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„Sicherheitszone“: Katrin Seddigs neuer Roman

Katrin Seddigs Familienroman „Sicherheitszone“ spielt vor dem Hintergrund des G20-Gipfels in Hamburg. Ein Gespräch über gesellschaftliche Brüche, die Unübersichtlichkeit der Welt und Wege aus der Ohnmacht

Text & Interview: Ulrich Thiele

 

Zu Beginn steht ein Zitat der polnischen Dichterin Wisława Szymborska: „Ich ziehe das Chaos der Hölle dem Chaos der Ordnung vor.“ In „Sicherheitszone“ zerfällt die Ordnung der Familie Koschmieder. Die 17-jährige Imke ist bei „Jugend gegen G20“ aktiv. Ihr großer Bruder Alexander steht als Polizist auf der anderen Seite. Thomas, der Vater, verlässt die Familie für eine jüngere Frau – die Ernüchterung folgt schnell. Während einer Demo gerät er auf der Suche nach Imke in einen Tumult und wird von einem Polizisten attackiert: „Er hatte die ganze Zeit gedacht, er könne außen vor bleiben, alles als Beobachter sehen, und sein eigener Irrtum wird ihm so kalt und klar, so höhnisch bewusst, als wäre er ein Irrtum nicht nur in diesem Moment, sondern seines ganzen Lebens.“

Seddigs Roman ist die Geschichte eines Umbruchs und der damit verbundenen Verunsicherung: „Die Welt, wie wir sie kannten, die ist vorbei. Sie ist schon länger vorbei, aber wir haben’s jetzt erst gemerkt“, konstatiert Thomas zum Schluss. Selten wurde das Chaos der Ordnung präziser seziert als in „Sicherheitszone“.

 

SZENE HAMBURG: Katrin, du hast Kultur einmal als lebenswichtig bezeichnet, weil mit ihrer Hilfe Krisen verdaut werden. Hast du G20 nun verdaut?

Katrin Seddig: Nein, ich spüre immer noch Wut und nicht aufgearbeitete Prozesse in mir. Aber während der Arbeit am Roman habe ich gelernt, Abstand zu nehmen und die Ausschreitungen wie ein historisches Bild zu betrachten.

Und kannst du die Ereignisse inzwischen irgendwie für dich einordnen?

Privat war das für mich ein Bruch. Mir wurde schlagartig klar, dass ich mich auf bestimmte Dinge nicht verlassen kann. Ich wusste schon vorher, dass es schwarze Schafe bei der Polizei gibt. Ich sehe auch ein, dass das eine schwierige Lage für die Polizisten war. Aber dass so massiv vorgegangen wird – etwa bei der Räumung des Camps – hat mich schockiert.

Ich habe da erst begriffen, dass man systematisch Gesetze brechen kann und dafür nicht belangt wird, wenn man Macht hat. Das ist vielleicht naiv, aber ich musste das wohl erst sehen, um es zu wissen.

 

Ein strukturelles Problem

 

Wo ist die Wurzel des Problems?

Das ist ein strukturelles Problem. Es ist keine Entscheidung von einzelnen Polizisten, dass es keine Folgen hat, wenn auf Menschen eingeprügelt wird, die schon am Boden liegen. Es gab damals noch keine Kennzeichnung von Polizisten, eine unabhängige Beschwerdeinstanz gibt es bis heute nicht. Und die Leute, die die Befehle geben, sind verantwortlicher als 20-jährige Polizisten, die die ganze Zeit angespuckt werden und irgendwann ausrasten.

Das entschuldigt nichts, ist aber menschlich nachvollziehbarer, als wenn fragwürdige Räumungsbefehle gegeben werden, obwohl man den Überblick hat und gar nicht physisch in Gefahr ist. Du hast die Ereignisse fiktiv verarbeitet.

Welche Rolle spielt das Narrative bei der Aufarbeitung?

Mir ist aufgefallen: Je weiter die Menschen weg von den Ereignissen waren, umso klarer war ihre Vorstellung davon, wie es gewesen ist. Diejenigen, die mittendrin waren, hatten gar keine Vorstellung, weil es so kompliziert und unübersichtlich war. Man kann immer nur einen Bruchteil sehen.

Manche Entwicklungen lassen sich durch Geschichten besser erfassen als durch Berichte. Ich biete nur eine Geschichte von vielen möglichen an. Deswegen war es mir wichtig, kein Sachbuch zu schreiben, sondern einen Familienroman.

