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Spielbetrieb-Start in der Staatsoper: „Les Contes d’Hoffmann“

Les Contes d’Hoffmann, inszeniert von Regisseur Daniele Finzi Pasca, ist ein Schmaus für Ohr und Auge. Bis zum 25. September 2021 ist die Oper noch viermal auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper zu sehen

Text: Sören Ingwersen

 

Droht dem Künstler, der zu sehr nach sinnlichen Genüssen trachtet, die kreative Impotenz? Oder feiert die Kunst gerade dort ihren höchsten Triumph, wo sie das rauschhafte, leidenschaftliche Leben widerspiegelt? Mit seiner Inszenierung von Offenbachs „Les Contes d’Hoffmann“ an der Hamburgischen Staatsoper unterstreicht Regisseur Daniele Finzi Pasca eher diesen zweiten Glaubenssatz – mit einem Bühnenbild, in dem es vor Spiegeln, spiegelbildlichen Anordnungen und Doppelgängern nur so wimmelt. Dabei stellt er dem Hamburger Premierenpublikum einen Tenor vor, wie man ihn an der Dammtorstraße nur selten zu hören bekommt.

 

Dichter Hoffmann, perfekt besetzt

 

Der Franzose Benjamin Bernheim ist ein wahrer Glücksgriff für die Rolle des Dichters Hoffmann, der in Luthers Bar seinen Promillewert nachhaltig in die Höhe schraubt, während Mezzosopranistin Angela Brower in Gestalt der Muse die schöpferischen Kräfte ihres Schutzbefohlenen wieder reaktivieren will.

Hoffmann erzählt derweil von seinen katastrophalen Liebesabenteuern mit der Automatenfrau Olympia, der Sängerin Antonia und der Kurtisane Giulietta, die allesamt nur Projektionen seiner männlichen Fantasie sind und den Anforderungen der Wirklichkeit nicht standhalten. In Anbetracht seiner jeweils tödlich endenden Amouren singt Bernheim seinen Hoffman fast zu schön, nahtlos fließend und mit einer Leichtigkeit, die dem Ohr mit jeder Silbe schmeichelt.

 

Schönheit der Stimme und ein finsterer Todesbote

 

In den drei Frauenrollen sowie als Stella in der Rahmenhandlung lässt Olga Peretyatko derweil ihren herrlich gelenkigen Sopran aufleuchten, der ihr besonders bei den fein abschattierten Koloraturen der Olympia zugutekommt, während sie als eingesperrte kranke Sängerin Antonia im Turmzimmer vor einem Spiegel sitzt, die Wände ausstaffiert mit präparierten Schmetterlingen. Ein sinnfälliges Bild ist auch ihr eigenes Flügelkostüm für den Tod, der sie ereilt, nachdem sie die Schönheit ihrer Stimme noch einmal aufblühen lässt.

Als finsterer Todesbote überzeugt indes der Italiener Luca Pisaroni, der als Hoffmanns diabolischer Gegenspieler in den Rollen von Lindorf, Coppélius, Dapertutto und Dr. Miracle überall dort seinen beherzten Bass-Bariton und seine spindeldürren Vampirfinger im Spiel hat, wo Böses ausgeheckt wird.

 

Kent Nagagno und ein famoses Bühnenbild

 

Generalmusikdirektor Kent Nagano dirigiert die Philharmoniker dabei mit sicherer Hand und lässt den Sängern Raum zum Atmen, während Hugo Gargiulos famoses Bühnenbild nach Öffnen des Vorhangs zum vierten Akt sogar zu einem Zwischenapplaus Anlass gibt: Auf der Drehbühne formen venezianische Statuen ein riesiges Karussell, während die Chorsänger in Taubenkostümen über die Tierkreiszeichenscheibe am Boden huschen.

Ein riesiger Deckenspiegel doppelt das prächtige Bild in der Vogelperspektive, wobei hier nicht zum ersten Mal aus der Luft Darsteller in die Szene einschweben. Eine akrobatische Reminiszenz an den Cirque de Soleil oder Olympische Zeremonien, von denen Regisseur Daniele Finzi Pasca schon mehrere inszeniert hat.

