Künstlern, ließ für das Kirchspiel Othmarschen die Christuskirche errich­ten und das Erholungsheim in Döse an der Nordsee erbauen und anschließend dem Altonaer Kinderhospital übereignen. Was nicht auf dem Schild steht: Die Familie erwirtschaftete ihren Reichtum zum Teil mit fragwür­digen Mitteln. Die Firma C.H. Donner handelte intensiv mit Waren wie Tabak, Zucker und Kaffee, die unter Ausbeutung der einheimischen Bevölke­rungen aus fernen Ländern nach Hamburg gebracht wurden. 1899 gründete Conrad Hinrich Donners gleichnamiger Enkel in La Paz die Vereinigung zur Aus­beutung der Gummivorkom­men in Bolivien.

So waren damals eben die Verhältnisse und kein Mensch ist moralisch vollkommen, wen­det so mancher ein. Deswegen die Straßennamen zu ändern, sei der überzogene Versuch, die Geschichte moralisch zu reini­gen, sagen Kritiker. Die immer noch stattfindende Reduzierung kolonialer Eroberer und Aus­beuter auf ihre positiven Seiten sei eine nostalgische Verklärung der Kolonialzeit, wenden Post­kolonialismus­-Forscher ein. So viel ist sicher: Deutsch­lands Rolle in der Kolonial­zeit fand in der Vergangenheit kaum ein öffentliches Bewusst­sein, die von Deutschen began­genen Verbrechen wurden bis heute nur ungenügend aufge­arbeitet. Dazu gehört beson­ders der Völkermord an den Herero und Nama in der Kolonie Deutsch­Südwestafrika (heute Namibia) von 1904 bis 1908, in Folge dessen schät zungsweise 70.000 bis 80.000 Herero und ungefähr 10.000 Nama umgebracht wurden.

Der Historiker und Afrikawissenschaftler Jürgen Zim­merer verfolgt den mühseligen und von der deutschen Bun­desregierung halbherzig be­gegneten Versuch der Nach­fahren um Anerkennung und Entschädigung. Für ihn ist der Völkermord „der erste deut­sche Genozid“ des 20. Jahr­hunderts. In seinen Büchern arbeitet Zimmerer gegen das falsche Bild an, deutsche Ero­berer seien gute und harmlose Missionare gewesen. Seit 2014 ist er der Leiter der Forschungsstel­le „Hamburgs (post­)koloniales Erbe /Hamburg und die frühe Globalisierung“ an der Univer­sität Hamburg, wo er und seine Mitarbeiter die Rolle der Hafen­stadt Hamburg in der Koloni­alisierung und die heute noch sichtbaren Folgen erforscht.

Jürgen Zimmerer im Interview über den Kolonialismus in Hamburg

Prof. Dr. Jürgen Zimmerer beschäftigt sich als Historiker mit dem Kolonialismus in Hamburg. Foto: UHH/Dingler

SZENE HAMBURG: Herr Zimmerer, welche Bedeutung hatte Hamburg für den Kolonialismus?

Prof. Dr. Jürgen Zim­merer: Die spannendere Frage ist… welche Rolle hatte der Kolonialismus für Hamburg? Dazu muss man sagen: Hamburg, das sich gerne als Tor zur Welt preist, war Deutsch­lands Tor zur kolonialen Welt. Das betrifft nicht nur den Umgang mit den deutschen Kolonien – also die Jahre 1884 bis 1918, denn auch die übrige Welt, mit der man als Hafen­ stadt Handel trieb, war eine koloniale Welt. Ökonomisch ist Hamburg also eng mit dem Kolonialismus verbunden. Auch kulturell. Denken Sie etwa an das Völkerkundemu­seum, das jetzt umbenannt wird. Völkerkundemuseen stellten damals fremde „Kulturen“ aus. Das Bürgertum wollte Exotik sehen, und diese Exotik wurde ausgestellt. Die zur Schau gestellte „Primiti­vität“ und die Andersartig­keit verstärkten wieder das Überlegenheitsgefühl der Europäer und dienten auch als Rechtfertigung kolonialen Ausgreifens; es herrschte ein symbiotisches Verhältnis zum Kolonialismus.

Welche Spuren sind heute noch sichtbar?

Nehmen Sie Hagenbecks Tierpark. Hagenbeck wird ge­feiert für die Erfindung des Freigeheges für Tiere. Um die Jahrhundertwende perfek­tionierte er aber auch die Völ­kerschauen, also die Menschenzoos. Darüber wurde er weltbekannt. Man stellte Menschen in ihrem „natür­lichen“ Umfeld aus – was bis heute nicht wirklich aufgear­beitet ist.

Was noch?

Zum Beispiel die Spei­cherstadt, ein Weltkulturerbe. Was wurde da eigentlich ge­speichert? Da sind wir auch wieder bei den Kolonialwa­ren. Oder ein anderes Bei­spiel: Ein Vorläufer der Uni­versität Hamburg wurde 1908 als Kolonialinstitut gegrün­det. Lange Zeit hat sich auch die junge Universität über die Kolonialwissenschaften de­finiert. Im Dritten Reich gab es sogar den Plan, ein zweites Kolonialinstitut zu schaffen.