Warum ein Familienroman?

Das kommt aus meiner persönlichen Situation heraus, weil ich in einer Familie lebe. Außerdem ist die Familie tatsächlich auch die kleinste Zelle der Gesellschaft, so klischeehaft das klingt. Darin spiegeln sich Konflikte vereinfacht wider. Und ich wollte ein Bild eines gesellschaftlichen Bruchs zeichnen.

Cover_Seddig_SicherheitszoneWie war das, dich in so unterschiedliche Charaktere hineinzudenken, die teilweise konträr zu deiner Einstellung stehen?

Unterschiedlich schwer. Mich in Jugendliche hineinzuversetzen, fällt mir schwerer, weil ich in dieser Gemeinschaft nicht mehr lebe und gerade Jugendliche sich stark von Erwachsenen abgrenzen durch ihre Sprache und sie sind untereinander ganz anders als vor Erwachsenen. Ich habe deswegen keine Jugendsprache verwendet, dieser Versuch hätte nur scheitern können. +

Natürlich ist es einfacher für mich, mich in Menschen meines Alters hineinzuversetzen, und leichter in Frauen als in Männer. Grundsätzlich kann man sich aber in alle Gedankengänge hineinversetzen, auch in böse. Man hat alle Regungen in sich, wenn man die konsequent weiterverfolgt, dann kann man sich alles denken.

Du sagst, es fällt dir leichter, dich in Frauen hineinzuversetzen als in Männer. Interessanterweise vertritt der Vater im Roman viele der Thesen und Meinungen, die du in deiner Taz-Kolumne vertrittst.

Das liegt vielleicht daran, dass der Vater die Hauptfigur sein musste, falls es überhaupt eine Hauptfigur in dem Roman gibt. Er ist der erste Handelnde, indem er die Familie verlässt. Er ist auch die tragischere und zugleich komischere Figur, weil er viel mehr der Lächerlichkeit preisgegeben wird als die anderen Figuren.

Warum eignet sich der Vater am besten für die Rolle der Hauptfigur?

Ich beobachte in meinem Umfeld, dass feinfühlige Männer meines Alters mit dominanten Vätern aufgewachsen sind. Sie haben größere Schwierigkeiten als Frauen, sich in der heutigen Welt zurechtzufinden – gerade weil sie nicht so sein wollen wie ihre Väter, aber doch noch ungewollt in dieser Welt stecken. Es ist bezeichnend, dass Frauen immer noch mehr im Haushalt machen. Der Mann ist also am besten geeignet für diese Art von ambivalenter Figur.

Außerdem ist es als Mann einfacher, auf komische Art zu scheitern. Männern wird mehr zugestanden, sie können großspurig scheitern. Frauen müssen ihren Weg gehen – wenn sie scheitern, ist das tragisch.

Warum ist das deiner Meinung nach so?

Weil die Frau immer als die Mutter gesehen wird. Wenn sie als Mutter scheitert, ist das tragisch für die Kinder. Wenn der Vater scheitert, gibt es für die Kinder noch die Chance, dass die Mutter gut für sie sorgt. Natürlich gibt es auch Fälle, in denen die Frau schwach ist und die Männer einspringen müssen, aber das sind eher die Ausnahmen.

Dein Blick auf die Menschen ist erst einmal desillusionierend, aber nicht verurteilend. Gehst du so an deine Figuren heran – mit kaltem Blick und Menschenliebe?

So kann man das nennen. Ich muss auf jeden Fall genau sein und darf nichts beschönigen. Gerade wenn man präzise auf einen Menschen blickt, kann man verzeihend sein. Wie man auch mit sich selbst umgehen sollte, so gehe ich mit den Figuren um.

Wie blickst du auf Alexander?

Er ist kein schlechter Mensch. Er ist liebevoll und der Familie zugeneigter als Imke. Er kümmert sich um die Großmutter und hat ein warmes Verhältnis zur Schwester. Er sucht eben nach Orientierung. Sein Problem ist eher, dass er zu wenig Einstellung hat.

 

„In der Schnelligkeit liegt der Teufel, dadurch ist der Blick auf die Welt oberflächlicher“

 

Was andeutungsweise mit einer Grundverunsicherung einhergeht, weil er adoptiert ist. War das eine bewusste Entscheidung von dir?

