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Benin-Bronzen: Geraubte Geschichte

Als erste Stadt Deutschlands gibt Hamburg die legendären Benin-Bronzen an Nigeria zurück. Maßgeblich beteiligt ist Prof. Dr. Barbara Plankensteiner, Direktorin des Museums am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt (MARKK). Sie kämpft seit Jahrzehnten für die Restitution, die Rückerstattung dieser Raubkunst, und richtet die Abschiedsausstellung „Benin. Geraubte Geschichte“ aus

Interview: Markus Gölzer

SZENE HAMBURG: Frau Plankensteiner, Hamburg leitet die Rückgabe der Benin-Bronzen ein. Und damit auch das Ende der Völkerkundemuseen, weil ohne Raubkunst die Ausstellungsstücke knapp werden?

Prof. Dr. Plankensteiner: Nein. Wir haben ja nicht nur Raubkunst in unseren Sammlungen. Das ist ein sehr vielfältiges Spektrum an Objekten. Wir sind gerade dabei, in Provenienzforschungsprojekten größere Klarheit zur Herkunft zu gewinnen. Wer waren die Besitzer, wie sind sie zu ihren Sammlungen gekommen, wie bewerten ihre Nachfahren diese Objekte. Das erfordert aufwendige Forschung in Archiven. Aber auch Zusammenarbeit mit Vertretern der Herkunftsgesellschaften, um ein Verständnis zu gewinnen, ob diese Objekte rechtmäßig in den Besitz des Museums gelangt sind. Aber unsere Depots werden sicher nicht leer werden. Die Ausstellung trägt den eindeutigen Titel „Benin. Geraubte Geschichte“.

Was erwartet die Besucher?

Wir zeigen jedes einzelne Stück, um transparent zu zeigen: Daraus setzt sich eine Benin-Sammlung zusammen. Aus wirklich herausragenden Kunstwerken. Und aus Fragmenten, kleinteiligen Dingen, Alltagsobjekten. Wir erzählen, warum es notwendig ist, die Sammlung zurückzugeben. Unter welchen gewaltvollen Umständen diese Dinge nach Europa gelangt sind, über welche Personen das Museum sie erworben hat, was diese Personen vor Ort gemacht haben. Wir erklären auch die Kunst. Was war ihre Bedeutung? Welchen Wert hat sie für die heutige Edo-Bevölkerung im Edo State, dem Kern des ehemaligen Königreichs Benin? Wie interpretieren die Wissenschaftler dort die Werke?

„Man erkennt das Leid der Kolonialzeit an“

Was bedeuten die Werke für die Edo?

Manche Gegenstände werden in religiösen Ritualen verwendet, andere waren Repräsentationskunst des Königs, die den Palast geschmückt hat. Es gibt zum Beispiel. die königlichen Gedenkköpfe, sie spielen eine wichtige Rolle für das ganze Reich. Die waren auf Ahnenaltären aufgestellt, haben an königliche Vorfahren erinnert, aber auch an die spirituelle Bedeutung der Könige, die religiöse Oberhäupter sind und denen man jährlich gedenkt. Diese Zeremonien bestärken die spirituelle Kraft des Königs und sorgen für Wohlbefinden und Wohlstand der Bevölkerung.

Was ist Ihre Empfindung bei der Rückgabe? Trennungsschmerz oder Erleichterung?

Natürlich ist es für Museumsleute immer schwierig, sich von lieb gewonnen Objekten zu trennen. In diesem Fall macht es glücklich, dass dieser Schritt endlich gesetzt werden kann nach so vielen Jahrzehnten. Ich denke, sie werden vor Ort eine viel größere Bedeutung haben als bei uns, weil die Menschen dort eine ganz andere emotionale Bindung zu diesen Werken haben. Auch die junge Generation. Die Restitution bringt zum Ausdruck, dass man das Leid der Kolonialzeit anerkennt. Ich glaube, das ist sehr wichtig für die Bevölkerung vor Ort.