Durch die 68er gab es dann den ikonischen Sturz des Wissmann­-Denkmals, das vor dem Hauptgebäude der Uni­versität stand – eine erste Auf­lehnung gegen die kollektive Amnesie. Da zeichnete sich der Wandel vom Kolonial­institut zu einer Institution der Dekolonisierung ab – ein Prozess, der 2014 durch die Einrichtung der Forschungs­ stelle „Hamburgs (post­)kolo­niales Erbe /Hamburg und die frühe Globalisierung“ in ge­wisser Weise fortgesetzt wird.

“Hamburg ist tief mit dem Kolonialismus verbunden”

Sie kritisieren die Bundesrepublik häufig für ihre Trägheit in der Aufarbeitung der deutschen Kolonialzeit; besonders im Umgang mit dem Genozid an den Herero und Nama im heutigen Namibia. Wie sieht es mit der Aufarbeitung in Hamburg aus? Die Einrich- tung der Forschungsstelle ist doch ein positives Beispiel.

Ja! Die Einrichtung die­ser Forschungsstelle ist ein deutliches Signal und wirk­lich avantgardistisch – und die Politik hat dafür die Rah­menbedingungen geschaf­fen. Eine Forschungsstelle als Grundlagenforschung, die für die Kolonialgeschichte Ham­burgs die Faktenlage erarbei­tet, auf deren Grundlage dann gesamtgesellschaftlich ein Erinnerungskonzept disku­tiert werden kann – das ist der richtige Weg. Es ist die einzige Forschungsstelle dieser Art in Europa, sie ist also ein veri­tables Alleinstellungsmerkmal und findet trotz geringer Mittel internationale Beach­tung. Hamburg ist als Ort da­ für auch richtig, eben weil es als Hafenstadt so tief mit dem Kolonialismus verbunden ist. Mittlerweile, ist nicht zu­ letzt auf Drängen Hamburgs das Thema Kolonialismus auch mit in den Koalitions­vertrag der Großen Koalition in Berlin aufgenommen wor­den. Da bewegt sich langsam etwas, aber die Bundespoli­tik ist nun einmal träge. Wenn Berlin klug ist, nutzt es, was in Hamburg schon da ist.

Welchen Fragen gehen Sie in der Forschungsstelle nach?

Dem Kolonialismus und seinen Folgen in seiner gan­zen Bandbreite, und zwar wo immer möglich in Kollabo­ration mit Kollegen und Kol­leginnen aus den ehemaligen Kolonien. So haben wir dieses Jahr etwa drei Künstler aus Namibia hier, die an einem Projekt über historische Fotos aus der Zeit des Genozids an den Herero und Nama arbei­ten.

Ein anderer Kollege aus Dar es Salaam, der Partner­stadt Hamburgs, sitzt an einer Studie über die Erinnerung an den deutschen Kolonialismus in Tansania. Ein großes Pro­jekt befasst sich mit der Insze­nierung des Kolonialismus in Hamburg, in der Gesellschaft, ebenso wie in den Theater­ und Opernhäusern in Ham­burg. So konnten wir bereits zeigen, dass eben auch das Thalia Theater wie auch alle anderen Bühnen genauso pro­ kolonial waren wie etwa Ha­genbeck. Es gibt auch ein Aus­stellungsprojekt über Hagen­beck, aber leider nicht mit den Vertretern von Hagenbecks Tierpark. Sie konnten bisher nicht für eine Zusammenar­beit gewonnen werden.

“Die Handelskammer hatte einen Anteil daran, dass Deutschland zur Kolonialmacht wurde”

Welche zukünftigen Projekte sind geplant?

Wir wollen uns vor allem der kolonialen Wirtschaft widmen, sowohl den koloni­alen Warenketten als auch der Beteiligung von Hamburge­rinnen und Hamburgern am transatlantischen Sklavenhan­del. Damit wollen wir auch unseren Beitrag zum Deutschen Hafenmuseum leisten, das ja in Hamburg gebaut wird. Derzeit sind wir auch in Gesprächen mit der Handelskammer, weil sie historisch einen ganz konkreten Anteil daran hatte, dass Deutschland zur Kolonialmacht wurde. Es gibt ein Schreiben an Bis­marck von 1883, in dem steht, Deutschland möge doch bitte Kolonien gründen. Es wäre wichtig, wenn wir sie als Part­ner gewinnen könnten.

Beim 2. Transnationalen Herero- und Nama-Kongress im April hat sich Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda für den Genozid in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika bei den Nachfahren der Opfer entschuldigt. Sie haben die Situation anschließend als „bewegenden Moment“ bezeichnet.

