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Saskia: „Der Weg dorthin war richtig kacke“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Für SZENEzeigen fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Saskia begegnet

Protokoll: Katharina Stertzenbach

 

„Ich bin Saskia und ich bin nicht-binär*. Ich lebe queer und polyamor. Das heißt ich definiere mich weder als weiblich noch als männlich und führe zu mehreren Personen zugleich eine Liebesbeziehung.

Viele denken, dass queere Menschen im Jahr 2022 in Deutschland ein gleichberechtigtes, sicheres Leben führen. Das ist aber nicht der Fall. Und es ist auch egal ob du auf dem Dorf lebst oder in einer Großstadt. Wenn ich mit einer Person, mit der ich eine Beziehung führe und die weiblich gelesen wird, auf der Straße Händchen halte, dann werden wir angestarrt, es wird getuschelt und wir werden auch körperlich angegriffen.

Wir achten fast immer darauf, in welchem Viertel wir gerade sind und überlegen uns zwei Mal, ob wir dort Händchen halten oder uns in der Öffentlichkeit küssen. Wenn ich mit einem männlich gelesenen Partner rausgehe, passiert das alles nicht. Wir müssen uns keine Sorgen machen, weil wir der Norm entsprechen. Ich glaube die wenigsten Hetero-Pärchen haben sich jemals gefragt, ob sie die Hand ihres:r Partner:in nehmen können. Sie müssen sich eigentlich nie Sorgen macht, angegriffen zu werden – egal ob verbal oder körperlich.

„Als normative cis Hetero Frau wäre es leichter“

Ja, es gibt immer mehr Menschen, die sich als queer identifizieren und das auch öffentlich machen. Das liegt aber auch daran, dass wir immer mehr Repräsentation haben und in den sozialen Medien immer sichtbarere sind. Dadurch wächst der Mut der Leute, zu sich zu stehen und ihre Queerness öffentlich zu machen. Mir wurde 27 Jahre gesagt, ich sei nicht queer. Doch ich weiß es, seitdem ich elf bin. Trotzdem hat es 15 Jahre lange gebraucht, bis ich damit offen umgegangen bin. Der Grund? Ich war einfach unsicher.

Erklärt mir bitte, wieso es historisch und gesellschaftlich cool ist, queer zu sein?! Es ist ein sehr anstrengendes Leben. Ich hätte ein leichteres Leben, einen leichteren Alltag, wenn ich einfach eine normative cis Hetero Frau wäre.

„Wir brauchen Verbündete“

Nicht, dass das falsch verstanden wird: Queer sein ist Joy. Ich bin jetzt an einem Punkt in meinem Leben, wo ich super proud darauf bin. Aber der Weg dorthin war richtig kacke. Der Familie zu sagen, dass man queer ist, macht kein Kind oder Jugendlicher, weil es cool ist. Gegen den Strom der Mehrheitsgesellschaft zu schwimmen ist fucking schwer. Das Anstrengendste ist, dass es queere Menschen selbst sind, die die anderen Menschen aufklären müssen.

Dass, was wir brauchen sind Verbündete. Alle kennen das Bild, wenn eine Frau an einer Gruppe von Männern vorbeigeht und die pfeifen hinterher – in solchen Momenten ist es viel wirksamer, wenn einer der Männer sagt ‚Ey, das geht gar nicht. Hört auf damit!‘. Denn die Frau geht als Einzelperson in den seltensten Fällen zurück und sagt etwas. Genau dieser Mann, der etwas sagt, dass sind Menschen die wir als Verbündete brauchen. Verbündete, die nicht queer sind, die in Situationen, wo sie etwas mitbekommen, etwas sagen und dagegenhalten.“


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Das Thema Tod: Eine Annäherung

Die Kulturreihe „Mitten im Leben… innehalten“ bringt die Vielfalt der Themen Leben und Tod vom 15. September bis zum 22. Oktober seinen Besucher:innen näher. Es ist der Abschluss der Reihe „Mitten im Leben…“ von Hamburger Leuchtfeuer 

Text: Katharina Stertzenbach

 

Seit 2019 thematisiert die Kulturreihe „Mitten im Leben…“ die Themen Leben und Tod. Mit dem multimedialen Projekt „Mitten im Leben… innehalten“ geht sie vom 15. September bis zum 22. Oktober 2022 in ihre letzte Runde. Das Projekt von Hamburger Leuchtfeuer in Kooperation mit der Körber-Stiftung richtet sich dabei an alle, die sich mit den Themen Leben und Tod auseinandersetzen oder sich diesen annähern wollen.

Eine Ausstellung in der ganzen Stadt

„Mitten im Leben … innehalten“ kann dabei in der ganzen Stadt besucht werden. So sind an den verschiedensten Orten wie der Fabrik in Altona, an der Außenalster, dem Hamburg Leuchtfeuer Lotsenhaus, am Elbstrand und im Schmidt-Theater Ausstellungsstationen installiert. Hier finden die Besucher:innen mittels QR-Code verschiedenste Beiträge in Form von Podcasts, Hörbüchern, Film- und Kunstprojekten oder Interviews. Die genauen Standorte der Ausstellungsstationen sind online zu finden

Viele bekannte Gesichter

Mit dabei sind Beiträge von der Journalistin und Trauerrednerin Louise Brown, dem Musiker Ingo Pohlmann, der Sterbebegleiterin und Autorin Johanna Klug, dem Dramaturg und Regisseur Stefan Weiller sowie Dr. Birigit Kölle, der Kuratorin der Hamburger Kunsthalle.

„Mit dem Projekt möchten wir Menschen einladen in der Bewegtheit des Alltags einen Moment innezuhalten und sich bewusst zu werden, dass die Beschäftigung mit der Endlichkeit eine Bereicherung für uns alle ist“, sagt Peggy Steinhauser, Leiterin des Hamburger Leuchtfeuer Lotsenhaus.

„Mitten im Leben… innehalten“ vom 15 September bis 22. Oktober an verschiedenen Standorten 


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Gastarbeiter: Wir sind von hier

In der Ausstellung „Wir sind von hier. Türkisch-deutsches Leben 1990 Fotografien von Ergun Çağatay“ wird das Leben türkischer „Gastarbeiter“ greifbar und lebensnah porträtiert

Text: Marco Arellano Gomes

Diese Chance ließ sich auch Bundespräsident Frank Walter Steinmeier nicht entgehen. Ende September 2021 besuchte er die Fotoausstellung „Wir sind von hier. Türkischdeutsches Leben 1990“ im Ruhrmuseum in Essen, die zum Anlass des 60-jährigen Jubiläums des Abschlusses des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens ins Leben gerufen wurde. Seit den 1950er-Jahren schloss die Bundesrepublik mit mehreren Ländern – darunter Italien, Spanien, Griechenland und Portugal Anwerbeabkommen ab, um den Mangel an Arbeitskräften im Wirtschaftswunderland auszugleichen. Viele der „Gäste“ blieben und wurden Teil der Gesellschaft.