Ja, schon. Als Komposition in der Familie. Es gibt keine Familie, in der alle Kinder gleich behandelt werden. Aber bei einem Adoptivkind kommt es insofern zu Problemen, als es sich einbilden kann, dass es zurückgesetzt wird. Im Roman wird auch immer wieder angedeutet, dass Alexander dunkler ist, dass er eventuell migrantische Wurzeln hat. Er kann auch als Abbild der Gesellschaft für migrantische Kinder gesehen werden, die nie als ganz angenommen gesehen werden. Das ist ein gesellschaftliches Problem, wie damit umgegangen wird, wenn jemand nicht zu 100 Prozent dazu passt. Bei der Polizei findet Alexander Zugehörigkeit.

Macht die Unübersichtlichkeit dir auch zu schaffen?

Es macht mich fertig. Vor allem die Schnelligkeit der Nachrichten überfordert mich, gerade weil ich genau hinsehen und die Zusammenhänge verstehen will. Man muss aushalten, dass in dem, was man ablehnt, auch richtige und gute Anteile enthalten sein können. Und zugleich muss man immer die eigene Einstellung hinterfragen, weil man in seiner eigenen politischen Position immer auch selbstgefällig ist. Das ist eine große Arbeit, die die Medien nicht leisten könnten. In der Schnelligkeit liegt der Teufel, dadurch ist der Blick auf die Welt oberflächlicher. Die Zersplitterung führt auch zur Handlungsunfähigkeit. Aber auch im Zweifel muss man sich für eine Handlung entscheiden, sonst kann man nicht politisch aktiv sein.

Was glaubst du, wie man in 100 Jahren mit dem Segen der Spätgeborenen auf unsere verunsicherte Gesellschaft blickt?

Ich lese gerade die großen Gesellschaftsromane von Balzac, darin kann man sehen, wie die Menschen im 19. Jahrhundert lebten und dachten. Und wenn man Jane Austen liest und sieht, wie die Menschen in ihren Romanen miteinander umgehen – das sind die gleichen Peinlichkeiten wie heute. Austen ist so originell, weil man zwischendurch vergisst, dass ihre Romane in einer anderen Zeit und Gesellschaftsschicht spielen. Ich glaube, was im Menschen gleich bleibt, sind seine Schwächen. Die sind universell, auch wenn es regionale und zeithistorische Färbungen gibt.

Katrin Seddig: „Sicherheitszone“, Rowohlt Berlin, 464 Seiten
Autorenlesung am 5.9. in der Bücherhalle Elbvororte, 19 Uhr


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Mala: „Es ist doch cool, anders zu sein“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Mala begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Wenn mich jemand fragt, wo ich herkomme, sag ich, ich bin zugezogen. Aus Niedersachsen. Und dann kommt oft sowas wie: ‘Nee, ich meine das andere.’ Das andere – also meine Wurzeln. Meistens stört mich die Frage nicht. Gleichwohl gibt es Situationen, in denen nehme ich das durchaus als rassistisch wahr. Aber verbal bekomme ich Rassismus echt selten ab. Wenn, dann sind es Blicke, aber auch das kann ich ab. Dabei sage ich mir dann einfach, ich kann stolz auf meine Wurzeln sein. Mein Papa kommt aus Nigeria, meine Mama aus Deutschland. Es ist doch cool, anders zu sein – nicht nur äußerlich.

Ich weiß nicht, ob ich früher auch so gedacht hätte. Dass ich Dinge so akzeptiere, wie sie sind, Situationen annehme und zufrieden bin, ist glaube ich das Beste, was ich in letzter Zeit gelernt habe. Ich bin happy mit allem, was gerade so ist. Ich arbeite in einer Bar, fange wohl bald an zu studieren und hänge viel in der Schanze ab. Das ist für mich irgendwie die absolute Harmonie zurzeit.

Wahrscheinlich habe ich in Australien gelernt, so zu denken. Jetzt denkst du dir wieder: Toll, sie war in Australien – wie es alle waren. Aber fahr da ruhig mal hin. Es hat schon seine Gründe, warum so viele dort hinwollen. Es ist einfach geil. Ein komplett anderes Leben. Aber gut, hier in der Schanze ist es auch toll.“


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Walter: „Ey, ihr Ärsche, meldet euch mal bei eurem Papa!“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Walter begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Meine Söhne sind 20 und 22. Erst gestern habe ich mit ihrer Mutter telefoniert, wir leben getrennt. Und während wir so gequatscht haben, dachte ich: Wir haben echt vieles richtig gemacht. Die Zwei sind völlig normale Jungs, nicht hochintelligent, der eine hat ein sauschlechtes Abi gemacht, der andere hat die Schule nach der Mittleren Reife abgebrochen, zwei faule Socken, beide Raucher, aber absolut gerade Typen.