Das war auch ein bewe­gender Moment. Als jemand, der sich sein Berufsleben lang der Erforschung dieses Genozids widmet und auch des Rassenstaates, der dort errich­tet wurde, hat mich Brosdas Rede beeindruckt. Und dann auch noch hier im Rathaus, ausgerechnet im Kaisersaal, der nach dem Kaiser benannt ist, der den Genozid mitzu­verantworten hat. Dass ein Politiker in diesem Rahmen den Nachfahren gegenüber die richtigen Worte findet, ist begrüßenswert, gerade auch weil sich die Bundesregierung hiermit so schwertut. Und für die Nachfahren der Opfer war es ungeheuer wichtig. Sonst wären sie wieder mit diesem Gefühl abgefahren, dass sich in Deutschland kein Mensch darum kümmert, wie es ihren Vorfahren erging.

Wussten die Hamburger damals eigentlich vom Genozid an den Herero und Nama?

Ja! Wir konnten etwa nachweisen, dass Hamburg als Hafenstadt im Herero­krieg eine zentrale Rolle ge­spielt hat. Die Woermann­ Linie besaß ein Monopol für Truppentransporte nach Süd­westafrika und folglich lief der gesamte Truppen­ und Nachschubtransport über Hamburg. Es wurden regel­rechte Abschiedsfeiern für die abfahrenden Truppen geschmissen. Dieser Krieg war also auch im städtischen Bewusstsein.

“Es gab kaum ein Unrechtsbewusstsein”

Gab es ein Unrechtsbewusstsein?

Ganz generell kann man sagen: Es gab kaum ein Un­rechtsbewusstsein. Man war allgemein der Meinung, dass die Verdrängung der einhei­mischen Bevölkerung durch die Weltgeschichte gerechtfertigt sei, weil die „zivilisa­torische Überlegenheit“ dazu berechtige. Eine Haltung, die sich als Muster durch die gan­ze Kolonialgeschichte zieht.

Das heißt, die Hamburger Bürger wussten konkret, dass Tausende Menschen ausgebeutet oder sogar umgebracht wurden?

Sie konnten es wissen. Auch wenn das im Einzelnen schwer zu messen ist. Aber Kolonialismus war präsent, und auch die damit verbun­denen Menschenrechts­verletzungen. Ich denke, es ist wie im Dritten Reich: Die Leute wussten viel mehr oder konnten zumindest viel mehr wissen.

Ein anderes Thema, das für viel Diskussionsstoff sorgt, sind die Straßennamen, die nach Personen aus der Kolonialzeit benannt sind oder auf die Kolonialzeit verweisen. Etwa in der HafenCity.

Die gibt es auch in Wands­bek und in anderen Vierteln. Der Dominikweg oder die Wissmannstraße zum Beispiel.

“Es wird nostalgisch verklärt”

Wie sollte man Ihrer Meinung damit umgehen?

Das ist eine ganz schwie­rige Frage. Man muss offen darüber diskutieren. Und an dieser Stelle kann auch die Forschungsstelle einen Bei­trag leisten, indem sie die Fakten zu den Personen lie­fert. Wir müssen ganz offen darlegen, wofür diese Na­men stehen. Denn meistens wird auch da noch nostal­gisch verklärt. Da wird in der Beschreibung des Straßen­ schildes schon mal aus einem Wissmann, der ein Eroberer und Kriegsverbrecher war, ein „Forschungsreisender“ oder „Afrikakenner“. Man kann sich auch nicht auf die Be­hauptung zurückziehen, dass es damals anders gemeint ge­wesen sei. Wenn Gruppen wie die „Initiative Schwarze Men­schen in Deutschland“ sich über die Namen beschweren und man sie trotzdem nicht umbenennt, dann ist das im Grunde ein Akt der Neuset­zung. Die Gesellschaft sagt: Nein, wir wollen den Kriegs­verbrecher ehren. Ob man das will, ist dann die Frage.

Ich finde, dass man einen Teil der Namen umbenennen kann. Wichtig ist nur, dass man sie in Übereinstimmung mit dem historischen Kontext umben­ ennt. Man sollte einen Wiss­mann nicht durch irgendje­manden ersetzen, sondern vielleicht durch jemandem, der im Widerstand gegen ihn oder gegen den deutschen Kolonialismus in Ostafrika war. So bliebe der historische Bezug, das historische Ge­dächtnis erhalten.

Aber Wissmann würde aus dem Bewusstsein verdrängt werden.

Man kann den Straßen­namen umbenennen und ein Schild hinzufügen: „Vormals Wissmannstraße“ und dann begründen, warum Wiss­manns Bild sich geändert hat und er kein Vorbild mehr für die deutsche Gesellschaft im 21. Jahrhundert sein kann. Vielleicht würde das mehr Aufmerksamkeit auf seine Taten lenken. Aber diese Ent­scheidung muss die Zivilge­sellschaft treffen, unter Ein­bindung der vom Kolonialis­mus und Rassismus am un­mittelbarsten Betroffenen.

Text und Interview: Ulrich Thiele
Beitragsfoto: Jérome Gerull

Online: Kolonialismus.Uni-Hamburg.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

 

 

 

 


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