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„Die meisten von uns kämpfen mit der Liebe“

Katja Lewina hat sich aktiv und intensiv mit den zehn wichtigsten Ex-Partnern ihres Lebens auseinandergesetzt und mit „Ex“ ein sehr aufschlussreiches Buch darüber geschrieben

Interview: Daniel Schieferdecker

 

SZENE HAMBURG: Katja, wie bist du auf die Idee zu „Ex“ gekommen?

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Katja Lewina: „Ex“, Dumont, 208 Seiten, 22 Euro

Katja Lewina: Einer von ihnen ist mir wieder in die Finger geraten, als ich gerade eine Trennung durchmachte und mich fragte, warum ich das mit der Liebe noch mit Mitte dreißig nicht hinbekomme. Wir sprachen über unser Scheitern und stellten fest, dass wir zwei völlig unterschiedliche Geschichten erzählten. Da fragte ich mich: Was, wenn das nicht nur dieses eine Mal so war? Was, wenn ich auch in anderen Beziehungen eine Menge übersehen habe? Und beschloss, alle wichtigen Typen meines Lebens anzurufen.

„Pobacken zusammenkneifen und auf Wohlwollen hoffen“

Es gibt vermutlich viele Menschen, die gerne mal eine:n Ex wiedertreffen würden, um eine Antwort auf die eine oder andere ungeklärte Frage zu bekommen. Die meisten wagen den Schritt aber nicht. Hat es dich Überwindung gekostet, deine verflossenen Lieben zu kontaktieren?

Gerade, wenn man gekränkt wurde oder selbst nur Schutt und Asche hinterlassen hat, ist es nicht leicht, wieder aus der Versenkung aufzutauchen. Da hilft nur: Pobacken zusammenkneifen und auf Wohlwollen hoffen.

Wie haben deine Ex reagiert, als du dich bei ihnen gemeldet hast? Und insbesondere, als du ihnen offenbart hast, dass sie Teil eines Buches werden?

Mir gegenüber gab es die ganze Bandbreite menschlicher Gefühle: Freude,  Überschwang, Zagheit, Ablehnung, sogar eine Art von Liebe. Es war nicht alles, wie ich es mir vorgestellt hatte. Aber wann ist das schon so im Leben? Und die Sache mit dem Buch war, glaube ich, für uns alle ganz schön aufregend. Die Männer geben eine ganze Menge von sich preis. So was macht man ja auch nicht jeden Tag.

Dein Verlag kündigt „Ex“ an mit den Worten: „Persönlich, ehrlich, erhellend.“ Du schreibst am Anfang deines Buches hingegen: „Ja. Das ist alles passiert. Nur vielleicht ein kleines bisschen anders.“ Offenbar hast du also ein bisschen was verändert. Warum?

Weil „Ex“ kein Tatsachen-, sondern ein Erfahrungsbericht ist. Hätte ich mich allein an die Fakten halten müssen, gäbe es dieses Buch nicht. Namen, Berufe, Aussehen, Daten, Orte – ich habe vieles in Absprache mit den entsprechenden Männern geändert, damit ihre Anonymität halbwegs gewahrt bleibt. Daran, was zwischen uns vorgefallen ist und wie wir uns erlebt und entwickelt haben, ändert das alles aber rein gar nichts.

„Wir selbst sind es, die Beziehungen kaputtgehen lassen“

Du bist liiert und hast drei Kinder. Dennoch war insbesondere eine Frage der Ausgangspunkt und Auslöser deines Buches: „Was führt dazu, dass Beziehungen kaputtgehen?“ Hast du eine Antwort darauf gefunden?

Wir selbst sind es, die Beziehungen kaputtgehen lassen. Sei es, dass wir von vornherein die falsche Wahl treffen, sei es, dass wir nicht in der Lage sind, uns wirklich auf jemanden einzulassen oder dass wir uns abhängig machen. Die meisten von uns kämpfen mit der Liebe, und zwar immer in bestimmten Mustern. Die aufzudecken, ist das Klügste, was wir machen können.

Du lebst in einer offenen Beziehung und machst auch keinen Hehl daraus. Ich nehme an, dass du aber auch das gängige Model der Monogamie kennst. Nach deiner Erfahrung: Welches ist das „bessere“ Modell und woran machst du das fest?

Das beste Modell ist eins, in dem sich alle Beteiligten gut aufgehoben fühlen. Und mit „gut“ meine ich nicht lebenslange Glückseligkeit. Schwierig wird es so oder so werden, egal, wofür wir uns entscheiden. Und egal, was wir machen, wir sollten es nicht aus Angst oder Getriebensein heraus machen. Die beiden sind echt schlechte Ratgeber.

„Das hier war besser als jede Therapie“

Im Klappentext deines Buches steht, dass du dich auf einen „Roadtrip in die Vergangenheit“ gemacht hättest, um die zehn wichtigsten Männer deines Lebens zu treffen und in alten Erinnerungen zu wühlen. Hat dich das verändert?

Das hier war besser als jede Therapie. Erst durch die Auseinandersetzung mit der Sicht der anderen habe ich das Gefühl, mich so richtig kennengelernt zu haben – und meinen Affekten damit nicht mehr hilflos ausgeliefert zu sein. Es hätte tatsächlich nicht besser laufen können für mich.

Gibt es Ex-Freunde, bei denen du aus heutiger Sicht nicht mehr verstehst, was du mal an ihnen gefunden hast? Und umgekehrt auch welche, mit denen du dir theoretisch wieder eine Beziehung vorstellen könntest?