Der Ältere macht eine Ausbildung zum Elektroniker und der Jüngere beginnt demnächst eine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger. Sie bauen sich gerade ihr Fundament, haben Freunde, leben ihr leben und niemand würde die beiden für irgendeine krumme Geschichte rumkriegen. Da darf man als Vater schon mal stolz sein. Auch, wenn ich ihnen das nie zeige.

Als ich in ihrem Alter war, habe ich mich kaum bei meinen Eltern gemeldet. Heute rüge ich das, dann sag ich den beiden immer: Ey, ihr Ärsche, meldet euch mal bei eurem Papa. Darin sehe ich den Auftrag, den ich jetzt noch als Vater habe: Da zu sein und interessiert an ihrem Leben teilzuhaben. Wo es entlang geht, entscheiden sie selber.

 

Das Leben ist aufregend

 

Manchmal denke ich, ich hätte nochmal Bock auf Kinder. Blöderweise habe ich mich sterilisieren lassen. Andererseits ist es auch nicht so leicht in meinem Alter nochmal eine junge Frau zu finden. So werde ich wohl warten müssen bis die Enkelkinder kommen. Aber ich will mich auch nicht beschweren.

Das Leben ist aufregend, sag ich dir. Irgendwann kommst du in ein Alter, da fängst du an zu überlegen, ob du überhaupt noch einen Apfelbaum pflanzen kannst oder ob es vorher schon zu Ende ist. Mit 40 denkst du: Oh, das war schon die Hälfte. Mit 50 denkst du: Na hoffentlich war das wirklich die Hälfte. Mit 60 denkst du: Scheiße, das ist alles andere als die Hälfte. Ein guter Freund von mir hat immer gesagt: Da, wo die Angst ist, geht’s entlang. Vielleicht ist da mehr dran, als ich immer dachte.“


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Johanna: „Kein Gefühl bleibt für immer“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Johanna begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Kinder haben keine Maske auf, sie sind offen und ehrlich, du bekommst direkte Rückmeldungen. Und oft passieren Dinge, die dein Herz so sehr erwärmen. Neulich hat ein kleines Mädchen ein Bild gemalt, auf dem nur ein Himmel und eine Wiese zu sehen waren, dazwischen war nichts. Ich habe sie gefragt, ob sie etwas zu dem Bild erzählen möchte und dann meinte sie: ,Ja, ich habe ein Menschenleben gemalt.‘ Das fand ich so krass, so wunderschön.

Ich bin Erzieherin, weil ich manches anders machen will, als ich es erlebt habe. Auch wenn ich den Begriff schwierig finde. Wer bin ich, dass ich jemanden erziehen, einem Kind zeigen kann, wo es langgeht. Es geht vielmehr darum, die Welt gemeinsam zu entdecken. Ich glaube, Erwachsene haben bloß einen Erfahrungsvorsprung und begleiten Kinder bei ihrer Entwicklung. Dabei sind Kinder ihre eigenen Konstrukteure.

 

Unter Druck

 

Als ich Kind war, habe ich immer wieder autoritäre Systeme erlebt, vor allem in den Bildungseinrichtungen, was auch dazu beigetragen hat, dass ich mich viel unter Druck gesetzt habe. Daher will ich den Kindern beim Großwerden helfen, wie ich es auch lieber erfahren hätte. Indem ich eher auf ihre Individualität acht gebe. Heißt, sie sollen wirklich das machen, was sie interessiert.

Um das für mich herauszufinden, was ich eigentlich möchte, bin ich viele Wege gegangen. Ich bin häufig umgezogen und immer, wenn ich woanders hingezogen bin, dachte ich: Dort wartet das Glück auf mich. Heute bin ich reflektierter und glaube, das Glück immer mal wieder gefunden zu haben. Du musst ihm eben auch einen Stuhl hinstellen. Und irgendwann passt man seine Erwartungen auch an. Dann weiß man, dass bestimmte Dinge so nicht mehr passieren werden. Es gab Zeiten, da habe ich mich sehr einsam gefühlt. Momentan ist das anders und vieles fühlt sich sehr gut an.