Staatsoper Hamburg: 16., 19., 22., 25. September 2021


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Katharina Sieverding: Make-up, Close-up, Blow-up

Selbstikonisierung und Machtkritik – Katharina Sieverdings Bilderkosmos in Harburg

Text: Karin Schulze

 

Kleckern ist nicht ihr Ding. Von „Klotzen“ mag man bei den stilsicheren Fotoarbeiten von Katharina Sieverding auch nicht sprechen. Aber um Wucht (des Ausdrucks) und Überwältigung (des Betrachters) geht es schon im Werk der heute nach eigenen Angaben 80-Jährigen, und immer noch kantig und kraftvoll agierenden Künstlerin.

Die Formate ihrer Fotomontagen sind groß bis monumental. Ihre Motive, verpuppt mit eisiger Perfektion, sind plakativ und performativ: Die Welt ist hart und die Künstlerin ist es auch. Sie schießt zurück mit der Kamera und allerhand Reproduktionsverfahren: Sie nutzt Passbildautomaten, Röntgen- und Blutgerinnungsbilder, starke Überbelichtungen. Sie durchleuchtet, überblendet, huldigt der Alchemie der Dunkelkammer. Sie setzt ein Pressefoto der Trauerfeier für Mao radioaktiver Strahlung aus. Sie verschneidet eine Aufnahme vom Berliner Denkmal für die ermordeten Juden Europas mit denen von KZ-Baracken, überblendet für ihr Global Desire ein Pressebild des Diktators und Knappheitsjongleurs Kim Jong-un mit der marktliberalen Begehrensökonomie eines Amazon-Lagers.

 

Attraktiv und androgyn

 

Fotografie ist für die Tochter einer Goldschmiedin und eines Radiologen entschieden eine Kunst des Lichts – und zwar eine, die schleichende Gefahren ans Licht bringt. Sonne, Strahlung, Macht sind ihre Themen: der Kalte Krieg, das atomare Waffengeklirre, die langen Schatten des Faschismus. Am überraschendsten ist eine frühe Videoarbeit von 1969, als sie noch neben Knoebel, Palermo und Immendorf in der Düsseldorfer Beuys-Klasse studierte und gegen die dort vorherrschende männliche Pinselkunst die Fotografie als ihr Medium entdeckte. Die Kamera tastet ihren Körper ab, während sie sich in malerisch melodramatischen Todesposen inszeniert. Die Tonspur setzt mit Kraftwerk-Klängen frostige Kontrapunkte.

Es wirkt, als habe Sieverding ihre Karriere (dreimalige documenta-Teilnahme, 1997 deutscher Pavillon bei der Venedig Biennale, Professur an der UdK Berlin) über ihrer eigenen Leiche gestartet. Als habe sie mit Life-Death ein für alle Mal Verletzbarkeit, Passivität, Ohnmacht – zumindest öffentlich – abgehandelt, um sich mit ihren vielen Selbstporträts gehärtet, gestählt und als aseptische Lichtfigur zu inszenieren und mit ihren gesellschaftskritischen Arbeiten einzutreten gegen die Bildermacht der Ideologien, Regime und Konzerne.

Als sie in jungen Jahren attraktiv und androgyn gestylt im Düsseldorfer Nachtleben jobbte, antwortete sie auf die anbandelnde Frage nach ihrem Namen, schon mal mit „Karl“. Noch heute tritt sie, inzwischen mitunter „Katharina die Starke“ genannt, geschminkt, mit streng zurückgenommenen roten Haaren, Sonnenbrille und in kantig schwarzer Klamotte auf. Changierende Geschlechtsidentitäten thematisiert auch ihre legendäre Arbeit TRANSFORMER von 1973/74, bei der sie ihre Gesichtszüge mit denen ihres Lebensgefährten Klaus Mettig verschmolz.

