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Nachbarschaftspreis für Hamburger des Monats

In der aktuellen Ausgabe der SZENE HAMBURG ist Kareem Ahmed der Hamburger des Monats, jetzt haben er und sein Team den Deutschen Nachbarschaftspreis für ihr Projekt „Silbersack Hood Gym“ gewonnen

Text: Felix Willeke

 

„Mein Bruder hat in der Corona-Zeit gesagt, dass wir wieder Sport machen müssen“, sagt Kareem Ahmed im Gespräch mit SZENE HAMBURG. Dieser Satz war der Beginn des sozialen Sportprojekts „Silbersack Hood Gym“ auf St. Pauli. Heute treibt Kareem das Projekt zusammen mit seiner Schwester Nassy Ahmed-Buscher und seinem Bruder Jameel Ahmed voran und mittlerweile trainieren über 50 Schüler:innen auf dem Sportplatz am Silbersack. Jetzt haben sie den mit 5.000 Euro dotieren Deutschen Nachbarschaftspreis gewonnen. Das Projekt gehe über das rein sportliche hinaus und fördere die soziale Vernetzung der Kinder aus der Nachbarschaft, so die Begründung der Jury. Das Preisgeld will das Projekt in die Miete einer Halle für den Winter investieren, eine passende Räumlichkeit in der Nähe wird noch gesucht.

 

Der Preis

 

Der Deutsche Nachbarschaftspreis wird seit 2017 von der nebenan.de Stiftung, einer Tochterorganisation des Berliner Sozialunternehmens Good Hood GmbH, verliehen. Die Insgesamt 57.000 Euro Preisgeld gingen 2021 an die Gewinner:innen in den Kategorien Generationen, Kultur & Sport, Nachhaltigkeit, Öffentlicher Raum, Vielfalt und an je ein Landessiegerprojekt.

Den Gewinnerfilm für das „Silbersack Hood Gym“, Gewinner in der Kategorie Kultur & Sport, gibt es hier:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Gefunden: Das Glück am Rand

Laut, quirrlig und manchmal ganz schön hektisch – das ist Hamburg City. Doch dort, wo die Stadt ausfranst, geht es sehr viel ruhiger zu. Manchmal fast schon dörflich, was Vor- und Nachteile haben kann. Drei Stadtflüchtige erzählen, wie es ist, Schanze, St. Pauli und Wilhelmsburg gegen Bergedorf, Niendorf Nord und Poppenbüttel einzutauschen

Protokoll: Erik Brandt-Höge, Ulrich Thiele & Anna Meinke
Fotos: Erik Brandt-Höge & Jérome Gerull

 

 

Jessica: Vom Kiez nach Niendorf

 

Jessica Ness hat es aus dem lauten, bunten St. Pauli ins beschauliche Niendorf Nord verschlagen. Was hat der Kulturschock mit ihr gemacht?

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Einst war er „The King Of The Kiez“, jetzt stolziert Duke durchs Ohmoor (Foto: Jérome Gerull)

„Ich bin 2014 in eine WG auf ’n Kiez gezogen. Mein Mitbewohner war DJ in einer Strip-Bar, deswegen sind bei uns immer ziemlich viele lustige Sachen passiert. Die Stripperinnen haben oft bei uns übernachtet. Wenn ich von einer Nachtschicht nach Hause kam, kam es schon mal vor, dass eine mir wildfremde Person in Reizwäsche am Küchentisch saß. Da habe ich nur ‚Moin‘ gesagt und das war’s, ich war das ja gewohnt. Mein Hund Duke ist auf dem Kiez groß geworden und dort durch die Gegend stolziert wie der King Of The Kiez. In dem Stripclub haben sie sogar eine ‚Duke Box‘ mit Snacks für ihn installiert. Immer, wenn ich mit ihm unsere Abendrunde gegangen bin, wollte er deswegen direkt in den Stripclub. Ich habe direkt neben dem Moondoo gewohnt. Nachts hat man die Touristenansammlung auf dem Kiez, aber durch den Alltag ist St. Pauli doch wie ein Dorf. Man ist dann schnell per Du mit dem Dönermann von nebenan oder mit Olivia Jones.

Ich war jahrelang OP-Krankenschwester im AK Altona. Irgendwann geriet ich in einen ethischen Konflikt, als ich gemerkt habe, wie sehr es im Gesundheitswesen ums Geld geht. Deswegen wollte ich mein Geld mit etwas Positivem verdienen und meinen Beruf mit meiner großen Leidenschaft verbinden: Musik. Zuerst habe ich im Docks / Prinzenbar am Tresen gearbeitet, konnte mich aber schnell hocharbeiten und durfte mich weiterbilden und mich um die Abrechnungen und das Personalmanagement kümmern.

 

Aus dem Krankenhaus zur Musik

 

Im Docks waren sehr viele facettenreiche Konzerte. Von Skunk Anansie bis hin zu HipHop konnte ich da alles Mögliche sehen und manchmal auch die Stars im Backstage erleben. Zum Beispiel Liam Gallagher. Er war Secret Act beim Reeperbahn Festival, und alle hatten sie Angst, man kennt ja die Geschichten über ihn. Dass er schon mal alles stehen und liegen lässt, wenn ihm etwas nicht passt. Aber bei uns fand er’s wohl gut, er war ganz entspannt und hat sich einfach mal zu uns hingestellt und mit uns eine geraucht.

Woran ich momentan oft denken muss: Auf dem Kiez war ich jeden Tag mit dem Leid der Obdachlosen konfrontiert. Ich mache mir heute noch oft Gedanken, wie sie zurechtkommen, gerade jetzt in der Corona-Zeit. Neulich war ich auf dem Kiez und habe einen alten Bekannten wiedergesehen. Er sah echt übel aus. Die ganzen Touristen sind ja momentan nicht da, wie sollen sich die Obdachlosen da ihr Geld zusammenschnorren?

 

Loyalität und Nachtschichten

 

Meine Chefin im Docks war zum Glück sehr loyal und hat geholfen. Ich war ja wie gesagt für die Personaleinstellung zuständig. Einen Obdachlosen habe ich kennengelernt, weil unsere Hunde immer miteinander gespielt haben. Dem ging es ganz schlecht, deswegen habe ihn gefragt, ob er mal zur Probe arbeiten möchte bei uns. Letztlich hat er jahrelang im Docks gearbeitet und sich auch hochgearbeitet, er ist auf einen Bauplatz gezogen und konnte seinen Alltag regeln. Und er hat sogar noch einen obdachlosen Freund mit ins Boot geholt. Für diese beiden ging es zumindest gut aus.

Die Zeit im Docks war aufregend, aber auch anstrengend. Nachtschichten im Club sind wie im fünften Gang Auto zu fahren: Es macht Spaß, aber du merkst irgendwann gar nicht mehr, dass du nonstop im fünften Gang fährst. Die Nachtschichten gingen manchmal 18 Stunden. Wenn ich um 10 Uhr morgens nach Hause kam, war ich völlig platt, konnte mich aber kaum erholen, weil es um 17 Uhr wieder losging. An Wochenenden hatte ich das Gefühl, so viel zu arbeiten, wie andere in der gesamten Woche.

Auf dem Kiez habe ich meinen jetzigen Freund kennenlernt, er hat damals in der Villa Nova gearbeitet. Wir sind zusammen in eine Wohnung über dem Docks gezogen. Eines Tages hatten wir einen Schlüsselmoment. Wir sind zusammen mit Duke an einem Montag bei strahlendem Sonnenschein mit einem Eis in der Hand über den Hamburger Berg gelaufen. Duke ist die ganze Zeit durch Scherben gelaufen und wir hatten die Gerüche allermöglichen Exkremente in der Nase – da dachten wir uns plötzlich: Wollen wir das überhaupt noch? Wollen wir nicht zusehen, dass wir ins Grüne kommen, für den Hund und für uns? Außerdem sind die Mieten auf dem Kiez so hoch, aber wofür eigentlich? Für Lärm und Dreck?