Wir alle machen über die Jahre eine Veränderung durch, im besten Fall jedenfalls. Die Männer, mit denen ich heute gesprochen habe, waren nicht mehr dieselben, in die ich damals verliebt war, sie trugen ihr damaliges Ich höchstens noch als Zitat. Und obwohl wir alle d’accord damit waren, dass die Vergangenheit Vergangenheit blieb, spürten wir meist sofort eine Verbindung zueinander. Aber in einen von ihnen habe ich mich tatsächlich direkt wieder verliebt. Wir waren einfach noch nicht fertig miteinander.

Die Ex-Freunde der Partnerin sind für viele Männer ein rotes Tuch. Wie war das bei dir/euch? Hat das deinen Mann gestört und Auswirkungen auf deine Beziehung gehabt?

Ex-Partner:innen sind Menschen, mit denen wir eine intime Beziehung hatten. Klar kann diese Intimität Unsicherheiten auslösen, vor allem, weil sie sich leichter wiederherstellen lässt als mit jemand neu dahergelaufenem. Wir setzen uns auch oft in Konkurrenz zu den Ex, gleichen ab und hoffen auf ein besseres Schicksal. Mein Mann ist da erfrischend uneitel. Er hat mich schon immer darin unterstützt, mich selbst weiterzuentwickeln. Und wenn das jetzt ein paar Dates mit meinen Ex bedeutet, warum nicht?

Dein Verlag schreibt, „Ex“ würde „die Liebe in Zeiten des Patriarchats“ beleuchten. Was muss man sich konkret darunter vorstellen? Welchen Einfluss hat das Patriarchat auf die Liebe?

Zunächst gibt es da die Vorstellung, eine Frau sei ohne einen Mann nichts wert, was in viele Frauen, inklusive mir, die fixe Idee wachsen lässt, nur in einer Beziehung endlich ganz zu werden. Das passiert natürlich auch Männern, aber deutlich seltener. Und darüber hinaus werden wir ganz generell von den ungesunden Strukturen, in denen wir aufwachsen, verhunzt. Wir werden schon als Kinder dazu angehalten, unsere Gefühle nicht zu zeigen, lieber gefallen zu wollen, als wir selbst zu sein, unsere Eltern nicht zu enttäuschen; Eltern, die oft selbst nicht wissen, wie Liebe geht, weil sie sie nicht erfahren habe

Die letzten beiden Sätze des Buches lauten: „Ruft eure Ex an! Ihr könnt nur gewinnen.“ Das scheint also die Quintessenz deines Roadtrips zu sein. Kannst du komprimiert zusammenfassen?

Wir alle sind gefangen in unseren Geschichten, und das einzige, das uns helfen kann, da rauszukommen, ist der Spiegel, den uns die Menschen, die dabei waren, vorhalten können. Wenn ihr also das Gefühl habt, immer wieder an euren Beziehungen zu scheitern, dann ist ein wenig in der Vergangenheit zu wühlen, das Beste, was ihr tun könnt.

Katja Lewina: „Ex“, Dumont, 208 Seiten, 22 Euro

 


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Japan-Filmfest: Gegensätze durch Liebe vereinen

Das Japan-Filmfest Hamburg hat eine lange Tradition. Vom 22. bis 26. Juni 2022 läuft die 23. Ausgabe in drei Hamburger Kinos

Text: Mascha Sprenger

Vom 22. bis zum 26. Juni 2022 bietet das 23. Japan-Filmfest Hamburg einen Einblick in die japanische Filmkultur. Das diesjährige Festival steht unter dem Motto „Japan – Tradition und Moderne versöhnt durch die Kraft der Liebe“. Passend dazu beginnt das Filmfest mit dem Drama „The Last Goze“ – ein Film über die 2005 im Alter von 105 Jahren verstorbene blinden Künstlerin Haru Kobayashi, mit dessen Tod eine Jahrhunderte alte Tradition erlosch.

Von Anime bis Rakugo

Das 23. Japan-Filmfest Hamburg findet neben dem Metropolis Kino auch im, das 3001 und im Studio Kino statt. Über 80 japanische Filme stehen auf dem Programm, darunter zahlreiche Deutschland-, Europa- und auch Weltpremieren – vom abendfüllenden Spielfilm bis zum experimentellen Kurzfilm. Zu sehen sind farbenfrohe Anime- und Arthaus-Filme der Noh-Reihe sowie Komödien der Rakugo-Reihe. Japan gilt als Land großer Gegensätze: Postmoderne Gesellschaft und jahrhundertalte Traditionen sind genauso präsent wie strenge Konventionen. Das Festival will diese durch die Kraft grenzenloser Liebe vereinen.

Hier gibt’s einen ersten Eindruck vom Eröffnungsfilm „The Last Goze“:


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Fallstricke der Liebe

In seinem für den Oscar nominierten Film „Der schlimmste Mensch der Welt“ erzählt Regisseur Joachim Trier unkonventionell, kreativ und schwungvoll von den modernen Problemen junger Menschen und gewann dafür in Cannes jüngst auch die Silberne Palme

Text: Christopher Diekhaus

Grenzenlose Auswahlmöglichkeiten können ungemein befreiend sein, führen manchmal aber auch zu Verunsicherung und mangelnder Entschlossenheit. Wem alle Optionen offenstehen, der hat unter Umständen Angst, sich festzulegen. Denn vielleicht gibt es ja stets eine bessere Alternative. Die Last, Entscheidungen zu treffen, spürt in Joachim Triers „Der schlimmste Mensch der Welt“ die fast 30-jährige Julie (Renate Reinsve), die mehrere Studiengänge abgebrochen hat und in einer Buchhandlung jobbt.

