Beiträge

Bildung 2.0: Ein digitaler Booster

Corona hat dem technischen Fortschritt an Hamburgs Schulen einen Schub verpasst, doch es gibt noch immer Kritik

Text: Andreas Daebeler

 

Digital ist besser. Das wussten schon die Jungs von der Hamburger Indierock-Band Tocotronic. Und zwar 1995, als Google und Facebook noch nicht geboren waren, Informatik im Schulunterricht in den Anfängen steckte und Medienkompetenz bedeutete, die richtigen Zeitungen zu lesen. 27 Jahre später hat sich die Welt verändert. Und der Wandel wird immer rasanter. Können Lehrpläne, technische Ausstattung und die Ausbildung der Pädagogen da mithalten? Wo setzt Hamburg Zeichen, ist innovativ? Wurde aus der Pandemie gelernt? Die Stadt hat eine klare Antwort, sieht sich „weit vorn“, wie es aus der Schulbehörde heißt. Schauen wir mal genauer hin.

Und dafür erst mal zweieinhalb Jahre zurück. In eine Zeit als Corona alles verändert. Die Realitäten von rund 260.000 Kindern und Jugendlichen in der Stadt. Dazu die von Lehrern und Betreuern an mehr als 400 Bildungseinrichtungen. Und von unzähligen Familien, deren Alltag mal eben auf den Kopf gestellt wird. Von einem Tag auf den anderen Unterricht zu Hause – eine neue Realität mit Tücken. Schnell wird klar, dass es an vielem mangelt. An Strukturen, digitalen Endgeräten, Fortbildungen und IT-Experten in den Schulen. Ruckelnde Videostreams, versagende Technik, Probleme bei der Kommunikation – Kritik bricht sich Bahn. Der Bund reagiert mit Sofortprogrammen. Es gibt frisches Geld.

„Wir wollen, dass die Digitalisierung in die Praxis aller Fächer Einzug hält“

Stadtleben Schule andrew-neel-unsplash-klein

„Digital ist besser“ – wussten schon Tocotronic 1995 (©Unsplash/Andrew Neel)

Und Hamburg greift zu. Das belegen ganz aktuelle Zahlen. Demnach hat die Stadt die für Digitalisierung bereitgestellten Fördermittel schon jetzt weitgehend genutzt. Von den 166,3 Millionen Euro, die der Bund für eine bessere Ausstattung der Schulen zur Verfügung gestellt hat, sind laut Schulbehörde 95 Prozent investiert. „Jede Schule hat inzwischen WLAN und digitale Tafeln, in allen Schulen gibt es Laptops. An einzelnen Standorten sind noch nicht alle Klassenräume mit WLAN ausgestattet, aber insgesamt liegt die Abdeckung bei weit über 90 Prozent. Die restlichen Räume nehmen wir uns in den kommenden Monaten vor“, sagt Schulsenator Ties Rabe.

Der nächste Schritt sei, den Unterricht zu verbessern. „Wir wollen, dass die Digitalisierung in die Praxis aller Fächer Einzug hält. Dazu schulen wir die Lehrkräfte, dazu erarbeiten wir aber auch Bildungspläne, in denen künftig in stärkerem Maße als bisher die Digitalisierung enthalten ist“, so Rabe. Besagte Pläne hätten klare Vorgaben, sie gingen sogar soweit, dass künftig in Hamburg in den üblichen Klausuren Tablets oder Laptops eingesetzt werden sollten. „Nicht in allen, sehr wohl aber Schritt für Schritt in immer mehr Klausuren“, so der Senator.

Ties Rabe spricht von einem „gewaltigen Investitionsprogramm“

Ties Rabe4_Foto_Behörde für Schule und Berufsbildung_BSB.jpg-klein

Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (©Behörde für Schule und Berufsbildung/BSB)

Fakt ist, dass der Digitalpakt Schule schon vor der Pandemie auf den Weg gebracht wurde. Dass Corona Versäumnisse aufgezeigt und wie ein Booster gewirkt hat, daran gibt es dennoch keinen Zweifel. Zumal weitere Fördertöpfe an den Start gebracht wurden. Die Zahlen: 121 Millionen Euro hat Hamburg bereits in die allgemeine Digitalisierung der Schulen gesteckt. Bis zu 128 Millionen Euro können abgerufen werden. Hinzu kommt der Digitalpakt für Sofortausstattung, aus dem Hamburg 12,8 Millionen Euro für Schüler-Tablets genutzt hat. Um Endgeräte für Lehrer anzuschaffen, stehen 12,8 Millionen Euro bereit, 11,5 Millionen Euro davon hat Hamburg bislang für seine Pädagogen investiert. Geht es um IT-Administration sind 11,8 Millionen Euro auf den Weg gebracht worden, um Wartung und Pflege der digitalen Ausstattung an den Schulen auf ein vernünftiges Niveau anzuheben.

Ties Rabe hat ein ehrgeiziges Ziel: „Wir wollen, dass Hamburgs Schüler:innen in allen Fächern genauso selbstverständlich den Computer einsetzen wie Schulbücher und Arbeitshefte“, sagt er. Deshalb sei digitale Technik an allen 376 staatlichen Schulen erheblich ausgebaut worden. Hamburgs eigene Mittel eingerechnet, spricht Rabe von „einem gewaltigen Investitionsprogramm“, das rund 200 Millionen Euro umfasse. Das sei erst der Anfang. Geplant sei, den Digitalpakt zwischen Bund und Ländern weiterzuführen und bis 2030 zu verlängern. „Wir können also mit weiteren Fördergeldern rechnen“, so der Senator.

„Es braucht technische-, pädagogische- und rechtliche Fortbildungen“

Alles ganz prima also? Bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft wird die Lage weniger rosarot gesehen. Fraglos habe die Schulbehörde in den vergangenen Jahren viel Geld abgerufen und auch in die Schulen investiert, so die stellvertretende Vorsitzende Yvonne Heimbüchel. Die Probleme lägen jedoch in der Ausführung. So stelle die Schulbehörde noch immer keine Plattform für die Lehrkräfte zur Verfügung, auf der sensible Daten von Schülern gespeichert oder versendet werden könnten. Es würden Tablets quasi ausgeschüttet, ohne vorher zu klären, was Pädagogen mit diesen Geräten konkret anstellen sollten. „Unterrichtsvorbereitung oder Zeugnisse schreiben ist auf diesen kleinen Geräten meist nicht fehlerfrei möglich“, sagt Heimbüchel. Zudem fehle es an einem nachhaltig durchdachten Fortbildungskonzept. Es müsse erklärt werden, wie Apps funktionierten, wo Technik sinnvoll einzusetzen sei und welche Probleme es mit Datenschutz geben könne. „Es bedarf sowohl technischer und pädagogischer als auch rechtlicher Fortbildungen“, so die Gewerkschafterin weiter.