 

Glück im Norden der Stadt

 

Niendorf Nord war Zufall. Wir haben uns in ganz Hamburg beworben, was nicht so einfach ist mit einem japanischen Akita-Husky-Mix. Ich wusste damals nicht mal, wo Niendorf liegt. Aber als ich hierherkam, habe ich mich sehr schnell wohl gefühlt, weil es so ein grüner, ruhiger Stadtteil ist. Im Vergleich zum Kiez ist hier alles entschleunigt und die Luft ist frischer. Egal in welche Richtung ich gehe, es gibt überall grüne Flächen, Wälder und dann ist da noch das Ohmoor.

2018 sind wir hierhergezogen. Ich habe zu der Zeit noch auf dem Kiez gearbeitet und bin immer 30 Minuten mit der U-Bahn gependelt. Irgendwann ergab sich die Möglichkeit, in meinen alten Beruf zurückzukehren. Jetzt arbeite ich in der ambulanten Pflege in Niendorf. Gerade jetzt, wo die Kulturlandschaft brach liegt, bin ich natürlich besonders froh über meine Entscheidung.

Manchmal fehlt es mir aber, nicht einfach um 22 Uhr kurz vor die Tür zu gehen und ein Bier zu trinken. Hier sagen sich Hase und Igel Gute Nacht. Hier ist es manchmal auch etwas spießiger. Auf dem Kiez ist das Leben sehr tolerant, man lässt sich so sein, wie man ist. In Niendorf habe ich mich schon mit meckernden Rentnern angelegt. Ich bin halt eher der Typ ‚Leben und leben lassen‘.“

 

Christian: Von der Schanze über Poppenbüttel nach Sasel

 

Nach Jahren in Szenevierteln zog es Christian, 52, raus nach Poppenbüttel, später nach Sasel. Der Kinder wegen. Mittlerweile genießt er den Dorfcharakter draußen – und findet die Schanze zu schnelllebig.

Die Anpassung an den Stadtrand ging schneller als gedacht; Foto: Erik Brandt-Höge

Die Anpassung an den Stadtrand ging schneller als gedacht; Foto: Erik Brandt-Höge

„Ich kam 1993 während des Studiums von Essen nach Hamburg. Studiert habe ich an der TU in Harburg, gewohnt habe ich zuerst in Ottensen, kurz darauf aber auch in allerhand anderen Stadtteilen. Chronologisch aufgezählt: Altona, noch mal Ottensen, St. Pauli, Hamm, Wilhelmsburg, Schanze. Irgendwann war ich verheiratet, hatte ein Kind, und als das zweite unterwegs war, wollten meine damalige Frau und ich raus aus der Stadt. Wir hatten keine Lust, vor jedem Spielen in der Buddelkiste im Schanzenpark den Sand zu durchkämmen und Spritzen rauszuholen. Nein, die Kinder sollten im Grünen aufwachsen. Wir haben auch relativ günstig ein großes Haus mit Garten in Poppenbüttel bekommen. Das war 2006. Die Anfangszeit dort war zugegebenermaßen nicht so leicht, einfach, weil ich mich schon noch als Städter fühlte – und als großer Fan von St. Pauli war der Weg zum Stadion auch nicht mehr der kürzeste. Die Anpassung an den Stadtrand ging dann aber doch schneller, als gedacht, allein, weil wir gesehen haben, wie wohl sich die Kinder in der neuen Umgebung fühlten. Für sie war es in Poppenbüttel von Anfang an super. Und ich fühlte mich auch immer mehr zu Hause.

Nach einiger Zeit, als ich mal wieder in die Schanze fuhr, hatte ich plötzlich dort Schwierigkeiten, zurechtzukommen. Ich konnte gar nicht mehr so schnell realisieren, was alles um mich herum passierte. Ich merkte, wie wuselig, hektisch und anstrengend es da eigentlich sein kann. Da fand ich das ruhigere, langsamere Leben oben am Rand doch besser. Und während ich in meinen ersten Hamburg-Jahren die Anonymität mitten in der Stadt voll genossen habe, habe ich draußen auf einmal den Dorfcharakter zu schätzen gelernt. Also, dass man auf der Straße oft Leute sieht, die man kennt, und mit denen man auch mal kurz schnacken kann. Brauche ich nicht unbedingt, mag ich aber.

 

Eine Trennung und es geht weiter

 

Nach der Trennung von meiner Frau bin ich nach Lemsahl-Mellingstedt gezogen, also am Rand geblieben, und später, mit meiner jetzigen Ehefrau, nach Sasel. Hier haben wir eine schöne Maisonette-Wohnung mit Balkon und Gemeinschaftsgarten. Wir wohnen unten, die Kinder oben. Die Gegend ist toll! Wir sind schnell in Bergstedt, auch im Naturschutzgebiet Hainesch-Iland. Es ist echt schön, wenn wir mit unserem Hund rausgehen und ziemlich fix in einem Waldgrundstück landen können. Einzig fehlt mir die Kneipenkultur. Es gibt hier keine gute Kneipe! Eine Handvoll Restaurants, ja, aber sonst: nichts.

Die Kinder hingegen vermissen nichts. Die haben noch nie gesagt, dass sie ins Zentrum wollen. Für sie ist das hier die Stadt. Sie haben hier ihre Schule, ihre Freunde, ihren Sportverein – und ihren Rechner. Und sie gehen ja auch noch nicht aus. Den Kiez kennen sie gar nicht. Wenn sie groß sind, könnte ich mir vorstellen, auch mal wieder weiter reinzuziehen. Aber mit ‚rein‘ meine ich dann eher einen Stadtteil wie Barmbek.“

 

Marlen: Von Wilhelmsburg nach Bergedorf

 

Mit Kind und Kegel zog Marlen, 30, vor etwa einem Jahr von Wilhelmsburg an den Stadtrand – nach Bergedorf. Trotz des kleinbürgerlichen Einheitsbrei-Charakters der neuen Nachbarschaft fühlt sich die junge Familie in ihrem nun größeren Zuhause wohl

Fühlt sich manchmal wie „in einer dieser Miniatur-Wunderland-Kulissen“ an: Marlen

Fühlt sich manchmal wie „in einer dieser Miniatur-Wunderland-Kulissen“ an: Marlen

„In Wilhelmsburg lebt die ganze Welt. Das habe ich so an unserem alten Wohnort geliebt. Da gibt es keinen Elitarismus, keine Blasenbildung. Menschen verlagern ihr Leben auf die Straße, es ist trubelig, bunt und laut. So schön es in Willi auch war – für meinen Sohn Piet wünsche ich mir ein geschützteres Umfeld und die bestmöglichen Startvoraussetzungen für sein Leben. Unser neuer Lebensmittelpunkt in Bergedorf ermöglicht ihm ein sicheres – und uns als Eltern ein entspannteres – Aufwachsen. Es gibt viele Spielplätze, es ist grün, der Wald ist in greifbarer Nähe, und wenn mein Kind vor die Tür tritt, muss ich nicht ständig Angst haben, dass es überfahren wird. Wenn ich so etwas sage, komme ich mir manchmal echt spießig vor. Wäre unsere Zweizimmerwohnung in Wilhelmsburg nicht so klein gewesen, hätte ich mir sogar vorstellen können, weiterhin dort zu leben. Auch mit Kind. Aktuell lerne ich, natürlich auch die Vorzüge des Stadtrands zu schätzen. Ich sage Stadtrand, fühle mich aber gar nicht unbedingt, als würden wir extrem weit außerhalb wohnen. Bis man so richtig auf der Kuhwiese steht, muss man von unserem Zuhause aus noch mindestens zwei bis drei Kilometer fahren. Unsere Wohnung in Bergedorf liegt in der Fußgängerzone und ist daher keineswegs ab vom Schuss.