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„Der schlimmste Mensch der Welt“ von Joachim Trier gewann in Cannes die Silberne Palme (Foto: Oslo Pictures)

Ihr deutlich älterer Partner Aksel (Anders Danielsen Lie) hingegen ist ein erfolgreicher Comiczeichner, der zudem immer öfter über die Gründung einer Familie spricht. Mit dem Gedanken, Kinder zu bekommen, kann sich Julie allerdings aktuell noch nicht anfreunden und zweifelt daher zunehmend an ihrer Beziehung. Umso mehr, als sie auf einer Hochzeitsfeier den charmanten Eivind (Herbert Nordrum) kennenlernt. Nachdem er mit dem Mysterythriller „Thelma“ zuletzt einen Ausflug in übernatürliche Gefilde wagte, kehrt Autorenfilmer Joachim Trier in seiner neuen Regiearbeit zu seinen näher an eigenen Erfahrungen und Existenzfragen liegenden Ursprüngen zurück.

Liebe und ein bisschen Tragik: erfrischend und unberechenbar

„Der schlimmste Mensch der Welt“ ist vor allem eine Tragikomödie über die Fallstricke der Liebe, sprengt aber die starren Erzählmuster des romantischen Kinos. Schon die Hauptfigur fällt komplexer aus als üblich. Und immer wieder überrascht der Film damit, wie er Standardsituationen originell abwandelt. Das beste Beispiel: der amüsante erste Flirt zwischen Julie und Eivind. Eher ungewöhnlich ist zudem, dass gesellschaftliche Erwartungen und generationsbedingte Unterschiede regelmäßig nicht nur an der Oberfläche verhandelt werden. Triers unkonventionelle Herangehensweise macht schließlich auch vor den Bildern und der Inszenierung nicht Halt. Etwa, wenn die Welt um die Protagonistin herum buchstäblich stillsteht, während sie durch die Straßen Oslos läuft. Nur einer von vielen Einfällen, die das Ganze erfrischend und unberechenbar machen.

„Der schlimmste Mensch der Welt“, Regie: Joachim Trier. Mit Renate Reinsve, Anders Danielsen Lie, Herbert Nordrum. 127 Min. Seit dem 2. Juni 2022 im Kino

Einen Vorgeschmack gefällig? Hier gibt‘s den Trailer zu „Der schlimmste Mensch der Welt“:


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Andreas: „Ich mag mich“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Andreas begegnet

Protokoll: Rosa Krohn

„Der Platz hier am Hühnerposten ist mein Lieblingsort. An kalten Tagen gehe ich meist in die Bücherhalle und bei gutem Wettersitze sitze ich einfach hier und füttere Tauben. Diese Friedlichkeit ist einfach schön. Ich bin jetzt 63 und seit vier Jahren arbeitslos. Damit mir zu Hause die Decke nicht auf den Kopf fällt, gehe ich gern raus. Zuletzt habe ich als leitender Buchhalter gearbeitet. Die Firma ist Konkurs gegangen und sich mit 60 noch mal zu bewerben, da ziehen die Leute nur die Augenbrauen hoch. Man könnte zwar von meiner jahrelangen Erfahrung profitieren, aber ich bin eben alt. Zwar wird es einem nie so direkt gesagt und am Anfang haben mich die Absagen und all die Ausreden auch wütend gemacht. Doch mittlerweile habe ich mich damit abgefunden. Auch bei der Arbeitsagentur haben sie akzeptiert, dass es für mich nichts mehr gibt. 

„Zurück auf null“

In meinem Berufsleben bin ich viel rumgekommen. Eine Weile war ich als freiberuflicher Dozent im Osten von Dresden bis nach Bergen auf Rügen unterwegs. Die Lehrtätigkeit war meine Berufung. In den 1990er-Jahren durfte ich sogar mal eine Klasse mit Einzelhandelskaufleuten übernehmen. Da kam ich rein, habe mich vorgestellt und mich nach dem Wissensstand der Klasse erkundigt. Ein Desaster. Ich bat sie, alles wegzuschmeißen. Zurück auf null. Und dann habe ich mit ihnen von vorn angefangen. Wenn ich mal mitbekam, dass es abseits des Unterrichts Probleme gab, mit Behörden oder dem Arbeitsamt, dann haben wir auch solchen Dingen mal eine Stunde gewidmet. Mein Problem war irgendwann, dass die Arbeit nicht mehr so gut bezahlt wurde und das Hin und Her hat sich nicht mehr gelohnt. Also habe ich die Stelle in der Buchhaltung angenommen. 

Offen für Australien

Als die Firma vor knapp drei Jahren Konkurs ging, kam mir das gelegen. Ich hatte keine Lust mehr auf den Job. Eine Zeit lang habe ich noch freiberuflich Nachhilfe gegeben. Tja, und inzwischen macht es mir Spaß, Tauben zu füttern (lacht). Ich stehe morgens gegen 8 Uhr auf, telefoniere mit Freunden und gehe frühstücken. Immer mit dabei: mein kleines Radio und meine Kopfhörer. Ich setze mich dann in einen Laden in der Mönckebergstraße und schaue, wie die Leute vorbeischlendern. Dann komme ich hier her. Ich fühle mich pudelwohl allein. Es wird so oft gesagt: ‚Allein gleich einsam.‘ Aber ich komm unheimlich gut mit mir klar, ich mag mich. Natürlich habe auch ich Phasen, in denen ich sage: ‚Andreas, du siehst scheiße aus‘. Aber solche Phasen hat doch jeder. Gerade kann eigentlich alles so bleiben. Ich bin aber immer offen für Neues. Wenn mich jemand fragt, ob ich Lust hätte, ’n Jahr mit nach Australien zu gehen, würde ich das machen – aber nur in der Sommerzeit!“