Sie ist in dem Raum der Sammlung Falckenberg, in den man von einem Treppenabsatz hinabguckt und der im Projektorlicht immer etwas von einem Aquarium hat, wundervoll per Vierkanal-Projektion als ungreifbar verschwimmendes Maskenspiel präsentiert. Überhaupt: Ein bisschen ist es, als haben die weitläufigen Räume, in denen sich weniger raumgreifende Arbeiten schon mal verlieren, auf die starken Bildfindungen der undurchdringlichen Durchdringerin gewartet.

Katharina Sieverding: Fotografien, Projektionen, Installationen 2020- 1966, Deichtorhallen Sammlung Falckenberg Harburg, bis 25.7.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2021. Das Magazin ist seit dem 29. April 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Kommentar zur „Diversity Checklist“: Einfältige Vielfalt

Die Hamburger Filmförderung will mit verpflichtenden Fragebögen mehr Diversität in der Branche erreichen. An der Methode gibt es Kritik – zu Recht

Kommentar: Ulrich Thiele

 

Der Türke als Gangster, die Schwarzafrikane­rin als Putzhilfe, und der afro­-deutsche Schauspieler darf höchstens den Sidekick des weißen Hauptkommissars spie­len – die Filmbranche bedient zahlreiche Stereotype, das ist kein Geheimnis. Die Filmförde­rung Hamburg Schleswig-­Hol­stein (FFHSH) führt deswegen eine „Diversity Checklist“ ein. Ab sofort sind Antragstel­ler dazu verpflichtet, in einem Fragebogen Auskunft über die Diversität ihres gesamten Projektes zu geben. Ziel sei es unter anderem, Filmemacher für die kritische Überprüfung von Stereotypen zu sensibilisieren. Dazu gehören drei Bögen für die Kategorien Entwicklung, Pro­duktion und Verleih. Ich beziehe mich an dieser Stelle ausschließ­lich auf die Kategorie Produktion, in der auf die inhaltliche Ebene eingegangen wird.

 

Die Motive sind ehrenwert, die Mittel sind es nicht

 

„Mehr Vielfalt filmen und Geschichten erzählen, die sonst ungehört bleiben: Wir wollen unsere vielfältige, multikultu­relle Gesellschaft modern und in all ihren Facetten auf der Lein­wand sehen“, verkündet Ge­schäftsführer Helge Albers. In dem Fragebogen heißt es: „Wir denken, dass die Filmbranche Vorbild sein kann, um Vorur­teile gegenüber marginalisier­ten Gruppen in unserer Gesell­schaft abzubauen und ein selbst­verständliches Miteinander zu befördern.“

Die Motive sind ehrenwert, die Mittel sind es nicht. Meine Kritik ist nicht neu, und Albers hat sie offenbar bereits erwartet und versucht, sie zu entkräften. Natürlich werde es auch Filme ohne diversen Cast geben: Zum Beispiel bei historischen Stoffen. „Diversität zu fördern, bedeutet nicht, Kreativen strenge Vorga­ben zu machen“, sagte er im Interview mit der Zeit.

Das ist ein durchschaubares Manöver. Zu behaupten, nicht pädagogisch eingreifen, kei­ne Vorgaben machen, keinen Druck ausüben zu wollen – aber genau dies zu tun. Zumindest unterschwellig. Die Checkliste erinnert in ihrer Methodik an Eltern, die ihre Kinder vorder­gründig ohne strenge Regeln erziehen, sie dafür aber umso subtiler mit den Mitteln des schlechten Gewissens auf Li­nie bringen. Denn der Unter­ton wird seine Wirkung nicht verfehlen – die berühmte Schere im Kopf. Und der besagt klar: Filme mit simpler „Vielfalt ist gut“­-Message sind uns genehm, wenn du davon abweichen willst, dann kannst du das tun, aber rechtfertige dich gefälligst! Man unterschätze nicht die psychologische Wirkung, die in der Einführung einer Rechtfer­tigungsforderung liegt.

 

Kunstfreiheit?

 

Natürlich wird es ab sofort nicht ausschließlich „politisch korrekte“ Filme geben, natür­lich wird es auch ästhetisch radikale Filmkunst aus verschie­densten Perspektiven geben, die über Eindeutigkeiten und Mini­malkonsens hinausgehen. Doch diese Kunst wird es nicht we­gen, sondern trotz der Check­liste geben.