Zuletzt habe ich in einer stationären Jugendhilfe gearbeitet und da wird man sehr demütig und dankbar, was das eigene Leben anbelangt. Man erfährt, dass es Kindern wirklich schlecht gehen kann. Was ich denen immer gesagt habe, ist, dass kein Gefühl für immer bleibt. Teilweise ist das eine traurige Erkenntnis, manchmal ist es aber auch sehr erleichternd, das zu wissen.“


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Kristina: „Es war ein langer Abschied“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Kristina begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Ich habe gelernt, dass es aus jeder Lebenssituation etwas Positives zu ziehen gibt. Auch, wenn sie noch so blöd erscheint. Vor acht Wochen ist mein Mann an Krebs gestorben. Neben dem Verlust ist das für meine zwei Kinder und mich auch mit finanziellen Sorgen verbunden. Können wir unseren Lebensstandard so halten, wie wir es gewohnt waren? Was geht noch? Was geht nicht mehr? Das alles bringt Veränderungen mit sich, die aber nicht zwingend schlecht sein müssen.

Wir wussten seit zwei Jahren, dass er krank ist. Demnach war es ein langer Abschied, auf den wir uns vorbereiten konnten. Dann kam auch noch Corona, was vor allem für meine Kinder nicht ganz leicht war. Mein Sohn studiert in Regensburg, meine Tochter hat letztes Jahr Abi gemacht. Für beide steht das Jahr quasi auf Stand-by.

 

Im Hier und Jetzt

 

Und dennoch gibt es nach wie vor wunderschöne Tage. Vor allem die mit unserem Pferd. Meine Tochter hatte vor Jahren schon den Wunsch, ein Pferd zu haben und war da sehr penetrant. Wir hatten immer gehofft, dass das irgendwann abklingt, weil ich aus meiner Jugend wusste, wie viel Geld und Zeit ein solches Tier bedeutet.

Als wir uns dann eins angeschaut haben, war ich sofort Feuer und Flamme. Im Nachhinein die beste Entscheidung. Ein Pferd zu besitzen bedeutet unheimlich viel Ausgleich, Liebe und Zeit in der Natur. Pferde sind im Hier und Jetzt, man bekommt in ihrer Anwesenheit den Kopf frei.  Wie jeder so seins hat, haben wir unser Pferd. Und es hat uns durch die schwierigen letzten Monate gebracht.“


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Laura: „Darf ich dir etwas vorlesen?“

„Ich habe noch keinen Plan, wie es weitergeht. Schule war für mich wie ein Gefängnis, zum Glück habe ich das seit letztem Jahr hinter mir. Manchmal habe ich das Gefühl, ich habe jetzt erst richtig leben können. Dann kam plötzlich Corona und ich habe gemerkt, wie schnell ich in letzter Zeit gelebt habe. Es war auf eine Weise verstörend, mich der Situation anzupassen und dem Gefühl des Alleinseins zu stellen.

Auf der anderen Seite hatte ich aber plötzlich viel Zeit darüber nachzudenken, was ich eigentlich machen will. Und ich glaube, ich will weg aus Hamburg, mal etwas Neues kennenlernen. Ich bin vor neun Jahren mit meiner Familie aus Polen hergezogen. Meine Eltern hängen noch sehr an Polen, die schauen immer noch polnische Nachrichten und Wetterberichte. Dann analysieren sie anhand der Windrichtung, wie das Wetter in Hamburg wird. Ich vermisse es nicht mehr so sehr wie sie.

Zurzeit habe ich zwei Jobs, weil ich zu Hause ausziehen will. Einen bei Edeka, was irgendwie ganz witzig ist, weil die Kinder, als ich damals nach Deutschland gekommen bin, immer gesagt haben: ,Geh doch zu Edeka klauen‘ und jetzt, na ja, sitze ich da an der Kasse. Diese Sprüche verletzen mich nicht großartig, weil es ja immer die gleichen sind. Ich komme aus Polen, also klaue ich – ein solches Klischeedenken ist ja nicht mal lustig, viel eher ist das der Ursprung von Rassismus. Aber da trifft es andere deutlich schlimmer als mich. Verstehen tue ich es trotzdem nicht.