Zusammenarbeit

Seit wann fordert Nigeria die Kunstwerke zurück?

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Im Interview: Prof. Dr. Barbara Plankensteiner, Direktorin des Museums am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt (MARKK) (Foto: Paul Schumweg)

Seit den 1930er-Jahren äußern Könige den Wunsch, dass gewisse Objekte zurückgegeben werden. In den 1970er-Jahren gab es erste Restitutionsforderungen, auch über die UNESCO. Bénédicte Savoy stellt das in ihrem Buch „Afrikas Kampf um seine Kunst“ sehr schön dar. Nach der Unabhängigkeit haben viele afrikanische Staaten ihr Kulturerbe zurückgefordert. Vergeblich. Es gab keine internationale Gesetzgebung, auf die sich eine Rückforderung von kolonialem Raubgut berufen hätte können. Aber inzwischen ist das eine ganz klare moralische und ethische Entscheidung, wie auch der Außenminister der letzten Regierung, Heiko Maaß, betont hat. Es ist eine Frage der Gerechtigkeit.

Inwieweit war Nigeria an dem Projekt beteiligt?

Wir haben das große Digitalprojekt „Digital Benin“ ins Leben gerufen. Daran sind nigerianische Historikerinnen und Historiker wie auch Anthropologinnen und Anthropologen beteiligt. Sie haben die Ausstellung mitgestaltet. Wir arbeiten mit nigerianischen Künstlern zusammen, die uns beraten und in der Benin Dialogue Group mitwirken. Die Benin Dialogue Group (BDG) wurde von Nath Mayo Adediran, dem damaligen Direktor der Museumsabteilung der National Commission for Museums and Monuments (NCMM) und mir im Jahr 2010 gegründet, um gemeinsam der Rückgabe den Weg zu ebnen. Wir haben eine Agentur in London eingeladen, die von nigerianischen Historikern betrieben wird. Die haben den Einführungsfilm gemacht. Wir stehen kontinuierlich in engem Austausch mit unseren nigerianischen Kollegen.

Viele Initiativen

Was geschieht mit den Werken nach der Ausstellung?

Es gibt Pläne, in Benin City ein großes Museum, das Edo Museum of West African Art (EMOWAA) zu gründen. Dazu hat man den weltberühmten Architekten Sir David Adjaye eingeladen, eine Vision zu entwickeln. Gleichzeitig soll auf dem Palastgelände ein Royal Museum entstehen in kleinerem Format. Die Werke sollen verknüpft mit zeitgenössischer Kunst dargestellt werden.

Die Ausstellung ist auch eine Auseinandersetzung mit Hamburgs kolonialer Vergangenheit. Wie ist es in der Hansestadt um diese Aufarbeitung bestellt?

Es gibt viele Initiativen: Die Forschungsstelle für postkoloniales Erbe an der Universität Hamburg, einen Runden Tisch, es gibt einen Beirat, der sich mit dem Stadtraum und dem kolonialen Erbe der Stadt beschäftigt. Da sind wir aber nur am Rande beteiligt. Wir haben genug mit unserer Sammlung zu tun (lacht). Wir sind auch ein koloniales Denkmal. Dessen sind wir uns bewusst und dem wollen wir gerecht werden.

Den Blick über den Tellerrand fördern

Sie übernahmen 2017 die wissenschaftliche Leitung des Museums für Völkerkunde in Hamburg, 2018 wurde es in Museum am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt (MARKK) umbenannt. Wie geht es der Ethnologie in Zeiten, in denen man sich mit Rastalocken der kulturellen Aneignung verdächtig macht?