Dass die FFHSH die Wir­kung erzielen könnte, die Kunst­freiheit einzuschränken, hat sie sogar schon eingeräumt. Die Pressesprecherin der Filmför­derung wird in einem Artikel auf jetzt.de in Bezug auf die „Propaganda“­-Kritik folgendermaßen zitiert: „Wir starten damit jetzt erst mal. Nach spätestens einem Jahr werden wir die Ergebnisse evaluieren.“ Weiter heißt es im Artikel: „Dann solle sich zeigen, inwiefern sich die Diver­sity Checklist auf die Entschei­dung der zuständigen Gremien und womöglich negativ auf die Kunstfreiheit auswirke.“

Kurz: Man nimmt die mögliche Einschneidung der Kunstfreiheit bewusst in Kauf. Was treibt die FFHSH dazu? Vorauseilender Gehorsam? Oder die Angst, im Kampf um die Deutungshoheit Boden an die Rechtspopulisten zu verlieren? Langfristig scha­det die Instrumentalisierung der Kunst der offenen Gesell­schaft. Denn diese lebt auch von radikaler Kunst, die Narrenfrei­heit genießt, die ambivalent ist, die Möglichkeiten auslotet, die verstört und Gewohnheiten und Gewissheiten in Frage stellt.

Man kann es ganz einfach zusammenfassen: Stereotype durch Vielschichtigkeit bre­chen, unterschiedliche Perspektiven aus verschiedensten Mili­eus zeigen, weiße Machtstruk­turen hinterfragen – ja, all das ist wichtig und bereichert die Kunst. Und gesellschaftliche Debatten treiben dies bereits voran. Dafür braucht es keine staatlichen Vorgaben, die sich „Vielfalt“ auf die Fahne schrei­ben, aber gewollt oder unge­wollt darauf zielen, Filme weltanschaulich auf Linie zu brin­gen.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Kommentar zur Maskenpflicht: Trügerisches Sicherheitsgefühl

Ab heute (27. April) gilt in Hamburg die Maskenpflicht: Im Einzelhandel und im öffentlichen Nahverkehr muss ein Mund-Nasen-Schutz getragen werden. Unser Autor Basti Müller schreibt über das Pro und Kontra der Maßnahme.

Text: Basti Müller

 

Ich sitze in der Bahn und schaue in mein Tagebuch. Mein Atem wird von meinem Schal geblockt, er steigt empor und beschlägt meine Brille. Eine „richtige“ Maske habe ich noch nicht, so fühle ich mich ein bisschen wie ein Verbrecher. Ich habe Angst – nicht vor dem Coronavirus – sondern davor, dass der Schal herunterrutscht und mich die Sicherheitsleute ansprechen.

Maskenpflicht – das ist ja schön und gut. Es gilt, Mitmenschen durch das Tragen der Maske zu schützen, die Ansteckungsrate zu minimieren und somit das Gesundheitssystem zu entlasten. Eine wichtige Aufgabe, zu der man nun mehr oder weniger gezwungen wird. Das ist zu verkraften, der Chefarzt der Stadt, Peter Tschentscher, hat das schließlich angeordnet. Auch zumal der Hamburger Justizsenator, Till Steffen, ankündigte, (noch) keine Bußgelder auszusprechen. Wer dagegen verstoße, dürfe – einfach gesagt – nicht mitfahren oder einkaufen.

Das finde ich fair, weil ich auf die öffentlichen Verkehrsmittel und Lebensmittel angewiesen bin und die gleiche von mir an den Tag gelegte Rücksicht auch von meinen Mitbürgern verlange. Die Maske ist also weit mehr als ein einfacher Mund-Nasen-Schutz, sie wird auch zum Hilfswerkzeug, die die Bürger sensibilisiert, die verdammte Kurve abzuflachen. Wie paradox: Die Bahnfahrt ist nun trister als je zuvor, die Masken schaffen trotzdem eine Art „Wir-Gefühl“.