Beeindruckendes Panorama

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Zwei Bergleute kurz vor Schichtende im Bergwerk in Walsum, Duisburg (Foto: Ergun Cagatay)

Vom 4. Februar bis zum 6. Juni wird diese außergewöhnliche Fotoausstellung nun auch im Museum für Hamburgische Geschichte zu sehen sein. Sie zeigt Fotos des renommierten Istanbuler Fotografen Ergun Çağatay (1937–2018). Çağatay hatte 1990 sechs Wochen lang die Städte Hamburg, Köln, Werl, Berlin und Duisburg besucht, um die türkischen Gastarbeiter der ersten und zweiten Generation abzulichten. Etwa 3500 Fotos sind entstanden. 120 sind in der Ausstellung zu sehen. Sie zeigen das Alltagsleben der aus der Türkei stammenden Frauen und Männer und geben Einblick in Wohnzimmer, Moscheen, Fabriken, Obst- und Lebensmittelgeschäfte sowie in ein Stahlwerk und eine Steinkohlenzeche. „Das Ziel meiner Reise bestand darin, die soziale Integration beziehungsweise Nicht-Integration der zweiten Generation zu zeigen“, zitiert die Ausstellung den vor drei Jahren gestorbenen Fotografen.

Von Blohm+Voss bis zur Moschee in St. Georg

In Hamburg fotografierte Çağatay unter anderem die Schiffswerft Blohm+Voss. Aber auch Fotos auf dem Altonaer Flohmarkt, dem Großmarkt und der Moschee in St. Georg befinden sich in der Sammlung. „Ein beeindruckendes Panorama der türkisch-deutschen Lebenswelt, so Prof. Dr. Hans-Jörg Czech, Direktor und Vorstand der Stiftung Historische Museen Hamburg. Flankiert werden die Bilder von acht Video-Interviews mit Persönlichkeiten, die wichtige Beiträge zum Thema deutsch-türkische Migration geleistet haben. Unter ihnen der Investigativ-Journalist Günter Wallraff, der 1985 seine Erfahrungen als Türke „Ali“ in seinem Buch „Ganz unten“ veröffentlicht hatte.

Die Anerkennung der Lebensleistung von Gastarbeitern

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Selbstbildnis von Ergun Çağatay (Foto: Ergun Cagatay)

Zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm. So sind unter anderem öffentliche (Gruppen-)Führungen, Gespräche, Workshops, Schulführungen, ein Fotografie-Workshop, ein Symposium, ein Podiumsgespräch und eine Schreibwerkstatt geplant. „Durch die Geschichten und Erfahrungen der Menschen bekommt Zuwanderung ein Gesicht, besser gesagt: viele Gesichter“, so Michelle Müntefering (SPD), Staatsministerin im Auswärtigen Amt. Es sind Gesichter von Gästen, die hierzulande zu großen Teilen inzwischen zu Hause sind. „Wir sind von hier“ lautet daher der treffende Titel der Ausstellung. Insbesondere die Texte des 72 Seiten umfassenden Begleitmagazins zeigt auch die Zerrissenheit und den Schmerz, den eine Einwanderung – und sei sie auch nur auf Zeit – mit sich bringt. Die Anerkennung der Lebensleistung von Gastarbeitern hat noch immer Seltenheitswert. Vielleicht vermag diese Ausstellung zum gegenseitigen Verständnis beitragen.

„Wir sind von hier. Türkisch-deutsches Leben 1990 Fotografien von Ergun Çağatay“ im Museum für Hamburgische Geschichte, noch bis zu 6. Juni 2022


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2022. Das Magazin ist seit dem 29. Januar 2022 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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„Eine Abrissbirne ist durch meinen Spielplatz gefahren“

In „Harper Regan“ des britischen Dramatikers Simon Stephens spielt Anika Mauer eine verheiratete Frau, deren Leben aus den Fugen gerät. Es ist die vorerst letzte Rolle der 47-Jährigen, die bereits zweimal zu Berlins beliebtester Schauspielerin gewählt wurde

Interview: Sören Ingwersen

SZENE HAMBURG: Frau Mauer, in „Harper Regan“ spielen Sie eine Frau, die durch den Tod ihres Vaters ihr ganzes bisheriges familiäres und berufliches Dasein infrage stellt. Wieso äußert sich ihre Trauer auf diese existenzielle Weise?

Anika Mauer: Die Handlung beginnt ja schon zwei Jahre früher mit einem Vorfall, den ich nicht verraten möchte. Die Sedimentierung, die infolge dieses Vorfalls einsetzt, bricht sich dann durch den Tod des Vaters Bahn. Das Stück schneidet sozusagen in einen Gemütszustand, der dann aufbricht.

Harper sucht also keinen Trost in der Familie?

Nein, sie nutzt die Chance, Wahrheiten zu erkennen. Wahrheiten haben mit bewegenden Situationen zu tun und sind eine Möglichkeit für Veränderung. Als Unterkategorie tauchen dann die familiären Verquickungen auf, die Liebe und die Frage, wie ich damit umgehe, dass ich niemals genau wissen kann, was ein anderer Mensch denkt? Vielleicht möchte ich es auch gar nicht wissen, weil ich ahne, dass es dort etwas gibt, was ich nicht gutheiße.

Wird Harper durch die Reise zu ihrem Vater, den sie nicht mehr lebendig antrifft, noch einmal mit ihrer Kindheit und Jugend konfrontiert?

Unterschwellig. Es geht in dem Stück darum, dass wir mit Erinnerungen leben, die nicht der Wahrheit entsprechen. Wenn wir rückblickend auf unser Leben schauen, bauen wir uns Erinnerungen zusammen, die wir erträglich und schön finden. Sie spiegeln aber nicht den faktischen Sachverhalt dessen wider, was geschehen ist. Manchmal wird man dann gezwungen, die Dinge neu zu überprüfen, und muss dann damit klarkommen. Das tun die wenigsten Menschen. Wir sind ja eher Selbstbestätiger und Betäubungsmaschinen als Auseinandersetzer.

Ein scheinbar saloppes Well-Made-Play mit Tiefgang

Auf ihrer Reise macht Harper Bekanntschaften, die ungeahnte Folgen haben. Welche Rolle spielen Begegnungen für die eigene Biografie?

Es fängt ja alles mit der Neugier an. Ich kann nur jemandem begegnen, wenn ich ihn anschaue, wenn ich ihm Fragen stelle und auch Antworten hören möchte. Dann ist jede Begegnung wichtig, und es gibt Momente im Leben, in denen man denkt: Den habe ich doch jetzt nicht ohne Grund getroffen. Das kann ich aus dem Stück in mein eigenes Leben zurück spiegeln. Da sind wir dann schnell bei so großen Worten wie Fügung und Schicksal.

Hört sich an wie ein echtes Seelendrama.

„Harper Regan“ ist ein scheinbar saloppes Well-Made-Play und hat trotzdem Tiefgang. Warum sollte sich das ausschließen? Man kann sich darauf einlassen oder es ablehnen. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Es ist aber für mich schon ein Qualitätsmerkmal, wenn Zuschauer realisieren, dass sie diese Entscheidung treffen müssen.

Es erfordert Mut, sich vom Leben führen zu lassen

Bei „Sophie“, dem vorherigen Stück, das Regisseur Antoine Uitehaag mit Ihnen realisiert hat – Sie erhielten für die herausragende Darstellung der Titelfigur 2019 den „Hamburger Theaterpreis – Rolf Mares“ –, stand man ja auch vor der Wahl, ob man sich auf eine Selbstbespiegelung einlässt.

Genau. Man musste sich entscheiden, der Reise durch Sophies gesamtes Leben zu folgen oder eben nicht. Erst wenn ich mich darauf einlasse und es aushalte, entsteht für mich ein Theatererlebnis, das mich bewegt.

Ich möchte noch einmal auf die Begegnungen zurückkommen. Wir glauben oft, unser Leben selbstbestimmt zu führen und durch bewusste Entscheidungen zu lenken. Ist das eine Illusion?