 

Bergedorf: Eine Stadt am Stadtrand

 

Aus dem Fenster schaue ich auf einen kleinen Stadtkern. Ich bekomme manchmal das Gefühl, als befände ich mich in einer dieser Miniatur-Wunderland-Kulissen, so niedlich sieht es hier aus. Und das machen nicht nur die Häuser und Straßen, sondern auch die Menschen: Ständig entdecke ich Straßenmusiker. Die spielen hier nicht nur Gitarre, nein, sie spielen Cello, Querflöte oder Geige. Alles in allem lebt es sich hier in Bergedorf also sehr gut, wenngleich mir das Leben hier von Zeit zu Zeit ein wenig glatt gebügelt vorkommt. Auch sind die Menschen hier nicht sehr divers. Man bleibt unter sich und fühlt sich wohl in seiner ‚Bergedorf-Blase‘. Ich sehe diese Entwicklung jedoch kritisch, weil ich es schade fände, sollten irgendwann nur noch Menschen aus den gleichen sozialen Milieus in ihren jeweiligen Vierteln zusammenleben. Da bleiben der Austausch und das gegenseitige Kennenlernen komplett auf der Strecke. Und Wohnungen in der Innenstadt, in der Schanze oder in St. Georg, wären Menschen mit viel Geld vorbehalten. Zum Glück hatten wir nicht den Anspruch, im Zentrum zu wohnen. Denn eine solche Wohnung, wie wir sie jetzt in Bergedorf haben, hätten wir uns in besagten Stadtteilen niemals leisten können. Die Entscheidung, wohin wir umziehen, wurde uns dadurch sogar erleichtert: Aufgrund der Mietpreise kamen eben nur bestimmte Lagen infrage. Hier in Bergedorf zahlen wir für eine wunderschöne Altbauwohnung mit Stuck, Holzfußboden und hohen Decken gerade einmal zehn Euro pro Quadratmeter. Und wir haben so viel Platz!

Der Unterschied zwischen einer Zweizimmerwohnung und einer Viereinhalbzimmerwohnung ist schon erheblich. Sogar so erheblich, dass wir uns vorstellen könnten, die nächsten zehn Jahre hier am Stadtrand zu bleiben. Auch infrastrukturell ist Bergedorf gut aufgestellt: Vom Zahnarzt, über den Hausarzt, bis hin zum Frauenarzt gibt es alles in unmittelbarer Nähe. Da schneidet unser neuer ‚Rand-Wohnort‘ also vergleichsweise gut ab. Auch Kitas gibt es wie Sand am Meer – viele Kinder bedeuten eben auch viele Kitas. Für Piet haben wir sehr schnell einen Platz gefunden. Ja, wir haben uns hier gut eingelebt, würde ich sagen. Sollte es uns hier eines Tages zu langweilig werden, gehen wir halt zurück. Vorausgesetzt wir finden dann noch eine bezahlbare Wohnung.“


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Gabriel: „Freue dich, dass du lernen kannst!”

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Gabriel begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Ich bin alt geworden, schon 50 Jahre. Jeden Tag stehe ich um sieben Uhr auf, mache meinen Kindern Frühstück, bringe meinen Sohn in den Kindergarten, fahre nach Hause, meistens mache ich noch Sport, esse schnell und gehe dann zur Arbeit. Jeden Tag.

Ich liebe meine Arbeit. Ich arbeite immer schon. Seitdem ich ein Kind bin, um genau zu sein. Damals habe ich noch in Ghana gelebt und meine Eltern mussten mich früh von der Schule nehmen, weil sie es sich nicht mehr leisten konnten. Also habe ich angefangen als Mechaniker zu arbeiten. Als Kind denkst du anders, da habe ich Ghana und mein Leben dort geliebt. Mit dem Alter habe ich dann gemerkt, dass es in Ghana für mich nicht weitergehen kann.

1989 bin ich in Frankfurt angekommen. Ich dachte damals, jetzt beginnt ein neues Leben. Neues Land, neue Sprache, neue Arbeit. Nach einem Jahr wurde ich abgeschoben und zurück nach Afrika geschickt. Die haben mir gesagt, in Ghana gäbe es keinerlei Probleme.

 

„Wir sehen uns nur alle paar Jahre”

 

Ich habe es schließlich nochmal versucht. Es ist eine lange Geschichte, aber nach ewigem Hin und Her und ständigem Warten, hatte ich meine Papiere und heute bin ich deutscher Staatsbürger.

Ich habe drei Kinder hier in Deutschland und eine Tochter in Ghana. Sie ist jetzt 26 und hat IT studiert. Wir sehen uns nur alle paar Jahre, wenn ich mal dort bin. Sie würde am liebsten auch nach Deutschland gehen, es gibt aber kaum eine Chance. Auch meine Eltern waren noch nie hier. Mein Papa ist jetzt 86, meine Mama 84. Manchmal vermisse ich sie sehr.

Trotzdem weiß ich, dass es richtig war, nach Deutschland zu gehen. Einer meiner Söhne geht mittlerweile auf die Stadtteilschule. Ich sage ihm immer: ‘Geh dort hin und freue dich, dass du lernen kannst!’ Es ist so eine große Chance. Ich konnte das irgendwann nicht mehr, sondern habe als Kind angefangen, als Mechaniker zu arbeiten.“


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Anne: „Die Mitte von Konsequenz und Liebe finden“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Anne begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Man sagt ja immer, wenn man die Erfahrung und das Wissen von heute schon ein paar Jahre früher gehabt hätte, dann würde man vieles anders machen. Bei mir ist es ähnlich. Wahrscheinlich hätte ich einige Dinge anders gemacht, gerade in der Erziehung meiner Kinder.

Ich bin sieben Jahre nach Kriegsende geboren, damals bekam ich eine Obrigkeitshörigkeit mit auf den Weg. Dinge wie Ordentlichkeit, Pünktlichkeit, Normalität waren entscheidend. Aber was heißt das denn? Ich habe das erst Jahre später genauer hinterfragt. Als meine Tochter geboren wurde, war ich Ende 20, da kam gerade das “Summerhill”-Modell heraus, die Idee einer antiautoritären Erziehung. Für mich bestand die Aufgabe darin, zwischen Autorität und Antiautorität einen guten Grad zu finden. Die Mitte von Konsequenz und Liebe zu finden. Leider habe ich das nie richtig hingekriegt. Dieses Obrigkeitsgehörige ist ganz stark in mir verwurzelt, ich habe als junge Mutter versucht dagegen anzukämpfen und tue es auch im Alter noch.

Heute ist das Verhältnis zu meiner Tochter sehr gut. Sie lebt mit ihrem Mann und meinem Enkel an der Ostsee. Mein Sohn ist vor drei Jahren gestorben. Er wurde 27.

Ich glaube, ich besitze die Gabe, mich aus Situationen herauszumanövrieren. Diese Zeit war schlimm, aber ich habe sie irgendwie überstanden. Auch weil ich viel gearbeitet habe und weil ich Menschen auf meiner Arbeit Gutes tue und ich mir im Gegenzug genauso. Ich bin Pflegehelferin.

 

Es sind die Berge, nicht die See

 

Ab Januar möchte ich aber erst einmal Pause von allem machen. Meine Schwester lebt in Spanien, unterhalb von Alicante. Dort will ich sie gerne ein paar Monate besuchen, weg von der Arbeit, von Hamburg, von der Familie und einfach mal für mich selbst da sein.

Ich war schon ein paar Mal in Spanien, auch mal in Thailand und in der Türkei. Am besten hat es mir aber tatsächlich im Schwarzwald gefallen. Da hatte ich so ein Gefühl, das ich erst im fortgeschrittenen Alter gespürt habe: Ich bin gar nicht so der See-Typ, obwohl ich aus Hamburg komme, sondern es sind die Berge, die ich noch viel toller finde.

Wenn Herz und Bauch im Einklang sind, dann ist es das richtige Gefühl. Ich habe gelernt, dass im Leben Wendungen kommen, dass man sich aber immer treu bleiben muss, nicht nach dem Wind gehen muss und auch nicht schauen muss, was der und der redet. Meine Erfahrungen und mein Wissen aus 69 Lebensjahren haben mich letztendlich gelehrt: Wenn ich Schuhe brauche und da fünf Paar Schuhe zur Auswahl stehen, dann kaufe ich das Paar, bei dem ich zuerst ein gutes Gefühl spüre.“


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Hey, hey, hey, Herr Stanišić!