 

Schutzmasken schaffen ein trügerisches Gefühl der Sicherheit

 

Nach der Maskenpflicht sollte aber Schluss sein mit der Einschränkung der „allgemeinen Handlungsfreiheit“. Der Ellenbogen-Handschlag ist mittlerweile zur Standardbegrüßung mutiert, verständlich. Dass ich mit meinen Mitbewohnern nicht im Park sitzen kann, ohne von einer Streife nach dem Ausweis gefragt zu werden, nervt. Dass ich mir jetzt eine Maske für den öffentlichen Nahverkehr besorgen muss, hätte von den Verantwortlichen besser umgesetzt werden müssen. Zumal der Zeitpunkt, eine Woche nach Öffnung der kleineren Geschäfte, für mich widersprüchlich ist. Experten warnen sogar, dass Schutzmasken den sozialen Kontakt verharmlosen, sie somit ein trügerisches Sicherheitsgefühl erschaffen. Sollte das Social Distancing stark vernachlässigt werden, bringt eine Maske recht wenig.

Hinzu kommt, dass die Preise zu steigen scheinen. Unterdessen versuchen einige Bürger an einen hochwertigen Mund-Nasen-Schutz zu gelangen, die womöglich an anderen Orten mehr gebraucht werden. Effizienter Schutz wird somit auch irgendwie zum Privileg der Besserverdienenden. Obdachlose mit Schutzmasken habe ich jedenfalls noch nicht gesehen. Masken auf der Straße liegend aber schon. Die durch die Ansammlung der Erreger im Stoff übrigens zum Viren-Hotspot werden können. Da wären wir wieder in der Wegwerfgesellschaft, die wir alle so schrecklich vermisst haben.

 

Die Maskenpflicht polarisiert

 

Fazit: Naiv betrachtet ist jede Maske besser als gar kein Schutz. Ich passe mich den Vorschriften an, nicht, weil ich es besser wüsste, sondern weil ich es für richtig halte. Menschenleben zu schützen, und die damit einhergehende Dauer der Maßnahmen entgegen zu wirken, ist Priorität – um schnellstmöglich zum Friseur, eh, ich meine zur Normalität zurückzukehren.

Klar ist, dass die Maskenpflicht polarisiert. Ob unsere Grundrechte dadurch massiv eingeschränkt werden, sei aber dahingestellt. Rechtlich gesehen ist sie als „notwendige Schutzmaßnahme“ schon seit 2001 im Infektionsschutzgesetz geregelt. Übrigens: Meine Eltern, Kinder der DDR, wissen was „wahre“ Einschränkung bedeutet – nicht zu wissen, wem du deine Gedanken anvertrauen kannst, für Kritik am System möglicherweise in den Knast zu kommen oder bei Verlassen des Landes mit Schüssen zu rechnen.

Ich schneidere mir eine Atemmaske einfach selbst. Dann hat sich das auch mit der Angst und den beschlagenen Brillengläsern. Ich kann sie wiederverwenden und ganz nach meinem Geschmack gestalten. FCK CRN werde ich auf meine schreiben.


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SoHo Chicken: Urban Chic und „flame grilled chicken“

Das Restaurant SoHo Chicken in Hoheluft hat unsere Testesser überzeugt: mit schnellem Service – und leckerem Hühnchen natürlich

Im SoHo Chicken wird auf angenehme Art und Weise nichts dem Zufall überlassen. Und das hat einen guten Grund: Betreiber Dirk Block hat nicht nur die Gene für gute Systemgastronomie von seinem Vater Eugen Block, Betreiber der gleichnamigen Steakhäuser, geerbt, sondern auch das Besteck mit dem Holzgriff. Hier an der Ecke Eppendorf/Hoheluft ist der gefiederte Zweibeiner der Hauptdarsteller. Das zeigt sich schon beim Gruß aus der Küche, dem Chicken Tea – auf Deutsch eine schmackhafte Hühnerbrühe mit Karottenstiften.