Da halte ich es mit Brecht: „Ja, mach nur einen Plan! Sei nur ein großes Licht! Und mach dann noch ’nen zweiten Plan. Gehn tun sie beide nicht.“ Sich darauf zu verlassen, dass das Leben einen führen wird, ist die spannendere Variante. Wer genug Mut hat, sollte es so machen. Da sind Sätze wie „Schließt sich eine Tür, öffnet sich die nächste“ einfach wahr. Es ist schlimm, an etwas festzuhalten, was dich schon längst verlassen hat.

„Es geht allen um die Sache“

Die Musiker Jaap de Weijer und Martin Vonk sowie Bühnenbildner Tom Schenk gehörten ja auch schon bei „Sophie“ mit zum Team.

Es entsteht wieder ein Gesamtkunstwerk. Wir werden mindestens eine Woche damit zubringen, die Technik in das Stück einfließen zu lassen. Ich habe bisher nur die Computerbilder gesehen, aber freue mich jetzt schon wie ein Kind darauf. Was Tom angekündigt hat, finde ich grandios.

Fühlt man sich als Schauspielerin von der Technik – gerade wenn es um aufwendige Projektionen geht – nicht manchmal an den Rand gedrängt?

Tom hat natürlich eine Idee, aber er würde sich niemals in den Vordergrund schieben mit dem, was seine Arbeit betrifft. Das gilt für das ganze Ensemble. Hier gibt es keine Eitelkeit und niemand möchte hervorstechen, weil es allen nur um die Sache geht. Und Antoine ist der einzige Regisseur, den ich kenne, der Schauspieler wirklich aushalten kann. Der guckt und wartet, was kommt, um damit zu arbeiten. Das ist wirklich kostbar, ein Diadem, was ich mir in die Schmuckschatulle legen könnte – wenn ich eine hätte.

„Ich kenne viele Kollegen, denen es sehr schlecht geht“

Wie viele Stücke haben Sie mit Antoine Uitehaag zusammen realisiert?

Ich glaube, fünf oder sechs, aber mir kommt es vor wie zwanzig. Er ist mein absoluter Lieblingsregisseur, ein Mensch, mit dem ich während der Arbeit nicht viel reden muss. Das passiert einem nur ein oder zwei Mal im Leben. „Harper Regan“ ist mein vorläufig letztes Theaterstück, weil ich mich von der Bühne zurückziehe. Dass ich das mit Antoine mache, hat seinen Grund.

Sie kehren der Bühne den Rücken? Wegen Corona?

Ja.

Ist es nicht eine harte Entscheidung, einen Beruf, den man aus Leidenschaft gewählt hat, aufzugeben?

Vor fast zwei Jahren ist eine Abrissbirne durch meinen Spielplatz gefahren, und ich finde keine Energie, ihn wieder aufzubauen. Jetzt habe ich mich anderweitig orientiert und bin damit sehr zufrieden. Dieser erzwungene Perspektivwechsel war nach fast dreißig Jahren vielleicht auch wichtig. Ich kenne viele Kollegen, denen es sehr schlecht geht.

„Das Theatersterben haben wir noch vor uns“

Es hat sich eine andere Tür geöffnet?

Ja. Zum Glück.

Möchten Sie sagen, welche?

Mich hat eine gute Freundin angerufen, die für die UFA arbeitet. Dadurch habe ich einen Beruf gefunden, in dem ich alle meine Fähigkeiten einbringen kann, meine Führungsqualitäten und meine Lehrtätigkeit. Ich habe ja auch an der Schauspielschule unterrichtet.

Wie schätzen Sie den Schaden der Kultur durch Corona ein?

Für mich sind viele Dinge passiert, die ich vorher nie infrage gestellt hatte. Zum Beispiel, dass das Theater nicht zum Bildungskanon gehören soll. Nur die Museen hatten das für ihre Institutionen durchgesetzt. Da hätten sofort alle mitziehen müssen, denn jede künstlerische Einrichtung ist Teil des Bildungskanons. Die Bildung des Geistes bedarf aber einer gewissen Anstrengung, und auch durch Corona hat eine allgemeine Trägheit zugenommen. Man ist inzwischen eher den Sessel zu Hause gewohnt, als sich selbst zu motivieren. Deshalb haben wir das Theatersterben noch vor uns.

„Harper Regan“, noch bis zum 20. Februar 2022 im Ernst Deutsch Theater


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2022. Das Magazin ist seit dem 29. Januar 2022 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Meisun: „Entweder das eine oder das andere?“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Meisun begegnet.

Protokoll: Kevin Goonewardena

 

„In meinem Leben gab es lange nur Medizin: Mein Vater war Unfallchirurg, ich habe Medizin studiert, einen Facharzt in Anästhesie gemacht und habe schon im Studium im Krankenhaus gejobbt, um mir die Ausbildung zu finanzieren. Irgendwann wurde mir aber klar: Ich will nicht ewig im Krankenhaus sein. Mein Vater ist immer morgens um sechs Uhr aus dem Haus und kam um 22 Uhr wieder. Wir haben ihn kaum gesehen.

Ich habe mich irgendwann nach vielen Jahren auf einer Intensivstation in einem Hamburger Krankenhaus gefragt, wo es eigentlich hingehen soll. Ich hatte mittlerweile einige Kollegen kennengelernt, die nicht mehr Vollzeit im Krankenhaus waren, sondern nebenbei etwas anderes gemacht haben. Das war neu für mich. Bis dahin dachte ich immer, entweder das eine oder das andere. Auch ich habe mich langsam verändert und heute führe ich den Rudolf Beaufays Vintage Store in der Neustadt.

 

Eine große Veränderung

 

Wie ich zu dem Laden gekommen bin? Ich hatte schon immer ein Faible für Mode und Dekoration. Als die Frage nach dem ‚Wohin‘ aufkam, wusste ich, es würde in diese Richtung gehen. Zu der Zeit betreute ich Rudolf, den Besitzer des Ladens medizinisch – außerdem war ich ohnehin schon Stammkundin. Wir kamen mit der Zeit ins Gespräch und daraus wurde eine Freundschaft.

Irgendwann fragte mich Rudolf, ob ich mich nicht mal für ein paar Stündchen in den Laden stellen könnte. Ich dachte, ‚großartig, das machst du‘. Aus diesen paar Stunden wurden ein paar Tage. Ich stand immer mal wieder im Laden, reduzierte die Stunden im Krankenhaus und irgendwann kam Rudolf dann nicht mehr. ‚Kannst du ja allein machen‘, hat er gesagt und ich hatte auf einmal die Schlüssel in der Hand. Mit über 70 Jahren und nach 50 Jahren im Geschäft hatte er einfach keine Lust mehr. ‚Entweder wir fahren den Laden jetzt gemeinsam gegen die Wand – ich war zu dem Zeitpunkt schon Teilhaberin – oder du machst allein weiter‘, hat er gesagt. Dann habe ich den Laden komplett übernommen. Das war 2015. Seitdem hat sich viel verändert, aber im Krankenhaus bin ich bis heute, allerdings nur noch wenige Stunden im Monat.“


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„Sexualität ist eine positive Lebensenergie“

Familienplanung und sexuelle Selbstbestimmung sollten mittlerweile für alle selbstverständlich sein. Warum das nicht so ist und wie es doch noch werden kann, erklären die Frauenbeauftragen der Elbe-Werkstätten Bianca Bicker, Andrea Junginger, Kristine Westermann mit ihren Vertrauenspersonen Chasa Chahine und Margarita Martinez und die Sexualpädagogin Annica Petri vom Familienplanungszentrum HH e. V. (FPZ)