Das Zeichnen hilft mir dabei, Dinge zu begreifen und meine Gefühle auszudrücken. Kennst du Jean-Michel Basquiat? Seine Bilder sind voller Angst und Traurigkeit, paradoxerweise aber auch voller Harmonie. Und seine Arbeiten sind so toll. Da denke ich manchmal, vielleicht muss erst eine Angst entstehen, damit etwas Tolles daraus hervorgeht. Seit Kurzem schreibe ich auch viel mehr. Ich bin nämlich jemand, der viel erzählt und im Nachhinein merke ich manchmal, dass ich einige Dinge gar nicht sagen wollte. Jetzt habe ich verstanden, dass ich vieles ja auch aufschreiben kann. Denn, wenn man es sagt, dann ist es fest und bleibt in den Köpfen. Schreibe ich es aber auf, ist der Gedanke bei mir, ich kann noch mal drüber schauen, etwas verändern und die Idee vielleicht nutzen. Darf ich dir etwas von mir vorlesen?“

/ Max Nölke

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Christian: „Sie verstehen es nicht, wie man sich als Mann schminken kann“

„Ich nenne mich selbst eine Teilzeit-Transe. Fanny Fantastic ist mittlerweile keine Rolle mehr für mich. Sie ist ein Teil meiner Persönlichkeit, eine andere Seite von Christian. Daher besteht nicht die Gefahr, mich darin zu verlieren. Christian ist Fanny und Fanny ist Christian.

Das können viele nicht verstehen. Sie kommen mit der Lebensidee nicht klar, dass man sich als Mann, der fest im Leben steht, am Wochenende eine Perücke aufsetzt und sich schminkt. Auch meine Eltern waren anfangs skeptisch, heute sind sie stolz, auf das, was ich als Dragqueen erreicht habe. Es muss nicht jeder verstehen, aber für mich ist es mein Leben geworden, wochenends im Fummel durch die Welt zu laufen.

Angefangen hat das Ganze vor zehn Jahren an der Schauspielschule. Damals brauchten wir für ein Stück noch ein drittes Mädchen, da sagte der Regisseur: ,Christian, du hast das androgynste Gesicht. Wir schminken dich jetzt.‘ Ich habe die Rolle geliebt, es hat sich sofort richtig angefühlt. Später habe ich die Ausbildung abgeschlossen und die weibliche Rolle weiterverfolgt. Irgendwann ist Olivia Jones dann auf mich aufmerksam geworden und mittlerweile laufe ich Kieztouren, trete mehrmals die Woche auf und kann mich damit finanzieren.

Und ich bin noch lange nicht am Ende. Ich will mein Leben lang in der Travestieszene arbeiten. Mein großes Vorbild ist France Delon, eine Art Mentorin für mich. Sie ist eine Künstlerin, die schon in den Siebzigern aufgetreten ist. Heute ist der Mann, der sie spielt, 68 Jahre als und steht noch immer auf der Bühne. Da will ich auch irgendwann hin. In High Heels Richtung Rente.“

/ Max Nölke

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Jürgen: „Irgendwann sterben sie“

„Man darf es ja gar nicht sagen, aber zu Zeiten der ganzen Beschränkungen fand ich Hamburg so schön wie nie zuvor. Die leeren Straßen, die geschlossenen Cafés, die Ruhe in der Stadt – das war besonders und habe ich noch nicht erlebt. Und ich bin immerhin seit 40 Jahren als Postbote unterwegs. Da lebt man im Stress, im Wirrsal: Straße rauf, Straße runter, Treppe hoch, Treppe runter, durch die Menschenmassen hindurch, an den Autos vorbei. Alles war wie weggefegt.

Schon meine Mutter war bei der Post, in den Siebzigern bin ich bei ihr mitgelaufen. Als Kind habe ich es im Postamt geliebt. Wir haben dort Fußball gespielt und alles war voller Briefmarken. Da war für mich schnell klar: Ich will auch zur Post. 1981 hatte ich dann meinen ersten Tag. Man, war ich aufgeregt. Ich habe ewig gebraucht, wusste überhaupt nicht, wo ich entlang musste.