Der Service ist schnell und den vielen Gästen im komplett gefüllten Restaurant sehr zugewandt. Minimalen Punktabzug gibt es für das Lichtkonzept, denn an einigen Plätzen ist kaum zu sehen, was sich gerade auf dem Teller befindet. Das, was uns vorneweg, mittendrin und hinterher serviert wird, überzeugt.

 

Ein stylischer Laden mit leckerem Huhn

 

Drei Avocado-Crostini (5,20 Euro) sind mit knuspriger Hühnerhaut garniert und der Tomaten-Avocado-Salat (5,90 Euro) frisch und gut gewürzt. Als Hauptgang wählt Papa ein Pale Ale zum halben Hahn vom Holzbrett (10,50 Euro), der in drei „Flavours“ zu bekommen ist. Das Hühnchen ist saftig und auf den Punkt überm Feuer gegrillt. Dazu ein bis zwei Schälchen aus der üppigen Beilagenauswahl (3–3,70 Euro) und ein großer Kerl wird gut satt.

Das Kind futtert knusprige Unterkeule mit Pommes (4,95 Euro) und schlürft an der hausgemachten Orangen-Ingwer-Limo (4,40 Euro), während Mama das knackfrische und aromatische Chili con Chicken (9,90 Euro) und die ebenfalls hausgemachte Limone-Minze-Limo genießt. Ein stylisher Laden mit leckerem Huhn zu fairen Preisen und mit schnellem Service.

/ KB / Foto: Anna Lena Ehlers

SoHo Chicken: Eppendorfer Weg 204 (Hoheluft)


Ab dem 3.4.2019 im Handel: Der neue SZENE Hamburg GastroguideDer Gastro-Guide SZENE HAMBURG ESSEN+TRINKEN ist seit April 2019 für 9,90 Euro im Handel und zeitlos im Online-Shop erhältlich!


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Rindchen schlemmt – im Freudenhaus St. Pauli

Freudenhaus St. Pauli: wenn Hausmannskost, dann hier, findet unser Kolumnist.

Bisweilen, in meinem Falle muss ich allerdings einräumen recht selten, gelüstet es mich in dieser Stadt mit ihrer faszinierenden kulinarischen Internationalität und Vielfalt nach urdeutschen Genüssen. Behenden Schrittes steuere ich dann gern die Qualitätsgaststätte „Freudenhaus“ an, welch selbige von ihrem bezaubernden Betreiber Matthias Storm nunmehr schon seit über zwei Dezennien souverän durch die wechselnden Zeitläufte gesteuert wird.

Inmitten des tobenden Kiezlebens und auch auf Schusters Rappen nur ein Minütchen vom Spielbudenplatz entfernt sitzt man hier auf gemütlichen, rot gepolsterten Bänken und verzehrt behaglich vorzüglich zubereitete Hausmannskost, vorwiegend aus Produkten stolzer Landwirte der näheren Umgebung. Mit dem Thema „Vorspeisen und Salate“ setzen wir uns hier nicht auseinander, denn die Größe der Hauptgerichte ist magen- und abendfüllend und auf verdiente Werktätige beispielsweise aus dem Gerüstbauwesen oder dem Schmiedehandwerk ausgelegt.

Aromensatte Rindsrouladen, Rostbraten und Kalbsschnitzel

Mein Leibgericht sind die ungemein aromensatten, sehr zarten Rindsrouladen „Lilo Wanders“ mit Speck und Gurken gefüllt, leckerster Sauce und hinreißenden Speck-Petersilienklößen (19,50 Euro). Ich rate zur Steigerung des Genusses jedoch dringlichst dazu, im Zuge der aufpreisfrei offerierten Beilagenänderung den eigentlich ausgelobten Rotkohl durch die frisch gemachten, knackigen Speckbohnen zu ersetzen, die hauptberuflich dem ebenfalls vorzüglichen Zwiebelrostbraten mit Portwein-Rosmarinsauce und Butterspätzle beiwohnen (24,50 Euro). Das Kalbsschnitzel „Kalle“ besticht mit seiner schieren Größe von 300 Gramm, unterfangen von guten Bratkartoffeln und sehr leckeren, knackfrischen Blattsalaten, verfügte aber beim letzten Besuch über eine etwas introvertiert gewürzte Panade.*