„Hey, hey, hey, Taxi!“ heißt das neue Werk von Saša Stanišić. Es basiert auf Geschichten, die er sich zusammen mit seinem Sohn ausgedacht hat. Im Interview mit SZENE HAMBURG spricht der Buchpreisträger über den Entstehungsprozess, die anarchische Vorstellungskraft von Kindern – und er verrät, warum gerade dieses Buch ihm so viel bedeutet

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Saša Stanišić, nach der Lektüre Ihres neuen Buches kam mir die verwegene Idee, das Interview so zu führen, dass ich Fragen stelle – und Sie, wie einer der Charaktere im Buch, ausschließlich mit „Odjo, odjo“ antworten …

Saša Stanišić: (lacht) Das wäre für uns beide ein Spaß. Für die Leser wahrscheinlich weniger.

Zumindest würde das den Charakter Ihres neuen Buches unterstreichen. Es ist ja ein eher ungewöhnliches, sehr fantasievolles, fast absurd­komisches Kinderbuch geworden.

Ich habe viel Feedback zu der Geschichte mit dem „Odjo, odjo“ sagenden Taxifahrer erhalten. Die scheint besonders gut anzukommen. Kinder lieben das Abstrakte. Sie verstehen zwar nicht unmittelbar, was los ist, aber sie können sich gut vorstellen, dass trotz der unverständlichen Kommunikation etwas gut ausgehen wird.

Kinder können fehlende Informationen ganz gut ersetzen mit eigener Imagination. Die hören das „Odjo, odjo“ und bauen daraus eine sinnvolle Antwort für sich. Die Kommunikation ist zwar misslungen, aber der Weg zu einer Geschichte ist gelungen. (lacht)

Wann genau kamen Sie auf die Idee, ein Kinderbuch zu schreiben?

Die Idee kam, nachdem ich die „Taxi-Geschichten“ schon längere Zeit meinem Sohn erzählt hatte. Und da die ihm wirklich Spaß machten, dachte ich, dass sich das vielleicht auch auf andere Kinder übertragen lässt.

Wann wurde der Gedanke einer Veröffentlichung konkreter?

Mein Sohn hat nicht lockergelassen. Irgendwann schlug ich ihm vor, mehr aus Scherz, lass uns doch ein Buch mit den Geschichten machen. Er sagte: „Gut, aber ich darf entscheiden, was in das Buch kommt.“ Ja, so war das dann auch. Ich stellte das Projekt dem mairisch Verlag vor, und wir waren uns gleich einig, auch, dass es ein Bilderbuch werden sollte.

 

„Kinder haben eine sehr spannende Vorstellung von Logik“

 

Es muss schwer sein, die Geschichten einzufangen, wenn sie so spontan entstehen!?

Ich habe mir meist kurz nach dem Erzählen Notizen gemacht. Später entstanden daraus längere Textbausteine oder gleich fertige Texte. Das ist ein interessanter Prozess: Man schreibt die Erinnerung an die einzelne Geschichte auf, so gut man sie eben erinnert, und dichtet dann Details hinzu. Die Texte entsprechen oft nicht mehr zu einhundert Prozent dem, was ich meinem Sohn erzählt hatte.

Auch von der Unmittelbarkeit geht sicher etwas verloren. Sobald man die Formulierungsmaschinerie anwirft – bei mir ist das jedenfalls so – will man, dass jeder Satz der bestmögliche Satz ist. Das Spontane beim Geschichtenerzählen, geht dabei natürlich verloren.

Sie schreiben im Vorort (sic): „Im Zuhören ist ein Kind Architekt für Welten aus Sprache.“ Haben Kinder den Erwachsenen in dieser Hinsicht etwas voraus?

Sie sind auf jeden Fall freier, insofern, dass sie nicht wie wir Erwachsenen bestimmte Gewohnheitsstrukturen im Erzählen anwenden. Wir Erwachsene springen nicht unbedingt von A nach Z und wieder zurück, sondern halten eine gewisse Chronologie, einen linearen Verlauf. Auch was die Motive angeht, erzählen Erwachsene anders. Kinder sind anarchischer, unbekümmerter auch. Sie überraschen, haben eine sehr spannende Vorstellung von Logik. Das finde ich super.

Konnten Sie das auch bei ihrem Sohn Nikolai bemerken, wenn Sie ihm die Geschichten erzählten?

Ja. Als ich mit dem Geschichtenerzählen anfing und ich ihn bat, in die Geschichte mit einzusteigen, tat er immer so, als ob er mit einem Fahrzeug hinzukam. Dann setzte er sich auf einen Besen, nahm ein Auto und paddelte sich dazu und übernahm das Erzählen. Oft erweiterte er dabei alles, was ich zum Beispiel motivisch vorbereitet hatte, in ganz unerwartete Richtungen. Er brachte neue Figuren mit, erfand Gegenstände, die bei der Problemlösung hilfreich wurden, änderte auch mal das Problem an sich.

Die Geschichten nahmen häufig einen ganz eigenen, chaotischen, aber sehr sympathischen Weg zu ihrem Schluss. Manchmal hatte das auch nicht mehr viel zu tun mit dem, wie die Geschichte bis dahin verlaufen war.

 

Harmonie zwischen Text- und Bildsprache

 

Bei Kinderbüchern spielt neben der Qualität der Geschichten die Optik eine große Rolle. Die Illustrationen in „Hey, hey, hey, Taxi!“ sind nicht niedlich und süß, sondern eher verspielt und surreal. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Illustratorin Katja Spitzer?

Die Frage der Illustration kam erst auf, als die Geschichten recht fortgeschritten waren. Ich bekam eine Liste von Vorschlägen und diese bin ich gemeinsam mit meinem Sohn durchgegangen. Er hat sofort gesagt: „Das will ich haben!“ Katja Spitzer. Er hat die Illustratorin quasi bestimmt.

Hey-hey-hey-Taxi-c-mairisch-verlagWie lief die Zusammenarbeit mit Katja Spitzer?

Im Grunde hatte Katja völlig freie Hand. Sie hat sich auf eine sehr verspielte Weise auf das Projekt eingelassen und wunderbare Ideen eingebracht. Sie hielt mich immer auf dem Laufenden und fragte immer wieder: „Geht das in die Richtung, die du dir vorstellst?“

Oft hat man bei Kinderbüchern ja das Gefühl, dass Text oder Bild überwiegen und das jeweils andere nur Beiwerk ist. Für ein gelungenes Bilder-Text-Buch bedarf es meines Erachtens einer Harmonie zwischen Text- und Bildsprache, und die war schnell mit Katjas Illus auch hergestellt.

Empfanden Sie es als leichter oder schwerer, ein Kinderbuch zu schreiben?

Für mich ist das Schöne, dass ich auch bei einem Kinderbuch meinem Handwerk nachgehe. Nur das Zielpublikum ist eben ein anderes. Ich arbeite aber auch hier an jedem Satz. Es mag leicht und unbeschwert erscheinen, aber jedes Wort muss am Ende wirklich sitzen. Da gibt es null Unterschied zu einem Erwachsenenbuch. Im Gegenteil: Ich habe bei „Hey, hey, hey, Taxi!“ sogar viel stärker erahnen wollen, wie die Texte ankommen könnten.

Ein Kinderbuch ist in dieser Hinsicht also voraussetzungsvoller als ein Roman. Aber die Schreibdauer ist kürzer, was angenehmer ist.

Wie viel Nikolai, wie viel Saša Stanišić steckt in dem Buch?

(lacht) Das ist schwer zu sagen. Es gibt Geschichten, die extra für das Buch entworfen worden sind, die ich ihm also gar nicht erzählt habe. Das sind vor allem diejenigen, die einen Meta-Charakter haben, zum Beispiel die Geschichte um die Heldin, die keine Heldin sein will oder die Eingangsgeschichte, die zusammenfasst, was kommen wird.