Text & Fotos: Markus Gölzer

 

Man sitzt als besorgte Mutter am Bett seines Kindes auf der Intensivstation. Endlich kommt der Arzt. Seine erste Frage: Wo sind die Eltern? Dann könnte es sein, dass man im Rollstuhl sitzt. Und der Arzt nicht der Erste im Leben war, der einem das klassische Lebensmodell „Mutter“ nicht zugetraut hat. Kinderwunsch von Menschen mit Behinderung ist immer noch ein Tabu. Es gibt ganz schnell den Reflex: Alles darf sein, nur das nicht. Der Wind kommt bei behinderten Menschen mit Kinderwunsch nicht nur von gesellschaftlicher Seite von vorn, sondern auch aus dem persönlichen Umfeld. Vom Frauenarzt, der empfiehlt, doch bitte die Pille zu nehmen, bis hin zu den eigenen Eltern. Kristine Westermann, Frauenbeauftragte Elbe Ost, über ihre Erfahrungen: „Kinder zu bekommen, ist teilweise verpönt gewesen. Man hört ‚Du darfst keine Kinder haben‘ oder ,Das Jugendamt nimmt dir das Kind weg‘. Sogar ‚Du darfst nicht heiraten.‘ Das stimmte alles nicht. Ich habe zwei Kinder mit meinem Ehemann.“

 

Eine Behinderung ist nichts Defizitäres

 

Behinderung wird nach wie vor mit Krankheit verbunden. Es wird davon ausgegangen, dass sich diese Menschen nicht um ihre Kinder kümmern können. Annica Petri: „Behinderung wird von der Mehrheitsgesellschaft oft als etwas Defizitäres verstanden. Das ist falsch: Wie komme ich darauf, dass eine Mutter oder ein Vater im Rollstuhl ihr Kind nicht versorgen können? Da müssen wir über Assistenzgeräte reden und wie man eine Babywippe am Rollie anbringt und so weiter. Warum denken Menschen, dass das nicht möglich ist? Das ist das, was bei Inklusion fehlt: der Blickwechsel.“ Oder wie es Kristine Westermann in einem Statement formuliert: „Es muss noch viel bekannter werden, dass Frauen mit einer Einschränkung auch gute Mütter sein können.“

 

„Wir werden von vornherein schon als Opfer gesehen“

 

Mit oder ohne Kinderwunsch – Frauen mit Behinderung werden öfter benachteiligt, erleben häufiger Diskriminierung. Sie werden schlechter bezahlt und viermal so häufig Opfer sexueller Gewalt.

Bianca Bicker, Frauenbeauftragte Elbe ReTörn: „Viele wissen nicht, was ihre Rechte sind. Das sie Nein sagen dürfen, dass sie nicht alles machen müssen. Die Aufklärung fehlt bei vielen. Anders­rum denken die Menschen, die diese Gewalt ausüben, mit denen kann man’s ja machen.“ Andrea Junginger, Frauenbeauftragte Elbe West: „Wir werden von vornherein schon als Opfer gesehen. Ich selbst hatte da auch schon ein Erlebnis. Ich dachte früher, dein Freund ist auch mein Freund, und da bin ich eines Besseren belehrt worden. Der Punkt ist: Das frisst sich so tief rein, dass man das nicht vergisst. Auch wenn man einen 120-prozentigen Schaden im Kurzzeitgedächtnis hat – das ist eine Sache, die vergisst du dein Leben lang nicht.“

Aufklärungs- und Informationsmaterial im Familienplanungszentrum (FPZ) (Foto: Markus Gölzer)

Aufklärungs- und Informationsmaterial im Familienplanungszentrum (FPZ) (Foto: Markus Gölzer)

 

„Menschen mit Behinderung haben ein Glaubwürdigkeitsproblem“

 

Chasa Chahine ergänzt: „Ich würde noch sagen, Frauen, die mit einer Behinderung aufwachsen, psychisch, geistig, körperlich, sind oft in Institutionen aufgewachsen, hatten viel mit ÄrztInnen zu tun, haben immer so erlebt, dass der Körper allen gehört, haben kein Gefühl für die Grenzen des eigenen Körpers auf psychischer Ebene. Viele Täter denken: Die kann ja froh sein, dass die überhaupt mal ein Mann beachtet und berührt.“ „Menschen mit Behinderung haben ein Glaubwürdigkeitsproblem“, führt Bianca Bicker weiter aus. „Viele denken sich, die weiß ja gar nicht, was das ist, der hat sie vielleicht nur an der Schulter angefasst. Man sollte dem Opfer glauben, aber viele machen es einfach nicht.

Das gibt es auch innerhalb von Einrichtungen. Der Gruppenleiter sagt: Das war doch nur ein Scherz. Die Frau denkt: Nein, das wollte ich jetzt nicht.“ Das macht es Tätern und Täterinnen leicht, ihre Strategien auszuspielen. Annica Petri: „Das Opfer einbinden in die Handlung, Angst machen, bedrohen, Schweigegebot auferlegen. Wenn jemand eine Lernschwierigkeit oder kognitive Behinderung hat, wirken Täter noch viel mächtiger. Und sind es auch. Dann ist es sehr wichtig, wie sensibel das Umfeld reagiert: Wenn ich berichten will als Opfer. Es kommt darauf an: Kann ich sprechen? Was ist, wenn ich gebärde? Wer versteht meine Gebärden? Was ist, wenn ich Autistin bin? Wer versteht meine Zeichen? Da kommt eine Vielfalt an Gründen zusammen, wo wir in allem, auch bei den Behörden, bei der Polizei, Fortbildung brauchen. Wenn jemand kommt und sagt, es ist etwas Schlimmes passiert: Jemand hat mich angefasst. Dass die Leute sensibilisiert sind, auch für verschiedene Behinderungsarten, Material haben wie zum Beispiel Gebärdenvideos.“

 

„Nein heißt Nein“

 

Bianca Bicker: „Barrierefreiheit fängt in den Köpfen an. Wo darf ich hin, was ist erlaubt, darf ich Nein sagen. Dann geht das weiter: Ärzte, Anwälte, Polizei, Beratungsstellen, an wen kann ich mich wenden. Man googelt das im Internet und viele verstehen das gar nicht. Ich habe bei den Elbe-Werkstätten ein Schulungskonzept in Einfacher Sprache entwickelt: ‚Nein heißt Nein: Schutz vor sexualisierter Gewalt am Arbeitsplatz‘. Solche Sachen sind überall wichtig. Nicht nur in Werkstätten und Wohnungseinrichtungen für Menschen mit Beeinträchtigungen, sondern auch außerhalb.“

„Auch ein Mensch mit Lernschwierigkeiten ist ein erwachsener Mensch.“ Andrea Junginger spricht aus ureigener Erfahrung. Ihr wurde als erwachsene Frau auf einer Polizeistation wegen einer anderen Sache ein Polizeiteddy zur Beruhigung gereicht.