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10 Gründe für das Grindelviertel

Im Grindel gibt es nicht nur die Uni! Das kleine Viertel unweit des Dammtor Bahnhofs ist reich an Geschichte und Kultur. Besonders gut lässt sich das an den Lieblingsorten im Viertel entdecken. Diese zehn sind einige davon:

Filmkunst

Eines der ersten Programmkinos in Hamburg und immernoch da: Das Abaton. Seit 1970 werden hier anspruchsvolle Filme und ungewöhnliche Stoffe gezeigt, die nicht den verkrusteten Strukturen der Kommerzkinos gehorchen. Weg vom Mainstream und dem Korsett des Popcorn-Kinos. Dabei gelingt dem Kino auch noch die Mischung aus Film, Musik, Kunst und Literatur. Für die außergewöhnliche und vielfältige Programmgestaltung wird das Abaton regelmäßig mit Preisen ausgezeichnet – zu Recht! Das Abaton ist einer der kulturellen Treffpunkte in Hamburg und eines der Highlights im Grindelviertel.

abaton.de

Jüdische Küche & Kultur

Der Jüdische Salon am Grindel will die jüdische Kultur fördern. Nicht umsonst ist er deswegen genau dort beheimatet, wo historisch das jüdische Leben in Hamburg pulsierte und heute wieder immer mehr an Bedeutung gewinnt. 2007 gegründet, ist der Salon mittlerweile ein fester Bestandteil des Viertels und Motor für jüdische Kultur auch über den Grindel hinaus. Angeschlossen an den Jüdischen Salon gibt es das Café Leonar. Zwar nicht koscher, legt das Café seinen Fokus auf die levantinische Küche – also der Küche aus Israel, Jordanien, dem Libanon und anderen Ländern der Region Levante. Dazu zählen Gerichte wie Shakshuka (gebackenes Ei) oder Mohnwaffeln.

cafeleonar.de

Gedenken

Wer Grindel sagt, kommt natürlich an der jüdischen Kultur in Hamburg nicht vorbei. Nicht nur das hier der Jüdische Salon und das Café Leonar zu Hause sind, mit der Joseph-Carlebach-Schule (in der ehemaligen Talmud-Thora-Schule) gibt es hier seit 2007 die Schule der jüdischen Gemeinde. Direkt nebenan ist zudem der Joseph-Carlebach-Platz, hier stand die in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 zerstörte Bornplatzsynagoge. Diese soll jetzt wiederaufgebaut werden. Unterdessen wird in jedem Jahr, ausgehend vom Grindelviertel in der ganzen Stadt, bei „Grindel Leuchtet“, den Gräueltaten der Nazis gedacht.

Eine gute Pizza

Universitäten und Essen, das ist wahrlich oft keine Liebesbeziehung. An der Universität Hamburg ist das aber anders, denn hier gibts das Schlüters. Keine gewöhnliche Mensa, eher ein Mix aus Lounge und Restaurant und vor allem: Hier gibts richtig gute Pizza zu fairen Preisen. Vom Studierendenwerk Hamburg betrieben, kostet die Margherita für Studierende 4,70 und für Gäste 6 Euro. Geöffnet ist nur in der Woche bis 19 Uhr (Freitags bis 18 Uhr). Und hier noch ein Tipp: Die Uni-Profis kommen nicht in den Seminarpausen, denn das Schlüters ist sehr beliebt.

Schlüters

Faire Mode

Im Grindelviertel lässt es sich nicht nur gut leben und verweilen, auch der bewusste Konsum kommt dabei nicht zu kurz. Bei Maas und Marlowe Nature finden Kund:innen ökologisch nachhaltige und faire Mode. „Wir stehen für einen achtsamen Umgang mit den Ressourcen, der Natur und den Menschen“, betonen die Geschäftsinhaber:innen von Marlowe und sind damit nicht allein – der Grindel ist ein echter Hotspot für Green Fashion.

maas-natur.de

Gut gezeichnet

Hamburg kann Buch, aber auch Comic. Das beweist seit 1988 comics.total! im Grindelviertel. Unweit der Universität gibt es Comics, Mangas und Zeichenkunst für jeden Geschmack sowie eine exzellente fachkundige Beratung.

comicstotal.com

Einmal nach Schweden bitte

Richtig gute Köttbullar, die gibts garantiert nicht im Möbelhaus. Dafür geht man in Hamburg zu Karlsons. Das kleine gemütliche schwedische Café bietet Frühstück, einen richtig leckeren Mittagstisch und viele weitere skandinavische Köstlichkeiten. Dabei lässt sich auch in Erinnerungen Schwelgen, besonders für Fans der Pfefferkörner. In den Folgen ersten Generation wurden die Szenen im Restaurant von Nataschas Eltern genau hier gedreht.

karlsons.de

Kammer-Kultur

1945 gegründet, zählen die Hamburger Kammerspiele zu den traditionsreichen Theatern der Stadt. Von Ida Ehre eröffnet, leitete unter anderem Ulrich Tukur zwischenzeitlich das Haus. Gezeigt wird modernes und kritisches Sprechtheater sowie viele Ur- und Erstaufführungen. Ein Theater mit über 75 Jahren Gemischte hat auch viel große Darsteller:innen gesehen, so standen in den Kammerspielen Größen wie Rufus Beck, Katharina Wackernagel und Bjarne Mädel auf der Bühne.