Je konkreter und abenteuerlicher ein Text, desto wahrscheinlicher ist, dass mein Sohn Rezipient war oder sich eingeschaltet hat. Pi mal Daumen war er bei etwa drei Viertel der Geschichten involviert.

Das Buch lädt dazu ein, eigene Erlebnisse in die Geschichten mit einzuflechten. Wie genau funktioniert das?

Ich improvisiere gern beim Vorlesen. Mein Sohn liebt das. Ich kann also nur dazu raten, die eigene Lebenswirklichkeit in diese meine Taxi-Welt zu bringen. Dazu muss im Text auch nicht explizit eine Anweisung stehen.

Das Taxi war für Nikolai und mich nur ein Symbol für einen Abschied. Denn darum geht es im Buch: Dass ein Elternteil weggeht und immer wieder zurückkommt. Solche Elemente können die Eltern also umwandeln und anpassen, um die Gemeinsamkeiten mit dem eigenen Kind sichtbarer zu machen. Denn die Kinder freuen sich darüber, in dem Spannungsverhältnis der überbordenden Fantasie und dem Alltag das eigene Leben zu erkennen.

War das Weggehen und Zurückkom­men nicht auch in Ihren früheren Werken wie „Herkunft“ das leitende Thema?

Zwei meiner Bücher kreisen in der Tat stark um das Thema der Ankunft. Die spielen allerdings auf einer anderen Ebene des Ankommens und berühren Fragen von Geflüchteten und politische Identitäten. In „Hey, hey, hey, Taxi!“ geht es mehr um den Abschied und das Nach-Hause-Kommen an sich, Nähe und Distanz also zwischen Eltern und Kindern im Alltag und durch den Beruf: Ob das nun der banale Weg in die Kita ist, der zur Arbeit oder eine Lesereise von zwei Tagen. Das beschäftigt Eltern gleichwohl wie die Kinder.

 

Verbunden durch das Erzählte

 

Erinnern Sie sich, wie Sie als Kind solche Abschiede erlebten?

Ich bin als Kind bei meiner Großmutter aufgewachsen. Ich hatte also nicht diese Art von Abschied und Ankunft, wie sie mein Sohn in der Kita ritualisiert hat. Es ist zentral, wie Kinder Abschiede erleben und internalisieren. Das Erzählen von Geschichten kann dabei helfen, diese Trennungen auf Zeit offener zu gestalten.

Und das muss nicht einmal durch fantastische Abenteuer geschehen, sondern geht auch über die Frage: „Was hast du heute alles erlebt?“ Abschied und Heimkehr sind die Marker am Anfang und Ende dieser Geschichten, die einen dann wieder verbinden.

Also bietet das gemeinsame Erzählen die Möglichkeit, verbunden zu bleiben, indem man die Erfahrungen, die man während des Getrenntseins macht, in Geschichten verpackt und miteinander teilt?

Genau darum geht es ja beim Geschichtenerzählen: Wir kommen zusammen und sind verbunden durch das Erzählte. Geschichten sind eine Form von Kommunikation – ein Angebot, Einblick in das eigene Leben zuzulassen oder in ein ausgedachtes – jedenfalls ein Angebot, das zusammenführt. Und so ist das Buch gemeint. Es ist ein Angebot für Erwachsene und Kinder, die vielleicht den halben Tag nicht zusammen waren, aber über gemeinsame Geschichten wieder zusammenkommen.

Sie haben auf Insta­gram geschrieben: „Es gibt wichtige Bücher und Bücher, die einem wichtig sind. Das ist ein Buch, das mir sehr wichtig ist.“ Was macht es für Sie so wichtig?

Ich habe das Gefühl, mein Sohn und ich haben durch „Hey, hey, hey, Taxi!“ miteinander eine Erinnerung geschaffen, die vielleicht jahrelang wichtig für uns sein könnte. Egal ob wir gerade eine Krise oder eine schöne Zeit haben: Diese Geschichten bleiben für immer. Mit dem Buch habe ich sie für uns archiviert.

Saša Stanišić, Katja Spitzer: „Hey, hey, hey, Taxi!“, mairisch, 69 Seiten, 18 Euro, ab 4 J.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2021. Das Magazin ist seit dem 27. MÄRZ 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Kuscheltiere: Stoff zum Knuddeln

Kuscheltiere erfreuen sich als Weihnachtspräsent auch in Zeiten von Smartphones und Tablets großer Beliebtheit – und zwar bei Groß und Klein. Welche Rolle sie dieser Tage psychologisch spielen und warum viele Erwachsene nicht von ihnen lassen können

Text: Marco Arellano Gomes

 

Abends werden sie ins Bett gebracht, morgens geweckt, sie sitzen am Esstisch, begleiten beim Museumsbesuch und fliegen mit in den Urlaub: Kuscheltiere. Und es sind längst nicht nur Kinder, die ihre plüschigen Gefährten ständig um sich haben wollen. Knapp 50 Prozent der Erwachsenen spielen und reden einer repräsentativen GfK-Umfrage von 2013 zufolge mit ihren Plüschtieren. Das geschieht freilich meist im Geheimen. Im Gegensatz zu Kindern, möchte kaum ein Erwachsener mit dem Kuscheltier im Arm gesehen werden.

 

Das Ich entwickeln

 

Kuscheltiere gelten in der Psychologie als Übergangsobjekte. Sie sollen vor allem Kleinkindern dabei helfen, zeitliche und körperliche Trennungen von den Eltern zu überbrücken und sich emotional von den Eltern abzunabeln. Sie sind eine Stütze, um das eigene Ich zu entwickeln. Dabei entwickeln Kinder in der Regel eine sehr enge Beziehung zu ihrem Stofftier, das sie über Jahre – bei manchen aber auch das ganze Leben lang – begleitet. Kosenamen wie Teddy, Bäri, Mausi oder Hasi bezeugen diese liebevolle Hinwendung bereits phonetisch.

In der Jugend lassen die meisten von ihren plüschigen Weggefährten ab. Das trifft aber nicht auf alle zu. Knapp die Hälfte der Erwachsenen haben noch immer einen starken Bezug zu ihren Kuscheltieren. Einige mehr, andere weniger. Während viele ihr Lieblingskuscheltier aus der Kindheit behalten und prominent im Wohnzimmer platzieren, gibt es auch Erwachsene, die noch immer mit ihrem Stofftier interagieren. Selbst Paare kommunizieren spielerisch über Stofftiere miteinander. All das sind keine kuriosen Einzelfälle.

 

Perfekte Zuhörer

 

Die Tiere aus weichem, kuscheligen Stoff mit ihren drolligen Kulleraugen spenden Trost, sind perfekte Zuhörer und lassen sich stets bereitwillig in den Arm nehmen. In therapeutischen Sitzungen wird die Nutzung von Stofftieren nicht selten empfohlen, um Gefühle wie Geborgenheit und Zuneigung aktiv zu fördern.

„Wir haben sehr viele erwachsene Kunden, die Steiff-Tiere für sich selber kaufen, gerade zur Weihnachtszeit. Das sind nicht nur Sammler“, erzählt Oliver Arnold, Leiter des Steiff Shop Hamburg im Levantehaus. „Es gibt beispielsweise ein Pärchen, dass uns regelmäßig besucht und jährlich nach Schottland reist. Kurz vor Reiseantritt kaufen sie immer das selbe Schaf als Plüschtier und lassen auf diese Weise ihre Herde wachsen. Die Urlaubsbilder zeigen sie uns dann voller stolz und teilen diese über Social Media.“

 

 

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Früher hätte man ein solches Verhalten möglicherweise belächelt. Heute erntet man Likes dafür. Es ist schwer zu beurteilen, welchen Anteil die sozialen Medien daran haben, aber „der Umgang mit Stofftieren ist für Erwachsene unverkrampfter, offener geworden“, so Arnold. Aus seiner Sicht kann man „nie zu alt für Kuscheltiere“ sein.