„Wir wollen, dass Hamburgs Schülerinnen und Schüler in allen Schulfächern genauso selbstverständlich den Computer einsetzen wie Schulbücher und Arbeitshefte.“
Schulsenator Ties Rabe

Die gibt es laut Ties Rabe längst. Hamburg habe die Fortbildung für Lehrkräfte deutlich ausgebaut. „Die Teilnahmequoten während der Corona-Pandemie waren überwältigend. Man konnte erkennen, dass Lehrkräfte sich diese Technik jetzt wirklich erschließen wollen“, so Hamburgs Schulsenator. Man arbeite daran, Schulungen zu intensivieren. Zudem sei Digitalisierung in der Lehrerausbildung fest verankert worden. Rabe: „Wir haben sogar die Prüfungen verändert. Zukünftig kann in Hamburg nur das Referendariat, also die zweite Prüfung zum Lehrer, bestehen, wer im Unterricht unter Beweis stellt, dass digitale Techniken beherrscht werden.“ Es gebe seit einem Jahr die Regel, dass die sogenannten Vorführstunden, die in das Zeugnis für Lehramtsbewerbungen eingehen, immer mit digitaler Technik ausgeführt werden müssten. „So sichern wir, dass sämtliche Nachwuchslehrkräfte in jedem Fall digitale Erfahrungen auch schon im Unterricht mitbringen.“

das digital.learning. lab

GEW_Heimbuechel (1) Foto GEW Hamburg-klein

„Es gibt keinen grundlegenden Fachsupport“: Yvonne Heimbüchel (©GEW Hamburg)

Doch es gibt weitere Kritikpunkte der Gewerkschaft: Das technische Know-how hänge oft an den finanziellen Möglichkeiten der einzelnen Schulen und dem Engagement einzelner Lehrer. „Es gibt keinen grundlegenden Fachsupport, der dringend eingerichtet gehört“, bemängelt Yvonne Heimbüchel. Sie fordert einen konzeptionellen Rahmen, in dem die Schulen und ihre Beschäftigten mit der Entwicklung neuer digitaler Konzepte nicht allein gelassen werden, zusätzliche Fortbildungszeiten, Geräte, digitale Plattformen und Apps, die mit den Personalvertretungen abgestimmt sind. Plus eine längerfristige finanzielle Planung: „Es ist ja jetzt schon klar, dass alles, was jetzt angeschafft wurde, in ein paar Jahren wieder ausgetauscht werden muss.“

Schule der Zukunft erfordert fraglos eine ausgeklügelte Digitalisierungsstrategie. Eine der größten Herausforderungen unsere Zeit sei es, Bildungsprozesse so zu gestalten, dass Schüler:innen angemessen auf das Leben in der derzeitigen und künftigen Gesellschaft vorbereitet werden, so heißt es. Klingt nach einem Plan. Ein Baustein für die Umsetzung ist das digital.learning. lab, ein von der Schulbehörde 2018 initiiertes Internet-Portal. Umgesetzt wurde es zusammen mit der Joachim Herz Stiftung und der Technischen Universität Hamburg. Das digitale Labor bietet zum Download kostenlose digitale Unterrichtsbausteine in zahlreichen Fächern, eine Toolbox mit passenden Unterstützungsangeboten sowie Hintergrundmaterial mit Forschungsergebnissen und Trends.

Mit der Anschaffung von Laptops ist es nicht getan

Geht es um Bildung, ist Digitalisierung nur eine von vielen Herausforderungen, vor denen die Stadt steht. Vor allem, weil die Zahl der Schüler rasant wächst. Allein in diesem Jahr zählt die Behörde 6000 zusätzliche Jungen und Mädchen, die unterrichtet werden. Laut Senator Rabe werden neben den Investitionen in digitale Strukturen weiterhin bis zu 400 Millionen Euro pro Jahr in die Hand genommen, um Hamburgs Schulen fit für die Zukunft zu machen – und Neubauprojekte an den Start zu bringen. Klimagerechtigkeit ist dabei ein weiterer wichtiger Aspekt, hier wird die aktuelle Energiekrise zum Booster. Eine weitere wichtige Stellschraube ist das Personal. So wurden kürzlich 540 zusätzliche Stellen freigegeben.

Doch zurück zum Thema Digitalisierung. Wir wollen von der Schulbehörde wissen, was Hamburg plant, damit die Entwicklung nach der Pandemie nicht wieder ins Stocken gerät. Und bekommen den Hinweis darauf, dass es in Kürze eine Landespressekonferenz zum Thema geben wird. Am Tenor dürfte sich nicht viel ändern: Digital ist besser. Dass es mit der Anschaffung von ein paar Laptops allein nicht getan ist, wissen Eltern, Lehrer und Schüler. Sie werden weiterhin ganz genau hinschauen.


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Circus Krone: The show must not go on

Circus Krone war in Hamburg – und ein Besuch tierisch unnötig, meint unser Autor

Kommentar: Erik Brandt-Höge  

 

Was unternehmen mit den Kindern, wenn in Hamburg Herbstferien sind? Allerhand Eltern hatten darauf kürzlich folgende Antwort: Ab zu Circus Krone! Der gastierte im Oktober zunächst auf dem Heiligengeistfeld, später auf der Horner Rennbahn. Sicher, Clowns und Akrobaten hätte man den Kleinen schon mal zeigen können. Hätte keinem weh getan und wäre bestenfalls lustig bis spannend gewesen. Wie geschrieben: hätte. Wären da nicht noch ein paar Zirkusnummern im Krone-Programm gewesen, die jedem potenziellen Besucher das Betreten der Manege eigentlich madig machen mussten: die Auftritte der Tiere. Einmal mehr hatten die KroneMacher Pferde und Löwen dabei.