Das Fach hat sich radikal verändert. Es heißt an den meisten Instituten nicht mehr Ethnologie, sondern Kultur- und Sozialanthropologie. Es beschäftigt sich nicht mit dem Erforschen von „Völkern“, sondern mit der gesellschaftlichen Verankerung des Menschen. Die Forschungsmethoden sind andere als früher. Man arbeitet zusammen. Deshalb ist die Aneignung, die Sie gerade beschrieben haben, ein Gegenstand unserer Forschung.

Ein letzter Satz zu Ihrem Anliegen?

Ich möchte betonen: Das Aufarbeiten des kolonialen Erbes ist für uns ganz wichtig. Das ist ein bedeutendes Thema für uns als Museum in der Stadtgesellschaft und gerade auch das Thema Kolonialgeschichte für Schulen, weil wir da ein spezielles Angebot machen können. Trotz allem ist es uns ein großes Anliegen, auch künstlerische und kulturelle Errungenschaften in den Vordergrund zu stellen, die Bedeutung der Werke und ihre Anerkennung zu fördern. Das fehlt in unserer Gesellschaft, weil der Blick immer nur auf europäischer Kunstgeschichte liegt. In unserer globalisierten Welt ist es wichtig, über diesen Tellerrand hinauszusehen. Das wollen wir mit unserer Arbeit befördern.

Museum am Rothenbaum. Kulturen und Künste der Welt (MARKK)


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Kunstverein in Hamburg: Da braut sich was zusammen

Im Kunstverein in Hamburg gibt es mit „Proof of Stake – Technologische Behauptungen“ eine hochaktuelle Schau über Blockchains und andere unheimliche Ingredienzien unser digitalen Umwelt

Text: Karin Schulze

 

Wie gut, dass es zu Proof of Stake im Kunstverein ein Glossar gibt, denn die Ausstellung berührt schwieriges Terrain: die Auswirkungen von Technologien wie des Blockchain-Verfahrens auf Eigentums- und Machtverhältnisse. Komplex ist bereits der Titel. Er bezeichnet einen zentralen Mechanismus, der bei der Generierung neuer Blockchain-Blöcke zum Einsatz kommt. Und das ohne das energieaufwendige Mining. Als Ausstellungstitel aber meint er vielleicht so etwas wie: „Nachweis für das, was auf dem Spiel steht.“ Dabei beginnt die Ausstellung mit vordigitalen Macht- und Eigentumspraktiken in Gestalt kolonialer Aneignungen. Wie einen dunklen Schatten legt der Künstler Timur Si-Qin dieses Thema unter und über die Schau. Auf dem Boden des Kunstvereins hat er mit Folie den Grundriss der ehemaligen Ausstellung für indigene Kulturen Nordamerikas des MARKK (Museum am Rothenbaum) markiert und darauf die ausrangierten Vitrinen verteilt. Jetzt leer, sind sie zugleich Erinnerung an koloniale Inbesitznahmen und gespenstische Vorboten künftiger Aneignungen.

 

Von Hirschlederhemden zu Blockchain

 

Diese Fährte nimmt Krista Belle Stewart auf. Die Künstlerin, selbst Angehörige der nordamerikanischen Syilx Nation, hat sich von Anhängern deutschen Freizeit-Indianertums ein als „indianisch“ geltendes Hirschlederhemd fertigen lassen, das sie – gewissermaßen im Gewand seiner abstrusen Entstehungsgeschichte – nun ebenfalls in einer Vitrine exponiert.

Proof of Stake – Technologische Behauptungen, die aktuelle Ausstellung im Kunstverein in Hamburg (Foto: Fred Dott)

Proof of Stake – Technologische Behauptungen, die aktuelle Ausstellung im Kunstverein in Hamburg (Foto: Fred Dott)

Direkt auf das Thema Blockchain zielt der Londoner Kryptokunst- und NFT-Pionier Robert Alice mit einer runden, münzförmigen Leinwand, die umlaufend mit den 322.048 Ziffern des kryptografischen Schlüssels für einen der ersten Datenblöcke von Bitcoin-Transaktionen versehen ist. Femke Herregraven, eine Künstlerin, die sich den soziopolitischen Auswirkungen von Finanztechnologien widmet, stellt eine Verbindung her zwischen der Produktion von Latex im 19. Jahrhundert, das für die Isolierung von Unterwasserkabeln verwendet wurde, und den Kommunikationsinfrastrukturen, auf denen beispielsweise auch Blockchains basieren.