hamburger-kammerspiele.de

Enjoy the Pony

Eigentlich muss man an dieser Stelle nicht mehr viel sagen, denn die Pony Bar ist mindestens so bekannt wie ihr Nachbar, das Abaton Kino. Es ist DER Treffpunkt für Studierende und vor allem abends ist hier gut was los. Es gibt Lesungen, Konzerte und viel Neues zu entdecken. Der Eintritt ist dabei traditionell immer frei. Und wer am Abend keine Zeit hat, kann es sich tagsüber bei Kaffee, Kuchen und anderen Snacks gut gehen lassen.

ponybar.com

Stühlchen Wechsel dich

Im Salon Wechsel Dich ist der Name Programm. Man sitzt zwar in einem tollen Salon mit leckerstem Essen, doch sitzt man dabei nicht immer gleich, denn das Mobiliar und die Accessoires kann man mitnehmen. Im Salon Wechsel Dich können Tische, Stühle, Teller, Tassen kurzerhand eingepackt werden. Kreativen und Jungdesigner:innen gibt das Lokal eine Plattform, um ihre Produkte anzubieten.

instagram.com/salonwechseldich


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Beatrixe: „Bis sie mich mit den Füßen voran aus dem Bus tragen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Beatrixe begegnet

Protokoll: Rosa Krohn

„Ich bin seit 26 Jahren eine Stewardess am Boden. Ich arbeite als Reisebegleiterin in sogenannten Bistrobussen. Auf unseren Reisen quer durch Europa sitzen die Gäste oben und werden unten im Bistro verwöhnt. An den Zielen betreue ich die Gruppe dann bei den geplanten Programmpunkten. Lange Zeit habe ich das gemeinsam mit meinem zweiten Ehemann hauptberuflich gemacht. 

Einen Spitzenjob aufgeben, um Würstchen zu verkaufen?

Ich war damals Anfang 40 als er auf mich zukam und sagte: ‚Ich will einen Busschein machen.‘ Er fing an als Fahrer für Reiseunternehmen zu arbeiten und ich hatte damals noch eine gut bezahlte Stelle als Filialleiterin in einem Modegeschäft. Als er mir dann vorschlug, ich solle doch als Servicekraft mitkommen, war ich mir eigentlich sicher, dass ich meinen Spitzenjob nicht aufgeben will, um Würstchen zu verkaufen! Doch er überredete mich, es mal auszuprobieren: vier Tage Paris. Da war es um mich geschehen: die Leute, die Stadt, die Seine und anstatt Geld dafür zu bezahlen, verdiente ich welches. Meine Kinder waren zu dem Zeitpunkt bereits erwachsen und am Ausziehen. Ich habe also meinen Job gekündigt und meinen Mann begleitet. Er war zehn Jahre jünger als ich. Irgendwann hatte er das Gefühl, dass noch etwas Anderes kommen müsste. Er hatte sich neu verliebt und mir alles erklärt. Ich wusste, dass ich niemanden halten kann, der gehen möchte.

,Arbeiten hat nichts mit dem Alter zu tun‘

Zwei Jahre arbeitete ich noch weiter als Reisebegleiterin in dem Betrieb, aber es tat mir zu sehr weh. Dann ging ich zurück in meine Heimat und fand erneut eine Stelle als Filialleitung in einem kleinen Modegeschäft, in dem ich bis zur Rente gearbeitet habe. Über die ganze Zeit ist der Kontakt zu meinen alten Kollegen im Reiseunternehmen aber nie abgerissen. 2017 bin ich dann in Rente gegangen und sie haben gefragt, ob ich noch mal Lust hätte, als Stewardess zu arbeiten. Tja, und jetzt bin ich 68 Jahre alt und arbeite in meinem Traumberuf einfach so lange weiter, bis sie mich mit den Füßen voran aus dem Bus tragen. Arbeiten hat für mich nichts mit dem Alter zu tun, sondern mit der Einstellung und Reisen hält jung! Man hat mit gut gelaunten Urlaubern zu tun und sieht viel von der Welt. Ich fühle mich überall zu Hause. Mein Mann und ich sind getrennte Wege gegangen, aber das Reisen lässt mich nicht mehr los. Heute bin ich alleinstehend, geheiratet habe ich nicht noch mal – reiselustige Männer können sich also gerne melden! (lacht)“ 


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„Lingui“: Die Kraft der Frauen

„Lingui“ ist ein Film über feministischen Widerstand und mütterliche Liebe – bildgewaltig, hochaktuell und relevant

Text: Anarhea Stoffel

Ein kleines Dorf im Tschad, eine staubig karge Landschaft, gleißendes Sonnenlicht und eine Frau, die Feuerschalen aus alten Lkw-Reifen herstellt. Es sind eindrucksvolle Bilder, die der tschadische Regisseur Mahamat-Saleh Haroun in seinem neuen Film zeigt. Das Thema des Films ist unterdessen ein Universelles: der Kampf gegen unterdrückende Gesetze und die Bindung zwischen Mutter und Tochter. Diese gerät aus den Fugen, als die 15-jährige Maria (Rihane Khalil Alio) ihrer Mutter Amina (Achouackh Abakar Souleymane) gesteht, schwanger zu sein.