Welcher Löwe freut sich nicht über stundenlange Autobahnfahrten?

Für die Verantwortlichen vollkommen normal, wie sie in einer sogenannten „Tierschutzbroschüre“ auf ihrer Website erklären. Über Tierkunststücke etwa heißt es da: „Alle Dressuren im Circus Krone basieren auf den natürlichen Verhaltensweisen und Bewegungsabläufen der Tiere.“ Logisch, in der freien Wildbahn sieht man ja auch ständig vier Pferde, die sich in einer Reihe aufstellen und synchron auf den Hinterbeinen tanzen. Dafür braucht es ganz sicher kein stressiges Training mit Zirkusmenschen, die dabei das eine oder andere, nun ja, Hilfsmittel zur Hand haben. Weiter schreibt Krone, das Reisen mit den Vierbeinern bedeute für diese „viel Abwechslung, bei der es immer wieder Neues zu entdecken gibt“. Eh klar: Welcher Löwe freut sich nicht über stundenlange Autobahnfahrten und die zahlreichen Abenteuer hinter Gittern am Zielort. Mal ehrlich: Circus Krone, wie er schon so viele Jahre abläuft, ist einfach nur tierisch unnötig. Sollte jedes Kind wissen, Eltern sowieso.


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

 

World Press Photo 2022

Die preisgekrönten Fotografien des weltweit größten Fotowettbewerbs „World Press Photo“ sind in einer Wanderausstellung im Altonaer Museum vom 21. September bis 17. Oktober 2022 zu sehen 

Text: Katharina Stertzenbach

 

Bereits seit 1955 zeichnet die Stiftung World Press Photo die besten internationalen Pressefotografien aus dem jeweiligen Vorjahr aus. Die Themenauswahl reicht dabei von Umweltproblemen über politische Auseinandersetzungen bis zu Momenten aus dem Alltag. Die Wanderausstellung wird jährlich in mehr als 80 Städten weltweit gezeigt und von über einer Million Menschen besucht.

Das Gewinnerfoto 2022: „Kamloops Residential School“

Präsentiert wird die Ausstellung in Hamburg seit 25 Jahren von den Magazinen „Geo“ und „Stern“ und findet 2022 im Altonaer Museum statt. Das diesjährige Gewinnerfoto „Kamloops Residential School“ der Fotografin Amber Bracken erinnert an das Schicksal vieler Kinder indigener Gemeinschaften Kanadas, die häufig missbraucht und getötet wurden. Mindestens 4.100 Kinder starben in Internaten wie der Kamloops Indian Residential School.

 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

 

10 Jahre Deine Freunde

Die selbst ernannte „coolste Kinder­band der Welt“ wird zehn – und spielt zum Bandgeburtstag gleich drei Stadtpark­ Shows. Deine Freunde ­Mitglied Lukas Nimscheck im Gespräch über das, was bisher geschah

Interview: Erik Brandt-Höge

SZENE HAMBURG: Lukas, Deine Freunde feiern Geburtstag. Gibt es ein Wort, mit dem du deine Gefühle bezüglich zehn Jahren Bandgeschichte beschreiben könntest?

Lukas Nimscheck: Überra­schend! Wir haben nicht gedacht, dass wir das zehn Jahre machen würden. Damals haben wir aus Jux und Dollerei zwei, drei Lieder aufgenommen und ins Netz gestellt, einfach um zu sehen, was passiert. Heute ist Deine Freunde unser Haupt­beruf und wir spielen vor Tausenden Leuten. Irrsinnig!

Weder wir, noch Kollegen aus dem Musikbereich haben es für möglich gehalten, dass musika­lische Familienunterhaltung in Deutschland so erfolgreich werden könnte. Ich glaube, bei uns liegt es daran, dass wir mit der Zeit eine ganz eigene Stimme gefunden haben, auch einen ganz eigenen Humor, den die Leute und wir selber lustig finden. Wir müssen uns dafür nicht verstellen.

Wann habt ihr gemerkt, dass Deine Freunde etwas auf Dauer sein könnte?

Nach fünf Jahren waren wir so groß, dass wir sagen konnten, uns etabliert zu haben. Wir hatten zu dem Zeitpunkt auch schon unser eigenes kleines Label, unser eigenes kleines Studio, ein Management. Dabei waren wir bereits eine mittelständige Firma – und alle sehr fleißig, alle Arbeitsbienen. Zudem hatten wir auch keine Produzenten, jeder Ton auf unseren CDs kam von uns. Das ist bis heute so.

Glaubst du, dass eure Band überhaupt mal ein Ablaufdatum haben wird?

Nein, das glaube ich nicht. Wir sind ja eine der Bands, die auch privat miteinander verbandelt sind. Wir sind alle sehr eng miteinander, vom Management bis zu den Menschen, die mit uns auf Tour gehen.

Wir verstehen uns sogar immer besser mit den Jahren und können uns gut vorstellen, das so lange zu machen, bis wir so alt sind wie Rolf Zuckowski. Dann vielleicht in einer anderen Form, aber wir möchten auch dann noch Musik für Kinder bis zwölf Jahre und ihre Familien veröffentlichen.

Am Anfang haben wir in Kitas vor 20 Leuten gespielt

Lukas Nimscheck, Deine Freunde

Ist die Motivation, die „coolste Kinderband der Welt zu sein“, wie ihr euch selbst mal genannt habt, mit den Jahren noch größer geworden?

Diesen großkotzigen Titel haben wir uns zu einer Zeit gegeben, als wir noch gar nicht so groß waren. Mit der Zeit hat sich der Titel aber schon ein bisschen bewahrheitet. Man muss sich das mal vorstellen: Am Anfang haben wir in Kitas vor 20 Leuten gespielt.

Wir haben nur davon geträumt, mal in bestimmten Hallen spielen zu können. Als wir dann zum ersten Mal vor 500 Leuten standen, dachten wir: „Größer kann es nicht werden!“ Genauso haben wir gedacht, als es zum ersten Mal 1000 Leute waren. Es wurden immer mehr, kürzlich haben wir in Köln vor 7000 gespielt. Unser Anspruch ist dabei immer gleich geblieben, wir wollen immer das Bestmögliche bieten – auf und neben der Bühne. Das bedeutet zum Beispiel bei großen Konzerten, dass jedes Kind, das kommt, ein Band um die Hand kriegt, auf das seine Eltern eine Telefonnummer schreiben können, falls man sich mal verlieren sollte.