Natürlich werden auch die in letzter Zeit so heftig debattierten NFT-basierten Kunstwerke thematisiert. Etwa vom Künstler und HFBK-Professor Simon Denny, der zusammen mit Kunstvereinsdirektorin Bettina Steinbrügge die Schau verantwortet. Für einen seiner eigenen Beiträge haben Wissenschaftler technische Objekte ausgewählt und deren organisatorische Funktionen in Texten beschrieben. Diese Dinge hat Denny in ein NFT verwandelt, das den Wissenschaftlern zur Vergütung ihrer Mitarbeit geschenkt wurde.

 

Stimmig kuratiert

 

Durchaus plausibel fügen sich in die Ausstellung auch Arbeiten ein, die lange vor der Blockchain entstanden sind. Der behaarte Fleischblock aus der Serie Technologische Reliquienbehältnisse des Künstlers Paul Thek (1933–1988) etwa. Das Behältnis mit seinem unheimlichen Inhalt macht sich gut neben dem gläsernen Kühlschrank von Josh Kline, der dreierlei Softdrinks mit harten Inhaltsstoffen für harte Zeiten bereithält: Eine Geschmacksvariante etwa basiert auf Crowd Control, Schweineblut, Pfefferspray und Dreck. Dazu passt auch Mel Chins Warenautomat: Seine Packungen scheinen Sandwiches zu offerieren, enthalten aber vor allem Fetzen einer zerschnittenen US-Flagge: Partialpatriotismus to go gewissermaßen. Und alle drei lassen sich als Belege deuten für die zunehmende Technifizierung von Körpern, Bedürfnissen und Einstellungen.

Die Ausstellung gleicht einem Spielfeld, auf dem man sich in Aspekte der neuen, für die meisten so gar nicht transparenten Technologien hineinzoomen kann – und auf dem zugleich kritische Distanz möglich wird.

Proof of Stake – Technologische Behauptungen, Kunstverein in Hamburg, bis 14. November 2021


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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#seeforfree: Kunst und Kultur kostenlos erleben

Mit dem Reformationstag am 31. Oktober hat Hamburg seit 2018 einen zusätzlichen Feiertag. Mittlerweile ist es gute Tradition, dass an diesem Tag die Hamburger Museen mit freiem Eintritt locken, so auch 2021

Text: Felix Willeke

 

Das Altonaer Museum, das Archäologisches Museum, die Deichtorhallen Hamburg, die KZ-Gedenkstätte Neuengamme, das Museum der Arbeit, … Diese Liste ließe sich fast beliebig fortsetzen. Insgesamt 31 Museen sind bei „#seeforfree“ 2021 dabei und geben bei freiem Eintritt Zugang zu Kunst und Kultur. Mit dabei sind Highlights wie die aktuelle Ausstellung des MARKK „Hey Hamburg, kennst Du Duala Manga Bell?“ oder die Ausstellung des Dänen Adam Christensen im Harburger Bahnhof.

 

Corona-Maßnahmen

 

Fiel der Tag im letzten Jahr Corona-bedingt noch aus, nimmt die Pandemie in diesem Jahr nur noch wenig Einfluss auf #seeforfree. 2021 gibt es in 27 der 31 Museen freien Eintritt nach dem 2G-Modell. Das heißt, nur Geimpfte und Genesene kommen in die Museen (Ausnahme: Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren). Damit fallen in diesen Häusern auch Einschränkungen wie Maskenpflicht oder Abstandsgebote weg. In drei der vier Museen mit Einlass nach 3G müssen vorher Zeitslots für den Einlass gebucht werden.