Zwischen Enttäuschung, Religion und einer besseren Zukunft

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„Lingui“, ein Film aus dem Tschad mit viel Relevanz (Foto: Déjà-Vu Film)

Amina ist enttäuscht, glaubt ihre Tochter habe denselben Fehler gemacht wie sie selbst: dem Vater ihrer Tochter zu vertrauen, der sie während der Schwangerschaft verließ. Anna wurde daraufhin von ihrer Familie verstoßen wurde und musste ihr Kind allein großziehen. Maria hingegen verkündet ihrer Mutter, sie wolle das Kind abtreiben. Das stürzt Amina in eine tiefe Krise: Hin- und hergerissen zwischen dem muslimischen Glauben, der eine Abtreibung nicht zulässt, und dem Wunsch, ihrer Tochter eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Immer wieder verspüren beide den Druck, sich den autoritären Vorstellungen ihres patriarchalen Umfelds zu beugen. Nachdem Maria aus Verzweiflung versucht, sich das Leben zu nehmen, versöhnen sich Mutter und Tochter. Amina beschließt, Maria zu helfen. Die beiden Frauen beginnen einen Kampf um Gerechtigkeit und Selbstbestimmung in einer Gesellschaft, die ihnen keine Stimme geben will.

„Lingui“ ist ein bewegender Film über weibliche Solidarität und das nicht nur zwischen den beiden Hauptfiguren. Er zeigt eine bedingungslose Liebe, die weder durch Unterdrückung noch Gewalt zu brechen ist. Im Gegenteil, es ist eine Liebe, die durch Oppression verstärkt wird.

„Lingui“, Regie: Mahamat-Saleh Haroun. Mit Achouackh Abakar Souleymane, Rihane Khalil Alio, Youssouf Djaoro. 87 Min. Ab dem 14. April in den Kinos 

Hier gibt‘s den Trailer zum Film:


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„Post mit Herz“: Gemeinsam gegen Einsamkeit

Anmelden, Karte schreiben, abschicken: So einfach kann individuell etwas gegen Einsamkeit in unserer Gesellschaft getan werden.

Text: Henry Lührs

Während Corona haben sich die meisten Menschen ab und zu mal einsam gefühlt. Von heute auf morgen brach ein Großteil der alltäglichen Kontakte weg. Die Corona-Regeln werden mittlerweile nach und nach gelockert, der Frühling kommt zurück und mit ihm auch die sozialen Kontakte.

Für viele andere Menschen überdauert die Einsamkeit aber jeden Lockdown und jede Jahreszeit. In Pflegeheimen oder auf der Straße ist das Gefühl allein zu sein traurige Normalität. Die Hamburger Aktion „Post mit Herz“ möchte Menschen, die sich einsam fühlen, zeigen, dass sie von der Gesellschaft nicht vergessen werden. Die Mission lautet: „Jeder einsame Mensch soll eine Karte mit lieben Worten bekommen“. 162.988 Menschen haben sich bereits an der Aktion beteiligt und einen Brief gegen Einsamkeit abgeschickt.

Wer auch „Post mit Herz“ gegen die Einsamkeit versenden möchte, kann das unter postmitherz.org machen und an der Aktion bis zum 10. April 2022 teilnehmen.



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„Er war einfach ein Kauz“

Monika Helfers „Löwenherz“ ist das dritte Buch ihrer Familientrilogie. Ein Gespräch über die Kunst des Lügens, wandelnde Erziehungsstile und das entrissene Lebensglück ihres Bruders, der mit 30 Jahren den Freitod wählte

Interview: Ingrun Thiele

Die Figuren in Monika Helfers Büchern haben Mut, Überlebenswillen und den gesunden Trotz eines Kindes, nämlich den Trotz, sich von gesellschaftlichen Wertvorstellungen und Kategorisierungen nicht beirren zu lassen“, hieß es in Dorothea Zanons Laudatio für die Autorin, als dieser 2016 das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst verliehen wurde. Auch in ihrem neuen Buch „Löwenherz“ behält Helfer ihren persönlichen und zugleich ungeschminkten Schreibstil bei. Egal, ob es um ihr offenkundiges Fremdgehen in vergangenen Zeiten geht oder um hässliche Babys – Helfer schreibt stets ungezwungen über gesellschaftlich verpönte Denkweisen und tabuisierte Themen.

Eine Hommage – nicht ganz einfach

SZENE HAMBURG: Frau Helfer, fällt es Ihnen leichter, über reale Personen zu schreiben als sich Figuren auszudenken?

Monika Helfer: Nein, bei fiktiven Figuren bin ich gelassener, weil sie weiter weg sind. Aber ich habe das Gefühl, dass ich inniger schreibe, wenn ich mit Herzblut dabei bin.

Haben Sie sich deswegen entschieden, über Ihren Bruder zu schreiben?

Ja, wir waren uns sehr nah. „Löwenherz“ ist ja das dritte Buch meiner Familientrilogie. Nachdem ich bereits über meinen Vater und meine Vorfahren geschrieben habe, ist mir als nächstes gleich Richard eingefallen. Er ist eine so besondere und interessante Figur, die sich für ein weiteres Buch gut geeignet hat. Ich wollte eine Hommage an ihn schreiben, was allerdings nicht einfach war, weil Richard so viele Facetten hatte.

„Erfinden ist nicht immer etwas Schlechtes“

Meinen Sie damit, dass Ihr Bruder ein „Schmähtandler“ war – also ein Mensch, der trickst und lügt?

Ja, Richard hat ständig Geschichten erfunden.

Haben Sie ein Beispiel?

Unzählige! Einmal hat er sich beim Betreten eines Ladens als Blinder ausgegeben, damit sein Hund als Blindenhund mit reindurfte. Die beiden waren unzertrennlich.

Gleichzeitig bezichtigen Sie ihn nie der böswilligen Lüge.

Das Erfinden ist nicht immer etwas Schlechtes, oft hat Richard Personen durch seine Geschichten sogar aufgewertet. Sein Erfinden war für alle eher eine Freude, ein Spaß.

Konnten Sie dabei immer unterscheiden, wann er die Wahrheit sagt und wann er fabuliert?