Wir probieren, Kindern und Eltern eine Stimme zu geben, die die Realität abbildet

Lukas Nimscheck, Deine Freunde

Vermutlich hat sich euer Verständnis für Kinder und Familien mit der Zeit auch noch mal verändert.

Ja, das hat es auf jeden Fall. Am Anfang dachten wir, in unseren Songs müssten wir nur so Schulhofthemen wie Hausaufgaben oder die siebte Stunde behandeln. Mittlerweile wissen wir, dass wir auch über ganz Absurdes singen können und Kinder und Eltern auch dazu feiern können.

Es gibt Siebenjährige, die schon super- ironisch sind und bei denen zu Hause schon ein ganz eigener Humor herrscht. Es sind die Medien, die Kinder immer als ironiefrei und Eltern immer als ausschließlich liebevoll und fürsorglich darstellen. Wir probieren, Kindern und Eltern eine Stimme zu geben, die die Realität abbildet.

Deine Freunde spielen am 2., 3. und 4. September im Stadtpark Openair – wir verlosen auf Instagram noch Tickets!


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Hamburger Ferienprogramm: SalutDeluxe Summercamp

Anzeige

Von den Besten lernen: HipHop meets Klassik beim SalutDeluxe Summercamp

Klassik trifft auf Rap, Etüden auf Freestyle und Konzertsaal auf Clubkultur. Vom 10. bis 17. August 2022 erwartet Kinder und Jugendliche bei SalutDeluxe ein spannendes Summercamp zum krönenden Abschluss der Hamburger Schulferien.

Auf dem Programm stehen Workshops wie Breakdance & HipHop, Graffiti oder Drum&Rhythm. Bei allen Workshops steht ein Übersetzer-Team bereit, um die Teilnahme auch für ukrainische Kinder und Jugendliche zu ermöglichen.

Musikpädagogisches Angebot

Der Verein SalutDeluxe wurde 2020 mit Unterstützung der Haspa Musik Stiftung gegründet. Initiatoren und Gründer sind der Rapper Samy Deluxe und die Frontfrau und Geigerin Angelika Bachmann von dem Klassik-Quartett Salut Salon. Ziel des Vereins ist es, in einem geschützten Raum Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Welten zusammenzubringen und sie unabhängig von ihrem sozialen Background und ihrer musikalischen Vorprägung anzuregen und zu inspirieren.

„Wer verschiedene Milieus kennenlernt und diverse Einflüsse zulässt, ist weniger anfällig für ausgrenzendes Verhalten‟, erläutert Samy Deluxe. „Samy und ich haben unabhängig voneinander immer wieder festgestellt, wie groß das Thema Rassismus auch in der Musik ist. Warum zum Beispiel sind People of Color so extrem unterrepräsentiert in den Orchestern? Warum wird Afrodeutschen eher Hip-Hop als Klassik zugetraut? Das ist absurd. Damit wollen wir aufräumen“, ergänzt Angelika Bachmann.

SalutDeluxe richtet sich an Kinder und Jugendliche ab dem Schulalter. Besonderes Augenmerk liegt darauf, dass sich Coaches, Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf Augenhöhe begegnen. Nach dem Prinzip „each one teach one‟ sollen sich die Kinder und Jugendlichen auch untereinander Wissen und Fähigkeiten vermitteln.

Weiteres Highlight im Sommerprogramm von SalutDeluxe: das Kinderkonzert „Mozart“ auf ukrainisch und russisch. Hier spielen die Pianistinnen Olga Shkrygunova (Salut Salon) und
Oksana Poleshook zwei- und vierhändig auf dem Klavier und erzählen über Mozart, einen der berühmtesten Komponisten der Welt. Zu hören sind seine allerersten Werke mit dem Cembalo-Klang, und es gibt ein Treffen mit der Königin der Nacht und der Zauberflöte. Für Bewegung sorgt ein Stopp-Tanz während des Konzertes.

Mehr Infos und Anmeldung unter: salutdeluxe.hamburg


SalutDeluxe e.V.
Volkmannstraße 6
22083 Hamburg

Eingang: Biedermannplatz 19, 22083 Hamburg


Talente an die Waterkant – das ist das Motto der Haspa Musik Stiftung. Seit 2008 unterstützt die Stiftung den Nachwuchs auf seinem musikalischen Weg und fördert vielfältige Musikprojekte.

Mónica: „Meine Familie ist sehr wichtig für mich“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Mónica begegnet

Protokoll: Rosa Krohn

„Ich komme aus Kolumbien und bin seit fünf Jahren in Deutschland. Ich kam als Au-pair, weil ich ins Ausland wollte. So war das am einfachsten. Mittlerweile habe ich eine abgeschlossene Ausbildung und arbeite Vollzeit, während ich weiter das Kind der Familie betreue, mit der ich seit Corona zusammenarbeite. Ich kenne mich gut mit Kindern aus. In Kolumbien hatte meine Mutter einen Kindergarten und meine beiden jüngeren Schwestern sind schon Mütter. Kinder sind so unschuldig. Du musst bei ihnen nicht alles ernst nehmen. Dank ihrer Fantasie kann man viel Quatsch mit ihnen machen. 

Die Bedeutung der Familie

In zwei Tagen fahre ich für drei Wochen in meine Heimat. Ich freue mich dabei am meisten auf meine Familie. Hier in Deutschland sehe ich oft, dass Kinder erwachsen werden und weggehen, sobald sie volljährig sind. Manchmal reißt der Kontakt dann ganz ab. Ich finde es traurig, wenn ältere Leute ins Altenheim gehen und dort dann vergessen werden. Ich habe viele ältere Menschen kennengelernt, die einsam sind, rauchen, sehr viel trinken und nicht rausgehen. In Kolumbien lebt man gern mit seinen Eltern zusammen, auch wenn man schon eine eigene Familie hat. Meine Familie ist sehr wichtig für mich. Zwar kann ich sie von Deutschland aus momentan besser unterstützen, aber wenn meine Eltern alt werden, dann will ich nach Hause und mich um sie kümmern. Ich denke, sie haben mir das Beste von sich gegeben und das will ich ihnen zurückgeben. Als ich ein Baby war, waren sie für mich da. Und jetzt werden sie irgendwann große Babys, da will ich für sie da sein.