Es ist gerade dieses Spielerische, das den Menschen ausmacht. Der Mensch entwickele seine kulturellen Fähigkeiten vor allem über das Spiel, behauptete schon der Kulturhistoriker Johann Huizinga in seinem Werk „Homo Ludens“. Es ist kein Zufall, dass Jack Nicholson in dem Horror-Klassiker „The Shining“ von Kultregisseur Stanley Kubrick in die Schreibmaschine die berühmt gewordenen Worte „All work and no play, makes Jack a dull boy“ tippt (frei übersetzt: „All die Arbeit und kein Spiel machen Jack zu einem stumpfsinnigen Jungen).

 

„… das Gefühl, dass die Welt für einen Moment wieder in Ordnung ist“

 

Der Mensch hat die Fähigkeit der Ernsthaftigkeit des Lebens etwas Spielerisches, Fantasievolles entgegenzusetzen – und zwar von Geburt an. Es ist erstaunlich, dass Kinder geradezu instinktiv und mit größter Leichtigkeit fantasieren können, diese natürliche Fähigkeit im Laufe der Sozialisation aber weitestgehend verlernen. Das Spielen mit Stofftieren ist ein Aspekt dieses Spieltriebs, aber zurzeit vielleicht ein sehr hilfreicher. Das Tolle daran: Es ist auch in Corona-Zeiten bedenkenlos. Eine Maskenpflicht besteht nicht, der Abstand von 1,5 Metern ist nicht nötig und wenn das Stofftier nicht allzu oft den Besitzer wechselt, ist auch keine Hygieneprozedur notwendig.

In einer Welt, die unübersichtlich, kompliziert und unsicher wirkt, in der Kontaktbeschränkungen zur neuen Normalität werden und die Weihnachtszeit mit gedämpften Erwartungen daherkommt, hat das fantasievolle Spiel mit Stofftieren eine ungeahnt wichtige Bedeutung gewonnen – und zwar für Groß und Klein.

Denn diese kleinen Gefährten aus Plüsch können einem das Gefühl geben, dass die Welt für einen Moment wieder in Ordnung und in einem Gleichgewicht ist. Vielleicht brauchen die Menschen der- zeit dringender denn je ein Übergangs- objekt. Ein Stück Stoff zum Knuddeln, Lachen, Schmusen und Einschlafen. Das ist gut für Geist und Körper. Und so kommt auch keiner aus der Übung, bis der Tag erreicht ist, an dem die alte Nor- malität wieder zur alleinigen wird.


Cover_Szene_Hamburg_Dezember_2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2020. Das Magazin ist seit dem 28. November 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Weihnachtsmannwerk: Ein Santa via Zoom

Thilo Tamme ist der Gründer vom Weihnachtsmannwerk. Dort arbeiten Studenten, die als Weihnachtsmänner gebucht werden können. In diesem Jahr zögern viele jedoch mit einer Bestellung – weshalb Tamme alternativ einen Online-Weihnachtsmann anbietet

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Thilo, wie ist die aktuelle Auftragslage für Vor-Ort-Weihnachtsmänner in Hamburg?

Thilo Tamme: Schlecht. Sehr schlecht sogar. Seit Anfang November, wenn es normalerweise richtig losgeht mit den Aufträgen, haben wir kaum Bestellungen reinbekommen.

Was bedeutet das in Zahlen?

Dass wir ungefähr 60 Prozent weniger Buchungen haben als in den Vorjahren – und das trotz eines guten Hygienekonzepts.

Was beinhaltet das Konzept?

Natürlich den nötigen Abstand, auch Handschuhe, die regelmäßig gewechselt werden. Und jeder Weihnachtsmann muss die Corona-Warn-App installiert haben und 14 Tage ein niedriges Risiko nachweisen können.

Ich kann das Zögern der Familien aber natürlich verstehen. Sie wollen erst mal schauen, wie sich die Situation entwickelt. Sie können ja noch bis zum 20. Dezember buchen. Und wenn sie sich aus bestimmten Gründen dagegen entscheiden, einen Weihnachtsmann einzuladen, bieten wir erstmals auch einen Online-Weihnachtsmann an.

 

„Zeig mal den Nordpol!“

 

Der ist laut Firmen-Homepage vergleichsweise günstig. Während der Vor-Ort-Weihnachtsmann ab 99 Euro zu haben ist, kriegt man den Online-Weihnachtsmann bereits ab 29 Euro.

Genau. Und wie beim normalen Weihnachtsmann gibt es auch für den Online-Weihnachtsmann drei Buchungsoptionen. Es gibt den Zoom-Weihnachtsmann, der 69 Euro kostet. Er kann mit den Kindern direkt interagieren. Der Video-Weihnachtsmann, der in einer umfassenden Botschaft direkt auf die Kinder eingeht, kostet 49 Euro. Und das günstigste Paket, ein Online-Weihnachtsmann mit einer kurzen Grußbotschaft, ist für 29 Euro erhältlich.

Sind die Online-Weihnachtsmänner eigentlich auf alle Eventualitäten vorbereitet? Zum Beispiel, wenn Kinder fordern: „Zeig mal den Nordpol!“

Ja. Grundsätzlich sind alle unsere Weihnachtsmänner geschult. Ich kenne auch alle persönlich, es werden also keine komplett Fremden losgeschickt. Und wenn Kinder den Nordpol oder Rentiere sehen wollen, haben wir verschiedene Hintergründe, die wir einfügen können.

Wird die Pandemie vom Online-Weihnachtsmann auch angesprochen?

Ja. Er wird dann so etwas sagen wie: „Ihr habt bestimmt mitbekommen, was da draußen los ist und warum ich in diesem Jahr nicht persönlich vorbeischauen kann.“

Abschließend auch bezüglich des Online-Weihnachtsmanns die Frage: Wie wird das Angebot angenommen?

Wir haben Buchungen für alle Online-Weihnachtsmann-Optionen. Zudem ist der Online-Weihnachtsmann ein Back-up für uns. Angenommen, es kommt ein kompletter Lockdown, können wir den Familien, die einen Vor-Ort-Weihnachtsmann gebucht haben, diese Alternative anbieten.


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Hamburger des Monats: Sozialarbeiter Philipp von Dewitz

Der Lockdown trifft viele Familien hart. Philipp von Dewitz von „Auf Kurs Jugendhilfe“ betreut Kinder und Jugendliche, die auch ohne Corona unter schwierigen Bedingungen aufwachsen. Ein Gespräch mit dem 29-jährigen Sozialarbeiter über Systemsprenger, die akute Lage in den Familien und solidarisches Klatschen in Winterhude

Interview: Matthias Greulich

 

SZENE HAMBURG: Philipp, wie arbeitest du momentan?

Philipp von Dewitz: Relativ normal. Mittler­weile hat sich im Alltag eine Krisenroutine eingestellt. Ich kann da aber nicht für alle Sozialarbeiter sprechen, sondern nur für meinen Bereich, der Jugend und Familienhilfe bei Auf Kurs Jugendhilfe. Ich bin allerdings nicht mehr mit den Öffis, sondern rund 40 Kilometer täglich mit dem Rad beruflich unterwegs.

Du betreust einzelne Kinder und Jugendliche, die du Corona-bedingt schwer zu Hause besuchen kannst.

Wir vermeiden es momentan, in die Wohnungen zu gehen. Wir versuchen, mit den Familienmitgliedern einzeln zu sprechen. Ganz viel findet momentan draußen statt. Es gibt aber auch Fälle, in denen das nicht funktioniert. Wenn es Kontrollaufträge vom Jugendamt gibt, wo geschaut werden muss, wie die Bedingungen für die Kinder in der Wohnung sind.

Wie ist dein Eindruck zur Lage in den Familien?

Ambivalent. Ich bin teilweise be­geistert, weil ich das Gefühl habe, dass die Krise Leute zusammenbringt. Es gibt einen gemeinsamen Gegner, so­ dass andere Probleme in den Hinter­grund rücken. Andererseits verschärfen sich bestehende Konflikte. Besonders um das Thema Schule, bei dem es oft kracht. Dazu kommt die räumliche Enge. Und es fallen Bezugspersonen wie Großeltern weg.