Nicht immer, aber meistens. Aber das war mir auch egal. Ich war nie darauf gefasst, die Wahrheit zu hören und wenn man das weiß, kann man damit leben.

„Ich glaube, dass sich Richard nie richtig geliebt gefühlt hat“

Was hat Richard dabei angetrieben?

Ach, er war einfach ein Kauz. Er hatte eine schwierige Kindheit: Erst starb unsere Mutter, dann kam er zu einer Tante, weil unser Vater sich aus unseren Leben zurückgezogen hatte. Diese Tante hatte einen Ehemann, der immer laut gebrüllt hat, um seine Blindheit zu kompensieren – ein riesiger Mensch mit einer unglaublich tiefen, lauten Stimme, das war für ein Kind natürlich angsteinflößend. Meine Schwestern und ich waren bei einer anderen Tante untergekommen, sodass wir getrennt von ihm waren, er war also allein. Ich glaube, dass sich Richard nie richtig geliebt gefühlt hat.

Wenn man dem Buch glaubt, hat ihn seine Tante doch geliebt?

Die Liebe zu Kindern war damals so eine Sache … Kindern werden heutzutage wie selbstverständlich Wünsche erfüllt und sie werden von den Eltern geküsst – früher waren Kinder eher wie kleine Erwachsene und wurden strenger erzogen. Auch meine Geschwister und ich sind so aufgewachsen, wir sind nie verhätschelt worden.

„Er hat nicht gern gelebt“

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In „Löwenherz“ erzählt Helfer von ihrem Bruder.

Er hat sich dort also nie wohlgefühlt?

Ich glaube nicht. Als Fünfjähriger war er mal eine Woche verschwunden und seine Tante hatte Angst, dass man ihr vorwerfen würde, sie hätte schlecht auf ihn aufgepasst. Deswegen meldete sie es nicht der Polizei, erst am fünften Tag stand eine Vermisstenanzeige in der Zeitung. Wie sich herausstellte, hatte er sich eine Höhle im Wald gesucht und sich dort versteckt. Es war Sommer, er hatte eine Wolldecke mitgenommen und genügend Proviant, er fühlte sich in dieser Höhle wohl.

Waren seine Lügengeschichten auch eine Art Flucht vor der Wirklichkeit?

Er wollte mit der Welt nichts zu tun haben. Er hat nicht gern gelebt. Er hat zwar gerne als Schriftsetzer gearbeitet und in seiner Freizeit gemalt, aber glücklich war er nie. Das änderte sich, als ihm der Hund zulief, den er bei sich aufnahm und als Kitti ihm später das Kind gab, das nicht sein eigenes war.

„Kitti hat etwas Dämonisches“

Richard lernte die schwangere Kitti kennen, die gleich ihr erstes Kind „Putzi“ an ihn abdrückte, obwohl sie sich gar nicht richtig kannten. Wieso ließ er sich so von ihr ausnutzen?

Das fragt man sich, das versteht kein Mensch. Im Buch habe ich es natürlich etwas übertrieben dargestellt, aber Kitti hat etwas Dämonisches. Sie wollte einfach nur Spaß am Leben haben und die beiden Kinder waren ihr lästig. Eines Tages kam sie an und wollte auch ihr Neugeborenes loswerden. Weil Richard aber nicht mit Babys umgehen konnte, wurde es kurzerhand bei mir und meinem Mann untergebracht, was ihr vollkommen gleichgültig war. Dieses Verhalten ist kriminell.

Und Sie haben nichts unternommen?

Wir haben zu Richard immer wieder gesagt: „Richard, du musst zur Polizei gehen, es ist nicht dein Kind, du kannst Schwierigkeiten bekommen!“ Aber er hat es schlichtweg nicht gemacht. Und das Merkwürdige ist, dass wir uns irgendwann selbst daran gewöhnt hatten. Das Baby – Putzi 2 – wurde nach einer Woche wieder von ihr abgeholt, aber Putzi 1 gehörte dann zu Richard dazu. Sie war so reizend und entzückend, wir haben sie alle geliebt.

Putzi 1 und Putzi 2

Was hat es eigentlich mit diesen seltsamen Namen auf sich?

Das Verrückte ist, dass Richard nie wusste, wie das Kind hieß! Kitti nannte ihre Kinder immer nur Putzi 1 und Putzi 2 und konnte sich den komplizierten richtigen Namen von Putzi 1, den deren Vater ihr gab, vermutlich gar nicht merken. Ich glaube, sie hat nicht mal gewusst, von welchem Mann das zweite Kind war, sie ist ja mit jedem ins Bett gegangen.

Und deswegen wurde kein offizieller Adoptionsantrag gestellt?

Ja, eines Tages hat Richard Tanja geheiratet, eine Anwältin. Sie dachte, genau wie alle anderen, dass Putzi sein Kind wäre. Als sie es dann herausfand, wollte sie versuchen, das Kind zu adoptieren. Das Problem war, dass man ein Kind nicht adoptieren kann, dessen Namen man nicht weiß und er war nicht mal der leibliche Vater. Also schrieb Tanja einen Brief direkt an Kitti und bat um die Adoption, woraufhin diese aber wenige Tage später mit Verstärkung vor der Tür stand und Richard das wie am Spieß schreiende Kind entzog.

Das muss furchtbar für ihn gewesen sein.

Seine Zuneigung zu Tieren und zu Kindern war typisch für ihn, Putzi und der Hund waren sein Lebensglück. Als der Hund starb und ihm Putzi genommen wurde, hatte er keinen Grund mehr gehabt zu leben und hat sich dann auch mit 30 Jahren von der Welt verabschiedet.