 

„Die Sexuelle Selbstbestimmung ist an vielen Punkten eingeschränkt“

 

Annica Petri im FPZ mit Materialien für die sexuelle Bildung (Foto: Markus Gölzer)

Annica Petri im FPZ mit Materialien für die sexuelle Bildung (Foto: Markus Gölzer)

Für Annica Petri ist es in der sexuellen Bildung wichtig, dass Menschen Worte haben für die Genitalien, Zeichen, Gebärden. Manche nutzen einen Talker, einen kleinen Sprachcomputer mit Bildern auf den Tasten oder ganzen Sätzen zur Sprachausgabe. „Wenn auf dem Talker Vulva, Vagina und Penis nicht eingearbeitet sind, und ein Jugendlicher oder eine Jugendliche will berichten, es hat mich jemand an den Genitalien angefasst, wie sollen sie das machen? Das geht dann nicht. Oder wenn das in der Familie sehr schamhaft ist, dann erklär’ ich den Eltern, warum es gut ist, über das Thema zu sprechen. Nur wenn Kinder Worte haben, können sie auch berichten. Wir haben mal einen Jugendlichen in der Jungsgruppe gehabt, der mit Talker kommuniziert hat und der ganz lang was eingetippt hat für meinem Kollegen, und am Ende kam raus: Er wollte, dass ihm jemand Worte für die Genitalien programmiert. Und dass ihm jemand ‚Fuck‘ programmiert. Er meinte: Ich will dazugehören, ich will das so gerne sagen. Die Erwachsenen wollen nicht, dass ich das einprogrammiere.

Das ist ein Minibeispiel, wie sexuelle Selbstbestimmung an vielen Punkten eingeschränkt ist und es niemandem auffällt. Und wenn wir das Thema nicht besprechen, dann können sich die Menschen darin weder fortbilden, noch ihre Lust entdecken. Das ist ein Teil meiner Arbeit in der sexuellen Bildung, zu vermitteln, dass Sexualität eine positive Lebensenergie ist. Dass auch für das Lustvolle ein Raum geschaffen wird. Etwas, was wahnsinnig bereichernd sein kann und wo alle Menschen das Recht haben, rauszufinden: Was ist für mich schön, mit wem will ich das leben, auf welche Art will ich das leben.“

familienplanungszentrum.de; elbe-werkstaetten.de


Information:

Das Familienplanungszentrum HH e. V. ist eine Schwangerenberatungsstelle mit einem breiten Angebotsspektrum rund um Körper, Partnerschaft, Liebe, Sexualität und Kinderwunsch. Die Elbe-Werkstätten bieten 3100 Menschen mit Behinderung einen Arbeitsplatz. Frauenbeauftragte sind gesetzliche Pflicht. Sie sind in den Werkstätten beschäftigt, vertreten die Interessen der dort beschäftigten Frauen gegenüber der Werkstattleitung. Schwerpunkte sind: Vereinbarkeit von Familie und Beschäftigung, Gleichstellung von Frauen und Männern sowie Schutz vor körperlicher, sexueller, psychischer Belästigung und Gewalt.



 VIELFALT LEBEN ist in Zusammenarbeit mit dem Inklusionsbüro Hamburg entstanden und liegt der SZENE HAMBURG aus dem Dezember 2021 bei. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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John: „Manchmal gucke ich aus dem Fenster und sage mir: Du bist im Paradies“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir John begegnet.

Protokoll & Foto: Kevin Goonewardena

 

„Wenn ich jetzt die Menschen mit einem Lächeln auf der Straße sehe, die sich fast wieder normal bewegen können, dann ist das einfach schön. Jeder von uns war von diesem verdammten Ding betroffen und wenn ich Ding sage, meine ich Corona.

Jede:r hat seine eigene Idee, seine Philosophie entwickelt, wie er oder sie mit dieser verdammten Zeit umgeht. Meine war: Locker sein und abwarten. Ich habe nicht erwartet, dass das früher zu Ende geht, das hat mich beschützt. Anfangs glaubte ich noch, dass Corona schnell wieder vorübergehen würde. Nach drei Monaten habe ich mir gesagt: Mach dir keine Illusionen, das wird jetzt länger dauern, also stell dich darauf ein.

Meine Philosophie ist immer: Was ich entscheiden kann, ist kein Problem. Nur was andere für mich entscheiden – entscheiden können oder müssen – dass kann ein Problem sein. Ist das vermeintliche Problem wirklich ein Problem? Das muss man dann analysieren.

 

„Wir sind das Problem, nicht das Leben“

 

Das Leben ist doch schön. Die Menschen haben Probleme, die Menschen machen Probleme, aber das Leben an sich ist schön. Wir sind das Problem, nicht das Leben. Wenn man sagt, das Leben sei schwer, dann denkt man nur an den Menschen und ignoriert die anderen Lebewesen. Alles was atmet, sogar die Bäume, die gehören dazu. Alles was lebt, ist etwas sehr Einzigartiges.

Als Taxifahrer, ich sag dir, da fahre ich manchmal Leute, denen es sehr gut geht und andere, die haben nichts und sind dann auch noch schwer krank. Ich mache auch viele Krankentransporte. Wenn ich von da Geschichten höre, sage ich mir immer: Hey, du kannst noch laufen, du kannst noch klar denken, wo ist dein Problem?! Es geht dir gut. Ich freue mich immer wie ein Dummkopf über das Leben. Manchmal gucke ich aus dem Fenster und sage mir: Du bist im Paradies.“


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Zu Hause: So lebt es sich in Hamburgs Bezirken

In Hamburg leben fast zwei Millionen Menschen auf einer Fläche, die mehr als sieben Mal so groß ist wie die Stadt Paris. Es gibt also viele schöne Bezirke in denen es sich zu leben lohnt, wir stellen sie euch vor

Text: Andreas Daebeler

 

Hamburg kann urban, szenig und laut sein. Aber auch grün, beschaulich und verträumt. Hängt ganz davon ab, welchen der Bezirke man sich zum Wohnort wählt. Sieben gibt es davon. Die Gliederung besteht schon seit 1951. Und in den Bezirken gibt es 104 Stadtteile, die gleichmäßig verteilt sind. Auf der Gesamtfläche der Freien und Hansestadt Hamburg leben und wohnen aktuell rund 1,85 Millionen Menschen. Damit ist die Metropole an der Elbe nach Berlin die zweitgrößte Stadt Deutschlands. Die Grenze zu Niedersachen und Schleswig-Holstein verläuft entlang 755 Quadratkilometern Stadtfläche. Und mitten durch fließt der Strom, der Hamburg so besonders macht

 

Bezirk Altona

 

Hamburg-Blankenese; Foto: iphotoclick/Pixabay

Hamburg-Blankenese; Foto: iphotoclick/Pixabay

Altona kann Altbau, Stuck und dicht geparkte Wohnstraße. Aber Altona kann auch moderne Architektur und autoarm – wie in der Mitte Altona. Der Bezirk, in dem rund 275.000 Menschen auf rund 78 Quadratkilometern leben und zu dem Villenviertel mit Elbblick ebenso gehören wie Hochhäuser in Lurup, bietet fraglos Abwechslung. Auf der Schanze wird gefeiert und gecornert, wenn nicht gerade eine Pandemie das verhindert. Andernorts geht’s eher beschaulich und bodenständig zu. Manchmal sogar ziemlich elitär, wie in Othmarschen.

Der grandiose Blick vom Altonaer Balkon ist nicht nur bei Touristen beliebt. Das Bahnhofsumfeld bietet mit dem Mercado und vielen kleinen Läden alles, was Shopping-Fans lieben. Schicke Bars gibt es ebenso wie urige Spelunken. Grün geht in Altona auch: Etwa im traumhaften Jenischpark mit dem Ernst Barlach Haus oder im Loki-Schmidt-Garten. Nicht zu vergessen das zauberhafte Blankenese mit seinem Treppenviertel. Im Schnitt leben die Menschen im Bezirk auf rund 80 Quadratmetern pro Wohnung, Kinder gibt es nur in jedem fünften Haushalt.