Heute ist es der beste Job der Welt. Sobald ich aus dem Postamt herauskomme, kann ich den Tag so gestalten, wie ich will. Ich laufe am Tag um die zehn Kilometer durch die Gegend, bin immer an der frischen Luft, ob Regen, Sturm, Wind – du lebst mit dem Wetter. Und dabei treffe ich Leute, denen ich seit den Achtzigern ihre Post bringe. Dann sterben sie irgendwann und es kommen Jüngere nach. Es gibt nie Stillstand. Auch die Stadt und die Architektur verändern sich. Nur ich laufe unentwegt mit meiner Karre durch das Viertel. Wie in den Achtzigern. Auch wenn die Knochen langsam wehtun.“

/ Max Nölke

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Monique: „Sie haben meine Geschichte schon im Kopf“

„Der Rassismus in Deutschland wird sehr viel offener ausgetragen, als in Großbritannien, wo ich herkomme. Und versteh mich nicht falsch, auch dort sind viele Menschen rassistisch. Hier in Deutschland ist das alles aber direkter. Ich bin in London geboren, meine Mutter ebenso. Da fühlt es sich scheiße an, wenn die Leute mich hier fragen, wo genau aus Afrika ich herkomme.

Es sind viele kleine Dinge, aber sie haben eine große Wirkung. Wenn ich bei einer Wohnungsbesichtigung bin, ist das Interesse in der Regel nicht sonderlich groß für mich. Erzähle ich dann aber, dass ich im Musical ,,Der König der Löwen“ mitspiele, bin ich für den Makler plötzlich interessant. Wenn ich mit meinem Freund, der deutsch ist, zusammen bin, sprechen die Leute häufig mit ihm, ich stehe daneben und werde nicht beachtet.

Dabei glaube ich, dass ich an sich eine sehr nette Person bin, aber viele geben mir überhaupt nicht den Moment, das zu beweisen. Sie wollen meine Geschichte nicht hören, sondern haben sie schon im Kopf. Wahrscheinlich denken einige auch, was sie denken wollen. Dabei gibt es natürlich genug Menschen, die nicht rassistisch sind. Manchmal muss ich mich selbst aber daran erinnern.

Dass 14.000 Menschen in Hamburg auf die Straße gehen und für Black Lives Matter einstehen, stimmt mich hoffnungsvoll. Zwar wird Rassismus dadurch nicht verschwinden, aber die ganze Welt hat es jetzt gesehen. Und auch wenn es nur für einen Moment war, vielleicht kann dieser Moment eine neue Ära einläuten. Eine, in der die Menschen verstehen, dass wir zusammenstehen müssen.

Wenn ich Probleme mit meiner Hautfarbe und den ganzen Vorurteilen, die da mitschwingen, habe, denke ich mir oft: Vielleicht müssen wir uns bloß einen Moment nehmen und die Geschichte des anderen hören. Denn jederhat eine Geschichte, die erzählt werden sollte.“

/ Max Nölke

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Grzegorz: „Und dann lebe ich wieder“

“Meine Geschichte in Deutschland beginnt mit einer Familienzusammenführung 1989. Ich war damals 24 Jahre alt und es war alles andere als einfach sich anzupassen. Die Mauer war gefallen und vieles war durcheinander, weil damals eine ganze Welle von Einwanderern nach Deutschland kam. Was die Menschen seinerzeit wie heute beschäftigt, ist häufig die Angst, die Ungewissheit, vielleicht auch eine fehlende Vorstellungskraft.

Ich hatte früh schon Ziele und konnte dadurch schnell in diesem Land Fuß fassen. Nicht zum letzten Mal in meinem Leben dank der Musik. Schon als kleiner Junge habe ich in Polen angefangen zu trommeln, dann Musik am Konservatorium studiert und am Musiktheater im polnischen Gleiwitz im Orchester gespielt. Als ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich in einer Big Band in Wuppertal angefangen. So konnte ich meinen Anker setzen.

Die zweite große Leidenschaft, die sich wie ein Band durch mein Leben zieht, ist die Kunst, in erster Linie das Fotografieren. Ich liebe es, Menschen zu fotografieren. Du kannst zu jedem Menschen eine Geschichte erzählen. Na klar, Vögel und Natur sind auch schön, aber das menschliche Spektrum ist ein Wahnsinn. Jede Situation, jeder Moment von Menschen ist eine Geschichte, die es festzuhalten gilt. Ich weiß wirklich nicht, ob ich derjenige wäre, der ich heute bin, wenn ich die Musik und die Kunst nicht gehabt hätte. Wenn ich traurig bin, setze ich mich nicht vor den Fernseher, nein, ich höre Musik oder gehe in eine Vernissage, gucke, höre, tausche mich aus – und dann lebe ich wieder.”

/ Max Nölke 


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