#seeforfree: 31. Oktober 2021, ab 10 Uhr


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Hey Hamburg, kennst Du Duala Manga Bell?

Das MARKK setzt sich in einer aktuellen Ausstellung mit dem kolonialen Erbe der Hansestadt auseinander

Text: Marco Arellano Gomes

 

Nun könnte man auf die provokativ gestellte Frage des MARKK hier eine Kurzbiografie folgen lassen und behaupten: „Ja, jetzt kennen wir ihn.“ Aber ganz so einfach ist das nicht. Das Leben ist dann doch vielseitiger und schillernder, als ein enzyklopädischer Kurzbeitrag erfassen kann. Und so hat das Museum am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt, kurz MARKK, keine Mühen und Kosten gescheut, um das Leben von Manga Bell mittels dieser Sonderausstellung umfassend darzustellen und zugleich den Themen Kolonialismus, Rassismus und Erinnerungskultur zu begegnen. Erzählt wird die tragische, weithin vergessene Geschichte des widerständigen jungen Königs Rudolf Duala Manga Bell (1873–1914) aus der Händler-Dynastie der Bells.

 

Auflehnung gegen Rassismus und die Rolle Hamburgs

 

Bell kam in der Hafenstadt Douala zur Welt. Seine Familie ist durch den Handel mit den europäischen Kaufleuten zu Wohlstand gekommen. Es ist eine Geschichte zwischen Kamerun und Deutschland, bei der Hamburg eine tragende Rolle spielte. Es ist vor allem aber auch die Geschichte eines jungen Mannes, der sich gegen Rassismus und Willkür der deutschen Kolonialregierung auflehnte. Bell richtete sich gegen die zunehmende Ausbeutung von Rohstoffen, bis er selbst im Alter von knapp 40 Jahren hingerichtet wurde. Welche Rolle spielte Hamburg dabei? Was kann man daraus lernen? Und vor allem: Wer genau war Rudolf Duala Manga Bell? Das sind die Fragen, die die Ausstellung beantworten möchte. Sie richtet sich an alle, die etwas Neues lernen möchten, aber auch speziell an Jugendliche und Familien. Spannend, anschaulich, lehrreich.

markk-hamburg.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2021. Das Magazin ist seit dem 30. September 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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#openbutsafe: Was die Hamburger Museen bewegt

Hamburgs Kultur lebt auf. Als erste der Kultur-Institutionen haben die Hamburger Museen seit dem 7. Mai ihre Türen für Besucher wieder geöffnet. Natürlich gilt es auch hier Regeln zu beachten wie unter anderem der Mindestabstand von 1,50 Meter, keine Gruppenbesuche außer Familien und häusliche Gemeinschaften sowie das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes. Was die Museumswelt gerade bewegt, erzählen drei der Akteure

 

Interviews: Hedda Bültmann 

3 Fragen an Professorin Tulga Beyerle, Direktorin vom Museum für Kunst und Gewerbe

Professorin Tulga Beyerle, Direktorin vom Museum für Kunst und Gewere (Bild: Henning_Rogge)

Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf die jetzige Phase der Wiedereröffnung?

Es ist ein wunderbares Gefühl, wieder Men­ schen in unseren Räumen zu sehen. Man spürt, wie sehr unsere ersten Gäste den Museums­ besuch genießen. Kultur wird ja erst lebendig durch das gemeinsame Erlebnis und den Aus­ tausch darüber. Natürlich haben wir in der Zeit der Schließung weiter an unseren Projekten gearbeitet. Aber das Innehalten hat uns auch gezeigt, wie sehr unser Gegenüber, unser Publi­ kum fehlt. Nur gemeinsam entsteht Kultur und nur gemeinsam wird sie rezipiert. Sie gibt uns Orientierung und eröffnet neue Perspektiven, die helfen, in schwierigen Zeiten optimistisch zu bleiben. Museen können hier als kulturelles Gedächtnis wichtige Anregungen geben.