Das Schulterblatt im Schanzenviertel; Foto: Johanna Zobel

Das Schulterblatt im Schanzenviertel; Foto: Johanna Zobel

Urkundlich wurde Altona schon im 16. Jahrhundert erwähnt. Seit 1938 zählt die ehemalige Fischersiedlung zu Hamburg. Zuvor lag sie seit dem Dreißigjährigen Krieg unter dänischer Verwaltung. Fläche und Verlauf entsprechend weitestgehend dem Zustand kurz vor der Eingliederung in die Hansestadt. Seit den 1920er-Jahren verläuft der Bezirk mit seinen westlichen Elbvororten Blankenese, Nienstedten, Othmarschen und Rissen zu einem großen Teil entlang des Elbstrandes mit einem beeindruckenden Blick auf die Docks und den Strom.


Altona
Einwohner: 275.265
Fläche: 77,9 Quadratkilometer
Haushalte mit Kindern: 19,9 %
Durchschnittliche Wohnfläche je Wohnung: 81,2 Quadratmeter
Pkw: 90.034
14 Stadtteile: Altona-Altstadt, Altona- Nord, Bahrenfeld, Blankenese, Groß Flottbek, Iserbrook, Lurup, Nienstedten, Osdorf, Othmarschen, Ottensen, Rissen, Sternschanze und Sülldorf, Elbstrand // Övelgönne


 

Bezirk Hamburg-Mitte

 

Gehört auch zu Hamburg-Mitte, das Watt um die Insel Neuwerk; Foto: inextremo96/pixabay

Gehört auch zu Hamburg-Mitte, das Watt um die Insel Neuwerk; Foto: inextremo96/pixabay

Ganz schön groß: Hamburg-Mitte ersteckt sich über satte 142 Quadratkilometer. Mehr Stadtteile hat kein anderer Hamburger Bezirk. Und schon gar keine Nordseeinsel. Zu Mitte hingegen werden das in der Elbmündung liegende Neuwerk sowie die bei Vogelkundlern bekannten Nigehörn und Scharhörn gerechnet. So ruhig wie auf Neuwerk mit seinen 30 Einwohnern geht es im restlichen Bezirk natürlich nicht zu.

Knapp 300.000 Menschen leben in den 19 Stadtteilen, die mit U- und S-Bahn weitgehend gut erschlossen sind und bei den Immobilienpreisen die gesamte Bandbreite anbieten. Während es in Wilhelmsburg so manche bezahlbare Geschosswohnung gibt, gehen für top-sanierte Altbauwohnungen in der City oder das Penthouse in der HafenCity schon mal Millionen über den Tisch. Bei Touristen ist der Bezirk ein Hotspot. Schließlich gehören sowohl die Shoppingmeile Mönckebergstraße als auch der Michel, die Landungsbrücken und die Reeperbahn hierher. Hamburg-Mitte hat reichlich Kultur zu bieten. Und das nicht nur auf dem Kiez auf St. Pauli, sondern auch ein paar Kilometer weiter östlich, wo im idyllischen Elbpark Entenwerder etwas das nachhaltige Festival Futur 2 sein Zuhause hat und nach Corona wieder haben soll.

Die Landungsbrücken in Hamburg-Mitte; Foto: Karsten Bergmann/Pixabay

Die Landungsbrücken in Hamburg-Mitte; Foto: Karsten Bergmann/Pixabay

Apropos Elbe: Die zieht sich quer durch den Bezirk, der als Wohnort vor allem Abwechslung bietet. Man nehme nur den scharfen Kontrast zwischen dem urbanen St. Georg, wo rund um den Hauptbahnhof in den Bars und Kneipen das Leben tobt, und dem immer noch dörflichen und verschlafenen Finkenwerder auf der anderen Seite des Stroms. Als besonders spannend gilt das einst verrufene Billstedt, das sich dank vieler sozialer Initiativen und Projekte immer mehr zu einer Perle mausert.


Hamburg-Mitte
Einwohner: 301.546
Fläche: 142,3 Quadratkilometer
Haushalte mit Kindern: 16,9 %
Durchschnittliche Wohnfläche je Wohnung: 66,2 Quadratmeter
Pkw: 77.906
19 Stadtteile: Hamburg-Altstadt, Billbrook, Billstedt, Borgfelde, Finkenwerder, HafenCity, Hamm, Hammerbrook, Horn, Kleiner Grasbrook, Neustadt, Neuwerk (Exklave), Rothenburgsort, St. Georg, St. Pauli, Steinwerder, Veddel, Waltershof und Wilhelmsburg


 

Bezirk Wandsbek

 

Wandsbek mit viel Grün; Foto: AdobeStock/Gerckens Photo

Wandsbek mit viel Grün; Foto: AdobeStock/Gerckens Photo

Rund 440.000 Menschen wohnen in Wandsbek. Das sind mehr als in jedem anderen der sieben Hamburger Bezirke. Liegt nicht zuletzt daran, dass diese Verwaltungseinheit auch die Walddörfer umfasst, die schon seit dem Mittelalter zu Hamburg gehören. Zum Wohnen bietet Wandsbek so ziemlich alles.

In Duvenstedt etwa finden sich weitläufige Grundstücke mit großzügigen Einfamilienhäusern und charmante Reetdach-Katen. Es gibt sogar einen wöchentlicher Bauernmarkt. Rund um den Wandsbek Markt hingegen ist so richtig Großstadt angesagt. Es gibt jede Menge Geschäfte, Gastro und das Einkaufszentrum Quarree. Nicht weit entfernt ist Bramfeld, der bevölkerungsreichste Hamburger Stadtteil, der dicht bebaut ist. Dort wird nicht nur in den einst als Problemviertel gesehenen und heute sanierten Hochhäusern von Steilshoop gewohnt, sondern auch in kleinen Stadthäusern. Ein Beleg dafür, wie viel Abwechslung der Nordosten der Stadt bietet.

Es gibt insgesamt 18 Stadtteile, die sich über knapp 150 Quadratkilometer verteilen. Anerkannt als eigenständiger Teil Hamburgs ist Wandsbek erst seit knapp 70 Jahren. Durch die Bombenangriffe von 1943 wurde der Bezirk stark in Mitleidenschaft gezogen, das hat den Charakter geprägt. Nach dem Krieg musste vieles schnell wieder aufgebaut werden, denn die hier lebenden Arbeiter brauchten dringend Wohnungen. Vor allem Rahlstedt und Farmsen-Berne sind noch stark von Nachkriegs- bauten geprägt. Wenn man genau hinsieht, ist der Bezirk allerdings auch überdurchschnittlich grün. In Wandsbek gibt es drei Naturschutzgebiete, zwei Moore und etliche Parks.


Wandsbek
Einwohner: 441.015
Fläche: 147,5 Quadratkilometer
Haushalte mit Kindern: 19,7 %
Durchschnittliche Wohnfläche je Wohnung: 83,6 Quadratmeter
Pkw: 173.270
18 Stadtteile: Bergstedt, Bramfeld, Duvenstedt, Eilbek, Farmsen-Berne, Hummelsbüttel, Jenfeld, Lemsahl-Mellingstedt, Marienthal, Poppenbüttel, Rahlstedt, Sasel, Steilshoop, Tonndorf, Volksdorf, Wandsbek, Wellingsbüttel und Wohldorf-Ohlstedt


 

Bezirk Hamburg-Nord

 

Mächtig was los auf der Alster; Foto: Erik Brandt-Höge

Mächtig was los auf der Alster; Foto: Erik Brandt-Höge

Mitten in der Stadt, jede Menge Schulen und Kitas, coole Restaurants, prima Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr – das ist der Bezirk Nord. Plus Alster. Die ist hier allgegenwärtig. Fließt an den funktionalen Backsteinbauten Fritz Schumachers ebenso vorbei wie an den Villen der Millionäre und Fußballprofis, die sich das schicke Eppendorf als Zuhause gewählt haben.