„Das Leben sagt einem, wenn es soweit ist“

Oft werde ich gefragt: ‚Mónica, du bist schon 32. Willst du keinen Mann, keine Kinder?‘ Aber seitdem ich hier bin, arbeite ich ja mit Kindern: Popo saubermachen, füttern, sie duschen und ins Bett bringen – das ist genug. Und ein Freund? Na ja wer weiß, vielleicht ist plötzlich jemand übermorgen am Flughafen oder morgen im Zug. Das Leben sagt einem schon, wann es so weit ist. Jetzt fahre ich erst mal nach Hause und verbringe dort viel Zeit mit den Kindern meiner Schwestern. Das ist also Urlaub, aber auch Arbeit (lacht).“


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Nachbarschaftspreis für Hamburger des Monats

In der aktuellen Ausgabe der SZENE HAMBURG ist Kareem Ahmed der Hamburger des Monats, jetzt haben er und sein Team den Deutschen Nachbarschaftspreis für ihr Projekt „Silbersack Hood Gym“ gewonnen

Text: Felix Willeke

 

„Mein Bruder hat in der Corona-Zeit gesagt, dass wir wieder Sport machen müssen“, sagt Kareem Ahmed im Gespräch mit SZENE HAMBURG. Dieser Satz war der Beginn des sozialen Sportprojekts „Silbersack Hood Gym“ auf St. Pauli. Heute treibt Kareem das Projekt zusammen mit seiner Schwester Nassy Ahmed-Buscher und seinem Bruder Jameel Ahmed voran und mittlerweile trainieren über 50 Schüler:innen auf dem Sportplatz am Silbersack. Jetzt haben sie den mit 5.000 Euro dotieren Deutschen Nachbarschaftspreis gewonnen. Das Projekt gehe über das rein sportliche hinaus und fördere die soziale Vernetzung der Kinder aus der Nachbarschaft, so die Begründung der Jury. Das Preisgeld will das Projekt in die Miete einer Halle für den Winter investieren, eine passende Räumlichkeit in der Nähe wird noch gesucht.

 

Der Preis

 

Der Deutsche Nachbarschaftspreis wird seit 2017 von der nebenan.de Stiftung, einer Tochterorganisation des Berliner Sozialunternehmens Good Hood GmbH, verliehen. Die Insgesamt 57.000 Euro Preisgeld gingen 2021 an die Gewinner:innen in den Kategorien Generationen, Kultur & Sport, Nachhaltigkeit, Öffentlicher Raum, Vielfalt und an je ein Landessiegerprojekt.

Den Gewinnerfilm für das „Silbersack Hood Gym“, Gewinner in der Kategorie Kultur & Sport, gibt es hier:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Gefunden: Das Glück am Rand

Laut, quirrlig und manchmal ganz schön hektisch – das ist Hamburg City. Doch dort, wo die Stadt ausfranst, geht es sehr viel ruhiger zu. Manchmal fast schon dörflich, was Vor- und Nachteile haben kann. Drei Stadtflüchtige erzählen, wie es ist, Schanze, St. Pauli und Wilhelmsburg gegen Bergedorf, Niendorf Nord und Poppenbüttel einzutauschen

Protokoll: Erik Brandt-Höge, Ulrich Thiele & Anna Meinke
Fotos: Erik Brandt-Höge & Jérome Gerull

 

 

Jessica: Vom Kiez nach Niendorf

 

Jessica Ness hat es aus dem lauten, bunten St. Pauli ins beschauliche Niendorf Nord verschlagen. Was hat der Kulturschock mit ihr gemacht?

hamburg-bewohner-jessi-c-jerome-gerull

Einst war er „The King Of The Kiez“, jetzt stolziert Duke durchs Ohmoor (Foto: Jérome Gerull)

„Ich bin 2014 in eine WG auf ’n Kiez gezogen. Mein Mitbewohner war DJ in einer Strip-Bar, deswegen sind bei uns immer ziemlich viele lustige Sachen passiert. Die Stripperinnen haben oft bei uns übernachtet. Wenn ich von einer Nachtschicht nach Hause kam, kam es schon mal vor, dass eine mir wildfremde Person in Reizwäsche am Küchentisch saß. Da habe ich nur ‚Moin‘ gesagt und das war’s, ich war das ja gewohnt. Mein Hund Duke ist auf dem Kiez groß geworden und dort durch die Gegend stolziert wie der King Of The Kiez. In dem Stripclub haben sie sogar eine ‚Duke Box‘ mit Snacks für ihn installiert. Immer, wenn ich mit ihm unsere Abendrunde gegangen bin, wollte er deswegen direkt in den Stripclub. Ich habe direkt neben dem Moondoo gewohnt. Nachts hat man die Touristenansammlung auf dem Kiez, aber durch den Alltag ist St. Pauli doch wie ein Dorf. Man ist dann schnell per Du mit dem Dönermann von nebenan oder mit Olivia Jones.

Ich war jahrelang OP-Krankenschwester im AK Altona. Irgendwann geriet ich in einen ethischen Konflikt, als ich gemerkt habe, wie sehr es im Gesundheitswesen ums Geld geht. Deswegen wollte ich mein Geld mit etwas Positivem verdienen und meinen Beruf mit meiner großen Leidenschaft verbinden: Musik. Zuerst habe ich im Docks / Prinzenbar am Tresen gearbeitet, konnte mich aber schnell hocharbeiten und durfte mich weiterbilden und mich um die Abrechnungen und das Personalmanagement kümmern.

 

Aus dem Krankenhaus zur Musik

 

Im Docks waren sehr viele facettenreiche Konzerte. Von Skunk Anansie bis hin zu HipHop konnte ich da alles Mögliche sehen und manchmal auch die Stars im Backstage erleben. Zum Beispiel Liam Gallagher. Er war Secret Act beim Reeperbahn Festival, und alle hatten sie Angst, man kennt ja die Geschichten über ihn. Dass er schon mal alles stehen und liegen lässt, wenn ihm etwas nicht passt. Aber bei uns fand er’s wohl gut, er war ganz entspannt und hat sich einfach mal zu uns hingestellt und mit uns eine geraucht.