Du arbeitest in unterschiedlichen Stadtteilen wie Farmsen, Steilshoop, Rahlstedt, Billstedt oder Wilhelmsburg. Sind Menschen in sozial schwächeren Stadtteilen stärker von der Krise betroffen?

Ich befürchte, dass sich Ungleich­heiten in dieser Zeit eher manifestieren. Im Bereich materielle Versorgung sehe ich mehr Not und auch im Bereich Bildung. In Familien gibt es teilweise nicht die benötigte Ausstattung. Es fehlen Laptops und Drucker. Und pädagogisch sind viele Eltern überfordert.

Die Unterstützung von Behörden und Schulen ist da sehr unterschiedlich. Da gibt es gerade an den Schulen Licht und Schatten. Ich habe beides erlebt.

Viele befürchten, dass Fälle häuslicher Gewalt zunehmen.

Die Frage ist: Was passiert gerade, was wir nicht sehen? Ich habe eine aktuelle Statistik gelesen, dass es bundesweit bei 43 Prozent der Jugendämter einen deutlichen Rückgang von Meldungen im Bereich Kinderschutz gibt. Das liegt daran, dass die Hauptmelder Schule und Kita gerade in großen Fällen wegfallen.

Deshalb befürchten wir, dass es krasse Nachwirkungen von Sachen, die erst nachher rauskommen, geben wird. Gerade in diesen Grenzbereichen, wo sich Leute jetzt aus Hilfesystemen zurück­ziehen. Normalerweise gibt es eigentlich ein gut funktionierendes System im Kinderschutz. Nach krassen Fällen, wo nicht hingeschaut wurde, als Kinder zu Tode gekommen sind, wurde viel getan.

Auf Netflix läuft der Film „Systemsprenger“. Muss man sich deine Arbeit mit schwierigen Jugendlichen ähnlich vorstellen?

Der Film gibt aus meiner Sicht einen richtig guten Einblick in den Alltag von Pädagogik. Das Coole ist, dass es für mich einen hohen Wiedererkennungswert hat. Man denkt sich: „Ja, das kenne ich!“ Die Protagonistin ist eine sehr gelungene Blaupause für Jugendliche, die aus dem System fallen. Das sind aber Einzelfälle. Nicht jeder Jugendliche, der schwierig ist, fällt aus dem System.

 

„Ich gehe mit der Haltung zur Arbeit, dass der Mensch erst mal gut ist“

 

Deine Sprache hat mit der Fachsprache der Sozialarbeiter wohltuend wenig Ähnlichkeiten.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es wenig Wert hat, wenn mich die, um die es geht, nicht verstehen. Die meisten Leute, auf die ich treffe, sind Jugendhilfe­erfahren. Sie sind selber Profis. Ein 16­-Jähriger hat die Vokabeln teilweise besser drauf als ich, wenn er schon mal in einer Wohngruppe oder Suchtberatung war. Der lässt sich von mir nicht täuschen. Es geht aber nicht darum, dass ich da jetzt einen auf Ju­gendsprache mache. Ich versuche, als Erwachsener mit den Jugendlichen zu sprechen.

Wie hat dich der Job verändert?

Man wird ein bisschen wertschät­zender gegenüber anderen. Ich bin im­mer noch idealistisch in Bezug auf mein Menschenbild. Ich gehe mit der Haltung zur Arbeit, dass der Mensch erst mal gut ist und für sich ein gutes Leben anstrebt.

Das stützt die These des Historikers Rutger Bregman. In seinem Buch „Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit“ schreibt er, dass beim berühmten Stanford-Prison-Experiment nicht seriös gearbeitet wurde. Die Erkenntnisse, dass sich Menschen unter bestimmten Bedingungen zu Sadisten verwandelten, sei daher mit Vorsicht zu genießen.

Ich glaube, wenn man für Jugendliche künstliche Szenarien kreiert, wo man mit einem Anreiz wedelt und sagt: „Du kriegst einen Mercedes­ AMG oder deine Mutter und du habt weniger Streit“, dann würden viele sagen: „Ich nehm’ den AMG.“ Meine Erfahrung zeigt aber schon, dass es bei allem Geprolle und Gehabe doch bei den Jugendlichen darum geht, Anerkennung zu kriegen und Nähe zu Bezugspersonen zu erleben.

Wenn wir ganz allgemein von Wertschätzung reden: Steigt das Ansehen von sozialer Arbeit gerade?

Ich glaube ja. Es ist gerade ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür entstanden, wem man zu Dank verpflichtet ist. Das ist gerade ein Phänomen. Die Sozialarbeiter kommen zwar relativ weit hinten nach Ärzten und Kassiere­ rinnen. Aber immerhin.

Ist das nur ein Hype oder wird das anhalten?

Ich denke, es ist gerade eine sehr prägende Zeit für Leute, daher glaube ich, dass es schon anhalten kann. Es wird im Gedächtnis bleiben und ein bisschen mehr Solidarität übrig bleiben. Gleichzeitig bin ich eher Teil der Fraktion, die sagt, wenn meine Frau geschafft von ihrer Arbeit als Krankenschwester auf der Intensivstation nach Hause kommt und weiterhin wenig Wertschätzung in Form von monetärer Anerkennung bekommt, dann hilft ihr das nicht, wenn in Winterhude jemand klatscht.

Auf Kurs Jugendhilfe: Maimoorweg 52 (Bramfeld)


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Weihnachtsmärchen für Kinder

Es ist immer etwas Besonderes, Kinder in Weihnachtsmärchen zu erleben. Wie sie mitfiebern und laut aufschreien, wenn der Prinzessin oder einer*m anderen Held*in Gefahr droht, wie sie begeistert klatschen und sich freuen, wenn die Geschichte auf der Bühne doch noch ein gutes Ende nimmt.

Die Hamburger Theater starten in die Zeit der Weihnachtsmärchen und auch in diesem Jahr läuft wieder ein buntes Programm aus Märchen, Kinderbuch-Klassikern, Singspielen und Geschichten aus aller Welt. Ob Astrid Lindgrens Geschichten, Märchen für die ganz Kleinen oder die Klassiker der Gebrüder Grimm – auf den Hamburger Bühnen ist mit Sicherheit für jede*n das Richtige dabei!

Entdecken Sie die diesjährigen Weihnachtsmärchen in den Hamburger Theatern auf www.theater-hamburg.org und lassen Sie sich für den Theaterbesuch mit den Kleinen inspirieren.

Diese Hamburger Kitas lassen der Fantasie freien Lauf

Kinder sind nicht gleich Kinder, Kitas nicht gleich Kitas. Drei Porträts von Hamburger Einrichtungen, die auf ganz unterschiedliche Sozialisierungskonzepte setzen

Text und Fotos: Erik Brandt-Höge

Kita Küstenkinder:
Der Gang-Gedanke

 

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In Gruppen kreativ: die Küstenkinder

 

Erste und einzige Regel: Um neun Uhr da sein, damit der Tag gemeinsam beim Frühstück begonnen werden kann. Mehr Vorgaben macht die Leitung der Kita Küstenkinder nicht. Auch dann nicht, wenn die Eltern weg und alle Kinder in ihren Gruppen gelandet sind. Für die lockere pädagogische Haltung gibt es zwei Gründe. Nummer eins: Die blühenden Kinderfantasien sollen nicht eingeschränkt werden. „Kinder sollen ihre Freiräume haben und sich in ihrem Tempo bewegen“, sagt Florian Berends, einer der beiden Kita-Leiter. „Schreibt man ihnen zu viel vor, nimmt man ihnen diese Möglichkeit.“ Und Nummer zwei: die erwähnten Gruppen.

Die Küstenkinder setzen auf ein geschlossenes Konzept, das den derzeit 80 Kindern im Haus schon genug Struktur sei, erklärt Berends: „Wir glauben, dass sich Gleichaltrige mit ähnlichen Interessen am besten in altershomogenen Kontexten beschäftigen können. In den Gruppen entscheiden dann die Kinder, was passiert. Und wenn jemand mal die Gruppe wechseln möchte, z. B. von den Pinguinen zu den Wattwürmern – gar kein Problem.“

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Kinder fördern durch Kunst

Auf den drei Kita-Ebenen, zu denen auch eine tennisplatzgroße Dachterrasse mit Spielplatz zählt, ist für die kleinen Küsten-Gangs einiges zu entdecken. Da sind Bewegungs- und Ruheräume, Konstruktions- und Lesezimmer, nicht zu vergessen die langen Flure mit den vielen feinen Holzbauten. Krippen- bis Vorschulkinder können auf jedem Kita-Quadratmeter Mini-Abenteuer erleben.