Hat sich während der Schließzeit etwas herauskristallisiert, das Sie zukünftig ändern werden?

Die siebenwöchige Schließung hat uns einmal mehr gezeigt, wie wichtig die Verbindung zu un­serem Publikum über die digitalen Medien ist. Selbst wenn sich unser Alltag wieder normali­siert und die direkte Begegnung mit dem Objekt immer etwas Besonderes bleibt, wird es weiter­hin Menschen geben, die mobil eingeschränkt sind oder weit entfernt wohnen. Sie zu errei­chen war uns immer schon ein Anliegen. Die Schließzeit hat uns den nötigen Schub gegeben, sich noch konzentrierter und mit mehr Lust der Digitalisierung zu widmen. Wir werden diese Aktivitäten in Zukunft ausbauen, denn auch der digitale Besuch ist wertvoll. Die Gleichwertig­keit von analogem und digitalem Besuch wäre übrigens ein spannendes Thema für eine Dis­kussion mit unseren Förderern.

Welche Folgen tragen Sie aus der Zeit?

Ganz praktisch sind unsere Stationen zum Anfassen und Selbermachen aktuell nicht im Einsatz. Bis Ende Juni finden keine Veranstal­tungen, keine Führungen und kein Programm für Kinder und Jugendliche statt. Auf der einen Seite müssen wir kreativ sein und unter den gegebenen Sicherheitsbedingungen Angebote entwickeln. Darüber hinaus lohnt es sich, lang­fristig in Online­Vermittlungsprogramme zu investieren, seien sie für Schulen oder auch als zusätzliches Lehrangebot. Die Corona­-Pande­mie ist auch eine gute Gelegenheit, über den Stellenwert und die Wirkung unserer kulturel­len Arbeit jenseits der Zahlen nachzudenken.

Ausstellungen:
20.6.–1.11.2020 Peter Lindbergh: Untold Stories
Bis 20.9.2020 Das Plakat. 200 Jahre Kunst und Geschichte
www.mkg-hamburg.de 

 

Einige der wichtigsten Museen der Stadt gehören zur Stiftung Historische Museen Hamburg (SHMH). Was Corona für sie bedeutet, was sich verändert hat und wie es weitergeht, erzählt Prof. Dr. Hans-Jörg Czech, Direktor und Vorstand

Prof. Dr. Hans-Jörg Czech, Direktor und Vorstand der STiftung Historische Museen Hamburg (Bild: Sinje Hasheider)

Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf die jetzige Phase der Wiedereröffnung?

Wir freuen uns in der SHMH riesig, dass wir mit unseren Dauer­ und Sonderausstellungen dem Publikum endlich wieder kulturelles Erleben vor Ort in denen Häusern ermöglichen kön­nen. Inzwischen sind die Maßnahmen zur Um­setzung der Kontaktbeschränkungen und der zusätzlichen Hygieneauflagen schon Teil einer neuen Betriebsroutine geworden. Wir sind fest davon überzeugt, dass wir unseren Besucherin­nen und Besuchern auch unter den gegenwär­tigen Rahmenbedingungen einen angenehmen und sicheren Museumsbesuch bieten können.

Wie lange haben Sie für die Pläne zur Öffnung gebraucht?

Die ersten Überlegungen für ein abgestimm­tes Vorgehen im Falle der Wiedereröffnung zunächst mit den anderen staatlich getragenen Museums­ und Ausstellungshäusern haben un­mittelbar nach Ostern begonnen. Eine gemein­same Linie für die erforderlichen Abstimmun­gen mit der Behörde für Kultur und Medien war dann schnell gefunden. Die folgenden Wochen bis zum 7. Mai waren dann für uns voll erfor­derlich, um die gemeinsamen Beschlüsse auf die Gegebenheiten an den einzelnen Standorten un­serer Stiftung zuzupassen und die spezifischen Hygienekonzepte im Detail auszuarbeiten.