Woran ich momentan oft denken muss: Auf dem Kiez war ich jeden Tag mit dem Leid der Obdachlosen konfrontiert. Ich mache mir heute noch oft Gedanken, wie sie zurechtkommen, gerade jetzt in der Corona-Zeit. Neulich war ich auf dem Kiez und habe einen alten Bekannten wiedergesehen. Er sah echt übel aus. Die ganzen Touristen sind ja momentan nicht da, wie sollen sich die Obdachlosen da ihr Geld zusammenschnorren?

 

Loyalität und Nachtschichten

 

Meine Chefin im Docks war zum Glück sehr loyal und hat geholfen. Ich war ja wie gesagt für die Personaleinstellung zuständig. Einen Obdachlosen habe ich kennengelernt, weil unsere Hunde immer miteinander gespielt haben. Dem ging es ganz schlecht, deswegen habe ihn gefragt, ob er mal zur Probe arbeiten möchte bei uns. Letztlich hat er jahrelang im Docks gearbeitet und sich auch hochgearbeitet, er ist auf einen Bauplatz gezogen und konnte seinen Alltag regeln. Und er hat sogar noch einen obdachlosen Freund mit ins Boot geholt. Für diese beiden ging es zumindest gut aus.

Die Zeit im Docks war aufregend, aber auch anstrengend. Nachtschichten im Club sind wie im fünften Gang Auto zu fahren: Es macht Spaß, aber du merkst irgendwann gar nicht mehr, dass du nonstop im fünften Gang fährst. Die Nachtschichten gingen manchmal 18 Stunden. Wenn ich um 10 Uhr morgens nach Hause kam, war ich völlig platt, konnte mich aber kaum erholen, weil es um 17 Uhr wieder losging. An Wochenenden hatte ich das Gefühl, so viel zu arbeiten, wie andere in der gesamten Woche.

Auf dem Kiez habe ich meinen jetzigen Freund kennenlernt, er hat damals in der Villa Nova gearbeitet. Wir sind zusammen in eine Wohnung über dem Docks gezogen. Eines Tages hatten wir einen Schlüsselmoment. Wir sind zusammen mit Duke an einem Montag bei strahlendem Sonnenschein mit einem Eis in der Hand über den Hamburger Berg gelaufen. Duke ist die ganze Zeit durch Scherben gelaufen und wir hatten die Gerüche allermöglichen Exkremente in der Nase – da dachten wir uns plötzlich: Wollen wir das überhaupt noch? Wollen wir nicht zusehen, dass wir ins Grüne kommen, für den Hund und für uns? Außerdem sind die Mieten auf dem Kiez so hoch, aber wofür eigentlich? Für Lärm und Dreck?

 

Glück im Norden der Stadt

 

Niendorf Nord war Zufall. Wir haben uns in ganz Hamburg beworben, was nicht so einfach ist mit einem japanischen Akita-Husky-Mix. Ich wusste damals nicht mal, wo Niendorf liegt. Aber als ich hierherkam, habe ich mich sehr schnell wohl gefühlt, weil es so ein grüner, ruhiger Stadtteil ist. Im Vergleich zum Kiez ist hier alles entschleunigt und die Luft ist frischer. Egal in welche Richtung ich gehe, es gibt überall grüne Flächen, Wälder und dann ist da noch das Ohmoor.

2018 sind wir hierhergezogen. Ich habe zu der Zeit noch auf dem Kiez gearbeitet und bin immer 30 Minuten mit der U-Bahn gependelt. Irgendwann ergab sich die Möglichkeit, in meinen alten Beruf zurückzukehren. Jetzt arbeite ich in der ambulanten Pflege in Niendorf. Gerade jetzt, wo die Kulturlandschaft brach liegt, bin ich natürlich besonders froh über meine Entscheidung.

Manchmal fehlt es mir aber, nicht einfach um 22 Uhr kurz vor die Tür zu gehen und ein Bier zu trinken. Hier sagen sich Hase und Igel Gute Nacht. Hier ist es manchmal auch etwas spießiger. Auf dem Kiez ist das Leben sehr tolerant, man lässt sich so sein, wie man ist. In Niendorf habe ich mich schon mit meckernden Rentnern angelegt. Ich bin halt eher der Typ ‚Leben und leben lassen‘.“

 

Christian: Von der Schanze über Poppenbüttel nach Sasel

 

Nach Jahren in Szenevierteln zog es Christian, 52, raus nach Poppenbüttel, später nach Sasel. Der Kinder wegen. Mittlerweile genießt er den Dorfcharakter draußen – und findet die Schanze zu schnelllebig.

Die Anpassung an den Stadtrand ging schneller als gedacht; Foto: Erik Brandt-Höge

Die Anpassung an den Stadtrand ging schneller als gedacht; Foto: Erik Brandt-Höge

„Ich kam 1993 während des Studiums von Essen nach Hamburg. Studiert habe ich an der TU in Harburg, gewohnt habe ich zuerst in Ottensen, kurz darauf aber auch in allerhand anderen Stadtteilen. Chronologisch aufgezählt: Altona, noch mal Ottensen, St. Pauli, Hamm, Wilhelmsburg, Schanze. Irgendwann war ich verheiratet, hatte ein Kind, und als das zweite unterwegs war, wollten meine damalige Frau und ich raus aus der Stadt. Wir hatten keine Lust, vor jedem Spielen in der Buddelkiste im Schanzenpark den Sand zu durchkämmen und Spritzen rauszuholen. Nein, die Kinder sollten im Grünen aufwachsen. Wir haben auch relativ günstig ein großes Haus mit Garten in Poppenbüttel bekommen. Das war 2006. Die Anfangszeit dort war zugegebenermaßen nicht so leicht, einfach, weil ich mich schon noch als Städter fühlte – und als großer Fan von St. Pauli war der Weg zum Stadion auch nicht mehr der kürzeste. Die Anpassung an den Stadtrand ging dann aber doch schneller, als gedacht, allein, weil wir gesehen haben, wie wohl sich die Kinder in der neuen Umgebung fühlten. Für sie war es in Poppenbüttel von Anfang an super. Und ich fühlte mich auch immer mehr zu Hause.