Übrigens arbeiten Berends und seine 16 Kollegen konsequent nach dem Inklusionsansatz. Ihre Überzeugung: „Jedes Kind ist anders, nur darin sind sie alle gleich.“ Es gibt den Richtwert, drei Integrationskinder in jeder Gruppe (16–18 Kinder) zu haben, abhängig von der Gruppendynamik. Sie sollen genauso am Geschehen teilnehmen können wie alle anderen. Und da sämtliche Kinder und Eltern durch die Gruppen feste Bezugspersonen haben, entsteht eine fast familiäre Atmosphäre – nicht unwichtig für die 0–6-Jährigen, wenn es um ihre Orientierung im Alltag gehe, so Berends.

Kita Küstenkinder: Holstenstraße 156 (Altona-Nord)

 

WABE-Kita Jenfelder Au:
Die All-inclusive-Erziehung

 

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Volles Kinderverwöhnprogramm in der WABE-Kita Jenfelder Au

 

„Zwei Dinge hatten wir, die unsere Kindheit zu dem machten, wie sie war – Geborgenheit und Freiheit.“ Ein Astrid-Lindgren-Zitat, das nach großem Glück in jungen Jahren klingt, und das die WABE*-Kita Jenfelder Au aktuell auf ihre Info-Flyer druckt.

Für ausreichend Kinderglück wollen Kita-Leiterin Danielle Klook und ihre 17 Mitarbeiter mit dem Konzept der Offenen Pädagogik der Achtsamkeit sorgen. In den 1970er Jahren von Elementarpädagogen entwickelt und damals noch Offene Pädagogik der Arbeit genannt, geht es darum, den verschiedenen Bedürfnissen und Entwicklungsständen individuell gerecht zu werden. Klar, auch in der Jenfelder Au sind gängige Kita-Rituale angesagt, vom Rausschubsen der Eltern am Morgen übers Spielen, Toben, Essen, Zähneputzen und Aufräumen bis zu den Elterngesprächen am Tagesende.

Aber in dem dreistöckigen und unter Denkmalschutz stehenden Gebäude am Kuehnbachring ist es voll und ganz den Kindern überlassen, was sie wann, wo und mit wem machen. „Alle Pädagogen bei uns haben eine offene Haltung gegenüber den Kindern, die, sobald der Kita-Tag startet, frei entscheiden, in welchen Raum sie gehen und welches Angebot sie nutzen“, so Klook. Und Räume gibt es einige, alle hell gehalten, alle hochwertig ausgestattet. Allein die detailverliebten Holzkreationen, vom Maltisch bis zur Abenteuerrutsche, machen ordentlich was her.

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Eine Bewegungsbaustelle für die Kinder der WABE-Kita

Das Angebot an Aktivitäten gleicht dem eines Fünf-Sterne-All-Inclusive-Hotels – natürlich mit ausgebildeten und regelmäßig fortgebildeten Fachkräften anstelle von nervigen Animateuren. Kinder können Klettern, Wippen, Basteln, Bauen, in Bällchen baden, sich mit Büchern vergnügen, Tanzen, Musik machen und, und, und. Es gibt eine Kinderküche und ein Kinderrestaurant, Schlaf- und Rückzugsräume und – Achtung! – einen Gesundheitsbereich mit Kneippbecken und Infrarotsauna.

Natürlich gibt es auch Regeln, die etwa während der täglichen Kinderkonferenz besprochen werden. Klook: „Jedes Kind hat einen Bezugserzieher, der unter anderem für die Eingewöhnung zuständig ist und die Elterngespräche führt. Zu ihm gehen die Kinder in der Konferenz. Jedes Kind kommt zu Wort, es kann über alles geredet werden: Probleme, Geburtstage, das Wetter.“ Partizipation wird großgeschrieben in der Jenfelder Au, wo sich derzeit 82 Kinder in einer Krippe, einem Elementarbereich und einem Eltern-Kind-Zentrum (Beratung und Spiele für Eltern und Kleinkinder) ziemlich Lindgren-mäßig wohlfühlen. Übrigens: Eröffnet wurde die Kita erst 2018 und hat noch Kapazitäten, bis zu 170 Kinder haben Platz.

WABE-Kita Jenfelder Au: Kuehnbachring 6 (Jenfeld)
*WABE e. V. steht für Wohnen, Arbeiten, Betreuen, Entwickeln und ist anerkannter Hamburger Kinder- und Jugendhilfeträger, überparteilich und überkonfessionell. WABE ist Mitglied in den Paritätischen Wohlfahrtsverbänden Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern sowie im Forum Sozial e.V. in Schleswig-Holstein

 

Lorenzini Kunst-Kita Frieda:
Selbst ist das Kind

 

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Pyramiden-Puzzle: Auch beim Spielzeug setzt die Frieda auf Transparenz

 

Licht an, und es wird bunt. Transparente Plastikquadrate strahlen auf einem extragroßen LED-Pad in Grün, Gelb, Blau, Orange und Rot. Zusammengesteckt werden sie zu einer Pyramide. Nur eine von zig Beschäftigungsmöglichkeiten in der Lorenzini Kunst-Kita Frieda, die von den 17 Mitarbeitern vorbereitet werden. Überhaupt: Vorbereitung, das ist hier die halbe Miete, wie Jana Berndt, pädagogische Leiterin der Einrichtung, erklärt: „Wir sind davon überzeugt, dass jedes Kind immer lernen möchte, und zwar von ganz alleine. Erzieher arbeiten hier eher begleitend, motivieren die Kinder in verschiedene Richtungen und eröffnen neue Themen, sobald es notwendig ist.“

Soll heißen: Der Raum funktioniert in der Frieda wie ein gedeckter Tisch, essen dürfen die Kleinen völlig selbstständig. Spezialität des Hauses: natürlich Kunst. Berndt: „Die Kunst ist bei uns immer anwesend, weil sie eine tolle Möglichkeit für die Kinder ist, sich auszudrücken.“ Herzstück der Frieda ist deshalb neben einem Rollenspiel- und Theaterraum sowie einer Vorschul-Lernwerkstatt im Gebäude gegenüber ein riesiges Atelier. Unzählige Maltuben, Pinsel, Leinwände, eine Ton- und eine Holzwerkstatt: Alles da, um sich kreativ auszutoben.

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Ein groß angelegtes Atelier gibt es im Zentrum der Kunst-Kita

Aktuell tun das 32 Krippen- und 52 Elementarkinder. Und wenn es mal keine Kunst-Action, sondern nur ein bisschen Herumlümmeln sein soll, geht das auf den überall in der Kita verteilten Polstermöbeln, watteweichen Sofas und Sesseln, die zusammen mit Stehlampen und Nierentischchen eine warme Wohnzimmeratmosphäre ergeben. „Es soll sich hier wie zu Hause anfühlen“, sagt Berndt.

2012 eröffnet, ist die Frieda eine von vier Lorenzini-Kitas in Hamburg – benannt nach der Gründerin Antje Lorenz – die sich nach der Reggio-Pädagogik richten, also der Annahme, dass Kinder von Beginn an in der Lage sind, sich selbst zurechtzufinden und im sozialen Kontext zu bilden.

Erzieher agieren als Gastgeber und Vertrauenspersonen, sind immer da, aber eben im Hintergrund. Außerdem wichtig im Reggio-Kontext: Transparenz. Alle Frieda-Türen sind verglast, jeder sieht jeden, alle inspirieren alle – zum Beispiel beim Bauen einer bunten Pyramide.

Lorenzini Kunst-Kita Frieda: Friedensallee 260 (Ottensen)


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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