Wie lief dabei die Zusammenarbeit mit dem Senat?

Unsere Abstimmungen mit dem Kultursena­tor und der Behörde für Kultur und Medien verliefen zu jeder Zeit sehr konstruktiv und ermöglichten das gemeinsame, abgestimmte Vorgehen, an das sich dank der Vermittlung der Behörde dann erfreulicherweise auch viele Einrichtungen in nicht staatlicher Trägerschaft angeschlossen haben.

Waren strukturelle Veränderungen notwendig?

Es ist nach wie vor erforderlich, die Wegefüh­rungen für das Publikum in unseren Ausstel­lungsbereichen stärker als früher zu steuern und Engstellen, an den denen die notwendigen Ab­ stände schwierig einzuhalten sind, zu vermei­den. Das geschieht in manchen Einrichtungen der SHMH zum Beispiel durch die Abgrenzung von separaten Ein­ und Ausgangstüren.

Haben Sie aus der Lockdown-Zeit etwas mitgenommen, das Sie zukünftig ändern werden?

In meiner Wahrnehmung haben die digitalen Portale und Inhalte der SHMH nochmals mehr an Bedeutung für unsere Vermittlungsarbeit ge­wonnen. Ich glaube, das geht vielen Kulturein­ richtungen ähnlich, die während der pandemie­ bedingten Schließungen auch nur die digitalen Wege zur Verfügung hatten oder noch haben, um ihr Publikum zu erreichen. Wir werden in Zukunft darauf hinwirken, die Erstellung von digitalen Angeboten noch flexibler und schnel­ ler bewerkstelligen zu können.

Wie ist es Ihnen während der Schließung ergangen?

Die Zeit war für mich selbst, wie für unsere Museumsteams in jedem Falle sehr intensiv und arbeitsreich. Ich schulde allen Kolleginnen und Kollegen in unseren Häusern großen Dank und Respekt für das engagierte und ideenreiche Wirken während der Schließungsphase, ohne das weder die speziellen digitalen Angebote zusammengekommen wären, noch die kompli­kationsfreie Wiedereröffnung. Und obendrein haben wir alle Erfahrungen in neuen Formen der Zusammenarbeit gesammelt – angefangen beim Zusammenwirken aus dem Homeoffice bis zur extensiven Nutzung von Telefon­ und Videokonferenztools.

Ihr Projekt „CoronaCollectionHH“ dokumentiert die Zeit während der Pandemie. Was wird unsere Nachwelt daraus ableiten können?

Für uns als historische Museen ist es eine der wichtigsten Aufgaben, nicht nur Prozesse und Abläufe der Vergangenheit zu erschließen, son­dern auch die Ereignisse der Gegenwart syste­matisch zu dokumentieren. Was wir im Heute nicht aktiv sammeln und festhalten, steht uns und unseren Nachfolgern und Nachfolgerinnen im Amt morgen nicht für ihre Arbeit zur Verfü­gung. Es wird spannend sein, zu sehen, welche Schlüsse aus der Perspektive eines gewissen zeit­lichen Abstands in der Zukunft daraus gezogen werden können.

Ausstellungen:
Bis 23.11.2020 im Altonaer Museum: Fisch. Gemüse. Wertpapiere. Fide Struck fotografiert 
Bis 17.8.2020 im Museum für Hamburgische Geschichte: Reflect – historische Textilien im Prozess
Zu der SHMH gehören das Altonaer Museum, Museum für Hamburgische Geschichte, Mu­seum der Arbeit, Hafenmuseum, Jenisch Haus und das Speicherstadtmuseum 
shmh.de 

 

3 Fragen an Barbara Plankensteiner, Direktorin MARKK

Barbara Plankensteiner, Direktorin MARKK (Bild: Paul Schimweg)

Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf die jetzige Phase der Wiedereröffnung? 