Nach einiger Zeit, als ich mal wieder in die Schanze fuhr, hatte ich plötzlich dort Schwierigkeiten, zurechtzukommen. Ich konnte gar nicht mehr so schnell realisieren, was alles um mich herum passierte. Ich merkte, wie wuselig, hektisch und anstrengend es da eigentlich sein kann. Da fand ich das ruhigere, langsamere Leben oben am Rand doch besser. Und während ich in meinen ersten Hamburg-Jahren die Anonymität mitten in der Stadt voll genossen habe, habe ich draußen auf einmal den Dorfcharakter zu schätzen gelernt. Also, dass man auf der Straße oft Leute sieht, die man kennt, und mit denen man auch mal kurz schnacken kann. Brauche ich nicht unbedingt, mag ich aber.

 

Eine Trennung und es geht weiter

 

Nach der Trennung von meiner Frau bin ich nach Lemsahl-Mellingstedt gezogen, also am Rand geblieben, und später, mit meiner jetzigen Ehefrau, nach Sasel. Hier haben wir eine schöne Maisonette-Wohnung mit Balkon und Gemeinschaftsgarten. Wir wohnen unten, die Kinder oben. Die Gegend ist toll! Wir sind schnell in Bergstedt, auch im Naturschutzgebiet Hainesch-Iland. Es ist echt schön, wenn wir mit unserem Hund rausgehen und ziemlich fix in einem Waldgrundstück landen können. Einzig fehlt mir die Kneipenkultur. Es gibt hier keine gute Kneipe! Eine Handvoll Restaurants, ja, aber sonst: nichts.

Die Kinder hingegen vermissen nichts. Die haben noch nie gesagt, dass sie ins Zentrum wollen. Für sie ist das hier die Stadt. Sie haben hier ihre Schule, ihre Freunde, ihren Sportverein – und ihren Rechner. Und sie gehen ja auch noch nicht aus. Den Kiez kennen sie gar nicht. Wenn sie groß sind, könnte ich mir vorstellen, auch mal wieder weiter reinzuziehen. Aber mit ‚rein‘ meine ich dann eher einen Stadtteil wie Barmbek.“

 

Marlen: Von Wilhelmsburg nach Bergedorf

 

Mit Kind und Kegel zog Marlen, 30, vor etwa einem Jahr von Wilhelmsburg an den Stadtrand – nach Bergedorf. Trotz des kleinbürgerlichen Einheitsbrei-Charakters der neuen Nachbarschaft fühlt sich die junge Familie in ihrem nun größeren Zuhause wohl

Fühlt sich manchmal wie „in einer dieser Miniatur-Wunderland-Kulissen“ an: Marlen

Fühlt sich manchmal wie „in einer dieser Miniatur-Wunderland-Kulissen“ an: Marlen

„In Wilhelmsburg lebt die ganze Welt. Das habe ich so an unserem alten Wohnort geliebt. Da gibt es keinen Elitarismus, keine Blasenbildung. Menschen verlagern ihr Leben auf die Straße, es ist trubelig, bunt und laut. So schön es in Willi auch war – für meinen Sohn Piet wünsche ich mir ein geschützteres Umfeld und die bestmöglichen Startvoraussetzungen für sein Leben. Unser neuer Lebensmittelpunkt in Bergedorf ermöglicht ihm ein sicheres – und uns als Eltern ein entspannteres – Aufwachsen. Es gibt viele Spielplätze, es ist grün, der Wald ist in greifbarer Nähe, und wenn mein Kind vor die Tür tritt, muss ich nicht ständig Angst haben, dass es überfahren wird. Wenn ich so etwas sage, komme ich mir manchmal echt spießig vor. Wäre unsere Zweizimmerwohnung in Wilhelmsburg nicht so klein gewesen, hätte ich mir sogar vorstellen können, weiterhin dort zu leben. Auch mit Kind. Aktuell lerne ich, natürlich auch die Vorzüge des Stadtrands zu schätzen. Ich sage Stadtrand, fühle mich aber gar nicht unbedingt, als würden wir extrem weit außerhalb wohnen. Bis man so richtig auf der Kuhwiese steht, muss man von unserem Zuhause aus noch mindestens zwei bis drei Kilometer fahren. Unsere Wohnung in Bergedorf liegt in der Fußgängerzone und ist daher keineswegs ab vom Schuss.

 

Bergedorf: Eine Stadt am Stadtrand

 

Aus dem Fenster schaue ich auf einen kleinen Stadtkern. Ich bekomme manchmal das Gefühl, als befände ich mich in einer dieser Miniatur-Wunderland-Kulissen, so niedlich sieht es hier aus. Und das machen nicht nur die Häuser und Straßen, sondern auch die Menschen: Ständig entdecke ich Straßenmusiker. Die spielen hier nicht nur Gitarre, nein, sie spielen Cello, Querflöte oder Geige. Alles in allem lebt es sich hier in Bergedorf also sehr gut, wenngleich mir das Leben hier von Zeit zu Zeit ein wenig glatt gebügelt vorkommt. Auch sind die Menschen hier nicht sehr divers. Man bleibt unter sich und fühlt sich wohl in seiner ‚Bergedorf-Blase‘. Ich sehe diese Entwicklung jedoch kritisch, weil ich es schade fände, sollten irgendwann nur noch Menschen aus den gleichen sozialen Milieus in ihren jeweiligen Vierteln zusammenleben. Da bleiben der Austausch und das gegenseitige Kennenlernen komplett auf der Strecke. Und Wohnungen in der Innenstadt, in der Schanze oder in St. Georg, wären Menschen mit viel Geld vorbehalten. Zum Glück hatten wir nicht den Anspruch, im Zentrum zu wohnen. Denn eine solche Wohnung, wie wir sie jetzt in Bergedorf haben, hätten wir uns in besagten Stadtteilen niemals leisten können. Die Entscheidung, wohin wir umziehen, wurde uns dadurch sogar erleichtert: Aufgrund der Mietpreise kamen eben nur bestimmte Lagen infrage. Hier in Bergedorf zahlen wir für eine wunderschöne Altbauwohnung mit Stuck, Holzfußboden und hohen Decken gerade einmal zehn Euro pro Quadratmeter. Und wir haben so viel Platz!