Das Thema „Desserts“ umschiffen wir aus den nämlichen Gründen wie die Vorspeisen und widmen uns spornstreichs der ausschließlich mit deutschen Gewächsen bestückten, sehr erfreulichen Weinkarte. Schon der ausgezeichnete trockene Hausriesling, 2017 St. Paulianer Freudenschlüpfer, ist eine veritable Erzeugerabfüllung aus dem Oeuvre des Mosellaner Kultwinzers Ernie Loosen und schlägt mit äußerst fairen 21,50 Euro zu Buche (0,2-Glas 7,50 Euro, aber die Flasche ist schnell leer). Für 32 Euro gibt’s den fulminanten, diamantenklaren 2016er Riesling „Mineral“ von Emrich-Schönleber und für 41,50 Euro ein veritables Großes Gewächs, den 2015 Winkeler Jesuitengarten von Wegeler. Ein Wein, der im Handel auch schon 29 Euro kostet – das ist echt okay. Namedropper können sich in der roten Abteilung für 32,50 Euro (Schoppen 10,50 Euro) am „Black Print“ von Markus Schneider delektieren.

So findet hier ein jeder etwas, und einem lustvollen Abend der etwas anderen Art im Auge des Kiezorkans steht nichts mehr im Wege.

* Was will uns der Künstler damit sagen? Nun, kleiner Tipp: Was fängt mit „f“ an und reimt sich auf „Panade“?

Text: Gerd Rindchen

Freudenhaus Restaurant und Bar: Hein-Hoyer- Straße 7-9 (St. Pauli), www.stpauli-freudenhaus.de



Gerd Rindchen im Rindchen's Weinkontor. Foto:

Gerd Rindchen im Rindchen’s Weinkontor.

Gerd Rindchen ist Gründer von Rindchen’s Weinkontor. Seit 25 Jahren verkostet er Weine nach dem Prinzip „Bestes Preis-Genuss-Verhältnis“. In der SZENE HAMBURG wendet er dieses Prinzip jeden Monat auch auf die Küchen dieser Stadt an.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2018. Das Magazin ist seit dem 29. September 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich!


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Scharfe Schüsse in der Nordheide

Rechtsruck! Die aktuelle Ausstellung „Schwarzarbeit in Jesteburg“ ist ein Lehrstück über den Einfluss von Medien auf die öffentliche Wahrnehmung von Kunst. Isa Maschewski, künstlerische Leiterin des Jesteburger Kunstvereins, erklärt, wie sie zum Feindbild von Populisten wurde.

SZENE HAMBURG: Jesteburg ist ein beschaulicher Ort am Nordrand der Lüneburger Heide. Im letzten Sommer aber wurde bei Ihnen scharf geschossen.

Isa Maschewski: Es ging um ein von der Gemeinde initiiertes Projekt, das ich kuratiert habe: Teil davon ist ein großes, auf die Straße gemaltes Bild der Künstlerin Monika Michalko. Bei seiner Entstehung haben zwei Geflüchtete geholfen. Anfangs wollten wir sie honorieren, da wir davon ausgingen, dass sie eine Arbeitserlaubnis hatten. Das war aber ein sprachliches Missverständnis, deshalb sagten wir: Okay, dann machen wir euch als Dank den Kühlschrank voll. Ein Redakteur vom Nordheide Wochenblatt aber schäumte und titelte „Steuergeld für Schwarzarbeit?“. Daraufhin bekamen wir Briefe, die rassistisch argumentierten und mit Verbrennen und Vergiften drohten.

Hatten Sie denn wirklich etwas falsch gemacht?

Nein, denn es ist kein Geld geflossen. Die Geflüchteten aber bekamen trotzdem Probleme. Sie mussten ihre Konten offenlegen, sie bekamen Angst. Als ich den Redakteur anrief, um zu verhindern, dass er mit dem Artikel zwei Unschuldige trifft, nutzte das nichts. Es war ihm wichtiger, mich zu diskreditieren.