Wir sind sehr froh, den Menschen in Zeiten wie diesen wieder Begegnung mit Kultur und auch einen gewissen sozialen Austausch ermöglichen zu können. Wir haben großes Glück, als Museum die räumlichen Gegeben­ heiten für eine Wiedereröffnung bieten zu können und konnten sogar unsere große Sonderausstellung „Im Schatten von Venus. Lisa Reihana & Kunst aus dem Pazifik“ bis Oktober verlängern. Sie wurde – kaum eröffnet – direkt wieder geschlossen. Nun können die Besucher und Besucherinnen das beeindruckende Videopanorama der neuseeländischen Künstlerin Lisa Reihana doch noch erleben.

Hat sich während der Schließzeit etwas herauskristallisiert, das Sie zukünftig ändern werden?

Einige digitale Formate, die sozusagen aus der Improvisation entstanden sind, möchten wir gerne weiterführen. So zum Beispiel unseren MARKK in Motion Podcast. Die Idee war, in Zeiten des Stillstands in Bewegung zu bleiben und die Veranstaltungen, die aufgrund der Schließung ausfallen mussten, digital als Videopodcast zu veröffentlichen. Durch die Interviews, die unser Kurator Gabriel Schimmeroth mit den PartnerInnen und Mit­ arbeiterInnen führt, erhalten die ZuschauerInnen einen spannenden Ein­ blick in die Entwicklungsprozesse, die während der Neupositionierung bei uns stattfinden. Solche Blicke hinter die Kulissen schaffen unabhängig von Ort und Zeit Zugang zu unseren Themen.

Welche Folgen tragen Sie aus der Zeit?

Die Ausstellungsplanung wurde durch Verschiebungen, die eine Ketten­reaktion auslösen, längerfristig beeinflusst und natürlich haben wir finan­zielle Einbußen zu verkraften, die uns einschränken und belasten. Wir hoffen vor allem, dass die Möglichkeit international zu reisen bald wieder gegeben ist, da ein Haus wie unseres vom Austausch und der Zusammenar­beit mit unseren PartnerInnen weltweit lebt. Wir haben zwar in dieser Zeit auch erprobt in Online­Meetings den Austausch weiterzupflegen, doch haben wir dabei festgestellt, dass diese Form der Kommunikation eine di­rekte, persönliche Interaktion nicht ersetzen kann.

Ausstellungen:
Seit Mai Ausgezeichnet: Künstlerinnen des Inventars
Bis Oktober 2020 Im Schatten von Venus
markk-hamburg.de

 

Es geht nur gemeinsam

Kultursenator Carsten Brosda, Hans-jörg Czech, Vorstand Historische Museen Hamburg, Tulga Beyerle, Direktorin Museum für Kunst und Gewerbe und Staatsoper-Intendant Georges Delnon (Bild:Philipp Göbel)

Für die Mitarbeiter der Hamburger Museen hat die Hamburgische Staatsoper in circa 70 Stunden 500 Schutzmasken angefertigt. Auch das Schauspielhaus hat mitgewirkt. Denn die Öffnung der Häuser unter den geltenden Hygiene- und Distanzregelung sei eine besondere Herausforderung wie Hans-Jörg Czech sagt, vor allem im Kassen-, Aufsichts- und Reinigungsdienst. Die Staatsoper zeigt sich solidarisch. Gerade in Krisenzeiten sei der Zusammenhalt sehr wichtig, wie Intendant Georges Delnon findet: „Wir alle vermissen unser Publikum schmerzlich. Dass die Museen nun schrittweise wieder öffnen, stimmt uns hoffnungsvoll. Deshalb freuen wir uns, den Hamburger Museen mit den Gesichtsmasken die Hand zu reichen.“

 

 


 Der Text stammt aus dem SZENE HAMBURG DANKE!-Magazin. Das Magazin ist seit dem 29. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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