„Putzi 1 – wir haben sie alle geliebt“

Interessiert Sie, was aus Putzi 1 und Kitti geworden ist?

Was aus Putzi geworden ist, wüsste ich schon gerne. Bei Kitti – um Himmels willen, ich will nichts mit ihr zu tun haben. Irgendwann kam mal eine Frau bei einer Lesung zu mir und meinte, sie würde Kitti kennen. Ich habe sofort abgewunken. Ich möchte nichts mit ihr zu tun haben, sie soll mich nur in Ruhe lassen.

Blut ist demnach nicht immer dicker als Wasser?

Also Putzi 1 – lieber hätte man ein Kind gar nicht haben können, wir haben sie alle geliebt. Ich halte nichts von diesem Spruch, dass Blut dicker sei als Wasser. Ich war sehr mit Richard verbunden und bin es noch, aber es gibt auch viele Fälle, in denen sich der Spruch nicht bewahrheitet. Ich glaube, man liebt jeden, der gut zu einem ist, das gilt als Erwachsener und bei Kindern sogar noch stärker.

Monika Helfer: „Löwenherz“, Hanser, 192 Seiten, 20 Euro


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Kate Winslet: „Eine große Ehre“

Oscar-Preisträgerin Kate Winslet über ihre Darstellung als Mary Anning in „Ammonite“, die Vorbereitung auf Rollen und die Wahl von Filmprojekten

Interview: Patrick Heidmann

 

SZENE HAMBURG: Miss Winslet, Sie spielen in „Ammonite“ die Fossiliensammlerin Mary Anning, die es wirklich gegeben hat. Wie viel wussten Sie über diese Frau?

Kate Winslet: Den Namen Mary Anning hatte ich zwar schon gehört, aber eigentlich wusste ich kaum etwas über sie. Vor allem hatte ich keine Ahnung, was sie letztlich aus wissenschaftlicher Sicht alles geleistet hat. Ich musste ordentlich recherchieren, was natürlich dadurch erschwert wurde, dass über sie längst nicht so viel geschrieben wurde wie über ihre männlichen Zeitgenossen.

Wie haben Sie sich denn auf die Rolle vorbereitet?

Sie meinen außer dass ich wochenlang an den Stränden Südwestenglands nach Fossilien gesucht und Steine aufgeklopft habe? Ich hatte glücklicherweise Zugang zu ein paar ihrer Tagebücher. Das fand ich enorm hilfreich, schon weil ich mir größte Mühe geben wollte, ihre Handschrift so gut wie möglich zu kopieren. Vor allem aber fand ich es wichtig zu sehen, welch enge Beziehungen Mary zu den Frauen in ihrem Leben pflegte. Sie hat nie aufbegehrt gegen das patriarchale Gesellschaftssystem, in dem sie gefangen war, und hat immer akzeptiert, dass ihre wissenschaftliche Brillanz nie so anerkannt wurde wie die von Männern. Da war sie bemerkenswert geduldig und klaglos. Aber gleichzeitig waren immer andere Frauen ihre engsten Vertrauten und Verbündeten.

 

Auf­bruch in die Großstadt

 

Im Film entwickelt sich eine Liebesbeziehung zwischen Anning und der jüngeren Charlotte Murchison. Die ist aber nicht verbürgt, oder?

Nein, sicher ist nur, dass Mary mit Charlotte und ihrem Mann befreundet war. Vieles spricht auch dafür, dass sie die beiden in London besucht und eine Weile bei ihnen gewohnt hat. Wobei sie wohl in ihrem ganzen Leben ihren Küstenort nur zwei­mal verlassen hat und nach London gefahren ist. Auch in „Ammonite“ ist der Auf­bruch in die Großstadt für sie eigentlich eine viel größere Sache als die intime Beziehung zu Charlotte. Letztere ist viel eher eine Selbstverständlichkeit.

Angeblich haben Sie die Rolle sofort angenommen, nachdem Sie das Drehbuch gelesen hatten. Entscheiden Sie sich immer so impulsiv?

Kann man so nicht unbedingt sagen. Obwohl ich viele meiner beruflichen Entscheidungen schon recht instinktiv treffe, aus dem Bauch heraus. Im Fall von „Ammonite“ merkte ich einfach gleich, dass ich es schwer aushalten würde, jemand anderen in dieser Rolle zu sehen. Ich fühlte sofort Besitzansprüche dieser Mary Anning gegenüber. Und ich hatte einfach noch nie so ein Drehbuch gelesen.

 

„Es ist wichtig, LGBTQ-Geschichten stärker in den Mainstream zu holen“

 

Sie meinen die Liebesgeschichte dieser beiden Frauen?

Ja, auch. Ich finde es sehr wichtig, LGBTQ-Geschichten stärker in den Mainstream zu holen, und die zarte, wunderschöne Romanze zwischen Mary und Charlotte ist wirklich etwas Besonderes. Nicht zuletzt, weil sie ohne Zögern, Geheimhaltung oder Angst auskommt. Es wäre doch toll, wenn das Publikum häufiger Geschichten über Menschen aus der LGBTQ-Community und ihre Beziehungen im Kino zu sehen bekommt. Und vor allem möglichst verschiedene. Unserem Regisseur Francis Lee ist da wirklich etwas sehr Spezielles gelungen und mir war es eine große Ehre, ein Teil dieser tollen Geschichte zu sein.

„Ammonite“, Regie: Francis Lee. Mit Kate Winslet, Saoirse Ronan, Gemma Jones. 118 Min. Ab 4. November 2021 im Kino

Lust auf mehr? Hier gibt‘s der Trailer zu „Ammonite“:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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