Im Zentrum des 58 Quadratkilometer großen Bezirks findet sich der Stadtpark mit seinen knapp 150 Hektar. Dort holt Hamburg Luft. Es gibt Spielplätze, Festwiesen, den Badesee, Grillplätze, botanische Anlagen und viel Gastro, wie etwa das Landhaus Walter mit seinem urigen Bluesclub. Die Stadtteile Eppendorf, Hoheluft und Winterhude mit ihrem vielen Jugendstil, den edlen Boutiquen, Cafés und dem grandiosen Holthusenbad gehören zu den gefragtesten und teuersten Wohngegenden Hamburgs. Barmbek war mal klassisches Arbeiterviertel, wird aber immer szeniger. Vor allem bei jungen Leuten ist der Stadtteil mit dem kultigen Kulturzentrum Kampnagel beliebt. Denn hier sind die Mieten noch halbwegs erschwinglich.

Das Goldbekhaus in Winterhude; Foto: Mona Dahme

Das Goldbekhaus in Winterhude; Foto: Mona Dahme

Das gilt noch mehr für die nördlichen Stadteile des Bezirks. Langenhorn und Fuhlsbüttel haben sich zudem einen dörflichen Charakter bewahrt. Und derzeit wird viel gebaut im Bezirk Nord. So etwa in Winterhude, wo mit dem Pergolenviertel ein ganzer Stadtteil mit 1.400 Wohnungen und nachhaltigem Konzept entsteht. In Eppendorf sind kleinere Flächen im Fokus, es wird vor allem nachverdichtet. Etwa im Bereich zwischen Salomon-Heine-Weg und Meenkwiese. Insgesamt leben derzeit etwas mehr als 300.000 Menschen im Bezirk Nord.


Nord
Einwohner: 314.595
Fläche: 157,8 Quadratkilometer
Haushalte mit Kindern: 14,1 %
Durchschnittliche Wohnfläche je Wohnung: 68,7 Quadratmeter
Pkw: 98.690
13 Stadtteile: Alsterdorf, Barmbek-Nord, Barmbek-Süd, Dulsberg, Eppendorf, Fuhlsbüttel, Groß Borstel, Hohenfelde, Hoheluft- Ost, Langenhorn, Ohlsdorf, Uhlenhorst und Winterhude


 

Bezirk Eimsbüttel

 

Die Rombergstraße in Eimsbüttel; Foto: Ilona Lütje

Die Rombergstraße in Eimsbüttel; Foto: Ilona Lütje

Rund um die erst vor wenigen Jahren umgebaute Osterstraße schlägt das Herz von Eimsbüttel. Es gibt jede Menge Boutiquen, schnuckelige Cafés und eines der letzten großen Kaufhäuser. Der mit rund 50 Quadratkilometern kleinste Bezirk Hamburgs hat sich gemausert und zählt gerade bei jungen Menschen zu den beliebtesten Wohnorten in der Stadt. Kein Wunder, können die aktuell 265.000 Menschen, die in einem der neun Stadtteile leben, sich doch an vielen Parks, einem üppigen gastronomischen Angebot, vielen Schulen und Kitas sowie einer prima ausgebauten Infrastruktur mit Bundesstraßen und U-Bahn erfreuen.

In Eimsbüttel gibt es wohlhabende Ecken wie Rotherbaum und Harvestehude, aber auch alternative Viertel und reine Wohngebiete wie Stellingen und Schnelsen, wo die Mieten noch nicht ganz so stark angezogen haben wir etwa in den Altbauten zwischen Heußweg und Generalsviertel. Ein besonderer Hingucker sind die 60 Hochhäuser der Lenzsiedlung, die Mitte der 1970er-Jahre gebaut wurden. Damals waren die modernen Wohnungen begehrt. Dann folgte der Abstieg, doch dank sozialer Projekte und vergleichsweise günstiger Mieten ist das Quartier heute wieder angesagt.

Nicht weit entfernt, in Blickrichtung Hagenbeck, wird aktuell viel neu gebaut. Und auch die Planungen für die Umgestaltung des Beiersdorf-Geländes laufen. Zwischen Unnastraße und Quickbornstraße, wo heute noch die alte Konzernzentrale des Unternehmens Beiersdorf beheimatet ist, sollen voraussichtlich ab 2022 Wohnhäuser hochgezogen werden. 900 Wohnungen werden entstehen. Eimsbüttel, das seit 1894 zum Hamburger Stadtgebiet gehört, wächst also. Und vielleicht ziehen ja künftig auch mehr Familien zu, deren Anteil liegt bislang nur bei 16 Prozent.


Eimsbüttel
Einwohner: 267.053
Fläche: 49,8 Quadratkilometer
Haushalte mit Kindern: 16,6 %
Durchschnittliche Wohnfläche je Wohnung: 76,3 Quadratmeter
Pkw: 90.082
9 Stadtteile: Eidelstedt, Eimsbüttel, Harvestehude, Hoheluft-West, Lokstedt, Niendorf, Rotherbaum, Schnelsen und Stellingen


 

Bezirk Bergedorf

 

Curslack im Bezirk Bergedorf, Foto: AdobeStock/NEWSundART

Curslack im Bezirk Bergedorf, Foto: AdobeStock/NEWSundART

Bergedorf ist grün. Und Bergedorf ist blau. An Natur mangelt es in Hamburgs Osten mit seine Wäldern, Seen und der verträumten Dove Elbe wahrlich nicht. Der Bezirk im Südosten der Hansestadt ist auf der Höhe der Zeit und atmet trotzdem Geschichte. Auf knapp 155 Quadratkilometern haben rund 130.000 Menschen ihr Zu- hause. Sie leben in ländlicher Idylle oder im Stadtteil Bergedorf, der geschäftig ist und viel zu bieten hat – etwa einen Besuch der ältesten Gaststätte Hamburgs, Ausflüge zum einzigen Schloss Hamburgs und zur restaurierten Mühle. Relaxen im Bille-Park und auf eine Shoppingtour in die beliebte Einkaufsstraße Sachsentor. Theater, Kunst und das überregional bekannte Kulturzentrum LOLA – das alles ist Bergedorf, das als vergleichsweise modern durchgehen darf.

Das historische Zentrum von Bergedorf; Foto: Monika Schroeder/Pixabay

Das historische Zentrum von Bergedorf; Foto: Monika Schroeder/Pixabay

Denn in dem Bezirk leben überdurchschnittlich viele junge Erwachsene und unterdurchschnittlich wenig Bürger über 65 Jahre. Das liegt vielleicht auch an der Melange aus viel Natur und dennoch der Nähe zur Metropole. Die Hamburger Innenstadt ist nur zehn S- Bahn-Minuten entfernt, obwohl die Bergedorfer von Äckern und Wäldern umgeben sind. Für coole Kultur muss aber niemand unbedingt in die City reisen. Die drei Kilometer nach Allermöhe etwa tun es zuweilen auch. Dort pilgern im Sommer viele zum Eichbaumsee, um das Festival Wutzrock zu besuchen. Wenn sie nicht grad mit dem Fahrrad am Moorfleeter Deich unterwegs sind. Oder im zauberhaften Kirchwerder.