Der Unterschied zwischen einer Zweizimmerwohnung und einer Viereinhalbzimmerwohnung ist schon erheblich. Sogar so erheblich, dass wir uns vorstellen könnten, die nächsten zehn Jahre hier am Stadtrand zu bleiben. Auch infrastrukturell ist Bergedorf gut aufgestellt: Vom Zahnarzt, über den Hausarzt, bis hin zum Frauenarzt gibt es alles in unmittelbarer Nähe. Da schneidet unser neuer ‚Rand-Wohnort‘ also vergleichsweise gut ab. Auch Kitas gibt es wie Sand am Meer – viele Kinder bedeuten eben auch viele Kitas. Für Piet haben wir sehr schnell einen Platz gefunden. Ja, wir haben uns hier gut eingelebt, würde ich sagen. Sollte es uns hier eines Tages zu langweilig werden, gehen wir halt zurück. Vorausgesetzt wir finden dann noch eine bezahlbare Wohnung.“


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Gabriel: „Freue dich, dass du lernen kannst!”

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Gabriel begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Ich bin alt geworden, schon 50 Jahre. Jeden Tag stehe ich um sieben Uhr auf, mache meinen Kindern Frühstück, bringe meinen Sohn in den Kindergarten, fahre nach Hause, meistens mache ich noch Sport, esse schnell und gehe dann zur Arbeit. Jeden Tag.

Ich liebe meine Arbeit. Ich arbeite immer schon. Seitdem ich ein Kind bin, um genau zu sein. Damals habe ich noch in Ghana gelebt und meine Eltern mussten mich früh von der Schule nehmen, weil sie es sich nicht mehr leisten konnten. Also habe ich angefangen als Mechaniker zu arbeiten. Als Kind denkst du anders, da habe ich Ghana und mein Leben dort geliebt. Mit dem Alter habe ich dann gemerkt, dass es in Ghana für mich nicht weitergehen kann.

1989 bin ich in Frankfurt angekommen. Ich dachte damals, jetzt beginnt ein neues Leben. Neues Land, neue Sprache, neue Arbeit. Nach einem Jahr wurde ich abgeschoben und zurück nach Afrika geschickt. Die haben mir gesagt, in Ghana gäbe es keinerlei Probleme.

 

„Wir sehen uns nur alle paar Jahre”

 

Ich habe es schließlich nochmal versucht. Es ist eine lange Geschichte, aber nach ewigem Hin und Her und ständigem Warten, hatte ich meine Papiere und heute bin ich deutscher Staatsbürger.

Ich habe drei Kinder hier in Deutschland und eine Tochter in Ghana. Sie ist jetzt 26 und hat IT studiert. Wir sehen uns nur alle paar Jahre, wenn ich mal dort bin. Sie würde am liebsten auch nach Deutschland gehen, es gibt aber kaum eine Chance. Auch meine Eltern waren noch nie hier. Mein Papa ist jetzt 86, meine Mama 84. Manchmal vermisse ich sie sehr.

Trotzdem weiß ich, dass es richtig war, nach Deutschland zu gehen. Einer meiner Söhne geht mittlerweile auf die Stadtteilschule. Ich sage ihm immer: ‘Geh dort hin und freue dich, dass du lernen kannst!’ Es ist so eine große Chance. Ich konnte das irgendwann nicht mehr, sondern habe als Kind angefangen, als Mechaniker zu arbeiten.“


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Anne: „Die Mitte von Konsequenz und Liebe finden“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Anne begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Man sagt ja immer, wenn man die Erfahrung und das Wissen von heute schon ein paar Jahre früher gehabt hätte, dann würde man vieles anders machen. Bei mir ist es ähnlich. Wahrscheinlich hätte ich einige Dinge anders gemacht, gerade in der Erziehung meiner Kinder.

Ich bin sieben Jahre nach Kriegsende geboren, damals bekam ich eine Obrigkeitshörigkeit mit auf den Weg. Dinge wie Ordentlichkeit, Pünktlichkeit, Normalität waren entscheidend. Aber was heißt das denn? Ich habe das erst Jahre später genauer hinterfragt. Als meine Tochter geboren wurde, war ich Ende 20, da kam gerade das “Summerhill”-Modell heraus, die Idee einer antiautoritären Erziehung. Für mich bestand die Aufgabe darin, zwischen Autorität und Antiautorität einen guten Grad zu finden. Die Mitte von Konsequenz und Liebe zu finden. Leider habe ich das nie richtig hingekriegt. Dieses Obrigkeitsgehörige ist ganz stark in mir verwurzelt, ich habe als junge Mutter versucht dagegen anzukämpfen und tue es auch im Alter noch.

Heute ist das Verhältnis zu meiner Tochter sehr gut. Sie lebt mit ihrem Mann und meinem Enkel an der Ostsee. Mein Sohn ist vor drei Jahren gestorben. Er wurde 27.

Ich glaube, ich besitze die Gabe, mich aus Situationen herauszumanövrieren. Diese Zeit war schlimm, aber ich habe sie irgendwie überstanden. Auch weil ich viel gearbeitet habe und weil ich Menschen auf meiner Arbeit Gutes tue und ich mir im Gegenzug genauso. Ich bin Pflegehelferin.

 

Es sind die Berge, nicht die See

 

Ab Januar möchte ich aber erst einmal Pause von allem machen. Meine Schwester lebt in Spanien, unterhalb von Alicante. Dort will ich sie gerne ein paar Monate besuchen, weg von der Arbeit, von Hamburg, von der Familie und einfach mal für mich selbst da sein.

Ich war schon ein paar Mal in Spanien, auch mal in Thailand und in der Türkei. Am besten hat es mir aber tatsächlich im Schwarzwald gefallen. Da hatte ich so ein Gefühl, das ich erst im fortgeschrittenen Alter gespürt habe: Ich bin gar nicht so der See-Typ, obwohl ich aus Hamburg komme, sondern es sind die Berge, die ich noch viel toller finde.

Wenn Herz und Bauch im Einklang sind, dann ist es das richtige Gefühl. Ich habe gelernt, dass im Leben Wendungen kommen, dass man sich aber immer treu bleiben muss, nicht nach dem Wind gehen muss und auch nicht schauen muss, was der und der redet. Meine Erfahrungen und mein Wissen aus 69 Lebensjahren haben mich letztendlich gelehrt: Wenn ich Schuhe brauche und da fünf Paar Schuhe zur Auswahl stehen, dann kaufe ich das Paar, bei dem ich zuerst ein gutes Gefühl spüre.“


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.