Die Kritik richtete sich eigentlich gegen Sie und das Kunsthaus?

Kunstvereine auf dem Land müssen stark um Akzeptanz kämpfen. Wir haben fantastische Besucherzahlen und rund 350 Mitglieder, was für einen Ort mit knapp 8.000 Einwohnern großartig ist. Das Nordheide Wochenblatt aber ist prinzipiell dagegen, Kunst aus öffentlichen Geldern zu finanzieren, und speziell dagegen, dass ich als Kuratorin Gehalt bekomme. Es vertritt ähnliche Positionen wie eine örtliche Wählergemeinschaft. Letztere will, dass Jesteburg Kulturmittel nur für Projekte der Brauchtumsförderung und Heimatpflege ausgibt.

Daniel Hopp: Schwarzarbeit in Jesteburg. Foto: Kunstverein Jesteburg

Wie kam es zu der Ausstellung, die im Kunsthaus jetzt diese kunstfeindlichen Tendenzen thematisiert?

Ich schätze die Arbeiten von Daniel Hopp schon lange und wollte ihn unbedingt irgendwann ausstellen. Aus diesem Grund hat er sich mit Jesteburg beschäftigt, ist auf den „Schwarzarbeit“-Artikel gestoßen und hat entschieden, ihn zum Gegenstand einer Arbeit zu machen.

Was hat er genau gemacht?

Hopp arbeitet filmisch und performativ. Er beschäftigt sich auch damit, wie junge Menschen mit Medien umgehen, und damit, wie dies wahrgenommen wird. Jetzt hat er für den YouTuber Multi Wolf gewissermaßen eine Bühne geschaffen. Er hat ihn mit einem Team aus HFBK-Studenten und Jesteburger Jugendlichen Interviews mit den Protagonisten der hiesigen Kulturpolitik machen lassen – mit Fragen, die aus dem Wochenblatt-Artikel entstanden sind. Diese Gespräche laufen jetzt auf sechs Monitoren im Kunsthaus.

Sie verstehen Hopps Arbeit als ein performatives Projekt. Warum?

Sie umfasst die Videos, deren Entstehung und die Performance bei der Eröffnung – sogar dass die Jugendlichen für die Ausstellung Plakate geklebt und 5.000 Flyer verteilt haben. Einer der Jugendlichen, Ronny Manjang, hat alle Aktionen dokumentiert und bespielt den Instagram-Account des Projekts „Schwarzarbeit in Jesteburg“.

Die Ausstellung macht deutlich, wie schnell Dinge, zu denen man spontan keinen Zugang hat, zum Feindbild werden.

Mit dem Projekt haben Sie sich Stimmen von Befürwortern, aber auch von Kritikern ins Haus geholt. Warum?

Ja, in einigen Interviews werde ich harsch beschimpft. Aber ich ahne jetzt, warum. Ich wusste ja nicht, dass einige Leute denken, ich würde in Berlin leben und einfach meinen Berliner Freundeskreis ausstellen. Eigentlich aber geht es um meine Position als Projektionsfläche. Die Ausstellung macht deutlich, wie schnell Dinge, zu denen man spontan keinen Zugang hat, zum Feindbild werden. Wir hoffen, dass wir so Dialoge anstoßen, die allen Seiten nutzen. In einem Kunstverein auf dem Land operiert man jenseits einer „Anästhesie des Konsens’“, die den Kunstbetrieb in Metropolen oft abpuffert.

Schöner Begriff!

Leider nicht von mir, sondern von Peter Sloterdijk, den ich sonst nicht so gern zitiere. Diesen Konsens gibt es hier nicht. Hier wird Kunst auf eine harte Probe gestellt. Angesichts des aktuellen Rechtsrucks, der auch künstlerische Arbeit diffamiert, muss man die Vorurteile kennen. Nur so kann man sie entkräften.

Interview: Karin Schulze

Schwarzarbeit in Jesteburg, Kunsthaus Jesteburg (Niedersachsen), voraussichtlich bis 21.1.

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Dezember 2017. Das Magazin ist seit 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!