Bergedorf
Einwohner: 130.260
Fläche: 154,7 Quadratkilometer
Haushalte mit Kindern: 22,1 %
Durchschnittliche Wohnfläche je Wohnung: 83,6 Quadratmeter
Pkw: 50.878
14 Stadtteile: Allermöhe, Altengamme, Bergedorf, Billwerder, Curslack, Kirchwerder, Lohbrügge, Moorfleet, Neuallermöhe, Neuengamme, Ochsenwerder, Reitbrook, Spadenland und Tatenberg


 

Bezirk Harburg

 

Harburg Palmspeicher; Foto: Jan Kornstädt/Hamburg Mediaserver

Harburg Palmspeicher; Foto: Jan Kornstädt/Hamburg Mediaserver

Der Bezirk Harburg hat 17 Stadtteile – und einen Hafen. Einen eigenen wohlgemerkt, da legen die Menschen hier Wert drauf. Zwar nicht so groß wie der Hamburger, dafür aber sehr beschaulich. Und einst Heimat für den 2017 verstorbenen Country-Sänger und Lebemann Gunter Gabriel. Der hatte hier sein ziemlich runtergewirtschaftetes Hausboot liegen, bevor Fynn Kliemann und Olli Schulz sich entschieden, auf dem Kahn klar Schiff zu machen.

Rund um den Binnenhafen hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Es gibt interessante Wohnprojekte, viele Gebäude wurden dem Denkmalschutz entsprechend saniert. Und Firmen haben sich angesiedelt. Geht es um Gewerbe, ist Harburg eh ein Hotspot. Beiersdorf ist in Hausbruch vertreten, die zur Continental gehörenden Phoenix Gummiwerke im Stadtteil Harburg. Und auch die Carlsberg-Brauerei ist seit 2019 im Bezirk beheimatet. Harburg ist mit einer guten Verkehrsanbindung ausgestattet, hat eine eigene Universität mit angeschlossener Bibliothek und nicht zuletzt den Elbcampus, ein Bildungszentrum der Handwerkskammer Hamburg.

Knapp 170.000 Menschen leben mittlerweile im knapp 125 Quadratkilometer großen Bezirk, zu dem ländlichere Gebiete wie Neugraben-Fischbek und Marmstorf gehören. Auch das als Tor zum Alten Land geltende Cranz ist noch Teil der Verwaltungsgemeinschaft. Im Gegensatz zu den urbanen Stadtteilen wie Harburg-City gibt es hier noch Hofläden, Obstplantagen und Fachwerk zu sehen.


Harburg
Einwohner: 169.426
Fläche: 125 Quadratkilometer
Haushalte mit Kindern: 29,2 %
Durchschnittliche Wohnfläche je Wohnung: 77,5 Quadratmeter
Pkw: 56.389
17 Stadtteile: Altenwerder, Cranz, Eißendorf, Francop, Gut Moor, Harburg, Hausbruch, Heimfeld, Langenbek, Marmstorf, Moorburg, Neuenfelde, Neugraben-Fischbek, Neuland, Rönneburg, Sinstorf und Wilstorf


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„The Father“: Interview mit Sir Anthony Hopkins

Oscar-Preisträger Sir Anthony Hopkins über seine Rolle in „The Father“, seine Erfahrung mit dem Thema Demenz und wieso er mit zunehmendem Alter durch das Schauspielen mehr über sein eigenes Leben nachdenkt

Text & Interview: Patrick Heidmann

 

SZENE HAMBURG: Mr. Hopkins, Sie spielen in „The Father“ einen älteren Herren, der mit dem Verlust seines Gedächtnisses ringt. Wie groß ist Ihr persönlicher Bezug zu diesem Thema?

Olivia Colman und Sir Anthony Hopkins beim Foto-Shoot; Foto: Tobis Embankment Films

Olivia Colman und Sir Anthony Hopkins beim Foto-Shoot; Foto: Tobis Embankment Films

Sir Anthony Hopkins: Nun, einen alten Mann zu spielen, ist natürlich für mich keine große Herausforderung, schließlich bin ich ein alter Mann. Aber Berührungspunkte mit dem Thema Demenz hatte ich zum Glück noch keine. Meine Eltern blieben beide davon verschont: Mein Vater litt im letzten Jahr seines Lebens an einer schrecklichen Depression, während meine Mutter unerschütterlich und rüstig bis zu ihrem Tod mit 89 Jahren blieb. Demenz und Alzheimer kenne ich deswegen nur aus der Ferne, etwa von einem alten Herren in meiner Nachbarschaft in Kalifornien. Der glaubte immer, er sei in New York und wunderte sich mit Blick auf den Pazifik, warum der Hudson River so breit sei. Seine Tochter und der Schwiegersohn blieben immer ganz geduldig mit ihm und sorgten dafür, dass er keine Angst hatte, sondern friedlich bis zu seinem Tod leben konnte. Aber wie schwer und traurig eine solche Situation für die Angehörigen ist, war nicht zu übersehen.

Lassen Sie nach 60 Jahren als Schau- spieler eine solch aufwühlende Rolle noch nah an sich heran? Oder hält man die besser auf Distanz?

Je älter ich wurde, desto mehr haben mich Filme oder Theaterstücke dazu gebracht, über mein eigenes Leben nachzudenken. In diesem Fall habe ich mich viel mit meiner Vergangenheit und vor allem meinen Eltern auseinandergesetzt. Gerade das Ende des Films hat mich ins Mark getroffen. Ich musste daran denken, wie mein Vater davon träumte, nach Amerika zu reisen und ich ihm versprach, dass wir das gemeinsam tun würden.

„The Father“, unter anderem mit Sir Anthony Hopkins

„The Father“, unter anderem mit Sir Anthony Hopkins

Mit dem Flugzeug nach New York und dann mit dem Auto bis nach Los Angeles. Wozu es dann nicht mehr kam, weil er starb. Oder wie er im Krankenhaus ganz zerbrechlich vor mir saß, in seinem feuchten Schlafanzug, weil er sich eingenässt hatte. Und natürlich auch, wie meine Mutter und ich dann hinfuhren, um nach seinem Tod seine Sachen abzuholen und er da kalt und leblos vor mir lag. Plötzlich waren diese Erinnerungen enorm präsent.

Ist „The Father“ also rückblickend für Sie einer Ihrer schwierigsten Filme gewesen?

Nein, im Gegenteil. Mir macht der Tod keine Angst. Ich genieße es, dass ich noch immer überlebt habe und nehme die Sache mit Humor. Außerdem war die Arbeit selbst ein Kinderspiel. Das Drehbuch war exzellent, was immer schon die halbe Miete ist. Mit Olivia Colman zu spielen war die reinste Freude, genau wie mit den anderen Kollegen. Und unser Regisseur Florian Zeller war ganz bemerkenswert, nicht zuletzt dafür, dass dies sein erster Film war. Manche Filmemacher können ja sehr dogmatisch oder gar diktatorisch sein, wenn es um ihre Visionen geht. Doch er war ganz bescheiden und ungezwungen.

„The Father“ mit Sir Anthony Hopkins, Olivia Colman, Imogen Poots, unter der Regie von Florian Zeller läuft ab dem 26.8. in den deutschen Kinos.

Hier der Trailer zu „The Father“:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2021. Das Magazin ist seit dem 29. Juli 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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